Corona 61: Atemnöte

Ein Hörfilm über das Atmen in Zeiten von Corona. Das Klangmaterial besteht aus verfremdeten Hustengeräuschen. Texte: Anne Peiter und Wolfram Ette. Als reines Hörstück beim Club Solitaer e.V. abrufbar unter der Nummer +49 371 67604694, Stichwort „Hörspiel“.

Corona 60: Positiv

Nach der raschen Verbreitung der Seuche im Landkreis Gütersloh wird nun darüber nachgedacht, den Einwohnern dieses Landkreises die »Ausreise« in andere Bundesländer nur dann zu gestatten, wenn Sie einen »negativen« Sars-Covid-2-Test vorweisen können. Man wundert sich. Als Kind und noch manchmal als Heranwachsender habe ich nicht verstanden, warum der »negative« Ausgang eines medizinischen Test für die Beteiligten »positiv«, und umgekehrt: warum ein »positiver« Test nicht bloß »negativ«, sondern schlimm und möglicherweise sogar verheerend war. Ein positives Ergebnis etwa bei der Krebsvorsorge war die Katastrophe, die Bedrohung eines gesamten Lebens.

Hier ist es aber doch nun mal endlich so, wie es das Kind sich vorgestellt hat. »Negativ« ist »negativ« und »positiv« ist »positiv«. Negativ ist negativ, weil jeder Mensch, der die Krankheit nicht hat, sie noch bekommen könnte. Und positiv ist positiv, weil es bedeutet, dass der Mensch dann, wenn er die Krankheit überstanden hat, sich nach dem, was wir momentan wissen, weder damit anstecken noch sie weitergeben wird. Ob freilich auf Dauer oder nur für eine gewisse Zeit, ist noch nicht bekannt.

Aber dennoch Eigentlich müsste die Anordnung also lauten, das nur »positiv« getestete Bewohner des Landkreises Gütersloh diesen verlassen dürfen. Jeder »negativ« getestete dagegen, dessen Test auch nur mehr als einen Tag zurückliegt, dürfte den Landkreis eigentlich nicht verlassen, denn sie oder er könnte sich ja in der Zwischenzeit bereits angesteckt haben und zum Infektionsträger geworden sein.

Warum also diese offenkundige Verkehrung dessen, was einem der gesunde Menschenverstand und in diesem Fall sogar das kindliche Sprachgefühl sagt? Es hat sich unversehens ein Misstrauen gegen die Art und Weise eingenistet, in der Krankheiten natürlicherweise überstanden werden, nämlich durch Ausbildung von Immunität. Ich will damit nicht sagen, dass man Corona sich einfach hätte verbreiten lassen sollen. Das, was geschieht, wenn man zu wenig unternimmt oder zu spät handelt, sieht man an den USA oder Brasilien. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte man gar nichts unternommen. Dennoch ist jede/r, die oder der sich in den letzten Monaten, in denen es schwierig war (und sein sollte), sich zu infizieren, mit Corona angesteckt hat, ein Gewinn: universell einsetzbar und ihr Leben ist keinerlei Beschränkungen unterworfen. Sie sind das, was der Unterdrückung des Infektionsgeschehens durch die Maschen schlüpfte und gerade deswegen die Elite.

Will man das verhindern? Will man die Zweiteilung der Menschheit in eine Pandemie-Elite, die im Prinzip tun und lassen könnte, was sie will und einen Rest, der den wechselnden und der jeweiligen Infektionssituation angepassten Bedingungen des Lockdowns unterworfen wäre, verhindern? Befürchtet man soziale Verwerfungen? Gezielte Versuche, sich anzustecken, um den Einschränkungen zu entkommen? Illegale Partys, wo sich die Jungen und Schönen der Nation, die wenig zu befürchten haben, systematisch immunisieren? Nachvollziehbar. Aber ist es die einzige Lösung des Problems, auch diejenigen den Beschränkungen zu unterwerfen, bei denen keinen Grund dazu besteht?

All das dürfte die Diskussionen der politischen Entscheidungsträger in den letzten Monaten beeinflusst haben. Es scheint mir aber noch nicht das ganze Problem zu beschreiben. Wie eh und je geht es um Naturbeherrschung. Die Krankheit kriegen und sie einfach auskurieren: das ist irgendwie nicht richtig, nicht fair. Sich der Natur statt dem momentan durchregierenden Verbund aus Wissenschaft und Politik anzuvertrauen – und sei es auch unbeabsichtigt – , ist undiszipliniert und fast schon ein Akt der Insubordination. Der Erreger, so lautet die stille Botschaft, gehört in die Hand derjenigen, die ihn ausschließen und verhindern, er gehört in die Labore und nicht in die der Natur, die ihre Arrangements trifft. Es sind teure Arrangements, denn es sterben Menschen, viel mehr Menschen als durch die Verhinderungsstrategie von Politik und Wissenschaft.

Ich bin nicht daran interessiert, mich hier für das eine oder das andere zu entscheiden. Der empfindliche Punkt scheint mir vor allem in der mangelnden Wertschätzung zu liegen, die den Glücklichen entgegengebracht wird, die sich nolens volens infiziert und die Krankheit überstanden haben. Es geht um die Einsicht, dass die natürliche Immunisierung ein »positiver«, ziemlich präzise arbeitender, hochwirksamer Prozess ist, zu dem sich die medizinische Forschung in ein anerkennendes und partnerschaftliches Verhältnis setzen sollte. Es geht um das Bündnis mit der Natur anstatt um ihre Unterwerfung.

Viele Bekannte von mir dachten, sie hätten Corona gehabt. Dann haben sie sich irgendwann einen Antikörpertest besorgt. Ausnahmslos negativ. Sie waren alle bestürzt darüber; und ich bin es auch, da ich nun niemanden mehr kenne, der diese Krankheit gehabt und überstanden hat. Irgendwie würde mich das beruhigen, es wäre »positiv«.

Wolfram Ette

Corona 59: Schon wieder Zahlen

In Deutschland gibt es seit gestern 503 neue bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus. Das teilte das Robert Koch-Institut mit. Damit haben sich seit Beginn der Coronakrise 190.862 Menschen nachweislich mit dem Virus angesteckt. 8.895 infizierte Menschen starben; das sind zehn mehr als gestern. Etwa 175.700 Personen haben die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden. Damit gibt es derzeit rechnerisch rund 6.300 aktive Fälle in Deutschland.

Damit wurden die 8-Uhr-Morgennachrichten des Deutschlandfunks am 23. Juni 2020 beendet. Vom ersten auf den letzten Platz. In dem Maße aber, indem das einst Sensationelle zur Pflichtveranstaltung abstieg, deren sich der Sender zu entledigen hat, weil ein Problem auch dann nicht ausgestanden ist, wenn keiner mehr Lust darauf hat, werden die sprachlichen Kautelen auffällig. Die Neuinfektionen seien „bestätigt“, heißt es: was sonst? „190.862“ Menschen hätten sich „nachweislich“ angesteckt: gewiss; wie käme man sonst auf eine solche Zahl? Warum dieser Kies, warum diese Angaben Tag für Tag, die man sich schenken kann, weil sie sich von selbst verstehen?

Etwas ungenauer wird es dann im Folgenden, wenn es um die Zahl derer geht, die Corona auskuriert haben sollen; sie beruhe auf „Schätzungen“, heißt es, weil es offenbar nicht möglich war, den Krankheitsverlauf jedes einzelnen Falls nachzuverfolgen. Sicher zählbar sind halt nur die Toten. Wenn man die Zahlen addiert, erhält man 190.895, also nicht „rund“, sondern genau 33 mehr als die Zahl der bestätigten Fälle, was ja auch bestätigt, dass es sich bei den RKI-Schätzungen“ um ziemlich genaue Schätzungen handelt, die sagen, dass das RKI zwar nicht allwissend sei, aber der Wirklichkeit doch recht nahe kommt.

In Wahrheit ist das Ganze, so kurz und gedrängt es daherkommt, ein einziger rhetorischer Verhau, ein quasi kultischer Abwehrzauber, der die wissenschaftliche Beherrschung der Welt durch Zahlen suggerieren soll. Fest steht eigentlich nur das eine: keine einzige dieser Zahlen stimmt in dem Sinne, dass sie die Wirklichkeit abbilden würde. Sicher ist nur, dass sie nicht stimmen. Das zeigen die Kautelen ja auch an. Aber dadurch, dass nicht darüber nachgedacht wird, in welchem Grade z.B. die Zahlen des Robert-Koch-Instituts die Wirklichkeit verfehlen, bleibt alles abstrakt. Also: Liegen die wirklichen Zahlen um den Faktor 2, 20 oder 50 höher als die gemessenen? Das wüsste man gern, wenigstens eine Tendenzaussage müsste sich doch nach mehreren Monaten, die wir uns schon mit dem Virus herumschlagen, machen lassen, oder? Aber man findet darüber nur wenig und in den offiziellen Nachrichten gar nichts.

Deswegen haben die sprachlichen Einschränkungen den umgekehrten Effekt. Das, was sich nach wissenschaftlicher Redlichkeit anhört, die sich demütig vor der Realität als Inbegriff all dessen, was ihr noch zu wissen aufgegeben ist, bescheidet, wird zur Zauberformel, die die Auseinandersetzung mit ihr blockiert und sich dann doch an ihre Stelle setzt. Die Wissenschaft, einstmals Widersacherin der Metaphysik, hat ihre Nachfolge angetreten. Die Zahlen repräsentieren nicht die Wirklichkeit, sondern das, was sie in Wahrheit ist und sein soll. Bestätigt“ und rechnerisch“ sind Leerformeln, die, wenn sie nicht mit Erfahrungsinhalten gefüllt werden, einzig und allein der Konvention genügen und vergessen werden, sobald sie ausgesprochen wurden. Sie bewirken das Gegenteil von dem, wofür sie stehen. Man salviert sich durch sie vom wissenschaftlichen Erkenntnisauftrag, nach der Devise: man müsste dem mal genauer nachgehen. Man müsste auch mal das Klo putzen. Der Wille tritt an die Stelle der Vorstellung.

Dahinter steht vielleicht noch nicht der Wille, aber die Möglichkeit, die Wirklichkeit durch Zahlen zu manipulieren. Wenn man weniger misst, das ist ja klar, sind die Fallzahlen geringer. Wenn man keine repräsentativen Querschnittsstudien anfertigt, aus denen wenigstens ungefähr hervorgehen würde, wie sich die gemessenen zu den wirklichen Fallzahlen verhalten (es gibt diese Studien, aber nur regional); wenn man es schafft, die konkrete Wirklichkeit durch die bis zur Ödnis wiederholten, nur summarischen Hinweise auf sie wegzuillusionieren, dann ist der Weg nicht weit bis zu der Vorstellung, dass sie dem Zahlenwerk entsprechen wird, wie immer man dieses auch einrichte. Wohlgemerkt: es steht da nirgends, nirgends ist es explizit. Aber es ist mitlaufender Effekt der zur Formel geronnenen Begriffe, die durch tausendfache Wiederholung entleert wurden, und die man deswegen nicht mehr hört, ein mechanisches Gemurmel wie das Gebet vorm Schweinebraten. Ich sage damit nicht, dass die Naturwissenschaften manipulativ oder totalitär seien. Ich sage nur, dass es nicht schwer ist, sie an der Schnittstelle zur Öffentlichkeit so umzufunktionieren, dass ihr aufklärerischer Auftrag verraten wird. Ich sage nur, dass es ein Leichtes ist mit der Wahrheit zu lügen: nicht propositional, sondern funktional zu lügen.

Der Unmut der Bevölkerung, der momentan in Städten, in denen man es nicht erwarten würde, aufflackernde Widerstand gegen die Staatsgewalt; das wieder um sich greifende illegale Partywesen; die Massendemonstrationen nach der Tötung George Floyds, die einem tief empfundenen Bedürfnis entsprachen, das erleichtert darüber sein durfte, sich mit dem Kampf für die gute Sache zu verbünden – all das hat auch in dem Unbehagen gegenüber einer Darstellung von Wirklichkeit seinen Grund, die den Inbegriff aller Objektivität in der Zahl erblickt. Es gibt die Sehnsucht nach Körper und Masse, nach all den vorwiegend physischen Erfahrungen die über unser individuelles Dasein hinausgehen und seit Hunderttausenden von Jahren Bestandteil unseres kulturellen Genoms sind. In ‚Masse und Macht‘ hat Elias Canetti diesen unter der Patina der modernen Zivilisation sich weiter regenden Erfahrungsfond beschrieben. Wenn sich diese Sehnsucht mit einem Misstrauen gegenüber all dem verbindet, was einen als Wirklichkeit angeboten wird, liegt das Aufbegehren nahe.

Die Paradoxe liegt freilich darin, dass es sich noch weiter von der Wirklichkeit entfernt als die oben zitierte Radionachricht. Die Zahlen stimmen misstrauisch, Hoffnung und Sehnsucht möchten sie, zum Teil erklärtermaßen, zum Teil implicite, nach unten korrigieren. Wer kennt schon einen Corona-Kranken? Alles ist so unwirklich. Und doch spricht alles alles. Die wirklichen Zahlen müssen höher liegen. Das sagt einem der Menschenverstand. Indem aber auf die Thematisierung dieses Verhältnisses nichts weniger als gedrungen wird, macht sich das Zahlenwerk, das allmorgendlich und allstündlich im Deutschlandfunk präsentiert wird, zum Komplizen all derjenigen, die mit guten oder schlechten Absichten den Menschenverstand beiseite stellen und gerne hätten, dass die Zahlen niedrig seien und sich ein Ende des beschränkten Lebens wünschen. Sie sind es ja schon: Was sind 190.000, ja sogar „190.862“ verglichen mit einer Gesamtbevölkerung von „rund“ 83 Millionen? Fast hören sie die Zahlen wie eine anklagende Litanei an. Was: so wenig? Sogar rechnerisch“ bestätigt? Woher die Aufregung?

Wolfram Ette

Corona 58: Eine Milliarde

Über Verschwörungstheorien III

Was an der Voraussage, der nächste Virus werde eine Milliarde Menschen hinwegraffen, als beobachtenswert erscheint, ist, wie sich Präzision und Unbestimmtheit mischen. Eine Vision von Zukunft wird präsentiert, die glaubt, zu wissen, wie es sein wird: Die Zahl der Toten steht schon fest. Gleichzeitig ist die Zahl ›eine Milliarde‹ jedoch so wunderbar rund – es werden, laut der Voraussage, nicht (sagen wir mal) 960.000.000 Menschen sterben, und auch nicht 1.130.000.000, sondern eben eine Milliarde –, dass die Zahl als Annäherungswert vor einen tritt.

Wenn Prognosen davon leben, dass sie, ausgehend von gegenwärtigen Kenntnissen, Zukünftiges voraussagen, Prophetisch-Apokalyptisches hingegen, aus einer Endzeitgewissheit heraus, davon, dass es Zukunft bald nicht mehr geben wird, dann steckt in der Zahl beides zugleich. Das will zugleich auch heißen: Eine gewissermaßen ›wissenschaftliche‹ Genauigkeit – man vermag die Zahl der bevorstehenden Toten anzugeben – durchmischt sich mit einer ganz und gar metaphorischen Sprechweise: Eine Milliarde Tote durch den nächsten Virus, das ist unvorstellbar und ist so genau auch nicht gemeint.

Also spiegelt die Zahl, psychologisch betrachtet, noch etwas anderes: Wer nicht einfach nur sagt, der nächste Virus werde noch viel schlimmer sein als der jetzige, sondern die dazu gehörige Zahl gleich mitliefert, gibt sich das Ansehen, genau zu sein, was heißt: Die Person will, dass man ihr Glauben schenkt. Zugleich will sie aber durch den metaphorischen Anteil ihrer Rede auch über alle Grenzen hinaus den anderen (und sich selbst) erschrecken, d.h. als Prophet des Entsetzlichsten sich selbst zur Würde verhelfen. Die erste Haltung bedeutet also eine Unterwerfung unter das Zahlen-Regime, das gerade jetzt, wo Statistiken in der Berichterstattung breiten Raum einnehmen, so einflussreich ist. Die zweite Haltung hingegen macht sich ganz von den Zahlen los, indem sie sozusagen mit dem Zählen – nämlich der Eins – ganz von Neuem beginnt. (Dass dann an der Eins noch einige Nullen hängen, ist dabei ganz nebensächlich.)

Warum aber nun diese Schrecklust, die doch augenscheinlich aus dem Gefühl heraus geboren ist, selbst eine Null zu sein (denn sonst würde man diese nicht mit dieser Abfälligkeit behandeln, ja überhaupt erst gar nicht auf der Voraussagbarkeit bestehen)?
Offenbar wird psychologisch durch den Hinweis auf ›eine Milliarde Tote‹ ein Gewinn eingefahren. Das eigene Kind steht dabei, hin- und hergerissen zwischen Sorglosigkeit und Sorge im Übermaß, ungeheure Freiheiten genießend und zugleich unter der Gewissheit sich duckend, dass es bald ganz und gar vorbei sein wird. Die Mutter also wird zu einer gottähnlichen Instanz, unverständlich-widersprüchlich, mal schützend, mal mit einem mysteriösen Tode drohend, in ihrer Schwäche menschlich und dann doch wieder durch das scheinbare Konstatieren bezüglich des Kommenden von schneidender Kälte.

Vielleicht ist es also der Akt der Kommunikation, der im Vordergrund steht: Man will den anderen – hier das Kind – dem Wechsel der Gefühle aussetzen, dem man selbst unterliegt. Man fügt dem anderen Zukunft zu, so wie einem selbst vielleicht in der Vergangenheit etwas zugefügt worden ist. In der Gegenwart gibt man sich jedoch ganz sorglos. Aber die Sorglosigkeit ist eingespannt zwischen große, zermalmende Mächte. Irgendeiner Sache in der Vergangenheit ist man entkommen, doch in der Zukunft wird das anders sein. Es ist, als reduziere sich die Zeit, über die man noch verfügt, auf diesen kleinen Ausschnitt jetzt und hier.

Das Sich-hinweg-Setzen über die Regeln der Ausgangssperre ist so sorglos also doch nicht. Vielmehr vermittelt es den Eindruck, als solle da schon einmal eine Welt abgeschritten werden, in der man niemanden mehr trifft. Mutter und Sohn sind bereits allein auf der Welt. Diese hat sich geleert, so wie es beim nächsten Virus tatsächlich (und zwar in noch größerem Maßstab) geschehen werde. Der Gang in die Berge, vielmehr: der Aufstieg in sie, nach oben, wirkt, als wolle man sich erheben über das Schicksal der Allgemeinheit, der Gemeinen, die als kommende Tote schon feststehen.

Demnach ist auch etwas extrem Gewalttätiges, Gewaltbereites in dieser Haltung. Eigentlich steckt in der Voraussage, eine Milliarde Menschen werde sterben, die Gewissheit, dass man von so einer abstrakten Zahl selbst nicht betroffen sein wird. Man prophezeit’s den anderen, um selbst am Leben zu bleiben, vielleicht sogar das gegenwärtige Leben zu steigern, ihm eine Spannung zu verleihen, die es durch Alltäglichkeiten und Routinen verloren hat. Aber das Ungewöhnliche besteht eben darin, dass man den Blick über die anderen streifen lässt und sich, mit der Zahl im Hinterkopf, bei jedem siebten Menschen sagen kann: »Und der… und der… und der auch!« Ein Abzählspiel, in dem man schon mal den Tod zuweist. Es werden Menschen davonkommen, aber ein Siebtel eben wird sterben.

Ein Siebtel – das ist keine runde Zahl. Aber es enthält die Idee, wir seien ›zu viele‹, die Menschheit müsse schrumpfen, das Ziel sei ein eugenisch-demographisches, festgelegt durch unbestimmte Mächte. Ein Siebtel – das ist zugleich eine Märchenzahl, nicht aufgeladen wie die ›Drei‹ mit ihren Anklängen an die Dreieinigkeit, auch nicht der Zwölf gleichend mit ihren Jüngern. Eher eine sperrige Zahl, ungrade, die sich da ins Verhältnis setzt zur Eins.

Aber in gewisser Weise ist auch gar nicht wichtig, ob man jetzt von der Sieben spricht oder von einer anderen Zahl. Entscheidend ist – noch einmal – die Überzeugung, wir seien viel zu viele. Zwar wird behauptet, andere dächten, wir seien, demographisch gesprochen, zu viele, doch in Wirklichkeit ist diese Überzeugung Teil des Ichs, das anderen, Unbestimmten die Absicht zuschreibt, ein Siebtel der Menschheit töten zu wollen.

Kommt es zu solchen Phantasien, weil sich das Ich selbst überflüssig, oder, besser noch: überzählig vorkommt? Und erklärt es wiederum andere für überzählig, als Form der Rache für den eigenen Status? Interessant wäre dann, dass diese Rache ganz unpersönliche Formen annimmt. Man rächt sich nicht an dem Partner, der einen verlassen hat, nicht an jemandem, den man persönlich kennt und gegen den man etwas unternehmen möchte. Fast ist es, als wolle man festhalten am Selbstbild, als wolle man die gleiche, sanfte Person bleiben wie zuvor – die Rache muss dann aber gegen alle gehen, gegen alle, doch gegen niemanden persönlich, gegen niemanden direkt.

Die Abstraktion, dass man sich rächt, obwohl man gar nichts Konkretes unternimmt, was irgendwie nach Rache aussehen könnte, wird aufgewogen dadurch, dass die Rache zahlenmäßig im Superlativ daherkommt. Zwar rächt man sich an niemandem, den man kennt, zwar macht man nichts gegen diejenigen, die’s verdient hätten – doch dafür phantasiert man sich in eine Situation hinein, in der die Rache Hekatomben hervorbringt. Das Sanft-Bleiben und Nicht-Agieren fände zu einem Ausgleich durch das schiere Übermaß des Todes, den man ins Zentrum der eigenen Wünsche stellt.

Politisch würde daraus folgen, dass man sich vor sanften Personen besonders vorzusehen hätte. Da rumort etwas, da ist auch ein klischeehaft Weibliches am Werk: Man genießt die tödlichen Aussichten, doch man vermeint, sie nicht herzustellen. Weil man aber – obwohl man nicht viel Geld hat und sich Strafzahlungen eigentlich nicht recht leisten kann – während der Ausgangsperre bewusst wegfährt, alle Regeln umwirft, ist vielleicht irgendwo, unterschwellig, doch der Wunsch da, durch das eigene Verhalten die Krankheit zu befördern. Daher der so offensichtliche Widerspruch, der darin besteht, dass man einerseits sagt, der Virus existiere nicht, andererseits aber behauptet, er sei eigens hergestellt worden. Nichts ist passiert, man hat selbst nicht getötet, doch gern hätte man’s, und noch lieber wäre man Teil der Gruppe der Virenbauer gewesen.

Eine Idee von Gemeinschaft mag im Hintergrund stehen: Wer sich, gemeinsam mit einer verschworenen Elite, daran macht, das Sterben einer Milliarde Menschen ins Werk zu setzen, muss im höchsten Maße eines Erlebnis von Macht teilhaftig werden. Man hat plötzlich die Massen vor sich, unübersehbar in ihrem Ausgeliefertsein.

Dass dieses Element eine Rolle spielt, dafür spricht erneut die Zahl »eine Milliarde«. Denn merkwürdig ist doch, dass die Möglichkeit vom Tisch gewischt wird, dass im Falle eines neuen Virus Gesellschaften eine Gegenwehr versuchen und dadurch die Zahl der Kranken und Neuansteckungen kontrollierbar halten würden. Die Phantasie des Todes, der ein Siebtel der Menschheit betreffen wird, geht aus von einer merkwürdigen Passivität aller Gesellschaften, setzt als gegeben, dass der Plan der Mörder ohne Gegenwehr abläuft und die Zahl daher voraussagbar ist. Wenn man erneut davon ausgeht, dass die Sanftheit die versteckte Form von Tötungslust ist und die Rache in all ihrer Abstraktheit nur die Hemmung verbirgt, vor sich selbst zuzugeben, an wem man sich gern rächen würde, dann ist eigentlich auch das Bild von den passiven Gesellschaften der Zukunft nur das Bild von einem selbst, der nicht zu agieren vermag, der sein Leben nicht mehr in der Hand hat – nur eben in den wenigen Momenten, in denen er in die Berge aufbricht, während alle anderen Zuhause bleiben. Eine Geste des Widerstands hinein in die allgemeine Leere.

Anne Peiter

Corona 57: Das Kaninchen

Über Verschwörungstheorie II

»Ich bin Anhängerin von Verschwörungstheorien!« sagt Mathilde, Querflötenlehrerin an der städtischen Musikschule, als wir uns einige Tage nach Ende des Lockdowns zufällig im Park treffen. Das ist ihr erster Satz, die Antwort auf meine Frage, wie es ihr gehe, wie sie die letzte Zeit erlebt habe. Wir kennen uns seit einigen Jahren, sind uns sympathisch, denn wir blicken ähnlich kritisch auf das Schulsystem, unter dem Joachim, ihr 10jähriger Sohn von jeher leidet. Und noch mehr leidet, so scheint’s, seitdem sein Vater, ein Gitarrenlehrer, eine andere Frau kennen gelernt und sich von Mathilde getrennt hat. Seitdem spielt Joachim nur noch Tennis, mehrere Stunden am Tag, und sieht den Sinn von Schule und Musik gar nicht mehr ein. Mathildes Bruder ist buddhistischer Mönch in Indien, Mathilde und ihr Ex-Mann Christoph würden gern häufiger hinfahren, wenn die Gehälter für Instrumentallehrer nur besser wären.

Und jetzt also dieser Einstieg: Verschwörungstheoretikerin als Identität. Sie baut vor, damit es gar nicht erst zu Missverständnissen komme. Und in der Tat ist ihre Position ganz uneindeutig. Sie sei noch nie so viel herumgekommen wie jetzt, während der Ausgangssperre, sei nie auf Polizei gestoßen, sondern habe ihr Kind immer mit zum Wandern genommen, hinauf in die Berge. Das mit dem Virus sei ein einziger großer Betrug, nichts davon stimme, es gebe ihn gar nicht, den Zahlen sei nicht zu trauen. Ob ich das wüsste? Ich erkläre ihr, dass wir Bekannte in Italien haben und damit Informationen über die dortigen Zustände, unabhängig von der journalistischen Berichterstattung, dass sicher viele Unsicherheiten in Bezug auf die Statistiken bestünden, an der Realität der Probleme, vor denen die Krankenhäuser verschiedener Länder stehen, für mich aber nicht zu zweifeln sei.

Ob die Italiener, von denen ich spreche, alte Leute gewesen seien, Alte, die gestorben seien, will Mathilde wissen. Ich bestätige das, füge hinzu, dass aber auch Erwachsene meines Alters zu den Kranken gehört hätten. Die hätten aber, so sage ich noch, ganz der Wahrheit gemäß, die Krankheit überstanden.

Doch die Konkretheit dessen, was ich aus erster Hand weiß und sozusagen als das Ungefiltertste, was ich anzubieten habe, vorweise, beeindruckt sie wenig. Sie sagt, sie sei in ihrem Leben noch nie geimpft worden, werde sich auch gegen den Virus nicht impfen lassen. Durch eine Nachrichtensendung des französischen Fernsehens habe sie erfahren, dass Wissenschaftler schon an einem neuen Virus arbeiteten. Das nächste Mal werde der Plan klappen. Eine Milliarde Menschen werde sterben. In den 14-Uhr-Nachrichten sei das berichtet worden.

Joachim, der nicht weit von uns sein Kaninchen überwacht, das im Park ein paar Meter ohne Leine laufen darf, mischt sich plötzlich ein : Ob wir dann alle sterben würden? Ich antworte nicht, denn die Aufgabe, ihm die Zukunft zu erklären, kommt, so scheint mir, seiner Mutter zu. So frage ich nur, wie er die Schule erlebt, wie es gewesen sei in den letzten Tagen. Sie hätten sich acht mal am Tag die Hände waschen müssen und richtig spielen sei nicht möglich gewesen, berichtet er. Dann ist er schon wieder hinter seinem Kaninchen her, denn die Mutter findet, es ist jetzt zu weit weg gehoppelt.

Auch ich breche ab, fühle mich im höchsten Grade verwirrt. Natürlich weiß ich, dass Mathildes Ideen jetzt in weiten Kreisen zirkulieren, aber ich habe eben noch nie eine Mathilde getroffen, und schon gar nicht die Mathilde, die ich wirklich kenne und insgesamt in ihrer Blässe, mit ihrer kaum hörbaren, brüchigen Stimme und ihrer großen Sanftheit schätzte. Das ist auch der Grund, warum ich nicht weitere Ideen aus ihr hervorlocke, sondern ihr ehrlich sage, was ich selbst denke. Es ist eine Frage des Respekts ihr gegenüber.

Aber während ich schon meine Abschiedsworte murmele und mich zum Gehen anschicke, ärgere ich mich, dass ich das Gespräch nicht vertieft habe, sie nicht gefragt habe nach dieser Mischung aus reinster Sorglosigkeit und katastrophalsten Zukunftsvisionen. Ich ärgere mich, weil ich hätte versuchen können, zu verstehen, warum sie, die ihren Sohn immer aus der Schule hatte herausnehmen wollen, es nicht tut, jetzt, wo kein Mensch sie zwingt, ihn zu schicken.

Ich weiß nicht recht, warum, aber irgendwie gehören beide Fragen zusammen: Es ist nix los, die Gefahr ist erfunden, aber die echte Gefahr bereitet sich vor. Der Sohn soll freier sein dürfen, aber jetzt schickt man ihn gleich wieder dahin, wo Disziplin im höchsten Maße gefordert wird. Und in gewisser Weise ist ja auch logisch, was sie tut: Da es die Krankheit nicht gibt, kann sich ihr Kind nicht anstecken. Das Kind weiß durch die Mutter, dass es sich nicht anstecken kann, dass es nichts zu fürchten hat, aber in der Schule muss es sich der Forderung unterwerfen, sich acht mal pro Tag die Hände zu waschen. Es durfte in den Bergen herumstiefeln und ganz die Freiheit auskosten, aber jetzt weiß es, dass die Situation, weil die bösen Kräfte versagt haben, das nächste Mal nur schlimmer sein kann.

Schlimmer kann man aber eigentlich ja nicht sagen, denn passiert ist nichts, alles ist Erfindung, und richtig schlimm wird’s erst werden, wenn die Erfinder eines neuen, besseren Virus aus den Fehlern, die sie dieses Mal gemacht haben, gelernt haben werden. Dann wird ein Siebtel der Menschheit sterben. Das Kind hat also seine Mutter hinauf in die Berge begleiten dürfen, der Sorgen der übrigen Gesellschaft enthoben, gleichzeitig aber, so stelle ich mir vor, unter dem Druck stehend, dass ein viel größerer, immenser, gar nicht vorstellbarer Schatten über einer nahen Zukunft liegt. Damit ist das Händewaschen in der Schule dann doch eine Art Training für das Kommende, und die Mutter in ihrer ganzen Sorglosigkeit das genaue Gegenteil von dem, was sie zu sein glaubt: sorgenbehafteter, verängstigter oder – was das Wahrscheinlichste ist – auch fasziniert vom Tod im großen Stil, von dem sie gleichzeitig aber behauptet, er tangiere sie nicht.

Und ich frage mich, wie man wohl zu einer solchen Haltung kommt? Ihr Ex-Mann arbeitet jetzt mehr im Restaurant seiner chinesischen Freundin, das mit dem Gitarrenunterricht klappt nicht so richtig, es gibt nicht viel Arbeit. Die städtische Musikschule, an der sie unterrichtet, hat ein schlechtes Niveau, man braucht Geduld und ein Stück Resignation, um ausgerechnet dort zu sein. Also eine gewisse persönliche Unzufriedenheit als Quelle der Katastrophenlust? Weil Christoph jetzt bei seiner Chinesin im Restaurant arbeitet und nicht mehr ihr Leben teilt? Ausgerechnet eine Chinesin? Wobei man doch immer in andere Welten hatte aufbrechen wollen? Wenn schon nicht auf den Spuren des mönchischen Bruders in Indien, dann doch wenigstens auf einer Insel im Indischen Ozean?

Man lässt das Kaninchen im Park laufen, doch nicht zu weit, man muss es jederzeit wieder einfangen können. Joachim ist fast zwei Monate lang täglich in den Bergen gewesen, doch jetzt muss er sich in der Schule acht mal täglich die Hände waschen. Meine Kinder, die während zweier Monate nicht in den Bergen waren, jetzt aber Zuhause sind, ohne sich die Hände waschen zu müssen, schütteln die Köpfe, als ich ihnen erzähle, was Mathilde glaubt. Ob der Virus für sie nun real sei oder nicht?, wollen sie gleich wissen. Na, beides eben, sage ich, und freue mich, dass sie, als Kinder, sofort gesehen haben, wo der gedankliche Haken liegt.

Mathilde, so sage ich mir, gefällt sich in einer Totalopposition zu den herrschenden Ansichten. Man sieht sich außer- und oberhalb der Lügen-Maschine, man belehrt diejenigen, die ihre Familie in Italien haben, wie es jetzt gerade in Italien sei, man schafft sich Realitäten, um anderen die eigene Unabhängigkeit von der jetzigen unter Beweis zu stellen, und doch ist eine Anerkennung des Virus im Übermaß spürbar : Das nächste Mal wird es eine Milliarde Tote geben, Voraussehbarkeit des Todes und Fatalismus ihm gegenüber sind perfekt. Es gibt den Virus nicht, aber es wird ihn geben. Man weiß das, weil es ihn dieses Mal nicht gibt. Aber es hätte ihn immerhin geben sollen, das ist schon wahr. Die Intention, die gescheitert ist, wird in die Zukunft verschoben, die Überzeugung, man dürfe sich auf keinen Fall impfen lassen, weil man Impfungen ja auch in der Vergangenheit stets zu umgehen wusste, wird in sie, die Zukunft, hinein verlängert, auch wenn es natürlich Unsinn ist, dass sich jetzt Joachim in der Schule dauernd die Hände waschen muss.

Das Kaninchen wird trotzdem wieder eingefangen und kommt, wie ich, die ich mich mit einem Male ganz müde und traurig fühle, aus der Ferne noch sehe, wieder an die Leine.

Anne Peiter

Corona 56: Händewaschen / Logik der Ansteckung

Alexander Kluge, Triptychon Händewaschen

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
© Alexander Kluge, Kairos Film


Unterhalb der sauberen Ordnung der Begriffe, die jedem Ding seinen Platz in der Ordnung des Seins zuweist, unterhalb der klassifikatorische Rationalität, die die Welt vor sich aufreiht wie eine Militärschwadron, gibt es eine zweite Art und Weise, in der die Dinge miteinander zusammenhängen. Es ist eine Logik der physischen Berührung, eine Logik der Ansteckung. Eine poetische Logik, eine Logik des Unbewussten und des Triebs. In den Künsten war sie seit je zuhause. Die freie Assoziation in der psychoanalytischen Therapie war ihre erste wissenschaftliche Bühne: ein ›Irrationales‹, das der Aufklärer Freud in die Vernunft integrieren wollte. Dann das Denken der französischen Postmoderne: es kreist um diese Logik. Deleuzes und Guattaris Wunschmaschinen, das Rhizom, die Jacques Derridas différance als Produktionsprinzip von Differenzen – es sind Formen des Zusammenhangs, die das identifizierende Denken, den begrifflichen Zusammenhang der Phänomene unterwandern und sich von ihm nicht oder nur sehr schwer beherrschen lassen.

Platons Verbannung der Kunst aus seinem Idealstaat hat den Grund, dass sich ihre Wirkung mimetisch und kontagiös verbreitet. Die Affekte, die vor allem durch die Tragödien aufgerührt werden, folgen einer anderen Logik der Weitergabe als Begriffe und Ideen. Aus der Sicht eines Philosophen, der einen rationalen, von oben kommandierten Staat zu entwerfen wünscht, stellt das eine gefährliche Gegenmacht dar.

Als Gegenmacht zur gesellschaftlichen Rationalität sind Epidemien bei Michael Foucault Schlüsselphänomene, an denen das zumeist Unsichtbare zutage tritt. Er nennt das episteme. Das ist die Basisformatierung, man könnte sagen, die Programmiersprache, durch die in bestimmten Epochen Welt geschrieben wird. An ihr lassen sich die Grundprinzipien ablesen, nach denen in einer Gesellschaft Herrschaft ausgeübt wird. Foucault unterscheidet Lepra, Pest und Pocken als drei Stationen solcher Herrschaft. Die Herrschafts-Worte, die sie aufrufen, lauten: Ausschluss, Disziplinierung und Messung. Die Leprakranken wurden ausgeschlossen, vor die Tore der Kommune verbannt; die Pestkranken wurden durch Einschluss diszipliniert; die an Pocken Erkrankten wurden auch isoliert, vor allem aber statistisch erfasst. In dem Prozess geht es nicht um ein Mehr oder Weniger von Kontrolle – das sind geschichtsphilosophische Wertungen, von denen sich der deskriptiv verfahrende Historiker frei halten möchte –, sondern um ihre Verschiebung, die Verlagerung ihres Interesses und ihrer Mittel.

Am Ziel der Kontrolle aber ändert sich nichts. Auch jetzt nicht. Es mag schon sein, dass die Politiker, wenn sie davon geredet haben, dass der Schutz des Menschenlebens an oberster Stelle steht, selbst daran geglaubt haben. Aber es stimmt nicht. Man mag es den Repräsentanten, die ja nicht nur Charaktermasken sind, abnehmen, aber sicher nicht einem Staat, der jeden Monat 250 Verkehrstote in Kauf nimmt und keinerlei Anstrengungen unternimmt, die Zahl von über 30.000 Menschen zu senken, die jedes Jahr in Deutschland an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. Die Maßnahmen, die in den letzten Wochen getroffen wurden, hatten zum Ziel, eine Situation unter Kontrolle zur behalten, die außer Kontrolle zu geraten drohte. Inbegriff dieses Kontrollverlusts war die ›exponentielle‹ Kurve, die anzeigt, dass da was wild vor sich hin wächst und sich der Planung von oben entzieht.

Alexander Kluges Triptychon zum Händewaschen dreht den Spieß um. Umfassende Hygiene soll die Ansteckung, den so gefährlichen Kontakt zwischen Körper und Körper, das mimetische Wuchern zweiten Lebens unterhalb des von oben verordneten Lebens, verhindern. Das bekommen wir in den drei Teilfilmen zu sehen. Aber Kluge übertreibt es. Das Händewaschen, das auf dem Sockelfilm des Triptychons zu sehen ist, dauert um einiges zu lang. Die Bewegung der Hände verselbständigt sich, löst sich ab vom Gedanken der Hygiene, wird zu einem Tanz unter laufendem Wasser. Man verfolgt das Spiel der sich ineinander schiebenden, sich stumpf miteinander verwebenden Finger, der abknickenden Handgelenke. Es wird fremd und damit schön. Auf dem linken Teil des Triptychons sieht man Hände im UV-Licht. Gezeigt werden unterschiedliche Grade von Sauberkeit. Der Schmutz erscheint hell, das Saubere dunkel: auch dies eine Verfremdung, die unseren Sinn dem Schönen zukehrt. Männer in Schutzanzügen desinfizieren Flächen wie in einem SF-Film, sie kappen die Verbindungen, die Wege der Ansteckung. Die poetische Ansteckung, die von diesen Bildern ausgeht, können sie nicht hindern.

Wolfram Ette

Corona 55: ‚Großkatzen und andere Raubtiere‘. Eine Erinnerung

2. April 2020, Süddeutsche Zeitung: „Es gilt als höchst unwahrscheinlich, dass Menschen sich bei ihren Haustieren mit dem Virus infizieren können. Und umgekehrt? Während Hunde als gar nicht erst anfällig für die Krankheit gelten, sieht es bei Katzen anders aus.“

6. April 2020, Süddeutsche Zeitung: „Ein Tiger in einem New Yorker Zoo hat sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Neben dem vier Jahre alten Weibchen namens „Nadia“ hätten auch drei weitere Tiger und drei Löwen Krankheitssymptome, teilte der Bronx Zoo mit. Soweit bekannt, ist Nadia das erste Tier, das in den USA positiv auf das Virus getestet worden ist – und der erste Tiger weltweit. Angesteckt haben dürften sich die Wildkatzen laut Zoo bei einem infizierten Tierpfleger, der allerdings keine Symptome einer Infektion mit Sars-CoV-2 zeigte. (…) Allen Tieren gehe es gut und man rechne mit einer Genesung. (…) In den vergangenen Monaten hatte es einige wenige Fälle gegeben, bei denen sich Tiere offenbar nach Kontakt mit infizierten Menschen angesteckt hatten. Unter anderem wurde im Februar ein Hund in Hongkong positiv getestet. Die dortigen Gesundheitsbehörden kamen aber zu dem Schluss, dass Haushunde und Katzen das Virus nicht wieder auf den Menschen übertragen könnten. Auch die Tierärztin Jane Rooney vom US-Landwirtschaftsministerium schloss sich mit Blick auf den Tiger dieser Einschätzung an. Das Coronavirus breitet sich nach bisherigen Erkenntnissen über Ansteckung von Mensch zu Mensch aus. Forscher versuchen aber gleichzeitig auch nachzuvollziehen, welche Tierspezies besonders anfällig sind für das Virus, das ursprünglich auch vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein dürfte. Im Zoo in der Bronx wurde nur „Nadia“ getestet, weil für einen solchen Test eine Narkose nötig ist. Das Tiger-Weibchen habe keine erhöhte Temperatur gehabt, aber Nadia und die übrigen betroffenen Wildkatzen hätten unter trockenem Husten und teils unter Atembeschwerden und Appetitlosigkeit gelitten, sagte Tierarzt Calle.“

In einem Zoo in New York ist ein Tiger positiv getestet worden. Er leidet – wie die Löwen von nebenan – unter trockenem Husten. Die Durchsetzung der Ausgangssperre wird voraussichtlich kein größeres Problem darstellen. Der Tiger- und Löwen-Wächter ist zwar krank, sitzt daher selbst in seinem Käfig und wird über die Einhaltung der Ausgangssperre seiner Mitpatienten schwerlich wachen können. Doch es wird sich schon Ersatz für ihn finden. Der Zoo nämlich liegt in der Bronx, und da gibt es genug Arbeitslose, die sich darum reißen, sogar Arbeiten zu verrichten, bei denen das Risiko darin besteht, sich zerreißen oder anstecken zu lassen.

Aber eine Ansteckungsgefahr bestehe nicht einmal, versichern Wissenschaftler und Zoo, und dies sagen sie offenbar nicht nur, um für den kranken Wächter leichter einen Ersatzmann zu finden. Der Wächter – der erste, jetzt kranke –, der Löwen und Tiger zu bewachen hatte, hatte zwar nachweislich Löwen und Tiger angesteckt, Löwen und Tiger aber haben, obwohl sie ihn (oder jetzt seinen Ersatzmann) zerreißen könnten, wenn er (oder sein Ersatzmann) nicht aufpassen, wirklich und wahrhaftig keine Möglichkeit, umgekehrt ihn (oder den Ersatzmann) anzustecken. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen, und durchaus nicht nur arbeitspolitisch. Rache dafür, angesteckt worden zu sein, ist überdies von der Tierwelt nicht zu erwarten.

Zu fürchten hat mehr als Löwen und Tiger die schlichte Hauskatze, die der Mensch nicht einfach wie die Tiger und Löwen in einen Käfig sperrt: Sie unterliegt einem Ansteckungsrisiko, wenn sie mit einem kranken Menschen zusammen zu leben das Unglück hat. Ihr zusätzliches Risiko besteht darin, dass die erste angesteckte Katze – eine belgische – zwar noch das Glück hatte, es aufgrund ihrer Erstmaligkeit in Presse und Medien zu schaffen, dass aber alle anderen Hauskatzen, die ebenfalls noch von einem trockenen Husten befallen werden mögen, trotz dieses Hustens nur schlichte Hauskatzen bleiben und sie daher, anders als Tiger und Löwen aus der Bronx, nicht mehr eine mitteilenswerte Nachricht verkörpern. Denn Tiger und Löwen sind etwas Seltenes, schlichte Hauskatzen hingegen gibt es zuhauf.

Dennoch legen Presse und Medien Wert auf die Übertragbarkeit des einen Falls auf den anderen. Denn Menschen leben gemeinhin mit schlichten Hauskatzen unter einem Dach, nicht aber mit Löwen und Tigern. Insofern spiegelt sich in der wilden Welt der letzteren die Möglichkeit einer Übertragung auf’s Zivile. Da, wo die Katzen, da zivilisiert, frei herumlaufen dürfen, unterliegen sie plötzlich dem gleichen Risiko wie die Raubkatzen, die, da unzivilisiert, hinter Gittern zu halten sind. Beide sind mit Menschen im Kontakt, und mitunter eben auch mit kranken. Das Schicksal von Tiger und Löwe nimmt vorweg, was den zivilisierten Katzen im großen Maßstab zu passieren droht: Sie kommen (oder bleiben) hinter Gitter, wenn auch sie krank werden, zusammen mit, oder, im Gegenteil: getrennt von ihren hustenden Besitzern. Oder die Hauskatzen beginnen zu husten, husten aber weiterhin, wo sie wollen – dann werden bald auch die Katzen in den Gärten der Nachbarn zu husten beginnen, und das gleich zuhauf. Die Ansteckung von Mensch zu Tier ist nachweislich möglich, und die von Katze und Katze – eben weil sie zur Kategorie der Katzen gehören – auch.

Vielleicht wird es aber für die Hauskatzen sogar noch dramatischer werden. Denn wenn sich doch herausstellen sollte, dass das Unmögliche möglich ist, die Wissenschaftler sich getäuscht haben und Übertragungswege auch wieder zurück von der Katze zum Menschen führen, wäre die Tötung von hustenden Tigern und Löwen aufgrund ihrer Seltenheit zoo- und finanzpolitisch kaum durchsetzbar, die von schlichten Hauskatzen in ihrer Promiskuität und schmeichelnden Anpassung ans Menschengeschlecht hingegen das Gebot der Stunde.

Aber auch das ist nicht sicher. Denn der Umstand, dass Hauskatzen keine Tiger und Löwen sind, vermag im Fall der Fälle – dem unmöglichen also – vielleicht doch zu ihren Gunsten auszuschlagen: Ihre Besitzer würden argumentieren, dass es sich um ganz zivilisierte Kranke handelt, die eine massive Ausgrenzung oder Tod nicht verdienten. Was umgekehrt dann wiederum ein neues Licht auf die Raubkatzen werfen würde, die zwar Opfer einer Ansteckung geworden sind, obwohl sie die Ausgangssperre kein einziges Mal missachtet haben und mithin ganz unschuldig sind, andererseits aber hinter Gittern gehalten werden, weil sie sich sonst frei zu bewegen wünschten. Der bloße Wunsch, die gegebenen Realitäten – also den Käfig – gegen die Freiheit einzutauschen, lässt sie suspekt werden und also als potentielles Sicherheitsrisiko erscheinen. Nicht etwa wegen des Hustens. Sondern wegen des unzivilisierten Freiheitsdrangs.

Darin liegt dann eine letzte Übertragbarkeit beschlossen, die jetzt – in deutlicher Widerlegung aller bisherigen wissenschaftlichen Annahmen – von der Raubkatze zum Menschen führt. Denn auch der Mensch, der, wie eh und je eingeschlossen in seinen realen Bedingungen, plötzlich zu wünschen beginnt, es möge anders sein, droht, als Raubkatze qualifiziert und zurück in seine Schranken gewiesen zu werden. Selbst das Argument, er sei doch aber, wie die Wächter über Ruhe und Ordnung behaupteten, kein zivilisierter Mensch, sondern – qua Forderung nach Freiheit – ein Raubtier, würde nicht anschlagen. Denn die Wächter würden nur hören, dass der Betreffende zugegeben hat, ein Raubtier zu sein. Unterschlagen würde das, was aus dieser seiner Eigenschaft notwendig folgt, nämlich: dass Raubkatzen zwar vom Husten angesteckt werden können, nach erfolgter Ansteckung jedoch ihre Krankheit (selbst wenn sie’s wollten) nicht an zivilisierte Menschen weitergeben können.

Die Wächter über Ruhe und Ordnung haben aber, wie gesagt, die Eigenschaft, immer nur das zu wahrzunehmen, was in ihr Konzept (also ins Käfigformat) passt, denn sonst wären sie keine Wächter. Das bedeutet, dass sie noch der wissenschaftlich erwiesenen Eingleisigkeit der Ansteckungswege die Tatsache entgegenhalten würden, dass sogar die brave Hauskatze zu husten begonnen habe. Und da Hauskatzen eben das Sinnbild eines Lebens in Ruhe und Ordnung abgeben, wie es vom Menschen zu wünschen ist, werden sie zu recht als Teil dieser Menschenwelt betrachtet, eben als Haus-Katze. Es würde sich also die Frage stellen, warum die Hauskatze überhaupt zu husten begonnen hat, d.h. wer schuld an dieser Ansteckung ist.

Und hier kommen nun die Tiger wieder ins Spiel. Es ist, wie oben erörtert, wissenschaftlich nachgewiesen, dass Katzen einander mit dem Husten anstecken können. Daraus folgt, dass es theoretisch möglich ist, dass die Hauskatze in ihrem ganzen innigen Mensch-Sein sehr wohl die Tiger angesteckt hat, die gar keine echten Tiger sind, sich aber, nur noch wenig menschlich, auf ihr Recht auf Freiheit berufen und als Menschen (oder Menschentiger) draußen frei herumzulaufen begehren. Wenn dieser Übertragungsweg nachgewiesen werden könnte, würde daraus die Schlussfolgerung zu ziehen sein, dass eine Übertragung der Krankheit – nämlich Freiheit – der Hauskatze auf den anderen, jetzt gar zu freien und sich befreienden Menschen stattgefunden hat, und dies, obwohl Wissenschaft und Zoo bisher steif und fest behaupteten, die Ansteckungswege verliefen nur vom Menschen zum Menschen, von Katze zur Katze, oder, seltener, auch mal vom Menschen zur Katze. Hier aber wäre der Fall gegeben, dass eine Katze einen Menschen angesteckt hat, der Raubtierallüren zu entwickeln beginnt und seinen Käfig verlässt, in der er es seiner Meinung nach viel zu lange ausgehalten hat.

Zugegeben: Es ist kompliziert. Übertragungswege sind nun einmal verschlungen. Noch einmal also, zwecks besserer Durchsicht: Sobald sich die Katze als Hauskatze angesteckt hat – über den Menschen in all seiner Häuslichkeit – und aufgrund ihrer Freiheit ihrerseits mit den potentiellen Tigern unter den Menschen in Kontakt tritt, droht sie, die Tiger anzustecken, und zwar keineswegs nur mit ihrem Husten, sondern auch mit der Freiheit, die sie (die gehätschelt und gepflegt wird wie ihre Besitzer) täglich nutzt. Sollten aber die Freiheiten der privilegierten (nämlich häuslich-ordentlichen) Katzen sich wirklich mitsamt dem Husten auf die Tiger-Menschen übertragen, könnte sich herausstellen, dass die Freiheiten, die sich letztere nehmen, mit den Freiheiten, an die die Hauskatzen gewöhnt ist, nur wenig gemein haben. Menschen sind, wenn sie frei durch die Welt tigern, ein furchterregendes Schauspiel für jede Hauskatze. Keine Hauskatze würden sich dann noch aus dem Haus wagen. Keine würde zugeben wollen, hier als Ansteckungsfaktor gewirkt zu haben.

Erst wenn der Wächter aus der Bronx wieder gesund und seines Hustens ledig sein wird und, unter Anwendung all seiner wächterischen Erfahrung, die Herumtigernden wieder hinter Schloss und Gitter gebracht haben wird, wird ein Aufatmen durch die Welt des Häuslichen und das Lob der Ausgangssperre eine Oktave höher als bisher gesungen werden, dem wachsamen Staat zum Dank.

Womit letztlich doch erwiesen ist, dass sich auch hier die Wissenschaftler täuschen: Auch die Behauptung, dass Katzen Katzen anstecken können, ist in ihrer anfänglichen Einfachheit nicht länger zu halten. Keine Hauskatze würde sich durch den Freiheitswunsch, der in den Gliedern der Raubkatzen steckt, anstecken lassen. Sie ist schlicht immun gegen ihn. Umgekehrt aber machen die echten oder selbsternannten Raubkatzen aus der Ansteckung, was sie wollen, nämlich eine Freiheit, die als Voraussetzung ihrer selbst zur Totalität neigt.

Resümierend ist also der Forschung das folgende Ergebnis mitzuteilen: Katzen können Menschen anstecken, und Hauskatzen Hauskatzen. Eine Ansteckung der Hauskatzen durch Raubkatzen ist hingegen weitgehend ausgeschlossen. Wodurch noch einmal schlagend bewiesen ist, dass auch Menschen Menschen nur unter bestimmten Bedingungen anzustecken vermögen, nämlich dann, wenn der Infizierte zur Kategorie der häuslichen Menschen gehört hat und sein Nebenmensch auch. Sobald aber der eine Mensch zu den Tigermenschen gehört, droht den Hausmenschen zwar eine, wie zugegeben werden muss, eminente politische Gefahr.

Anne Peiter

Corona 54: Impfen, Herakles 14

Hinter dem Gedanken der Impfung – immer wieder in Kontroversen und Kampagnen der letzten Jahre aufgeflammt – steht die Idee der Ausrottung. Die Krankheit soll nicht reguliert und auf einem niedrigen Niveau gehalten werden. Es geht vielmehr darum, sie gänzlich zu beseitigen und vom Erdboden verschwinden zu lassen. Das Besondere scheint dabei zu sein, dass man dabei mit der menschlichen Natur, also dem körpereigenen Immunsystem, kooperiert. Man spielt sozusagen Natur gegen Natur aus – die ›gute‹ Natur eines über Jahrmillionen ausgebildeten, unendlich leistungsfähigen Immunsystems gegen die ›böse‹ Natur der Krankheit. Im Kern aber hat Aufklärung – als Naturbeherrschung – nie etwas anderes gemacht. Über die Natur kann man ja nicht hinaus. Herakles nutzt die Natur fließenden Wassers, um den Mist der Rinder zu beseitigen. Es ist effizienter als alles, was er mit den eigenen Händen tun könnte, und er macht sich dabei noch nicht einmal schmutzig.

Das muss aber nicht heißen, dass Aufklärung immer Ausrottung bedeuten muss. Es gibt einen anderen Strang, einen anderen Aspekt, eine andere Tradition – all das, was sich mit Züchtung, Domestikation, Regulierung, Kultivierung umschreiben lässt. Recht eigentlich also die Verwandlung der Natur, ihre Annäherung an die Sphäre des menschlichen Zusammenlebens. Blickt man in der Geschichte der Menschheit zurück, so erscheint wahrscheinlich, dass dies für Hunderttausende von Jahren die dominante Form des Naturverhältnisses gewesen ist. Man arrangierte sich mit ihr, bildete Kompromisse im Wissen, dass es einen endgültigen Sieg nicht geben könnte. Der Gedanke der Ausrottung, der Vernichtung der Natur war weitgehend unbekannt.1

Aber gleichwohl kam sie einmal in die Welt. Und die Figur, um die herum sie sich ikonisch anordnet, ist Herakles. Herakles, so habe wir in Erinnerung, ist der Killer, der Gewaltmensch. Herakles besiegt die Ungeheuer, indem er sie tötet, er schließt keine Kompromisse, sondern setzt sich siegreich durch. Oder?

Eigentlich ist es gar nicht nicht in allen Geschichten so, unbedingt aber in den ersten zwei, die zu den bekanntesten Heldentaten des Heros gehörten: der Erlegung des Nemeischen Löwen und der Tötung der Hydra. Und auch noch die zwei nächsten Kämpfe, in denen ein wildes Tier eingefangen wird – die Kerynitische Hirschkuh und der Eurymantische Eber -, gehen wohl auch noch in die Richtung einer bedingungslosen und kompromisslosen Unterdrückung der feindlichen und übermächtigen Natur. Aber im Fortgang der Herakleischen Taten werden andere Aspekte der Naturbeherrschung wichtiger: Ausmisten, Vertreibung, Einfangen, Zähmung. Bis zur letzten, problematischen Heldentat: dem zeitweiligen Heraufbringen des Totenhundes aus der Unterwelt, liefert der Dodekathlos – also die zwölf von Herakles zu lösenden Zivilisationsaufgaben – eine Phänomenologie zivilisatorischer Naturverhältnisse, die in gewaltförmiger Unterdrückung nicht aufgeht.

Problematisch sind aber auch schon die ersten beiden Taten. Insbesondere die zweite – der Kampf gegen die Hydra –, auf die ich mich hier beschränken will, stellt die gewaltsame Naturbeherrschung nicht als ein Gelingen dar. Es wird vielmehr eine selbstzerstörerischen Dynamik in Gang gebracht. Adorno und Horkheimer hätten dies ‚Dialektik der Aufklärung‘ genannt.

Die Hydra ist ein Ungeheuer mit neun Köpfen. Kein Problem für Herakles – wenn nicht für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwachsen würden. Der neunte Kopf kann gar nicht getötet werden; er ist, auch wenn man ihn abschlägt, weiterhin lebendig. Herakles löst das Problem so, dass er für die nachwachsenden Köpfe seinen Cousin Iphikles heranzieht; seine Aufgabe ist es, die Stümpfe auszubrennen, bevor die Köpfe nachwachsen – vermutlich ein mythologisches Sediment der Brandrodung, die für die dorischen Einwanderer von großer Bedeutung war und eben die extensive Viehzucht ermöglichte, ohne die die langsam entstehenden poleis nicht wachsen konnten. Den unsterblichen Kopf beschwert er dagegen mit einem Stein. Man sieht: von regelrechter Unterdrückung kann nicht die Rede sein; es wird höchstens ein System der Niederhaltung etabliert, bei dem man sich sagt: es kann auf Dauer nicht gut gehen. Und so ist es auch. Der Sieg über die Hydra erweist sich als Bumerang, der zu Herakles zurückkehrt und ihn am Ende ums Leben bringt. Dabei kommt eine Logik ins Spiel, von der bislang nicht die Rede war – eine Logik, die unendlich viel feiner ist als das großschlächtige Schneiden, Ausbrennen und Drüberwuchten. Es ist eine Logik der Infektion – und gegen sie erweist sich das Gewaltmodell der Naturbeherrschung letztendlich als machtlos.

Das Blut der Hydra nämlich enthielt Gift. Nachdem er sie erschlagen hatte, machte es sich Herakles zunutze und tränkte seine Pfeile damit. Mit einem dieser Pfeile erschoss er den Zentauren Nessos, als dieser Deianeira, die Geliebte des Herakles entführen wollte. Sterbend empfahl ihr das Ungeheuer – selbst auf der Grenze zwischen Tier und Mensch; ein anderes Naturverhältnis verkörpernd – sein Blut aufzufangen; es vermöge den Herakles, fals er ihr untreu werde würde, wieder an sie fesseln. Denn Herakles – der Zentaur sieht es voraus – trägt in sich nicht zu bändigende Triebgewalt. Er ist der Held der Naturbeherrschung, der seine eigene Natur keineswegs beherrscht.

Und so kommt es denn auch; Sophokles hat es in den »Trachinierinnen« geschildert. Herakles kehrt mit einer neuen – jüngeren, attraktiveren – Frau von einem Beutezug zurück. Er verhält sich rücksichtslos. Da tränkt Deianeira ein Gewand mit dem Blut des Zentauren und überreicht es ihm Ehemann als Willkommensgeschenk. Das Gift frisst sich in ihn herein, der Heros verbrennt unter unsäglichen, unaushaltbaren Schmerzen – so schlimm sind sie, dass er sich bei lebendigen Leibe verbrennt; brüllend, kreischend, die Götter lästernd.

Jan Kott spricht in diesem Zusammenhang von der »Zirkulation der Gifte«. Es geht aus von der Hydra, nimmt seinen Weg über die Pfeile, das Blut des Zentauren und das Nessosgewand, unbemerkt und findet es seinen Weg in den Körper des Helden, der daran stirbt. Es vollzieht sich nicht über eine Tat, sondern über materiellen Kontakt – als Rache der unterdrückten Natur am Unterdrücker durch eine Art Infektion.

Wie lässt sich vor dem Hintergrund dieser alten Geschichte die Impfdebatte verstehen? Impfen, soviel ist klar, ist nicht dasselbe wie Niederbrennen und Wegdrängen. Es ist subtiler. Aber es kann im selben Geist praktiziert werden, wenn es als Mittel der vollständigen Ausrottung einer Krankheit eingesetzt werden soll. Und es kann – vielleicht – ähnliche Folgen haben. Insbesondere dann, wenn das ›Gegenüber‹, in diesem Fall ein Virus, nicht stabil ist, sich seinerseits anpasst und mutiert. Es kann sein, dass man gar keinen Impfstoff findet, wie im Fall von AIDS. Oder man muss ständig nachlegen, wie bei der Grippe. Dann werden Menschen gerettet, aber es bleibt ein Spiel auf Zeit. Vielleicht sogar erhöht sich durch den stärkeren Anpassungsdruck auch die Wahrscheinlichkeit einer noch gefährlicheren Mutation.

Damit meine ich nicht, dass man die Suche nach einem Impfstoff einstellen soll. Ich bin nur der Ansicht, dass man die Impfung nicht zum Heilsversprechen erklären sollte, mit der sich das Problem ein für allemal aus dem Weg räumen lassen würde.

Wolfram Ette


Anmerkung

1 Der Gedanke, nicht das Faktum. Zumindest im klassischen Griechenland als einer ersten großen Aufklärungsepoche war man gegenüber der Natur nicht zimperlich; zur geschichtsphilosophischen Nostalgie gibt es keinen Grund: »Gegen eine solche Rückprojektion [modernen ökologischen Denkens ins griechische Denken] ist zu betonen, dass im Naturverhältnis der Griechen die Aus- und Abnutzung der Natur überhaupt kein Problem darstellte – ja nicht nur kein Problem darstellte, sondern zumindest bei Aristoteles nicht einmal als Problem gefasst werden konnte« (Jan Friedrich, Zusammenspiel mit der Natur. Weilerswist 2015, 56; mit dem Verweis auf Will und Ariels Durants, Kulturgeschichte der Menschheit. München 1985, Band III).

Corona 52: Komisches Gefühl

Das Gefühl, das sich jetzt langsam breitmacht, lässt sich schwer in Worte fassen. Es ist die Rede von einer kontrollierten Rückkehr zur Normalität. Aber nichts fühlt sich normal an. Und nichts könnte sich in Zukunft wieder normal anfühlen. Wir haben mitbekommen, wie tief der Staat in unser Privatleben eingreift, wenn es nötig ist. Oder auch dann, wenn er es für nötig hält und es vielleicht nicht so nötig ist. Oder auch dann, wenn es noch viel nötiger ist. Wir wissen nun, was es bedeutet, in einer Krise zu leben, und ob sich dieser Eindruck jemals wieder verlieren wird, ist die Frage. Sie sitzt eh unter der Oberfläche. Und das schon seit Jahren. Wir haben erlebt, wie rasch und geräuschlos die Parlamente entmachtet worden, und auch, wenn wir uns in dieser Situation damit einverstanden erklären, können wir nicht ausschließen, dass sich Routinen etablieren, die sich missbrauchen lassen. Wir haben erfahren, wie fragil diese Sache ist, die wir Wirklichkeit nennen und wie wenig das, was sie aus eigener Anschauung wissen, daran Anteil hat: das meiste davon entfällt auf vermittelte Informationen, denen wir vertrauen müssen, wenn wir nicht verrückt werden wollen. Woher kommt Vertrauen? Wir erleben, wie schmal die Grenze ist, die das Vernünftige vom Verrückten trennt, und dass wir häufig nicht wissen, wer wo steht – obwohl dieses Wissen jetzt so schön wäre. Wir bekommen mit, wie Linke und Rechte (aber wie moderig sich diese Worte in unserem Mund anfühlen!) gemeinsam für demokratische Grundrechte demonstrieren; dass sie dabei auf die üblichen Abgrenzungsrituale verzichten und wir vermuten, dass das trotzdem irgendwie nicht gut ist. Wir haben mit allen und keinem Mitleid: mit dem Berliner Barbesitzer, der noch genau drei Wochen bis zum ökonomischen Exitus hat; mit den alten Menschen, die vor der Klinik und den Beatmungsmaschinen geschützt werden müssen; mit Insolvenzselbstmördern, durchdrehenden Familien aller Einkommensklassen, Ärztinnen und Pflegern, Künstlerinnen und Politikern, Lehrerinnen und sogar Piloten. Wir versuchen, die Widersprüche stehen zu lassen, anzuerkennen, dass man aus ihnen heraus nicht immer richtig entscheiden kann. Gut und böse helfen nicht weiter, was nicht heißen soll, dass es alle gut meinen. Es ist einfach ein heilloses Durcheinander. Und was die Sache noch merkwürdiger macht, ist, dass wir das alles in dieser eigentümlich wattierten Verfassung erleben: Wohnungsisolation, Kontaktbeschränkungen, Sozialverzicht. Das Realste, was wir haben, sind die Widersprüche; sie fühlen sich bloß gar nicht real an.

Wolfram Ette

Corona 51: Handtücher, Akt 1 und 2

I

Eine sechsköpfige Familie, die nach ihrer Rückkehr von einer Indienreise vierzehn Tage in einem Vier-Sterne-Hotel unserer Hauptstadt zuzubringen hatte, um jede Ansteckungsgefahr für die Bevölkerung der Insel auszuschließen, hat sich nach drei Tagen heimlich ein Taxi gerufen, um sich in diesem nach Hause bringen zu lassen. Die Begründung, die sie gegenüber dem Polizisten äußerte, der gleich beim ersten Kontrollpunkt ihre Flucht Richtung Süden bemerkte, lautete, das Essen des Hotels sei nicht gut gewesen und die Handtücher nicht gewechselt worden. Man ziehe es vor, die sechsfache Strafgebühr zu zahlen und dafür endlich nach Hause zu dürfen.

Die Strafzahlung ist also nicht als Strafe aufgefasst worden, sondern als eine staatlich festgelegte Summe, die man eben zu bezahlen hat, um danach tun und lassen zu können, was man will. Es besteht ein augenscheinlicher Zusammenhang zwischen der Unzufriedenheit, die einem Vier-Sterne-Hotel gilt, das nach drei Tagen noch immer nicht die Handtücher gewechselt hat und essensmäßig nicht auf der Höhe seiner vier Sterne ist, und dieser Idee. Jedem das, was ihm gebührt: Die Strafe denjenigen, die sie fürchten, weil sie sie nur schwer zahlen können; der Kauf uneingeschränkter Freiheit hingegen denjenigen, die die Strafe problemlos sechsfach zahlen können, weil selbst diese Summe keine wirkliche Strafe darstellt.

Und überhaupt hoffte man ja noch, sie überhaupt nicht zahlen zu müssen, denn ein Vier-Sterne-Hotel müsste ja – was auch von der Polizei einzusehen ist – einem Ort entsprechen, an dem der tägliche Wechsel der Handtücher zum Standard gehört. Und wenn das nicht der Fall ist, weil wegen des Virus die Hotelangestellten auf ein Minimum reduziert worden sind und der Service sich auf die Aufrechterhaltung der Quarantäne, nicht aber auf die Aufrechterhaltung der vier Sterne konzentriert, hat sich die Quarantäne eben als Erfahrung erwiesen, die mit den Erwartungen, die sich mit Ferien in einem Vier-Sterne-Hotel verbinden, nicht korrelieren. Dieser Logik zufolge ist es dann besser, die Unterschrift, die man bei der Ankunft im Flughafen unter die Verpflichtungserklärung bezüglich der Quarantäne gesetzt hat, wieder zurückzuziehen und sich selbst gleich mit, nach Hause. Die Strafgebühr, die pro Kopf bei zwölfhundert Euro liegt, ist gegen die Kosten, die einem der fehlende Komfort während der verbleibenden elf Tage auferlegt hätte, gegengerechnet und die Strafgebühr der Polizei für vergleichsweise günstig eingeschätzt worden.

Dass der Taxichauffeur dann seinerseits Rechnungen angestellt hat und in kundenarmen Zeiten über die Verdienstmöglichkeit froh gewesen sein mag, über die Vorgeschichte derer, die er fuhr, aber vielleicht weniger froh gewesen wäre, wenn man sie ihm denn mitgeteilt hätte, kam in der Rechnung nicht vor. Man glaubte sich wegen der nicht ausgewechselten Handtücher zu jedem Ortswechsel berechtigt. Der Staat hatte das Hotel nicht gut ausgesucht, und aus den Ferien kam man ja ohnehin gerade. Gegenüber der Indienreise war der Hotelaufenthalt in der Inselhauptstadt einfach nicht reizvoll genug.

Doch eigentlich ist nicht allein die Auffassung interessant, unausgewechselte Handtücher seien eine Strafe, von denen man sich mit zweihundert Euro lieber gleich befreit. Bemerkenswert erscheint, was Presse und Präfektur aus der Geschichte machen. Obwohl behauptet wird, man stelle die Ansteckungsgefahr ins Zentrum, die Taxifahrern und Inselbevölkerung durch solchen Egoismus drohe, verdankt sich das Lesenswürdige an den Artikeln in Wirklichkeit dem Einblick, den die Journalisten in eine Welt gewähren, an der die meisten Leser nie teilhaben werden. Dieses Wissen um die Gemeinsterblichen schimmert durch die Berichterstattung an allen Ecken und Enden durch.

Da kommt eine Familie von einer weiten Reise zurück und hat das Glück, wegen des allgemeinen Unglücks auch gleich noch in ein Vier-Sterne-Hotel verfrachtet zu werden, in dem sie ihre ausgedehnten Ferien um weitere vierzehn Tage – noch dazu kostenlos – verlängern darf. Das Essen ist inklusive, die Hotelbedienung auch, und wenn es auch nicht Indien ist, so doch zumindest die Hauptstadt mit ihrem Nimbus, so etwas wie ein Zentrum zu sein. Interesse weckt, dass das, was als das Begehrenswerte schlechthin erscheint – Ferien, kostenlos, unerwartet, mit allen drei Kindern und der Oma noch dazu – mit Hinweis auf die Handtücher abgelehnt wird. Die Leserschaft zieht (den Erwartungen der Journalisten gemäß) den Schluss, dass das Zuhause, das die Familie dem Vier-Sterne-Hotel vorzog, noch luxuriöser sein muss als jenes, und mit noch besserem Service. Und so wächst mit steigendem Neid die Lust, zu erfahren, ob die Familie nun die gerechte Strafe ereilt habe oder nicht.

Es hat sie ereilt. Die Zeitung sagt es uns. Die Polizei hat ganze Arbeit geleistet. Den Flüchtlinge ist die Zahlung von zweihundert Euro pro Person auferlegt worden. Geschieht ihnen ganz recht! Aber das Beste kommt erst noch. Die Aussicht, die schmutzigen Handtücher hinter sich lassen und Zuhause den gewohnten Lebensstandard fortsetzen zu können, hat sich nicht erfüllt. Die Quarantäne der verbleibenden elf Tage wird nicht Zuhause stattfinden, sondern im Vier-Sterne-Hotel. Die Polizei hat dafür gesorgt. Die Familie bleibt in der Hauptstadt und ihr luxuriöses Zuhause leer. So muss es sein!

Die hämische Freude, die diese Nachricht auslöst, bezieht sich auf diesen zweiten Punkt. Dass tausendzweihundert Euro für eine Flucht haben gezahlt werden müssen, die zu allem Überfluss noch nicht einmal geklappt hat, mag schon eine gewisse Befriedigung hervorrufen. Noch besser ist jedoch die Pointe, dass das, was man sich selbst ersehnt – Ferienreisen, ja gar Ferien mit Bedienung und mit Köchen, die einem das Essen kochen, Stubenmädchen, die einem unbemerkt und ganz selbstverständlich ein frisches Handtuch hinlegen, dem ganzen Drum und Dran, den man sich eben so von vier Sternen erträumt, in die man noch nie seinen Fuß gesetzt hat – gar nicht das Ersehnte ist, sondern die eigentliche Strafe, das Gefängnis, in das die gar zu Verwöhnten jetzt zurück verfrachtet werden, begleitet von Polizei.

Nichts ist besser, als das Bewusstsein, dass den Reichen das, was man auch dann als Luxus wahrgenommen hätte, wenn die Handtücher nicht täglich gewechselt worden wären, als Strafe erscheint. Die Gesetzgebung setzt sogar noch eins drauf. Im Falle dreifacher Rückfälligkeit innerhalb eines Zeitraums von dreißig Tagen drohen weitere Strafzahlungen und außerdem eine Gefängnishaft von bis zu sechs Monaten. Das ist nun der Gipfel der Erleichterung höchster. Wer zu viel Wert legt auf saubere Handtücher, riskiert das echte Gefängnis. Und in dem werden, das ist gewiss, die Handtücher auf gar keinen Fall täglich gewechselt.

II

Die Familie, die wegen unausgewechselter Handtücher das Hotel verlassen hatte, in dem sie nach ihrer Indienreise vierzehn Tage hätte zubringen müssen, bekommt jetzt täglich Polizeibesuch, der feststellt, ob sie noch Zuhause oder aber ins Hotel zurückgekehrt ist, wie vorgeschrieben. Und weil sie sich nach der ersten Flucht erneut aufgemacht hatte Richtung Zuhause, ein für alle Mal, wie sie meinte, und daselbst zu bleiben gesonnen ist, bekommt sie jetzt täglich eine Strafe von 135 Euro.

Nun ist es aber so, dass, wer von der Polizei mehr als dreimal bei der Übertretung der Ausgangssperre erwischt wird, mit einer Strafe von 3750 Euro und sechs Monaten Gefängnis belegt wird. Das Tribunal von Saint Pierre spricht von einer »pädagogischen Massnahme«. Zu vermuten ist, dass das Hotelzimmer jetzt doch bald wieder bezogen werden wird.

Anne Peiter

Corona 50: Über das Atmen

Auf Fahrradtouren: das untypische Bedürfnis, an die Erschöpfungsgrenze zu gehen. Der Hintergrund, ich will außer Atem kommen, nach Luft schnappen, tief ein- und ausatmen. Die Angst vor dem Erstickungstod ist in mich eingewandert. Corona trifft unser Lebenszentrum an einer entscheidenden Stelle. (W.E.)

»Ich glaube, ich habe Angst vor der Enge. So unstatthaft ist es wohl nicht, Sterben gleichzusetzen mit der Verengung meines Lebens. Der Körper redet drein in gleichem Sinne. Vom Leben verlassen werden, den letzten Atemzug tun, ›verseufzen‹, wie es von mir sehr teurer Seite genannt wurde, verstehe ich als Ersticken, ob vielleicht auch die medizinische Wissenschaft diesen Begriff als klinisch unpräzise abweise. Mit dem Atmen aber, das mir dann versagt sein wird, kenne ich mich aus, so gut wie jedermann. Ich habe Atemnot gehabt wie irgendwer: da wurde mir klar, dass der Wunsch nach Freiheit rückführbar ist auf das drangvolle Verlangen nach Atemfreiheit. Im Sterben aber wird die Menge Oxygen, die ich so durchaus für mich will, mir nicht mehr gewährt sein. Mit der verwehrten Atemfreiheit werden alle Freiheiten sich mir entziehen. Mit Bangen um Luft muss ich weitermachen, das ist die Niedertracht, mit einer Furcht, die … ich mit grosser Wahrscheinlichkeit immer genauer werde kennenlernen.« (Jean Améry)

Amérys Gedanke, die Angst vor dem Tode sei letztlich die Angst vor dem Ersticken und auch der letzte Atemzug bringe keinen Frieden, weil Frieden eben immer nur in der Gewissheit und Möglichkeit des Weiteratmens existiere, gewinnt seine Schärfe durch die Tatsache, dass es die Gaskammern gegeben hat. Da wurde Wirklichkeit, was auch dem Häftling Améry zugedacht gewesen war: dass jemand, der Gift einatmet, nur noch tiefer einzuatmen versucht, weil Atmen eben das Allerursprünglichste und Wichtigste im Leben ist. Aber mit dem Tiefer-einatmen-Wollen holten sich die Opfer nur noch mehr Tod in die Lunge, und so wurde das Ersticken, industriell bewirkt, zu einer millionenfachen Qual.

Ruth Klüger, die Auschwitz als Kind überlebte, schreibt, dass sie lange Jahrzehnte nicht wahrhaben wollte, dass ihr Vater gerade diesen Tod gestorben war. Sie erfand ihm andere, »bessere« Tode und musste doch irgendwann zugeben, dass auch er den Weg in die Gaskammern gegangen war. Die Not der Erstickenden, so wissen wir durch das Zeugnis derer, die diesem Sterben beiwohnten, war so groß, dass die Stärkeren – die Erwachsenen – auf die Schwächsten zu treten begannen, um dahin zu gelangen, wo es noch ein wenig Sauerstoff gab, nämlich: nach oben. Klüger fragt sich, ob auch ihr Vater unter diesen Menschen gewesen sei. Darin steckt die implizite Frage: Hätte der Vater auch auf sie getreten, auf sie, das Kind, wenn man sie, zusammen mit ihm, in die Gaskammer gebracht hätte?

Ich glaube, dass dieser Tod durch Ersticken, der vom Menschen ganz ungewollte, da durch den Virus bewirkte, jetzt so wenig und niemals konkret in Erscheinung tritt, weil hier Selbstverständlichkeiten unseres Alltags zu kippen drohen. Atmen, das ist die Regel, die Grundlage unseres Wohlbefindens und Lebens. Im Gaskrieg des Ersten Weltkriegs wie durch terroristische Giftgasangriffe, durch Genozid oder Folter, die so leicht herzustellen ist, wenn man den Kopf eines Menschen in einen mit Wasser gefüllten Eimer drückt, ist dieser Tod aber immer wieder künstlich hergestellt worden.

Vielleicht wollen wir darum heute so wenig davon wissen. Denn es käme etwas von diesem absoluten Schrecken wieder zurück. Wollen wir uns nicht vorstellen, was den heutigen Patienten geschieht, weil es auf gleich mehrfache Weise Angst auslösend ist? Als Krankheit, die uns selbst betreffen könnte? Aber auch als das Wissen, dass Menschen einen solchen Tod bewusst über andere Menschen haben verhängen können? Medizinische Realitäten auf der einen, historische Realitäten auf der anderen Seite?

Es wäre heute wichtig, sich klarzumachen, was es heißt, zu ersticken und was jedem einzelnen Patienten bei diesem Tod geschieht. Denn dieses Wissen müsste das Maß der heutigen Politik sein. Dass Menschen aufgrund des Virus ersticken, ist etwas, zu dessen Verhinderung alles Menschenmögliche unternommen werden muss. Es gibt nichts Wichtigeres als das: atmen, den Atem des anderen schützen und damit sein Leben.

Anne Peiter

Corona 49: Glossen

Der Konsens zerfällt. Und wie beim Rechtsruck, der 2018 manifest wurde, gehen die Konflikte quer durch alle Beziehungen / Freundschaften / Familien. Es gibt kein erkennbares System, nach dem die Menschen ihren Unmut äußern und sich immer auffälliger gegen die Ausgangsbeschränkungen wenden. Das wichtigste ist, unbefangen darüber zu reden, zu quatschen, zuzuhören, so wenig wie möglich zu tabuisieren, keine Angst vor der entgegengesetzten Position zu haben, niemanden aus der Kommunikation auszuschließen.

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Die ersten Demonstrationen, die jetzt in Deutschland wieder anlaufen – zum Beispiel in Berlin und Stuttgart – berufen sich darauf, dass die Aufhebung des Versammlungsrechtes verfassungswidrig sei. Das Bundesverfassungsgericht hat sie darin in einem ersten Urteil bestätigt. Wenn die Leute nun aber auf die Straße gehen (und so weit ich es überblicke, beteiligen sich Angehörige aller politischen Lager und sozialen Schichten daran), um für das Recht zu demonstrieren, zu demonstrieren, sollte man dennoch nicht glauben, dass das Recht zu demonstrieren für die meisten den Grund zu demonstrieren darstellt. Es ist viel einfacher. Es ist das Bedürfnis, sich zu versammeln; das Bedürfnis nach Masse und physischer Nähe, das die ausgetrockneten Seelen zueinanderzieht; das Bedürfnis nach Wärme, nach Resonanz im überindividuellen Teil des Lebens; das Bedürfnis nach Verschmelzung und, wenn man so will, Ansteckung; ein tief erotisches Bedürfnis also und ein dionysischer Gegenschwung zu den apollinischen Restriktionen die uns auferlegt wurden.

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Man kann Canettis ›Masse und Macht‹ so verstehen, dass alle metaphysischen Bedürfnisse im Bedürfnis nach Masse fundiert sind. Die Masse ist das materielle Fundament der Transzendenzerfahrung, die die Grenzen des Alltags hinter sich lässt. Was wird passieren, wenn wir das überstanden haben? Ich habe das Gefühl, der Druck von innen wächst. Gibt man ihm nach: amöbenartige Massenbildungen, dionysische Umzüge, ein wilder Wahnsinn. Sind das nur meine Phantasien?

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Das Feuer »ist weithin sichtbar und zieht andere an. Es zerstört auf unwiderrufliche Weise. Nichts ist nach einem Feuer, wie es vorher war. Die Masse, die Feuer legt, hält sich für unwiderstehlich. Alles wird zu ihr stoßen, während es um sich greift. Alles Feindliche wird von ihm vernichtet werden. Es ist … das kräftigste Symbol, das es für die Masse gibt« (Canetti, Masse und Macht). Ein merkwürdiger Zufall, dass im Jahr nach der großen Pest von London, die die Menschen brutal voneinander isolierte, der große Brand von London war.

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Selbstverteidigung. – Der beginnende Spott über all diejenigen, die angefangen haben, sich schriftlich mit Corona auseinanderzusetzen – all die Corona-Tagebücher, die Neuauflagen des ›Decamerone‹ (dasselbe also wie das, was wir hier auf dieser Seite betreiben) – ist unangebracht; zumal er ja selber eine Form ist, sich schriftlich mit Corona auseinanderzusetzen. Schreiben ist eine Form der legitimen Selbstverteidigung. Und in Zeiten in denen wir voneinander isoliert werden, bietet es eine Möglichkeit der Gemeinschaftsbildung. Wir sind nicht ganz alleine, wir tauschen mit anderen Leidensgenossen und mit den Ahnen, die Ähnliches erlebt und niedergeschrieben haben Texte aus. Es gibt 1000 schlechtere Gründe zu schreiben. Und meistens wird auch aus 1000 schlechteren Gründen geschrieben.

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Das Angebot des Rappes Xatar, auf die Schnelle eine große Menge an Masken zu beschaffen, zeigt vor allem, dass die Mafia in Zeiten der Krise das leistungsfähigste Geschäftsmodell ist. Die Annahme liegt nahe, dass es auch vorher schon so war.

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Nachtrag zur Herdenimmunität: Geht es um die wilde oder die zahme Herde? Die Herde ist keine Masse, sie ist folgsam und folgt ihrem Hirten. Im Begriff der Herdenimmunität drückt sich also aus, was sich Wissenschaftler und Politiker wünschen: einen hochkontrollierten Vorgang. Aber ein Stück Horde steckt noch in der Herde, ein Stück Wildheit, die sich nicht zähmen lässt. Deswegen geht’s dann doch nicht.

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Was mein Kind in dieser Zeit vor allem lernt, ist wichtiger als der trotz aller Bemühungen verwahrlosende, fadenscheinig werdende Schulstoff. Es lernt, E-Mails zu schreiben; nachzufragen, wenn etwas unklar ist; und auch, ein zweites Mal nachzufragen, wenn es weiter unklar bleibt; sich zu entschuldigen, auch wenn es keinen guten Grund gibt, weil es den Umgang erleichtert. Es lernt, dass die Verantwortlichen vielleicht auch im Chaos stecken, dass es sich aber um lösbare Probleme handelt. Es lernt so etwas wie kommunikative Rationalität.

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Geschichte der Gegenwart. – Ein Zeithistoriker sagte, in dieser Krise seien die Soziologen und Philosophen wichtiger als die Historiker, um die Situation zu verstehen der Fall sei. Der Mann hat ein merkwürdiges Verständnis von seinem Beruf und der Wirklichkeit. Kann ein Historiker sich nur mit der Vergangenheit beschäftigen? Können wir von ihm nicht lernen, einen historischen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen, die die Gegenwart als unsere Vergangenheit betrachtet? Ist der Historiker nicht der Typus des Wissenschaftlers, auf den es jetzt gerade ankäme? – Was freilich noch mehr verstört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Kunst als Klarstellung und Reflexionsraum gegenwärtiger Erfahrungen gar nicht erst in Betracht gezogen wird. Der Herr Martin Sabrow ist ein guter Mann, ich möchte ihm eigentlich nichts unterstellen. Aber ich unterstelle ihm eben doch einen bestimmten Begriff von der Kunst: dass sie nämlich eine private Angelegenheit der Künstler*innen sei, eine besonders schrullige Art und Weise, die eigene Befindlichkeit in ein Produkt zu verwandeln, das sich verkaufen lässt. Dem ist immer und immer entgegenzuhalten: eine Künstlerin (oder ein Künstler), wenn sie was taugen, sehen, was andere nicht sehen; sie arbeiten gegen die Verdrängungen an, die den vollen Blick auf die Wirklichkeit behindern; sie sind die geschworenen Feinde der Phrasen, die sich an sie Stelle der Wirklichkeit setzen, und, nachdem ihre Aufgabe entfallen war, die ewigen Ideen in die Erscheinung zu verfrachten, die wahren Realisten. Das Einzelne und das Allgemeine tritt in der Kunst zusammen und schlägt Funken, von denen den Philosophen, den Soziologen und sogar den Zeithistorikern nichts träumt.

 

Wolfram Ette

Corona 48: Leben und Tod III

1

… das Leben retten, wo es möglich ist. Aber ich bin auch der Überzeugung, dass die Vergegenwärtigung des Todes ins Leben zu einem Leben in Würde und Glück dazugehört. »Jeder Tag geht zum Tode, der letzte kommt an« – seitdem ich diesen Satz von Montaigne in meinem Studium gehört habe, hat er mich nicht mehr verlassen. Ein Tag ist nur dann der Tag eines ganzen Lebens, wenn man sich dessen bewusst ist. All das Glück, das wir genießen, aller Rausch, den wir schmecken, sie erhalten letzte Süße durch das Bewusstsein, dass es irgendwann vorbei ist mit alledem.

2

Es ist der Moment der Reife, des Knapp-über-den-Berg-seins, von dem Brecht in seinem schönsten Liebesgedicht spricht, in der ›Entdeckung an einer jungen Frau‹:

»Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehen.
Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
Ich konnte mich nicht entschließen mehr zu gehn.

Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
Sah ich sie unumwunden an und sagte:

Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
Doch nutze deine Zeit; das ist das Schlimme
Dass du so zwischen Tür und Angel stehst.

Und lass uns die Gespräche rascher treiben
Denn wir vergaßen ganz, dass du vergehst.
Und es verschlug Begierde mir die Stimme«

– ach, die Begierde, die an den einzigen Moment sich hängt, den man in dem Bewusstsein, dass er in seiner Art (bitte auch für das alternde lyrische Ich!) der letzte ist, gemeinsam feiern will und muss,

– der Moment, in dem Aufstieg und Verfall berückend und unvermerkt ineinandergreifen, was der hellsichtige Thomas Buddenbrook notiert:

»Ich weiß, dass oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glücks und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts geht. Die äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt …«

– der Moment der überreifen Frucht, die matschig im Mund vergeht und einen Stich des höchsten Augenblicks durch uns schickt, der der höchste nur deswegen sein kann, weil er nicht verweilt. Rilke, aus den ›Sonetten an Orpheus‹:

»Voller Apfel, Birne und Banane,
Stachelbeere . . . Alles dieses spricht
Tod und Leben in den Mund . . . Ich ahne . . .
Lest es einem Kind vom Angesicht,

wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.
Wird euch langsam namenlos im Munde?«

– der Moment, den eben Orpheus, der am Verlust der Freundin zu Grunde ging, ins »Rühmen«, so Rilke, des unwiederbringlichen Diesseits-Augenblicks übersetzt. Sein Irrtum: zu denken, er könnte die Verlorene wieder gewinnen. Das war zu lernen: dass der Raum hinter ihm, als er den Totenreich entstieg und sich der Pforte nahte, die es vom Leben trennt, von nichts als einem schwachen Schatten erfüllt war, einer durchscheinenden Einbildung, die mit jedem Schritt schwand, den er tat. In dem Moment, in dem er sich umsah, war sie schon lange nicht mehr zu sehen. Nie war’s anders gedacht. Die Toten werden nicht lebendig. Er lernte, was er wusste. Nur ihren Tod nahm er mit und ihm entstiegen die Gesänge.

Es ist der Moment, wenn der Raps in Blüte steht, riesig gelb bis zum Horizont. An einem dieser Tage, die sich ganz aus Gelb, Blau und Grün in unwirklicher Reinheit zusammensetzten, hat meine Schwester das Messer genommen am Rand eines Rapsfeldes. Ihr Rot war es, das in die Erde sank und Dinge verband, das Gelb, das Blau, das Grün. Wir standen nur Zentimeter voneinander entfernt, sie auf der einen, ich auf der anderen Seite, und manchmal an Tagen ist es so, berührten wir uns einen Moment lang und glitten aneinander vorbei –

– der Moment des Abschieds, des wehmütig verlorenen cis in Beethovens letzter Klaviersonate –

op111,cis

 

 

 

 

– dem Thomas Mann eine Beschreibung gewidmet hat, die mehr ist als nur Beschreibung, sondern Kunst- und Lebenslehre der Schönheit im Abschied –

» … und ein Augenblick kommt, eine extremste Situation, wo das arme Motiv einsam und verlassen über einem schwindelnd klaffenden Abgrund zu schweben scheint, – ein Vorgang bleicher Erhabenheit, dem alsbald ein ängstlich Sich-klein-Machen, ein banges Erschrecken auf dem Fuße folgt, darüber gleichsam, dass so etwas geschehen konnte. Aber noch viel geschieht, bevor es zu Ende geht. Wenn es aber zu Ende geht und indem es zu Ende geht, begibt sich etwas noch soviel Ingrimm, Persistenz, Versessenheit und Verstiegenheit in seiner Milde und Güte völlig Unerwartetes und Ergreifendes. Mit dem viel erfahrenen Motiv, das Abschied nimmt und dabei selbst ganz und gar Abschied, zu einem Ruf und Winken des Abschieds wird, mit diesem d-g-g geht eine leichte Veränderung vor, es erfährt eine kleine melodische Erweiterung. Nach einem an lautenden c nimmt es vor dem d ein cis auf, so dass es nun nicht mehr »Himmelsblau« oder »Wiesengrund«, sondern »O – du Himmelsblau« oder, »Grüner Wiesengrund«, »Lebt – mir ewig wohl – skandiert; und dieses hinzukommende cis ist die rührendste, tröstliche, wehmütig versöhnlich Handlung von der Welt. Es ist wie ein schmerzlich liebevolles Streichen über das Haar, über die Wange, ein stiller tiefer Blick ins Auge zum letzten Mal. Es segnet das Objekt, die furchtbar umgetriebene Formung mit überwältigender Vermenschlichung, legt sie den Hörer zum Abschied, zum ewigen Abschied so sanft ans Herz, dass ihm die Augen übergehen. »Nun ver-giss der Qual !« heißt es. »Groß war – Gott in uns.« »Alles – war nur Traum.« »Bleibt mir – hold gesinnt.« Dann bricht es ab. Schnelle harte Triolen eine zu einer beliebigen Schlusswendung, mit der auch manch anderes Stück sich endigen könnte.«

Etwas davon hängt gerade in der Luft. Manchmal tritt was zusammen. Das Himmelsblau, der Wiesengrund, Raps, Eurydike und eine überreife Südseefrucht. Der von fern kommende, den Augenblick dehnende Ton. Die Anemonen Innen, damals. Ein Mehr an Tod und ein Mehr an Leben.

Wolfram Ette

Corona 47: Leben und Tod II

Die Schritte

Die Nützlichkeit des Lebens liegt nicht in der Länge [espace], sie liegt im Gebrauch: Mancher hat lange gelebt, der wenig gelebt hat. Geht deshalb achtsam mit ihm um, solang ihr da seid. Ob ihr genug gelebt habt, hängt von eurem Willen ab, nicht von der Zahl der Jahre. Dachtet ihr denn, ihr würdet niemals dort ankommen, wohin ihr zeitlebens unterwegs wart? Wie könnte es einen Weg geben, der nicht am Ziel endete! Und wenn es euch erleichtert, in Gesellschaft zu sein – nun, schließt sich nicht alle Welt eurem Gang an? (Montaigne, Philosophieren heißt sterben lernen)

Die Zahlenschlachten unterschlagen diesen Gedanken. Sterblichkeitsstatistiken, Erkrankungswahrscheinlichkeit nach Alterskohorten, Kurvenverlauf unterschiedlicher Länder – die Zahlen im Allgemeinen und nun gar die Zahl der Jahre, die uns gegeben sind oder durch den Virus genommen werden, sind das Aufsaugende unserer Zeit.

Merkwürdig, dass Montaigne den Wunsch, über viel Zeit zu verfügen, als »Raum« bezeichnet. Hat das damit zu tun, dass ein langes Leben uns verschiedenste Wege führen kann? Oder dass wir selbst, aktiv, diese Wege beschreiten? Der Begriff des »Raumes« kehrt mehrfach wieder, als Bild des Weges. Montaigne bestreitet, dass es ihrer viele gebe. Für ihn führen sie alle auf den Tod zu, so dass also, egal auf welchem Weg man sich je befindet, das Wesentliche immer gleich bleibt. Der Weg enthält die Aufgabe, sich auf dem Weg hin zu diesem einen Ziel zu wissen. Jeder Weg hält dieses Wissen parat. Der Raum, durch den die Wege gehen, ist der Zeitraum, in den alle eingebunden sind.

So schwindet der Gedanke, man müsse viel gereist sein, um die Räume des Menschen zu kennen. Es schwindet die Notwendigkeit, die Gesellschaft, in der man sich befindet, als Teil des je eigenen Raumes definieren zu wollen. Es reduziert sich der Raum auf den Innenraum des Bewusstseins, sterblich zu sein, und in diesem intimen Wissen mit allen anderen verbunden zu bleiben. Man setzt Schritt vor Schritt, der Tod kann einem schon beim nächsten begegnen.

Die Kürze des Weges ist, auch wenn sie sich nicht bewahrheitet, das Maß aller Dinge, muss es sein, weil man sonst zum Aufschub verlockt würde: Das Wichtige nicht denken, den nächsten Schritt nicht als potentiell letzten nutzen, darin liegt für Montaigne die Gefahr.

Und wenn man den Gedanken der Bedeutung des Schrittes jetzt – dieses einen – von sich auf die anderen überträgt, lebt man auch den Schritt des anderen, neben sich, als eben diesen: als den potentiell letzten, was dem geteilten Weg einen vollkommen neuen Wert verleiht. Die gemeinsamen Schritte erfreuen, und weniger, dass man »Raum frisst«, lange Strecken hinter sich bringt. Die Zerstörung des Raums durch viele, große, hastige Schritte, die einen weit hinaus oder weit nach oben tragen sollen, führt einen weg von sich selbst, weg vom Weg und damit dann auch vom Leben, das eben darin besteht: jeden Schritt sich bewusst zu halten. Noch geht die Person neben einem mit einem. Aber die Zahl ihrer Schritte könnte eine andere sein als meine. Also bleibt wichtig, auch den Schritt der anderen nicht durch Zukünftigkeit zu entwerten.

Rilke hat das in »Orpheus. Eurydike. Hermes« beschrieben. Orpheus, der als »Gott des Ganges« bezeichnet wird, macht einen Fehler. Dieser liegt in der Ungeduld seiner Schritte. Der Fehler ist auch, die Schritte derer, die ihm auf dem Weg folgen, die er herausführen soll aus der Macht des Todes, nicht selbst zu genießen als das, was sie sind: als eine geteilte Strecke Weg, im Hier und Jetzt.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen […].

Das ist Orpheus. Er will dem Totenreich entkommen, mehr noch: die Geliebte Eurydike und ihren Begleiter Hermes zum Leben zurückführen. Die Ungeduld bezieht sich also weniger auf sich selbst, als vielmehr auf das, was er Eurydike wünscht. Sie kann allein nicht gehen, braucht Hilfe. Ob sie ihm folgt, das versucht Orpheus herauszufinden.

Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand, –
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.

Sich nicht anblicken, sich nicht berühren zu dürfen, wenigstens jetzt noch nicht, ist die Probe, die es, um zu leben, zu bestehen gilt. Alle Sinne sind auf’s Äußerste angespannt, doch der Gesichtssinn darf den Schritt Eurydikes nicht ausmessen. So bleiben nur Geruch und Gehör für die Wahrnehmung ihrer Schritte, die mit Orpheus’ Tempo nicht mithalten, viel zu langsam sind für das laufend Aufgeregte seines Blicks, das seinen Wunsch kennzeichnet, der Weg möge schon hinter ihnen liegen. Und mitunter ist es so, als verklänge der fremde Schritt und folge gar nicht mehr.

Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wärens zwei
die furchtbar leise gingen.

Das Laute der eigenen Stimme entspricht der Hörbarkeit des eigenen, schnellen Schritts. Da es aber, ganz wie bei Montaigne, darum zu gehen hätte, den Schritt derer, die man retten will, nicht unter der Vernehmbarkeit der eigenen, festen Schritten oder der eigenen Stimme zu begraben, ist das Verhallen von Orpheus’ selbst eigentlich schon eine Vorwegnahme der Stille, die ihn schon bald in die Einsamkeit der gescheiterten Rettung zurückwerfen wird: Er geht zu schnell. Er geht zu laut. Er will, dass man die Schritte der anderen hören könne, dass die Entschiedenheit dieser fremden Schritte der Schnelligkeit entspräche, mit der er sich, ihr voran, hin zum Leben bewegt. Genau aber diese Erwartung erfüllt Eurydike nicht. Sie wird geführt, die Bewegung ist eine geleitete, sie selbst würde nicht mehr gehen. Es ist dies ganz wie bei Montaigne: Eurydike verhält ihren Schritt, weil sie das Wissen um den Tod schon ganz erworben hat.

Der Gedanke fasst Fuß: »Tous les jours vont à la mort: le dernier y arrive.« »Alle Tage gehen zum Tod: der letzte kommt an.« Eurydike ist angekommen, die Fülle ist da. Noch folgt sie ihrem Geliebten, doch es ist schon deutlich, dass dieser Weg in Wirklichkeit hinter ihr liegt und nicht noch einmal gegangen werden muss.

Als Orpheus’ den entscheidenden Fehler begeht und sich umwendet, muss er dies einsehen. Es geht nicht darum, Eurydikes endgültigen Abstieg in die Welt der Toten zu erkennen, sondern darum, selbst stehen zu bleiben. In diesem Stehen, Nicht-mehr-Weitergehen liegt sein Erkenntnisprozess. Das Ziel ist dieser Augenblick absoluter Ruhe. Und so heißt es denn auch von Orpheus: »Er stand und sah«. Der Blick ist wieder da, und mit ihm eine Klarheit, die die anderen Sinne ihm zuvor nicht hatten geben können. In Wirklichkeit aber ist die Klarheit in der Tatsache enthalten, dass er nicht weiterschreitet. Im Anhalten, Verharren springt das, was Eurydike schon wusste, auf ihn über.

Und so wiederholt denn am Ende das Gedicht die gleichen Zeilen, die schon zitiert wurden. Es wiederholt sie, weil Orpheus zuvor nicht hatte wahrhaben wollen, was im Verhaltenen, Sanften, der Ungeduld Abholden von Eurydikes Schritt enthalten gewesen war: dass sie den Tod akzeptierte und sich nicht mehr bewegen wollte. »Sie war schon Wurzel.«, heißt es, das Bild der Ausbreitung an einem Ort befestigend.

Und hier also die Wiederholung, als dränge jenes Bild jetzt erstmals in Orpheus’ Augen, und vielleicht auch in die des Lesers, der sich bequemen muss, in der Wiederholung die Intensität des Augenblicks zu finden, die Orpheus’, der dem Leben Zugewandte, im Leben nicht zu finden vermochte, weil er zu weit und zu schnell ging, ohne Aufmerksamkeit für den einzelnen Schritt.

Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Anne Peiter

Corona 46: Leben und Tod I

Gesund und tot (Über Stifters »Granit« 2)

»Die Seuche wurde die Pest geheißen, und in fünf bis sechs Stunden war der Mensch gesund und tot, und selbst die, welche von dem Übel genasen, waren nicht mehr recht gesund und recht krank, und konnten ihren Geschäften nicht nachgehen.«

So heißt es in Stifters »Granit«.

Es ist das »und« zwischen den beiden Worten »gesund« und »tot«, das Irritationen auslöst. Ein »oder« wäre zu erwarten gewesen. Oder vielleicht hätte man auch die Idee erwarten können, dass man, wie danach vermerkt, in Folge der Pest »recht krank« ist und, obwohl nicht tot, trotzdem nicht mehr als wirklich gesund gelten kann, sondern vielmehr als »nicht mehr recht gesund«. In dieser letzten Abfolge – erst ist man krank, dann »nicht mehr recht gesund« und irgendwann, so bleibt zu hoffen, dann doch wieder richtig gesund – steckt die Idee einer Entwicklung: Man ist erst das Eine, dann das Andere, eines entwickelt sich aus dem anderen. Eine gewisse Nachvollziehbarkeit ist gegeben: Man schien erst dem Tode geweiht zu sein, hatte das Glück, nur »recht krank« zu werden, also doch wieder zu genesen, in einem ersten Schritt jedoch nur »recht« (also schlecht), nicht richtig »gesund«. Und am Ende darf dann doch auf die Rückkehr der Gesundheit gehofft werden.

Es ist nun aber die scheinbar größere Logik dieses »und« zwischen »nicht mehr recht gesund« und »recht krank«, die zum erstgenannten, problematischen »und« zurückführt. Das zweite »und« (das logischere) ist der Schlüssel zum scheinbar unlogischen. Stifter hat sich nicht verschrieben. Er hat recht mit seinem ersten »und«. Es ist voll an seinem Platz. Es geht weder um ein »oder« noch um ein »entweder – oder«, nicht darum also, ob man stirbt oder nicht, sondern es geht um das Verhältnis zwischen Gesundheit und Tod, und dieses Verhältnis ist darum so schwer zu begreifen, weil es zwischen Gesundheit und Tod zeitlich keinen Übergang gibt. Man ist gesund – und plötzlich ist man tot. Die Dauer ist von extremer Kürze: »In fünf bis sechs Stunden« ist alles entschieden. Die Widersprüchlichkeit von »gesund« und »tot« existiert nicht. Sie gehören zusammen, bilden eine Einheit, und gerade das ist es, was die Pest so unbegreiflich macht.

Denn so viele Menschen auch erkranken und vorführen, dass man »gesund und tot« sein kann, so sind es doch eben erst andere, die »gesund und tot« sind und nicht man selbst. Und wenn die Krankheit dann näher kommt und die eigene Familie ist mit einem Male »gesund und tot«, wird das »und« zum Kern der Angst, die alle ergreift. Man ist gesund. Ist man darum vielleicht schon tot? Alles scheint normal zu sein. Ist darum alles schon weggekippt, weg vom Leben? Das »und« stellt uns vor die herrschenden Normalitätsbegriffe. Sie sind es, die wegbrechen. Normalerweise geht man davon aus, jemand sei gesund oder tot – jetzt weiß man, dass es möglich ist, beides in einem zu sein. Wissen tut man’s aber eben doch nicht richtig – erst wenn man selbst (oder der Nächste) »gesund und tot« ist, hat sich erwiesen, dass jetzt eine andere Normalität herrscht, und das ist die des »Und«.

So gibt es neben dem »gesund oder tot« (als der ersten Normalität) eine zweite. Und vielleicht wird die Konjunktion plötzlich so wichtig, weil man sich, ausgehend von »gesund und tot«, plötzlich sagen muss, das es die eine und die andere Normalität gibt. Auch diese beiden sind – dem Modell des »Und« in »gesund und tot« folgend – nicht etwas Getrenntes, sondern zusammengehörig: Die Normalität im herkömmlichen und die Normalität im neuen, furchtbaren Sinne schieben sich ineinander, das »Oder« seinerseits zu einem »und« machend.

Der Hinweis, dass die Genesend-Genesenen, die »recht krank« sind, obwohl nicht »tot«, »ihren Geschäften nicht nachgehen« können, ist von aktuellster Bedeutung. Die Politik muss die neue Bedeutung des »Und« lernen. Man scheint schon bald wieder seinen Geschäften nachgehen zu können, denn man ist, weil, gesamtgesellschaftlich betrachtet, wieder »recht gesund« nicht zu den Toten gehörig. Und doch ist das »recht« in »recht gesund« die Brücke, die Stifter zwischen »und« und »oder« schlägt. Man ist nicht tödlich krank, aber zumindest »recht krank«, und damit erlebt man wenigstens in Ansätzen, was es heißt, wenn man »gesund und tot« ist.

Das »recht« ist der Weg, die Nuance zwischen zwei Konjunktionen, zwischen denen es im Deutschen keinen Mittelweg gibt. Alles ist entweder dem »und« zuzuordnen oder aber dem »oder«. Die Formulierungen »recht krank« und »nicht recht gesund« zeigen, dass hier jemand dem »Und« von der Schippe gesprungen ist, mehr recht als schlecht, also das Bewusstsein verkörpernd, dass es das »Oder« zwischen dem »Erneut-seinen-Geschäften-Nachgehen« oder »Nicht-seinen-Geschäften-Nachgehen« nicht gibt. Man ist »gesund und tot« und darum kann man, weil das ein recht schlechter Zustand ist, in dem die Gesellschaft nur »recht und schlecht« klarkommt, den Geschäften nicht nachgehen. Das zumindest ist eindeutig: Sie ist gesund, recht und schlecht. Und sie arbeitet nicht. Kann es nicht.

Ein weiterer Beweis dafür, dass das zur Zeit der Zustand ist, ohne »und« und »aber«, steckt ebenfalls im Stifters »und«. Wenn jemand »gesund und tot« ist, heißt das eben auch, dass er, obwohl gesund erscheinend, doch schon dem Tod geweiht ist. Das »und« ist aber nicht nur sein eigenes, ganz privates. Das »Und« eben verbindet, und dies gilt weit über die Wörter »gesund« und »tot«, die den einzelnen beschreiben, hinaus. Das »Und«, so steht syntaktisch fest, kann noch ganz anderes verbinden als nur »gesund« und »tot«. Es kann zum Beispiel »gesund und tot« als Einheit betrachten und diese Einheit ihrerseits vervielfältigen. Mit Blick auf die Gesamtgesellschaft ergäbe das dann »gesund und tot« und »gesund und tot« und »gesund und tot« usw. Das ist das, was wir gerade erleben. Wenn man also die Rückkehr zu den Geschäften empfiehlt, ist es, als gäbe es das »gesund und tot« nicht in dieser sich multiplizierenden Form der vielen »Unds«. Die Eigenschaft von Epidemien aber besteht in eben dieser Form: und und und.

Daraus folgt, dass jemand, der tot und (ohne wenn und aber) gesund ist, seinerseits, ohne es zu wollen, dafür sorgen kann, dass der andere neben ihm auch schon »gesund und tot« ist. Die Rückkehr zu den Geschäften wird also behindert durch das Fortwirken dieses über das erste »gesund und tot« hinauswuchernde, große, gesamtgesellschaftliche »Und«.

Anne Peiter

Zwei Kommentare zu »Gesund und tot«

1

Starrt man länger auf diese drei Worte, bewegen sich die beiden ersten durch das ihnen gemeinsame »und« gefährlich aufeinander zu. Es ist selber ein Infektions-Verhältnis. An das »gesund« dockt das »und« an wie das Virus an die Zelle: gut getarnt, angepasst, effektiv. Es reißt das Gesunde, das was gesund ist, was gesund war, über sich hinaus, macht aus gesund tot. Wieder und wieder heißt es »gesund und und und …«

2

Robert Musil äußert sich sehr abfällig über das »und«, auch wenn er zugibt, dass der von ihm beschriebene Weltzustand sich eben nicht anders als durch diese Universal-Konjunktion darstellen lässt, die alle Synthese, einen Abschluss und damit auch allen Sinn verwüstet. Er schreibt im ›Mann ohne Eigenschaften‹: »das Gemeinsame, um das es sich da handelt, ist ein Geisteszustand, der durch keine weitspannenden Begriffe zusammengehalten, durch eine Scheidungen und Abstraktionen geläutert wird, ein Geisteszustand der niedersten Zusammenfügung, wie er sich am anschaulichsten eben in der Beschränkung auf das einfachste Binde-Wort, das hilflos aneinanderreihende ›Und‹ ausdrückt, das dem Geistesschwachen verwickeltere Beziehungen ersetzt; und es darf behauptet werden, daß sich auch die Welt, unerachtet alles in ihr enthaltenen Geistes, in einem solchen der Imbezillität verwandten Zustand befindet, ja es lässt sich das gar nicht vermeiden, wenn man die Geschehenisse, die sich in ihr abspielen, aus dem Ganzen verstehen will.« Doch er unterschätzt das »und«, er unterschätzt seine subversive Kraft. Vgl., an einem der nächsten Tage, unseren Blogeintrag »Ansteckung«.

Wolfram Ette

Corona 45: Videokonferenzen

Dass das neuerdings kursierende »Zoomification« sich auf deutsch wie Mumifizierung anhört, ist ein Zufall.

1

Frontal. – Irritierend an den Videokonferenzen: ich sehe alle Gesichter frontal. Mir wird bewusst, wie viele Schattierungen von Präsenz die Luft zulässt. Speziell in größerer Runde, so wie hier in einem Seminargespräch: ich blicke meine Gesprächspartnerin oder meinen Gesprächspartner an; daneben sehe ich verschwommen andere Gesichter, deren Bewegungen ich gleichwohl registriere. Jenseits ihrer sehe ich nichts. Aber ich höre etwas, das Rücken von Stühlen, das Waschen von Papier, das ganze Erscheinungsdrumherum, das es braucht, damit eine Situation lebendig wird und aus ihr etwas Gemeinsames entstehen kann.

2

Schweigen. – Das Schweigen ist schwer zu ertragen. Es ist ein anderes Schweigen als in einem Seminar-Raum, dieses lautlose Rauschen der Datenströme, das zu hören wir uns nur einbilden, von dem wir aber wissen, dass es vorhanden sein muss. Ein Schweigen sozusagen, dass nach Subtraktion eines substituierten Geräuschs entsteht. Jedenfalls voller Gedanken. Und auch ein öffentliches Schweigen, denn nichts von dem, was wir hier tun, kann so abgeschlossen sein wie ein Seminarraum. Ich rede nicht von den offenbar beträchtlichen Unterschieden in puncto Datensicherheit, die offenbar zwischen den verschiedenen Videokonferenzangeboten existieren. Ich rede vom Gefühl, in meiner Wohnung durchaus nicht allein zu sein; ich rede vom Murmeln der Server, über die unsere Daten laufen und in denen sie hängen bleiben, irgendwie, auf eine mystische, von keinem normalen Sterblichen mehr nachzuvollziehende Weise.

3

Schwinden der Aura. – Das beständig mitlaufende Bewusstsein, dass die anderen sich erst dann von mir als angesehen empfinden, wenn ich nicht sie, sondern die Kamera anschaue. Und: es gibt keine andere Möglichkeit als dass ich sie alle anschaue. Ich kann niemandem signalisieren: Du bist gemeint. Denn das Du, das ich durch meinen Blick ausdrücken kann, ist eine Abstraktion von allen zusammen, die sich im Auge da Kamera konzentriert. Das ist nicht neu. Aber ich begreife zum ersten Mal, wie ein Filmschauspieler sich fühlen mag, dessen Leistung, so Walter Benjamin, »durch die Apparatur vorgeführt wird«. Benjamin weiter: »Zum ersten Mal – und das ist das Werk des Films – kommt der Mensch in die Lage, zwar mit seiner gesamten lebendigen Person aber unter Verzicht auf die Aura wirken zu müssen. Denn die Aura ist an sein Hier und Jetzt gebunden.« Wie sieht es aber aus, wenn das Jetzt erhalten bleibt, es aber keinen gemeinsamen Ort mehr gibt? Ich tendiere dahin, dass nur sehr wenig von der Aura übrig bleibt, ein armseliger und fadenscheiniger Rest. So wäre festzustellen, dass die Aura, anders als Benjamin es formuliert hat, offenbar mehr an das Hier als an das Jetzt gebunden ist – zumindest in Zeichen einer Technologie, von der Benjamin nichts ahnte. Das Verhältnis ist asymmetrisch. Die Aura also als Phänomen, das nicht nur, aber vor allem an einem gemeinsamen Ort gebunden ist – an die gemeinsame Luft, die wir atmen und über die wir Gerüche, Geräusche und individualisierte Blicke, Gesten und die Stellung unserer Körper im Raum zueinander, aber auch Bakterien und Viren austauschen. Das Leben diesseits des Gedankens. Auch von ihm handelt ein Gespräch. Man merkt das nicht, bzw. erst dann, wenn es fehlt

4

Dekor. – Bevor man sich zu einer Videokonferenz begibt, guckt man nach hinten, schaut sich um, hinein in den eigenen Raum, dem man gleich, sobald die Schaltung beginnt, den Rücken zukehren wird. Man will sehen, was die anderen von diesem Raum sehen werden, den man selbst dann nicht mehr direkt wahrnehmen wird, sondern, darin identisch mit allen anderen, nur noch indirekt, eingerahmt durch das Kästchen, in dem das Bild der eigenen Person auf dem Schirm erscheint.
Man baut also an einem Bild. Setzt man sich vor eine weiße Wand, die Neutralität vermittelt? Oder vor die Bücherwand des eigenen Wissens? Oder vor die Blätterwand des Gartens? Verschiedene Bühnen sind möglich. Nicht unendlich viele, doch Auswahl besteht. Jeder sitzt in seinem Raum, seinem Dekor, und so wird der Bildschirm zu einem Nebeneinander von Stillleben, die zwar als bloße Hintergründe konzipiert sind, jedoch weit größere Bedeutung haben, als die Beiläufigkeit, mit der sie gesetzt wurden. Die Beiläufigkeit ist nur Schein. In Wirklichkeit sieht man die anderen, frontal, in einer direkten Zuwendung des Gesichts an alle. Aber man betrachtet auch, ohne dass dies Thema würde, was hinter den Personen ist, hat plötzlich Lust, über den Rahmen hinausblicken zu dürfen: Die neugierige Frage drängt sich vor, wie Wohnung oder Garten wohl insgesamt aussehen mögen? Wie lebt der andere? Wie wohnt er? Man träumt sich in die fremden Räume hinein, in ihre Beziehung zu den Personen, die sie sich bewohnbar gemacht haben. Das Woanders der Anderen entfaltet einen Sog, der neu und aufregend ist.
Doch dann fällt der Blick wieder auf sich selbst, den eigenen, kleinen Kasten, und man weiß, erfasst von neuer Nüchternheit: Dass die Kamera einer Festeinstellung folgt und der Hintergrund Hintergrund bleibt, ist im eigenen Interesse, denn man mag zwar diesen einen Ausschnitt zeigen, nicht aber all das, was in Wirklichkeit so gar nicht dekormäßig, dekorgemäß ist: die Unordnung, die gleich neben dem Ausschnitt zu wuchern beginnt, die Wäschehaufen schon seit Tagen, das herumliegende Kinderspielzeug.

1-3: Wolfram Ette; 4: Anne Peiter


Anmerkung

Kaum zu glauben, aber in demselben Jahr – 1936 –, in dem Walter Benjamin an der französischen Übersetzung seines berühmten Aufsatzes über über ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ saß (ihm sind die oben stehenden die Zitate entnommen), wurde in Deutschland der Fernsehsprechdienst für den Publikumsverkehr freigeschaltet.

Corona 44: Das Diktat

Ein Film von Lavinia Chianello und Tom Creus über Lesen, Schreiben, Disziplin, Traum und Film.

Was für ein bemerkenswerter Film in den Zeiten der digitalen Lehre und des Lernens zuhause! Zeiten, in denen man sich fast schon nach Disziplin und Unterdrückung zurücksehnt, weil sie wenigstens mit körperlicher Präsenz verbunden waren. Jetzt sind – das ist meine Erfahrung der letzten Wochen – praktisch alle Formen einer nicht schriftbasierten Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern blockiert: es gibt keine Telefonsprechstunde, praktisch keine Videokonferenzen, keine Messenger-Kontakte zwischen Schülerinnen und Lehrerinnen. Das wird nicht nur einen Teil der Schüler aus diesem Schuljahr rauskegeln, sondern ihnen das letzte Bisschen Spaß an der Schule, den sie hatten, verderben. Träumer haben jedenfalls keine Chance. Doch wie war es früher?

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Wir sehen ein Klassenzimmer, wie es auch die älteren unter uns nicht mehr kennen. Ordentlich aufgereiht, in Uniform, sitzen die Schüler an ihren Pulten und nehmen ein Diktat auf. Es geht um den Frosch. Die Lehrerin hat einen Frosch an die Tafel gemalt, mit Pfeilen, die seine Verwandlungsstufen bezeichnen, daneben wohl die dazugehörigen Fachbegriffe. Alles atmet Strenge, Schweigen, Disziplin.

Doch einer der Schüler träumt. Er blickt immer wieder den Frosch an der Tafel an. Die Kamera geht zwischen seinen Augen und den gezeichneten Augen des Froschs hin und her. Eine Beziehung entsteht, die beiden – der eine eine Puppe aus Holz, Knete und Farbe, der andere eine hingeworfene Tafelskizze – blicken einander an.

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Verwandlung. Der Junge sitzt noch immer an seinem Pult. Aber es ist dunkel und wir hören das Quaken von Fröschen. Der Frosch ist lebendig geworden, das Grün der Tafel ist nun sein Grün geworden, das satte Grün seiner feuchten Haut. Wieder gehen die Blicke zwischen ihm und dem Jungen hin und her. Dann eine Schlange, eine Klapperschlange, die auf den ängstlich werdenden Jungen zukriecht –

– und ihr Klappern geht über das Schrillen der Schulglocke. Wieder das Klassenzimmer. Die Lehrerin wandert bedrohlich von Pult zu Pult. In der letzten Reihe bleibt sie stehen und mustert das Aufgeschriebene eines Schülers, der ängstlich zu ihr aufblickt. Unerbittlich ihr »Nein«, das langsame und unwiderrufliche Kopfschütteln, mit dem sie ihm signalisiert, dass das nicht genüge.

Da bekommt es der Junge, der vorher träumte, erst recht mit der Angst zu tun. Es ist die Angst vor der Klapperschlange, nun Teil seines wirklichen Lebens als Schüler. Er greift zu den Blättern seines Nachbarn, in der Hoffnung, dort das richtige Diktat zu finden. Aber auch hier – dasselbe wie bei ihm; oder jedenfalls etwas Ähnliches: All die Blätter, die er ängstlich zu sich herüberholt, zeigen Zeichnungen. Es sind der Frosch, die Lehrerin, ein Zauberer – sie alle in lustiger Entstellung. Es sind die naiven Karikaturen, die die Schülerinnen und Schüler aller Epochen in ihre Hefte malen, um die Langeweile zu vertreiben und dem Ärger über die Lehrer, vielleicht über andere Schüler oder über die gesamte Unterrichts-Situation eine Form zu geben.

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Das letzte Blatt enthält das Diktat. Es ist eine exakte Kopie seines eigenen, das am Ende der ersten Zeile mit einem langen Tintenstrich nach unten abriss. Der andere, so erfährt er in diesem Moment, ist wie er selbst; und man fragt sich in diesem Moment, ob es in diesem Klassenzimmer unter diesen so brav wirkenden Schülern viele gab, die dem dem Diktat folgen konnten.

Aber es trifft nur einen einzigen. Diesen einzigen In der nächsten Einstellung sehen wir einen leeren Stuhl. Der Junge ist jetzt hinter der Tafel – das ist wohl der Strafplatz – er hat die übergroßen, wie ein Kardinalshut aussehenden Eselsohren auf dem Kopf, durch den damals die Schüler, die nicht gehorchten, gezeichnet wurde. Es sieht lächerlich aus; und doch erhöht es ihn auf eine wunderliche Weise.

Mit verdrossenem Gesicht malt die Lehrerin ein weiteres Tafelbild. Es zeigt einen Jungen mit Eselsmütze – es ist eben der Junge, der hinter der Tafel kauert und das nicht sieht: sein allgemeines Bild, sein Symbol –, dann eine zweite Person, die einen Mann mit vielfach geflicktem Rock zeigt. Beide verbindet ein Pfeil und die Botschaft ist klar: wer in der Schule nicht aufpasst, wird fallen bis auf den Grund, er wird Bettler werden und sein Rock wird Flicken tragen.

Dann das nächste Tafelbild: es zeigt den guten Schüler, aus dem ein wohl situierter Bürger wird, dessen obrigkeitsstaatliche Gesinnung sich an der grüßend erhobenen – militärisch grüßenden – Hand zeigt. Ja. Das ist die Erfolgsgeschichte, deren Notwendigkeit die Lehrerin ihren Schülern einhämmern möchte.

Das wiederum ist nicht vergangen. Was machen Lehrer/innen heute, deren Möglichkeit zur Bestrafung ihrer Schüler eingeschränkt wurden? Sie drohen ihnen, dass, wenn sie die Schule – diesen Schultyp – nicht schaffen, ihnen der Weg nach oben versperrt sei. Aus die Maus; sie würden zwar nicht geradewegs zum Bettler werden, aber der Weg dorthin, wo sichs einträglich leben lässt, der sei dann versperrt; und möglicherweise drohten dann doch Arbeitslosigkeit und Armut. Auf dieser Klaviatur wird gespielt, weil es praktisch die einzige ist. Auf der Klaviatur der Angst – die vielleicht jetzt, wenn so manche Schülerin und so mancher Schüler vor dem Gebirge unerledigter Aufgaben verzagt, die sich auf dem Handy angesammelt haben, wieder schriller in den Ohren tönt.

Zurück zum Film von Chianello / Creus: Die Blicke der Schüler gehen zur Wand. Drei Bilder hängen dort. Das erste zeigt einen Militär, das zweite einen reichen Bürger – beide vom alten Schlage und derselben fernen Epoche entstammend wie das Klassenzimmer, die Schüler und die Lehrerin. Es sind die Erfolgstypen, die Schutzpatrone dieser Schule und dieses Schulsystems. – Das dritte Bild …

Doch bevor wir uns dem dritten Bild zuwenden, müssen wir eine Zwischenfrage stellen. Warum findet all das stumm statt? Warum redet die Lehrerin nicht mit den Schülern und schärft ihnen ein, was aus solchem Betragen wie dem gerade gezeigten einmal werden könnte? Die nächstliegende Antwort wäre, dass einem bei einem Stummfilm – und überdies einem Stummfilm mit Puppen, denen die Sprache der Mimik nicht zur Verfügung steht – wohl kaum etwas anderes übrig bleibe als die Strafpredigt, die die Lehrerin den anderen Schülern hält, zu visualisieren.

Trotzdem gibt es so etwas wie einen Rest, der in dieser Antwort nicht aufgeht. Es scheint eine besondere Gemeinheit darin zu liegen, dass der hinter die Tafel versetzte Schüler die Botschaft nicht hört. Dies ist nicht einfach eine Stummfilm-Szene, die mit allerlei Tricks und Hilfsmitteln eine Szene mit Ton nachstellt. Nein, es ist eine Szene, die stumm sein muss, eine stumme Stummfilmszene.

Und das heißt: Der Schüler hört die Botschaft der Lehrerin nicht, weil er sie nicht hören soll und weil er sie nicht mehr zu hören braucht. Für ihn ist alles zu spät, er hat seine Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg verscherzt und für ihn bleibt einzig und allein der Abstieg übrig. Er sitzt da mit seinen Eselsohren und kann dort für immer sitzen bleiben. Er wurde aufgegeben.

Das ist um so bemerkenswerter, weil dieser Film – ein Stummfilm – ja mit einem besonderen Akzent auf dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort einsetzte – eben dem Diktat, dem er seinen Namen verdankt. Es ist die Aufgabe der Lehrerin, den Schülern Lesen und Schreiben beizubringen, die Kulturtechniken also, die notwendig sind, um zu kommunizieren, wenn man sich nicht sieht – die Kulturtechniken, auf die wir im Moment bis zum quälenden Überdruss angewiesen sind. Vielleicht will sie nicht bloß den hinter der Tafel sitzenden Schüler ausschließen. Vielleicht ahnt sie, dass das gesprochene und vielleicht auch hier per Diktat niedergeschriebene Wort die Schüler nicht erreicht. Vielleicht ahnt sie, dass sie auf ältere, robustere Formen der Darstellung zugrückgreifen muss, um nicht noch mehr Schüler zu verlieren. Und damit hat sie ganz recht, denn zumindest wir wissen ja, dass der bestrafte Schüler nicht der einzige war, der dem Diktat nicht folgen konnte und dass sich seinem Banknachbarn – wie ihm – das Diktat in Bilder übersetzte.

Der Blick der Schüler fällt nun auf das dritte, an der Wand hängende Bild.

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Es zeigt einen alten Mann – lange weiße Haare, langer weißer Bart. Er hat die Eselsmütze auf und macht das Victory-Zeichen. Die nächstliegende Assoziation, die sich dabei einstellt, ist die an Gottvater, die an den Höchsten also, den es gibt, jenen, der weit über den irdischen Mächten von Staat und Militär steht. Er selbst also ist ein Bestrafter, doch einer, der nun triumphiert. Die Letzten, so erfahren wir, werden die Ersten sein.

Es ist offensichtlich die Einbildungskraft der Schüler, die ihnen hier einen Streich spielt. Aber es zeigt an, dass das subversive Vermögen – hier: das Träumen von Filmbildern – nicht das Werk eines Einzelnen ist, der von der Gesellschaft ausgeschlossen ist und dass es selbst nicht dadurch ausgeschlossen werden kann, dass man Einzelne, die auffällig geworden sind, ausschließt.

Deswegen, so glaube ich, ist der bestrafte Schüler in der nächsten Sequenz nicht mehr allein. Ihm sitzt ein zweiter, ebenfalls hoch Bemützter, gegenüber, der sein Spiegelbild sein könnte. Ein anderer? Er selbst noch einmal? Doch, es könnte er selbst sein, nur älter geworden, grau, das Gesicht nicht so rosig, eine Spur eingefallener als das seines kindlichen Gegenübers. Nie, so begreift der Junge jetzt, wird er diesen Platz hinter der Tafel verlassen; er und sein älteres Alter Ego repräsentieren sein ganzes Leben im Gefängnis, ausgeschlossen von den anderen. Er, der er den Worten der Lehrerin nicht folgen konnte, der sich der Sprache verweigerte und das Lehrbild als Film träumte, kommt nicht wieder rein, er ist ein für allemal ein Gezeichneter.

Dann kommt die Sehnsucht. Eine ganze Weile sehen wir abwechselnd das Gesicht des Jungen und den Himmel durchs Fenster, weit und offen, das Bild grenzenloser Freiheit – wie in der Struwwelpeter-Geschichte vom Fliegenden Robert, in der auf dem letzten Bild Robert entschlossen den Bilderrahmen zu durchstoßen scheint, der in dieser Geschichte jedes einzelne Bild rahmt. Es ist das Bild eines Durchbruchs zur Freiheit, durch den sich nicht einfach ein Zustand ändert, sondern seine Systemgrundlagen verlassen werden. Und obwohl sich das Gesicht unseres Jungen stets gleichbleibt – es ist ja eine Puppe –, bilden wir uns ein, es verändere sich mit jedem Gegenschnitt, mit dem Bild der Befreiung, das wieder und wieder über es hinwegzieht.

Einen Moment lang ist der Bildschirm dunkel. Dann wieder das Fenster, diesmal vergittert. Wir sind in einem Gefängnis. Zwei Personen, aber die Szenerie hat sich verändert. Der Junge ist noch da, aber es scheint Zeit vergangen zu sein, Zeit, die ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hat. Einschnitten um die Augen finden sich dort, tiefe Narben, die die Farboberfläche durchdringen. Er ist älter geworden. Aber er ist auch ein anderer geworden – ein Zauberer nämlich, und er trägt das nachtblaue Kleid mit Sonne, Mond und Sterne, wie wir es als Kinder zu Fasching anzogen. Auf seinem Kopf der bekannte spitze Hut, der in den Himmel reicht und von dort die Zauberkraft bezieht – ja, das waren einmal die Eselsohren, das Zeichen der Bestrafung und der Depravierung, die nun zum Zeichen seiner Größe geworden sind.

Aber sein Gegenüber ist tot. Eine bleiche Leiche mit Totenschädel. Wer ist dieses Gegenüber? Ist es das bestrafte Kind, das er nun hinter sich lässt? Ist es der traurige, resignierte Erwachsene, der ihm hinter der Tafel gegenübersaß und jede Hoffnung, ja sogar die Sehnsucht verloren zu haben schien?

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Ein letztes Mal versucht der Zauberer, den Türknauf des Gefängnisses zu drehen, die Tür zu öffnen. Dann hebt er den Stab und verschwindet. Er verschwindet für uns, er lässt den Toten und das Gefängnis hinter sich und er verschwindet vielleicht sogar für sich selbst. Dem Jungen, der nicht anders konnte, als einen Film zu machen, ist endlich die Flucht gelungen – dorthin hoffentlich, wo das Leben ist und wo sich Filme drehen lassen, für die man nicht bestraft wird.

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Wolfram Ette

Corona 43: Pro-cura

Mein italienischer Schwiegervater, fast neunzig, kann, seitdem ein Oberschenkelhalsbruch seine allgemeine Schwäche erhöht hat, nicht mehr aus dem Haus. Seit nunmehr drei Jahren lebt er, versorgt von einer Haushälterin, die täglich für ihn einkauft und putzt, in den eigenen vier Wänden.

Jetzt, seit der Ausgangssperre, ist er integriert in eine Erfahrung, die nicht mehr nur die Seine ist: Alle leben sie in den eigenen vier Wänden und können nicht mehr aus dem Haus. In seinem Alleinsein ist er nicht mehr wirklich allein. Oder gilt das genaue Gegenteil?

Die Haushälterin, eine Moldavin, die seit Jahren illegal in Italien lebt, gut Italienisch spricht und erst kürzlich eine Philippinin abgelöst hat, die Jahrzehnte legal in Italien gelebt hat, als Putzfrau arbeitend, ohne ein einziges Wort Italienisch zu lernen – diese Moldavin, sage ich, muss jetzt weiterhin ihre vier Wände verlassen und bei meinem Schwiegervater putzen gehen. Das Problem ist nämlich, dass sie, obwohl sie gut Italienisch spricht und Tochter und Enkelin im gleichen Viertel hat, sehr wohl rausmuss, denn ihr illegaler Status verlangt, dass sie Geld verdient, um die Miete für die eigenen vier Wände zahlen zu können. Sie geht also raus, um drinbleiben zu können, kann aber nicht drinbleiben, weil sie raus muss.

An jedem Tag, an dem sie diese ihre Wände verlässt, um bei meinem Schwiegervater putzen zu gehen, läuft sie Gefahr, von der Polizei an- und als illegal in Italien lebende Moldavin festgehalten zu werden. Jeder Einkauf ist ein Risiko: ein Risiko für sie, und darum auch ein Risiko für meinen Schwiegervater. Denn würde sie an- und festgehalten, wäre er allein Zuhause, unversorgt, erstmals in einer Isolation, die bisher kaum als steigerbar erschienen war. Und doch ist sie’s. Wenn diese Frau aus seinem Leben wegbricht, ist die Isolation eine totale.

Doch noch kommt sie, fährt durch die halbe Stadt Rom, nimmt Busse und Metros, die voller Leute sind, weg von ihrer Tochter und Enkelin, um den Wünschen zu folgen, die mein Schwiegervater in drei Jahren seiner fast gänzlichen Isolation zu einem regelrechten Ritus entwickelt hat: Eingekauft wird jeden Tag. Der Gründe sind viele: »Der Kühlschrank ist klein und alt, es passt nicht viel hinein.« – »Das Geld ist knapp, man verliert die Kontrolle, wenn man für mehrere Tage zugleich einkauft.« »Auf welches Essen man Lust hat, weiß man immer erst an jedem neuen Morgen, usw.«

Der wichtigste Grund aber ist, dass mein Schwiegervater nicht mehr rausgehen kann und seine Haushälterin sozusagen an seiner Stelle geht. Er geht zwar nicht mit und sieht nichts von dem, was sie sieht, dennoch ist es, als sei ein Teil von ihm – der moldavische – im Supermarkt gewesen. Der Beweis dafür ist der Einkauf, den die Haushälterin auf den Küchentisch stellt, jeden Tag von Neuem, als Neues, wenn auch Ritualisiertes, das beweist: Es gibt sie noch, die Welt da draußen.

Diese Welt sind auch wir, die weit entfernt lebenden Kinder. Und wir plädieren für eine andere Form von Symbiose zwischen meinem Schwiegervater und seiner Haushälterin. Das Argument: Wenn sie täglich kommt und Busse und Metros nimmt, besteht zwar in den vier Wänden meines Schwiegervaters schwerlich das Risiko, das sie sich mit dem Virus ansteckt (woher sollte er es auch haben!), in den Bussen und Metros aber sehr wohl. Aus dem gleichen Grund ist es unverantwortlich, am Ritus des täglichen Einkaufs festzuhalten, denn auch wenn das Eisfach des alten Kühlschranks schon in bizarren Zapfen in die anderen Fächer hineinwuchert und den Platz, an dem man den Einkauf unterbringen kann, vermindert, ist sehr wohl Platz genug für die Bedürfnisse eines fast Neunzigjährigen, der kaum noch etwas isst. Wir versuchen, ihm klarzumachen, dass man sich das Geld auch über ein paar Tage hinweg einteilen und das Essen auch schmecken kann, wenn man nicht erst am Morgen entschieden hat, worauf man gerade Lust hat und eine größtmögliche Isolation für sie voll in seinem eigenen Interesse ist.

Aber das alles verfängt nicht. Die totale Isolation, in der mein Schwiegervater lebt, macht es erforderlich, dass an seiner Stelle diese seine Haushälterin das Haus verlässt. Die Aussicht, dass sie, eben weil sie das Haus weit mehr als nötig verlässt, nicht wiederkommen könnte, weil sie entweder von der Polizei angehalten wird oder sich mit dem Virus infiziert, schafft es in den Gedankenkreis meines Schwiegervaters nicht mehr herein. Diese Frau muss kommen, also wird sie kommen – das ist seine feste Überzeugung.

Und so bangen wir und bangt der zweite, in Rom lebende Sohn, dass der Frau nichts geschehen möge in ihrer Notwendigkeit, die Isolation zu durchbrechen, und dass die Krankheit, die sie ergreifen könnte, meinem Schwiegervater nicht vor Augen führt, dass schon jetzt eine Realität existiert, die er für nicht gegeben hält: Einkaufen geht immer nur sie, allein, auch wenn sie an seiner Stelle und er gedanklich mit ihr geht, als ginge er wirklich und wahrhaftig.

Anne Peiter     

Corona 42: Der Ausnahmezustand ist wie der Normalzustand, nur wahrer

Vor Jahren habe ich einmal gelesen, die körperlose Welt des Digitalen sei die Erfüllung eines gnostischen Wunschtraums. In der Rückschau sehen wir nun, wieviel Erdenrest noch zu tragen peinlich war. Mauern, Tücher, Stoffe, Ventile, Plexiglasscheiben trennen nun die Individuen voneinander. Das Ideal, dass jedes Individuum in seiner Schublade steckt und nur über körperlose Kanäle mit den anderen kommuniziert.

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Wunschtraum der Epidemiologen: die Welt der klassischen Mechanik, jeder Körper ein idealisierter Massenpunkt, durch exakte Gesetze mit den anderen Massenpunkten verbunden. Jede Ansteckung wäre verhütet, wenn wir nichts weiter wären als die Bezugspole dieser Gesetze.

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Eben das ist das Denken, das durchs Geld – also durchs Geld als absolutes Lebensmittel, jeden Austausch von Waren regelnden, jeden Markt beherrschenden Größe – über uns gekommen ist. Der Gebrauchswert ist bloß die Bezugsgröße des Tauschwerts – weil man halt irgendwas braucht, an das sich der Tauschwert heftet. Aber dass die Dinge, die wir kaufen, uns irgendetwas nützen (wenn sie es überhaupt tun), ist bloß ein Kollateraleffekt des entscheidenden Vorgangs: des durchs Geld vermittelten Tauschs.

*

Das gilt im Kleinen: Harald Welzer spricht sehr hübsch davon, dass wir, wenn wir den Biolachs, der im überfüllten Kühlschrank schlecht geworden ist, entsorgen, zu reinen »Relaisstationen« zwischen Kaufen und Wegwerfen geworden sind. Dass wir ihn essen – tja, kann schon sein, ist aber nicht wichtig. Und das betrifft in den europäischen Ländern knapp 40 % der Lebensmittel …

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… wie im Großen: eine Klinik ist dazu da, Profit zu erwirtschaften. Die Gesundheit der Menschen: alles kann, nichts muss. Sie ist ein schöner Nebeneffekt. Die Haltbarkeit des kapitalistischen Systems verdankt sich freilich der Wucht, mit der der medizinische Fortschritt unter den Bedingungen des Marktes erzwungen wurde.

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Gähnende Leere, auf dem Leipziger Hautbahnhof bewegen sich nicht mehr als 40 Menschen. Alles ist still, wie im Winter nach frischem Schneefall. Nur dass das Wetter schön ist, der Himmel von unwirklichem Blau. Die meisten Geschäfte haben geschlossen. Aber die Züge fahren noch – nicht alle, die Bahn hat manche Verbindungen zusammengestrichen -, aber im Großen und Ganzen ist das Netzwerk intakt. Einerseits wirkt das wie früher, als es die Hauptfunktion der Bahnhöfe war, Menschen von A nach B zu befördern. Jetzt, also das heißt vor Corona, war der Zugbetrieb ein dekoratives Anhängsel der Shopping-Mall, die sich in 3 Etagen etabliert hat. Ja, einerseits. Andererseits hat man das Gefühl, einen Zipfel von der Wahrheit zu fassen zu bekommen, die unser Leben bestimmt. Wir, die lebenden, atmenden, liebenden und hassenden, miteinander redenden und uns ansteckenden Menschen sind eigentlich überflüssig. Wenn es irgendeine Möglichkeit gäbe, das Ding ohne uns, die Konsumenten und Mehrwertproduzenten am Laufen zu halten – wie schön wäre das! Fast lautlos gleiten die Züge aus dem Bahnhof heraus. Die Mittagssonne wird durch die großen Glasfenster zerstreut. Der nächste Zug auf Gleis 17 fährt um 22.12.

*

Diese Mischung aus Nostalgie und Zukunftsvision ist für die Situation in Deutschland absolut charakteristisch.

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Der Fehler Agambens: er kommt aus der Verschwörungslogik nicht heraus. Es sind letztlich böse Menschen, die den Ausnahmezustand durchsetzen und die Demokratie beerdigen. Ich würde sagen: ja, es sind böse Menschen, die die entfesselte Dynamik der Krise für sich ausnutzen. Aber sie haben das nicht geplant. – Dennoch hat er einen Punkt. Das »nackte Leben« ist ein hypothetischer Fluchtpunkt der gegenwärtigen Umorganisation der Gesamtgesellschaft. Aber es ist nicht bloß das nackte Leben dessen, der keine Rechte hat, und schon gar nicht das nackte Leben eines Lagerinsassen, der in einem rechtsfreien Raum einsitzt. Es ist das nackte Leben als letzte Bezugsgröße der kapitalistischen Erwerbslogik, der Mensch, reduziert auf seine Funktion innerhalb dieser Ökonomie. Also jener Massenpunkt. Kein Körper, kein Gott, kein Geist, keine Sozialität, keine Spontanität; in Kürze: nichts, was ansteckt.

*

Es geht nicht darum, Menschenleben zu retten. Hat sich ein Staat jemals darum geschert? Den Kern der gegenwärtigen Krise ist die Angst vor Kontrollverlust. Ansteckung und Mutation sind der Inbegriff solchen Kontrollverlusts. Die Rückführung der Gesellschaft auf die ihr zugrundeliegende Wahrheit, die Quarantäne als Anthropologie der kapitalistischen Gesellschaft, die Zerschlagung all der hübschen Konsumschleier, die uns Sozialität vorgaukeln – all das musste unternommen zu werden, um die Kontrolle wiederzugewinnen.

Wolfram Ette     


 

Harald Welzer, Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt am Main 2015, 116.

Giorgio Agamben, Ich hätte da eine Frage. NZZ, 15.4.2020.

Corona 41: Jetzt WAR Pest

Über Stifters Granit 

Adalbert Stifter schreibt in ›Granit‹, einer Geschichte, in deren Mittelpunkt die Pest steht:

»Man hatte vorher in Winterabenden erzählt, wie in andern Ländern eine Krankheit sei, und die Leute an ihr wie an einem Strafgerichte dahin sterben; aber niemand hatte geglaubt, daß sie in unsere Wälder herein kommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt, bis sie kam.«

»Kommen werde« – »kömmt« – »kam«, das sind die Zeitstufen, die hier auf engstem Raume aufeinandertreffen, identisch fast, doch unterschieden zugleich. Eine Explosion des Kommens der Vokale und all ihrer, sich im Raum verteilenden Splitter: O – Ö – A. Man steht vor der Frage nach ihrem Status. Was »kömmt« oder »kam« oder »wird noch kommen«?

Zuerst wird eine Zukunft antizipiert. Doch weil sie im Zeichen der Negation steht – niemand glaubt, dass die Pest kommen wird – ist sie eigentlich nur die Bestätigung dessen, was man durch die Vergangenheit wie durch die Gegenwart ganz sicher zu wissen glaubt: dass sie »zu uns« nicht »kömmt«, will heißen: nicht kommen wird.

Wichtig ist, dass das Präsens verwendet wird (wenn auch mit futurischem Unterton). Dieses ist, was allen Sicherheit vermittelt: Die Pest ist nicht da, kommt nicht, also ist auch nichts zu befürchten. Dem Präsens wächst die lange Dauer zu. Sie nährt sich von Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden: Die Pest war nie gekommen, und das will heißen: Sie »kömmt« auch jetzt nicht. Das »Nie« ist ein Siegel, mit der das jeweilige Jetzt gegen eine »fremde«, bedrohliche Zukunft abgedichtet wird. Auch wenn das Jetzt vergeht und einem neuen Platz macht, nährt sich das Bewusstsein von der Gegenwart doch immer davon, dass andere Gegenwarten (also Vergangenheiten) stets ohne die Pest gelebt haben.

Doch dann kommt der Umschlag. Hören wir noch einmal den Satz: »[N]iemand hatte geglaubt, daß sie in unsere Wälder herein kommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt, bis sie kam.« Das Plusquamperfekt des »hatte geglaubt« steht in einer klaren zeitlichen Beziehung zum »kam«: Erst »hatte« niemand es »geglaubt«, doch dann »kam« die Pest. So weit ist alles noch ganz logisch: Das Kommen (das semantisch die Idee von Bewegung, d.h. etwas Prozesshaftes in sich enthält) entfaltet seine Wirkung. Erst bestand eine bestimmte Überzeugung, dann musste diese korrigiert werden. Ein neues Wissen wurde geboren. Man scheint es jetzt besser zu wissen.

Doch verwirrend ist das eingeschobene Präsens: Die Pest ist offenbar schon gekommen (sie kam, wird nicht erst noch kommen), doch das Präsens wirkt, als werde zurückgenommen, dass sie durch ihr Kommen das Vertrauen schon durchbrochen hat – das Vertrauen, das vorher geherrscht hatte: »Niemand hatte geglaubt«, dass die Pest »kommen werde«. Aber jetzt kann niemand mehr glauben, dass sie nie kommen wird, denn gekommen ist sie ja schon, und dadurch hat sich die Überzeugung als falsch erwiesen, dass das »Nie« der kausalen Aussage »weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt« ein für alle Mal gilt. Die Vergangenheit drängt sich mit Macht in die Gegenwart, und weil die Gegenwart sich stets erneuert und das Zukünftige in sich aufnimmt, kann eben auch die Zukunft wieder eine neue Pest bringen.

Das Präsens aber besagt in apodiktischer Form das Gegenteil. Die Regel »Nie kömmt etwas Fremdes zu uns herein« ist keine (und ist doch eine). Sie war eine, aber sie gehört der Vergangenheit an. Unsere eigene Gegenwart wird wieder eine sein, in der es die Pest »nie« gibt. Die Regel, die sich im Einst als falsch erwiesen hat, gewinnt den Status des Regelhaften zurück.

Und doch macht Sinn, dass Stifter zwischen das Plusquamperfekt und das Präteritum das Präsens setzt. Gewaltsam fast geschieht das, verwirrend auch durch dieses ihr Eingespannt-Sein zwischen zwei Tatsächlichkeiten: Die eine Tatsächlichkeit war die falsche Annahme, unberührt bleiben zu können, die zweite die Tatsächlichkeit der Pest, die die erste korrigierte. Doch zwischen ihnen kann jetzt eigentlich nur eine Form des Rückschlags vom »kam« auf das »Kommen« allgemein erwartet werden. Man würde erwarten, dass die Erzählerstimme sagt: »[N]iemand hatte geglaubt, daß sie in unsere Wälder herein kommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns herein kam, bis sie kam.« Denkbar wäre auch gewesen, zu sagen: »[N]iemand hatte geglaubt, daß sie in unsere Wälder herein kommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns herein gekommen ist, bis sie kam.«

Aber genau diese Idee, dass Irrtum und Aufhebung des Irrtums in der Vergangenheit stattgefunden haben und bis ins Jetzt als neues Wissen fortwirken – die Pest »kömmt« eben auch zu uns, die Vergangenheit hat es bewiesen –, ist nicht das, was den Erzähler interessiert. Ihn erzählt die Rückkehr der Haltung, die zuvor vorherrschte. Er betont das Fremde der Pest, d.h. zeigt, dass sie auch dann noch fremd bleibt, wenn man notgedrungen, durch das bloße Faktum ihres Gekommen-Seins, schon vertraut mit ihr geworden ist.

Diese Fremdheit kann zwei Gründe haben. Grund eins: Die Pest kommt, zerbricht das »Nie« und ist doch, eben weil sie bei aller Vertrautheit so fremd ist, etwas, von dem man hofft, es werde nie wieder kommen. Weil die Fremdartigkeit und Schrecklichkeit der Pest so immens sind, schiebt sich die Hoffnung in das einstige »Nie« und verhilft ihm – dem »Nie« – zu einer neuen, erneut hoffenden Gegenwärtigkeit: Es dürfte nicht sein, dass die Pest wirklich gekommen ist, also hofft man darauf, dass es sie »nie« wieder geben wird. Und weil Hoffnung eigentlich zu wenig ist (es hat sich ja schon einmal gezeigt, dass sie nicht griff), greift man auf eine Formulierung zurück, die Sicherheit verheißt: »Nie« »kömmt« sie zu uns herein.

Und hier kündigt sich nun Grund zwei an, ein Grund, der nun seinerseits in den ersten greift: Der Einbruch von Gegenwärtigkeiten, die man einst nicht hatte wahrhaben wollen, weil in ihnen das »Gegen«-Menschliche so stark war, führt das Angebot mit sich, einfach an diese Kontinuität anzuknüpfen, dort weiterzumachen, wo die Pest alles unterbrochen hatte: Damals (bevor sie kam) hatte es keine Pest gegeben und jetzt, in der eigenen Gegenwart, gibt es auch keine, also geht man davon aus, dass es sie »nie« gibt, dass sie »nie« »kömmt«. Die einstige Gegenwart der Unwissenheit und falschen Hoffnungen wird unbesehen zur eigenen Gegenwart erklärt. Man könnte es in Parallele zu Karl Kraus Satz formulieren: »Jetzt war Krieg.«

Gehen wir aus von diesem Satz: »Jetzt war Pest.« Man verdrängt, was gewesen ist, und macht daher möglich, dass das, was gewesen ist, nur als Gewesenes (nicht aber als aktuell Weiterwirkendes und Zu-Bedenkendes) erscheint. Dass Pest ist, jetzt und hier, hat aber, so der Gedanke, damit zu tun, dass jede Erinnerung an’s Gewesene ausgelöscht und damit eine Zukunft hervorgebracht wird, in der erneut das wird, von dem man gerade meint, es werde nie sein. Wichtig an diesem Gedanken ist: Man glaubt, es werde nie sein – nicht: es werde nie wieder sein. (Hierhin besteht das Neue gegenüber dem erstgenannten Grund.) Denn wenn man das Wort »wieder« hinzunähme, gäbe man schon zu, dass es schon einmal die Pest (oder den Krieg) gegeben hat und dass man in der Gegenwart so zu leben hätte, dass die Pest nicht wieder auftreten kann. Das Oxymoron »Jetzt war« bedeutet aber, dass man so eben nicht lebt, sondern das Vergangene noch nicht einmal wahrgenommen hat. Das bedeutet wiederum, dass keine Konsequenz aus dem »Die Pest kömmt nie« gezogen wird und dass man daher erneut, »ungelernt« und unbelehrt, von Neuem an der Pest wird sterben müssen: Immer noch glaubt man, sie »kömme« »nie«.

Es wäre also der Satz »Jetzt ist Pest« von enormer politischer Bedeutung. Sie ist Voraussetzung für die Erinnerung an sie (und für deren bleibende Wirkung). Anzuerkennen ist, dass die jetzige Pest – die die Form des Virus hat – »über uns gekommen« ist als etwas wahrhaft Überraschendes. Aber überraschend war’s nur deswegen, weil wir, wie in »Granit« vorgeführt, immer wieder das Fremde an ihr betonen und daher unfähig werden, die Formulierung »weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt, bis sie kam« zu korrigieren. Es müsste heißen: »weil immer dann etwas Fremdes zu uns herein kömmt, wenn wir glauben, sie sei noch nie gekommen«. Oder auch: »weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt, sondern nur immer das Eigene«. Der letzte Satz würde dann auch besagen: Es gibt Gründe, warum sie kommt. Sie kommt nicht einfach, sondern man bewirkt ihr Kommen.

Dies ist der wahrhaft schmerzende Punkt, der erklärt, warum die Krankheit im Freud’schen Sinne »unheimlich« ist: unheimlich-heimisch, unheimlich-vertraut, die Marke der Negationen abstreifend, sobald man zugibt, dass die Krankheit – auch! – etwas Selbstgeschaffenes enthält. Es mag zum Teil noch so sein wie bei Stifter: Die Krankheit ist wie ein »Strafgericht«, doch dieses bleibt einem wirklich fremd. Man hat es gar nicht verdient. Man weiß, dass es gar nichts zu strafen gab, zu strafen gibt.

Aber zugleich gilt eben auch, dass es in »andern Ländern« die Pest schon gab, und da das Konzept der »andern Länder« heute weniger denn je Sinn macht, hat man mit der Integration des »zeitlich Fremden« (die dem Muster langer Winterabende folgt: »Es war einmal…«) auch die Integration des »räumlich Fremden« (»Es war in andern Ländern…«) zu bewerkstelligen. Denn sonst droht dem Satz »Jetzt war Pest« gleich noch sekundiert zu werden durch die Worte »Dort ist Pest« (und nicht hier). Aber die Gegenwärtigkeiten dort sind eben schon die – erneut kommenden, auf uns zukommenden – Gegenwärtigkeiten des Hier. Und das nicht erkannt zu haben, darin besteht die Aktualität des Satzes: »Man hatte vorher in Winterabenden erzählt, wie in andern Ländern eine Krankheit sei, und die Leute an ihr wie an einem Strafgerichte dahin sterben; aber niemand hatte geglaubt, daß sie in unsere Wälder herein kommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt, bis sie kam.«

Anne Peiter

Corona 40: Sehnsucht

An eine von vielen

Vor dem Supermarkt treffe ich eine frühere Nachbarin. Ich habe sie eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Eine schöne Frau noch immer, doch vom Leben gezeichnet, viele gescheiterte Beziehungen, die letzte, die ich miterlebte und in der wieder einmal alles anders werden sollte, hat ihr eine kleine Tochter hinterlassen, die sie in Liebe und Armut erzielt. Ein wenig Esoterik gibt Halt. Ein Zeitalter der Liebe, so sagte sie mir vor einem dreiviertel Jahr, werde anbrechen.

Ich habe selbst eine Trennung hinter mir, bin beschädigt, ratlos, suchend, extrovertiert und in mich zurückgezogen seit einem Jahr. Alles gleichzeitig. Vom Zeitalter der Liebe hab ich noch nichts gemerkt. Sie weiß noch nichts davon, das verrät gleich ihre erste Frage. Also erzähle ich, gebe einen Abriss dieses einzigartigen Jahres.

Irgendwann liegt in der Luft – ich merke es an der beiderseitigen, ständigen Unterschreitung des gebotenen Mindestabstands –, wie schön es doch wäre, zusammenzuliegen und sich zu trösten. Die Wärme zu spüren, nicht zu reden, den Körpern eine Kommunikation überlassen, die nicht aus Ansteckung besteht. Zusammen schlafen – ja vielleicht. Ist aber nicht der Hauptpunkt. Es geht um die Nähe von Körpern.

Aber wir haben eine Epidemie, die uns zu Unberührbaren macht. Wir kommunizieren auf Distanz, idealerweise über körperlose Medien, die alles, was von uns ausgeht, desinfizieren. Wir sind kein Paar, das noch Rechte hat. Was, wenn wir eines würden? jetzt gleich? oder wenigstens ein halbes? wie es sich halt ergäbe? Ist es kein Recht, sich einem anderen Menschen anzunähern, wenn man ihn / sie begehrt? Ist der sexuelle Akt die einzig erlaubte Form der Nähe?

Hinzu tritt, dass ich mir vorkomme wie auf dem Präsentiertablett. Die anderen Kunden (nicht zahlreich) und das angemietete Wachpersonal (zahlreich), das jedem von uns einen zuvor desinfizierten Einkaufswagen zuweist, haben uns, so scheint es mir, die ganze Zeit im Visier. Argwöhnisch registrieren sie alle aus der Reihe tanzenden Bewegungen. Wieweit werden sich die beiden aneinander annähern? An welchem Punkt muss man eingreifen und sie auseinander treiben?

Ich werde von meinen eigenen Untertanenphantasien erdrückt, die das, was mich zu Beginn nur als schwacher Impuls streifte, mit einem Mal reizvoll bedeutsam erscheinen lassen, wie eine Wunde, die sich durch häufiges Berühren entzündet. Nach dem ersten Begehren entsteht ein zweites, ein drittes, ein viertes, aber nicht aus ihm, sondern aus der ohnmächtigen Opposition gegen die Einschränkung unseres Lebens, in der Opposition also gegen mich selbst, der ich mir ja einen Gutteil davon zusammenphantasiere.

Ich bin total konfus und was ich von der Frau eigentlich will, weiß ich schon gar nicht mehr. Derweil läuft das Gespräch weiter und weiter. Es hat sich mittlerweile der Epidemie zugewendet. Sie neigt zu Verschwörungstheorien, ich versuche freundlich zu bremsen. Und sie erzählt von der Blockwart-Mentalität in dem Haus, in dem sie wohnt und das ich kenne. Ich kann mir gut vorstellen, welche Fenster sich öffnen, wenn sie mit ihrem Hund in den nahe gelegenen Park aufbricht.

Erschöpft gebe ich auf und verabschiede mich. Ein gemeinsamer Impuls verbindet uns beim Weggehen: aufeinander zuzugehen und uns zu umarmen. Etwas davon nehme ich mit, überall dorthin, wo wir uns als verstreute Massepunkte bewegen.

Wolfram Ette

Corona 39: Gleichheit vor dem Tod.

Der Gevatter Tod

Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wußte er sich in seiner Noth nicht zu helfen, lief hinaus und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wußte schon, was er auf dem Herzen hatte und sprach zu ihm: „armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben und will für es sorgen, daß es glücklich wird auf Erden.“ Der Mann sprach: „wer bist du?“ „Ich bin der liebe Gott.“ „So begehr ich dich nicht zum Gevatter, denn du gibst den Reichen und lässest die Armen hungern.“ So sprach der Mann, weil er nicht wußte, wie weislich Gott Reichthum und Armuth vertheilt; wendete sich ab von dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: „was suchst du? ich bin der Pathe deines Kinds und will ihm Gold geben und alle Lust der Welt.“ Der Mann fragte: „wer bist du?“ „Ich bin der Teufel;“ „So begehr ich dich nicht zum Gevatter, du betrügst und verführst die Menschen,“ und ging weiter. Da kam der Tod auf ihn zu geschritten und sprach: „nimm mich zum Gevatter.“ „Wer bist du?“ fragte der Mann. „Ich bin der Tod, der alles gleich macht.“ Da sprach der Mann: „du bist der rechte, du holst den Reichen und den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann seyn.“ Der Tod antwortete: „ich will dein Kind reich und berühmt machen auf der Welt, denn wer mich zum Freund hat, dem kanns nicht fehlen.“ Sprach der Mann: „künftigen Sonntag ist die Taufe, da stell dich zu rechter Zeit ein.“ Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und hielt das Kind über die Taufe.

Als der Knabe nun zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pathe ein, nahm ihn mit sich hinaus in den Wald, und als sie ganz allein waren, sprach er: „jetzt sollst du dein Pathengeschenk haben. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen, stehe ich zu Füßen des Kranken, so sprich keck, ich will ihn wieder gesund machen, und gieb ihm nur von einem gewissen Kraut ein, das ich dir zeigen will, so wird er genesen; stehe ich aber zu Häupten des Kranken, so ist er mein und dann sprich: „alle Hilfe ist umsonst, der muß sterben.“ Dann zeigte ihm der Tod das Kraut und sprach: „hüte dich, daß du es nicht gegen meinen Willen gebrauchst.“

Es dauerte nicht lange, so war der Arzt in der ganzen Welt berühmt. „Wenn der den Kranken nur ansieht, weiß er gleich, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muß,“ so hieß es von ihm und weit und breit kamen die Leute und holten ihn und gaben ihm Gold, so viel, als er verlangte, also daß er bald große Reichthümer besaß. Nun trug es sich zu, daß der König auch krank ward, da wurde nach ihm geschickt, er sollte sagen, ob er sterben müßte. Wie der Arzt nun zu dem Bette trat, sah er den Tod zu Häupten des Kranken stehen, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. Der Arzt aber dachte, vielleicht kannst du den Tod überlisten, weils dein Herr Pathe ist, wird er’s so übel nicht nehmen, packte den König an und legte ihn verkehrt, so daß der Tod an seine Füße zu stehen kam; darauf gab er ihm das Kraut ein und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzt, machte ein böses, finsteres Gesicht und sprach: „diesmal soll dirs hingehen, weil ich dein Pathe bin, aber unterstehst du dich noch einmal mich zu betrügen, so geht dir’s selbst an den Hals.“ Bald darauf ward des Königs Tochter krank, und niemand konnte ihr helfen. Der alte König weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen erblindeten, endlich ließ er bekannt machen, wer sie vom Tod errette, der solle zum Lohn ihr Gemahl werden und die Krone erben. Nun kam der Arzt auch, aber der Tod stand zu Häupten, doch als er die Schönheit der Königstochter sah und an das Versprechen des Königs dachte, so vergaß er alle Warnungen, und ob ihn gleich der Tod ganz fürchterlich anschaute, so kehrte er doch die Kranke herum und gab ihr sein Kraut, so daß sich das Leben in ihr neu zu regen anfing.

Der Tod aber, als er sich zum zweitenmal um sein Eigenthum betrogen sah, trat zu dem Arzt und sprach: „nun folge mir,“ packte ihn hart mit seiner eiskalten Hand und führte ihn in eine unterirdische Höhle, in der viel tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten. Etliche waren groß, etliche halb, etliche klein; jeden Augenblick verloschen einige und brannten neue wieder auf, also daß Flämmchen hin und her zu hüpfen schienen. „Siehst du, sprach der Tod, das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halben Eheleuten in ihren guten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch haben auch Kinder und junge Menschen oft nur ein kleines Licht. Ist’s abgebrannt, so ist ihr Leben zu Ende und sie sind mein Eigenthum.“ Der Arzt sprach: „zeige mir nun auch mein Licht.“ Da deutete der Tod auf ein ganz kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: „siehst du!“ Da erschrak der Arzt und sprach: „ach, lieber Pathe, zündet mir ein neues an, damit ich meines Lebens erst genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.“ „Ich kann nicht, antwortete der Tod, erst muß ein’s verlöschen, eh’ ein neues anbrennt.“ „So setzet das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist;“ sprach der Arzt. Da stellte sich der Tod an, als wollte er seinen Wunsch erfüllen, langte ein frisches großes Licht herbei, aber beim Unterstecken versah er’s, um sich zu rächen, absichtlich und das Stückchen fiel und verlosch. Da sank der Arzt mit um, und war nun selbst in die Hand des Todes gefallen.

(Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm, KHM 44)

 


 

Kommentar 1

Suche nach Orientierung. Können Märchen dabei helfen? Lösen sie Deutungen aus, die als unterstreichenswert gelten dürfen? Und sind es die richtigen, die hier versuchshalber unterstrichen wurden, als Brücke zur Gegenwart?

Ein unheimliches Märchen. Ein Mann, für den die Erfahrung von Armut die allesbeherrschende ist, zieht gleich mehrere Figuren an, die bereit sind, ihm zu helfen. Dabei geraten die herkömmlichen Hierarchien jedoch vollkommen durcheinander. Gottvater selbst will sich als Gevatter des Kindes annehmen. Doch er wird abgelehnt. In ihm sieht der Arme nichts anderes als den Verteidiger des Status Quo: Den Reichen werde gegeben, die Armen hungerten. Der Vater geht aus von dem, was ihn sein bisheriges Leben gelehrt hat. Seine Suche nach einem Paten für das Kind entspricht der Suche nach echter Gleichheit. Er ist daher bereit, das Versprechen zu brechen, mit dem er sich auf die Straße begeben hat: Den Ersten wollte er bitten, der Gevatter des Neugeborenen zu sein – den Ersten, was zu heißen schien: den Erstbesten.

Und in der Tat leuchtet im Text auf, dass dieses Wort – der Erstbeste – eine neue Bedeutung gewinnen könnte: Der Erstbeste ist nicht irgend jemand, sondern wirklich der Beste, den es gibt – eben Gott. Und auch das, was Gott verspricht, übersteigt alles, was ein armer Mann mit dreizehn Kindern sich erhoffen kann: Er verspricht, für das Kind zu sorgen und es glücklich zu machen »auf Erden«. Gott macht also ein ebenso attraktives wie erstaunliches Angebot. Er verweist nicht allein auf die jenseitige Glückseligkeit, sondern begründet mit dem Mitleid, das die Armut des Mannes ihm einflößt, auch seinen Willen, das Kind schon hiernieden glücklich zu machen. Mehr kann der Vater also gar nicht wünschen. Das Unwahrscheinlichste erfüllt sich gleich zu Beginn. Das Höchste, was man sich ersehnen kann, ist da, als Gabe. Der Vater muss sie nur annehmen, dann wird das Kind sein Lebtag aller Sorgen ledig sein.

Doch so, wie der Text mit der staunenswerten Erfüllung beginnt – eben diesem Erscheinen Gottes – und demnach erwarten ließe, dass die Geschichte hier schon zu ihrem überaus glücklichen Ende finden wird, so setzt sie sich auch fort, nämlich: Staunen erregend. Offenbar ist der Vater nicht wirklich ausgezogen, um eine Lösung für sein Neugeborenes zu finden. Vielmehr vermitteln Kürze und Entschiedenheit, mit denen er Gott abweist, den Eindruck, dass er dabei ist, die Gleichheit zu suchen. Das Glück des Kindes erweitert sich zu einer sehr viel weitergehenden Forderung, nämlich der, das Verhältnis von Arm und Reich von Grund auf neu zu bestimmen.

Dabei ist der arme Mann jedoch nicht einmal als teuflisch Verführter zu bezeichnen. Die zweite Begegnungsszene zeigt es: Der Suchende stößt zwar Gott zurück, doch das heißt noch lange nicht, dass er sich dem Teufel ergeben würde. Dieser wird vielmehr sogleich als Betrüger und Verführer abgetan und das zweite Angebot, das »Gold in Hülle und Fülle und alle Lust der Welt« versprach, abgelehnt. Erneut zeigt sich, dass es dem Vater, der »Tag und Nacht arbeiten« musste, um seinen Kindern »nur Brot geben« zu können, die Einschaltung der urteilend-auktorialen Stimme, die nach der Begegnung mit Gott im Text hörbar wird, nicht verdient. Diese Stimme erinnert die Leserschaft daran, dass der Mann nicht gewusst habe, »wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt.«

Doch dieser Einschub bleibt dem Drang, mit dem der Vater seine Suche fortsetzt, ganz fremd. Die Entschiedenheit, mit der er den Teufel von sich weist, zeigt, dass es ihm nicht um den Reichtum an sich geht. Sein Leiden ist weniger ein Leiden an der Armut, sondern vielmehr ein Leiden an der Ungerechtigkeit, die der Ungleichheit der Menschen innewohne. Und diese Ungleichheit ist nicht einfach nur da, ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hergestelltes: Gott hat die Macht, zu geben und zu nehmen, und weil er beim Geben und Nehmen keine Gerechtigkeit walten lässt, stellt sich auf Seiten des armen Mannes die Gewissheit ein, Gott und Teufel seien letztlich identisch: Betrügerisch gehen beide vor.

So ist es denn nur konsquent, wenn sie beide vom Armen in einer großen Geste der Revolte zurückgewiesen werden und die Suche des Vaters ihren Fortgang nimmt. Auf Gott und Teufel mag er nicht zählen, und auch nicht auf den Reichtum, die Sorglosigkeit und die Lust, die beide, wenn auch in variierenden Worten, versprechen. Der Arme legt ein Selbstbewusstsein an den Tag, das mit seiner sozialen Position schwer vereinbar zu sein scheint. Eigentlich steht es ihm nicht zu, das Brot auszuschlagen, das er normalerweise im Schweiße seines Angesichts und kaum ausreichender Menge verdient – das Brot, das ihm jetzt »in Hülle und Fülle«, im reinen Überfluss, zum Angebot gemacht wird.

Doch die Klimax, auf die die beiden ersten Szenen hinauslaufen, zeigt, worauf es ihm ankommt. Der Leser weiß es schon: Die dritte Begegnung wird die allesentscheidende sein. Die ersten zwei sind nichts anderes als ein Vorspiel zum Eigentlichen. Und in der Tat hatte der Titel des Märchens schon angedeutet, wer im Zentrum des Geschehens stehen wird: der Gevatter Tod. Er ist es, dessen Angebot der arme Mann annimmt, ihm wird Vertrauen entgegengebracht. Während Gott und Teufel sich genötigt sahen, Versprechungen zu machen, um dem Armen zu einer Entscheidung zu ihren Gunsten zu ermuntern, sagt der Tod nur, wer er ist. Das reicht, um den Entschluss des Armen herbeizuführen. Keine Leistungen, keine Gaben sind nötig, um den Tod als den erwarteten, den besten und überzeugendsten Gevatter erscheinen zu lassen: Dass der Tod der große Gleichmacher ist, dass er Arme wie Reiche hole, »ohne Unterschied«, das ist das entscheidende Argument. Was der Tod dann noch verspricht, ist eine Draufgabe, ist ein Zusatz – die Entscheidung für ihn aber ist längst gefallen.

Es zeigt sich, dass der Vater seinen Neugeborenen nur auf eine Weise zu erhofften Gleichheit verhelfen kann: indem er ihn nämlich, kaum geboren, in die Hände des Todes legt. Das könnte bedeuten, dass er jede Hoffnung aufgegeben hat. Angesichts der Armut, die es unmöglich macht, die übrigen zwölf Kinder richtig zu ernähren, wäre dem dreizehnten ein schneller Tod zu wünschen.

Doch der Vater war ja auf die Straße gegangen, um einen Paten zu finden, und das hieß eben: Das Kind sollte von diesem aus der Taufe gehoben werden. Insofern aber die Taufe mit dem Wasser des Lebens vollzogen wird, war es nicht allein der Todeswunsch, der den Vater zu seiner Suche bewog. In der Tat trägt er dem Tod, nachdem dieser versprochen hat, das Kind reich und berühmt zu machen, auf, pünktlich zur Taufe zu erscheinen und verlässt ihn sogleich.

Dieses Versprechen ähnelt nun dem vorherigen Versprechen auf erstaunliche Weise. Gott verheißt dem Kind ein sorgenfreies, glückliches Leben, der Teufel »Gold in Hülle und Fülle«, der Tod schließlich Reichtum. Nur ein Element kommt hinzu, und das ist die Berühmtheit. Wie der weitere Fortgang der Geschichte zeigt, hat die Berühmtheit mit dem innigen Kontakt zu tun, den das Kind durch Taufe und Leben unter dem Schutz des Todes, zu eben ihm – nämlich dem Tod – entwickelt. Die Patentschaft des Todes äußert sich darin, Todgeweihte von denjenigen unterscheiden zu können, deren Lebensfrist noch nicht abgelaufen ist. Das, was als ärztliche Kunst erscheint – die Lebenserwartung von Kranken treffsicher vorauszusagen – verdankt sich in Wirklichkeit einer Absprache. Das zum Erwachsenen gereifte Patenkind wird eingeweiht in die symbolische Stellung, die der Tod an den Betten der Kranken jeweils einnimt. Es reicht also, zu sehen, wo er steht, um zu sagen, wie es um den Kranken steht.

Das Kraut, das der Tod seinem Patenkind im Wald zeigt, ist hingegen ein bloßes Anhängsel eines anderen, vom Tod schon festgelegten Wissens. Zwar tut das Kraut seine Wirkung, d.h. es macht Kranke wieder gesund, doch eigentlich beschränken sich die ärztlichen Heilungsversuche darauf, eine Entscheidung zu befestigen, die der Tod längst getroffen hat. Der Handlungsspielraum des Arztes ist ein extrem geringer. Er wird zum bloßen Sprachrohr des Faktischen: Entweder der Kranke stirbt oder er stirbt nicht. Die Berühmtheit des Arztes ist eine zwielichtige. Sie beruht darauf, dass stets eintritt, was der Tod durch sein Stehen am Kopf- oder Fußende des Krankenlagers je schon festgelegt hat. Der Nimbus des Arztes beruht auf der Unfehlbarkeit seiner Voraussagen, und weniger auf seiner Fähigkeit, Kranke gesund zu machen.

Zwar gelingt ihm auch das, und überdies mit der gleichen Unfehlbarkeit, die sein Urteil über den bevorstehenden Tod anderer Patienten kennzeichnet – doch entscheidend ist trotzdem, dass das eigentliche Patengeschenk darin besteht, etwas zu sehen, was andere nur ahnen, jedoch nicht mit Sicherheit benennen können: ob der Tod schon am Fußende bereitsteht, um den Kranken mit sich zu nehmen, oder ob noch Hoffnung auf Aufschub besteht.

Dieser Determinismus ist, wie die strenge Rede des Gevatters an seinen Paten zeigt, kein unaufhebbarer. Das Kraut ist wirklich ein Kraut, das heilt, und es ist so stark, dass es sogar das Urteil, das der Tod über einen Kranken gefällt hat, aufzuheben vermag. Zwar ist es die Scharfsichtigkeit der Prognosen, die den Arzt berühmt und reich macht, doch eigentlich besteht seine Macht in der Verfügung über dieses Kraut. Insofern ist dieses doch nicht sekundär. In dem Moment, in dem der Arzt das Wissen, das ihm der Tod vorgibt, nicht mehr übernimmt, sondern sein eigenes, heilendes Wissen diesem entgegensetzt, hebt er den Determinismus auf und schränkt er die Macht des Todes ein.

Die Einschränkung kommt immer nur den anderen zugute: Je stärker sich der Arzt von den Vorgaben des Todes löst und allein über die Heilung zu verfügen beginnt, desto mehr läuft er selbst das Gefahr, die Drohung auf sich zu lenken, die ihm der Tod bei der Einweihung in die Macht des Krautes mit auf den Weg gegeben hatte: dass es ihm schlecht ergehen werde, wenn er gegen seinen, des Todes, Willen handle. Jede neue Rettung von Menschenleben führt also den Arzt hin zu seiner eigenen Katastrophe. Die Vermeidung des Todes für die anderen schlägt um in ein Todesurteil gegen ihn selbst.

In Bezug auf die deterministische Grundhaltung, dem der Vater des Paten das Wort geredet und die der Tod selbst dem erwachsen gewordenen Kind gegenüber bekräftigt hatte, ist der folgende Schluss zu ziehen: Wenn es dem Patenkind nur so lange nicht schlimm ergeht, wie er seine Patienten ihrem vom Tod bestimmten Schicksal überlässt, ist er nicht wirklich ein Arzt zu nennen. Vielmehr verzichtet er darauf, zum Kern seines Berufs vorzudringen. Und dieser Kern ist: sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Tod zu stellen – und also auf die Seite des Lebens. Genau dies aber unterlässt der Arzt. Seine Berühmtheit verdankt sich einer Haltung, die sich kaum von der des gescholtenen Teufels unterscheidet: Er betrügt. Es ist der Tod, der dem Arzt eingibt, bei bestimmten Patienten zu sagen, alle Hilfe sei umsonst. Der Betrug besteht also darin, noch nicht einmal zu versuchen, ob alle Hilfe umsonst ist.

Das ist darum besonders perfide, weil dem Arzt durchaus bewusst ist, dass der Tod ihm das Mittel in die Hand gegeben hat, noch die verzweifeltsten Fälle zu heilen. Der Tod hat gleichsam sein eigenes Leben und Tun in die Hand seines Schützlings gelegt. Würde dieser allen Patienten das Kraut verabreichen, wäre der Bann des Todes überhaupt gebrochen.

Aber der Tod ist nicht umsonst der Tod. Zwar versteht er sich auf die Kunst des Heilens, doch das heißt noch lange nicht, dass das Lebensspendende, das dem Kraut innewohnt, sich zur Herrschaft über die gesamte Welt des Lebendigen aufzuwerfen vermöchte. Es ist wichtig, dies ein weiteres Mal zu betonen: Das Kraut hilft immer nur dem anderen, dem Patienten – und nicht dem Arzt selbst. Dieser begibt sich in umso größere Gefahr, je weniger er an sich selbst denkt.

Das Paradox besteht nun darin, dass sich diese seine Gefährdung gerade an den Patienten erweist, die den Vater dazu bewogen hatten, die Hilfe Gottes und des Teufels auszuschlagen. Es ist der König, an dessen Krankenbett der Arzt zum ersten Mal den Ungehorsam einübt, durch den er plötzlich seinen Beruf erfüllt. Der König als einflussreicher und überhaupt reicher Mann, ist der Inbegriff von hierarchischen Strukturen, die die Ungleichheit zu etwas Dauerhaftem verfestigen. Der Sohn, um dessen willen der Vater den Vertrag mit dem Tod eingegangen war, widersetzt sich also nicht allein dem Tod, sondern auch dem Gleichheitsstreben, das am Ursprung seiner Taufe lag: Der Arzt wird zum Handlanger der Reichen und Mächtigen. Seine Gabe, das gesundmachende Kraut zu verabreichen, bekommt nicht ein armer Kranker, sondern ausgerechnet der König. Der Gleichmacher Tod, dem der Vater vertraut hatte, sieht sich überlistet, aber dadurch eben auch der Gleichheitsgedanke. Es zeigt sich, dass vor dem Tode eben doch nicht alle gleich sind, sondern ein König, zu dessen Krankenbett ein Arzt gerufen wird, größere Aussichten hat, zu gesunden, als ein Armer – schlicht weil er König ist und den Arzt zu einer Ausübung seines Berufes bringt, die bei einem Armen stets dem Determinismus gewichen wäre. Der Arzt, dessen Leben dem väterlichen Willen nach im Zeichen der Gleichheit hatte stehen sollen, wird zum Verteidiger der sozialen Ungleichheit.

Doch in Wirklichkeit ist dieser Bruch mit dem Vater natürlich schon in der Wahl des Berufs selbst angelegt. In dem Moment, in dem sich der Arzt die Heilung von Kranken zur Aufgabe macht, löst er sich ab vom Gleichheitsgedanken, den der Vater in aller Radikalität vertreten hatte. Der Tod ist nur so lange ein Gleichmacher im reinsten Sinne, wie sich die Kranken in die Hand Gottes begeben und gar nichts zu ihrer Heilung unternommen wird. Sobald der Arzt auf den Plan tritt, ist schon der erste Schritt hin zur Ungleichheit getan.

In gewisser Weise ist die Erkrankung des Königs aber doch auch ein Beweis für diese Gleichheit, denn es werden eben nicht nur die Armen krank, sondern die Krankheit trifft, wen immer sie will. Diese Tatsache wird im Märchen durch den weiteren Verlauf gestützt, zu dem es nach der – sozusagen widerrechtlichen, dem Tod zuwiderlaufenden – Heilung des Königs kommt. Es ist, als habe der König seine Tochter mit dem Tod angesteckt und als zeige sich die Gleichheit aller vor dem Tod nun noch einmal und sogar in gesteigerter Form. Denn die Königstochter ist nicht nur Mitglied der reichsten und wichtigsten Familie des Landes, nicht nur Teilhaberin an der Spitze der herrschenden Hierarchie, sondern sie ist zugleich auch wegen ihres jungen Alters besonders zu bedauern, mehr noch als der König. Die Gleichheit, die der Tod verkörpert, schlägt gewissermaßen doppelt zu: dadurch, dass der Tod der sozialen Stellung der Prinzessin nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt, und dadurch, dass sie trotz ihres jungen Alters sterben soll.

Der Arzt wiederum folgt einem neuen Prinzip, und dies hat augenscheinlich nicht nur damit zu tun, dass er die geltenden, hierarchischen Strukturen verinnerlicht und »rettungswürdige« Patienen von solchen unterscheidet, die man sterben lassen kann. Vielmehr stellt die Häufung von tödlichen Krankheiten in ein- und derselben Familie – erst der Vater, dann die Tochter – ein Movens dar, um den Tod nicht länger hinzunehmen. Die flehende Rede, die der genesende König dem Arzt hält, löst genau das Gefühl aus, das Gott als Grund dafür angeführt hatte, dem Neugeborenen helfen zu wollen: Der Arzt empfindet Mitleid. Dieses Mitleid ist zunächst einmal eines mit dem Vater. Er ist es, der wegen der Erkrankung seines einzigen Kindes Tag und Nacht weint, bis hin zur Erblindung.

In einem zweiten Schritt ist es dann jedoch auch die Kranke selbst, die das Mitleid auf sich zieht. Das Märchen betont, wie schön sie sei. Der Wunsch des Arztes, ihr zu helfen, hat offenbar auch damit zu tun, dass diese ihre Schönheit mit dem Tod vergehen müsste. Entscheidend aber wird das lockende Versprechen, das derjenige, der seine einzige Tochter rette, Hochzeit mit ihr halten und König werden dürfe. Es ist also die Aussicht auf einen geradezu superlativischen Aufstieg, der den Arzt dazu veranlasst, alle Drohungen, die der Tod nach Heilung des Königs gegen ihn ausgestoßen hatte, in den Wind zu schlagen. Er heilt auch die Tochter und verhindert so, dass dem Vater seine eigene Heilung zur Bitternis werden muss.

Doch nach dieser zweiten Heilung steigert sich die Drohung des Gevatters Tod zu einer superlativischen: Während er sich nach Heilung des Königs noch damit begnügt hatte, seinem Patenkind böse und finster mit dem Finger zu drohen, begleitet er die Heilung der Königstochter bereits mit geballter Faust. Zur Klimax kommt es, als dieselbe Hand nach der Rückkehr der Königstochter zum Leben nun den Arzt selbst packt und mit sich nimmt. Von des Todes Hand wird gesagt, sie sei eiskalt, und so ist auch die Atmosphäre in der Höhle, in die der Arzt aufgrund seines Betrugs geschleppt wird. Die Lebenslichter, die dort brennen, bestätigen, was der Vater am Tod anziehend fand: Jeder hat sein Lebenslicht, und wie lange es brennt, hat allein mit der Länge des Lichts und nichts mehr mit sozialen und sonstigen Unterschieden zu tun.

Das Merkwürdige des Schlusses besteht darin, dass der Tod, der doch über das Leben der Menschen zu verfügen können scheint, selbst einen teuflischen Betrug begehen muss, um sein Patenkind mit dem Tod zu strafen: Er tut nur so, als würde er dessen Lebenslicht verlängern, nutzt die neue Kerze in Wirklichkeit aber nur, um das letzte, verbleibende Flämmchen auszulöschen. Da dieses schon ganz klein geworden war, war damit zu rechnen gewesen, dass es ohnehin bald erlöschen würde. Doch offenbar führt der Tod zum Schluss eine gewisse Beschleunigung herbei, tötet also den Arzt zu einem früheren Zeitpunkt als vorgesehen. Die Lebenszeit, die mit dem brennenden Docht von jeher vorgegeben zu sein schien, ist es dann plötzlich doch nicht. Der Tod kann, wenn er will, modulierend wirken.

Er stellt damit so etwas wie ein neue Form von Gleichgewicht her: Der Arzt hat ihn um den Tod der beiden königlichen Patienten betrogen – jetzt betrügt er umgekehrt den Arzt. Es ist also so, als gäbe es die Möglichkeit, Lebenszeiten gegeneinander zu verrechnen. Lebt der eine länger, musst der andere dafür zahlen. Schlägt der Arzt dem Tod ein Schnippchen, schnappt der Tod anderswo zurück. Die Gleichheit ist keine durch festgelegte Lebenslichter je schon gegebene. Vielmehr stellt Gleichheit einen Prozess des kollektiven Ausgleichs dar: Wenn der König dem Tod entkommt, muss dieser eben auf andere Weise seine Ansprüche befriedigen. Die kollektive Dimension des Sterbens, ihre Interdependenz, leuchtet durch die Geschichte.

Die Begegnung mit dem Tod ist nicht allein durch’s Lebenslicht und seine Dauer bestimmt. Der Tod selbst verfügt über Mittel gegen sich selbst. Das Kraut ist die Widerlegung seiner selbst. Sobald der Arzt dasselbe in der Hand hat, hat er eigentlich auch den Tod in der Hand. Denn in dem Moment, in dem der Arzt beginnt, unabhängig darüber zu befinden, wer weiterleben dürfe, macht er den Tod sinnlos und verurteilt ihn durch diese neue, potentiell universale Wirkungslosigkeit selbst zu so etwas wie einem Tod – hier: zur Wirkungslosigkeit. Wenn der Tod nicht mehr töten kann, ist er nicht mehr. Und da man, wenn man nicht mehr ist, als tot zu gelten pflegt, enthält das Kraut den Gegensatz zwischen Tod und Leben in sich: Das Kraut belebt die Sterbenden, gibt sie dem Leben zurück – und proportional dazu verurteilt es den Tod zur Machtlosigkeit.

Erstaunlich an dem Märchen ist, dass der Arzt dem Tod noch dann vertraut, als er diesen schon betrogen hat. Es ist, als wirke die Zuversicht des Vaters nach, der im Tod den großen Gleichmacher gesehen hatte. Einen Gleichmacher, der, anders als der Teufel, ehrlich ist. Doch der Arzt selbst vergeht sich gegen diese Gleichheit, denn er rettet die beiden Kranken, die aufgrund ihrer sozialen Stellung aus der Masse hervorgehoben sind. Weil er zu allem Überfluss dann auch noch selbst König zu werden hofft, macht er sich bezüglich des Vermächtnisses des Vaters gleich doppelt schuldig: Er unterwirft sich den Hierarchien und gibt den beiden königlichen Patienten ein Leben zurück, auf das diese gar kein Anrecht hätten. Und er hofft, durch die Dankbarkeit, die ihm der König entgegenbringt, auf eine Erhöhung der eigenen, sozialen Position. Es ist, als verspreche sich der Arzt durch die bloße Aussicht, selbst bald zur Königsfamilie zu gehören, eine Überwindung des Todes. So argumentiert er denn auch dem Tod gegenüber, dass dieser doch bitte sein Lebenslicht verlängern möge, damit er dieses Glück noch genießen kann.

Der Tod aber entscheidet anders. In gewisser Weise erfüllt er damit die Forderung, die der Vater mit dem Auftrag, Pate zu sein, an ihn gestellt hatte. Er verwirklicht wirklich das Gleichheitsprinzip. Das bevorstehende, märchenhafte Glück ist kein Grund, nicht zu sterben. Das Schönste – Hochzeit und Königtum – gehört nicht zum Kraut, das Leben verheißt. Vielmehr agiert der Tod vollkommen unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation desjenigen, für den es an’s Sterben geht. Man könnte also sagen, dass sich, als das Lebenslicht des Arztes erlischt, etwas objektiv Notwendiges vollzieht. Er stirbt, weil dies der Moment seines Todes war.

Man könnte aber umgekehrt genauso gut die Geste des Auslöschens betonen, und dann käme der Tod des Arztes einer Strafe für seine Hoffnung gleich, sich dem Gleichmacherischen des Todes zu widersetzen. Für die Bestrafungsthese spricht, dass der Tod ausdrücklich auf Rache aus ist daher nur so tut, als könne das »frische[] große[] Licht« das neue Lebenslicht des Arztes werden. Das »Umstecken« wird zu einer versteckten Tötung.

Der Arzt, der bisher stets wusste, wer sterben würde und wer nicht, ist in Bezug auf seinen eigenen Tod merkwürdig blind. Der Tod steht da, doch da der Arzt nicht liegt, ist die räumliche Position, durch die der Tod stets anzuzeigen pflegte, ob er den betreffenden Menschen mit sich nehmen würde oder nicht, nicht erkennbar. Wenn der Arzt läge, wüsste er vielleicht, woran er ist. Stünde ihm der Tod zu Füßen, wäre sein Tod eine Sache, über die sich unter keinen Umständen verhandeln lässt.

In gewisser Weise ist das Ende des Märchens auch ein Nachdenken über den plötzlichen, unangekündigten Tod. Es ist der Sturz, der im letzten Satz erwähnt wird: Der Arzt sinkt um, liegt also nicht und stirbt dann, sondern stirbt und liegt dann. Es ist ein Tod, dem keine Schwäche vorausgeht. Tod und Arzt stehen sich zuvor als Ebenbürtige gegenüber. Wer steht, kann gehen, sich bewegen, verfügt über sich. Wer liegt, ist ausgeliefert. Darum ist es auch ein Zeichen von Macht, wenn ein Mensch liegt und der andere über ihm steht. Es ist das, was Schlafende um jeden Preis vermeiden wollen.

Im Märchen aber wird dieses körperliche Ungleichgewicht zwischen Tod und Arzt erst noch hergestellt. Es ist noch nicht eingetreten. Die Frage, ob der Arzt liegen wird, wie zuvor seine Patienten vor ihm lagen, ist eine auf Leben und Tod. Insofern ist auch die vorherige Stellung des Todes von größter Wichtigkeit. Am Fußende des Kranken zu stehen, bedeutete, dass dieser sterben würde, zu seinen Häupten zu stehen, hingegen die Rückkehr zum Leben. Dass der Arzt seinem eigenen Schicksal gegenüber blind ist, obwohl er zuvor stets wusste, wie es um seine Patienten stand, hat wesentlich mit diesem seinem – des Arztes – Stehen zu tun. Läge er, wüsste er auch. Unterwürfe er sich, indem er – liegend, sich hinlegend – seine Schwäche zum Ausdruck bringt, wäre der Betrug durch den Tod nicht möglich. Dieser müsste entscheiden, von welcher Seite er an den Arzt herantritt: vom Kopf- oder vom Fußende her. Der Tod könnte den Arzt dann immer noch töten, doch sein Tod wäre kein blinder mehr, sondern ebenso sehend wie all die Tode, die der Arzt als Arzt zuvor begleitet hatte.

Weil nun aber wiederum ein Arzt dies nur dann sein, wenn er steht, und nicht dann, wenn er sich zu seinem Patienten legt, steht er, wo er selbst plötzlich zu letzteren gehören soll, vor einem Dilemma. Er kann sich nicht hinlegen, weil er dann kein Arzt mehr wäre. Er kann aber auch nicht stehen bleiben, weil er als Stehender niemals erfahren wird, wie der Tod zu ihm steht. Diese Kenntnis setzt immer schon voraus, dass man die Schwäche anerkennt, wesentlich ein Liegender zu sein. Es ist, als wäre der Tod durch den Kontakt zur Königsfamilie zu dieser herrschaftlichen Geste des Immer-aufrecht-stehen-Wollens verführt worden, und als würde durch den plötzlichen Sturz, der den Abschluss des Märchens bildet, der Ausgleich zwischen Tod und Leben und zugleich auch ein Ausgleich zwischen Stehen und Liegen geschaffen.

Die einzige Frage, die dann noch offen bleibt, bezieht sich auf die rotierende Bewegung, in die der Arzt zuvor seine königlichen Patienten zu versetzten gewusst hatte. Die Rettung des Königs und seiner Tochter ist ja, so vermittelt uns das Märchen, nicht allein auf das Kraut zurückzuführen. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass der Arzt seine Patienten erst einmal vom Tod wegdrehen muss, um überhaupt die Chance zu haben, diesen Kraut und Leben einzugeben.

Dass der Tod in hoffnungslosen Fällen an’s Fußende zu treten pflegt, hat mit einer Tradition zu tun, die besagt, Tote dürften nur mit den Füßen voraus aus ihrem Haus getragen werden. Es ist, als bedeute die Annäherung des Todes an die Füße des Patienten, dass dieser niemals auf die Beine komme, kein Fuß mehr im Leben fassen wird.

Doch gleichzeitig ist die Wahl von Kopf- und Fußende auch ein Mittel der Kommunikation. Der Tod erhöht das aufrecht-stolze Stehen des Arztes, indem er im Wortsinn Stellung zum Sterbenden bezieht. Das aber ist in gewisser Weise schon ein Trick, ein taschenspielerischer. Als es am Ende um den Tod des Arztes geht, erweist sich, dass der Trick, der ihm zu Ruhm, Ansehen und fast auch zu einem Königtum verholfen hat, nur funktionieren kann, wenn es jemanden gibt, auf dessen Körper der Trick einwirken kann. Arzt und Tod brauchen immer einen Dritten, um ihre Absprache in die Tat umsetzen zu können. Und da die Tat immer über Tod und Leben entscheidet, ist es eben auch eine Frage auf Leben und Tod, wenn das Dritte wegfällt.

Das Kipp-Motiv, das den Text beschließt, antwortet auf dieses Dilemma: Der Arzt ist zum Schluss ein Stehender, der im nächsten Moment zu diesem Dritten – dem Liegenden – wird. Er sinkt (oder kippt) sich selbst zu Füßen, was bedeutet, dass der Tod nicht mehr an seinem Haupt stehen kann. Der Arzt ist das tertium comparationis zwischen dem Tod, gegen den er zu stehen versucht, und dem Liegend-Hingestreckten, den derselbe Tod ereilt. Mit anderen Worten: Der Arzt kann sich drehen und wenden, wie er will, sprachlich, körperlich – die Drehung, mit der er seine Patienten hatte retten können, wird ihm selbst nicht möglich sein.

Denn bevor er als Liegender seine Füße vom Tod wegdrehen könnte, muss er überhaupt in die Position des Liegenden gelangen, und darin besteht die ganze Schwierigkeit. Als Stehende und Miteinander-Sprechende sind Tod und Arzt zwei Figuren, die ihre Köpfe einander zuwenden. Doch wenn der Arzt fallen wollte (um zu erfahren, ob der Tod es ehrlich mit ihm meint und wirklich an seinem Kopfende stehen wird), müsste er, im Fall, dass der Tod ihm doch ans Leben will, die Kraft finden, seine Füße selbst, ohne ärztliche Hilfe, von seinem Gegner wegzudrehen, um zwischen seinem eigenen, liegenden Kopf und dem über ihm aufragenden des Todes das Gespräch und die Verhandlungen über‹s Leben fortzusetzen.

Das Märchen lehrt, wie schon weiter oben gezeigt, dass ein Arzt in den entscheidenden Momenten immer nur ein Arzt für jemand anderen sein kann, niemals aber für sich selbst. Der Arzt heilt andere, doch sich selbst nur so lange, wie er zu stehen vermag. In dem Moment, in dem er in die liegende Position gesunken und zum Drehen unfähig geworden ist, bräuchte er einen zweiten Arzt – einen anderen als sich selbst –, um weggedreht und wieder in die stehende Position des Lebens hochgezogen werden zu können. Das Märchen ist damit auch eines über die Einsamkeit von Ärzten. Sie stehen und stehen, doch in dem Moment, in dem sie zusammenbrechen, liegen sie und sind keiner Drehung mehr fähig.

Und weil die Umstehenden, die ihnen zur Hilfe kommen könnten, nicht den Blick und die Kenntnisse haben, die es ihnen erlauben würden, den Tod zu erkennen und den darniederliegenden Arzt von ihm wegzudrehen, sind Ärzte als Figuren zu betrachten, die der Gleichheit besonders ausgesetzt sind: Sie liegen wirklich, wenn sie liegen, und sind dabei ganz ehrlich, will heißen: hoffnungslos ausgeliefert. Zwar scheint es zunächst, als würden sie ihre Ebenbürtigkeit zum Tod aufrecherhalten, d.h. sich durch ihr Wissen selbst retten können, doch wie das Märchen zeigt, verhält es sich gerade umgekehrt: Das Wissen wird dem Arzt zum Verhängnis, wieder einmal. Er weiß mehr, als dem Tod lieb ist. Der akzeptiert dieses Wissen nur so lange, wie die Einsamkeit des Arztes gesichert ist.

Der Arzt muss zwischen all den vielen Lebenslichtern allein fallen, weit entfernt, in eine dunkle Höhle entführt, dahin, wo niemand die Wendung seines Geschicks herbeiführen kann. Ans Kopfende des Arztes zu treten, würde heißen, anzuerkennen, dass lebensrettend ist, was er weiß und im Kopf hat. Doch Ärzte können sich diesen ihren Kopf nur so lange bewahren, wie der Tod ihnen das Stehen zugesteht. Und weil eigentlich die Rückkehr von König und Königstochter zum Leben dafür verantwortlich ist, dass der Arzt im Wortsinn dem Tod anheim-fallen muss, zeigt das Märchen eine Art Opfertod. Schockierend an diesem ist, dass es der Arzt gut gemeint, dass er gegen seine eigenen Interessen gehandelt hat, und das gleich mehrfach. Hätte er nur den König gerettet, wäre sein Leben noch nicht in Gefahr gewesen. Der Tod hätte ihm verziehen. Doch als der Arzt dann auch die Prinzessin rettet, springt der Tod wie eine Ansteckung von der Prinzessin auf ihn selbst über und tötet ihn.

Als Opfertod kann man sein Sterben bezeichnen, weil er sein Leben an Stelle des königlichen hingibt. Das, was sein Vater hatte verhindern wollen, tritt ein. Der Arzt wird bestraft für die Sünde, die darin besteht, den Reichen und Mächtigen eine Vorzugsbehandlung zuzugestehen. Diese danken es dem Arzt nicht, sondern leben weiter, während er stirbt. In der Tat steht der Arzt am Bette des Königs und dann am Bette der kranken Tochter. Doch umgekehrt sind König und Prinzessin nicht da, als der Arzt ihrer bedarf. Die soziale Ungleichheit, die der Arzt durch die Anwendung seines Wissens zu durchbrechen meinte – eine Anwendung, die den Mächtigsten zugute kam –, erweist sich als beständig. Der Arzt bleibt Arzt und stirbt obendrein. Er rückt nicht zum König auf, sondern belässt den alten in seiner Funktion.

Insofern ist der Opfertod des Arztes doppelt tragisch. Der Arzt lässt sich verführen vom Gefühl des Mitleids, ohne einen Blick dafür zu entwickeln, dass die Hierarchien jede Wendung, Drehung zu seinen, des Arztes, Gunsten nicht vorsehen. In den Genuss der Drehung hin zu einem glücklichen und langen Leben kommen immer nur die Reichen. In dieser Hinsicht hat sich der Vater getäuscht und sich den falschen Gevatter für sein Kind ausgesucht.

Anne Peiter


Kommentar 2

Arzt ist derjenige, der nicht weiß, ja nicht einmal sicher wissen darf, ob ein Kranker todgeweiht ist. Er muss handeln, als sähe er den Tod nicht zu Füßen des Kranken, auch dann wenn er sich fast sicher ist ihn zu sehen. Aber eben nur fast. Es ist der Beruf des Arztes, sein ganzes Ethos, den Tod nicht zu akzeptieren und ihn zu ignorieren, wenn er im Raum steht.

Was aber, wenn er es mit zwei Patienten zu tun hat, sein Kraut aber nur für eine Person reicht? Kann er es aushalten, nicht zu blinzeln und kurz zu schauen, wo der Tod gerade steht? Wäre es nicht sogar überaus vernünftig? Er muss ja eine Person opfern. Ist es da nicht das richtige, seine ärztliche Kunst derjenigen zuzuwenden, bei der sie fruchten wird? Muss er nicht das Wissen über den Tod, all die Erfahrung im Umgang mit ihm, die er im Laufe seines Berufslebens angesammelt hat und die auch seine Qualität als Arzt ausmachen, an dieser Stelle zum Einsatz bringen? Muss er das Kraut nicht derjenigen geben, die die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hat? Denn mehr als Wahrscheinlichkeiten hat ein Arzt von heute, der nur blinzeln und den Tod nicht so deutlich erkennen kann wie der Arzt im Märchen, ja nicht vor Augen.

Und weiter! Nehmen wir an, vor ihm liegen der König und seine Tochter und soweit er ist eben – blinzelnd – erkennen kann, steht der Tod steht an ihren Häuptern. überleben kann aber trotzdem nur einer von beiden, die Person nämlich, der er sein Kraut verabreicht und seine ärztliche Kunst zuwendet. Er wird vielleicht denken: Die Prinzessin ist jung und sie ist schön. Ist ihr Leben nicht mehr wert als das des alten Königs? Oder anders: Hat sie nicht, als noch junger Mensch, ein größeres Anrecht darauf zu leben als ihr Vater? Aber wer will das wissen? Hat sie in ihrem jungen Leben als Prinzessin, umgeben von um sie herumflatternden Verehrern, vielleicht viel mehr Glück genossen als der von der Last seines seit Jahrzehnten ausgeübten Amtes gebeugte alte Mann? Er hat sie mir zur Frau versprochen, wenn ich sie rette. Aber kann er sein Versprechen halten, wenn ihr Leben mit seinem erkauft sein wird? Und wird sie mich dann auch zum Mann nehmen sollen? Wir leben nicht mehr im Märchen und die Prinzessin hat auch etwas zu sagen. Ist angesichts dieser Unsicherheiten meine ganze Existenz nicht viel besser gesichert, wenn ich meine Kunst an den König sende? Dieser wird bei allem Schmerz um seine Tochter sicher dankbar sein.

Der Arzt hat gar keine Zeit, diesen Gedanken nachzugehen, die Argumente abzuwägen, in Märchen oder Richtlinien zu lesen. Seine Patienten liegen beide im Sterben, sind ohnmächtig und können seine Gedanken nicht verfolgen. Er kann sie nicht fragen. Und irgendwo geistert der Tod durchs Krankenzimmer. Er ist übernächtigt und kurz davor, selbst zu Boden zu sinken. Zu retten sind vielleicht beide, vielleicht aber auch nicht. So kann er nur reflexhaft, »aus dem Bauch« das Richtige tun und das Zucken seiner müden Hände in die zart fließende Bewegung verlängern, mit der er einen von diesen beiden das Kraut auf die Zunge legt.

Wolfram Ette

Corona 38: Aus Afrika

Ab in’s KZ

Koch. Das ist jetzt der Name. Ein Symbol. Zahlen und Statistiken in täglicher Wiederkehr, und auch die Presse erinnert an Leben und Karriere des Nobelpreisträgers. Nur vergisst sie geflissentlich, dass Koch nicht nur in Europa unterwegs gewesen ist, sich nicht nur für Milzbrand, Tuberkulose und Cholera interessiert hat, sondern auch für die Schlafkrankheit und damit für Afrika. Daher seine Reisen in die deutschen Kolonien, um dort einen neuen, medizingeschichtlichen Durchbruch zu erzielen. Die Übertragungswege durch die Tse-Tse-Fliege waren zu erkunden, und am besten gleich auch ein Heilmittel gegen die tödliche Müdigkeit zu finden, die die Krankheit bis heute als ein beängstigendes Symptom begleitet.

Nach Deutschland zurückgekehrt, empfahl Koch den zuständigen Ministerialbeamten, sie mögen für eine strikte Trennung der Kranken von den Gesunden sorgen, um der weiteren Ausbreitung der Krankheit und den gravierenden ökonomischen Problemen, die mit dem Wegfall von Arbeitskräften einhergingen, einen Riegel vorzuschieben. Die Infizierten, die oft noch gar nichts von der Krankheit spürten, sollten in eigens errichteten Konzentrationslagern – so der von den Briten übernommene Ausdruck – abgesondert gehalten werden. Eine solche Maßnahme sei nicht so hart, wie es Europäern erscheinen möge, denn immerhin sei man nicht in Europa, sondern in Afrika.

Wie in anderen Kolonien benachbarter Staaten auch zeitigten die Maßnahmen die entgegengesetzte Wirkung: Die Schlafkrankheit breitete sich massiv aus. Die vollkommene Missachtung der sozialen Strukturen, die Unversorgtheit der Kranken, deren einzige Behandlung im Warten auf ihren Tod bestand, und die, im Widerspruch zum bloßen Warten geübte Praxis, ein neues Medikament an Patienten auszuprobieren, denen man nicht eigens zu erklären hatte, was sie erwartete, führten zu Fluchtbewegungen, durch die die Krankheit in neue, zuvor verschonte Gebiete drang. Die vermeintliche Lösung erhöhte die Infektionsrate.

Dabei wusste man sehr wohl, dass die Medikamente Patienten massenhaft erblinden ließen, man wusste auch, dass Familien brutal voneinander getrennt worden waren, doch man wollte nicht wahrnehmen, dass die von den europäischen Kolonialmächten gezogenen Grenzen, die jetzt im Kleinen durch die Konzentrationslager wiederholt werden sollten – als isolierte, in sich geschlossene Territorien im Kleinen –, ohnehin ganz und gar künstlich waren und den realen historischen Gegebenheiten nicht einmal in Ansätzen Rechnung trugen. Das Ergebnis war die Durchbrechung dieser Grenzen und das massive Um-sich-Greifen des Schlafes über die jeweiligen, von einem bestimmten europäischen Land geführte Kolonien hinaus. Die Krankheit zeigte, was von jeher gegolten hatte: Sie hatte keine Nationalität, jetzt noch weniger als zuvor.

Da der Schlaf der Gerechten bis heute anhält und die Idee, das, was in Europa als hart empfunden werde, werde in in Afrika noch lange nicht auf gleiche Weise empfunden, zählebig ist, darf man hoffen, dass Robert Koch vor eventuellen Neubelebungsversuchen hinreichend lange ausgekocht und damit sterilisiert wird. Hier sprudeln schon lange keine Inspirationsquellen mehr für’s Heute.

*

Kumulative Wirkung

Es ist nicht wahr: Afrika hat nicht mit anderen Problemen zu tun als mit dem Virus. Es hat mit anderen zu tun und mit dem Virus, und was das bedeutet, kann man wohl kaum ermessen, wenn das einzige Problem, mit dem man zu tun hat, das Virus, dieses spezielle, eine, ist. Die Masern greifen um sich, andere Viren, eben weil dieses eine Virus um sich greift. Impf-, Hilfs- und Nahrungsprogramme werden zurückgefahren, alles wegen des Coronavirus. Also kommt es in Europa zu Toten wegen dieses einen Virus, in anderen, ärmeren Ländern aber zu Toten wegen dieses einen Virus und wegen all der vielen anderen Probleme, die dadurch entstehen, dass Europa nur noch mit dem einen Virus beschäftigt ist und glaubt, es sei das einzige Problem, mit dem sich alle beschäftigten.

Also ist das Problem der armen Länder nicht allein das Virus, sondern die Art der Beschäftigung bei uns und mit uns, die aus dem Blick geraten lässt, dass anderswo, wo so viel anderes zu lösen war, das Virus ebenfalls ins Zentrum tritt, aber nur als Ausläufer einer Zentralität, die weiterhin von uns aus definiert wird, und nicht von denjenigen, die jetzt ein Problem haben mit anderen Problemen und mit dem Virus.

Anne Peiter  

Corona 37: Johannespassion

 

»Was nicht gebrochen wird, kann nicht gerettet werden.« (Heiner Müller)

 

In der Thomaskirche wird, wie in jedem Jahr, eine der Bachschen Passionen aufgeführt. Lange vor dem Ausbruch der Epidemie war beschlossen worden, in diesem Jahr die Johannespassion in einer modernen Fassung für Tenorsolo, Cembalo / Orgelpositiv und Schlagwerk ins Programm zu nehmen. Die Choräle sollten auf dem Altmarkt von der dort versammelten Menge Gottes- oder Bachbegeisterter intoniert werden. Eine Dekonstruktion des Gesamtkunstwerks seiner Zeit, verbunden mit der Hoffnung, durch die Zerschlagung des Zusammenhangs seine Verbindlichkeit in unsere religionsfernere Zeit zu retten.

Angesichts der Corona-Krise, die eine Ansammlung von 5.000 singenden Tröpfchenspendern im Juni unrealistisch erscheinen ließ, wurde die Aufführung auf Karfreitag vorverlegt. Die Choräle wurden aus aller Welt über Videokonferenzen zugeschaltet. Der demokratischen Zerstreuung des Gehalts kann das zugute. Die fragilen Knabenstimmen der Thomaner – den Choral »Wer hat dich so geschlagen« sangen sie zunächst zweistimmig, erst in der zweiten Strophe wurde der vierstimmige Satz gefüllt – standen neben ausgebildeten Solisten und Laienchören aus der Ferne. Wer die Noten zuhause zur Hand hatte, hatte die Möglichkeit, mitzusingen. Verteilung statt Massierung auch hier. Erregte das Konzept des riesenhaften Volkschors auf dem Marktplatz bei mir unangenehme Gedankenverbindungen mit den Massenaufmärsche der letzten 100 Jahre und der willigen Eingliederung der Deutschen Singebewegung in den Nationalsozialismus, schien mir diese pulverisierte Gemeinde gefahrlos und richtig zu sein.

Dass einige Arien entfielen, konnte ich verschmerzen. Das Prinzip freilich, nach dem der Tenor manche liegen ließ, andere für sich reklamierte, blieb dunkel. War es die Stimmlage? Das konnte nicht sein, da auch die Tenorarie »Ach, mein Sinn« und die Sopranarie Nr. 63, »Zerfließe, mein Herz« kurz vor dem Ende zumindest angedeutet wurden. Ging es nach geistlicher Erheblichkeit? Es musste ein Kompromiss geschlossen werden zwischen ihr und dem, was technisch überhaupt möglich war – wobei es sich ja nicht um ein der Not geschuldetes Arrangements handelte, sondern um eines, das schon zuvor bestand, also in freiwilliger Selbstbeschränkung danach trachtete, den Sinngehalt der Passion unter Druck aushärten zu lassen. Wie ließ sich da durchkommen? In welchem Verhältnis standen Machbarkeit und künstlerische Absicht?

Das Rollenspiel der Rezitative – es blieb gewahrt, verlor aber an Umfang und der Tragkraft. Bei Bach ist der Evangelist, also der epische Erzähler ein Oratorientenor, leicht und beweglich. Jesus dagegen wird von einem satten Bass gesungen, dem sozusagen viel Fleisch an den Knochen hängt. Hinzu kommt, dass seine Worte von liegenden Streichern begleitet werden; Sinnbild der Aureole, des Nicht-von-hier-seins. Die Magd, die den Petrus fragt, ob er nicht »dieses Menschen Jünger einer« sei, wird von einem Chormitglied gesunken. Es ist wichtig, dass es sich dabei um eine gute, nicht aber um eine ausgebildete Stimme handelt, die die Störgeräusche, das Knacken des Feuers, die umlaufenden Gespräche der römischen Soldaten, die ganze gesellschaftliche Wirklichkeit dieses Moments noch mit sich führt. Pilatus: ein leichter Bass, Tendenz Bariton: man muss das Zusammenstoßen von objektiven Dilemma und persönlicher Unsicherheit dieses gutherzigen und feigen Bürokraten bereits in der Stimme hören. Das dramatische Feld dieser Akteure wird verkleinert, wenn sie von einer Stimme gespielt werden. Andererseits: Wie wirklich sind sie, wenn wir in einem normalen Jahr im hinteren Teil der Kirche sitzen und zuhören? All diese Stimmen sind doch in uns, laufen durch unseren Kopf. Wir machen implizit, was Benedikt Kristjánsson da explizit machte. Es ist sowieso ein individueller Raum, in dem dieses Drama aufgeführt wird, jedenfalls in Zeiten, in denen sich Glaube und Gemeinde voneinander abgekoppelt haben.

Die Volkschöre wurden gesprochen. Der Schlagzeuger wechselt vom Vibraphon zur großen Trommel, die das, was vom Cembalo oder Positiv zu hören ist, mit beunruhigenden Tumult überfällt. Die harmonischen und melodischen Zusammenhänge werden zerhackt. Man hört nur Fragmente. Die Texte, von »Wir dürfen niemand töten« über »Kreuzige ihn« bis zu »Lasset uns den nicht zerteilen« werden nur angespielt; dazu der Evanglist, flüsternd, schreiend, deklamierend. Es ist ein harter Klang, gemein und böse – und, was schlimmer ist, nicht musikfähig. Die große, wahrhaft christliche Paradoxie der Bachschen Passionen besteht ja darin, dass er für diejenigen, die den Heiland zu Tode bringen, für den krakeelenden, blutdürstigen Mob, der sogar zur Lynchjustiz zu feige ist, die großartigste und kunstvollste Musik des ganzen Werks geschrieben hat, in die er all sein polyphones Ingenium versenkte. Noch – ja, kaum zu denken: gerade – der hässlichste Verrat, noch die abstoßen Unvernunft hat Teil an der göttlichen Liebesvernunft, als deren unmittelbarste Erscheinung Bach die Musik angesehen hat. Im Spar-Arrangement dieser Tage fiel dies fort. Schwierig. Ich höre eine Verachtung der Niedrigen und Gemeinen heraus, die zugleich die Erniedrigten sind und für das Allgemeine stehen, von der ich bei Bach keine Spur finde. Ein Freund schrieb mir, ein Chor von vier Sängern wäre besser gewesen (ich würde auf acht erhöhen, die sich in coronatauglichem Abstand in der Thomaskirche zu verteilen hätten). In der Tat. So wie es jetzt ist, erscheint die dekonstruktive Demokratisierung des großen Werks doch auch wie ein arrangierter Schein, die religiöse Botschaft, die sich an alle, auch die Verräter richtet, wird nicht gerettet, sondern schnöde verraten.

Eingerahmt wurde die ganze, auf eine knappe Stunde verkürzte Aufführung von zwei kurzen Motetten aus alter Zeit: das heißt, alte, vorbachische Musik, vorgetragen von einem Solistenensemble unter der Leitung des noch amtierenden Thomaskantors. Eine befremdliche Entscheidung. Sie macht das Gegenteil von dem, was in der Zerlegung der Heilsbotschaft in ihre Einzelteile angelegt ist. So oder so ähnlich wurden diese Motetten ja schon immer aufgeführt. Eine Rückkehr zur – vormodernen – Normalität? Zumindest die Sehnsucht nach ihr? Ging es darum, dass der Thomaskantor bei dieser Aufführung doch nicht fehlen durfte? Um die Erhöhung der Aufführungsdauer auf eine sendefähige Länge? Das Experiment, so scheint es, nimmt sich durch »institutionelle Feigheit« selbst zurück.

Wolfram Ette


 

Johannes-Passion aus der Thomaskirche Leipzig, für Tenor, Cembalo und Schlagwerk, nach Johann Sebastian Bach BWV 245, Johannespassion. Mitwirkende: Benedikt Kristjánsson (Tenor); Elina Albach (Cembalo); Philipp Lamprecht (Schlagwerk); Vocalquintett; Leitung: Gotthold Schwarz. https://www.mdr.de/tv/programm/sendung881940.html

»Institutionelle Feigheit«: Der Mustertext, der die Dekonstruktion des Gesamtkunstwerks unter dem Druck der Not erläutert, ist Alexander Kluges Götterdämmerung in Wien (Chronik der Gefühle, Band 1, Frankfurt am Main 2000, 66–73. Es ist hier der Rundfunk Salzburg, der das in den letzten Tagen des Krieges aus vielen Einzelspuren zusammengetragene, also filmisch nachkomponierte Werk Richard Wagners sich in dieser zerrütteten Form nicht zu senden traute. Das Heiner-Müller-Motto entstammt ebenfalls diesem Text.

»Deutsche Singebewegung«: Vgl. Pamela Potter, Die deutscheste der Künste, Stuttgart 2000, Kap. 1: Musik und Gesellschaft 1918–1945.

Corona 36: Quad

Ein Quadrat. Vier Schauspieler. Alle laufen stets von den Ecken ins Quadrat hinein, auf den immer gleichen Wegen. Man kann an seinen Rändern entlanggehen oder das Quadrat diagonal kreuzen, doch nie kommt es zu Umwegen oder Schlangenlinien, Kurven, nie zu einer Rückkehr oder Wendung, weil man sich umgedreht und es sich anders überlegt hätte. Die Monotonie des Stückes ist die Monotonie der vorgezeichneten Bahn. Sie ist auch die Monotonie einer vorgeschriebenen Zahl von Schritten, die sich daraus ergibt, dass alle anderen in einem bestimmten Rhythmus gehen. Und die anderen gehen ihrerseits in diesem Rhythmus, weil man selbst in ihm geht, den Kopf gesenkt, eingehüllt in die Kutte, deren Farbe das einzige Unterscheidungsmerkmal zwischen denjenigen darstellt, die mitspielen (oder denen man mitspielt – wer will das entscheiden?). Im zweiten Teil entfällt dann auch sie – die Farbe –, und Rot, Weiß, Blau und Gelb weichen, bewirkt durch so etwas wie die entfärbende Wirkung von einem ganzen, langen Leben im Schritt, der tödlichen Blässe der Farbe Weiß.

Und doch gibt es nicht nur das Quadrat. Es gibt auch einen Außenraum, in den hinein die Spieler immer wieder verschwinden. Nur kann das Theaterpublikum nicht sehen, was jenseits des Quadrats geschieht. Der Blick ist durch das Quadrat fixiert. Und auch von den Verschwundenen ist, sobald sie wieder auftauchen, nichts über diese Pause, dieses Wegbleiben auf Zeit, zu erfahren. Denn verschwinden tun sie stets allein, jeder in seine Richtung, zeugenlos gewissermaßen, und Sprechen ist im Quadrat nicht vorgesehen. Also steht zu vermuten, dass das Leben »draußen« genauso monoton ist wie das im Quadrat, dass also die Rückkehr keinen veränderten Menschen hervorbringen kann, weil auch draußen Veränderungen nicht stattfinden können. (Beginnen wir heute, davon etwas zu ahnen?)

Wenn stimmte, was gesagt wurde, würde das bedeuten, dass der Eindruck, eingeschlossen zu sein, den das Quadrat durch seine scharf abgegrenzten Ränder atmosphärisch vermittelt, gar nicht richtig ist. Eingeschlossen ist man nicht nur, wenn man drinnen ist, sondern ebenso gut, wenn man den Schritt nach draußen gewagt hat. Die Reichweite des Quadrats ist groß.

Hinzu kommt, dass dem Schritt nichts vom Wagnis anzumerken ist. Die Füße setzen den Schritt mit der gleichen, unbeteiligten Selbstverständlichkeit über die Grenze, mit der sie auch in den Kreis zurückkehren. Es gibt keinen Freudensprung, endlich draußen zu sein, keinen sich hebenden Kopf – nichts, was darauf hindeuten würde, dass der Grenzübertritt überhaupt wahrgenommen worden wäre. Drinnen und Draußen sind identisch.

Und in der Tat gibt es die Grenze nicht. Keine Mauer umzieht das Geviert. Jeder kann kommen und gehen, unbewacht, unbeaufsichtigt. (Eine Ausgangssperre durch die Disziplinierung seiner selbst.) Im Quadrat selbst herrschen strikte Regeln, und deren Zentrum ist der Punkt, dem alle ausweichen. Warum, ist genauso wenig klar wie das Ausweichen voreinander. Tatsache ist nur, dass man sich ausweicht oder dem Punkt. Nicht ausgeschlossen, dass auch diese beiden identisch sind, denn dem Anderen nähert man sich immer nur dann, wenn man auch den Punkt schon fast erreicht hat.

Verwunderlich ist nur, dass die Spieler dem Punkt auch dann ausweichen, wenn sonst niemand mit im Quadrat ist. Das scheint dafür zu sprechen, dass der Punkt, das Loch, die kleine Öffnung oder was immer da den Mittelpunkt der sich kreuzenden Diagonalen darstellt, doch nicht mit dem Anderen identisch ist. Der Punkt wirkt als Ausweichpunkt auch dann, wenn kein Grund besteht, wenn also niemand sonst da ist, dem man ausweichen müsste.

Es sei denn, dass das Ausweichen vor dem Anderen dem Gehenden so sehr in Fleisch und Körper übergegangen ist, dass sie auch dann noch ausweichen, wenn sie’s gar nicht müssten. Das wäre wie dann wie das Ergebnis der Implantierung des Bedürfnisses nach körperlichen Distanz, die so tief geht, dass die bloße Möglichkeit, man könne jemandem begegnen, reflexhaft die Wendung weg von ihm bewirkt. “Tief gehen” wäre im Wortsinn zu verstehen. Man geht immer tiefer in sich und die Vermeidung hinein, kommt nie an, kommt nie auf den Punkt. So kann man mit dem Gehen nicht aufhören, weil der Punkt, auf den man zugeht – immer und immer wieder, nicht nur einmal –, nie erreicht wird.

Die Frage, die die Gänge stellen, beträfe dann die Unerreichbarkeit des Anderen oder die Angst vor seiner leichten Erreichbarkeit – was auf’s Gleiche hinauslaufen mag. (Wir wissen das jetzt.) Man könnte, aber man kann nicht. Die Nähe ist gegeben, aber gerade sie stößt zurück. Der entscheidende Punkt ist die Kreuzung. Hier, über diesem Loch, könnte die Vereinigung stattfinden. Aber sie tut es nicht.

Das Quadrat ist wie ein Klostergarten geschlechtsloser Wesen, die im engsten Raum ein strenges Schweige-Gelübde mit totaler Distanz verbinden. Solche historischen Vorbilder erklären, dass der Schritt aus dem Quadrat hinaus in der Tat kein Draußen markiert. Das Quadrat ist die Uhr, denen die Zeiger ausgefallen sind. Doch der Takt funktioniert weiter, und mit unerhörter Zuverlässigkeit. Wie im Kloster sind die verschiedenen, zu verrichtenden Tätigkeiten zeitlich strikt geregelt. Was das Publikum zu sehen bekommt, ist der Moment des Ausgangs, Hofgangs, ähnlich wie im Gefängnis. Nach seinem Ablauf – die hier der Dauer von vier Diagonalen entspricht – warten andere, ebenso monotone Abläufe auf die Teilnehmer. Das Gebet? Die Andacht? Das schweigende Mahl? Manuelle Tätigkeiten in der eigenen Zelle?

Davon wird nichts gesagt. Gezeigt wird nur ein Ausschnitt aus einem immerwährenden Kreisen (einem Kreisen im Quadrat, was einer Quadratur des Kreises gleichkommt). In jedem Fall macht die Parallele zur Isolation bestimmter, klösterlicher Gemeinschaften klar, dass es die Mauern doch gibt. Das Quadrat, das man sieht, ist nur Teil eines sehr viel größeren. Es ist der Außenraum, der Garten eines Gebäudekomplexes, in dessen Umkreis das Publikum durch sein bloßes Zuschauen eingetreten ist. Die Mauern des Theaters (oder Fernsehkastens), in dem das Stück gespielt wird, sind Mauern, die sich hinter ihm und um ihn schließen.

Für die Dauer der Darbietung ist das Publikum wie der Prior, der von oben beobachtet, ob die Regeln der Taktung eingehalten werden. In gewisser Weise wird man als Zuschauer dadurch aber selbst gefangen gehalten. Die strikte Begrenzung, der die Bewegungen der Schauspieler unterliegen, baut sich auch hinter einem selbst auf. Insofern fiele der Blick nicht etwa auf ein Geschehen, in dem sich die Zwanghaftigkeit in Reinform konzentriert. Vielmehr wären die Kreuzungen im Gegenteil das Maximum an Freiheit, das den Figuren erlebbar ist. Man sieht sie ja beim Gang im Garten des Kreuzgangs, also bei so etwas wie Erholung – und gerade nicht bei der eigentlichen Aufgabe, dem Gebet. (Sind das die Freiheits-Aussichten, die auch unsere zu werden beginnen?)

Das Loch in der Mitte des Quadrats entspricht dem Brunnen, durch den die Klöster ihre Unabhängigkeit von der Welt draußen zu verstärken suchten. Auch wenn die Wasserquelle bei Beckett nur in reduziertester Form in Erscheinung tritt, ist sie doch ein Loch, in das man nicht fallen darf. Es ist das Zentrum des minimalen Versorgtseins, auf das es (wie jetzt bei uns) ankommt. Kein Engpass in puncto Wasser. Man vermeidet das Loch, um es sich zu bewahren.

Die Perspektive, die das Publikum auf das Geschehen (oder Nicht-Geschehen) hat, entspricht einer leicht erhöhten Position, einem Draufblick aus einer diagonal ein leicht abgesenkten Vertikalen. Damit ist nicht eine wirkliche Vogelperspektive gemeint, doch zumindest befindet man sich nicht auf der gleichen Ebenen wie die Figuren des Quadrats. Diese Vertikalität, die die Kamera des Fernsehenes dem Publikum durch ihrer eigene Aufnahmeposition ermöglicht, hat größte Bedeutung für das Bühnengeschehen. Allgemein gilt: Je kleiner der Raum, in dem Personen sich bewegen, desto überzeugender die Einladung, nicht nur nach rechts und links zu blicken, nicht nur nach vorn, sondern auch – den Kopf hebend – nach oben. Eine gering entwickelte Horizontale stärkt die Vertikale. Auch wenn Leben und Bewegung allein in der Horizontalen stattfinden, wird als Ziel doch die ihr Gegenteil – die Vertikale – angestrebt. Das mönchische Leben bietet dafür reiches Anschauungsmaterial. Man schloss sich ein, verurteilte sich zu extrem engen Horizonten, um sich auf diese Weise umso besser auf die vertikalen Verbindungen – die zu Gott, im Himmel – konzentrieren zu können.

Das Verwirrende an den Figuren auf der Bühne ist nur, dass sie den Kopf nicht heben, nie nach oben blicken. Ihr schlurfender Schritt gemahnt eher an die Routine des Hofgangs von Gefangenen, die keine Hoffnung mehr haben, als an Versuche der Erhebung durch die Vermeidung jeder Ablenkung. (Vielleicht erklärt sich aus unserer eigenen Gewöhnung an die Horizontale, dass wir jetzt so schlecht mit der Vertikalität und Enge unserer Räume umgehen können. Die Kommunikation stellt die Horizontalität wieder her, die unser Lebenselixier ist.)

Doch die gesenkten Häupter sind noch kein hinreichender Grund, den Figuren jede Fähigkeit zur Vertikalität abzusprechen. Die Vermeidung von Blicken, die in strengen Klostergemeinschaften das Schweigegebot zusätzlich verschärfte, konnte ja auch Ausdruck einer Introspektion sein, die gerade die Verbindung zum Himmel garantierte.

Vielleicht findet die Introspektion aber auch gar nicht auf der Ebene der Figuren statt. Es ist gut denkbar, dass die entscheidende Reflexion auf Seiten des Publikums stattzufinden hat. Auch das wäre ganz im Sinne monastischer Konzeptionen: So wie es Mönche und Nonnen gab (geschlechtslose wie die bei Beckett), deren Aufgabe allein in Gebet und Kontemplation bestand, und Mönche und Nonnen, die im Gegensatz zu ihnen das Kloster verlassen durften (und mussten), um durch ihre Arbeit die Versorgung der Eingeschlossenen sicherzustellen, könnte sich Formen der Spezialisierung und Arbeitsteilung zwischen Schauspielern und Zuschauern entwickeln.

Die Monotonie dessen, was man zu sehen bekommen, ist derart groß, dass das bloße Zuschauen Reflexe der Sinngebung auslöst. (Auch hierin liegen Verbindungen zur aktuellen Situation vor. Sinnfragen stellen sich auf neue und drängende Weise. Monotonie und Bewegungslosigkeit setzen sich um in andere Formen von Bewegung: emotionale, gedankliche … Der Unterschied zu Beckett: Man sieht der Monotonie nicht nur zu, sondern erlebt sie selbst. So stellt sich die Frage nach der Vertikalität ganz unmittelbar und unvermittelt: Das Zuschauen ist nicht nötig, denn man erlebt sich als Zuschauer seiner selbst und also als Zuschauer des auferlegten Immergleichen.)

Und jetzt wieder das Quadrat. Erstaunlich ist, wie weit die Arten der Sinngebung auseinandergehen können. Die Suche nach mathematischen Regelmäßigkeiten – dem System –, das sogleich hinter der Synchronisieriung der Bewegungsabläufe vermutet wird, ist eine Zugangsweise. – Die akustische eine zweite: Wie tragen die Trommelgeräusche, die jeder einzelnen Figur ihre eigene, unverwechselbare Gestalt geben, zur Sinnstiftung bei? – Eine dritte Möglichkeit besteht im Verzicht auf jeden analytischen Zugriff. Die Betrachtung des Bühnengeschehens löst eigene Bilder und Fragen aus, relativ abgekoppelt von dem, was die Figuren genau tun. Sie werden zum bloßen Anlass für die Vertikalität, mit der der Zuschauer sich von der Bühne löst und sich selbst zu suchen beginnt.

Interessant ist, wenn verschiedene Zugangsformen miteinander ins Gespräch kommen. Ich selbst sah mich außerstande, dem Schema des Spiels auf die Spur zu kommen. Die Art, wie die Figuren sich kreuzten, gab mir im Gegenteil das Gefühl ein, dass sehr kompliziert sein müsse, was sie da taten. Ich fragte mich, wie sie sich diese Abläufe hatten merken können und wie sie jeden Zusammenstoß vermieden. Trotz der Regelmäßigkeit, die für mich rein ästhetisch spürbar wurde, blieb nur die dunkle Ahnung, dass etwas dahinterstecken musste, was die Einhaltung von Auf- und Abtritten, sich kreuzenden Bewegungen und Rhythmen regulierte. Aber abgelenkt fühlte ich mich zu ganz anderem. Das System war für meinen Blick nicht entscheidend. Ich steckte schon im Loch und seinem Abgründigen.

Ganz anders der Blick meines neunjährigen Sohns. Der hatte das System nach wenigen Augenblicken verstanden und erlebte die Freude, dass die Voraussagen, die er bezüglich der kommenden Bewegungen traf, sämtlich eintrafen. Die vier Figuren mit ihrem Zwang, je vier Diagonalen zu absolvieren, bevor sie aus dem Quadrat verschwanden, war für mein Kind ein Baustein, aus dem denn auch die schrittweise Füllung des Quadrats, ihre nachfolgende Leere, ihre erneute Füllung, ihre nochmalige Leerung usw. voraussagbar wurden. Auf die Vorhersehbarkeit der Bewegungen jeder einzelnen Figur folgte die Vorhersehbarkeit der Bewegungen aller. Er war also dem kollektiven Aspekt auf der Spur, der Koordination, was zugleich bedeutet: der Synchronisierung von Bewegung. Das aber wurde schnell langweilig, und die anfängliche Aufmerksamkeit erlahmte. So trafen wir uns denn doch – im gleichen Gefühl der Abwehr.

Und hier kommt nun ein weiteres, bisher kaum berücksichtigtes Element hinzu. Dieses Element ist die Musik. Sie steht im deutlichen Kontrast zur europäischen Idee des Mönchischen, speist sich aus anderen musikalischen Traditionen, die mit europäischen Formen der Kontemplation wenig zu tun haben, so will man meinen. Doch eigentlich ist nicht entscheidend, welche Musik das genau ist. Die Musik spielt, damit die Möglichkeit entstehe, dass sie nicht spiele. Sie spielt auf ihr Verstummen zu. In der Tat tritt, gerade als die Monotonie dem Höhepunkt der an- und abschwellenden Trommeln (die durch den Auf- und Abtritt der Figuren dirigiert wird) zustrebt, Stille ein. Die Musik setzt aus, man hört allein das Geräusch, den die Füße auf ihrem Gang machen. Ihr Rhythmus bleibt unverändert: Die Musik ändert am Schritt der Figuren nicht das Geringste. Veränderung wird nur auf Seiten der Zuschauer wahrgenommen, als Form der Erleichterung. Die Erwartung entsteht, dass die Stille etwas Neues, Anderes ankündigen könne, dass die Figuren, weil sie sich mehr und anders hören, gleichfalls aussetzen könnten.

Doch Beckett tut alles, um diese Erwartung zu zerstören. Die Stille ist von kurzer Dauer. Die Befriedigung, die dem Gefühl entsprang, durch das Hören der Schritte (der musikalisch unbegleiteten) etwas Neues zu hören zu bekommen, erweist sich als Illusion. Die Musik setzt wieder ein, und damit ist klar, dass das Schlurfen ja auch zuvor schon existierte, nur eben leicht abgedeckt durch die Trommelklänge, die sich über sie gelegt hatten. Aber zurücklauschend auf das, was man vor der Stille gehörte hatte und jetzt, nach ihr, gleich wieder hört, entdeckt man, dass man sich das Neue nur zurechtgelegt, es herbeigewünscht hatte, ohne erkennbaren Grund. Die Füße hatten auch zuvor geschlurft, und sie werden es in »Quad II« im gleichen Maße: Füße schlurfen. Mit Musik schlurfen sie zwar schneller und ohne langsamer, aber ihr Rhythmus ist der einer Uhr, die Körper benutzt, um anzuzeigen, welche Stunde es geschlagen hat: eins, zwei, drei und vier.

Ungewöhnlich an dieser Uhr ist weniger, dass sie nicht bis zwölf zählen kann. (Es kann ja gar nicht anders sein: Der Figuren wie unsere eigenen Zimmer haben nun einmal nur vier Ecken.) Ungewöhnlich ist vielmehr, dass die Uhr nicht nur nach vorn zählt, sondern auch wieder zurück. Sie dreht die Zeit nach vorn und wieder zurück, zählend: vier, drei, zwei, eins. (Es ist dies ein Zählen, das wir selbst uns wünschen, dieses letztere – das Rückwärtszählen –, sei es nun ein zeitliches, hin in sorgenfreie »Urzeiten« oder ein sich rückwärts bewegendes, das man sich für die nahe Zukunft mit ihren Ansteckungs- und Todes-Zahlen wünscht.) Aber so, wie wir selbst zahlenmäßig auf dem immer gleichen Punkt verharren (der leider nie der zentrale ist, sondern immer wieder von ihm wegführt), verharrt auch die Zeit im Stück. Sie geht voran, um wieder zurückgedreht zu werden. Das heißt: Sie vergeht nicht, und darum ist es nur konsquent, wenn Bewegung mehr und mehr als Bewegungslosigkeit wahrgenommen wird und das Immergleiche in uns den Eindruck hervorruft, im Loch tiefster Zeitlosigkeit zu stecken. Die ist aber nicht frei von Unruhe. (Und auch darin wissen wir, wovon Beckett spricht.)

Als Beckett die ersten Probeaufnahmen zu »Quad I« sah, war er mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen konfrontiert. Die Farben, die er den Figuren zugedacht hatten, waren verschwunden. Er soll in diesem Moment ausgerufen haben, jetzt sei es zweitausend Jahre später. Dies war der Kern für die Entstehung von »Quad II«. Doch was soll das bezüglich der Zeit heißen? Rechnet Beckett vom Heute aus? Ist jetzt das Jetzt, und »Quad II« spielt in einer Zukunft, die es in zweitausend Jahren gibt? Oder sind die Kutten die Embleme einer Zeit, in der auch gekreuzt und gekreuzigt wurde, und »Quad II« wäre jetzt, zweitausend Jahre, nach »Quad I«, unsere eigene?

Wenn wir von Christi aus rechnen müssen und damit selbst in einer Zeit zwei Jahrtausende später angekommen sind, drängt sich das Monastisch-Christliche von Heute vor. Wenn hingegen »Quad II« erst noch kommen wird, können wir uns fragen, wie wir die noch bevorstehenden zweitausend Jahre des Eingeschlossenseins und Abwartens auf das Ende des Virus aushalten sollen.

P.S.: Stille

Dass die Trommelmusik in Becketts “Quad I” nur dafür da ist, um aufzuhören und so zu zeigen, dass selbst, wenn sie aufhört, die Bewegung der Figuren weitergeht, wäre ein pessimistisches Bild, denn es würde bedeuten, dass Musik ganz egal ist – Stille auch – und dass Dinge, unabhängig vom einen wie dem anderen, einfach so weiterlaufen und die Unterbrechung des Herkömmlichen nur scheinbar ist. Alles wäre dann nur die Fortsetzung vom schon Gewesenen oder vom noch Kommenden, und ob die Figuren die Uhr vor- oder zurücklaufen lassen, wäre damit auch ganz unerheblich.

Anne Peiter   

Corona 35: Masken

Als ich zehn oder elf Jahre alt war, fand mein bester Freund auf dem Dachboden seiner Großtante zweihundert Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg. Wir sammelten sie ein und verkauften sie auf dem Flohmarkt für fünf Mark das Stück. Sie gingen gut weg, vermutlich an Unverbesserliche, Devotionaliensammler, »Landser«-Abonnenten. Ich erinnere mich nur noch daran, dass alle Käufer Männer waren. Mir selbst jagten die Masken Angst ein. Nicht nur, dass sie hässlich und entstellend aussahen; dass sie das Gesicht in eine grotesk-insektoide Larve verwandelten, wie aus Science-Fictions und Alpträumen. Ich fürchtete vielmehr zu ersticken. Genau das, was die Gasmaske eigentlich bewirken sollte, in einer vergifteten Atmosphäre atmen zu können, verkehrte sich mir ins Gegenteil. Ich hatte Angst zu ersticken oder von der alt und toxisch gewordenen Filtermasse getötet zu werden. Die Schrecken des Gaskriegs waren in die Masken eingedrungen und hatten auf dem Dachboden Jahrzehnte überdauert. Sie hatten sie umgestülpt. Das, was außen war und wo vor die Maske eigentlich schützen sollte, steckte nun innen und bedrohte mich.

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Dann, als ich einige Jahre später ›Psycho‹ sah, der Kreislauf einer erstickenden Assoziation. Die Mordszene in der Dusche – Duschen, Tod und Gas: eine deutsche Trinität! –: und wie der Duschkopf den Mundstücken meiner alten Gasmasken glich!

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Die Maske »steht zwischen dem Gefährlichen, das hinter ihr ist, und dem Beschauer. So kann sie, wenn sie richtig gehandhabt wird, das Gefährliche für diesen bannen. Sie kann das Gefährliche in sich sammeln und gesammelt halten. Sie wird es nur so von sich ausfließen lassen, wie es ihrer Gestalt entspricht. Man kann sich richtig zu ihr benehmen, sobald man ein Verhältnis zu ihr hat. Sie ist eine Figur mit eigenen Verhaltensweisen. Sobald man diese erlernt hat und kennt, sobald man weiß, welchen Abstand sie von einem erfordert, schützt sie einen vor dem Gefährlichen, das sie selbst enthält« (Elias Canetti, Masse und Macht). Aber Canetti geht von einer Trennung aus, die für die Verwendung von Masken und Kult und Theater elementar ist, die jetzt aber nicht mehr gilt: der zwischen Maskierten und Nichtmaskierten. Das ist eine kulturelle Gewohnheit, mit der wir umgehen können. Eine Welt, in der alle zu Maskenträgern werden, um sich voreinander und vor einer Umwelt, die alle erfasst und alle durchdringt, zu schützen, kennen wir noch nicht, und stets nur in krisenhaften Ansätzen. Wer heute eine Maske trägt, zeigt: ich bin bedroht und ich bin eine Bedrohung. Wenn alle eine Maske tragen würden, wäre klar: Wir sind alle eine Bedrohung füreinander. In diesem Krieg, der keiner ist, ist jeder potenzieller Feind des anderen. Es gibt keine Front mehr, weder draußen noch in der Heimat. Die Front ist überall.

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In ›Die letzte Nacht‹, »Epilog zu der Tragödie ›Die letzten Tage der Menschheit‹ von Karl Kraus«, treten zwei Gasmasken auf, eine weibliche und eine männliche. Sie gruppieren sich um einen sterbenden Soldaten und stellen fest, dass im Krieg »Geschlecht und Gesicht« unbedeutend geworden sein. Ein neues Geschlecht erstehe, ein Maskengeschlecht, vereint im Kampf ohne Geschlecht: »Wo kein Geschlecht, gereicht’s zur Ehre dem Geschlechte«. Arm in Arm verschwinden sie von der Bühne:

»Wir haben kein Recht
auf Geschlecht und Gesicht.
Gesicht und Geschlecht
verbietet die Pflicht«

Diese Verse sind selbst erstickend. Der Knappheit der Luft entspricht die Knappheit der Vokale; ihre trotz und wegen der Maske schlechte Qualität der monotonen Einfallslosigkeit, mit der Worte durch Wiederholung gezwungen werden, mit einem Überfluss an Binnenreimen zu protzen, auf die Rilke sich noch was einbilden konnte; der stickenden Enge von Pflicht und Versbett die straff sitzende Maske, die von der natürlichen Luftzufuhr abschneidet. Diese Verse atmen selber nicht. Sie sind voller verbrauchter Luft. Die abgestandenen Begriffe »Recht«, »Pflicht«, »Gesicht« und »Geschlecht«, die in dieser letzten Strophe wahrlich nicht zum ersten Mal fallen, sondern schon zuvor erschöpft waren, werden zur stumpfsinnigen Wiederverwendung und zum permutativen Recycling freigegeben. Was hier geschieht, diese Mimikry der Sprache an die Sache, die im Tod durch Ersticken ein neues Geschlecht kreiert, erinnert schon an Beckett, der auch gern schöne Gedichte geschrieben hätte und dem der Atem dafür ausging.

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Hinter der Maske: der Tod und das Nichts. Der Clown und seine Maske: eine geschminkte Leiche. Sein Lachen kommt ein bisschen aus dem Jenseits, wie jedes richtige Lachen uns aus Zonen ereilt, über die wir keine Verfügung haben: ein Krampf, eine Konvulsion, ein Rausch, ein Kurzschluss von Unbewusstem und Nervensystem, ein Anfall, eine Mini-Epilepsie. Ein Moment des Grauens ist dem immer beigemischt und das macht die besondere Würze aus. Clowns sind Gruselgestalten, Todesboten, von Stephen Kings Pennywise bis zum Joker, den Masken der Hacker in »Mr. Robot« und den Dalí-Masken in »Haus des Geldes«. Ihre zuckende Akrobatik des Ungeschicks ähnelt den Bewegungen galvanisierter Frösche. Das kann kein Mensch, das können nur Tote, die in lustige Bewegungsmaschinen verwandelt werden. Eigentlich, also unelektrisiert, bewegen sie sich mit dem unentrinnbaren Stumpfsinn von Zombies durchs Bildfeld, die tastend wie kleine Kinder oder Lurche alles, was sie berühren, mit der Krankheit zum Tode anstecken. Den zuletzt ist hinter der Maske nicht bloß der Leichnam, nicht die amöbenhafte, gallertartige Masse, in die der Körper sich zersetzt. Es ist das Nichts, dass wir uns nicht vorstellen können und das der Tod selbst ist. – »Es befiel sie ein unaussprechlich’ Grauen, da sie die leichengleiche Maske, die sie so rüde ungestüm anfassten, unbewohnt fanden, von jeglicher greifbaren Gestalt. Nun ward die Gegenwart des Roten Todes erkannt.« (Edgar Allen Poe, Die Maske des Roten Todes)

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Die Masken, die man jetzt sieht, sind Mundmasken, keine Gesichtsmasken. Aber wo hört der Mund auf, wo fängt das Gesicht an? Sicher: Sie entstellen weniger als die Gasmasken des ersten Weltkriegs. »Das fluide Treiben unklarer, halb ausgegorener Verwandlungen, deren wunderbarer Ausdruck jedes natürliche, menschliche Antlitz ist« (wieder Canetti), »endet« nicht in ihnen. Aber es wird deutlich reduziert. Die Masken machen uns gleicher, setzen unsere Individualität herab, die uns so teuer ist. Angesichts der Gefahr, die vom Virus ausgeht, sollten wir Uniform tragen. Wir würden zu einer Armee von Maskierten.

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Aber Gustav Seibt von der Süddeutschen Zeitung posiert auf Facebook mit einer Maske, die er sich von seinem türkischen Herrenschneider in Kreuzberg hat fertigen lassen. Dingdong: wie cool ist das! Apple produziert jetzt Gesichtsmasken, um die Marke auch in den entlegenen Bereichen, wo analog um Menschenleben gekämpft wird, präsent zu halten. In Kenia werden Design-Masken für die Armen produziert; sie sind bunt, wie es sich für Afrikaner gehört. Auch Billie Eilish macht bei dem Unfug mit und präsentiert sich mit einer hauchdünnen Chiffon-Maske von Gucci. Jaja: »In schnelllebigen Zeiten wie diesen war dennoch absehbar, dass das Tragen der Masken auch Einzug in die Luxusmode nimmt.« So Sonja Siegenthaler in der Neuen Züricher Zeitung. Aber was meint sie mit »dennoch«?

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Also: Die Individualität, die wir kennen, ist nur die Kehrseite der Uniformierung, nicht ihr schlechthin Anderes. Wir werden gleich gemacht; unter dieser Voraussetzung erscheint der lässliche und notwendige Rest als das Individuelle. Es ist wie mit dem Personalausweis, dem Dokument der amtlichen Erfassung eines jedes Individuums durch den Staat. Jeder hat eine eigene Nummer, aber wir sind alle Nummern. Individualität ist eine nicht nur zugestandene, sondern sogar notwendige Abweichung – die Abweichung, die durch die Vereinheitlichung bedingt ist, aus der sich wiederum die Vereinheitlichung bedingt, die nur eine von Differenzen sein kann, an denen sich ihre Macht beweist. Genau das kommt durch die Masken zutage. Dementsprechend vollzieht sich gerade im Ausnahmezustand das dialektische Ereignis, dem unser Begriff von Individualität sich überhaupt verdankt. Marke und Maske sind konvertibel; der Unterschied beträgt nur ein Buchstabe. Die Maske ist uns eingewachsen ins Gesicht. Das Gesicht war nur unsere Maske, im Ausnahmezustand kommt die Maske, die unser wahres Gesicht ist, zum Vorschein.

 

Wolfram Ette

Corona 34: Gegen Langeweile

Ich könnte anfangen, meine Reise zu loben, indem ich sage, dass sie mich nichts kostet. Diese Umstand verdient Aufmerksamkeit. Er wurde zuerst hervorgehoben und von Menschen mit mäßigem Einkommen gefeiert. Aber es gibt noch eine andere Klasse von Männern, bei denen sie sich eines glücklichen Erfolgs noch sicherer sein kann – aus dem gleichen Grund, dass sie nichts kostet. – Wie? Bei wem denn? fragst du. Bei den reichen Leuten. Zudem – was für eine Quelle ist diese Art des Reisens für Kranke! Sie müssen das schlechte Wetter und die Jahreszeiten nicht fürchten. Feiglinge sind vor Dieben sicher; sie werden weder auf Abgründe noch Sümpfe treffen. Tausende von Menschen, die es nicht gewagt hätten, andere, die es nicht gekonnt hätten, andere, die nicht einmal an Reisen gedacht hätten, werden es nun nach meinem Beispiel tun. Würde die träge Person zögern, mit mir aufzubrechen, um ein Vergnügen zu bekommen, das sie weder Schmerz noch Geld kostet?

Nur Mut, lassen Sie uns gehen. Folgen Sie mir, Sie alle, die eine erstorbene Liebe, eine vernachlässigte Freundschaft in Ihrer Wohnung halten, weit weg von der Kleinlichkeit und Heimtücke der Menschen. Mögen all die Unglücklichen, die Kranken und Gelangweilten des Universums mir folgen! – Lasst all die Faulen sich massenhaft erheben! Und Ihr, die Ihr um einer Untreue willen dunkle Pläne für Reformen oder Rückzug in Eurem Geist bewegt; Ihr, die ihr in eurem Boudoir auf die Welt verzichtet um des Lebens willen; Ihr, freundliche Eigenbrötler einer Soirée; – – glaubt mir, verzichtet auf diese dunklen Ideen; Ihr verliert nur einen Moment des Vergnügens, ohne dafür einen der Weisheit zu gewinnen. Wagen Sie es. mich auf meiner Reise zu begleiten! wir werden in kleinen Tagesreisen spazieren gehen und während des Weges über Reisende lachen, die Rom und Paris gesehen haben; – kein Hindernis kann uns aufhalten. und indem wir uns fröhlich unserer Phantasie hingeben, werden wir ihr folgen, wohin es ihr gefällt, uns zu führen. […]

Mein Zimmer befindet auf dem fünfundvierzigsten Breitengrad: es ist von Ost nach West ausgerichtet; es bildet ein längliches Rechteck, dessen Umfang sechsunddreißig Schritte beträgt, wenn man sich dicht an der Wand hält. Meine Reise wird jedoch viel länger sein; denn ich werde es oft in seiner Länge und Breite oder auch diagonal durchmessen, ohne einer Regel oder Methode zu folgen. – Ich werde sogar im Zickzack laufen und allen möglichen geometrischen Linien folgen, wenn es die Notwendigkeit erfordert. Ich mag keine Leute, die ihre Schritte und ihre Ideen zwanghaft beherrschen; Leute, die sagen: »Heute werde ich drei Besuche machen, ich werde vier Briefe schreiben, ich werde diese Arbeit beenden, die ich begonnen habe.«

Meine Seele ist so offen für alle Arten von Ideen, Geschmäckern und Empfindungen Gefühlen; sie nimmt so eifrig alles auf, was sich bietet! … – Und warum auch sollte sie die Genüsse ablehnen, die auf dem schwierigen Lebensweg ausgestreut sind? Sie sind so überaus selten, so klar hingesät, dass man verrückt sein müsste, um nicht innezuhalten, sich seinem Weg abzuwenden und all diejenigen einzusammeln, die in unserer Reichweite sind. Meiner Meinung nach gibt es nichts Anziehenderes, als den eignen Ideen zu folgen, so wie der Jäger das Wild verfolgt, ohne sich darum zu kümmern, sich auf der Straße zu halten. Also – wenn ich in meinem Zimmer unterwegs bin, gehe ich selten eine gerade Linie: Ich gehe von meinem Tisch zu einem Tisch, der in einer Ecke steht; von dort gehe ich schräg zur Tür. Aber obwohl ich beabsichtige, dorthin zu gehen, wenn ich meinen Sessel auf dem Weg begegne, mache ich keine Umstände und richte mich sofort darauf ein. – Es ist ein ausgezeichnetes Möbelstück, dieser Sessel; von höchstem Nutzen besonders für jeden nachdenklichen Menschen. An langen Winterabenden ist es manchmal angenehm und immer vernünftig, sich ruhig in ihm auszustrecken, weit weg vom Lärm der Versammlungen. – Ein gutes Feuer, Bücher, Federn, was für Resourcen gegen die Langeweile! Und was überdem für ein Genuss, die Bücher und Federn noch zu vergessen, sein Feuer zu entzünden, sich den hinlaufenden Gedanken hinzugeben oder ein paar Reime abzufassen, um die Freunde aufzuheitern! Die Stunden gleiten dann durch Euch hindurch und ziehen schweigend in die Ewigkeit, ohne dass Ihr auch nur ihren traurigen Übergang fühlt. […]

Nach meinem Sessel, weiter nach Norden marschierend, entdecken wir mein Bett, das sich hinten in meinem Zimmer befindet und den angenehmsten Gesichtspunkt darstellt. Sein Platz ist der allerglücklichste: Die ersten Sonnenstrahlen spielen in meinen Vorhängen; ich sehe sie in den schönen Sommertagen entlang der weißen Wand vorrücken, während die Sonne höher steigt. Die Ulmen, die vor meinem Fenster stehen, teilen sie auf tausend Arten und lassen sie auf meinem weißen und rosanen Bett tanzen, das ihre Reflexe charmant im Zimmer verteilt. Ich höre das verwirrte Zwitschern der Schwalben, die das Dach des Hauses in Besitz genommen haben, und das der anderen Vögel, die die Ulmen bewohnen. Dann beschäftigen mich tausend lachende Ideen; und in der ganzen Welt hat niemand einen Wecker, der so angenehm, so friedlich ist wie meiner.

Ich gebe zu, dass ich diese süßen Momente genieße und das Vergnügen verlängere, in der sanften Wärme meines Bettes nachzudenken. Gibt es eine Bühne, die der Phantasie mehr leiht, und das zartere Ideen weckt als dieses Möbel, in dem ich mich so manches Mal vergesse? – Mein bescheidender Leser, schrick nicht zurück! Aber könnte ich nicht ebenso vom Glück eines Liebhabers sprechen, der zum ersten Mal eine tugendhafte Frau in den Armen hält? Welch unbeschreibliches Vergnügen, dass mein übles Geschick mich dazu verurteilt, dies niemals zu schmecken! Ist es nicht in einem Bett, dass eine Mutter, die bei der Geburt eines Sohnes im Rausch der Freude ihre Schmerzen vergisst? Es ist dieser Ort, an dem phantastische Freuden, die Früchte der Einbildungskraft und der Hoffnung uns aufwühlen werden. – Und schließlich vergessen wir in diesem köstlichen Möbelstück unser halbes Leben lang die Kümmernisse der anderen Hälfte. Und was für eine Menge angenehmer und trauriger Gedanken drängen sich gleichzeitig in meinem Gehirn! Erstaunliche Mischung aus schrecklichen und köstlichen Situationen!

Ein Bett sieht uns zur Welt kommen und es sieht uns sterben. Es ist die veränderliche Bühne, auf der die Menschheit abwechselnd interessante Dramen, lächerliche Streiche und entsetzliche Tragödien spielt. – Es ist eine Wiege mit Blumen; – es ist der Thron der Liebe; – es ist ein Grab.

Xavier de Maistre

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Wenn Johannes zuweilen um die Erlaubnis ausgehen zu dürfen bat, wurde es ihm meistens abgeschlagen; hingegen schlug ihm der Vater als Ersatz zuweilen vor, an seiner Hand auf dem Fußboden auf und ab zu spazieren. Beim ersten Hinsehen war dies ein ärmlicher Ersatz, und doch (…) etwas ganz anderes war darin verborgen. Der Vorschlag wurde angenommen, und es wurde Johannes ganz überlassen zu bestimmen, wo sie hingehen wollten. Dann gingen sie aus der Einfahrt, zu einem naheliegenden Lustschloss, oder hinaus zum Strande, oder auf und ab in den Straßen, ganz wie Johannes es wollte; denn der Vater vermochte alles. Während sie nun auf dem Fußboden auf und abgingen, erzählte der Vater alles, was sie sahen; sie grüßten die vorübergehenden, Wagen lärmten an ihnen vorbei und übertönten des Vaters Stimme; die Früchte der Kuchenfrau waren einladender denn je.

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Man steigt in den ersten Stock eines mit Gas erleuchteten Hauses, öffnet eine kleine Tür und steht im Entree. Zur Linken hat man eine Glastür, die in ein Kabinett führt. Man geht geradeaus und kommt in ein Vorzimmer. Dahinter sind zwei Zimmer, ganz gleich groß, ganz gleich möbliert, als wenn man das eine Zimmer im Spiegel doppelt sähe. Das hintere Zimmer ist geschmackvoll erleuchtet. Ein Armleuchter steht auf einem Arbeitstisch, vor diesem ein leicht gebauter, mit rotem Samt überzogener Lehnstuhl. Das vordere Zimmer ist nicht erleuchtet. Hier mischt sich das gleiche Licht des Mondes mit der stärkeren Beleuchtung vom hinteren Zimmer her. Man setzt sich auf einen Stuhl am Fenster, man betrachtet den großen Platz und sieht die Schatten der Vorübergehenden über die Wände der Häuser hinein; alles verwandelt sich zu einer szenischen Dekoration. Eine träumende Wirklichkeit dämmert im Hintergrunde der Seele. (…) Man hat seine Zigarre geraucht; man zieht sich in das hintere Zimmer zurück und fängt an zu arbeiten. – Mitternacht ist vorbei. Man löscht die Lichter und zündet einen kleinen Nachtleuchter an. Die Mondbeleuchtung liegt ungemischt. Ein einzelner Schatten erscheint noch dunkler, ein vereinzelter Schritt braucht lange Zeit, um zu verhallen. Die wolkenfreie Wölbung des Himmels sieht so wehmütig, träumerisch und gedankenreich aus, als ob der Untergang der Welt vorüber und der Himmel ungestört mit sich selbst beschäftigt wäre.

Sören Kierkegaard

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Wer verlassen lebt und sich doch hie und da irgendwo anschließen möchte, wer mit Rücksicht auf die Veränderungen der Tageszeit der Witterung, der Berufsverhältnisse und dergleichen ohne weiteres irgendeinen beliebigen Arm sehen will, an dem er sich halten könnte, — der wird es ohne ein Gassenfenster nicht lange treiben. Und steht es mit ihm so, dass er gar nichts sucht und nur als müder Mann, die Augen auf und ab zwischen Publikum und Himmel, an seine Fensterbrüstung tritt, und er will nicht und hat ein wenig den Kopf zurückgeneigt, so reißen ihn doch unten die Pferde mit in ihr Gefolge von Wagen und Lärm und damit endlich der menschlichen Eintracht zu.

Franz Kafka

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Albert Speer, zunächst Hitlers Hofarchitekt, dann Rüstungsminister und damit wesentlich beteiligt an der unerhörten Verlängerung des Krieges und damit des Mordens in den Vernichtungslagern, hat den Gefängnishof von Spandau für eine zwanzigjährige Weltumwanderung genutzt. Tag für Tag drehte er seine Runden, penibel Kilometer und Durchschnittsgeschwindigkeit berechnend und Jahr für Jahr mit äusserster Genauigkeit kalkulierend, in welcher Gegend er beim Kreisen in der Welt bereits angelangt sei.

Aus Berlin aufgebrochen, vom Balkan Richtung Indien und China wandernd, von dort aus über die Beringstraße nach Nordamerika vordringend, erfuhr Speer von seiner Freilassung in dem Moment, in dem er in Mexiko angelangt war.

Um die täglichen Runden leichter zählen zu können, ließ er zu Beginn einer jeden neuen Runde Bohnen von einer Hosentasche in die andere gleiten. Es genügte, sie am Abend hervorzuholen und sie vor sich hinzulegen.

Anne Peiter

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Ich nutzte diesen Aufenthalt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu versorgen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeutenden Vorrat von ihnen zusammen. Ich verteilte sie gleichmäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nacheinander. Dadurch entstand ein Problem, das ich zunächst auf folgende Art löste: Angenommen, ich hatte sechzehn Steine und vier davon in jeder meiner vier Taschen, nämlich in den zwei Taschen meiner Hose und den zweien meines Mantels. Wenn ich einen Stein aus der rechten Manteltasche nahm und in den Mund steckte, so ersetzte ich ihn in der rechten Manteltasche durch einen Stein aus der rechten Hosentasche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosentasche ersetzte, den ich durch einen Stein aus der linken Manteltasche ersetzte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund ersetzte, sobald ich mit dem Lutschen fertig war. Auf diese Weise befanden sich immer vier Steine in jeder meiner vier Taschen, aber nicht genau dieselben. Und wenn die Lust zum Lutschen mich wieder ankam, griff ich aufs neue in meine rechte Manteltasche und konnte sicher sein, dort nicht den gleichen Stein in die Hand zu bekommen wie das letzte Mal. Und während des Lutschens nahm ich die neue Verteilung der Steine vor, wie ich gerade auseinandergesetzt habe. Und so fort. Aber diese Lösung befriedigte mich nur zum Teil. Denn die Möglichkeit entging mir nicht, daß durch einen außerordentlichen Zufall es immer dieselben Steine sein könnten, die zirkulierten. Und in diesem Fall würde ich durchaus nicht die sechzehn Steine einen nach dem anderen, sondern in Wirklichkeit immer dieselben vier nacheinander lutschen. Aber ich schüttelte sie gut in meinen Taschen, vor und während des Lutschens, in der Hoffnung, alle Steine in den Kreislauf einzubeziehen, und erst dann schritt ich zu ihrer Verteilung von Tasche zu Tasche. Aber das war nichts als ein Notbehelf, mit dem ein Mann wie ich sich nicht lange zufrieden geben konnte. Ich machte mich also daran, eine andere Methode zu finden. Und zuallererst fragte ich mich, ob ich nicht besser daran täte, jeweils vier Steine auf einmal anstatt jedesmal je einen von einer Tasche in die andere zu bringen, das heißt, während des Lutschens die drei Steine, die noch in meiner rechten Manteltasche waren, in die Hand zu nehmen und an ihre Stelle die vier aus meiner rechten Hosentasche und an deren Stelle die vier aus meiner linken Hosentasche und an deren Stelle die vier aus meiner linken Manteltasche und an deren Stelle endlich die drei aus meiner rechten Manteltasche, die in meiner Hand waren, nebst dem Stein, der sich in meinem Mund befand, wenn ich ihn fertig genutzt hätte, zu setzen. Ja, anfangs schien es mir so als ob ich auf diese Weise zu einem besseren Ergebnis gelangen würde. Aber diese Ansicht musste ich nach reiflicher Überlegung ändern und mir eingestehen, dass der Kreislauf der Steine in Gruppen von je vier genau auf das Gleiche hinaus lief wie der Kreislauf in Einheiten von je einem. Denn wenn ich auch sicher sein konnte, in der rechten Manteltasche jedesmal vier Steine zu finden, die von ihren unmittelbaren Vorgängern in dieser Tasche völlig verschieden waren, so war die Möglichkeit nicht geringer geworden, dass mir innerhalb jeder Vierergruppe immer der gleiche Stein in die Hand kam und dass ich infolgedessen, anstatt die sechzehn Steine nacheinander zu lutschen, wie ich es wollte, in Wirklichkeit nur immer die gleichen vier davon nacheinander lutschte. Es war also nötig, an einem anderen Punkt als an der Art der Zirkulation anzusetzen. Denn wie immer ich auch die Steine zirkulieren ließ, immer stieß ich auf den gleichen Zufallsfaktor. Ganz offenbar konnte ich durch Vermehrung der Anzahl meiner Taschen gleichzeitig meine Chancen vermehren, meine Steine so zu benutzen, wie ich es beabsichtigte, das heißt, einen nach dem anderen, bis der Vorrat erschöpft war. Wenn ich zum Beispiel anstelle meiner vier Taschen acht Taschen gehabt hätte, so hätte der bösartigste Zufall es nicht verhindern können, dass ich von meinen sechzehn Steinen wenigstens acht nacheinander lutschte. Im Grunde hätte ich sechzehn Taschen nötig gehabt, um ganz beruhigt zu sein. Und während einer langen Zeit kam ich nicht über die Schlussfolgerung hinaus, dass ich mindestens sechzehn Taschen haben müsste, jede mit ihrem besonderen Stein drin, um das Ziel, dass ich mir gesteckt hatte, zu erreichen – abgesehen von einem ausserordentlichen Zufall. Und wenn es auch denkbar war, die Zahl meiner Taschen zu verdoppeln, sei es nur dadurch, dass ich jede Tasche in zwei teilte, nehmen wir an mit Hilfe einiger Sicherheitsnadeln, so schien es doch meine Fähigkeiten zu übersteigen, sie zu vervierfachen. Und ich legte keinen Wert darauf, mich wegen einer halben Maßnahme anzustrengen. Denn seitdem ich mich mit dieser Geschichte herum schlug, verlor ich allmählich den Sinn für das Maß und sagte mir: entweder alles oder nichts. Und wenn mir einen Augenblick lang der Gedanke vorschwebte, zwischen meinen Steinen und meinen Taschen ein ausgeglicheneres Verhältnis herzustellen, indem ich die Zahl der Steine verringerte und die Zahl der Taschen angelegt, so doch nur einen Augenblick lang. Denn damit hätte ich meine Niederlage zugegeben. (…) Und während ich so auf meine Steine blickte und mir über die Einsatzmöglichkeiten, die alle gleich mangelhaft waren, den Kopf zerbrach und viele Handvoll Sand zerdrückte, so dass der Sand durch meine Finger rieselte und wieder auf den Strand fiel, jawohl, während ich auf diese Weise meinen Geist und einen Teil meines Körpers beschäftigt und in Gang hielt, kam mir eines Tages auf einmal die erleuchtende Idee, dass ich vielleicht mein Ziel erreichen könne, ohne die Zahl meiner Taschen zu vermehren noch die meiner Steine zu verringern, indem ich einfach das Prinzip der Schichtung fallen ließe. Diese Idee hob plötzlich in mir zu singen an wie ein Bibelvers aus Jesaja oder Jeremia, und ich brauchte einige Zeit um ihre ganze Bedeutung zu erfassen; und besonders das Wort Schichtung, das ich nicht kannte, blieb mir lange dunkel. Aber am Ende glaubte ich zu erraten, dass dieses Wort Schichtung nichts anderes und nichts Besseres bezeichnen können als die Verteilung der sechzehn Steine in vier Gruppen zu je vieren, mit je einer Gruppe in jeder Tasche, und dass die Weigerung, eine andere Verteilung als diese ins Auge zu fassen, alle meine bisherigen Berechnungen verdorben und das Problem wirklich unlösbar gemacht hatte. Und dank dieser Auslegung, ob sie nun richtig war oder nicht, konnte ich endlich zu einer Lösung gelangen, einer Lösung, die gewiss nicht elegant war aber handfest, handfest. Inzwischen glaube ich gern, ja, ich glaube sogar sicher, dass es für dieses Problem andere Lösungen gab und sogar immer noch gibt, die ebenso handfest sind wie die gerade beschriebener aber eleganter. Und ich glaube auch, dass ich sie mit etwas mehr Verbissenheit, etwas mehr Beharrlichkeit selbst gefunden haben könnte. Aber ich war müde, müde, und ich begnügte mich träge mit der ersten Lösung dieses Problems, die wirklich eine war. Und ohne die Stufen aufzuzählen und die Schrecken zu beschreiben, durch die ich hindurch musste, bevor ich zu ihr gelangte, will ich sie enthüllen, meine Lösung, in ihrer ganzen Abscheulichkeit. Ich brauchte zum Beispiel, um zu starten, nur (nur!) 6 Steine in meine rechte Manteltasche zu tun, denn es ist immer diese Tasche, aus der die Zufuhr kommt, und fünf in meine rechte Hosentasche und endlich fünf in meine linke Hosentasche, so ging die Rechnung auf: zweimal fünf plus sechs gleich sechzehn, und keinen Stein – weil keiner übrig war – in meine linke Manteltasche, die für den Augenblick leer blieb, leer von Steinen natürlich, denn ihr ständiger Inhalt befand sich immer darin, zusammen mit einigem Durchgangsgut. Denn wohin tat ich, glaubt ihr wohl, mein Gemüsemesser, meine Silbersachen, meine Hupe und das übrige, dass ich noch nicht namentlich angegeben habe und vielleicht nie angeben werde? Also. Jetzt kann ich anfangen zu lutschen. Passen Sie gut auf. Ich nehme einen Stein aus meiner rechten Manteltasche lutsche ihn, lutsche ihn nicht mehr und stecke ihn in meine linke Manteltasche, die leer ist (von Steinen). Ich nehme eine zweiten Stein aus meiner rechten Manteltasche, lutsche ihn und stecke ihn in meine linke Manteltasche. Und so fort, bis meine rechte Manteltasche leer ist, abgesehen von ihrem ständigen und gelegentlichen Inhalt, und bis die sechs nacheinander gelutschten Steine in meine linke Manteltasche gekommen sind. An diesem Punkt halte ich ein und konzentriere mich, denn es kommt darauf an, keine Dummheit zu begehen. Nun versehe ich meine rechte Manteltasche, in der keine Steine mehr sind, mit den fünf Steinen aus meiner rechten Hosentasche, die ich durch die fünf Steine aus meiner linken Hosentasche ersetze, die ich durch die sechs Steine aus meiner linken Manteltasche ersetze. Jetzt ist es soweit, dass aufs Neue keine Steine mehr in meiner linken Manteltasche sind, während meine rechte Manteltasche wieder mit Steinen versehen ist, und zwar mit solchen von der richtigen Art, das heißt, mit anderen als denen, die ich gerade gelutscht habe und die ich mich jetzt anschicke, nacheinander zu lutschen und dann der Reihe nach in meine linke Manteltasche zu überführen, wobei ich die Gewissheit habe, soweit man sie bei dieser Art von Ideen haben kann, dass ich nicht die gleichen Steine lutsche wie zuletzt, sondern andere. Und wenn meine rechte Manteltasche wieder leer ist (von Steinen), und die fünf gerade gelutschten Steine sich alle ohne Ausnahme in meiner Linken Manteltasche befinden, schreite ich dazu, die gleiche oder eine entsprechend Verteilung wie vorhin vorzunehmen, das heißt, ich versehe meine rechte Manteltasche, die wieder verfügbar ist, mit den fünf Steinen aus meiner rechten Hosentasche, die ich durch die sechs Steine aus meiner linken Hosentasche ersetze, die ich durch die fünf Steine aus meiner linken Manteltasche ersetze. Und jetzt bin ich bereit, wieder von vorne anzufangen. Muss ich fortfahren? Nein, denn es ist klar, dass am Ende des nächsten Kreislauf von abwechselndem Lutschen und Umlagern die Anfangssituation wiederhergestellt sein wird, das heißt, dass ich wieder die sechs ersten Steine in der Tasche, aus der die Zufuhr kommt, die fünf folgenden in der rechten Tasche meiner alten Hose und endlich die letzten fünf in der linken Tasche der gleichen Hose haben werde und dass meine sechzehn Steine in tadelloser Ordnung hintereinander einmal gelutscht sein werden, ohne dass ein einziger zweimal oder ein einziger nicht gelutscht worden wäre.

Samuel Beckett

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In Toulouse hat ein 32jähriger einen Marathon veranstaltet, und zwar auf seinem Balkon, der einen Meter breit und sieben Meter lang ist. Die Länge habe mehr als sechstausend Hin- und Rückwegen entsprochen. Die Laufzeit habe bei sechs Stunden und achtundvierzig Minuten gelegen. Der Langeweile habe er durch die Hilfe seiner Follower auf den sozialen Medien und durch die Anwesenheit seiner Freundin widerstanden.

Er ist nicht der einzige Läufer dieser Art. In verschiedenen Ländern breiten sich kreisförmige Balkon- und Terrassenmarathone aus. Der Toulouser aber hat für sein Durchhaltevermögen einen hohen Preis zahlen müssen: Sein GPS hat, so wird berichtet, durch das viele Hin und Her seinen Geist aufgegeben.

Anne Peiter

Corona 33: Reise …

…um die Welt
Als ich aufbrach, um auf einer Insel im Indischen Ozean zu leben, hatte ich das Gefühl, dass ich eine Weltreise machte. Und als ich dort zu leben begann, war’s wirklich ein weiter, weiter Weg, um wieder zurück in die Welt zu kommen. Oder zurück in das, was sich für die Welt hielt.

… um die Insel
Als ich begann, auf der Insel zu leben, merkte ich, dass es keine Ecken gab und ich nach rechts fahren konnte oder nach links, aber nicht geradeaus, denn sonst fuhr ich mitten hinein in den Ozean. Also fuhr ich nach links oder nach rechts, kreisend so oder so. Nur wenn die Straße nach links wegen Steinschlags gesperrt war, konnte ich nur noch nach rechts fahren, und das war dann zwar so, aber nicht mehr so oder so.

… um die Stadt
So war das bald nicht mehr wichtig, denn auf einer Insel kann man nur leben, wenn man um anderes kreist als um die Insel. Und darum kreiste ich schon bald nicht mehr um die Insel, sondern blieb in meiner Stadt. Je kleiner die Kreise dort, desto weiter, so schien mir, der Horizont dessen, was mich bewegte. Und das war auch die Insel, aber mehr noch ein »weg von der Insel«.

… um’s Viertel
Als das Virus einsetzte, durfte man anfangs noch in einem Umkreis von zwei Kilometern spazieren gehen. Und ich ging zum Fluss, hinein in die Berge, die dort eine gewaltige Schlucht säumen. Pflanzen, Bäume, ab und zu eine Ziege, fast keine Menschen. Steinschlag auch hier. Und das alles war so nah wie fern.

… um die Straße
Dann durfte man nur noch eine Stunde pro Tag nach draußen gehen, in allernächster Nähe zum eigenen Haus, die Erklärung, warum man überhaupt noch rausgehe, unterschrieben in der Tasche. Autos fuhren kaum, alles war wie neu, und die nächste Nähe kam mir erstmals wirklich nahe vor und fühlte sich wärmer an als zuvor.

… um mein Zimmer
Jetzt lese ich de Maîstre und finde, es stimmt nicht. Nichts ist zu erzählen von meinem Weg zwischen Tisch und Bett, Bücherschrank, Klavier und Stuhl. Höchstens über Tisch, Bett, Bücherschrank, Klavier und Stuhl selbst. Den Bücherschrank musste ich selbst bauen, denn es wird wenig gelesen auf der Insel und Regale mit engen Abständen, in denen man viele Bücher unterbringen kann, gibt es nicht. Das Klavier ist akklimatisiert seit bald dreißig Jahren, doch es kommt aus der DDR wie ich und heißt Forster. Also ist die Frage, wie es wohl ausgerechnet in den Indischen Ozean gekommen sein mag, interessanter als mein Weg zu ihm, vorbei an Tisch, Bett, Bücherschrank und Stuhl. Es sei denn, ich sage mir, das Klavier sei auch ich, die ich mich fragen muss, wie ich ausgerechnet in den Indischen Ozean gekommen bin, auf dieses Insel, in dieses Haus und sein Zimmer mit einem Klavier ausgerechnet aus der DDR.

 

Anne Peiter     

 


 

 

Xavier de Maistre, Voyage autour de ma chambre / Die Reise um mein Zimmer, Leipzig: Reclam 1991. Vgl. den folgenden Blogeintrag.

Georg Forster, A Voyage round the World in His Britannic Majesty’s Sloop Resolution, Commanded by Capt. James Cook, during the Years, 1772, 3, 4, and 5, London 1777. Die Reise führte zunächst in den Südatlantik, dann durch den Indischen Ozean und antarktische Gewässer in den Südpazifik und zu den Inseln Polynesiens und schließlich um Kap Hoorn herum wieder zurück nach England (Wikipedia, Art. „Georg Forster“).

Karfreitag 2020 etc.

es sind die tage warmen biers
auf ungemähter wiese, vielleicht
des grauburgunders. von ferne
das weichbild der stadt, dazu
ein hartgekochtes ei in leeren
straßen, des ddr-gefühls.
so eine bekannte, jahrgang 70,
auf dem werkhof am feuer, vom
dürren sohn geschürt,
wo es immer steckte und im
löwenzahn zwischen diesen
pflastersteinen. ja –

oder sonntags in der kleinen
stadt. meine kindheit. wozu jetzt
alles wieder wird. nichts los.
herbst und frühling ein moment.
die stimmen haben einen hall.
von den wänden sieht man
den putz rieseln, kocht zuhause.
kein wind. kühle von häusern, nicht
von wohnungen. kinderlärmen in
zeitlupe. man ist, wenns geht,
im garten, kommt voran. die schule
grad so wichtig, wie sie soll:
nicht so. es stimmt nicht, aber ja –

ferien vom kapital, augenblick
der lyrik, der leeren züge und
verrammelten fressmeilen. der frage,
was brauchen wir nicht.
die luft weiß nicht was sie will,
schwankt zwischen überklar und
diesig. wolkenschiffe und graffitis
bleichen schneller und die fenster
stehen offen. bunte wäsche auf
der gartenleine, mehrgenerationen-
klammern, farben wie bei der defa.
es wird mehr gevögelt, gezeugt,
geschieden. und abends gegrillt. ja –

im wald drei fünfzehnjährige
käseköpfe mit rucksack und
bier. männertag für alle. nur
stiller. der schöne junge vater baut ein
boot, die kinder jubeln, ohne dass
das nervt. man grüßt sich häufiger,
und sogar die fette töle meines nachbars,
die es sonst nicht bis zur ecke
schafft, ist da, rund keuchend,
corona auf vier beinen. ja –

was man verbietet, wird gemacht.
sogar das gute. am bahnhof
jemand mit staubmantel,
stetson, schwarzem mundschutz.
passt so. once upon a time.
man kleidet sich. was man hört,
ist melodie, was man sieht,
fotografie. verluste sind fern. so
gegenüber ist alles im diesseits
dieser tage. worte haben einen
alten klang. staub schmeckt salzig.
ich trinke eiskaffee, den kopf voller
katzen. faules wasser in der tonne.

Wolfram Ette

Corona 32: Aus der Welt der Zahlen

Die Macht der Ideen

In Afrika, so heißt es, sind die Fallzahlen bislang niedrig. Aber, so wird hinzugefügt, das liege daran, dass dort nicht getestet werden würde, oder auch nicht getestet werden könne, da die »Kapazitäten« dafür nicht vorhanden seien. Sicher sei aber: wenn die Pandemie Afrika erst einmal erfasst habe, werde es angesichts des nicht bloß maroden, sondern weithin inexistenten Gesundheitssystems dort zu gehen wie beim Jüngsten Gericht.

Oder etwa nicht? Zählen nur die Verluste, die gezählt werden? Würde der leidgeprüfte Kontinent die Corona-Toten überhaupt merken, wenn die Krankheit nicht durch die Medien gehen würde? Im südlichen Afrika sind von der anhaltenden Dürre 45 Millionen von Hunger bedroht, warnte die Welternährungsorganisation vor dem Ausbruch der Epidemie. Das sind Zahlen! Wie hoch wird da die Mortalitätsrate sein? Könnte es sein, dass es auf diesem Planeten noch schlimmere Probleme als Corona gibt? Ist es möglich, dass mehrere 100 Jahre kapitalistisch-kolonialistische Ausplünderung von Mensch und Natur ein pandemisches Leid hinterlassen haben, vor dem das, was uns gerade in die Knie zwingt, jene ›größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg‹, als Luxusproblem erscheinen könnte? Und wenn nicht als Luxusproblem, so doch als Problem bessergestellter Gesellschaften, deren Reichtum auf der Armut der anderen beruht, die so groß sein mag, dass das Leiden der Pandemie kaum ins Gewicht fällt?

Und weiter, in einer zynischen Rückwendung auf die Situation bei uns: Könnte es nicht sein, dass uns nicht die Menschenleben, sondern die Zahlen auf die Füße fallen? Die verschwörungstheoretisch inspirierten Kritiker von Politik und Wissenschaft blasen seit Wochen in dieses Horn. Alles werde durch falsche Erhebungen verzerrt, die auf Corona fokussiert seien: Menschen mit Vorerkrankungen; alte Menschen, deren Gesundheit ohnehin angeschlagen gewesen sei; Menschen, die sich eine normale Grippe eingefangen und sich zusätzlich noch Covid-19 infiziert hätten – sie alle würden nun der Pandemie zugerechnet. Hinzu komme, dass die mediale Aufmerksamkeit für andere Erkrankungen nachlasse, deren gesundheitliche Versorgung damit auch rein praktisch zu kurz komme.

Es wird also gegengerechnet. Whataboutism. Und so richtig es ist, dass wir uns von Corona in Bezug auf das millionenfache Leid einer Weltgesellschaft nicht blenden lassen sollten, in der ganze Kontinente medizinisch unterversorgt sind, so wichtig ist es auf der anderen Seite, jeden Toten / jede Tote, die nicht oder nicht so hätten sterben müssen, ernst zu nehmen.

Die Zahlen sind auch ein Unheil. Sie suggerieren die Erfassung der komplexen Wirklichkeit und lassen sie beherrschbar erscheinen. Nichts falscher als die Meinung, über Zahlen lasse sich nicht streiten. Die richtige Annahme, dass der Satz, zwei und zwei mache vier, keinen Dissens auslösen kann – oder wenigstens sollte –, wird auf Statistiken übertragen. Statistiken sind aber keine Rechnungen, sondern Sachverhalte, die in Form von Zahlen ausgedrückt werden und die ohne Rückübersetzung in sprachliche Vorstellungen nichts sind. Statistiken können gefälscht werden – im Moment deutet einiges darauf hin, dass Chinas Post-Wuhan-Zahlen nicht stimmen –; ihre Datenbasis kann so verschieden sein, dass sie sich nicht miteinander vergleichen lassen – zum Beispiel Fall- und Mortalitätszahlen verschiedener Länder –; in die aus ihnen erarbeiteten prognostischen Modernisierungen können faustgrobe Annahmen eingehen, die der Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand entstammen, aus naturwissenschaftlicher Sicht jedoch fragwürdig sein müssen – zum Beispiel in die englische Modellierung, die Mitte März diskutiert wurde.

Zahlen sind Ideen, bei Platon und später. Vielleicht sind sie die mächtigste Idee, die nach dem Untergang der Metaphysik übrig geblieben ist. Klar, eine Sphäre jenseits der Fixsterne gibt es auch für sie nicht mehr, in der sie sich zusammen mit anderen des ewigen Lichts freuen können. Dass wir an sie nicht mehr glauben, heißt aber nicht, dass sie keine Nachfolgerin gefunden hätte. Sie ist da: irgendwo in uns, zwischen uns, viral sozusagen. Sie ist in den Medien zuhause und in dem, was man Diskurs nennt. Über all dort, wo wir uns Vorstellung machen haben über uns und unser Zusammenleben. Zu ihnen gehören die Zahlen. Und so, wie die Ideen gleichzeitig zur systematischen Erhellung der Wirklichkeit beitrugen und gegen sie verblendeten, ist es nun auch mit ihren Wiedergängern beschaffen.

Wolfram Ette     

 

Die Null

Der Ausdruck »Patient Null« meint eine Person, von der eine Krankheit ihren Ausgang genommen hat. Sie ist es, von der aus sich diese verbreitete. Die Null trägt sie, weil man mit ihr zu zählen beginnt. Aber eigentlich zählt sie selbst noch nicht, sondern nur das, was auf sie folgt. Das bedeutet keineswegs, dass die Null selbst nicht an der Krankheit sterben kann. Vielmehr kann sie, obwohl sie nur Auftakt für das dann einsetzende, eigentliche Zählen ist, selbst schon ein erster Patient gewesen sein und damit ein Opfer der Krankheit.

Die Suche nach der Null ist für die Bekämpfung von Epidemien ein wichtiger Faktor. Übertragungswege sollen nachvollzogen und so die Personen aufgefunden werden, die vom Patient Null angesteckt worden sind und nun ihrerseits – jedoch beileibe nicht mehr als Null – die Krankheit an andere weitergeben oder weiterzugeben drohen.

Für diese Suche ist quasi ein Zählen rückwärts kennzeichnend. Man zählt nicht, mit Null beginnend, dem Schema »eins, zwei, drei…« folgend, sondern umgekehrt, wie bei einem Countdown. Dieser ist aber insofern paradox, als die Katastrophe schon voll im Gange ist, wenn man beginnt zu zählen. Der Countdown ist quasi schon abgelaufen. Dennoch zählt man rückwärts, in die Vergangenheit gerichtet, nähert sich mit dem neuen Kontaktstrang, der einst von der Null ausgegangen war, ihr selbst – der Null. Nur wenn dies gelingt – sie zu finden, die Null, das Nichts – lässt sich vermeiden, dass dem Schema »eins, zwei, drei…« mit der Zeit die Nullen anwachsen. Die Suche nach der ersten Null entspricht dem Versuch, die Katastrophe im Großen, das heißt die wuchernde Null zu vermeiden.

Da man die Mühen der Suche gemeinhin erst dann im großen Stil auf sich nimmt, wenn es schon ziemlich katastrophal aussieht und die Notwendigkeit der Suche sich in der Gefahr ausdrückt, dass das normale Leben null und nichtig wird, verbindet sich mit dem Patienten Null immer schon ein gewisser Vorwurf. Wäre er nicht gewesen, wäre es nicht zur Multiplizierung der vielen Nullen, nicht zu ihrem exponentiellen Wachstum gekommen.

Der Patient Null ist die moderne Fassung der Erbsünde. Er ist der Adam, der der Schlange nicht widerstand und uns alle aus dem Paradies von Gesundheit und Glückseligkeit geworfen hat. Ohne seine Verfehlung keine Sünden später. Die Wege der Krankheit zurückzuverfolgen, nimmt sich dagegen aus wie die Nutzung dessen, was wir trotz Adams Schuld ihm verdanken: die Fähigkeit, bestimmte Dinge zu erkennen.

Der Drang nach Erkenntnis verkoppelt sich mit dem Bedürfnis, die erste Sünde des Strebens nach Gottähnlichkeit rückgängig zu machen, und zwar, indem man sie auf den Patienten Null abwälzt. Niemanden trifft eine Schuld, ihn schon. Und fast klingt das so wie: wirklich nur ihn. Weil der Patient Null aber gar nicht wissen konnte, dass er etwas Furchtbares gemacht hat, ist etwas von der Unwissenheit in ihm, die auch Adam und Eva kennzeichnete.
Sie sollten etwas erkennen, obwohl sie zum Baum der Erkenntnis gar keinen Zugang hatten. Sie sollten, mit anderen Worten, eine Fähigkeit haben, die sie erst dann haben würden, wenn sie Gottes Verbot zuwiderhandelten und sich die Fähigkeit qua Apfel aneigneten.

Auch auf den Patienten Null werden solche Paradoxien projeziert. Er konnte es ja nicht wissen – dafür war er die Null, also die Null der Erkenntnis der Krankheit –, aber wissen hätte erʼs eben doch müssen, schlicht weil es verboten ist, Krankheiten an andere weiterzugeben und Gott einen Vorwand für die Vertreibung zu liefern.

Der Patient Null, das ist die Sehnsucht nach dem Paradies von einst. Es ist die Sehnsucht eines Lebens vor den Zahlen, und blieben diese im Jetzt der Katastrophe auch so klein wie Eins, Zwei und Drei.

Die Null pflegt – was ihrem Charakter eigentlich zuwiderzulaufen scheint – konkrete Namen zu tragen. Im Falle von Ebola war es ein zweijähriges Kind aus Westafrika, in dem man den Patienten Null gefunden zu haben glaubte. Die Null wurde plötzlich konkret, das Unübersehbare, angsteinflößend Riesige der sich vermehrenden Nullen einhegbar, verständlich.

Insofern ist das Interesse für Infektionswege nicht allein ein praktisches Unterfangen von Epidemologen. Es steckt auch eine psychologische Hilfe in diesem »Zurück-ins-Paradies«. Es erweist sich, dass man trotz der Erkenntnis, die sich bezüglich der Krankheit ausbreitet, doch im Urzustand der Unwissenheit geblieben ist, und tröstend ist, dass wir dann irgendwann vielleicht wenigstens das Eine wissen werden, nämlich: womit das ganze Unglück angefangen hat. Viel mehr nicht, aber immerhin das.

Das eigentliche Unglück aber besteht darin, dass die Null in den Augen der Mächtigen auch dann noch ihren Charakter behält, nichts zu sein, wenn andere Zahlen – zum Beispiel Eins, Zwei oder Drei – sich längst vor sie gestellt haben. Die Riesenhaftigkeit, die nur ausdrückbar ist, wenn man die Nullen bemüht, wird umgewandelt in die Lust, die von ihr Betroffenen als Nullen zu imaginieren. Und sie dann auch als solche zu behandeln.

Sich selbst als die Eins setzen – das heißt, es nötig haben, die anderen ins Nichts zu stoßen, mit den Nullen zu spielen, ihre genaue Zahl für austauschbar zu erklären und zu vergessen, dass hinter jeder neuen Zahl Menschen stehen, die genauso konkret sind wie der Patient Null. Etwas von der Inflation steckt schon in der ersten Null, dem ersten Patienten, der als solcher nicht zu zählen scheint, sondern erst dadurch, dass andere und sehr viele ihm folgen. Zahlenspiele, die heute in die Hunderttausende und Millionen gehen, sind heute sehr beliebt. Gott ist wieder voll am Wirken.

Anne Peiter    

Corona 31: Auf dem Vulkan

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr kommt es zu einer Eruption des Vulkans Piton de La Fournaise. Im vulkanologischen Monatsbericht vom März 2020 war zwar versichert worden, es herrsche weitgehend Ruhe. Jetzt aber geben die Spezialisten an, sie seien vom Ausbruch nicht wirklich überrascht gewesen. Sehr leichte seismische Aktivitäten hätten schon seit einer Weile begonnen, und auch die Inflation habe angezogen. In den letzten 48 Stunden sei dann alles plötzlich sehr schnell gegangen. Seit dem letzten Ausbruch habe sich die Kammer stark gefüllt. Schon ein geringer Druck reiche unter solchen Bedingungen aus, und es gehe wieder los. Und so sei es denn auch gekommen.

Als nun am 2. April 2020 die Gendarmerie in eigens zu diesem Zweck bereitgestellten Hubschraubern die Lage visuell zu erkunden versuchte, habe sich herausgestellt, dass die Wolken viel zu tief hingen und es unmöglich war, zu bestätigen, dass der Ausbruch wirklich begonnen habe. Die Webcams seien beschlagen gewesen. Auch über sie konnten also zunächst keine gesicherten Informationen gewonnen werden.

Durch weitere Erkundungsflüge habe sich aber herausgestellt, dass es in 1900 Meter Höhe einen Spalt gebe, der knapp unter dem Punkt liege, an dem der letzte Ausbruch begonnen habe. Die Lava-Fontänen hätten die 30 Meter-Grenze nicht überschritten.

Einzig eine Sache sei im Vergleich zu vorherigen Ausbrüchen als ungewöhnlich zu vermerken. Zwischen dem Ausbruch und dem Tremor seien fast keine Erschütterungen festzustellen gewesen. Im Normalfall gebe es ein Beben der Erde, weil das Magma sich ausbreite. Jetzt aber sei aufgrund der vorherigen Ausbrüche das Gestein schon so brüchig geworden, dass das Magma keinerlei Schwierigkeiten gehabt habe, auszutreten. Es habe sich gar nicht erst eine neue Bahn brechen müssen.

Im Normalfall folgten, so die Vulkanologen weiter, auf die visuelle Erkundung stets die Entnahme und Analyse von Proben, doch die Ausgangssperre verhindere die Beibehaltung des üblichen Protokolls. Jetzt gehe die Sicherheit der Bevölkerung vor. Niemand dürfe sich in Gefahr bringen. Die Beobachtung des Vulkans erfolge daher über die vor Ort installierten Geräte. Ein Vorteil sei, dass sich niemand in der Nähe des Vulkans aufhalte. Zu vertrauen sei auf die ohnehin geltende Ausgangssperre. Zudem spiele sich alles im Inneren des Kraters ab. Sichergestellt werden müsse also allein, das die Lava nicht austrete.

Nach diesem Bericht kann man eigentlich nur zu einer Schlussfolgerung kommen: Kaum eine Publikation ist in diesen Zeiten so erhellend wie die von Vulkanologen! Die Inflation hatte längst begonnen, die Kammern waren seit geraumer Zeit gefüllt, der Austritt der Magma erfolgt mit Leichtigkeit, weil das Gestein schon zuvor brüchig war. Aber die offizielle Bestätigung, dass der Ausbruch wirklich da ist, ist aufgrund fehlender Evidenz dennoch erst spät bekannt gegeben worden. Man wusste und wusste nichts. Die Wolken hingen einfach schon zu tief. Und doch gab es – vielleicht gerade wegen der Wolken? – nicht wirklich eine Überraschung. Man wartete nur auf Evidenzen. Die ist jetzt da, in Form des unbezweifelbaren Ausbruchs. Und da das anerkannt werden muss, ist voll und ganz den Geräten zu vertrauen, und ihnen allein. Gibt es sie in ausreichender Anzahl? Das sagen die Vulkanologen nicht. Für das Magma ist in jedem Fall kennzeichnend, dass es der von den vorherigen Ausbrüchen gezeichneten Bahn folgt. Das schafft Voraussehbarkeit bezüglich der weiteren Reaktionen, eine Voraussehbarkeit, die dennoch nicht verhindert hat, dass es noch im Märzbericht geheißen hatte, es sei alles ruhig. Aber das ist leicht zu erklären: Man war durch nichts zu erschüttern, auch durch den sich vorbereitenden Tremor nicht.

Wenn das keine politische Stellungnahme ist! Erneut: Die Kammern waren schon lange gefüllt! Und die Inflation (was immer Vulkanologen damit meinen) eine bekannte Tatsache. Und jetzt die Entnahme von Proben – unmöglich! Die Gegebenheiten verhindern die Einhaltung des Protokolls! Wie wahr, wie wahr! Dann aber auch dies – kritischer? Oder ganz und gar unkritisch? –: Der Ausbruch erfolgte mit größter Leichtigkeit. Alles hat sich durch die vorherige Füllung der Kammern und die Brüchigkeit des Ausbruchgebietes schon vorbereitet. Nichts Überraschendes also. Auch wahr. Besonders erschüttert ist man nicht.

Nur in einem Punkt lassen es die Vulkanologen an Genauigkeit fehlen: Die Lava trete nicht aus, verbleibe innerhalb der Grenzen des engeren Ausbruchgebiets. Da sollte man sich nicht so sicher sein! Die Evidenzen sprechen dagegen. Von Saint Pierre aus sieht man den Schein des Feuers schon von den Wohnzimmerfenstern aus. Und das ist ein wahrhaftig erschütterndes Schauspiel.

Anne Peiter      

Corona 30: Über Verschwörungstheorie

Verschwörungstheorien sind immer: intellektueller Bankrott. Sie gaukeln Wissen vor, wo es nichts zu wissen gibt. Sie ersparen den Menschen die fundamentale Enttäuschung des wissenschaftlichen Zeitalters, von der Sigmund Freud sprach: den Raum des Nichtwissens zu vergrößern und eine ›objektive‹ Welt anzuerkennen, von der wir das Allermeiste nicht oder noch nicht verstehen.

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In einer Bedrohungssituation regredieren wir. Robuste, phylo- und ontogenetisch eingeprägte Weltverhältnisse werden reaktiviert, die wir überwunden glaubten. In Freuds Terminologie sind es Animismus und Magie. Anders als die wissenschaftliche Weltanschauung begreifen sie die Wirklichkeit in größerem Maße in Entsprechung zum erkennenden Subjekt. Wir unterlegen ihr, was wir selbst sind; wir interpretieren sie nach dem Muster unseres eigenen Handelns und Denkens. Sie ist ›wie wir‹: lebendig, handelnd und fühlend; ein vielleicht übermächtiges, aber zugleich vertrautes Gegenüber. Deswegen können wir sie beeinflussen, zum Beispiel durch magische Praktiken. Nach diesem Muster verfahren Verschwörungstheorien. Sie subjektivieren Prozesse, die sich nach dem Maß des Subjekts nicht begreifen lassen. Konkret heißt das: ein ›systemisch‹ ablaufender Prozess, der seine eigene Zukunftsoptionen im Verlauf modifiziert, wird durch eine Handlung ersetzt. Er wird zu einem Plan: zu einem Prozess, der einem Zweck unterliegt, und von diesem Ende her organisiert ist.

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Aristoteles hat das in der ›Poetik‹ gemacht. Er hat auf komplexe Weise ineinandergreifende menschliche Handlungen als eine einzige Handlung mit Anfang, Mitte und Ende aufgefasst, die in sich kontinuierlich und notwendig zusammenhängen soll. Die Resultante vieler Zwecke und vieler kommunikativer Akte wird auf einen Zweck, ein telos, zusammengekürzt. Er rationalisiert dadurch den dramatischen Prozess, macht ihn fassbar, greifbar: letztlich weniger komplex, indem er dem, was inmitten des Prozesses passiert, einer von Anfang an vorliegenden Zielbestimmung unterwirft. Dieser rationale, philosophisch handhabbare Prozessverlauf hat keinen Urheber – wie zum Beispiel einen Gott. Vom »Schicksal« ist in der ›Poetik‹ nicht die Rede. Er spricht vielmehr von einer Naturnotwendigkeit des Geschehens. So, wie in einem Samen bereits die ausgewachsene Pflanze enthalten ist, deren Form und Gestalt er unweigerlich zustrebt, soll – angeblich – der Anfang der dramatischen Handlung ihr Ende in sich enthalten. Geschichte wird naturalisiert. Diese Naturnotwendigkeit ist aber letztlich eine Analogie zum göttlich verhängten Schicksal – einen Plan, der auf dem Olymp ausgesonnen wurde und an den Menschen durchgeführt wird. Sie ist ein Schicksal, das auf mystische Weise im Geschehen selbst liegt. Es gibt keinen Urheber mehr. Das Geschehen ist sein eigener Urheber; es ist sinnlich-übersinnlich zugleich.

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So raffiniert sind die Verschwörungstheoretiker nicht. Auch sie säkularisieren die göttlichen Urheber eines Geschehens, sie geheimnissen es aber nicht ins Geschehen selbst hinein, das dadurch metaphysischen Glanz erhielte. Es ist nicht die Natur, es sind die verwesten Götter, die die Last des großen Plans übernehmen müssen: geheimnisvolle Weltmächte, die die Strippen ziehen und für alles verantwortlich sein sollen: die notorische jüdische Weltverschwörung oder, wie uns beispielsweise Wolfgang Wodarg im Interview mit Eva Herman nahelegt, Bill Gates. Dieser habe, so der Mediziner, über die ›Bill and Melinda Gates Foundation‹, die sich auch um gesundheitliche Belange, insbesondere um die globale Impfvorsorge bemüht, die WHO finanziell praktisch in der Hand; der Digitalmagnat habe also, so gibt Wodarg zu verstehen, die WHO dafür instrumentalisiert, überall auf der Welt den Schrecken dieser Pandemie zu verbreiten – sei es, um den Einfluss dieser Stiftung zu vergrößern, sei es, um uns alle endgültig in digitale Couch-Potatoes zu verwandeln, die am Tropf von Mister Gates und seinen Programmen hängen.

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Charakteristisch für Theorien dieses Typs ist, dass die Urheber all des Unheils über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügen. Das eigentliche Instrument der Macht ist das Geld. Das Geld ist der wahre Nachfolger der metaphysischen Macht, die die Götter ausübten und die noch in der unsichtbaren Verfügung nachwirkt, die das Telos bei Aristoteles über den auf ihn zu laufenden Prozess besitzt. So auch ist es mit dem Geld. Es ist neutral, eigenschaftslos, weitgehend unsichtbar. Deswegen die so häufige Assoziation vieler Weltverschwörungen mit den in die Zirkulationssphäre verbannten Juden. Und Bill Gates ist ja vor allem dies: der reichste Mann der Welt.

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In wie fein verteilten Partikeln auch immer, teilt sich die Macht solcher gottähnlichen Figuren all denen mit, die sie zu erkennen glauben und ihre Machenschaften offenlegen. Das tun die Verschwörungstheoretiker. Es sind alles kleine Aristotelesse, die eine Wirklichkeit, die sich dadurch der direkten Kontrolle entzieht, das sie offen prozessiert, ›dramatisch‹ rationalisieren. Tatsächlich sind es Akte der Magie, zu denen die Menschen zurückkehren, wenn sie Angst haben und sich ohnmächtig fühlen. Die Verschöwrungsgurus helfen ihnen dabei. Denn häufig  deuten sie nur an. Sie sagen nicht, wie sich alles verhält, sie »geben zu verstehen«. Sie überlassen es ihren Anhängern, die vor sie hingelegten Teilchen zusammenzupuzzeln und das Drama des großen Plans zu formen. In kleinen Dosen teilt sich ihnen die Befriedigung mit, selbst darauf gekommen zu sein, den Schein der Wirklichkeit zerstreut und die darunter liegende Intrige freigelegt zu haben. Verschwörungstheorien sind auch deswegen so ansteckend, weil sie mir in Zeiten weitgehender Ohnmacht die Illusion theoretischer Autonomie geben.

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Freilich: »Aus der Tatsache, dass ich paranoid bin, folgt nicht, dass sie nicht hinter mir her wären« (Terry Pratchett). Es stimmt ja: Paranoiker haben ein scharfes Auge. So fahrlässig sie aus dem trüben Reflex heraus handeln, die Nutznießer eines Prozesses zu seinem Urheber zu erklären, so diszipliniert können die Verschwörungstheoretiker darin sein, Risse im Gefüge der offiziellen Narrative aufzuspüren. Die Fähigkeit, selber Propaganda zu produzieren, schwächt keineswegs die, ihre Anzeichen woanders zu erspüren. Der Balken im eigenen Auge macht nicht blind für den Splitter in dem der anderen. Eher im Gegenteil. Intuitiv weiß man schon, wie es geht.

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Umgekehrt kann der Balken im Auge des anderen es einem leichter machen, den Splitter im eigenen zu vernachlässigen. Warum auch nicht? Es sind ja die Gegner. Die Konstruktionen der Verschwörungstheoretiker sind so haarsträubend, dass es ein Leichtes ist, sie in Bausch und Bogen zu verwerfen. Auch, beziehungsweise gerade weil sie Dinge enthalten, über die nachzudenken sich lohnte. Zum Beispiel: Bisher habe ich keine befriedigende Antwort darüber erlangt, warum keine repräsentativen Tests (sogenannte »Baseline-Studies«durchgeführt werden, die eine wenigstens annähernde Auskunft darüber geben würden, wie der allgemeine Infektionssstand einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt steht. Dabei wären diese Erhebungen, wofern regelmäßig durchgeführt, ein wichtiges Instrument, mit dem sich eben die Prognosefähigkeit zurückgewinnen ließe, auf die so großer Wert gelegt wird. Das immer wieder vorgebrachte Argument, die Testkapazitäten seien restlos ausgereizt, finde ich angesichts der Wichtigkeit solcher Erhebungen, nicht überzeugend. Wodarg und seine Follower, die damit seit Woche(n) nerven, haben da einen Punkt. (Korrektur: Ab Ostern wird in München eine repräsentative Studie nach dem »Random Walk Prinzip« durchgeführt. Aber, soweit ich sehe, erstmal nur dort.)

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Sicherlich ist der Irrsinn in der Gesellschaft ungleich verteilt. Aber es ist gewiss nicht so, dass die da oben den klaren Verstand für sich gepachtet, die Populisten und das verführte Volk ihn einfach verloren hätten. Und wenn man den Gegner nicht von seiner stärksten Seite nimmt, läuft man Gefahr, sich bei ihm anzustecken. Man muss bei den Verschwörungstheorien Unterschiede machen. Es gibt welche von diagnostischem Interesse, und solche, die blühenden Wahnsinn zusammenphantasieren. Es gibt solche, die ohne weiteres in Akte der Gewalt und des Mordens münden können; wie solche, die nichts sind und bleiben als: Klugscheißerei am Stammtisch.

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Zurück auf Los: Ein Indikator dafür, wieweit im Moment überhaupt jemand ernst genommen zu werden verdient, ist der Grad, in dem er / sie man das eigene Unwissen einzugestehen in der Lage ist. Je geschlossener, verrückter das verschwörungstheoretische Weltbild ist, desto weniger Zonen des Unwissens wird es geben. In der vollendeten Paranoia hat dann alles seinen Platz und Sinn. Die flüssige Welt ist dann kristallin. Aber das sind graduelle Unterschiede. Wir müssen uns mit dem deprimierenden Umstand arrangieren, dass im Moment alle irgendwie Unrecht haben könnten, und dass man selbst die Wahrheit zwischen den Zeilen suchen muss.

 

Corona 29: Mittwoch mittag

Ein Freund sagte mir gestern: Der Himmel ist so blau, dass es fast wehtut. Es liege an der, auch in Deutschland, gesunkenen Luftverschmutzung. Keine Kondensstreifen in der Luft, die Produktion zurückgefahren. Ein anderes Blau, ein anderer Atem. Und ja: ich denke an die Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, die gefühlt immer im Sommer spielen, die soviel Platz lassen zwischen den Wörtern und Zeilen – Platz, in den mein Himmel, meine Zeit und meine Farben hineinkommen.

Wolfram Ette    

Oh, friedlicher Mittag

mitten in der Stadt, mit den verschiedenen
Mittagessengerüchen im Treppenhaus. Die Fahrräder
stehen im Hausflur, abgeschlossen, neben
dem Kinderwagen, kein Laut ist zu hören.

Die Prospekte sind aus den Briefkästen
genommen und weggeworfen worden. Die Briefkästen
sind leer. Sogar das Fernsehen hat die türkische
Familie abgestellt, deren Küchenfenster

zum Lichtschacht hin aufgeht. Ich höre
Porzellan, Teller und Bestecke, dahinter
liegen Gärten, klar und kühl, in einem blassen
Frühlingslicht. Es sind überall die seltsamen

Erzählungen von einem gewöhnlichen Leben ohne
Schrecken am Mittwoch, genau wie heute. Der Tag
ist, regenhell, verwehte Laute: oh friedlicher
Mittwoch mit Zwiebeln, auf dem Tisch,

mit Tomaten und Salat.
Die Vorhaben und Schindereien sind
zerfallen, und man denkt, wie friedlich
der Mittwoch ist

Wolken über dem Dach, blau, und
Stille in den Zimmer, friedlich und still und
genauso offen wie Porree, wie Petersilie grün ist
und die Erbsen heiß sind.

 

(Westwärts 1 & 2. Gedichte, Reinbek 1975, 105)

Corona 28: »Überleben«, transitiv

In Zeiten der Mitleidsrhetorik, wie sie, sobald es um den Virus geht, in Presse und Medien in mehr oder weniger spektakulärer Form ihre Blüten treibt, breitet sich eine semantische Vereinseitigung bezüglich des Verbs »überleben« aus. Das Wort wird permanent in intransitiver Form benutzt, um zu betonen, dass diejenigen, die der Krankheit entkommen sind, schlicht überlebt haben. Überlebt, aber nicht jemanden überlebt, denn das klänge so, als hätten sie es darauf abgesehen, jemanden umzubringen, um sich selbst den Status des Überlebenden zu verschaffen. Es ist evident, dass niemand, der mit dem Virus angesteckt wurde, auf einen Wettkampf zielt, aus der er als Sieger hervorgeht. Gerade mit Blick auf die vielen Toten scheint die Gesellschaft von dem kollektiven Bemühen beseelt zu sein, sich selbst im Wortsinn zurückzunehmen – ins eigene Gehäuse –, um die Gefahr der Ansteckung und neuer Tode zu vermeiden.

Doch die transitive Verwendung von »überleben« ist damit nicht aus der Welt. Nicht aus der sprachlichen und nicht aus der sachlichen. Und sachlich meint: Die transitive Verwendung des Wortes hat handfeste, ja mehr noch: handgreifliche Konsequenzen. Sie existiert. Wenn ein Politiker wie Boris Johnson dem Rat der Virologen und Epidemologen anfänglich kein Gehör schenkte, sondern von einer schnellen Herstellung von »Herdenimmunität« phantasierte, stand das Transitive riesengroß im Raum. Es war klar, das er sich nicht vorstellen konnte, selbst von der Krankheit betroffen zu sein.

Diese Vorstellungslosigkeit lief auf eine Politik hinaus, die die realen Aufnahmekapazitäten der britischen Krankenhäuser krass überschätzte. Aber diese Folge war schon sprachlich klar abzusehen gewesen. Der Virus, das ist die hohe Zeit der großen Männer. Und charakteristisch für diese ist, dass die schiere Macht, die ihnen durch ihre Position zukommt, ihnen die unausgesprochene Gewissheit eingibt, in jedem Fall zu den Überlebenden zu gehören. Überleben ist hier nicht mehr assoziiert mit einer Gefahr, die man überwinden, oder eine Krankheit, gegen die man sich erfolgreich zur Wehr setzen werde. Vielmehr ist das Überleben anderer (im Sinne von: »ich überlebe jemanden«) so tief in der Phantasielosigkeit verankert, dass für diese Männer der Glaube an eine regelrechte Unverletztlichkeit charakteristisch ist.

Das Perverse besteht darin, dass dieses Gefühl durch den Virus nicht etwa gedämpft, sondern im Gegenteil angestachelt wird. Die ersten Kranken waren schon da, die Gefahr absehbar, die Möglichkeit, selbst zu den Kranken zu zählen, nicht völlig ausgeschlossen. Und doch stehen Männer vom Schlage Johnsons der »Herde«, deren Sprachrohr sie zu sein behaupten, derart fern, dass sie selbst schon lange vor Einsetzen der Immunität immun zu sein glauben, einfach dadurch, dass sie an der Spitze der Pyramide stehen und daran gewöhnt sind, das Transitive zum Grundsatz ihrer Politik zu machen.

Das erklärt, warum Situationen, in denen solche Männer krank werden (und zwar schwer), bei anderen Männern des gleichen oder noch härteren Schlags (Trump) reflexartig-transitive Verwendungen des Wortes »überleben« auslösen. Da wird in öffentlichen Solidaritätsbekundungen sogleich betont, Johnson sei ein »starker Mann«, was impliziert: ein Mann, stark genug, um da zu überleben, wo andere nicht überlebt hätten, oder genauer noch: nicht überlebt haben (denn die Toten sind ja schon da, und zwar in Massen).

Die Rhetorik der Stärke ist das Signum der Überzeugung, unverletzlich zu sein. Und sobald ein Mann, den man als seinen Freund bezeichnet, weil er stark ist wie man selbst (d.h., übersetzt ins Sachliche: eine ebenso starke Position einnimmt), dann doch krank wird, ist eigentlich die Frage geboten, ob man nicht selbst die eigene Unverletzlichkeit überdenken und die Möglichkeit ins Auge zu fassen hätte, Teil der Herde zu sein, die sich schafsmäßig zu jeder Gegenwehr unfähig zeige. Aber genau zu diesem Gedanken ist die Macht nicht in der Lage. Sie glaubt sich über die Schafe erhaben und ist doch ihr größtes. Denn die Anerkennung der Tatsache, dass man noch lange kein Schaf ist, nur weil man krank geworden ist, führt ja in Wirklichkeit aus der Logik des Bockigen heraus, das darauf besteht, einem selbst könne nichts geschehen.

Und noch während es geschieht – wie dem englischen Premierminister –, bleibt man unfähig, zuzugeben, dass der Angriff auf die eigenen transitiven Überzeugungen voll im Gang ist und die Integration in die verachtete Herde auch. Die Konsequenz ist die Verstärkung des Bockens: Johnson arbeitet weiter, als er schon sehr krank war. Selbst der Umstand, dass seine Frau schwanger war und vielleicht (als Person, die die Krankheit gerade überwunden hatte) etwas von Verletzlichkeit hätte vorstellbar machen können, hinderte ihn nicht daran, weiter der Leithammel sein zu wollen.

Dieses Arbeitsethos war in Wirklichkeit des Ethos desjenigen, der nicht einfach nur zum Überleben entschlossen ist, sondern sich partout nicht daran gewöhnen kann, dass es auch anders kommen kann. Während andere Kranke durch Ruhe ihre Chancen zu erhöhen suchten, der Krankheit zu widerstehen, versuchte Johnson, sich und der Welt seine Unverletzlichkeit und Unersetzlichkeit durch die Erhöhung des normalen Arbeitspensums vorzuführen.

Was prompt ein transatlantisches Echo gefunden hat. Trump (um einmal wieder auf ihn zu sprechen zu kommen) ist der Repräsentant einer Haltung, die noch im eventuellen Tod des starken Freundes eine Bestätigung dafür erkennen würde, dass sein Überlebenskonzept das wahre ist. Denn wenn Johnson stürbe, hätte sich nur erwiesen, dass Johnson sterblich ist, was jedoch (zumindest solange Trump nicht stirbt) nur beweisen würde, dass Trump stärker ist als Johnson (schlicht darum, weil Trump noch am Leben wäre und Johnson nicht). Mit anderen Worten: Der Tod von Freunden ist Wasser auf den Mühlen des Transitiven. Je näher der zu beklagende Tote einem stand, desto mehr bestärkt er den anderen in seiner Überzeugung, selbst nicht sterben zu können.

Die überzeugendste, da extremste Situation entstünde dann, wenn alle stürben und der Machthaber als letzter übrig bliebe. Transitives – das ist die Unfähigkeit, Angst zu haben. Die Angst um den anderen ist erst gar nicht nötig, denn ohne ihren Tod könnte das Verb ja nicht transitiv werden. Die Angst um sich selbst aber bleibt auch aus, weil die eigene Position stets im Verhältnis zu den anderen, »Schwachen« gedacht wird und ein unabhängiges Erleben von sich selbst daher gar nicht mehr zugänglich ist. Der Starke ist also allein und zugleich doch enger an die Herde gebunden als jedes einzelne Schaf. Die Bindung ist eine rein negative – in Gegnerschaft, die von der Rhetorik von Solidarität, Freundschaft oder gar Mitleid kaum überdeckt wird. Dass Trump Johnson für einen starken Mann hält, ist nichts weiter als eine Selbstbeschreibung. Trump erzählt, indem er von Johnson zu sprechen scheint, nur von sich selbst.

Insofern scheint es geboten, der Sprache größte Aufmerksamkeit zu schenken. Trumps Weigerung, eine Maske zu tragen, gibt vor, wonach ihm politisch der Sinn steht. Er trägt selbst keine, obwohl die Verpflichtung für alle, sie zu tragen, öffentlich diskutiert wird. Aber Trump kennt nur eine Angst: die, mit der Maske seine reale Verletzlichkeit ins Bild zu heben, sozusagen einen Beweis dafür zu schaffen, dass er sterblich ist wie alle anderen auch.

Nimmt man hinzu, dass Männer wie er und andere, wenn sie denn wirklich krank würden (oder werden), nicht achselzuckend mit dem Hinweis nach Hause geschickt werden, es sei jetzt leider kein Platz mehr, und auch nicht auf die nötigen Geräte warten müssen, die ihnen notfalls beim Atmen helfen, ist abzusehen, dass die Gleichheit vor dem Tod durch die massiven sozialen Unterschiede wenigstens teilweise aufgehoben wird (und gerade erst für einen Premierminister oder Präsidenten). Die Überlebenschancen stehen dann wirklich ganz gut. Und damit die Chance, dass sich die transitive Verwendung des Wortes »Überleben« trotz der massiven Erfahrungen, die man, quer durch die Geschichte, mit diesem Wort gemacht hat, immer noch nicht überlebt hat. In dieser Hinsicht sind die Schafe dann doch Schafe: weil sie sich stets von Neuem fasziniert zeigen durch Männer, die ihre Politik auf’s Transitive stellen.

Anne Peiter      

Corona 27: An Orbán

Als Reaktion auf den Reichstagsbrand wurde am 23. März 1933 ein Beschluss im Reichstag verabschiedet, der den Reichskanzler Hitler dazu ermächtigte, unabhängig vom Reichstag und dem Präsidenten zu agieren. Artikel 48 der Weimarer Verfassung machte dies möglich. 87 Jahre später, am 23. März 2020, wurde das sogenannte Ermächtigungsgesetz dem ungarischen Parlament vorgelegt, das Viktor Orbán ähnliche Befugnisse verleiht wie Hitler. Am 30. März 2020 wurde dieses Gesetz verabschiedet. Anders als das nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz, dass alle vier Jahre erneuert werden musste, gilt das ungarische unbefristet und kann vom Parlament nicht aufgehoben werden.

Die folgenden Auszüge stammen aus der Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden Otto Wels vor dem Deutschen Reichstag:

Meine Damen und Herren! […] Nach den Verfolgungen, die die sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird niemand billigerweise von ihr verlangen und erwarten können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht. Damit ist die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht. Kritik ist heilsam und notwendig. Niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie das jetzt geschieht, und wie das durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muß sich um so schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt. Meine Damen und Herren! Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben geschildert. […] Solchen Übertreibungen entgegenzutreten, wäre leichter, wenn im Inland eine Berichterstattung möglich wäre, die Wahres von Falschem scheidet. Noch besser wäre es, wenn wir mit gutem Gewissen bezeugen könnten, daß die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei. Diese Möglichkeit zu geben, das, meine Herren, liegt bei Ihnen. […] Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren. Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. […] Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten.

Corona 26: Herdenimmunität

Wieder und wieder war in den letzten Tagen dieses Wort zu hören, in TV-Diskussionen, vor allem aber in den Wissenschaftspodcasts, die zum Schulfernsehen 3.0 mutieren. Anja Martini oder Korinna Hennig – das sind die beiden Wissenschaftsjournalistinnen des NDR, die abwechselnd mit Prof. Drosten sprechen – sprechen das Wort betont, fast lüstern aus, als wäre es etwas leicht Schmutziges. Woher rührt seine Faszination?

Der Soziologie Armin Nassehi ist der Ansicht, der Begriff sei an sich sei schon eine Beleidigung für uns zivilisierte Wesen. All unsere kulturellen Errungenschaften, Arbeitsteilung und die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft fallen angesichts des Virus in sich zusammen. Es kennt keine Gesellschaft, es kennt nur die »Herde«: als amorphe Ansammlung von Tierwesen, die abgesehen von ihrer schieren Massierung keine Struktur haben. Eine Herde: das ist nicht einmal ein »Rudel« mit seiner klar erkennbaren Rollenverteilung, von einem fein in sich ausdifferenzierten Gebilde wie einem Insekten-«Staat« ganz zu schweigen. »Herden« werden von Gras fressenden, häufig eher schlichten Tieren gebildet: Schafen, Büffeln, Pferden. Zu ihnen werden wir durch das Virus. Es reicht nicht mal zur »Horde«, aus deren Innenspannungen, Sigmund Freud zufolge, unsere Kultur hervorging.

Das verdammte Virus macht uns alle gleich. Es nimmt keine Rücksicht auf Klasse, Rasse, Geschlecht. Für seine Belange sind wir weitgehend identisch gebaute Organismen, die ihm mehr oder weniger günstige Vermehrungsbedingungen bieten. Allein auf dieser zellulären Ebene, in der wir uns nur wenig voneinander unterscheiden, können wir ihm begegnen. Das Virus ist selbst Herde, es zieht daraus seine Stärke, und es macht uns zur Herde, die es am Ende besiegt, oder besser: einen Kompromiss bis zur nächsten Mutation mit ihm schließt.

Darin liegt freilich auch eine Verheißung. Unterhalb der riesigen Forschungslabore, die sich dem Kampf gegen die Epidemie verschrieben haben; unterhalb der weitverzweigten Wissensnetze, die ausgespannt werden und in denen die neuesten Erkenntnisse rasch und im Moment weitgehend konkurrenzfrei zirkulieren; unterhalb der hektischen politischen Aktivitäten dieser Tage, aber auch unterhalb der neuen sozialen Ordnung, die über uns verhängt wurde, geschieht das Entscheidende allein durch uns selbst, durch die primitive und prinzipienlose Kollektivität, die wir in uns tragen: es sind Lernvorgänge, die auf zellulärer Ebene stattfinden und in einer Feiung großer Teile der Bevölkerung resultieren, die so von der wissenschaftlichen Forschung nicht zuwege gebracht werden kann. Wir selbst haben diese Kraft, wir haben diese Fähigkeit, den Widerstand zu organisieren und uns zur Wehr zu setzen – auch und gerade als Herde. Es liegt, horribile dictu, in unserer »Natur«.

Die Herdenimmunität, das haben wir mittlerweile verstanden, soll durch die Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen kontrolliert und verzögert hergestellt werden, um die Schwächsten, die durch Covid-19 mit dem Tod bedroht sind, zu schützen. Aber dasselbe, was das Verhalten und die Aktionsform der Herde der politischen und moralischen Vernunft unterwirft und ihr Verhalten zeitlich gliedert, macht uns nun zu Herdenwesen. Eingesperrt in die Zwangseremitage unserer Wohnung, reduziert auf die allernötigsten Funktionen materiellen Austauschs mit der Außenwelt, so gesichtslos wie unsere Häuser- und Wohnungstüren, werden wir in eben die amorphe Masse verwandelt, die es braucht, um dem zu begegnen.

Wolfram Ette    

Corona 25: Glossen

Die Krise als Förster

»Die Kunst- und Kulturszene in Deutschland ist nach Auffassung von Kulturstaatsministerin Grütters durch die Corona-Krise nicht grundsätzlich in ihrer Existenz bedroht. Es werde zwar Verluste geben, sagte die CDU-Politikerin der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Einen Kahlschlag sehe sie aber nicht. Kultur gehöre zum Wesenskern der Gesellschaft und werde sehr schnell wieder eine starke Nachfrage erleben. Zugleich verwies Grütters darauf, dass Künstler von den Hilfsprogrammen der Bunderegierung profitieren und etwa Zuschüsse beantragen könnten.« (Deutschlandfunk, Nachrichten, 1.4.2020, 6:09 ff.)

Man nennt das Gesundschrumpfen. Wie jede Krise bringt auch diese die Wahrheit an den Tag. Es werde Verluste geben, diese aber werden nur die Künstler betreffen, deren Produktion nicht zum Wesenskern der Gesellschaft gehört, die also nach der Krise nicht auf eine Nachfrage treffen werden, die man sich wohl nicht nur als eine starke, sondern auch als eine gesunde vorzustellen habe. Die anderen, denen es besser geht, die also nicht zu den Verlusten gehören, die es geben werde, können bis dahin von den Hilfsprogrammen der Bundesregierung profitieren, also doch ihren Schnitt machen und etwa Zuschüsse zum laufenden Geschäft beantragen. Der Wald der Kultur, dessen Kahlschlag nicht zu befürchten steht, kann ausgelichtet werden. Eine echt forstliche Arbeit. Die Gewächse, die es wert sind, behindern sich nicht mehr gegenseitig, das Wild verschwindet aus dem Unterholz. Es wird eine Lust sein, sich darin zu ergehen.

Wolfram Ette      

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Mafia

In Süditalien sind viele Familien jetzt so stark unter die Armutsgrenze gesunken, dass sie nichts mehr zu essen haben. Kleine Unternehmer stehen massenhaft vor dem Aus. Da streckt die Mafia ihre rettende Hand aus. Sie verleiht Geld zu moderatesten Zinsen und schlägt auf diese Weise Banken und private Wucherer aus dem Feld. Was wiederum bedeutet, dass die allgemeine Verarmung der Mafia einen enormen Auftrieb und dem Staat, der ohnehin enorme Probleme zu lösen hat und haben wird, weitere, noch enormere Probleme verschafft. Die Frage des Geldes. Und die Treue, die es schafft.

Anne Peiter     

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Zahlen

Die Gesundheitssysteme der verschiedensten Länder konstatieren, dass die Zahl der Virus-Kranken exponentiell wächst. Die steigenden Zahlen werden als äußerst beunruhigend gewertet.

Die Polizei konstatiert, dass Anzeigen wegen häuslicher Gewalt stark abgenommen haben. Die sinkenden Zahlen werden als äußerst beunruhigend gewertet.

Paradoxien der Wahrnehmbarkeit.

Anne Peiter    

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Systemrelevanz

Immer wieder wird jetzt die bessere Bezahlung von Menschen gefordert, die im Gesundheitssystem tätig sind. Das ist besser, aber nicht gut. Bezahlung folgt bloß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage in Zeiten gestiegener Nachfrage. Kann man sie nicht verbeamten? Das wäre der direkte Ausdruck ihrer „Systemrelevanz“. Warum sollen bloß Lehrerinnen und Polizisten Beamte werden können? Warum nicht auch Pfleger und Krankenschwestern? Warum eigentlich nicht?

Wolfram Ette    

Corona 24: Home Schooling

Flüstern

Erster Online-Unterricht. Man kann nicht mit dem Banknachbarn flüstern, ohne dass das Flüstern der Lehrerin über’s Mikro in die Ohren schallt. Außerdem gibt es keinen Banknachbarn und keine Bank, nur den eigenen Stuhl, Zuhause. Und damit dann eben kein Flüstern mehr und auch keinen Grund, zu flüstern. Oder vielleicht doch wohl einen Grund, aber keine Gelegenheit mehr dazu. Die räumliche Trennung, die für die Schülerinnen und Schüler zunächst einen enormen Zuwachs an Freiheit und Unkontrollierbarkeit mit sich zu bringen schien, hat sich gleich beim ersten Mal als gesteigerte Kontrolle von Seiten der Lehrerin erwiesen. Auch das ist eine Erfahrung mit dem Virus und seinen Konsequenzen: Ernüchterung im Kontext von Macht, Kontrolle, Ausgangssperre.

Aber dann der Umschlag: Die Klasse hat ihrerseits sofort entdeckt, dass die Lehrerin die Funktionsweise des Chat nicht verstanden hat. Man konnte sich also tippend etwas in den Bildschirm flüstern: die richtige Antwort. Hilfe für den Kameraden, der seine Lektion nicht gelernt hatte.

Es steht nur zu befürchten, dass die Lehrerin beim ersten Mal nur so getan hat, als habe sie den Chat nicht verstanden. Und wenn sie ihn wirklich nicht verstanden haben sollte, wird sie wohl nicht lange brauchen, bis sie ihn verstanden hat. Dann tritt die Frage, wie man einander dennoch etwas zuflüstern kann, wieder zu Tage. Aber Lösungen wird es geben. Wieder neue.

Dialektik von Macht und Erfindungsgabe.

Anne Peiter

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Gegenschnitte

Mein Kind wird mit Aufgaben bombardiert. Als wären die Lehrer froh, die Schüler physisch los zu sein. Aus ihren Reihen erhob sich Widerwille. Er ist in den Gesichtern zu lesen, drückt sich in der Körperhaltung aus, stand steif im Raum. Die Gegenwart dieser 13- bis 14-jährigen Körper war schon belastend. Man konnte nicht so wie man wollte, fühlte sich dieser kompakten Masse quertreibenden Eigensinns gegenüber zu etwas verpflichtet. Jetzt drehen die Lehrer frei. Wenn sie sich erstmal in die digitalen Plattformen reingefuchst haben, könnte es so weitergehen. Nun ist aus dem Weg geräunmt, was den Lehrerberuf in den letzten Jahrzehnten zu einer veritablen Belastung mit hoher Burnout-Gefährdung hat werden lassen. Die pädagogischen Motivationsspielchen kann man sich wieder sparen. Die Lehrer werden auf das reduziert, was sie mal waren und womit sie über Jahrhunderte gut fuhren: Aufgaben verteilen und benoten, die Guten belohnen, die Schlechten bestrafen. Das ganze „Wie“ kann man an die Schüler und gegebenenfalls die Eltern delegieren, die sich in den letzten Jahrzehnten ohnehin aus der Pflicht genommen haben und gar noch die Lehrer belangen wollten, wenn irgendwas nicht richtig lief. Es ist das Paradies. Man kann die Latte so hoch hängen wie man es immer wollte und wird nicht mal in traurige Gesichter blicken. Man drückt nur auf „Senden“ oder „Upload“. Wir kennen diese Verwahrlosung. Sie ist eine Begleiterscheinung der Digitalisierung. Durch die Entsinnlichung des Verhältnisses fallen Schranken der Höflichkeit und Rücksichtnahme dahin. Zwischen Erwachsenen mag das sein, wie es wolle. Die Schule aber verwandelt sich der Struktur nach in eine digitale Kaserne.

Gegenschnitt 1: Das Kind sitzt also da, einigermaßen verzweifelt über den Wust an Aufgaben in den verschiedensten Formaten und Übermittlungmodi. Manches kommt per E-Mail, manches erreicht sie über den Gruppenchat der WhatsApp-Klassengruppe, manches läuft über die digitale Plattform. Es ist der reinste Wildwuchs. Ein Lehrer hat sogar sein E-Mail Konto an der Schule gesperrt. Seit ein paar Stunden arbeiten wir uns durch dieses Durcheinander. So langsam wird es heller und die Panik legt sich. Es stellt sich heraus: nimmt man alles zusammen, ist es überschaubar. Zwei bis drei Stunden konzentrierte Arbeit am Tag und das Ding ist vom Tisch. Man könnte es immer so machen. Mein Kind hätte mehr Freizeit. Und ich, als Trennungs-Papa in einem anderen Bundesland, finde es großartig, sie mal unter der Woche bei mir zu haben und den Schulkram ortsungebunden im Home Office zu erledigen. Die Quarantäne ist eine echte Lockerung der Zwänge, denen mein Leben sonst unterliegt: eine, wie sagt man, Win-Win-Situation. Warum dann also doch Schule? „Um Leute zu treffen.“

Gegenschnitt 2. Meine Tochter, nachdem sie sich durchgekämpft hat: „Eigentlich darf das gar nicht funktionieren. Denn wenn es funktionieren würde, wäre ja klar, dass die Lehrer absolut überflüssig sind.“

Wolfram Ette

Corona 23: Begegnungen südlich und nördlich des Äquators

Dankbarkeit

Kleiner Spaziergang im engsten Umkreis des eigenen Viertels, jeden Tag von Neuem, oft unterbrochen von Begegnungen mit den immer gleichen Menschen, die wie wir einem bestimmten Rhythmus folgen, mit Arbeit und Essen, Schule und Spazierengehen zu festen Tageszeiten.

Doch heute eine neue Begegnung. Ein Mann mit einer Riesenmaske. Man sieht nur die Augen, das übrigen Gesicht ist bis weit hinauf zu den Ohren abgedeckt. Wir grüßen, auch darin einem Ritual folgend, in dessen Zentrum der Wunsch steht, Solidarität zu zeigen, ohne Unterschiede zu machen: Man bleibt zwar körperlich in Distanz, stellt verbal aber die Nähe her, die früher zwischen den Körpern normal war.

Doch heute mit diesem Maskenmann ist etwas anders. Man grüßt und hat schon das Gefühl, nicht zu ihm durchdringen zu können. Er aber, wider Erwarten fast, grüßt dann doch zurück, hält inne, geht nicht weiter, spricht: Von einer Straßenseite zur anderen, über den Abgrund dieser Trennung hinweg, bietet er uns eine Maske an. „Zwanzig Euro pro Stück.“

Ich lehne dankend ab, gehe weiter. Die Kinder empört über mich: Wie ich ihm habe danken können! Ob ich nicht gesehen habe, dass er einen ganzen Sack dabei hatte, voll mit Masken?! Stimmt. Warum habe ich gedankt? Weil er, obwohl ein Schwein, unter Umständen ein armes Schwein sein könnte, das so wenig Geld hat, dass er im Kontext der Not, die in den Krankenhäusern herrscht, seinen armseligen Profit zu machen versucht? Klar war: Er geht nicht spazieren. Er ist auf Kundensuche. Die Maske trägt er, um für sein Produkt zu werben, nicht um sich zu schützen.

Vielleicht lag darin der Grund, dass ich ihm dankte: Er war mir unheimlich. Andere Menschen, die eine Maske tragen und mir auf der Straße begegnen, bleiben, obwohl man auch bei ihnen das Gesicht nur halb sieht, zugänglich. Es mögen Krankenschwestern sein, die von der Arbeit kommen. Oder Menschen, die aus Zufall ein paar Masken vorrätig hatten. Alles keine Verkäufer, die mit einem Sack voller Masken dem Profit nachgehen. Mehr Leute, die Angst vor der möglichen Ansteckung haben. Menschen, die grüßen, ohne mit ihrer Freundlichkeit ein ökonomisches Ziel zu verfolgen.

Dieser Mann dagegen, der hatte keine Angst. Es geht ihm gut, weil er nicht nur die Riesenmaske im Gesicht trägt, sondern einen ganzen Sack unter’m Arm. Ich danke ihm, damit er weggeht, fürchte mich, weil die Ansteckungsgefahr, die medizinische, ganz gering ist, die Ansteckung, die von seinem Verhalten ausgehen könnte, hingegen sehr groß. Vielleicht ist sein Profit gering. Aber es gibt Leute (und Schweine) wie ihn sicher auch im ganz, ganz Großen. Organisatoren von Riesenschweinereien. Dankt man denen auch? Es ist wahrscheinlich.

Anne Peiter     

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Stallwärme, ferne

Begegnen sich Menschen jetzt auf der Straße, grüßen sie sich. Nicht immer, aber häufiger als vorher. Es ist ein Gruß von Verschworenen. Man macht zwar nicht etwas Verbotenes, wenn man spazieren geht oder den Hund ausführt, aber etwas diffus Unerwünschtes, dass über kurz oder lang weiter eingeschränkt werden könnte.

Es ist paradox, auf eine Bedrohung dadurch zu reagieren, dass man sich voneinander entfernt. In den meisten Fällen suchen die Menschen Stallwärme. Sie müssen den betonten Verzicht auf sie ausgleichen, durch diese zaghaften Gesten der Überbrückung Wärme herstellen, die heute – es ist wieder kalt geworden und es weht ein schneidender Wind über die Saale – rasch verwehen.

Wolfram Ette    

Corona 22: Grundbedürfnisse

Unser täglich Brot gib uns heute. Gib auch ein Zuhause. Und vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren Schuldigern.

So kann man heute nicht mehr sprechen, obwohl die Bitten weiterhin stimmen. Denn man müsste jetzt schreiben: Gib, dass die Produktions-, Transport- und Vertriebsketten für’s täglich Brot trotz des Virus nicht abreißen. Gib, dass die Gewerkschaftsvertretungen der Kassiererinnen in den Supermärkten nicht deren Streik initiieren (sie hätten allen Grund, in ihn einzutreten). Gib, dass die Spekulationsgeschäfte zurückgehen und angesichts der bevorstehenden Rezension die Politik nicht gerade Maßnahmen zugunsten der Immobilienbesitzer beschließt.

Die Grundbedürfnisse! Wo sind die hin? Keine Wiederentdeckung des Einfachsten, sondern konkrete Bestätigung des Komplexen, das Voraussetzung des sehr wohl Einfachen ist (unser täglich Brot), das aber zugleich eben durchaus nicht einfach ist.

Und dann auch noch die Schuld! Und Vergebung! Da gilt leider Gottes genau das Gleiche. Man weiß sich integriert in komplexeste Rückkopplungsstrukturen, in denen so etwas wie Schuld kaum noch greifbar wird (höchstens monetär, da bezifferbar, siehe oben, Stichpunkt Mietpreise). Aber das Vaterunser hatte ja keine Mietpreisdeckelung, hat auch nicht die Regelung von Ladenöffnungszeiten in Krisenzeiten oder die Festlegung neuer Zahlungsfristen bei momentaner Insolvenz gemeint. Bei Gott! Das nicht!

Demnach gilt, dass die hochgradige Ausdifferenzierung beruflicher Kompetenzen und die Arbeitsteilung ungehemmt vollkommene Unschuld schaffen. Niemand ist als Schuldiger greifbar. Zwar sind Entscheidungen getroffen worden (und viele falsche), aber diese auf einen oder wenige Schuldige zurückführen zu wollen, würde aus dem Vaterunser eine Verschwörungstheorie machen.

Insofern bleibt eigentlich nur noch die Frage nach einem selbst übrig. Aber auch die ist nicht mehr recht greifbar. Schuld? Vergebung? Von was? Was habe ich denn getan?

So entspricht das Vaterunser heute zwar irgendwie einem Ruf nach Aufrechterhaltung der sozialen und ökonomischen Strukturen, die Voraussetzung für die Deckung unserer Grundbedürfnisse sind, zugleich aber auch – als Ausdruck eines »geistigen Hungers«, wenn man’s mal so schön altmodisch sagen will – der Bitte um eine neue Einfachheit und Durchschaubarkeit. Also um etwas Unrealistisches. Es sei denn, man sieht in den »Märkten der Nähe«, auf dem der Bauer von nebenan seine Produkte feilhält, einen ersten Schritt hin zum althergebrachten Kontakt zum »täglich Brot«.

Bleibt aber über das Brot hinaus so vieles, bei dem Einfachheit nicht zu erreichen ist. Woraus notwendig folgt, dass das Beten zwar gut und gern dieses vielleicht gar nicht einmal neue Grundbedürfnis anzeigen mag – nämlich das nach Vereinfachung –, dass aber die Hoffnung auf seine Deckung reine Sentimentalität bleibt. Daraus folgt wiederum, dass man das Beten gleich wieder sein lassen kann. Der Supermarkt öffnet heute schon um 7 Uhr 30.

Anne Peiter       

Corona 21: Steigender Verdruss

Fragen

So vieles verstehe ich nicht. Das jetzt der Erhalt von Menschenleben oberste Priorität haben soll, klingt ja gut. Aber bisher war das System nicht zimperlich. An den Kapitalismus mit menschlichem Antlitz glaube ich nicht. Handelt es sich um eine kollektive Angstreaktion vor einem Prozess, der sich nicht kontrollieren lassen könnte? Vollzieht sich der Wechsel von der Wirtschaft zur Wissenschaft als leitendem Paradigma politischer Prozesse aus Not und Hilflosigkeit? Gleichwohl laufen die wirtschaftlichen Prozesse weiter und es kann gut sein, dass wir in eine neue Stufe der Monopolisierung eintreten. Die kleinen Unternehmen werden sterben wie die Fliegen. Die Umwelt wird gleichwohl eine Zeit lang aufatmen. Auf welchem Tag in diesem Jahr wird wohl der Earth overshoot day fallen? Wie lange werden wir brauchen, um das wieder aufzuholen? Klar ist ja: wenn diese Krise überstanden ist, wird nur noch eines zählen: Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft. Fuck climate! Fuck Nachhaltigkeit! Wir haben größere Sorgen und die Klimanörgler sind erst einmal abgeräumt.

 

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Über Zynismus

»Bundesminister Scholz betonte im ARD-Fernsehen, es gehe darum, Leben zu retten. Der SPD Politiker nannte es zynisch, dass gesundheitliche hinter wirtschaftlichen Fragen zurücktreten sollten« (Deutschlandfunk, 9 Uhr Nachrichten, 30. März 2020). – Ohne Zweifel. Es ist zynisch, dass in Deutschland jeden Monat 250 Menschenleben der Autoindustrie vorgeworfen werden und das statistische Bundesamt darauf hinweist, dies sei der niedrigste Wert seit Jahren. Es ist zynisch, Kriege als Beutezüge, also wegen wirtschaftlicher Fragen zu führen und noch aus dem ökonomischen Wiederaufbau der zerbombten Länder Profit zu schlagen. Es ist zynisch, Kinder in Minen und Textilfabriken verrecken zu lassen, rumänische Arbeiter in der Fleischindustrie mit 8 Euro am Tag zu entlohnen und Zimmermädchen immerhin mit 2,45 die Stunde. Es ist zynisch, den Planeten, auf dem wir leben, wegen wirtschaftlicher Fragen so zu verwüsten, dass er zu einer Frage der Gesundheit wird. Es ist zynisch, wenn solche Sätze von dem Minister einer Weltgesellschaft geäußert werden, die den Reichtum der einen mit der Armut der anderen erkauft und sich um die Gesundheit der industriellen Reservearmee nur insoweit zu sorgen hat, als das Angebot nicht geringer werden darf als die Nachfrage. All das ist aber harmlos. Wir kennen das und haben uns schon lange daran gewöhnt. Aber so zu tun, als sei dies eine allgemeine Maxime, die schon immer gegolten habe, und die Lebensrettung der Normalzustand einer Gesellschaftsform, die das menschliche Leben dem Profit unterjocht und wenig andere Freiheit kennt als die Freiheit der Rendite, schreit zum Himmel. Dieser Himmel war bislang mit ökonomischen Kennziffern verhängt. Jetzt, in dieser großen Zeit, lacht die Sonne der Menschlichkeit und im Wind flattern humanistische Spruchbänder. Jetzt können wir wieder Vertrauen fassen in eine Politik, der wir es fälschlich entzogen hatte. Nur scheinbar unterwarf sie uns in den letzten Jahrhunderten dem Diktat wirtschaftlicher Fragen. Seit je standen, so verstehen wir jetzt, gesundheitliche Fragen im Vordergrund, immer schon verfolgte sie kein anderes Ziel als das, Leben zu retten. Wie haben wir uns geirrt. Die brutale Durchökonomisierung des Gesundheitssektors, die das Retten von Leben zum Kollateralnutzen des Mehrwerts abwertete, war ein falscher Eindruck, eine perspektivische Verzerrung; allenfalls ein systemirrelevanter Irrläufer, der über das Wesen dieser besten aller Welten nichts besagt. Jetzt, in der Krise, kommt die wahrhaft menschliche Fratze der Welt, in der wir leben, zum Vorschein.

 

Wolfram Ette        

Corona 20: Wie es zugeht

Erklärungsnot

Ein Mann, der der Polizei gegenüber rechtfertigen können will, warum er sein Haus verlässt und wirklich gar nicht anders kann, als rauszugehen, schreibt sich sein eigenes Formular, mit dem eidesstattlichen Hinweis: »Muss Drogen holen«.

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In Ketten

In Italien sind Chinesen angegriffen worden, weil sie die Krankheit ins Land getragen hätten. Und manchmal waren es auch keine Chinesen, aber gesagt wurde, sie hätten wie Chinesen ausgesehen. In Burkina Faso sind Italiener angegriffen worden, weil sie die Krankheit ins Land getragen hätten. Und manchmal waren es auch keine Italiener, aber da sie weiß waren, wurde gesagt, sie hätten wie Italiener ausgesehen.

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Die Katzen

In einer dieser Nächte, in die das Eingeschlossensein mir in die Träume dringt, beginnen draußen zwei Katzen zu schreien. In Liebesbrunst, kämpferischem Gegeneinander oder beidem ist nicht klar. Aber ich höre, dass sie so schreien wie immer und sich um die Nachtruhe der Menschen einen Dreck scheren. Denn sie sind Katzen und schreien wie Katzen, egal wie die Situation, die Liebesbrunst, der Gegen- und Miteinander der Menschen gerade aussehen. Das ist nicht einmal Gleichgültigkeit. Es ist nichts. Unschuld. Nur das Schreien zweier Katzen, die der Bedeutung ihres Lebens folgen, während ich in meinem Eingeschlossensein den Schreien Bedeutung beimesse, gerade weil ich weiß, dass sie keine haben.
Darin aber eben liegt Bedeutung: Die Katzen wissen nichts, zumindest das nicht. Umgekehrt weiß aber auch ich nichts von ihnen und könnte noch nicht einmal sagen, was nicht. Darin bin ich ihnen gleich. Und die Gleichgültigkeit, die das Hören auf sie begleitet, wird nur dann durchbrochen, wenn die Schreie nicht allein meine Nachtruhe stören, sondern auch die neue Unruhe, die doch irgendwie nach Teilnahme verlangt.
Dann sind die Katzenschreie plötzlich wie aus einer Welt, in der man sich keine Sorgen machen muss: nicht um die Nachtruhe anderer Wesen, die zu schlafen versuchen, nicht um sich selbst. Und daraus ergibt sich, dass die Katzenschreie, obwohl sie meine versuchte Nachtruhe stören, doch entschieden beruhigend wirken: Die Katzen schreien weiterhin, wie Katzen schreien.

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Im Wald

Im Wald ist es voller als sonst an Wochentagen. Es sind zumeist Familien. Nicht nur sie wirken harmonisch. Die gesamte Vorfrühlingsstimmung ist auf zarte Weise feierlich. Väter, die wochentags auf Arbeit sind, spielen nun mit ihren Kindern. Manchmal erscheint es etwas aufgesetzt, das Rufen und Toben ist ein wenig zu laut, manchmal blickt Paps zur Mama oder gar zu mir, um Beifall für sein Engagement zu bekommen. Aber das ist ok. Sie sind guten Willens. Wenig ningelnde Kinder, es kann ein Zufall sein. Aber auch das Umgekehrte passiert heute nicht. Keine Begegnungen mit Eltern im Stresstest, immer kurz vorm Explodieren. Viele scheinen einfach froh darüber zu sein, dass man raus kann, dass es diesen Stadtwald gibt, in dem wirklich Platz genug ist für alle.
Eine andere Gruppe: drei bleiche Jugendliche, Kellerkinder, die nach dem Winter wie Engerlinge aussehen sich nun mühsam ans Licht strecken. Ein Typus, den ich hier eigentlich nie sehe. Aus ihren Kifferhöhlen und Zockerbunkern gekrochen, die Pickel leuchtend in der Frühlingssonne. Sie ›wandern‹, jawoll, mit Rucksäcken. Sie wirken wacklig auf den Beinen. Zuhause ist es offenbar langweilig. Das Chillen und Rumhängen auf Parkplätzen kommt gerade nicht so gut. Da gehn wir mal los, Bier im Rucksack, und machen das, was wir sonst auch machen, im Grünen.

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Samstag nachmittag

Im Supermarkt ist es ziemlich voll; ich bilde mir ein, es ist voller als sonst. Was sollen die Leute auch anderes machen? Was ihnen an Socializing noch erlaubt ist, beschränkt sich aufs Einkaufen, auf die Arbeit und eventuelle Besuche beim Arzt. Nur aufs Wesentliche, das heißt »Systemrelevante«. In der Krise werden wir auf die Funktionen reduziert, die für den Kapitalprozess essenziell sind: Produzieren, Konsumieren, Erhalt unserer Arbeitskraft. Mit der Freiheit in Ketten ist es so eine Sache; wir werden sehen, was dabei herauskommt. Einmal mehr und einmal deutlicher werden wir zu Anhängsel eines Systems degradiert, das seiner eigenen Reproduktion alles Überflüssige opfert.


»Erklärungsnot«, »In Ketten«, »Die Katzen«: Anne Peiter
»Im Wald«, »Samstag nachmittag«: Wolfram Ette

Corona 19: Frontberichterstattung

Wolfram Ette      

27. März 2020. – Jetzt gucken die Leute wieder mehr Tagesschau. „Wenn wir jetzt nur die 20-Uhr-Tagesschau angucken, da hatten wir normalerweise einen Wert von rund 10 Millionen, am letzten Sonntag [22.3.] lagen wir bei 17, gestern lagen wir bei 14 Millionen“ (Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-Aktuell). Die Verunsicherung muss gewaltig sein, wenn man sich wieder den kaum noch gewohnten Formaten der Mainstream-Medien anvertraut. Über die Isolation alle gegen alle findet auch eine Zwangsvergemeinschaftung statt, eine Rückkehr in die goldenen Zeiten, in denen wir über einige wenige Informationsangebote mit der Politik verbunden waren. Das Fernsehen wirkt im Moment so archaisch, bis zur Kleidung der Tagesschausprecherinnen. Gestern war es altrosa. Ich warte darauf, dass die Krawatten wieder breiter werden. Der NDR-Podcast mit Christoph Drosten von der Charité, der sich in diesen Tagen als Idealbild des aufgeklärten und aufklärenden Wissenschaftlers empfiehlt, ist von der ARD übernommen worden. Gezeigt wird das Rundfunkstudio, die Wissenschaftsjournalistin des Tages sitzt, Kopfhörer über den Ohren, vor dem Mikrofon und spricht über App mit dem Professor. Irre. Frontberichterstattung.

 


Weblinks

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Mit-Corona-schlaegt-die-Stunde-der-Qualitaetsmedien,coronavirus620.html?fbclid=IwAR1hQ-5Org7F8AMIw_cJpa0SDQEIHfPPRxGS4iYx6bOcg_qDPotIoCk2mGI

https://www.dwdl.de/zahlenzentrale/76844/188_mio_sehen_tagesschau_fast_elf_mio_den_tatort/?fbclid=IwAR0QeHTZEmy7f__ONG5wHI_LsA0Qk3bRPVPiHyiHB9-KxkT-Wl0zbG56xqY

Dank an Knutz Dietz und Philipp Kohl für die Hinweise

Corona 18: Absolute Wissenschaft

Wolfram Ette      

Jetzt vertrauen sich alle der Wissenschaft an und erklären sie zum Leitstern der Politik. Moment mal, hatten wir das nicht vor kurzem? Da war doch dieses komische schwedische Mädchen, das über Monate nichts anderes in die ihr vorgehaltenen Mikrofone plärrte, ernst und verbissen, als eben: Die Politik solle der Wissenschaft folgen? Wie nervig war das!

Ich will Corona nicht verharmlosen. Verglichen aber mit dem, was uns erwartet, wenn die Prognose der Wissenschaftler, auf die sich das schwedische Mädchen beruft, auch nur halbwegs eintreffen, ist das hier kalter Kaffee. Was geschieht hier genau? Wird die kleinere Katastrophe aufgebläht, um die größere zu verdecken? Oder „kontrahiert“ sich die große Katastrophe, die wir nicht zu greifen bekommen, weil sie zu groß ist und zugleich noch immer zu langwierig, in die kleinere, die gewissermaßen als ihr Stellvertreter fungiert?

Für beide Fälle halte ich eine planende Hand, die hinter all dem steht, für nicht wahrscheinlich. Corona als Ideologie oder als Prophezeiung – was auch immer, es ist passiert. Das Faszinierende an der gegenwärtigen Entwicklung ist, dass das System endgültig zum Subjekt mutiert bist, das gleichsam automatisch prozessiert. In diesem Transformationsprozess spielen die Medien die Hauptrolle. (Ich weiß, neu ist das nicht, aber ich bin Spätzünder, kann Dinge nur anschaulich begreifen.) Sie bilden das System über allen Systemen, ein System, das alle Teilsysteme auf sich selbst und alle anderen bezieht und das Gesamt dieser Beziehungen auf sich selbst rückoppelt. Es ist das absolute Wissen als absolute Selbstvermittlung, von dem Hegel am Ende der ‚Phänomenologie des Geistes‘ spricht: als Alptraum einer Welt, die losgelassen in den Abgrund rast.

Und die Wissenschaft? Sie soll den Alptraum vergessen machen.

Corona 17: Ruhe vor dem Sturm

Wolfram Ette      

26. März 2020. – Widersprüchlichstes aus Regierungskreisen: Auf der einen Seite wird uns suggeriert, dass, laut Professor Drosten, die Wirkungen des Kontaktverbots langsam zu greifen beginnen. Auf der anderen werden wir gewarnt davor, dass in den nächsten Tagen die Zahl der deutschen Coronatoten noch einmal rapide ansteigen werden; es herrsche, so Gesundheitsminister Jens Spahn, Staatsmann der Stunde, der sich gerade die Sporen für die Kanzlerkandidatur verdient, „Ruhe vor dem Sturm“. Dennoch wolle man, unser Wohlverhalten vorausgesetzt, die Fesseln der Ausgangsbeschränkungen ab Ostern wieder lockern, „um den Menschen eine Perspektive zu geben“. Das ist ein derartiges Durcheinander von Ansagen, dass am Ende der Eindruck bleibt, diese Regierung wissen selbst nicht im geringsten, was sie wolle und man dürfe im Zweifelsfall alles von ihr erwarten, ohne das Recht zu haben, sich darüber zu beschweren. Es ist kein autoritärer Regierungsstil, aber einer, der jederzeit in einen solchen umschlagen kann. Dies freilich kaum gezielt und geplant, sondern aus einer Verwirrung heraus, die der von überforderten Eltern analog ist, die zwischen Strenge und Zugeständnissen hin und her pendeln, um dann urplötzlich loszubrüllen.

Corona 16: Was ist das?

Egmont Elschner

Obszön? Beschämend? Herzlos? Auf jeden Fall schrecklich!

Bundesregierung und Parlament stampfen Milliarden aus dem Boden, damit viele Deutsche nicht arbeitslos werden und Firmen überleben.

Ja, dafür bin ich.

Nur hätte ich gern diese kollektive Anstrengung nicht anlässlich einer drohenden Pest, sondern schon anlässlich der selbstverständlichen Pandemien unserer Zeit erlebt.

Krieg führen und Krieg zulassen ist verwerflich und sollte strafbewehrt sein.

Die Not von Menschen, die fliehen müssen, nicht zu lindern, sollte strafbewehrt sein.

Menschen verhungern zu lassen, sollte strafbewehrt sein.

Dies zu schreibende Strafgesetzbuch wird umfangreich.

Aber das Alles war nie „den Schweiß der Edlen wert“.

Wir erleben, wir können, wenn wir wollen.

Und es gibt Genügendes, das wir nicht können, weil wir nicht wollen.

Corona 15: 27.436

Wolfram Ette

„Die Zahl der bestätigten Coronainfizierten ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts innerhalb eines Tages um 4.764 Fälle gestiegen. Demnach haben sich inzwischen 27.436 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Toten stieg um 86 auf 114. Laut der amerikanischen Johns Hopkins Universität gibt es rund 29.000 Infizierte in der Bundesrepublik, 123 seien an der Lungenkrankheit gestorben. Die unterschiedlichen Zahlen seien unter anderem darauf zurückzuführen, dass verschiedene Daten als Grundlage verwendet werden.“ (Deutschlandfunk, 24. März 2020, 8-Uhr-Nachrichten)

So geht das seit Tagen. Man hat sich daran schon gewöhnt. Das Robert-Koch-Institut, so kommt das an, liefert die exakten Zahlen mit deutscher Gründlichkeit, während die ansonsten ja renommierte Johns Hopkins University nur ungefähre Werte anzubieten hat. Aber wie könnte sie, weitab vom Geschehen und, mit welchem Recht auch immer, andere Daten als wir verwendend, zu einer besseren Einschätzung der Lage gelangen als unser Robert-Koch-Institut (dessen Name an eine Zeit erinnert, in der die deutsche Medizin weltweit führend war und sich den Ruhm nicht mit einer amerikanischen Universität teilen musste)? Ist das fast schon nicht eine Einmischung in innere Angelegenheiten? Die deutschen Zahl beruhigt. Aber was für eine Anmaßung steckt dahinter, zu behaupten 27.436 Menschen seien zur Stunde mit dem Virus infiziert. Denn wenn eines feststeht, dann wohl, das in dem Moment, in dem das Robert-Koch-Institut diese Meldung herausgegeben hat, nicht 27.436 Menschen mit dem Coronavirus infiziert waren, sondern natürlich viel mehr. Die Zahl gibt ja bloß die getesteten, die „bestätigten“ Infizierten wieder. Die Zahl der nicht registrierten, ja nicht einmal auffällig gewordenen Infizierten, wie etwa der vielen Kinder, die die Krankheit praktisch symptomfrei überstehen, ist nicht erfasst und kann es auch gar nicht sein. Es ist so, als würde die nachgeschobene Zahl der von der Johns Hopkins University erfassten Fälle – die auf anderen Daten, aber demselben Prinzip beruht –, das schlechte Gewissen darüber zum Ausdruck bringen, dass es mit der so genau und gründlich wirkenden Angabe des Robert Koch Instituts keine Richtigkeit haben kann. Einmal, weil sie selbst ungenau ist. Es ist die Rede von „rund 29.000 Infizierten“ in der Bundesrepublik. Zum anderen, weil sie höher ist. Denn egal, wie ungenau die genaue Zahl des Robert-Koch-Instituts ist: Sie ist zu niedrig. Und daran erinnert die höhere, wenn auch ebenfalls zu niedrige Zahl der Johns Hopkins University.

Seit Tagen höre ich die Nachrichten des Deutschlandfunks, zumeist morgens und abends. Häufig kommt dort der Hinweis auf die unterschiedliche Datenbasis des Robert-Koch-Instituts und der Johns Hopkins University. Erklärt hat es mir niemand. Ist es so schwer zu verstehen? Auf einer erklärenden Seite des Deutschlandfunks heißt es: „Das Robert Koch-Institut bezieht sich auf offizielle Meldungen der Gesundheitsämter und der zuständigen Ministerien der Bundesländer. Die Meldungen laufen beim RKI etwas verzögert ein. Die von der Johns Hopkins Universität veröffentlichten Daten stammen von der Weltgesundheitsorganisation sowie von nationalen Einrichtungen. Zudem wertet die Universität auch Berichte von lokalen Medien aus.“ Wie hat Karl Kraus gesagt? „Je länger man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.“ So geht es mir mit diesen Sätzen. Worin besteht genau der Unterschied? Wohl schwerlich darin, dass die amerikanische Universität sich nicht auf „offizielle Meldungen“ bezieht. Es wird allerdings suggeriert. Die Johns Hopkins Universität arbeite, so hören wir mit, auf der Basis von inoffiziellen, das heißt unseriösen Zahlen. Das ist freilich nicht so gesagt und nicht so gemeint. Der Unterschied, so scheint mir, wird an einer anderen Stelle gemacht: Die Gesundheitsämter sind in Deutschland den Kommunen, die Gesundheitsministerien, wie es ja auch da steht, den Ländern zugeordnet. Demgegenüber bezieht sich die Johns Hopkins University auf nationale und internationale Einrichtungen wie die Weltgesundheitsorganisation. Was aber hat die WHO an dieser Stelle zu suchen, wo es um die Zahlen für Deutschland geht? Und auf welchen Daten basieren die Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation? Und was für „nationale Einrichtungen“ könnten gemeint sein? In Deutschland kommt ja nur das Robert-Koch-Institut in Frage, das im Fall von Epidemien den deutschlandweiten Ansprechpartner darstellt.

So komme ich mir vor wie ein Kind, dem bedeutet wird, es könne das nicht verstehen und sei noch zu klein für derlei Erwachsenenangelegenheiten. Gleichzeitig wie ein Kind, das von seinen Eltern belogen wird. Die denken sich irgendwelche Zahlen aus, um mich zu beeindrucken. An die Stelle falscher Zahlen setzen sie andere falsche Zahlen. Das Ganze ist ein System, das alles Nachfragen, alle weitere Erkenntnis blockieren soll. Ich fühle mich entmündigt.

Corona 14: Voraussicht der Hände

zu Händen von François Salachas

von Anne Peiter, Réunion        

Mehr und mehr stellt sich heraus, dass die Politik kein Verhältnis zur Zukunft unterhalten hat. Die Verbreitung des Virus in China war nicht zu übersehen, doch die Idee, dass in einer globalisierten Welt keine Grenzen existieren, kam nicht auf. Die Zeit wurde nicht genutzt. Man machte weiter. Wochen vergingen, Monate. Keine Vorsorge. Keine Maßnahmen, um vorbereitet zu sein auf den Fall, dass die Krankheit weiterwandern würde. Noch nicht einmal die Maskenproduktion wurde angekurbelt. Man schien einem Witz zu gehorchen, den man sich anfänglich in Frankreich – doch wie sehr ist das jetzt schon Vergangenheit! wie wenig kann man jetzt noch darüber lachen! – zu erzählen pflegte: »›Warum wird der Coronavirus nicht lange dauern?‹ – ›Ganz einfach. Made in China.‹«

Aber es sind nicht nur diese China-Stereotypen, die zur Unterschätzung der Gefahr beigetragen haben. Vielmehr scheint eine derartige Gewöhnung an die eigene Sicherheit, das eigene Wohlleben, ja eine Form von Unantastbarkeit, wenn nicht Unsterblichkeit existiert zu haben, dass die Zukunft gleichfalls als etwas Beherrschbares erschien: Es würde eben so weitergehen. Die Chinesen starben, man selbst würde leben, und gut. Dies trotz der gravierenden Einsparungen im Gesundheitswesen, das die französischen Krankenhäusern schon lange vor dem Virus in eine strukturelle Krise gestürzt hatte. Proteste, Demonstrationen, monatelange Streiks, schließlich der Rücktritt von Ärzten von ihren administrativen Funktionen änderten nichts an der Überzeugung der Regierung, dass die Privatisierung vorangetrieben werden könne, ohne die Gesundheit der Bevölkerung auf’s Spiel zu setzen.

Und jetzt das: ein zusammenbrechendes System. Zahnärzte, die ihre Patienten nicht mehr behandeln können, weil man ihnen keine Masken zur Verfügung stellt, überfüllte Krankenhäuser, die nicht genug Tests haben, um zu sehen, wer krank ist und wer nicht, das Fehlen minimaler Schutzmaßnamen, die garantieren würden, dass jetzt nicht auch noch die Ärzte wegsterben. Aber an diesem Punkt sind wir bereits. Die Ärzte sind in Gefahr. Sie auch.

Ein Bild von der beginnenden Bewusstwerdung kehrt zurück, unvergesslich: Macron beim Besuch in der Pitié-Salpêtrière, als erste Reaktion auf die langsam zunehmenden Kranken in Frankreich. Ein Besuch für die Presse. Und so beginnt dieser auch. Beginnt, um dann etwas ganz anderes zu werden. Der Chefarzt, umgeben von seinen Kollegen – Krankenschwestern, Pflegerinnen, weiteren Ärzten –, reicht dem Staatschef die Hand (so wie es zu erwarten war), beginnt dann aber, die enorme Erschöpfung, die Überforderung zu skizzieren, die beim Personal der Krankenhäuser herrsche. Er spricht und spricht (mehr als zu erwarten war – lange!), und währenddessen ruht Macrons Hand in der Seinen. Nein, ruht nicht: muss ruhen, kann sich nicht zurückziehen, steckt im Schraubstock der rechten Hand dieses einen Arztes.

Der Staatschef ist plötzlich kein Chef mehr. Hier, im Krankenhaus der Pitié-Salpêtrière, ist es der Arzt, der das Sagen hat. Nicht etwa, weil er seine Funktion als Chef dieser Abteilung über die Funktion des Staatschefs stellen würde. Vielmehr hat er das Sagen, weil er etwas zu sagen hat. Und darin steht er im krassen Gegensatz zu Macron. Macron steht da, zum kleinen Jungen geworden, der nicht weiß, was er sagen soll. Die Mikrophone der Journalisten und Kameraleute, die das Ganze aufzeichnen, strecken sich ihm entgegen, als Aufforderung quasi, sich doch bitte zu äußern (Macron spricht gern viel und deutlich), doch was zu hören ist, ist nicht mehr als ein schwaches, unverständliches Murmeln. Etwas, was versickert. Die Mikrophone verstärken nur dieses Verstummen. Nichts. Der Präsident ein Nichts.

Der Arzt hingegen spricht mit der Deutlichkeit einer Authentizität, die nicht nur die seine ist, sondern ihm aus dem Kreis, in dem er steht, zuströmt. Er spricht nicht für sich. Er spricht im Namen der Hände, mit denen seine Kolleginnen und Kollegen täglich arbeiten, um Menschen am Leben zu halten. Nicht er spricht, sondern die Hände neben ihm. Es sind Hände, die nicht mehr können: »On est au bout.« »Wir sind am Ende.« »Wir können nicht mehr.« Und darin steckt: »Wir werden bald die Hände sinken lassen.« »Mehr ist nicht möglich.« Immer wieder: »On est au bout.«

Und das ist so dramatisch echt, so ungekünstelt, dass das Verhältnis zwischen Hand und Stimme plötzlich auf vollkommen neue Weise in einen dringt. Warum murmelt Macron, statt vernehmlich zu sprechen? Die Antwort muss lauten: Macron ist nicht zu vernehmen, weil er sich vernommen fühlt, eine Vernehmung erlebt, auf die er nicht vorbereitet war. Und auch weil der Arzt nicht nur seine – des Staatschefs – Hand in der Hand hat, sondern auch mit dieser seiner einen Hand den Druck zum Ausdruck bringt, unter dem er und das ganze Personal stehen. Bald werden sie nicht mehr können. Bald wird der Versuch, gesundmachend zu wirken, unmöglich werden und das Ganze ihren Händen entgleiten.

Was ja in der Tat schon dabei ist, zu passieren. Die Dramatik des Unvorbereitetseins nimmt Konturen an. Und mit der Stimmlosigkeit Macrons hat das zu tun, weil der Besuch des Staatspräsidenten diesem berühmten Krankenhaus (das das Mitleid – la pitié – im Namen führt) endlich die Gelegenheit gegeben hat, die Präsenz der Presse, die mögliche Vermehrung der Stimmen über den Zustand der französischen Krankenhäuser, zu nutzen und die Bevölkerung wissen zu lassen, dass nichts mehr geht, dass die Sparmaßnamen eine stumme Verzweiflung hervorgebracht haben, die sich jetzt erneut, ein x-tes Mal, Gehör zu verschaffen versucht. Die Hand also als Ausdruck des Drucks in der Realität des medizinischen Personals. Und die Stimme des Arztes als Verlängerung der Hand und Hände. Und der Präsident, so die Hoffnung, als weitere Verlängerung der Stimmen und Hände, weil die Journalisten über Macron mehr zu berichten pflegen als über diejenigen, die kranke Menschen pflegen.

Im Normalfall ist vorgesehen, dass man sich bei solcherart Besuchen begrüßt, einige Worte wechselt und sonst, im Sinne einer protokollarischen Bilder- und Wortproduktion zugunsten der Regierung, der Besuch den vorgeschriebenen Etappen folgt. Doch der Arzt folgt nicht. Er hat die Fähigkeit der Verlangsamung entdeckt. Solange Macrons Hand in der Seinen steckt, zwingt er den stärksten Mann des Landes, ihm Gehör zu schenken. Er kann eine Rede halten, die weit länger ist, als das Besuchsprotokoll je geplant hat, weil Macron ja mit dem Anspruch gekommen ist, sich zu informieren und die Realitäten in Augenschein zu nehmen, die sich allgemein (und mit dem ausbreitenden Virus noch mehr) in den französischen Krankenhäusern ausbreiten. Er kann also nicht einfach gewaltsam seine Hand aus der Hand des Arztes ziehen, sie nicht wegreißen, kann auch nicht mit seiner Linken auf die des Arztes schlagen, um eine Freigabe zu erwirken. Das würde nicht gut wirken. Schon ein Zerren an der eigenen Hand würde den Eindruck zum Skandal machen, der sich von Anfang an eingestellt hat: dass Macron die Kontrolle über sich, seine Hand, die Krankenhäuser und sein politisches Programm verloren hat. Oder verlieren müsste. Wenn er denn wirklich zuhören würde. Und wenn er verstünde. Doch versteht er? Vernimmt er das so deutlich Vernehmbare?

Vorerst ist es so, als wirke die bürgerliche Konvention weiter, die auf der Hoffnung fußt, dass der Arzt irgendwann auf- und die eigene Hand wieder freigeben wird, auf dass er, Macron, mit dem Zuhören aufhören könne. Doch bis zum Moment der Freilassung strömt die Zukunft durch die Körper der beiden Männer. Der Arzt spricht, noch immer. Beherrscht, höflich, aus einer stillen Verzweiflung heraus, die ihm die notwendige Kraft gibt, aus seinen gegenwärtigen Erfahrung die kommende (und schon eintretende) Zukunft abzuleiten. »On est au bout.« Die nächste Zeit wird dramatisch werden. Aber nicht etwa wegen der Dinge, die die Zukunft bringen wird. Vielmehr weil die Situation schon seit langem dramatisch ist. Er bittet den Staatschef, einzuschreiten. Der murmelt etwas von den Fehlern seiner Vorgänger, davon auch, er habe »parfois le sentiment de payer l’addition de beaucoup de comptes qui sont restés non soldés« (»…mitunter das Gefühl, die vielen Rechnungen zu bezahlen, die unbezahlt geblieben sind.«) Anders gesagt: Macron versucht, sich rauszureden. Und rauszureden, indem man Ausreden erfindet, heißt: versuchen, die Hand raus-zu-reden. Sie mit Hilfe der Worte (und dem Hinweis auf finanzielle Zwänge) endlich rauszuwinden, mit windigem Hinweis auf die Vergangenheit zwar, doch beherrscht eben von dem Gefühl, der Arzt des Krankenhauses Pitié-Salpêtrière (das das Mitleid im Namen führt) müsse und werde Mitleid mit ihm haben und seiner Hand die Handlungsfähigkeit zurückgeben.

Doch Mitleid ist die Sache des Arztes nicht. Er weiß etwas von Gefühlen und ihrer windigen, schnell verwehten, wenig handgreiflichen Benutzung. Nicht weit von einem der ältesten Krankenhäuser der Stadt Paris – dem Hôtel Dieu – liegt die Kirche Notre-Dame, die jetzt in Teilen eine Ruine ist. Das ist eine Tatsache. Der Arzt: »Quand il a fallu la sauver, il y avait beaucoup de monde pour être ému. L’hôpital public est en train de flamber à la même vitesse à laquelle Notre-Dame a failli flamber.« (»Als man sie hat retten müssen, waren viele gerührt. Die öffentlichen Krankenhäuser sind dabei, mit der gleichen Geschwindigkeit in Flammen aufzugehen, mit der Notre-Dame fast in Flammen aufgegangen wäre.«) Nationales Pathos, Bilder einer Zerstörung, die zurückführt zum Mit-Leid, das von den sachlichen Gegebenheiten her argumentiert.

Aber vor allen Dingen geht es um letztere: »Le moment opportun d’agir pour un président de la République, même pour une situation dont il n’est pas responsable, c’est maintenant. […] Prenez la main et donnez les moyens au ministre de la Santé, à Martin Hirsch […], pour les nous donner les moyens de soigner nos patients.« (»Der richtige Moment für den Präsidenten der Republik, um zu handeln, auch wenn es sich um eine Situation handelt, für die er nicht selbst verantwortlich ist, ist jetzt. Ergreifen Sie die Hand und geben Sie dem Gesundheitsministerium, geben Sie Martin Hirsch die Mittel, um uns die Mittel zu geben, unsere Patienten gesund zu machen.«) Eine ganze Reihe von Händen wird evoziert, eine Kette, die funktionieren muss, damit man sich weiterreicht, was nötig ist, um den Patienten – das letzte Glied der Kette, das fast vergessene – zu heilen.

Die Hand des Präsidenten müsste wieder Kontakt finden zu den vielen, kleinen Händen, die gerade leer dastehen, leer vor ihren Patienten. Und darum steckt jetzt und hier Macrons Hand immer noch in der des Arztes. Sie steckt und steckt. Und des Präsidenten Rede stockt, denn verstockt ist er schon jetzt. (Oder ist das eine Eigenschaft, schon immer?)

Doch dann glaubt Macron endlich, nach dieser für ihn ganz ungewohnte Erfahrung, nicht zu Wort zu kommen, darin erneut ganz der kleine neoliberale Buchhalter, der er ist und der alles nur vom Aspekt der Finanzen her zu sehen vermag, jetzt doch wieder – endlich – das Wort ergreifen zu zu können. Es zu ergreifen, weil ihn der Arzt zu ergreifen versucht, von der Hand, aber auch vom Herzen her. (Das Krankenhaus trägt die »pitié« in ihrem Namen) An den Arzt gewendet, sagt er (nämlich Macron): »Je compte sur vous.« (»Ich zähle auf Sie.« / »Ich rechne mit Ihnen.«) Der Arzt bestätigt, nachdenklich, lächelnd auch, auf ihn – den Arzt – werde man zählen, mit seinem Engagement zugunsten der Kranken rechnen können. »Vous pouvez compter sur moi.« (»Sie können auf mich zählen.«) Und dann doch wieder, als letzte, symbolische Rückgewinnung der Hand, die er jetzt endlich hat fahren lassen: »L’inverse reste à prouver.« (»Ob das auch umgekehrt gilt [nämlich für Macron], muss sich noch erweisen.«)

Inzwischen hat es sich erwiesen: Macron kommt zu spät. Die Zukunft ist da. Handgreiflich und brutal. Mit einem Gesundheitssystem, das nicht mitkommt. Aber sogar schon am selben Abend, direkt nach der Erfahrung mit einer Hand, die zum Schraubstock geworden war, hatte es sich erwiesen, dass Macron nicht lernfähig ist. Bei einem Staatstreffen in Neapel, am gleichen Tag noch, äußerte er mit Blick auf den Pariser Arzt: »C’est un médecin qui représentait la coordination, l’intersyndicale, lequel est neurologue – il n’a rien à avoir avec le coronavirus – qui a tenu ces propos. Il n’a rien à avoir avec la crise que nous sommes en train de vivre.« (»Das ist ein Arzt, der sich um die gewerkschaftsübergreifende Koordination kümmert, ein Neurologe – er hat mit dem Coronavirus gar nichts zu tun – und der hat sich geäußert. Er hat gar nichts zu tun mit der Krise, die wir gerade erleben.«)

Inzwischen ist es so, dass man die Ärzte – zum Beispiel Neurologen – in die Abteilungen ruft, mit denen sie ursprünglich »gar nichts zu tun« haben, schlicht, weil es dort nicht etwa nichts, sondern viel zu viel zu tun gibt – zu viel, als dass die Ärzte, die legitimierweise »damit zu tun« haben (und also keine Neurologen sind), es allein schaffen könnten. Doch dass jemand dem anderen die Hand reicht, einfach, weil es sein muss und die Situation eine Zusammenarbeit jenseits von Spezialisierungen erheischt, das kann Macron natürlich nicht begreifen.

Aber dass es ihn doch wurmt, im Moment der Begegnung ein kleines, nichtssagendes Würmchen gewesen zu sein, erdrückt von einer Hand, die Hand in Hand mit anderen arbeiten wollte (und vor allem: arbeiten können wollte!), das zeigt sich darin, dass er von selbst auf das Thema zurückkommt, in Neapel dieses Mal. Er verunglimpft den Arzt, spricht im die Berechtigung ab, sich zum Coronavirus zu äußern. Und er selbst äußerst sich jetzt wieder in altbekannter Eloquenz. Die Sprachlosigkeit ist überwunden. Sie war nichts als eine kurze, aber denkwürdige Episode.

In Neapel wohnt man psychologischen Prozessen bei, mit deren Hilfe Macron die narzisstische Kränkung, die er erlitten hat, zu beseitigen versucht. Die Kränkung rangiert so stark vor der neuen Krankheit – dem Virus –, so stark auch vor den Krankenhäusern und ihrem desolaten Zustand, dass er taub wird für die Wahrheiten, die er wenige Stunden zuvor zu hören bekommen hat. Und so spricht er wieder, wortmächtig, erinnerungs- und zukunftslos, ohne jede Vorstellungskraft, als Mann, der nie etwas wird lernen können.

Dabei hätte er sich vielleicht wenigstens das Körpergedächtnis und damit eine andere Art von Lernen bewahren können: In dem Moment, in dem er die Hand des Arztes ergriffen hatte, um sie zu schütteln und wieder loszulassen, war er ja einer Konvention gefolgt, die für ihn offenbar noch ganz unhinterfragt dastand: Man schüttelt eben die Hand des anderen, wenn man diesem einen – noch dazu offiziellen – Besuch abstattet. Aber der andere war aufgrund seines Berufs schon vorbereitet auf die Infragestellung der Konvention des Händeschüttelns. Er wusste, dass das Ineinandergreifen von Händen dabei war, jede Unschuld zu verlieren, und dass auch Macron würde lernen müssen, dass man in Situationen wie der gegebenen dem anderen eigentlich nicht mehr die Hand schütteln dürfte.

Und trotzdem schüttelte Macron dem Arzt die Hand, überzeugt also davon, dass es normal sei, dem anderen die Hand zu schütteln. Und der Arzt, der darauf einging und jetzt seinerseits Macron die Hand zu schütteln begann, schüttelte und schüttelte, ließ nicht mehr los und machte dadurch aus dem Händeschütteln noch in einer anderen Hinsicht etwas Subversives: Er bezog aus dem Festhalten nicht nur die körperliche Entfaltung einer Macht, die zuvor institutionell und finanziell ganz und gar auf Macrons Seiten gestanden hatte, sondern er schüttelte auch, als wolle er das potentiell Krankmachende dieser Geste durch deren Verlängerung für Macron sichtbar machen. Und wenn schon nicht für Macron, dann zumindest für die umstehenden Presseleute. Und wenn schon nicht für die Presseleute, dann vielleicht wenigstens für die Menschen, die sich das Video der Presseleute von diesem Besuch ansehen würden. Denn in Wirklichkeit legte der Arzt Hand an Macron. Er wurde handgreiflich im besten und konkretesten Sinne des Wortes: Das Händeschütteln wurde zu einem Angriff auf den Präsidenten.

Doch juristisch erwächst dem Arzt daraus keine Verantwortung. Es war ja umgekehrt Macron gewesen, der als erster auf ihn zugegangen und begonnen hatte, ihm die Hand zu schütteln. Macron war es gewesen, der sich durch sein bloßes, von Konventionen gesättigtes Denken und Hände-Schütteln zum Handlanger einer verantwortungslosen Gesundheitspolitik gemacht hatte. Und Handlanger zu sein – das weiß man ja schon lange – bedeutet stets, Gewalt zu unterstützen, ohne auch nur einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, dass man sich zumindest mitschuldig macht.

Der Arzt hingegen schritt auf Macron zu, schritt zur Verlangsamung einer Geste bis hin zu ihrer Erstarrung und schuf durch die Erstarrung plötzlich so etwas wie Erkenntnis: Wer einem Präsidenten die Hand zu schütteln beginnt, der noch nicht einmal in Ansätzen über das gefährlich Konventionelle dieser Geste nachzudenken begonnen hat, muss schütteln und schütteln und schütteln, damit sich die Geste des Schüttelns der Hand körperlich fortpflanzt und nach oben steigt, nämlich hin zum Kopf, den man eben auch zu schütteln hat angesichts eines solchen Präsidenten, der zwar gern mit seiner Hand die Hand von anderen schüttelt, niemals aber seinen eigenen Kopf. Und nun schon gar nicht gar den Kopf über sich selbst!

Das aber hat der Arzt ihm vorgemacht: Er hat Macron die Hand geschüttelt, weil er als gewerkschaftlich organisierter Beobachter von Realitäten eigentlich schon seit mehr als einem Jahr den Kopf über diesen zu schütteln begonnen hatte. Aber dieses sein Kopfschütteln hatte Macron (obwohl es ein massenweises, vom gesamten französischen Gesundheitssystem getragenes gewesen war) natürlich nicht wahrnehmen wollen. Er wollte einfach nur die Hand schütteln!

Die Hand hat den Vorteil, dass man mit der eigenen dem anderen die Seine schütteln kann: Man bewegt die eigene Hand in rascher Folge nach oben und unten und bewegt, weil die Hand des anderen in ihr ruht, diese andere Hand gleich mit. Leider ist es aber nicht möglich, durch das Schütteln des eigenen Kopfes auch den Kopf des anderen mitzuschütteln, denn Köpfe greifen nur selten ineinander. Darum sind Köpfe der Erfahrung des Schüttelns und Erschütterns, die der andere gemacht hat, kaum zugänglich. Einen Arzt mag es erschüttern, dass er seinen Patienten nicht mehr die Pflege zuteil werden lassen kann, derer sie bedürfen. Aber wenn er über eine Politik den Kopf zu schütteln beginnt, die erklärt, warum ihm Patienten ganz unnötig wegsterben, dann bleibt das leider Gottes eine ganz private Geste, ja fast schon – aus Macrons Sicht gesehen – eine Art Tick, den Gewerkschafter eben so an sich haben: Sie schütteln zu allem und jedem den Kopf, sind niemals zufrieden mit dem, was man ihnen bietet. Und weil der Arzt das wusste, hat er darauf verzichtet, den Kopf zu schütteln und hat es dieses Mal mit der Hand versucht. Darum also schüttelte er dem Präsidenten die Hand.

Und noch einmal: Es war angesichts des Virus bereits absurd, einander die Hände zu schütteln, doch im Kontakt mit einem Präsidenten, der nicht einmal versteht, was handgreiflich vor ihm liegt – das Krankenhaus, das den Namen des Mitleids im Namen trägt, das Krankenhaus mit seiner Not –, kann ein Arzt eigentlich nur noch das Schütteln anhalten, die Bewegung der Hände erstarren lassen, hin zu einem Bild, in dem das Schütteln der Hände als Selbstverständlichkeit aufhört.

Selbstverständlichkeiten haben, wie gesagt, die Eigenschaft, nicht sichtbar zu sein. Mitunter reicht aber eine Winzigkeit – hier zum Beispiel die Verlängerung des Schüttelns –, um die Konvention zu sprengen, sie sicht- und erkennbar, d.h. dem Kopfschütteln zugänglich zu machen. Die Herstellung des Ungewohnten hilft, Selbstverständlichkeiten abzuschütteln, die Köpfe zusammenzustecken – und mit dem Denken zu beginnen. Mit dem Denken der Hände, die man schüttelt und schüttelt und schüttelt, so wie es einen schüttelt beim Anblick eines Präsidenten, der in der anvisierten Kürze des Besuchs auch schon die Kürze des Händeschüttelns festlegen zu dürfen meinte.

Zumindest daran hat ihn der Arzt gehindert. Der Besuch hat nicht lang gedauert, das Händeschütteln aber wohl. Und das ist eine wohltuend ermutigend Tat. Jemand ist handgreiflich geworden. Jemand hat die Bedeutung, die den pflegenden, lindernden, heilenden Händen zukommt, begreiflich gemacht. Bis hinauf in den Kopf.

Und wir? Wir sind die potentiellen Patienten, diejenigen, die mehr brauchen als das Mitleid, das das Krankenhaus im Namen führt, und wir können angesichts der Dummheit, die sich in Macrons Verzicht auf’s Kopfschütteln ausspricht, nur Karl Kraus zitieren, sprachlos zu seiner Zeit auch er. Und doch sprach er in dem Bewusstsein »Jetzt war Krieg«. »Wir, die ein kurzes Gedächtnis langer Leiden tauglich macht, sie wieder zu erleben, möchten vergessen, was jene getan haben.«

Corona 13: Die Klugheit der Frauen

Zu Boccaccios ‚Decamerone‘

Der Boden, auf dem die größtenteils heitere, aus den vielversponnenen Molekularbewegungen des Eros zusammengesetzte Geschichtensammlung des ‚Decamerone‘ errichtet wird, ist klaffend, düster, ja eigentlich bodenlos. Es ist die Pest, die Florenz überfällt und verheert. Nicht allein, dass sie nach Schätzung des Erzählers fast die gesamte Einwohnerschaft der Stadt, etwa 100.000 Menschen, zu Tode bringt. Mit ihr zerfallen alle Werte und Ordnungen zu Staub. Es ist nicht einmal so, dass noch gezeigt werden könnte, wie das Gebäude der heiligen apostolischen Kirche geschleift wird; es ist als hätte es nie existiert oder doch zumindest, als läge seine Demontage in unvordenklicher Vorzeit. Die Kirchen sind seit langem Ruinen, die Priester Marionetten in dem Augenblick, in dem der Vorhang sich öffnet; und dass in den Novellen selbst Geistliche praktisch nur noch als notgeile oder geldgierige Karikaturen in Erscheinung treten, zieht daraus die Konsequenz: es sind die invertierten Restbestände eines Standes, von dem nichts weiter geblieben ist als lächerliche Körperreflexe.

Auf diesem Zerfall wird eine neue Ordnung errichtet. Der Hergang ist wahrscheinlich bekannt: Sieben junge Frauen fassen den Entschluss, dem allgemeinen Sterben zu entrinnen und sich auf ein Landgut zurückzuziehen, das ihnen mehr Sicherheit verspricht als die verwüstete Metropole. Das bleibt notierenswert. So wie es bei uns im Augenblick überwiegend die Frauen sind, die dafür sorgen, dass die Gesellschaft überhaupt noch funktioniert, weil sie auf dem meist schlechtbezahlten Feld der materiellen Selbstreproduktion tätig sind, sind sie es immerhin, von denen bei B. der erste und entscheidende Anstoß ausgeht, die sich selbst verschlingende Gesellschaft des Mittelalters zu verlassen, sich zu retten und etwas Neues zu versuchen, das gerade nicht auf den wer weiß wie stark nachwirkenden Trümmern der Vorgeschichte errichtet wäre. Richtig ist, dass sie sich dafür drei junge Männer als Begleiter ausersehen. Sie sollen sie schützen, bleiben aber mit Bedacht in der Minderzahl. Sie machen die Säkularzahl 10 komplett und stehen nur insofern nicht in der zweiten Reihe, als es Boccaccio im weiteren daran gelegen ist, den Geschlechtsunterschied zu verwischen. Wenn erzählt wird, ist es nicht mehr so wichtig, wer die Einzelnen sind und welchem Geschlecht sie zugehören. Ganz im Unterschied zu den Geschichten, die uns von ihnen erzählt werden, leben die zehn jungen Menschen selbst in einer überraschend keuschen Gemeinschaft. So delikat vielleicht die Fantasien gewesen sein mochten, die B. bei seinen Leserinnen und Lesern durch die Kombination von 7 Frauen und 3 Männern auslöste: de facto läuft nichts. Alle erotische Energie, die in diesen lebenslustigen Menschen zirkuliert, wird offenbar in ihre Geschichten verschoben. Die gehen mit ihr dafür umso freimütiger um. Vor uns baut sich eine monumentale Sublimationsleistung auf. Ihre Besonderheit ist, das B. ihre erotische Grundlage keineswegs verschweigt und die Interpreten nicht gezwungen sind, sie sich bruchstückweise zusammenzuanalysieren und von Symptomen auf ihre angenommene Ursache zurückzuschließen. Er zeigt nicht bloß das Endprodukt eines psychischen Vorgangs, nenne man ihn nun Sublimation oder Verdrängung: er zeigt den Vorgang selbst und bringt damit auch die Gestehungskosten des durch ihn begründeten Erzählens in die Erscheinung. Das ist so großartig, wie man es sich nur denken kann. Denn es enthält die Möglichkeit einer Kultur, die ihr Verdrängungsfundament infrage stellt.

Die zehn jungen Leute fliehen also aus der Stadt (und Boccaccio steht nicht an, diesen Vorgang einige Seiten vorher als „grausam“ zu bezeichnen). Sie versammeln sich in einem hortus conclusus kultivierter Natur – wie bei Ovid [Ars Am. III, 127] ein Gegenbegriff zu der Kultur, die auf Unterdrückung der Natur basiert. Sie geben ihrem Tagesablauf Regeln, die ihnen reihum wechselnde Aufgaben zuweisen (ähnlich wie in einer WG, die Arbeitsteilung, aber keine Hierarchie kennt). Und sie erzählen einander Geschichten, die zum Teil unter ein bestimmtes Motto gestellt werden, zum Teil ad libitum erzählt werden können, Regel und Regellosigkeit also selbst in einer Regel verknüpfen. Aus diesen Regeln, die man sich selbst gibt, vor allem aber auf dem Unmaß der diskontinuierlich miteinander verflochtenen Geschichten, die meistenteils vom ‚Triebgrund‘ und aus ihm heraus erzählen, formt sich der Umriss einer säkularen Kultur, die sich auf ihn stellt, weil aller spirituelle Überbau zerschlagen wurde. Das ist nicht das Ende, sagt Boccaccio, es ist nur ein Ende und trotz der furchtbaren Gräuel, die zu Beginn geschildert wurden; trotz des leisen Zynismus, mit dem sich die junge Feudalaristokratie so darüber hinwegsetzt (wie sich vielleicht auch jetzt die vermögende Intelligenzia auf ihre Landhäuser zurückziehen kann); trotz all der moralischen Bedenklichkeit, die diesen Epochenriss begleitet, ist dieses Ende in Boccaccios Augen zu begrüßen, weil es zu einem neuen Anfang hinüberführt. Den macht sich die Elite selbst. Aber muss er deswegen per se schlecht sein? Noch einmal ist Gewicht auf das zu legen, was zählt und was die Menschen in solchen Zeiten miteinander verbindet und zu neuen sozialen Mustern fügt: Gleichheit und gemeinsame Arbeitsteilung statt ihrer hierarchischen Verordnung; Sprache und Erzählung als materieller Geist, der aus den Körpern kommt statt sie zu unterwerfen. Und zu achten bleibt wohl auch darauf, dass die Initiative zu solch säkularer Selbstbegründung von den Frauen ausgeht. Das müssen in Zeiten des sozialen Geschlechts keine Frauen im biologischen Sinne sein: wozu auch? Gemeint ist ein bestimmter Typus von Klugheit, der Natur und Geist in ein anderes Verhältnis fügt als dies von der herrschenden, üblicherweise der männlichen Kultur getan wird.

Corona 12: Im Supermarkt II

von Anne Peiter, Réunion

An einer Kasse im Supermarkt: Die Kassiererin bittet um die Einhaltung des vorgeschriebenen Abstands. Die Frau vor ihr, die Kundin, dürfte nicht da sein, wo sie ist: Sie ist zu nah herangerückt an die Kasse. Sie verhält sich, als wäre das Stehen an der Kasse weiterhin etwas Normales. Aber normal ist jetzt nichts mehr. Die Kundin dürfte zudem gar nicht sein, wo sie ist – nicht nah an der Kasse und selbst nicht die vorgeschriebenen Schritte entfernt von ihr –, denn sie wartet auf das Ergebnis des Tests, der in wenigen Stunden erweisen wird, ob sie den Virus hat oder nicht. Trotzdem ist sie da. Da und zu nah. Nicht zuhause, nicht in fernster Ferne, sondern in allernächster, so dass die Kassiererin Angst bekommt.

Diese weiß aber gar nicht, dass sie allen Grund hat, vor dieser Kundin Angst zu haben. Sie weiß nicht, dass diese auf das Ergebnis des Tests wartet. Aber sie weiß, dass der Abstand in jedem Fall zu gering ist. Und sie sagt, dass die Welt jetzt alles ist, was der Fall ist: der Zufall nämlich, der heraufbeschworen werden könnte, wenn die Frau (die sie für normal hält, d.h. für gefährdet und gefährlich wie wir alle, doch nicht für besonders gefährlich, nicht für eine, die auf das Ergebnis ihres Tests wartet), wenn die Frau krank wäre. Die Kassiererin besteht also auf der Einhaltung des Abstands. Die Kundin ihrerseits weiß, dass der Zufall, der gerade die Welt geworden ist, in ihrem Fall besonders naheliegt: Das Ergebnis des Tests wird in wenigen Stunden eintreffen. Und trotzdem ist sie da. Und will einkaufen. Vielleicht weil in wenigen Stunden der Test eintreffen wird? Und weil sie vorher etwas zu essen nach Hause bringen will? Gegen alle Vorschriften? Aber sie muss es für den Fall, dass der Test positiv ausfällt?

In jedem Fall bringt der Hinweis der Kassiererin, sie stehe zu nah an der Kasse, sie in Rage. Mit einem schnellen Schritt nähert sie sich noch mehr, verringert den Abstand bis zum Äußersten – – und hustet aus nächster Nähe der Kassiererin mitten ins Gesicht.

Jetzt ist der Fall der Fälle, für den der Abstand vorgeschrieben worden war, ein wirklicher Fall geworden: ein Kriminal- und vielleicht sogar (das wird sich in wenigen Tagen zeigen) ein Mordfall. Die Kundin hat der Kassiererin ins Gesicht gehustet. Die Kundin, die auf das Ergebnis ihres Tests wartet, d.h. weiß, dass ihr Körper vielleicht schon seit Tagen eine biologische Waffe ist, nutzt diese Waffe und richtet sie (d.h. sich) gegen den Körper der Kassiererin. Die Bitte um Abstand wird als Provokation wahrgenommen, gerade weil so wahrscheinlich ist, dass der Abstand – doch das kann die Kassiererin gar nicht wissen – in diesem Fall wirklich im höchsten Maße geboten wäre.

Und weil die Kassiererin, ohne es zu wissen, die Wahrheit trifft (die Wahrheit in all ihrer dramatischen Wahrscheinlichkeit), versucht umgekehrt die Kundin, die Kassiererin mit dieser ihrer (der Kassiererin) Wahrheit (die sie, die Kundin, selbst noch nicht recht anerkennen mag) zu treffen. Es ist, als wäre die Kassiererin (ohne es zu wissen) der Kundin an Wissen voraus gewesen und als hielte es die Kundin nicht aus, dass die Kassiererin (die nur für den Fall der Fälle auf der Einhaltung des Abstands zu bestehen versuchte) unwissentlich die Wahrheit gesprochen hat. Die Kundin bestraft also die Kassiererin für eine Wahrheit, von der diese gar nicht wusste. Und doch wusste die Kundin die Wahrheit, weil das Wissen sich in der gegebenen Situation stets auf deren Möglichkeit bezieht – die Möglichkeit von Wahrheiten, die man nicht gern verkörpern möchte: die Möglichkeit von Krankheit und Tod. Die Kassierin anzuhusten, bedeutet demnach, die Wahrheit auf sie abwälzen zu wollen, und wenn das Abwälzen nicht gelingt (denn irgendwie weiß ja auch die Kundin, dass ihr Krankheit und Tod bevorstehen könnten), dann soll die Wahrheit zumindest zu einer geteilten werden. Wenn man schon selbst krank wird, soll auch der andere, der ungewollt daran erinnert hat, dass man selbst krank werden könnte (und zwar vielleicht schon in Kürze), krank werden und sterben. Man nutzt, was man in sich trägt. Man genießt im Moment der Rage, dass man keine Waffe braucht. Man ist die Waffe. Doch zugleich behauptet man durch den Angriff – die Hustenattacke im neuen, schrecklichen Wortsinn –, man selbst sei angegriffen worden, nämlich durch die bloße Aufforderung, sich friedlich zu ver- und seine Wahrheiten für sich zu behalten.

Die Kundin aber weiß als einzige, unbezweifelbare Wahrheit, dass ihr eine Macht zugewachsen ist, die sie nie zuvor besessen hat. Nie hätte sie sich in normalen Zeiten mit einer Pistole oder einem Messer auf eine Kassiererin gestürzt. Nie wäre sie zu einer Mörderin geworden. Oder anders: Nie hätte sie zu einer Mörderin werden können. Höchstens zu einer Kundin, die, aus einer plötzlichen Rage heraus, jemanden (z.B. eine Kassiererin) anspuckt.Aber vielleicht auch das nicht, denn jemanden anspucken, ist im Normalfall eine zwar symbolisch hochgradig verwerfliche – nicht aber tödliche – Gewalt.

Oder doch? Ist vielleicht in jedem Anspucken schon der Wunsch, den anderen zu töten, enthalten? Und zur wirklichen Tötung wird das Verspritzen der eigenen Körpersäfte dann, wenn ansteckende Krankheiten den Radius dessen, was als Waffe zu definieren wäre, erweitert haben? Hat die Kundin im Kopf, dass das, was das Militär für den Kriegsfall als Waffe nutzen könnte – bewusst hergestellte und sodann mehr oder weniger gezielt verbreitete Krankheiten –, nun auch ihr zur Verfügung steht? Bricht an den Kassen der Supermärkte ein Krieg im Kleinen aus? Ein Krieg, der sich im Großen wiederholen könnte?

Man spuckt dem Gegner ins Gesicht. Man spuckt ihn mit seiner Zukunft an, als Antizipation des Todes, der dann sozusagen von allein kommen wird, ohne weitere Beihilfe des Täters. Die Krankheit macht an seiner Stelle die Arbeit. Man behauptet die Natürlichkeit des Todes des anderen und genießt doch zugleich das Bewusstsein, dass man das Natürliche zur Waffe – also zum Ergebnis der eigenen Kunstfertigkeit – zu machen vermochte. Und das ohne jeden Aufwand! Einfach, weil die Krankheit da und in einem war. In einem ist. Einfach, weil man für die Krankheit, die einen selbst ergriffen haben mochte, stets einen Schuldigen brauchte. Und weil man die Krankheit selbst nicht angreifen, sondern sie nur behandeln kann – als Erfahrung einer Form von Hilflosigkeit, ja Demut –, muss man die Krankheit künstlich aus sich ausstoßen und den Schuldigen, den es nicht gibt, durch sie treffen.

Ein solches Verhalten aber ist nur denkbar, wenn der Gedanke, für Krankheit gebe es immer einen Schuldigen, ganz tief verwurzelt ist. Die falsche Projektion wird zum Projektionsstrahl der eigenen, infizierten Spucke. Die Möglichkeit, mit großer Leichtigkeit andere zu töten, wird nicht als Aktion gesehen, sondern als Reaktion. Man greift nicht an, sondern fühlt sich in erster Linie umgekehrt angegriffen. Die Kasse des Supermarkts wird zur Frontlinie eines neuen Krieges. Opfer der Krankheit geworden zu sein, die sich in Form des ausstehenden, schon in Bearbeitung befindlichen Tests bereits in einem ausbreitet, ruft die Gewissheit hervor, es müsse jemanden gegeben haben, der einen hatte krank machen oder einem gar den Krieg erklären wollen. A la guerre comme à la guerre: Man handelt, dieser Logik entsprechend. Man spuckt. Spuckt zurück. Man hat das Projektil im Mund.

Entscheidend darin ist die Vermischung aller Zeitebenen. Als auf Seiten der Kundin die Ansteckung erfolgte, war die Kassiererin vermutlich weder da noch gar verantwortlich. Aber schlicht dadurch, dass sie auf die Kundin trifft, als diese auf das Eintreffen einer möglicherweise dramatischen Nachricht wartet, wird sie zur Verursacherin von etwas erklärt, was Tage zuvor stattgefunden haben muss: die Ansteckung. Sie – die Kassiererin – wird, ohne es zu wollen, zur Botin, die die Botschaft bringt. Und wie so häufig in der Geschichte ist das Leben von Boten extrem gefährdet. Der sagt, was ist, hat bewirkt, was ist. Schlimmer noch: Er ist, was ist. Die Kassiererin wird zur Trägerin der Krankheit erklärt, obwohl sie – wahrscheinlich – noch gar nicht krank ist. Dadurch aber, dass ihr ins Gesicht gehustet wird, bestätigt die Tat, was – vielleicht – noch gar nicht tatsächlich war: In wenigen Tagen wird die Kassiererin ihrerseits krank werden. Und sobald das eingetroffen sein wird, ist nicht mehr wichtig, dass sie in dem Moment, in dem sie die Botschaft überbrachte, noch gar nicht krank gewesen ist und folglich auch die Kundin nicht hat krank machen können. Es reicht, dass sie krank werden wird (und also geworden sein wird), um sagen zu können, sie sei tatsächlich krank und habe demnach krankmachend auf die Kundin eingewirkt.

Hier haben wir ihn wieder, den Mechanismus der »verfolgenden Unschuld«. Wie im Krieg. Weil man angegriffen hat, ist man angegriffen worden. Weil die eigene Rage einen überwältigt hat, muss man den anderen überwältigen. Das ist keine Redundanz, sondern wird als legitimer Grund erlebt: Man hustet.

Doch der Husten kommt, ohne dass die herkömmlichen juristischen Kategorien griffen. Was in großen, historischen Katastrophen zu geschehen pflegt, kündigt sich auch in der Banalität eines Streits an der Kasse eines Supermarktes an: Die Kundin wird schwerlich wegen versuchten Totschlags (oder vielleicht sogar Mords) verurteilt werden können. Jemanden anzuhusten, ist kein Straftatbestand, mit dem wir (und die Richter) uns auskennen würden. Und doch handelt es sich »natürlich« (d.h. kunstvoll) um einen Mordversuch. Und jetzt die Konsequenz und Nähe (die allzu große) zu den historischen Katastrophen: So wie nach diesen die subjektive Unschuld, die aus der Umkehrung des Verhältnisses von Opfer und Täter resultiert, lärmend von sich zu reden versteht, versichernd, man habe überhaupt nichts getan, habe schlicht auf eine Bedrohung reagiert, die auf einen eindrang, so wird auch hier, beim juristischen Nachspiel des Angriffs an der Kasse, die Kundin von sich sagen können, dass sie das Unglück gehabt habe, krank zu sein und darum gehustet zu haben. Die Täterin wird sich als Opfer der Krankheit darstellen und als Opfer die Unmöglichkeit erklären, zugleich auch Täterin gewesen zu sein. Denn beides scheint nicht miteinander vereinbar zu sein: Täterin kann man nur sein, wenn man nicht Opfer war. Wenn Krankheit Opfer-Sein bedeutet, ist man von vornherein aus allen Schuldzusammenhängen und polizeilichen Verhören herausgenommen. Man hat nichts getan. Man war krank.

Diese Argumentation, die auf einer perversen Art von Selbstmitleid beruht, ist nichts Neues. Sie ist antizipierbar als Resultat des verwirrten Umgangs mit Zeit. Denn ein weiteres Argument, um sich zu verteidigen, wird darin bestehen, die Zukunft vor der Gegenwart rangieren, sie letzterer vorangehen zu lassen: Hätte man die Kassiererin nicht angehustet, hätte diese einen angehustet. Denn der andere ist, da potentiell krank, immer schon der Feind, den es auszulöschen gilt. Dass die Kassiererin gar nicht gehustet, sondern im Gegenteil darauf bestanden hat, man dürfe sich gegenseitig nicht zu nahe kommen, war von der Kundin an der Kasse als Zudringlichkeit – also gar zu große (wenn auch nur verbale) Nähe – empfunden und darum als Wirklichkeit definiert worden, die, weil die Kassiererin hätte husten können – zum Beispiel um ihrer Forderung Gehör zu verschaffen –, wirklich gehustet habe. Und die Behauptung, sie hätte husten können, wenn man’s selbst nicht getan hatte, ist semantisch eigentlich nicht mehr unterscheidbar von dem Satz, sie – die Kassiererin – habe gehustet und darum habe man – erneut der Logik von Aktion und Reaktion folgend – selbst husten müssen. Die mögliche Reaktion der Kassiererin, die auf die Tatsache des Hustens der Kundin hätte folgen können – ein zukünftiges Ereignis also –, wird zu einem tatsächlichen, jetzt schon vergangenen erklärt (sie hat gehustet) und damit die Tatsächlichkeit der eigenen Tat herabgedrückt: Man hat’s ja nur getan, weil sie’s getan hat oder getan hätte oder hätte tun können oder es hätte tun wollen. Man selbst wollte es nicht. Man selbst musste es nur: Der Husten stieg in einem hoch (nicht die Rage). Man war krank. Und der Krankheit ausgeliefert. Und die Auslieferung war, weil man sich in ihr noch schnell etwas zum Essen besorgen musste, eine Sorge, für die es zu allem Überfluss auch noch einen Verursacher geben musste.

Zum Beispiel die Kassiererin, weil die nicht nur zum Fürsprecher der Anweisungen der staatlichen Autoritäten geworden war (sie hatte die Einhaltung des Abstands eingefordert), sondern zu allem Überfluss auch noch Geld für das nahm, um das man sich Sorgen machte. (Was würde man essen, wenn das Ergebnis des ausstehenden Tests wirklich positiv sein würde und man wegen der Überfüllung der Krankenhäuser allein zuhause klarzukommen hätte?) Die Parole von der geteilten Sorge konnte durch das Anhusten zu einer handgreiflichen Realität werden (genauer: gemacht werden): Auch die Kassiererin würde Zuhause bleiben müssen, ganz wie man selbst. (In der Tat hat sie sich nach dem Angriff, obwohl noch gar nicht krank, krank schreiben lassen und wartet jetzt, ganz wie die Kundin, auf das Ergebnis eines Tests, der in jeder Hinsicht vom Ergebnis des Tests abhängen wird, über den das Labor die Angreiferin informieren wird. Ist das Ergebnis der Täterin positiv, so mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch das des Opfers.)

Für die Kassiererin ist das Unterworfensein unter eine Krankheit, die der Täterin zustoßen wird, furchtbar. Noch in dem Moment, in dem sie Zuhause, krank geschrieben, auf die Nachricht wartet, ob sie krank werden wird oder nicht, weiß sie, dass das Schicksal der Täterin und ihr eigenes ein pervers geteiltes sein werden. Es ist in Ansätzen wie bei den mit AIDS-infizierten Tätern, die im Genozid an den Tutsi die Frauen, derer sie habhaft werden konnten, zu einem langsamen Tode verurteilten: Sie unterwarfen sie der Gewalt im Hier und Jetzt, doch zu allem Überfluss gaben sie selbst den Frauen den Tod mit auf den Weg, die der Zufall überleben ließ. Auch wenn sie dem Tod entronnen waren, wussten sie sich doch dem Tode geweiht. Die Vergewaltigung folgte ihnen über den Moment der Befreiung und der Gewissheit des Überlebt-Habens hinaus: als Ausbruch der Krankheit.

Das weitere Leben der Kassiererin wird nicht durch die gleichen Zeiträume definiert sein wie im Fall der Überlebenden in Ruanda. Die Entscheidung über Leben und Tod wird innerhalb kürzester Zeit fallen. Die Hoffnung besteht, den zweiten Teil der Mordattacke, die auf die Attacke durch die Hustenattacke folgen wird – nämlich den Ausbruch der Krankheit selbst –, vielleicht doch zu überleben. Der Virus ist kein absolutes Todesurteil und darin von AIDS unterschieden. Und doch kann die Krankheit zum Tode führen. Und wenn sie es kann, kann es geschehen.

Je nach dem, was die Krankheit entscheidet – ob sie nun töten wird oder nicht –, wird sich entscheiden, ob die Hustenattacke nur versuchter Totschlag oder aber Mord war. Und auch dieser Umstand wirkt sich zugunsten der Täterin aus. Wenn diese gar nicht sicher sein konnte, ob die Angegriffene krank werden würde, wenn sie beim Husten nur die Phantasie haben musste, dass die Krankheit im Bereich der Möglichkeiten lag, dann kann sie sich immer auf die Entschuldigung zurückziehen, dass genauso gut die Möglichkeit bestand, dass die Angehustete nicht krank werden und nicht sterben würde. Und vielleicht wird sie wirklich nicht sterben. Vielleicht werden die Ärzte ihr helfen können. Vielleicht. Sollte es aber so weit kommen, dass die Ärzte ihr helfen müssen (und es vielleicht auch können), bleibt doch die Tatsache bestehen, dass es auch anders hätte kommen können. Die neue Devise hätte darum zu lauten: Im Zweifel immer gegen den Angeklagten. Denn ohne dieses Insistieren auf der Notwendigkeit, dass man sich vorstellen können muss, was man herstellen kann – hier die Krankheit des anderen –, ist ein Zusammenleben schlicht nicht möglich. Ohne Phantasie verkommt der Husten zum Krieg und die Krankheit zur Freude, die Waffe jederzeit mit sich zu führen.

Nicht als etwas, was man einem aus der Hand schlagen kann, sondern als etwas, was mit einem verwachsen ist, also gar nicht bekämpft werden kann. In dieser Hinsicht wäre der Husten die Superwaffe schlechthin. Niemand kann sich ihrer bemächtigen. Der potentiell Kranke hat, solange er noch nicht krank ist, die ganze Verfügungsgewalt über sie. Und wenn er krank ist, in gewisser Weise auch noch. Sogar im Moment äußerster Schwäche kann er aus dieser noch die Stärke ziehen, die Hustenattacke zu steuern, über ihre Stoß- und Flugrichtung zu bestimmen, d.h. sich als handlungs- und tötungsfähig zu erleben. Also zu leben. Denn es gibt diese Art von Leben bei Menschen, die nur in dem Moment an die Wirklichkeit ihrer selbst zu glauben verstehen, in dem sie das »Weltvertrauen«, das uns zu einer menschlichen Gemeinschaft macht, täuschen.

Furchtbar daran ist, dass das Ganze sich in der reinen Banalität abspielt. Ein Supermarkt ist ja kein Schlachtfeld, und die Rechnung, die einem die Kassiererin reicht, im Normalfall keine Entscheidung über Leben und Tod. Dass aber gerade eine Schlange vor einer Supermarktkasse zur Bühne einer solchen Gewalt hat werden können, zeigt, wie die derzeitigen Beschleunigungsprozesse uns zu überrumpeln drohen. Es gibt keinen Übergang mehr zwischen einem »normalen« Streit an der Kasse und einem Streit, der zum Abschuss eines tödlichen Spucke-Projektils führt. Beides liegt mit einem Male so furchtbar nah zusammen. Die Krise ist da, plötzlich, man muss ihrer Eskalation gewärtig sein, und doch widerstrebt es einem, anzuerkennen, dass der Atem der Gewalt uns schon früher ins Gesicht wehte. So etwas wie ein zivilisatorisches Grund- oder Weltvertrauen ist noch da, grundlos auch dieses. Denn zum Leben in und mit der Welt gehört, dass man, wie Améry wusste, darauf vertrauen können muss, dass der andere nicht über die eigene Hautgrenze in einen einzudringen versucht.

Hier aber ist das Eindringen so perfide, weil es selbst nicht einmal wehtut und doch ein Akt höchster Gewalt ist. Man gibt sich als Hustender harmlos und produziert doch »harm« (im Sinne der englischen Sprache verstanden). So beginnt es. So hat es schon in anderen Situation begonnen. Und der nächste Schritt ist dann stets, dass man die Rage nicht nur als Rage auslebt und -hustet, sondern sie systematisiert und zur Verbreitung der Krankheit im großen Stil macht. Es hustet sich so gut gemeinsam.

Von der spanischen Grippe 1918 ist darum so viel die Rede, weil sie nicht getrennt vom Krieg gedacht werden kann. Die damalige Krankheit war die Fortsetzung der Produktion von Tod, wie der Krieg ihn sich zur Aufgabe einer hochspezialisierten, hochindustrialisierten Apparatur gemacht hatte. Das Credo: Krieg laufe darauf hinaus, so viele Gegner wie möglich zu töten, und wenn man genug von ihnen getötet habe, hörten sie auf zu kämpfen. In dieser Hinsicht war die Krankheit ein wertvoller Verbündeter. Zumindest so lange, wie sie nicht (wie dies im beginnenden Gaskrieg der Fall gewesen war) die Richtung änderte und gegen einen selbst zurückschlug. Die Krankheit musste gerichtet bleiben, ausgerichtet, gradlinig, auch darin dem Projektil ähnlich. Jeder Umweg, jede Richtungsänderung bedeutete, selbst gerichtet werden zu können: durch die Krankheit oder, später, durch Kriegsgerichte. Aber auch die Gerichte sind reine Theorie geblieben, darin vielleicht der nur scheinbar banalen Kassenszene vergleichbar. Man machte sich die scheinbare Fatalität und Natürlichkeit der Grippe zu nutze. Niemand hatte sie gewollt, und doch war sie da. Zu einer Verurteilung ist es nie gekommen. Die Krankheit war nur eine »Begleiterscheinung«.

Wenn der Gaskrieg eine Erfindung darstellte, die der Luft, die wir alle atmen – diese letzte »Allmende«, wie Elias Canetti sie genannt hat – zu einer Waffe gemacht hat, dann haben wir mit dem gezielten, nämlich auf’s prospektive Opfer zielenden Husten einen gleichsam »privaten«, in kleineren – banalen? – Dimensionen operierenden Angriff vor uns. Also letztlich doch etwas Militärisches. Einen Terror der Luft. Man nimmt dem Feind – wenn auch in zeitlicher Versetzung – die Luft zum Atmen. Man erstickt ihn, denn man weiß sehr wohl: Gerade stehen nicht genug Atemgeräte zur Verfügung, um alle Patienten zu retten. Also ist der eigene Husten immer schon der Husten des anderen. Und wichtig daran ist: nicht nur der Husten eines einzelnen. In dem Moment, in dem man die Luft mit Gewalt schwängert, um die eigene Macht über die eigenen Körpergrenzen hinaus zu erweitern, hinein in den anderen, sieht sich auch die Idee von Gemeinschaft aufgekündigt. Die Allmende eben, etwas, was alle gemeinsam (und ohne eigens dafür zahlen zu müssen) nutzen. Als eine der – so scheint es auf den ersten Blick – letzten Selbstverständlichkeiten, denn schon ist ja auch das Wasser weitgehend privatisiert und also auch da die Idee des Gemeinschaftlichen zerstört worden.

Haben wir nur noch die Luft? Marktfrei? Oder die jetzt auch nicht mehr? Eigentlich haben wir mit der Luft schon lange, lange Erfahrungen. Den anderen ersticken, ihm die Luft zum Atmen nehmen, und dies in riesigen Größenordnungen (man erstickt die Vielen), das ist das Zeichen für die Benutzung der Umwelt – hier der Luft – als Waffe. Man wirkt nicht direkt auf den gegnerischen Körper ein, sondern – vermeintlich – über einen Umweg. Aber einen gewollten, ausgeklügelten. Der Gaskrieg hatte es vorgemacht. Aber er hatte den Nachteil, dass auf die Umwelt als Verbündeten nicht recht Verlass war. Die Umwelt musste klar umrissen und beherrschbar sein, um mit hinreichender Sicherheit Tod verbreitend zu wirken. Schon der Atem des Windes konnte alles durcheinander bringen.

Auch in dieser Hinsicht hat die Kundin den Ort ihrer Hustenattacke gut ausgewählt: Supermärkte sind geschlossene Räume, in denen sich der Husten nicht zu verflüchtigen droht. Die Aussichten, dass der Virus in hinreichender Konzentration bleibt und wirkt, stehen hier gut. Schließlich sind Masken das Emblem des Versuchs, winzige, private Räume herzustellen: Räume vor dem Mund jedes Einzelnen. Doch da nicht genug Masken zur Verfügung stehen und nur Pflegepersonal und als krank Erkannte in ihren Genuss kommen, ist die einzige Maske, die die Normalbürger tragen können, eine unsichtbare: die eines Atems, der den Atem anhält. Zumindest so weit das möglich ist. Wir halten den Atem an, weil wir nicht wissen, was kommt. Oder weil wir wissen, was kommen könnte. (Das ist das Gleiche.) Wir tun, was wir können, nämlich: uns so sehr wie möglich zurückzuhalten. Vor allen Dingen aber: unseren Atem zurückzuhalten.

Wenn nun eine Person wie die Kundin glaubt, sie sei Kundin und damit Königin und ihr sei folglich alles erlaubt – auch dieses: ein ungehemmtes, wildes, aggressives Sich-Ausatmen –, dann kündigt sie den Pakt der Selbstbescheidung auf, den die Mehrheit der Bevölkerung zumindest einzuhalten versucht. Dann setzt sie ihren Atem absolut.

In gewisser Weise ist das eine typische Konsumhaltung. Die Kundin konsumiert die Luft, so wie es ihr gefällt. Sie zieht sie ein, ungefiltert, und, wichtiger noch: sie stößt den Atem auch wieder aus, unbeschadet von einem Nachdenken über die Frage, ob sie nicht auch sich selbst Einschränkungen und Schranken auferlegen sollte. Aber sie hält den Atem nicht an. Sie verweist darauf, dass das Atemanhalten nur wenige Sekunden andauern kann. Dabei könnte das Atemanhalten zu einer gesamten, neuen Lebenshaltung werden. Nichts wegschleudern (und zwar weil man die anderen mit betreffen könnte). Zeitgleich eine Form radikaler Selbstbescheidung. Selbst die Luft ist kostbar geworden. Selbst durch die Luft sind wir mit den anderen Menschen verbunden, einen einzigen, großen Körper bildend, der nur so lange harm-los (hier im Sinne von »unbeschadet«) zu bleiben vermag, wie der Sinn des Wortes »Harmlosigkeit« – »unberührt von kummer, mit innerem frieden, ruhig, heiter« (Grimm’sches Wörterbuch) – von allen respektiert wird. Als eine Utopie. Aber Konsum ist anti-utopisch. Und Luftkonsum, der die eigenen Abfälle – das Produkt kranken und krankmachenden Ausatmens – den anderen zumutet, ein Angriff auf’s Leben.

Die Gefahr, dass auf die Verharmlosung, gegen die ich hier anzuerzählen versuchte, der »Harm« im großen Stil folgen wird, existiert. Schon jetzt hat man – weil Atem unsichtbar, mithin schwer fassbar ist – Angst vor der allzu großen Nähe des anderen. Aber diese Angst ist ja auch eine Form, den anderen zu respektieren. Sie kann in zwei Richtungen wirken: Man will selbst nicht krank werden. Und man will auch den anderen nicht krank machen. Man versucht zumindest, sich als möglicher »Täter« zu sehen – um es nicht zu werden. Man versucht, die eigenen Verhaltensweisen den Intentionen anzupassen, ihnen das Maß zu nehmen: Man atmet so selbstbezogen wie möglich, doch nicht als Zeichen von Egoismus, sondern im Gegenteil, so das Paradox, als Rücksichtnahme auf den anderen. Erneut: neue Formen der »Entselbstverständlichung« als kleiner Versuch, sich selbst und mit ihr die Welt verständlich zu halten.

Die Hustenattacke im Supermarkt hingegen ist das Gegenteil: Sie ist eine Form unerfüllter Todessehnsucht, in die man den anderen, der einen bedient – die Kassiererin – hineinzieht. Die untergeordnete Position der Frau, die da an der Kasse saß, mag zur Angriffslust beigetragen haben. Die Kassiererin war eh nicht viel wert. Das ließ sich ja schon aus dem hohen Grad an Gefährdung ablesen, der sie vor der eigentlichen Attacke ausgesetzt gewesen war, nämlich: ausgesetzt sitzend vor ihrer Kundschaft. Dass jemand, der Kunden bedient, aber sich selbst nicht einfach bedienen darf oder gar bedienen lassen darf, plötzlich die Kunde (d.h. Botschaft) verbreitet, sie selbst habe Rechte – hier auf atembare Luft –, erschien der Kundin als nicht tolerierbar. Einen Polizisten hätte sie vermutlich nicht angegriffen. Der wäre zu stark gewesen. Doch die Kassiererin schien kein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft zu sein und hatte folglich kein Anrecht auf die Allmende. Insofern ist in ihrer Person die Luft aller angegriffen worden, und ist sie ein Teil der Gemeinschaft, die wir verteidigen sollten. »Harmlosigkeit« bedeutet: »unberührt von kummer, mit innerem frieden, ruhig, heiter«. Auch und gerade in Zeiten größter Unruhe.

(Zur Vermeidung von Missverständnissen:
Die Szene hat sich wirklich abgespielt.)

Corona 11: Zuschrift aus Leipzig

von F.H.

20.03.
Heute ist Hölderlins Geburtstag. B. schickte ein Gedicht, via E-Mail (alles andere wäre auch fast unvorstellbar).
Beim Lesen merke ich erneut, wie sehr ich den Bildschirm verabscheue und zugleich doch darauf angewiesen bin. Das ultimative Bereitschaftsgerät ist nun wirklich die Lebenszelle, mit der die Verbindung zur Welt gehalten wird, auch wenn diese Verbindung eine Illusion ist: Mittel der Zwangsintegration aller in den unabänderlichen Lauf der Dinge. Das digitale Interface ist das Instrument, unter dessen opaker Oberfläche sich die Abgründe auftun, das Vielzuviele, das mich in Beschlag nimmt. Nichts gibt mir so sehr das Gefühl von Knechtschaft wie diese Maschine, Realsymbol dafür, daß die Maschinerie weiterlaufen muß (und die mich zur Entschädigung mit Bildern versorgt von Dingen, die nicht da sind).

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

Den 24. März 1671
Mit Untertänigkeit
Scardanelli.


 

Auszeit – eher Aus ohne Zeit. Die üblichen Taktungen, die atemlos gefangen hielten, sind weggebrochen. Dafür werden andere nötig, vor allem, wenn auch noch Kinder zu betreuen sind, deren Schulaufgaben administriert und kontrolliert werden müssen (Überwachen als Strafe) und außerdem die eigene Arbeit (oder was man dafür hält) unerbittlich weiter zur Arbeit ruft: der Betrieb muß ja, so gut es nur geht, am Laufen gehalten werden, selbst dann, wenn es objektiv Leerlauf ist. So fest hat uns der Zwang im Griff, daß nichts zu tun in einer Zeit, da nun einmal tatsächlich Zeit dafür sein könnte, um so mehr als unverzeihliche Sünde erscheint.

Corona 10: Notizen aus München, März 2020

von Jenny Willner

Vor knapp zwei Wochen
Damals betrat ich noch öffentliche Verkehrsmittel

In der S-Bahn erklärt ein junger uniformierter Bundeswehrsoldat mit kindlichem Gesicht seiner Freundin, dass diese ganze Panikmache auf Lügen beruhe. Wie mir erst später klar werden sollte, fasst er die Behauptungen des verschwörungstheoretischen Lungenarztes Dr. Wolfgang Wodarg zusammen. Er lächelt überlegen, während er sich kopfschüttelnd auf „die Politik“ und deren wahre Interessen bezieht.


Vor drei Tagen
In der ersten Woche mit home schooling und home office

Um 6:30 früh stellen wir fest, dass das Abflussventil des Küchenspülbeckens während der Nacht bei laufender Spülmaschine abgebrochen ist. Dreckswasser überall, der Futterplatz der Katzen ist auch betroffen und sie haben ihre Verwirrung oder Verzweiflung darüber gegen eine größere Zimmerpflanze im Nebenraum ausagiert: den Keramiktopf umgekippt, die Wurzeln zerrissen und die gesamte Erde rausgebuddelt und meterweit verteilt. In der überschwemmten Küche rempeln sich die beiden Erwachsenen gegenseitig bei ihren Schadensminimierungsbemühungen an, der Tonfall wird immer gereizter. Das Kind beschimpft die Katzen und verlangt lauthals, man möge sich noch vor dem ersten Kaffee um die „arme Pflanze“ kümmern. Um das Wasser vom Küchenboden aufzusaugen, brauchen wir mehr Zeitungen, wir müssen sie aus der Papiermülltonne draußen holen. Im Nachbarhaus befindet sich ein Vertriebenenverband. Um 6:30 ist der Küchenboden von einer Mischung aus Abwasser und Sudetendeutscher Zeitung bedeckt.


Am gleichen Tag gegen Mittag
Damals verbrachten wir noch Zeit mit den Nachbarn nebenan

Unser Kind, das Nachbarskind und ich gehen ans Flussufer. Zehn Meter Abstand zu anderen Kleinstgruppen. Keine Corona-Parties. Dafür geht eine ältere obdachlose Frau ca. drei Meter von uns entfernt ans Wasser. Sie ist verwahrlost, riecht über mehrere Meter scharf nach Urin. Die Sonne scheint, die beiden Kinder haben eine tote Krähe gefunden und betrauert, jetzt klettern sie auf einem Baum. Die Frau steht mit dem Rücken zu mir und zieht sich nach und nach die wärmeren Kleidungsstücke aus. Die Schuhe, die Winterhose, den Mantel. Ich denke an die Lage der Obdachlosenunterkünfte, an die eingeschränkten Möglichkeiten, an sanitäre Anlagen heranzukommen. Sie kauert am Fluss, die Haarspitzen berühren das Wasser, sie wäscht ihr Gesicht. Danach fängt sie an, sich mit Kot zu beschmieren, holt sich immer wieder eine Handvoll aus der Hose, bewundert die Masse, hält ganze Klumpen hoch, schmiert ihr Gesicht damit ein, mischt es ins Flusswasser, taucht die Hände in die Mischung ein, das Gesicht, die Haare, schaut in die Sonne, aufs glitzernde Wasser. Sie ist ganz bei sich, lebt irgendeine abgründige Wonne aus. Den Geruch vergesse ich später schnell, der Schock legt sich, aber das Bild werde ich nicht los.


Am Nachmittag des gleichen Tages

Wir kehren vom Ausflug zurück, es gibt gute Nachrichten: Der Klempner ist da. Er hat das kaputte Abflussrohr in der Küche ersetzt und kümmert sich auch noch um einen tropfenden Hahn im Badezimmer. Er wirkt unglaublich sympathisch, wir sind ihm so dankbar und plaudern eine Weile. Gleich vorm Abschied verrät er uns aber seine Theorie über die Corona-Krise: Hier werde alles lahmgelegt, nur damit „die Politiker“ jetzt heimlich, bei leeren Flughäfen „ganze Rosinenbomber voller Asylanten, so richtig von der schlimmsten Sorte“, hierher verfrachten können. Davon wüsste die Bekannte einer Bekannten zu berichten, die am Flughafen arbeitet.


Am Abend des gleichen Tages

Es kursieren Videoaufnahmen aus Bergamo. Die Krematorien dort sind überfüllt, ein Konvoi von rund 30 Militärfahrzeugen fährt spät abends durch das Stadtzentrum, Totentransporte. Innerhalb von gut zwei Wochen sei hier eine ganze Generation gestorben, wird später der Präsident des größten Bestattungsunternehmens der Region zitiert. Scrolle durch mein Newsfeed. Jemand hat ein Video gepostet, von Anthony Hopkins aus seiner Selbstisolation hochgeladen. Er spielt seiner Katze eine Moll-Sonate auf dem Klavier vor, ganz langsam, gestisch, wie im Takt des Atems. Ich wusste nicht, dass er schon so alt ist. Das Lächeln, das er der Katze auf seinem Schoß schenkt, wenn sie zu ihm schaut.


Heute, der 21. März 2020

Um Mitternacht traten die Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Ich räume den Balkon auf. Ob da wohl das Kinderzelt hinpassen würde. Polizeiwagen fahren mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen. Es regnet.

Corona 9: Parallelwelten

Krisen sind Beschleunigungmaschinen. Sie setzen mit explosionsartiger Geschwindigkeit Parallelwelten frei. Man sollte die erst einmal nebeneinander stehen lassen. Es ist richtig, dass der Ausnahmezustand, der sich mehr und mehr anbahnt, dazu genutzt werden könnte, Szenarien für ernstere Ernstfälle durchzuspielen und den Abbau demokratischer Rechte zu erproben. Aber handelt es sich deswegen um eine Verschwörung, einen Plan von wem auch immer? Ganz offenbar ist das System gerade Subjekt geworden und steuert das Handeln der Menschen, dirigiert ihren Affekt- und Vernunfthaushalt. Und da treten kollektive Selbstzerstörungsbedürfnisse ebenso zutage wie robuste Strukturen, die wir fast schon vergessen hatten und die dem widerstehen. Von beidem bleibt niemand verschont, alles geht durch uns durch. Einerseits Abbau demokratischer Rechte im Namen einer Epidemie, deren Verlauf schwer abzuschätzen ist. Andererseits Verzicht auf vielleicht liebgewordene, aber rotzüberflüssige Konsumgewohnheiten und ein Sozialverhalten, das auf den Müllberg der Geschichte gehört. Hamsterkäufe und Kampf um den Platz bei dm; zugleich neue Formen selbstorganisierter Fernsten- und Nächstenliebe, die nun ausprobiert werden und von denen man hofft, dass sie sich auch in der Zeit nach der Krise, vor der nächsten, bewähren. Es hat diese zwei Seiten, mindestens. Der Klimawandel ist gerade vom Tisch. Diese quälend langwierige Gattungskatastrophe, in der wir uns bewegen, ist für den Moment aus dem Gesichtskreis der Öffentlichkeit verschwunden und hat der fasslicheren und insgesamt handhabbar erscheinenden Epidemie Platz gemacht, angesichts derer die Politiker demonstrieren können, dass sie, after all, doch zu was nutze sind. Wie praktisch! Andererseits bietet genau das auch eine Chance, das so dringend notwendige Gattungsbewusstsein zu erlernen. Wo überschneiden sich individueller Körper und Gesellschaft breiter und wirksamer als während einer Epidemie? Biopolitik ist nicht nur eine Verfügung von oben, sie kann auch von unten kommen. Einerseits werden wir Zeugen einer egoistischen und zugleich selbstzerstörerischen Unvernunft, die als nackter Wesenskern der gegenwärtigen Gesellschaftsform vor Augen tritt. Andererseits tun so viele Menschen genau das Gegenteil. Manchmal denke ich, dass nun der brutale Klassencharakter genau dieser Gesellschaft heraus getrieben wird – vieles wird auf dem Rücken der einkommensschwachen Bevölkerungsteile ausgetragen, die die für selbstverständlich gehaltene Grundversorgung aufrechterhalten. Dann aber sehe ich sie in ihren Kleingärten sitzen wie eh und je, und denke: nein, gerade sie können auf solidere Lebensverhältnisse zurückgreifen als so manche, die in gut bezahlten Homeoffice allmählich den Lagerkoller kriegen. Vor oder hinter die Klassenverhältnisse schiebt sich das Verhältnis von Stadt und Land, Ost und West, Nord und Süd. Sie alle verlangen nach neuer Bewertung. Ist das, worüber man sich als Untertanengeist der Deutschen gerne lustig machte, jetzt nicht vielleicht das Richtige, das eine landesweite Ausgangssperre verhindern könnte? Vernunft und Widersinn, praktische Klugheit und blinder Irrationalismus liegen dicht beieinander und sind nicht voneinander zu unterscheiden. Kultur fällt gerade aus. Heißt das, dass sie insgesamt in schweren Zeiten entbehrlich ist oder lehrt es uns, etwas an ihr zu schätzen, das uns aufrechterhält auch und gerade dann, wenn es ums Leben geht? Balkonsingen, Hausmusik? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, aber es scheint mir wichtig, sie zu stellen. Krisen sind Beschleunigungsmaschinen, die uns als souveräne Subjekte entmächtigen. Aus dem heißen, rasend rotierenden Zentrum fliegen Brocken heraus: neue Formen der Kollektivität, böse und gute; Möglichkeiten jedenfalls, die uns versperrt schienen. Für sie den Sinn zu schärfen, ist im Moment die wichtigste Aufgabe.

Corona 8: Im Supermarkt

von Anne Peiter, Réunion

Wenn ich denn in den Supermarkt ginge (doch ich gehe nicht in den Supermarkt), würde ich die Kassiererinnen beobachten. Die Kassiererinnen nämlich gehen in den Supermarkt, weil sie Kassiererinnen des Supermarkts sind und nicht die Wahl haben, nicht in den Supermarkt zu gehen. Wenn sie nicht in den Supermarkt gingen und damit meinem Beispiel folgten, würde der Supermarkt nicht öffnen können und würde sich meine Entscheidung, nicht in den Supermarkt zu gehen, von Grund auf ändern.

Denn es ist natürlich so, dass ich nur vorerst nicht in den Supermarkt gehe, es über kurz oder lang aber doch tun werde, weil ich sonst nichts mehr zu essen haben würde. Ich gehe also davon aus, dass die Kassiererinnen des Supermarktes keine Wahl haben und tagtäglich in den Supermarkt gehen werden, damit ich, wenn ich in Zukunft nicht mehr die Wahl habe und in den Supermarkt werde gehen müssen – gehen müssen, doch beileibe nicht täglich oder gar tagtäglich! – offene Türen und genug Nahrung vorfinde, um in der darauffolgenden Zeit erneut nicht mehr in den Supermarkt zu gehen (ich hätte wieder genug zu essen, um vorerst nicht mehr in den Supermarkt zu gehen).

Gesetzt nun aber den Fall, dass wirklich wird, was bisher nur in Konjunktiven in Erscheinung tritt – nämlich dass sich die Kassiererinnen weigern, weiterhin in den Supermarkt zu gehen –, dann wäre plötzlich die ganze Sicherheit, von der meine Entscheidung abhängt, vorerst nicht in den Supermarkt zu gehen, futsch, und ich würde teilhaben an der Unsicherheit, die die Kassiererinnen des Supermarktes schon jetzt empfinden. Die Angst wäre eine doppelte: Ich würde Supermärkte weiterhin vermeiden wollen, weil sie potentiell Orte der Ansteckung sind, aber ich würde plötzlich auch Angst davor haben, dass es diese Orte der Ansteckung nicht mehr gibt, weil das Problem, dass es nichts mehr zu essen gibt, sich in den Vordergrund und damit gar vor die Angst vor einer möglichen Ansteckung im Supermarkt schieben würde.

Damit ist aber beileibe nicht gesagt, dass diese meine dann vorherrschende Angst auch auf Seiten der Kassiererinnen die vorherrschende wäre. Vielleicht wäre (und ist) bei ihnen die Angst vor einer möglichen Ansteckung im Supermarkt schon jetzt die vorherrschende, nur dass sie sich dem kollektiven Vorherrschen der anderen Angst – nämlich nichts mehr zu essen zu haben – bisher unterordnen, d.h. ihre eigene Angst hinter der der anderen rangieren lassen.

Dieses Sich-selbst-Zurückstellen ist kein Altruismus, ist kein Heroismus. Sie ist eine Notwendigkeit. Denn wenn die Kassiererinnen meinem Beispiel folgten und nicht mehr in den Supermarkt gingen, würden sie nicht mehr bezahlt werden und hätten sie Schwierigkeiten, in den Supermarkt zu gehen, um sich etwas zum Essen zu kaufen. So sitzen sie also tagaus, tagein an der Kasse und sehen das Essen derjenigen an sich vorbeiziehen, die wie ich zwar in den Supermarkt gehen müssen, um etwas zum Essen zu haben, nicht aber im Supermarkt bleiben müssen, tagaus und tagein, um etwas zum Essen zu haben.

Notwendigkeiten treten auseinander. Zwar sind wir als Menschen alle durch die Notwendigkeit miteinander verbunden, etwas essen zu müssen (und zwar tagtäglich), doch die Notwendigkeit der Kassiererinnen, zum Supermarkt zu gehen, rührt eigentlich nur von den Notwendigkeiten her, die die Meinen (und die der Meinen) sind. Noch ist es so, dass meine und der Meinen Notwendigkeiten die Notwendigkeit auf Seiten der Kassiererinnen erzwingen, in den Supermarkt zu gehen (und dort zu bleiben). Doch über kurz oder lang ist es nicht undenkbar, dass die Angst der Kassiererinnen vor mir und den Meinen und den Vielen, die ihre Ansteckungsgefahr wie auf dem Laufband der Kasse erhöhen, umkippt in ihre Entscheidung, neue Notwendigkeiten zu setzen und mich und die Meinen und die Vielen vor eine Situation zu stellen, in der wir die Notwendigkeit, etwas zum Essen zu haben, ganz neu anblicken müssen.

Denn wenn wir ehrlich sein wollen, wirklich ehrlich vor der Wirklichkeit, der noch potentiellen und doch schon vorhandenen, dann müssen wir zugeben, dass wir noch nie die Notwendigkeit haben Wirklichkeit werden sehen, dass man etwas zum Essen haben muss. Die Notwendigkeit war immer hinter der Wirklichkeit verborgen, dass wir etwas zu essen hatten und nichts zum Essen zu brauchen schienen, weil die Supermärkte ohnehin offen waren und tagtäglich den Einkauf ermöglichten. Die Gefahr der Ansteckung öffnet den Blick für die Möglichkeit, dass die Tore der Supermärkte nicht immer offen stehen werden und wir, die wir keine Kassiererinnen sind, nicht genug zum Essen haben könnten, darin ihnen plötzlich gleichend. Das Laufband stünde still, der Gedanke an Möglichkeiten käme in Gang. Stille als Bewegung, Hunger als Entdeckung des Essens, der Supermarkt als Zentrum des Marktes der Ängste, die mit der Notwendigkeit, zu essen, spekuliert.

Corona 7: „Keep your distance!“

Artur Schopenhauer: Die Stachelschweine

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: Keep your distance! (Wahren Sie den Abstand!) – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.“

Es folgt dann noch der typische, sicher auf Schopenhauer selbst bezogene Schluss-Satz, der die Sache verdirbt: „Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“ Naja. Ob das ein Ergebnis großer innerer Wärme ist, oder ob diese nicht umgekehrt behauptet wird, um sich für die Zwangskälte, in die man geraten ist, zu entschädigen? Kein Thema hier.

Zu überlegen wäre, ob die Corona-Parties bei aller trotzigen Unverantwortlichkeit nicht auch durch ein regressives Wärmebedürfnis, einen Herdentrieb ausgelöst werden, die in der Krise akut sind. Wenn sie Angst haben, versammeln sich Menschen. Und eher vielleicht noch diejenigen, deren Stacheln kurz sind. Die, zu deren Selbstbild es gehört, herauszustellen, wie individuell sie seien, sind es vielleicht gar nicht so sehr. Sie sind auf die Herde angewiesen, die es ihnen permanent bestätigt, oft, in hoher Frequenz. So ist das bei Jugendlichen, die ein Recht darauf haben, auch wenn das, was sie tun, falsch ist. Die Erwachsenen, die an ihm festhalten und sich in ängstlichem Trotz, gespielter Sorglosigkeit und aggressiver Coolness zusammenscharen, haben es nicht.

für den Hinweis auf die Parabel:
Danke an Bernhard Metz

Corona 6: „Seit“

„Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“.

Nicht seit der deutschen Einheit, und schon gar nicht seit dem zweiten Weltkrieg, aber immerhin, seitdem Frau Merkel dieses Satz in ihrer Fernsehansprache vom 18.3.2020 geäußert hat, grüble ich nach über die Bedeutung dieser Präposition. Es ist klar, sie meint den Zeitraum, der sich von einem bestimmten Zeitpunkt an bis zur Gegenwart erstreckt. Aber gehört jener Zeitpunkt noch dazu? Handelt es sich um eine inklusive oder eine exklusive Bestimmung? In der Mathematik schreibt man „>“ oder „≥“, „größer“ oder „größer-gleich“. Das sind zwei verschiedene Mengenbestimmungen. Die Sprache, denn auch das Grimmsche Wörterbuch versteht sich hier nicht zu einer eindeutigen Auskunft, ja scheint von der Fragestellung nicht einmal zu wissen, ist da weniger genau.

Proportional zu dieser präpositionalen Verschwommenheit wächst die historische. Denn es geht ja um nichts Geringeres als das historische Koordinatensystem, in das Merkel uns durch ihren Appell eintragen möchte. War der „zweite Weltkrieg“ die letzte vergleichbare „Herausforderung, bei der es so sehr auf unser solidarisches Handeln“ wie nun in der Corona-Krise ankam? Oder meinte die Kanzlerin damit die Nachkriegszeit, will uns also schon einmal auf eine Zeit des Wiederaufbaus einschwören will, des ökonomischen Heulens und Zähneklapperns und der Entbehrungen, die freilich auch zum Prüfstein für eine neue nationale Solidarität werden können sollen?

Hilft uns vielleicht die eigenartig inszenierte rhetorisch Stufung dieses Satzes bei der Entscheidung weiter? „Seit der Deutschen Einheit“, sagt sie, verbessert sich aber dann und fährt fort, unsere Situation mit den Weltkrieg, oder eben der Zeit des Aufbaus nach ihm, zu vergleichen. Was aber meint sie mit der deutschen Einheit? Der 3. Oktober 1990, der für sich genommen keine solidarische Anstrengung darstellte, sondern angeordnet wurde? Schwerlich. Sie meint den Prozess als ganzen, in dem die Bevölkerung gefordert war, sich solidarisch zu verhalten. Durch Bezahlung eines „Solidaritäts­zuschlags“, der de facto ein Solidaritätsabschlag war? Er wurde jedenfalls von allen bezahlt, was ja ein wichtiges Kriterium für die gesamtnationale Solidarität wäre, die Frau Merkel jetzt vorschwebt. Aber der Westen zahlte für den Osten, der Osten für sich selbst. Also irgendwie eine schiefe Sache. Was meint sie? Die Abwicklung oder Übernahme ostdeutscher Betriebe, je nachdem, wie es besser ins ökonomische Konzept der in den wilden Osten expandierenden Marktwirtschaft passte? Angesichts solcher Solidaritätsverlautbarungen ließ es der Osten, wie bekannt, an der rechten Dankbarkeit fehlen, was umgekehrt die Bereitschaft zu solidarischem Handeln jenseits des fiskalischen Datums auf dem Lohnzettel nicht gerade erhöhte.

Die deutsche Einheit ein Musterbeispiel für Solidarität? Aber das sagt sie ja gar nicht! Die Einheit, so sagt sie vielmehr, ist ein Musterbeispiel für die „Herausforderung“ einer Solidarität, nicht für die Lösung, sondern die Aufgabe. Und dies ja um so dringlicher, weil diese Solidarität vielerorts ausgeblieben ist. Ah ja. Schwamm drüber. So genau möchte sie uns vielleicht auch nicht daran erinnern.

Also ist die deutsche Einheit nur ein rhetorisches Sprungbrett zum nächsten und entscheidenden historischen Datum. Sie ist die mit bescheidenem Pathos in Szene gesetzte persönliche Reminiszenz der ostdeutschen Kanzlerin, die ihr in einem Zug Glaubwürdigkeit verleiht und zu verstehen gibt, dass man in dieser nationalen Ausnahmesituationen kein Ost und West mehr kennen sollte, „sondern nur noch Deutsche“. Der historische Horizont erweitert sich und in erbärmlicher Riesengröße wird hinter der Kanzlerin der Schattenriss nicht bloß des zweiten Weltkriegs sondern des zweiten Wilhelm sichtbar. Denn auch dies wird durch das flüssige Antippen und Verlassen der deutschen Einheit als ungenügend erfüllte Solidaritätsforderung sichtbar: dass diese Konflikte nun wenigstens im Zeichen höherer Krisen, die uns in anderer Weise einen, zu schweigen haben und als erledigt zu betrachten sind.

Die höchste Krise aber ist der Krieg. Obwohl sie so anders ist als die Macrons und Trumps, ja obwohl ich ihr Auftreten an vielen anderen Stellen dieser Rede sogar sympathisch fand: Letztlich reiht sich auch Angela Merkel in die Kriegsrhetorik ein, die von den Autoritären ertönt, um uns den Abbau demokratischer Rechte wenn nicht schmackhaft, so doch plausibel zu machen. Nur eben auf ihre Weise: sanfter, undeutlicher, ja sogar ein wenig zu Herzen gehend, appellierend an die in Deutschland besonders prächtig entwickelte seelische Zone, in der sich vernünftiger Einklang mit dem Gesellschaftsganzen und Untertanengeist nicht so recht auseinanderhalten lassen.

Ein historisches Datum freilich fehlt, das nämlich, mit dem sie es vor einigen Jahren zu notorischer Berühmtheit in Sachen Solidarität gebracht hat: die Flüchtlingskrise. „Wir schaffen das!“ Bloß nicht! Ihr letzter großer Appell an Solidarität auf Deutsch war auf die Länge der Zeit ein Rohrkrepierer. Da muss man schon weiter zurückgehen, tiefer in den nationalen Hausschatz greifen, um sein Ziel zu erreichen. Und da haben wir ja einiges. Dass das „seit“ so unscharf adressiert, ist dabei eine Hilfe. Denn im Zweifel hat mans nicht so gemeint.

Corona 5: Die Apokalypse und du

Filme für den inneren Ausnahmezustand – Lektüre für die Zeit nach dem Stromausfall

von Dominic Angeloch

Eine Freundin schickte mir eine Liste mit Filmen zur Pandemie und verwandten Thematiken, Seuchen- und Katastrophenfilme bis hin zu Postapokalypse-Szenarien, die man während Quarantäne und Ausgangssperre bingen könne:

https://www.vulture.com/2020/03/best-pandemic-movies-on-netflix-hulu-prime-and-more.html

Abgesehen davon, daß Filmen, die das zeigen, was sich in einer ähnlichen Form vor den eigenen Fenstern abspielt, in Krisenzeiten vielleicht nicht der größte Unterhaltungswert zukommt, fällt auf, daß einer der besten Filme der letzten zehn Jahre, zum Thema und überhaupt, fehlt:

https://www.rottentomatoes.com/m/take_shelter

Daß er fehlt, ist kein Wunder. Take Shelter nämlich läßt uns in das mind set eines sich innerlich längst in Quarantäne Befindlichen gleiten. Der Film tut das, ohne den Protagonisten – in allen Ambivalenzen und unsichtbaren Konflikten meisterhaft gegeben von Michael Shannon – als Hysteriker oder geradewegs Verrückten bloßzustellen. Und zugleich entwickelt der Film subtil eine Perspektive zur Kritik des dargestellten mind sets.

So zumindest ein Verständnis unter vielen anderen möglichen – man kann den Film, zumal eingedenk des Endes, auch ganz anders auslegen; sicherstes Kennzeichen eines Kunstwerks ist seine Interpretationsoffenheit.

Ein klassischer Katastrophenfilm oder die Updatevariante mit über die Boulevards hetzenden Infizierten aller Art hingegen bietet selten Aufklärung, weder über äußere noch über innere Dinge. Aufklärung liegt einfach nicht in der Genetik dieses Erzählens: Ob der Held schließlich den grünen oder den blauen Draht durchschneidet, hat für den Suspense viel Bedeutung, im Alltag gar keine.

Das eigentliche Problem jener Filmliste aber liegt woanders. Die Ersteller scheinen Wert darauf gelegt zu haben, Filme auszusuchen, die die jetzt zum Ausbruch kommende Angst in der einen oder anderen Form vorweggenommen haben, bestätigen und / oder verdoppeln. Die Filme, die derlei Panik kritisch zu verhandeln und / oder, explizit oder implizit, durch ihre Erzählform, in Frage zu stellen helfen, sind, soweit überhaupt vorhanden, in der Minderzahl.

Wir leben ohnedies in einem Dickicht von Metaphern, von denen wir vergessen haben oder nie herausbekommen haben, worauf sie eigentlich gehen; statt für Metaphern halten wir sie für natürliche Gegenstände. Die allergrößte Angst der meisten geht auf die Unübersichtlichkeit und Unkontrollierbarkeit und das Fremde der Welt. Was in solchen Zeiten und mit einem solchen mind set floriert, sind identitäre Konzepte, ob sie nun einen „rechten“ oder einen „linksprogressiven“ Gedankenwarenmarker tragen. Der permanente Ausnahmezustand ist immer erst ein innerer.

Und jetzt trägt diese Angst mit einem medizinischen Begriff plötzlich einen – scheinbar – sehr konkreten Namen. Der Feind ist zwar immer noch unsichtbar. Aber die Virologen können ihn unter dem Mikroskop ausmachen, alle anderen können ihn dem Vernehmen nach wegschrubben, vorausgesetzt freilich, man ist nicht zu alt oder zu krank, zu arm oder zu uninformiert, um noch eine Flasche Desinfektionsmittel ergattert zu haben.

Bei alldem scheinen viele wie nebenbei erst jetzt zu entdecken, daß wir alle in einem gesellschaftlichen Zusammenhang leben, aus dem man sich auch mit noch so viel Geld, Verleugnungen, Ignoranz oder Aggressivität nicht ausklinken kann. Man kann sich nicht außerhalb von etwas stellen, wovon man Teil ist.

Genau darauf aber schien die ganz normale Lebenspraxis der meisten zu zielen: Sie bewegten sich, als gäbe es niemanden um sie herum, und in den Urlaub in die thailändische oder phillipinische Gated Community flog man, um zu erfahren, daß es zuhause eben doch am schönsten ist.

Dort, in den Reihenhauskellern, lagern jetzt Klopapiermaxipackungen und Serbischer Bohneneintopf für die nächsten zwei Jahre. So gepreppert, verrammelt man sich und lugt mit verkniffenen Gesichtern hinter den Gardinen auf die Straße, nach „da draußen“, wo dem Gefühl nach ohnehin irgendwie schon jeden Tag so etwas wie eine Zombie-Apokalypse zu erwarten stand. Der beispiellose staatliche Einzug der individuellen Freiheiten und der Shutdown des gesamten öffentlichen Lebens wird hingenommen, als handelte es sich um das Allerselbstverständlichste. Wozu sich als verbunden begreifen, warum sich verbinden, wenn der Nächste einen eh nur infiziert?

Doch in der Enge zuhause ist vielleicht etwas zu entdecken, das noch vor wenigen Wochen auf kaum einer Agenda stand und von dem die Metaphern, die die Endzeitfilme entwickeln, meist nur verdeckt, kryptisch erzählen: Irgendwie befindet sich das Reihenhaus doch auf der Welt. Irgendwie gehört man doch der Menschengattung an. Und wenn das Gemeinwesen fast restlos das öffentliche und das individuelle Leben bestimmt, kommt unweigerlich die Frage nach der vernünftigen Einrichtung dieses Gemeinwesens auf.

Wie bei der Atomangst in den 1980ern setzt jetzt der Virus das Undenkbare auf die Tagesordnung. Man kann es, wie die Filme auf der eingangs zitierten Liste, als Tod und Verderben in allen Variationen ausmalen. Doch nach den ersten Schrecken wird die totale Vernichtung öde. Und der wirkliche Reiz der Zombiefilme besteht nicht darin, dem Tod ins Gesicht zu schauen, sondern sich auszumalen, was man mit der vormals enteigneten Welt, all den Waren, die in der Katastrophe plötzlich wieder zu Dingen werden, anfangen mag.

Um das denken zu helfen, seien folgende Büchlein zur Lektüre empfohlen:

    • Christoph Martin Wieland: Koxkox und Kikequetzel. Eine mexikanische Geschichte, Nördlingen 1985 (1770).

    • Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten, Stuttgart 2003 (1780).

    • Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk, Frankfurt/M. 1968 (1778).

    • Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784). In: Werkausgabe in 12 Bänden, Bd. XI/1: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik, Frankfurt/M. 2000.

    • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Stuttgart 2006 (1789).

    • Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Stuttgart 2008 (1795).

Die Bücher sind allesamt in günstigen Ausgaben erhältlich. Im World Wide Web sind sie, bis zum Stromausfall, gratis abzurufen.

Dominic Angeloch, Frankfurt am Main (18.3.2020)

 

Corona 4: [Naphta} Münchener Impressionen vor der Pest

Sebastian Schuller, ehemaliger Student aus München, der gerade seine Diss über »Literatur als Arbeit« abgeschlossen hat, hat am selben Tag wie ich einen Blog zu Corona eröffnet. Wir haben beschlossen, Texte auszutauschen.

Sein Blog findet sich auf der Seite https://decamerone2020.blogspot.com/

Und hier der erste Text:


Am Montag den 16. 3. hatte ich unaufschiebbare Besorgungen in der Stadt in aller Frühe zu erledigen. Mit mulmigem Gefühl und gegen meine Überzeugungen – ich unterstütze #staythefuckhome – ging ich also in aller Frühe los, durch eine Stadt im Frühling und am Rande der Katastrophe.
Dies sind ungeordnete Impressionen dieses Erlebnisses vom Montag, kurz bevor die Pest ausbricht.

Ich ging zuerst in eine kleine Bäckerei in dem kleinbürgerlichen Viertel, in dem ich wohne. Draußen huschen Gestalten in Jack Wolfskin Jacke und Atemmaske vorbei. Innen läuft Bayern 1. Ich bin der einzige Gast. An der Theke steht ein muskulöser, junger Mann und schaut versonnen ins Nichts.
Nach einiger Zeit – ich trinke Kaffee und esse meine Breze- setzt sich der Kerl zu mir, unvermittelt.
„Störts Sie“
„Passt schon“
„Geh, stellns eana vor: Bin I gestern im Stripclub gwen.“
„Ach was.“
„Ja. Und da war I da oanzige. Und dann hat de Stripperin as Danzn aufgheard und se zu mia ghockt. Und mia vo ihre Familie erzählt. Und dass Angst hod. So was is ma a no nia pasiert.“
„Ach was“
„Ja. Und etz gfrei I mi auf de Pressekonferenz vom Söder. Weil hoffentlich kann I dann zusperren. I mog nämlich ned arbeiten. Wissens, eigentlich soid ma etz alle aufhearn zum arbeiten. Streik. Des brauchat ma.“
„Ach was“
„Ja, schon, gell. Na, zammhoitn mias ma. Scheiß Politiker.“

Mein Weg führte mich weiter, Richtung und durch Schwabing. Ein Optiker führte in seinem ausladenden Schaufenster ein Schaufensterpuppe mit Sombrero und Corona-Bier in der Hand. Vermutlich eine gute Strategie, Uni-Hipster anzulocken, vor der Seuche Brillen zu kaufen. Indes: Wer kauft denn vor der Seuche noch Brillen? Und wer ist so geschmacklos, solche ironischen Ausfälle gut zu finden?
Der Laden ist menschenleer.

Die Cafés indes sind es nicht.
Ein munteres Völkchen tummelt sich hier. Nassehi, ein Professor der Uni, nannte diese Menschen einige Tage später Beispiele des autoritären Charakters. Im Wissen, dass die Seuche da ist, dass sie sie verbreiten, dass sie alte und Kranke gefährden, verändern sie ihr Verhalten nicht, denn sie reagieren nur auf Anweisung.Auf  Schließung und Quarantäne.
Einige Tage später lese ich von Coronaparties. Junge Leute, die bewusst feiern gehen, weil sie das Virus ja nicht beträfe, denen jede Maßnahme nur als Einschränkung ihres Genusses erscheint.
Dabei kommt mir das Bild jenes Morgens im Café wieder in den Sinn.
Nur: Was bei den Partygängern in Berlin noch den Ruch einer Transgression hat, ist hier bloße Trotzreaktion. Reiner Todestrieb.
Mir gegenüber hockt eine vierer Gruppe. Mittelalte Leute, so gekleidet, dass es gerade noch schick erscheinen könnte, aber trotzdem stillos bleibt. Mies geschnittene Jacketts vom H&M, Bijoou Brigitte Armband aus Kunstharz, Schuhe zum Schnäppchenpreis bei Zalando.
Kleinbürger durch und durch.
Grinsend trinken sie ihren Kaffee, und scherzen aggressiv über Corona.
Worte fallen, wie man sie erwarten kann. „Chinesische Fledermausseuche“ „Italienier sind ja eh unfähig“ „Wir sind nur hysterisch.“ Aber mit den Deutschen kann man es ja machen.“
Ein Mann beugt sich zu einer rothaarigen Frau herab: „Warst du nicht in Tirol, beim Skifahren?“
„Dann steck mich bloß nicht an! Ich hab Asthma“
Unerklärlicherweise brechen alle in berstendes Lachen aus.
Ist das hier noch Verleugnung der Gefahr? Oder schon Todestrieb?

Mir fällt auf, als ich meine Besorgung erledigt habe, dass es fast nur deutlich erkennbare Kleinbürger sind, Studenten, Unipersonal, kleine Angestellte, die durch die Straßen laufen. Die scherzen und lachen. In den Gesichtern der VerkäuferInnen und der wenigen Arbeiter -Bauarbeiter vor allem- die man in Schwabing sieht, steht Angst und Sorge.

Dieses Gefühl teile ich. Ein letztes Mal für Monate vielleicht treffe ich Freunde. Wir wünschen uns Glück und versprechen, dass wir uns gegenseitig beistehen werden.
Ein beklemmendes Gefühl.
Die Pest ist in München.

Corona 3: Auszeit

Natürlich hat alles zwei Seiten. Während die einen Sonderschichten fahren, bleiben die anderen verordnetermaßen zuhaus. In jedem Fall bekommt das Leben einen anderen Rhythmus. Familien sind im Guten wie Schlechten auf sich zurückgeworfen. Spannungen und Gewalt können ebenso zunehmen wie die glückliche Erfahrung weniger durchgetakteter Tagesabläufe. Wir lernen, man es ohne die Attraktionen des Konsums miteinander aushält. Wer alleine ist, hat überraschend viel Zeit. Womit sie füllen? Mit einem guten Buch oder einer Serie, die ich schon lange mal ohne lästige Unterbrechungen durchschauen wollte? Noch mehr als vorher verlagert sich unsere Kommunikation aufs Internet und die digitalen Kanäle, Nah- und Fernbeziehungen werden neu sortiert. Wir überlegen: was ist wichtig, worauf kommt es an? Klar, Essen Trinken, medizinische Versorgung. Aber wir beginnen uns endlich einmal vorzustellen, was alles nötig ist, um selbst das auf dem Niveau, an das wir uns gewöhnt haben, aufrechtzuerhalten. Wieviele Menschen, Maschinen, Energie, wieviel Arbeit und Arbeitskraft steht hinter einem einzigen Supermarktregal! Wir begreifen, dass unsere Kultur alles Mögliche ist, aber nicht robust. Ein barockes Gefühl: All das, was so festgemauert vor uns steht, bedarf unablässiger menschlicher Arbeit zu seiner Aufrechterhaltung. Aus den sichtbar gewordenen Lücken einer Welt, die wir unwillkürlich für vollautomatisierbar halten, blickt das müde Antlitz aller arbeitenden Menschen. Was, wenn es fortfällt? Dann sinkt alles leise in sich zusammen, wie die Welt in Eichs Termitentraum. Wir bekommen Achtung vor all denen, die immer weiter arbeiten und die auch so noch komplizierte Notgesellschaft in Bewegung halten: den Transport und die Verteilung von Lebensmitteln, die Netze von Strom, Wasser und den Daten, aus denen unsere Welt besteht. Nichts davon ist mehr selbstverständlich. Und das ist erst einmal gut so. Was ist wichtig, was ist überflüssig? Das fragen wir uns jeden Tag. Fast will es scheinen, als gewönnen wir für Momente den Blick zurück, auf den es gattungsgeschichtlich und völlig unabhängig von dieser Epidemie vor allem anderen ankommt: den Blick über den Tellerrand unserer Konsumgesellschaft, die nichts sieht als sie selbst und Anderes sich vorzustellen nicht mehr in der Lage zu sein scheint. Aber ja doch, das geht.

Aber der Preis ist hoch. Auch das stellen wir fest. Wir bewegen uns durch einen täglich dichter werdenden Wald von Notverordnungen. All das wird uns gegen unseren Willen von denen aufgezwungen, die die Vertretung des Gemeinwohls für sich beanspruchen. Die Demokratie wird ausgesetzt. Kultur? Quantité négligeable. Auch das hat zwei Seiten. Wir lernen: es gibt nicht bloß die Freiheit unbegrenzter Bedürfnisbefriedigung, sondern eine zweite, die durch Unterdrückung schmerzhaft sichtbar wird, eine Freiheit der Freiräume, die uns nicht oder nur schwer wegzunehmen sind. Diese Freiräume haben wir vergessen, wir haben sie inmitten der blendenden Warenwelt, die unserer Bedürfnisbefriedigung dient, aus den Blick verloren. Ich will keinem existenzialistischen Begriff der Freiheit das Wort reden, die noch unter der Folter und vielleicht erst recht unter ihr existiert. Freiheit, die nur als innere aufgefasst wird, ist Ideologie und Propaganda all diejenigen, die schon immer an der Abschaffung der wirklicher Freiheit interessiert waren. Daraus abzuleiten, dass die innere Freiheit überhaupt nicht existiert, ist freilich ebenso falsch. Es gibt diesem Vorbehalt, diese Reserve, die gerade unter der Bedrückung fühlbar wird: Freiheit zum Selbst diesseits der Bedürfnisse.

Bleiben wir ruhig, und lassen das Experiment auf uns wirken. Seien wir misstrauisch all denen gegenüber, denen an der Wirtschaft alles, an der Freiheit nichts gelegen ist! Achten wir auf die autoritären Bedürfnisse, denen die Pandemie als Mittel willkommen ist, um durchzugreifen und den Ausnahmezustand zu proben! Seien wir aufmerksam auf die Rhetorik des nackten Lebens, wo sie nicht am Platz ist! Sie könnte ein schlechtes Mittel zu schlechten Zweck sein. Achten wir auf die Witze! Sie war schon immer Gesten innerer Freiheit, die auf die äußere Anspruch erhob und ihre Verweigerung zum Gespött macht. Genießen wir die Schönheit des Moments in dem Bewusstsein, dass er jederzeit zu Ende sein kann! Auch das ist die Freiheit, die uns in der Auszeit zuwächst. Ein wenig Musik, staubiger Dunst über dem Waldrand, die Stimme meines fernen Freundes, ein einsames Auto im allgemeinen Stillstand …

Corona 2: Macrons Rhetorik des Krieges

Zur Rede vom 16. März 2020

von Anne Peiter

Eine Rhetorik des »Krieges« – da ist sie plötzlich! Auf Wikipedia findet man: »Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt, an dem planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind.« Die Viren! Was haben die mit Planmäßigkeit, Organisation, Waffen und Gewalt zu tun? Es entsteht doch eher der Eindruck, dass wir in einer gesättigten Gesellschaft leben, die seit Jahrzehnten keine Versorgungsschwierigkeiten erlebt hat, jetzt aber fast einen Krieg herbeiwünscht – als Form eines Austritts aus der Alltäglichkeit, in der Gewalt und Konflikt unterschwellig immer schon vorhanden sind, aber eben nie auf so erklärte Weise wie jetzt. Und Macron kann sich gerieren als der starke Mann, der gegen den Feind nun seinerseits planmäßig vorgeht, erhebliche Mittel einsetzt und damit zu einem Kriegsherren wird. Ein Kriegsherr aber, der nicht fürchten muss, durch einen Schuss getötet zu werden. Aber eine gewisse Heroik wächst ihm dennoch zu, einfach weil er eine Parallele behauptet und damit zu verstehen gibt, er (und wir) unterlägen einem kriegerischen Angriff. Die Möglichkeit, die Einheit der Nation zu beschwören, soll die internen Konflikte verdecken, wozu ja auch passt, dass die Rentenreform (erst mal) vom Tisch ist. Die gleichzeitige Militarisierung des Alltagslebens – man schickt Soldaten und Gendarmen auf die Straße, um den Gehorsam der Bevölkerung durchzusetzen – steht in einer Kontinuitätslinie zu der Militarisierung der letzten Jahre. Aber jetzt hat man, weil es ja gegen einen unsichtbaren, nicht menschlichen »Feind« geht, den Vorteil auf seiner Seite, zusätzliche Begründungen für diese Politik nicht liefern zu müssen. Die Gefahr besteht aber vielleicht darin, dass man vom Virus dann doch wieder zu einer Vermenschlichung des »Feindes« überkippt, denn wenn sich die ökonomischen Konsequenzen erst einmal in Sparmaßnahmen grössten Ausmasses niedergeschlagen haben werden (und also die Zeit gekommen ist, finanziell Opfer zu erbringen), dann wird die Suche nach den »Schuldigen«, denen wir diese Krankheit verdanken, quantitativ vielleicht noch weiter zunehmen. Dann begnügt man sich eben doch nicht mehr damit, dass eine Krankheit eine Krankheit ist, sondern dann wächst sich die gar zu lange schon bekannte Assoziation zwischen bestimmten Menschengruppen und der Krankheit aus zu neuen Rassismen und – in der Tat kriegerischer – Gegnerschaft.

Anne Peiter, Réunion

Corona 1: Aufruf

Nachdem dieser Blog eine ganze Zeit, hauptsächlich aus privaten Gründen, geruht hat, soll er nun wieder seine Arbeit aufnehmen; und zwar mit Kommentaren zur Corona-Krise. Diese Kommentare werden nur zum Teil von mir stammen. Ich nehme auf, worüber ich stolpere und was mir wert scheint, es gebündelt festzuhalten. Darauf kommt es an. Das Problem von Facebook liegt in seiner Stärke: die Mischung von allem mit allen. Deswegen hier und im folgenden ein Alternativangebot.
¶ Dass aus ihm die letzte Wahrheit über das Virus und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ihm zu erfahren sein wird, ist auszuschließen. Es gibt diese letzte Wahrheit nicht. Die Fakten ändern sich stündlich und mit ihnen nicht selten meine Meinung über sie. Die hier folgenden Glossen sind Momentaufnahmen, idiosynkratisch und in vielen Fällen unverhältnismäßig. Aber nur die Übertreibung, besser: die Übertreibungen und Verzeichnungen können das in einem bestimmten historischen Augenblick liegende Potenzial erfahrbar machen. Sie sind Verkörperungen des Möglichkeitsinns, der sich strahlenförmig aus jeder einzelnen Gegenwart heraus ausbreitet. Wie Anne Peiter, von der der erste Beitrag stammt, es mit Günther Anders formuliert hat, sind sie »Entstellungen in Richtung Wahrheit«1.
¶ Diese Entstellungen, Übertreibungen und Verzeichnungen: sie können, ich sagte es, nur im Plural auftreten. Kein Plenum der einverstandenen, sondern der hocherregten, einander ins Wort fallenden Stimmen. Ein Konsens ist nicht abzusehen, weil sich die Diskussionsbasis ständig ändert. Einen Konsens habe ich ja nicht mal mit mir selbst. Alle, die sich daran beteiligen müssen, sind willkommen, auch wenn ich mir die letzte redaktionelle Entscheidung über die Veröffentlichung vorbehalte. Wer also etwas beisteuern möchte, Literarisches, Essayistisches, ein Bild oder ein Video, kann das zunächst einfach per Mail an mich (wolframette@gmx.net) tun. Ich kümmere mich um das Weitere.
¶ Corona ist auch ein gewaltiges soziales Experiment. Darauf in Form eines journalistischen Experiments (wenn man diese Form des »Extrablatts« so nennen will; für mich ist es jedenfalls ein Experiment) zu reagieren, scheint mir einen Versuch wert.
¶ Auf unsere Zusammenarbeit, die ja zumindest das Gefühl der Quarantäne etwas lindern könnte!

W.E.


Anmerkung

1 Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, München 2009, Bd. 1, 86; zitiert bei Anne Peiter, Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismäßigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien. Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg, Bielefeld 2019, 13.

Der Joker

Nachschrift zu ‚Das eigensinnige Kind‘ 

So eindrucksvoll das Psychogramm des aktuellen Films ist, das davon erzählt, wie einer, der immer getreten, verachtet, verlacht und wieder getreten wurde, zum Mörder wird und sich rettet, indem er alle Moral zum Teufel jagt –: auf den zweiten Blick fällt es vielleicht doch ab im Vergleich mit dem Virtuosen der eigenen Beschädigungen, als welcher der Joker im Batman-Film ‚The Dark Knight‘ ein Trauma nach dem anderen ausspielt. Dieser Ironiker der postmodernen Traumatophilie, die auf der Suche nach einer Ursprungserzählung im Raum der unbegrenzten Möglichkeiten von Therapie zur Therapie eilt, wirkt nicht nur dämonischer als die alles in allem bemitleidenswerte Jammergestalt im neuen Film; sie wirkt auch zeitgemäßer.

Mir scheint jedoch, dass sich die Filme und die in ihnen angelegten Figuren eher ergänzen, als dass sie zueinander in Konkurrenz stünden. ‚Joker‘- und ‚Batman‘-Film verhalten sich zueinander wie Tragödie und Komödie. Die tragische Maske von Joaquin Phoenix wird zur lustigen von Heather Ledger.

Schon immer war die Komödie das reflektiertere, im Brechtschen Sinn epischere Medium. Tatsächlich lassen sich viele von Brechts Anweisungen für die Schauspieler, durch welche Techniken das tragische Geschehen zu episieren sei, als Techniken komischer Verfremdung lesen und verstehen. Die Komödie sagt: Es gibt immer einen Ausweg, das Geschehen ist nie alternativlos, weil man sich ‚herausreflektieren‘ und es je und je anders machen kann. Hegel sagt: „so ist es in der Komödie die Subjektivität, welche in ihrer unendlichen Sicherheit die Oberhand behält.“ Der komische Held, der Clown, der Joker des ‚Batman‘-Films: Sie haben aufgehört, Opfer ihres Schicksals zu sein, weil sie sich nicht mehr als Opfer begreifen.

Denn nichts anderes macht der Joker mit seiner eigenen Geschichte. Er macht sie auswechselbar. Damit wird er seinem Namen gerecht – der Joker ist der Passepartout, der in jede Kartenreihe passt, der Generalist, der alles kann und selbst nichts ist, bunte Schminke auf leerem Grund, eine Maske, die verbirgt, dass unter ihr nichts ist, der Todesbote, über den das Leben nicht mehr verfügt. Er ist ein grotesker Überlebender niedergeschlagenen Eigensinns.

Es kann schon sein, dass sich die Geschichte des Jokers so zugetragen hat, wie es jetzt zu sehen ist. Vielleicht erfahren wir aus der Fortsetzung, wie der Traumatisierte endgültig zum bösen Clown wird, der sich vor allem über sich selbst und die Ursprungssehnsucht der psychologisch durchtrainierten Subjekte unserer Zeit lustig macht, die alles verstehen und erklären wollen. Vielleicht wird uns auch ein alternatives Trauma angeboten, ein anderes Narrativ, das das erste neutralisiert. Am Ende steht jedenfalls immer: der Clown als der LUSTIGE ZOMBIE, für den die Vergangenheit kein Ursprung mehr ist, weil er schon einmal gestorben ist und deswegen souverän über sie verfügt.

Wann erreicht die Politik diesen Punkt? Am Ende des aktuellen ‚Joker‘-Films macht die arme Bevölkerung von Gotham City einen Aufstand. Inspiriert durch den tragischen Helden, haben sie sich Clownsmasken aufgesetzt und machen kaputt, was sie kaputt macht. Der Joker hat daran nur wenig Teil. Fast besinnungslos irrt er durch die ihn feiernde Menge. Ich bin gespannt, wann sich die Todesboten von Extinction Rebellion Clownsmasken aufsetzen, weil die Tragödie der technischen Zivilisation nicht mehr anders als in Form destruktiver Komik zu ertragen ist. Es würde mich jedenfalls nicht wundern.


Ich danke Pia Lobodzinski für das Gespräch, das diese Überlegungen ausgelöst hat.


Dieser Text ist zuerst auf der Homepage des Büchner-Verlags erschienen, in dem das Buch über Grimms Märchen vom eigensinnigen Kind herausgekommen ist. https://www.buechner-verlag.de/nachschrift-zu-das-eigensinnige-kind/ Gegenüber dieser ersten Fassung habe ich kleine Veränderungen vorgenommen.

Katastrophen finden mehrmals statt

Wolfram Ette
KATASTROPHEN FINDEN MEHRMALS STATT
Texte im Echoraum der Wende.

Lesung am 28.9.2019 in der Galerie Druckstock in Chemnitz

1 – Deutschland kaputt. Zu einigen Bildern von Jochen Geilen (1992)

2 – Kraftwerk Geschichte. Chemnitz 2018

3 – La rivoluzione siete stati voi, This is the end (Falk Haberkorn)

4- After the Goldrush. Zu einer Fotoserie von Falk Haberkorn.

Nach der Ausstrahlung bei Radio T hier nun ein stabiler Link zum Nachhören:

https://www.freie-radios.net/97930

Thunberg

Dass Thunberg*) Asperger hat, finde ich vollkommen einleuchtend. Ihre Behinderung ist das Gegenstück zur Behinderung des Systems, es ist die einzige noch mögliche Antwort auf den pathologischen Aberwitz unserer, der kapitalistischen Weltgesellschaft.

Asperger: das heisst Konzentration, extreme Fokussierung, Ausblenden alles Beiläufigen. Ergo ist unser Problem: Dekonzentration, Dissoziation, Verlust des Blick für das Wesentliche, des Vermögens, Wichtig und Unwichtig, Zentrum und Peripherie zu unterscheiden. Wir sind abgelenkt, dies schon seit langem und bei den einfachsten Verrichtungen. Die Chronik Ihres und meines Browsers wird bestätigen, was ich meine. Jeder Vergleich zwischen Einkaufszettel (wenn man sowas überhaupt noch schreibt) und dem von mir tatsächlich getätigten Einkauf beweist es. Und manchmal vergessen wir darüber sogar das, um dessentwillen wir ursprünglich losgegangen sind und was wir in diesem Internet eigentlich wollten.

Das ganze System hat sich in eine Ablenkungsmaschine verwandelt – und zwar auf allen Seiten. Jedes Kind kann verstehen, dass die Erschließung neuer Märkte wie etwa der E-Mobilität nicht zum Verzicht führen kann. Jeder, der nur einen Millimeter von der alltäglichen Verrücktheit zurücktritt, begreift, dass Wachstum nicht zu weniger Ressourcenverbrauch führt, sondern – na logisch! – zu mehr. Jede kann es begreifen. Wie sehr Verblendung und falsches Bewusstsein sich in den Verästelungen unserer Psyche eingenistet haben und wie total die Gehirnwäsche ist, der wir seit einigen hundert Jahren, verschärft seit ein paar Dezennien unterzogen werden, lässt sich daran erkennen, dass es ein behindertes Kind ist, das uns den Spiegel vorhält. Die Welt hat ADHS, Thunberg hat Asperger.

Ein bisschen ist es natürlich immer schon so gewesen. Jesus sprach von den Kindern, denen das Himmelreich gehöre. Durch die Weltgeschichte ziehen die Narren, die wirren Propheten und Poeten, die die Verworfenheit ihrer Zeitläufte anprangern. Dass damals der Untergang des Menschengeschlechts wissenschaftlich nicht bewiesen war, verschlägt nichts. Jede Zeit hat ihre Wissenschaft, ihre mehr oder weniger gut belegten Glaubensartikel und ihre dagegen aufgebotenen Verdrängungsmechanismen.

So wäre Thunberg also einfach eine weitere Heilige im Kalender der Weltgeschichte? Nichts Neues unter der Sonne? Wird dies auch einmal vorübergehen wie frühere Weltuntergänge samt ihren schrillen und eigensinnigen Propheten? Haben die Erwachsenen, die weise ihre Häupter schütteln über die Sturheit der Klimaaktivistin, am Ende recht?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht sicher. Es zeichnet sich ein Konflikt ab, der mir härter und unversöhnlicher vorkommt als die Konflikte früherer Zeiten. Es ist ein Generationskonflikt von noch nicht dagewesener Schärfe. Die Schuld der Eltern hat keine symbolische, sie hat praktische: vitale / letale Folgen für die Kinder und Kindeskinder.

Thunberg ist 16 Jahre alt. Ich sehe ihr Gesicht und sehe Gudrun Ensslin, die irgendwann nicht mehr diskutiert, sondern geschossen hat. Ich sehe Ulrike Meinhof, die irgendwann nicht mehr schrieb und in einer Praxis der Gewalt die einzige überhaupt noch denkbare Lösung sah. Etwas davon liegt wieder in der Luft, und ich kann es verstehen.


*) Ich weigere mich, Thunberg nur mit ihrem Vornamen anzureden. Das haben die Männer immer gemacht – und manchmal machen es auch Frauen. Man vergleiche den Erzählstil von Biografien, je nachdem ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, von deren Leben berichtet wird. Bei Thunberg kommt zu der geschlechtsbedingten Herablassung noch die des familiarisierenden M/Paternalismus dazu, mit dem man einer Minderjährigen begegnet, die sich mit der Zeit schon noch beruhigen werde und der Jugend wohlwollend das Recht zugesteht, ein bisschen extrem sein zu dürfen.

‚Das eigensinnige Kind‘

Im Büchner-Verlag ist nun mein Buch Das eigensinnige Kind erschienen, ein Essayband, der versucht, Wege niedergeschlagenen Eigensinns im Dreieck von Kind, Familie und Gesellschaft zu verfolgen. Der Text mischt die Formen: literarische und wissenschaftliche Annäherungsversuche stehen gleichberechtigt nebeneinander. 

Hier geht es zur Verlagsseite mit weiteren Informationen. 

Weblinks: 

  • Leseprobe
  • Interview mit Catherine Mundt vom Hessischen Rundfunk
  • Interview mit Katharina Schmitz vom „Freitag“
  • Rezension in der „Leipziger Volkszeitung“ 
  • Lesung in der Buchhandlung „Lessing und Companie“ in Chemnitz. Die Lesung wurde von Radio T aufgezeichnet. 
  • Eine kritische, aber lesenswerte Rezension im „Neuen Deutschland“ (Paywall)
  • Rezension in der „Süddeutschen Zeitung“
  • Eine Youtube-Rezension von „Bücherliebe“. 

Für den WDR wurde von Annett Schudeja und Georg Spindler ein Video produziert, das dann doch nicht gesendet werden konnte. Die mir vorgelegte Frage lautet: 

Warum haben Sie sich ausgerechnet das schrecklichste aller Grimm’schen Märchen ausgesucht?

 

Produziert von indexhttp://www.binario-stern.de

 

 

 

Gegen die Wand 12

Die Klimaserie
Folge 12: Dialektik

Die Debatte darüber, ob und zu welchen Anteilen der Klimawandel ‚menschengemacht‘ sei, ist ein kollektivpsychologisches Lehrstück darüber, dass man zugleich mehr und weniger meint als man sagt.

Zunächst einmal ist es ja gar nicht wichtig, ob die Erderhitzung eine unmittelbare Folge der technischen Zivilisation ist oder ob sie ‚einfach so‘ stattfindet. Genug, DASS sie stattfindet, und zwar mit besorgniserregende Geschwindigkeit. Die Daten liegen auf dem Tisch und es ist so viel klar, dass das Leben der Menschen und viele andere Lebensformen auf diesem Planeten bedroht ist, wenn diese Entwicklung sich fortsetzt.

Eigentlich stecken hinter dem Streit um die Verantwortlichkeit unterschiedliche Haltungen zu der Frage, wie man damit umgeht. Denn sind die Menschen für den Klimawandel verantwortlich, so könnten sie doch auch dafür sorgen, dass er aufhört. Es lag und liegt bei ihnen, also bei ‚uns‘. Noch das reuige Eingeständnis, dass wir die Erde kaputt machen, ist grundiert von der Anmaßung, die diese Situation erzeugt hat: das nämlich wir es sind, die als Verursacher der ganzen Misere diese abstellen und, wie die unsägliche Formulierung lautet, die Welt retten können. Das schlechte Gewissen ist die Maske der fortgesetzten Allmachtsphantasie der Aufklärung.

Umgekehrt könnte – wohlgemerkt: KÖNNTE – die Annahme, dass wir es hier mit einem natürlichen Phänomen zu tun haben, von eben der Demut der Natur gegenüber zeugen, die dringend notwendig wäre, um uns zur Ordnung zu rufen und uns zu dem Verhalten zu zwingen, das für unser Überleben notwendig wäre.

Tut es freilich nicht. Es lädt vielmehr ein zur Scheißegal-da-kann-man-sowieso-nichts-machen-Haltung ein, die sich, bevor die Städte brennen und die Meere sterben, die letzte Urlaubsreise gönnt, die nächstgrößere Karre zieht und ansonsten die Grenzen befestigt, um die eigenen Privilegien so lange wie möglich zu verteidigen.

Es ist halt dialektisch. Was aber im Hin und Her von „Befürwortern“ und „Leugnern“ hintenrüber fällt, ist die dazwischenliegende und insgesamt ja doch recht wahrscheinliche Einsicht: dass wir die ökologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu großen Teilen verantworten, UND dass dieser Prozess schlicht und ergreifend außer Kontrolle geraten ist.

Gegen die Wand 11

Die Klimaserie
Folge 11: Das „Überleben des Planeten“

In einer Radiorezension des Manifests Denkt endlich an die Enkel von Wolf Schneider [1] entgegnete der Journalist auf die Frage nach dem appellativen Stil des Manifests: Nein, die vielen Ausrufezeichen würden ihn nicht stören, es ginge ja schließlich um DAS ÜBERLEBEN DES PLANETEN.

Wie viel verbohrte Selbstgefälligkeit, wie viel Verblendung spricht aus dieser gut gemeinten Wendung. Wenn die Erde einige Grade wärmer wird, hat sie keineswegs um ihr „Überleben“ zu kämpfen. Das ist schon öfters passiert. Ein evolutionärer Zyklus geht zu Ende. Irgendwann fängt ein neuer an, das Dasein des Planeten bleibt davon vollkommen unberührt. Die Gleichsetzung der Menschheit mit „dem Planeten“ ist eine Anmaßung und gehört zum Problem, das zu lösen es vorgibt. Im erdgeschichtlichen Maßstab sind wir nur ein evolutionäres Augenzwinkern, das Vorüberhuschen einer gestörten Hochbegabung. Ob angesichts dessen nicht wir, sondern eigentlich die Viren das Optimum der Evolution darstellen – Heiner Müller erwähnt es mal in einem Gespräch; die Menschen, so setzt er fort, sind vielleicht nur Hilfsmittel, Versorger „Kneipe“ der Viren –, sollten wir angesichts des sich vor uns aufbauenden Szenarios offen halten.


[1] https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=766767


Die ersten 10 Folgen von ‚Gegen die Wand‘ sind als Posts bei Facebook erschienen

„Der Große Austausch“

„Alle Metapolitik ist ganz wesentlich eine Arbeit mit Begriffen und Bildern, ihr Ziel ist es, die kulturelle Hegemonie, welche die Grundüberzeugungen und Grundstimmungen in der Gesellschaft formt, zu beeinflussen, Das bedeutet vor allem, neue Begriffe und Bilder zu »injizieren«… Der Begriff des Großen Austauschs begleitet uns in jeder Presseaussendung, jeder Ansprache, jeder Debatte und jeder Schulung. Er ist das Erklärungsmuster, der ‚Plot‘, in dem wir alle akuten Symptome und Probleme kontextualisieren.“ (Martin Sellner)

Die Perfidie dieser Metapher liegt darin, dass sie verschiedene Assoziationsfelder suggestiv miteinander verklammert, ohne auch nur ein einziges zu nennen. Erstens wird dem demographischen Wandel die Vorstellung der Rassenmischung, der Blutschande untergeschoben. Dass sich die Zusammensetzung einer multiethnischen Bevölkerung durch unterschiedliche Geburtenraten ändert, ist das eine. Aber „Austausch“ klingt anders; es klingt nach dem Austausch von Säften und Liebe in dunklen Schlafzimmern, in denen, horribile dictu, die Hautfarbe sich nicht unterscheiden lässt. Die Angst gilt nicht einfach der feindlichen Übernahme per Quantität, sondern der libidinösen Vermischung, der Rassenschande im Bett. Der damit verbundene Sexualneid, der bei den meisten Rassismen eine tragende Rolle spielt, umgibt den Begriff mit verklemmter erotischer Erregung. Auch wenn man nur zulässt, dass die Anderen sich ungehindert vermehren, ist es eigentlich schon Rassenschande. Diese resultiert schließlich in den schleichenden demografischen Veränderungen, die man erst dann bemerkt, wenn es zu spät ist. So geschehen im Westen, in dem die Übernahme sich bereits vollzogen haben soll und für den jede Hilfe zu spät kommt.

Zweitens: Das Beiwort „groß“ unterstellt dem Ganzen einen Plan, eine Absicht. Gut möglich, dass der Austausch der Säfte in vielen Fällen einfach so passiert: weil sich zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft kennen und lieben gelernt haben. Das Gesamtszenario ergibt in seiner Größe und ganzen politischen Dimension aber nur Sinn, wenn es gesteuert wird. Die Urheber dieser Übernahme bleiben dabei im Dunkeln. Keine jüdische Weltverschwörung wie früher, sondern eher ein diffuses Integral aller gegen ‚die deutsche Kultur‘ gerichteten Kräfte. Der Islam kann das ebenso sein wie der globale Kapitalismus, für den Geschlecht, Religion, Nation, Kultur vor der Allgewalt des Profits gleichgültig sind, und dessen Menschenbild die Mehrwert produzierende Ameise ist; — oder eben Angela Merkel, die Verräterin: mal die Hure des internationalen Kapitals, mal die Agentin einer neuen sozialistische Diktatur.

Na, und großgeschrieben ist das kleine Adjektiv, um das ganze als stehende und seit langem bekannte Formel zu etablieren, eine Wendung wie das Dritte Reich oder die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung. Es soll abkürzbar sein, und wenn der GA sich erst mal durchgesetzt hat, ist der komplexe, nur durch Nachdenken auflösbare Zusammenhang auf das Bakterienformat geschrumpft, das ihm erlauben würde, endemisch zu werden.


(Martin Sellner ist Leiter der Identitären Bewegung Österreichs. Das Zitat stammt aus dem Nachwort zur deutschen Ausgabe von ‚Revolte gegen den großen Austausch‘ von Götz Kubitschek)

„Der Schmerz ist ein Hund.“ (Nietzsche)

Was für ein merkwürdiger Satz! Aber je länger man ihn auf sich wirken lässt, desto mehr beginnt er zu strahlen; – in einem bösen und unfreundlichen Licht. Der Schmerz ein Hund! Man sieht das Tier vor sich: flach an den Boden gedrückt, stumm jeden deiner Schritte aus übergroßen Augen verfolgend, zäh und freudlos dir nachschleichend und seine Rechte fordernd – bis du das leidende Tier für seine Unschuld zu hassen beginnst; ganz ebenso wie du deinen Schmerz hasst, der nichts dafür kannst, dass du ihn nicht erträgst, – dann eben, wenn du dich nicht mehr an ihm festhalten und die Intensität des verkehrten Lebens aus ihm saugen magst. Dann möchtest du deinen Hund nehmen und forttreten – so sehr, bis er sich hilflos heulend zwischen den Feldern verliert und nie mehr zu dir zurückkehrt.

Odysseus am Strand

für Bernhard Metz

Odysseus sitzt heulend am Ufer. Hinter ihm, schmal und bedrohlich, ein dunkel sich wölbendes Inneres: die Nymphe, die sich die letzte Ewigkeit gelangweilt hat und ihn für die nächste zum Spielgefährten haben will. Dafür verspricht sie ihm ewige Jugend, ewig unversehrtes Dasein auf der kleinen Insel. Für das, was sie mit ihm vorhat, wird er sie brauchen, die ewige Jugend. So sitzt er da, vor sich das glatte Meer, und sehnt sich zurück in die Endlichkeit des Menschenlebens, nach Penelope und den Schweinen Ithakas. Von seiner Frau hat er kein klares Bild mehr vor Augen. Ob es der Krieg, die Abenteuer der Heimreise oder das zähe Glück in den Armen Calypsos getilgt haben, ist nicht zu sagen. Der Realität würde es nach 20 Jahren sowieso nicht entsprechen. Sie ist eine alte Frau geworden, er ein alter Mann im Grunde, auch wenn manchmal die seltsame Göttin, seine Freundin Athene, in ihm Platz nimmt und ihm den Anschein der Verjüngung gibt. Aber er weiß, was er ist. Er weiß, welche Überspannung Calypsos Unsterblichkeit mit sich bringen würde. Die Hülle bliebe intakt, darunter, aeonenlang, die Schwärze fortschreitender Fäulnis.

Um das verschwommene und unzutreffende Bild seiner Frau herum sah er sie tätig: er spürte gestikulierende Hände, scharfe Befehle, die umtriebige Rede der Diplomatie, auf die sie sich so gut verstand wie er; nein, eigentlich besser. Er sah den Hof, die Wirtschaftsgebäude, die vielleicht renoviert werden mussten; er ermaß die Handelsfahrten im Frühjahr und Herbst, die seine kleine Insel mit ihren Nachbarinnen verband; er erinnerte sich an den den staubigen, von einer hüfthohen Feldsteinmauer umgebenen Friedhof, auf dem die Angehörigen des Hauses begraben waren (Laertes nun auch?); er sah sich essen und trinken und in immer neuen Abwandlungen, die von Penelope mit ironischer Nachsicht, von seinen Zuhörern mit kennerhaftem Behagen aufgenommen wurden, seine Geschichten erzählen. Und er sah seinen Sohn, das heißt, er nahm an, dass er ihn, der nun 20 war, sehen würde.

Sein Entschluss stand fest. Das Leben besteht aus Kompromissen, Butter auf beiden Seiten vom Brot gibt es nicht. Er würde jetzt, nach diesen Jahren, alles versuchen, um Calypso und Ogygia (Namen, in denen das verschlingende Insichkreisen des Lebens erklang, das ihn erwarten würde) zu entkommen und nach Hause zu gelangen.

Was Odysseus nicht wusste: Hätte die Nymphe ihren Willen bekommen, wäre er der Betrogene gewesen. Zweifellos hätte sie ihn mit ewiger Virilität gesegnet. Aber er wäre auf jenem Eiland in seiner für sie tätigen Rastlosigkeit von allen vergessen worden. Unsterblich würde nur der werden, der der Unsterblichkeit abschwor und sich zu Alter und Tod bekannte. Nur der würde, knapp überlebend, von den Phäaken aufgenommen werden, an deren Hof sich der kriegsblinde Krüppel befand, der vorhatte, Dichter zu werden. Nur der würde von der Gemeinschaft der Menschen aufgenommen werden, die verbunden durch Arbeit, Streit, Liebe und Rede, das einzige Gefäß irdischer Unsterblichkeit darstellt. Die Götter wussten es selbst nicht. Es war Athenes List, mit der sie ihren Liebling vor der falschen Unsterblichkeit retten wollte, von der ihr klar war, dass sie selbst sie nicht überleben würde.

»Deutschland«

Ein sehr lesenswerter Artikel darüber findet sich hier:
https://www.zeit.de/kultur/musik/2019-03/rammstein-video-deutschland-provokation-holocaust-sexualitaet/komplettansicht 
Dazu hier einige Ergänzungen:


 

Überall dort, wo Zerstörung und Selbstzerstörung blutige Feste feiern, wo Täter und Opfer ineinander umschlagen, wo sich durch Gewalt und Gegengewalt libidinös zusammengehaltene Männerbünde bilden, ist, so Rammstein, »Deutschland« in seinem Element. Es kann in diesem Land keine ›normale Heimatliebe‹, keinen ›vernünftigen Patriotismus‹ geben kann. Alles ist geschwängert mit Gewalt und Barbarei, die sich selbst für den Urgrund aller Kultur halten – bis zur Varusschlacht und zurück in die Zukunft, wenn der Exportweltmeister in weißen Raumanzügen die Erde verlässt, um den blutigen Schäferhund im Schneewittchensarg ins All zu fahren.

Dabei geht es um Sex. Das heilige Deutschland: das ist die schwarze Hure, der Sehnsucht, Gier und Angst der Patrioten gelten. Hinter der deutschen Frau, der weißen Schwester mit dem Mutterkreuz, der Nonne mit der Haube steckt die Große Jägerin, die ewige Jungfrau, die Bienenkönigin und Gottesanbeterin, die alle lachend verzehrt, die sich ihr voller Hingabe unterwerfen und von allen verzehrt wird, ohne Schaden zu leiden. Die deutsche Form, sich mit ihr, ja überhaupt mit einem anderen Körper zu vereinigen, sind Kannibalismus, Gewalt und Tod. »Ich will dich lieben / und muss dich hassen.« Hass ist die einzige Form der Liebe. Wenn alle anderen Formen der Liebe, der Liebe zu lebendigen aktiven Körpern, ausgeschlossen sind, bleibt nur dieses Eine als Ziel aller Verschmelzungssehnsüchte übrig.

Es ist die erotische Bejahung der Katastrophe. »Wer hoch steigt, der wird tief fallen / Deutschland, Deutschland über allen« –: vielleicht keine Kritik am deutschen Wesen, aber immerhin Analyse einer Befindlichkeit, die kein herzerhebenderes Wort kannte als ›tragisch‹. Es ist auch die alte Geschichte von den Nibelungen, die ebenfalls auf eine schwüle Weise von untergründiger Erotik dirigiert ist. Das von Hagen artikulierte Bedürfnis nach bis zum Letzten konsequenter Selbstzerstörung hat etwas mit der Beziehung zwischen ihm und Kriemhild zu tun, auch sie am Ende die schwarze Hure, die über den Untergang von allem lacht: sie und Hagen das Traumpaar des Abends, so wie es zuvor Brünnhilde und Siegfried gewesen wären. Untergang als Orgasmus, das ist die große Linie dieses Videos.

Nach dem »Patriotenporno«, schreibt mir Georg Spindler, folgt »die Zigarette danach«; will sagen: der sehr eigentümliche, Rammstein-untypische Nachspann des Films, der fast ein Drittel des gesamten Videos einnimmt. Nur ein Klavier, das vor sich hinklimpert, in Akkordfolgen, die entfernt an den Song erinnern, aber in einem ganz anderen Ton gehalten sind, wie ein verträumt vor sich hin improvisierender Konstantin Wecker. Derweil läuft der Film weiter, in kaleidoskopartigen Sequenzen, die dasselbe immer wieder neu mischen und zusammensetzen. Keine Entwicklung, das war bloß die Friedensphase, danach geht’s wieder los.

Der Text des Liedes besteht aus vordeklamierten Kippbildern, die jede Deutlichkeit verwischen. »Man kann dich lieben / Und will dich hassen.« Soll das heißen: Man könnte (sollte) dich lieben, will Dich aber eigentlich hassen? Geht das gegen die Antideutschen? Bei dem, der singt, sieht es anders aus, läuft aber auf dasselbe hinaus: »Ich will dich lieben / und muss dich hassen.« Das Klischee der Hassliebe zu Deutschland? des schiefgewachsenen deutschen Patriotismus, das im Vers »Ich will dich lieben und verdammen« dann recht eigentlich zum Ausdruck kommt? Wie aber das und der etwas isoliert durch die Medien geisternde Vers »meine Liebe / kann ich dir nicht geben« sich zueinander verhält, bleibt unklar. Es ist systematisch konfus. Das Verhältnis zu Deutschland ist so neurotisch, dass es sich nur über mehr oder weniger beliebige Ausrufezeichen Luft machen kann, in denen der Inhalt nicht so wichtig ist. Hauptsache laut und pathetisch. 

Naja: solche sprachlichen philologischen Differenzen werden im Zweifel von den schweren Gitarren und dem eisern im Takt marschierenden Schlagzeug beseitigt. Denn darum geht es vor allem, vor den Bildern und vor dem Text: um den stählernen Körper, der sich aus dem Ursprungsgewusel des Anfangs heraus bildet; ein phallischer Körper, dauererigiert und hart, wie Klaus Theweleit es in den Männerphantasien beschrieben hat, ein gepanzerter Körper, der nie weich werden darf außer im Tod, der gleichzeitig ersehnt wird; durchdrungen von einer Maschinenstimme jenseits des Menschen.

Was ist mit den Opfern? Es gibt diese skandalisierenden Bilder von den KZ-Häftlingen, die ebenso von den Mitgliedern der Band gespielt werden wie die Täter. Und es sind diese zur Hinrichtung freigegebenen Opfer, die selbst in den fatalen Refrain »Deutschland, Deutschland über allen« einstimmen, der klarmacht, dass ein nationales Überlegenheitsgefühl keine abstrakte Idee eines höheren Daseins ist, sondern töten will. Rammstein identifiziert sich weder nur mit den Opfern noch nur mit den Tätern. Es ist  ein Akt der Identifikation, der zwischen beiden hin und her springt: Opfer, die zu Tätern werden, Täter, die sich als Opfer fühlen und daraus die Berechtigung ableiten, wieder und wieder zu Tätern zu werden. Sie töten sich gegenseitig und sind darin vereint. Die eigentlichen Opfer werden damit freilich zum Verschwinden gebracht. Aber liegt das an Rammstein? Oder an Deutschland?

Es stellt sich die Frage nach der Aufgabe der Kunst. Kann diese Aufgabe moralisch bestimmt werden? Ich denke, höchstens in einer komplizierten Form, die Regelverstöße nicht bloß einschließt, sondern geradezu voraussetzt. Kriterium künstlerischen Gelingens ist es zunächst, ob die Beschreibungen von ›Welt‹ stimmen; ob sie genau und differenziert sind – – und: ob sie mutig sind, das heißt, nicht vor den Verdrängungsschranken zurückweichen, von denen die gesellschaftlich tabuisierten Erfahrungsbereiche umgeben sind. Gegenstand des Deutschlandvideos von Rammstein ist nicht Deutschland, jedenfalls nicht an oberster Stelle; es ist das Verhältnis zu ihm, die Faszination durch die Superlative des Schreckens, des Horrors und der Barbarei. Es gibt einen deutschen Narzissmus der Negativität und es sollte erlaubt sein, die Frage zu stellen, ob er überwunden ist, sondern weiter an den neuen Nationalismen klebt. Ob Rammstein diesen nationalen Narzissmus teilt; ob die Band ihn gar promotet: es ist keine zu beantwortende, nicht einmal eine besonders interessante Frage. Die interessante Frage ist, ob sie damit etwas trifft.

Auf dem Sprung

Immer weniger Restaurants haben noch Garderoben. Auch in den guten Lokalen, sofern sie nicht sehr traditionsbewusst daherkommen, sieht man sie seltener und die Gäste ziehen es vor, ihre Mäntel über die Lehne zu hängen. Man drückt sich lieber den Kragen ins Kreuz und sitzt neue Knautschfalten hinein. Im Kern hat dieses unkomfortable Verhalten etwas mit Angst zu tun. Man lässt die Jacke ungern allein, jeder der anderen Restaurantbesucher könnte ein Dieb sein, man kann nie wissen, die reichen Menschen sind ja nicht die guten Menschen, eher im Gegenteil. Und es könnte jederzeit sein, dass man fort muss. Und dann hat man alles gleich bei sich.

In U- und S-Bahn eine ähnliche Entwicklung. Zumindest tagsüber. Früher stritt man um die Sitzplätze, jetzt drängt sich alles unruhig um die Ausgangstüren und manche Sitze bleiben frei. Sitzen ist was für die Harten, die echt Abgebrühten oder Abgestumpfte; die müden Pendler, die weit raus nach Freimann oder Lichtenrade fahren. Der Rest ist munter und hysterisch auf dem Sprung und bevorzugt kurze Fluchtwege.

Die Gesellschaft ist unwohnlich geworden, und ob das alles so hält und trägt, mag bezweifelt werden. Es sind kleine Gesten, aus denen sich die Großregression unseres Zeitalters zusammensetzt: zurück in Herde und Horde, mit ihren klaren Definitionen von denen die dazugehören und denen die draußen bleiben müssen. Gut und Böse war gestern, Loyalität ist die Tugend des Augenblicks. Unter fremden Menschen, im Zug oder im Restaurant, kann man nie wissen, wer da dabei ist. Die Blase ist kein Luxus, sondern ein Prinzip. So ist man immer bereit zum Aufbruch und zur Flucht. Vielleicht werden die Migrantinnen, die zu uns kommen, ja auch deswegen angefeindet. Sie zeigen uns, wie unsicher und prekär unser eigenes Leben schon ist.

Leichenfledderei

Vor allem anderen befriedigt Heinrich Breloers Zweiteiler über Bertolt Brecht das bürgerliche Bedürfnis, anderswo seine schmutzige Wäsche zu waschen und dafür das Ressentiment, dass er bei aller vorgeschobenen Bewunderung für den großen Künstler empfindet, zu kanalisieren. Er, der Bürger, ist selbst das Raubtier, an dessen Anblick er sich weidet – mindestens in seinen Träumen und Wunschfantasien. Es geht nicht um Brechts Werk, nicht darum, ob die Wirklichkeit richtig oder falsch dargestellt wird und ob man sie heute auch noch so darstellen kann. Es geht allein um die Skandälchen des großen Mannes, um seine Rücksichtslosigkeit und seinen Egoismus, von dem man so gerne etwas hätte. Und es geht vor allem um Sex. Das waren noch Zeiten, in denen die Frauen dienstfertig ihr Leben inklusive ihrer Körperöffnungen in den Dienst des großen Mannes stellten und sich der Einsicht unterwarfen, dass er nur schreiben kann, wenn er vögeln kann. Die vor dem Fernseher versammelten Männer trauern dem ebenso nach wie eine Menge Frauen, die mit den mickrigen Männchen, das sie geheiratet haben und nun beherrschen, auf Dauer doch nicht zufrieden sind. Der Film spielt offen mit diesen regressiven Sehnsüchten. Er gießt seit langem Bekanntes zum soundsovielten Mal auf und freut sich am stinkenden Feuer einer untergegangenen Epoche, in der nichts gut, aber alles klar war. Der Faschismus war böse, der Kommunismus gut, die Frau die Dienerin des Mannes und ein Genie ist ein Genie. Der seis moralisierende, seis schalkhafte Hinweis darauf, dass Brecht ja ein Schlimmer war, verdeckt dieses Bedürfnis. Es ist aber schlicht nicht interessant. Bei einem Lokomotivenbauer will ich auch nichts über seine Affären wissen. Ich will wissen, ob seine verdammten Lokomotiven funktionieren. Breloers politikfreier Film (der überdies die politisch wichtigste Epoche Brechts, nämlich die Konversion zum Marxismus und seinen Kampf gegen den Faschismus, einfach umgeht) schlägt Kapital aus dem Voyeurismus seiner bürgerlichen Zuschauer, und er entsorgt das Werk, das nicht einmal mehr kritisiert wird. Es erstarrt, zerfällt, verschwindet. Das Denkmal ist die schlimmste Leichenfledderei.

»History is what’s happening«

In demselben Gefühl erhob sich später die Plebs gegen die Patrizier …, bis die Gleichheit der Privatpersonen im ganzen römischen Gebiet hergestellt … und durch einfachen Despotismus zusammengehalten wurde. (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte).

Immer wieder dasselbe Schauspiel: Die Könige halten es mit den Massen. Sie, die Ahnherren aller Populisten, werden vom Volk, das der Herrschaft einer aristokratischen Elite überdrüssig geworden war, nach oben gespült. So ging im antiken Griechenland die Tyrannis der Demokratie voraus und bildet ihre logische Voraussetzung. Sie bildet auch ihren Nachläufer, nachdem die demokratischen Stadtstaaten durch eine neo-aristokratische Klientelwirtschaft verfielen. Demokratie ist ein fragiles Gebilde, ein subtiles Gleichgewicht der Kräfte, das einen historischen Glücksfall und Ausnahmezustand darstellt. Der Normalfall ist der Wechsel zwischen Monarchie und Aristokratie, wobei es vollkommen gleichgültig ist, ob diese Aristokratie durch Blut, Geld oder Loyalität zusammengehalten wird, oder ob, auf der anderen Seite der Monarch ein König, Kaiser, Tyrann, Diktator oder populistischer Volkstribun ist. Natürlich kann und sollte man das alles staatrechtlich differenzieren, aber aus einem gewissen Abstand heraus betrachtet bleiben diese zwei Grundideen mit der Demokratie als schillernden und flüchtigem Interregnum übrig. Wie es scheint, ist dieses Interregnum in den modernen westlichen Gesellschaften zu Ende gegangen. Das, was wir momentan beobachten, ist ein erneuter Wechsel einer Aristokratie, die unter dem Namen der liberalen Elite angeprangert wird, zu einer zeitgemäßen Form von Monarchie.


"History is what's happening" ist ein Album der hollandischen Band The Ex (1982)

Henryk meets Broder, nee: AfD

Henryk M. Broder hat am 29. Januar eine Rede vor der AfD-Fraktion gehalten. Sie ist hier nachzulesen.

Die Frage, welcher politischen Überzeugung Henryk M. Broder denn nun genau sei; wie nah er der AfD stehe; wie nah er als Jude der AfD stehen könne; wieweit die AfD für ihn eine geeignete Plattform darstellt, seine Kritik nicht nur am politischen Islam, sondern am Islam überhaupt zu Gehör zu bringen; wieweit er und die AfD in der Kritik an der Political Correctness übereinstimmen und bis zu welchem Punkt Sie dabei möglicherweise im Recht sein könnten –: all das kann man rauf und runter analysieren und sich ausführlich darüber streiten. Zu einem einigermaßen haltbaren Ergebnis wird man dabei sowieso nicht kommen, da es zu Broders intellektuellen Habitus gehört, sich nicht festnageln zu lassen immer wieder durch allerlei clowneske Ausweichbewegungen zu verblüffen und im Zweifel argumentative Konsistenz einer guten Pointe zu opfern.

Aber all das ist auch gar nicht so wichtig. Die Rede dokumentiert ja vor allem, was die meisten schon wussten: Broders unfassbare Eitelkeit. In diesem Fall steigert sie sich zu einer Selbstüberschätzung, die jedes Maß verliert. Er scheint nämlich zu glauben, er könne die AfD erziehen. Dass er Alexander Gaulands Vogelschiss-Rede mit dem schlechten Benehmen von Kindern vergleicht, mag man zutreffend oder nicht zutreffend, politisch bedenklich oder nicht bedenklich finden.

Es geht auch um etwas, das unsere PC-mäßig unverdorbenen Eltern in die Worte „Das tut man nicht“ fassten. Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen „Vogelschiss“.

Der Kern des Vergleichs ist die pädagogische Haltung, die Broder gegenüber der Partei einnimmt. Er scheint tatsächlich dem alten und seit je phantastischen Wunschtraum des Philosophen, vulgo Publizisten, als Volkserzieher nachzuhängen. Deswegen kommt es auch zu der fast schon wahnhaften Gleichsetzung in in Sachen Instrumentalisierung:

Als ich vor ein paar Tagen einem alten Freund sagte, dass ich heute bei Ihnen auftreten würde, machte er ein Gesicht, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich vom Handel mit Drogen lebe. „Du wirst doch nur instrumentalisiert“, sagte er, „weißt du es nicht?“ Natürlich weiß ich es. Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht. Heutzutage instrumentalisiert jeder jeden. Die „Bild“ Helene Fischer, Helene Fischer Florian Silbereisen, Florian Silbereisen seine depperten Fans, die ihm nachreisen. Und ich, ich werde jeden Tag instrumentalisiert. Als Beweis dafür, dass es wieder ein jüdisches Leben in Deutschland gibt, jüdische Gemeinden, jüdische Literatur- und Musiktage und immer mehr jüdische Cafés und Restaurants, da kommt es auf eine Instrumentalisierung mehr oder weniger nicht an. Sie instrumentalisieren mich, und ich instrumentalisiere Sie. Ich probiere aus, wie weit ich gehen kann. Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.

Er scheint zu glauben, er, Henryk M. Broder, könne eine Partei, deren Hauptziel es ist, sich als parlamentarischer Arm der Neuen Rechten zu etablieren, in dem Grade instrumentalisieren wie sie ihn. Er scheint zu glauben, das, was er, Henryk M. Broder, als Individuum so tut oder lässt, sei auch nur im allerentferntesten so wichtig und folgenreich wie das, was die AfD tut. Deswegen ist die Rede auch keine »intellektuelle mission impossible«, als welche Norbert Bolz sie gefeiert hat [1], sondern vor allem das Dokument einer infantilen Haltung zur Welt. Von der von ihm geschmähten Greta Thunberg ist Broder deswegen gar nicht weit entfernt, nur dass er offensichtlich kein Asperger hat, das ja mit einem starken Hang zu logischem Denken einhergeht.

So kann also kein Zweifel daran bestehen, wer hier wen instrumentalisiert. Die AfD hat Broder an der Stelle gekriegt, an der man ihn immer kriegt, indem sie ihm eine Gelegenheit verschafft hat, seine eigene Stimme in einer Öffentlichkeit zu hören, die nicht seiner Meinung ist. »Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.« Man mag das komisch finden. Aber es gibt diese Kinder, die Aufmerksamkeit um jeden Preis wollen – und wo wäre sie höher als in dem Falle, dass man zusammengeschissen wird.

Für den ideologischen Feldzug, den die Partei führt, sind das übrigens nur psychologische Quisquilien. Sie gehören der Sphäre der Mittel zu, für die sich nach kurzem sowieso niemand mehr interessiert.

[1] https://twitter.com/NorbertBolz/status/1090652610036752384

Weniger ist Mehr

Wie viele andere Discounter, setzt Lidl jetzt auf gesunde Ernährung. Man will sich die Kunden so lange wie möglich erhalten. Jetzt steht da

lidl zucker salz

Etwas ist eigenartig an dieser Formulierung, irritiert, lässt mich immer wieder hinkucken. Es ist die verquere Doppelung. Man könnte ja einfach sagen: WENIGER ZUCKER UND SALZ KONSUMIEREN – wie hier verbunden mit den entsprechenden Angeboten aus dem Supermarkt. Aber das würde zu sachbezogen klingen, wie Werbung aus den Sechzigern: »Herzhaft im Geschmack und ungewöhnlich leicht – deshalb ist KRONE so beliebt!« Rhetorisch betrachtet, würde der fehlende Parallelismus die Effizienz zugunsten des Informationswertes schwächen. Gleichzeitig bliebe als Rahmenbotschaft der Satz WENIGER KONSUMIEREN übrig. Wenn man sich das nur nicht merkt! Gar nicht gut.

Warum dann aber nicht umgekehrt: ZUCKER UND SALZ REDUZIEREN? Da könnte man – horribile dictu – sogar das »Mehr« »reduzieren«. Aber, Entschuldigung, ein Satz, der mit dem Wort REDUZIEREN endet, kann einem Unternehmen nicht gefallen.

So kommt es zu der eigentümlichen Doppelbindung, die für den Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase charakteristisch ist. Das Mantra dieser Doppelbindung lautet: WENIGER IST MEHR, und zwar im wörtlichsten Verstande. Wir reduzieren unseren Verbrauch, glauben dies jedenfalls zu tun, und lassen uns das was kosten. Das schlechte Gewissen ist in den reichen Ländern eine der wertvollsten Ressourcen, auf die das Kapital zurückgreifen kann. Egal, ob es sich um das schlechte Gewissen darüber handelt, das wir zu viel, zu süß oder zu salzig essen; dass wir die falschen Autos fahren, dass wir uns zu wenig bewegen; dass wir zu wenig für die Gemeinschaft tun – es läuft immer darauf hinaus, dass uns neue Produkte angeboten werden, die es, also unser schlechtes Gewissen, beruhigen. Ihre Gestehungskosten werden nach Möglichkeit verschleiert. So ist es auch hier. WENIGER IST MEHR. Wir glauben zu verzichten, wenn man die Sätze aber rückwärts liest, so wie man es früher mit den Sätzen des Teufels tun musste, um ihren wahren Sinn zu entziffern, kommt als Geheimbotschaft heraus: MEHR KONSUMIEREN. Von dieser Wahrheit können wir nicht lassen, kein gesellschaftlicher Konflikt, der uns das nicht zu Bewusstsein führen würde.

Inklusives Sprechen

Über die Richtigkeit und Unrichtigkeit, die Vorzüge und Nachteile und die jeweils angesagten Formen der inklusiven Schreibweise ist viel gesagt und natürlich auch viel geschrieben worden. Über die Art und Weise, so zu sprechen, dass beide Geschlechter berücksichtigt werden, hingegen weniger.

Es sind dort zwei Formen zu beobachten. In den Erklärungen von ‚Oben‘, der Bosse, der Politikerinnen usf. hat sich durchgesetzt, dass immer und in jeder Wendung beide Geschlechter berücksichtigt werden. Das verleiht diesen Verlautbarungen manchmal etwas barock Umständliches, sich nach allen Seiten Absicherndes. Es gibt  skurrile Wortballungen und es wird schwieriger, dem Hauptgedanken (sofern vorhanden) zu folgen.

Anders dagegen sieht es aus, wenn junge Leute sprechen. Entweder verwenden sie das Gerundium und reden von Studierenden, Arbeitenden oder Lesenden. Oder sie produzieren eine kleine Pause, einen Vorhalt im Wort, dessen klangliche Erscheinung sich dann der Schreibweise mit Binnen-I, Unterstrich, Sternchen, Doppelpunkt etc. annähert.

Beides zielt weniger auf Inklusion als auf Neutralisierung ab. Ein sprachlicher Ort diesseits der Geschlechtertrennung wird besetzt, bzw. geschaffen. Nicht freilich aus der Lust an den sexuellen Verwicklungen, die sich in dieser Sphäre ergeben können. Angst dirigiert das Verfahren. Man will nichts falsch machen. So wird auf Redeformen progrediert, die konflikt- und spannungslos erscheinen.

Die beiden hauptsächlich verwendeten Praktiken tun das auf konträre Weise. Das Gerundium deckt sie mit der harmonisierenden Lautfolge „-enden“ zu. Hier treten Subjekte sprachlich in Erscheinung, die auf ihre Funktion reduziert sind. Außer ihr sind sie – die Arbeitenden, Studierenden – nichts.

Die Zäsur dagegen trennt die Geschlechter innerhalb des Worts. Die Zäsur unterbricht die Beziehung. Die Geschlechter werden durch ein Nichts, eine Lücke, ein Stocken, als wisse man für einen Moment nicht mehr weiter, voneinander getrennt. Doch in der Stockung stirbt die Spannung, das Verhältnis hört auf.

Beides sind Sprachform des neoliberalen Kapitalismus. Ihm ist das Geschlecht egal ist, wenn die Rendite stimmt. Aus seiner Sicht sind Geschlechterrollen obsolet und ineffizient. Er sieht zunehmend vom Geschlecht ab, weil es sich als wirre Störung vor die sterile Performance des ökonomischen Selbsts drängt. Sie  ist ein mächtiger, vielleicht sogar der mächtigste Motor der Gleichberechtigung, im Schlechten wie im Guten.


 

P.S.: Am sympathischsten war mir immer die ausschließliche (oder mehrheitliche, Dogmatismus ist da sowieso von Übel) Verwendung des generischen Femininums. Es provoziert ohne sprachliche Umständlichkeit. Die Universität Leipzig hat sämtliche offiziellen Dokumente darauf umgestellt. Dennoch scheint mir, findet diese Option weder im geschriebenen noch im gesprochenen Wort besonderen Anklang.

Das verfluchte Jahrzehnt

Zu Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

„Ich fuhr weiter durch den Landkreis, führte Gespräche, füllte täglich meine Seite mit Berichten über Seniorennachmittage, Feuerwehreinsätze, Schulsportfeste. Gorillas gab es überall, bis in den letzten Winkel. Die Ähnlichkeit der Physiognomien und der Ereignisse, der nächtliche Terror, hingen mir wie Senkblei an den Gliedern. Ich beobachtete die alten Bauern, wie sie, konfrontiert mit der professionellen Euphorie westdeutscher Investoren, sprachlos in muffigen Sälen hockten. Dahinter die Enkel, maulfaul und feindselig, die sich eine Zukunft als Koch, Bademeister, Stallbursche oder Balljunge nicht vorzustellen vermochten. Sie teilten die Unbeholfenheit der Väter, die sich auch in neuen Kleidern nicht verbergen ließ. Alle spürten, dass sie nicht hineinpassen würden, selbst, wenn einer der großen Pläne für Windkraftanlagen, Luxushotels oder Golfplätze realisiert werden sollte. Die Blicke der Frauen waren flehend, ihre Stimmen kraftlos. Einzig sie könnten als Dienstpersonal taugen … Ihre Erfahrungen waren nutzlos geworden. Wenn ich trotzdem danach fragte, belächelten sie mich.“

Dieser Roman ist eigenartig. Er ist nicht eigentlich gut geschrieben, die Vor- und Nachwendezeit in den havelländischen Provinz, die er erinnert, bleiben seltsam blass und lebensleer wie die Bilder und flüchtigen Ansichten, die an einem vorüberziehen, wenn man aus dem Fenster eines fahrenden Zuges blickt. Was sie beschreibt, hat keine räumliche Tiefe, das, wovon sie erzählt, ist nicht miteinander verstrebt und verklammert, es wird aneinandergereiht. Es sind unverbundene Standbilder, aus denen keine Geschichte entsteht. Dieser Roman ist kein Roman, sondern ein Bericht, ja im Grunde eine Chronik.

Dennoch – gerade aufgrund dessen, was man womöglich als literarische Schwäche auffassen könnte, strahlt das Buch eine eigene und eigentümliche Faszination aus. Die Frage ist ja, ob das hier Beanstandete seinen Grund im schriftstellerischen Unvermögen hat oder ob es als Auswirkung eines Jahrzehnts beschrieben werden sollte, dessen traumatische Substanz noch lange nicht abgearbeitet ist.

Präkel hat einmal gesagt, es falle schwer, sich überhaupt an die neunziger Jahre zu erinnern. Dazu passt der verzweifelt nüchterne Berichtston des Buches. Er greift nach etwas, das sich entzieht. Ja, diese schreckliche Zeit des Zusammenbruchs, in der eine Gesellschaft jeglichen Halt in sich verlor und auch beim ehemaligen Klassenfeind, an den sie sich angeschlossen hatte, keinen fand, sondern sah, was wir im Westen noch nie gesehen hatten: das wahre Gesicht des Raubtierkapitalismus, der sich unersättlich durch eine neue Konsumkolonie fraß; diese Zeit einer stammesgesellschaftlichen Regression ganzer Kollektive; als Nazi-Clans ganze Kleinstädte in der Hand hatten und die Gewalt als permanente Drohung in der Luft lag; diese Zeit der Verödung von Landstrichen, in denen 80% arbeitslos wurden, und eine ganze Generation verloren ging; — diese Zeit kann vielleicht nicht erinnert werden. Es war zu viel, die Abwehrschranken liegen zu hoch, der Zugang ist verbaut, oder war es für lange Jahrzehnte, und erst jetzt kommt sie krampfhaft und bröckchenweise wieder hoch. Die einen begegnen ihr, begegnen sich selbst wieder, und die anderen erfahren vielleicht zum ersten Mal von diesem Albtraum, der stockend und ungefüge den Tag erreicht.

So ist Präkels Buch vielleicht nicht gut, aber authentisch. Es dokumentiert die Schwierigkeiten, die der Aufarbeitung dieser Zeit im Weg stehen – sogar bei denen, die sie erlebt haben. Es stellt nicht nur dar, was geschah, sondern zugleich die Prozesse, die es abwehrten und abwehren mussten, damit man überhaupt mit halbwegs heiler Haut dieses verfluchte Jahrzehnt überstehen konnte. Es macht klar, wie viel noch zu sagen wäre, um die Blockaden zu durchschlagen und das Leben nach der Wende von der umfassenden Sprachlosigkeit zu befreien, die es durchzieht wie ein Schimmelpilz und schließlich zum Verstummen gebracht hat. Irgendwie, so glaube ich, waren ja alle froh, dass es vorbei war. Man hatte verstanden, die blühenden Landschaften würden nicht kommen, aber den Müllbergen und Abraumhalden der neunziger Jahre war man entkommen, warum noch darüber reden?

Nun, weil es doch nicht vorbei ist. Die, die konnten, gingen nach Berlin oder Leipzig. Sie konnten vielleicht vergessen. Die anderen blieben da und schwiegen. Aber die Kränkungen, die Beleidigungen, die Verschrottung biografischer Substanz, die Erfahrung der Austauschbarkeit und Bedeutungslosigkeit der einzelnen und des Zusammenbruchs der sozialen Ordnung sind bloß tiefer gesackt sind, überwachsen vom Narbengewebe eines kleinen Wohlstands, das aufbricht, wo immer die Menschen das Gefühl haben, es gehe wieder schlechter und der nächste Oktroi eines neuen Systems stehe vor der Tür. Was nicht erinnert werden kann, wird wiederholt.

Klassengesellschaft 5

Zunehmend war ihm anzumerken, wie sehr er sich quälte, wie sehr ihm seine eigene Fremdheit gegenüber den anderen aufstieß. Wieder und wieder geschah das, ohne dass er sich im Geringsten in der Lage sah, daran etwas zu verändern, weil alle Versuche, die er in dieser Richtung unternahm, notwendig darauf hinausliefen, seine Andersartigkeit zu bestätigen. Es war nun einmal so, dass er aus anderen Verhältnissen kam als die überwiegende Zahl seiner Kommilitonen, seine Eltern waren Bauern wie ihre Eltern es gewesen waren. Ihre Bullenzucht bedeutete Wohlstand, der es ihnen leicht machte, den Unterhalt ihres begabten und aufstrebenden Sohnes in der teuren Metropole zu bestreiten. Ihm gab es ein Gefühl von Solidität und Unverrückbarkeit, die er als Vorzug empfand gegenüber den Spätlingen, mit denen er das Studium teilte. Als Adam grub und Eva spann, so sagte er sich manchmal, wenn er im Regionalzug von zuhause in die nahe gelegenen Universitätsstadt saß, er selbst steckte noch mit einem Teil seines Daseins im Ältesten, in der Erde, die von der Menschheit seit vielen tausend Jahren umgegraben und beackert wurde, immer auf dieselbe Weise. Was waren dagegen ein Chemiker oder ein Architekt? Figuren, die womöglich bald wieder aus der Geschichte verschwunden sein würden.

Sein Marxismus war von dieser Art, bodenständig, dreist und provozierend, mit der Selbstsicherheit desjenigen, der ebensowenig zur Klasse der unter Anpassungszwang stehende Arbeiter gehört wie die Bürgerkinder, mit denen er die gemeinsamen Interessen bei fehlender Biegsamkeit teilte, weil der Erfahrungsbereich, in dem er wurzelte, größere Zeitabschnitte der Menschenerfahrung absorbiert hatte als es die enteigneten, letztlich immer der Arbeit hinterher ziehenden Arbeiterinnen und Arbeiter jemals konnten, denen freilich das akademische Prekariat immer mehr glich, wenn die A-Karriere fehlschlug. Darum beneidete ihn die anderen manchmal. Seine politische Überzeugungen schienen unerschütterlich, sein Arbeitsethos unverbrauchbar, sein Lektürepensum gewaltig und in den Seminardiskussionen war er ebenso unermüdlich wie auf den Konferenzen und Tagungen, die er besuchte.

Und doch war er nicht glücklich, der Abstand zwischen ihm und den anderen schienen unüberbrückbar. Dass er so vieles besser konnte, war ein Makel, den er nicht los wurde. Sein Leben befand sich in einem unaufhörlichen Widerspruch. So, wie er auf der einen Seite ja auf all dem beharrte, was ihn von den anderen habituell trennte, litt er doch unter diesem Wildgeruch, der sich nicht ablegen ließ, ja durch alle Versuche, ihn loszuwerden, stärker zu werden schien. Er sah ein, dass nicht jedes Alleinstellungsmerkmal zum Erfolg führte, auch wenn das von der Ideologie des Marktes unablässig vorgebetet wurde, sondern dass es Tabus und Ausschließungsmechanismen gab, deren Existenz ihm fast körperlich fühlbar war, die aber im Einzelnen nur von denen verstanden wurde, die sie verhängten und praktizierten.

So handelte er ins Blaue hinein. Er zivilisierte sich sichtlich, wurde zum Kaffee- und Weinkenner, ging gerne gut essen, sein zu Beginn des Studiums grobes und herablassendes Verhalten legte er ab und verhielt sich gegenüber den Kommilitonen und Dozenten ausgesucht höflich, er war subtil und machte Komplimente, wo es ging. Aber es blieb die Arbeit eines Aufsteigers in eine Klasse, die sich selber als bedroht empfand und ihm deswegen den Zutritt verwehren würde. Aus den verhaltenen Reaktionen der Anderen wurde ihm deutlich, dass sie sein Prinzip durchschauten, und sich wohl darüber im klaren waren, dass er eine Taktik der Assimilation praktizierte, die nicht von Überzeugung getragen war. Er war nicht mehr so unverschämt wie zu Beginn seines Studiums, das aber war schon alles.

Mit aller Kraft strebte er einer akademischen Karriere zu. Das schien ihm wie auch ihnen, wenngleich aus anderen Motiven, einen Ort darzustellen, der klassenmäßig unbestimmt war und wo man all der innerlichen und äußerlichen Schwierigkeiten, die einem die eigene Herkunft in den Weg legte, ledig werden könnte. Nur die individuelle Leistung schien hier zu zählen, und obwohl er wusste, dass das eine Lüge war, überredete er sich immer wieder, ihr Glauben zu schenken. Es war ein Selbstbetrug, denn bürgerlich war diese Sphäre in jedem Fall, nicht bloß in der Art, wie gedacht wurde und der Bereich der Kultur mit der politischen Wirklichkeit nicht in Zusammenhang gebracht wurde, sondern in einem ganz handfesten Sinne, weil hier die letzten Verteilungskämpfe einer niedergehenden Schicht ausgefochten wurden und nur diejenigen Zutritt erlangten, die einen bestimmten Verhaltenskodex mit einer Schwerlosigkeit zu beherrschen schienen, die er, schwer und plump in seinem ganzen Auftreten, nie würde erlangen können. Die Kunst bestand darin, die Regeln im rechten Moment zu brechen. Dafür hatte er kein Gefühl.[1]

So drehte er sich im Kreis. Alle Versuche, sich anzupassen, ließen seine Nichtintegrierbarkeit nur um so deutlicher hervortreten, nicht zuletzt weil er das mit einem Teil seines Wesens ja auch wollte, weil der Klassenkampf ja nicht aufgehört hatte, sondern bloß mit anderen, partisanenhaften Mitteln weitergeführt werden sollte. Das ahnten die anderen und er selbst ahnte, dass sie es ahnten, und so trieb er sich immer tiefer hinein in den Zirkel aus Unterwerfung und dann doch nur schwer zu verbergenden Arroganz, durch den der sich erst recht vom akademischen Betrieb ausschloss.


Anmerkung
[1] Das Prinzip der Zuckerzange. Man legte sie in den gut situierten Häusern des 19. Jahrhunderts zum Würfelzucker, aber wehe denen, die sie benutzten. Unweigerlich waren sie als kleinbürgerliche Aufsteiger entlarvt.

Warum »nationaler Sozialismus«?

III. weg 1 mai chemnitz-5

Wenn der Ost-West-Konflikt, wie nun immer deutlicher wird, die treibende Kraft in der neuen rechten Bewegung ist, die im Osten immer mehr Boden gewinnt [1]: Warum – naive Frage! – richtet sich die Sehnsucht nicht auf die verlorene DDR? Warum steht im Zentrum der rechtsradikalen Forderungen ein Begriff, der langsam aber sicher seine Anrüchigkeit verliert und aus extremen Gruppierungen wie dem (hier zu sehenden) III-Weg in breitere Bevölkerungsschichten diffundiert: »nationaler Sozialismus«? Man muss feststellen: Die Forderung nach einem nationalen Sozialismus ist ein geringeres Tabu als die Forderung nach einer Wiederkehr der DDR. Im Grunde ist das erstaunlich, denn wenn man Verbrechen und  und Verdienst des NS und der DDR miteinander vergleicht, sieht es für die DDR unbedingt besser aus. Warum also der Rückgriff aufs tabuisierte Vorgestern?

Es scheinen zwei Gründe dafür ausschlaggebend zu sein: sehr verschiedene Gründe, die sich jedoch wechselseitig ergänzen.

Erstens war die DDR eine Gesellschaft, in der Ausbeutung im internationalen Maßstab nur eine geringe Rolle spielte. Verglichen mit dem Kolonialismus von früher, verglichen aber auch mit dem Ausmaß, in dem heute die Siegerstaaten des global agierenden Kapitalismus alle anderen Länder niederhalten, ausbeuten und ökonomisch über den Tisch ziehen, war die DDR harmlos.

Es glauben aber jetzt immer weniger Menschen daran, dass eine solidarische Welt ohne Ausbeutung, in der es gerecht zugeht und in der die Menschen vom gemeinsamen Reichtum etwas abbekommen, überhaupt noch möglich ist. Sie fragen sich: Ist es vielleicht nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf? Ist ein Fortschritt der menschlichen Gattung wirklich noch zu erwarten? Wahrscheinlicher wirken im Moment: Niedergang, mafioser Zerfall und eine unaufhaltsam auf uns zurollende ökologische Katastrophe. Dieses Grundempfinden haben die beeindruckenden, aber untergründig hysterischen Proteste im Hambacher Wald und die neue rechte Bewegung nach meinem Eindruck miteinander gemeinsam.

Wenn das aber so wahrgenommen wird: ja – dann können wir unser Heil nur in der weiter fortgesetzten, ja radikalisierten Ausbeutung finden; genau wie der historische Nationalsozialismus, der es durch die Rassenlehre von Herren- und Sklavenvölkern untersetzte. Dann müssen wir uns abschotten, eine europäische gated community der (noch) Privilegierten bilden und die anderen für uns arbeiten lassen. Wie rassistisch im strengen Sinne die neue Rechte, wenn man von den harten Kadern absieht, wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Aber am Kern einer rücksichtslosen Ausbeutung plus nationalen Protektionismus führt aber nichts vorbei. Denn es ist die einzige Möglichkeit, in einer Welt, in der nicht genug für alle da ist und mit der es scheinbar bergab geht, das, was man noch hat, zu sichern. Und genau in dieser Hinsicht erscheint der NS vielen Menschen illusionsloser als der untergegangene sozialistische deutsche Staat.

Zweitens: Der Nationalsozialismus ist böse, die DDR lächerlich. Überspitzt gesagt: Nicht mal als als »Unrechtsstaat« hat es die DDR besonders weit gebracht. Sie ist – trotz Bautzen, trotz der allmächtigen Staatssicherheit, trotz der Toten und ruinierten Existenzen – in der Wahrnehmung des Westens irgendwie kleinbürgerlich und kleingärtnerisch geblieben. Damit verglichen ist der NS von dämonischer Größe. Er hat das Format des großen Verbrechers, mit dem man sich leichter identifiziert als mit dem Kleinkriminellen. Auf diesem lastet eher das Gefühl der Scham. Scham aber ist gattungsgeschichtlich sowohl als auch in der Entwicklung des Einzelnen viel älter, stärker und robuster als das Konzept der Schuld. Es liegt tiefer und die von ihm errichteten Verhaltenshürden sind sehr viel schwerer zu nehmen

Für mich war es immer sehr eigenartig, dass die DDR nach der Wende zum Gegenstand des Spottes wurde. Man kennt das: die Mode, das Piefige, die im Westen als exotisch wahrgenommenen Begriffe, die ebenfalls irgendwie kleinkariert und provinziell wirkten, der Dialekt, bzw. die Dialekte, die Marken und Markennamen: all das verfiel der Lächerlichkeit. Jana Hensel beschreibt diese komplett neurotische Situation für die neunziger Jahre sehr klar: »so lief die Bildmaschine in meinem Kopf ständig, scannte alles um mich herum und registrierte die Gesten, Begrüßungsfloskeln, Redewendungen, Sprüche, Frisuren und Klamotten meiner westdeutschen Mitmenschen.« Die Sache mit der Kleidung hat sich im Großen und Ganzen wohl erledigt. Aber vieles andere ist geblieben, worin es zu kultureller Gleichberechtigung nicht einmal im Ansatz gekommen ist.

Es gibt dafür mehrere Gründe. Einmal ist der Spott über den Klassenfeind von gestern, der zum Verlierer der Geschichte wurde, eine vielleicht nicht natürliche, aber nachvollziehbare Regung. Das scheint mir aber nur die überaus dünne Oberfläche eines vielfältig geschichteten Psycho-Komplexes zu sein. Denn mit dem Spott über die DDR entsorgt die BRD auch ihre eigene Vergangenheit: all den sozialstaatlichen Muff, die Enge, die es dort mit einem Zeitversatz von 15 Jahren eben auch gab. Auch bei uns im Westen war das Staunen groß, als die ersten Südfrüchte in den Supermarktregalen auftauchten.

Aber noch mehr: In der spöttischen Herablassung drückt sich ein ambivalentes Verhältnis zu der von der DDR verkörperten Vergangenheit aus. Der Witz, so schreibt Freud, erlaubt es, das Verdrängte bewusst zu machen – um den Preis, dass man darüber lacht und es verunglimpft. Das Verdrängte aber sind die verbotenen Wünsche. Es sind also die eigenen regressiven Sehnsüchte, die eigenen Rückkehrwünsche in die geschlossene Welt vor dem Durchbruch des Neoliberalismus, die sich im Spott über die DDR und die Ostdeutschen entlädt. So lacht man über das, wohin man partout nicht zurück kann.

Aber Herablassung erzeugt Trotz. Dieser Trotz geht nicht so weit, das Verlachte selbst zurückzufordern. Also richtet er sich zähneknirschend auf das überwunden geglaubte Böse – auf das Verdrängte von vorgestern statt auf das von gestern.

Anmerkung: 

[1] Neben dem Gesprächsband von Jana Hensel und Wolfgang Engler, den ich in der letzten Zeit häufiger erwähnt habe, vertritt auch die gerade erschienene Streitschrift „Integriert erst mal uns!“ der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping diese Ansicht – mit m.E. unwiderleglichen Argumenten.

Essen wegwerfen

Ein Artikel in der »Zeit« beschäftigt sich damit, dass in den Industrienationen Lebensmittel in erheblichem Maßstab weggeworfen werden. [1] Das hat viele Gründe, die sich über die gesamte Produktionskette bis hin zum Endverbraucher verteilen. Eine große Rolle spielt aber dabei der Umstand, dass zu viel eingekauft wird. Ein großer Teil der Lebensmittel, die in den Müll wandern, werden in unseren Kühlschränken schlecht. [2]
¶ Was ist der Grund für dieses Verhalten? Es scheint mit einer Struktur zu tun zu haben, die erst der späte Kapitalismus den Konsumentinnen und Konsumenten aufgenötigt hat. Man will sich nicht entscheiden. Das, was aus dem Supermarkt nach Hause transportiert wird, entspricht nur zum Teil dem, was man voraussichtlich braucht. Es handelt sich vielmehr um einen Import des Supermarkt-Regals selbst. Auch vor dem Kühlschrank, auch vor dem Regal in der Speisekammer möchte ich die volle Auswahl haben. Die Entscheidung darüber, was man isst, wird in letzter Sekunde und spontan gefällt. Jede Planung, jede vorgezogene Entscheidung hat ja zur Folge, dass man sich des Möglichkeitsspielraums beraubt, dessen Expansion einer der libidinösen Zentralaspekte dieser Phase des Kapitalismus darstellt. Deswegen muss systematisch zu viel eingekauft werden. Deswegen nehmen wir Tag für Tag, Woche für Woche in Kauf, Lebensmittel wegzuwerfen. Irgendwie sind wir doch reich, wir können uns das leisten. Wer isst seinen Kühlschrank wirklich leer, bevor sie/er wieder einkauft?
¶ Dieses Konsumverhalten scheint aber noch auf einem weiteren dynamischen Fundament zu stehen. Speziell vor den Feiertagen, selbst dann, wenn es sich nur um ein verlängertes Wochenende handelt, nimmt das Einkaufsverhalten fast hysterische Züge an. Die ohnehin schon riesigen Einkaufswagen sind randvoll, man hat das Gefühl, dass ein echter Versorgungsengpass bevorsteht. Dahinter steht nicht nur das Bedürfnis nach freier Wahl. Sondern auch eine Angst: der Kapitalismus mit seinen ungeheuren Serviceleistungen beginnt langsam unglaubwürdig zu werden. Irgendwie ist das alles gar nicht wahr, es wirkt nicht real. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan. Die Fundamente erodieren, Günter Eichs Termiten arbeiten sich durch unser Gesellschaftsgebäude. Jederzeit könnte es zusammenbrechen, jederzeit könnte sich alles als eine riesiger Irrtum herausstellen und wir vor leeren Regalen stehen. Vor den Feiertagen treten die Katastrophenahnungen verstohlen an die Oberfläche.
¶ Diese Angst, die allem Reichtum zum Trotz in den letzten Jahren zugenommen zu haben scheint, hat etwas damit zu tun, dass die reale, d.h. die produktive Wertschöpfung für den Reichtum einer Gesellschaft eine immer geringere Rolle spielt. Es wird sehr viel Geld auf dem Spekulationsmarkt verdient, es gibt sehr viele gut bezahlte Jobs, bei denen nicht mehr ersichtlich ist, was durch sie produziert wird und wem sie eigentlich nutzen, und die offensichtlich wichtige Arbeit wird tendenziell zu schlecht bezahlt. Die Welt ist voll von unnützen Waren, deren Vervielfältigung ihre Nutzlosigkeit nur ganz oberflächlich zum Verschwinden bringt. Auf allen Gebieten sind Tausch- und Gebrauchswert weiter denn je auseinandergetreten. Das ganze System wirkt mittlerweile wie die sprichwörtliche Blase, die beim leisesten Druck von außen zerplatzen könnte.
¶ Dabei geht es nicht darum, ob dies ein realistisches Szenario ist. Das ist es natürlich nicht: der Kapitalismus wird nicht einfach zerplatzen, er befindet sich eher in einem Zustand lang anhaltender Agonie, eines gleitenden und allmählichen Zerfall. Das Bild der zerplatzenden Blase ist ein Mythos. Aber Gefühle leben von solchen Mythen, von drastischen und greifbaren Bildern, aus denen sich überschaubare Geschichten entwickeln lassen. Und für das Verhalten der Menschen sind nicht die Dinge, wie sie wirklich sind, sondern wie sie empfunden werden, verantwortlich. Und es ist eben diese Empfindung, die dahin drängt, diese ganze, von uns geschaffene Welt als eine Phantasmagorie zu empfinden, als etwas hochgradig Irreales. Davor versucht man sich in Acht zu nehmen. Angesichts dessen betreibt man eine Vorratshaltung des Augenblicks, die freilich, weil sie im Übermaß verderbliche Lebensmittel aufhäuft, keine wirkliche Vorratshaltung ist.
¶ Gerade das führt auf ein drittes Motiv. Vielleicht gibt es sogar ein Bedürfnis, Werte zu vernichten. Vielleicht ist die Selbstzerstörungsmaschine, zu der sich der Kapitalismus entwickelt hat, so sehr zum Bestandteil unserer Psyche geworden, dass wir gar nicht mehr anders können als mitzumachen. Die einzige Form, mit dieser Dynamik der Selbstzerstörung seinen oder ihren Frieden zu machen, besteht darin, sich in sie einzuklinken: mitzumachen, sie zynisch zu überbieten, sich falsch zu verhalten, obwohl ich weiß, dass ich es eigentlich nicht tun sollte. Aus dieser Perspektive besteht kein großer Unterschied zwischen dem Erwerb eines SUV, dem vernunftwidrigen Einkauf einer zu großen Menge von Lebensmitteln, und der lustvollen Anhäufung unverantwortlich großer Mengen von Plastikmüll. Man könnte es eine Feuerwerks- oder Jetzt-erst-recht-Mentalität nennen. Man könnte auch sagen, es sei ein dekadentes Verhalten. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles dem Untergang geweiht ist (und von diesem Grundgefühl sind alle Epochen bestimmt gewesen, die in der Kunst und Literaturgeschichte dann später als dekadent klassifiziert wurden), was bleibt mir dann anderes übrig, als die Zukunft ganz in den Wind zu schlagen, wie Gegenwart zu genießen, und mich mit der Dynamik des ganzen widerstandslos zu identifizieren?

Nachweise
[1] Die Zeit 40/2018, S. 23-35. https://www.zeit.de/2018/40/lebensmittelverschwendung-mindesthaltbarkeit-verbraucher-einzelhandel-industrie (Paywall)
[2] Ebd.: „Eine Studie der Universität Stuttgart, in Auftrag gegeben von der damaligen Agrarministerin Ilse Aigner, kam 2012 zu dem Ergebnis, dass 61 Prozent der Lebensmittelverschwendung privaten Verbrauchern zuzuschreiben seien. (…) Das Problem fängt damit an, dass die meisten Deutschen zu viel einkaufen. (…) Gegessen wird längst nicht alles. Von allen Lebensmitteln, die der Deutsche in die Tonne wirft, entfallen allein 44 Prozent auf Obst und Gemüse und 15 Prozent auf Brot, wie die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berechnete. In sechs von zehn Fällen sei die Vergeudung leicht zu vermeiden: Verbraucher lagern die Waren falsch oder denken beim Einkaufen nicht richtig nach. Viele Produkte würden spontan gekauft, angebrochen im Kühlschrank vergessen und erst entdeckt, wenn sich bereits ein Schimmelrand gebildet hat. Einkaufszettel benutzen die Deutschen nur noch selten. Dafür fallen sie auf Sonderangebote herein.“

Historische Anamnesis II

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Markt in Plauen, Vogtland

Am 18.9. stand in der Chemnitzer Morgenpost, bzw. in tag24, dass Plauen die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in ganz Deutschland Plauen sei. [1] Dasselbe Plauen, in dem „Der III. Weg“ am Abend der Chemnitzer Demonstrationen vom 1.9. 800 Bürger rekrutierte, die gegen „Überfremdung“ und „Umvolkung“ auf die Straße gingen? [2]

Es geht, selbst wenn man ein gewisses Misstrauen in solche Erhebungen einrechnet, den Plauenern offensichtlich nicht schlecht. Das legt den Schluss nahe, dass sie und die vielen anderen, die in den letzten Jahren gegen die Flüchtlinge auf die Straße gingen, vor allem davor Angst haben, dass sich daran etwas ändert. Hinter den Migranten steht eine andere Welt, die Menschen haben eigentlich nicht vor ihnen Angst, sondern vor etwas, wofür sie stehen, etwas, das sie bloß chiffrieren. Sie sind ein Sündenbock, auf den Konflikte projiziert werden, für die er selbst gar nicht oder nur zu einem ganz geringen Teil verantwortlich ist.

Was aber steht dahinter? In dem von Jana Hensel und Wolfgang Engler verfassten Gesprächsband „Wer wir sind: Über die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ vertritt Jana Hensel die Ansicht, dass der „Brandherd“ des Volkzorns, die verborgene Triebkraft hinter den populären Ausläufern der neuen Rechten der Ost-West-Konflikt sei. [4] All das, was in der Nachwendezeit schief gegangen ist, habe diesen Konflikt immer weiter geschürt, der sich nun nach 30 Jahren voller Angst und Hass entlade. Das meint: Sie schlagen die Flüchtlinge und meinen den Westen.

Mit knapper Not ist man aus der großen „Überfremdungs“-Erfahrung der Nachwendezeit herausgekommen, begleitet von zahllosen Demütigungen, die bis heute nachwirken: ungerechtfertigte Betriebsschließungen, Desinteresse, Herablassung, Ausbeutung und Entwertung des „Bürgers“ zum „Transferempfänger“. [4] Jetzt folgt der nächste Streich, die nicht bloß ökonomische, sondern kulturelle Anpassung an den „Westen“.

Nicht allen, die sich Pegida angeschlossen haben und mit Pro Chemnitz demonstrieren, werden davon angetrieben sein. Vor allem, was die rechtsradikalen Kader betrifft, die diese Volksbewegung nutzen, liegt der Fall wohl anders. Sie scheinen tatsächlich von faschistischen Grundüberzeugungen angetrieben zu sein. Aber für viele, die sich ihnen angeschlossen haben, gleichzeitig aber mit höchster Empörung (aus der zuletzt noch die antifaschistische DDR-Sozialisation spricht), zurückweisen, als „Nazi“ bezeichnet zu werden, sitzt das Ressentiment gegenüber dem Westen sehr tief. Die mit den Flüchtlingen hauptsächlich verbundene Angst besteht darin, so zu werden wie der Westen.

Im »Sachsengespräch« am 17.9., in dem die Sicherheit in Chemnitz im Mittelpunkt stand, sagte jemand (wie ich aus dem Westen kommend, aber schon lange in Chemnitz lebend), dass er die Leere als das eigentliche Problem der Chemnitzer Innenstadt empfinden würde. Ab 20:00 Uhr könne man froh sein, wenn man überhaupt jemandem begegne. Darüber hinaus wäre die Innenstadt natürlich auch sicherer, wenn außer den Gruppen von ausländischen Jugendlichen überhaupt noch jemand anders auf der Straße sei. Daraufhin erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der in den Satz gipfelte: „Wir müssen arbeiten!“

Die Diskussion brach dann ab. Sie setzte sich aber in meinem Kopf so fort, dass das natürlich auch für die Einwohner von Karlsruhe und Bielefeld gilt, die ja nicht per se auf der faulen Haut liegen, wo der Tourismus sich in Grenzen hält und trotzdem die Innenstädte nicht in diesem Grade verödet sind. Wenn ich das aber gesagt hätte – so setzte meine Fantasie sich fort (die Diskussion selber war schon wieder an einem anderen Punkt angekommen) -, hätte es die Stimmung mutmaßlich noch mehr vergiftet. Denn darum ging es ja gerade: Wir wollen nicht sein wie Karlsruhe oder Bielefeld; wir wollen nicht werden wie der Westen; nach Jahrzehnten der Entfremdung wollen wir unter uns bleiben, es soll hier nicht aussehen und zugehen wie in den westdeutschen Großstädten, in denen das, was wir gerade zu verhindern versuchen, an der Tagesordnung zu sein scheint. Der polemische Sammelbegriff für all das ist „linksgrünversifft“: irgendwie anrüchig, tendenziell faul, queer, offen, multikulturell, unberechenbar und in verdächtiger Weise „kreativ“. Und wenn gefordert wird, die Grenzen dichtzumachen, oder Sachsen von der Bundesrepublik abzutrennen und an die Visegrad-Staaten anzuschließen [5] -: kehrt da nicht auch, vermittelt über viele Ecken und psychohistorische Seitenwege, das Bild des „antikapitalistischen Schutzwalls“ wieder, den man sich im Grunde zurückwünscht, ohne es deutlich aussprechen zu können?

Die Angst vor dem ‚da drüben‘, der Hass auf die dort vermutete Dekadenz sind jedenfalls groß. Als bei demselben Sachsengespräch am letzten Montag Innenminister Wöller erklärte, dass die personelle Aufstockung bei der Polizei erst ab dem Beginn des nächsten Jahres greifen würde – bis dahin habe man sich zunächst mit einem Überhang an Pensionierungen – herumzuschlagen, brach es aus jemandem heraus: „Wie lange wollt ihr denn noch warten – das sind Monate, da geht hier alles unter!“ Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, und vereinzelt wurde im Publikum auch darüber gelacht. Aber aus dem, was er rief, sprach reale, im Grunde an Panik grenzende Angst.

Ich finde es richtig, politische Forderungen zu erheben, die eine sozialere, rationalere und verständlichere Politik in den Mittelpunkt stellen. Es scheint mir kurzfristig auch die einzige Möglichkeit zu sein, den nächsten anstehenden GAU zu verhindern, nämlich einen Durchmarsch der AFD bei der nächsten Landtagswahl. Das im weitesten Sinne kollektivpsychologische Moment aber, das mir, je länger ich darüber nachdenke, für die Entwicklung hier eine schlechterdings zentrale Rolle zu spielen scheint, ist damit im Grunde  noch gar nicht berührt. Und ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht so recht, wie man es anfassen kann.


Nachweise:

[1] https://www.tag24.de/nachrichten/plauen-sachsen-vogtland-diese-region-hat-die-hoechste-lebensqualitaet-deutschlands-786234

[2] https://www.endstation-rechts.de/news/starker-zulauf-fuer-neonazi-demo-in-plauen.html

[3] Jana Hensel / Wolfgang Engler, Wer wir sind: Über die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Kindle-Ausgabe, Pos. 1154 {Hensel].

[4] Ebd., Pos. 1195 [Engler].

[5] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/pro-chemnitz-gruender-mit-ungarn-mehr-gemein-als-mit-den-wessis-15764146.html

Sprache und Wirklichkeit

Die Form, in der sich der Ministerpräsident des Landes Sachsen, Michael Kretschmer, und der Verfassungsschutzpräsident des Bundes, Hans-Georg Maaßen, der Wirklichkeit stellen, ist die reine, fürsichstehende Negation.

„Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd, keine Pogrome“,

sagte Kretschmer in seiner Regierungserklärung vom 6.9.2018. Und Maaßen ließ gegenüber der Bildzeitung verlauten:

„Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt“. „Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben.“

Ja geschenkt, über Begriffe kann man sich bekanntlich streiten. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass sich die politische Kaste darauf beschränkt, zu sagen, was es nicht war, aber gänzlich auf eine Beschreibung dessen verzichtet, was es denn nun war.
Torsten Kleditzsch, der Chefredakteur der Chemnitzer Freien Presse, hat genau das versucht, mit dem bekannten Ergebnis, dass er den Begriff Hetzjagd für unangemessen hält:

„Es gab aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten. So wurde Menschen über kurze Distanz nachgestellt. Insofern wäre der Begriff ‚Jagdszene‘ noch gerechtfertigt. Eine ‚Hetzjagd‘, in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben, haben wir aber nicht beobachtet.“

Man muss nicht zu diesem Ergebnis gelangen, aber die Erklärung, die er am 30.8.2018 in seiner Zeitung veröffentlichen ließ, ist redlich in dem Sinne, dass sie sich um eine Beschreibung des von ihr bezeugten Sachverhaltes bemüht – eine Beschreibung, die mehr ist als ein Wort, die aus Sätzen und Satzzusammenhängen besteht, die letztlich die Basis bestimmter Begriffe bilden. Wenn sich die Politiker in ihren offiziellen Verlautbarungen diese Mühe nicht machen und vor einer aneignenden Darstellung der Wirklichkeit kapitulieren, hat das mehrererlei zur Folge:

  • Es eröffnet für das, was war, einen unkontrollierten Deutungsraum, trägt zur Polarisierung bei und überlässt im konkreten Fall das Feld all denen, die daran interessiert sind, die Ereignisse zu verharmlosen. Dann war also gar nichts? Oder war, wie Maaßen insinuiert, das im Internet kursierende Video (welches?) eine „gezielte Falschinformationen“. Das setzt sich freilich darüber hinweg, dass sich Kleditzsch in erster Linie auf Augenzeugenberichte beruft und die Videos lediglich als zweite Quelle heranzieht: „Wir kennen auch kein Video, das eine solche Szene dokumentiert.“
  • Es verstärkt den allgemeinen Eindruck, dass die Politiker sich vor der Wirklichkeit drücken; dass sie sich nicht mit ihr konfrontieren, geschweige denn sie durch politisches Handeln ändern wollen, sondern dass ihre Autorität sich auf Beschönigung oder zumindest Beschwichtigung beschränkt.

Einer der immer wiederkehrenden Vorwürfe an die sogenannte liberale Elite lautet bekanntlich, dass Sie ihr politisches Handeln auf Sprachregelungen beschränkt. Inklusive Schreibweise statt Kampf für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen; Losungen der multikulturellen Gesellschaft, die sich um die Probleme vor Ort nicht schert; studentische Initiativen (die schnell auch zur Elite geschlagen werden), die angeblich rassistische Texte aus dem Kanon nehmen möchten, aber gedankenlos darüber hinwegsehen, dass in der Mensa zu 90% Menschen südosteuropäischer oder afrikanischer Herkunft eingestellt sind.

Im Zentrum dieser Vorwürfe steht die Verwechselung von Sprache und Wirklichkeit. Man glaubt wirklich, man habe etwas verändert, wenn man auf die richtige Weise darüber redet. Und so wird als Intention hinter den bloß negierenden Sprachverhalten der Politik zu den Vorfällen in Chemnitz ein apotropäischer Gestus erkennbar. Man will einfach nicht, dass es ist, man will es weg haben, man will es sprachlich verhindern und dadurch, dass man nur sagt, was es nicht war, in toto aus den Köpfen löschen.

 

 

Historische Anamnesis

Beschreibungsversuch mit offenem Ausgang

In den rechten Demonstrationen der letzten Tage gibt es eine Konstante. Das ist der brutale Hass auf die Medien. Die werden in keiner Weise als eigenständige Kraft wahrgenommen, sondern einzig und allein als propagandistisches Mundstück einer Politik, die sich von den Bürgern entfremdet hat. Das erinnert an die mittleren und späten 1980er Jahre in der DDR, die sich hier in einer Art historischer Anamnesis über die Wahrnehmung der Gegenwart schieben, in der man den Medien (nach meiner Einschätzung) zwar systembedingte Strategien des Realitätsverlust vorwerfen kann, nicht aber Propaganda im eigentlichen Sinn. Genau das aber war damals der Fall und bestimmt die Wahrnehmung heute. Für die Demonstrierenden bei AfD, Pro Chemnitz und Co. sind Presse-, Rundfunk- und Fernsehteams die unmittelbaren Vollzugsorgane einer Politik, von der sie sich verachtet fühlen, und die ihnen oft genug dazu Anlass gegeben hat. Deswegen die massiven verbalen und körperlichen Angriffe, deswegen die Zerstörung von Kameras, deswegen das Überschreien der Berichterstattung in jeder Form.

Adam Soboczynski hat schon im Februar 2016 darauf hingewiesen, dass sich die Zeiten und Epochen in Ostdeutschland auf eine seltsame Weise überlagern, dass zwischen der SED-Parteispitze, die vom nächsten Fünfjahresplan und der internationalen Solidarität faselte und deren einzige Aufgabe darin bestand, eine zerfallende Gesellschaft schönzureden, und den Berliner Politikern, die mit ihren abstrakten Losungen einer offenen und demokratischen Gesellschaft den gefühlten oder realen Niedergang ebenfalls schönreden, in der Wahrnehmung kaum noch ein Unterschied gemacht wird.[1] Nur durch diese Verwechselung ist es zu erklären, dass sich die neue Rechte im Osten von Anfang an als Wiederkehr von 1989 inszenierte („Wir sind das Volk!“; „Wir haben 1989 Revolution gemacht, und das machen wir jetzt wieder!“[2]) und dass sie, zweitens, im Moment hier noch deutlich mehr Durchschlagskraft hat als im Westen. Kollektive Erinnerungen spülen an die Oberfläche und treiben das ganze voran, die Agonie der DDR liefert das Vorbild für den gegenwärtigen Zustand.

Der Grund für diese unkontrollierte Wiederkehr ist zunächst leicht zu benennen. Es wurde zu wenig gesprochen, zu wenig ernst genommen, zu wenig zugehört und zu wenig erzählt; und wenn man das tat, dann blieb man unter sich. Es klingt banal und selber schönrednerisch, aber nur, wenn man die Vergangenheit genau erfasst und in einem öffentlichen Klima, dass es begünstigt hätte, beschrieben hätte, könnte man sie jetzt von der Gegenwart unterscheiden.

Die Konzentration auf rein ökonomische Prosperität auf der einen Seite, das umfassende Desinteresse des Westens an allem, was den Osten betrifft, auf der anderen Seite, haben das verhindert. Das sächsische Wirtschaftswunder nach 1989 entspricht den westdeutschen Wirtschaftswunder nach 1945. Dieselbe Fixierung auf Ökonomie, dasselbe Weiterleben alter Verwaltungsstrukturen und -mentalitäten, dieselbe staatlich geförderte Verdrängung der Vergangenheit, dasselbe Misstrauen gegen Formen demokratischer Kultur von unten (für ja im Westen auch erst 68 den Durchbruch brachte). Der Unterschied ist, dass es hier nicht so gut gelaufen ist, weil es mit dem Abbau des Sozialstaats historisch zusammentraf und die Prosperität, die man sich erarbeitet hat, wenig gesichert scheint. Wenn sich das wiederum mit jahrzehntelangen Erfahrungen der Entwertung verbindet, dem Gefühl also, von einem Teil der westdeutschen Bevölkerung gemieden zu werden, kulturell und wissenschaftlich unterversorgt zu sein (man vergleiche die Universitätssdichte in West und Ost, betrachte die Zusammensetzung ihrer Führungsriege; bis heute gibt es kein psychoanalytisches Ausbildungsinstitut auf dem Gebiet der ehemaligen DDR; man betrachte die Infrastruktur, Ärzte- und Krankenhausdichte etc.), dann kehrt das Verdrängte irgendwann wieder und sprengt die Gegenwart weg.

Dieser Analyse greift übrigens, wenn ich richtig sehe, nicht für die strategische orientierte Führungsriege der AfD und der ihr nahestehenden Bewegungen. Sie arbeiten damit als einem Druckmittel, um an die Macht zu kommen. Und auch das ist kein kurz gedachter Prozess. Das nächste Ziel ist es, in den drei Landtagswahlen des nächsten Jahres zur stärksten Fraktion zu werden. In Sachsen stehen die Chancen relativ gut, dass es so kommen wird. Wenn das aber passiert, ist es für die Partei eine Win-Win-Situation. Wenn sie die Regierung übernimmt, sowieso. Wenn ihr der Griff nach der Macht durch welche abstruse Koalition auch immer verweigert wird, wird es die Wähler noch wütender machen. Auch hier wieder eine historische Anamnesis mit fatalen Konsequenzen: Egal was man wählt, am Ende regieren immer dieselben. Dem Endziel einer Machtübernahme kommt man damit jedenfalls ein gutes Stück näher.

Nachweise:
[1] https://www.zeit.de/2016/10/osten-sozialismus-fluechtlinge-rechte-gewalt
[2] Beginn der Dresdner Inszenierung von „Graf Öderland“ von Max Frisch – unter dem Titel: „Graf Öderland – Wir sind das Volk“. Anfangschor, zusammenmontiert aus Dresdner Pegida-Texten.

Chemnitz, 27.8.2018

Was hat sich da im Zeichen von Karl Marx versammelt, wer schwenkt die nationalen Banner unter dem Schriftzug „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“? Eine düstere, disziplinierte Masse, 2-3000 Menschen (es gibt auch Schätzungen, die sehr viel höher liegen), fast regungslos über Stunden, bis sie sich dann plötzlich in Bewegung setzten.

Und wir? Naja, wies halt so ist: ein bunter Haufen von Individualisten, ein weng verspielt, träge, im Zweifel ängstlich, auf dem Döner herumkauend, wartend und schwatzend mit alten Bekannten. Es war vollkommen klar. Wenn die kompakte Truppe da drüben einmal Luft holt und gemeinsam losrennt, dann sind wir alle platt und von den Wannen dazwischen wird nichts übrig sein. Die Kräfteverhältnisse waren eindeutig. Die nationale, antikapitalistische Rechte, die sich hier aufgebaut hat, ist die kommende Kraft und sie weiß das ganz genau. Ich hatte schon im Mai vor der Selbstzufriedenheit all derer gewarnt, die glaubten, dem III. Weg und seinen Anhänger*innen eine Niederlage beigebracht zu haben. Gestern kam das Illusionäre, letztlich Wahnhafte dieser Vorstellung an den Tag.

Kurze Zeit sah es ja so aus, als würden meine Phantasien wahr werden und die Rechten den Stadthallenpark stürmen (und wenn sie gestern nicht getan haben, so werden sie es übermorgen tun). Menschen rannten herum und schrien, die altgediente Chemnitzer Antifa wirkte überfordert, nur die autonomen Grüppchen zogen sich langsam und kontrolliert zusammen, sammelten sich und begannen sich zu vermummen. Bei ihnen habe ich mich sicherer gefühlt. Und glaubt mir, ich mag sie eigentlich nicht besonders.

Die Polizei steht im Fokus der Kritik. Zu Recht: Sie war naiv und miserabel vorbereitet. Nach den Ereignissen am Tag zuvor, an dem die Rechten nur wenige Stunden gebraucht hatten, um knapp 1.000 Leute auf die Straße zu bringen, hätte man ja anfangen können, zu rechnen – also hochzurechnen, nicht runterzurechnen …

Viel entscheidender finde ich allerdings etwas anderes: Die vollkommene restlose Abwesenheit der Stadtpolitik bei der Gegenveranstaltung, insbesondere der Oberbürgermeisterin. Wie kann diese Frau am Tag zuvor verlauten lassen, die Ereignisse der vergangenen Nacht, in denen nazistische Stoßtrupps durch die Innenstadt zogen und vermeintlich Nichtdeutsche jagten, seien „ENTSETZLICH“ gewesen und sich dann nicht blicken lassen? Keine Rede, kein Grußwort, kein Zeichen der Solidarität mit der hastig und provisorisch zusammengetrommelten Gegenveranstaltung; nichts, das ihr Kraft und ein wenig Zuspruch von oben gegeben hätte. Nichts außer einem weiteren Rücktrittsgrund dieser Katastrophe in Person. (Natürlich waren einige Kommunal und Landespolitiker anwesend, aber als Privatpersonen. Dass die Politik sich für diesen fast schon verzweifelten Versuch, einer rechten Übermacht standzuhalten, überhaupt interessiert, war für den unbefangenen Betrachter nicht erkennbar.)

Zu den vielen Posts und Tweets, in denen sich für „meine Stadt“ geschämt wird: Klar, es ist ärgerlich, dass es gerade hier passiert ist. Aber wenn es nicht hier passiert wäre, wäre es anderswo passiert. Und da man Chemnitz, bzw. Sachsen nicht en bloc abschieben kann, wie in einigen linksreaktionären Tweets gefordert wurde, sollte man sich eher mit der unbequemen Wahrheit anfreunden, dass sich hier eine Situation auskristallisiert hat, die insgesamt ein vorfaschistisches Potenzial enthält. Vielleicht ist die Mischung aus Verlustängsten und Nichtabgebenwollen, die mir die affektive Grundlage der neurechten Gesinnung zu sein und in der wir das historische Ergebnis des neoliberalen Paradigmenwechsels vor uns haben, hier am brisantesten; vielleicht ist sie durch die ja schon sprichwörtliche sächsische Blindheit gegen Rechts besonders kultiviert worden; vielleicht – ich weiß nicht. Fest steht jedenfalls, dass das Ding verallgemeinerungsfähig ist, und dass die Neurechten alles tun werden, um eine fette nationale ‚Bewegung‘ daraus zu schmieden.

„Wehret den Anfängen“ hieß es früher immer. Es sind keine Anfänge mehr.

Erdenglück und Himmelreich

Der Kleingarten gilt als Inbegriff deutscher Spießigkeit. Man kultiviert die eigene Borniertheit, grillt den ganzen Sommer über, zieht die Deutschlandfahne hoch und wählt rechts. Dem rigiden Regelwerk der Sparte (ein Überbleibsel der alten germanischen Gemeindeordnung) unterwirft man sich, weil es zutiefst befriedigend ist, wenn man auch die anderen damit plagen kann.

Aber geschieht diese Diskriminierung mit Recht? Und ist sie noch zeitgemäß? Der Kleingarten entstand, ausgehend von Leipzig, als Gegenbewegung zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Sie wollte die Natur in die zunehmend unbewohnbar werdenden Städte zurückholen, dem Proletariat nicht nur Schönheit und Erholung, sondern auch die Möglichkeit zur Selbstversorgung gewähren. Gut möglich, dass der Kleingartenboom, der sich seit einiger Zeit in den Großstädten abzeichnet – in Berlin liegen die Wartezeiten mittlerweile bei 5-6 Jahren, die Pachten zwischen 2000 und 10000 Euro im Jahr [1] -, auf ähnlichen Gründen beruht und eine Gegenbewegung zur aktuellen Welle der freiwilligen Zwangsverstädterung darstellt.

Deswegen ist der Kleingarten nicht einfach eine Rückkehr zur Vormoderne, sondern ihre Integration in die Moderne, die „freie Scholle“ stellt die Erdverbundenheit der Städtebewohner wieder her, jedoch ohne Zwang und Leibeigenschaft. [2] Diese Utopie einer friedlichen Koexistenz von Stadt und Land, Moderne und Vormoderne – letztlich von Gesellschaft und Natur – hat sich in den verheißungsvollen Namen niedergeschlagen, die viele Kleingartenkolonien tragen: ›Himmelreich‹, ›Frühauf‹, ›Waldesruh‹ ›Erdenglück‹, ›Vereinte Kraft‹.

Jetzt aber hat diese friedliche Koexistenz von Mensch und Natur noch einen anderen Akzent bekommen. Der Kleingarten wird zu einer der wenigen Möglichkeiten eines richtigen (vielleicht besser: richtigeren) Lebens. Jeder Gartenbesitzer, der den Sommer in seiner Sparte verbringt, sein Bier trinkt und seine Blumen gießt hat einen besseren ökologischen Fußabdruck als all diejenigen, die sich lautstark für den Umweltschutz einsetzen und dafür von Termin zu Termin fliegen. Sie mögen reaktionär sein. Aber sie sind frei von der Doppelmoral der Bürgerlichen. So sind die Widersprüche des Systems: Die einen tun, wovon die anderen reden. Zum Dank dafür werden sie von der kulturell tonangebenden Kaste belächelt.

Und mehr noch: Könnte der Kleingarten nicht der zeitweilige Rettungsanker für Städtebewohner werden, wenn die Krise erst richtig losgeht, wenn also das geschieht, was nun immer unausweichlicher erscheint: dass die Erde nicht nur für die meisten anderen Lebewesen, sondern für uns selbst allmählich unbewohnbar werden wird? Realistisch gesehen, bestehen immer weniger Aussichten, den ökologischen Kollaps des Systems abzuwenden – von den politisch-militärischen Krisen ganz zu schweigen, die im Zuge der kraftlos in sich zusammensinkenden Demokratie, die auf die auftrebenden Diktatoren mit kaum verhohlender Sympathie blickt, auch noch drin sind.

Die Populärkultur weiß schon lange, dass die Tage des Forschritts gezählt sind. Die Welt ist voll mit (post)apokalyptischen Filme, Fernsehserien wie „The Walking Dead“ und „The 100“, Computerspielen wie GTA, in denen die Gesellschaftsordnung aufs reine Überleben reduziert ist und der Killer zum anthropologischen Normaltyp geworden ist, der sich schlagend, schießend, sprengend durch die verwahrlosten Städte der Zukunft den Weg bahnt.

Der Kleingarten ist ein anspruchsloses Gegenbild dazu, gleichweit entfernt von rechten und linken Revolutionsphantasien. Il faut cultiver notre jardin, heißt es am Ende von Voltaires ‚Candide‘ -: wir müssen unseren Garten bestellen, kleine Zonen schaffen, in denen halbwegs Frieden herrscht. Das ist bei Voltaire die einzige Möglichkeit, es in einer Welt auszuhalten, die von einer Katastrophe in die nächste schlittert. Was dort aber ironisch gegen Leibnizens Behauptung, dass diese Welt die beste aller denkbaren Welten sei, überspitzt wurde, ist nun zu einer realen Möglichkeit geworden. Der Kleingarten könnte eine Option der Menschlichkeit in einer Situation sein, in der es die Menschlichkeit schwer haben wird.


Anmerkungen:
[1] Vgl die Radiosendung „Kleingarten-Hype: Ab ins Grüne“:
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=634428
[2] Ein Gedanke von Klaus Heinrich. Vgl.: Der Utopie eine Stadt geben. Ein Gespräch zwischen Wolfram Ette und Klaus Heinrich, in: RISS, Dezember 2018 (in Vorbereitung)


Dieser Text ist Teil eines Antrags gewesen, mit dem Michael Chlebusch und ich uns an den ‚Begehungen‘ 2018 beteiligen wollten. Die Begehungen sind ein Chemnitzer Kunstprojekt, das seit 2003 an wechselnden Orten innerhalb des Stadtgebiets stattfindet (http://begehungen-chemnitz.de/). Die Resonanz aus dem In- und Ausland ist groß; so sind 2017 etwa 400 Bewerbungen eingegangen. In diesem Jahr findet die Ausstellung vom 16.-19. August in der Kleingartensparte „Vereinte Kraft“ in Chemnitz-Gablenz statt. Es war unsere Idee, den folgenden Plan, auf dem die Chemnitzer Kleingärten in Rosa eingezeichnet sind,

in 16 qm Sperrholz fräsen zu lassen, die Platten dann auf den Rasen eines der Kleingärten des Ausstellunggeländes auszubringen, so dass mit der Zeit an den frei gebliebenen Stellen das Gras durchwächst. Das Projekt wurde abgelehnt, womöglich, weil die Anschaulichkeit und sinnliche Durchschlagskraft den Organisatoren zu gering erschien. Das Konzept erscheint uns jedoch interessant genug, um es hier zu veröffentlichen.


Nachtrag zu den Vereinsnamen:

empor zum licht

Beobachtungen in Venedig

1

So lange steht diese Stadt nun schon, zerbrechlich und auf flüssigen Fundamenten. Alles wirkt so, als könnte es jeden Augenblick hingwegespült werden, ein Traum, ein luftiges Gebilde menschlicher Hybris. Aber die Menschen, die das bauten, waren keine Träumer, sondern praktisch gesonnene Kaufleute, Politiker und Machtmenschen; Menschen, bei denen man, wenn man sie mit den heutigen Exemplaren dieses Typs vergleicht, sich fragt: Ist ihnen die Schönheit einfach passiert? Wie kann Geld so schön sein? Die am Canale Grande gelegenen Häuser scheinen zu schweben; etwas Unirdisches umgibt sie, jeden Moment könnte es zu Ende sein; eine Frau gießt die Blumen ihres Balkons, der sich nur einen Meter über der Wasseroberfläche befindet, grün und voller getrockneter Algen ist sein Fuß und beim nächsten Hochwasser wird nichts von alledem mehr zu sehen sein. Das Wasser, das sonst beim Hausbau gescheut und um jeden Preis gemieden wird – hier ist es, nolens volens, Bundesgenossin; wer so lebt, denke ich mir, muss weniger Angst vor Schmutz, Fäulnis, grenzüberschreitender Verunreinigung haben; das Naturverhältnis des Lebens ist ein anderes. Aber wahrscheinlich ist das nicht richtig; die Menschen wirken nicht so.

2

Stadt der Kinder. Hier, auf der isola, wo alle zu Fuß gehen, sind die Kinder im Vorteil. Zumindest wenn sie streunen dürften, kennen sie die Stadt wie kein Erwachsener: Schleichwege, Abkürzungen; Wege übers Dach, von Haus zu Haus über schmale Gassen, die sich überspringen lassen; modrige, seit Jahrzehnten unbenutzte und der Aufmerksamkeit der Erwachsenen entschwundene Kellerräume; Verfolgungsjagden über Stock und Stein, durchs Wasser und durch die Luft; Verstecke und verborgene Winkel, die niemand kennt außer uns. Die Luft summt von erzählten und unerzählten Geschichten; weniges davon ist real ( – obwohl: Casanova …), aber die Phantasie, das, was sein oder gewesen sein könnte, hat einen eben so großen Anteil an der Wirklichkeit dieser Stadt wie das, was sich mit Händen greifen lässt.

3

Der Verfall ist allgegenwärtig. Von vielen Häusern sind nur die oberen Stockwerke bewohnt; die Feuchtigkeit hat den Putz bis zur zweiten Etage zerstört; darunter erscheinen bleiche und rissige Ziegel, lose wirken sie aufeinander gesetzt und man wartet darauf, dass das alles geräuschlos in sich zusammensinkt, wie eine Sandburg von der kommenden Flut mit zwei, drei Wellenstößen dem Erdboden gleichgemacht wird. Alles, was hier renoviert werden kann, hält sich im hoffnungslos Provisorischen; der an der Hauswand aufgebrachte Putz blättert an der entgegengesetzten Seite schon wieder ab; überall hängen Kabel heraus, flüchtig und pragmatisch miteinander verbunden; selbst die repräsentativsten Häuser wirken bei näherem Hinsehen heruntergekommen, und wenn man neben und hinter die Fassaden schaut, wird es noch schlimmer. Niemand kommt hinterher; großes Gerät kann bei den Renovierungen nicht eingesetzt werden, die Arbeit der wenigen Hände ist dem Zugriff des Verfalls nicht gewachsen. So ist die Stadt seit Jahrhunderten ein einziges memento mori – Kehrseite der Neuzeit, die den Fortschritt erfand und den Kapitalismus als mächtigstes Mittel seiner Durchsetzung. Während der Rest Europas zu neuen Ufern aufbrach und von der Zukunft träumte, versank Venedig in den Dornröschenschlaf fortschreitenden Verfalls.

Jetzt macht es mit diesem kühlen Reiz seine letzten Geschäfte. Für die Touristen bündelt Venedig die Untergangsphantasien, die unsere Kultur begleiten; man kann auf sie, als isolierte Allegorie, mit dem Finger zeigen, sich damit identifizieren, oder beides; eine Stadt, die alles enthält, was wir sind; wie eine Schneekugel, die, so glaubt man, das Geheimnis unseres Lebens enthielte.

Brombeeren

für Lutz Graner

Giersch ist ganz gut. Aber am Ende doch auch nur ein Wort. Die Klanglandschaften, die Jan Wagner in seinem mittlerweile berühmten Gedicht gleichen Namens aufführte, ließen seine Leser, wenn sie denn diese Pflanze überhaupt jemals wahrgenommen hatten, ihre Gewöhnlichkeit vergessen.

Man muss mächtig übertreiben, um dem Giersch lyrische Dignität zu verleihen. Und immerhin, das kann Wagner wie kein zweiter –:

»giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch
geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt …«

Das klingt schon prima; das krabbelt, das gischtet und schäumt, dass der zivilisierte Westeuropäer geradezu Hautjucken bekommt. Aber im Ernst: so wild wuchernd, so ›aorgisch‹ das von Menschen Gemachte und Gebaute überflutend ist der Giersch gar nicht. Er ist ein einigermaßen harmloses, übrigens essbares Unkraut (schmeckt ein wenig wie Spinat und man kann es sich auf die Pizza legen), das meist im Wald wächst und vor dessen Vermehrungsfähigkeit der Gärtner sich nicht übermäßig zu fürchten braucht.

Nein, schlecht ist er nicht, der Giersch. Aber er hält nicht, was Wagner in seiner lyrischen Suite in rauschenden Assonanzen verspricht. So bleibt das bekannteste Gedicht des deutschen Buchpreisträgers von 2015 eine kunsthandwerkliche Meisterleistung, nicht mehr und nicht weniger: brilliant, kühl und selbstverliebt; ein verspieltes und bis an die Grenzen des Fassbarkeit gehendes Ornament; zu schön, um wahr zu sein, sitzt es genau an der Stelle, an der Süße in Zahnschmerzen übergeht.

Aber dennoch: etwas trifft dieses Gedicht doch. Es formuliert eine GUTE IDEE – und nachdem einmal klar geworden ist, dass die Pflanze, die dem Gedicht ihren Namen geliehen hat, sie nicht erfüllt, muss man nach der Idee Ausschau halten, die es tut und den von Wagner veranstalteten Klangbudenzauber doch nicht ganz müßig erscheinen lässt.

Ich meine: es ist die Brombeere.

Die Brombeere ist wild, wächst aber gerne in der Nähe von Siedlungen. Sie ist ein Gestrüpp des Stadtrands, das sich mit aller Macht in die Städte frisst. Wo man nicht Acht gibt oder wo man es sich leisten kann, etabliert sie Vorposten wuchernder Natur.

Sie ist widrig und kostbar. Undurchdringlich ihr Gestrüpp, die dichten Dornen halten den, der eine Haut hat, auf Abstand. So kennt man die typischen Brombeerpflücker: den Bauch eingezogen und den Körper zum Bogen gespannt, tasten sie vorgereckt nach den zunächst liegenden Früchten. Oder sie versuchen, sich zwischen zwei ausladenden Trieben durchzuwinden, um an die dahinterliegenden Früchte zu kommen. Ein, zwei falsche Bewegungen, es tut weh und die Kleidung ist im Arsch. Hineinzufallen und zu wissen, dass jede Regung wehtun wird, und dass man, wenn man sich verhakt hat, nicht durch Vorsicht heil davonkommt, sondern oft nur mit einem Gewaltakt –: das ist das Unbehagen, das man noch schmeckt, wenn die Frucht sich auf der Zunge löst.

Hat sich die Brombeere erst einmal festgesetzt, ist sie nur mit Maschinen zu entfernen. Überall sieht man sie, an Gleisrändern und Zäunen, die die Fabrikgelände umgeben, stachlig, ziemlich unschön, aber von einer Vitalität, der am Ende nichts widersteht, der grüne Sarg der verlassenen Häuser in der Provinz. Es scheint klar: Am Ende werden wir gegen die Brombeere verlieren. Dort, wo unsere Städte standen, werden sich riesige, rasch nach allen Seiten auswuchernde grün-silbrige Hügel mit rot-schwarzen Tupfen erstrecken. Denn ihre Blätter haben zwei Farben. Die Außenseite ist vom sattdunklen Grün des Sommers, die Rückseite silbrig-hell, so als würde das Licht sie nur selten erreichen. Wenn der Wind durchs Gesträuch fährt, pulsiert es wie ein ausgesetztes, bloßliegendes Organ.

Und wie wertvoll sind die Früchte der Brombeere! Vor allem aufgrund ihrer Farbe. Schwarz sind die außergewöhnlichen Früchte – selten, ausgesucht und auf schwer verständliche Weise verboten. Bekamen wir Weingummis, drehte unser Streit sich vor allem darum, wie sich die schwarzen Früchte (Brombeere, schwarze Johannisbeere … mit Einschränkungen, Heidelbeere) gerecht aufteilen ließen. Der Geschmack spielte nur eine untergeordnete Rolle. Was zählte, war Erlesenheit.

Die Brombeere hat ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Nur einen kurzen Moment der Reife sind die Früchte genießbar. Davor sind sie schmerzhaft sauer, danach geht die Süße schon ins Faulige und leicht Übelkeit Erregende über. Auf 10 Früchte kommen acht saure und eine überreife. Und es zählt nicht nur die Farbe. Ob die Frucht genießbar ist, hängt davon ab, wie weich sie ist. Das lässt sich nur ertasten. Die richtigen fallen mit leichtem Druck ab und landen in der Hand. Immer nur einzelne Beeren erreichen diesen Grad der Vollkommenheit. Der Schatten eines einzigen Blattes reicht aus, um die Früchte in unmittelbarer Nachbarschaft noch lange grün sein zu lassen. Immer und immer wieder muss man wiederkommen, um die Brombeeren abzuernten, deren Zenit erreicht ist. So stehen die Brombeeren für den Moment, den flüchtigen Kairos und für das lange Ende des Sommers – bis weit in den Herbst, wenn von allem nur die vertrockneten Blütenstände übrig geblieben sind.

Die besten sind sowieso nicht zu erreichen. Hochauf liegen sie in der Mitte der gewaltigen Gesträuche, unzugänglich auch für die meisten Vögel. Sie locken verführerisch von der anderen Seite des Bahndamms, es ist verboten, ihn zu überqueren und der Bahnsteig ist voller Menschen. Dort aber ist alles schwarz mit der fetten, fleischigen Frucht und man hofft darauf, nicht nur einzelne Beeren zu ernten, sondern sich den Mund übervoll zu stopfen, bis der schwarze Saft vorn herausläuft.

Zwei Romantiker im 20. Jahrhundert

I Theodor W. Adorno

Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.“ (Minima Moralia)

Was für ein Text! Adorno, der Himmel und Hölle zusammentrommelt, „gar“ Französisch schreibt und nicht einmal davor zurückschreckt, den Anfang der Hegelschen Seinslogik zu zitieren, hätte bloß das machen müssen, was jedes Jahr Millionen von Touristen an der Adria und anderswo tun: Badehose an, sich eine Luftmatratze kaufen, und sich ein Weilchen auf den Wellen schaukeln lassen; den Himmel über sich, Wölkchen wie hingeschrieben, Kindergeschrei, das in dem Grade zurücktritt, in dem man eindämmert und der Zusammenhang der Gedanken loser und traumartiger wird, im Auf und Ab der Wellen als unwiderstehliche Verlockung das Verhältnis von Innen und Außen sich leise verschiebt. Ab und zu zieht man los, holt sich Pommes, die Kinder dürfen Eis bekommen, und seltsam schmeckt alles auf den ständig salzigen Lippen.
¶ Manches von dem gab es noch nicht, als Adorno die Minima Moralia schrieb. Aber ist das ein Einwand? Das zugrunde liegende Problem bleibt davon ganz unberührt: dass nämlich die Utopie, die der große Philosoph am Ende seines Durchgangs durch die Erfahrungen der Moderne entwirft, etwas vom kleinen Glück der Sommerferien hat, dass dieses empirische Fundament aber systematisch ausgeblendet wird.
¶ Deswegen produziert der Text schlechte Romantik. Er projiziert in ein Jenseits der Geschichte, was sogar an den Wochenenden einer Durchschnittsfamilie ständig passiert: Man geht in den Kleingarten, wirft den Grill an, brät in der Sonne, der Kasten Bier ist nicht weit und man lässt sich die gerade geernteten Stachelbeeren schmecken. Man fährt an den Badesee, schaut in den Himmel und lässt sich mit dem Schlauchboot treiben.
¶ Es sind die proletarischen Erfahrungen, die in sich auch den Keim der Utopie tragen, die Adorno erst der vollständig befreiten Gesellschaft zugesteht. Aber den ‚Knechten‘, die sowieso von der bürgerlichen Betriebsamkeit nur wenig wissen wollen, wird ihr Glück fortgenommen und, losgelöst von diesem Ursprung, ans Ende des Gesellschaftsprozesses gestellt. Vorher hat man es sich noch nicht verdient. Die bürgerliche Askese, der Produktionszwang und der schlichte Neid auf das Glück derer, deren Ausbeutung es dem Intellektuellen erlaubt, von aller materiellen Not einigermaßen frei zu sein, schlägt in diesem Vorgang durch, der im Grunde einer der symbolischen Enteignung ist.


II Gilles Deleuze

Eigentlich ist der französische Philosoph ein Romantiker. Das unendliche Geflecht von Differenz und Wiederholung, das er aus Nietzsche, Leibniz und Spinoza extrahiert und als die Wunschmaschinen der Psyche gegen die Verdrängungsschranken der rationalistischen, auf Identität und Gegensatz fixierten Philosophie zu rehabilitieren versucht, geht letztlich auf die Erfahrung der Natur diesseits und jenseits aller teleologischen und ästhetischen Urteilskraft zurück, die das, worauf es ankommt, bereits ordnen und systematisieren.
¶ Es ist so einfach, wird einem aber in dieser Philosophie unendlich schwer gemacht -: Ich gehe über ein von Herbstblättern bedeckten Waldweg – ich sehe unendliche Wiederholung, aber keine Gleichheit, keine Symmetrie. Die letzten Beeren hängen an den Büschen und produzieren ein unregelmäßiges Tapetenmuster. Selbst an dem Industrieweizen, der beim letzten Spaziergang noch stand und eine schräge Ebene bis zum Horizont bildete, finden sich nicht zwei gleiche Ähren. Ich stehe am Rand der Isar, sehe den Wellen zu, die sich an einem herausragenden Felsen brechen und vergesse die Zeit, weil alles ähnlich ist und verschieden -: Das Gleiche nochmal anders …
¶ Was uns an der Natur fasziniert, ist nicht so sehr die alle Menschenvernunft übersteigende Ordnung, es ist eine mit sich zusammenstimmende Unordnung, unendliche Vielfalt, unaufgelöste Ähnlichkeiten, die das Einzelne als Einzelnes bewahren und zugleich verschwimmen lassen. Es ist diese Unordnung der Natur, die Deleuze gegen den Rationalismus der europäischen Philosophie wendet. Aber er nennt das Kind nicht beim Namen. Er kann die Gegenmacht nur aus der Kultur selbst, durch den Rekurs auf Kunst oder apokryphe Traditionen innerhalb der Philosophie zur Geltung bringen. Nicht, dass er darin Unrecht hätte. Aber er verkennt, dass jene innerkulturellen Impulse Sachwalter des gesellschaftlichen Naturverhältnisses sind: Stellvertreter des Bildes, das eine Gesellschaft von ihrem Anderen, ihrer Außen oder Innenseite, entwirft. Verkennt Adorno das historische Moment, das seiner Utopie zugrunde liegt, so Deleuze, das natürliche, das in den Gegenkräften sich bekundet. Beides ist eine Form der Romantik, weil es am falschen Ort verklärt.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe P

Punktsymmetrie.

Funktioniert nur selten, erlaubt aber interessante Vergleiche zwischen West und Ost. Aufeinander zu beziehen wären dann etwa die Zone von der Rummelsburger Bucht bis zum Müggelsee und das Gebiet zwischen Tegel und Spandau, von der sich weitenden Havel bis zum Tegeler See. Zwei Aggregatzustände des Kapitalismus, wie sie verschiedener nicht sein könnten:

Auf der einen Seite die Apotheose des Privateigentums, Neureiche, die auf abgesperrten Stegen vor ihre Jachten sitzen und gekühlten Weißwein trinken; nichts davon ist schön, bis auf den einen, einzigen Umstand, dass ich etwas habe, was die anderen nicht haben; Boot an Boot reiht sich und einig ist man sich durch den Ausschluss all derjenigen, die nicht ans Wasser dürfen. Über Kilometer geht das so und die wenigen freigebliebenen Stellen sind von einer Gastronomie appropiiert, die auf Coolness setzt -: zur Wahl stehen dabei das schiere Geld auf der einen Seite, teure Gerichte & glatte Möbel aus Metall; oder, auf der anderen Seite, die nicht weniger teuer zu bezahlende Aura, die den Berliner Slogan „Arm aber Sexy“ umgibt: weggeworfene Bierflaschen im Sand, ramponierte Liegestühle, aufwendige Cocktails.

Im Westen dagegen: „altes Geld“, das es noch nicht nötig hat, sich von den Aufsteigern und Empokömmlingen abzugrenzen; seiner selbst sicher, gewährt es der Öffentlichkeit Zutritt zum See; es gibt viele Badestellen und Anlegestellen; dicht und verwachsen sind die Gärten, die sich von den Villen zum Wasser ziehen und der Sozialstaat sitzt ihren Besitzern noch unter der Haut. Neben den Villen wurden Hochhäuser errichtet; weit geht der Blick von hier übers Wasser und die zu beneidenden Altmieter zahlen wahrscheinlich sogar eine noch vertretbare Miete.

Die Aufeinanderfolge von staatssozialistischer Parteidiktatur und einem Turbokapitalismus, der im Moment seines Siegs in die Krise geriet, die die Menschen auf die brutalen Reflexe von Selbsterhaltung und Distinktion um jeden Preis herunterbringt -: es hat der Osten krank gemacht. Der Westen wird nachziehen, kein Zweifel; im Verlauf von einer Generation wird das „innere Gemeinwesen“ rund um den Tegeler See zerstört sein und es wird wenig mehr bleiben als der Klassenkampf von oben, den man von Rummelsburg bis Köpenick beobachten kann und der immer weitere Teile der Gesellschaft erfasst.

Die Erfindung der Zeitlupe

geschah nach einigen steckengebliebenen Versuchen im antiken Theater auf der Opernbühne des 17. Jahrhunderts. Warum diese Langsamkeit, warum das endlose Aussingen einzelner Verse, warum die Wiederholungen und das sich Auflösen im Schwindel der Koloratur? Ein durchschnittliches Libretto liest sich in einer knappen Stunde; Gesang und Orchester treten das, was gesagt und getan wird, breit auf drei Stunden. Ist zeitliche Ökonomie nicht auch ein Gesetz guter Kunst?

Antike Dramen sind Handlungsanalysen; in einem zuvor nicht einmal erahnbaren Grad legen sie den Bauplan von Geschehenisse frei, die für Einzelne oder ein Kollektiv böse enden; dass dabei Handlungsalternativen, möglicherweise sogar die Aussicht auf ein gutes Ende erkennbar wird, liegt in der Natur der Sache.

Die Oper dagegen, die sich als wiedergekehrte Tragödie verstand, analysiert Gefühle. Die Musik als Sprache des Herzens löst sich nicht mehr von ihm und steigt im Sang der Gemeinde nicht mehr auf zu Gott; beharrlich bleibt sie unter den Menschen, zirkuliert unter ihnen, vereinigt, entzweit sich mit Anderen, kehrt zum Einzelnen wieder zurück.

Die neuzeitliche Oper verdankt sich zwei Entdeckungen. Die Musik ist, erstens, die weltliche Sprache der Gefühle; und zweitens: die Eigenzeit der Gefühle ist langsamer als die zeitlichen Anforderungen der Handlung.

Auf diese Seite stellt sich, im Mittel der Musik, die Oper. Das langsame Aussingen der Gefühle, bis hin zu der strahlenden Apathie, die die Koloraturen verbreiten, bis hin zur Auflösung des Gefühls ins Ornament, verfolgt die Liebe, den Hass, das Mitleid, die Hoffnung, Begehren und Verzweiflung in alle Richtungen; in immer neu ansetzenden Wiederholungen und Abwandlungen erkundet sie die Kraterlandschaft, die der Einschlag des Affekts hinterlassen hat; immer auf der Suche nach einem Ausweg, der zum guten Ausgang führen könnte oder die Wucht jenes Einschlags zumindest neutralisiert.

Das Elend der Philosophie

In Claudio Monteverdis letzter Oper, LA INCORONAZIONE DI POPPEA, tritt der Philosoph Seneca auf. Er war der Erzieher des in die Straßenprostituierte Poppea verliebten Nero. Mit allen Kräften (autoritäre, tief hinabreichende Bassstimme), versucht er den jungen Kaiser (jubilierender, hochbeweglicher Altus) davon zu überzeugen, seiner Leidenschaft zu entsagen. Den von AMOR Getriebenen ficht das nicht an. Kurz nachdem sich der stolze Philosoph beleidigt auf sein Landgut zurückgezogen hat und sich seiner Einsamkeit erfreut (das Scheitern seiner Ethik will er nicht mit ansehen), lässt Nero ihm den Befehl zur Selbsttötung zustellen; er kann den philosophischen Tugendbold nicht mehr ertragen.

Die Philosophie scheitert in dieser Oper noch ein zweites Mal. Der Gesang ratifiziert ästhetisch den Sieg Amors über Virtus. Was ist schöner als die beweglichen Koloraturen der Lebenden, die sich in gleicher Stimmlage umschnäbeln, dicht umeinander und einander zum Verwechseln ähnlich! IHR WERDET SEIN EIN LEIB: das machen die großen Duette dieser Oper vor. Dem hat die sonore Starrheit des Philosophen nichts entgegenzusetzen.

Anders als in Wirklichkeit stirbt Seneca nicht nach Jahren des Rückzugs wegen seiner angeblichen Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung, sondern besiegt von Eros, während ihm anders als in der wahrscheinlich legendenhaften Überlieferung in der Staatsoper Berlin ein dicker Blutstrahl aus der Schlagader schießt.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe B

DÖRFER

An den Rändern von Berlin sieht man sie noch, die alten Dorfkirchen, bullig, mit kleinen Fenstern und einem stumpfen Turm. Um sie herum die letzten Reste der Dörfer, die bis in die fünfziger Jahre durch Pferdewege verbunden waren. Schnurgerade führen sie durch die Marken, unter dem weiten Himmel, der für Brandenburg so typisch ist.

Das Stadtgebiet Berlins war für sehr lange Zeit verblüffend ländlich, und noch heute spürt man unter der Oberfläche der hektischen Urbanität des 21. Jahrhunderts die alten Dorfstrukturen. Der „Kiez“ (ursprünglich die alten, wendischen Fischerdörfer, durchs Wasser voneinander isoliert) ist ein Überlebsel der damit einhergehenden Sozialstruktur. Man fühlt sich nicht als Berliner, sondern als Neuköllner, Charlottenburger oder Mariendorfer. Den anderen Dörfern bezeigt man Gleichgültigkeit oder Verachtung. So war es ja schon immer auf dem Land.

Es gibt kein besonderes Interesse, den Kiez zu verlassen, ein Charlottenburger, der rein aus Neugier schon mal in Siemensstadt gewesen ist, ein Hellersdorfer, den es freiwillig nach Zehlendorf verschlägt: es kommt nicht, oder nur sehr selten vor. Auch baulich zerfällt die Stadt in unendlich viele Einzelteile, die nicht miteinander harmonieren. Abgesehen von der kurzen Periode der – gescheiterten – Schinckelschen Stadtplanungsprojekte, hat man immer irgendwie vor sich hin gemacht, egoistisch und rücksichtslos.

Man denke an die drei großen Plätze der Stadt: Alexanderplatz, Breitscheidplatz, Potsdamer Platz. Sie sind konturlos, man weiß nicht, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Was sie dirigiert, ist die Angst vor der freien Fläche. Gefüllt wird sie durch Kaufhäuser und hochpreisige Architektur. Alles ist zusammengestückelt, Bruchkanten überall, der Zerfall setzt sich im Einzelnen immer weiter fort und man verliert die Orientierung, die doch vielleicht die oberste Funktion eines Platzes sie sein sollte.

Die dörfliche Vergangenheit Berlins, die noch gar nicht lang zurückliegt, wird seit 1989 mit aller Macht verdrängt. Berlin hat sich vorgenommen, die Weltstadt zu werden, die es nicht ist, und so giftet es aus allen Rohren gegen die Außenbezirke, die immer noch verschlafen wirken und dem ganzen Trubel distanziert gegenüberstehen. Gleichzeitig kehrt, wie das Beispiel der Plätze lehrt, das Verdrängte im Herzen der brandenburgischen Metropole wieder. Auch im Zentrum bildet sie Haufen, unorganisierte Agglomerate. Selbst der Weg vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz wirkt (nicht zuletzt wegen der nicht endenden Baustellen, die mittlerweile zum Inventar gehören) zugestellt und voller Gerümpel.

Die diesem Stadtbild entsprechende psychische Disposition ist die des mürrischen Provinzlers, der mit dem Rest der Welt nichts zu tun haben will. Schon Berlin ist ihm zuviel, von dem, was draußen ist, gar nicht zu reden. Die natürliche Sprechweise ist das Meckern. Er belfert vor sich hin, weicht nicht aus und kommt sich besser vor als andere. Gemeinschaften sind, wenn überhaupt, mafioser Natur. Man schließt sich zusammen um des wechselseitigen Vorteils willen. Wenn man dabei noch jemanden übers Ohr hauen kann, umso besser.

Auf den ersten Blick scheint sich dies in den Innenstadtbezirken anders zu verhalten. Hier regieren Kreativität, Toleranz, Kosmopolitismus, hier finden sich Enklavenstaaten und alternative Sozialstrukturen. Aber wie wirklich ist das? Sind es nicht die Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht, die sich darüber ihre Zugehörigkeit wechselseitig bestätigt? Tolerant sind wir unter uns, in Zentralberlin und den entsprechenden Kneipen, auf den Festivals als erweiterten Familientreffen der Coolen. Es ist eine Kulturaristokratie. Sie ist weitgehend immun gegen die gesellschaftlichen Erfahrungen, die das Leben der meisten bestimmen, ein globales Dorf, das über den alten brandenburgischen Dörfern thront. Die Coolness, die hier herrscht, ist die verklärte Piefigkeit derer, die kein Interesse an der Welt haben. Gerade in seiner Glitzerspitze ist Berlin das, was zu sein es am meisten fürchtet: Provinz.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe S

STADTBAHN / STRASSENBAHN

Was mich an Berlin am meisten fasziniert, ist nicht die touristisch verödete Mitte, sind nicht die Freßmeilen und Partyviertel. Es ist der Stoffwechsel mit dem Umland, es sind die S-Bahnen, die ununterbrochen die Stadt durchqueren, von Bernau bis Teltow, von Strausberg bis Wannsee. Sie legen Tag für Tag riesige Entfernungen zurück, niemand fährt die gesamte Strecke außer den Zugführern, vor deren Blick sich die Stadt in regelmäßigen Abständen aufbaut und wieder abbaut. Für sie ist Berlin nicht groß, es ist bloß ein diffuses Ensemble schwer unterscheidbarer Stationen auf ihrem Weg durch die Mark Brandenburg. Die Stadt war immer ein Ensemble von Dörfern, jetzt sind sie schlecht und recht zusammengewachsen, aber für sie hat sich so viel nicht geändert.

Hinzu kommt, dass die Trassen der Stadtbahn meist selbst verwilderte Grünstreifen sind. Junges Birkenholz säumt die Geleise; noch immer verfallene Bauten, an denen selbst die Graffitis nachgedunkelt sind. Brombeeren und Brennnesseln bilden das Füllmaterial, das den grünen Adern Stabilität verleiht. Die S-Bahnen, durch die die Stadt sich modernisiserte, schleppen das Grün nach Berlin, unbeachtet und ungepflegt. An manchen Stellen blickt man aus dem Fenster des lautstark dahinratternden Zuges und fühlt sich ländlich.

Anders dagegen ist es, wenn man eine der Straßenbahnen besteigt, die bis kurz vor die Brandenburgische Grenze fahren. Daran erkennt man noch immer Ostberlin. Ganz langsam löst sich die Stadt auf. Jenseits des S- und U-Bahn-Netzes ist sie sowieso eine andere, man könnte sagen, gewöhnlichere. Die Provinz hält hier Einzug in die Metropole. Ein griechisches Restaurant heißt »Dionysos«, eine italienisches »Bella Italia«. Weit dehnen sich die Kleingartenkolonien, durch Gewohnheitsrecht und ein Stück Verbissenheit ausgebaut zu veritablen Stadtrandsiedlungen ohne asphaltierte Straßen. Ihr Bewohner: Berliner ohne Glanz, aber mit Land. Ununterbrochen karrt die Straßenbahn sie ins Zentrum und wieder zurück. Das scheint sie nur wenig zu berühren. Ohnehin haben die meisten ein Auto.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe G

GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT: bloß für die da, die es sich leisten können. Wer morgens um sechs auf der Baustelle zu stehen hat, ist darauf angewiesen, dass die Partnerin, der Partner sich um den Haushalt und die Kinder kümmert. Die Arbeitsteilung in den Familien hat immer schon ökonomische Gründe gehabt; sie kamen besser über die Runden, wenn die Zuständigkeiten eindeutig geregelt waren und die Arbeitsbereiche sich nicht allzusehr überschnitten; dass die Kinder mitzuhelfen und sich in der Regel um sich selber zu kümmern hatten, ist kein Extrem, sondern der Normalfall in vielen Haushalten, früher und jetzt an vielen Orten auf der Welt. Es wäre ideal, wenn es auch mit gleicher Anerkennung der Arbeitsbereiche einherginge. Aber das war wohl nur selten so; und jetzt kann weniger denn je davon die Rede sein. Haushalts- und Familienarbeit ist bäh, es gibt dafür im Prinzip keine gesellschaftliche Anerkennung und so lagert man sie, wenns geht, auf Niedriglohnkräfte aus. Wenn man sich das nicht leisten kann, wird es schon schwieriger mit der Rollengerechtigkeit. Wer ist für das ungeliebte und deklassierte Naturverhältnis verantwortlich? Viele sind schlicht nicht frei, sich zu entscheiden; sie richten sich mehr oder weniger undogmatisch danach aus, wie sich der beste Schnitt machen lässt. Es sind die Ungerechtigkeiten der alten und neuen Klassengesellschaft. Wenn man verhindern will, dass G. als Luxusproblem einer relativ gut abgesicherten Klasse erscheint, wäre wohl hier anzusetzen.


GENTRIFIZIERUNG: immer die anderen. Eine Entlastungsvokabel des arrivierten Bürgertums, die sozialen Umschichtungsprozesse, die es selbst mit zu verantworten hat, den anderen in die Schuhe zu schieben. Die »gentry« ist der alte englische Landadel: Die Ironie der Geschichte will, dass wieder einmal die alten, längst obsolet gewordenen, antiaristokratischen Ressentiments bedient werden. Wieder steht das Establishement auf der richtigen Seite, es hat eine Ideologie geschaffen, die Täter und Opfer systematisch miteinander vertauscht.

Die wirklich an den Rand Gedrängten, die Alten, die Arbeiterfamilien, die Arbeits- und Erfolglosen reden nicht von Gentrifizierung. Sie benennen die Fakten: teure Mieten, die Schließung der Eckkneipe, in der man Gulasch für 4,50 essen konnte, Ersetzung des ALDI durch eine Bio-Supermarktkette und so fort.

Man sollte also nicht von Gentrifizierung, sondern von Verbürgerlichung reden. Nicht, dass die ›Bürger‹, die jungen, gut ausgebildeten Familien, Startup-Unternehmen und hippen Kneipen die einzig Schuldigen wären. Sie, die zahlen können, haben es mit Großunternehmen zu tun, die am sozialen Umbau der Stadt interessiert sind. Die nehmen was sie kriegen können, die anderen zahlen was sie sich leisten können. Es ist ein Schuldzusammenhang.

Fassaden, die sich brüsten

Wie verschieden die Gesichter der Häuser sind! Ich spaziere mit meinem Sohn die Kastanienallee entlang. Sachliche Fassaden, schmucklos und in dunklen Farben gehalten, wechseln sich ab mit solchen, »die sich brüsten«. So formuliert es Klaus Heinrich in einer Architekturvorlesung der siebziger Jahre mit dem Bezug auf die barocke Baukunst. Auch diese Häuser zeigen ihre Rundungen, sie wölben und bauchen sich aus. Sie nehmen mehr Platz und Oberfläche ein als ihre Nachbarn, mehr eigentlich als ihnen zusteht.

Sie sind noch immer das liebste Heim der schmalen akademischen Mittelschicht, der auch ich schlecht und recht angehöre. Der Kult der Oberfläche setzt sich im Inneren nicht fort. Hier dominieren klare Formen.

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu diesen Fassaden. Nie habe ich selbst so gewohnt und ich komme der Wahrheit zumindest nahe, wenn ich sage, dass ich es auch nie wollte. Dennoch saugen sich meine Blicke an den Bewohnern fest, die ich hinter den meist gardinenlosen Fenstern erspähe. Oder sie wandern die aufgetürmten Büchermassen entlang.

Mein Sohn hat dafür keinen Sinn. Er findet diese Häuser »irgendwie komisch«, zumal dann, wenn sie sich auch farblich aus ihrem Umfeld herausheben. Neubauten rufen bei ihm keinen Widerwillen hervor; sie fallen ihm nicht einmal besonders auf. Statt Parkett bevorzugt er Teppichboden. Zweifellos hat er ein Problem weniger als ich.

Mangelnde Synchronisation von Eigenzeiten

Die Kindergartengruppe ist in den Wald gegangen. Wie früher sieht das aus: nur mit Unterhosen und Gummistiefeln bekleidet, plantschen die Mädchen und Jungen durch das des langen Sommers wegen ganz niedrigen Bachbetts, spielen Fangen und errichten, kauernd im groben Sand, aus Ast- und Rindenstückchen, kleine Gebäude. Lachend läuft ein Junge auf einen zweiten zu; er haut ihm auf den Kopf. Ein Moment der Stille, eines nach Fassung suchenden Schweigens. Der, der geschlagen hat, sieht ein, dass das kein Spiel mehr ist. Er hat, was er nicht wusste, dem anderen tatsächlich weh getan. Langsam bewegt er sich auf ihn zu, die Hand halb bittend, halb tröstend ausgestreckt. Immer noch Stille. In dem Moment aber, in dem der Täter sein das Opfer erreicht und zur Versöhnung ansetzt, beginnt das Opfer hysterisch zu schreien und auf den Täter einzuprügeln. Der läuft fort, kehrt dann aber um. Der Schlagabtausch, aus dem sich leicht ein Krieg entwickeln könnte, und der sich der mangelnden Synchronisation von Eigenzeiten verdankt, kann beginnen.

Glotz nicht so romantisch

steht auf den Plakaten, mit denen der Zuschauerraum des Deutschen Theaters zu Brechts ‚Trommeln in der Nacht‘ ausgehängt ist. Und in der Tat forciert die Inszenierung der Münchner Kammerspiele „nach“ Brecht auf den ersten Blick die Entwertung der romantischen Erwartungen des Publikums. Denn anders als von Brecht vorgesehen kehrt der von der Liebe enttäuschte und zur Politik übergelaufene, ehemalige Frontsoldat Kragler, nicht zur Geliebten zurück, die während seiner Abwesenheit einen anderen geheiratet hat, sich aber am Ende eines Besseren besinnt und wieder zu ihm zurück will. Nein, er wirft sie zurück und führt den Spartakus-Aufstand, zu dessen Anführer er wurde, zu Ende. Politik statt Liebe, Revolution statt Romantik – das sieht gut aus und passt doch irgendwie zu Brecht.

Aber, noch einmal: So geht das zweite Stück Brechts nicht aus; so vielmehr lassen die Münchner Kammerspiele in der Inszenierung von Christoph Rüping die Hälfte der Aufführungen ausgehen; die andere Hälfte, eben die des Stücks „von“ Brecht, opfert die Politik der Liebe und dem individuellen Glück.

Aber ist das eine kluge Entscheidung? Es wirkt ja so, als hätte man dem frühen Brecht durch den alternativen Schluss die letzten bürgerlichen Rückstände ausgetrieben – oder eine solche Austreibung wenigstens zur Diskussion gestellt. In Wirklichkeit aber hat man die Nüchternheit des frühen, noch asozialen Brecht (‚Baal‘ lag noch nicht lang zurück) durch ein starkes Stück bürgerlicher Phantasterei überhöht. Denn die Revolution ist die wahre Romantik. Das spießige Glück eines Paars, das sich wieder gefunden hat, langweilt uns. Im Theater wollen wir stärkere Räusche als ein Bisschen Liebe, wir brauchen das Blut, den Tod und das Ganze. Jedoch nicht als Mittel zum Zweck einer besseren Gesellschaft, die mit etwas weniger Tod und Blut auskommt, sondern als kollektive Selbsterregung, ein kathartisches Ausschnaufen, nach dem wir wieder an unsere Geschäfte gehen.

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Aufruf zur Revolution 2018 (c) Julian Baumann

Nein, so geht es nicht. Wenn die Revolution als selbstverliebter Katastrophenrausch voller Nebel und hohlem Pathos zum Teil der bürgerlichen Doppelmoral wird, die die Kunst nach dem Motto ‚Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps‘ in die Theater verbannt und sie dort beklatscht, sollte man sie so enttäuschen, wie der junge Brecht es wusste: „Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?“ Der Welt den Spiegel vorzuhalten, ist wichtiger als das Bedürfnis nach ihrer symbolischen Zerschlagung zu befriedigen.

After the Gold Rush / Nach der Katastrophe

Diese Serie von Bildern und Texten ist dem Fotoband After the Gold Rush. Journey to Eastern Germany, Fall 2004 (Spector Books: 2018) von Falk Haberkorn entnommen. Der Leipziger Fotograf reiste vom 7. Oktober bis zum 9. November 2004, also bis zum 15. Jahrestag des Mauerfalls, quer durch Ostdeutschland. Alle Bilder, die auf dieser Reise entstanden, wurden aus dem Auto heraus aufgenommen. Die dauerhafte Veröffentlichung noch einmal 14 Jahre später verdankt sich der Einsicht, dass das auf den Bildern Gezeigte seine Aktualität nicht so schnell verlieren wird.
Gegenüber dem Fotoband wurde der Zusammenhang von Texten und Bildern modifiziert. Der von mir beigesteuerte Text findet sich dort en bloc am Ende des Buchs; er ist, wie alles sonst, auf Englisch. Demgegenüber wird hier auf die direkte Interaktion einzelner Bilder und Textabschnitte Wert gelegt.
Ich danke Falk Haberkorn – für die anregende Zusammenarbeit und für die Erlaubnis, seine Bilder für diese Zusammenstellung verwenden zu dürfen.

© aller Bilder: Falk Haberkorn
© aller Texte: Wolfram Ette


Die Zone

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Kein Versprechen, das nicht über dieses Land verhängt wurde. Was von den Verheißungen des Sozialismus / Kapitalismus übriggeblieben ist, sind in der Leere herumstehende Katastrophenmale, die keinen Zusammenhang bilden und aus denen das Leben entwichen ist. Es ist eine apokalyptische Szenerie: die verstrahlte Welt nach dem zweiten -dritten -vierten Weltkrieg. Die ›Wende‹ war auch nichts anderes als ein neuer, schleichender Krieg gegen Mensch und Natur, gegen das Volk, das sie herbeiführte, um sich von den Versprechen zu befreien, die sich in einen Zwangsapparat verwandelt hatten, nur um neuen, scheinbar besseren Versprechen zu erliegen. Es ist Geschichte, die zu Natur wird, ohne Natur sein zu können. Diese Wahrheit ist keine über die DDR, sie ist keine über den Niedergang des sozialistischen Imperiums oder überhaupt bestimmter Staaten. Sie betrifft uns alle.


Filmstills

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Bruchstücke eines verlorenen Roadmovies –: Tarkowskijs »Stalker« oder Pasolinis »Große Vögel, kleine Vögel«, die es bereits aus geringer historischer Distanz gleichgültig erscheinen lassen, wes Geistes Kind die Ismen gewesen sind, die Kultur und Menschlichkeit unter sich begruben und nichts hinterließen als Ruinen in entleerten Landschaften. Die mit vollendeter Gleichgültigkeit aufgestellten Hochhäuser, in denen – im Falle des Films von Pasolini – die heimatlos gemachte Landbevölkerung untergebracht wurde, erscheinen selbst als Rudimente einer vergangenen, unverständlich gewordenen Zivilisation. Der Aufbau ist schon unterhöhlt vom Zerfall, der auf seine Stunde wartet. Der Moment, in dem die Natur sich das, was ihr die Geschichte fortgenommen hat, zurückholen wird, steht unmittelbar bevor. Ihr sterbendes Gesicht liegt uns vor Augen und straft die Verheißungen des Fortschritts Lügen, dass es uns (bald, einmal, irgendwann) besser gehen wird als jetzt. Noch die Annahme, dass sie ein Nullsummenspiel sein könnte, in dem Aufstieg und Verfall in großen sphärischen Zyklen ineinander übergehen, wirkt optimistisch und gilt wohl nur im allergrößten naturgeschichtlichen Maßstab.


Aus dem Auto

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Das Auto ist unsere zweite Haut, ein historisches Apriori unserer Weltwahrnehmung, einer der Screens, die uns mit der Welt verbinden, indem sie uns von ihr trennen. Das, was außerhalb der Städte, außerhalb des engsten Bezirkes von Arbeit, Wohnung und Freizeit liegt – wann sehen wir es überhaupt, ohne dass uns das bewegte Ensemble von Windschutz- und Seitenscheibe, Rückspiegel, A- und B- Säule dazu in Beziehung setzt? Der Blick, der sich, sei’s fahrend oder stehend, durch diese konstruktive Voraussetzung des fremden Raums nach draußen richtet, hält die Wirklichkeit nicht aus, er kann nicht verweilen, er kann und will die zerbrochenen, vielfach durchschnittenen Einzelmomente nicht zusammenfügen. Er will nur, dass es vorüber ist, dass man bald sein Zuhause erreicht oder den Geschäftstermin, zu dem man verabredet ist. Es ist der Blick von Menschen, die dem Land feind geworden sind: ob es sich nun um die handelt, denen die Flucht ins abgeschottet Private und / oder ein hysterisch überdrehter Patriotismus als Ausweg aus einer epochalen Entfremdung dienen; oder um solche, die guten Willens sind und sich einfach nur auf dem Weg zwischen Stadt und Wochenendhäuschen befinden; Menschen jedenfalls, die ein Ziel vor Augen haben, weil der Weg schwer zu ertragen ist.


Maschinenparks

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Die wenigen Menschen, die diese Zone bewohnen, sind einsam: fixiert, erstarrt und weit voneinander entfernt, tot wie alles Übrige, Exponate im Museum der Geschichte. Nur eine einzige Form der Bewegung ist auf diesem Stillleben einer Gesellschaft übriggeblieben. Es ist die Bewegung der Maschinen. Hier wird gefahren, hier wird gearbeitet, hier wird gebaut und geerntet, hier gibt es die Arbeiter- und Bauernstaaten noch, wenngleich ohne Arbeiter und Bauern, hier erfüllt sich endlich die grausige Utopie vollendeter Rationalisierung. Dieser Maschinenstaat kommt ohne die Menschen aus (selbst in ihrer Hauptfunktion, als Konsumenten, spielen sie eine allenfalls angedeutete Rolle), selbstgenügsam produziert er vor sich hin, reine Tätigkeit ohne Ziel, Prozess ohne Produkt. Und das, noch einmal, ist kein Problem eines einzelnen Landes. Vielmehr bestimmt es nun fast alle Arbeitsverhältnisse. Durch die gewaltsame – und gescheiterte; gewaltsam gescheiterte – Kapitalisierung des Ostens ist die Wahrheit über den Westen zutage getreten, nackt und ohne Beißhemmung. Die neuen Länder sind nicht zurückgeblieben, sondern Avantgarde. Sie eröffnen die Aussicht auf das, was uns erwartet – jedenfalls jenseits der bürgerlichen Viertel, die die chosen ones im stählernen Gehäuse ihrer Panzerfahrzeuge verlassen.


»Die Wahrheit des Raumes ist die Zeit«

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Mit diesem Satz meinte Hegel, dass der Raum als reines »Außereinander« von sich aus zu einer Synthese nicht fähig sei. Erst das Subjekt, das ihn im Wortsinn er-fährt, schafft Zusammenhang. Es bahnt Wege; Orte treten durch sie in eine zeitliche Beziehung, die durch die Dauer der zwischen ihnen liegenden Wegstrecke bestimmt wird. Das, was hinter mir liegt, ist die Vergangenheit, das vor mir ist die Zukunft. Die Zeit ist meine Zeit, und sie humanisiert den Raum. Sie unterwirft ihn den Erfahrungsbedingungen des Menschen.
Im Licht der Erfahrungen der letzten Jahre / Jahrzehnte / Jahrhunderte gilt das Gegenteil: Die Wahrheit der Zeit ist der Raum. In ihm werden keine Geschichten mehr erzählt, an denen ein Subjekt sich bilden könnte. Alles ist ausgeschnitten aus der Zeit. Das Auto ist selbst zu einem Teil der erstarrten Totenlandschaft geworden. Fast immer dieselbe Tageszeit, fast immer dasselbe Licht, fast immer steht ein weißgrauer, leicht gekörnter Himmel über der Provinz. Das Gesetz der Serie, »das Gleiche noch mal anders«, ist das Gesetz dieses – Beckettschen – Raums. Der Raum ohne Geschichten ist zugleich der geschichtslose Raum, der Raum nach und jenseits der Geschichte, oder besser: die Abraumhalde, die von einer der Ware, dem Mehrwert und dem Fortschritt verfallenen Geschichte unablässig produziert wird.


»This land was made for you and me«

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singt Woody Guthrie, und man hört den Stolz des mittellosen Hobos auf sein riesiges Land, die fast religiöse Inbrunst, die den Gedanken der amerikanischen Nation und ihres pursuit of happiness begleitet. Selbst er, der Wanderer, der nirgends zu Hause ist, keine Familie hat und sich von Job zu Job hangelt, gehört zu dieser Gemeinschaft. Als Bob Dylan Anfang der 1960er Jahre diesen Song in sein Programm aufnimmt, klingt das schon anders. Er zitiert; mit einer gebrechlichen Stimme, deren Sprünge und Risse direkt unter der Oberfläche verlaufen, singt er das Requiem des amerikanischen Traums. Ein Land wird beschworen, das es in Wirklichkeit schon nicht mehr gibt – das es in Wirklichkeit vielleicht auch nur in den Fantasien und Hoffnungen der Menschen gab; jetzt, so scheint es, haben die Menschen aufgehört zu existieren, die solche Hoffnungen hatten. Zurück bleibt ein Vakuum, durch das ziellos die Narren, Heiligen und Verrückten irren, die in Dylans Lyrik eine so große Rolle spielen. Dieses Land – nenne man es, wie man wolle – gehört niemandem mehr, und es lässt vergessen, dass es einmal anders zu sein schien.


Schilder und Zeichen

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Land der gebrochenen Versprechen: Aufgestellt allerorten sind Hinweise auf die Billigparadiese des Konsums. Zu Netto geht es rechts, zu Kaufland links, zum Reifengroßhandel im Gewerbegebiet in Fahrtrichtung, zum Parkhotel, ebenfalls im Gewerbegebiet in der entgegengesetzten, und am Ende führen alle Wege zu OBI, Hellweg oder Bauhaus. Immer jedoch weisen die Zeichen woandershin, auf etwas, das weit außerhalb des Gesichtsfeldes liegt. Das, worauf sie hinweisen, gibt es hier nicht. Oder es wurde geschlossen und liegt im Verfall. Abblätternde Plakate, die Veranstaltungen von vor 3 Jahren bewerben; verzweifelte Gesten, Versicherungen, dass es anderswo, früher oder in der Zukunft besser ist als hier; dass es dort ETWAS ZU HOLEN gibt, dass dort die FÜLLE herrscht und nicht die Leere; dass man dort STARK ist und nicht schwach: dass dort der ganze Sinn, der einen erfüllt und schließlich überwältigt, konzentriert wäre.


Grenze und Lager

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Grenzen, Mauern, Zäune. Meistens bleibt unklar, was sie voneinander absperren, was sie schützen oder verteidigen wollen. Worauf es ankommt, ist die Grenze AN SICH, das nackte Faktum, dass der Raum zerteilt wird, ohne dass im Geringsten erkennbar würde, warum. Von ›natürlichen Grenzen‹ wie Küsten und Höhenzügen kann nicht die Rede sein. Es handelt sich ausnahmslos um Setzungen, deren Ursprung so unklar bleibt wie ihr Ziel. Sie stehen einfach herum und geben vor, die Landschaft zu strukturieren, die sich gleichmütig durch sie hindurchbewegt und sie passiert, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.
Nein, in einer Welt ohne Grenzen sind wir nicht angekommen. Im Gegenteil scheint das Prinzip der Grenze universell geworden zu sein – das Prinzip ›Einschluss durch Ausschluss – Ausschluss durch Einschluss‹ verläuft kreuz und quer durch unsere Seelen und Länder. Es trennt das Drinnen vom Draußen – und umgekehrt –, unterscheidet die Zugehörigen von den Unzugehörigen, erzeugt markierten und unmarkierten Raum; es schafft die Gesellschaft als LAGER.

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Die Lagergesellschaft ist die zerfallene Gesellschaft, die Gesellschaft nach der Gesellschaft. Zerfall in die Einen und in die Anderen, in diejenigen, die es geschafft haben und in die Zurückgebliebenen und Verlorenen. Zerfall in Stadt und Land, Metropole und Provinz, West und Ost, Nord und Süd. Zerfall in Arm und Reich; in die im Licht und die im Dunkeln; in die, die auf der richtigen und die, die auf der falschen Seite des Tresens stehen; in die, die zahlen und die, die bedienen; diejenigen, die es kapieren und diejenigen, die es nie kapieren werden. Zerfall in die Wissensgesellschaft und ihre ausgelagerten Zulieferer, in eine arrogante und mafios organisierte Elite und in die Übergangenen und Gedemütigten, von deren erniedrigter Existenz niemand Notiz nimmt. Am Ende stehen aber keine ›Klassen‹, sondern es geht immer weiter: Zerfall des Zerfallenen in atomisierte Einzelexistenzen, die sich, von Konkurrenz und Überlebensangst getrieben, nicht im Namen eines gemeinsamen Interesses versammeln können.
Das Lager ist das Gegenteil des öffentlichen Raums, an dem jeder teilhaben kann. Das müssen keine großen Arenen sein, in denen über Politik und Gemeinwohl gestritten wird. Einige Parkbänke, die tagsüber als Treffpunkt der Rentner dienen und in der Nacht den Obdachlosen der Stadt eine Schlafmöglichkeit bieten, sind schon ein Anfang.
Die Lagergesellschaft ist unterteilt in parzellierte Bereiche, die man nicht verlassen darf. Denn das ist das Gesetz des Lagers, egal ob es aus Wellblechhütten, Baracken oder Villen besteht; gleichgültig, ob hinter den Zäunen, den Mauern oder den verglasten Fronten Sklaven auf Zeit arbeiten oder der Dax reguliert wird; ob es sich um die 4 – 5 Straßenzüge handelt, in denen ich mein Kind, dessen Klassenerhalt ich zu sichern habe, ungefährdet spielen lassen kann, oder um das Containerdorf am Rand der Stadt, das die Elenden, die wir durch staatlich garantierte Barmherzigkeit dort kaserniert haben, nicht verlassen dürfen. All das sind Lager, und der anschaulichste Ausdruck dieses Aggregatzustandes, in den die Gesellschaft eingetreten ist, ist die Grenze.


Vorschlag zur Güte

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Dieses entleerte Land, diese halb oder ganz geräumten Hochhäuser, an die die Natur sich heranfrisst, um sie irgendwann zu verschlucken, diese ausgeweideten Felder, verlassenen Geschäfte und Kathedralen der großen Industrie, diese ländergroßen Aggregate TOTER ARBEIT: Sollten wir nicht all diejenigen, die keine Grenzen respektieren und die sich auf Dauer ohnehin nicht zurückhalten lassen; diejenigen, auf deren Andersheit wir angewiesen sind, um uns das fühlen zu lassen, woran wir nicht mehr so recht glauben – wer wir sind; diejenigen, die wir einschließen müssen, um sie ausschließen zu können: sollten wir sie nicht dort ansiedeln und mit ihrer Hilfe das verlorene Land neu beleben? Viele verlassene Gebäude unterscheiden sich nur wenig von den Unterkünften, die wir schon eingerichtet haben. Sie, die alles riskiert haben, um zu uns zu kommen, bringen genug Demut mit, um sich das gefallen zu lassen. Dieses Land war schon einmal ein Lager, ein Lager im größten Stil, das seinen Insassen einige Freiheiten bot, aber dennoch ein Lager. Warum nicht daran anknüpfen?, warum nicht nach fast 30 Jahren den Aufbau noch einmal in die Hand nehmen?, warum nicht durch eine Winwin-Entscheidung, in der sich Menschlichkeit und Mehrwert aufs Schönste miteinander paaren, die leeren Landschaften wieder neu bevölkern?
Die Voraussetzung wäre natürlich, dass diese Menschen das LAGER DER FREIHEIT nicht verlassen dürften. Aber sie haben, im Ernst, doch wohl Schlimmeres gesehen.

1. Mai in Chemnitz

›Der III. Weg‹ und die Gegenveranstaltungen

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Chemnitz-Sonnenberg, 1. Mai 2018

Schön sieht das aus und ich habe mich sehr über die Stimmung in der Stadt und den großen Zulauf bei den diversen Gegenveranstaltungen gefreut. Aber es war nicht zu übersehen, dass sich die Linke – im weitesten Sinne; es handelte sich um ein breites Bündnis sehr unterschiedlicher Akteure – trotz zahlenmäßiger Überlegenheit in der Defensive befindet. Die antikapitalistische Systemkritik kommt von rechts, wir reagieren darauf durch ›Gegen‹-Initiativen und werden dadurch, ob wir es nun wollen oder nicht, zu Verteidigern des Bestehenden. »Das System ist am Ende / Wir sind die Wende« (»die Hände« hatte ich zunächst verstanden) wurde diszipliniert vom III. Weg skandiert. Das klingt, Entschuldigung, doch etwas anders als das ewige »Bürger, lasst das Glotzen sein / Kommt herunter, reiht euch ein« – also die ewige Parusieverzögerung, mit der die Linke (nach meinem Gefühl bis ins radikale Lager hinein) die Zukunft vor sich hertreibt, die sie vielleicht gar nicht mehr will, weil das Bestehende doch irgendwie o.k. ist. Das verlieh den Gegenveranstaltungen, bunt, laut und fröhlich, wie sie waren, dann doch auch etwas drückend-Gelähmtes, wenn man es mit dem national-sozialistischen Stoßtrupp in spe vergleicht, der sich im festen (und vermutlich zutreffenden) Vertrauen darauf, an der Spitze einer stetig wachsenden Bewegung zu stehen, seinen Weg durch die Stadt bahnte.

Der rechte Zug war so aufgebaut, dass eine lose uniformierte – mit roten T-Shirts und (in der ersten Reihe) Landsknechtstrommeln ausgestattete – Elite den Anfang bildete; junge Männer zumeist, auf den T-Shirts waren „Kämpfe“, dazu Begriff wie »Heimat«, »Familie« und „Tradition“ zu sehen. Dahinter das Fußvolk – eine Mischung, die mich eher aufgrund ihrer repräsentativen Normalität erschreckt hat. Glatzen habe ich nicht gesehen, überhaupt fehlte die gesamte militante Klientel [1]; nein, es waren ›Bürger‹ bis zur alternativ angehauchten Kleinfamilie und dem langhaarigen Silberrücken, dem bloß der Joint fehlte. Und es waren die, von denen die Linke seit Jahrzehnten träumt, denen sie aber offenbar nichts zu bieten hat: Arbeiter, kleine Angestellte, Arbeitslose – viele, die aufgegeben wurden oder sich aufgegeben fühlen und nun die Chance angeboten bekommen, Teil einer ›Bewegung‹ zu sein, die alles zu verändern verspricht und ein System, das sie aussortiert hat und mit ihnen nicht mehr rechnete, in Bälde wegzufegen behauptet. Ich weiß nicht, wie die Stimmung Anfang der 1930er Jahre war, als Arbeiter massenweise aus der SPD und KPD austraten und in die NSDAP eintraten, aber ich stelle sie mir ähnlich vor.

Und eben diese Diffusion, diese schleichende Völkerwanderung von Links nach Rechts [2] zeigt sich auch auf der ideologischen Ebene: »Arbeiterkampftag« nennt ›Der III. Weg‹ den 1. Mai; und in den Verlautbarungen, die vom Lautsprecherwagen tönten, war davon die Rede, dass es der Kapitalismus sei, der eben die Länder verheert, aus denen die Menschen zu uns fliehen – die klassische linke Imperialismuskritik. Diese Offenheit nach links – die Überläufer werden gefeiert, man bedient sich freizügig im Arsenal linker Theorie –, dieses Missionarisch-Integrative, das so tut, als könne es auf die Abgrenzungsrituale der Linken verzichten, ist das Beunruhigendste an dem, was da wächst.

Wenn ich darüber nachdenke, worin denn nun der Unterschied zwischen ›Links‹ und ›Rechts‹ im Kern bestehen könnte, fällt mir der Satz ein, den Heiner Müller in »Germania III« Hitler in den Mund legt. »Gegen die Lebenslüge des Kommunismus KEINER ODER ALLE die einfache und volkstümliche Wahrheit FÜR ALLE REICHT ES NICHT.« Auf seiner Internetseite übersetzt das ›Der III.Weg‹ in die Formel: »Erst wir. Und dann die anderen.« Deswegen Sozialismus, aber eben ein nationaler, der in der allgemeinen Krise rettet, was zu retten ist, auf den Trümmern Europas die Diktatur des richtigen Lebens errichtet und auf den Rest der Welt scheißt.

Was lässt sich dem noch entgegensetzen? Vielleicht sollten wir tatsächlich darüber nachdenken, uns einer Lebenslüge zu entledigen, die alle Lager von der Mitte bis nach Linksaußen eint: dass wir, die Menschengattung, noch gemeinsam vom Fortschritt getragen werden; dass es uns, mit anderen Worten, gelingen wird, mit vereinten Kräften auf dieser Welt vernünftige Verhältnisse herzustellen – Wohlstand für alle oder die klassenlose Gesellschaft, je nachdem. Diese Lebenslüge eint die Glaubenslehren des Kapitalismus und des Kommunismus; es sieht aber immer weniger danach aus, dass ihr ein Realäquivalent entspricht. Die Zeichen der Krise sind unübersehbar – ökologisch, politisch, militärisch schießen Bedrohungsszenarien aus dem Boden, die abzuwenden kaum mehr die Zeit und die Kraft bleibt. Dieses Gefühl bildet das überaus robuste Fundament der neuen Rechten, und es wäre eben hier anzusetzen, wenn man der Bewegung eine andere Richtung geben will.

Vielleicht – ein sehr großes »vielleicht« – kann Solidarität, die den Mutterboden eines Satzes wie »Keiner oder alle« bildet, nur noch funktionieren, wenn wir uns mit dem folgenden Gedanken vertraut machen: dass wir ein evolutionärer Rohrkrepierer sein könnten, eine zum Tod verurteilte Gattung, eine aussterbende Spezies, die sich, da sie nun einmal Bewusstsein entwickelt hat, fragen sollte, wie sie mit der ihr noch bleibenden Zeit sinnvoll umgeht. Sterbende sind (jedenfalls in vielen Fällen) irgendwie nett zu der Welt, die sie verlassen. Sie wollen sich versöhnen mit ihrer Familie, mit Freunden und Feinden, in Frieden Abschied nehmen. Sollte es möglich sein, dies auf die Gattung zu übertragen? Vielleicht liegt darin die einzige Möglichkeit, der Rechten nicht bloß begrifflich, sondern affektiv etwas entgegenzusetzen. Es würde freilich bedeuten, dass wir uns von Vorstellungen verabschieden, die für viele eine Art intellektuelles Rückrat ihrer Existenz bilden. »Pack die Sachen, die dir wert sind, / sag Adieu zu deinen Leuten. / Diese himbeerrote Reise ist jetzt auch vorbei« sang Franz-Joseph Degenhardt schon 1972. Ja, vielleicht ist das so.

 

Anmerkungen

[1] Auf dem unter https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1608958642507072&id=100001788547451 abrufbaren Video sieht das allerdings etwas anders aus. Sie halten still, aber sie sind alle da. Mir scheint jedoch, dass das Video die Normalität der Anhänger tendenziell ausblendet und sich zu sehr auf die üblichen Verdächtigen konzentriert. Hier ein Screenshot:

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(c) JFDA – Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

[2] Was Intellektuelle, ›Dichter und Denker‹ betrifft, hat sie der Deutschlandfunk in zwei hörenswerten Features dokumentiert: http://www.deutschlandfunk.de/herd-heimat-hass-ueber-die-verlockungen-rechten-denkens-2-4.1247.de.html?dram:article_id=412433 und http://www.deutschlandfunk.de/herd-heimat-hass-ueber-die-verlockungen-rechten-denkens-4-4.1247.de.html?dram:article_id=412525 Was in auffälliger Weise in diesen Features ausgespart wird, ist der Zug zur rechten, antikapitalistischen Systemkritik.

Klassengesellschaft 4

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So heißt es von einer Provinzadligen in Balzacs ‚Verlorenen Illusionen‘. Angst vor Befleckung und Beschmutzung: So führt sich jetzt die Elite auf, wenn sie mit dem Pöbel in Kontakt kommt, der von ihrer Bildung, ihrer Beweglichkeit, ihrem Kosmopolitismus von morgen nichts wissen will und sich nach den engen sozialen Zusammenhängen von gestern zurückseht. Eine Klassengesellschaft neuen Typs hat sich herausgebildet, deren Antagonismus weniger ökonomisch bestimmt ist als durch Lebensstil und Bildung. Auf der einen Seite: eine blasierte internationale Aristokratie, die unter sich bleiben will; vorläufige Globalisierungsgewinner oder solche, die es werden wollen. Auf der anderen: die Unberührbaren, rot und/oder braun beschmutzt, denen es Spaß macht, die ideologische Quarantäne, in der sie sich zu befinden glauben, zu durchbrechen und den Gegner zu infizieren.

Uwe Tellkamps und Durs Grünbeins Diskussion am 8.3. im Kulturpalast Dresden machte das auf beklemmende Weise deutlich. Auf der einen Seite: der in die Landeshauptstadt zurückgekehrte Bürgerssohn, der sich neuerdings als Vox Populi begreift und sein Gegenüber lustvoll mit Namen, Zahlen und Fakten bombardiert, von denen er glaubt, dass sie für sich selber sprächen, von denen er aber mit Sicherheit annimmt, dass sie dem Anderen nicht angenehm sind. Sein Argumentationsschema ist das der Rechten seit eh und je. Es ist das der konformistischen Rebellion: die Mehrheit tut so, als sei sie die von einem überwältigenden Verbund aus Medien und Politik unterdrückte Minderheit. Ihren Mut, ihr Vergnügen daran, sich mit dem Gegner zu messen und ihn in den Schmutz der eigenen Ressentiments zu ziehen, verdankt sich freilich dem Wissen darum, dass sie eigentlich für die Mehrheit spricht.

Auf der anderen Seite: der kosmopolitische Intellektuelle, der mit Zitaten und abstrakten Konsensphrasen aufwartet, die an den guten Willen appellieren, aber analytisch genauso wertlos sind wie Tellkamps Faktenhuberei. Die Zitate von Arendt, mit denen er um sich warf, die Berufung auf Heidegger, Jünger, Céline etc. pp., die an Ort und Stelle nicht viel verloren hatten; die kosmopolitische Aura mit der er kokettierte (»Neulich war ich in Paris beim Veleger Gallimard …«); der unverständliche Sarkasmus (»Wer gegen das System ist, kann ja FDP wählen!«); Verweise wie der, dass es das alles ja schon gegeben habe (dass er also die konservativen Schriftsteller, die nun neu verlegt würden, doch schon zusammen mit Heiner Müller gelesen habe) –: all das drückte aus: Ihr nervt mich, ihr seid mir unangenehm, all das beschmutzt mich, mit Leuten wie euch will ich nicht viel zu tun haben und ich möchte bitte zurück nach Berlin, wo solche Konflikte weit weg sind. Sie finden nämlich in Rudow oder Schöneweide statt.

Der Versteher

Anlässlich einer facebook-Polemik gegen den „AfD-Versteher“ Hans Joachim Maaz.

Der Niedergang, den das Verstehen in den letzten Jahren erfahren hat, ist bezeichnend für die Bewusstseinssituation, in der wir uns gerade befinden. Symptomatisch dafür sind Begriffe wie Russlandversteher oder AfD-Versteher.

Dass Verstehen erst einmal so viel wie Analyse bedeutete – eine Analyse freilich, die ohne das Moment der Empathie und der Einfühlung gar nicht auskommt (auch dann nicht wenn sie selbst kritisch ist) wird hier zum Kampfbegriff, der eigentlich so viel bedeutet wie Parteinahme. Das, was an Nähe zur Sache erforderlich ist, um sie zu erfassen, und analytisch zu durchdringen – in diesem Fall die autoritären Tendenzen, denen eine Gesellschaft oder ein Teil einer Gesellschaft huldigt -, wird gleichgesetzt mit Einverständnis. Es ist ein Symptom dafür, dass die Gesellschaft sich in zwei Lager aufgespalten hat, die voneinander nichts wissen wollen und deren Verhältnis zueinander nurmehr ein polemisches ist.

Man kann aber doch mindestens soviel aus der Psychoanalyse (also von Leuten wie Maaz) lernen, das solche Formen der Abkapselung gegeneinander erstens auf Verdrängung beruhen. Wer also den anderen einen „Versteher“ schimpft, hat Angst vor dem, was ihn oder sie insgeheim vielleicht doch mit der anderen Seite verbindet, die aufgrund von moralischen, meist aber nur sozialen Verboten nicht zugelassen werden kann.

Man kann zweitens aus der Psychoanalyse lernen, dass sich diese Form der Verdrängung immer rächt. Das Verdrängte kehrt wieder. Das auf diese Weise Abgewertete wird durch die Abwehr eigentlich stärker. Wenn man sich keine Mühe gibt, die Gegenseite zu verstehen und damit die Nähe zu ihr mit in Kauf zu nehmen, stärkt man sie. Das haben die Wahlergebnisse des letzten Jahres gezeigt, und wenn es so weitergeht, werden es auch die kommenden Wahlergebnisse weiter zeigen.

In diesem Sinne hat der polemische Kampfbegriff der anderen Seite – also der Rechten -, der Begriff nämlich der Elite sein Recht. Die Elite, die hiermit angesprochen ist, ist eben eine, die sich vom Rest der Gesellschaft abgekapselt: die von ihr nicht nur nichts weiß, sondern auch nichts wissen will; die diese Menschen in keiner Weise als gleich oder gleichberechtigt betrachtet und mit ihnen auf Augenhöhe verhandeln möchte. Das ist die Demütigung, die empfunden wird, und die hinter diesem Begriff der Elite steht.

Die Lösung kann also einzig darin bestehen, aufeinander zuzugehen, wenigstens in der Diskussion den seit langem verlorenen sozialen Zusammenhang wiederherzustellen: zu verstehen was die andere Seite sagt, auch wenn das bedeutet, festzustellen, dass man selbst vielleicht auch nicht ganz frei von den Ressentiments ist, die man der Gegenseite unterstellt. Etwas platt und plakativ formuliert: Für die Elite, diese sogenannte Elite, spielt der Mob, der Pöbel und die Plebs, die es aufbaut, genau dieselbe Rolle des Feindbildes, wie für die Gegenseite: die Flüchtlinge, die Eliten, das internationale Kapital und so weiter.

Was in Wahrheit hier einander gegenübersteht, sind die Gewinner und Verlierer der neuen Stufe der Vergesellschaftung, in die der globale Kapitalismus eingetreten ist. In einem einzigen Land existieren mindestens zwei Parallelgesellschaften, die vermutlich dank der neuen Medien einander nicht mehr ignorieren können und nun aufeinander losgehen.

In Staub mit allen Feinden Brandenburgs

Schön war das ja nie hier, eher skurril und eigentümlich. Ruinen und Reste, die unzähligen Brücken, die über die Straße hinweg fuhren, das Dämmerlicht unter ihnen, Schmierereien, Graffitis und Konzertplakate, die eine dicke Patina über den Backsteinen bilden, die ehemalige »Bahnhofsquelle« (dann »Zum Umsteiger«) am Eingang zur U7, Gemütlichkeit inmitten einer Trümmerwüste, alles vergessen und verwahrlost, ein Transitort, der abends Angst macht, wer hier hängen bleibt, wartet auf den Krankenwagen.

Gerade das reizt aber die Gier der Investoren. Hier gibt es noch das Echte, das noch nicht vom Kapital verschlungen und gleichgeschaltet wurde, es braucht ja das, was es nicht ist, um es selbst sein zu können. Ein Park zwischen den Gleistrassen ist angelegt worden, ein gewaltiges Neubaugebiet zieht sich zwischen S1 und S2 entlang, die Kneipe ist entleert und schon ausgeweidet, der Bauschutt reicht bis auf die Straße, hier wird sichs bald gut wohnen.

Ich mag den Ausdruck Gentrifizierung nicht. Es sind immer die anderen: Wer ihn im Mund führt, gehört oft zu denen, die dafür mitverantwortlich sind, weil sie die Mieten zahlen können, die jetzt hier abgerufen werden, oder sich das neu auf den Markt geworfene Wohneigentum leisten können. Habt ihr schon mal einen Arbeitslosen davon reden hören? Die wirklich an den Rand Gedrängten, die Alten, die Arbeiterfamilien, die Arbeits- und Erfolglosen kennen den Begriff gar nicht. Sie benennen die Fakten: teure Mieten, die Schließung der Eckkneipe, in der man Gulasch für 4,50 essen konnte, Ersetzung des ALDI durch eine Bio-Supermarktkette und so fort. Es geht um Vertreibung, um Ghettoisierung und soziale Homogenisierung.

Die Stadt wird also immer provinzieller, wenn Urbanität bedeutet, dass Unvereinbares nebeneinander bestehen kann. Es ist ein Geflecht komplizierter Verhaltensweisen, eine Mischung aus Empathie und Ignoranz, praktischer Zusammenarbeit und Durcheinanderhindurchsehen, ein gleitendes Zusammenspiel aus Gemeinschaft und Einsamkeit, die ständig ineinander übergehen. Jetzt sortiert sich das alles auseinander, verschiedene Städte wachsen aus dem Boden, die die alte ersetzen, ohne dass eine Spur von ihr bleibt. In ihnen leben verschiedene Menschen mit verschiedenen Berufen und verschiedenen Bedürfnissen, sie haben nichts miteinander zu tun, ihre Kinder gehen auf unterschiedliche Schulen und ziehen sich unterschiedlich an. Was sie vielleicht noch verbindet, ist die Angst vor der Zukunft, aber selbst die Art und Weise, sie zu verdrängen, ist nicht dieselbe. Die eine Mauer ist gefallen, jetzt sind die Viertel dieser Stadt umgürtet von unsichtbaren Mauern, es lebe die Klassengesellschaft. Keine gute Ordnung, aber eine Ordnung immerhin, errichtet gegen die drohende Auflösung.

Es ist ja Treibsand unter Berlin, unterschätzt bloß nicht Brandenburg, bald wird nicht einmal mehr ein Loch sein, wo die Stadt sich befand, und Kommunisten sind wir dann im Tode.


(Der Text ergänzt das Gedicht „Kleine Reise“ um eine vertikale Bewegung; mahlende Selbstzerstörung, die von innen kommt.)

Eislaufen

Es ist die Zeit des Eislaufens, vom Dreijährigen, der in seinem leuchtend roten Schneeanzug aussieht wie eine Wattewurst und der bei jedem Schritt auf dem Eis liegt, bis zum überkrassen 17-Jährigen, der in rasender Geschwindigkeit, die Beine in einer unablässigen fließenden Bewegung spindelnd in raschen Slaloms zwischen den anderen hindurchschießt, sind alle hier in einem großen Rundtanz vereint. Die Musik ist furchtbar, der kleinste gemeinsame Nenner, Helene Fischer und Co., Deutschpop aus den Achtzigern plus ein paar extra beats per minute, aber sie dringt doch in die Körper, teilt sich den Bewegungen mit, bestimmt den Schwung, mit dem man vom einen aufs andre Bein wechselt. Wir sind seit Stunden unterwegs, immer wieder hingefallen aufs nasse Eis, dann halbwegs getrocknet, Schweiß und Wasser haben sich zu einer zweiten Haut, einer merkwürdigen stinkenden Masse, verbunden. Ich bin schon müde und es fällt mir nicht mehr ganz leicht, meinen Schwerpunkt exakt über den Kufen zu halten, durchzuschwingen von rechts nach links nach rechts nach links nach, in den Kurven die Frequenz zu erhöhen und überzutreten, manchmal finde ich wieder in den Rhythmus, die Musik hilft mir dabei, meistens aber bin ich durch schwankende Eigenbewegungen irritiert, gegen die ich nichts machen kann, aber dann, ganz plötzlich und meistens auf der hinteren Geraden, gelingt es wieder, und es kommt noch etwas anderes dazu. Ich richte mich ein wenig auf und versuche mit meinem Blick die Bahnen zu umfassen, die die anderen Eisläufer in meiner Umgebung ziehen und in den nächsten Sekunden ziehen werden. In einer Keuner-Geschichte heißt es, ein guter, das heißt kommunistischer Autofahrer fahre in drei Autos gleichzeitig, neben seinem eigenen müsse er auch in dem vor ihm und in dem hinter ihm sitzen und steuern. Das Dreikörper-Problem, aber das ist geradezu eine Kleinigkeit verglichen mit dem, was hier los ist, eigentlich müsste es verboten werden, es sind ja ständig 10-12 Leute gleichzeitig vor, neben und hinter mir, unterschiedlich groß, unterschiedlich schnell, unterschiedlich gut, ein superkomplexes System, das man bewusst gar nicht erfassen kann, dem man vielmehr allein in einer eher erstaunten Haltung begegnen kann, indem man den ganzen Körper in ein einziges Wahrnehmungsorgan verwandelt, ein drittes und viertes Auge, eine Datenverarbeitungsmaschine, die alles gleichzeitig aufnimmt, sammelt und verarbeitet, die systemische Gesamtprognose der nächsten Sekunden ausspuckt und das gesamte motorische System darauf ausrichtet. Mit einem letzten Rest Speicherplatz spüre ich, dass sich von hinten links eine Gestalt nähert, sehr schnell, ihr noch leicht ruckartiger Bewegungsablauf ist mir gestalthaft vertraut, bevor ich einen Namen nennen kann, es ist meine Tochter, die aufschließt und mich schon wieder überrunden will, ich beschleunige noch etwas und schere selbst nach links aus, spüre die Anspannung, die meine Berechnungen an ihre Leistungsgrenze fährt, gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich das System kühl halten muss, kühl und entspannt, nichts darf gewollt sein, sonst liege ich gleich auf dem nassen Eis. Einen Moment lang durchfährt mich ein Blitz, es ist der erlösende Stromschlag, der mich mit dem gesamten System, mit der Herde, der Gattung, dem Schwarm, der Maschine verbindet, die sich hier gebildet hat, für einen Moment ist alles eines, ich verliere mich in etwas, das mehr ist als ich. Dann fällt das sanft von mir ab, ich bewege mich in die Richtung der Innenbahn, auf der weniger los ist, jetzt sind meine Tochter und ich auf einer Höhe, fahren parallel und gleich schnell, sie nimmt einen Augenblick meine Hand, wir finden einen gemeinsamen Rhythmus, schwingen in gemeinsamen leichten Bögen hin und her, die in der Mitte der Bahn sich drehende Discokugel wirft rasch ein paar grüne und rote Lichtpunkte über unsere Gesichter, dann nickt sie mir kurz zu, löst sich und verschwindet mit zwei drei jetzt mühelosen Bewegungen, die mich glauben lassen, dass ich stehe, in der sich rasch hinter ihr schließenden Menge.

Dialektik des Fortschritts

Bachs letzte Werke sind ein Gottesbeweis, ein letzter Versuch, sinnfällig zu machen, dass der geschaffene Kosmos einem Wort, einer Geschichte, oder hier: einem THEMA folgt, und dass die mannigfaltigen Erscheinungen, die uns überwältigen, Variationen dieses einen Themas sind, wieder und wieder durchgespielt bis ans Ende der Zeiten. Es gibt keine Geschichte, nichts Neues ereignet sich unter der Sonne, sondern allein Wiederholung und Abwandlung, Entfernung, Rückkehr zum Zentrum, neuer Gang durch die Welt der Erscheinung.

Man muss sich vorstellen, dass dies um 1750 geschah. Die ersten programmatischen Formulierungen menschheitlichen Fortschritts bei Bacon lagen 150 Jahre zurück, 1752 erschien der erste Band der ‚Encyclopédie‘, 1755 postulierte Rousseau, dass er Mensch sich vom Tier durch unendliche PERFEKTIBILITÄT, also durch die ins Offene voranschreitende Gattungsgeschichte unterscheide. Wir befinden uns im Zeitalter der Hochaufklärung. Das, was Bach in der ‚Kunst der Fuge‘ und im ‚Musikalischen Opfer‘ unternimmt, wirkt seiner Gesinnung nach wie ein zutiefst mittelalterlicher Einschluss.

Gleichzeitig gehören diese Werke zu den technisch avanciertesten der Zeit. Die Dichte der motivischen Verflechtung und die Souveränität der Verfügung über den gesamten chromatischen Tonraum, sind beispiellos und werden erst von Beethoven und seinen Nachfolgern wieder erreicht, die damit ein Erbe antreten, das ihnen von der Sakralmusik übermacht worden war. Die Homophonie der Wiener Klassik kam aus dem Volk; sie war der Versuch, seine Lieder und seine Stimme in der großen Musik zu verankern: eine Art popkulturelle Gegenbewegung ihrer Zeit. Das, was unter dem Titel der Durchführung immer größeren Raum einnahm, die eigentliche Anverwandlung und Umschmelzung des Materials, greift auf ältere Techniken zurück, die von der musikalischen Entwicklung verworfen worden waren.

Ein dialektisches Bild

Wenn man im Berliner Hauptbahnhof von Süden oder Norden aus ankommt und auf einem der Gleise der untersten Ebene eingefahren ist, hat man das Gefühl, sich auf dem Grund eines Trichters zu befinden. Für Bruchteile von Sekunden sitzt man in der Falle und reagiert darauf durch eine unmerkliche Panikattacke. Dann steigt man auf, es wird lichter und geräumiger und der Strom der Ankömmlinge verteilt sich in alle Richtungen über die Stadt.Nachts ist das anders. Dann wirkt die gläserne Haut, die uns verdeutlicht, dass wir uns ins Offene bewegen, wie das Dach einer gewaltigen Höhle. Tief scheinen wir wieder unter die Erde gesunken zu sein, in den riesigen Bauch der Breitbrüstigen.

Walter Benjamin nennt dies den Moment der Urgeschichte in der Moderne. Die Pariser Passagen, an deren Erforschung er die letzten Jahre seines Lebens wandte, galten ihm als Inbegriff eines solchen »dialektischen Bildes«. Die Moderne, so könnte man sagen, gewinnt Halt dadurch, dass sie sich an Ursprünge klammert, die weit vor dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen liegen. Ohne ein prä-neolithisches Fundament »höbe sie ab«, das heißt sie flöge und wäre schnell verweht. Der Hauptbahnhof, der sich auf einer jahrzehntelangen Brache erhebt und sich erfolgreich in Himmel und Erde hineingefressen hat, ist ein Nachfolger der Pariser Passagen. Vielleicht kein sehr gelungener, aber doch ohne Zweifel ein GESCHICHTSPHILOSOPHISCHES AUGE, das sich öffnet und schließt im Wechsel der Tage und Epochen

Ein sehr kleiner Mann

Der Mann war unvorstellbar klein. Wie ein Kind stapfte er, weißhaarig und gebrechlich, zur Kasse und legte seine Sachen aufs Band. Das waren: ein Pfandbon, eine Brötchentüte und eine Flasche Bier. Alles summierte und subtrahierte sich auf 63 Cent.

Der Mann war arm. Die Mütze hatte er tief über den Kopf gezogen. Er trug eine verschossene Jeans, die in einer für sein Alter ganz untypischen Weise nach unten weiter wurde. Cordjacke, Kunstlederschuhe. Er hielt der Kassiererin sein Portemonnaie hin, damit sie die fälligen Betrag entnehmen könne. Langsam legte er die wenigen Dinge seines täglichen Bedarfs in den mitgebrachten Stoffbeutel.

Er braucht ja nicht viel, weil er so klein ist, dachte ich. Oder ist es umgekehrt: dass manche Armen aus ökonomischer Vorsicht beschließen, nicht weiter zu wachsen? Haben sie zu wenig Essen bekommen oder wissen sie, dass es für sie nicht reichen wird? Für Kleinwüchsigkeit gibt es vermutlich eine Reihe von Gründen. Aber das könnte einer von ihnen sein

Klassengesellschaft 3

In vieler Hinsicht ist A. eine gewöhnliche ostdeutsche Kleinstadt. Es hat eine schöne Bausubstanz; an einigen Stellen ist sie grell überputzt, an anderen modert sie still vor sich hin. Auf den Straßen Arbeitslose, Prolls, Tätowierte mit lauten Stimmen und mehr als einem Kinderwagen. Das, was von der Arbeiterklasse übriggeblieben ist, heruntergekommene, am Nasenring herumgeführte Existenzen, die wenig zu verlieren haben und nichts zu gewinnen. Sie hängen am Smartphone, das ist glatt und sauber wie nichts sonst in ihrem Leben voller Alkohol und schlechter Zähne.

Darüber hat sich eine zweite, quasi bürgerliche Schicht etabliert, die wirkt, als sei sie aus dem Westen importiert. Ist sie aber nicht, zumal es den Westen, aus dem man sie hätte importieren können, schon lange nicht mehr gibt. In Freiburg vielleicht, in Charlottenburg … ich weiß es nicht. Insgesamt aber ist dieser Typus der halbwegs zu Geld gekommenen Ex-Hippies und Alternativbürgerlichen so ziemlich aus der Mode gekommen.

Hier aber geben sie sich ein phantastisches Stelldichein: Bunt gefärbte Jeans, Wickelröcke und graue Locken, die sich melancholisch hinter dem späten Haaransatz auftürmen; Nickelbrillen vor schmalen, lächelnden Gesichtern mit sehr gepflegten Zähnen; schmale Leiber ohne ein Gramm Fett zuviel; jedoch auch Frauen, die ihre Korpulenz mit Anmut tragen; Kinder mit und ohne Helm auf Holzlaufrädern; gute Menschen, die Fahrrad fahren, sich vegetarisch ernähren oder auch nicht (man ist sehr tolerant in dieser Stadt), Tango tanzen und ein subtiles System von Ersatzbefriedigungen ausgebildet haben, das sie über ihre wahrscheinlich sehr glückliche Existenz hinwegtröstet. Man spricht Dialekt, aber nicht zu sehr: der zarte Singsang statt Zement und Bier im Mund. Leute, die es geschafft haben und die es sich leisten können, Fünfe grade sein zu lassen. Auch wenn sie es nur selten tun.

Diese Schichten stehen zueinander in einem Verhältnis, das durch Unwirklichkeit bestimmt ist. Sie nehmen sich nicht wahr; es ist, als würden sie füreinander nicht existieren – als würden sie durcheinander diffundieren wie zwei Wolken, ohne dass es zu einer Berührung, einem Kontakt, einem Konflikt käme. Der Konsens, der sie einigt, ist der Beschluss, aneinander vorbeizusehen.

Während eines sommerlichen Stadtfests trifft man sich zum Picknick im Park. An langen Tischen die selbsternannte Haute Volée, in Leinenhosen, leichten Sommerkleidern und zu gutem Essen. Es gibt Quiche, Walnussbrot, französischen Käse und einen gut gekühlten Wein aus der Region. Auf mitgebrachten Picknickdecken sitzen die Anderen. Zwischen sich eine Kiste Meisterbräu, sie reden laut und übergewichtig und die Kinder verziehen sich mit ihren großen Cola-Flaschen an den Rand der Wiese.

Es sind zwei Wirklichkeiten, die nichts miteinander zu tun haben. Eine befriedete Klassengesellschaft. Nur dass ein gutes Viertel der Bevölkerung zu AfD-Wählern geworden ist.

Sind diese Leute Rassisten – einfach so? Sind sie der Überzeugung, dass ein Mensch dunkler Hautfarbe per se weniger wert sei als sie? Bei einigen ist das gewiss der Fall. Bei einem nicht unbeträchtlichen Teil aber dürfte es sich so verhalten, dass der schwelende Klassenkonflikt auf die geflohenen Neubürger projiziert wird. Ein Halbdutzend von ihnen sitzt mit an den Tischen der Oberen, bunte Kleckse im sommerlichen Pastell. Warum sie und nicht wir? mag mancher sich fragen, oder, wenn er sich das nicht fragt, sich am Wahltag für die Partei entscheiden, die diese Frage stellt. Die Wut richtet sich im Kern nicht gegen die Geflohenen, sondern gegen die da oben, die sich ihrer annehmen und sich auch noch mit internationalem Flair und ein bisschen Gemeinsinn umgibt. Das Engagement für die Flüchtlinge ist auch ein soziales Distinktionsmerkmal. Der Neoexotismus ist ein Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht. Das zieht den Klassenhass auf sich, der sich nicht dort ausleben kann, wo er müsste. So vergreift man sich an den Spiegelbildern ihres Sozialnarzißmus.


 

Dieser Text ist nun auch erschienen in: streem. art & culture streetmagazine. Berlin, August 2017.

Schockstarre

Jetzt, nach der Wahl, sind viele in „Schockstarre“. So steht es in vielen Mails, die ich erhalten habe. Ihr Absender sind fassungslos darüber, dass die Amerikaner einen Mann gewählt haben, von dem sich seit Monaten abzeichnete, dass er den Unmut, das Ressentiment, teilweile aber auch die berechtigten Wünsche der zu kurz Gekommenen, der Verlierer im Krisenkapitalismus, der ökonomisch oder kulturell Ausgegrenzten kanalisieren würde – Menschen, von denen ebenfalls zu erwarten war, dass sie sich weder von einer Niederlage im Fernsehduell überzeugen lassen würde (es hat vielleicht im Gegenteil den Hass auf das von Clinton verkörperte politische Establishement verstärkt), noch dass sie bereit sein würden, den Meinungsforschungsinstituten seriöse Auskünfte zu geben.

Aber was bedeutet das, zu sagen, man sei in „Schockstarre“? Setzt es nicht wohlfeile moralische Empörung an die Stelle von Selbstkritik? einer Selbstkritik, die begreifen müsste, dass die Zeiten, in denen man sich politischen Optimismus leisten kann, vorbei sind, diese bequeme Lösung also nicht mehr zur Verfügung steht? Ist die „Schockstarre“ nicht ein rhetorischer Kanal, auf dem man sich kathartisch entlädt, um sich dann wieder auf die hoffnungsvolle Naivität einzupegeln, die schon in den den zwanziger und frühen dreißiger Jahren den Faschisten den Weg geebnet haben? Ersetzt sie nicht das Handeln und Analyse durch emotionale Erregtheit? In diesem Zustand kann man sich nicht dauerhaft halten, also schiebt man sie am Ende beiseite und geht zur Tagesordnung über.

Pessimismus: äußerster Pessimismus, der die Welt, wie wir sie kennen, als eine untergehende betrachtet – es ist keine Option mehr, sondern ein Gebot des Realismus. Es bedeutet nichts weiter, als die Augen vor der Wirklichkeit nicht zu verschließen und sich zu überlegen, auf welche Weise noch etwas zu retten ist; das eigene Leben, die Freiheit, Freundschaft und Solidarität. Das Prinzip Hoffnung ist zu einer gefährlichen Angelegenheit geworden.

So schreibt Josef Joffe in der unmittelbar nach der Wahl erschienenen Ausgabe der ZEIT: 

Es bleibt der Welt nichts an­de­res übrig, als fest daran zu glau­ben, dass die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung auch diese Krise über­steht. (…) Noch nie muss­ten sich Ame­ri­ka und die Welt so sehr an die For­mel klam­mern, die jede Prä­si­den­ten­re­de be­en­det: »God bless Ame­ri­ca.«

Das nennt man wohl schönreden. Wenn uns angesichts der Verhältnisse nichts anderes übrig bleibt, als ganz doll als das Gute zu glauben, kann es damit nicht weit her sein. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt, können wir uns nicht leisten. 

Die Uferböschung

Die Uferböschung ist kein Ort.
Man kommt nicht ran. Wo beginnt
der, wo hört der auf. Äste hängen
schräg ins Wasser. Alles hohl.
Größere Stämme treiben vorbei
glitschig und kalt. Seerosenteppiche
drohen mit tiefem Ersticken.
Die Haut wellt sich in Mückenschwärmen.
Und gehst du tiefer, dort, wo
die Hand hinwill, ists immer
weich und feucht, die klamme Scham
im Wurzelwerk. Land will zum Wasser

»Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen«. Zum Tod von Hella Tiedemann



1
Ein Mallarmé-Seminar, das mit den Worten anfing: »Wenn ihr am Ende dieses Semesters behaupten werdet, ihr hättet Mallarmé verstanden, dann habe ich etwas falsch gemacht«. Das – artikulierte – Nichtverstehen war ihr kein Ausdruck des Unvermögens, sondern Triebmoment und Bewegungsform der Form von Wissenschaft, auf die es ihr ankam, fast schon ein Kriterium der Wahrheit. Vielleicht liebte sie deswegen diesen dunklen Autor, der einem nichts leichter macht als das Nichtverstehen

2

Miszellen zur Kritischen Theorie als Lebensform:

  • Während des ersten Semesters bei Adorno habe sie seiner Vorlesung kaum folgen können; über weite Strecken sei ihr ganz dunkel geblieben, wovon der große Mann geredet habe. Aber ein Antrag blieb zurück: Irgendwie war es wichtig und der Mühe wert, sich weiter damit zu beschäftigen.
  • Horkheimer (in dessen Gesammelten Werken sich später ihr Scheckbuch befand – er war ihrer Meinung nach der einzige Kritische Theoretiker, dem man sein Geld anvertrauen konnte) wurde bei einer Abendveranstaltung auf sie aufmerksam und fragte hinterher herum, wer diese intelligente junge Frau denn gewesen sei. Sie erzählte aber, dass sie den ganzen Abend über kein Wort gesagt habe. »Ich war viel zu verschüchtert. Horkheimer fand mich attraktiv. Er hat das verwechselt.«
  • Ihre Peguy-Arbeit war von einem Mitglied der Berliner Kommission überaus kritisch beurteilt worden. Sie schrieb einen langen und zornigen Brief, in dem sie begründete, dass sie seine Einschätzung für Unsinn halte. Nach einer Weile kam die einsichtsvolle Antwort, dass man sich den Argumenten der zukünftigen Kollegin beuge.
  • Ein letztes Gespräch in Strausberg. Es ging um das Verhältnis von Wissenschaft und Erfahrung. Nach einer Weile brach es aus ihr heraus: »Ihr redet immerzu von Erfahrung! Was soll das denn eigentlich sein? Was ist denn Erfahrung«. Wir waren unter uns, aber ich empfand mich bloßgestellt, die Frage am Rand der Peinlichkeit. Was stellte sie hier in Frage? Hatten wir den Anspruch der Erfahrungswissenschaft nicht ihr zu verdanken? Wir reagierten unschlüssig und wenig souverän. Später habe ich mich gefragt, ob die Reflexion der zur Selbstverständlichkeit geronnen Grundlagen nicht eine gewisse Taktlosigkeit voraussetzt.

3

Meine Disputatio begann mit ihrer Frage: »was ich mit meiner Arbeit überhaupt gewollt habe«. Es ist ein zentrales Bewegungsmoment der Kritischen Theorie. Wissenschaft ist nicht selbstgegeben; das Privileg, sie zu treiben, muss man sich verdienen. Dahinter steht eine sehr dezidierte Unterscheidung von ›richtiger‹ und ›falscher Wissenschaft‹: eine, die den Menschen dient als Wegbegleiterin auf ihrem sperrigen Weg durch die Wirklichkeit; und das Insichgeschäft eines verselbständigten Betriebs, der sich vor allem mit sich selbst befasst und hoch arbeitsteilig und unter steigendem Druck Waren für einen kulturellen Binnenmarkt produziert. ›Kritische Wissenschaft‹ prozessiert vor allem anderen im Modus ihrer Selbstkritik. So ging es, auf eine altmodische Weise formuliert, Hella Tiedemann um den Gebrauchswert der Theorie – in einer Situation, in der er begann, von ihrem Tauschwert an den Rand gedrängt zu werden.

4

„Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen“ – lange nach ihrer Pensionierung hörte ich diesen Satz, der mich seitdem beschäftigt und zu der Frage geführt hat, ob sie nicht eine sokratisch-platonische Instanz im Universitätsbetrieb gewesen ist: skeptisch gegenüber dem geschriebenen Wort, teilweise aber auch aus Ehrfurcht vor dem Geschriebenen, das sie für »verbindlich« hielt und das in lebendige Rede aufzulösen sie als ihre Aufgabe betrachtete. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihrer Seminare – später dann der Gesprächskreise in Strausberg – waren Personen mit Namen und Biografien wie in einem guten platonischen Dialog. Nicht, dass diese Gespräche das Niveau platonischer Dialoge gehabt hätten – keineswegs. Worauf es mir ankommt, ist, dass wir uns nicht als Funktionäre eines verselbständigten Diskurses fühlen, sondern als Individuen, deren Eigentümlichkeiten, Stärken, Schwächen, Launen und Macken Hella rasch wahrnahm und für das Gespräch produktiv machte. Das, was zwischen uns sich zutrug, war ›die Sache‹ – kein Ding, kein finales Objekt, sondern ein Effekt sprachlicher Äußerungen, die sich nur selten argumentativ stringent aufeinander bezogen, sondern schräg und eigensinnig zueinander standen – Konstellationen, aus denen mitunter geistige Erfahrungen hervorgingen, die lange nachwirkten, ohne sich festhalten zu lassen: kein »Sein«, sondern »Ereignis«.
So war es nach einer fünfstündigen Diskussion über die Erkenntniskritische Vorrede in Benjamins Trauerspielbuch. Kurz nach Hellas Tod schrieb mir Elisabeth von Thadden, sie werde diesen Tag nie vergessen. Wir hatten alles verstanden und wussten nicht, was. Was blieb, war – wiederum – der Antrag, die Aufforderung, Texte so zu entfalten, dass dieses Gefühl wiederkehrt. In ihm, so vermute ich, lag für sie das größte Glück des Berufs, den sie ergriffen hatte – auch dies ein Gebrauchswert von Wissenschaft.

5

»Die Phänomenologie des Geistes habe ich nie verstanden und auch nie ganz gelesen«. Bis heute weiß ich nicht, ob ich das glauben soll. War es pädagogische Tiefstapelei, die uns anspornen sollte? Oder sollte es uns gegen die Bluffs, das Gerede und akademische Salongeschwätz impfen, das leere Tickets tauscht und sich die formelhaften Überreste von vor langer Zeit – und womöglich nicht ganz – Gelesenem an den Kopf wirft? Erziehung zur Bescheidenheit? Zum Misstrauen gegenüber den Bescheidwissern? oder zum Ehrgeiz, dann doch besser sein zu wollen als die Lehrerin – in Erfüllung des Sprichworts, dass ein Lehrer nichts tauge, dessen Schüler ihn nicht überflügeln? Ehrlichkeit oder rhetorische Selbstverkleinerung?

6

Das Bürgerliche an ihr – für mich das Beste, was das Bürgertum zu bieten hat(te): der Punkt, an dem der Klassenstandpunkt, die Abgrenzung nach unten durch Wohnort, Sprache, Bildung, sich übersteigt auf den Gedanken einer Humanität, die sich, wenn nicht allen, so doch sehr vielen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens (zu denen der von Selbstbehauptungskrämpfen begleitete Zerfall der bürgerlichen Kultur dazugehört), zu öffnen imstande ist. Kaffee gab es aus dem Mokkaservice von Gretel Adorno und sie verabscheute die WG-Gepflogenheit, nach dem Essen gemeinsam abzuwaschen. Aber all das könnte auch anders sein.

7

Das Rätsel des Todes. Sie habe keine Angst davor, sagte sie vor Jahren, so viele hätten es vor ihr geschafft, man trete eben in die Gattung zurück. Ich habe nie genau verstanden, was das bedeutet: das Eingehen in den Naturprozess, die universelle Metamorphose, Verwandlung von allem in alles? Ovids Werk hat sie in den letzten Jahren sehr beschäftigt, ganze Partien lernte sie auswendig auf Latein – ich habe nie gefragt, warum eigentlich.
Ja: der Gedanke ist tröstlich. Aber ist das alles? Ich denke, es kommt noch etwas anderes hinzu: der Name, der fortlebt; die Arbeit, die sich mit ihm verbindet und die wir fortsetzen sollten – jeder auf seine / ihre Weise, und nur so –; die ›Gemeinde‹ in einem säkularen Sinn, wenn es ihn ohne theologische Restsüße überhaupt geben kann.
Der Tod ist eine Arbeit, hat Heiner Müller geschrieben. Schwerlich nur für die Toten. Auch wir sind gemeint. Sie besteht darin, die Lücke, die Hella Tiedemanns Tod gerissen hat, durch unsere Arbeit offenzuhalten.

8

Nun bewahren sie die Tote schon eine ganze Weile auf, in einem leeren Raum, in dem nichts geschieht, außer dass Erinnerungen nacheinander aufsteigen. Wahrscheinlich in einem Kühlraum, so wie man das aus den Fernsehkrimis kennt; für eine Weile geschützt vor dem Verfall, der sie bald mit desto unnachgiebigerer Macht erfassen wird. Aber Worte und Gesprächfetzen lösen sich ab von ihr in dieser Nicht-Zeit und verbinden sich mit uns, der kleinen Gemeinde, der sie nie gestattet hätte, sich so zu nennen. Sie bilden einen zweiten, diffus über Berlin und einige wenige andere Orte verteilten Körper – keine Seele, die ja den organischen Körper zusammenhält, sondern ein Zwischenwesen wie dahintreibende und mit einem Mal wie gemalt erscheinende Wolken, oder wie nasses Blätterwerk im Frühherbst, marmoriert und kurz vor dem Beginn des Zerfalls, das sich träg im Wind bewegt.

9

Sie ist neben ihrem Sohn begraben. Der Platz, den sie für ihn ausgesucht hat vor vielen Jahren, war von Beginn an ihrer, tief im Wald, dessen gleichgültiges Zeitgebreite mich mit einem Ruck überfiel, als ich zum ersten Mal seine Grenze überschritt. Es ist ein Friedhof, auf dem viele junge Soldaten ohne Namen liegen, gefallen 1945 kurz vor Kriegsende, »Material« des Krieges, dann der Natur. Außerdem Selbstmörder; Ertrunkene, die aus der Havel gezogen wurden. Solidarität mit den Verlierern, den Unglücklichen und Unbekannten. Als wollte sie ihnen gleichen im Tod, dann schnell vergessen und ins zweite Leben eingespeist werden, das unter dem ersten, das wir für unser einziges halten, fern dahinrauscht und am Ende zu einem Tosen anschwillt, das die meisten anderen Geräusche verschluckt.
Vielleicht hat sie das schon seit langem gehört; so wie jeder, dessen Kind vor ihm stirbt, widernatürlich und vor der Zeit. Ihre Heiterkeit, ihr Eigensinn, ihre Unanfechtbarkeit – es waren die Charakterzüge von jemandem, der schon einmal gestorben ist und ins Leben zurückkehrt, wohl mit dem festen Vorsatz, sich nicht leicht daraus vertreiben zu lassen. Die Liebe zu ihrem Sohn verteilte sie auf die Lebenden. Als feiner Stoff ist auch er gegenwärtig.
An bestimmten Punkten hatte sie dem Leben abgeschworen. Deswegen war sie so lebendig. Unser Schritt, den wolkenhaft zerstreuten Gedanken ein bisschen Form und Zusammenhalt zu geben, kann daher kein großer sein.

Klassengesellschaft 1

Wir wohnen in leeren betrieben voll
dreck ruß rost und voller malereien
Man schlägt dem himmel ins gesicht
Der wind bringt nachricht von den anderen
Zu fett zu mager, zu wenig geredet und
zu viel gebrüllt, zu wenig hand und zu viel
faust Zwischen uns die schwarzen hunde und
die schultern sind aus stahl Die kiefern
ein wildschweingebrech, das CUBE oversized
wie eine wütende hornisse unter uns

Die erste bundesliga gab es nur im westen
Jetzt, nach 25 jahren sind wir angekommen
im schwarzrotbraunen osten Ich sag nur
RED BULL LEIPZIG Den dialekt den
wälzen wir im mund wie kiesel und zement
Sächsisch wird als grund zur flucht nicht
anerkannt Die polizei? Da glauben wir
nicht dran, wärn aber gerne polizist
Krank sind wir alle, die kinder sind
wie schatten und der tod ist relativ egal

Wir schießen allen, die nicht sind wie wir
ins gesicht, das irgendwie von drüben
spöttisch rübernickt Von dort, wo geld wohnt
und die sicherheit und der gute wille
und die aufklärung und blühende landschaften
Arbeit bis zur rente und all das, was richtig
richtig klingt und menschlich, vernunft und
toleranz, die grossen zeitungen mit der kleinen
schrift, bescheidenheit und bildung und
ein bisschen religion sogar

Wie ist es, wenn du am boden liegst
und jemand auf dich spuckt und sagt
SELBST SCHULD WARUM WARST DU KEIN HELD
IM UNRECHTSSTAAT BRAUNER PÖBEL
WAS DIR FEHLT IST LEBENSART Wie ist das
wenn angst und gelächter in dir und über
dir in dem moment zusammenfallenin dem
dir klar wird, dass niemand niemals
dachte, ein versprechen, das er gab
zu halten Dann ist verrat das letzte
was du hast

Klassengesellschaft 2

Ist das, was im Moment als Satire in Fernsehmagazinen wie der „Heute-Show“ oder „extra 3“ lanciert wird, nicht auch eine Form des Rassismus? Die kulturelle Arroganz, die aus den Schlagerparodien auf Trump, Erdogan oder Pegida spricht, hat ihr genaues Gegenstück im Hass und in der Rache der von ihnen Verlachten. Man ist auf der sicheren Seite, wenn man lacht anstatt zu schießen. Aber bedenkt niemand, dass systematische Demütigung auf Dauer schlimmer ist als eine Kugel und dass die Scham tiefer ins Fleisch schneidet als ein Messer?

Was gerade in weiten Teilen der Welt passiert, ist – sowenig uns das gefällt – ein Aufstand der „Erniedrigten, der Geknechteten, der Verlassenen, der Verächtlichen“, der nicht bloß ökonomisch, sondern kulturell Abgehängten und Ausgelachten. Sie alle suchen sich ihre Stimme, und dass es sich dabei nicht um die Stimme der Demokratie, sondern um die autoritäre Stimme der Rache handelt, sollte uns nicht verwundern. Wir haben unser Konto seit langem überzogen. In Wahrheit haben wir es nie so gemeint, wie wir es uns dachten. Wollten wir wirklich globale Gerechtigkeit? Wollten wir wirklich auf unsere Privilegien verzichten? Die bürgerliche Humanität ist über weite Strecken nicht viel mehr als eine institutionalisierte Heuchelei, so als wollte jemand den Kommunismus unter Beibehaltung des Klassengegensatzes herbeiführen. Wie mögen einem Bewohner Malawis, ja bereits einem Griechen oder Spanier die Diskussionen über ein, sagen wir, schweizer Grundeinkommen erscheinen? Als ein zynischer Witz. Keep us happy, fuck the rest – alles gut bei uns, solange die Kennziffern beim Export stimmen!

Wir leben in einer Klassengesellschaft und unsere Ideologien – die Ideologien der Herrschenden – unterscheiden sich nur darin voneinander, dass die einen gut damit leben können und die anderen Ausweichbewegungen vollführen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Es kommt hinzu, dass sie nur selten den Menschen zweiter und dritter Klasse in meiner Stadt zugute kommen. Die bürgerliche Linke hatte immer einen Hang zur Fernstenliebe. Fairer gehandelt – wir sind dafür! Aber für all das Unschöne, das uns umgibt, sollen Drogendezernenten, Hauptschullehrer und Sozialarbeiter aufkommen, denen wir gleichzeitig die Gelder unterm Arsch wegkürzen, so dass es bei ihnen zu mehr als der korrekt verwalteten Aufrechterhaltung des Elends nicht langt. Zur Herablassung gegenüber den Untermenschen von Pegida und dem Mob, der für Erdogan demonstriert, gesellt sich der positive Rassismus von Willkommenskultur und internationaler Solidarität, der die Probleme anderswo lösen will, um sich mit denen zuhause nicht beschäftigen zu müssen. Wir mögen es exotisch, die Fremden sind schön, allein schon weil sie aus wärmeren Ländern kommen und wir verbinden mit ihnen alle möglichen Heilungs- und Erlösungsphantasien. Schon deswegen lassen wir uns unsere Fernreise nicht nehmen. All das dagegen, was zuhause vor sich hin sifft und stinkt, halten wir auf Distanz. Den verschwitzten, übergewichtigen Hartz-IV-Empfängern gehen wir aus dem Weg, beim Anblick eines Cracksüchtigen wechseln wir die Straßenseite, und Förderschulen sind für die anderen da.

Die Zustände sind entsetzlich, unhaltbar, ganz langsam werden sich die Getretenen bewusst, wie sehr sie uns hassen, ganz langsam organisieren sie ihren Hass. Das ist kein Klassenkampf, keine ‚Revolution‘. Sie ballern um sich, sprengen sich in die Luft, oder wählen einfach nur einen der aufsprießenden antibürgerlichen Populisten, die ihnen den Eindruck vermitteln, über kurz oder lang würden sie Leute wie uns hinwegfegen.

Die Satire, von der ich rede, ist also bloß die Spitze eines Eisbergs. Sie ist nur ein greller Ausschnitt der kulturellen Arroganz, die schon immer den Bodensatz der bürgerlichen Moral bildete. Diese Satire hilft mit, die Verhältnisse zu produzieren, die sie aufs Korn nimmt. Das heißt, um es noch einmal zu sagen: Sie produziert gedemütigte Menschen. Und nichts, so scheint es mir, ist momentan gefährlicher.

Anmerkung
Vgl. Elisabeth Raether, Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz:
http://www.zeit.de/2016/33/demokratie-klassenduenkel-rassismus-populismus
Außerdem: Celia Rothe, trump: https://celiarothe.wordpress.com/2016/09/07/trump/

 

Diese Text ist jetzt auch gedruckt erschienen, in: odramag #1, Chemnitz 2017, S. 38-40. Kontakt: odradek – lesecafé im kompott <odradeksnest@posteo.de>

 

Kriege, die man nicht gewinnen kann

den gegen john rambo den islamischen
staat und das atom den tsunami und
den klimawandel Den gegen den reichtum
und den gegen die armut gegen den
tod und gegen die zeit Den gegen die
kinder und den gegen die eltern gegen
die frau und gegen den mann Gegen
den terror das kapital und vor allem
den gegen john rambo den islamischen

Die drei Brüder

»Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und weiter nichts im Vermögen als das Haus, worin er wohnte.«

Der Ausgangspunkt ist, wie in so vielen Märchen, eine (auf die männlichen Bewohner zusammengeschrumpfte) kleinbäuerliche Wirtschaft, die zu klein geworden ist, um die in ihr Lebenden noch zu ernähren. Tatsächlich handelt es sich um ein Haus ohne Land, es steht dort merkwürdig isoliert in einer leeren, weißgrauen Landschaft, eine neutralisierte Zone ohne Vergangenheit und Zukunft. Obwohl die Gründe, die dazu geführt haben, dass diesem Hof die Grundlage all seines Wirtschaftens entzogen wurden, im Märchen nicht genannt werden, darf man annehmen, dass es sich nicht um eine ›freundliche Übernahme‹ gehandelt haben wird. Vielleicht stehen massenhafte, vom Staat gesteuerte Enteignungsvorgänge dahinter, wie Marx sie für das England der frühen Neuzeit beschreibt; vielleicht haben die Verheerungen des dreißigjährigen Krieges zu demselben Ergebnis geführt. Das Märchen erwähnt mit keiner Silbe, dass der Mann sein »Vermögen« – doch wohl das umliegende Land, das zum Haus gehört – einmal nicht besessen habe; gleichwohl kann man es sich auf keine andere Weise vorstellen.

Das Haus also, das nicht mehr Bestandteil einer Ökonomie bildet und nichts weiter als den Gegenwert des für ihn zu zahlenden Geldes darstellt, wird – weil es gleichzeitig unverkäuflich, mithin unteilbar ist – zum Gegenstand der um das Erbe konkurrierenden Brüder. »Da fiel ihm endlich ein Rat ein, und er sprach zu seinen Söhnen ›geht in die Welt und versucht euch, und lerne jeder sein Handwerk, wenn ihr dann wiederkommt, wer das beste Meisterstück macht, der soll das Haus haben.‹«

Der Einfall des Vaters ist angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage, in der sich seine Familie befindet, schlüssig: er läuft ja darauf hinaus, dass derjenige mit den besten finanziellen Aussichten das Haus erben wird – nicht so sehr, um ihn noch zusätzlich zu beschenken, sondern eher, weil die Chancen, das Haus wenigstens zu halten, auf diese Weise am größten sind. Wie fernes Donnergrollen wirkt die offenbar dauerhaft unsichere ökonomische Lage in den Geschichte hinein; der Vater, der offenbar schon viel verloren hat, möchte das wenige, das ihm noch geblieben ist, retten. Deswegen – und nicht aus subjektiver Bevorzugung – soll das Haus dem der drei Söhne übertragen werden, der ihm nach seiner Lehrzeit »das beste Meisterstück« liefert.

Dabei drängt sich sofort eine Frage auf. Die zwei älteren Söhne erlernen das Handwerk des Barbiers und des Schmieds; der dritte widmet sich dem »Fechthandwerk.« Barbier und Schmied – das sind ohne Zweifel alte und zünftige Handwerksberufe. Aber wie verhält es sich mit dem Fechten? Kann man hier von einem Handwerk reden? Es wird ja nichts hergestellt; es wird hier kein Werk produziert, sondern eine Kunstfertigkeit (die im Resultat bloß dazu führen kann, dass man einen Menschen tötet).

Sozial weist vor allem das Fechten hinaus aus der Welt der kleinen Bauern und Handwerker, in der das Märchen angesiedelt ist. Es gehört als eine eher dem Sport als einer Arbeit nahestehende Tätigkeit in die Welt des Hofes und der Aristokratie. So ist es also erst einmal gar nicht verwunderlich, dass der dritte Sohn, der zu fechten gelernt hat, im Wettkampf um das beste Meisterstück den Sieg davonträgt.

Auf den zweiten Blick jedoch klingt es weit weniger selbstverständlich. Denn der gesellschaftliche Aufstieg wird vor allem von den zwei älteren Brüdern berichtet: »Der Schmied mußte des Königs Pferde beschlagen und dachte ›nun kann dirs nicht fehlen, du kriegst das Haus.‹ Der Barbier rasierte lauter vornehme Herren und meinte auch, das Haus wäre schon sein.« Von einer derartigen Karriere ist im Fall des dritten Sohnes nicht die Rede. Er muss sich durchbeißen: »Der Fechtmeister kriegte manchen Hieb, biß aber die Zähne zusammen und ließ sichs nicht verdrießen, denn er dachte bei sich ›fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus nimmermehr.‹« Und im Unterschied zu seinen Brüdern ist er sich nicht sicher, ob er das Haus bekommt; vielmehr steht er seine Lehrzeit in dem Bewusstsein durch, dass er es sich verdienen muss. Obgleich das Fechten einer Kunst weit ähnlicher sieht als einem Handwerk, und obwohl es in erster Linie Vorstellungen aristokratischen Müßiggangs erregt, gleicht es in unserem Märchen weit mehr einer Arbeit, bei der man sich quälen und schinden muss. Wie lässt sich dieser soziale Chiasmus verstehen?

Der Wettkampf der drei arbeitenden Brüder kennt im Grunde nur einen einzigen Parameter: Geschwindigkeit. Auch wenn sie, wie es heißt, alle ein Handwerk gelernt haben –: Sie bewerben sich beim Vater nicht mit etwas. Sie stellen vielmehr ihre Fertigkeiten in Situationen unter Beweis, in denen kein Werk, kein erkennbarer Gebrauchswert produziert wird. 

Zunächst ergibt sich für den Barbier die Gelegenheit: »Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld dahergelaufen. ›Ei,‹ sagte der Barbier, ›der kommt wie gerufen,‹ nahm Becken und Seife, schäumte so lange, bis der Hase in die Nähe kam, dann seifte er ihn in vollem Laufe ein, und rasierte ihm auch in vollem Laufe ein Stutzbärtchen, und dabei schnitt er ihn nicht und tat ihm an keinem Haare weh.« Sein Vater ist voller Bewunderung und kurz davor, ihm das Haus vorab zu versprechen. Aber wem nützt ein im vollen Lauf rasierter Hase?
Dann bekommt der Schmied seine Chance: »Es währte nicht lang, so kam ein Herr in einem Wagen dahergerannt in vollem Jagen ›Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann,‹ sprach der Hufschmied, sprang dem Wagen nach, riß dem Pferd, das in einem fortjagte, die vier Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an.« Und auch hier fragt sich: Wozu ist ein beschlagenes Pferd gut, das hinter dem Horizont verschwindet?

Offenbar geht es hier nicht um Gebrauchswerte, nicht um Waren und Werke, die nach ihrer Fertigstellung veräußert werden können. Zur Schau gestellt wird vielmehr allein das Tempo, in dem man einerbestimmten, ihrem Inhalt nach aber fast schon gleichgültig gewordenen Tätigkeit nachzugehen imstande ist. Es wird gezeigt: Geschwindigkeit ist keine Hexerei, man kann sie lernen und auf diesem Wege zu sagenhaften Resultaten gelangen.

Und schließlich ergibt sich auch für den Fechter eine Gelegenheit, sein Können zu beweisen. »Da sprach der dritte ›Vater, laßt mich auch einmal gewähren,‹ und weil es anfing zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über seinen Kopf, daß kein Tropfen auf ihn fiel: und als der Regen stärker ward, und endlich so stark, als ob man mit Mulden vom Himmel gösse, schwang er den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säß er unter Dach und Fach.« Er, das ist klar, muss den Wettkampf gewinnen, und zwar aus einem doppelten Grund. Zum einen, weil er wirklich der Schnellste ist; zum anderen aber, weil seine Tätigkeit von vornherein nicht auf ein Werk ausgerichtet ist, sondern in sich selbst reiner Prozess ist. In diesem Prozess wird nichts ›gemacht‹, es wird nichts produziert, sondern es wird bloß reagiert. Das Fechten ist der Inbegriff eines rein reflektorischen Handelns, seine Qualität bemisst sich an der Qualität eines Endergebnisses, sondern allein daran, wie schnell und präzise man zu reagieren imstande ist. Zugleich ist diese reflektorische Qualität nun auch der Maßstab, an dem die traditionellen Handwerksberufe gemessen werden – und dabei unterliegen.

Das ist der historische Umbruch, den das Märchen wiedergibt. Die bäuerliche Arbeit, die im Zusammenspiel mit der Natur Früchte tragen soll, ist passé. Aber auch die werkhafte Arbeit, die auf einer weiter fortgeschrittenen Stufe der Arbeitsteilung produziert, ist den ökonomischen Anforderungen der Gegenwart nicht mehr adäquat. Das Arbeitsmodell, dem die Zukunft gehört, wird vom Fechter verkörpert, man könnte sagen: der reinen, idealisierten Arbeitskraft als solcher. Die aristokratische Fasson seines Tuns ist bloß Oberfläche; das Fechten ist vielmehr Bild für ein grundlegend neues Verständnis von Prozessualität [1], die sich von jedem greifbaren Ergebnis losgelöst hat: Effizienz als solche, eine maximale Zahl von Verrichtungen pro Zeiteinheit. 

Ist es abwegig, dass darin die Grundform der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft sich ankündigt?

Natürlich hat es den Industriekapitalismus in der Zeit, aus der das Märchen stammt, noch nicht gegeben. Nicht einmal in der Zeit, zu er es erzählt und von den Grimms aufgeschrieben wurde, kann davon im Ernst die Rede sein. Auch wenn wir das Fechten als Bild der neuen Arbeitsform auf sein Telos der tayloristisch organisierten Fließbandarbeit hin interpretieren können – es handelt sich dabei zweifellos um einen Anachronismus. Gleichwohl sind die Anzeichen dafür schon sehr viel früher zu erkennen, nämlich im Manufakturwesen des 17. und 18. Jahrhunderts. Marx berichtet im Kapitel über den ›relativen Mehrwert‹ – also den Techniken der Produktivitätssteigerung innerhalb einer vorgegebenen Arbeitszeit – davon, welche Veränderungen in der englischen Uhrenindustrie ausprobiert und durchgesetzt wurden: immer kleinschrittiger angelegte Arbeitsabläufe; Verkürzung der Wege und Transportzeiten; Entwicklung von Spezialwerkzeugen, die die einzelnen Arbeitsschritte beschleunigen – all dies lange, bevor die Manufaktur durch den Einsatz einer zentralen Maschinerie zur Fabrik wurde, also lange vor der Erfindung der Dampfmaschine. [2] Das Verlegerwesen in Deutschland arbeitete in eine ähnliche Richtung, indem es die textilen Heimarbeiterinnen unter zeitlichen Druck setzte, um ihre Produktivität in die Höhe zu treiben.

Das heißt: auch wenn die Techniken der Produktion noch für eine Weile mehr oder weniger die alten blieben: Der Faktor Zeit begann in der Arbeitswirklichkeit eine neue und bedrängende Rolle zu spielen. [3] Es entstand ein Beschleunigungsdruck, dem die Einzelnen sich nicht entziehen konnten.

Was geschieht in unserem Märchen? Die drei Brüder sind am Ende fortschrittlicher als der Vater. Nachdem dieser dem jüngsten Sohn den Sieg zugesprochen hat, heißt es: »Die beiden andern Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten, und weil sie sich einander so lieb hatten, blieben sie alle drei zusammen im Haus und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld.« Sie verzichten auf eine an die Person gebundene Erbfolge, schließen sich zu einer einzigen Person zusammen und verkaufen ihre Arbeitskraft. Es ist gar nicht die Frage, ob und wieweit ihre Tätigkeiten zusammenpassen; das, was ihnen gemeinsam ist, und worin sie es zu so hoher Meisterschaft gebracht haben, sichert ihnen den Erfolg.

Gleichzeitig äußert sich darin auch ein Moment des Widerstands. Denn ob er es nun will oder nicht: Objektiv macht der Vater seine drei Söhne zu Konkurrenten. Er lässt sie im Akkord arbeiten, und entgegen den Regeln der natürlichen Erbfolge darf nur derjenige sein Vermögen erben, der am meisten leistet. Damit finden sie sich aber nicht ab. Offenbar liegt gerade in der Entfremdung, gerade in der von Marx so scharf kritisierten Trennung der Tätigkeit vom Produkt, gerade also in der Abstraktion, die alle Arbeiten miteinander vergleichbar, also im Prinzip gleich macht, auch die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der zünftig voneinander getrennten Gewerke. Das, was alle Arbeiten aneinander angleicht – die Reduzierung auf Zeit und Effizienz –, macht auch die Träger der Arbeitskraft zu Gleichen, die sich miteinander solidarisieren können. Es konnte kein Proletariat geben ohne diese brutale Vereinheitlichung.

In unserem Märchen reicht dieser Solidarzusammenhang zwischen den Brüdern über das Grab hinaus: »als der eine krank ward und starb, grämten sich die zwei andern so sehr darüber, daß sie auch krank wurden und bald starben. Da wurden sie, weil sie so geschickt gewesen waren und sich so lieb gehabt hatten, alle drei zusammen in ein Grab gelegt.« Im Zeichen der abstrakten Arbeiten sind sie zu einem Körper geworden, einem einzigen proletarischen Organismus, der seit langem unsichtbar geworden ist – im Grab liegt –, aber vielleicht doch in der Lage ist, uns ein Zeichen zu geben, uns an ihn zu erinnern.


Anmerkungen

1. – wie übrigens auch am Ende des »Hamlet«, wo der Fechtkampf als Zentralmetapher eines Schicksals erscheint, das sich von allen Vorstellungen einer lenkenden Hand der Vorsehung gelöst hat und zum rasenden Systemprozess einer in alle Richtungen explodierenden Kontingenz geworden ist.

2. Karl Marx / Friedrich Engels, Das Kapital, Band 1 (MEW 23), Berlin (Ost) 1968, 362 f.

3. Ebd., 358: »Die Ursprungsweise der Manufaktur, ihre Herausbildung aus dem Handwerk ist also zwieschlächtig. Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbständiger Handwerke aus, die bis zu dem Punkt verunselbständigt und vereinseitigt werden, wo sie nur noch einander ergänzende Teiloperationen im Produktionsprozeß einer und derselben Ware bilden. Andrerseits geht sie von der Kooperation gleichartiger Handwerker aus, zersetzt dasselbe individuelle Handwerk in seine verschiednen besondren Operationen und isoliert und verselbständigt diese bis zu dem Punkt, wo jede derselben zur ausschließlichen Funktion eines besondren Arbeiters wird. Einerseits führt daher die Manufaktur Teilung der Arbeit in einen Produktionsprozeß ein oder entwickelt sie weiter, andrerseits kombiniert sie früher geschiedne Handwerke. Welches aber immer ihr besondrer Ausgangspunkt, ihre Schlußgestalt ist dieselbe – ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind.« Etwas später heißt es, »daß ein Arbeiter, der lebenslang eine und dieselbe einfache Operation verrichtet, seinen ganzen Körper in ihr automatisch einseitiges Organ verwandelt und daher weniger Zeit dazu verbraucht als der Handwerker, der eine ganze Reihe von Operationen abwechselnd ausführt. Der kombinierte Gesamtarbeiter, der den lebendigen Mechanismus der Manufaktur bildet, besteht aber aus lauter solchen einseitigen Teilarbeitern. Im Vergleich zum selbständigen Handwerk wird daher mehr in weniger Zeit produziert oder die Produktivkraft der Arbeiter gesteigert« (ebd., 359).

Frau Holle

Das Märchen von Frau Holle handelt nicht von »einer guten und einer bösen Schwester.«[1] Der Geschwisterkonflikt, der so viele Märchen dominiert, spielt hier keine Rolle. Und der Konflikt zwischen dem einem Kind und seiner Stiefmutter ist ebenfalls eine Fassade, die dem Geschehen einen Anschein von Plausibilität verleihen soll – wenigstens am Anfang. Die Familienkonflikte, über die viele Märchen mit unheimlichem Realismus Auskunft geben, sind nicht wichtig. Die Psychologie ist eine irreführende Kulisse.

Im Kern ist das Märchen eine Fantasie über Arbeit. Es handelt von Faulheit und Fleiß, richtigem und falschem Arbeiten, vom Verhältnis zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit. Es geht um Arbeit in dem Sinne, in dem Marx sie definierte: als »Stoffwechsel mit der Natur«[2]; es geht mithin um etwas, das man das Naturverhältnis der Arbeit nennen könnte. Die Pflege dieses Naturverhältnisses nennt das Märchen Fleiß; und sein Lohn sind Reichtum und Glück.

1

»Frau Holle« ist ein Märchen ohne Männer; es ist mithin erst einmal zu vermuten, dass es ihm um ein spezifisch weibliches Moment der Arbeit zu tun ist. Was damit genau gemeint ist, ob es sich darauf einschränken lässt, ob es nicht auch etwas Grundsätzliches zur menschlichen Arbeit zu sagen hat, ist damit nicht gesagt.

Zunächst freilich deutet einiges in die Richtung, dass es die weibliche Arbeit ist, die hier in Rede steht. Eingeführt wird das fleißige Mädchen als Spinnerin[3] –: eine exklusiv weibliche Tätigkeit; in der Mythologie häufig verbunden mit der Verfügung über das Schicksal der individuellen Existenz. In der griechischen Mythologie sind es die Spinnerinnen Klotho, Lachesis und Atropos, die über das Leben des Einzelnen bestimmen. Im Märchen freilich erscheint es kontextlos, wie nackt; herausgerissen nicht nur aus dem mythologisch-kultischen, sondern auch aus dem empirischen Lebenszusammenhang des bäuerlichen Lebens. Das Spinnen der Frauen ist keine Hauptbeschäftigung, es findet Abends oder im Winter statt. Es wird gemeinsam ausgeübt und man erzählt sich dabei Geschichten. Der Faden, zu dem der Rocken gesponnen wird und der Faden der Geschichte, die aus den Lebenswirrnissen gebildet wird, ähneln sich und greifen in einander wie Wort und Geste.[4]

Das fleißige Mädchen dagegen wird ausgebeutet. Ihr Spinnen ist nicht Teil eines umfassenden Arbeitszusammenhangs. Es ist eine hochspezialisierte Tätigkeit, darauf angelegt, Überschuss zu produzieren. Das fleißige Mädchen geht auf in seiner Funktion – bis zur Selbstzerstörung, wenn sie sich in den Finger sticht und gezwungen wird, dem verlorengegangenen Produktionsmittel in den Tod nachzuspringen. Sie ist nicht viel mehr als die Maschine, die sie im 19. Jahrhundert ersetzen wird.

Es ist, mit anderen Worten, entfremdete Arbeit. Entfremdete Arbeit bedeutet vor allem Trennung. Das Mädchen arbeitet getrennt vom Produkt seiner Arbeit, getrennt von den Produktionsmitteln und vom Produktionsprozess im Ganzen (der Herstellung von Kleidung). Außerdem arbeitet sie allein, getrennt von den ›Kollegen‹: dem Produktionsverbund der Familie.[5] »Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint (…) als Entwirklichung des Arbeiters.«[6]

Ihre Flucht aus dieser Welt, die sie zum Anhängsel der Maschine degradiert, ist nicht freiwillig. An keiner Stelle begehrt sie gegen das System auf –: wenn man das Fallenlassen der Spindel nicht als unbewusste Rebellion deuten will, der freilich die demütige Unterwerfung auf dem Fuß folgt. Das Mädchen kann und darf sich nicht von der Maschine trennen, sie muss ihr nach: »Weinend lief es zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück, sie schalt es aber heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: ›hast du die Spuhle hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf!‹ Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte und sprang in seiner Angst in den Brunnen hinein.« Erst dadurch, dass sie den Tod in Kauf nimmt; dass sie stirbt und neugeboren wird, wird sie frei.

2

An die Stelle der entfremdeten Arbeit tritt eine andere Arbeitswelt – ein unterirdisches Reich, in dem anders gearbeitet wird als ›oben‹ – die Unterwelt als Gegenentwurf zur entfremdeten Arbeitswirklichkeit, die bis dahin ihr Leben bestimmt hat.

Das beginnt damit, dass sie alle Arbeiten freiwillig verrichtet. Ofen und Apfelbaum bitten sie, etwas ›für sie‹ zu tun; sie ist dazu bereit, hätte aber auch, wie ihre Stiefschwester, darauf verzichten können. Mit Frau Holle schließt sie einen Vertrag, der auf Gegenseitigkeit beruht und obwohl ihre großen Zähne ihr Angst einflößen.[7] »Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »fürcht dich nicht, liebes Kind, bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn: nur mußt du Acht geben, daß du mein Bett gut machst, und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.« Weil die Alte so gut ihm zusprach, willigte das Mädchen ein und begab sich in ihren Dienst.« Sie hätte ihrer Angst folgen können, überwindet sich aber selbst. Der Arbeitsvertrag mit Frau Holle ist auch ein Arrangement mit ihrer eigenen Angst. Nicht Befehl und Gehorsam, sondern Frage und Antwort, Bitte und Gefälligkeit bestimmen das Arbeitsverhältnis.

Dieses Arbeitsverhältnis ist keines von Arbeitgeber und Arbeiter. Es sind ja die ›Sachen selbst‹, die hier nach Arbeit verlangen. Auch Frau Holle, die Große Göttin des Ersterbens (und damit auch der Neugeburt) der Natur im Jahreskreislauf (insgesamt wohl eine Überlebende der großen Vegetationsgottheiten der Stammesgesellschaften) steht in diesem Sinne nicht außerhalb der Sache, sondern vertritt sie als Person. Die Sache selbst wird anthropomorphisiert wie in aller Mythologie, ohne aufzuhören, sie selbst zu sein. Frau Holle ist der Winter, nicht als abstraktes Gegenüber, sondern als Instanz, mit der sich reden und verhandeln lässt.

Von hier aus erschließt sich auch der – auf den ersten Blick – eigentümliche Umstand, dass ein Phänomen wie der Winter, der kommt und geht, ohne dass wir darüber etwas vermögen, durch menschliche Arbeit hervorgebracht wird. Die Natur, so sieht es hier aus, ist nicht einfach das Bleibende und Immerwährende, sie ist nicht das unverrückbare Fundament, auf dem wir stehen, sondern Gegenstand von Mühe und Pflege. Es ist nicht selbstverständlich, dass diese Maschine einfach funktioniert, und dass der Jahreskreislauf, durch den die Natur sich erneuert und der den Rhythmus unseres Lebens (zumal des bäuerlichen Lebens) bestimmt, immer weiterläuft, wenn sich die Menschen darum nicht kümmern und sorgen (eine angesichts der globalen Klimaveränderungen ziemlich aktuelle Perspektive).

In der Welt der Frau Holle ist Arbeit kein Zwang, der auf die Natur, auf die anderen Menschen und ihre Natur bis zur (Selbst-)Zerstörung ausgeübt wird (die Fleißige sticht sich in den Finger), sondern als Antrag der Natur an den Menschen. Damit ändert sich auch der Charakter der Arbeit. Aus dem ewigen, anfangs- und endelosen Einerlei des Spinnens wird die Arbeit als Vollendung von etwas bereits Angefangenem. Die Natur macht schon die halbe Arbeit; sie lässt das Korn wachsen und die Äpfel; das Brot ist schon fertig, die Äpfel sind reif, und das Mädchen muss nur abnehmen, was von sich aus fast fertig ist. Das Bild des sich selbst backenden Brotes ist gewiss überspitzt; gerade das aber bringt die Struktur des Arbeitsbegriffs heraus, den das Märchen entwirft: dass Arbeit und Natur keine Gegensätze sind. Das was der Mensch tut, liegt in der langen Linie von Vorgängen, die in der Natur angelegt sind und auf den Menschen als denjenigen warten der sie zum Austrag und zur Reife bringt.

Und dies gilt sogar für den Winter. Im Licht der ihm vorausgehenden Arbeiten erscheint er – Inbegriff reiner Natur und all dessen, was sich von selbst macht – als Ergebnis menschlicher Mühwaltung. Natürlich sollen wir nicht glauben, dass das Mädchen den Winter ›macht‹. Abzunehmen ist dem Mythos aber die Vorstellung, dass es durchs Aufschütteln der Betten die ›Arbeit der Natur‹ anerkennt und ratifiziert.

Arbeit als Vollendung von etwas in der Natur schon Angelegten – das ist vor allem eine Frage des richtigen Zeitpunktes. Im unterweltlichen Reich der Frau Holle steht gar nicht in Rede, dass die Fleißige etwas ›machen‹ soll, dass sie den Stoff der Form unterwirft etc. Es kommt vielmehr allein darauf an, dass sie im richtigen Moment reagiert. Das Brot muss aus dem Ofen gezogen werden, weil es sonst verbrennt; die Äpfel müssen vom Baum geschüttelt und zusammengelesen werden, weil sie sonst am Boden verfaulen würden; und der Winter ist ohnehin die Zeit, von der der bäuerliche Kalender ausgeht. Vor der Geschichte, also in dem Zustand, der in den Mythologien der Völker das ›goldene Zeitalter‹ genannt wird, herrscht ewiger Frühling[8]; Zeit ist inexistent aufgrund ihrer humanen Insignifikanz. Weil es den Winter gibt, kann man nicht von der Hand in den Mund leben wie im goldenen Zeitalter; man muss Vorräte anlegen; der Arbeitsrhythmus des gesamten Jahres hat sich diesem Zwang zu fügen. Die ›lebendige‹ Arbeit im Untergrund hat einen starken, die ›tote‹ Arbeit in der Oberwelt hat gar keinen Zeitbezug.

3

»Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig in seinem Herzen und ob es hier gleich viel tausendmal besser war, als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin; endlich sagte es zu ihr: ›ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht länger bleiben.‹ Die Frau Holle sagte: ›du hast Recht und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.‹« Warum möchte das Mädchen zurück in die Oberwelt? Warum hat es Heimweh? Und warum begrüßt Frau Holle ihren Wunsch, in eine Welt zurückzukehren, in der sie wenig mehr als Lieblosigkeit und neuerliche Ausbeutung erwarten?

Man kann, wie ich meine, diese Fragen nur auf eine Weise beantworten: Die unterweltliche Sphäre repräsentiert nicht die Arbeit als Ganze, sondern nur einen ihrer Aspekte. Sie ist der Grund, der die belohnt, die sich um ihn müht, und die bestraft, die ihn vernachlässigt in der Überzeugung, all das mache sich doch von alleine. Aber in ihm zu verharren, wäre regressiv. Das Leben der Gattung Mensch besteht nicht nur aus reproduktiver Arbeit – sie wird von der Unterwelt repräsentiert –, sondern auch aus produktiver Arbeit, die dem Fortschritt dient. Beides sind die zusammengehörigen Hälften der ganzen Arbeit. Und so, wie das ewige Spinnen, der monotone Gleichlauf einer spezialisierten Überschussproduktion und die damit einhergehende Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit seit der neolithischen Revolution den Naturgrund der Arbeit nicht versäumen darf, darf dieser sich nicht in sich selbst verschließen und auf sich selbst als der ganzen Arbeit beharren. Beide aber sind notwendig und notwendig aufeinander verwiesen.

Mit anderen Worten: produktive und reproduktive, ›männliche‹ und ›weibliche‹ Arbeiten (so haben es jahrtausendealte kulturelle Gewohnheiten uns gelehrt) gehören zusammen. Dringlich ist dieser Appell, weil die reproduktiv-weibliche Sphäre abgesunken ist zur Unterwelt, unsichtbar geworden und zur Selbstverständlichkeit verkümmert. Der Manager, der nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt und erwartet, dass er sich ins gemachte Nest setzt; die Managerin, die dasselbe von ihrem Kindermädchen verlangt[9] –; all diejenigen, deren Leben durch die gesellschaftliche Anerkennung allein der produktiven, tendenziell naturvergessenen Arbeit bestimmt ist, sind aus der Sicht des Märchens faul, ruhen sich aus im Bett der Natur, anstatt es aufzuschütteln und sich um seine Erhaltung zu kümmern.

Wer das Naturverhältnis der Arbeit, das Naturverhältnis in der Arbeit vergisst und versäumt, wird bestraft und verachtet; das Unglück umgibt sie wie Pech, das nicht mehr abzulösen ist vom Körper. Sie waren immer schon »hässlich« (mit der Gleichsetzung von Faulheit und Hässlichkeit setzt das Märchen ein); jetzt aber tritt diese Hässlichkeit nach außen, sie kann nicht mehr von der Liebe der Mutter überdeckt werden, sondern kommt für alle sichtbar zum Vorschein.

Wer es dagegen ehrt; wer die Arbeit zugleich als »cultus« der Natur begreift, als Pflege statt Vernachlässigung, Kultivierung statt Unterdrückung; wer also seiner/ihrer Arbeit auch als fortdauernder Arbeit am Naturverhältnis nachgeht[10]; wer, wie das fleißige Mädchen, anerkennt, dass es Phasen und Zeiten geben mag, in denen die reproduktive Arbeit im Vordergrund steht (in der Familie, in der Beziehung, beim Putzen und bei der Gartenarbeit); wem es also gelingt, für sein / ihr Leben einen Rhythmus der entgegengesetzten, aber zueinandergehörigen Arbeitssphären zu finden, der wird belohnt durch einen Reichtum, der vom Glück selbst nicht zu trennen ist. Es sind ja keine gemünzten Taler, die auf das fleißige Mädchen herunterregnen; es ist ein Goldregen, der sie in ein schimmerndes, der Liebe und Anerkennung wertes Wesen verwandelt. Auch hier tritt das, was im Inneren verborgen war, nach außen und wird Oberfläche, gesellschaftliches Sein. Keine geradlinige Karriere, für die man ohne Pause spinnt und spinnt, könnte dieses Glück herbeiführen; man muss dafür »in den Brunnen springen«, den Gesellschaftstod sterben, sich mit der verdrängten Seite der menschlichen Arbeitsverhältnisse vereinigen. Wenn man von dort zurückkehrt, macht sogar das Spinnen wieder Spaß.


Anmerkungen

1. So formulieren es Johannes Bolte und Jiri Polivka in den »Anmerkungen zu den »Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm« (Band 1, Leipzig 1913, 226).

2. Karl Marx, Das Kapital. Krtik der politischen Ökonomie, Band 1 (MEW, Bd. 23), Ostberlin 1968, 192.

3. – übrigens nur in der späteren Fassung des Textes, in der ersten Ausgabe der »Kinder- und Hausmärchen« von 1812 ist nur davon die Rede, dass sie beim Wasserholen in den Brunnen gefallen sei.

4. »Geschichten erzählen ist ja immer die Kunst sie weiter zu erzählen, und die verliert sich, wenn die Geschichten nicht mehr behalte werden. Sie verliert sich, weil nicht mehr gewebt und gesponnen wid, während man ihnen lauscht. Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, dass ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selber zufällt« (Walter Benjamin, Er Erzähler, in: Gesammelte Schriften, Band II/2, Frankfurt am Main 1977, 446 f.).

5. Vgl. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Band 40, Berlin, 510—517. Auf den Begriff der Trennung bringen – mit etwas anderer Bewertung – Alexander Kluge und Oskar Negt das Phänomen (Geschichte und Eigensinn. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden, Band 2, Frankfurt am Main 2001, Kap. 1: »Die Entstehung der Arbeitsvermögen aus der Trennung«).

6. Marx, l.c., 511.

7. In den europäischen Parallelversionen des Märchens, die Bolte und Polivka zusammengetragen haben (l.c., 207 ff.), wird das beunruhigende, Todesgöttinnenhafte der Unterweltsmacht mal mehr, mals weniger betont, sei es, dass sie als »Nixe mit furchtbaren Haaren, die gewiß in einem Jahr nicht gekämmt waren« (209) erscheint, sei es, dass das Mädchen am Ende vor ihr fliehen muss und nur dank der Hilfe des Brunnens, des Apfelbaumes und des Backofens entkommt (die niederösterreichische Version: 211 f.). Die großen Zähne in unserem Märchen deuten auf die Angst des Verschlungenwerdens, der Nimmerwiederkehr hin.

8. Vgl. Hesiod, Werke und Tage, Vers 105 ff.; Ovid, Metamorphosen I 107: »da war ewiger Lenz …«

9. In der Keynote zum Studierendenkongress der Komparatistik 2016 in München erwähnte Paula-Irene Villa, dass man in Befragungen häufig auf die Überzeugung stoße, dass sich Angestellte aus dem Ostblock besser für die Versorgung der Kinder eignen würden: »ich finde die Russinnen ja viel mütterlicher als die Deutschen«.

10. Für ein Naturverhältnis, das eine Alternative zur Naturbeherrschung darstellen würde, ohne ins entgegengesetzte Extrem einer romantischen Naturverklärung zu fallen, finden sich viele Spuren, von Ovids Lob des »cultus« als Gegensatz zur zerstörerischen Herrschaft über die de Natur (Ars amatoria III, 127) bis zu Alexander Kluges »Abschied vom Zirkus« (Tür an Tür mit einem andere Leben, Frankfurt am Man 2006, 449 ff.), in dem die Zähmung der wilden Tiere als Gegenmodell zur unilinearen Herrschaft über die Natur dargestellt wird.

Hamlet heute

Hamlet heute

Die unter diesem Titel versammelten Fragmente sind aus der Arbeit am Grimmschen Märchen vom Eigensinnigen Kind hervorgegangen. Sie stellen sich die Frage, ob sich ein Zuviel an Lässlichkeit und Eigensinn nicht ähnlich destruktiv auswirken kann wie die brutale Unterdrückung, von der das Märchen berichtet. Eine Antwort können sie nicht geben.

Bisher habe ich folgende Texte zusammengestellt:

  1. Hamlet Das Kind
  2. Überwachen und Strafen
  3. Das Netz
  4. Über Traumatophilie

Die Materialsammlung wird fortgesetzt.

 

Dornröschen

Sie ist alt geworden Aber die lippen
sind noch immer rot die blutige
bluete vor der mir angst war und das
messerwerk in das ich stuerzen
wollte Darum ein rankenspiel
von unglueck hass und duenn
gewordener haut Sie ist dornroeschen
und die boese fee Sie hat sich selbst
den langen schlaf gegeben die
lange wartezeit die niemals aufhoert
Was ihr davon noch bleibt sind
die naechte Die sind entsetzlich und
die lachen klaffend Sie ist das tippen
auf der tastatur plus kopfschmerz
Arbeit ist leben und der wein ist rot
Einen himmel hatte sie schon lang
nicht mehr Die erde hat sich ihr
verschlossen Aber talent zum glueck
hatte sie nicht Verbeamtet ist sie
zum glueck Man sieht wie gut
sie ausgesehen hat Und noch immer
waere nicht das unglueck dem
sie es verdankt Wenn sie
nicht  trinken wuerde Aber wie
soll man sonst schlafen Der mann
ist ihr unertraeglich Sie ihm auch
Sie liebten sich Sie liebten sich Sie
schwimmt so gern in kalten seen
Dann weiss sie wer sie ist

Wie man sich schuetzt

vor dem kontrollverlust Den koffer nicht ins
gepaecknetz heben sondern mit ihm
im gang den weg versperren Die softshell
jacke lass ich lieber an bei 20 grad und
kruemme mich zusammen vor dem
actionfilm im ipad Man traegt heut
wieder bart damit man diesen weichen
zug nicht sieht Ich habe einen knopf im ohr
und die welt misst sich in zoll In der
s-bahn einen sitzplatz zu bekommen ist
ja kein problem mehr Gedraenge an der
tuer Man haelt die fluchtwege kurz Der
koerper ist der feind macht was er will
sagte die 26jaehrige Doch es gibt mittel
Dreischichtensystem beim muskelaufbau
west und ost Schritte schritte schritte
und das telefon zaehlt mit Jetzt ist es zeit
fuer ritalin ER HAT KEINEN KREBS ABER
DAS WEISS ER NICHT Ein neues leben
bahnt sich an Wenn nur die eltern nicht
waeren Wenn nur die kinder nicht waeren
und der verdammte kaffeefleck
auf meiner hose Ich muss doch heut
nach duesseldorf Nein alkohol trinke ich
schon lange nicht mehr Ich ich wuerde
gerne schlingen Ich ich ich den mund
zum bersten voll und der bauch blaeht
sich schmerzhaft Die fuelle des lebens
Natuerlich esse ich unterkalorisch
Es gibt ja nichts schlimmeres als ein
spannbettlaken zu falten Aber die waesche
uebernimmt meine frau Die mutter
meiner kinder wuerde ich nie verlassen
Die anderen bedeuten nichts sind
sie nur jung genug schuhe sind geputzt Ein
gewisser harter schritt ist unumgaenglich
wenn die ledersohle auf terazzo stoesst
Es ist erstaunlich aber seit dem computer
hab ich mein leben echt im griff das glatte
finish und die die suchfunktion Bin ich
workaholic Besser das als nichts
Die fabriksteife jacke raschelt wenn sie
ihren zwilling in der ubahn trifft Ja
mir gehts gut Cool bleiben und nicht
schwitzen Ja manchmal fuehle ich
mich sogar in der kirche wohl

Anmerkung
„Er hat keinen Krebs, aber das weiß er nicht.“ Hans Magnus Enzensberger, Der Angestellte.

Miszelle zur deutschen Universität

„In Deutschland bildete sich die aufstrebende, mittelständische Intelligenzschicht des 18. Jahrhunderts, geschult an den fachwissenschaftlich spezialisierten Universitäten, in Künsten und Wissenschaften ihren eigenen Ausdruck, ihre spezifische Kultur heran. (…) Die deutsche, mittelständische Intelligenz, politisch völlig ohnmächtig, aber radikal im Geistigen, bildete die Prägestätte einer eigenen, rein bürgerlichen Tradition, die von der höfisch-aristokratischen Tradition und ihren Modellen weitgehend verschieden war“.

Norbert Elias, Der Prozeß der Zivilisation, Band 1, 45, 62.

Elias arbeitet heraus, dass sich das Erwachen des deutschen Bürgertums zum Selbstbewusstsein wesentlich über die Universität vollzogen hat. Das heißt auch: abgeschnitten von politischer Einflussnahme. In den romanischen Ländern, ebenso in England wurden die Grenzen zwischen der niedergehenden, wenngleich immer noch symbolisch wichtigen Aristokratie und dem mächtiger werdenden Bürgertum mit der Zeit durchlässig. In dem Maße, in dem die bürgerlichen Schichten gesellschaftlichen Einfluss gewannen, eigneten sie sich höfisches Benehmen an – inklusive all der Abgrenzungsrituale gegen die nachdrängenden, meist kleinbürgerlichen Aufsteiger. Vereinfacht gesagt, wurde das Großbürgertum, das an den wirtschaftlichen Schaltstellen saß, zur neuen Aristokratie, in der sich Macht und symbolisches Kapital vereinigten.

Dieser Prozess hat in Deutschland so nicht stattgefunden. Es gab die Fürstentümer, aber es gab im Grunde keine Höfe; es gab kein absolutistisches Zentrum mit einer dieses Zentrum umgebenden Aristokratie, die die symbolischen Standards setzte. Das aufsteigende Bürgertum operierte in Deutschland politisch und symbolisch im leeren Raum. Daher die Konzentration auf die Universität, auf die rein geistige Unabhängigkeit.

An dieser Stelle setzt aber nun ein Prozess an, der von Elias so nicht thematisiert wird: Die deutsche Universität selbst nämlich – und, soweit ich es beurteilen kann, NUR sie – wandelt sich, anstatt den Ort eines bürgerlichen und damit doch auch irgendwie demokratischen Selbstbewusstseins zu bilden, in einen Hof zweiten Grades, in ein pseudoaristokratisches System aus zweiter Hand. Hier werden nun die kulturellen Standards der gesellschaftlichen Elite gesetzt. Es findet also eine ganz und gar unwirkliche und phantasmatische Rearistokratisierung der Universität statt – eine symbolische Investitur, die in keiner Weise von der Arbeitsrealität an dieser Institution noch gedeckt wäre. Deswegen nehmen die aufstrebenden Akademiker die sagenhaften Demütigungsrituale hin, die für die deutsche Universität typisch geworden sind; deswegen hofieren sie einem System, das sowohl, was die Nachwuchsförderung als auch, was den Umgang mit seinen Mitarbeitern angeht, mittlerweile die meisten Unternehmen pragmatisch und moralisch unterbietet; deswegen nehmen sie Verträge hin, die andernorts nicht akzeptabel wären – auch nicht an den Universitäten anderer Länder. In keinem anderen Land ist eine Universitätskarriere so wenig berechenbar wie in Deutschland; nirgendwo ist der Abstand zwischen dem Nimbus, der sie umgibt und der Arbeitswirklichkeit, die sie anbietet, so groß; nirgends, so scheint es, ist das System libidinös derart aufgeladen und produziert so viel irrationale Bindungen. Eine Professur, ja selbst eine Mitarbeiterstelle ist nicht einfach ein Job; es ist die Insignie eines gesellschaftlichen Aufstiegs, der sich nicht am Geld und nicht einmal an der bürgerlichen Sicherheit misst. Die deutsche Universität ist der Ort einer symbolischen Aristokratie.

Dass die Praktiken dieser Aristokratie durchaus mafios sind, verschlägt dabei nichts. Das Clanwesen, unbedingte Unterordnung als Bedingung für den Aufstieg, triuwe und Loyalität sind die archaischen Organisationsformen, die sich innerhalb der ökonomischen Rationalität der bürgerlichen Gesellschaft behaupten. Und in dem Maße, in dem diese Rationalität selber fadenscheinig wird, treten auch jene älteren Formen gesellschaftlicher Vermittlung unverstellt hervor. Ein Artikel von Alexandre Afonso vergleicht das System der Universität mit einem Drogenkartell, in dem die Abhängigen, wenn sie sich bewähren, über den Straßenverkauf allmählich aufsteigen – von den schäbigen Ecken, die ihnen zugewiesen werdem, über Häuserblöcke und Straßenzüge dorthin, wo es das richtig große Geld gibt und die Abhängigkeit endet. [1] Selbstkritik ist in diesem System praktisch ausgeschlossen; wer den quasi naturwüchsigen Gang der Dinge anzweifelt, fliegt raus.

Ich will damit nicht sagen, dass sich diese Phänomene auf Deutschland beschränken. Sie scheinen mir hier nur besonders drastisch ausgeprägt zu sein. In der deutschen Universität hat sich ein bürgerlicher Typus entwickelt, dessen Verhältnis zur Aristokratie, unabgestützt durch einen realhistorischen Konfliktprozess, vor allem projektiver Natur ist. Die Feindseligkeit der deutschen Intelligenz gegen alles ‚Höfische‘; der intellektuelle Fundamentalismus, der sich vor politischer Pragmatik scheut; die Tendenz, die akademische Welt zu einer Lebensform sui generis zu verklären – es ist die Kehrseite einer Sehnsucht, dazuzugehören. Und von hier aus wiederum ist es kein weiter Weg bis zur allmählichen Umwidmung der bürgerlichen und der Idee nach demokratisch verfassten scientific community zu einer höfischen Gesellschaft neuen Typs, in dem überdies das alte Clanwesen Auferstehung feiert und die vorgebliche Selbstgenügsamkeit des Geistes in rücksichtslose Pragmatik umspringt. [2]

Anmerkungen:

[1] Vgl. http://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2013/12/11/how-academia-resembles-a-drug-gang/ – Außerdem: https://academicirregularities.wordpress.com/2016/05/01/are-we-seeing-the-rise-of-the-trump-academic/ – Diese Hinweise verdanke ich Alexander Friedrich. Beide Artikel betonen die Unterschiede zwischen dem deutschen und beispielsweise dem amerikanischen Universitätssystem nicht so stark wie ich, auch wenn der zuerst genannte von der „hourglass structure“ spricht, durch die sich der „academic market“ in Deutschland von dem anderer Länder unterscheide. Sie ist nach meiner Überzeugung aber nur der Niederschlag von historischen Mechanismen, die sich nicht über den Markt begründen lassen.

[2] Heiner Müller hat diesen Positionswechsel der deutschen Intelligenz immer wieder beleuchtet – meist in der Figur Hamlets. „Deutschland ist Hamlet“ hatte Ferdinand Freiligrath 1844 geschrieben. „Sein bestes Tun ist eben Denken“. Aber im Intellektuellen, der kein Blut sehen kann, steckt einer, der es saufen will; Hamlet, der nicht weiß, wer er ist, aber nicht sein Vater sein will, kriecht am Ende in den väterlichen Panzer, läuft über zur Macht, die er verabscheute und doch insgeheim ersehnte. (Vgl. Heiner Müller, Brief an den Regisseur, in: Werke 8, Frankfurt am Main 2005, 263; Die Hamletmaschine, in: Müller Material. Texte und Kommentare, Leipzig 1989, 48.)

Die Bänke

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1

Die Bänke liegen im Schatten sommers wie winters. Das Holz ist meistens feucht. Manchmal fehlt ein Brett. Die Fundamente sind unterspült, man sieht den nackten Beton, man sitzt auf ihnen wie ein Kind, die Beine baumeln in der Luft. Man denkt, es gab  Zeiten, da war es immer Sommer und die Menschen bauten Bänke. Die Sonne schien durchs Laub. Man promenierte. Man hatte eine Sommerfrische. Die jungen Männer waren Poussierstengel. Es gab Fräuleins und gefallene Mädchen. Am Nachmittag Kaffee und Kuchen. Auf den Bänken traf man sich heimlich.

2

Die Bänke stehen immer an der falschen Stelle. Sie sind moosüberwachsen. Sommers wie winters sitzt keiner auf diesen Bänken. Besonders keine Liebespaare. Nur einmal, im Herbst, als es regnete, sah ich einen Mann und eine Frau auf einer Bank. Sie waren etwa  sechzig, hielten sich fest an der Hand und starrten undurchdringlich auf den Waldweg. Als mein Bruder starb, zerfetzt im Golf von einem LKW, der seinen Weg zur Arbeit kreuzte, sah ich meine Eltern so das letzte Mal. Aber die zwei da sind nicht so. Sie sind es bloß gewöhnt, sich an der Hand zu halten. Vor dem Tod ist es einfach zu kalt

Der alte Mann und das Bier

Warum laesst mir der zerlumpte mann
verbeulte trainingshose und schief
gelaufene stiefel im sommer und eine
no name allwetterjacke die er traegt
weil er keine andre hat den vortritt Lange

hatte er vor den bierkisten gestanden
War dann mit einer flasche sterni zur
kasse gegangen stand wartend zwischen mir
und dem regal mit den flachmaennern Ich
fragt ihn ob er bezahlen wolle denn schliesslich
war er vor mir da Er laechelte unruhig und

liess mir den vortritt Ich nahm einen tee
und mineralwasser dachte aber darueber nach
dass ein bier jetzt auch nicht schlecht waere
Als ich aus der tuer ging sah ich zurueck
Da stand er zaehlte sein geld ab In der hand
sein bier und keinen korn Ich dachte schade

Bleich die Himmelswäsche

WAS SICH IN TSCHERNOBYL AM MEISTEN
EINPRÄGT, IST DAS LEBEN DANACH. LANDSCHAFTEN
OHNE MENSCHEN. WEGE INS NICHTS.
(Swetlana Alexijewitsch)

Bleich die Himmelswäsche. An den Strommasten
aufgehängt ein Blau, das ich nicht kenne.
Dazwischen freies Feld, Geleise, flache Bauten.
Hier gab es Arbeit. Jetzt sind das die Höhlen
für die Zeit nach uns. Bunt bemalt auf
Winterweissgraublau. Schnee in Inneren.
Ersonnen ist der Sozialismus für den Menschen
der nach uns kommen wird. Er hat gesiegt.
Denn solches Blau hab ich noch nie gesehen …

HIER HABEN WIR DOCH KOMMUNISMUS
WIR LEBEN WIE BRÜDER UND SCHWESTERN
(eine Tschernobyl-Rückkehrerin)

Remus

jeden tag sehen wir dich jeden tag mit
schwerem schritt sehen wir dich in den wald
gehen jeden tag jedes jahr mueder auch im
herbst steht die jacke noch offen ich friere
schon beim zusehen aber der bluthochdruck haelt
dich warm rot das gesicht hinter der schwarzen
brille die aederchen ein blutiges rankenwerk
auf zertretenen halbschuhen schwankst
du schwankst auf schwarzen zertretenen halbschuhn
den weg hinaus zum steinbruch dort stehst
du tief im wasser schnaufend und rudernd
mit den haarlosen armen denn schwimmen
hast du nicht gelernt und weiter geht es
durch die felder voller spreu durch sanfte huegel
richtung horizont im arm den leinenbeutel voller
aepfel bis die nacht dich schwarz macht
und wie du dann nach hause findest um
morgen wieder in den wald zu gehen
weiss ich nicht wenn ich dich gruesse sprichst du
mit kinderblick und jedes mal auf gleiche
huepfende weise GUTEN TAG und die worte falln dir
aus dem mund wie kinderkoepfe schwer und
wie zum ersten mal an jeden tag und jeden tag
zum ersten mal

der kommt aus einer anderen zeit der
war nie hier und wenn er
seinen letzten gang gegangen ist
werden wir ihn weiter sehen
und seinen schritten folgen

Das abenteuerliche Leben des Remus
ist ein Roman des kaschubischen Autors Aleksandr
Majkowski, an dem er von 1925 bis zu seinem Tod
1938 schrieb.

Über Schicksal

Das Problem des Schicksals beschäftigt mich seit langer Zeit. Wie konnte etwas, das so unwahrscheinlich ist, eine so beeindruckende kulturelle Konstanz entfalten? Worin besteht die Attraktivität einer Denkfigur, die den Menschen die Autonomie des Handelns und Entscheidens abspricht? Und warum erfreut sich sich, diffundiert in Okkultismus und Esoterik, einer unverminderten Beliebtheit – wo wir doch längst, wie es scheint, die Herren unseres Schicksals geworden sind?

In dem Buch »Kritik der Tragödie