Corona 177: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Es wird diskutiert, ob man im öffentlichen Nahverkehr das Reden zwecks Reduktion von Aerosolen verbieten soll. Es läuft auf ein sanitäres Redeverbot hinaus. Es könnte aber auch in der Form einer bloßen Empfehlung daherkommen.

Egal, ob’s als moralische oder gar als gesetzlich festgeschriebene Pflicht verstanden wird: Keine Idee ist besser geeignet, die Überzeugung der Verschwörungsreligionen zu befestigen, es ginge um eine weitere Zensur gegenüber abweichenden Meinungen.

Mir scheint: Der Versuch, die Tröpfchen qua Unterbindung jeder Rede und Gegenrede zu verringern, ist absurd. Da fahren die Leute zur Arbeit, bei der ein gewisses Mass an sprachlichem Austausch stets zur Realität gehört. Doch auf dem Weg dorthin reglementiert man jeden Austausch? Jetzt nicht mehr nur den physischen – kein Handschlag mehr, kein zu naher Kontakt –, sondern auch den sprachlichen (sagt man dem Busfahrer nicht länger „Guten Tag“? Verzichtet man auf’s „Danke“, wenn jemand ein bisschen rückt und Platz macht?)?

Es kann nicht gut gehen. Die Sprache ist ein Nebenschauplatz, der von den eigentlichen, zu treffenden Massnahmen ablenkt. In Wirklichkeit ist Sprache jedoch auch ein Hauptschauplatz, nämlich einer der wesentlichsten Elemente von sozialem Leben, das ja, trotz allem, auf irgendeine Weise weitergehen muss.

Anne Peiter

Coronaschutz im Nahverkehr: Redeverbot in Bus und Bahn? – taz.de

Corona 176: Schließung statt Einschluss

Von der Politik kommen gerade wieder sehr unklare Ansagen. Die Kanzlerin spricht von „8-10 sehr schweren Wochen“; „Ostern“ wird als Ende des Schreckens ins Spiel gebracht (Passion und Auferstehung also); gestern Morgen war im Radio von „3-4 Monaten“ die Rede, die es noch dauern würde, bis die Dinge anfangen würden, sich wieder normal zu entwickeln.

Ich sehe vollkommen ein, dass solche Angaben im Moment nichts bringen. Die Situation ist vollkommen unklar. Jede sichere Prognose wäre eine Anmaßung. Es ist möglich, dass sie sich – angefeuert durch weitere Virusmutationen – katastrophal weiter entwickelt; jedoch auch, dass eine ‚normale‘, also durch Infektion sich bildende Herdenimmunität mit dem kommenden Frühjahr ihre Wirkung entfaltet.1 Also müsste der Staat all seine Autorität zusammen nehmen, um zu verlautbaren, dass er sie verloren hat. Die Verfügungsgewalt über die Zukunft ist jedenfalls futsch, er hat seine Planungshoheit teils durch eigene Schuld, teils ohne Schuld verspielt. Das wäre zunächst einmal klarzustellen. Die Menschen nehmen den Eiertanz einer nurmehr angemaßten Autorität sehr deutlich wahr. Der simple Satz: »Wir wissen es nicht« würde einiges entspannen; er würde einem Staat, der nicht besser sein will als er ist, etwas von der verspielten Glaubwürdigkeit zurückgeben.

Damit würde ein Zweites einhergehen: Maßnahmen nämlich, die nicht von dem ausgehen, was man sich erhofft, sondern von dem, was ist. Und das ist zunächst einmal: eine katastrophale Infektionssituation, die außer Kontrolle geraten ist, und ein Gesundheitssystem, das vom Kollaps in bestimmten Bereichen nicht weit entfernt ist. Darauf müssen wir reagieren, und zwar mit dem wenigen, das wir sicher wissen. Wir müssen uns also unser Handeln nicht von der Zukunft sondern von der Gegenwart und der Vergangenheit vorgeben lassen. Dazu gehört ein Shutdown wie im Frühjahr, der auch in die wirtschaftlichen Produktionszyklen und Distributionsverhältnisse eingreift und sich nicht damit begnügt, die Kultur dicht zu machen und die Individuen durch immer weitere und immer absurder werdende und überdies wirkungslose Ausgangsbeschränkungen zu belasten. Wir wissen nicht, ob es so gut hilft wie damals, 2020, aber es ist schon sehr wahrscheinlich, dass es deutlich mehr bringen wird als der Lockdown der vergangenen Wochen. Schließung statt Einschluss, wir müssen den Laden zumachen und durchhalten.2

Vielleicht lagen die Menschen, über die wir uns vor bald einem Jahr lustig gemacht haben, die Klopapier- und Nudelhamsterer, die in so archaischer Weise auf die Krise reagierten, gar nicht so falsch. Vielleicht spürten sie, wie substanziell das kapitalistische Produktionssystem von unten angegriffen wird, vielleicht spürten sie, was eigentlich notwendig ist, um diesem Angriff zu begegnen. Etwas von diesem Reflexen würde man jedenfalls auch der Politik wünschen. Aus den Vorräten leben heißt ja, dass man die Produktion erst einmal stillgelegt betrachtet, so wie es in den langen vorkapitalistischen Zeiten weithin in jedem Winter der Fall war. Das dringt jetzt durch, es könnte sein, dass damit das kapitalistische Produktionssystem erodiert, aber den Luxus des ALLES ÜBERALL JEDERZEIT SOFORT können wir uns ohnehin nicht mehr lange leisten.

Wolfram Ette

1 Kékulé etwa ist dieser Meinung: https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kekule-corona/reisen-herdenimmunitaet-anti-baby-pille100.html Das Argument ist, dass man, wenn man die Zahl der registrierten 2 Millionen Infizierten verfünffacht – die Dunkelziffer liegt laut RKI zwischen 4 und 6, gegenwärtig bereits ein Viertel der der Bevölkerung in Deutschland infiziert wäre. Im Moment sieht es so aus, dass der Trend sich fortsetzt. Jeden Tag kämen ca. 100.000 Neuinfizierte dazu.

2 www.zero-covid.org

Corona 175: Verschiedenes ohne System

Vom Umgang mit Zahlen, Januar 2021

Der 7-Tages-Wert in den Landkreisen, Städten und Stadtbezirken, die ich regelmäßig verfolge, bewegt sich mit schöner Regelmäßigkeit rauf und runter. Eine Tendenz ist nicht zu erkennen. Das liegt vermutlich daran, dass bei einer relativ geringen Einwohnerzahl wenige neue Fälle genügen, um den Durchschnitt statistisch nach oben oder nach unten zu bewegen. Landkreise, in denen deutlich weniger als 100.000 Menschen leben, und in denen die Fallzahlen auf 100.000 hochgerechnet werden müssen, sind ein empfindlicheres Messinstrument als solche, in denen runtergerechnet werden muss.

Im Augenblick kommt freilich noch hinzu, dass die gesamte Erhebungssituation ein einziges Durcheinander ist. Wir bekommen jeden Tag zu hören, dass die Zahlen nicht zuverlässig sind. Die Begründungen wechseln sich ab. Unter der Woche wird gesagt, dass die Zahlen wegen Weihnachten und Silvester nicht zuverlässig sind. Am Sonntag und Montag, manchmal sogar noch am Dienstag, hören wir, dass sie wegen der Erhebungssituation am Wochenende unzuverlässig sind. Ich bin gespannt, wie es nach dem 15. Januar weitergeht, denn ab diesem Tag, so wurde gesagt, werden wir wissen, was Weihnachten und Silvester wirklich bewirkt haben. Ich fürchte aber, dass dieser erkenntnistheoretische Stop-and-Go-Verkehr weitergehen wird: dass wir also mit Zahlen zugeballert werden, von denen uns zugleich gesagt wird, dass sie eigentlich nichts wert sind. Auf der einen Seite bildet es die Ratlosigkeit der Politik ab, auf der anderen erlaubt es, wenn nur die Richtigen kommen, den autoritären Durchmarsch.

W.E.

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On ne s’interdit rien

So sagt der französische Gesundheitsminister, nachdem er erst gesprochen hat von etwas, was er auf jeden Fall vermeiden wolle, nämlich: von einem dritten Lockdown. Aber man weiß eben nicht, wie es weitergehen wird, und so kommt der dritte („britisch beeinflusst“, dieses Mal) wahrscheinlich doch.

Irritierend ist, dass der Minister nicht davon spricht, der dritte Lockdown werde sich aufgrund der anbahnenden Situation vielleicht doch als notwendig erweisen. Vielmehr sagt er, man (also die Regierung) verbiete sich nichts.

Das ist etwas ganz anderes als die Unterwerfung unter etwas, was man leider (d.h. von der Not gedrungen) als Realität akzeptieren muss. Im Gegenteil ist das Gefühl, man unterliege keinen Verboten mehr, das Zeichen für einen Machtrausch, für die Freude an einem enthemmten, schrankenlosen Regieren – kurz eine Versuchung, die die Verschwörungsreligionen stets ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit zu stellen pflegen (denn dafür haben sie in der Tat einen wachen Sinn).

Es ist dies der einzige Punkt, wo ich, ganz wie sie, denke, dass man wachsam bleiben muss. Ich verbiete mir da nichts.

A.P.

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Impfen bis zum Burnout

Wenn Söder jetzt mit der Forderung nach einer Impfpflicht für medizinisches Personal herausrückt, so zeigt das, wie ernst die Lage ist. Er ist nicht dumm und wird nicht ohne Not Wasser auf die Mühlen derjenigen gießen, die von einem allgemeinen Impfzwang reden, zu dem diese Maßnahme als erster Schritt verstanden werden könnte. Er setzt sich dieser Gefahr aus, weil die medizinische Versorgung vor dem Zusammenbruch steht und sich weitere Ausfälle nicht mehr leisten kann. Es ist der Versuch, einen Bereich, den man ziemlich kaputt gemacht hat, weil man ihn nicht für systemrelevant hielt, noch zu retten. Auf Kosten der Beschäftigen, die fitgespritzt werden, bis sie im Burnout gelandet sind.

W.E.

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Shoah-Corona-Kuddel-Muddel

13h25. Un rescapé de la Shoah ne survit pas au Covid. L’un des tout derniers survivants des ‚trains de la mort‘ mis en place par les autorités pro nazies roumaines en juin 1941, Iancu Tucarman, est mort à l’âge de 98 ans du Covid-19, annonce la Communauté juive de Bucarest. Le pogrom d’Iasi a coûté la vie à 13.000 juifs.“ („13 Uhr 25. Eine, der der Shoah entkam, überlebte Covid nicht. Einer der letzten Überlebenden der ‚Todesmärsche‘, die im Juni 1941 von nazifreundlichen Rumänen organisiert wurden, ist im Alter von 98 an Covid-19 gestorben. Dies gab die jüdische Gemeinschaft von Bukarest bekannt. Das Pogrom von Iasi kostete 13.000 Juden das Leben.“) Was sollen wir jetzt bitte daraus schließen? Dass der Covid für einen 98jährigen gefährlicher ist als das Pogrom von Iasi? Oder dass man mehr Chancen hat, einen Virus zu überleben, wenn man zuvor schon so etwas wie einen Genozid überlebt hat? Oder dass es schade ist, weil Herr Tucarman einer der „Letzten“ war? Oder dass man sich in Bezug auf jemanden, der 98 Jahre alt geworden ist, doch bitte nicht so viel aufregen soll, bloß weil er einen Todesmarsch überlebt hat, der sowieso Jahrzehnte zurückliegt?

https://www.rtbf.be/info/monde/detail_coronavirus-en-roumanie-mort-de-l-un-des-derniers-survivants-des-trains-de-la-mort-nazis?id=10669747

A.P.

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Die Gebäudehülle ist dicht

„Im Unterschied zu den Bildern in Washington gab es im Sommer bei uns zu keinem Zeitpunkt eine Situation, in der es gelungen wäre, von außen in den Reichstag einzudringen. Die Gebäudehülle ist dicht.“ Das ist ein Satz, den man sich als unverhohlen-mythologischen merken sollte, solange man ihn noch für wahr halten kann – als Hülle, Verhüllung dessen, was möglich und darum schon jetzt ist.

https://www.spiegel.de/politik/nach-erstuermung-des-kapitols-polizei-berlin-verstaerkt-schutz-des-reichstagsgebaeudes-a-789ece8e-283f-442b-91ca-4422d74b427a

A.P.

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Nicht den Rest

Meine Mutter erwartet die Impfung mit Ungeduld, doch weil jetzt dem Fläschchen sechs statt der ursprünglich fünf Dosen entnommen werden können, hat sie einen Wunsch: Sie hätte nicht so gern das, was nach Verabreichung der ersten fünf „unten“ übrig bleibt. Sie hätten gern was von „oben“. „Wie bei der hocherhitzten Pulver-Milch, wenn unten die abgestandenen Reste sind?“ „Ja, so. Nicht das von unten.“

(Mir scheint, es geht ihr nicht darum, dass zum Schluss zu wenig übrig bleiben könnte, d.h. nicht um die Gefahr, dass am Ende die Quantität des Impfstoffes nicht stimmt. Es ist ihr wirklich unbehaglich bei dem Gedanken, dass etwas „abgestanden“ ist und „von unten“ kommt. Eher ein Küchengedanke, wohl weil alles aus dem Kühlschrank kommt.)

A.P.

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Noagerlsammler

Nichts gegen Alexander Kekulé. Ich finde die Art, in der er im ‚Corona-Kompass‘ des MDR auf die Fragen der Hörerinnen und Hörer eingeht, eigentlich sehr erfrischend. Dass er aber im Tonfall vollendeter Aufgeräumtheit die nach fünf Impfungen im Glas verbleibende Menge, die nun auch nach Angaben des Herstellers für eine sechste Impfung genutzt werden kann, als „Rest“ und „Neige“ bezeichnet; und dass er Mitarbeiterinnen, die mehrere solcher „Neigen“ sammeln, um daraus, wenn sie in ihrer Praxis nicht über so genannte „Tuberkulinspritzen“ mit „Spardorn“ verfügen eine 11. oder 16. Impfung zu generieren, mit den „Noagerlsammlern“ auf dem Oktoberfest vergleicht, die sich aus den in den Maßkrügen verbliebenen Neigen eine neue Maß zusammenstellen, erscheint mir eher hinterhältig. Zumal BioNTech die Steigerung von 5 auf 6 „Verimpfungen“ pro Ampulle – also immerhin 20% – in seine angekündigte Aufstockung der Gesamtproduktion von 1,3 auf 2 Milliarden Dosen pro Monat einberechnet hat, so dass Noagerlsammeln jetzt also ganz offiziell ist.

https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kekule-corona/impfung-mutation-schnelltest-100.html

W.E.

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Begegnungsbegrenzungen

Ich glaube, dieses Wort war mir bisher nicht begegnet. Vielleicht fällt es mir plötzlich ins Ohr, weil es so reich und ungehemmt auf einen Vokal setzt. Es hört sich als, als stammele da einer, der nicht weiß, wie er’s sagen soll, schamvoll Entschuldigungen.

A.P.

Corona 174: Die Zukunft der Gegenwart der Vergangenheit

1 | Entscheidend

Die Zahlen in Frankreich verschlechtern sich, die nationale Gesundheitsbehörde denkt öffentlich über die Frage nach, ob das jetzt bereits die Konsequenz der Silvester-Feiern sei. Es sei dann auch „wahrscheinlich“, dass sich aus der erhöhten Zahl von Neuansteckungen eine Erhöhung der Zahl der Kranken in den Krankenhäusern ergeben werde. Die nächsten zwei Wochen würden „entscheidend“ werden.

Ich erhebe Einspruch, und zwar gleich zweifachen. Erstens ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern sicher, dass aus mehr Neuansteckungen mehr Krankenhauseinweisungen folgen werden. (Dass man‘s nur für wahrscheinlich erklärt, verweist allein auf die Hoffnung, dass die Zahlen nicht so stark steigen, dass man in den Krankenhäusern nicht länger klarkommt. Es geht um das Ausmaß der Probleme, nicht um die Frage, ob es Probleme geben wird.)

Der zweite Einspruch ist weit grundsätzlicher, nämlich ein entscheidender und bezieht sich denn auch auf das Wort „entscheidend“ selbst. Natürlich will die Gesundheitsbehörde nur sagen, dass sich innerhalb der nächsten zwei Wochen entscheiden wird, wie weit die dann zu treffenden Maßnahmen gehen müssen – dies hängt, wie gesagt, von der Zahl der Kranken und der Situation ab, die sich in den Krankenhäusern ergeben wird.

Doch ich finde, dass wir uns derart daran gewöhnt haben, Prognosen für eine nahe Zukunft zu treffen, dass wir unfähig werden, das Entscheidende zu tun, nämlich zurück zu blicken. Nicht die Zeit, die kommt, ist entscheidend, sondern die Zeit, die gerade erst vergangen ist. Nicht das, was man wird zählen müssen, bestimmt, mit welchem Maß von Einschränkungen man bald wird leben müssen, sondern das, was man von den Festtagen der letzten Zahl erzählen muss (und kann).

Ich bin der festen Überzeugung, dass es unser Verhältnis zur Vergangenheit ist, das unsere nahe Zukunft belastet und nichts anderes. Wer wollte denn noch daran zweifeln, dass Silvester Konsequenzen hat, d.h. der entscheidende Faktor ist? Wer wollte heute noch so tun, als ob man Zukunft erst einmal abzuwarten, d.h. „kennen zu lernen“ hat? Ein Blick auf das, was wir uns vor wenigen Tagen erlauben zu können glaubten, reicht doch völlig aus, um zu wissen, was wir uns in wenigen Tagen nicht länger werden erlauben können!

Wirklich: Ich bin erklärte Gegnerin von Tests, vom Reagieren auf das, was sich „ergibt“. Das Entscheidende liegt permanent hinter uns, aber wir – zukunftsorientiert bis zur Selbstaufgabe – sind derart darauf geeicht, entscheidend sei stets nur der nächste Schritt, dass wir niemals mehr die wenigen Schritte zurück tun, die zu tun entscheidend wäre. Stets meint man, an dem, was war, könne man ja doch nichts mehr ändern, viel entscheidender als die Vergangenheit sei also das, was kommt.

Es ist diese Haltung, die ich als „ergeben“ (im Sinne von: „untertänig“) empfinde. Nichts ist falscher als die Auffassung, das, was war, könne man nicht ändern! Natürlich kann man das! Es ist das Entscheidende! Einen Schritt zurückmachen – hinein in das, was vor zwei Wochen war –, damit man nicht länger, nicht schon wieder, nicht zum zigsten Mal, die gesundheitsbehördliche These aufstellen muss, es seien im Gegenteil die kommenden zwei Wochen „entscheidend“.

Wer noch immer nicht begriffen hat, dass die kommenden zwei Wochen schon waren, dem kann, wenn die uns gegebene Frist der zwei Wochen abgelaufen sein wird, wirklich nicht geholfen werden.

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2 | Wie vergeben?

Sachsen moniert, es dürfe bei der Verteilung der Impfstoffe nicht nur die jeweilige Zahl der Einwohner in jedem Bundesland berücksichtigt werden, sondern auch die jeweilige Zahl der alten Leute.

Klar, jeder versucht, zu kriegen, was er kriegen kann, vor allen Dingen dann, wenn man mit einem Schlag etwas entdeckt, was in Wirklichkeit nicht erst seit gestern bekannt ist, nämlich: dass Sachsen besonders viele alte und daher besonders gefährdete Personen zählt.

Komisch im höchste Maße ist also, dass man diese Tatsache nicht auch schon bedacht hat, als es um die Vermeidung von Problemen und die Durchsetzung strikter Regeln ging. Da gab man sich sorglos. Jetzt wirft man dem System der Verteilung Sorglosigkeit vor. Die Sorge kommt eben immer erst, wenn sie zuschlägt. Nichts so falsch wie die Heideggersche Idee, man laufe sorgend in etwas „voraus“, Sorge sei ein „Sich-voraus-Sein“. Reiner Quatsch. Sorge existiert immer nur als etwas Verspätetes, Nachhinkendes, aber es wäre sogar zu optimistisch zu sagen, Sorge werde eben zu einer Form von „Nach-Sorge“. Auch das nicht. Noch nicht einmal das. Sorge ist etwas, was als Wort abgeschafft gehört, wenn man unbedingt daran festhalten will, sie enthalte einen Bezug zu Zukünftigem. Die Wirklichkeit hat uns eines Besseren belehrt.


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3 | Die Lösung als Problem

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission warnt vor der Möglichkeit, dass die Verlängerung der Zeitspanne zwischen erster und zweiter Dosis und die daraus folgende Teilimmunität wie bei anderen Impfstoffen einen guten Nährboden für raschere Mutationen des Virus abgeben könnten. Er ist daher gegen die Impfpraxis, wie sie zur Zeit in Großbritannien praktiziert wird.

Die Vorstellung, dass man ein neues Problem herbeiführen könnte, und zwar durch das, was als Lösung intendiert ist, wirkt irre, ist aber in gewisser Weise nicht weiter erstaunlich. Man sucht nach einem Ausweg aus einer dramatischen Situation, jetzt, wo noch nicht genug Impfdosen zur Verfügung stehen. Man tut also so, als gäbe es genug Impfdosen, indem man nur den ersten Schritt fest im Auge hat und vom zweiten geflissentlich erst einmal nicht groß spricht. Die Regierung vermittelt sich und der Bevölkerung also den Eindruck, es gehe voran, obwohl es mittelfristig durchaus sein könnte, dass man gewaltige Rückschritte macht. Der Erfolg wird gemessen am Jetzt, der Horizont erscheint als einer, der über das Heute nicht hinausblicken mag.

Wenn es wirklich dazu kommen sollte, dass weitere – impfbedingte – Mutationen den Impfstoff unwirksam machen, dann steht zu befürchten, dass die Skepsis gegenüber der Kampagne international weiter zunimmt. Denn wozu sich impfen, wenn die Art, zu impfen, die Notwendigkeit hervorbringt, neue Impfstoffe zu entwickeln?

Mir scheint, dass das vollkommen Unregulierte, das nur vor allen Dingen politische Gründe hat, sich um medizinisch-naturwissenschaftliche Überlegungen hingegen nicht groß schert, wie ein Abbild der Deregulierung ist, die insgesamt unser Wirtschaften und Sich-in-die-Zukunft-Schreiten bestimmt. Und am gruseligsten: Weil Großbritannien es vormacht, wollen es jetzt alle nachmachen. Die Wettbewerbslogik, die sich die siegende, also größte Zahl zum Zentrum nimmt, herrscht auch hier. Die Briten haben schon mehr geimpft? Man will nicht zurückbleiben, schreitet also gemeinsam vor, d.h. zurück.

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4 | Die Zukunft der Gegenwart der Vergangenheit

„Mein Handeln besteht nur noch darin, das Chaos aufzuräumen, das ich am Vortrag angerichtet habe“. (Jax Teller, in der Netflix-Serie ‚Sons of Anarchy‘)

So in etwa lässt sich das Regierungshandeln der letzten Wochen beschreiben. Es ist blind wie während des ersten Lockdowns. Wohngegen man aber während des ersten Lockdown wirklich nichts wusste und entsprechend mit Verordnungen reagierte, die vom Schlimmsten ausgingen und deswegen auch weitgehend in die Arbeitssphäre eingriffen, weiß man nun mehr und könnte umsichtiger handeln. Diese Umsicht bedeutet aber faktisch nicht mehr Vorsicht, sondern mehr Nachsicht und Nachlässigkeit. Un-Vorsicht also, sträflicher Optimismus. Er erzeugt das Chaos, das wir von Tag zu Tag aufzuräumen haben. Aus der Tatsache, dass wir mehr wissen, wird gefolgert, dass es schon gutgehen wird. Auf der Basis wissenschaftlichen Fortschritts machen wir uns Hoffnungen – zum Beispiel darauf, dass genügend Impfstoff gegen Corona nachproduziert wird; dass alle Impfstoffe gut vertragen werden; dass die Streckung des Abstands zwischen erster und zweiter Impfung (worüber in Großbrittannien nachgedacht wird) weder den Impfschutz vermindert noch zu neuen, gegen den Impfstoff resistenten Mutationen führt. Wir wissen mehr, das müsste uns bedenklich stimmen. Stattdessen glauben wir, wir könnten über die Zukunft verfügen und ihr Bedingungen stellen. Und wenn es uns jetzt so rasch gelungen ist, eine Impfung gegen Corona zu entwickeln, wird das auch für den Fall weiterer Mutationen gelten. Und so weiter. Nichts anderes hat Jax Teller gemeint.

„We figure it out. We’ll get through this. As always. I promise.“ So Teller an zahllosen Stellen der Serie. Das ist auch die Botschaft der Politikerinnen und Politiker, die es freilich nicht so deutlich sagen. Das ist die Gestalt der Zukunft, die damit beschäftigt sein wird, das Chaos von heute zu beseitigen, das seinerseits in nichts anderem bestand als das von gestern aufzuräumen. All das zusammen produziert das Chaos von morgen.

Am Ende eines solchen Handlungsschemas kann, wenn nicht das Schema selbst geändert wird, nur die totale Zerstörung und Selbstzerstörung stehen. Wollen hoffen, dass diesmal nicht von der Kunst gilt, sie sei wie die Wirklichkeit, nur wahrer.

1-3 | Anne Peiter
4 | Wolfram Ette

https://www.lemonde.fr/sante/article/2021/01/08/la-haute-autorite-de-sante-approuve-le-vaccin-anticovid-19-de-moderna_6065633_1651302.html

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-warum-thueringen-und-sachsen-so-langsam-impfen-a-5b65d10e-92e7-4f5c-9cc6-788c413991c9

https://www.spiegel.de/wissenschaft/coronavirus-news-am-dienstag-die-wichtigsten-entwicklungen-zu-sars-cov-2-und-covid-19-a-313d3c1f-f0b6-4f16-bb7a-edbaa20ca381

Corona 173: Aufstand gegen die Zahl


Zu einem Portrait Donald Trumps

Wir haben in diesem Blog immer wieder die Macht thematisiert, die Zahlen ausüben. Es ging um die rhetorische Fülle großer Zahlen, der die Leere des mit ihnen verbundenen Vorstellungsinhaltes korrespondiert. Zur Rede stand, dass die Statistik das einzige Mittel ist, die Massenbewegungen, die moderne Gesellschaften im Guten wie im schlechten ausmachen, zu beschreiben; dass sie uns zugleich aber von dir an den Einzelschicksalen hängenden Erfahrung abtrennt, die uns trifft und auslöst, dass wir als einzelne mit dem kommunizieren, was über uns hinaus geht, mit den Kollektiven, der Gesellschaft, der Gattung insgesamt. Es ging um Segen und Fluch der Abstraktion, die von der Zahl bewirkt wird; um die Möglichkeiten der Manipulation, um das Zusammentreffen von Exaktheitsuggestion und Beliebigkeit, etwa in dem Fall, dass wir zum Beispiel die Zahl der an einem Tag registrierten Coronainfektionen problemlos um 15 nach oben oder unten korrigieren könnten, ohne dass sich etwas in unserem Gefühl dazu ändert.

Deswegen sind viele Menschen der Zahlen überdrüssig. Sie wollen sich der von ihnen ausgehenden Macht entledigen. So steht am Anfang der Realitätsverleugnung die jetzt vielerorts das politische Feld bestimmt, die Leugnung der Zahl. ICH KENNE KEINEN EINZIGEN CORONA-KRANKEN. Das heißt, ich sperre mich dagegen, dass hinter den Zahlen Menschenleben stehen; physisch abwesende Existenzen in diesem Fall, die ich mir vorstellen muss. Zahlen machen einem das sehr schwer. Sie sind abstrakt, Es sind Chiffren, die für sich nichts bedeuten und nur im Zusammenhang mit anderen Zahlen einen Sinn ergeben, ein reines „Für-Anderes-Sein“, wie Adorno das nannte. Ich kann nichts damit verbinden. Deswegen finden sich in vielen Gedenkstätten die Namen der Opfer aufgeschrieben, bis hin zur umfangreichen, in Stein gehauenen Listen. Durch die Namen erhalten die Toten ihre Existenz als Individuen zurück.

Vorläufiger Höhepunkt des Aufstands gegen die Zahl ist die Erstürmung des Kapitols durch Anhänger Trumps. Wie er erkennen Sie das Wahlergebnis der Präsidentschaftswahl im November nicht an. WAHLEN SIND ZAHLEN. Sie sagen mir nichts, wenn ich von Menschen umgeben bin, die Trump verehren, so wie ich. Es kann nicht sein, dass es irgendwoanders anders als bei mir. ist. Also müssen die Zahlen lügen. Die Wirklichkeit fühlt sich anders an. Wenn aber die Zahlen lügen, dann war auch die Wahl eine Lüge und wurde gestohlen.

Ist Trump sich dessen bewusst? Glaubt er seine Lügen? Oder manipuliert er die Massen? Es ist nicht zu beweisen, aber einiges spricht für die zweite Möglichkeit. Plausibel ist, dass es sich bei den Ereignissen am 6. Januar um einen geplanten Putschversuch handelte. Nicht in dem Sinne, dass der Mob wirklich das Kapitol gestürmt und die Parlamentarier rausgeworfen hätte. Aber wäre ein Blutbad angerichtet worden, hätte der Präsident, also Donald Trump den Ausnahmezustand ausgerufen und auf diese Weise das Parlament beseitigt. Bis auf weiteres wäre die Übergabe der Macht den Biden dann ausgesetzt gewesen.

Als ich mir die Videoaufzeichnung der Rede ansah, mit der Trump seine Anhänger scharf machte, die sich alsdann auf dem Weg zum Kapitol machten, schien mir: er lügt. Er lügt unverschämt, kalkuliert und bewusst. Der Duktus, die Mundstellung bei einzelnen Worten, die Gestik – das alles schien mir unnatürlich und einstudiert. Ein Ui. So redet keiner aus Überzeugung, sondern jemand, der Überzeugung simuliert und damit einen Plan verfolgt.

Trump weiß, was Zahlen bedeuten. Aber er weiß vor allem, wie schwach das auf ihnen basierende Realitätsprinzip ist. Er weiß, dass sie gegen Gefühle nichts ausrichten. Er weiß wohl, dass die Menschen ihn lieben, weil er den Aufstand gegen eine Realität aus Zahlen zu seinem Programm gemacht hat. Es ist ein Aufstand, der diesseits der Politik liegt. Deswegen haben ihn Menschen gewählt, die davon praktischen Schaden hatten. Sie wählten ein primitives Wirklichkeitsverhältnis, dass nichts anerkennt außer dem, wovon ich unmittelbar umgeben bin. Zahlen haben da nichts zu suchen, weil sie nicht nötig sind. Wäre Trump selbst vor der komplexen Wirklichkeit regrediert, die in weiten Teilen durch physische Abwesenheit glänzt, hätte er es wohl nicht so weit gebracht.

Andererseits kann es nicht nur Kalkül sein. Er glaubt den Zahlen, und er glaubt ihnen auch wieder nicht. Und er weiß so viel, dass er desto überzeugender ist, je weniger er ihnen glaubt. So vermischen sich wahrscheinlich Kalkül und Selbstbetrug, an den er auch wieder nicht so richtig glaubt, weil es zum Teil ein kalkulierter Selbstbetrug ist. Ein bewegliches System, dass auf einen Rest von Unmittelbarkeit angewiesen bleibt: auf die Überzeugung, er sei wirklich der, für den seine Anhänger ihn halten, gebrochen und vermittelt freilich durch die Überzeugung, dass dies eine nützliche Überzeugung sei.

So habe ich ihn wahrgenommen: als Artisten vermittelter Unmittelbarkeit, mit einem Gesicht, das ständig wechselt und in Einzelausdrücke zerfällt, einer sich ständig scharf und wieder unscharf stellende Maske, die ständig sie selbst ist und dann doch wieder nicht. Er ist ein Massenmörder, vergessen wir das nicht. Auf das Konto seiner Corona-Nicht-Politik gehen um die 100.000 Menschen. Aber diese Zahl, da bin ich mir ganz sicher, sagt ihm überhaupt nichts.

Wolfram Ette

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/was-sich-donald-trump-vom-sturm-auf-das-kapitol-erhoffte-17136920.html?premium=0x0f5039f7af5556813ca05c00dfa527f4&GEPC=s5&fbclid=IwAR1c_F5mp5ZISP_Dl7K9b7nWiDva7pePewrmU0GZ-J_aNzCXKxCZlAkhvPs

Videos: https://www.msnbc.com/msnbc/amp-video/mmvo99178053752?fbclid=IwAR14BPJTzKV9Fi6R4QvUMbLq11fC5HhIFFT_-9VaKGOOmRs75T46ftb4APE

Corona 172: Kleine Vögel – Große Vögel

Vide sanitaire – sanitäre Leere

In den südwestlichen Vogelfleisch- und fois-gras-Farmen Frankreichs grassiert die Vogelgrippe in so dramatischen Ausmassen, dass Massenschlachtungen beschlossen worden sind. Die Situation sei völlig außer Kontrolle, sagen Politiker wie Bauern.

Was jetzt versucht wird, heißt im Französischen „vide sanitaire“, d.h. „sanitäre Leere“. Le Monde liefert die Erklärung, es handle sich eine bestimmte Zeitspanne, in der die Tiergehege ohne Tiere bleiben. „On dépeuple dans l’ensemble du département, et après on fait un vide sanitaire et dans deux mois, on peut remettre des animaux et recommencer à produire“, erklärt ein Spezialist. (“Man entvölkert im gesamten Department, und danach schafft man eine sanitäre Leere, und zwei Monate später kann man wieder Tiere reinsetzen und erneut zu produzieren beginnen.“)

Ich kann diese Sätze nur mit Ent-Sätzen lesen. Wie kann man so geordnet sprechen? Wie ist diese säuberliche Abfolge der „Unds“ denkbar? Es ist doch keineswegs so, dass man erst „entvölkert“ (will heißen : alle Tiere – hier Enten – präventiv tötet) und dann die Leere schafft. Vielmehr ist die Leere etwas, was mit jeder weiteren Ente, die getötet wird, schrittweise wächst. Jede tote Ente kommt einer Zunahme von Leere gleich.

Der entsetzliche Satz versteht es, über diesen Prozess – d.h. die Entleerung – hinwegzugehen und Massenkeulung und Leere syntaktisch übergangslos aufeinander folgen zu lassen.

Genauso übergangslos wirkt dann auch die „Rückkehr“ der Tiere zwei Monate später. Sie sind da, und die Produktion auch – das Problem ist gelöst.

Ich will gern zugeben, dass für einen Fleischproduzenten nichts so natürlich ist wie die permanente Herstellung von Leere. Darin zu einer Kontinuität zu finden, heißt ja, Fleisch in den Prozess von Verkauf, Verbrauch und neuer Produktion einzuspeisen. Die Tiere müssen verschwinden, dazu sind sie da.

Trotzdem: Die Schlachtung aller Tiere in möglichst kurzer Zeit ist etwas anderes. Sie schafft eine Leere, die sofort wieder durch den Produktionsgedanken verdrängt (und also: gefüllt) werden muss, weil das horror vacui mit der Frage verbunden wäre, wie es nur sein kann, dass auf Seiten der Fleischproduzenten nicht über andere, „leichtere“ Formen von Leere nachgedacht wird: über eine Leere, die jedem einzelnen Tier in seinem Leben zusteht, damit es nicht so schnell krank werden und, wichtiger noch: damit es ein Leben leben kann, das Leben heißen darf.

An der anvisierten Leere in den Entengehegen, in denen die Vogelgrippe grassiert, beeindruckt mich also vor allen Dingen dieses Überspringen einer Leere, von der man hätte erwarten können, man würde sie auch in syntaktischer Hinsicht abzubilden versuchen. Warum ist da nicht mehr Platz zwischen den Worten, in Entsprechung zu dem, was in der Wirklichkeit vor sich geht? Wie wirkt es in der Wirklichkeit, wenn man so schnell wie möglich Massen von Enten tötet, zwecklos gewissermaßen bzw. allein zwecks Herstellung von Leere?

Sollte diese Leere nicht erst einmal für eine Weile als solche bestehen bleiben, sich setzen – gegen das Ent-Sätzliche der Sprache, die sich über das, was wir mit Tieren tun, so leicht hinweg-setzt?

Was uns nach den syntaktischem Immergleichen ein jedes Mal beteuert wird, ist, dass wir – die Menschen – uns keine Sorgen machen solle: Die Vogelgrippe sei eine Grippe für Vögel, und nur für sie.

Dies ist der sprachliche Stoff, aus dem dann auch die Menschenepidemien gemacht sind.

Lernbehindert

Der Lockdown – als Beschränkung von Mobilität in menschlichen Gesellschaften – gilt als effiziente Maßnahme zur Bekämpfung von Epidemien wie dem Coronavirus. Man reduziert den Raum, den Radius, in dem die einzelne Person sich bewegt – und bietet, weil es zu weniger Kontakten kommt, dem Virus weniger Gelegenheit, sich zu verbreiten.

Im Falle der Vogelgrippe funktioniert das Konzept nicht. Die Ansteckung müsste bekämpft werden, indem man dem einzelnen Tier weit, weit mehr Platz lässt, als es im Normalfall – der eben auch der Krankheitsfall sein kann – zur Verfügung hat. Nutz-Tiere vom Typus Gänse leben im Dauer-Lockdown, doch ohne jede Möglichkeit zum „Abstandhalten“. Das ist der Punkt: Eingeschlossensein, doch in Maßen.

Ich wundere mich, dass man sich darüber wundert, dass die Vogelgrippe in Frankreich außer Kontrolle ist. Es ist eben so, dass schon das Lernen für sich selbst nicht funktioniert. Wie soll es da möglich sein, dass man Erkenntnisse, die man aus der „eigenen“ Epidemie gewonnen hat, auf menschengemachte Tier-Epidemien überträgt?

Wahrhaftig: Pessimismus ist die eigentliche, zu lernende Haltung, denn sie erst ermöglicht das Lernen aus Erfahrung. Ohne Pessimismus – d.h. die Bereitschaft, zu glauben, dass es übertragbare Erfahrungen gibt –, erlebt man Erfahrungen, als würde es sie gar nicht geben. Ich bedauere, dass es dafür kein eigenes Wort gibt – kein Wort für eine Erfahrung, die zwar sehr wohl gemacht, nicht aber zur Kenntnis genommen wird.

Anne Peiter

https://www.lemonde.fr/planete/article/2021/01/07/grippe-aviaire-l-epizootie-est-hors-de-controle-dans-le-sud-ouest_6065526_3244.html

Corona 171: Sprüche und Widersprüche

Ich fange an, mich ein bisschen selbst zu erziehen. Und zwar in meinen Einkaufs- und Vorratsangewohnheiten. Das, was die Prepper und ihre harmlosen Vorläufer im ersten Lockdown tun, ist eine Möglichkeit. Eine andere besteht darin, sich daran zu gewöhnen, dass nicht immer alles zur Verfügung steht. Mein Salz geht zur Neige. Nein, ich kaufe es nicht nach. Ich warte, bis es ganz alle ist. Vielleicht noch einen Tag länger. Oder zwei. Über Hunderttausende von Jahren hat sich die Menschheit durch ein Wechselbad von Mangel als Normalzustand und Fülle als gelegentlicher Ausnahme hindurchbewegt. Wollen doch mal sehen, ob noch etwas davon an mir hängen geblieben ist. Alles, jederzeit, überall. An dieser Nadel hängen wir. Alles, dass man jederzeit überall haben möchte, in store and on delivery. Wir haben gelernt, dass der Strom der Konsumgüter niemals versiegt. Der Rhythmus zwischen Mangel und Fülle und der zwischen ihnen vermittelnden Vorratshaltung wurde zum Erliegen gebracht. Wir haben den Mangel verlernt und das Gefühl dafür, dass es ein Leben diesseits und jenseits des Konsums gibt. Das sind Aspekte und Schattierungen einer übergreifenden gesellschaftlichen Suchtstruktur. Dass wir uns keine Alternative zum Kapitalismus vorstellen können, liegt daran, dass wir addicts sind. Ich beschließe, erst dann einkaufen zu gehen, wenn wirklich alles ratzekahl ist; vielleicht bis auf etwas Reis, Nudeln, Mehl, der basics halt, die seit Menschengedenken bevorratet werden. Das alles kann warten. Mein Tabak allerdings nicht.

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Wir müssen wieder lernen, das zu tun, was immer getan worden ist: Durchhalten. Der Winter, den Krieg, die Schwangerschaft, die Zeit, in der die Kinder bloß unnütze Fresser sind, weil sie noch nicht zum Familieneinkommen beitragen. Religiöse Menschen würden sagen: das Leben. So auch die Seuche, die sich mit dem Leben verglichen immer noch harmlos ausnimmt.

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Als ich das erste Mal von Fukuyamas These hörte, das Ende der Geschichte sei gekommen, dachte ich: Ach, so ein apokalyptischer Spinner aus Amerika. Vielleicht hatte ich gar nicht so unrecht.

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Die Unverfrorenheit, mit der gegenwärtig die reichen Länder um den Covid-19-Impfstoff konkurrieren, die anderen zu hintergehen versuchen, und dabei vollständig aus dem Blick verlieren, dass es auf diesem Planeten viele Länder gibt, die sich das alles gar nicht leisten können, spricht, aller flehentlichen Appelle von UNO / WHO ungeachtet, eine deutliche Sprache. Früher hieß es: Wer in seiner Jugend kein Kommunist gewesen ist, hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand. Es ist umgekehrt. Ich will kein Kommunist mehr sein, aber die Zeitläufte zwingen mich dazu. Es härtet von Jahrzehnt zu Jahrzehnt aus; aus dem ganz einfachen Grund, dass, wenn es überhaupt noch eine Lösung für das geben solltet, das wir auf der Erde angerichtet haben, wir das nur gemeinsam schaffen. Nur kommunistisch kann der Mensch noch als Gattungswesen agieren und auftreten.

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Man hat das Gefühl, der Impfstoff von BionTech und Pfizer sei irgendwie besser als die anderen. Warum? Weil er stärker gekühlt werden muss. Das macht ihn schwerer verfügbar, in der Fläche und in ärmeren Ländern ist ja nicht so gut zu gebrauchen. Ich sag ja, er ist besser.

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In einem ‚Zeit‘-Artikel mit dem Titel „Das Virus lernt zu sprinten“ steht die Wendung, es gehe darum die Impfungen so rasch wie möglich „auszurollen“. Ein zwingendes Bild, ich kannte den offenbar aus dem Englischen kommenden Begriff bisher nicht. Ausrollen wie einen Teppich. Oder wie die Farbe, die man mit der Rolle auf der Wand verteilt. Alles, was darunter ist, wird überdeckt. Das heißt: Es war darunter. Es ist Vergangenheit, existiert nicht mehr. Das zeigt, was man von den Impfungen erwartet: Dass sie sich auf und über die Krankheit legt, uns restlos gegen sie abschotten. Dass Impfen eigentlich ein diplomatischer Akt ist: dass man sich mit der Krankheit verbünden, in gewisser Weise ihr Komplize werden muss, um sie zu überwinden, spielt keine Rolle mehr. Eine Impfung, die ausgerollt wird, macht die Krankheit platt, und hinter dem Wort erhebt sich finster dasjenige, das ich versehentlich las und den Begriff zur Kenntlichkeit verstümmelte: „ausrotten“.

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In demselben Artikel: das Verb „sprinten“. Die Bildwelt des Sports, die das Wort aufruft, ist so unpassend wie möglich. Das englische Virus bewegt sich nicht schneller durch den Raum als andere Varianten. Es verbreitet sich leichter durch andere Oberflächeneigenschaften. Es hat andere Füßchen, das ist wahr: die machen aber nicht, dass es schneller rennt, sondern dass es leichter in die Wirtszelle eindringt. All dies ganz laienhaft gesprochen. Aber der Sport ist unsere Domäne. Hier kennen wir uns aus. Das Virus mag ja sprinten können, aber hat es auch einen so langen Atem wie wir? Kommt es überhaupt darauf an, zu sprinten? Würde sich das Virus auf dem langen Marsch zur Volksgesundheit nicht übernehmen, aus der Puste kommen, einen Rundensieg feiern und vor dem Ziel zusammenbrechen? Die Schlacht gewinnen und den Krieg verlieren? Das Bild vom Wettlauf zwischen Mensch und Natur ist schon alt; Francis Bacon verwendet es im ‚Novum Organon‘. Aber es ist die Frage, ob das Bild nicht prinzipiell falsch gewählt ist. Dass es alt ist, muss ja nicht heißen, dass es richtig ist. Laufen ist ein linearer Vorgang, eine Durchseuchung geschieht gleichzeitig an vielen Stellen, schwamm- oder netzartig. Nicht die Geschwindigkeit, sondern die Zahl der Kontaktstellen zählt. Man muss das Bild aufgeben, um den Wettlauf zu gewinnen.

Wolfram Ette

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2021-01/coronavirus-mutation-neue-variante-b117-grossbritannien-ansteckung-impfung/komplettansicht

Corona 170: Aus Frankreich

Fehler, Fehler, nichts als Fehler

Die Langsamkeit und Zögerlichkeit, mit der die französische Regierung bei der Impfkampagne vorgeht, wird unter anderem mit alten Traumata erklärt, die durch andere, gescheiterte Impf-Kampagnen entstanden seien. Ich war damals noch nicht in Frankreich, doch ich lese, dass die Impfung gegen den H1N1 überhaupt keinen Zuspruch gefunden und der Skandal um die Hepathitis-B-Impfung (der gar keinen Grund hatte) ebenfalls tiefe Spuren im Gedächtnis der Bevölkerung hinterlassen habe.

Wie merkwürdig ist, wie das Wiedergutmachen eines Fehlers („dieses Mal nichts überstürzen, erstmal Vertrauen gewinnen“) eine neuen Fehler hervorbringt, und zwar einen – wie es zur Zeit klingt – kolossalen. Oder wird sich noch herausstellen, dass „die anderen“ dann plötzlich bei der zweiten Dosis ins Stocken kommen, schlicht weil keine da sind, und dass plötzlich die Langsamkeit der Franzosen unerwartete Vorteile mit sich bringt?

Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass sich nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung impfen lassen will, dass aber die fehlende Möglichkeit, sich impfen zu lassen, zur Zeit einer nationalen Tragödie gleichkommt. (Vielleicht hoffen die Impfgegner, die anderen mögen sich jetzt bitte tunlichst beeilen? Doch das käme ja fast schon der Anerkennung gleich, dass die Impfung etwas bringt!)

Zusammenfassung: Man will die Impfung nicht, aber man will, dass sie schnell kommt. Man will, dass sie schnell kommt, aber dass sie schnell kommt, könnte der Regierung als Fehler ausgelegt werden. Darum macht sie also langsam, was aber auch falsch ist, denn wichtig wäre jetzt, dass es schnell geht. Aber auch nicht wieder so schnell, dass dann keine zweite Dosis mehr zur Verfügung steht, denn dann könnte man mit der ganzen Geschichte wieder von vorn beginnen, ein bisschen wie bei dem Lied „Ein Hund ging in die Küche“ : Endlosrefrains…

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/lenteur-de-la-vaccination-en-france-un-traumatisme-li%C3%A9-aux-fiascos-r%C3%A9cents/ar-BB1csVy9

À tout prix I

Die französische Regierung gibt bekannt, sie wolle einen dritten Lockdown „um jeden Preis“ (= „à tout prix“) vermeiden.

Man ist sprachlich gut geschult, man wird regelrecht zum Experten. Immer, wenn etwas „um jeden Preis“ erreicht werden soll, wird es nicht erreicht; immer, wenn etwas „um jeden Preis“ vermieden werden soll, steht die Unvermeidbarkeit ins Haus. Ins Haus. Zuhaus.

Soldatisches

Die Feuerwehrleute sollen (was anfänglich nicht vorgesehen war) prioritär geimpft werden. Es wird argumentiert, sie gehörten ja zum Personal des Gesundheitswesens. (Und das stimmt: Die Rettungswagen kommen als Erste, wenn ein Notfall ist.)

Schon im nächsten Satz werden sie jedoch als „Soldaten des Feuers“ bezeichnet. Wie hübsch das einmal wieder zur Kriegsrhetorik passt!
Ich beginne, zu glauben, dass politische Entscheidungen wie diese einzig und allein inspiriert sind vom semantischen und visuellen Material, das man als Wall um bestimmte Berufskategorien herum aufzuschütten pflegt: Auf der einen Seite das Bild des Zivilen, weißer Kittel, man tritt an’s Bett, doch bedächtig, wissend – das Personal in Krankenhäusern. Auf der anderen Seite rot flammende Uniform, silberner Helm, Hektik, Männlich-Wehrhaftes, die Spritze in der Hand (doch in Groß, mit einem Strahl, der unter enormen Druck hervorschießt).

Von welchem Sprachmaterial ist das Bild der Feuerwehrleute am meisten bestimmt? Ich würde behaupten: vom zweiten, vom heroisch Wehrhaften, vom klar Sichtbaren. Kampf gegen die Brunst!

Wogegen das Gesundheitswesen kämpft, ist noch nicht einmal sichtbar: Der Virus verbirgt sich. Doch Flammen, hochauflodernd, der Befehl, der herrisch zum Einsatz ruft, besagte Wasserspritze in der Hand, den Schlauch, trotz des undurchdringlichen Rauches hinter sich entrollend – das ist, was die Phantasien beflügelt in einer Situation, die zu viel Dramatik bietet – und auch zu wenig. Zu wenig sichtbare zumindest.

Daher also die Entscheidung, Feuerwehrleute gegen den Virus prioritär zu impfen. (Es ist, als beweise man sich selbst die – noch immer nicht erkannte oder aber, als Variante dazu, immer weniger anerkennbare – Wirklichkeit der herrschenden Gefahr.)

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/pompiers-aides-%C3%A0-domicile-plus-de-75-ans-comment-le-gouvernement-va-organiser-leur-vaccination/ar-BB1cuOsq

Ethik

Es wird jetzt offiziell von höchster Stelle zugegeben, dass die Modalitäten, die ursprünglich festgelegt worden waren und den ethischen Ansprüchen entsprochen hätten, eine Bremse für die Effizienz der Impfkampange in Frankreich darstellen. Man will es anders machen.

Was soll das heißen? Dass man die Bremse löst und die ethischen Ansprüche sausen lässt?

https://www.msn.com/fr-fr/finance/other/vaccination-emmanuel-macron-monte-au-cr%C3%A9neau-et-d%C3%A9voile-les-grandes-lignes-de-lacc%C3%A9l%C3%A9ration-de-la-strat%C3%A9gie/ar-BB1cvEfO?li=AAaCKnE

A tout prix II

„Nous voulons éviter à tout prix sa diffusion“ („Wir wollen seine Verbreitung um jeden Preis vermeiden“), sagt der französische Gesundheitsminister mit Blick auf die neue, „englische“ Variante des Virus.

Schon wieder ein „Umjedenpreis“! Ich weiß, ich wiederhole mich, doch das ist die Floskel, die immer dann verwendet wird, wenn man schon ahnt oder gar weiß, dass etwas nicht gelingen wird. Man kann noch so viel Geld ausgeben, sich um den Preis gar nicht mehr scheren – der Preis der Worte besteht darin, dass man jetzt sicher bescheid weiß: Es wird nicht gelingen, die Verbreitung der neuen, „englischen“ Variante zu vermeiden, denn sie ist schon zu dänisch, zu französisch, zu international, als dass man die Idee rechtfertigen könnte, sie sei „von da“. Sie ist (man sollte das anerkennen) von hier und von da, und dieses „Hier“ als vermeidbar darzustellen, hat auch einen hohen Preis, nämlich: dass man qua Adjektiv den Nationalismus anheizt.

Die Eindeutigkeit der Prognose, die im „Umjedenpreis“ steckt, wird übrigens bei der obigen Formulierung noch weiter gesteigert, denn der Gesundheitsminister sagt ja nicht mehr, als dass man die Verbreitung der Variante verhindern wolle. Es wär‘ ja noch schöner, wenn man’s noch nicht mal wollen würde, denn dass man’s nicht können wird, reicht bei weitem.

https://www.lemonde.fr/planete/article/2021/01/08/accuse-de-lenteur-dans-la-vaccination-contre-le-covid-19-le-gouvernement-revoit-sa-copie_6065555_3244.html

Anne Peiter

Corona 169: So Sachen zum Pessimismus

Melancholie

Wenn ich die Leserbriefe nach dem Ausbruch des fünften Clusters lese, kehrt eine melancholische Form von Optimismus in mich ein. Ich sehe, wie viele Menschen es gibt, die nichts zu sagen haben und doch genau wussten und auch zu sagen verstanden, was passieren würde: Die Politik gestaltete nichts, sie lief blind in die zweite Ansteckungswelle hinein. (Die ist auf der Insel in Wirklichkeit übrigens die erste, denn bisher existierte der Virus nur sporadisch.)

Die Vorhersagbarkeit dessen, was uns jetzt geschieht, ist etwas, was einen in den Irrsinn treiben könnte. Es wäre so leicht gewesen, die klar umrissene Form, die Inseln eignet, zu nutzen und die Bevölkerung zu schützen. Systematische Kontrollen für denjenigen, die auf die Insel kommen – und alle Probleme waren vermieden. Dass die relative Einfachheit den Verantwortlichen nicht aufgegangen ist, ist ein Skandal. Und traurig ist, dass diese nicht sehen, wie viel sie vom gesunden Menschenverstand hätte lernen, wie viel sie hätten verstehen können, wenn sie denn nur zugehört hätten oder wenigstens jetzt, wo es wirklich anfängt, dramatisch zu werden, zuhören würden.

Und so ist die Freude, die ich empfinde, wenn ich höre und lese, wie die Mehrheit das Richtige verlangt, durchmischt mit absolutem Pessimismus, denn geradezu herzzerreißend ist ja, dass die optimistisch stimmende Intelligenz der Mehrheit nicht die geringste Rolle spielt.

Anne Peiter, im August 2020

Optimismus als Gewurstel

Dieser Blog soll so wenig Ähnlichkeiten wie möglich mit einem politischen Kommentar haben. Wir empfehlen selten etwas, sondern meckern rum. Wir betrachten es vor allem als unsere Aufgabe, auf die Widersprüche dessen, was gerade passiert, hinzuweisen. Wir machen das, was die Leute an der Kritik so ärgert: wir machen alles schlecht und wissen es auch nicht besser.

Allerdings gibt es Situationen, in denen das Bessere auch den wenig Bedarften in den Schoß fällt. Die Entscheidung für den „Lockdown light“ Ende Oktober war eine solche Situation. Allen, mit denen ich gesprochen habe, war – im Unterschied zu den Politikerinnen und Politikern – klar, dass es nicht funktionieren wird. Vor allem die Lehrerinnen und Lehrer haben den Kopf über die Naivität geschüttelt, aus der Unkenntnis über die Infektiosität von Kindern und Jugendlichen ein Best-Case-Szenario hervorzuzaubern und vorzuschwindeln, dass schon alles gut gehen werde. Ja, die haben wirklich davon gesprochen, bis Weihnachten die 7-Tages-Inzidenz auf unter 50 zu drücken. Haben Sie wirklich.

Jetzt, angesichts der Beschlüsse vom 5. Januar, wird es uns ähnlich leicht gemacht. Sollte es nicht möglich gewesen sein, klare Regeln zu verabschieden und an bestimmte Inzidenzwerte zu binden? Also, um bei den Schulen zu bleiben: bis 50 Präsenzunterricht, bis 100 hybrid, ab 100 volldigital? Ist das so schwer? Und lassen sich solche Regeln nicht für alle Bereiche des öffentlichen Lebens, inklusive der systemrelevanten Berufe aufstellen? Und überall dort, wo man nicht herunterfahren kann, überall dort, wo Home Office nicht geht, die Testfrequenz massiv zu erhöhen und die dort arbeitenden Menschen nach Möglichkeit sehr früh zu impfen? Ich sage nicht, dass das leicht ist. Aber ich denke noch immer, dass „da oben“, also bei den gewählten Repräsentanten und Repräsentanten, genügend Kompetenz versammelt sein müsste, um diese Richtung einzuschlagen.

Stattdessen wurstelt man sich durch. Man glaubt, es werde schon klappen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen bedeutet Optimismus aber, dass man sich der Realität verschließt. Im Augenblick ist Pessimismus nichts als Realismus. Worst-Case-Szenarien müssen die Basis politischen Handelns bilden. Besonders dann, wenn es um Leben und Tod geht. Und man darf nie vergessen: Schlimmer geht immer. Das zeigt die britische Variante des Coronavirus. Wer weiß, ob noch andere folgen werden?

Es ist merkwürdig: wenn man einzelne deutsche Politiker vor sich hat, gewinnt man durchaus den Eindruck, dass sie dazu in der Lage wären. Diesseits aller politischen Präferenzen, die ich hege, kann ich in Angela Merkel, in Söder, Michael Müller und einigen anderen durch etwas von dem Realitätssinn finden, den ich einklage und der in einer Krise Grundlage aller Entscheidungen sein sollte. Sitzen sie aber zusammen, beraten und fällen gemeinsame Entscheidungen, kommt dieser realitätsferne, verantwortungslose Mist heraus, mit dem wir seit Monaten zu kämpfen haben.

Offenbar ist es das Entscheidungsprocedere selbst, das zum Realitätsverlust führt. Im Frühjahr 2020 war das nicht so, und das könnte ein Grund dafür sein, dass Deutschland damals recht gut durch die Krise gekommen ist. Jetzt verhandelt man rum. Man verhandelt mit der Natur, die nicht mit sich handeln lässt. So sagen es die Klimaschützer seit Jahren und prangern das Gewurstel an, als könnte man sich dadurch von den physikalischen Gesetzen freikaufen. Kann man nicht. Und die Epidemie zeigt es im kleinen. (Denn auch das würde zu dem realistischen Pessimismus gehören, den ich mir wünsche: die Einsicht, dass diese Krise klein ist, verglichen mit denen, die mutmaßlich auf uns zukommen.)

Was also Zweifel erregt, ist, so leid es mir tut, der Prozess der demokratischen Entscheidungsfindung selbst. Offenbar geht es darin nicht um die Verstärkung der Kompetenz, die die einzelnen mitbringen, sondern um den Ausgleich von Partikularinteressen. Das mag in einem relativ krisenfreien Normalzustand der Gesellschaft noch irgendwie funktionieren. In der Krise geht es nicht. In der Krise verstärkt es sich zur kollektiven Dummheit. Denn nur die Überzeugung, es werde schon gut werden, macht den Interessenausgleich möglich. Sie ist seine Geschäftsgrundlage: naiv und falsch und optimistisch.

Nach außen darf man das freilich so nicht zeigen. Politiker sind ja auch Elternfiguren. Und als solche verkörpern sie die Autorität des Realitätsprinzips. So werden wir im Privaten auf weitere Einschränkungen eingeschworen, um zu suggerieren, man tue was. Die 15-km-Regelung ist solch blühender Bullshit. Es wird nicht klar, warum überhaupt, warum ohne Unterschied von Stadt und Land, warum 15 km, und wie man es kontrollieren und sanktionieren soll, wenn jemand sich nicht daran hält. Es ist krimineller Bullshit, leere politische Rhetorik reinsten Wassers und es wird das Vertrauen in die Demokratie weiter untergraben.

Auch meines ist erschüttert. Ich kann mich noch an der Formalie festhalten, dass demokratische Entscheidungen eigentlich nicht Prozesse des Interessenausgleichs sein sollten, sondern dass in ihnen – nennen wir es ruhig so! –, die ‚Weisheit des Kollektivs‘ sich ausspricht. Aber was heißt denn ‚eigentlich‘? War es jemals so? Ist die parlamentarische Demokratie dazu überhaupt in der Lage? Wurde die Weisheit des Kollektivs nicht immer schon zwischen Bürokratie und Lobbyismus zerrieben? Ist das, was wir jetzt erleben, nicht bloß ein drastisches Symptom für das, was ununterbrochen stattfindet? Ist der Ausnahmezustand nicht wirklich der Normalzustand, nur wahrer?

Wolfram Ette

Dankbarer Pessimismus

Die vom Robert-Koch-Institut errechnete Inzidenzrate, die Grundlage für viele politische Entscheidungen bildet, ist oft zu niedrig, was dann wiederum die politischen Entscheidungen zu sorglos macht. Die realen Zahlen kommen erst dann an, wenn’s schon nicht mehr relevant ist, weil die politischen Entscheidungen, die man hätte treffen müssen, nicht getroffen worden sind (und angemessen treffen kann man sie im nachhinein nicht mehr). Das heißt nicht, dass man sie nicht doch noch schnell treffen muss, aber wenn man sie dann wirklich noch trifft, stehen sie schon nicht mehr im direkten Kontakt zu der Rate, die man eigentlich zur Grundlage des eigenen Handelns hatte machen wollen. Und nach den Weihnachts- und Neujahrsfeiertagen gilt dies umso mehr. Also: Man hinkt den Realitäten hinterher. Diese zeigen sich in dem Rhythmus der „Verspätung“, die dem Virus eigen ist. Also ist Verspätung Realität! Eine, mit der wir nicht klar kommen! Des Virus’ verspätete Wirkung wird zur Wirkungsmacht unseres eigenen, fehlerhaften Umgangs mit Zeit.

Diese Feststellung beweist, dass der Pessimismus, zum Ausgleich für das Vertrauen, das man zur Zeit (und überhaupt) in die Welt der Zahlen zu setzen pflegt, eine sehr wichtige Größe ist. Nur ist leider nicht durchsetzbar, einfach aufgrund von Pessimismus die diesem Pessimismus entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Es scheint ja, über dieses Gefühl hinaus, keinen Grund zu geben, Schulen zu schließen oder andere Eingriffe in das öffentliche Leben zu verordnen! Dumm ist nur, dass das, was man im nachhinein nicht mehr rückgängig machen kann, sehr wohl reale Folgen hat, und zu diesen Folgen zählt, dass der Pessimismus, obwohl er nix weiter ist als ein bloßes Gefühl, sehr häufig recht behält. (Das verärgert dann zusätzlich.)

Ich lese im Figaro eine Polemik gegen die apokalyptische Art vieler Ärzte, zu reden und sich öffentlich zu äußern. Eine „Meinungsdiktatur“ wird beklagt, man bezieht vehement Stellung gegen die Pessimisten. Man möge doch auch einmal die Optimisten zu Wort kommen lassen!

Ich fühle mich angegriffen, denn in dieser Hinsicht stehe ich ganz auf Seiten derjenigen, die man als „Mainstream-Ärzte“ verunglimpft. Mir scheint, dass es vor allen Dingen der Widerwillen gegen das Hässliche des Pessimismus ist, der stets darauf hoffen lässt, die zu niedrigen Zahlen des Robert-Koch-Instituts, des Instituts Pasteur oder von wem auch immer mögen richtig und der Optimismus von Ärzten, die in bestimmte Fernseh-Shows aufzutreten pflegen, sei der einzig erträgliche Zugang zur aktuellen Wirklichkeit.

Ja, erträglich schon, einzig erträglich sogar! Aber darum auch zuträglich? Ich persönlich rechne stets mit dem Schlimmsten, versuche, in dieser Hinsicht konsequent zu sein, denn ich sehe immer deutlicher: Das ist ein Berufszweig, der stark unterrepräsentiert ist. Wer wagt in hochdynamischen, sich selbst optimierenden, auf Optimismus geradezu geeichten Gesellschaften schon, sich wirklich auf das Hässliche zu spezialisieren?

Manchmal fragen mich Studierende, wenn ich von meiner Forschung über Kriege und Genozide berichte, wie ich das aushalten könne. Nun, kann ich da nur sagen, ich lese Esther Mujawayo, Therapeutin und Überlebende des Tutizids von 1994. Sie berichtet, dass sie ihre Geschichte oft nicht zu Ende erzählen kann, weil die Leute, die zu Zeugen ihres Zeugnisses werden, es als traumatisierend empfinden, zu hören, was sie erlebt hat. Dabei hat sie – die Überlebende – natürlich keine Möglichkeit, den Erinnerungen, die sie hat, zu entkommen. Sie hat keine Wahl, sie muss mit dem Gewesenen leben. Und sie empfindet als Zumutung, ihre Geschichten anders erzählen zu müssen, zu Abmilderungen gezwungen zu sein, nur damit die Zuhörer es nicht als unerträglich empfinden und wirklich bis zum Ende zuhören. Ich finde also insgesamt, dass wir zumindest die Stärke haben müssen, mit dem Zeugnis von diesem Gewesenen zu leben. Mein Spezialistentum besteht also darin, dass ich zu relativieren gelernt habe. Mit anderen Worten: Ich verstehe mich nicht als Pessimistin im üblichen Sinne des Wortes. Ich verstehe mich im Gegenteil als dankbar. Ich bin pessimistisch aus Dankbarkeit. Dankbar dafür, dass ich das Glück habe, von Genoziden oder Kriegen nur lesen zu müssen. Dankbar jetzt, nicht am Covid krank geworden zu sein, nicht in einer Beatmungsmaschine zu stecken und ähnliches mehr. Man sieht: Ich bin ein ziemlich positives Geschöpf! Der grundsätzliche Pessimismus ist meine Art, mich meines Lebens zu erfreuen, doch nicht einfach unbedacht und fern der Realitäten, die ja ohnehin sind, sondern beeinflusst von all dem, was in der Tat sehr schwer anzuhören und als Realität anzuerkennen ist.

Anne Peiter

Links

Worst-Case-Szenario als Handlungsmaßstab: https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/covid19-den-worst-case-im-auge-behalten/?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE&fbclid=IwAR2dvVR64R8z3gB680Wdof08CWSp8yvGGQS_SHsJlS1msfdrMXaCsWx9MBo

Zahlen des RKI: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/coronavirus-inzidenz-rki-fallzahlen-1.5154797

Vorwürfe gegen Mediziner in Frankreich: https://www.msn.com/fr-fr/actualite/other/les-médecins-de-plateau-nuisent-gravement-à-la-santé-démocratique/ar-BB1c7gxG?ocid=msedgntp

Corona 168: Zwickmühlen

Es scheint gewiss: Immunität gegen den Virus entsteht bei den derzeitig verfügbaren Impfstoffen erst nach der zweiten Dosis. Wenn man nur eine bekommt, ist das Immungedächtnis nicht hinreichend stimuliert – die Impfung also insgesamt für die Katz.

Zur Zeit ist jedoch etwas zu beobachten, was leicht fatal werden könnte: Man spricht sehr viel von der ersten Spritze – und kaum von der zweiten. Dabei ist das in Wirklichkeit eine einzige, zusammengehörende. Doch da Impfstoffe zur Zeit noch Mangelware sind und jede Regierung beweisen will, dass sie die Dinge im Griff hat, impft sie munter drauf los, und zum Teil sogar unter Verwendung der zweiten Dosis, die dann aber, sobald es Zeit für sie ist, nicht zur Verfügung stehen wird.

Das ist das, was sich in Frankreich abzeichnet: Die Kritik wegen der Langsamkeit des Beginns der Impf-Kampagne war so einhellig, dass man jetzt durch die Einbeziehung des medizinischen Personals, das ursprünglich nicht sofort hatte geimpft werden sollen, der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen versucht. Man ist auf die Herstellung besserer, größerer Zahlen aus, droht auf diese Weise aber, schlechte und schlechteste Zahlen nach drei Wochen mitzuproduzieren. Gefragt ist ein stabiles Gleichgewicht zwischen Impfung eins und zwei, doch dieses ist gar nicht so leicht zu erlangen, denn man hofft auf die Lieferung weiterer Impfdosen, ohne genau zu wissen, wie hoch deren Zahl sein wird.

Das bedeutet, dass die blinde Hoffnung, mit der man jetzt vermutlich drauflosimpfen und sich an den Spurt zur Reduktion der Verspätung machen wird, vor allen Dingen einer Blindheit in Bezug auf die Zukunft gleichkommt – und dies, obwohl diese Zukunft die allerallernächste ist. (In drei Wochen müsste geliefert worden sein, was jetzt schon verimpft wird.)

Es kommt noch schlimmer. Zwar bestehen auch hier große Unsicherheiten, doch es scheint nicht gänzlich ausgeschlossen zu sein, dass bei zu langem Warten zwischen erster und zweiter Dosis Resistenzen entstehen. Wenn sich dies bewahrheiten würde, wäre nichts so dramatisch wie schnelle Erfolgsmeldungen des Beginns, weil man darauf vertraut, dass in dem gleichen Tempo die zweite Dosis produziert werden wird, mit der man selbst die bloße, durch wenig Konkretes begründete Hoffnung produziert.

Andererseits geht die Zahl der Neuansteckungen jetzt wieder hoch, das heisst: Man ist unter Druck, will und muss reagieren, kann den Impfstoff nicht – bloss um vorsichtig in Bezug auf die zweite Dosis zu sein – künstlich zurückhalten. Denn wenn die Produktion der zweiten Dosis doch vorankommen sollte und das, was jetzt zuviel verimpft, aufgeholt werden kann, wird die Gesellschaft kritisch vermerken, dass man zu viel auf die zweite Dosis gesehen habe, statt entschieden Schritt eins zu machen.

Der Dilemmata sind also viele, und nur eines scheint wahrhaft wahnsinnig: dass nämlich Grossbritannien schon einmal munter beschlossen hat, die vorgeschriebene Zeitspanne zwischen Impfung eins und zwei erheblich auszudehnen, obwohl die Impfstoffhersteller davor warnen. Es ist, als ob aus der Verbreitung der „schnellen“, „britischen“ Variante ein Problemdruck entstanden sei, den man jetzt durch den Beweis für die eigene Schnelligkeit aus der Welt schaffen will. Es ist wie eine Art Wettkampf zwischen der Schnelligkeit des Virus und der eigenen Schnelligkeit, und beiden ist egal, was die Zukunft bringt. Man starrt nur noch gebannt auf das, was JETZT, bei diesem als „Sprint“ bezeichneten Geschehen, passiert.

Anne Peiter

https://www.welt.de/politik/deutschland/article221819352/Corona-Impfung-Fuer-die-Planung-ist-dieses-Detail-entscheidend.html

Corona 167: Eine lehrreiche Geschichte

Eine Frau, die erst den Covid hatte und jetzt den „Long Covid“, erzählt, vor einem Supermarkt habe sie eine junge Frau mit ihrem Kind getroffen. Die Mutter habe, an sie und ein älteres Paar gewendet, gesagt, „sie bräuchten ihre Masken nicht, Corona gebe es nicht, niemand hätte das“. „Doch ich“, habe sie da entgegnet, woraufhin die Frau laut aufgeschrien und ihr Kind weggezogen habe. Oh, wenn doch die Wirklichkeit, die im vergangenen Jahr ein- oder zurückgekehrt ist (gab es sie nicht schon immer?), stets so leicht wieder einsetzbar wäre! Oder hat die Mutter ihr Kind nur darum weggezogen, weil sie sich dadurch wieder in ihre Unwirklichkeit zurückziehen konnte? Ist sogar die Reaktion auf das, was einem als Wirklichkeit unerwartet gefährlich nahe rückte, nicht mehr als ein Schutz für die Unwirklichkeit, die man dann wieder um sich herum aufrichten kann? Schützt man sich vor Corona, um Corona leugnen zu können? Ist sogar das Zurückzucken im Kontakt mit einer potentiellen Ansteckungsquelle noch ein Zeichen für den Verlust des Kontakts zur Wirklichkeit?

Anne Peiter

https://taz.de/Spaetfolgen-durch-Coronavirus/!5736414/

Corona 166: Narrative

„Aber das von ihr [Merkel] gewählte Narrativ, trage nicht dazu bei, die Bevölkerung in der Sache zu vereinen“, sagte [Amrita] Narlikar, Präsidentin des Hamburger GIGA-Forschungsinstituts in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4.8.2020. 

„Dieses neue Narrativ der Kanzlerin“ – dass nämlich das Coronavirus auch für junge Menschen gefährlich ist –  „kommt sieben Monate zu spät und sie muss daher dafür nun viel mehr tun“. Wiederum Narlika, in der gleichen Zeitung vom 23.10.2020. Daraus ergibt sich, in demselben Artikel, die Folgerung: „Es sei zentral, dass das neue Narrativ daher konsequent weiterentwickelt und verbreitet werde.“

„Wer in der Lage ist, eine Geschichte zu erzählen, der schafft es auch, Menschen auf seine Seite zu ziehen. Er kann teure Produkte verkaufen, Politikern zur Wiederwahl verhelfen oder einige Millionen Menschen davon überzeugen, dass der Corona-Impfstoff nur entwickelt wurde, um Besitz von unseren Gehirnen zu ergreifen. (…) Geschichten mit Fakten bekämpfen? Das bringt in etwa so viel wie das berühmte Messer bei einer Schießerei. Wer überzeugen will, muss selbst erzählen können. Er muss nicht nur gute Geschichten anbieten, sondern – auch das ist ein Trend dieses Jahres – er muss wahre Geschichten erzählen. Geschichten, die Ambivalenz und Widerspruch zulassen. Geschichten, die es möglich machen, Neues zu erleben, die Perspektive zu wechseln.“ So Charlotte Theile im Deutschlandfunk-Beitrag ‚Die Coronazeit auf der Couch hat sich gelohnt‘ zum Jahreswechsel.

Also: Amrita Narlikar scheint, was den Wahrheitscharakter der Geschichte, also des „Narrativs“ betrifft, überhaupt keine Ansprüche zu hegen. Gut ist, was uns nützt, schlecht, was uns schadet – Hans Magnus Enzensberger zufolge ein Satz aus dem Werkzeugkasten des Totalitarismus. Die Wahrheit ist allenfalls ein Kollateralnutzen. Charlotte Theile sieht es differenzierter. Die gut erzählten Geschichten, die wir, die Guten, den Bösen mit ihren manipulativen entgegenhalten sollen, haben schon auch wahr zu sein, und sie sollen, wie die Wahrheit eben so ist, »Ambivalenz und Widerspruch zulassen«. Aber das hört sich an wie ein pflichtschuldiges Zugeständnis, aufgesetzt durch die schwer begreifliche Unterstellung, dass die wahren Geschichten die besten sind.

Es ist nicht an dem und der Satz, dass alle Dichter Lügner seien, scheint ebenso vergessen zu sein wie das Prinzip der klassischen Ästhetik, dass die poetische Wahrheit eine andere sei als die historische, das heißt faktische; dass sie tiefer liegen und die Poesie eine allgemeinere, »philosophischere« Wahrheit ans Licht befördere als der bloße Bericht. Umgekehrt war es ein Hauptansatz der modernen Ästhetik, genau dies zu kritisieren und im Namen der Wahrheit Stellung zu beziehen gegen das gut Erzählte, ja gegen das Erzählen überhaupt. Von verschiedenen Seiten geriet die Erzählung unter Ideologieverdacht, und auch, wenn es in diesem Zusammenhang zu Übertreibungen gekommen sein mag, empfiehlt es sich doch, misstrauisch zu bleiben gegen das Ideal der Ganzheit, Geschlossenheit und Einheit, das aus dem Aristoteles genommen wurde und mit dem nun gegen die so gebauten Verschwörungserzählungen zu Felde gezogen werden soll. Heißt das nicht, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben? Heißt das nicht, dem Gegner recht zu geben, wenn man in der Form mit ihm übereinkommt und es nur für nötig befindet, die Inhalte auszuwechseln? Ist der Ertrag der naturwissenschaftlichen Revolution, dass die Wahrheit nicht in den Erzählungen, sondern in der Zahl steckt, auf einmal ebenso bedeutungslos wie alle Versuche der modernen Kunst, zu nicht-narrativen Formen der Wahrheitsdarstellung zu gelangen? Und ist das Argument als nicht-narrativer Weg zur Wahrheit ebenfalls bedeutungslos geworden?

So wie es hier verlangt wird, hat man sich dem Gegner untertan gemacht, bevor der Kampf begonnen hat. »Narrativ« ist ein Deckname für Ideologie. Ideologie soll mit Ideologie bekämpft werden. Wir sollen mit der Wahrheit eingelullt werden wie sonst mit der Lüge. Was aber ist Wahrheit, wenn sie nicht ihre eigenen Kriterien mitbringt, die sie von der Unwahrheit unterscheiden. Wir haben die Wahl zwischen Corona und Grippe. Aber wer steht dafür, dass sie sich nicht am Ende zur spanischen auswachsen wird? Im Kern ist ist das Narrativ schon eine Vokabel im rasch anschwellenden Wörterbuch eines neuen Totalitarismus, der unter demokratischer Fassade um sich greift.

Wolfram Ette

https://www.deutschlandfunkkultur.de/magie-von-geschichten-die-coronazeit-auf-der-couch-hat-sich.1005.de.html?dram:article_id=490061

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/narlikar-viele-glauben-die-corona-gefahr-sei-vorueber-16890028.html

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/giga-chefin-narlika-muessen-an-die-jungen-appellieren-17016580.html

Corona 165: Durchsetzbarkeit • Marathon • Stop-and-Go

Durchsetzbarkeit

Die Inzidenzrate auf der Insel ist gering, die Situation bisher unter Kontrolle, der Unterschied gegenüber der Metropole mit Händen zu greifen. Dennoch verhängt die Präfektur für die Sylvesternacht eine dreistufige Sperr-Stunde. Stufe 1: Nach 18 Uhr darf es keine Zusammenkünfte im öffentlichen Raum mehr geben, auch dann nicht, wenn sich weniger als sechs Personen treffen (Spaziergänge im Park sind beispielsweise verboten. Man darf zwar zu einem offiziellen Fest gehen, d.h. sich auf den Weg machen, sonst aber nicht mehr draussen sein.). Stufe 2: Nach 22 Uhr darf man nur noch bei offiziellen Festen teilnehmen (die Restaurants sollen ja verdienen dürfen). Stufe 3: Zwischen ein und fünf Uhr des ersten Januars darf man gar nicht mehr draussen sein, auch nicht in einer offiziellen Einrichtung – es sei denn, man muss zum Arzt oder sonst etwas wirklich Essentielles tun. Eine Bescheinigung muss vorliegen.)

Die Empörung ist so einhellig wie selten zuvor. Das bedeutet doch, dass all diejenigen, die irgendwo feiern, alle zugleich gegen halb eins aufbrechen werden, um pünktlich um Eins wieder Zuhause zu sein. Ist das nicht eine grössere Gefahr als der Virus? Wenn also die Leute, die getrunken haben und sich ausserdem in Eile fühlen, alle zugleich mit dem Auto unterwegs sind? Gleich nach Mitternacht? Die Kritik richtet sich auch auf den Zeitpunkt der Bekanntgabe. Jedermann hat sich für Sylvester schon was ausgedacht, doch der Präfekt kündigt seine Massnahmen am 30. Dezember an.

Ich gehe spazieren. Es ist 17 Uhr. Eigentlich schliesst der Stadtpark erst um sieben. Ich frage einen Wächter, wann der Park heute schliessen wird: „Na, wie immer, um sieben eben.“ (Offiziell aber darf man um sechs nicht mehr im Park sein.)

Kurz nach 18 Uhr verlasse ich den Park. Vor dessen Eingang steht ein Wagen, den Kofferraum weit geöffnet: kleine Käse-Happen und eine große Flasche Whisky stehen wie auf einem Buffet appetitlich nebeneinander. Es sind Wächter aus dem Stadtpark, die da, an den Zaun gelehnt, zusammen essen und trinken. (Der Wächter sind viele, denn die Arbeitslosigkeit ist hoch, und man erfindet Berufe, so gut man kann.)

Ich gehe nach Hause, um eine Erfahrung reicher: Das Trinken von Alkohol ist im öffentlichen Raum seit geraumer Zeit verboten. Draussen zu sein nach 18 Uhr, zu mehreren, ist an diesem Sylvesterabend ebenfalls ein Delikt. Doch die Wächter, die noch bis sieben Uhr zu arbeiten hätten, weil der Park bis sieben offen bleibt, um Leuten eine Freude zu machen, die bis sieben spazieren gehen wollen, obwohl sie’s nur bis sechs dürften, diese Wächter also stehen vor dem Park und trinken Whisky und essen dazu Käsehappen, weil man ja eigentlich auch schon um sechs hätte Schluss machen können.

So steht es also um die Durchsetzbarkeit von Maßnahmen, die kein Mensch einsieht. Die Freiheit, sie nicht einzusehen, bewahrt man sich, aber das ist eigentlich auch schon alles und wird selbst durch’s Whisky-Trinken nicht so recht aufgewogen. Denn gegen halb sieben bin ich schon wieder Zuhause, fast, wie’s gefordert war.

Marathon II

„Es ist klüger, sich die Zukunft wie einen Marathon einzuteilen, damit einem nicht nach wenigen Schritten die Puste ausgeht. Besser, wir richten uns darauf ein, dass auch 2021 wieder ein rechtes Scheißjahr wird, dem unweigerlich noch weitere Scheißjahre folgen werden. Aber zum Glück nicht mehr gar so viele, dem Klimawandel sei Dank.“

So die TAZ, pünktlich zum Jahresanfang. Ich stelle fest, dass sie sich in Alltagssprache versucht, um eine Art von besorgter, nicht eigentlich zynischer Flapsigkeit herzustellen (Klima!), doch gleichzeitig merkt sie nicht, dass die permanente Marathon-Rhetorik der Topos schlechthin ist, ein komplett ausgelutschtes Klischee, das einem im Kontext der Krise überall begegnet.

Kann man sich denn sonst keine Bilder für die Anstrengungen ausdenken, die auf uns am wenigsten, auf andere Länder aber in einem ganz und gar sportfernen, existentiell dramatischen Sinne zukommen? Sogar die TAZ ist ein hochkonservatives Blatt, ein vorstellungsloses, eines, das von sprachlicher Verwöhnung lebt (und nicht nur von sprachlicher). Der Marathon! Ausgerechnet der, um uns die Notwendigkeit vor Augen zu führen, unsere Kräfte „einzuteilen“!

Man sollte sich ein bisschen um Sportgeschichte kümmern. Sport entwickelte sich parallel zu historischen Tendenzen, in denen die körperliche Arbeit an Bedeutung verlor, d.h. die Oberschicht genug physische Energie übrig hatte, um sie in Anderes, Unproduktives zu stecken.

Welcher von der Klimaveränderung bedrohte Kleinbauer in Wüstennähe käme schon auf die Idee, einen Marathon zu laufen! Er kommt abends vom Feld. Das ist alles. Das ist es auch schon.

https://taz.de/Hoffnungen-zum-Neujahr/!5736352/

Stop-and-go der Hoffnung

Ich versuche, die Anti-Impf-Bewegung versuchshalber einmal mit Verständnis zu betrachten. Könnte es nicht sein, dass psychologisch vor allen Dingen eines vorgeht: Dass nämlich das Stop-and-go-Verfahren, das den Umgang mit dem Virus insgesamt charakterisiert (mal ist Lockdown, mal nicht, mal gibt es eine Sperrstunde, mal gibt es sie nicht), einem permanenten Auf und Ab von Hoffnungslosigkeit und wiederaufkeimender Hoffnung entspricht? Und das hält die Psyche irgendwann nicht mehr aus? Vorhandene Energien werden geschluckt, verbraucht, weil die Lösungen, die sich zu bieten schienen, stets von Neuem getäuscht werden? Impfskepsis wäre nichts anderes als ein Schutz vor erneuten Enttäuschungen, d.h. eine Form von Hoffnung, die sich voller Angst vor sich selbst verbirgt.

Und die Konstanz, die ich mir selbst durch meinen sehr durchgängigen, quasi unterbrechungslosen Pessimismus hergestellt habe? Wäre die dann nicht eigentlich dem, was Menschen empfinden, die vom Chip in der Spritze phantasieren, ähnlich? Sie reden sich in eine Form extremstem Pessimismus hinein, indem sie sogar noch in dem, was als Schutz intendiert ist, die Gefahr im Superlativ sehen. Der einzige Unterschied zu mir selbst bestünde dann darin, dass ich sozusagen von jeher auf eine Konstanz zustrebe und daher in puncto Hoffnungslosigkeit keine große Amplitude verzeichne. Das erlaubt es mir, den Impfstoffen mit einer Form nachdenklichen Optimismus entgegenzusehen.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/coronavirus-%C2%AB-dans-cette-crise-cest-le-vivre-ensemble-qui-est-atteint-%C2%BB-estime-la-philosophe-cynthia-fleury/ar-BB1coGP4

Anne Peiter

Corona 164: Im Anfang war die Presse / und dann erschien die Welt

Fake News

In einer Welt, in der Journalisten, die schlimme Zustände schildern, vorgeworfen wird, diese Zustände herzustellen, braucht man sich nicht darüber zu wundern, dass dies wirklich geschieht.
 

Erfahrungslosigkeit I

Wenn unser Weltzugang zu weiten Teilen durch die Informationen geregelt wird, die wir durch die Medien erhalten, ist es logisch, dass nicht mehr zählt, was ist, und was ich gegebenenfalls sogar selbst erfahren kann, sondern das, was darüber gesagt wird. Ob „das“ überhaupt existiert, ist dann zweitrangig.
 

Das Berichtete

„So hatten StatistikerInnen der Ludwig-Maximilians-Universität in München in ihrem letzten Newsletter vor Weihnachten geschrieben, dass ‚in nächster Zeit mit einer weiteren Erhöhung der berichteten Todesfallzahlen gerechnet werden‘ muss.“

Was soll das um Gottes willen heißen? Was sind „berichtete Todeszahlen“? Sind das diejenigen, die registriert wurden? Das kann nicht sein, denn unregistrierte Todesfälle kommen in unserem gut verwalteten Vaterland ja nicht vor. Oder sind es diejenigen, die es ins Blatt schaffen? Kündigt es also an, dass es über mehr Todesfälle berichten werde? Absolut oder im Verhältnis zu den unberichteten, die es ja geben muss, wenn es die berichteten gibt? Und wie verhalten sich die berichteten, oder auch die unberichteten, Todesfallzahlen zu den wirklichen? Heißt der Satz, dass, simplement, mehr Menschen sterben werden? Oder, dass über mehr Gestorbene berichtet werden wird, so dass in einem gewissen, medientheoretisch gewiss interessanten Sinn, auch mehr Menschen gestorben sein werden, unter der Voraussetzung jedenfalls, dass der Buchtitel „Jeder stirbt für sich allein“ in Zeiten einer Pandemie nicht mehr zutrifft? Es ist verwirrend, scheint aber jedenfalls darauf hinauszulaufen, dass die Frage, ob jemand am Leben ist oder tot, unbedeutend wird gegenüber derjenigen, ob der Newsletter der StatistikerInnen der Ludwigs-Maximilians-Universität München darüber berichtete — was immer das im Fall eines statistischen Newsletters heißen mag.
 

Unvorstellbar

Die Zustände unter den Flüchtlingen, die, ein abgebranntes Lager hinter sich, nun ohne eine Bleibe in Bosnien ausharren und nicht einmal mehr wissen, worauf sie jetzt eigentlich noch warten können, seien, so heißt es im Radio, „unvorstellbar“. Was freilich vor allem heißt, dass man es sich nicht vorstellen will; weshalb man es auch bei dieser Floskel bewenden lässt, die sich pathetisch, sentimental und klebrig an die Stelle der Vorstellung setzt, die entwickeln zu können uns abgesprochen wird. Mit all seinem Sensationalismus trifft mich der entsprechende Fernsehbericht weit mehr, wenn er die nackten, in Plastiklatschen stecken den Füße von Menschen zeigt, die in Decken gehüllt um ein kleines Feuer hocken. Ich kriege leicht kalte Füße, sogar in warmen Schuhen. Wenn ich das sehe, kann und muss ich mir vorstellen, wie entsetzlich sich das anfühlt. Das heißt, ich kann mir vorstellen, das es meine Vorstellung von kalten Füße um ein Vielfaches übertrifft – so sehr jedenfalls, dass das Wort „unvorstellbar“ an dieser einen, sehr konkreten Stelle einen Sinn bekommt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich diese Füße anfühlen, ob es ein tauber, ein schneidender Schmerz ist, oder ein Schmerz, für den ich gar keine Worte habe. Ich kann es vielleicht ahnen, und dieser Widerspruch zwischen dem, was ich mir noch vorstellen, und dem was ich nur noch ahnen kann, verleiht dem Unvorstellbaren dann doch eine gewisse Schwere und das Gewicht einer Art Erfahrung. Wenn ich dann noch bedenke, dass diese für mich schon unvorstellbar kalten Füße nur ein unwesentlicher Teil einer Gesamtverfassung sind, in der sich Tod, Krankheit, Angst um Familienangehörige und Freunde, die Schrecken des Krieges, Ohnmacht und vollkommene Ungewissheit über die Zukunft mischen, stößt die erste Unvorstellbarkeit mit einer zweiten, noch einmal größeren zusammen. Ich kapituliere vor diesem Widerspruch und fühle mich armselig, verwöhnt, fast lächerlich. All das kommt freilich nur zu Stande, wenn ich vom Fernsehbild ausgehe, auf dem ich etwas sehe, das ich mir nicht vorstellen kann, wenn ich also in gezwungen werde, mir das Unvorstellbare vorzustellen und dabei immer wieder feststelle, dass meine Vorstellungen, die ich in all ihrer Armseligkeit – eben der Armseligkeit meiner etwas kalten Füße – aber mitbringen muss, weil es ja gar nicht anders geht, vollkommen unpassend sind. Angesichts dessen aber einfach so von „unvorstellbaren Zuständen“ zu sprechen, blockiert den Prozess, der meine Vorstellungen immer wieder an den Rand des Unvorstellbarem führt. Es ist abstrakt. Und diese Abstraktheit ist unmenschlich, weil sie uns vor der Erfahrung schützt, die in der Vorstellung des Unvorstellbaren enthalten ist.

Erfahrungslosigkeit II

Zahlen, insbesondere große Zahlen, treten an die Stelle der Erfahrung. Das mathematisch Erhabene ist zum Mittel einer Propaganda ohne Urheber geworden, die im medialen Dauerfeuer dazu führt, dass wir nicht einmal mehr Unangemessenheit empfinden, sondern nur mehr stumpfes Nichtempfinden. Ich bin deswegen dafür, Zahlen aus der Berichterstattung grundsätzlich herauszuhalten.
 

Wolfram Ette


„Im Anfang war die Presse“: Karl Kraus, https://youtu.be/_tFxallAOPc 
„Berichtet“: https://taz.de/Corona-Todesfaelle-in-Deutschland/!5740921/

Corona 163: Die Welle

I

Das im Bild der Welle steckende Versprechen besteht im Wellental. Egal wie sehr die Kurve ansteigt, egal wie schlimm es wird, egal wie viele Menschen sterben: es wird schon besser. Und zwar deswegen, weil es immer so war: weil auch diese Welle nur eine von unzählig vielen Wellen ist und gewesen sein wird, durch die sich das Menschengeschlecht im Laufe seiner Geschichte hindurchbewegt hat. Immer und immer wieder folgten Wellenberg und Wellental aufeinander, es ist wie das Rad der Fortuna, eine große ausgleichende Gerechtigkeit. Dass die Welle uns auch hinwegspülen kann – also dass die Einzelnen herzlich wenig von dieser ausgleichenden Gerechtigkeit haben, die sich ja erst aus großer Distanz, wenn sie zu wimmelnden, nur noch statistisch erfassbaren Ameisenhaufen verschmolzen sind, zur beruhigenden Anschaulichkeit entfaltet –, kommt in der Verwendung des Wortes wohl zu kurz. Die Welle wird, mit einem Wort als Kurve und nicht als Masse aufgefasst.

W.E.

II

Die Welle wird als Kurve und nicht als Masse aufgefasst. Wenn ich Künstlerin wäre, würde ich Kurven nehmen (ganz unterschiedliche) und sie alle übereinanderkleben. Zacken oder Rundungen, nach unten weisend oder nach oben, mit starker Amplitude oder mit geringer – in jedem Fall: Linien bestimmen die ästhetische Vorstellung, die wir uns vom Virus machen, nicht die grossen Volumen. Was für ein Material! Was für herrliche Möglichkeiten für jemanden, der jetzt visuell arbeiten möchte!

Gut, es gibt da auch die bis zum Überdruss reroduzierten Kugelwesen mit ihren Stacheln oder noppenartigen Auswüchsen – die sind sehr plastisch. Doch wenn man bedenkt, wie stark uns die Wellen-Metaphorik im Griff hat, dann ist erstaunlich, wie wenig in der Sprache zu spüren ist von der Schwere des Wassers, von ihrem Sog, von der Kraft, mit der sie als beweglicher Körper denjenigen umwirft, der in sie hineingerät.

Also: Es hätte zu gehen um die Volumen, um so und so viel Kubikmeter Wasser. Um das also, was ein Gewicht hat. Die Linien, die das Wellental anzeigen, sind schwerelos. Darin liegt eines der vielen Probleme, die uns das Leben mit Statistiken beschert. Auf der einen Seite haben wir diese Meeres-Sprache. Auf der anderen Seite überblendet das, was uns tagtäglich in den Zeitungen als Hinweis auf die « Entwicklung » der Wellen geliefert wird, dieses sehr konkrete, elementare Vorstellungsmaterial von den Wassermassen.

Filigran pflegen die Kurven zu sein, filigran daher auch der Moment, wenn das Wellental endet und langsam wieder die nächste Welle anbrandet. Von wegen Brandung! In keiner unserer Kurvenbilder ist davon auch nur das geringste zu spüren oder zu hören. Auch die akustische Komponente fehlt komplett.

Ausgerechnet gestern war ich am Meer, im Osten, in einem Moment, in dem der Indischen Ozean besonders in Bewegung war (verschiedene Tiefdruckgebiete treiben sich herum). Ich glaube also, etwas von dem An- und Abschwellen des Tons zu wissen, den eine Welle macht, wenn sie das vorangegangene Wellental überrollt. Ich glaube auch, erfahren zu haben, dass das Bild der Einzel-Welle ein gefährliches Abstraktum ist. Das Meer ist doch nicht die eine Welle! Es ist das unübersehbare Neben- und Ineinander der vielen, vielen, stets unterschiedlichen und sich doch wiederholenden. So weit der Horizont reicht ! Weit über das hinaus, was uns sinnlich erfahrbar ist!

Und da die Wellen in den Ländern – jetzt wieder in Bezug auf Corona – auch nicht alle dem gleichen Takt unterliegen, wären eigentlich die riesigen Volumina zu untersuchen, die sich auch hier ineinander schieben, voneinander abhängen, ein einziges, grosses, in sich aber differenziertes Ganzes bilden. Bis über den Horizont hinaus.

A.P.

Corona 162: Bisher

I

„Selon des études présentées au Royaume-Uni, rien ne démontre à ce stade que le variant entraîne des formes plus graves de la maladie.“ („Gemäß den Studien, die in Großbrittannien vorgestellt wurde, spricht bisher nichts dafür, dass diese Variante zu schwereren Krankheitsverläufen führt.“

Ich plädiere dafür, den kleinen Zeitpartikeln wie „à ce stade“, „bisher“, größte Aufmerksamkeit zu schenken. Ich glaube, da verdichtet sich Wesentliches. Eigentlich weiß man noch nix, oder nix Genaues. Journalistisch sieht man sich vor. Man schreibt Sätze, die beruhigend wirken sollen, aber damit einem später niemand an den Karren fahren kann, streut man diese winzigen, stets zeitbezogenen Zweifel-Wörtchen ein.

Man könnte meinen, ich argumentiere wie eine verschwörungsreligiös Erleuchtete. Aber das meine ich nicht. (Mein Problem: Das sagen die Verschwörungsreligionen genauso wie die Antisemiten auch immer dann, wenn’s ernst wird : „Aber ich bin doch kein… etc.!“). Also: Wie soll ich’s sagen? Ich glaube, wir bräuchten nicht kleine Wörtchen wie dieses „bisher“, sondern größere Deutlichkeit – gerade damit die Verschwörungsreligionen sich nicht über die Wörtchen hermachen! Sie sehen doch alles! Sie merken sofort, wo das sprachliche Haken liegt! Besser also eine etwas deftigere, direktere Sprache: Sagen, dass man noch nicht viel weiß, dass große Zweifel bestehen in Bezug auf das, was die Variante bedeutet. Dinge offen lassen, nicht sich in Pessimismen verrennen, aber auch nicht den Optimismus zur Schau stellen. Aushalten, was auszuhalten ist, bis man es wirklich weiß. Das meine ich: nicht glauben, die Leserschaft merke nicht, wenn sich ganz leise das Gegenteil von der Hauptbotschaft mit einschleicht.

Léger retard dans la livraison de vaccins contre le Covid-19 en Europe, de nouveaux cas du variant britannique repérés (lemonde.fr)

Anne Peiter

II

„Bisher“, „zum gegenwärtigen Stand“, „nach allem, was wir bis jetzt wissen“ –: all diese Füllformeln, die angesichts der neuen Virusvariante durch die Medien schallen, sind nicht neutral, sondern sprachliche Beruhigungspillen. Sie werden uns gegen die Angst verabreicht, alles könne noch viel schlimmer werden. Schlimm genug, dass die englische Variante des Virus ansteckender ist als diejenige, mit der wir es bislang zu tun hatten. Schlimm genug, und es wäre angebracht, sich einmal auszumalen, was das konkret bedeutet, wenn in kurzer Zeit 70% mehr Menschen an Corona erkranken, 70% mehr Menschen in Krankenhäuser eingeliefert werden und auf den Intensivstationen landen. Man mag es sich nicht vorstellen und weil man es sich nicht vorstellen mag, trifft man Vorkehrungen. Denn immerhin erkrankt man an diesem Virus nicht schwerer als an dem, den wir kennen und an dem wir uns schon ein bisschen gewöhnt haben. Zwar gibt dies auch nur wieder, was man „bisher“ weiß, doch dieses „bisher“ klingt so vertrauenserweckend und seriös, das es der Hoffnung Nahrung gibt, das was wir bisher hatten, werde sich in der Zukunft einfach fortsetzen. Das ist das Paradoxe an diesen Formeln: Gerade der Umstand, dass sie Kautelen darstellen, bewirkt das Gegenteil; der Vorbehalt macht das unter Vorbehalt Stehende robuster; das „bisher“ klingt wie „für immer“. Es ist faszinierend.

Anne Peiter hat Recht. Man müsste die Sprache herausholen aus diesem Bereich einer obskuren Dialektik, durch die etwas sein Gegenteil bedeutet, ohne dass man es recht bemerkt. Man sollte sich auf das konzentrieren, was man weiß, in diesem Fall auf die höhere Infektiosität und deren Auswirkungen. Auf der anderen Seite sollte man möglichst genau benennen, was man nicht weiß. Man sollte informieren: sagen, was ist und was nicht ist. Man möge und sollte das, was ist, nicht stillschweigend mit irgendwelchen Modalisierungen des Mögens oder Sollens behängen, die darin nichts verloren haben.

Wolfram Ette

Corona 161: Die Ersten

Überall durch die westeuropäische Presse gehen gerade Fotos von den „Ersten“, lauter Frauen, wie es scheint: Es sind die, die den Impfstoff bekommen haben, im Beisein der Presse, so ist das eben bei Premieren. (Bei den Folgeveranstaltungen geht’s dann ohne ab.)

Ich halte fest, dass man immer hübsch alte Leute nimmt: die Französin Mauricette, 78 Jahre alt, die Britin Margaret Keenan, die kurz danach ihren 91. feierte und deshalb verschmitzt für das verfrühte Geburtstagsgeschenk dankte, die Deutsche Edith Kwoizalla, die gar schon 101 ist und damit das von krankhafter Rekordsucht geplagte, westeuropäische Rennen zu gewinnen scheint.

Aber das ist nur die eine Variante. In der Slowakei wurde Vladimir Krcmery, ein Mitglied der slowakischen Pandemie-Kommission, als erster geimpft – ein Mann also –, in Ungarn die Oberärztin eines Budapester Krankenhauses, nämlich Adrienne Kertesz, die jetzt also auch zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Altersangaben erfolgten da nicht.

Es geht in allen Fällen um einen hochsymbolischen Akt. Man setzt in den erstgenannten Ländern in Szene, dass den Alten und „Vulnerabelsten“, wie man jetzt sogar schon im Deutschen sagt, um dem Ganzen ein bisschen was von Dramatik und Brimborium zu geben, Vorrang gewährt wird. In der Slowakei und in Ungarn scheint man hingegen eher der Idee zu folgen, dass diejenigen, die sich um Alte und Kranke kümmern, zuerst geschützt werden müssten.

Für die beorderten Fotografen ist’s schwierig, aus dem Thema was Vernünftiges rauszuholen. Es wird ja nicht herum- oder herausgeschnitten, nichts implantiert (noch nicht mal ’nen Chip), Blut fliesst praktisch auch nicht, und überdies dauert das Einspritzen nur ganz kurz: Kanüle rin, abgedrückt, schon ist’s vorbei mit der Fotografierbarkeit der Historie.

Aber fotografieren tut man’s doch, schon weil man will, es möge ein einzigartiger, bewegender, Rettung verheißender, tränenreicher Moment sein (usw.), und außerdem ein PR-Ding und Teil der allgemeinen, politischen Überzeugungsarbeit. Und so wird das Unscheinbarste konsequent aufgewertet und zugleich doch danach gestrebt, die Dutzendfrauen und -männer mit ihren Namen als das Alltäglichste zu inszenieren. (Die Britin zum Beispiel trug ein leuchtend blaues Sweat-Shirt, auf dem ein von Schneeflocken umgebender Comic-Pinguin mit roter Weihnachtsmannmütze und Schal zu sehen war; Unterschrift: „Merry Christmas“.)

In der französischen Berichterstattung beschränkt man sich derweil auf den bloßen Vornamen – Mauricette – und gesteht nur dem Chef des Gesundheitsamtes, der es sich nicht hat nehmen lassen, dem Schauspiel beizuwohnen, einen Vor- und Nachnamen zu: Aurélien Rousseau. Mauricette aber war in ihrem Leben Putzfrau, und so folgt es einer gewissen, sozialen Logik, dass sie, als die Hauptperson, zwar ins Zentrum des Fotos rückt, der wissende Mann vom Gesundheitsamt hingegen – zumindest sprachlich besungen – mit seinem Vornamen (und mehr) ins allgemeine Bewusstsein und Wissen.

Die Beibehaltung des Nachnamens gilt auch für Jean-Jacques Monsuez, einen Kardiologen, 65, der in Frankreich als Zweiter dran kam. Er führt – es sei das präzisiert – gar noch einen Titel mit sich: Dr. Jean-Jacques Monsuez! (Aber selbst wenn auch er wie Mauricette zurechtgestutzt worden wäre auf den bloßen Vornamen: „Jean-Jacques“ klingt einfach nach mehr als der putzige Vorname der einstigen Putzfrau Mauricette. Jean-Jacques, Dr. Jean-Jacques, Dr. Jean-Jacques Monsuez! Es ist das eine einzige, große Klimax! Und dann ist er auch noch Kardiologe!!)

Martin Hirsch, ein ganz großes Tier der französischen Gesundheitspolitik, war übrigens auch mit dabei, und daneben (ich sage es ein letztes Mal) genannter Aurélien Rousseau. Hab ich’s doch gewusst, und zwar zum letzten Mal! Schon wieder ein „Jean-Jacques“, auch wenn er dieses Mal „Aurélien“ geheißen hat! (Dafür hieß aber Dr. Monsuez „Jean-Jacques“, ich sagte das schon. Die beiden ergänzen sich also blendend.)

Und die zweite Person, die nach dem Pinguin von Margaret Keenan geimpft wurde? Die ließ sich auch nicht lumpen, denn sie hieß – wir befinden uns jetzt wieder in Großbritannien – William Shakespeare, 81 Jahre alt, geimpft in Coventry. Auch nicht schlecht für so einen Start zwischen Bedeutsam- und Alltäglichkeit! Mauricette und Jean-Jacques Rousseau neben Margarets Pinguin und William Shakespeare. Es wird einfach unvergesslich bleiben.

Anne Peiter

[AFP] Covid-19: une femme de 78 ans a reçu la première dose de vaccin en France | Clicanoo.re
Covid-19 : la vaccination a démarré en France (lemonde.fr)
William Shakespeare vacciné contre la Covid-19 (celtipharm.com)


101. So alt ist die Frau, die als erste Deutsche vorfristig in einem Halberstädter Alten- und Pflegeheim geimpft wurde. Sie hat die magische Zentenarzahl um Eins überschritten. „100“: das ist eigentlich das Ende des für ein Menschenleben Denk- und Erreichbaren. Wer diese Zahl hinter sich lässt, befindet sich in der Grauzone des fast schon Übersinnlichen, Übernatürlichen. Was danach wieder beginnt, mit Eins natürlich, wie es unser Zahlensystem vorsieht, beginnt gleichsam von vorn. Der Lebenskreis schließt sich wie am Ende des Films ‚2001 – Odyssee im Weltraum‘, worin Greis und Fötus ineinander übergehend zum Gleichnis des groß geschriebenen, überindividuellen LEBENS werden, das sich durch alle individuellen Verkörperungen hindurch offenbart: das Mysterium hinter allem Fortschritt, der Moment, an dem es keinen Tod mehr gibt, sondern nur noch ein ewiges Hin- und Hergewoge als Schleier dessen, was dahinter liegt, des Lebensgrundes und Ur-Willens im schopenhauerischen Verstande. Das wird beschworen durch die Eins nach der Null, das ist die Verheißung in Kubricks Film ganz ebenso wie in der Erstimpfung an einer 101-jährigen, die für uns alle nach dem Überschreiten der symbolischen Hundert noch einmal von vorne beginnt.

Man hat den Eindruck, dass durch diese symbolische Aufladung mögliche Einwände gegen das Verfahren blockiert werden sollen. Es gibt ja andere Länder, die nicht die Ältesten als die am meisten durch Corona Gefährdeten zuerst impfen, sondern diejenigen, die die Krankheit durch ihre infrastrukturelle Schlüsselposition leicht weitergeben könnten. Die Logik, die hinter diesem Verfahren steht, scheint ja zu sein: Wenn man nicht genug Impfungen zur Verfügung hat – und niemand hat im Augenblick genügend Impfungen zur Verfügung -, ist es effektiver, nicht diejenigen zu impfen, die die Krankheit bloß bekommen können, sondern diejenigen, die sie bekommen und weitergeben können – zuletzt an diejenigen, die sie (in der Regel jedenfalls) bloß bekommen können, daran aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben. Es ist nicht so, dass Länder wie Indonesien, die Slowakei und Ungarn nicht an die alten und besonders bedrohten Menschen dächten; sie setzen sich vielmehr dafür ein, dass die Epidemie die alten und gefährdeten Menschen gar nicht erst erreicht. In Deutschland dagegen geht es zuallererst darum, dass sie daran nicht erkranken und möglicherweise sterben.

Beide Verfahren können funktionieren; dass sie aber funktionieren, ist alles andere als sicher. So vieles geschieht ja zum ersten Mal. Eine Massenimpfung an über 80-jährigen ist noch nie durchgeführt worden, ein rein synthetisch produzierter Impfstoff kommt zum ersten Mal in dieser Größenordnung in Anwendung. Dass die Vakzine nicht bloß gegen die Krankheit schützt, sondern die Weitergabe der Infektion verhindert, ist relativ wahrscheinlich, aber keineswegs garantiert. Wir wissen praktisch nichts über allergische Reaktionen, oder darüber, ob verschiedene Alterskohorten die Biontech/Pfizer-Impfstoff unterschiedlich gut vertragen. Wir wissen das alles nicht, und wissen einfach furchtbar wenig. Und Zeit, um allmählich Erfahrungen mit dem Impfstoff zu sammeln, ist nicht vorhanden. Es muss ja passieren, und zwar sofort; eine gewaltige Rezession rollt auf uns, deren Folgen schlimmer als die der Pandemie sein werden – – so oder so ähnlich formuliert sich ja der Druck, unter dem alle stehen und der die gesamte Kampagne extrem forciert.

Aber gerade weil alles unsicher ist und wir nicht genau wissen können, welcher Weg der bessere ist, sollten die vorhandenen Möglichkeit gegeneinander abgewogen werden. Man muss sich überlegen, was wohl unter den gegenwärtigen Umständen das Beste sein könnte. Und da liegt es erst einmal nahe, dass der Weg einer Impfung des medizinischen Personals und überhaupt aller Leute, die zur Verbreitung der Krankheit massiv beitragen, die rationalere Variante ist – freilich nur unter der zwar wahrscheinlichen, aber noch nicht feststehende Annahme, dass die Impfung auch die Infektiosität der betroffenen Person verhindert. Jede verabreichte Impfung schützt dann mehr als eine Person – je nach dem R-Wert des jeweiligen Landes. In Deutschland dagegen zählen die Impfungen einfach – zumindest am Anfang, solange bis damit begonnen wird, die Menschen in all den Übertragungsschlüsselpositionen zu impfen.

Es tut auch not, den Blick von den einzelnen Ländern, in denen wir leben, einmal wegzuwenden. Wir leben in einer Welt, in der es bis auf weiteres zu wenig Impfstoff geben wird – einer Welt, die von so himmelschreienden Ungerechtigkeiten zerrissen ist, dass viele Länder vom grossen Impfsegen auch dann, wenn weitere, billigere und leichter verfügbare Impfstoffe zugelassen werden als die von Biontech/Pfizer, wenig abbekommen werden. Wir werden insgesamt zu wenig haben – 8 bis 10 Milliarden Dosen wären erforderlich; das die den sie produzierenden Firmen abgenommen werden können, ist wenig wahrscheinlich. Es ist also rational, rational und human, den Impfstoff zu sparen, wo es geht, und das heißt, ihn möglichst effektiv einzusetzen.

Nun muss man sich fragen, warum dieser Weg in Deutschland kaum debattiert worden ist. Die Priorität der Ältesten, „Vulnerabelsten“ wurde gesetzt. Es scheint eine Scheu in der Luft zu liegen, darüber zu sprechen, ob man den Ältesten in unserer Gesellschaft die oberste Priorität beim Impfen einräumen sollte, bzw. ob man ihren Schutz auch auf anderem Weg sicherstellen könnte.

Es ist hier ist ein kollektiver Verdrängungsmechanismus am Werk: etwas, das allen scheinbar rationalen Entscheidungen vorausliegt und sie uneinholbar dirigiert. Ehrlich gesagt, kann ich es mir nur so erklären, dass ein Bannwort über all dem groß und drohend im Raum steht: Euthanasie. Auch nur der kleinste Verdacht, dass jetzt wieder ‚lebensunwertes‘ Leben geopfert werde, muss ausgeräumt werden. Deswegen muss man bei den Schwächsten beginnen. Man muss demonstrieren, dass man diese Haltung, die ein Leben nach seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit bewertet, mit Stumpf und Stiel in sich ausgerottet hat. Gerade das Leben, das für den Prozess der gesellschaftlichen Reproduktion keine Rolle mehr spielt, wird nun plakativ an die erste und oberste Stelle gesetzt.

Es ist also unsere unbewältigte NS-Vergangenheit, die durch die Köpfe spukt und unsern Verhalten ins undurchdringlich-Irrationale verzerrt. Dass den alten Menschen die Impfung zugute kommt, steht außer Frage. Aber ist sie wirklich das, was für das Gemeinwohl – das globale Gemeinwohl – das beste ist? Ich weiß es nicht genau. Und da es viele Länder gibt, die es anders machen, scheint es auch nicht unumstritten zu sein. Weil ich es aber nicht genau weiß, möchte ich es genauer wissen.

Wolfram Ette

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=888133

Corona 160: Impfkonkurrenz

In New York herrschen zunehmend Konflikte unter dem Krankenhauspersonal, denn jede:r will der:die Erste sein, der:die den Impfstoff bekommt. Man tritt, man nutzt seine Kontakte, man will nicht länger warten. Ein Tag zu viel – und es könnte gerade jetzt, wo der Schutz zum Greifen nah ist, der Auftakt zum letzten sein. Eine Nervosität breitet sich aus, die, so scheint’s, grösser ist als die Nervosität, die bisher beim Gedanken an die Ansteckungsgefahr im Magen kribbelte, jeden Morgen, wenn man zur Arbeit aufbrach.

Aber natürlich ist die jetzt einsetzende Ungeduld auch das Zeichen für die riesige Geduld, die man vorher hatte. Man ertrug’s, so gut es ging. Man ertrug’s lange. Und das überdies in einer Stadt, in der es schwer war, ruhig zu bleiben. Aber es ging nicht anders.

Jetzt könnte es anders gehen, und so kehrt der Drang zum Selbsterhalt, die Angst, der andere könne einem zuvorkommen, mit voller Wucht zurück. Es ist dies ein Verhalten gegenüber der Erfahrung der Knappheit eines kostbaren Gutes.

Neu ist, dass man sich dieses Gut nicht einfach privat kaufen kann, sondern dass politisch definiert worden ist, wer zuerst dran kommt. Vielleicht steckt in dem sich ausbreitenden Misstrauen, dem Gerangel, der Unzufriedenheit darüber, dass der:die andere schon die Spritze bekam und man selbst nicht, also auch die Verwunderung, dass es so etwas überhaupt noch gibt: dass man von Definitionen des Staates abhängig ist, dass etwas nicht im üblichen Sinne käuflich ist. Die Privilegien verschieben sich, sie verlaufen nicht mehr – wie sonst – entlang der Einkommensklassen, d.h. der Kaufkraft des jeweiligen Haushalts.

Staunenswert ist auch, wie woanders – nämlich in Frankreich – die Impfbereitschaft sinkt und sinkt. Sie sinkt – parallel zum Anstieg der bereitstehenden Dosen, parallel zu der sich nähernden Möglichkeit, auch selbst geimpft zu werden. Irgendwie entsteht der Eindruck, dass der Leidensdruck durch den Virus nicht sehr groß war, jedenfalls nicht so groß wie bei denjenigen, die in New York tagtäglich fürchten mussten, berufsbedingt an ihm zu sterben.

Doch auch das stimmt nur bedingt, denn das französische Pflegepersonal (weniger die Ärzt:innen) sind ja auch skeptisch und ähneln sich damit der Haltung der Bevölkerung insgesamt an. Es ist die Abschätzung von Risiken eine durchaus komplexe Sache, und es mag schon sein, dass das Treten auch hier beginnen wird, wenn man erst einmal sieht, dass sich diejenigen, die den Impfstoff bekommen haben, glücklich schätzen und ihnen nichts passiert. Aber erst einmal wundert man sich hier darüber, dass man sich um den Impfstoff reißen kann – dort, in einer anderen Welt.

Anne Peiter


https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/pour-être-vaccinés-en-premier-les-soignants-américains-se-font-des-coups-bas/ar-BB1ceqez

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-les-intentions-de-vaccination-des-français-en-chute-libre/ar-BB1ce3t4

Corona 159: Evolutionstheoretisches

1. Anthropomorphismen

Ein Radiogespräch mit dem Virologen Martin Stürmer über die neue, englische Variante des Coronavirus, die Brexit-Variante sozusagen; wieder einmal einer der Fälle, in denen die Wirklichkeit die Fantasien der Satiriker spielend überbietet.

Der Virologe ist optimistisch. Das heißt, er verbreitet erst einmal den Berufsoptimismus, der bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erst dann glaubwürdig ist, wenn ihr eine Prise Pessimismus beigemischt wird. Das gilt dann als Realismus, als notwendiges Ingrediens wissenschaftlicher Rationalität. »Wir haben natürlich noch nicht alle Daten, aber nach gegenwärtigem Wissensstand … es ist schwierig messbar, aber … mit 99%er Wahrscheinlichkeit glaube ich, dass …« Alles Phrasen, auf die ihn später niemand festlegen wird. Denn er spricht nicht als Wissenschaftler, sondern als diese neue Spezies outgesourcter Politiker, die sich in den letzten Monaten etabliert hat; er spricht als Wissenschaftler, der als Wissenschaftler im Radio spricht.

Und in dieser Funktion stellt er dann doch einige atemberaubende Behauptungen auf. Natürlich könne das Virus nicht denken und »aktiv nicht solche Aussagen machen«, aber faktisch sei es nicht daran interessiert, das sein Wirt krank werde und gar versterbe. Das evolutionäre Prinzip, das sich durch seine Mutationen hindurch manifestiere, das Ziel, das es verfolge, ohne dass man im Ernst davon zu sprechen berechtigt sei, dass ein Virus ein Ziel verfolge, ohne aber auch davon lassen zu können, sei die friedliche Kooperation – aus seinem ureigensten Interesse, denn es wolle sich ja verbreiten und dafür sei tote Wirtssubstanz nun einmal nicht geeignet. Im Originalton:

„In der Zukunft würde ich erwarten, dass das Ganze sich auch evolutionär weiterentwickelt. Es liegt in der Natur von Viren, dass sie sich immer besser an den Wirt anpassen. Die Konsequenz wird aber auch sein, dass höchst wahrscheinlich es weniger gefährlich wird für uns, was die klinische Symptomatik angeht. Das ist insgesamt ein Trend in der Natur, dass das Virus [sich] letztendlich, auch wenn es aktiv nicht solche Aussagen machen würde, optimal verbreiten möchte, und dafür braucht es einen angepassten Vermehrungsweg und der Wirt darf nicht krank werden. Das ist das Optimum und über kurz oder lang wird das wahrscheinlich auch weiter passieren.“

Das klingt so schön und beruhigend, ist aber das Ergebnis eines rhetorischen Tricks, der seit den Anfängen der Evolutionstheorie wieder und wieder rausgekramt wird. Prinzip der Evolution ist das Ineinandergreifen von Mutation und Selektion. Die Mutation ist ein Ergebnis zufälliger Veränderungen des Erbguts. Und die Selektion ist ihr Realitätstest auf Lebenstauglichkeit. Auf lange Sicht mag sich dann ein Gleichgewichtszustand einpegeln, der den verschiedenen, miteinander zusammenlebenden und aufeinander angewiesenen Arten ihr Lebensrecht lässt. Symbiotische und kooperative Lebensformen sind zweifellos evolutionäre Erfolgsgeschichten.

Aber eben nur auf lange Sicht. Was in der Testphase passiert – und die Evaluation wirft im nicht nur Ergebnisse aus, sie ist ja eine ununterbrochen weiterlaufende Testphase – hat damit nichts zu tun. Wenn dieses Virus seinen Wirt ums Leben bringt, dann ist das eben so. Dann muss es sich halt was Neues überlegen oder sich auf das Zusammenleben mit den Fledermäusen zurückziehen, das ja offensichtlich für eine sehr lange Zeit gut funktioniert hat. Falls die Menschen bei diesem Experiment, also in der Testphase hopsgehen, war die Kollaboration mit dieser spezifischen Biomasse halt nicht erfolgreich. Ende der Geschichte.

Durch die Rede des Virologen geistert mehr als nur ein Anthropomorphismus. Es ist nicht allein so, dass dem Virus Absichten unterstellt werden, die es nicht haben kann – widerwillig und etwas hilflos, aber doch so übergriffig, dass unser Abstand von den Zeiten der Magie, in denen alles, was in der Welt vorfiel, anthropomorph, also nach dem Muster menschlicher Handlungen verstanden, nur sehr gering erscheint. Der zweite Anthropomorphismus steckt in der Vorstellung, dass wir, die Menschen, ein irgendwie privilegierter Wirt sind, dass es das Virus also auf eine Kooperation mit uns ganz besonders absieht. Tut es nicht. Wir sind einfach nur organische Biomasse, nichts anderes als Heuschrecken, Fledermäuse, Elefanten- oder Schlangenkot. Das Virus unterscheidet gar nicht zwischen uns und den anderen Lebewesen. Wir sind nur Zellhaufen. Es setzt sich dort durch, wo die Lebensbedingungen, die es in den jeweiligen Zellhaufen vorfindet, günstig sind. Und dort, wo das nicht der Fall ist, wo also der Wirt zu schnell verendet, schreitet gegebenenfalls die Entwicklung fort.

So könnte eine bessere, effektivere Übertragung in diesem Zusammenhang von Vorteil sein. Erweist sich die Wirtssubstanz als nicht genügend brauchbar, kann es ja genügen – solange sie überhaupt noch in ausreichender Menge vorhanden ist – sie rascher als zuvor durch frischen Nachschub auszutauschen. Etwas in dieser Art zeichnet sich gerade ab – natürlich auch hier nicht in der Weise, als hätte das Virus damit irgendwelche Absichten verfolgt, sondern als Ergebnis eines Selektionsdrucks, durch den eine zufällige Mutation im Nachhinein als Ergebnis einer Anpassungsleistung erscheint. (Wohl gemerkt: erscheint. Die Wechselwirkung von Mutation und Selektion, die unablässig stattfindet, sieht über einen längeren Zeittraum und vom Ergebnis her betrachtet, eben so aus, als geschehe hier etwas, damit eine bestimmte Spezies evolutionären Erfolg habe; damit bestimmte Formen symbiotische Kooperation realisiert werden können. Es ist blühender Unsinn, aber wir können offensichtlich selbst dann, wenn wir ein Medizinstudium hinter uns gebracht haben und uns auf Lebensformen spezialisiert haben, von denen man nicht mal genau sagen kann, ob es sich um lebendige Wesen handelt, kaum vermeiden, so zu denken – zumindest dann, wenn wir uns als Wissenschaftler im Radio äußern, also uns einer vorgeblich ungelehrten – was immer heißt: nicht zu belehrenden – Öffentlichkeit verständlich machen möchten.)

Also: neben den basalen Anthropomorphismus, von diesem Virus so zu reden, als wäre es – besser: er – ein Mensch; neben die zweite anthropomorphisierende Unterstellung, dass dieses Virus besonderen Wert darauf lege, ausgerechnet mit uns – wohl als der Krone der Schöpfung – zu kooperieren, tritt etwas Drittes hervor: dass es das Virus nämlich auf Kooperation mit uns als Einzellebewesen abgesehen habe.

Nichts aber, so könnte man selber anthropomorphisierend entgegnen, steht ihm ferner. Für das Virus gibt es kein Einzellebewesen. Für dieses Wesen sind wir nur ein Leib, eine einzige Masse, die in unterschiedlicher Dichte und Anordnung über den ganzen Globus verteilt ist. Nichts mehr. Wenn es überhaupt auf Kooperation erpicht sein sollte, dann mit diesem globalen Gattungswesen. Und wie es damit bestellt ist, wissen wir schlicht noch nicht. Jedenfalls fallen dafür ein paar Millionen Opfer mehr oder weniger nicht ins Gewicht.

Die Aussage Stürmers, dass das Virus seine Gefährlichkeit für den Menschen verringern werde, weil die friedliche Koexistenz mit uns in seinem Interesse läge, ist also durch den evolutionären Optimismus, den sie verbreitet, selbst brandgefährlich. Dieser Optimismus sitzt auf einer durch nichts gerechtfertigten Anthropozentrik auf. Sicherlich kann man als Betrachter der Evolution zum Optimisten werden. Aber die Annahme, dass ausgerechnet wir, die Menschen, diejenige Spezies sein sollten, um die es geht und der diese optimistisch stimmende Entwicklung zugute kommen soll, ist schlechterdings absurd.

2. Das Schlüssellochprinzip

Es geht aber noch weiter:

»Man muss das ein bisschen mit dem Schlüssel und dem Schloss vergleichen. Das Virus hat einen Schlüssel, mit dem es bei uns in die Zellen reinkommt. Wir haben ein Schloss bei uns und am Anfang knirscht das Ganze ein bisschen. Das funktioniert nicht reibungslos. Diese Veränderungen, die wir jetzt zum Teil wahrscheinlich sehen, sorgen dafür, dass sich der Schlüssel viel, viel leichter im Schloss dreht und damit das Ganze viel effektiver funktioniert.«

Das Virus ist der Einbrecher, der in unseren Körper, genauer: in das Innerste unseres Körpers, in die einzelnen Zellen nämlich, eindringen möchte. Er verfügt nicht über den Originalschlüssel, sondern über einen Dietrich, der dem Schloss, das geknackt werden soll, einigermaßen entspricht. Und das gelingt, wenn auch mit einigem Knacken und Knirschen. Der Schlüssel dreht sich im Schloss: wir sind drin.

Aber es handelt sich nicht einfach um einen dieser Universaldietriche, wie sie Einbrecher und Polizei am Schlüsselbund hängen haben, sondern um ein lernfähiges Gerät – es ist ein Dietrich, der sich peu à peu verbessert und in einen richtigen Schlüssel verwandelt, und sich dem Original listig anähnelt. Am Ende gleitet er lautlos ins Schloss: der Einbrecher geht ein und aus und man kann nur hoffen, dass er im Prozess der Anpassung an seinen wird auch etwas von seiner Gefährlichkeit verloren hat.

Während man dem Virologen zuhört, fängt man an, sich mit dem Virus, mit dieser winzigen evolutionären Anpassungsmaschine zu identifizieren. Man möchte unbedingt, dass es klappt, das Schlüssel und Schloss gut zueinander passen. Überdies ist das kleine Drama der Anpassung erotisch aufgeladen, das Eindringen des Virus in die Wirtszelle ein kleiner Geschlechts- und Befruchtungakt.

Fällt Stürmer selbst auf diese Bilderflut herein? Fast scheint es so, seiner Ansicht, dass die Evolution grundsätzlich eine Win-Win-Situation sei, steht anscheinend auf diesem Sehnsuchtfundament, das Erotik und Pädagogik im kleinsten (d.h. auf Zellebene) wie im größten (in der Perspektive einer Entwicklungsgeschichte der Gattungen) miteinander verknüpft.

Mit Wissenschaft hat das alles nichts zu tun. Es ist Mythologie, die verkleidet als Wissenschaft auftritt. Deswegen ist sie vielleicht noch ein Stück irrationaler als der Mythos selbst, der seine Projektionen und Anthropomorphismus in ausstellte und nicht mehr zu sein beanspruchter als er tatsächlich war.

Wolfram Ette


https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=888968

Corona 158: Unerklärlich

stollberg
bei chemnitz

7-Tages-inzidenz
stand 18-12-20 : 1204

der bürgermeister sagt

wir können wahrscheinlich
nicht in jeder kommenden grippewelle
sämtliche traditionen
über bord
werfen
alle bisher geltenden grundsätze
beiseite
schieben

um keine
menschen

sterben
lassen

zu
müssen

die hohen fallzahlen in seiner stadt
kann er sich nicht
erklären

W.E.

https://www.tagesschau.de/inland/stollberg-sachsen-corona-101.html ;

Corona 157: Schneller nicht tödlicher

Der mutierte „englische“ Virus, über den zur Zeit so aufgeregt diskutiert wird, scheint als Erreger „seinem Wirt“ nicht mehr zuzusetzen „als das bisherige Virus“. Anders formuliert: Die Tödlichkeit hat nicht zugenommen, nur die Schnelligkeit, mit der sich die Krankheit ausbreitet. Das heißt: Die Variante ist ansteckender. Man wird leichter davon krank. Leichter, doch nicht unbedingt schlimmer.

Diese Idee wird gerade überall in der Presse in ebenso unablässigen wie monotonen Variationen verbreitet. Ich wundere mich ein bisschen, denn man guckt, so scheint mir, schon wieder zu sehr auf den Einzelnen. Wenn eine bestimmte Person krank wird durch diese neue Form des Virus, kann sie sich – zur Beruhigung – sagen, dass ihr Risiko, an der Krankheit zu sterben, gegenüber dem „alten Virus“ nicht grösser ist. Schön.

Doch warum gucken wir gerade, wenn es um eine erhöhte Schnelligkeit der Verbreitung geht, ausgerechnet auf den Einzelnen? Ein anderer Schluss ist doch viel logischer: Wenn man sich leichter anstecken kann, steckt man sich – gesamtgesellschaftlich betrachtet – auch leichter an. (In England ist das ja schon Realität.) Wo das gilt, da kann, die gleiche Tödlichkeit vorausgesetzt, auch gleich geschlussfolgert werden, dass, weil mehr Menschen sich angesteckt haben, mehr Menschen sterben werden. Die Tödlichkeit sieht sich also, bezogen auf die Gesamtgesellschaft, gesteigert. Und damit auch – weil eben Ansteckungsrate und Tödlichkeit nicht voneinander abzukoppeln sind – die Tödlichkeit für den Einzelnen. Denn was ist der Einzelne anderes als Teil der Wahrscheinlichkeit, die in einer Gesamtgesellschaft herrscht? Teil einer Gesamtgesellschaft mit ihren jeweiligen Ansteckungsraten?

Warum also dieses Insistieren auf der gleichbleibenden Tödlichkeit? Warum das „nur“ in der Formulierung, der neue Virus sei „nur“ ansteckender?

Mir scheint, es spricht sich das Bedürfnis aus, eine Erkenntnis fortzuschieben, die für die Entstehung dieser neuen, vermutlich entscheidenden Mutation selbst verantwortlich ist. Je mehr Ansteckungen es gibt, desto mehr Gelegenheit hat der Virus, Mutationen zu „entwickeln“. Das heißt, dass wir, indem wir die Dinge „gehen ließen“, auch dem Virus zu Gelegenheiten verholfen haben, gefährlicher zu werden. Es heisst: In dem Maße, in dem der Virus sich ausgebreitet hat, hat sich auch – absehbar – die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Virus neue, interessante Strategien für sich „entdecken“ würde, um sich noch stärker auszubreiten.

Es ist ihm gelungen. Er ist zwar nicht tödlicher geworden, doch dafür schneller. Das bedeutet wiederum, dass er, weil er sich jetzt noch stärker ausbreiten kann, noch mehr Gelegenheit haben könnte, eine weitere Mutation zu entwickeln, die – warum eigentlich nicht? – in Richtung „gesteigerte Tödlichkeit“ gehen könnte. 12.000 Mutationen sind bisher verzeichnet worden. Die Tödlichkeit war bisher nicht betroffen. Aber die Beeinflussung der Ansteckungsgefahr haben wir bereits. Andere Veränderungen sind zumindest denkbar.

Indem wir die Ansteckungsidee einzig und allein in den Vordergrund rücken, rücken wir zweierlei von uns weg, nämlich erstens (ich wiederhole mich): dass die Tödlichkeit sich sehr wohl (qua Quantum der Angesteckten) gesteigert hat. Und zweitens: Wir wollen nicht sehen, dass wir mit der gesteigerten Ansteckungsrate die Möglichkeiten des Virus gesteigert haben, noch in anderer Richtung „weiterzumachen“.

„Die Ursachen für die Entstehung der Variante sind noch unklar. Es gibt keine Zwischenformen zwischen der alten und der neuen Virusvariante. Deshalb nehmen Wissenschaftler an, dass die vielen Mutationen in einem Patienten entstanden sind, der wegen eines geschwächten Immunsystems lange infiziert war. So konnte der Erreger mit immer neuen Mutationen der Körperabwehr entgehen und sich einen Evolutionsvorteil verschaffen, der der Menschheit nun womöglich noch größere Schwierigkeiten bereiten wird, ihn zu bekämpfen.“

Man sieht: Man sollte zwischen Einzelnem und Gesellschaft nicht so hübsch trennen. Es trägt nicht.

Anne Peiter

Corona-Mutation: Nicht tödlicher, aber ansteckender – Wissen – SZ.de (sueddeutsche.de)

Corona 156: Transubstantiation

In den vielen Gesprächen und Interviews über »Präsenzgottesdienste«, die ich in den letzten Tagen verfolgt habe, fehlte jeder Hinweis auf’s christliche Abendmahl, die Wandlung von Wein und Brot in Blut und Fleisch, an dem man sich gemeinsam labt, um selbst zu einer Gemeinde, einen kollektiven Leib zu werden. Wie ist das denn? Glauben sie selbst nicht mehr so recht daran? Ist die Eucharistie ein peinlicher Überstand aus vergangenen, fern-magischen Zeiten? Hatte Freud vielleicht doch recht, als er behauptete, sie sei eine symbolische Wiederkehr des ersten Mahls, in dem die Söhne das von ihnen ermordete Obermännchen der Urhorde gemeinsam verspeisten, seine Kraft und die Schuld an seinem Tod tief in ihre Körper aufnahmen? Hängt doch viel mehr von solch grässlichen Urzeit-Unrat am gemeinsamen Abend-Mahl, zu dem man sich gesittet und unter leisem Klingklang zusammen findet?

Soweit ich es verfolgt habe, machen die beiden großen christlichen Konfessionen hier keinen Unterschied. Beide reden nicht über das Thema. Dabei wäre es für die protestantische Kirche, der ich ja selbst angehören, streng und dogmatisch genommen gar kein Problem, auf das Abendmahl zu verzichten. Die Katholiken halten ja daran fest, dass die Einsetzungsworte Jesu – »Dies ist mein Leib / Dies ist mein Blut« wörtlich zu nehmen und die Transsubstantiation – die Wandlung eines Stoffes in einen anderen – zwar nicht wahrnehmbar sei, aber doch tatsächlich vor sich gehe. Die Protestanten legen dagegen allen Akzent auf die Worte: »Solches tut zu meinem Gedächtnis«. Für sie ist das Abendmahl ein Gedächtnismahl. Der Prozess des Spiritualisierung oder Rationalisierung des magischen Untergrunds ist bei ihnen weiter fortgeschritten, und der Weg zu einer, sagen wir, digitalen Abendmahlsfeier steht ihnen prinzipiell offener. Gleichwohl reden auch sie nicht darüber, so als hätten sie selbst es sich nie geglaubt, dass hier nur etwas erinnert und nicht auch wiederholt werden würde, frisch und unverbraucht wie am ersten Tag, als zeitaufhebende Offenbarung des Ursprungs in der Geschichte, die sich an ihm wieder und wieder erfrischt und erneut. Ist der Katholizismus eine Lüge, so der Protestantismus ihre Richtigstellung, die sich selbst nicht glaubt.

Deswegen faseln sie Unverbindliches, reden um den heißen Brei herum – ja ja: Präsenzgottesdienste sind wahnsinnig wichtig, eigentlich unverzichtbar, gerade zu Weihnachten, wenn sich die Menschen in der Kirche drängen, weil so ein bisschen kindsfromme Besinnlichkeit zu diesem Fest gehört, andererseits müsse man aber, um die Menschen zu schützen, gerade jetzt darauf verzichten, es sei eine extrem schwierige Entscheidung gewesen etcetera etcetera.

Macht euch keine Sorgen. Für diejenigen, für die seit je der Weihnachtsgottesdienst die einmal im Jahr fällige Dekoration ihres Säkulardaseins darstellt, wird der diesjährige Verzicht kein großer sein. An der Transsubstantiation in der ein oder anderen Form nehmen sie nicht Teil und ob das Gedudel des Priesters aus dem vor der Kirchensäule angebrachten Lautsprecher oder aus der heimischen Anlage dringt, macht keinen großen Unterschied. Vielleicht ist es sogar heilsam, wenn ihr euch jetzt klarmacht, dass eure Tage als Massenreligion schon sehr lange gezählt sind und die Frage der Transsubstantiation nur noch für sehr wenige Menschen eine Bedeutung hat, zu der, wie es scheint, nicht mal die Kirchenoberen selbst zu gehören scheinen.

Wolfram Ette

Corona 155: Post-post-faktisch

Man schreibt den 20. Dezember. Ich lese und lese, und wenn ich’s mir recht überlege, dann interessiert mich zur Zeit am meisten, was Ärzt:innen von ihrem Beruf erzählen. Sie scheinen mir der Gegenwart am nächsten zu stehen, und der ganz nahen Zukunft auch.

Es ist eine große Unruhe in mir, weil erneut passiert, was nicht nur als voraussagbar erscheint, sondern es auch wirklich ist: Man bringt kollektiv die nächste Welle hervor. Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass das, was vor den letzten großen Ferien als voraussagbar erschien und vor den letzten kleinen dann erneut, jetzt in seine dritte Wiederholungsphase geht. Man lernt es nicht, obwohl sich das Voraussagbare selbstredend irgendwann eintrifft.

Von wegen post-faktisches Zeitalter! Natürlich verhalten sich viele Kollektive so, als gäbe es die Wirklichkeit nicht. Aber eigentlich ist doch dieses letzte Jahr nichts anderes als Anschauungsmaterial dafür, dass wir post-post-faktisch leben und es nur nicht merken wollen.

Das galt auch schon für die Zeit „davor“. Das Post-Faktische wird jetzt nur befeuert, weil wir mehr denn je glauben müssen (oder wollen), wir lebten in ihm. Und wir tun auch in der Tat alles, damit das so bleibt. Also bleibt das Andere, nämlich: das Faktische. Mehr noch: Es verstärkt sich! Die Wirklichkeit wächst!

Wie aber soll man „Faktisches“ definieren? Es hat doch niemand die Deutungsmacht! Die braucht man auch nicht.

Die Faktizität des Faktisches erweist sich darin, dass man immer glaubt, sie gehe nur den anderen an. Oder auch darin, dass man überhaupt glaubt, Wirklichkeit definieren zu müssen. Als würde es noch Zweifel geben, wenn’s einen erst mal erwischt hat! Faktizität ist der Widerstand, der entsteht, wenn wir sie von uns wegschieben, wegdefinieren, handhabbar machen wollen.

Wenn der Schlauch kommt, um sich zwischen den Stimmbändern durchzuschieben, in diesen wenigen Sekunden, die den Ärzt:innen bleiben, bis der Körper, künstlich gesättigt, ja aufgepumpt mit Sauerstoff, diese Sättigung wieder verliert, wenn also, sage ich, das Mittel eingesetzt hat, das alle, alle Muskeln erlahmen lässt und damit auch die Atmung, die ja dann künstlich durch die Maschine fortgesetzt werden soll, dann besteht kein Zweifel mehr, dann ist das Faktische da.

Nur ist es dann schon zu spät, noch zu sagen, in der Tat brauche man jetzt keine Definitionen mehr. Denn dann wird man schon ausgeschaltet sein, bewusstlos, zum Sprechen nicht mehr fähig, zu nichts mehr fähig, noch nicht einmal zum Atmen. Faktizität ist: allein nicht mehr atmen können. Es ist mir unbegreiflich, dass man so etwas erst noch definieren muss. Atmet man denn nicht? Atmet nicht jeder? Post-faktische Haltungen zeichnen sich dadurch aus, so scheint mir, dass man nicht weiß, dass man’s tut: atmen.

Anne Peiter

Corona 154: visage defait / gesicht kaputt

les sdf vivent sur le trottoir
sous des échafaudages
dans l’east village avec


matelas
table
fauteuils
tapis (parfois)

mais sans murs ni toit

on n’avait rien vu
de pareil depuis des lustres


ces campements sauvages
n’avaient plus cours
à manhattan
depuis la fin
du siècle dernier

die wohnungslosen
wohnen auf dem gehweg
unter baugerüsten
im east village mit

matrazen
tisch
sesseln
teppich (manchmal)

aber ohne wände und dach

dergleichen hat man

seit menschengedenken

nicht gesehen
diese wilden lager
in manhattan
nicht seit dem ende
des letzten jahrhunderts

A.P. / W.E.

https://www.lemonde.fr/m-le-mag/article/2020/12/17/ici-tout-est-possible-ce-n-est-pas-une-pandemie-minable-qui-va-changer-ca-new-york-annee-zero_6063788_4500055.html

Corona 153: Herdenimmunität II

Seit dem Frühjahr hat der Begriff seine Bedeutung verändert. Bezeichnete er damals die natürliche Immunisierung der Bevölkerung durch eine in weiten Teilen überstandener Infektion, so soll sie nun künstlich, das heißt mithilfe des uns erwartenden Hilfsprogramms hergestellt werden. Es wird mithin so getan, als sei die höchst aufwändige Produktion eines synthetischen Impfstoffes, der milliardenschwere Aufbau einer Distributionsstruktur, komplizierte Priorisierungsverordnungen, wie sie gerade jetzt vom Gesundheitsminister verabschiedet worden sind, – als sei dies alles ein Vorgang, der einfach nur der Natur ihr Recht gibt. Dies ist aber das Wesen der Ideologie: dass geschichtlich und kulturell Bedingtes für natürlich ausgegeben wird. Der Eingriff in die Natur wird als Natur gewollt verschleiert.

Das bedeutet nicht, dass ich jetzt als Impfgegner auftrete. Ich bin nur der Ansicht, dass man die Dinge bei ihrem richtigen Namen nennen soll. Naturbeherrschung ist Naturbeherrschung und nicht einfach Natur. In diesem wie in allen anderen Fällen bedient sie sich sich der Kräfte der Natur. Andere stehen ja nicht zur Verfügung. Aber sie greift ein. Die Dinge laufen anders ab: für uns, die Menschen erst einmal vorteilhafter. Zwischen der Herdenimmunität I und II liegen die Toten, die gestorben wären, weil sie nicht versorgt werden konnten. An die Stelle der schweren, tödlich endenden Krankheitsverläufe treten leichtere, ausgelöst durch einen Impfstoff. Möglicherweise sind geimpfte Patienten weniger ansteckend, wen sie Covid bekommen. Es gibt weniger intensivmedizinische Fälle.

Was freilich bleibt und als Kontinuum von der Herdenimmunität I zur Herdenimmunität II reicht, ist das Konzept der Herde selbst. Hatte ich vormals (vgl. Corona 26: Herdenimmunität) das Amorphe und beleidigend Strukturlose dieser Vorstellung betont, eine Art Angleichung der menschlichen Gesellschaft an die vorgesellschaftliche Existenzform des Virus, die Armin Nassehi verärgert vor dem Begriff zurückschrecken ließ, scheint mir jetzt, da wir die Herdenimmunität in unsere Regie genommen haben, die darin steckende Verheißung wichtig. Herde ist warm. Sie vermittelt Geborgenheit. Wenn wir immun geworden sind, dürfen wir wieder Herde werden. Herde klingt weihnachtlich; wir sind dann wie die »Schafe bei den Hürden«, wie Ochs und Esel, die das Jesuskind umdrängen und ihm in dieser bitterkalten Nacht Wärme spenden. Die Herdenimmunität ist das Weihnachtsgeschenk unserer Regierung. Deswegen ist es so wichtig, dass der Impfstoff auch in Deutschland vor Weihnachten zugelassen wird. Aus epidemiologischer Sicht ist das belanglos. Aus massen- oder besser herdenpsychologischer Sicht ist es aber ein Unterschied ums Ganze.

Wenn wir das geschafft haben, wenn wir also »durchgeimpft« sind, dann dürfen wir wieder Herde sein. Dann dürfen wir uns in den Kaufhallen, in Clubs und Fußballstadien aneinanderdrängen. Dann dürfen wir uns wieder prügeln, miteinander knutschen und uns lieben, miteinander tanzen oder einfach nur dicht aneinander gedrängt sitzen, um einen Gottesdienst oder ein Konzert zu verfolgen. Vielleicht ist unser Gefühl, ein individuelles, unverwechselbares Wesen zu sein, nur ein ganz oberflächliches, ein kurzer Reflex auf der Wasseroberfläche. Darunter, im düster Flutenden, uns ozeanisch Umspielenden, sind wir ein Leib, eine Herde, ein zirkulierender Stoffzusammenhang – im Guten wie im Schlechten.

Im Augenblick, isoliert und zurückgedrängt auf uns selbst, steht nicht das Schlechte, es steht das Gute im Vordergrund. Da ist »Herde« ein Verheißungsbegriff und die »Herdenimmunität«, die besagt, dass wir uns wieder gefahrlos in der Herde bewegen können, gefahrlos wieder Herde sein können, weil wir in gewisser Weise immun gegen die Herde geworden sind, ist die gute Nachricht, die der deutsche Advent im Jahr 2020 mit sich bringt.

Wolfram Ette

Corona 152: Modalverben und ihre Ungleichbehandlung

„… si vous pouvez ne pas emmener vos enfants à l’école jeudi et vendredi (…), vous le faites“, sagte der Premierminister: „Wenn es Ihnen möglich ist, ihre Kinder am Donnerstag und Freitag nicht zur Schule zu bringen (…), machen Sie es.“

Also: Wenn man kann. Wenn man kann, dann werde das „toleriert“, fügt der Premierminister hinzu. Man darf also (sofern man’s kann, aber man darf – oder dürfte – sogar dann, wenn man nicht kann). Gleichzeitig muss man aber doch in dem Gefühl leben, dass es ein Zugeständnis ist, das einem die Schulbehörde macht, wenn man Ernst macht mit dem, was die Regierung sich wünscht.

Eigentlich darf man ja auf keinen Fall einfach entscheiden, die Kinder nicht zur Schule zu schicken, doch jetzt soll man sie eigentlich nicht mehr zur Schule schicken – sofern man denn kann. Beziehungsweise, wenn man in der Toleranz, die etwas eigentlich Verbotenem entgegengebracht wird, die sprachliche Verbrämung einer Empfehlung sieht, die dringender nicht sein könnte: Bitte die Kinder auf keinen Fall zur Schule schicken. Das heißt ja eigentlich: Es wird toleriert, wenn man sie dann trotzdem schickt (zum Beispiel: weil man nicht anders kann). Aber behauptet wird, die Toleranz beziehe sich auf das, was eigentlich Pflicht ist. Obwohl natürlich heutzutage die Schulpflicht mit der Pflicht, die Festtage nicht zu einem nationalen oder supranationalen Superspreader-Ereignis zu machen, in Kollision gerät und damit die verschiedenen Toleranzkonzepte auch.

Man soll oder sollte, obwohl man nicht darf oder dürfte, doch man darf, wenn man kann, weil die Regierung anders nicht kann, obwohl sie’s dürfte, denn bei ihr liegt ja die Entscheidung, aber die will oder kann sie eben nicht treffen.

Die Modalverben haben politisch einiges Gewicht, aber ihrer Beherrschung stehen gewaltige Hindernisse im Wege!

*

Die Kinder auf La Réunion hatten sich schon gefreut, denn die Erlaubnis zum Schuleschwänzen war von Paris auch ans Schulamt des Übersee-Departements adressiert worden. (Es herrscht das Prinzip der Gleichheit, und die Lokalzeitung berichtet sofort darüber.) Jetzt hat das Schulamt aber doch zurückgezogen und mitgeteilt, so schnell gehe das nicht, wir seien ja nicht die Metropole. Was stimmt. Nur dass eben die Metropole nicht wusste, dass nicht alle zur Metropole gehören, dass nicht alle gerade aus einem Lockdown hervorgehen, dass die Ansteckungsraten nicht überall die gleichen sind. Also ist das mit der Gleichheit und ihrer Adressierung eben doch nicht so einfach. Und die Schulkinder auf La Réunion sind – enttäuscht und beschweren sich über die: Ungleichbehandlung.

Anne Peiter

https://www.clicanoo.re/AFP/Article/2020/12/15/Covid-les-enfants-pourront-ne-pas-aller-lecole-jeudi-et-vendredi_620904
https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2020/12/15/Tolerance-pour-les-absences-lecole-jeudi-et-vendredi-La-Reunion-pas

Corona 151: Seitwärtsbewegung

Es ist bemerkenswert, was man sich einfallen lässt, um die Wirklichkeit, die sich partout nicht so verhält, wie die Politiker es sich gewünscht haben, zu erklären. Die Seuche, so heißt es nun, habe angesichts des Lockdowns im November eine „Seitwärtsbewegung“ verführt – eine Art Ausfallschritt sozusagen, der unsere gut ausgedachten und noch besser gemeinten Maßnahmen schlicht ins Leere laufen lässt. Wie gemein! Wie hinterhältig! Das Virus, so verstehen wir, kämpft nicht mit offenem Visier, Mann gegen Mann in der Feldschlacht oder bei einem ritterlichen Zweikampf, der genau und in einer schon fast experimentellen Anordnung darauf berechnet ist, zu ermitteln, welcher der beiden sich hier frontal Begegnenden der stärkere ist. Das Bild dagegen, dass wir vor uns haben, ist eher das eines Florettfechters mit Tänzelschritt: Nie ist er da, wo man ihn haben will; rasch sticht er einen aus unvorhergesehenem Winkel tot.

Nun ist zu überlegen, wo denn der Freiraum war, in den das Virus sich seitwärts verflüchtigen konnte, um uns von dort aus mit der Wucht eines Infektionsverlaufs zu überraschen, den niemand vorausgesehen hatte. Die Schulen, die als Infektionstreiber auch von der Wissenschaft systematisch klein geredet worden? Die privaten Partys, auf die man sich mangels einer öffentlichen Alternative zurückzog? Das alles in allem ungestört weiter laufende Konsumgeschehen? Oder, allgemeiner gesprochen: Lustlosigkeit? Trotz? Die Lust, in all den Entbehrungen mit dem Feuer zu spielen? Misstrauen gegen alles, was von „denen da oben“ kommt, weit weg von „unseren“ Problemen, „unserer“ Wirklichkeit, die wir Tag um Tag zu bestehen haben? Nachgiebigkeit gegenüber der Wirtschaft und ihren Forderungen nach Aufrechterhaltung der Produktion? Angst also vor der drohenden Rezession und ihren politischen Folgen?

Wir sehen: Der Spielraum, den das Virus sich genommen hat, ist unser Spielraum. Seine Seitwärtsbewegungen spiegeln die unsrigen, die wir seit Wochen vollführen. Im Privaten ebenso wie in der Politik. Dieses Mittelding zwischen Leben und Tod, dieser ganz und gar unritterliche Gegner, macht nur nach, was wir machen. Es passt sich uns an. Uns sind viele Füßchen für Seitwärtsbewegungen gewachsen. Und so hat auch Corona genug Raum gehabt, seine vielen Füßchen tänzeln zu lassen und seine unvorhergesehenen Seitwärtsbewegungen zu vollführen.

Wolfram Ette

Corona 150: Triptychon

Kommentar 1

Es gibt auf dem Twitter-Account des Ufologen und Verschwörungstheoretikers Silvano Trotta ein Triptychon zu sehen: zwei Frauen, ein Mann, dieser letztere in der Mitte, weiblich eingerahmt. An diesen drei Personen sei der neue Impfstoff ausprobiert worden. Und man sieht gleich, was passiert ist: Gesichtslähmungen, Verzerrungen der einen Gesichtshälfte! Links wie rechts sind betroffen. Es sieht das – man kennt’s ja von Schlaganfällen her – ganz gruselig und schrecklich aus, und das ist auch die Wirkung, auf die gezielt wird.

Ich habe bisher noch nichts von solchen Nebenwirkungen gelesen, sehe mich außerstande zu sagen, ob’s ein Fake ist oder nicht. Eine Sache hingegen weiß ich ganz genau, nämlich: dass diese Komposition auf Twitter zu sehen ist, dass die beiden Frauen blond und hellhäutig sind, dass der Mann in der Mitte hingegen irgendwie asiatisch aussieht, und auch ein Opfer ist, eines, bei dem der Hintergrund von tieferem Himmelblau ist als der, vor dem sich die beiden Frauen dem Kameraauge zeigen. Wir wissen nicht viel. Aber wir wissen, dass hier mit Symmetrien gearbeitet wird, dass hier Zähne freigelegt werden, bleckende, weil die drei Gezeigten, Vorgeführten ihre Gesichtsmuskeln nicht mehr unter Kontrolle haben: weil ihnen ihre normale Mimik genommen ist. Ein religiöses Bild, mit Opferthematik, vom Himmel und religiösen Fragen unterlegt.

Also weiß man auch das Folgende: Gesichtslähmungen sind das Fressen für Maskengegner, und egal ist, ob sie – nämlich die Lähmungen – eigens aus anderen Kontexten genommen, d.h. hergestellt worden sind oder im Gegenteil wirklich im Kontext dieser Versuche von Impfstoffen auf den Info-Teller kommen, d.h. als Fressen gefunden wurden: zum gefundenen Fressen werdend.

Lähmungen besonders in der Mundpartie sind die erzählerische Fortsetzung einer nunmehr seit Monaten andauernden Geschichte, in deren Zentrum das Gesicht steht. Bisher erstickte man unter der Maske, und niemand sah’s: Die Maske verdeckte den Tod, das per Maske verordnete Sterben. Jetzt sind wir in einer neuen Phase: Wer geimpft worden ist, kann die Maske lüften. Und siehe da: Es ist etwas zu sehen, was man schon immer vermutet hat, also lange, bevor die Nadel zustach und die Lähmung verursachte: Der Mensch ist kein richtiger Mensch mehr. Er hat schon längst sein Gesicht verloren. Er grimassiert grotesk, und zwar über jede Altersgrenze hinweg. Die Frau links ist noch ganz jung, man sieht, dass es eine hübsche Frau ist. Aber auch sie ist entstellt. Und all diejenigen, die jetzt unmaskiert gezeigt werden können, tragen diese Schäden. Gesichtsverlust, ein Auge aufgerissen, wie im Schreck erstarrt, zu einer klaren, sprachlichen Artikulation dessen, was sie leiden, nicht mehr fähig: Der Mund macht nicht mehr mit.

Also tritt die Bildsprache an die Stelle des Wortes und klagt das Triptychon die Täter an. Das gesund blickende Auge bohrt sich gleich dreifach in unser eigenes, die nächsten Opfer sind wir, der Stachel des Zweifels, was das mit den Impfungen wohl werden möge, senkt sich noch einmal tiefer in unser Blut, das für Euch vergossen wurde, zur Vergebung der Sünden. Amen.

Anne Peiter

Kommentar 2

Die Grimasse, die uns die drei Gestalten zeigen, ist eine Grimasse des Schreckens, des Entsetzens, und zugleich die einer fast schon lächerlichen Idiotie. Was wir hier sehen, ganz gleich, ob es gestellt oder echt ist: Die Menschen sehen aus wie Behinderte, aber gleichzeitig doch auch wie die Behinderten aus einer anderen Zeit, in der man sie Schwachsinnige nannte und die Psychiatrien Irrenhäuser.

Diese Grimassen sind aber zugleich Spiegel, und zwar Spiegel der Täter. Es verhält sich damit wie mit jedem Terror, der sich auf beiden Seiten, der Seite des Subjekts und der Seite des Objekts findet. »Terror« ist der ausgelöste Schrecken und der Schrecken, der einen überfällt. Wie in Horrorfilmen: Weniges jagt mehr Angst ein als ein angstverzerrtes Gesicht. Die Angst ist eben das, was überspringt. Sie ist das, was das Angsterregende und dass sich Ängstigende kontagiös miteinander verbindet.

So scheint es auch hier zu sein. Die Gesichter der Opfer sind auch die Gesichter der Täter, der der Politikern und der Trusts zwischen ihnen und der großen Industrie, die sich das alles ausgesonnen hat. Die drei Geschädigten, die auf diesen Bildern gezeigt werden, sind nicht zu bedauern; oder sie sind jedenfalls nicht nur zu bedauern, sondern es sind auch die pervertierten, ins Untermenschliche verzerrten Karikaturen der bösen Mächte, die uns im Griff haben sollen. Man sieht nicht das, was geschieht, wenn man unschuldigen Menschen die Impfspritze verabreicht, sondern man sieht das Gesicht hinter der Maske der Mächtigen.

Es hat mit Sicherheit seinen guten Sinn, dass hier drei Bilder gezeigt werden. Die Drei steht für Vollkommenheit, Abgeschlossenheit; es ist die schlechthin klassische Zahl. These – Antithese – Synthese; Exposition – Durchführung – Reprise; Vater – Sohn – Heiliger Geist; oder ganz einfach: Mutter – Vater – Kind. Eins – zwei – drei. Aber es ist noch mehr, nämlich in seiner Anordnung ein Triptychon. Dies heißt aber zugleich, dass nicht mehr allein von rechts nach links gelesen wird, sondern dass das Verhältnis der zentralen Altartafel zu den beiden Altarflügeln bestimmend wird.

Wenn zum Beispiel auf einem Triptychon wie dem ›Garten der Lüste‹ von Hieronymus Bosch links das Paradies, rechts das Jüngste Gericht, und in der doppelt so großen Mitteltafel die seltsam traumhaft, auf eine fast unschuldige Weise in Schuld und Sünde verlorene Menschheit gezeigt wird, so hat diese Mitteltafel einen anderen Status als die beiden Flügel; denn sie zeigt das, was ist, gegenüber dem, was war und was sein wird. In gewisser Weise erscheinen Paradies und Jüngstes Gericht aus dieser ewig und geschichtslos wirkenden Sündengegenwart herausgesetzt, wie Eckdaten einer geschichtsphilosophischen Phantasie, über deren Wirklichkeitsstatus sich Bosch nicht ganz im Klaren war.

Kann man das auch auf dieses Triptychon übertragen? Ich denke ja: die Mittel sind bescheiden, mit denen hier gearbeitet wird, aber sie sind doch kenntlich. Die Figur in der Mitte ist ein Mann, und er ist asiatischer Herkunft. In einer Pandemie, deren Ursprung mutmaßlich in China zu suchen ist, die deswegen als »China-Virus« bezeichnet wurde; und in einer wirtschaftlichen Situation, in der China durch drastische Einschluss-Maßnahmen, die in demokratisch regierten Ländern so nur schwer durchzusetzen gewesen wäre, die Seuche so weit in den Griff bekommen hat, dass es nun von ihr ökonomisch profitiert, während alle anderen Länder in der Rezession stecken, ist China zumindest etwas Besonderes. So auch im Bild: zu der Mittelstellung passt der in etwas dunklerem Blau gehaltene Hintergrund: die Figur, die hier zu sehen ist, agiert aus diesem Hintergrund heraus, sie befindet sich in gewisser Weise hinter den beiden weißen Frauen. Wenn man in dem Bild selbst noch einmal zwischen Tätern und Opfern unterscheiden will, ist er die Täter; sie sind die Opfer.

Eindeutig ist dies freilich nicht. Alle sind Opfer und Täter, zu gleichen Zeit, in wechselnden Kombinationen und Positionen. Wir sehen Verstümmelte, und gleichzeitig dämonisch verzerrte Fratzen, satanisches Grinsen, ein verdrehtes Auge, bei dem man das Weiße sieht: eine Idiotie, die auch die Maske teuflicher Bosheit sein könnte.

Wolfram Ette

Corona 149: Lastminute

la directrice

est passée
des ventes de voyages
à la gestion des annulations

remarque
une légère reprise
pour les réservations
de noël

c’est encore timide
la tendance visible
c’est que les gens
cherchent plutôt
le soleil

la
république dominicaine
les
canaries
la
tunisie
dubaï
des
séjours balnéaires
quoi

die chefin

ging über
vom reisegeschäft
zur verwaltung von absagen

beachte
einen leichten aufschwung
bei den reservierungen
für weihnachten

sie ist noch zart
die sichtbare tendenz
weil die menschen
vor allem sonne
suchen

die
dominikanische republik
die
kanaren
tu
nesien
dubai
bade
reisen
oder was

Crise du tourisme : „On est passé des ventes de voyages à gérer des
annulations“ (msn.com)
https://www.msn.com/fr-fr/actualite/societe/crise-du-tourisme-on-est-passé-des-ventes-de-voyages-à-gérer-des-annulations/ar-BB1bE8th?ocid=msedgntp

Fund / Umbruch: Anne Peiter
Übersetzung: Wolfram Ette

Corona 148: Verschwörungsreligiosität

Die „Anderen“, die Spinner, die Covidioten oder wie sie alle heißen – sie werden Verschwörungstheoretiker, -erzähler, oder auch Anhänger von Verschwörungsmythen und Verschwörungsideologien genannt. Irgendwie sind diese Begriffe gegeneinander austauschbar. Wo sich jemand zum Beispiel gegen den Begriff der Verschwörungstheorie verwahrt und stattdessen den der Verschwörungserzählung als den einzig angemessenen empfiehlt, sind die Gründe nicht sehr überzeugend. Theorie, so liest man heraus, bilde Fakten ab; tatsächlich aber seien die jeweiligen Konstrukte, denen diese seltsamen Menschen, also die Querdenker und Ähnliche anhängen, ja Fiktionen.

Damit macht man es sich zu einfach. Die Ebenen werden verwechselt. Von einer Theorie ist zunächst nichts weiter zu sagen, als dass sie mit dem Anspruch auf Wahrheit in Erscheinung tritt. Auch die Erzählung hat zwar irgendwie einen Anspruch auf Wahrheit, nenne man sie nun ästhetische Wahrheit oder sage man gar, wie Aristoteles, sie sei „philosophischer“ als die sich auf Fakten beziehende Geschichtsschreibung zum Beispiel. Entscheidend ist hier aber doch die Art des Zusammenhalts, der Zusammenfügung. Die Erzählung bezieht das, wovon sie handelt, nach Art einer Handlung, also eines zeitprozessualen Zusammenhangs aufeinander. Die Theorie dagegen mag als System, als Summe, als Folge von Aphorismen, als Essay verfasst sein; sie mag deduktiv oder induktiv vorgehen oder die Schlussverfahren mischen: narrativ ist sie – vorderhand – erst einmal nicht. Ihr Verfahren, um Kohärenz herzustellen, ist ein anderes.

Besieht man sich die Konstruktionen an, auf die sich die Gegner der Corona-Maßnahmen (oder gar die extreme Fraktion, die Corona insgesamt leugnet) bezieht, so muss man zustimmen: Ja, was den meisten dieser Konstruktionen Zusammenhang verleiht, ist eine narrative Struktur – es ist der Plan irgendeines bösen Masterminds: eben einer säkularisierten und auf diesem Wege aller Güte verlustig gegangenen Gottesgestalt. Also: Verschwörungserzählung.

Andererseits haben diese Verschwörungserzählungen einen Wahrheitsanspruch; sie sind ihrem eigenen Verständnis nach keine Fiktionen – zu denen sie freilich durch den Begriff entmächtigt werden sollen –, sondern bilden ab, was ist. Was in Wahrheit ist; was in Wahrheit hinter dem Schleier der Erscheinung sich verbirgt. Die Unterscheidung zwischen dem, was ist, und dem, was in Wahrheit ist, ist aber die metaphysische Unterscheidung. Die Verschwörungserzählungen treten also mit einem metaphysischen Anspruch auf. Sie sind gleichzeitig Theorie und Erzählung; eine Theorie in Erzählform, narrative Philosophie.

Das entspricht zu einem gewissen Grade dem Charakter des Mythos. Der Mythos redet bereits von einer Welt hinter der Welt, von einer „Hinterwelt“ wie Nietzsche das nannte. Aber die Bewohner dieser mythischen Hinterwelt sind keine Ideen und Begriffe, keine selbst zeitlosen Ab­strakta. Sie handeln vielmehr in Raum und Zeit und in den meisten Fällen sind sie menschenähnlich vorgestellt. Wenn wir uns an das Beispiel der griechischen Mythologie halten: Die Götter leben nicht in der Sphäre zeitenthobenen Seins jenseits der Fixstern-Sphäre; sie leben auf dem Olymp – weit über den Niederungen, durch die sich die Sterblichen kämpfen, aber doch auf einem benennbaren und, wenn die dem Gipfel des Olymp umgebenden Wolken einmal schwinden, sogar wahrnehmbaren Ort. Und sie handeln, das heißt, sie fassen Beschlüsse, denen die Menschen unterworfen sind. Die Götterversammlung beschließt, wie der trojanische Krieg ausgeht; und sie setzt sich, wenn auch mit einer List, gegen Poseidon durch und legt fest, dass Odysseus nach allerlei Entbehrungen nach Hause zurückkehren darf und in seine Rechte eingesetzt wird.

So sehen es auch diejenigen, die wir, nun mit Fug, Verschwörungsmythologen nennen können. Es sind keine abstrakten Mächte, sondern agencies, Handelnde, die analog zu den olympischen Göttern einen Plan haben, einen Entschluss fassen und über die Mittel verfügen, diesen Entschluss umzusetzen, bzw. umsetzen zu lassen. – Aber wir stutzen. Einen Unterschied gibt es doch. Es war eben von der Götterversammlung die Rede, also von einer Mehrzahl von Göttern, die sich einigen müssen. Im Fall der Odyssee gelingt es auch nur, weil die Götter die Abwesenheit des Meeresgottes, der Odysseus vernichten möchte, ausnutzen – die Entscheidung kann nur einstimmig gefällt werden, und so kann die Entscheidung für den Dulder und Vielerfahrenen nur fallen, wenn Poseidon nicht zugegen ist.

Kein Mythos ist auf sich gestellt. Er ist Teil eines mythologischen Systems. Und dieses System arbeitet nicht mit einem, sondern mit mehreren, miteinander konkurrierenden Ursprüngen – so hat es Klaus Heinrich in dem Aufsatz Die Funktion der Genealogie im Mythos erläutert. Man kann es nicht nur an der homerischen Götterversammlung ablesen, sondern auch an der Theogonie des Hesiod, die die Welt die aus einem, sondern aus drei Ursprüngen – Chaos, Gaia (also die Erde) und Eros – ableitet. Darauf beruht, so Heinrich, der Realismus des mythologischen Weltbilds. Man muss Kompromisse schließen, die Ansprüche der verschiedenen Ursprünge miteinander aus- und abgleichen – so wie unser tatsächliches Leben in einem fort aus solchen Kompromissbildungen besteht. Jeder Monismus, als jede Rückführung der Welt auf einen Ursprung, ist bereits eine Abstraktion, die sich über die Realzusammenhänge hinwegsetzt. Mythologie ist zwar Ursprungsdenken, aber ein Denken, das gehalten ist, in den Phänomenen mehrere Ursprünge miteinander zu vermitteln.

Das machen diejenigen, von denen wir hier sprechen, Coronagegner und Coronamaßnahmengegner, nun gerade nicht. Sie sind keine Verschwörungsmythologen, aber immerhin Anhänger eines Verschwörungsmythos, der alles erklären soll. Oder? Betrachtet man die Bewegung als Ganze, so geht und läuft ja Verschiedenstes ineinander über: Merkel, die den Kommunismus wieder einführen will; Merkel, die den Faschismus wieder einführen will; der Plan einer Dezimierung der Weltbevölkerung; der Plan einer umfassenden elektronischen Kontrolle über die Weltbevölkerung; der Plan biopolitischer Machtausübung durch eine allgemeine, an Corona aufgehängten Impflicht etc. Also es gibt da eine Menge, und die Irrsinnsphantasien von QAnon sind nicht einmal aufgenommen. Aber es gibt einen Unterschied. Diese verschiedenen Verschwörungsmythen bilden keinen Zusammenhang, kein System. Sie stehen einfach nebeneinander. Es gibt keine Aushandlung, keine Kompromisse, die zwischen den verschiedenen Mythen geschlossen werden müssten. Was die Querdenker eint – und offenkundig einen kann – ist, dass sie überhaupt einem Verschwörungsmythos anhängen. Welcher es ist: egal. Die Behauptung, es gebe was hinter der Erscheinung, das uns steuere, genügt. Unter diesem Banner kann man sich vereinen.

Das macht es zuguterletzt auch schwer, von einer Verschwörungsideologie zu sprechen. Die klassische Ideologie ist monistisch und sie ist in den meisten Fällen von oben implantiert. Die Ideologie ist der Mythos als Dogma: mit theoretischen Anspruch. Sie lässt keinen Spielraum für Kompromisse. Verschiedene Wahrheiten, verschiedene Ursprünge mit ihren jeweiligen Ansprüchen erkennt sie nicht an. Das ist, wenn wir auf die Demonstrationen der Coronagegner blicken, durchaus nicht so. Sie leben im multi-ideologischen Zeitalter. Ob man dies dann noch ideologisch nennen sollte, ist eine offene Frage.

Der Glaube, dass es eine Verschwörung gibt, wie immer die aussehen mag, ist ein verzerrtes Nachbild des Phänomens, das seit dem 19. Jahrhundert als Religiosität geführt wird: Irgendwie glauben wir alle an ein höheres Wesen; die Unterschiede zwischen den Religionen sind bloß scheinbar, letztlich rhetorisch, es sind bloß vorletzte Wahrheiten, die wir der letzten unterordnen können. Da aber im Begriff der Verschwörung ja schon der Plan, die Intrige, und damit die narrative Struktur enthalten ist, wäre vielleicht doch ein bisher noch nicht gefallener Begriff der passende: Verschwörungsreligion, oder noch besser: Verschwörungsreligiosität.

Wolfram Ette

Anmerkungen

https://www.gmx.net/magazine/politik/corona-querdenker-opfer-helden-konstruieren-35324620 – Aristoteles, Poetik, Kapitel 9. – Paul Tillich, Art. „Mythos“, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 2. Auflage. – Klaus Heinrich, Die Funktion der Genealogie im Mythos – https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-12/verschwoerungstheorien-corona-krise-wort-des-jahres-2020/komplettansicht

Corona 147: Für und wider die Natur

Esoteriker:innen, so denkt man, sind für die Natur. Sie protestieren gegen ihre Ausbeutung im Namen der unterdrückten – vor allem dann, wenn an ihr zu viel Technik beteiligt ist. Funkstrahlen, Apparatemedizin, Antibiotika, Impfungen überhaupt, jetzt ein synthetisch hergestellter Impfstoff. Sie setzen sich häufig für ältere Kulturtechniken ein, die Natur näher erscheinen. Ein in der Wüste meditierender Yogi verhält sich nach Ansicht vieler natürlicher als jemand, der ein Schmerzmittel geschluckt oder zweimal in der Woche zur Dialyse fährt.

Es sei dem, wie es wolle. Aber ein kleines Detail lässt die Frage aufkommen, ob es mit der Naturnähe der Naturnahen in der gegenwärtigen Krise seine Richtigkeit hat. Die radikale – und nicht von allen geteilte – Spitze der Kritik an den Coronamaßnahmen bildet die Behauptung, bei dem Virus handele es sich um ein Fake, um eine Erfindung der Regierungen oder der geheimen Mächte, die hinter ihnen agieren und die wahren Strippenzieher der Welt sind. Diese Kritik verzweifelt offenbar an der Vorstellung, so etwas wie eine Epidemie könne »einfach so« passieren, »von Natur aus«, weil sich etwas im Verhältnis zwischen Mensch und Natur verändert habe. Denn nach allem, was wir jetzt wissen, spricht einiges dafür dass die Zoonosen, also vom Tier auf den Menschen überspringenden Übertragungen sich durch die kapitalistische Landwirtschaft permanent vermehren. »Von Natur aus« heißt also nicht »von Natur aus«, es bezeichnet eine Änderung innerhalb des Verhältnisses, in dem Mensch und Natur miteinander verbunden sind. Durch die Behauptung, das Virus sei ausgedacht, wird dieses Verhältnis anthropomorphisiert. Der Mensch und sein typisches Verhalten bildet aber nur einen Pol dieses Verhältnisses. Die sich ständig verändernde, gleichsam Wellen schlagende Grenze zwischen den Menschen, der sich der Natur entgegengesetzt und der Natur, von der er ein Teil ist, wird rundheraus zur menschengemachten Sache erklärt – ja, so ausschließlich zum menschlichen Produkt, wie es einzig und allein die Gebilde sein können, die unsere Fantasie ohne jeden Realitätswiderstand hervorbringt.

Die Behauptung, das Virus sei bloße Propaganda, ist deswegen ein Triumph der Naturbeherrschung. Sie ist der totale Anthropomorphismus. Sie erkennt nichts mehr als das vom menschlichen Geist hervorgebrachte. Früher nannte man das subjektiven Idealismus und hielt es für überwunden. Alles muss menschengemacht sein, selbst etwas, das so offenkundig die Pläne der Menschen durchkreuzt wie dieser Pandemie. Die Naturapostel sind deswegen die wahren Naturleugner. Real bin nur ich und das, was ich so empfinde. Je intensiver ich empfinde, desto realer ist es. Eine Telegram-Chat nennt das »Selberdenken«. In ihrem Namen wehrt er sich gegen Zensur: »Bei uns werden die Leute angehalten, selber zu denken. Wir schreiben keinem vor, was er zu denken hat.« Die Welt als Wille und Vorstellung. Sie ist das, wozu ich sie erkläre, eine Projektion meiner Befindlichkeit. Nichts wird verhandelt, es gibt keinen Prozess von Subjekt und Objekt, keine Arbeit, keine Dialektik. Argumente, die mein Empfinden an der Wirklichkeit messen, sind eine Kränkung. Denken selbst, das sich zwischen den Polen, sie wechselweise korrigierend, hin und her bewegt, wird als Zumutung für den Weltinnenraum meiner Vorstellungen bei geschoben. Zu diesen Vorstellungen gehören auch die allmächtigen Gewalten, die alles eingefädelt haben, um den »Great Reset« zu starten oder das Überbevölkerungsproblem zu lösen. Das, wovor ich Angst habe, fällt aber auch mich zurück. Denn die omnipotenten Mächte sind die Projektionen meiner Allmachts- und Vernichtungsfantasien. Formal bekunden diese sich darin, dass sich das Virus leugne und es nur als das Machwerk entziffern kann, zu dem meine Welt schon lange wurde. So habe ich mir auch die Natur, auf die ich mich gegen die Übelstände der Technik berufe, nur ausgedacht. Es gibt diese Natur nicht. Jede These einer Natur an sich projiziert mein Unbehagen an der Kultur auf das, was ich als ihr Gegenbild imaginiere.

Wolfram Ette


Chuang-Blog: Soziale Ansteckung, in: Lockdown 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern, Wien 2020, 11–42. – https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/corona-kinder-105.html

 

Corona 146: Klaufen

Es gibt diese Technik: klauen, erleichtert dadurch, dass man wirklich etwas kauft. Aber eben nicht alles. An der Kasse bezahlt man für etwas – den Rest (gemeinhin den teureren) hat man unter der Jacke. Welche Kassiererin rechnet schon mit einem Dieb, der nett grüßt und außerdem brav sein Geld hinzählt?

So ist das auch mit den Verschwörungstheorien: Nicht alles, was da behauptet wird, ist falsch. Das Wahre mischt sich mit dem Unwahren. Es ist nicht einmal möglich, zu sagen, alles sei Lüge. Erstens lügen die Verschwörungstheoretiker nicht. Sie sind Opfer der von ihnen selbst geschaffenen Mythen, der sich selbst verstärkenden Dynamiken und des aus den Mythen resultierenden Erfolgs. Zweitens weiß man vieles wirklich nicht. Spekulation, Umgang mit offenen Fragen – das ist allgemein ein wichtiges und gar nicht zu leugnendes Phänomen. Man könnte also meinen, die Verschwörungstheoretiker hätten sich ihr Wissen am falschen Ort gekauft, hätten sich täuschen lassen: eine Form von Unschuld.

Aber das ist es eben auch wieder nicht. Ihre Intelligenz besteht in dieser sehr perfiden Mischung aus ganz Abstrusem und durchaus Möglichen. Post-wirklich also die einzige Wirklichkeit? Keine Unterscheidungsmöglichkeit mehr zwischen „klau-“ und „kau-fen“?

Ich sage: Doch, es ist feststellbar, ob es ein „L“ gibt oder nicht. Wir müssten diesen Kleinigkeiten nur größere Aufmerksamkeit schenken, sie nicht so leicht durchrutschen, durchlutschen lassen. Schreiben, im Wortsinn: „kLaufen“ und nicht „KlAUFEN“. Nichts mehr für bare Münze nehmen. Die Silben zählen.

Denn ehrlich: Wer ein bisschen in Verschwörungstheorien herumliest, sieht sehr leicht, was da los ist. Es bedarf noch nicht einmal großer Arbeit, um das Klaufen vom Kaufen zu trennen, die Spreu vom Weizen. Es spielt das Wiederkäuen eine entscheidende Rolle – die ewige Wiederkehr der immer gleichen Versatzstücke, der Grundlogik, die sich abdichtet gegen jedes Argument von Außen. Der Grundmythos sagt: Einige wenige haben die Fäden in der Hand und wollen uns Böses.

Also: Wenn man feststellen will, ob eine Behauptung gekauft oder geklaut wurde, muss man nur gucken, ob sie gekaut wurde oder nicht. Ein hoher Grad an Durchgekautsein gibt an, dass da etwas durchgeklauft wurde.

Anne Peiter

Corona 145: Erstickungsangst

Ein Telegram-Chat namens »Samuel Eckert Youngsters« richtet sich an Kinder und Jugendliche, um sie über Covid-19 und die von der Regierung verhängten Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche kritisch zu informieren. Zielgruppe sind 10-17-Jährige, Kinder unter 14 müssen eine Einverständniserklärung der Eltern vorlegen, um an den Chat teilnehmen zu können.

In einem Video heißt es zu einem Kinderfoto: »Jetzt ist Lisa tot. Weil sie Maske aufbehalten hat. Tod durch Sauerstoffmangel.« Es zeigt, auf welchem Niveau dieser Krieg gegen Regierung und Staatsmedien geführt wird. Nämlich auf allerhöchstem. Corona ist eine Krankheit, an der man in schweren Verläufen erstickt. Ein schlimmer Tod, der an elementare Ängste rührt. Ich möchte mir das nicht vorstellen, den Tod durch Ersticken. Es ist so, als würde man lebendig begraben.

Diese Angst wird nun auf eines der Mittel verschoben, die vor dem Ersticken schützen sollen. Vielleicht nicht so sehr uns selbst – Kinder und Jugendliche erkranken selten an Corona – als ältere oder vorerkrankte Menschen. Jetzt ist es die Maske, die uns den Erstickungstod bringt, nicht den alten, die ohnehin schwer zu atmen haben, sondern den Kindern, die einen Corona-Angriff auf ihr Immunsystem oft unbemerkt überstehen. Die Maske ist Corona 2.0.

Aber es ist ein und dieselbe Angst. Sie wird vom anderen auf sich selbst, vom Virus aufs Gegenmittel, von den Alten auf die Jungen umgelenkt. Man bewegt sich hin und her auf einer Affektgleichung, die Entgegengesetztes miteinander verbindet. Lauernd steht dahinter die Frage, ob nicht das Virus ebenso eine staatliche Maßnahme wie die Maske. Alles ist gegeneinander austauschbar vor dem Hintergrund dieser Angst.

Es war wohl nicht immer so, aber das Ersticken ist zu einer der großen gattungsgeschichtlichen Ängste geworden. Wenn wir versuchen, uns die Klimakatastrophe leibhaftig vorzustellen, so denken viele zuerst an die Verpestung der Luft. Es sind weniger die sterbenden Gewässer, weniger die Temperaturveränderungen mit ihren Nebenfolgen – Wirbelstürme, steigender Meeres­spiegel, die Überlastung des menschlichen Kreislaufs –, die wir als unmittelbar bedrohlich empfinden. Es ist die Luft, die wir atmen, die uns krank macht, die vom Beginn der Industrialisierung an zum Problem wurde und die nun der gesamten menschlichen Gattung das Leben nehmen konnte, anstatt es zu erhalten. Seveso, Bhopal: Umweltverschmutzung ist gefühlt erst einmal Luftverschmutzung.

Stephen King, den ich für einen bedeutenden Schriftsteller halte, weil es die großen amerikanischen, dann aber auch die großen Gattungsängste sind, mit denen er sich auseinandersetzt, hat es in »Under the Dome« ausformuliert. In diesem Roman wird eine Kleinstadt urplötzlich von einer durchsichtigen, vollkommen undurchdringlichen Kuppel umschlossen, die jeden Kontakt zur Außenwelt abschneidet. Mit einem Mal sind alle Ressourcen das, was sie immer sind: endlich. Auch hier gilt: »Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer.« Dabei ist Kings Diagnose, wie wir uns in dieser Situation verhalten, pessimistisch. Die Protagonisten dieses Romans schließen sich angesichts dieser Bedrohung nicht kollektiv zusammen, und handeln solidarisch, zusammengehalten durch ihr gemeinsamen Überlebensinteresse. Sie zerfallen vielmehr in kleine Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen. Marginal ist das kleine Häuflein derer, die sich und alle anderen doch zu retten versuchen und so etwas wie Solidarität als gemeinsames Überlebensinteresse überhaupt empfinden. Die schlimmste Drohung, die über der kleinen, ganz auf sich selbst gestellten, von jeder äußeren Versorgung und Kontrolle abgeschnittenen Kommune lastet, ist der Erstickungstod. Luft ist diejenige Ressource, auf die alles ankommt. Der Kampf gegen das Ersticken bestimmt denn auch die unerhörte Spannung des gewaltigen Finales, in das dieser Roman ausläuft.

Diese große kollektive Angst kontrahiert sich, ausgelöst durch ein Virus, das mit Erstickung droht, in die Angst davor, unter der Maske zu ersticken. Diejenigen, die Angst vor der Maske haben, haben in Wahrheit Angst vor dem Virus, auch wenn sie es für ausgedacht halten.

Wolfram Ette

https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/corona-kinder-105.html

Corona 144: Religionen

das verbot
religiöser zeremonien
mit mehr als 30 personen
in den kulträumen
ist offensichtlich
unverhältnismäßig
insofern als
die größe
der religiösen gebäude
nicht beachtet wird

die FNAC (paris, ternes)
hat ein schild angebracht
im kaufhaus dürfen bis zu
604 menschen sein

dieses kaufhaus
ist kleiner
als st sulpice

ja aber
das ist eine andere
religion

p.s. aus dt.

die opernhaeuser konzertsaele
haben geschlossen teilnahme am
weihnachtsgottesdienst nur auf anmeldung

tk max darf zwischen den dicht
an dicht stehenden kleiderstaendern
175 kundinnen und kunden
bedienen

 


les temples

l’interdiction
des cérémonies religieuses
de plus de 30 personnes
dans les lieux de culte
est manifestement
disproportionnée
en ce qu’elle
ne prend pas en compte
la taille
des édifices religieux

la fnac des ternes à Paris
a mis un panneau
vous pouvez être
604 dans le magasin

ce magasin
est plus petit
que saint-sulpice

oui mais
c’est une autre
religion

A.P. / W.E.


Limitation des cérémonies religieuses : les évêques suspendus à une décision du Conseil d’Etat (lemonde.fr)

Walter Benjamin, Kapitalismus als Religion: https://www.theater-an-der-ruhr.de/fileadmin/theater/Konzeption/Theorie/Geld/Kapitalismus-als-Religion.pdf

Corona 143: Videokonferenzen II

Nach einem ganzen Tag in einer Digitalkonferenz sehe ich nun ein wenig klarer. Eines meiner Problem ist, dass alle nah sind, dass alle gleich nah sind, und dass diese fast schon übergriffige Präsenz mich extrem ablenkt.

Ein physischer, dreidimensionaler Raum gestattet vor allem Abstufungen von Präsenz. Stellen wir uns ein Klassenzimmer oder einen Redaktionsraum vor; manche sind nah, andere fern; manche sehe ich frontal, andere im Halbprofil; bei einigen kann ich die Mimik studieren, während sie sich äußern, andere nehme ich fast nur als Schallquelle war; manche erreicht das Licht von vorne, andere von der Seite und Teile ihres Gesicht sind verschattet. Genauso ist es mit dem, was ich höre. Der dreidimensionale Raum ist ein Wunder der kontinuierlichen Vermittlung von Nähe und Ferne. Keine zwei Dinge auf die gleiche Weise erscheinen. In diesem Zusammenhang, in dieses Meer aus Differenzen tauchen unsere Worte ein, an jeder Stelle ein anderes, in einer Bewegung des ständigen Sich-Unterscheidens. Das verbindet uns.

Jetzt sind alle nah; ich sehe die verpixelten Gesichter vor mir, frontal wie bei einer erkennungsdienstlichen Aufnahme. Alle in der ersten Reihe, aufgereiht in der angespannten Haltung guter Schüler. Alle kontrollieren alle: Seid ihr da? Aber andere haben ihr Video ausgeschaltet, wie ich es auch bald tun werde. Es stört mich nicht, in das Intérieur der Anderen hinein zu blicken, aber die Gesichter, die mich anzustarren scheinen (obwohl es nicht so ist, denn wenn sie mein Bild anstarren würden, würde es nicht so aussehen, als würden sie es anstarren), irritieren mich. Diese Vielfalt verselbstständigter Augen macht mich ganz verrückt, irgendjemand hält einen Vortrag, ich kann kaum folgen und schalte das Video ab.

Dann setze ich an meinem Schreibtisch, die aus den Lautsprechern kommende Stimme ist ein wenig verzerrt, aber es geht. Ich mache mir Notizen und komme wieder zu mir. Fast ist es jetzt wie früher, wenn ich im Seminar oder während einer Tagung irgendwo neben anderen besaß, und mir im Aufmerksamkeitsschatten meine Gedanken machte. Ich war da und ich war nicht da, irgendwo zwischen ‚An-‘ und ‚Abwesen‘, in diesem Halbschatten konnte ich mich sammeln.

Ganz so ist es jetzt nicht, ich muss einiges mit der Phantasie wettmachen, aber die Geisterversammlung, die in meinem Kopf stattfindet, ist der körperlichen Präsenz näher als die digitalen Surrogate, die hinter mir auf dem Bildschirm versammelt sind, ohne dass ich sie jetzt sehe. Wenn ich etwas sagen möchte, schalte ich ein paar Minuten vorher die Videoübertragung aus meinem Zimmer ein; das ist, so denke ich, netter gegenüber den anderen. Aber der Preis ist hoch; ich spüre sofort, wie meine Konzentration abfällt. Der Kampf gegen diesen Sog macht Videokonferenzen so unglaublich anstrengend.

Kein realer Raum ohne die ihn erfüllende Einbildungskraft. Sitzen wir alle in der ersten Reihe, gibt es keinen Zusammenhang. Alles zerfällt in gleich nahe oder gleich ferne Einzeleindrücke und verschwindet wieder. Ich kann es nicht zusammenhalten, kann mich nur abwenden und wieder eine Weile zuhören.

Wolfram Ette

Corona 142: Schwurbler

Soweit ich weiß, stammt der Ausdruck „verschwurbelt“ ich samt den dazugehörigen Ablegern von Eckart Henscheid. Ich bin jedenfalls zuerst in seinen „konkret“-Kolumnen und in der „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ darauf gestoßen und habe mich daran gefreut.

Die unglaubliche Konjunktur, die das Wort im Augenblick erfährt, freut mich nicht. Neben „Covidioten“ ist es wohl der häufigste Begriff, um diejenigen zu bezeichnen, die gegen die Coronamaßnahmen und damit, ob sie es nun wollen oder nicht, auch gegen Corona selbst auf die Straße gehen.

So hübsch der Ausdruck für sich genommen ist – es ist ja der lautlich überzeugende Ausdruck für den Gehirnbrei, den im Kopf zu haben man dem anderen unterstellt – so gefährlich erscheint er mir jetzt. In der politischen Auseinandersetzung ist der Witz häufig nichts als ein Ausdruck von Denkfaulheit, der öffentliche Verzicht auf die analytische Arbeit zu Gunsten einer Pointe. Wenn darüber hinaus die Pointe so schnarchend abgenutzt ist wie in diesem Fall, ist sie keine mehr, sondern hat allein noch den Sinn, Gemeinschaft herzustellen und sich ihrer zu versichern: alle, die die Schwurbler Schwurbler nennen, gehören zusammen, weil sie ein gemeinsames Feindbild eint.

Es ist dumm, unglaublich dumm. Und riskant. Wenn die Gegnerschaft sich zum Spott verdünnt, signalisiert man damit zugleich, dass man den Gegner nicht ernstnimmt, also dass es sich eigentlich um gar keinen Gegner, sondern nur um ein aufgeblasenes Nichts handele. Nicht nur, dass dies zur Eskalation beiträgt – in einer Situation, in der noch nicht amerikanische Verhältnisse herrschen und es wünschenswert wäre, dass das so bleibt.

Den Gegner nicht ernstzunehmen, heißt aber auch, ihn zu unterschätzen. Auf diesen Fehler ist seit langem die bürgerliche Linke abonniert; es hat den Rechten schon einmal zur Macht verholfen – die eben nicht einfach hirnweiche „Schwurbler“ sind, sondern kluge Strategen. Jedenfalls gilt dies für die Kader, die seit Jahrzehnten auf eine Volksbewegung warten, die ihnen zur Macht verhilft. Mit wem sie dabei in einem Boot sitzen, ist ihnen egal. Abgerechnet wird später und wie man sich dann zu den Anthros und Späthippies stellt, wird man dann schon sehen.

Ich will damit sagen: dieser Gegner ist schwer und ernst zu nehmen, ihn mit einem Wortwitz beiseite zu schieben, stärkt ihn und befördert die Gefahr, die von ihm ausgeht. Es ist auch ein Zeichen von Schwäche, oder kann zumindest so empfunden werden: ein Versuch, sich mithilfe einer rituell wiederholten Vokabel aus der Bredouille zu ziehen, sich auf den Gegner einzulassen. Denn jedes Argumentieren ist ein Sich-einlassen; in dem Augenblick, in dem man sich nicht einfach nur anbrüllt, muss man sicher zuhören. Das gilt für Ehen ebenso wie in der Politik. Wenn man etwas bewirken will, jedenfalls auf dem Weg des Gesprächs, muss man sich irgendwie in sein Gegenüber hinein versetzen; oder: ich muss sie / ihn mindestens als Mensch mit den gleichen Ansprüche anerkennen. Jede rationale Auseinandersetzung hat als Grundlage eine letztlich emotionale Übereinkunft, eine thesis von Gemeinsamkeit und und Zusammengehörigkeit, die sich rational nicht einholen lässt.

Darin steckt freilich das Problem, dass man sich kompromittieren könnte. Was werden die anderen, meine Freunde, meine ‚Blase‘ sagen? Werden sie nicht denken, dass ich nicht mehr loyal bin, mit dem Feind anbahnende und nicht mehr zu ihnen gehören? Oder ist es nicht peinlich, mit solchen „Schwurblern“, mit denen, wie das Wort schon sagt, nicht zu reden ist, dennoch reden zu wollen oder zumindest auf diese starren Abgrenzungsrituale zu verzichten?

Loyalität und Scham, bzw. Ehre sind freilich Begriffe, die nicht in unsere Zeit passen. So denkt man. Aber man denkt falsch. Alles spricht dafür, dass der zivilisatorische Fortaschritt, den Erec Robertson Dodds mit der berühmt gewordenen Formel Von der Schamkultur zu Schuldkultur umriss, gerade rückgängig gemacht wird. Wie meistens liefert die Populärkultur dafür die verlässlichsten Indizien. Die Form der Gesellschaft nämlich, in der die beiden Grundbestandteile der Schamkultur unverbrüchlich gelten, sind der Clan, der Stamm, die Familie. Zeitgemäßer formuliert: die Mafia. Was in den 1970 er Jahren, als Francis Ford Coppola „der Pate“ drehte, noch als Kuriosum und nostalgisches Gegenmodell erscheinen mochte, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Mafia ist die Zukunft der Demokratie, und diese Zukunft ist längst Gegenwart. „The Wire“, „The Sopranos“, „4 Blocks“, „Sons of Anarchy“ –: all diese Fernsehserien sprechen die Sprache einer gegen Gesellschaft gerichteten Gemeinschaft, die von der starren Gegenübersetzung von Innen und Außen bestimmt ist, worin es keine Vermittlung, keine Mischung, keine Anerkennung des Feindes als (wenn auch ungeliebten) Partner, aber doch irgendwie formal gleichberechtigte Person, ja nicht einmal Verschiedenheit geben kann, sondern nur An/Aus, Schwarz/Weiß, Innen/Außen, 1/0, Entweder/Oder, entweder Treue oder Verrat geben kann. Und die „Anderen“ –: das sind dann die „Barbaren“, „Covidioten“, oder eben, in gutmütig jovialer Feigheit, die sich darauf herausreden kann, dass er alles nicht so ernst gemeint gewesen sei, „Schwurbler“.

Wolfram Ette

Corona 141: Unterstützung

hotelbetten

die touristen durch die
kranken ersetzen
hat nur vorteile

man unterstützt
sektoren in der krise
die ho
tels
spitäler

lits d’hôtel

remplacer des touristes
par des malades
n’a que des avantages

on soutient
des secteurs en crise
les hô
tels
pitaux

L’Italie réquisitionne 20 000 lits d’hôtel pour des patients atteints de Covid-19

Anne Peiter

Corona 140: Was wichtig ist

Quasi una fantasia

1

Ich träume von Vorlesungen, die sich das Prinzip der Entortung zunutze machen. Aufgenommen im Wald, im Gebirge oder an der Küste eines südlichen Meeres, rings um mich das Amphitheater der Bäume, den Himmel, vor mir das Rauschen des Ozeans wie eh und je. Vielleicht gelingt es dann wieder, DIE DINGE INS GEHÖRIGE VERHÄLTNIS ZU SETZEN. Vielleicht fangen wir mal an, die Dinge zu sagen, die wichtig sind.

2

Peter Hacks, Richtigstellung

Um die Dinge einmal wieder
Ins gehörige Verhältnis zu setzen: ich bin
Ein Eichbaum, ich singe mit tausend Vögeln.
Über mir geht die purpurne Sonne auf, das
Ist deine Liebe. Vorn, links unten,
Sehen Sie einen kleinen, grünen Gallapfel,
Das ist die Welt.

3

Für ein Theaterstück, das sich mit dem Thema Überflüssigkeiten auseinandersetzt, wurden einige Überlegungen von mir aufgezeichnet und sollten während der Aufführungen in Prag, Augsburg und Chemnitz als Video eingebaut werden. In einer Situation, in der die Kultur zustört am Boden liegt und Videoeinspielungen kein kecker Zuschuss zu den arbeitenden und schwitzenden Körpern auf der Bühne sind, wurde das von mir gelieferte Material für ÜBERFLÜSSIG befunden. Dies, ohne mir Bescheid zu sagen, also erst recht überflüssig. Was kann man nun damit machen? Eine Vorlesung? Etwas Wichtiges?

4

Das Problem der Liebe in den Zeiten der Vereinsamung bleibt ungelöst. Sie erscheint auch zunehmend überflüssig. Zum Fest der Liebe dürfen wir uns versammeln, das ist ok. Ansonsten möchten wir unsere Arbeitskraft doch den Gegebenheiten im Ausnahmezustand unterordnen. Wenn Liebe, dann monogam wie wohl bei Hacks. Alles andere wird anrüchig. Wäre darüber zu lesen, oder gar: zu singen?

Wolfram Ette

Corona 139: Die Wirklichkeit spielt keine Rolle

„Eltern dreijähriger Kinder zu zwingen, diese entweder mutterseelenallein in ein Zimmer zu sperren oder gleich ins Heim zu stecken, ist ein verabscheuungswürdiges Verbrechen, eine Grausamkeit sondergleichen! Dabei spielt es auch keine Rolle, dass bislang noch keine Fälle bekannt geworden sind, in denen Kinder tatsächlich wegen Verdacht auf Corona zwangsweise aus ihren Familien gerissen worden sind. Allein schon die bloße Tatsache, dass das Gesetz diese Möglichkeit für gewissenlose Technokraten in Amtsstuben parat hält, ist Anlass zur Sorge genug.“

Es ist die Formulierung, die den zweiten Satz einleitet, die resümiert, was man sonst nur theoretisch zu fassen vermag: die Verabschiedung von Wirklichkeit. Hier tut jemand so – nein: tut nicht nur so, sondern glaubt es wirklich –, dass man sein Kind zu verlieren droht, wenn man’s, weil krank, nicht komplett isoliere. Es wird imaginiert, die Polizei werde kommen und es in ein Heim stecken, die Eltern verlören das Sorgerecht etc. etc. Mehr noch: Die Angst steigert sich bis zu der Überzeugung, schon der bloße „Verdacht auf Corona“ bei einem Kleinkind könne zur Zerreissung der Familien durch den Staat führen. Es ist dieser Hinweis auf den Verdacht, der zeigt, was bei dem Verfasser des Textes selbst passiert. Er hat den Verdacht, man könne Eltern ihr Kind wegnehmen – und schon kippt der Verdacht in die Gewissheit, dem sei so.

Es ist also offenkundig, dass der Grad an Informiertheit ein Problem darstellt. Das, was behauptet wird, ist durch keinerlei Recherche abgesichert. Weil der, der’s für sicher hält, den Verdacht zur Selbstbestärkung nutzt, d.h. die offenbar sehr starke Angst, es könne ihm sein Kind weggenommen werden, nur in den Griff bekommt, indem er diese Angst irgendwo, fern jeder Wirklichkeit, andockt, wäre in gewisser Weise gar nicht hilfreich, ihm zu sagen, er brauche keine Angst zu haben, die Gefahr, die er sehe, sei ohne jeden Wirklichkeitsgehalt. Wenn man das sagte, würde er sich in seinem Verdacht nur bestärkt sehen, denn es muss sich doch niemand zu etwas äußern, was ohnehin selbstverständlich ist, nämlich: dass Eltern sich um ihr krankes Kind kümmern dürfen und dafür keinerlei Strafe zu gewärtigen haben. Anders formuliert: Die blosse Thematisierung der Frage, der blosse Austausch darüber – hin zu einer Korrektur – scheint, so der Eindruck, die Besessenheit der Überzeugung, es lauere Gefahr, nur verstärken zu können.

Der Autor sagt es selbst: Es spielt keine Rolle, dass die Trennung von Kind und Eltern noch nie eingetreten ist. Es ist wirklich so: Es spielt keine Rolle. Was noch nicht ist, kann noch werden – so das implizite Argument, das gestützt wird durch den Gedanken, die bloße Möglichkeit mache Sorge.

Das ist, denke ich, der zweite entscheidende Punkt. Derjenige, der hier seine Angst präsentiert, hat aus den öffentlichen Debatten einen Eindruck mitgenommen, der wirklich und wahrhaftig als zutreffend zu bezeichnen ist: Der Umgang mit Epidemien beruht darauf, Dinge zu antizipieren, die möglicherweise passieren können. Schon bestimmte Möglichkeiten können einen mit Sorge erfüllen, auch wenn noch gar nicht erwiesen ist, dass diese Möglichkeiten wirklich eintreten. So ist zum Beispiel die dänische Regierung besorgt gewesen über die Möglichkeit, dass Impfstoffe durch Mutationen des Virus in Nerzen in ihrer Wirkung geschwächt werden könnten. Sicher ist das keineswegs, aber die Möglichkeit wurde diskutiert – und entsprechend gehandelt. Es zeigt sich also, dass der, der hier spricht, mit Zukunft in Auseinandersetzung ist und sehr richtig gespürt hat, das aus Dingen, die „bloße Vermutung“ sind, sehr schnell Tatsachen werden können.

Das Problem seiner Reflexion besteht nur darin, dass er Vermutung und Tatsache sprachlich – und damit gedanklich – nicht zu trennen versteht. Er schreibt „Allein schon die bloße Tatsache, dass…“, meint aber in Wirklichkeit „Allein schon die Vermutung, dass…“ oder „Die bloße Vermutung, dass…“. Die Verdopplung der Idee, es sei das noch nicht erwiesen – die Wendung „Allein schon“ wird kombiniert mit dem Adjektiv „bloß“ – wird in eine Tatsache umgemünzt. Aus dem Verdacht wird eine Tatsache gemacht, der Charakter der Vermutung gleichsam vor der Zeit – nämlich vor dem Beweis – ausgehebelt. Der von Angst Erfüllte eilt sich selbst und den Wirklichkeiten voraus, er erklärt schon für tatsächlich, was er gerade noch als bloße Vermutung erkannt hatte. Aber erkannt hatte er’s eben doch nicht, denn schon das „bloße“ Gefühl, es könne dem eigenen Kind etwas geschehen, reicht aus, um sich zu sagen, das Gefühl sei doch sehr wohl wahr und wirklich, als müsse die Wirklichkeit und Dringlichkeit desselben auch als Wirklichkeit anerkannt werden.

„In Wirklichkeit“ (wenn ich dieses Wort denn überhaupt noch bemühen darf) spricht aus der kurzen Passage ein schlechtes Gewissen. Der Schreiber hält Corona nicht für real, verhält sich entsprechend – nämlich widersetzlich –, glaubt aber (weil irgendwo, versteckt, stark autoritätsgläubig), die Strafe werde ihn (oder, schlimmer noch: sein Kind) ereilen. Das heißt: Die Krankheit wird negiert, aber die Angst, das eigene Kind könne krank werden, macht sich trotzdem geltend. Und weil das nicht zugegeben werden kann, wird gesagt, man werde bestraft werden für ein Verhalten, das man gar nicht hat (denn das eigene Kind ist ja noch nicht krank). Das Vermutete – erneut: der „bloße Verdacht“ –, es könne krank werden, wird den anderen (hier dem Staat) als Schuld in die Schuhe geschoben, weil eben eine Gesetzgebung vermutet wird, die es zwar auch nicht gibt, die aber vom Schuldbesessenen imaginiert wird: Man werde ihn von seinem kranken Kind trennen.

In gewisser Weise beruht also das gesamte Phantasma auf der „bloßen Tatsache“, dass da jemand irgendwie doch Angst vor der Krankheit hat, es aber nicht vor sich zugeben mag: denn dann würde er sich – im Wortsinn – „bloß stellen“ mit dieser Häufung des Wortes „bloß“, das ihn ebensowenig loslässt, wie er den Wunsch, die Zukunft komplett kontrollieren zu können, loslassen kann.

Wenn man’s recht bedenkt, ist der, von dem die Zeilen stammen, ein mitleiderregender Mensch. Er erlebt etwas, was wir alle erleben: das Gefühl, dass die Grenzen zwischen Möglichem und Wirklichen verschwimmen, dass wir uns permanent neu zu orientieren haben, dass vieles nicht mehr sicher ist, dass der „bloße Verdacht“ plötzlich nicht nur ein Verdacht ist oder umgekehrt das, was wir für wirklich hielten, nicht mehr als gültig anerkannt werden kann.

Welch grosse Verwirrung! Welch ungeheure emotionale wie intellektuelle Herausforderung! Es entspricht die jetzige Situation, so kommt mir der Verdacht, einem Erlebnis, in dem die „Corona-Leugner“ und die „Leugner-Leugner“ nicht mehr gar so klar und abgegrenzt gegeneinander stehen, wie ich das bisher vermutete, nein mehr : als „meine Wirklichkeit“ setzte. Es bestehen schon Verbindungen, gerade auch in dieser ganz existentiellen Angst um die Kinder. Aber gleichzeitig ist gerade das paradox, denn die Kinder werden von den „Leugnern“ (den wirklichen) ja stets benutzt, um zu sagen, das Ansteckungsrisiko existiere gar nicht.

Aber was ist oder nicht ist, ist eben – da hat der zitierte Text schon recht – gar nicht das Entscheidende. Es sind die Aushandlungen darüber. Es kommt auf die Wirklichkeit nicht wirklich an. Sie spielt keine Rolle. Eine Rolle spielt bloß das, was wir aus ihr machen, auf blauen Dunst oder ohne.

Anne Peiter

Zwangsisolierung und Entzug kleiner Kinder bei Coronaverdacht? Jetzt reichts! – PatriotPetition.org

Corona 138: Traumfabrik Wirklichkeit

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
           Karl Kraus

Kinder Kinder

Die einen regen sich darüber auf, dass der Staat mit Wasserwerfern gegen Kinder in der Demonstration vorgehe, die anderen, dass Kinder als menschliche Schutzschilde missbraucht würden. Die Polizei wiederum entschließt sich, nicht mit harten Strahl gegen die Demonstrierenden vorzugehen. „Tatsächlich“ aber befanden sich nur wenige Kinder in der Demonstration, und schon gar nicht in der ersten Reihe. Was heißt „tatsächlich“? Wenn es stimmt, wie es die taz berichtet, stellt sich die Frage, warum die Polizei die Wasserwerfer nur zum Beregnen der Menge und mit geringem Erfolg eingesetzt hat. Hatte sie Angst davor, dadurch doch ein Kind zu verletzen? Oder davor, dass das kolportiert und im Netz verbreitet werden könnte – unabhängig davon, ob wirklich ein Kind zu Schaden gekommen sei? Genügte die Drohung damit, in Echtzeit in den sozialen Medien zu lesen, sie, die Polizei, habe es in Kauf genommen, dass Kinder zu Schaden kämen? Hat die bloße Möglichkeit genügt, den vollen Einsatz der Wasserwerfer zu verhindern, für den sie eigentlich gebaut sind, so dass es immerhin ein seltsames, unwirklich scheinen des Schauspiel abgab, diese monströsen Panzer friedlich zwischen den sie umstehenden Menschen zu sehen, auf die sie Wasser versprühten? Schwerter zu Pflugscharen, Wasserwerfer zu Berieselungsanlagen?

Ich habe nicht vor, das zu beurteilen. Ich habe in dieser Frage keine Meinung. Aber mich interessiert das Wirklichkeitsproblem. Für die Entscheidung der Polizei ist es nicht erheblich, ob und wieviel Kinder sich in der demonstrierenden Menge befanden. Es reicht, dass davon geredet wird, ja vielleicht reicht es schon, dass davon geredet werden könnte. Diese Logik ist wiederum Grund genug, das Reden über Kinder in der Menge vorgreifend in Umlauf zu bringen, und damit die Wasserwerfer in Schach zu halten.

Es ist zu kurz gegriffen, der Polizei in Leipzig oder Berlin eine zu große Nachgiebigkeit gegenüber den demonstrierenden Vorzug – vielleicht sogar klammheimliche Sympathie. So klagen die Linken und vielleicht haben Sie recht. Aber es vereinfacht das Problem und benutzt dafür selber den verstümmelten Rest eines verschwörungstheoretischen Arguments: einen komplexen Systemprozess nämlich, der sich vor allem über Akte der Kommunikation vollzieht, auf einen bösen Willen zurückzuführen. Im Extremfall ist Kommunikation, wie Hegel das so schön formuliert hat, die Vermittlung von nichts mit nichts«. Daraus entsteht aber etwas. In weniger extremen Fällen sind es Mücke und Elefant, die in der einen oder der anderen Richtung auseinander hervorgehen.

Filmen filmen

I

Jemand filmt, wie jemand Peter Altmeier filmt. Die Frau, die Peter Altmeier filmt, befindet sich unberechtigter Weise im Deutschen Bundestag. Sie filmt Altmeier auf dem Gang, dann, wie er den Fahrstuhl betritt. Wir sehen sie hauptsächlich nur in der Rückansicht, aufgenommen von der zweiten Person, die sie und Peter Altmaier filmt. Sie sind offenbar ein Team, „Will Herr Altmaier nichts sagen? Das ist schade“ ertönt es am Anfang aus dem Off. Die Frau antwortet etwas zunächst Unverständliches, am Ende hört man:«Er hat kein Gewissen«. Das Reden über Altmaier hat den erwünschten Effekt, ihn zu provozieren. A. sagt sinngemäß, er sei gewählter Bundestagsabgeordneter und seinen Wählerinnen und Wählern gegenüber verantwortlich. „Und meine Wählerinnen und Wähler möchten, dass ich hier zustimme. „Die Frau fragt ihn, ob er denn wisse, wer seine Wähler seien. Altmaier: „Sie“– gemeint ist das Filmteam bzw. diejenigen, die sie vertreten, „sind eine kleine Minderheit“. Die beiden streiten sich über das Gewissen, A. sagt, er habe ein „freies“, die Frau meint, er habe keines und feuert ihm dann, nachdem die Fahrstuhltür sich geschlossen hat, einige Beschimpfungen hinterher.

Über die Frau wird dann viel gesprochen. Sie soll einmal zur Flüchtlingshelfer-Szene zugehört haben, sich dann zunehmend rechten Positionen genähert haben. Der Autor des Films, der dann im Internet zirkuliert, war einmal Banker, sein Buch „Kontrollverlust“, das während der Flüchtlingskrise entstand, führte 2017 eine Zeitlang die Sachbuchliste des Spiegel an.

Es erinnert an ein Computerspiel. Der Gamer ist aufgespalten in zwei Figuren, die zwei Erscheinungsformen seiner selbst, Nummer 1, der vor der Konsole sitzt und Nummer 2, die Spielfigur, den Avatar, von der man meist nicht viel mehr als die Rückansicht sieht. Sie ist das Instrument, auf dem der Gamer spielt, die von ihm vorgeschobene und designte, von ihm gesteuerte und verfolgte Figur.

Die Szene ist total langweilig, die Provokation harmlos, der Streitwert klein. Hat Altmaier ein Gewissen und wenn ja, was für eines? Vertreten er oder die Eindringlinge eine gesellschaftliche Mehrheit? Alles unbeantwortbare Fragen, auf dem Weg zum Fahrstuhl. Aber das Video zeigt den formalen Vorgang, durch den Wirklichkeit entsteht. Es macht den Blick frei für verwandte Phänomene: Menschen, die ihr Handy vor sich halten und langsam auf den Polizeikontrollen zu gehen. Logischerweise gibt es andere, die das filmen. Hielte die Frau nicht ihr Telefon wie eine Montranz vor sich, sähen wir nicht ihren blau flimmernden Kleinbildschirm, auf dem sich Altmaier befindet, in viel besserer Qualität als in dem Video zweiter Ordnung, das im Internet zirkulierte, so wäre alles weniger echt, weniger wirklich. Filmen filmen ist ein Modus der Realitätsproduktion.

II

Vor dem Fahrstuhl, im Inneren des Bundestags, filmt eine Frau, die sich über Tricks Einlass verschafft hat, den Abgeordneten Peter Altmeier. Sie wird ihrerseits beim Filmen gefilmt, denn dass sie selbst ein Handy hat, ist nichts weiter als das Accessoires eines Theaterstücks, auf das sie sich hat vorbereiten können – und der Abgeordnete nicht.

Der zweite Filmende, hinter ihr, ist nötig, um den Raum vor dem Fahrstuhl wirklich zur Bühne zu machen. Er – der Filmende – ist das Publikum, durch das die Interaktion zwischen der Frau und dem von ihr Angegriffenen überhaupt zu einem Spekakel wird. Ohne Beobachter, ohne Zeugen kein Theater. Der entscheidende Mann ist also der, den man nicht sieht. Entscheidend ist der blinde Punkt: er. Der blinde Punkt ist die Voraussetzung dafür, dass das anvisierte Publikum – draußen – mit Bildern versorgt werden, d.h. seinerseits nicht blind bleibt wird.

Dieser Mechanismus gilt gleich zweifach: Erstens weil der filmende Mann schon selbst Publikum ist. Zweitens aber weil er die Voraussetzung der Möglichkeit von Publikum in der Zeit nach dem Spektakel darstellt. Dadurch, dass er filmt, wird er später seinen Film ins Internet stellen und so seine eigene Rolle des Zuschauers zu einer Einladung an andere machen können, man möge sich jetzt selbst in die Rolle der Zuschauer begeben. Der Film ist da, man muss sich nur anschauen, was im Bundestag dem Abgeordneten Peter Altmeier geschah. Die Zuschauerschaft wächst, und man hofft natürlich: ins Unabsehbare.

Nun könnte man einwenden, dass das Handy der Frau dafür schon ausgereicht hätte: Auch sie filmt ja. Das heißt: Die Überraschung des Abgeordneten, sein Versuch, auf sie einzugehen, ihr zu erwidern – dies jedoch entsprechend der Logik der Fragen und Anklagen, die ihm vorgelegt wurden –, ist auch auf ihrem Handy dokumentiert worden. Ihr Handy war die Waffe, die sie gegen ihn zückte. Nicht um ihn sofort zur Strecke zu bringen, doch später, wenn sie den Film, den sie von ihm machte, Anderen, Gleichgesinnten würde zeigen können. Immer wieder kommt dieses Moment zum Vorschein: Es ist alles für später. Hier muss etwas passieren, doch nie für das Hier, nicht für diesen Augenblick, vielmehr immer nur für das Später. Es liegt also völlig in der Ordnung der Dinge, dass ein wirklicher Austausch zwischen Altmeier und der Demonstrantin nicht zustande kam.

Doch das reicht nicht. Es reicht nicht, dass die Frau dokumentiert, was sie tut. Denn der Film der Frau hätte zwar noch ihre eigene Stimme enthalten, nicht aber mehr dieses körperliche Gegeneinander zwischen dem Abgeordneten und ihr selbst. Entscheidend ist dies: dass das Handy der Frau nicht nur filmte, sondern seinerseits gefilmt wurde, damit es als Waffe mit ins Bild treten konnte. Wenn das Handy nur gefilmt hätte, wäre es zwar aktiv gewesen, d.h. hätte Bilder produziert, doch es wäre die Produktion der Bilder nicht selbst Bild geworden, und darauf kam es an. Ihrem Handy wäre das passiert, was jetzt auf einer Ebene zweiten Grades dem Handy des Mannes passierte: Es wäre selbst der blinde Punkt gewesen, zu dessen Vermeidung all diese Vorkehrungen und Verdopplungen der Punkte, der blinden, getroffen worden waren.

Die Angst vor dem blinden Punkt hat augenscheinlich auch mit der Antizipation einer Möglichkeit zu tun, die dann erstaunlicherweise gar nicht eingetreten ist. Die Frau hätte, weil sie ausfällig und aggressiv wurde und sich keineswegs dem Besuchscode entsprechend verhielt, den die Würde des Ortes verlangte, leicht beim Filmen gestoppt werden können. Und das wusste sie. Sie kam eigens, um Regeln zu versetzen. Das war das Ziel. Wenn sie von einem Security-Mann des Bundestags dazu gebracht worden wäre, ihr eigenes Handy wegzulegen oder dieses gar abzugeben, wäre die in Gang befindliche Produktion von Bildern über den Abgeordneten unmöglich geworden. Die Verdopplung des Filmens entspricht also einer doppelten Vorsicht: Wenn sie nicht mehr würde filmen können, würde der hinter ihr weiterfilmen. Und vorsichtshalber filmte er schon da, als auch sie – vollkommen ungehindert – filmen konnte. Auch das umgekehrte Szenario war denkbar: Wenn man ihn hindern würde, würde sie umgekehrt ihre Kamera auf ihn schwenken und das Hindern filmen können.

Die ausgebliebene Unterbrechung entspricht der Enttäuschung einer Hoffnung. Die Verdopplung des Filmens zeugt unterschwellig von dem Wunsch, man werde in der Lage sein, zu filmen, dass man beim Filmen unterbrochen wurde. Das heißt: Das, was Wolfram Ette analysiert hat in Bezug auf die Präsenz der Kinder bei der Demo, steckt auch in der Szene, die sich im Bundestag abspielte. Mit den eigenen Grenzverletzungen – denen der Frau und des Mannes – hoffte man, auf der „Gegenseite“ Reaktionen provozieren können, die sich in den schon bereitliegenden Interpretationsrahmen einfügen würden: „Seht, man hat uns am Filmen gehindert. Seht, wie unfrei es im Bundestag zugeht. Seht, wie man unsere Handys blind gemacht hat.“

In dieser Hinsicht ist die Tatsache, dass das Filmen der Frau andauern konnte, bis das eigentliche Objekt ihres Films – nämlich der Abgeordnete – im Fahrstuhl verschwunden war, in gewisser Weise ein Punkt für den Verschwundenen selbst. Er war hilflos, er reagierte auf das Unvorhergesehene, so gut er konnte – aggressiv war er nicht, Wächter traten nicht in Erscheinung, von Diktatur und autoritärer Ordnungsmacht keine Spur. Das Bildmaterial bleibt entsprechend blass. Keine Handgreiflichkeiten, keine uniformierten Akteure, kein Gerenne, keine Hand, die sich gebieterisch vor die eine oder andere Kamera geschoben hätte. Vielmehr nur die Fahrstuhltür – gläsern –, die sich schließt, der Abgeordnete, der nach oben aus dem Gesichts- und Filmfeld verschwindet. Unspektakulär.

Und doch ist durch die bloße Präsenz der beiden Filmenden im Bundestag die Frage nach den Punkten eindeutig zu beantworten. Vor einigen Wochen war man bis auf die Treppen des Bundestags gelangt und erst dann aufgehalten worden. Jetzt hat man es bis ganz hinein geschafft und auch noch Bilder davon mitgebracht. Und die zu allem Überfluss – man ist ja auf Unabsehbarkeit aus – gleich in Dopplung. Es geht also um die permanente Verschiebung des blinden Punktes, immer tiefer hinein in die Symbolik der Demokratie, immer tiefer hinein in ihr Fleisch, das erst nur geritzt, dieses Mal aber – wenn auch nicht tief – aufgeschlitzt worden ist: Die beiden Filmenden waren im Bundestagsgebäude, nicht nur auf seiner Treppe. Das zeigt der Film in kompletter Eindeutigkeit. Der Rest – die Inhalte, der verbale Austausch – sind nicht einmal zweitrangig. Sie sind die bloß zufällige Beigabe von etwas, was jenseits jedes Inhalts stand: Man wollte zeigen, dass man’s hinein geschafft hatte. Man wollte zeigen, dass man filmen konnte. Was? das war neben der Tatsächlichkeit des „dass“ von größter Leere.

Es ist also in gewisser Weise ganz uninteressant, sich diesen Film anzusehen. Er bietet nicht mehr als nichts. Aber gerade dieses Nichts ist „es“. Die Verletzlichkeit des Bundestags ist, weil Nichtigstes in Form von Bildern wieder hinauswandern konnten zu den Anderen, zur Masse, zu den Wartenden, die auch gern gleich eingedrungen wären oder aber – später dann – eindringen werden, dann aber mit der Gewalt der Vielen und der Hemmungslosigkeit der schieren Überzahl – die Verletzlichkeit, sage ich, ist qua Bild haptisch geworden. Die Nichtigkeit in den Bundestag tragen, sie als Bild wieder hinauszutragen, sie zu vervielfältigen, sie „unter die Leute zu bringen“, das bedeutet, auszutesten, was möglich ist, wie weit sich die Grenzen schon verschieben lassen.

Und dies durch zwei bloße Handys, durch zwei bloße Eindringlinge, von denen der eine noch nicht einmal ein einziges Wort sagt, und die andere nur Sätze, die erst dann zu verstehen sind, wenn man sich die Mühe macht, sie sich mehrfach anzuhören. Doch darauf kommt es, wie gesagt, gar nicht an. Die Mühe kann man sich sparen. Die Existenz der Nichtigkeiten selbst sprengt ihren eigenen Charakter und macht sie zu etwas symbolisch Bedeutsamem: Ein Abgeordneter des Bundestags ist überrumpelt worden. Also die Demokratie. Also schon wieder, nicht nur auf der Treppe, sondern jetzt schon in ihrem Inneren.

Wolfram Ette: Kinder Kinder, Filmen filmen I
Anne Peiter: Filmen filmen II

https://taz.de/Polizeieinsatz-gegen-Coronaleugner/!5725717/

https://twitter.com/deltamikeplus/status/1329041013789384704

Corona 137: „Verschwörungs-Leugner“

Es gibt das Wort „Verschwörungstheoretiker“. Es pflegt zur Zeit als Synonym für das Wort „Corona-Gegner“ benutzt zu werden. Ein „Corona-Gegner“ ist jemand, der sich die Welt zurecht legt, um sagen zu können, der Virus existiere nicht. Oder wenn er denn doch existiert – bei bestimmten „Theorie“-Varianten wird das mit weit aufgerissenen Augen zuerkannt –, dann im Interesse der Machtspiele einer kleinen, verschworenen Elite, deren Ziel darin bestehe, einen Großteil der Menschheit auszulöschen.

Leugnen bedeutet: etwas abstreiten; behaupten, dass etwas nicht zutrifft; Offenkundiges als unwahr hinstellen. Etymologisch weist das Verb Verbindungen zum „Lügen“ auf. Das Leugnen ist aber nicht von der gleichen Eindeutigkeit wie dieses. Während ein Lügner sehr wohl weiß, dass nicht wahr ist, was er sagt, sind Leugner sich zwar des Widerstands bewusst, gegen den sie mit ihren Behauptungen stehen, doch subjektiv ist ihnen eine Form von tiefer Ehrlichkeit zuzuerkennen: Sie glauben, was sie sagen, und jedes „bessere“ Wissen, das sie vielleicht irgendwie doch haben, sieht sich wirklich und nicht nur als Finte zum Schweigen gebracht.

Die Vehemenz, mit der jedes Gegenargument vom Tisch gewischt zu werden pflegt, zeigt an, dass die Leugnung von einer besonderen Energie unterspült ist. Man zweifelt nicht nur an der Richtigkeit der Position des Anderen, man zweifelt sie nicht allein an. Vielmehr geht die Leugnung mit großer Entschiedenheit zu Werke. Sie ist aktiv, sucht das Gegenüber, quasi missionarisch – eben als Glaube, d.h. als gesteigertes, durch höhere Weihen zuerkanntes, mithin exklusives Wissen, das sich aus den Niederungen der Herkömmlichkeiten erhebt und paradoxerweise gerade dadurch neue, große Gemeinschaften – den Orgasmus der Zugehörigkeit – stiftet.

Wir befinden uns in einer Situation, in der das, was die Corona-Leugner leugnen, seinerseits einer heftigen Kritik unterzogen wird. Es wäre falsch, zu sagen, die Kritiker der „Corona-Leugner“ leugneten deren Positionen. Würde man das Verb „leugnen“ benutzen, wäre impliziert, dass die Positionen der „Corona-Leugner“ einer objektiv überprüfbaren Wirklichkeit entsprechen. Doch da die „Corona-Leugner“ der Überzeugung sind, ihre Position sei die einzig richtige, ist nur folgerichtig, dass aus ihrer Perspektive die Kritik der „Corona-Gegner“-Gegner einer Leugnung gleichkommt. Weil man selbst als Leugner erscheint, bezichtigt man den jeweils anderen als eben diesen. Das Ziel besteht darin, sich des Verdikts, man leugne, zu entledigen und das Wort ganz aus dem eigenen Feld hinauszukicken. Es gibt also eine Leugnungs-Leugnung, die auf eine Annulierung des Wortes Leugnung selbst hinausläuft. Eine Leugnung freilich von großer Einseitigkeit: Leugnung, die ist als Wort stets nur für den anderen.

Insofern ist eine Formulierung wie „Corona-Leugner-Leugner“ durchaus logisch. Die Leugnung der Leugnung wird etwas, was sich sprachlich in einem einzigen Wort verdichtet, also Sache wird. So stieß ich gerade auf das – wirklich – atemberaubend schöne Wort „Verschwörungs-Leugner“. Wie funktioniert das, was augenscheinlich auf Beschimpfung hin angelegt ist, d.h. als Retourkutsche eines „Wie-du-mir-so-ich-dir“?

Man geht aus von dem, was feststeht. Man sucht mit den Füßen Halt auf sicherem Boden, verhakt sich in ihm. Der sichere Boden ist die Verschwörung. Diese ist der Grund jeder weiteren Wirklichkeit. Alles nimmt von der Verschwörung seinen Ausgang. Der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn man des sicheren Wissens über etwas teilhaftig wird, was per definitionem gänzlich unsicher ist. Verschwörungen sind ja Geheimbünde, die das, was sie tun, zu verbergen trachten. Sie arbeiten mit Leugnung, wenn man ihr Tun entdeckt, sie sind so gut wie möglich bemüht, ihre bloße Existenz nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen.

Die „Corona-Gegner“ haben also alle Hände voll zu tun. Aber gerade weil so schwierig und aufreibend ist, an die Informationen zu kommen, die belegen, dass die Verschwörung wirklich den gesamten Planeten ergriffen hat, wird die Verschwörung zum Anker wie zum Ausgangspunkt aller Reflexion. Das heißt: Das Unsichere ist das einzig Sichere, Verschwörungen und Geheimnisse das einzige, was auf keinen Fall geleugnet werden kann. Alles andere hingegen – alle öffentliche Diskussion über die Epidemie, alle Forschung, alle Berichte von ÄrztInnen, Krankenschwestern, Kranken oder Hinterbliebenen, aller Rat von Experten – verfällt dem Verdikt, schiere Behauptung zu sein, d.h. das Geheimnis zu leugnen. Etwas muss schon aus dem Grunde falsch sein, weil es öffentlich ist; das ›Wahre‹, das, was die Dinge zusammenhält und bestimmt kann nicht anders als nichtöffentlich und somit geheim sein.

„Verschwörungs-Leugner“ ist darum ein so geniales Wort, weil es verkürzt, was verkürzt gehört. Die „Verschwörungs-Leugner“ zeigten, Geheimnissen abhold zu sein, unkritisch zu denken, sich den „Staatsmedien“ zu unterwerfen, die Erkenntnischancen, die im Unbekannten lägen, nicht zu nutzen. Ihnen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie die verführerische Macht des Vagen nicht zu goutieren vermögen. Sie werden gebrandmarkt als Faktenhuber, die sich nicht unabhängig zu machen verstünden von dem, was nachweisbar ist.

Das Wort „Leugnung“ erfährt eine vollkommen neue, aufregende Bedeutung. Ein „Leugner“ wäre plötzlich jemand, der etwas abstreitet, was in der Tat strittig ist; der behauptet, dass etwas, was nicht zutrifft, nicht zutrifft; der unkorrigierbar darauf besteht, das Offenkundige sei offenkundig und nicht unwahr. Ein „Leugner“ der neuen Sorte weigert sich hartnäckig, sich mit dem zu beschäftigen, was zur Lüge würde, wenn er wider besseren Wissens behaupten würde, es sei Wirklichkeit.

Als Leugner der Leugnung weiß er, dass vieles unsicher ist, Realität permanent im Fluss – da Ergebnis von Interpretationen und Anpassungsversuchen an Gegebenes – bleibt. Aber das Changierende, vielfach auch Unsichere des Wissens kommt eben bei den Leugnern, die keine sein wollen – den „Corona-Gegnern“ –, nicht vor. Sie wollen Festigkeit, Sicherheit und brauchen dafür das gänzlich Ungesicherte, das sie den unsicheren Zeiten mit Verve entgegenhalten können.

Zu sagen, diejenigen, die die „Corona-Gegner“ als Leugner darstellten, seien selbst Leugner, läuft eigentlich (eigentlich im Wortsinn verstanden) darauf hinaus, die Brust vorzustrecken, sie stolz zum Schwellen zu bringen, zeigend auf die einzig konkrete, einzig sichere, einzig erfreuliche Erfahrung, nämlich die: dass man selbst Teil verschwörerischer Übereinkunft mit anderen ist. Das heißt wiederum mit Blick auf das Wort „Verschwörungs-Leugner“: „Ihr leugnet uns, ihr leugnet uns als Verschwörer, ihr leugnet, wie weit wir auf dem Weg der Verbreitung eines Geheimwissens schon vorangeschritten sind.“

Nein-nein, kann man da nur noch murmeln. Wir leugnen gar nichts. Wir, die „Corona-Gegner“-Gegner, d.h. Leugnungs-Leugner oder Lügen-Lügner, wir, diese eingefleischten und gleichzeitig doch gar so arg von Zweifeln und allerlei Widersprüchen geplagten Verteidiger des Begriffs „Wirklichkeit“, haben längst begriffen, dass, die Verschwörungen zu leugnen, ein großer Fehler wäre. Es gibt sie ja! Es gibt sie längst! Nicht zwar in dem Sinne, den die „Corona-Gegner“ meinen – nämlich als eine Realität, die außerhalb ihrer Zirkel existiert. Doch als Realität dieser Zirkel selbst ist das Verschwörerische selbstverständlich sehr handfest, sehr folgen- und einflussreich.

Die Verschwörung in diesem Sinne ist eine Realität, das leugnet niemand. Und die Gefahr der Leugner, die „gegen Corona“ sind, besteht darin, dass sie das sehr wohl wissen. Das ist ihr einzig, wirklich sicheres, von niemandem – noch nicht einmal von ihren Leugnern – geleugnetes Wissen. Was sie allerdings nicht wissen – und was sie daher auch leugnen würden – ist, dass sie einerseits erbost sind darüber, dass die Leugnungs-Leugner das Angebot, an der Kommunion des Geheimen teil zu haben, nicht annehmen. Andererseits sind sie darüber erleichtert, denn Widerstand stärkt, wie wohl bekannt, die Kohäsion des Geheimbundes selbst, der so geheim gar nicht ist. In diesem Sinne ist die Leugnung der Leugnung der Sprit, der den Geist der Leugnung am Leben hält, ihn befeuert, ihm Luft zuführt für einen neuen, frischen Atem, für neue Attacken, bis denn vielleicht einigen Einzelnen doch der Atem ausgeht – weil der Husten, der aus der Wirklichkeit über ihr Glück hineinbricht, ihn ihnen nimmt.

Anne Peiter

Corona 136: Das Bett

In mancher Hinsicht ist Video #2 noch aufschlussreicher als das erste. Denn es stellt nicht den alleine Lebenden ins Zentrum, sondern das Paar. ›Der Mensch ist nur zu zweit‹: und wenn es sich bei dieser Zweierbeziehung um eine interkulturelle handelt, die quer über den Globus verläuft, so ist wohl alles modern und in Ordnung.

Zwei Dinge irritierend freilich auch hier: die Abwesenheit von Sexualität und die Abwesenheit von Kindern. Man sieht ein zerwühltes Bett und in Analogie zu »wir waren faul wie die Waschbären« könnte man sich, um ihr Tierbereich zu bleiben, ein »wir vögelten wie die Karnickel« vorstellen. Stattdessen liegen sie züchtig nebeneinander, zwischen sich die Packung KFC-Nuggets. Essen ist der Sex des Alters; klar, aber mit 22? Das wäre doch – naja – auch irgendwie vital und lebensbejahend gegenüber dem Cocktail aus Faulenzerei, Fressen und Zocken (in #3), die als Inbegriff modernen Heldentums gefeiert werden. Mit Ironie? Gewiss. Aber die Ironie ist nur Lizenz; ein Mittel, das Unsagbaren im Modus uneigentlicher Rede die Auftrittserlaubnis zu erteilen. Mit dieser Prüderie verglichen ist Xavier de Maistre ein Libertin, wenn er zum selben Thema schrieb:

„Ein Bett sieht uns zur Welt kommen und es sieht uns sterben. Es ist die veränderliche Bühne, auf der die Menschheit abwechselnd interessante Dramen, lächerliche Streiche und entsetzliche Tragödien spielt. – Es ist eine Wiege mit Blumen; – es ist der Thron der Liebe; – es ist ein Grab.“ (→ Corona 34: Gegen Langeweile)

Nope, kein Sex. Wie man weiß, entstehen daraus öfters Kinder. Deswegen gibt’s auch keine Kinder. Ich erwarte nicht, dass sie bei einem Paar dieses Alters durch den Bildschirm laufen. Ich wohne ja auch nicht mehr bei meinen Eltern. Aber irgendein Hinweis, irgend eine Anspielung, ein Kinderfoto oder eine Kinderzeichnung an der Wand … nichts. Offensichtlich haben die beiden keine Kinder und wenn sich ihre Intimitäten auf den gemeinsamen Verzehr der Nuggets beschränkt haben sollten, so ist das auch nicht verwunderlich.

Der Eindruck der Geschichtslosigkeit, dieses zähe und, wie es scheint, unendlich dehnbaren Band, das zwischen den Fifties des 20. und den Seventies des 21. Jahrhunderts gespannt wurde, wird dadurch geradezu erstickend. Kinder sind der Elementarbegriff, die Basis von Geschichte. In Generationskonflikten merken wir handgreiflich, dass IRGENDWAS PASSIERT IST: The Times, they are a-changin’. Wenn klar geworden ist, dass die klimatischen Prozesse außer Kontrolle geraten sind, steht uns ein Generationskonflikt bevor, mit dem verglichen 1968 ein Kindergeburtstag war. Aber auch umgekehrt: Durch meine Kinder habe ich Dinge kennen gelernt und Erfahrungen gemacht, die mir sonst verschlossen geblieben wären – einfach aufgrund meines Alters. Die Generationenfolge ist so etwas wie der Grundbaustein, auf dem jede höhergestufte Geschichtsbetrachtung beruht.

Und wenn sie fehlt – ja, dann stellt eben dies Gefühl des absoluten Stillstands sich ein, der Unwandelbarkeit und Unanfechtbarkeit in der Zeit, in der – Video #1 – sich sogar das Brillenmodell unseres Waschbären und Helden der Faulheit über die Jahrzehnte gleich geblieben ist.

Wolfram Ette

Corona 135: Idealismus

Besonders sind die
die noch immer nicht glauben

dass es den Virus gibt
die dich anschreien

um ein Wundermittel
und dass Biden die USA zerstört

während sie nach Atem ringen
unter Vapotherm Nasenbeatmung

sie sagen es muss einen anderen
Grund für die Krankheit geben

beschimpfen dich und fragen
warum du dieses „Zeugs“ tragen musst

weil sie COViD nicht haben
weil es nicht real ist

Diese Menschen denken wirklich
es wird nicht passieren

SIE HÖREN AUF DICH ANZUSCHREIEN
WENN SIE INTUBIERT WERDEN

wie ein beschissener Horrorfilm
die nie aufhört

du kehrst zurück
machst es immer wieder


The ones that stick out
those who still don’t believe

the virus is real
The ones who scream at you

for magic medicine
and that Joe Biden is going to ruin the USA

All while gasping for breath
on 100% Vapotherm

They tell you there must be
another reason they are sick

They call you names and ask
why you have to wear all that “stuff”

because they don’t have COViD
because it’s not real.

These people really think
this isn’t going to happen to them.

THEY STOP YELLING AT YOU
WHEN THEY GET INTUBATED

It’s like a fucking horror movie
that never ends

You just go back
do it all over again

Jodi Doering
Bearbeitung: Wolfram Ette / Anne Peiter

https://twitter.com/JodiDoering/status/1327771329555292162

Corona 134: Die Stehlampe

Ist schon irgendwie ok. Kann man machen. Es ist zwar auch peinlich, wie es meistens peinlich ist, wenn deutsche Politik humorvoll sein will und dafür auch noch auf die neuen Medien zurückgreift – siehe die schnell zurückgezogene Gegenkampagne zu Rezos ‚Zerstört die CDU‘-Video. Aber ok. „Faul wie die Waschbären“ – ja, das ist nett, klingt irgendwie sympathisch amerikanisch, modern und bodenständig zugleich, wie der Ausklang einer spannenden Serie.

Aber eines alarmiert mich: die Stehlampe. Diese mit rosa Tüllstoff überzogene Stehlampe, die hinter dem alt gewordenen Helden von damals zu sehen ist. Dieses Gebilde aus den Fünfzigern, das matt und Vertrauen erweckend hinter dem kahlen Schädel von Anton Lehmann schimmert.

Hat man sich daran erst einmal fest gesehen, so bemerkt man, dass sich fast alles in diesem Video aus Reminiszenzen an diese Zeit zusammensetzt. Die Zukunft, aus der dieser Mann zurückblickt, war schon mal da – es war unsere Vergangenheit, es war das Jahrzehnt einer nach dem Verheerungen eines angefangenen und verlorenen Krieges sich langsam konsolidierenden gesellschaftlichen Situation, in der noch immer Mangel herrschte, es aber unaufhaltsam aufwärts ging.

Jeder kennt dieses Mobiliar, diese Accessoires einer lange vergangenen Gemütlichkeit, die mir immer etwas unheimlich war. Etwas vom Schrecken des Nationalsozialismus schien mir darin weiterzuleben; aus der Formel „Brutalität plus Gemütlichkeit“, auf die Klaus Heinrich den Nationalsozialismus gebracht hat, war die Brutalität scheinbar entfernt worden – und doch wirkte sie unsichtbar im Plüsch und milden Licht der Kneipen und Wohnzimmern weiter, in denen man den U-Boot-Krieg feierte und Kinder verprügelte. Es gab diese Gemütlichkeit wahrhaftig nicht nur in den Fünfzigern; es gibt sie bis heute in den Wohnungen alter Menschen, die von diesem Jahrzehnt geprägt wurden.

Das ist das Versprechen, das ist die diesem Video zugrundeliegende Ideologie: Back to the Fifties. Zurück in die Behaglichkeit eines postkatastrophalen Zeitalters, worin es sich bescheiden, aber gesichert leben lässt und das Versprechen des Fortschritts, an das heute niemand mehr glaubt, noch intakt ist. Wir erinnern uns an Merkels Rede vom 18. März: seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“.1 Das ist der historische Zusammenhang, auf den wir schon wieder eingeschworen werden. Zurück in die Zukunft eines überstandenen Krieges, nein nicht irgend eines Krieges, sondern ‚unseres‘ WK zwo.

Wie wenig, wie erschüttend wenig auch dieser nicht als Verbrechen, sondern als Schicksal empfunden wird: auch das zeigt dieser Film. „Das Schicksal meinte es anders mit uns“. Denn es schickte den jungen Maschinenbauer aus Chemnitz mitsamt seinem Generationsgenossinnen und -genossen an die Front, das heißt, auf die Couch. In die Hände gespuckt und Netflix geguckt! Die aktuelle Erscheinungsform derer, die vor den Bomben in die Bunker flüchteten, später dann der Trümmerfrauen und Wiederaufbau-Helden, ist der Couch-Potato, der totale digitale Konsument; gleichzeitig aber auch beurlaubte Maschinenbauer aus einer traditionsreichen Industriestadt2, der darauf brennt, wieder aus seinem Loch heraus zu kriechen und das darniederliegende Land aufzurichten.

Darauf kommt es an. Wir trotzdem dem Schicksal, damals wie heute, im Namen einer in die Ewigkeit projizierten postkatastrophalen Spießigkeit. Krisen und Kriege, Geschichte überhaupt – all das ist eine gleichförmige Wellenbewegung, ein Auf und Ab, an dessen Ende aber immer und in jedem Fall die behagliche Wohnzimmereinrichtung steht, mit einem Sessel, in dem es sich gut sitzen lässt und einer Stehlampe im Hintergrund, deren milder Schein ein ewiges Licht auf die Geschichte einer Menschheit wirft, die sich auf ihren Untergang zubewegt.

Wolfram Ette

Anmerkungen

1 Siehe „Corona 6: Seit“: https://wolframettetexte.wordpress.com/2020/03/19/corona-6-seit/

2 Offenbar taugt Chemnitz, das vielgeschmähte, wenn alles kaputtgeht, als Metapher des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders 3.0. Man kennt hier dergleichen.

Corona 133: Protest als Wirklichkeitsverleugnung

Zu Anfang dieses Corona-Blogs hatte ich geschrieben, dass die Epidemie den Politikern vielleicht zupass käme, weil sie von den vielen Problemen, für die sie keine Lösung habe, ablenke. An die Stelle eines Unfasslichen und Übermächtigen, etwa der Klimaveränderung, gegen die, wie’s scheint, kein Kraut gewachsen ist, tritt nun eine Epidemie, die zwar einiges durcheinanderwirft, aber doch insgesamt als ein lösbares Problem erscheint. Die Politik kann in die Hände spucken und loslegen. Wie schön!

In dem Maße aber, in dem ersichtlich wird, dass es eben nicht so einfach ist; dass sich das Corona-Problem gar nicht isolieren lässt, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt und dass die Pandemie grundsätzliche Dilemmas unserer Wirtschaftsform zu Tage fördert, verschiebt sich etwas im Gefüge des Politischen. Der Hass, den die Politik jetzt auf sich zieht – wie weit verbreitet er wirklich ist, vermag ich nicht zu beurteilen –, könnte eine Art Rückschlag sein. Verzweiflung bricht sich Bahn. Aus der Tatsache, dass diese Seuche wirklich unser Leben betrifft — ganz egal, wie wir uns entscheiden, ob wir die Menschen sterben lassen oder ob wir es zu verhindern versuchen —, steigt die Ahnung auf, dass das in den Krisen, auf die wir uns unaufhaltsam zubewegen, in noch viel grundsätzlicherer und bedrückenderer Weise der Fall sein wird.

Dafür werden die Politiker haftbar gemacht. Sie sollen daran – und überhaupt an allem! – schuld sein! Klar: Unschuldig sind sie gewiss nicht. Aber sie fungieren auch als Sündenbock, stehen fürs große Ganze ein, das danebengeht. Das heißt, dass man sich an sie klammert. Sie machen alles falsch, ja, sie sind die Bösen, aber wenn wir sie beseitigen und geopfert haben, dann geht es uns wieder gut! Aus der Tatsache, dass etwas falsch gemacht wird, folgt logisch, dann man es auch richtig machen kann. Logisch!

Oder etwa nicht? Der Verdacht drängt sich auf. Die Gegenentwürfe sind derart phantastisch – wenn Attila Hildmann sich etwa als „Reichskanzler“ imaginiert –, dass man meinen könne, sie wollten doch am Bestehenden festhalten. Man proklamiert etwas, woran man eigentlich nicht glaubt. Man braucht das Feindbild, eigentlich darf der Sündenbock nicht geopfert werden, denn wie es anders ginge, weiß niemand so recht.

Das macht die Corona-Proteste letztlich so haltlos. Und so beliebig, deswegen können sie Unvereinbares unter ihrem Dach versammeln. „Querfront“ und „Querdenken“ sind nicht dasselbe. Aber sie haben miteinander gemein, dass ein „wofür“, worüber man sich politisch entzweien könnte, tatsächlich nicht mehr gibt. Es ist unvorstellbar gerworden oder nurmehr Resultat wüster Esoterik. Die Proteste sind nicht in der Idee einer besseren Welt fundiert, sondern in der ohnmächtigen Verzweiflung darüber, dass es sie nicht gibt. Sie beruhen auf dem Gefühl von Hilflosigkeit. Ihrer selbst nicht bewusst, steigert sie sich zur Wut. Nicht bloß zur Wut auf Bestimmtes – Politiker, Eigentumsverhältnisse, Ungerechtigkeit etc. –, sondern zur Wut auf die Wirklichkeit insgesamt. Via Corona wird der Gesamtzusammenhang geleugnet. Was bleibt, ist das Augenverschließen, der performative und selbstgenügsame Widerspruch zur Wirklichkeit. Der absurde, von den meisten Coronaleugnern selbst geleugnete, Begriff der „Corona-Leugner“ drückt es aus. Corona steht für das Ganze, wer „es“ leugnet, verabschiedet sich von der Realität insgesamt, in der alles mit allem zusammenhängt. Es ist Protest in einer fast schon religiösen Form: als Wirklichkeitsverleugnung.

Wolfram Ette

Corona 132: Gesundheitswesensgedichte

die transplantationen

wenn es eine passende
niere gibt

transplantationen aber nicht
mehr gemacht werden

wird sein müssen
dass ich noch warte

ein jahr
zwei jahre?

dabei ist das
lebenswichtig

eine transplantation

*

les greffes

s’il y a un rein
compatible

mais que les greffes
ne se font plus

il va encore falloir
que j’attende

un an
deux ans?

c’est pourtant
vitale

une greffe

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/un-mois-de-perdu-c-est-un-mois-de-trop-ils-n-ont-pas-pu-se-faire-soigner-%C3%A0-cause-du-covid-19/ar-BB1b01h0?ocid=msedgntp

*

krebs

niemand ist in der Lage
mir zu sagen
wann ich operiert werde

nur ein einziger
verlorener monat

ist ein monat
zu viel

*

cancer

personne n’est capable
de me dire
quand je serai opéré

rien qu‘
un mois
de perdu

c’est
un mois
de trop

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/un-mois-de-perdu-c-est-un-mois-de-trop-ils-n-ont-pas-pu-se-faire-soigner-%C3%A0-cause-du-covid-19/ar-BB1b01h0?ocid=msedgntp

*

verschwunden

ich weiß nicht
wo sie hin sind

die infarkte
die schlaganfälle
die lungenembolien
die unfallverletzungen

seit drei wochen
hat man sie nicht mehr gesehen

wir weisen keine
nicht-covids ab

sie kommen nicht

*

disparition

je ne sais pas
où sont passés

les infarctus
les AVC
les embolies pulmonaires
les traumatologies

trois semaines
qu’on ne les a pas vu

on ne refuse pas
les non Covid

ils ne viennent pas

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/a-l-h%C3%B4pital-d-argenteuil-cette-nuit-j-ai-refus%C3%A9-trois-patients-de-plus-de-80-ans-trop-compliqu%C3%A9/ar-BB1aYrKZ?ocid=msedgntp

Corona 131: Erfahrungsarmut

1

Ariane, eine Kollegin aus der Verwaltung, noch ein wenig wackelig nach einer schwierigen Trennung, doch irgendwie auch glücklich mit einem neuen Partner, der sich zur rechten Zeit eingestellt und ihr Leben geteilt hat, hat wochenlange Ängste durchstehen müssen: Ihr neuer Partner hatte Covid, und zwar in einer äußerst schweren Form. Künstliches Koma, künstliche Beatmung – er ist dem Tod nur mit Mühe von der Schippe gesprungen. Sein Glück bestand darin, sich in einer kleinen Stadt aufgehalten zu haben, in dem das Krankenhaus noch nicht überfüllt war. Man hat ihm also beim Springen die nötige Hilfe leisten können.

Arianes Vater ist kürzlich gestorben, die Mutter ist pflegebedürftig, bei der jüngeren Schwester wurde ein bösartiger Knoten in der Brust festgestellt. Es kommt also alles auf einmal. Das Krankenhaus spielt im Leben der Familie eine bedeutende Rolle.

Dennoch beobachte ich, dass Ariane ihre Maske am liebsten unter der Nase trägt. Ich sage nichts, höre mir die lange Liste der Verwandten an, die entweder krank oder tot, gerettet oder nicht-gerettet sind. Die Rettungsgeschichte nimmt die meiste Zeit in Anspruch: Ihr Partner ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Dank professioneller Hilfe. Ariane ist dankbar. Sie ist dankbar und trägt ihre Maske nicht, doch das schiebe ich darauf, dass ohnehin alles zu viel ist und die Dankbarkeit, auch wenn sie die Maske nicht trägt, trotzdem überwiegt.

Eine Woche später aber sehen wir uns wieder, und da entwickelt Ariane vor mir den tausendfach gehörten Gedanken, dass die Regierung und die Krankenhäuser die Zahlen aufbläsen, es sei doch sonst gar nicht erklärlich, dass diese wieder so in die Höhe gegangen seien. Ob ich das nicht auch so sähe? Nein, ich sehe das nicht so, ich sehe nur die Maske unter Arianes Nase und denke, dass es manchmal ganz schnell geht mit der Ansteckung, aber ich sage nichts, denn erst einmal interessiert mich, wie Ariane, die jetzt wieder glücklich mit ihrem Partner zusammenlebt, auf diese Idee verfallen kann. Das habe mit den Impfstoffen zu tun, die wolle man an den Mann bringen.

Als ich diese Argumentation begriffen habe, murmele ich etwas Undeutliches gegen die Plausibilität ihrer Gedanken, aber ich kann schon nicht mehr richtig sprechen, denn eine Welle tiefer Traurigkeit erfasst mich. Wie kann es bloss sein, dass jemand, der den Ärzten so viel verdankt, so wenig begreift, wie viel er ihnen verdankt? Wie kann jemand, der wochenlang Angst haben musste, plötzlich behaupten, die Angst, die jetzt andere haben, existiere nicht, sondern sei blosses Konstrukt? Wie ist es möglich, dass das, was man eben so sagt, d.h. was man zur Zeit zu denken hat, gegenüber der sehr konkreten Erfahrung, die man persönlich gemacht hat, überwiegt? Warum wirkt Erfahrung nicht als Korrekturinstanz? Warum spricht man nach, statt schlicht davon zu erzählen, was man selbst erlebt hat? Vom Koma? Vom Beatmungsgerät? Vom eigenen Leben, das erneut in sich zusammenzubrechen drohte, ohne Partner? Warum diese Dominanz von Sprache gegenüber Wirklichkeiten, die man doch vor sich hatte: den Partner, der dem Tode geweiht zu sein schien, den Partner, der einen erneut glücklich gemacht hatte.

Ich bin traurig, ich fühle mich als Teilhaberin einer Erfahrung, die nicht ich selbst gemacht habe, die ich aber mache, weil diejenige, die sie wirklich gemacht hat, nicht begreift, dass sie sie gemacht hat. Ich verteidige die Erfahrung in Stellvertreterschaft, doch die Stellvertreterschaft bewirkt, dass ich mich plötzlich nicht nur traurig fühle, sondern auch müde, endlos müde, denn was ist schon noch zu hoffen, wenn noch nicht einmal die Erfahrung mehr etwas wiegt? Was kann man schon noch hoffen? Was kann man noch hoffen? Hoffen? Ich hoffe plötzlich gar nichts mehr. Ich sehe die Maske unter Arianes Nase und finde plötzlich, das sei mehr als ein Detail, nämlich der Inbegriff absoluter Hoffnungslosigkeit. Und so nehme ich nicht nur ihre Erfahrung in mich auf, sondern auch die Hoffnungslosigkeit, die gleichfalls nicht die Ihre ist, denn Ariane glaubt ja, die Zahlen seien in Wirklichkeit viel besser und die Regierung wolle allen nur Angst machen.

2

Der Begriff der Erfahrungsarmut stammt von Walter Benjamin. Er bezeichnete damit die Verfassung einer ganzen Generation traumatisch Geschädigter – der aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrten Soldaten. Diese Menschen waren stumm, sie wussten von dem Schrecklichen, das ihnen widerfahren war, nichts zu erzählen, Sie waren nicht in der Lage, es redend, sich mitteilend, zu verarbeiten.

Wir glauben, dass auch gegenwärtig Erfahrungsarmut, eine Art systematisierter Realitätsverlust ein entscheidendes Problem ist. Gleichzeitig scheint es fundamental anders als in und nach dem ersten Weltkrieg gelagert zu sein. Von einer traumatischen Verletzung, die stumm macht, kann nicht die Rede sein – jedenfalls nicht vorderhand. Ja, es lässt sich vielleicht kaum ein größerer Gegensatz vorstellen zwischen einschlagenden Bomben, zerfetzten Körpern im Schützengraben und der alles in allem eben doch schleichenden Infektion durch eine Krankheit, die man nicht sieht, entweder weil man sie zu Hause auskuriert oder im Krankenhaus landet. Es liegen keine Pestkranken auf den Straßen, keine anonymen Massenbeisetzungen finden statt und auch die Einschränkungen, denen unser Leben unterworfen ist, halten sich in Grenzen. Alles nicht so schlimm, oder? Wenn es einen Grund für die Erfahrungsarmut unserer Tage gibt, so scheint er eher in einem Zuwenig als in einem Zuviel beschlossen zu liegen, also eher darin, dass der Zudrang der Sinneswirklichkeit auf uns zu schwach ist; dass wir uns unglaublich viel vorstellen müssen, und dass uns das überfordert.

Und dies scheint seltsamerweise sogar in Arianes Fall zu gelten. Natürlich zweifelt sie nicht daran, dass ihr Freund Corona gehabt hat. Aber sie verallgemeinert es nicht, zieht daraus nicht den Schluss, dass es sich bei dieser Krankheit um eine umfassende Bedrohung handelt, auf die man sein eigenes Verhalten irgendwie einzurichten hat. Die Verbindung zwischen dem Allgemeinen und dem Individuellen ist gestört; und zwar sowohl in der einen als auch in der anderen Richtung. Ich vermag weder von meinem persönlichen Schicksal auf den Zustand der Gesellschaft schließen noch aus diesem Zustand mein eigenes Handeln bestimmen.

Dieser Wechselbezug, dieser produktive und praktische Zirkelschluss, den ich normalerweise ununterbrochen und unbemerkt vollziehe, ist aber das Werk der Erfahrung. Darin unterscheidet sie sich vom bloßen Sinnesdatum. Ausgehend von seiner »Wissenschaft von der Erfahrung des Bewusstseins« nannte Hegel diesen Vorgang Dialektik. Eine andere Tradition nennt ihn Hermeneutik und meint damit den Prozess des Verstehens, das im potenziell unendlichen Hin und Her zwischen Anschauung und Begriff an beidem arbeitet, sie, und dabei auch das erkennende Subjekt verändert. Dann, wie man so sagt, macht man eine Erfahrung. Ja, man macht sie, man produziert sie und stellt sie her. Erfahrung ist hermeneutische, dialektische Arbeit, und diese Arbeit macht uns zu gesellschaftlichen Wesen.

Wodurch kann sie gestört, wodurch kann der Prozess der Erfahrung – der immer gleichzeitig beides ist: Werk und Prozess – unterbrochen werden? Das Gemeinsame zwischen unserer Situation und der Lage, in der sich die aus dem Weltkrieg heimgekehrten Soldaten befanden, könnte dann doch darin bestehen, dass der produktiv-konstruktive Anteil der Erfahrung in beiden Fällen dramatisch geschrumpft ist. Realität setzt sich nicht mehr aus dem zusammen, was wir sinnlich aufnehmen und daraus machen; sie ist keine Synthese aus Konsumtion und Produktion, sondern nur mehr die eine Seite. Diese wird damit zum Phänomen, das einschlägt, zur reinen Sensation.

Die moderne Version dieser Verkürzung der Wirklichkeit auf ihren sensationellen Anteil ist durch die Massenmedien bedingt. An die Stelle des einen, großen, traumatischen Schocks setzen sie viele kleine, fast unmerkliche, die uns in ihrer Massenhaftigkeit von der Erfahrung absperren. So nimmt man alles war wie im Traum oder im Film, zieht keine Schlüsse, alles bleibt isoliert und nichts hängt mit dem anderen zusammen. Erfahrung aber bedeutet: Unterschiede bemerken und Zusammenhang herstellen.

Die Kehrseite dieses Vorgangs ist ein unreglementierter Zugriff auf die Wirklichkeit, beziehungsweise das Bild, dass man sich von ihr macht. Man schlägt zurück. Getrennt vom hermeneutisch-dialektischen Prozess, wird es zum Material zügelloser Projektionen. Ist die Verbindung von Subjekt und Objekt einmal durchgeschnitten, resultiert ein unkorrigierbares Zuviel auf beiden Seiten. Der verabsolutierten Sensation korrespondieren Paranoia, falsche Projektion, Verschwörungstheorien. Subjektiv sind freilich auch diese nicht; in der Regel werden sie ja von anderen übernommen, von den Führern oder der Blase im Netz. Auch das bestätigt das Ende von Erfahrung. Ich mache mir keine Gedanken mehr, bilde mir keine eigene Meinung, arbeite nicht mehr mit dem, was ich weiß, was ich sehe, und mit meinem gesunden Menschenverstand. Verstärkt durch die Medien, prasselt das Wirkliche auf mich ein in einer Serie kleintraumatischer Schocks, die in der Summe einen großen ergeben, zu dessen Bearbeitung ich kaum in der Lage bin. Das fangen die Heilslehren auf, die es zu ordnen versprechen.

Eine psychologische Erklärung für Arianes Haltung ist das nicht. Viele sehr individuelle Gründe mögen zum Aufbau jener mentalen Zweigleisigkeit beigetragen haben, in der sie sich zu bewegen scheint. Aber der gesellschaftliche Hintergrund, der sie begünstigt – sie ist, da bin ich mir sicher, kein Einzelfall scheint mir mit diesen Überlegungen ein wenig ausgeleuchtet zu sein.

1 – Anne Peiter, 2 – Wolfram Ette

Corona 129: Das Riesenbaby

In einer Geschichte von Alexander Kluge erlebt Rosa Luxemburg die ersten Tage der russischen Revolution. Fasziniert beobachtet sie das Entstehen, dann das Zerfallen eines kollektiven Körpers, der eine geheimnisvolle Einheit bildet. Das Prinzip seiner internen Kommunikation war der Wissenschaft nicht bekannt. Kluge nennt das unbekannte Wesen das RIESENBABY DER REVOLUTION. Zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Bolschewiki ist von ihm kaum noch etwas übrig. Es gibt zwei Revolutionen, die nicht gleichzeitig ablaufen.

Während des zweiten Lockdowns beobachte ich gelegentlich Szenen lässiger Eingespieltheit. Mit geübten Bewegungen weicht man einander aus, über den Mindestabstand zwischen Mensch und Mensch muss man nicht mehr nachdenken, er stellt sich von selbst ein. Weniger Argwohn, und manchmal machen die Leute sogar Witze. Und das trotz der Kälte, des ungemütlichen Klimas, der fehlenden Aussicht auf Weihnachtsmärkte, auf denen die Menschen sich auch zu einer Art Riesenbaby verbinden, rotbackig und heiser krähend, trotz der Vereinsamung, die vielen ins Gesicht geschrieben steht. Und doch kommen mir die Menschen in den Geschäften, auf Bahnhof und Straßen wie unbewusste Turner vor, die sich und mir eine Verhaltenslehre der Distanz aneignen.

Das ist der einzige Weg. Wir müssen versuchen, einen kollektiven Körper zu bilden, obwohl die Zeichen dafür schlecht stehen. Kein rasender, aktiver, die Verhältnisse mit Recht oder Unrecht umstürzender, sondern — in Anerkenntnis der Verhältnisse — ein kranker Körper, der auf sich achtgeben muss. Seuchen, Epidemien, Pandemien: sie machen nicht einzelne von uns, sondern die Gesellschaft als ganze zu einem kranken Körper. Der braucht Ruhe, Achtsamkeit, Rücksichtnahme der Glieder aufeinander. Wenn ich Kopfschmerzen habe, kann ich nicht gut rennen, auf wenn meine Beine gesund sind. Das Verantwortungsgefühl, dass uns gepredigt wird – es ist wichtig, und ich spreche ihm jede Berechtigung zu. Aber es muss durch den Körper gehen:, den Gesellschaftskörper, der wir sind,sonst ist es kein Gefühl und kommt nicht weit.

Charles Baudelaire spricht in den kleinen Text„La foule“ über die großstädtischen Massen, die es zu seiner Zeit noch nicht lange gab. Sich durch sie zu bewegen, sagt er da, vermittle das Gefühl einer „communion universelle“ — einer alles umfassenden Vereinigung, ebenso gültig und bindend wie die christliche Kommunion, durch die die Gläubigen zu einem Leib in Christus verschmelzen.

Wie dünn und versehrt auch immer: Ohne einen Rest dieser universellen Verbundenheit mit allen Menschen kommen wir nicht durch die Krise. Verantwortung hat eine körperliche Basis. Wir haben wieder ein Riesenbaby. Und es geht ihm nicht gut. Aber wenn ich mich nicht täusche, kann man aus den Augenwinkeln etwas davon wahrnehmen. Eine neue Geschmeidigkeit, eine Kommunikation durch Distanz. Eine Art höfischen Tanz.

Wolfram Ette

Corona 128: Wir sind frei, Corona ist vorbei! (Fortsetzung)

Aber liebe Leute, überlegt doch mal ein bisschen! Man kann doch nicht mit so einem Spruch auf eine Anti-Corona-Demo gehen! Erklärter Sinn und Zweck des Ganzen ist im Gegenteil, zu beweisen, dass es Corona nicht gibt! Wenn man hingegen sagt, es sei vorbei, ist’s – so weit reicht die Logik noch – irgendwann gewesen. Historisch, schon ok, dennoch: gewesen! Als Realität!

Doch so darf man im Bereich der Dichtung nicht argumentieren. Die Reime gehen ihre eigenen Wege, nicht nur die Semantik enthält Sinn, sondern der reine Klang auch. Und in diesem Falle lag der Zusammenklang von „frei“ und „vorbei“ wunderbar nah. Der Gleichlauter lag gleichsam offen auf der Straße, man musste ihn nur aufheben, damit er nicht getreten werde. (Treten wollte man lieber gegen anderes.)

In Hinblick auf die Fußtritte, die das „Vorbei“ implizieren, sobald es reimerisch wird, würde ich als Interpret also komplett umdenken und jetzt, im Gegensatz zum eingangs Gesagten, behaupten, es sei dieser Reim einer der besonders gelungenen. Ein reiner Reim! Rein und fein! „Frei – vorbei !“ Wie wahr, wie wahr, wie traurig wahr.

Der reine Freiheitsbegriff, den wir zur Zeit erleben, wird, so sage ich voraus, desto unreiner werden, je mehr sich das „Vorbei“ von Corona, das „Vorbei“ von allem, was mit dieser Negation einhergeht, als öffentliche Macht setzt. „Frei – vorbei, frei – vorbei…“ das dürften wir, die so genannten „Corona-Befürworter“, demnächst in Schleife singen. Dann, wenn man weitere Reime dieser Art auf der Straße findet, sie auf die Straße nimmt – mit dem Ziel, sich gar nicht so neue Freiheiten zu nehmen, nämlich die, den anderen die Fresse einzuschlagen: durch richterlichen Entscheid legitimiert, die Freiheit, auf Demonstranten seine Meinung zu bekunden, sei unantastbar.

Anne Peiter

Corona 127: Wir sind frei, Corona ist vorbei!

„Er ist das Ufer, wo sie landen, / sind zwei Gedanken einverstanden“ reimt Karl Kraus über den Reim. So schmerzhaft es ist: man muss sich fragen, wie es damit im Fall dieses enthusiastisch rausgegrölten Demonstrationsslogans aussieht. Passt die Sache, von der hier die Rede ist, wirklich so gut zusammen, wie durch den Reim nahegelegt wird?

In der Gefühlswirklichkeit der Demonstrierenden: unbedingt. Ich halte an der Überzeugung fest, die sich angesichts der ersten Demonstrationen gegen die Corona Auflagen in mir bildete: dass das Demonstrieren selbst Ziel und Sinn dieser Demonstrationen sei; dass es vor allem darum gehe, sich zu versammeln, eine Herde zu bilden, nah aneinander in großer Menge zu sein, der Bedrückung durch eine Vernunft, die uns, soweit es möglich ist, voneinander isoliert, zu entkommen und sich in genau die Massengeselligkeit zu stürzen, die uns verboten wird und sich am Ende im Rausch einer fröhlichen Polonaise oder der Gewalt gegen die Polizei entlädt.

Diese Erfahrung – um die ich die Demonstrierenden durchaus beneide – ist aber so stark und intensiv, dass sie sich nicht bloß gesund fühlen, sondern eigentlich unverwundbar. Das Leben der Masse ist ja überindividuell, und das überindividuelle Leben kennt keinen Tod. „Wir sind frei / Corona ist vorbei“ singen sie in dem Gefühl, durch das, was sie getan haben, sich nämlich nicht nur auf ein Superspreader-Event begeben, sondern es herbeigeführt zu haben, gefeit worden zu sein. Pecca fortiter ist das Prinzip solchen Handelns: nur wer kräftig sündigt, erlangt das Heil; dahinter das alte initiatorische Modell, dass nur diejenigen, die Gefahr und Tod suchen, gegen sie gewappnet sind.

In der Gefühlswirklichkeit – und sie ist es allein, die hier zählt, wird zwischen „Corona gibt es nicht“, „Corona ist harmlos“ und „Corona ist vorbei“ gar kein Unterschied gemacht. Insofern entscheidet tatsächlich der Reim darüber, für welchen Satz man sich schlussendlich entscheidet. Es gibt auch keinen Widerspruch: das diese Sätze Verbindende ist, dass sie von phänomenaler Nichtevidenz, ergo kategorischer Absenz der Krankheit zeugen. Nichts daran kann so überzeugend, so einschlagend sein wie die Erfahrung, die die Masse hier von sich selber macht.

Das Problem ist der Zeitfaktor. Wenn sich diejenigen, die in Leipzig die Inexistenz, die Harmlosigkeit oder das Überwundensein von Corona proklamieren, angesteckt haben sollten, werden sie es erst einige Tage später wissen. Und ob es dann wirklich auf dieses Ereignis zurückzuführen sein wird, das sie in so machtvoller Weise von ihrer Unverwundbarkeit überzeugte: wer kann das beweisen?

Letztlich ist das, was die Tanzenden, sich Feiernden beseelt und was den Reim auch gedanklich so überzeugend macht, Trumpismus. Das ist zum einen Teil der magische Glaube, das, was ich sage, sei Wirklichkeit, und zwar, weil ich es sage; der Glaube an die „Allmacht der Wünsche“, die Freud den Kindern und den sogenannten Primitiven zuschrieb. Zum anderen ist Trumpismus das einzigartige Glück, das aus der Unfähigkeit resultiert, sich an gestern zu erinnern. Über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom des amerikanischen Präsidenten ist viel gespottet worden. Man vergisst dabei aber leicht, dass es sich um eine globale Erkrankung handelt. Trump ist gewissermaßen ihr Aushängeschild. Er verkörpert die darin liegende Verführung vollkommener Verantwortungslosigkeit, die Verheißung nämlich, nicht einmal mehr sagen zu müssen: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an“, wenn man sich gar nicht mehr daran erinnert, was man gestern sagte, ob man überhaupt etwas gesagt hatte, wann und ob eigentlich gestern war. Und wenn dann noch reale und / oder gefühlte Macht hinzukommen, ist kein Halten mehr.

Der zeitliche Horizont der Demonstrierenden ist zwei Zeilen lang. Er reicht von „frei“ bis „vorbei“. Deswegen gilt noch einmal mehr und zugespitzter: Diese Demonstrationen verfolgen – wenn man von den Rechten absieht, die wieder eine Volksbewegung kapern wollen – kein anderes politisches Ziel als sich selbst. Sie sind ganz Gegenwart, die sich dadurch steigert, dass sie sich im Reim verdoppelt und im Rundtanz immer wiederkehrenden Wiederholung dieser zwei Zeilen potenziert. Aber das war’s dann auch schon. Nichts folgt daraus. In diesem Moment, in diesem von sich selbst besoffenen Augenblick SIND sie frei und Corona IST vorbei. Der Rest ist Schweigen, Katerstimmung, schmerzendes Vergessen. Und wieder Kraus: „es geht vorbei; / nachher war’s einerlei.“

Wolfram Ette

Corona 126: Nerze II

In Dänemark werden Millionen von Nerzen geschlachtet. Die Zahlen, die die Presse nennt, schwanken zwischen 15 und 19 Millionen. Genaues ist nicht bekannt, aber auf jeden Fall liegt man weit über den Zahlen, die noch vor kurzem angekündigt worden waren. Zunächst hatte man sich auf einige wenige Nerz-Farmen beschränken wollen. (Doch auch hier waren schon Millionen von Tieren betroffen gewesen.) Argumentiert wird erneut, es bestehe zunehmend die Angst, dass eine von mehreren Mutationen, die im Virus entdeckt wurden, die Wirkung der in Entwicklung begriffenen Impfstoffe schwächen oder gar ganz außer Kraft setzen könnte.

Spezialisten kontern, es sei keineswegs erwiesen, dass dies wirklich der Fall wäre. Sie halten es für wahrscheinlich, dass sich der mutierte Virus schon im großen Maßstab im Menschen verbreitet hätte, wenn die Mutation wirklich günstig für ihn gewesen wäre. Aber sicher ist auch das nicht.

Die dänische Regierung plädiert also für das Prinzip der Vorsicht. Menschen sind bereits angesteckt worden. Man zieht es vor, eine weitere Verbreitung zu verhindern, statt plötzlich mit unwägbaren Problemen zu tun zu haben, die zudem nicht nur ein dänisches Problem wären, sondern sich potentiell zu einem grenzüberschreitenden auswachsen könnten.

Mir scheint, prinzipiell gesprochen: Bei Unsicherheit sollte man eher von der schlimmsten Variante ausgehen. Pessimismus ist Schutz, ein Laisser-aller Dummheit. Dann aber sehe ich das Foto der Regale, in denen die bereits getöteten Nerze aufgereiht liegen, steif schon, ein Tier direkt neben dem anderen. Weiß, in einer Position, die die erlebte Qual verrät. Als habe sich das Sterben für immer in die kleinen Körper eingeschrieben. Als sähen man es Augen und Mündern noch an, dass das, was gerade noch lebte und atmete, vergast wurde. Aber schon bald wird es diese Körper nicht mehr geben. Man wird sie komplett vernichten. Noch die Leichen sind zu viel, noch sie zu gefährlich: Träger des Virus mit all dem, was er an Veränderungen hervorgebracht hat.

Da wird’s mir plötzlich mulmig: Wenn die Gesichter der Tiere nicht wären, würden die Leichen aussehen wie Baguettes, die die französischen Bäcker in Metall-Regalen zum Kühlen nebeneinander reihen. Es ist wie etwas Alltägliches, aber ausgestattet mit Köpfen, die Ausdruck haben. Also: Etwas richtet sich an die Menschen. Blicke, die massenhaft erloschen sind. Blicke, die auch vorher schon erloschen waren, denn was ist das für ein Leben, das umzäunt ist von engsten Käfiggittern?

Man weiß nicht, was die Mutation anrichten kann. Es ist möglich (doch nicht sicher), dass sie noch mehr Tod verbreiten kann, dieses Mal unter den Menschen. Was man hingegen sicher weiß, ist, dass die pessimistische Prognose auch Tod bedeutet: einen, der über unvorstellbar große Massen von Tieren verhängt wird. Aber zugleich kann ich nicht behaupten, dass die Forderung, dem Tierschutz absoluten Vorrang zu geben, d.h. die Tiere am Leben zu lassen, mir als Gebot der Stunde erschiene. Der Schutz der Menschen ist gleichfalls wichtig. Das Eine ist so falsch wie das Andere. Die Alternative, vor die wir uns selbst durch unser Wirtschaften gestellt haben, ist selbst schon falsch. Sie ist keine. Sie gibt sich nur als Alternative. Schon die bloße Normalität der Käfige bewirkt, dass man keine Wahl hat, verstanden in dem Sinne: Man kann nicht wollen, sich überhaupt entscheiden zu müssen.

Und doch muss man sich entscheiden. Und doch hat man sich entschieden: Es wird aus den Tierleichen nicht der geringste Nutzen gezogen werden können. Man wird die kostbaren Felle vernichten wie das Leben, das noch vor wenigen Tagen unter ihrem wärmenden Schutz pulsierte. Ich weiß nicht, ob die ökonomische Einbuße der einzige Weg ist, um zu verstehen, dass grundsätzlich etwas anders zu machen ist? Vernichtet man Käfige, wenn man bemerkt, sie rentieren sich nicht? Ist dann Hoffnung? Endlich?

Ich glaube, auch das ist noch zu hoffnungsvoll. Es ist schon so lange klar, dass das Leben der Tiere gegen uns wirkt. Genauer: dass das Leben, das wir den Tieren geben, für sie abzirkeln, ihnen schadet und uns zugleich. Aber geändert hat sich nie etwas, oder wenn, dann nur graduell. Also wird auch hier wieder nur geschlachtet und, wenn’s aus und vorbei ist, geht man davon aus, es sei aus und vorbei. Das heißt: Die wahnsinnige Kurzsichtigkeit, die sich in der Zusammenpferchung von Tieren auf winzigstem Raum dokumentiert, entspricht ganz der Kurzsichtigkeit, mit der man quer durch Europa auch auf die Epidemie reagiert hat. Man nahm sich keine Zeit. Man dachte nicht über die scheinbare Lösung hinaus. Man erfreute sich der Wirkung, die der erste Lockdown gehabt hatte, und legte gleich wieder los. Es ist also etwas an unserem Verhältnis zur Zeit, das zum Problem wird. Man löst dauernd nur Probleme, trifft dauernd nur Entscheidungen zwischen Optionen, ohne sich je die Zeit zu nehmen, über diese hinauszusehen, in die Käfige der Nerze hinein, in die Absurditäten, die überhaupt dazu führen, dass man sich für das entscheiden muss oder im Gegenteil für das. Zwischen ihnen und uns, obwohl es doch geht: um uns beide.

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/mutation-du-coronavirus-chez-le-vison-le-danemark-se-d%C3%A9fend-de-semer-la-panique/ar-BB1aLBP6?ocid=msedgntp

Vgl. Anne Peiter, Nerze – https://wolframettetexte.wordpress.com/2020/10/20/corona-113-nerze/

Corona 125: Wie Hamburg war

Depression

Hamburg sieht traurig aus, verwaist und entleert, als hätte man die Luft rausgelassen. Kaum jemand ist auf der Straße: ein paar Jogger, Familien mit ihren Kindern. Niemand lacht. Die Stimmen wirken gedämpft. Die Vergnügungsstätten an den Landungsbrücken haben geschlossen; ungerührt dahinter die Elbe, grau kräuselt sich die grob verpixelte Wasseroberfläche. Vereinzelt sieht man noch eine Imbissbude, die mit halber Kraft und reduziertem Sortiment – pflichtschuldig, fällt mir ein: damit nicht alles verlassen wirkt – ein wenig Take-Away-Betrieb unterhält.

Hamburg, die Nasse, die Schöne: jetzt ein bisschen wie eine Stadt in Ostdeutschland. Reicher, aber ähnlich trist. Die ostdeutschen Städte dagegen sehen fast aus wie immer. Wo weniger ist, geht weniger verloren. In den letzten Jahrzehnten haben die Leute sich bemüht, sich von der Katastrophe der Wiedervereinigung zu erholen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Viel Zeit für Genuss blieb nicht. Von der Arbeitsgesellschaft der DDR in die des vereinigten Deutschlands, mitten rein in den Abbau Ost, in dem man über die Runden kommen musste.

So ist es hier natürlich nicht. So viel altes Geld liegt hier rum. Corona wird in den Wohlstand Hamburgs nicht wirklich eingreifen. Dennoch ist das, was ich hier sehe ein Zeichen; ein leichten Kratzen am Überfluss. Aber die rechte Schadenfreude will sich aber nicht einstellen. Auch nicht die im Osten so verbreitete moralische Genugtuung über die westliche Dekadenz, die die Infektionszahlen in den Höhe treibt. Dazu ist das, was ich hier sehe, einfach zu deprimierend.

*

Wunderlich

Die Sache mit den Masken nimmt tatsächlich wunderliche Züge an. Ich stehe früh morgens auf dem Hamburger Hauptbahnhof, es ist Sonnabend und es ist ziemlich leer. Alle 15-20 Meter sehe ich jemanden – eine Person oder eine kleine Gruppe. Das etwas starre Bild wird manchmal von einem Obdachlosen unterbrochen, der unruhig vom Bahnhofsvorplatz über die Brücke getrieben wird, dann hinunter zu den Gleisen, um sich etwas Kleingeld zu erbitten.

Viele Leute sind jetzt, während des zweiten Lockdowns, ohnehin nicht unterwegs; am Samstagmorgen um diese Zeit ist es dann noch weniger. Es ist objektiv unnötig, eine Maske zu tragen, und es ist subjektiv hinderlich. Außerdem ist es verdammt zugig auf dieser Brücke.

Auf der einen Seite ist mir klar, dass es eindeutiger Regeln bedarf, damit dieser Lockdown irgendwas bewirkt. Auf der anderen würde ich mir wünschen, dass der gesunde Menschenverstand von uns in allem mitarbeitet, was wir sehen und wovon wir umgeben sind: dass wir eine Maske aufsetzen, wenn es eben nötig ist, wenn der Abstand, den wir voneinander haben können, einfach zu gering ist; dass es aber auch möglich wäre, es sein zu lassen, wenn wir locker stehen und uns an der frischen Luft befinden. Oder auch in der Zugluft auf dieser Brücke.

Es ginge mir, mit einem Wort, darum, dass wir achtsam sind und uns der Realität dieser Seuche anpassen. Weil das aber mit der Realität und mit dem gesunden Menschenverstand so eine Sache ist, weil manchmal nichts schwerer und ferner scheint als gerade diese zwei Dinge, müssen Verordnungen und Befehle her. Die aber werden immer so grobmaschig sein, dass man ihnen genau das vor wirft, was sie eigentlich verhindern wollen: dass sie nämlich den Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren, weltfremd und kontraintuitiv seien.

Eines der vielen Dilemmata, mit denen wir während der Epidemie zu tun haben.

Wolfram Ette

Corona 124: Medienkompetenz

Wenn der Moment bevorsteht, ab dem die Menschen Kontakte weitgehend vermeiden müssen, gehen sie noch einmal ausgiebig aus, wie bei einem Abschied. Sie suchen also ein letztes Mal nach viel Kontakt, weil sie schon wissen, sie dürfen keinen (oder kaum noch einen) mehr haben.

Diese Tatsache hat dazu geführt, dass in Wien besonders viele Menschen zu Zeugen des Attentats geworden sind: Die Stadt war voll, weil sie’s am nächsten Tag nicht mehr sein würde.

Wie perfide ist doch, dass sich die Täter dem Timing des Lockdowns unterworfen haben. Schon einen Tag später wäre die Auswahl an Opfern geringer gewesen, und die Massenpanik hätte nicht mehr in gleicher Weise funktioniert. Corona und Attentate als zwei miteinander kombinierende Terminkalender – es ist das einfach nur grässlich.

Nicht ausgeschlossen scheint mir auch zu sein, dass irgendwie, wenigstens halbbewusst, der dritte November den Attentätern sowieso als besonderes Datum galt. Nach diesem Tag – wenn Europa und die Welt überschüttet werden würden von Meldungen aus den USA – wäre medienpolitisch weniger Platz für Attentate gewesen. Man passt sich an. Medienkompetenz nennt man das.

Anne Peiter

Corona 123: Scheinbarer Widerspruch

Freunde von mir haben ein Haus in der Uckermark geerbt. Seit dem ersten Lockdown haben sie viel Zeit dort verbracht. Die Frau meines Freundes ist Risikopatientin und hat sich in München, wo die Krankheit früh ausbrach und die Infektionszahlen durchgehend hoch waren, nicht mehr wohl gefühlt.
Sowohl während des ersten Lockdowns als auch jetzt, zu Beginn des Zweiten, wurden sie von der Bevölkerung geschnitten. Zunächst als Ankömmlinge aus Bayern, dem Hotspot, der Apokalypse westlicher Dekadenz, nicht weit entfernt von Ischgl und der Lombardei. Jetzt regen sie sich über ihre offenbar nicht verhohlene Skepsis angesichts der Halloween-Partys auf, mit denen das „Ende der Freiheit“ begangen wird. Denn eigentlich gibt es Corona ja nicht: schon deswegen nicht, weil die Regierung behauptet, es gebe Corona.

In beiden Fällen werden meine Freunde und ihre Kinder als Vertreter des Westens betrachtet. Das ist die hier ausschlaggebende Gefühlsachse: die Ablehnung des Westens, die Enttäuschung über die gebrochenen Versprechen der deutschen Vereinigung. Die dreißig Jahre, die seitdem vergangen sind: keine lange Zeit. Corona ist angesichts dessen sekundär. Deswegen sind die Argumente austauschbar. Und sie können sich widersprechen: Zuerst werden die Freunde als hoch gefährliche Virusschleudern wahrgenommen, das Virus als Krankheit des kapitalistischen Auslands. Dann wird ihnen die Tatsache verübelt, dass sie das Virus für real halten und den Verordnungen der Regierung nicht nur, wie man’s gewohnt ist, murrend und mit Ausweichbewegungen folgen, sondern vorauseilend. Denn sie wollen Halloween ja nicht feiern – wegen Corona! – Dass diese Familie vielleicht noch nie Halloween gefeiert hat, kommt nicht in Betracht und die Menschen im Havelland können das auch nicht wissen. Jetzt jedenfalls verweigern sie sich der Party wegen irgendwelche eingebildeter Ängste, denn Corona gibt’s ja gar nicht.

Der Widerspruch ist also nur scheinbar. Oder Ausdruck eines tieferen.

Wolfram Ette

Corona 122: „Seid realistisch!“ II

Aufwachen

Macron hat in seiner Ansprache, in der er den neuen Lockdown verkündete, die Behauptung gemacht, es seien in Frankreich am Vormittag mehr als fünfhundert Menschen gestorben. Die Zahl stimmte nicht. Es waren knapp 300, er hat sich die verschiedenen Quellen, aus denen sich die Gesamtziffer ergibt, nicht genau angesehen. Oder seine Berater haben ihren Job nicht gemacht.

Irgendwie ist das ein Detail, das die gesamte Lage sehr gut zusammenfasst: Man hechelt den Ereignissen hinterher. Man untertreibt die Schwierigkeiten, und in einem plötzlichen Aufbäumen nennt man dann im Gegenteil eine viel zu hohe Zahl. Es ist, als ob man sich mit ihrer Vergrößerung selbst davon überzeugen wolle, dass man sich den Realitäten wohl oder übel stellen muss. Man gibt sich selbst einen Stoß. Oder die Zahl gibt einem diesen. Oder man benutzt das Keulenartige, das ihr anhaftet, um sich selbst zum Erwachen zu bringen: Sich selbst kneifen, reicht nicht mehr aus. Der Traum war zu süß.

Die Gefahr ist, dass falsche Recherchen des Regierungschefs die Coronaleugner in ihrer Meinung bestärken, es sei das alles nur ein fake. Belehrt werden können sie zwar ohnehin nur schwer – ihr Weltbild scheint meist felsen-fest zu stehen –, doch man sollte es ihnen nicht zu leicht machen. Denn sonst vermischt sich Macrons Traumdenken mit dem breiter Bevölkerungsschichten, und das ergibt eine explosive Mischung, in der die Zahlen nur noch der Ausläufer von ganz anderen, viel tiefer reichenden Konflikten und Verteilungskämpfen sind.

*

Was is denn das wieder für eine neue Mod?!

In Karl Kraus Weltkriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“ findet sich eine Szene, die in einem Restaurant spielt. Der Text ist hundert Jahre alt, doch er bleibt so frisch, als wäre er heute und eigens für uns geschrieben.

Bambula von Feldsturm (brüllend und auf den Tisch trommelnd): Sackrament noch amal, wird man denn heut gar nicht bedient? Sie, herstellt!
Ein Kellner: Bitte gleich, Herr Major!
Grüßer: Herr Major befehlen?
Bambula von Feldsturm: Sie, Wirt, was is denn das? Wird man denn heut gar nicht bedient? Die Bedienung ist nicht mehr wie früher, seit einem Jahr bemerk ich das, wo sind denn alle Kellner?
Grüßer: Eingerückt, Herr Major.
Bambula von Feldsturm: Was? Eingerückt? Warum sinds denn alle eingerückt?
Grüßer: No weil Krieg is, Herr Major!
Bambula von Feldsturm: Aber seit einem Jahr merk ich das schon, Sie haben ja bis auf die vier gar keine Kellner mehr. Für so ein Riesenlokal! Seit einem Jahr merk ich das schon.
Grüßer: No ja, seitdem Krieg is, Herr Major!
Bambula von Feldsturm: Was? Das is ein Skandal! Daß Sie’s nur wissen, die Kameraden beklagen sich alle, sie wollen nicht mehr herkommen, wenn das so weiter geht! Alle sinds ausn Häusl. Der Hauptmann Tronner, der Fiebiger von Feldwehr, der Kreibich, der Kuderna, der Oberst Hasenörl, alle sinds ausn Häusl, erst gestern hat der Husserl von Schlachtentreu von die Sechsundsechziger gsagt, wenn das so weitergeht –
Grüßer: Ja, Herr Major, mir möchten ja alle, daß’s einmal aufhört und daß der Frieden kommt –
Bambula von Feldsturm: Was, Frieden – hörn S‘ mir auf mit Ihrer Friedenswinselei – ich hab die Kaisermanöver mitgemacht – wenn Sie unser oberster Kriegsherr hören möcht – jetzt heißt es durchhalten lieber Freund – da gibts nix! (Ein Kellner eilt vorbei.) Sie rechts schaut! Kerl das verfluchter, na wart, den wer‘ ich einrückend machen – Sie sagen S‘ mir nur, was ist denn das für eine Bedienung –?!
Grüßer: Was haben bestellt, Herr Major?
Bambula von Feldsturm: Nix, ein Rostbratl möcht ich, aber etwas unterspickt –
Grüßer: Bedaure, heut is fleischfrei.
Bambula von Feldsturm: Was? Fleischfrei? Was is denn das wieder für eine neue Mod?!
Grüßer: Ja, jetzt is Krieg Herr Major und da –
Bambula von Feldsturm: Machen S‘ keine Spomponadeln. Möcht wissen, was das mit dem Krieg zu schaffen hat, daß ’s Fleisch ausgeht! Das war früher auch nicht!
Grüßer: Ja, aber jetzt is doch Krieg, Herr Major!
Bambula von Feldsturm (in größter Erregung aufspringend): Also das brauchen S‘ mir nicht immer unter die Nasen reiben immer mit Ihnern Krieg, das hab ich schon gfressen! Von uns Kameraden sehn Sie keinen mehr in Ihrem Lokal – wir gehn zum Leberl!  (Stürzt davon.)

Meine These, festgehakt an zwei Details: Nichts bleibt so aktuell wie die Sätze „Das war früher auch nicht!“ und „Was is denn das wieder für eine neue Mod?!“.

Warum das? „Was ist denn das wieder für eine neue Mod?!“ bedeutet: Etwas, was früher nicht war, weil kein Krieg war, wird als Normalität gesetzt, die fortzuwirken habe. Selbst diejenigen, die berufsbedingt wissen, ja herstellen, dass Krieg ist, bleiben dieser Normalität verhaftet, als gäbe es den Krieg nicht. Das heißt: Obwohl für den Krieg arbeitend, ereifern sie sich darüber, dass der Krieg Folgen hat.

Das heißt jedoch nicht, dass sie in kausaler Hinsicht eine Beziehung zwischen dem Krieg und seinen Folgen herstellen würden. Im Gegenteil: Sie nehmen die Folgen wahr, ereifern sich über diese, weil sie ihren Alltag stören, und verbitten sich jeden Hinweis auf die Ursache, auf die die Störung von Alltag zurückzuführen ist. Das heißt: Sie wissen vom Krieg nichts, wollen von ihm nichts wissen, verteidigen ihn aber. Der Krieg und seine Folgen werden fein säuberlich voneinander getrennt, Zumutungen zwar wahrgenommen, jedoch nur als Zumutung klassifiziert, an denen sich auf der Stelle etwas ändern lassen muss. Jede Verbindung zum eigenen Tun wird negiert, die Verantwortung bei denjenigen gesucht, die nur mit den Folgen umgehen, mit den Ursachen jedoch nicht zu schaffen haben.

Übertragen auf uns: „Maskentragen? Das war doch früher auch nicht?!“ „Ausgangssperre? Was ist denn das für eine neue Mod?!“ In der Tat: Keines von beiden hat es früher gegeben. Doch man sagt nicht: „Das hat es früher nicht gegeben, weil es früher diesen Virus nicht gegeben hat“, sondern man beschränkt sich allein auf den ersten Teil des Satzes, ohne jeden kausalen Zusatz. Die Zäsur, die zwischen früher und heute stattgefunden hat – das, was eingebrochen ist in die Gewohnheit –, wird abgewehrt, als ob so mit einem Schlage auch die Ursache zunichte gemacht werden könnte.

Aber vielleicht stimmt sogar das nicht: Das Verstörende besteht ja darin, dass jeder, der an die Ursache erinnert, nur mit einer Antwort rechnen kann: „Also das brauchen S‘ mir nicht immer unter die Nasen reiben immer mit Ihrem Virus, das hab ich schon gfressen!“

Anne Peiter

Corona 121: „Seid realistisch!“

Eltern sind die Vertreter des Realitätsprinzips. So sind wir aufgewachsen, so hat sich unsere Jugend vollzogen, von der niemand sagen kann, wann sie eigentlich genau zu Ende gegangen ist. Wir stellten ihnen die Antiwirklichkeit entgegen, auf die wir pochten und in deren Richtung wir unser Leben umgestalten wollten – Ideale, Träume, Vorstellungen, in denen eine Menge anders lief als in der Wirklichkeit, die wir kannten; eine Menge anders als bei ihnen, den Realisten und Vernünftigen, die vielleicht auch nicht immer so gewesen waren, uns das aber nicht sagten, so dass wir uns wider besseres Wissen vorstellten, dass sie mit dieser Wirklichkeitschwere auf die Welt gekommen waren.

Nun sind sie alt geworden und ich stelle fest, dass sich die Rollen vertauscht haben. Ich bin durch verschiedene Bundesländer angereist und ich habe mir dafür medizinische Masken gekauft; mein Vater ist wegen einer eines alten Lungendefekts Höchstrisikopatient; ich möchte beide, aber besonders ihn, falls ich mich angesteckt haben sollte, nicht infizieren. Auch zur Begrüßung behalte ich die Maske auf und setze sie erst später ab.

In den Gesprächen stelle ich aber fest, dass Corona für meine Eltern eigentlich nicht existiert. Sie sind natürlich keine Coronaleugner, aber von sich aus kommen sie nie darauf zu sprechen. Und wenn ich es tue, spüre ich, dass den Worten, die ich benutze, kein psychisches Korrelat entgegenkommt. Sie bilden keine Erfahrung. „Corona“, „Covid“, “
das „Virus“, die „Pandemie“, die „Seuche“ -: wenn diese Begriffe ausgesprochen werden, dann wie in einem schalltoten Raum, der jegliche Resonanz verschluckt. Es sind Worte, nur Worte, denen nichts entspricht, leere Zeichen, die zwar eine Vorstellung aufrufen, aber keine Erfahrung zwischen uns bilden.

Dabei hat der Umstand, dass ich mich hier befindet, eine Menge mit Corona zu tun. Eigentlich waren wir zu einer Familienfeier verabredet. Formell wäre dies kein Problem gewesen: der nächste Lockdown gilt ja ab Montag und da wären wir alle schon wieder zuhause gewesen. Selber ein wenig ängstlich und nicht, wie so viele, gesonnen, es vor der Schließung aller Restaurants und Bars noch mal richtig krachen zu lassen, hat meine Tante das Familienfest vor ein paar Tagen abgesagt.

Das Wochenende, das ich nun bei meinen Eltern verbringen, ist eine Art Ausgleichsbesuch für das ausgefallene Familienfest. Sie haben sich beide sehr darauf gefreut; ich möchte ihre Enttäuschung ein wenig lindern.

Angekommen, stelle ich fest, dass für beide diese Vorgeschichte schon abgesunken ist. In unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichen Grade, ja. Meine Mutter hat sich vor ein paar Wochen den Arm gebrochen und mein Vater laboriert an einem entzündeten Zeh; das sind die wahren Hinderungsgründe, nicht jedoch die gerade explodierenden Infektionszahlen. So ist eigentlich alles wie immer. Dass auch ich, der ich angereist bin und der ich in der letzten Zeit relativ viel unter Leuten war, für sie ein Risiko darstellen könnte; überhaupt die Möglichkeit, dass sie sich infizieren könnten: es erreicht sie nicht. Dass ihr eigenes Verhalten bei alldem auch eine Rolle spielt, scheint sie nicht zu berühren. Wenn Corona kommt, dann als abstrakter Schicksalsschlag, dem man sich zu fügen hat, wie allem anderen auch.

Das ganze Verständnis von Wirklichkeit, dass mir dahinter zustehen scheint, ist abstrakt; es kommt oder es kommt nicht, aber es betrifft mich nicht und hat mit meinem Verhalten nichts zu tun. Deswegen kommen meine Eltern von sich aus nie auf das Thema Corona zu sprechen.

Jetzt fühle ich mich auf einmal wieder wahre Realist, und ich frage mich, ob es jemals anders war. Ich war zunächst geneigt, diese merkwürdige Entwirklichung der Seuche, die ich hier in den vier Wänden meiner Eltern verspüre, auf ihr Alter zu schieben. Aber ich bin mir auf einmal gar nicht mehr sicher. Gab es diese Schicksalsergebenheit, diese Abstraktion von der Wirklichkeit, die das Band zwischen mir und ihr durchschnitten hat, nicht schon immer? Hat sich bei ihnen allenfalls verstärkt, womit ich aufgewachsen bin: eine Form der Realitätsverleugnung, die die Realität formell anerkennt, aber keine Gefühle zu ihr entwickelt? Und ist das bei den vielen, die Corona jetzt explizit oder inexplizit leugnen, vielleicht sogar ähnlich?

Der Satz Che Guevaras fällt mir ein: „Seid realistisch, fordert das Unmögliche!“ Jetzt, nach einem anstrengend dahinplätschernden Gespräch mit meinen Eltern, während dieser Novemberregen lange Schlieren zieht, fällt mir ein, dass es sich nicht um ein Paradox handelt. Das Unmögliche fordern: das bedeutet eben, dass ich emotional mit der Wirklichkeit verbunden bin; dass mein Hoffen, meine Sorge und meine Angst in ihr stecken; dass ich mich als einen Teil von ihr empfinde. Die Wirklichkeit anerkennen heißt, etwas von ihr fordern. Fatalismus ist eine Form der Wirklichkeitsverleugnung; es gibt kein Realitätsprinzips ohne utopischen Überschuss.

Wolfram Ette

Corona 120: Schweden

Wer jetzt das ungewöhnliche Vorgehen Schwedens lobt und preist, jedem, von vorwurfsvollem Unterton getragen, erklärend, da würde er gern leben, da sei ganz und gar alles verstanden worden, die Schweden machten vor, wie man zu leben (und eventuell zu sterben) habe, ist gemeinhin ein Mensch, der für individuelle Freiheitsrechte plädiert. Dagegen ist nichts, aber auch gar nichts zu sagen, nicht auf Schwedisch und auch nicht auf Französisch.

Ich beobachte nur, dass die französischen Bewunderer Schwedens zwar sehr gern von ihren eigenen und der Schweden Freiheiten reden, nicht jedoch davon, dass man den Einzelnen in Schweden abverlangt, selbst Verantwortung für sich und die anderen Schweden und Nichtschweden zu übernehmen. Das heisst: In Schweden wird vertraut darauf, dass man sich selbst als Schwede Einschränkungen aufzuerlegen vermag.

Da aber die Leute, die jetzt gern Schweden wären, es aber nicht sind, weil sie zum Beispiel Franzosen sind, die ja per definitionem keine Schweden sind, weil also, wiederhole ich, diese Nichtschweden noch nicht einmal eine Maske tragen wollen, lautet meine Prognose, dass sie keine Schweden sind und auch niemals welche werden können werden, auf jeden Fall nicht in dem Sinne, der ihrem eigenen Ideal von Schweden entspricht. Sie sind diejenigen, die den Vergleich zu Schweden nur darum suchen, weil sie sich – darin eingefleischte Konsumenten – aussuchen zu können meinen, welche Nation zur Zeit in puncto Freiheit die bequemste ist. Die schwedische steht ganz oben auf der Hitliste. Doch das tut sie, weil die Nichtschweden, die sich noch nicht entschieden haben, dann wirklich nach Schweden zu ziehen, nur imaginär dort leben, d.h. sich die Freiheit nehmen, sich die dort herrschenden Freiheiten vorzustellen, um besser über die hierzulande herrschenden Unfreiheiten zu klagen. Darin liegt die Bequemlichkeit, darin der Konsum, darin die Passivität.

Passivität heisst erneut, dass niemals etwas praktisch wird, dass also Schweden als Inbegriff der Freiheit eine reine Abstraktion bleibt, die ihren Anblick ändern würde, so vermute ich, wenn man plötzlich, da in Schweden, wirklich frei zu definieren hätte, wie man Freiheit überhaupt verstehen und praktizieren will. Es fehlt mir an der Idealisierung Schwedens die Umsetzung all dessen, was man als schwedisch wahrnimmt, schon hier und jetzt – also jenseits von Schweden –, denn seien wir doch ehrlich: Zwischen Schweden und Frankreich verläuft keine Grenze, und jedem steht es frei (sogar wenn man Franzose ist), ein Stückchen Schweden schon hier zu leben, d.h. die schwedische Freiheit in sein eigenes Leben, die eigene, so gar nicht schwedische Gesellschaft hineinzunehmen.

Aber das sei einem doch gerade verwehrt!, wehren sich die den Schweden Ergebenen. Diese Freiheit sei einem doch genommen! Nichts als Unfreiheiten!

Ich bin da nicht so sicher. Ich denke, dass wir in Frankreich nicht in Schweden sind, weil die Schwedenbewunderer nur das sehen, was sie als Freiheit wahrnehmen, und nicht auch das, was die Freiheit ermöglicht. Und weil dem so ist, haben sie selbst dazu beigetragen, sich und den anderen die Freiheit zu nehmen, denn die Freiheit sollte immer nur die eigene sein, also die jeweils Ihrige, und damit die Irrige.

Anne Peiter

Corona 119: Große Details

Social Bubbles

Vorschlag von Drosten: social bubbles, also Infektionsgemeinschaften zu bilden, die über den eigenen Hausstand hinausgehen, aber während des Lockdowns festumrissen bleiben. Rein pragmatisch gesehen keine schlechte Idee. Radikale Individualisierung geht nicht, das vertragen wir nicht gut, das haben wir begriffen. Wir brauchen Gemeinschaft, und da wir die ganz große Gemeinschaft grad nicht haben können, sollen es wenigstens kleine sein: kleine Rudel, die unter sich bleiben.

Trotzdem ist mir unbehaglich, vielleicht auch nur, weil Drosten den Begriff der bubble ganz unbefangen verwendet. In Blasen, in denen es homogen zugeht und wir uns wechselweise mit unseren Meinungen infizieren, leben wir ja sowieso. Das soll jetzt – es ist ja nur ein Vorschlag, der überdies geäußert wurde, bevor die neuen Verordnungen herauskamen – auf die Ebene der realkörperlichen Bezüge durchgestellt werden. Gemeinschaft soll nicht plural, vielfältig und möglichst wandelbar sein, sondern homogen und statisch: eine gleichsam kristallin erstarrte Gesellschaft, in der das Leben nur noch innerhalb der Social Bubbles zirkuliert. Demokratie und Infektionsschutz konvergieren aufeinander.

Wolfram Ette

*

Wettbewerb

Die kleinen Läden müssen schließen. Es ist wieder so weit. Die großen Supermärkte und Rieseneinkaufsdinger bleiben hingegen offen: Sie sind ja, was man „systemrelevant“ nennt. Ihr Vorteil: Sie verkaufen nicht nur das, was erlaubt ist – Lebensmittel –, sondern auch sonst noch allerhand. Also werden sie gut verdienen, weil die kleinen Läden ja nichts mehr verkaufen dürfen. Und die Lebensmittel machen erlaubt, was sonst nicht erlaubt wäre. Sie sind ein Lebens-Mittel im erweiterten Sinne!

Für die Buchhandlungen gilt dasselbe. Sie sind nicht systemrelevant, schließen also. Für die Rieseneinkaufsdinger, die neben elektronischen Geräten und – wichtiger noch – Computern auch Bücher im Sortiment führen (nebenbei sozusagen), ist die Situation grandios: Dann kommen diejenigen, die sich ihren Lesestoff sonst in der kleinen Buchhandlung kaufen würden, eben zu ihnen.

So weit die Beobachtungen zum Thema „Konkurrenz“ und „Wettbewerb“. Man wird es den Innenstädten bald ansehen können. Und dem Buchsortiment auch. Und allem möglichen anderen auch. Was Lebensmittel seien, ist eine offene Frage.

Anne Peiter

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Obdachlos

Ein Obdachloser, der jetzt den Schrieb vorweisen können will, der dazu berechtigt, sich eine Stunde lang draußen aufzuhalten – um zur Arbeit zu gehen, zum Einkaufen, Spazierengehen, wegen eines Arztbesuchs oder einer Vorladung vor Gericht oder um Angehörigen zu helfen –, kann nicht anders: Er trägt in die Rubrik „Adresse“ „obdachlos“ ein: „SDF – sans domicile fixe“ („ohne festen Wohnsitz“). Die Beschränkung auf eine einzige Stunde draußen wird schwierig. Oder das Gegenteil: Es wird schwierig, dass es nicht bei einer einzigen Stunde bleibt. Aber das war ja vorher auch schon so.

Anne Peiter

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Freiheitsrechte

Entzug von Freiheitsrechten: Auch wenn ich selber gerade kolossal genervt bin und viele Einzelbestimmungen des am Montag beginnenden Lockdowns unsinnig finde: Man muss sich immer klarmachen, was für eine Freiheit es ist, für die jetzt auf die Straße gegangen wird: Es ist die Freiheit des Konsums. Zugespitzt: des Konsums auf Kosten anderer. Mit Bürgerrechten hat das wenig zu tun. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit sind nicht bedroht. Ja, bei der Reisefreiheit muss man gerade Abstriche machen. Und was die Versammlungsfreiheit betrifft – sie ist zwar eingeschränkt worden, Aber es wird so viel demonstriert wie schon lange nicht mehr.

Wolfram Ette

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Die Augen fest geschlossen

Die französische Regierung hat viel Energie und Mühe darauf verwendet, sich eine feine Palette von Rottönen auszudenken, um das normale, einfache Alarmrot, das sich im September überall ausbreitete, ein wenig weniger alarmierend erscheinen zu lassen. Die gestalterischen Bemühungen waren bald vergessen. Man hätte sie sich sparen können: Das Rot wurde eh innerhalb kürzester Zeit tiefrot, so dass der Versuch, zu nuancieren, als das erkennbar wurde, was er war: nicht zu sehen, dass rot rot ist.

Vergessen ist auch bald die Phase des „couvre-feu“: Wieder und wieder wurde beteuert, es werde nie zu einem zweiten Lockdown kommen. Die Einführung der Sperrstunde entsprach dem Versuch, dieses Versprechen zu halten. Das couvre-feu war ein Mini-Lockdown, auf die Nacht beschränkt, konnte also halbwegs als Maßnahme durchgehen, die noch keine totale Einschränkung impliziere. Es hat nicht lange gedauert, und auch die Sperrstunde war überflüssig. Jetzt ist der Lockdown wieder da. Auch die Sperrstunde entsprach nur der Unfähigkeit, zu sehen, was war.

So hangelt man sich von einem Nichtsehen zum nächsten. Die Wirklichkeit reißt einem die Augen auf, doch sie ist so hässlich, dass man sie gleich wieder schließt. Vielleicht auch nicht schließt: Man schiebt sich seine Codes und Sprachformeln und Aktionen „dagegen“ vor den Blick und glaubt, dahinter passiere nichts mehr. Wie bei jungen Kindern, die sich unerkennbar glauben, wenn sie in offensten Verstecken fest ihre Augen schlössen. Bezogen auf die Regierung wiederholt sich diese Art der Negierung von Realität, auf einer höheren Ebene.

Anne Peiter

Corona 118: Die Schrauben festziehen

Was faszinierend ist, ist, wie sich in Krisenzeiten die Sprache vereinheitlicht. Es gibt regelrechte Wellen oder Moden, und diese werden getragen von ganz wenigen, stereotyp wiederkehrenden Sätzen.

Nach den großen Ferien, in der Zeit also, in dem einem noch der Sommer um die Nase ging und die Haut sich der genossenen Wärme erinnerte, versuchte die Regierung, die Bevölkerung auf die Rückkehr von Arbeit, Mühe und Verzicht einzustimmen, indem sie pausenlos sagte und wiederholte, wiederholte und sagte, jetzt gelte es, „mit dem Virus leben zu lernen“. Offenbar haben wir’s nicht gelernt oder die Regierung hat’s nicht gelernt, denn das Chaos in den Labors, die Verspätung beim contact-tracing und überhaupt der fehlgeschlagene Versuch, Ansteckungsketten zu durchbrechen, sind ein Zeichen für den Phantasiemangel der Entscheidungsträger, auf den forschen Schrittes der Mangel an Organisation folgte und auf diesen selbstverständlich – wie vorauszusehen – die explodierenden Zahlen und die explodierende Unzufriedenheit. (Revolten sind jetzt nicht mehr weit.)

Der Satz „Wir müssen mit dem Virus leben lernen“ hat sich also überlebt. Wer ihn jetzt noch sagt, ist entweder offen zynisch oder ebenso offen dumm. Erfolg oder Misserfolg hat inzwischen nicht mehr viel mit uns zu tun. Es ist strukturell etwas schief gelaufen, die Art der einzelnen, zu leben (ob nun mit oder ohne Virus, bleibe dahingestellt) kommt mit hinzu, ist aber nicht mehr allein verantwortlich zu machen für das Desaster, das täglich deutlicher hervortritt. Bei den Entscheidungsträgern herrscht eine Stimmung vor, die auf die Frage hinausläuft, wie man lernen kann, den Virus zu überleben. Überleben, statt leben, überleben sowohl sanitär als auch politisch – das ist jetzt das Problem, vor dem alle stehen.

Und so kommt es also zu einem neuen sprachlichen Topos. Ausgehend von der nie versiegenden Klischee-Quelle, die aus dem Gesundheitsministerium quillt, bekommt man jetzt zu hören, es sei an der Zeit, „die Schrauben festzuziehen“. Das klingt nach Motor und Maschine, doch nicht nur dies. Offenbar entdeckt man, dass die Bevölkerung, die da aufgemuntert wurde, in die Ferien zu fahren, nein, mehr noch: regelrecht in die Ferien gehetzt wurde, weil das ja in ökonomischer Hinsicht so wichtig war, unanständig undiszipliniert ist. Sie macht, was sie will, irgendwie aus dem Gefühl heraus, das tue die Regierung ja auch.

„Die Schrauben festziehen“ beschränkt sich also keineswegs auf die Notwendigkeit, einen Motor, der stottert und bockt, wieder in Gang zu bringen, indem man seine Mechanik überprüft und sicherstellt, dass Lockerungen nicht den Gesamtmechanismus beeinträchtigen. Nein. Es klingt ganz anderes und viel mehr mit: „Die Schrauben festziehen“, das ist ein Ausdruck, bei dem man die feuchte Folterkammer vor sich hat, bei dem der Erfindungsgeist die Weichheit des Körpers in komplizierte Metallgestänge einschließt, ohne Entkommen, alles mit dem Ziel einer möglichst effizienten Zufügung von Qual.

„Die Schrauben festziehen“ ist also die konsequente Fortsetzung des „couvre-feu“, der Sperrstunde, die eigentlich ein „Feuer-Abdecken“ meint. Auch da ist man ja schon an einen Ort gebunden, darf nicht mehr raus, wird des Nachts gefangen gehalten. Zwar findet diese Gefangenschaft noch Zuhause statt, in wohlzivilisiertem Kontext also, mit Bett und Zudecke nach reichlichem Abendmahl, doch es ist schon klar, dass die Phantasie keinen großen Schritt zu machen hat, um von diesem Eingeschlossen-Sein weiterzugehen zu härteren Methoden der Angst-Verbreitung.

Das Thema Angst ist dabei genauso klischeebehaftet wie alles andere auch. Erst wehrte man sich sprachlich gegen alles, was als „anxiogène“, d.h. Angst erregend, erschien. Man betrachtete es als eine Zumutung, wenn die Zahlen Schauder vor dem hervorbrachten, was in naher Zukunft bevorstehen würde. Auch in dieser Hinsicht treten wir jetzt in eine neue Phase ein. An die Stelle der Kritik, die all dem galt, was Angst einjagt, tritt die mit massenpsychologischen Notwendigkeiten verbrämte Lust, Angst einzujagen. Erst verurteilte man sie als kontraproduktiv, jetzt setzt man ganz auf ihre heilende – will heißen: disziplinierende – Wirkung.

Zu beobachten ist also ein psychologisches Wechselbad, bei dem die Temperaturunterschiede möglichst groß ausfallen sollen: Der angenehmen Wärme des „Habt keine Angst“ folgt die Mahnung, die weit, weit unter dem Gefrierpunkt liegt und besagt : „Wir müssen Euch jetzt wirklich Angst einjagen“. Drohungen scheinen nötig zu werden, weil man merkt, das erste Klischee greift nicht länger.

Und ich, die ich stets zugunsten der erkenntnisstiftenden Kraft der Angst zu argumentieren pflegte, kippe langsam in das gegnerische Feld. Das – nämlich die Schraube, die man sich vorstellen kann als Daumenschraube oder noch Schlimmeres – gefällt mir nicht. Ich brauche in puncto Angst und Realismus keinen Rat. Dass zur Epidemie jetzt auch noch vage Bilder von Tortur, Motoren, Schrauben und sich steigernder Fest-Zurrung verbreitet werden, entspricht nicht der Sprache, die ich zu hören und zu sprechen wünsche. Man möge sachlich bleiben, Probleme beschreiben, die Dinge, wie sie nun einmal liegen, für sich sprechen lassen.

Sätze, die von Schrauben und Schraubenziehern phantasieren, vermitteln den Eindruck, dass da jemand, der sich an den eigenen Kopf fassen müsste, weil er sich zu fragen hat, ob er, als er die reine Sorglosigkeit predigte, eine Schraube locker hatte, den anderen den Fehler zuschreibt. Also eine Form verschobener Aggression: weg von sich selbst, hin zur Masse, die eben alles falsch gemacht habe. Und das weiß man ja: Wer nicht zugeben kann, dass er selbst Fehler begangen hat, ist besonders brutal in der Zuweisung der Schuld an andere. Und in der Bestrafung, die auf diese Schuld folgt.

Mir scheint, es ist bemerkenswert, dass Worte wie „Zusammenhalt“, „Solidarität“ oder „Verantwortung“ wenig vorkommen, die Schrauben aber überall. Sie pflastern geradezu die Strasse, auf der sich die Regierung sprachlich durch die Unwägbarkeiten der Gegenwart bewegt. Meine Befürchtung ist, dass die allgemeine Lockerung, der Ausbruch aus der Maschine dadurch nur noch schlimmer werden werden.

Anne Peiter

Corona 117: Coronakultur

Corona, so hat es Jan Friedrich formuliert, ist eine Krise der Arbeitskraft. Was die Maßnahmen zur Infektionseindämmung antreibe, sei die Angst vor dem Zusammenbruch der Produktions- und Lieferketten; Angst davor, über das hochkomplexe, super-mobile-mäßig ineinandergreifende ökonomische Gefüge die Kontrolle zu verlieren. Eine gesteuerte Rezession ist besser als eine ungesteuerte: So in etwa ließe sich die Maxime formulieren, die bei uns und in vielen anderen Ländern das Regierungshandeln bestimmt.

Man muss es in dieser Härte sagen, um dem Eindruck entgegenzutreten, es ginge jetzt um den Menschen, die Gesundheit oder ähnlich hohe Güter. Damit ist es wie mit allen anderen Dingen innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung: Sie sind ein Effekt, ein Kollateralnutzen eines rein ökonomisch definierten Systemzusammenhangs. Es ist die erste und oberste Aufgabe eines privat geführten Krankenhauses, Gewinn zu erwirtschaften. Wenn dabei auch etwas Gesundheit für die Menschen rausspringt, so ist das eine schöne Sache und gewiss auch gewünscht. Im Zweifels- und Krisenfall aber verzichtbar. Mein Bruder, der bei der Bahn arbeitet, pflegt zu sagen, um die Stimmung in den Vorstandsetagen zu beschreiben: Das einzige, was stört, sind die Reisenden. Manchmal fügt er hinzu: eigentlich auch die Züge.

Auch wenn das Handeln vieler Politiker subjektiv von dem Wunsch bestimmt sein mag, zu helfen und Leid zu lindern: dies ist das System, in das sie objektiv eingefügt sind und innerhalb dessen sie sich bewegen. Wenn Schulen und Kitas jetzt um jeden Preis offen gehalten werden sollen, so geht’s nicht um die Bildung unserer Kinder. Ich bin schon der Meinung, dass Schulen und Kitas der Bildung unserer Kinder nicht unbedingt schaden; auch ich sehe, dass sich Klassenunterschiede beim Home Schooling verstärken. Es ist aber nicht das Ziel des staatlichen Handelns, solche Ungerechtigkeiten zu lindern. Es ist bloß ein Vorwand, um die Arbeitskraft der Eltern zu erhalten.

Infektionslogisch wäre es vernünftig, Schulen und Kitas wieder zu schließen. Sie tragen die Infektionen von Familie zu Familie, und es ist in den letzten Monaten immer klarer geworden, dass die Familie, zumindest in den schönen Momenten, in denen sie sich fröhlich feiernd zur Großfamilie aufbläht, das Super Spreader Event per se darstellt. Das umgekehrt alle Kulturveranstaltungen zumachen müssen, obwohl sie sich um aufwändige Hygienemaßnahmen bemüht haben, und sich in den letzten Wochen meines Wissens kein einziger Ansteckungscluster nachweisen ließ, der von ihnen ausgegangen wäre, ist angesichts dessen absurd und epidemiologischer Unsinn.1 Es geht nicht mal darum, dass Bildung gegenüber der Kultur bevorzugt wird, die ja per se keine bildungsferne Veranstaltung ist. Nein, noch einmal: das Ziel ist es, die Rezession unter Kontrolle zu behalten.

Der große Unterschied zwischen dem Lockdown im Frühjahr und dem, der am nächsten Montag beginnen wird, besteht trotz der Leichenbittermiene von Merkel / Müller / Söder, die das Ergebnis der Beratungen gestern verkündeten (»ein schwerer Tag für Deutschland«), in der schlechteren Kaschierung solchen Ökonomismus, der durch die Krise herausgefordert wird und nun an die Oberfläche tritt. Volkes Stimme sagt: Alles was Spaß macht, wird verboten. Und sie hat nicht unrecht. Alle Kompensations- und Komplementärinstanzen, die uns helfen, es in diesem beschissenen Arbeitsleben auszuhalten, werden gestrichen. Wir werden reduziert auf unsere Arbeit und auf den Beitrag, den wir durch sie der Gesellschaft leisten.

Nun sagen die Kulturleute: aber wir arbeiten doch auch, und der Beitrag der Kultur zur Wirtschaft liegt bei 16 %. Ja, liebe Leute, aber irgendwo muss man halt anfangen! Kultur ist Luxus; in Kriegs- und Krisenzeiten, wo’s ums Überleben gehen, wurde sie immer klein geschrieben. Wir sind nicht im Krieg. Aber es hilft, die Situationen einmal miteinander zu vergleichen. Aus der Komfortzone sind wir raus. Wir werden kleine Brötchen backen, die guten Zeiten – wenn sie gut waren – sind vorbei; viele von uns werden von der Kultur nicht mehr leben können und irgendwas machen, um zu überleben – auch ich selbst, der ich keine feste Stelle habe und keine mehr finden werde. Genau so, wie es vor gerade mal 30 Jahren hier war, nach dem Zusammenbruch der DDR.2

Dass die Stadt, in der ich lebe, am Tag der zweiten großen Notverordnungen den Titel der Kulturhauptstadt für 2025 zugesprochen bekam, ist in dieser Situation ein paradoxer Trost. Auf der einen Seite ist es ja gut. Die Kultur wird so entsetzlich in die Knie gehen, Institutionen und Existenzen werden reihenweise vernichtet werden, Teile der Off-Szene werden sterben und die subventionierten Staatskunst wird entweder selbst ökonomisch veröden oder an ihrer Belanglosigkeit ersticken. Da ist jede Hilfe gut, jede Unterstützung wichtig.

Auf der anderen Seite darf uns die Prämierung nicht zu falschen Illusionen verleiten und glauben lassen, es ging einfach so weiter wie bisher. Tut es nicht, wird es nicht. Kultur hat ihre Selbstverständlichkeit verloren. Daran werden auch viele Millionen Euro an Kulturförderung nichts ändern. Wir müssen grundsätzlich partisanenhafter werden, in dem Bewusstsein, dass wir uns prinzipiell im Widerstand zu den Geist befinden, der uns in den nächsten Jahren beherrschen wird, vielleicht auf unabsehbare Zeit: die nächsten Krisen werden kommen; und in einer, der Klimaveränderung, stecken wir sowieso schon drin; dass wir diese Dinge, Kulturhauptstadt hin oder her, nicht machen werden, um damit Geld zu verdienen und unsere Existenz darauf zu begründen, sondern einfach, weil wir sie machen wollen. Das wird vielleicht alles ein bisschen ärmlicher und weniger spektakulär aussehen, billiger, ungeduldiger und provisorischer – Schlingensief-mäßiger sozusagen –, vielleicht aber auch etwas ehrlicher. Die Theater müssen wieder aus den Häusern raus auf die Straße. Kultur muss immer und irgendwo stattfinden, als Intervention in den Zwischenräumen. Ich will den ganzen Mist nicht vergolden. Aber die zumindest partielle Trennung von Kultur und Ökonomie bringt meine Fantasie auf Trab, und vielleicht geht es ja auch anderen so.

Wolfram Ette

Anmerkungen

Dank an Georg Spindler und Jan Friedrich für die Gespräche der letzten Tage.

1 Christian Drosten ist ein kluger und sympathischer Mensch. Genau an dieser Stelle reproduziert er aber (im Coronavirus-Update Nr. 62) den Ökonomismus des Regierungshandelns, verhält sich also nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch.

2 Vielleicht hängt der Umstand, dass die öffentlichen Coronaproteste eher ein westdeutsches Fundament haben, damit zusammen. Die Abstiegsängste sind größer; man kennt das nicht mehr. Das ganze Gerede vom Entzug der Freiheitsrechte hätte dann einen ökonomischen Grund. Im Osten dagegen reagiert man gelassener. Vielleicht aber auch einfach nur zynisch.

Corona 116: „Coronabedingt“

Es hat sich als die kürzestmögliche Form eingebürgert, in der darauf Bezug genommen wird, dass sich unser ganzes Leben sich in den letzten Monaten verändert hat. Dadurch, dass man es geschafft hat, eine globale Epidemie mit im Moment noch unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft, die Kultur und überhaupt unser Zusammenleben in ein einziges Wort, sei’s Adjektiv oder Adverb, zu packen, redet man die Sache und mit ihr auch die Folgen klein. So schnell und unmerklich, wie es aus unseren Sätzen verschwinden wird, wird Covid verschwinden. So denken und wünschen wir. „Coronabedingt“ ist ein Container, der viel toxisches Material enthält, aber hoffentlich bald entsorgt und endgelagert werden kann. Leicht lässt dieses eine Wort sich aus den Sätzen lösen, mit denen es relativ lose verklammert ist; ebenso leicht werden wir die Pandemie beseitigt haben; noch in diesem Jahr oder jedenfalls im nächsten.

Ein schönes Beispiel für die Normalität suggerierende, weil alles aus ihr Herausfallende auf ein Minimum zusammen kürzende Funktion des Wortes „coronabedingt“ liefert ein Bericht über die nun anstehende Eröffnung des Berliner Großflughafens BER – des legendären Pannen- und Pleitenprojekts, das jetzt acht Jahre später als geplant zu einem Zeitpunkt eröffnet wird, zu dem man sich nicht bloß über den Sinn des Fliegens und der Errichtung eines Großflughafens Gedanken machen kann, sondern faktisch sehr viel weniger Flugzeuge in der Luft sind als sonst und die Zukunft der Luftfahrt trotz ökologisch beschämender staatlicher „Rettungsmaßnahmen“ in den Sternen steht.

Diese Erkrankung der Atemwege hat eine Wirtschaft, die die Ausbeutung und schließliche Vernichtung der Natur zur Geschäftsgrundlage hat, aus Angst vor noch größerem wirtschaftlichen Schaden so in die Knie gezwungen, dass sie – jedenfalls hier, an dieser Stelle! – auf ein Maß zurückgefahren wurde, dass sich ökologisch vielleicht noch verantworten lässt. eventuell ökologisch gerade noch verantwortet werden kann. Also: wir machen gerade einmal etwas richtig. Aber das ist natürlich, bezogen auf die wirtschaftlichen Grundlagen unseres Zusammenlebens, genau das Falsche.

In dieser Situation öffnet der BER also seine Pforten. „Flüge von und zum BER können bereits gebucht werden.“ Jeder andere Zeitpunkt wäre weniger peinlich gewesen. Zu allen Peinlichkeiten, die während der Bauphase für zunehmende Erheiterung außerhalb Berlins sorgten, kommt nun noch dazu, dass ein Flughafen mit fünf Terminals und eine Auslastung von geplant 27 Millionen Besucher pro Jahr jetzt wie ein einziger Planungsfehler anmutet. Die Betreiber haben die Eröffnung solange verschieben müssen, bis sie zum reinsten Anachronismus geworden ist.

Aber halt! Wir lesen, dass Terminal 2 „wegen der coronabedingt niedrigen Passagierzahlen“ zunächst geschlossen bleibt. Andererseits befindet sich wegen „erwarteter steigende Passagierzahlen […] ein Terminal T3 in Planung“ – um also die irgendwann einmal avisierte Auslastung von noch mehr als 27 Millionen Besuchern auch stemmen zu können. Von Terminal 4 ist nirgends die Rede; Terminal 5 wiederum ist identisch mit dem alten Flughafen Schönefeld, umbenannt und den neuen Großflughafen eingegliedert. Er läuft also alles weiter wie bisher; T2 scheint fertig zu sein, bleibt aber „coronabedingt“ geschlossen; T3 ist in Planung, von der man nicht weiß, ob sie ähnlich groteske Züge annimmt wie eine Planung, die 2006 begonnen wurde und nach 14 Jahren zur coronabedingten Eröffnung eines Terminals geführt haben wird; T4 ist, wie gesagt, irgendwie verschollen. Was also nun mit großem Trara trotz Corona und der noch immer unfreundlich niedrigen Fluggastzahlen eröffnet wird, ist Terminal 1 – gefolgt von der sofortigen Schließung Tegels.

Doch nochmals Halt! Es stimmt ja nicht! Kein großes Trara, sondern eine kleine Feier, die relativ informell über die Bühne gehen soll:
„Der Flughafen BER wird am 31. Oktober 2020 ohne ein großes Fest für die Bevölkerung eröffnet. Der Großflughafen wird an diesem Samstag unspektakulär seinen Betrieb aufnehmen. Ein Grund ist die lange Bauzeit des Großflughafens und die zahlreichen Probleme, die es während der Bauphase gab. Der Berliner Gewerbeverein lädt am 30. Oktober 2020 zur BER-Airport-Opening Feier mit Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien ein. Höhepunkt wird ein Feuerwerk.“

Klar, warum sollte man etwas, feiern, wenn alles bleibt wie bisher und selbst das zu viel ist für die coronabedingt schlechte Nachfrage. Aber ist die der einzige Grund? Ist das nicht im Moment … wie soll ich sagen … grad irgendwie schwierig mit dem Feiern? Diese vielen Menschen, die sich da auf einem Haufen drängeln, der selbst die dünn besiedelte Mark Brandenburg, die von 27 Millionen Besuchern noch nichts weiß, in einen Hotspot verwandelt könnte. Aber wir lesen davon kein Wort. Wären die „lange Bauzeit“ und die „Probleme … während der Bauphase“ nicht gewesen, hätte man es doch krachen lassen. Corona beeindruckt den Berliner Gewerbeverein jedenfalls nicht. Sogar das Eingeständnis, dass Fehler gemacht wurden, geht ihm offenbar leichter über die Lippen als das Zugeständnis, dass dieEröffnung eines neuen Großflughafens „coronabedingt“ eigentlich ausfallen müsste, auch wenn er gegenwärtig auch nicht mehr Menschen befördert als Tegel und Schönefeld zusammen. Aber geschlossen bleibt „coronabedingt“ nur Terminal zwei. Und Terminal 3 ist in Planung, wird also die coronabedingten Dellen im Flugverkehr schon ausgleichen. Geöffnet, jedoch ohne große Feierlichkeiten, wird Terminal eins. Buchungen können jetzt schon entgegengenommen werden.

Ein phantastischer, phantasmagorischer, zugleich zusammengeschrumpfter und aufgeblähter, total eingebildeter Normalbetrieb also, der keine Coronabedingungen, Coronabedingheit oder sonst irgendwelche durch Corona nahegelegten Bedingungen kennt. Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Coronaferien lange vorbei sind und es in den Sternen steht, wann wir wieder welche kriegen. Dass wir in der Lage sind, etwas durchzuziehen, dessen coronabedingter Widersinn offenbar geworden ist, stellt der Berliner Gewerbeverein am 30.10. bei der BER-Airport-Opening-Feier unter Beweis, dessen Höhepunkt ein Feuerwerk bilde, in dem – ja was? – die Wirklichkeit in einem Funkenregen aufgeht.

Wolfram Ette

https://www.berlin.de/tourismus/infos/verkehr/6237027-4289888-bereroeffnung-am-31-oktober-2020-ist-es-.html#:~:text=Das%20lange%20Warten%20hat%20ein,der%20Flughafen%20Berlin%20Brandenburg%20BER.

Corona 115: Krank ist jemand, der andere krank machen kann

Wer den Covid hat, ohne Symptome aufzuweisen, ist jemand, dem eine merkwürdige Zwitterstellung zukommt: Man ist krank, ohne krank zu sein. Man ist ansteckend, ohne das selbst wahrnehmen zu können. Man stellt potentiell eine Gefahr für andere dar, obwohl man’s gar nicht wissen kann.

Französische Ärzte, die positiv auf den Virus getestet werden, jedoch in ihrem Allgemeinbefinden ohne jede Beeinträchtigung sind, sollen jetzt normal weiterarbeiten dürfen. Mehr noch: Es wird ihnen auferlegt, weiterhin zur Arbeit zu kommen. Der Ärztemangel ist so groß, dass die Quarantäne, obwohl auf wenige, kurze Tage beschränkt, die Krankenhäuser weiter an den Rand des Chaos treiben würde. Das gilt vor allen Dingen für die Intensivstationen. Dort weiß man nicht mehr ein noch aus. Kranke, die nicht krank sind, werden also in Zukunft Kranke behandeln, die es wirklich sind.

Natürlich ist klar, dass Ärzte nicht nur mit Kranken zu tun haben, sondern auch mit KollegInnen. Auch kümmern sie sich nicht allein um Covid-Kranke, sondern auch um andere Schwerkranke, die kein Covid haben. Es besteht also das Risiko, dass noch mehr Personal ausfällt, weil es sich beim asymptomatischen Kollegen ansteckt. Oder dass Kranke, die schwer krank sind, noch kränker werden, weil sie bei der Behandlung trotz aller Vorsichtsmaßnahmen durch den behandelnden Arzt angesteckt werden.

Ich denke mir, dass die Regierung ziemlich verzweifelt sein muss, wenn sie eine Regel, die zunächst nur für Schulen galt, jetzt auch auf die Krankenhäuser ausweitet. In den Schulen versuchte man, das Weiterfunktionieren des Beamtenapparats durchzusetzen. Die Regeln wurden laxer und laxer. Gleichzeitig wurden die Zahlen schlimmer und schlimmer. Doch je schlimmer sie wurden, desto wichtiger wurde es, dass diejenigen, die noch arbeiten konnten, auch wirklich zur Arbeit kamen. Und immer unwichtiger wurde es, ob bei der Arbeit ein Risiko von ihnen ausging. Dass dadurch natürlich die Ansteckung weiter angeheizt wird und damit wiederum der Druck auf die Ärzte- und allgemein Beamtenschaft steigt, ist logisch. Ein Teufelskreis tut sich auf, aus dem nur dann ein Ausweg existiert, wenn neue Menschen einspringen. An den Schulen mag das noch irgendwie denkbar sein. In den Krankenhäusern nicht. Dort sucht man nach Freiwilligen, die irgendwie mal in ihrem Leben im Bereich der Krankenversorgung tätig gewesen sind: Rentner, Vertreter benachbarter Berufe.

Es reicht nicht. Es fehlt an Menschen. So werden sich also in Zukunft Ärzte über die Betten ihrer Kranken beugen, die selbst krank sind. Sie werden versuchen, noch strikter die Regeln zu beachten als jetzt. Sie werden der Gesundheit zuarbeiten, so gut sie können. Doch wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn die Maske nicht dicht ist oder sonst ein Fehler unterläuft, wird sich zeigen, dass ein asymptomatischer Arzt nicht nur Arzt, sondern auch ein Patient ist: ein Patient, der andere Patienten hervorbringt. So ist jetzt die neue Definition von Krankheit: Krank ist jemand, der andere krank machen kann.

Anne Peiter

Corona 114: Augen dieser Stadt

Jetzt, wo die Maskenpflicht wieder umfassender geworden ist, erleben wir wieder und wieder dasselbe. Man begegnet jemanden im Supermarkt, auf der Straße oder auf einer der wieder rarer werdenden Kulturveranstaltungen und ist sich nicht sicher, ob man sie oder ihn kennt. Ein vages Gefühl von Vertrautheit stellt sich ein, aber es ist gewissermaßen bodenlos. Man blickt dem Gegenüber in die Augen und wartet darauf, dass irgendetwas passiert: ein Blick zurück, ein Nicken, eine Begrüßung, ein Leuchten; im Kern aber wartet man auf eine Information, die weiterhilft in dieser untergrabenden Verunsicherung. Meine Blicke tasten die andere Person ab, Kleidung und Statur – finde ich hier einen Anhaltspunkt? Allzu nah dürfen wir uns auch nicht kommen, zumindest dann nicht, wenn Andere in einem geschlossenen Raum um uns herumstehen, so dass wir uns nicht im Stillen darüber austauschen könnte, wer wir sind. Banale Alltagssituationen gleichen der Erfahrung, die man macht, wenn man eine Freundin oder einen Mitbewohner nach langer Zeit wieder sieht: Ist sie es? Ist er es? Aber selbst der entscheidende Moment, in dem wir in solchen Situationen uns erkennen, auf die älter gewordenen Gesichtszüge fokussieren, Gegenwart und Vergangenheit miteinander verbinden und manchmal mit Erschrecken, meist jedoch in einer Art Rührung das Einst im Jetzt erkennen und das Jetzt im Einst, ist uns nun abhanden gekommen. So bleibt auch das Wiedererkennen, der flüchtige Gruß, den nichts folgt, weil man sich nicht mehr umarmt und überhaupt lieber auf Distanz bleibt, weil das für die Gesundheit von uns allen zuträglich ist, seltsam unbestimmt und unwirklich. Wir erfahren, wie fremd wir uns in Wirklichkeit sind und wohl immer schon waren; damit einher geht das Bewusstsein von der Nutzlosigkeit solcher gesellschaftlichen Kontakte, der Sinnlosigkeit der Floskeln, die wir ausgetauscht hätten, wenn sich unsere Begegnung nicht auf den Augenkontakt, dann auf ein Handzeichen und eine flüchtige gemurmelte, durch unsere Masken noch dumpfer klingende Begrüßung beschränkt hätten. Deswegen versenken wir unseren Blick noch einmal kurz in den der / des anderen; es ist ja alles was wir haben, und wir denken darüber nach, ob wir in all den zurückliegenden Jahren dieser Person, von der wir mittlerweile schon fast sicher wissen, wer sie ist, schon einmal so in die Augen geblickt haben. Das ist dann in all der sittsamen Distanz, die wir zueinander einhalten, dann schon wieder fast unanständig und nicht sittsam; aber wir beide, ob nun Mann oder Frau, handeln ja fast schon in Notwehr und in einer momentanen Trance, weil wir keine andere Möglichkeit haben, unsere Bekanntschaft festzustellen und zu erneuern. Wenn all das vorbei sein wird, überlege ich, ohne im Geringsten daran zu glauben und ohne es mir vorstellen zu können, werde ich die Augen dieser Stadt gut kennen, ihre Farbe, ihren Ausdruck, Krähenfüße und Tränensäcke (oder ihre Abwesenheit), Brillen und Kontaktlinsen, lebendige und tote Augen. Aha, und das sollen die Fenster der Seele sein – nicht gerade viel, philosophiere ich weiter, verglichen mit den Körpern, die mir entzogen werden und den Gesichtern, die ich nicht sehe …

Wolfram Ette

Corona 113: Nerze


1

In Dänemark sollen 1,5 Millionen Nerze getötet werden, weil sich unter diesen das Virus mit rasender Geschwindigkeit verbreitet. Der Verlauf der Krankheit ist oft tödlich. Der Tod der Tiere pflegt innerhalb von vierundzwanzig Stunden einzutreten.

Befürchtet wird, dass neue Formen des Virus, die in der Käfigwelt festgestellt worden sind, Bemühungen um Impfstoffe für den Menschen zunichte machen könnten. Schon jetzt ist der Virus von einer der dänischen Farmen in ein Altersheim gewandert und hat dort zum Tod von Menschen geführt. Die Massentötungen, die die dänische Regierung jetzt beschlossen hat, sind also als Reaktion auf die zunehmende Angst vor den Folgen der Massentierhaltung zu werten. Der Entschluss sei schwierig gewesen, liest man, weil Dänemark pro Jahr 19 Millionen Nerze produziere. Es handelt sich also um einen sehr bedeutenden Wirtschaftszweig des Landes.

Mich wundert, dass allein die italienische Presse über diese Dinge zu berichten scheint. Es wundert mich noch mehr, dass es allgemein so still geworden ist um Fragen, die in der Anfangsphase der Epidemie eingehend diskutiert wurden: wie nämlich der Rückgang oder sogar das Verschwinden von Tierarten die Schutzlosigkeit der Menschen befördert hätten.

Man weiss nicht viel über den Zusammenhang zwischen Tieren und Virus. Doch man muss nicht viel wissen, um sich vorzustellen und zu bestätigen, dass die enge Zusammenpferchung der Nerze in den Käfigen ein Hohn ist in Bezug auf alles, was mit Blick auf die Menschen als „Kontaktbeschränkung“ und „Abstandsregel“ bezeichnet zu werden pflegt.

Natürlich ist es kostengünstig, die Tieren auf so wenig Platz wie möglich zu halten. Der Markt macht’s erforderlich. Doch was jetzt gerade – durchaus nicht als Neues, sondern als Bestätigung von Altbekanntem – zu Tage tritt, ist die Tatsache, dass das Kostengünstige eine kostspielige Angelegenheit ist. Effizienz, die als extremste Beengtheit der Tiere in Erscheinung tritt, zeigt die Beengtheit unseres eigenen Horizonts. Man tut so, als wären Menschen- und Tierwelt klar voneinander zu trennen. Hinzu kommt: Die Nerze sind nichts als Produzenten von Nerzen – nicht etwa Lebewesen jenseits dessen, was sich an ihrem Körper vermarkten lässt.

Nicht nur die Enge ist ein Problem. Die Enge ist die Enge des Gleichartigen. Wenn ein Nerz mit anderen Tieren zusammenlebte, die den Virus nicht bekommen können, wäre ersterer in einem bestimmten Mass durch die Vielfalt seines Lebenskontextes geschützt. Es ist also auch die Einseitigkeit, die die Produktionsstätten, d.h. unsere Art, Produktion zu denken, kennzeichnet, die den Menschen jetzt an’s Leben geht. (Menschen eines Altersheims sind bereits daran gestorben.)

Wenn man die Nerze als Bild unserer Lebensweise betrachtet, sind wir nicht nur eng, sondern auch einseitig. Der paradoxe Umschlag liegt nahe: Enge und Einseitigkeit bedeuten Ausweitung, nämlich von Problemen, von Krankheit und von Tod. Also werden wir prospektiv in Massen sterben, weil wir zu eng und einseitig leben: in einer ökonomischen Mono-Kultur. Einseitig, da ohne Tiere. Oder wenn mit Tieren, dann nur in diesem Gebrauchs- und Verwertungsverhältnis, für das die Nerzkäfige paradigmatisch stehen.

Die dänischen Nerzfarm-Besitzer – 1.500 an der Zahl – leben mit 19 Millionen Tieren zusammen (oder vielleicht auch nur neben diesen, wenn auch im regelmäßigen Kontakt). Der Satz, wir lebten ohne Tiere, scheint also falsch zu sein. Wir leben mit zu vielen Tieren. Mit viel zu vielen! Weil so viele – viel zu viele – Tiere an einem Ort zusammengepfercht werden, leben wir nicht mehr mit ihnen. Sie sind da, als Ding, als kommende Ware, in einer Menge, die unsere Fähigkeit, mit ihnen zu leben, übersteigt. So ergeben sich wichtige Gleichungen: „Zu viel“ heißt „ohne“, weil „zu viel“ kein „miteinander“ und schon gar kein „Leben“ ermöglicht. Das ist eine Gleichung, die weit über die Nerzfarmen hinaus gilt. Noch einmal, damit Zeit für die Übertragung bleibt: „Zu viel“ = „ohne“ > „kein Miteinander“ = „kein Leben“.

Und jetzt wieder zu den Käfigen. Die Unmöglichkeit, die die Tiere er-leben – die Unmöglichkeit, zu leben –, schränkt unsere eigenen Möglichkeiten, Tiere zu er-leben, ein, verunmöglicht das Mit-Leben, also das Leben selbst: unser eigenes. Demnach ist auch hier Reduktion angesagt. Weniger Tiere entspricht: mehr Leben. Oder überhaupt: Leben.

Unsere Gesellschaften sind todessüchtig. Sie töten 1,5 Millionen Nerze in einem einzigen, kleinen Land, mit einem einzigen, großen Schlag. Inzwischen nähert sich die Zahl der gestorbenen Menschen eben dieser Zahl: Schon jetzt belegen die Statistiken mehr als eine Millionen Opfer. Ist diese Ähnlichkeit nicht unheimlich? Wird es niemandem ungemütlich? Diese Millionen, direkt nebeneinander?

Dänische Nerze werden übrigens hauptsächlich für den chinesischen Markt produziert. So schließt sich der Kreis.

2

Der Blick in die Berichterstattung anderer Länder ergibt plötzlich andere Zahlen. In La Repubblica liest man von 1,5 Millionen zu tötenden Tieren, in der deutschen Presse (wo man das Thema also doch entdeckt hat) hingegen von 2,5 Millionen. Mein Gott! Da hat sich eben der eine oder der andere Journalist vertippt, und dann ist die jeweilige Zahl vor dem Komma weitergewandert in weitere Artikel, das kann schon mal passieren!

Eine Millionen mehr, eine Millionen weniger – es kommt schon nicht mehr drauf an.

3

Im Deutschen wird das Töten der Nerze mit dem Fachausdruck „keulen“ bezeichnet. Gemeint ist damit eine vorsorgliche Tötung, durch die verhindert werden soll, dass sich Seuchen weiter verbreiten. Man findet in der Presse aber auch das Wort „Notschlachtung“.

„Keulen“ klingt ebenso archaisch wie furchterregend. Man sieht förmlich das Tötungswerkzeug niedersausen, hört Knochen splittern. Es kommt auf die Handlichkeit und Festigkeit der Waffe an und auf die Wucht, mit der sie geführt wird. Keulen pflegen als „nicht penetrierende“ Waffe definiert zu werden. Doch „nicht penetrierend“ heißt nicht, dass man mit einer Keule nicht töten könnte. Der Schrei erstirbt schnell, wenn der Schlag sitzt.

„Notschlachten“ betont, anders als das „Keulen“, dass man’s nicht gern tut, sondern aus der Not heraus handelt. Tiere werden geschlachtet, weil irgend etwas Unvorhergesehenes eingetreten ist. Es kann sogar um die Linderung der Not eines verletzten oder kranken Tieres gehen. So etwas wie Sterbehilfe wird gewährt.

Es gibt noch ein drittes Wort, das aber inzwischen als veraltet gilt. Es lautet „merzen“ und meinte die Aussonderung des so genannten „Merzviehs“, das, weil es zu alt, nicht mehr leistungsfähig oder krank war oder aus sonstigen Gründen keinen Nutzen mehr brachte, „ausgemerzt“ wurde. Sprachgeschichtlich wird vermutet, dass das „Merzen“ mit dem Monat März zusammenhängen könnte, weil zu diesem Zeitpunkt die Aussonderung erfolgte. Es gibt aber auch Theorien, die einen möglichen Bezug zum Griechischen meiro, ich sondere ab, für wahrscheinlicher halten.

Es mag dahin gestellt bleiben, welche Etymologie die richtige ist. Was unmittelbar einleuchtet, ist, dass „Aussonderung“, d.h. „Selektion“, und „Ausmerzung“ Begriffe sind, mit denen wir uns auskennen.

Dass man zumindest in Europa jetzt auch bestimmte Erfahrungen mit dem Monat März verbindet, ist reiner Zufall. Aber auch er ist unheimlich. So viel Geschichte, so viel Aktualität in Einem!

4

Bußgeldvorschriften

(1) Ordnungswidrig handelt, wer eine in § 31 Absatz 2 bezeichnete Handlung fahrlässig begeht.

(2) Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig

1. entgegen § 4 Absatz 1 Satz 1 in Verbindung mit einer Rechtsverordnung nach § 4 Absatz 4 Satz 1, jeweils auch in Verbindung mit § 4 Absatz 2 oder Absatz 3 oder einer Rechtsverordnung nach § 4 Absatz 4 Satz 2, eine Anzeige nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig erstattet,

2. entgegen § 4 Absatz 1 Satz 2, auch in Verbindung mit § 4 Absatz 2, ein krankes oder verdächtiges Tier von einem dort genannten Ort nicht fernhält,

3. einer vollziehbaren Anordnung nach § 5 Absatz 1 Satz 1, auch in Verbindung mit § 5 Satz 2 oder Satz 5, nach § 5 Absatz 3 Satz 1, § 8 Absatz 2, § 24 Absatz 3 Satz 2 oder Satz 3 oder § 38 Absatz 11 zuwiderhandelt,

4. einer Rechtsverordnung

a) nach § 6 Absatz 1, auch in Verbindung mit § 38 Absatz 9 erster Halbsatz oder § 39 Absatz 2 erster Halbsatz Nummer 1, nach § 6 Absatz 1, auch in Verbindung mit § 38 Absatz 10 Satz 1 erster Halbsatz, auch in Verbindung mit § 39 Absatz 2 zweiter Halbsatz, nach § 26 Absatz 1, 2 oder Absatz 3, jeweils auch in Verbindung mit § 38 Absatz 9 erster Halbsatz oder § 39 Absatz 2 erster Halbsatz Nummer 5, oder nach § 26 Absatz 1, 2 oder Absatz 3, jeweils auch in Verbindung mit § 38 Absatz 10 Satz 1 erster Halbsatz, auch in Verbindung mit § 39 Absatz 2 zweiter Halbsatz,

b) nach § 6 Absatz 2, auch in Verbindung mit § 38 Absatz 9 erster Halbsatz oder § 39 Absatz 2 erster Halbsatz Nummer 1, oder nach § 10 Absatz 2, auch in Verbindung mit § 38 Absatz 9 erster Halbsatz,

c) nach § 7, auch in Verbindung mit § 39 Absatz 2 erster Halbsatz Nummer 2, nach § 11 Absatz 3 Nummer 3 oder § 12 Absatz 6 Nummer 2, 3 oder Nummer 4 oder

d) nach § 14 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1, nach § 14 Absatz 1 Satz 2 Nummer 1 oder Nummer 4, jeweils auch in Verbindung mit § 39 Absatz 1 Satz 2 oder nach § 39 Absatz 1 Satz 1 oder einer vollziehbaren Anordnung auf Grund einer solchen Rechtsverordnung zuwiderhandelt, soweit die Rechtsverordnung für einen bestimmten Tatbestand auf diese Bußgeldvorschrift verweist,

5. entgegen § 13 Absatz 2 ein lebendes oder totes Tier, ein Teil eines Tieres oder ein Erzeugnis verbringt,

6. entgegen § 24 Absatz 4 Satz 1 eine Auskunft nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig erteilt,

7. entgegen § 24 Absatz 9 eine Maßnahme nicht duldet oder eine Person nicht unterstützt oder

8. einer unmittelbar geltenden Vorschrift in Rechtsakten der Europäischen Gemeinschaft oder der Europäischen Union im Anwendungsbereich dieses Gesetzes zuwiderhandelt, soweit eine Rechtsverordnung nach Absatz 4 für einen bestimmten Tatbestand auf diese Bußgeldvorschrift verweist.

Ich will weder den Eindruck erwecken, mich über Dinge zu äußern, von denen ich nichts verstehe – Tierseuchenschutz, juristische Fragen –, noch will ich mich an Polemiken über den deutschen oder europäischen Bürokratie-Dschungel beteiligen. Dennoch konstatiere ich: Es ist schwer, das Wort „Tier“ in diesem Text, der aus vielen Sätzen und Absätzen besteht, überhaupt zu finden. Die Nerze im Plural, der Nerz im Singular – und dann das, was man hier liest: Sätze und Absätze. Die Unheimlichkeit ist durchgängig.

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Eigentlich ist das Wort „keulen“, obwohl fachsprachlich korrekt, ein Euphemismus. Gekeult wird nicht mehr, jedenfalls nicht mit Keulen. Vielmehr ist geplant, die Nerze in Container durch Kohlenmonoxid-Gase zu töten. Ich lese, dass der Tötung ein aufwendiges Verfahren vorausgehen und daher mehrere Monate dauern wird. Die SpezialistInnen werden Schutzanzüge tragen müssen, die Fahrzeuge müssen zunächst in Schleusen desinfiziert, Wege zu den Farmen von der Polizei abgesperrt werden, damit wirklich keine Übertragung der Krankheit an andere Orte stattfinden kann. Nach erfolgter Keulung werden die Nerze desinfiziert und in großen Anlagen gekocht werden. Auf diese Weise ist die Verarbeitung der Tierkadaver zu Düngemitteln oder Biodiesel möglich.

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In Deutschland gibt es aufgrund der Tierschutzgesetze inzwischen keine Nerzfarmen mehr. Auch die Niederlande haben wegen des Coronavirus die Entscheidung getroffen, ihre Nerz-Produktion auslaufen zu lassen. In Schleswig-Holstein arbeiten jedoch Firmen, die auf die Aufbereitung von Tierkadavern spezialisiert sind und regelmäßig mit Nerzkadavern aus dem nahen Dänemark beliefert werden. Sie arbeiten wiederum mit niederländischen Firmen zusammen, die dann besagten Biodiesel produzieren, der seinerseits von Diesel-Auto-Besitzern gekauft wird.

Nerze werden sowohl im Normalbetrieb als auch jetzt, bei besagter Keulung, vergast, und für die Vergasung werden zum Teil Auspuffgase verwendet. Es ist nur ein Gedankenexperiment, aber es ist nicht ohne jede Plausibilität: Könnte es nicht sein, dass Nerzproduzenten mitunter auch Dieselmotoren verwenden, um die Tötung vorzunehmen? Und könnte nicht auch Biodiesel, der aufbereitete Fette aus Nerzkadavern enthält, mit solchen Motoren kompatibel sein? Wenn’s so wäre, würden die Tiere mit einer Waffe getötet, in die ihre eigene Not Eingang gefunden hat. Was den einen Nerzen – jetzt und hier – den Tod bringt, ist der Tod der anderen, die zuvor getötet worden sind. Sie sterben gleichsam an sich selbst. Tod durch Tod, doch unter Beibehaltung dessen, was Eleganz verbürgt: Die Pelze bleiben unbeschädigt. (Darum also muss man dem Wort „keulen“ seine Zustimmung versagen. Man tötet jetzt sauberer.)

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Es gibt Theorien, die besagen, dass die Massentötung von Tieren an dem erklärten Ziel, weitere Viren-Ausbrüche zu verhindern, vorbeigehe. Der Selektionsdruck auf den Virus verschärfe sich. Es bestehe die Gefahr, dass es zur Evolution hypervirulenter Formen komme: Das Problem werde nicht schwächer, sondern stärker.

Wenn das stimmt, dann regulierte man nicht, sondern dereguliert. Man arbeitet dem Virus zu und meint doch, man arbeite gegen ihn.

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Man muss nicht so weit gehen, die gesamte Kette zwischen verschärfter Selektion und Virulenz, Käfig, Vergasung, Verwertung und neuer Tötung und neuer Verwertung darzustellen. Es ist auch nicht nötig, daran zu erinnern, dass Teile der im Gang befindlichen Prozesse unter dem Label „Bio“ laufen. Treiben wir die Dinge nicht auf die Spitze. Bleiben wir der Nüchternheit verhaftet: Festzustellen ist, dass wir uns mit Begriffspaaren wie „Bürokratie und Tod“, „Aussonderung und Ausmerzung“, „Nutzung und Vergasung“, „Krankheit und Gesundheit“ bestens auskennen.

Anne Peiter

Nachweise

https://www.gesetze-im-internet.de/tiergesg/BJNR132400013.html

https://www.tagblatt.ch/leben/weil-sie-corona-bekommen-und-menschen-angesteckt-haben-eine-million-nerze-muessen-notgeschlachtet-werden-ld.1265867

https://hallo-holstein.de/2020/01/15/gequaelte-nerze-im-biodiesel-peta-deckt-auf-wie-tierkoerperverwerter-rendac-jagel-ahnungslose-verbraucher-das-blutige-geschaeft-auf-daenischen-pelzfarmen-unterstuetzen-laesst/

Corona 112: Freitesten

Es liest sich erst ungewohnt: Ist das ein Superlativ? Freitest, freitester, am freitesten? Oder handelt es sich um ein Verb: ich freiteste, du freitestest usw.? Das Letztere trifft zu, doch es ist reflexiv zu denken: Ich teste mich frei, du testest dich frei, er, sie (weniger es) testet sich frei, wir testen uns frei, ihr testet euch frei, sie testen sich frei.

Das Wort wird angewendet auf die neuen Quarantäneregelungen. Reisende, die ohne „triftigen Reisegrund“ reisen, müssen bei ihrer Rückkehr eine zehntägige Quarantäne respektieren, können sich aber schon ab dem fünften Tag freitesten. Wer triftige Gründe hat, wird dieser Regel nicht unterworfen. Er ist frei, ganz ohne Test, die Triftigkeit wird zu einem Privileg: Testfreiheit statt Freitesterei.

Beim „freitesten“ handelt sich um ein trennbares Verb. Es ist die morphologische Regel festzuhalten, dass Trennbarkeit vorliegt, wenn das jeweilige Präfix vor dem Verb betont ist. Verben, deren Präfixe nicht betont sind, sind im Gegensatz dazu untrennbar. Es reicht aus, das Verb „freitesten“ korrekt auszusprechen, und schon weiss man, dass „Test“ und „frei“ trennbar sind. Der Test ist erfolgt, er setzt das Präfix frei: Es flottiert, es setzt sich im Satz, wohin es will (oder fast). Frei! Endlich wieder frei! Doch man befreit sich nicht nur hin zum Leben, sondern auch vom Testen selbst: Dieses fällt von einem ab, verschwindet in den Verschlungenheiten der deutschen Syntax.

Auf die Politik übertragen, muss jedoch vor solchen Hochrufen eine Voraussetzung erfüllt werden: Es ist nicht nur nötig, dass der Test absolviert wird, vielmehr muss sein Ergebnis auch dem Freiheitsbedürfnis entsprechen. Anders gesagt: Das Freitesten hat nur dann Erfolg, wenn der Test negativ ausfällt. Ist das Ergebnis positiv, ist die Trennbarkeit aufgehoben. Das Verb gleitet in diesem letzteren Fall in die Kategorie der untrennbaren Verben (bei denen, wie gesagt, der Akzent auf dem Verb und nicht auf dem Präfix liegt).

Die Verschiebung des Akzents ist bedeutsam: Positives Freitesten bedeutet einen Zugewinn für den Wortbestandteil „Test“, und das ist auch gesundheitspolitisch zu verstehen: Man muss Zuhause bleiben, die Quarantäne wird verlängert, man hat sich unfrei getestet oder zur Unfreiheit hingetestet und testet nun selbst noch für mehrere Tage die Dimension des Wortes „Unfreiheit“ aus, ungewollt, aber so ist es nun einmal.

Frei wird man also nur, wenn der Wort-Akzent die Freiheit bestätigt. Es zeigt sich, dass das Testen seine Deutungshoheit verteidigt. Der Test hat zwar nicht die Freiheit, eigenständig den Akzent zu verschieben. Auch er muss warten auf das, was er ergibt. Doch wenn er einmal festgestellt hat, was der Fall ist, wird augenscheinlich, dass Freitesten auch eine sprachliche Entsprechung – genauer: ein Antonym – verlangt. Das ergäbe dann so etwas wie „unfreitesten“.

Dieses Verb ist wiederum nicht zu verwechseln mit dem Privileg der Inhaber triftiger Gründe: Diese bleiben ungetestet, scheren sich also weder um das Verb „freitesten“ noch um das „unfreitesten“. „Ungetestet“ ist nicht „unfreigetestet“. „Ungetestet“ ist der Freiheit höchste: Negiert wird der Test, negiert seine Notwendigkeit, negiert die Möglichkeit, dass der Akzent auf ihn fallen könnte.

Vorauszusagen ist aber in sprachlicher Hinsicht schon jetzt, dass das Wort „unfreitesten“ keinen Eingang ins Deutsche finden wird, denn alle Welt hofft natürlich auf die Freiheit und nicht auf die Unfreiheit. „Freitesten“ ist Ausdruck des individuellen Optimismus, der stets davon ausgeht, dass „freitesten“ nicht nur sprachlich den Akzent auf das Präfix legt, sondern alltagspraktisch auch. Die Unfreiheit testet niemand. Man erleidet sie. Beim „Freitesten“ wird das prospektive Ergebnis immer schon antizipiert.

Der Test auf die Freiheit ist aber ohne das Gegenteil nicht klar zu denken. Er schreibt sich je schon von der Möglichkeit der Notwendigkeit, mit oder in Unfreiheit zu leben, her. Freilich: Die Unfreiheit ist in der jetzigen Situation eine relative, ihre Dauer absehbar. Es sei denn, dass das Unfreigetestetwordensein neue Unfreiheiten und Zwänge schafft – dieses Mal die Zwänge, die mit dem tatsächlichen Ausbruch der Krankheit, auf die man getestet wurde, einherzugehen pflegen. Das ist eine böse Unfreiheit, eine, die einfach so kommt!

Doch diese Möglichkeit scheint im „freitesten“ kaum auf, und der Grund dafür liegt in der Reflexivität: Es ist, als teste man sich selbst, als bleibe man Herr der Lage, als komme einem die Bestimmung über das Ergebnis zu: „Du bist frei!“ Die Reflexivität verstärkt also den Optimismus, der bereits im Verzicht auf die Negation „un-„, wie sie uns in „unfreitesten“ begegnet war, aufschien. Ein positiver Selbstbezug wird erkennbar, im alten Sinne verstanden: Es kann einen nicht treffen, dieses « Un- », es ist un-möglich, es erscheint als un-wahrscheinlich, als Negation der Präfixe, wie sie uns vorschweben als neuer Superlativ.

Es handelt sich also doch um ein Adjektiv: Freitesten, das ist Voraussetzung für das freitestetes Leben, das sich zur Zeit denken lässt. Die freitestesten Menschen sind die Ungetesteten, freitester immerhin als die Unfreigetesteten oder Unfreitestesten sind die, die sich zwar dem freitesten unterwerfen mussten, jedoch noch auf das Ergebnis der Freiheit hoffen können. Bei dieser Mittelkategorie besteht die Aussicht, dass das Ergebnis dem entsprechen wird, was man erhoffte. Freitesten ist also immer auch eine Probe auf die Hoffnung, die jeden Einzelnen beseelt.

Anne Peiter

Corona 111: Zeitlichkeiten der Produktion

Am letzten Wochenende habe ich eine Lochkamera gebaut. Das Loch, durch welches das eingelegte Fotopapier belichtet wird, ist außerordentlich klein, so dass die Belichtungszeiten mehrere Wochen, ja sogar Monate betragen können. Ich träume davon, so etwas zu Beginn der Pandemie gehabt zu haben. Ich hätte sie während des Lockdowns so montiert, dass die wochenlange Menschenleere in meiner Straße dargestellt worden wäre, verewigt in winzigen Schritten auf dem lichtempfindlichen Papier. Starre, frostige Dokumente mutmaßlich; nichts als das Unbewegte wäre darauf zu sehen, und doch wäre alles, was in dieser Straße passierte, unsichtbar in nicht wahrzunehmenden Verfärbungen und ein Trübungen abgebildet.

Ich empfinde diese Fantasien als wohltuendes Gegengewicht zu den eiligen, manchmal zu eiligen Texten, die ich in den letzten Monaten verfasst habe, hingeworfenen großer Anspannung, manchmal schlaflos, zwischen andere Arbeiten eingeschoben, die auch nicht allzu lange warten konnten; eine Prosa der singenden-klingenden Nerven, nicht des Kopfes; intensiv-wunderliche Gebilde, denen es manchmal gelingt, aus der Tiefe subjektiver Idiosynkrasien die Objektivität zu holen, und die sich manchmal hoffnungslos vergaloppieren; Rauschprodukte, die die Dinge manchmal in Klarheit erscheinen lassen, und dann aber wieder einfach nur Trübe und Kopfschmerzen hinterlassen. Ja, eine Lochkamera wäre auch gut gewesen.

Ein befreundeter Fotograf hat analog fotografiert, Mittelformat, richtig großer Aufwand. Er sagte, er wolle nicht gleich sehen, was aufgenommen habe. Rund 1000 € hat er in die Filme investiert, die Kontaktabzüge werden wohl im Dezember kommen. Noch eine andere Zeitlichkeit. Die Bilder zu machen, ist Sache weniger Augenblicke. Danach verschwinden sie für Monate, entwickeln sich im Dunkeln des Vergessens, bis sie – dieses Mal chemisch – entwickelt werden. Hinzu kommt, dass mein Fraund zumindest während des Lockdowns immer dieselben Strecken abgelaufen ist – ein, höchstens zwei Stunden am Tag. Häufig waren es dieselben Motive, die er an aufeinanderfolgenden Tagen aufnahm. Eine Lochkamera mit Intervallschaltung, eine wahrnehmende und denkende zumal, die etwas auswählt und entscheidet. Und dann wartet. An die Stelle der Permanenz tritt Wiederholung, mit kleinen Abwandlungen, die den Prozess dokumentieren, dann der Schnitt, dann die Wartezeit, dann der erneute Blick auf diese Werke winziger Momente, sie zusammenfassend vielleicht zu einem Bild, das nicht existiert, aber ferne Ähnlichkeit mit dem hat, was ich mir von den nicht verwirklichten Bildern meiner Lochkamera erhofft hätte.

Wolfram Ette

Corona 110: Kontaktlisten

Nach dem – nun auch schon wieder etwas zurückliegenden – Spreader-Event in der Hamburger Bar „Katze“ macht ein Senator die Runde durchs Hamburger Nachtleben und sammelt Kontaktlisten ein. Es kam heraus, dass sie nur zu einem Drittel verwertbar waren. Erfasst waren dabei natürlich nur diejenigen, die sich überhaupt eingetragen hatten. Das waren aber aufgrund unterschiedlich strenger Einlasskontrollen nicht alle. Zwei Drittel der Namen waren entweder unleserlich oder unverwertbar, da aus erfundenen Namen wie Lucky Luke, Darth Vader oder Micky Maus bestehend.

Es gibt einen stillen Protest gegen die Erfassung der Kontaktdaten, der offensichtlich dem eigenen Interesse entgegenläuft. Man würde doch gerne informiert sein, wenn sich jemand anderes, der an demselben Abend wie man selbst die Bar besucht hat, mit Corona angesteckt hat, oder? Wenn aber das Selbsterhaltungsinteresse so offenkundig verleugnet wird, muss dem ein mächtiges Motiv (oder ein Zusammenspiel mächtiger Motive) entgegenwirken. Was könnte es sein?

Wenn man sagt, dass diejenigen, die hier die erwünschte Auskunft verweigern, Corona nicht ernst nähmen, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Vielleicht nehmen sie die Krankheit nur allzu ernst. Deswegen müssen sie sich selbst vormachen, sie täten es nicht. Sie mögen durch echte Sorglosigkeit oder durch echte Sorge, die sich als Sorglosigkeit geriert, angetrieben sein. Oder die zwei Haltungen wechseln einander ab. Grundiert ist beides von einer (an dieser Stelle immer wieder thematisierten) anthropomorphistischen Projektion: dass das Virus (in diesem Fall vielleicht besser: der Virus) meine Courage honorieren wird und mich in Frieden lässt. Bange machen gilt nicht. Wie in einer archaischen Schlacht wird der Virus eingeschüchtert, wenn ich ihn nur zeige, wie wenig er mein normales Leben beeinträchtigen kann. Krankheit ist was für Schwächlinge. Wer nicht zum Arzt geht, wird nicht krank. Und überhaupt: Wenn man’s nicht testen würde, gäb’s gar kein Corona. Und wenn ich mit einer falschen Identität signiere, die ich mir überdies aus dem Vorrat der globalen Pop-Kultur ausgeliehen habe, lache ich überdies die Krankheit aus und bestätigte damit meine Überlegenheit noch viel glänzender.

Das ist das erste Motiv. Das zweite reagiert auf eine unsichtbare Bedrohung, die uns nicht weniger umfassend beherrscht als das Coronavirus: die Überwachung ohne Überwacher, den umfassenden Datenklau, die Spiegelung unserer gesamten digitalen Persönlichkeit auf den Servern großer Konzernen, deren Algorithmen daraus ein individualisiertes content management generieren. Wir alle wissen davon, die Sache ist aber so ungeheuerlich und wir selbst sind wiederum so ausgeliefert an diese Konzerne, auf deren Produkte wir angewiesen sind oder zu sein glauben, dass wir es verdrängen müssen, wenn wir nicht verzweifeln wollen. Wir sind durch eine unser Leben durchgestaltende Suchtstruktur mit dem Internet und den Medien, die uns damit versorgen, verbunden. Pragmatische Gründe kommen dazu: Sie erleichtern unser Leben, erhöhen den Profit unseres Geschäftes, garantieren Anerkennung, auf die wir angewiesen sind. Ein großer Zwangszusammenhang. Wir wissen davon, aber wir können und wollen uns dem nicht entziehen, da er zu unsrem Lebensmittel geworden ist. Damit aber auch die Ausbeutung unserer Daten. Es ist eine double bind-Situation, die wir nur aushalten, indem wir sie systematisch von uns wegschieben.

Es mag eine Form solcher Verdrängung sein, dass sich die Abneigung gegen die Verwendung unserer Daten gerade dort austobt, wo dies mal zu einem nützlichen Zweck geschieht, die Datenmengen von geradezu lächerlicher Geringfügigkeit ist und alles nach vier Wochen gelöscht wird. Aber wir können hier einmal sehen, was mit unseren Daten geschickt. Da liegen Zettel aus, auf denen wir uns einzutragen haben. Was wir aber sehen können, dagegen können wir uns wehren. So müssen die unschuldigen Listen in den Bars die verbrecherischen Eingriffe in unsere Privatsphäre entgelten, die weit mehr beinhalten als Name und Telefonnummer und die sich keineswegs auf einen vierstündigen Barbesuch beschränken. Es ist eine Sündenbockstruktur. Weil man das Hauptproblem nicht antasten kann, wird die Kritik auf Nebenschauplätzen ausgetragen. Ob irgendjemand ein Problem damit hätte, sich in diese Listen einzutragen, wenn es keine Smartphones gäbe?

Der Dokumentarfilmer Thomas Heise erzählt, dass es im Überwachungsstaat der DDR überhaupt kein Problem gewesen sei, die Menschen zu filmen. Sie seien gerne bereit dazu gewesen; nach kurzer Vorbereitung hätten sie sich in der Regel unbefangen vor der Kamera bewegt. Dies, so Heise, sei nun nicht mehr möglich. Er habe es überhaupt aufgegeben, in westlichen Ländern zu filmen. Zum einen sei die Angst davor, dass mit den Daten, also dem Filmmaterial Missbrauch getrieben werden, so, dass in vielen Fällen gar nicht filmen dürfe. Der Verdacht, wirklich und in jedem Augenblick gefilmt zu werden, gehe in die Weigerung, gefilmt zu werden ein, obwohl die Möglichkeiten der Einflussnahme hierfür größer sein. Auf der anderen Seite sei der durchs Internet generierte Reflex so stark, eine Rolle zu spielen, so, dass an dokumentarische Authentizität, an die in der DDR unter den ersten Nachwendejahren gut heranzukommen war, nicht mehr zu denken sei. Das würde ihn, Thomas Heise, dann aber nicht mehr interessieren.

Also auch hier: ausbleibende, unleserliche oder gefälschte Daten auf der einen, Micky Maus oder Julien Bam auf der anderen Seite.

Wolfram Ette

Corona 109: Philologie des kranken Herrschers

1. Verkleidete Segnung

„I feel great. I feel, like, perfect,“ versichert Trump in einem Video. „I think this was a blessing from God, that I caught it. This was a blessing in disguise. I caught it, I heard about this drug, I said let me take it. It was my suggestion.“

Es ist gar nicht so einfach, eine Rede zu transkribieren. Ich meine: Nicht die Worte sind schwer aufzuschreiben (man muss nur hinhören, und, wenn nötig, mehrmals), sondern die Interpunktion. Wo atmet Trump? Wo endet ein Sinnabschnitt? Wo der jeweilige Satz? Eigentlich hat man bei diesem Mann stets den Eindruck, dass man gar keine Kommata oder Punkte setzen sollte. Es müsste alles ein einziger, unterbrechungsloser Fluss sein. Also so: „I think this was a blessing from God that I caught it this was a blessing in disguise I caught it I heard about this drug I said let me take it it was my suggestion“.

Wenn man hingegen verstehen will, was Trump sagt, wenn man also einer Interpretation den Weg bahnen will, erscheint es ratsam, das Ganze in Versform zu gießen. Versuchen wir‘s also, wie gesagt, gegliedert, wie’s dem Sinn geziemt:

Blessing in disguise

I
think
this was a
blessing
from God that
I
caught it
this was a
blessing in disguise
I
caught it
I
heard about
this drug
I
said let me take
it
it
was my suggestion

So. Da ist es, das Werk: die Verdichtung, das Essentielle dessen, was uns im planetarischen Maßstab geschieht. Jetzt, wo die formalen, d.h. gestalterischen Probleme gelöst sind – der Rhythmus ist gegeben durch das zentrale Wort (Elias Canetti nennt es das „konzentrierteste“, das er kenne: „I“)–, sollten wir uns, wie in Literaturseminaren üblich, an die Interpretation machen. Ein Stück Gegenwartsliteratur liegt vor, liegt vor uns (vor allen Dingen, wenn das Gedicht Trump hilft, die Wahl
zu gewinnen).

„Verkleidete Segnung“ lautet der Titel, und das steckt sogleich den theologischen Rahmen ab, aus dem der Dichter schöpft. Ein „Credo quia absurdum“ wird aktualisiert, und zwar dadurch, dass sich das „Ich“ zunächst für gesegnet hielt, weil es den Virus nicht bekam, jetzt hingegen, weil Gott ihm den Virus doch gesandt hat. Die Assonanzen, die das „blessing in disguise“ durchziehen und auf diese Weise klanglich hervorheben, nehmen – als vokalischer Halbreim – die lautliche Ähnlichkeit vorweg, die das Gedicht sodann auch zwischen „god“ und „drug“ herzustellen unternimmt. Gott hat das „Ich“ gesegnet, doch gesegnet hat es auch die „Droge“, die hier in ihrem ursprünglichen Sinne, nämlich als Heilmittel zugunsten des zum Heil Erkorenen – eines neuen, gottgesandten Heilands – verwendet wird.

Die klangliche Assoziation ist Voraussetzung der inhaltlichen. „Gott“ und „Droge“ sind gleichermaßen segensreich. Die Enjambements, die durchgehend verwendet werden, unterstreichen, wie wichtig die repetitio dem Autor ist. Zunächst tritt die zweimalige Verwendung der Formulierung „I caught it“ hervor, wobei der changierende Sinne des „catch“ bemerkenswert bleibt. Gegen Ende des Gedichts treten dann „it“ und „it“ unmittelbar zusammen, als Steigerung der repetitio des Anfangs, hinführend zu dem impliziten Versprechen, das den Ausklang bildet: Das Ich hat den Vorschlag – die „suggestion“ – nicht nur für sich selbst gemacht. Es hat vor denjenigen, die über die Medikamente befinden und verfügen, nicht allein um des eigenen Heils willen auf das Heilbringende verwiesen, sondern hat, darin selbst schon zur göttlichen Gestalt werdend, auch die allgemeine Utopie – das Heil aller – vorausgeahnt. Das einfache „it“ erweist, wie bedeutungsschwanger es ist. „It“, das ist Unterpfand des Heils, „it“, das ist, was auch alle anderen Kranken, die jetzigen und die künftigen, heilen wird.

Der biblische Subtext ist unverkennbar. Der Autor bezieht sich auf die Wunderheilungen Christi, er erinnert, ohne explizit zu werden, an die fundamentale Kraft des christlichen Glaubens. Die Fügung von „it“ und „it“, ihr Zusammentreffen in direkt aufeinanderfolgenden Versen schweißt das Ich an das Wir, enthält die Verheißung, dass das, was dem Ich widerfahren ist, auch der übrigen Menschheit zum Wohl gereichen wird. Bei dem einen Wunder wird es nicht bleiben. Das eine, erste nimmt die erwartbaren, kommenden vorweg.

„It“ und „it“ wird damit zum Glanzpunkt einer Rhetorik, ist Ausweis, dass das Ich und das Es – im Freudschen Sinne verstanden – im Fall Trumps nicht voneinander zu trennen sind. Bezieht man sich allein auf die Schreibung, ist das „It“ die Erweiterung des „I“. Ein einziger Konsonant reicht aus, um – qua Hinzufügung – das Konzept des lyrischen Ichs zu erweitern, hin zu einem quasi-kosmischen Denken, indem das „I“ überall ist. Dass es dem „it“ übergeordnet bleibt, wird orthographisch angedeutet. Auf subtile Weise – nämlich durch den Wechsel zwischen der Großschreibung des „I“ und der Kleinschreibung des „it“ – werden Nähe und Distanz miteinander in Einklang gebracht. Das „I“ behauptet, ganz im „it“ aufzugehen, doch indem es sich selbst in Großschreibung setzt, beansprucht es eine gewisse, wenn auch nur indirekt erschlüsselbare Überordnung. Das heißt jedoch keineswegs, dass das „it“ eine Bedeutungseinbuße erleiden würde. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Dadurch, dass das Gedicht das „I“ schließlich zurücknimmt und auf die Dopplung des „it“ kein weiteres „I“ folgen wird, zeigt es, dass das Es, so sehr die Unterwerfung unter das „Ich“ auch zum Ziel erklärt wird,
beherrschender Bestandteil dieser Form von Religiosität ist.

Von hier aus ist die Rückkehr zum Titel geboten. „Disguise“ hat, da Konzept von Verkleidung und changierenden Identitäten, als Schlüsselwort zu gelten, um das gleichsam pantheistische Sein des
gottgleichen „I“ in den Dingen zu affirmieren. Der Autor negiert die Säkularisierung nicht. Er sieht Gott nur noch in verkleideter Form am Wirken. Das Gedicht betreibt selbst die Verkleidung. Es trägt mithin
der Moderne Rechnung. Doch damit ist nicht gesagt, dass Gott ganz aus dem Kosmos zu verschwinden habe. Vielmehr setzt das Gedicht die Dialektik der Säkularisierung in Szene, und zur Bühne derselben wird erneut das „I“. So erklärt sich abschließend deren auffällige Häufung. Sie ist Konsequenz des genannten „Es“ und seiner Herrschaft, sie ist zugleich aber auch die Folge einer Identifizierung, die das Ich mit Gott empfindet.

Anne Peiter


2. Christologie / Zerstörung und Heil

Die Idee, Politik zur Lyrik umzugestalten, um sie besser zu analysieren, ist genial. Endlich, endlich haben die sich bei den Celan-Epigonen häufenden Enjambements, die Nichtigkeiten mit hohlem Pathos aufladen, wieder einen Sinn. Endlich ist ein Instrument gegeben, um die politische Phrase zu sezieren. Und endlich ist Corona nicht mehr nur Gegenstand der Analyse, sondern ihr Mittel: denn was ist der Zeilenfall anderes als ein ständiges, wiederholtes Luftschnappen, der Moment, in dem die Phrase, anders als ihr Präsident, keine Luft mehr bekommt und in die Einzelteile zerfällt, aus denen wir Sie neu zusammensetzen?

Anne Peiter hat fast schon alles zusammengetragen, was zum Gedicht dieses Weltenherrschers zu sagen ist. Ich will es bloß noch einmal aufgreifen und durch meine Verstärkerkreisläufe jagen:

  • zum Beispiel, dass auch der aus der bloßen Annahme („I think“), er, der kranke Trump, sei von Gott gesegnet worden, im folgenden eine Gewissheit wird („this was a blessing“); dass er also aus der Position eines demütig Gläubigen, der nicht genau weiß, was sein Gott mit ihm vorhat, aufrückt zum Gesegneten, der es sehr wohl weiß und den göttlichen Willen vertritt.
  • dass die Zeilen 10-11 („I caught it“) als Neben- und als Hauptsatz verstanden werden kann; im ersten Fall als Inhalt der verkleideten Segnung; im zweiten davon abgelöst, so dass der Satz dann zwischen zwei Bedeutungen changiert: „dass ich sie bekam“, also die Krankheit; und: „ich ergriff ihn“, nämlich den Segen; was natürlich so zu verstehen ist, dass es zugleich beides ist: dass die Ansteckung, die einfach passiert und im wahrsten Sinne des Wortes in einem eindringt, umfunktioniert wird in eine Handlung, eine aktive Geschehen, würdig eines Präsident, der sich als neuer, gottgesandter Heiland inszeniert, dem Leiden zum Segen, d.h. zuletzt zur Steigerung seiner Macht ausschlägt.
  • dass in seinem Falle, nicht einfach dem eines gewöhnlichen Patienten, sondern dem eines charismatischen Führers, das bloße Hörensagen genügt („I heard about this drug“) , um ihn über die Fach- und Sachkenntnis der behandelnden Ärzte hinauszuheben, gegen deren Willen der Präsident – so klingt es ja am Schluss – sich durchgesetzt zu haben scheint mit seinem Vorschlag, ihn die „Droge“ – welche auch immer – zu verabreichen: auch hier also die Umwandlung von Passivität in Aktivität, von der Zerstörung in die Heilsfülle dessen, der sich als Testperson die vorderste Front des Kampfes gegen Corona begibt, wie immer gegen den Willen der ihn umgebenden Berater und Wesire: die alte Vorstellung des Gottesgnaden Königs, der nicht zurücksteht und Andere für sich kämpfen lässt, sondern ganz vorne, mitten unter den seinen in die Schlacht reitet.

Anne Peiter hat es schon in aller Deutlichkeit gesagt: Hier tritt ein „neuer Heiland“ auf. Und das Gedicht setzt in eins damit den Mechanismus in Szene, durch den dies geschieht. Gott, Trump und die Medizin, die er als oberster Medizinmann des Volkes sich selbst verabreicht, bilden eine flüssige, unablässig pulsierende Dreieinigkeit, in der permanent eines ins andere umgesetzt wird – durch eben den Mechanismus, der das Leiden zur Passion, zur aktiven ergriffenen Stellvertretung umfunktioniert. Es ist also ein christologisches Schema, das Trump hier bedient und sich anmaßt.

Ich zögere deswegen ein wenig, von einer „Dialektik der Säkularisierung“ zu sprechen. Dies wäre ja eine Säkularisierung, die ihr eigenes Gegenteil hervorbringt, so wie in der ‚Dialektik der Aufklärung‘ die Aufklärung den Mythos, zuletzt den neuen Mythos des Faschismus. Es vollzieht sich aber gleichsam hinter ihrem Rücken, und ich bezweifle, ob das auf die aggressive Aneignungsgeste des amerikanischen Präsidenten hier zutrifft. Er weiß schon, was er will – und wenn er es nicht weiß, dann fühlt er es doch überaus genau: das Führerschaft in den Zeiten der Krise mit religiösem Charisma gesättigt sein muss; dass er selbst angesichts der Opfer, die zu leisten sein werden, in vorderster Front gesehen werden sollte; dass er seinen Körper zu dem Schema macht, in dem Zerstörung und Heil ineinander umschlagen.

Wolfram Ette

Anmerkungen

  1. ‚Heil und Zerstörung‘ lautet der Titel eines Buchs von Carl Polónyi, das das „Geflecht der mythischen Bilder“ unterssucht, das, von den politischen Führern in Dienst genommen, zur Eskalation des Jugoslawienkonflikts der 1990 Jahre beitrug.
  2. Agatha Frischmuth hat einen schönen Artikel über das Phänomen des kranken Herrschers geschrieben: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-leviathan-taumelt-nicht

Corona 108: Zwei Haltungen

Inmichgehen

Ein Post bei Facebook macht mich auf ein Problem aufmerksam, von dem ich schon lange weiß und über dass ich bereits geschrieben habe, dass ich aber mit einer etwas sturen Hartnäckigkeit von mir fernhalte. Es hat die Form: Wer sucht, der findet, wer klopfet, dem wird aufgetan. Das meint, dass die Zahl der bestätigten Corona Fälle von der Zahl der Messungen abhängig ist. Beide Zahlen finden sich auf der Seite des Robert-Koch-Instituts. Aus ihnen geht hervor, dass im Moment zehnmal soviel Tests durchgeführt werden wie im Frühjahr. Die Fallzahlen betragen aber nur das 1,25fache derjenigen, die in der 12. Kalenderwoche festgestellt wurde; gegenüber der Messphase in der 12. – 15. Kalenderwoche (1. Höhepunkt der Krise) liegen sie sogar sehr viel niedriger. Die Sterblichkeitsrate ist leicht gesunken. Das heißt, es sieht eigentlich gut aus. Die Ansteckungsrate scheint gefallen zu sein. Beide Samples sind repräsentativ, operieren also mit einer Dunkelziffer, über deren Höhe wir nichts Genaues wissen, die aber vermutlich gefallen ist. Aber sicher sagen können wir dies natürlich auch nicht.

Nicht nur deswegen ist mein Optimismus vielleicht doch nicht berechtigt. Es könnte gut sein, dass im Frühjahr, weil es nicht genug Tests gab, nur diejenigen getestet wurden, deren Symptomatik auf Corona hindeutete. Es erscheint logisch, dass der prozentuale Anteil der Infizierten höher war als jetzt, wo man es sich leisten kann, auch dann zu testen, wenn jemand keine Symptome hat, deren oder dessen Position (zum Beispiel als Lehrerin) aber einen Negativbefund zur Voraussetzung hat. Dann wird es klarerweise auch mehr Negativbefunde geben. Meine gute Laune wird gedämpft. Sie ist aber doch nicht ganz verschwunden, denn was immerhin zur Hoffnung Anlass gibt, ist die gesunkene Sterblichkeitsrate. Sie ist, so höre ich im Radio, auf die angewachsene therapeutische Erfahrung in den Kliniken zurückzuführen.

Wir sind also wieder an dem Punkt, an dem wir schon mal waren. Die Zahlen besagen erschreckend wenig. Anders: es gibt nur wenig haltbare Zahlen, überhaupt furchtbar wenig, worauf wir bauen können. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Politiker die Zahlen benutzen, um uns zu hintergehen, ist aber nicht zwingend. Es könnte auch einfach sein, dass die Politiker auch nicht klüger sind als ich. Auch sie erstarren erst einmal vor der Macht absoluter Zahlen und lassen sich von ihrer schieren Größe gefangen nehmen, auch dann, wenn sie erst im Verhältnis Sinn ergeben. Das 1000 mehr sind als 1, lernt man, bevor man über das Verhältnis von Kilogramm und Gramm unterrichtet wird. Das sitzt in uns drin, ganz geht dieser Vorrang nicht verloren.

Das Ratsamste ist also, gesunde Skepsis zu bewahren und sich von keiner Seite das Denkens wegnehmen zu lassen. Beobachten, die Erscheinungen betrachten und sie zählen. Auf uns selbst bauen, auf den „gesunden Menschenverstand“, „ein Gefühl für die Situation entwickeln“, „aus dem Bauch urteilen“. Ojemine.

Aber es ist kein blanker Irrationalismus. Unser Gehirn ist eine ziemlich leistungsfähige Rechenmaschine. Die Daten, die wir bewusst prozessieren, machen nur einen winzigen Teil seiner Verarbeitungsleistung aus. Dass wir sehen, was wir nicht sehen, die Blicke eines anderen in unserem Rücken spüren und uns Knall auf Fall in jemanden verlieben, den wir nicht kennen, hat damit zu tun. Wir nehmen mehr auf als wir denken, wir verarbeiten in rasender Geschwindigkeit und formen intuitiv Prognosen, nach denen wir unser Verhalten einrichten. Seher, Schamanen, Propheten konnten einen Teil dieses unbewussten Wissens abrufen. Auf ihre Voraussagen sich zu berufen, war zu ihrer Zeit das Rationalste, das zur Verfügung stand.

In Zeiten der Krise, in denen die Zahlen verrückt spielen und ihre Interpretation schwerfällt, tut man gut daran, sich darauf zu besinnen. Nicht auf Propheten und Schwärmer, deren Zeit abgelaufen ist. Sondern auf sich selbst und auf Verhaltensreflexe im Umgang mit der Erscheinungswirklichkeit, die in Jahrmillionen evolutionärer Arbeit entwickelt wurden. Insichgehen, Graben, den Gefahrenwert einer Situation animalisch spüren, bevor sie über mich hereinbricht: Darum geht es. Fühle ich mich in einem Konzert, in einer Kneipe, in einer Kirche wohl? Wie erscheint mir das Verhalten der Menschen in einer Versammlung? Wie sind die vibrations in meiner Schulklasse, in meinem Seminar, unter den Kollegen? Was für Reflexe flößt mir jemand ein, der sich offenbar nicht an die Regeln hält? Es gibt keine Gewissheit und die gab’s nie. Regeln und Gesetze sind Krücken, letztlich kann nur ich selbst Verantwortung übernehmen und mit den Mitteln die Wirklichkeit verarbeiten, die mir zur Verfügung stehen. Sie aber sind größer, als es mir scheint.

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Sept_2020/2020-09-16-de.pdf, Seite 10

Wolfram Ette

Over-worriers

Eine Umfrage hat sich zum Ziel gesetzt, den Sorgen- und den Schadens-Index verschiedener Länder zu messen. Erklärt wird, dass beide mitunter auseinandertreten: Eine Schere öffnet sich.

Diejenigen, die sich große Sorgen machen, werden mit dem englischen Ausdruck „Over-worriers“ bezeichnet, wenn die Gefahr, wirklich Schaden zu erleiden – zum Beispiel durch Klimaveränderung, Arbeitsunfälle oder unsaubere Nahrung –, als gering eingestuft werden muss. Menschen, die sich Sorgen machen und allen Grund dazu haben, sind folglich nur „worriers“, jedoch keine „over-worriers“. Menschen aber, die kaum Grund haben, sich Sorgen zu machen, aber trotzdem glauben, sie hätten ihn, sind der genannten Kategorie mit dem Präfix „Über-“ zuzuschlagen. Sie sind Übertreiber in Sachen Sorgen, und das will heißen: Sie tun des Guten zu viel, sie stellen die Sorge ins Zentrum statt die Einschätzung des erwartbaren Schadens.

Sie selbst würden hingegen behaupten, dass die Erwartbarkeit desselben nur dann gesenkt werden kann, wenn man ihn erwartet, d.h. sich Sorgen macht. Das heißt, die Übersteigerung der Erwartbarkeit entspricht dem Versuch, das Sorgenmaß (und damit auch genannten Index) zu senken. Die Senkung funktioniert freilich nicht, kann nicht funktionieren, denn wer überzeugt ist, dass sich Sorge und Schaden antiproportional zueinander verhalten, muss sich notwendig gegen das Massvolle stellen, weil gerade die Herabminderung, d.h. Mäßigung der Sorge übermäßige Schäden hervorzulocken geeignet ist. Die over-worriers lassen sich also ihr hohes Sorgenmaß nicht ausreden, sie argumentieren, das geringe Schadensniveau sei zurückzuführen auf das, was die durchschnittlichen Sorgenmacher oder, mehr noch, die unterdurchschnittlichen als Übertreibung kategorisieren. Indirekt empfehlen sie den ein wenig neidvoll auf das geringe Sorgenmaß schauenden Untertreibern, sie mögen sich doch bitte umgekehrt ein wenig mehr in der Kunst der Unverhältnismäßigkeit üben, dann würd‘s schon besser.

Die over-worriers nehmen hin, sich lächerlich zu machen. Sie haben ihre Sorge nicht im Griff, weil als erwartbar gelten kann, dass ihre Zukunft kein Problem darstellen wird. Ihre Kritiker sehen also auf den Schaden und weniger auf die Sorgen. Nicht das Erwartbare steht bei dieser Außenperspektive im Vordergrund, sondern das schon Eingetretene, das beweise, dass das Erwartbare am Eingetretenen zu messen sei, weil sonst eben die Gefahr der Übersteigerung drohe. Das heißt, Zukünftigkeit – mögliche, kommende Schäden – werden gemessen am Vergangenen. Die over-worriers sehen sich aufgefordert, zurückzublicken, um festzustellen, dass ihr Schadens-Index von jeher geringfügig gewesen sei. Warum also nicht auch der der Zukunft?

Doch Sorge definiert sich per definitionem hauptsächlich von der Zukunft her, und insofern ist der Hinweis auf Vergangenheiten oder Gegenwarten für die over-worriers ziemlich uninteressant. Sie sind die grossen Antizipierer, Menschen also, die mitunter durch ihre Sorge künstlich Schäden herstellen, fast, als bedürfe es eines Beweises dafür, dass sie recht hatten. So erzählt Lichtenberg von einem Mann, der sich entschloss, eine kostbare Vase an einen anderen Ort zu stellen, weil ihm der gegebene zu unsicher zu sein schien. Während er aber die Vase in Sicherheit brachte, zerbrach sie ihm, zerbrach er sie. In gewisser Weise hatte sich die Sorge erfüllt. Der over-worrier hatte recht behalten: Die Vase war wirklich in Gefahr gewesen. Schlimmer (oder besser) noch: Sie war zerstört worden, die Untertreiber konnten diese Tatsache nicht mehr rückgängig machen. Die Zukunft war eingetreten. Sie war so zerstörerisch, wie erwartet werden durfte.

Kritiker der over-worriers würden die Geschichte natürlich anders herum interpretieren. Sie würden sagen, dass die Vase nie zerbrochen wäre, wenn sich der Mann nicht Sorgen um sie gemacht haben würde. Denn wenn die Vase einfach da stehen geblieben wäre, wo sie stand, wäre sie geblieben, wo sie war, ihr Besitzer hätte sie vielleicht weiterhin mit Sorgen betrachtet, doch mit der Zeit hätte er feststellen müssen, dass die Vase stand und stand und damit seiner Sorge wider-stand. Wieder und wieder würde der Mann sie angeguckt haben und wieder und wieder würde sie gestanden haben in herrlichster Unberührtheit.

Ein over-worrier jedoch würde, wenn er wirklich einer ist, die Tatsächlichkeit der Zerstörung durch die Sorge nicht als Beweis gegen die Richtigkeit der Sorge akzeptieren, die zur Umstellung der Vase geführt hatte. Er würde behaupten, dass die Vase jetzt zwar tatsächlich zerbrochen ist, sie aber auch hätte zerbrechen können, wenn sie an ihrem angestammten Platz geblieben war. Die Tatsächlichkeit des schon Eingetretenen wird also nicht notwendig als Argument gegen die Tatsächlichkeit der Gefahren betrachtet, die möglicherweise gedroht hätten. Over-worriers sind nicht nur Meister der Übertreibung, sondern auch Spezialisten in Sachen Möglichkeit. In gewisser Weise sind sie invertierte Utopiker. Sie glauben immer an das Schlimmste, steigern bloße Möglichkeiten zu Quasi-Gewissheiten und lassen es sich angelegen sein, den Normalmaßlern vorwurfsvoll die Schlamassel vorzuhalten, sobald diese (also die Schlamassel) als eine von vielen Möglichkeiten wirklich eingetreten sind.

Übertreiber stellen also nicht nur Probleme her, sondern sie machen sich zu allem Überfluss (dem Ihren) auch noch unsympathisch, denn stets sind sie auf der Suche nach dem Eintreten dessen, was sie für erwartbar ausgeben. Es ist die Systematik ihres Pessimismus, der an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln lässt. Es ist die Permanenz, mit der sie sich auf vergangene Schlamassel beziehen, als wären sie schon die künftigen, die stört.

Die maßvollen Sorgenmacher sehen in der zerstörten Vase eine zu frühe Zerstörung. Sie erkennen der Vase zu, dass sie, selbst wenn sie irgendwann auf andere Weise zerbrochen wäre, vorerst noch nicht zerbrochen wäre – hätte nicht der Exzess an Sorge zur Antizipation einer Zukunft beigetragen, deren Zeit noch gar nicht gekommen war. Den Unverhältnismäßigkeiten wird also der Vorwurf gemacht, eine Art von Luxus-Dasein zu führen. Es gibt so viele Menschen, die sich wirklich Sorgen machen müssen, und oft machen sie’s nicht, weil der Sorgen so viele sind, dass es über die Kräfte eines Jeden gehen müsste, sie alle zu antizipieren. Die over-worriers sind, mit anderen Worten gesagt, Exponenten von Realitäten, in denen Verwöhntheit herrscht. Ihre Sorgen sind Luxus-Sorgen, ihr Verhältnis zur Zukunft ist ein Luxus-Verhältnis, ihre Übertreibungen sind Ausweis der Tatsache, dass sie nichts Besseres zu tun haben, als Sorgen herzustellen. Sie sind damit Hersteller des Schlechten, aber noch nicht einmal auf offene Weise. Ein echter Pessimist würde sagen, dass er Pessimist ist. Ein Dystopiker hielte nicht damit hinter dem Berg, dass er die Zukunft für katastrophal hält. Doch die Utopiker vom Schlage der Sorgen-Macher im oben genannten Sinne sind unangenehm, weil sie sich nicht recht einordnen lassen. Sie hängen in der Zukunft fest und behaupten doch zugleich, dies habe Bedeutung für die Gestaltung der Gegenwart. Sie zerbrechen unablässig Vasen, ohne dass dies nötig wäre, und kommentieren die Durchbrechung des Maßes doch allein mit dem Hinweis, es sei nötig, weil sonst die gesamte Zukunft in Scherben liegen werde. Das heißt: Sie geben das Utopische nicht ganz auf. Sie argumentieren noch zugunsten der Vermeidbarkeit, und zwar nicht nur für sich allein, sondern auch für diejenigen, die glauben, zur Sorge sei gar kein Anlass.

Dies ist der letzte Punkt, der die Inversion von Utopie so anrüchig und den Streit um die Vase so zentral macht. Sie sprechen nicht nur für sich! Sie sind Übertreiber auch in der Hinsicht, dass sie auf den positiven Seiten der „Cura“ für alle bestehen. Die „Cura“ sei auch Fürsorge, ängstliches Bemühen nicht nur um sich selbst, Sorgfalt oder auch Hingabe. Die Unverhältnismäßigen sagen, sie würden nur darum so maßlos sein, weil die anderen umgekehrt so wenig zur Hingabe bereit seien. Sie leiten quasi das Zerbrechen von Vasen aus der Standhaftigkeit ab, die andere Vasenbesitzer ihren Vasen und den Vasen der Anderen von jeher und jenseits jeden Zweifels zuerkennen.

Das heißt, dass das Übermaß sich nicht nur von erwartbaren Zukünften herleitet, sondern auch von der Tatsächlichkeit der Untertreibung, für die man in Gegenwart und Vergangenheit reichstes Material finde. Damit ergibt sich ein Verhältnis neuer Art: Die Ausweitung der Sorge auf die Anderen ist eine Antwort auf deren relative oder absolute Sorglosigkeit. Der Wettstreit um das Ausmaß der Sorge – hin zur Senkung oder Steigerung – betrifft auch die Reichweite der Betroffenheit, d.h. die Frage nach dem Kreis derer, denen, so die over-worriers, das ängstliche Bemühen zu gelten hätte.

Es ist keine so ausgemachte Sache, ob der Aspekt der Vor-Sorge, der hier durchgehend in Erscheinung tritt, nicht in Wirklichkeit einer Nach-Sorge entspricht. Wenn Zukünftigkeit sich ableitet von dem, was man von der Vergangenheit her zu wissen glaubt, ist Sorge vor allen Dingen ein Geschichtswissen. Und insofern hängen die over-worriers doch nicht allein in der Zukunft, sie sind doch nicht nur auf diese fixiert. Vielmehr sprechen sie von den vielen Tonscherben, die die Archäologen im Boden freigelegt haben. Over-worriers sind Archäologen, die von der Einheit der Zeiten ausgehen, weil sie die schlechten Möglichkeiten schon lange, lange verwirklicht sehen. Darum haben sie so wenig Zweifel an dem, was die Zukunft an Katastrophen bereit hält. Darum also die Behauptung, als Realist gelten zu müssen, als Realist aber, der noch an andere Möglichkeiten glaubt.

Diese Selbstinterpretation läuft auf ein Konzept von Utopie zu, das sich als umso gefährdeter erweist, je unverhältnismäßiger das Material ist, das der Utopiker selbst zu seiner Widerlegung auffährt. Unverhältnismäßigkeit wäre damit die Fürsorge für etwas, von dem der over-worrier schon weiß, dass die overwarrier – die übertriebenen Kriegsführer – ihm erfolgreich den Kampf angesagt haben. Denn machen wir uns nichts vor: „over-worrier“ und „over-warrier“ sind lautlich ganz und gar identisch. Und doch sind die Ersteren erklärte Gegner der Letzteren. Selbstverständlich gilt dies auch umgekehrt, und das ist der für mich entscheidende Punkt. Ich werde jetzt aufstehen und meine Vase an einen anderen Platz stellen. Ich werde sie verstellen, anderswo hinstellen, trotz der Gefahr. Es geht nicht anders, die warrier sind schon zu nah.

Anne Peiter

Corona 107: Anxiogène

Auf Französisch heißt „Tränengas“ „gaz lacrymogène“, d.h., aufgeschlüsselt: „Gas, das Tränen hervorbringt“ (oder, wenn man will, „generiert“). Der erste Wortbestandteil leitet sich ab vom lateinischen Wort für „Träne“ : „lacrima“, der zweite von „Genesis“. Von der Wortbildung her entspricht dem „lacrymogène“ das „cancerogène“, d.h. „Krebs erregend“. Man sieht: Stets wird auf der Akzent auf die Hervorbringung von etwas gelegt – sei es nun die des Weinens oder die des Krebses. Es gibt eine Ursache für das, was entsteht, und egal ist’s, worum es sich genau handelt: etwas wird auslöst, hervorgebracht, erzeugt.

Gemeinsam ist den beiden Wörtern außerdem, dass von ihnen ein quasi wissenschaftliches Flair ausgeht. „Cancerogène“, das ist ein Wort, das man auf Packungsbeilagen finden kann, die irgendwelche Dinge als gefährlich ausweisen, aber mehr noch erwartet man es aus dem Munde eines Mediziners oder Chemikers, der eindringlich und im Vollbewusstsein der Ergebnisse langjähriger Forschung vor den Folgen dessen warnt, was entstehen wird, wenn die Ursache ausgemacht, gegeben ist.

Wenn man nun diese Beobachtungen auf das Wort „anxiogène“ überträgt, das überall aus dem vom Virus gedüngten Boden hervorspriesst und als neue Sprachblüte Aufmerksamkeit erheischt, wird plötzlich deutlich, was daran irritierend ist. Es wäre durchaus denkbar, dass jetzt alle Welt sagt, die Situation sei „angoissant“ (d.h. „beängstigend“ oder „erschreckend“). Man könnte im Französischen auch sagen, es sei „effrayant“, was gerade passiere. Das würde dann bedeuten, dass es „furchterregend“ oder „unheimlich“ ist. Das ist alles konkret, es ist alles verständlich, es entspricht dem, was man sagt, wenn man Angst hat.

Doch nein! Diese Wörter, die so viel stärker in der Alltagssprache verankert sind, diese Wörter, mit denen man im „Normalfall“ zu sagen pflegt, dass gefühlsmäßig etwas mit einem selbst oder mit der Gesellschaft passiert – der Normalfall kann eben auch ein Angstfall sein –, werden tunlichst vermieden. Es ist, als hätte man Angst vor ihrer Verständlichkeit und Normalität. Es ist auch, als passe man sich sprachlich dem Vorherrschen der Wissenschaftlichkeit an, die bei jedem gehobenen Sprechen über den Virus erwartet wird. „C’est anxiogène!“ und nicht „C’est angoissant!“ oder gar (als persönliche Preisgabe) : „Je suis angoissée!“ („Ich habe Angst!“)

Doch es ist nicht nur der Wunsch, durch eine Art von Hebung der Sprache Distanz zu schaffen zu diesen neuen, aufdringlichen Gefühlen, die jetzt den Alltag begleiten (doch sind sie eigentlich neu?). Vielmehr geht es auch um das, was eingangs beobachtet wurde: dass die Ursache der Angst außerhalb von einem selbst liegt. Der Virus bringt gleichsam nicht nur Fieber, Husten, Atemnot, Verlust des Geruchssinnes und wer weiß noch was hervor, sondern eben auch bestimmte Gefühle. Es ist, als wären diese auf der gleichen Ebene angesiedelt wie die anderen Symptome. Sie gehören zur Krankheit wie die steigende Fieberkurve. Die Angst wird behandelt, als gehöre sie in ein medizinisches Fachbuch. „Symptome für den Covid-19“… und dann folgt die Liste, darunter auch besagtes Wort.

Aber man ist nicht exakt. Man beschränkt sich nicht auf diese Symptom-Geschichten, und das ist symptomatisch. Auch Zahlen werden als „anxiogène“ bezeichnet, auch Reglements, die die weitere Verbreitung eindämmen sollen, auch das bloße, private Gespräch über mögliche weitere Entwicklungen. Alles, alles ist „anxiogène“, und weil man alle anderen Symptome ja auch bekämpft, so gut es geht (Medikamente werden ausprobiert, man lernt, man experimentiert, man versucht, Erfahrungen zu sammeln), geht man gegen die Angst vor, als wäre sie so etwas wie die Atemnot. Und ganz falsch ist das nicht: Angst bedeutet, wenn auch verhaltener, Atemnot. Anhaltende, wenn auch verhaltene Atemnot. Nur dass man gegen die echte Atemnot Corticoide gibt, während man bei der Angst nicht recht weiß, was man tun soll. Also führt man Worte ein. Man spritzt sie, man immunisiert sich und die anderen, indem man sprachlich den Alltag beseitigt. Das, was jetzt Angst auslöst, ist nicht das, was man bisher als Angst auslösend kannte. Also spricht man nicht mehr vom Angstauslösenden, sondern vom „anxiogène“.

Und wenn man ganz genau hinguckt, versteht man auch, warum dieses Wort so geeignet ist,, wenn Menschen sich zu sich selbst zu verhalten versuchen – doch so, als verhielten sie sich nur zu etwas Äußerem: Im „anxiogène“ steckt auch die Genesis, ich sagte das schon. Doch klanglich ist’s, als bestünde eine Verbindung zum Verb „gêner“: jemanden stören, so ist dessen Bedeutung. Etwas, das „gêne“, stört, behindert einen. Wenn man etwas als störend empfindet, sagt man, es sei „gênant“. (Man kennt das Deutsche „Ich geniere mich.“) Etymologisch leitet sich „gêner“ jedoch vom altfranzösischen gehir ab, und das bedeutet „gestehen, beichten, anerkennen“ (= „avouer, confesser, reconnaître“).

„Wow!“, denke ich mir da. „Das ist ein Fund! Jetzt geht’s an’s Eigentliche!“ Es mischt sich alles: die Suche nach Distanz durch Wissenschaftlichkeit und dem Ungebräuchlichen; das Eingeständnis, dass einen die Angst stört und man sie deshalb aus dem eigenen Leben hinaustreiben muss; zugleich aber auch die Beichte, dass das nicht recht gelingen will, dass man sich weiterhin gestört fühlt, dass nicht alles bloß in die Ursache verlagert werden kann, sondern dass die Ursache – also der Virus – gefühlsmäßig in uns hineinwandert, einströmt, sich festsetzt, Dinge und Gewohnheiten verändernd.

Und so ist das Wort „anxiogène“, eben weil konträr stehend zu dem sprachlich Üblichen, ein Zeichen für das Gegenteil des Intendierten. Man will die Angst endlich weghaben, doch je mehr man sie wegdrückt, desto häufiger wird das Wort „anxiogène“, und je häufiger das Wort „anxiogène“ im Alltag erscheint, desto stärker wird der Eindruck, dass hier eine kollektive Beichte im Gang ist. Man sagt’s nicht gern offen, dass man schlicht Angst hat. Man sagt, das Ganze sei „anxiogène“, so, als wäre dieses Wort der Vorhang im Beichtstuhl, hinter dem der Priester sitzt, und der übersetzt das dann in seine Sprache und bittet um Bestätigung, dass der Beichtende meint, er empfinde Angst. Und flüsternd gesteht der auf der anderen Seite vielleicht, ja, genau das sei, was er empfinde. Nicht etwas Wissenschaftliches, nicht etwas, zu dem er Distanz hat. Nein, einfach nur: Angst.

Anne Peiter

Corona 106: Trump trumps Luhmann / Die Zwanzig

Er habe, so der amerikanische Präsident, aus der Krankheit gelernt, er wisse nun genau, was sie sei und wie man sie im ganzen Land besiegen können.

Ludwig XIV. beschränkte sich bekanntlich auf die Feststellung, dass er der Staat sei. Trump hingegen erhebt Anspruch darauf, das ganze Land, jede einzelne Einwohnerin und jeden einzelnen Einwohner im kranken Fleisch zu repräsentieren. Austrag und Überwindung einer Krankheit im Einzelfall haben aber mit den komplizierten Anordnungen, die getroffen werden müssen, wenn man ein Land verantwortlich durch eine Epidemie führen will, gar nichts zu tun. Man muss hier in Dimensionen der Abstraktion und der Vorsorge denken, die diesem Präsidenten fremd sind. Alles ist körperlich. Was ich nicht hab, das gibt es nicht. Und was ich hatte, fällt hinter dem Horizont meines Bewusstseins, das wie am Anfang von Hegels Phänomenologie des Geistes auf die Kategorien des „Dieses“, des „Hier“ und des „Jetzt“ eingeschränkt sind.

Wollte man seine entwicklungsgeschichtliche Position bestimmen, so ist Trump ein zurückgekehrter Stammeskönig, ein Clanchef und Obermännchen. Sein Wahrnehmungs- und Aktionshorizont reicht so weit wie der Kreis von Personen, die er anfassen und anstecken kann. Deswegen ist er so sehr auf Wahlkampfveranstaltungen angewiesen, die in Präsenz stattfinden. Deswegen muss sich der kranke Mann körperlich zeigen, wenn auch im gepanzerten Fahrzeug. Deswegen geht es nach wenigen Tagen aus dem Krankenhaus zurück ins Weiße Haus an die Arbeit. Nur keine Schwäche zeigen: nichts, was das rein physische Charisma dieses neighbourhood bully in Frage stellen könnte.

Trump, man muss sich das immer klarmachen, hat mindestens 100.000 Menschen auf dem Gewissen, weil er die Gefahr der Corona-Pandemie unterschlug, von der er im März wusste. Aber was heißt – von dieser Frage lasse ich nicht ab – in seinem Fall ‚wissen‘? Was er nicht sieht, davon kann er zwar sprechen. Aber er kann es sich nicht vorstellen. Was unsichtbar ist, abwesend, zukünftig oder vergangen, kann nicht zu Erfahrung werden. Er kann sein Handeln darauf nicht einstellen. Darum geht’s aber in der Politik, auch ohne Epidemie.

So ist Trump das wichtigste Symbol für die Situation gesellschaftlichen Bewusstseins, auf den wir zulaufen. Die Regression des komplex ausdifferenzierten, durch Kommunikation auf sich zurückgekoppelten sozialen Systems, dessen Beschreibung Luhmann aus dem Sozialstaat einer untergegangenen Vorzeit zog, auf die Vermittlungsform der brüllenden und prahlenden Urhorde kommt in diesen Präsidenten dramatisch zum Ausdruck. Die Regierung der Welt durch Mafias und Clans, die nicht durch Kommunikation, sondern durch Loyalität zusammengehalten, bzw. durch Feindschaft voneinander getrennt sind, hat in ihm seinen Repräsentanten im Fleische gefunden: brutal, gemein, herzlos, kindisch und bar jeder Fantasie, die zur Empathie ebenso wohl wie zur logischen Abstraktion befähigt; einen Menschen, der nur siegen, aber nichts lernen kann – nicht einmal auf dem Krankenlager.

Wolfram Ette

Als Trump ins Weiße Haus zurückkehrt, macht er eine Geste, die die Kommentare heißlaufen lässt: Er nimmt die Maske ab. Das Publikum sieht die vom Wahlkampfteam produzierten Bilder des Hubschraubers, der, von martialisch-hämmernder Musik unterlegt, wieder wegfliegt, nachdem er den Präsidenten vom Krankenhaus zurückgebracht hat in Normalität und Gesundheit. Trump ist da. Die Krankheit hat er besiegt. Er sagt’s. Er ist zurück bei seiner Arbeit, bereit zum Kampf, ihm kann nichts geschehen, nicht jetzt und auch später nicht, wir wissen das alle, es wird uns gezeigt.

Was weniger Beachtung als die zerknüllte Maske gefunden hat, ist dagegen, was Trump über sein Befinden sagt. Zu seinen Behauptungen gehört nicht allein, dass er sich wieder gut fühle (damit meint er augenscheinlich ein Befinden, das im Vergleich steht zu dem, was er vor einigen Tagen erlebt hat, als Fieber und Sauerstoffmangel ihn packten). Vielmehr setzt er noch hinzu, dass er sich besser fühle als vor zwanzig Jahren.

Vor zwanzig Jahren war Trump Mitte Fünfzig, also jemand, den man als „Mann mittleren Alters“ bezeichnen könnte, ein Mann, der um einiges jünger und vermutlich auch gesünder war als jetzt. Indem er den ganz unwahrscheinlichen, wenig plausiblen Vergleich zwischen Damals und Heute zieht, dreht er die Krankheit von Jetzt um: Es will nicht nur beweisen, dass er dabei ist, diese Krankheit zu überwinden oder dass er sie nach so rekordverdächtig kurzer Zeit gar schon überwunden hat. Er behauptet darüber hinaus, die Krankheit habe ihn stärker gemacht. Und nicht nur stärker im Vergleich zu dem, was vor einigen Tagen war, sondern stärker im Vergleich zu einer weit zurückliegenden Phase seines Lebens.

Man soll den Schluss ziehen, dass der Virus jünger macht, jünger um mehr als zwanzig Jahre. Die Erkrankung wird gedeutet als persönliche Kraftprobe, in der man nur gewinnen wollen muss, um dann auch wirklich zu gewinnen. Die Jugend ist der Preis, um den der Kampf geht: Sich vom Alter her seiner Frau annähern, die fünfzig ist, annähernd gleichaltrig mit ihr werden! Zu diesem neuen Gleichgewicht mit Melania zu finden, die Wahl für sich zu entscheiden, über die Krankheit den Sieg davonzutragen, generell den Verlauf von Zeit umzukehren, d.h. über ihre Bewegungsrichtung zu bestimmen – das alles erscheint als ein einziges, zusammengehöriges Ganzes, in dessen Zentrum die totale Herrschaft über die Zeit steht.

Und natürlich reagiert Trump nebenher auch auf die Stimmen, die sich fragen, ob er körperlich in der Lage sein werde, den Wahlkampf kurz vor dem entscheidenden Datum weiterzuführen, ja mehr noch: ob er, selbst wenn er das Ganze übersteht, durch seine Erkrankung nicht in eine Phase körperlicher Schwächung eintreten könnte: Die Langzeitfolgen von Corona sind noch schlecht erforscht, aber man weiß, sie sind häufig. Die zwanzig Jahre, die Trump durch den Virus „gewonnen“ zu haben behauptet, entspricht einer Retourkutsche, die das exakte Gegenteil von diesen Prognosen besagt. Er verlängert seine Macht um eine stattliche Zahl von Lebensjahren, die ihm Corona zum Geschenk gemacht hat. Es ist, als hätte sich die kommende Legislaturperiode um diese Jahre erweitert, als wäre zwanzig die Zeit, die sich Trump als Präsident zusätzlich zuerkennt. (Was interessiert ihn von der Verfassung vorgegebene Begrenzungen!)

Daneben sagt Trump noch alles mögliche andere – er sei, wenn er’s richtig sehe, immun, die amerikanischen Krankenhäuser seien die besten der Welt, der Impfstoff werde innerhalb kürzester Frist zur Verfügung stehen, es gehe darum, Amerika wieder groß zu machen, es sei das großartigste Land der Welt usw. Die Botschaft bezüglich der gewonnenen zwanzig Jahre ist also umrankt von Sonstigem, von Patriotisch-Immergleichem, mit dem man rechnen konnte. Nichts Auffälliges, nichts Überraschendes.

Und doch. Das mit den zwanzig Jahren, das packt mich. Dass da jemand durch eine Krise hindurchgeht, die auch körperlich real ist, und dass diese Realität doch umgeformt wird in eine weite, weite Zukunft, die sich als tod- und krankheitslos, unberührt von Zweifeln, Ängsten oder Schwäche gibt, das ist schwer vorstellbar. Das Zentrum der Macht: die Zeit! Gottähnlichkeit wird angestrebt, eine vage Auferstehungsrhetorik zeichnet sich ab, die Überzeugung, nicht sterblich zu sein, fliegt im Hubschrauber mit.

Dass Trump sich Realitäten stets so zurechtlegt, wie sie ihm passen, ist wiederum nichts Neues. Dass er demokratische Spielregeln außer Kraft zu setzen gewillt ist und im Fall einer Wahlniederlage seine Schlägertrupps ausschicken würde, gehört zu dieser Logik. Dass er hingegen sogar negiert, was in ihm selbst ist, was sein Körper ist, etwas, was in gewisser Weise nicht diskutiert werden kann, weil man, wenn man krank ist, krank ist – das ist, als Attribut dieser präsidialen Göttlichkeit, undarstellbar. Man spricht ohne Atem, weil Atemlosigkeit die Erkrankung zu begleiten pflegt. Aber man sagt in dieser Atemlosigkeit, man habe noch nie so tief und jung atmen können wie jetzt. Oder mehr noch: Man fühle beim Atmen, dass man zwanzig Jahre jünger ist, als man in Wirklichkeit ist.

Wie macht er das?, frage ich mich. Wie geht das? Diese Ehrlichkeit, die Trump zuerkannt werden muss! Er belügt sein Publikum und seine Ärzte, die Zuschauer, die ihm zuwinken oder sein Video gucken nicht.. Er belügt auch nicht sich selbst. Er glaubt selbst, was er sagt. Er ist kein Taktierer. Er ist ganz unverstellt – – Gott. ER selbst. Anders vermag er nicht zu sein. Darum ist er. Ist. Und wird sein.

Anne Peiter


Anmerkung

Einen Vorläufer des Typs schildert Degenhardt in ‚Horsti Schmandhoff‘. Aus der letzten Strophe: „Da stand im Leopardenfell, den Schwanzquast an der Hand, / Die Fäuste in die Hüften gestemmt und um die Stirn ein Band, / Inmitten dreißig Weibern, alle nackt und schwarz und prall, / Ein fetter Horsti Schmandhoff, und der lächelte brutal. / Kumpanen, da, gesteht euch ein, / Da wolltet ihr nochmal / wie Horsti Schmandhoff sein.“

Corona 105: Zwangsapokalypse beenden

In der Augsburger Allgemeinen gibt es das Foto einer Anti-Corona-Demo, auf dem ein Mann ein Schild mit der Aufschrift hält „Zwangsapokalypse beenden“. Links neben dem Schriftzug hat er ein Exemplar des Romans „1984“ befestigt (Farbe: schwarz), rechts eine Broschüre oder etwas Ähnliches, jedenfalls kann man den Titel „Corona Fehlalarm“ erkennen (in Rot). Unter beiden Schriften baumelt je eine Maske. Alles ist schwarz umrandet, ein bisschen wie bei einer Todesanzeige. Sehr säuberlich, mit großer Mühe hergestellt, nicht bloß so was Hingekleckstes.

Auch der Schildträger selbst trägt Masken: je eine am Arm, wie eine Armbinde, ausserdem eine auf dem Kopf, nach oben gezwirbelt. Anlass dieser Demonstration seien, so teilte die Zeitung Anfang September mit, Debatten um die Einführung von Masken in Schulen gewesen. Ein Arzt, der diese Protest-Aktion mit unterstützte, habe die Maskenpflicht als „Kindsmisshandlung“ bezeichnet.

Mich interessiert dieser letzte Begriff sehr, doch noch faszinierender finde ich die „Zwangsapokalypse“. Es gibt also freiwillige und erzwungene Apokalypsen? Und dies hier ist die erzwungene? Auf was die Leute nicht alles kommen! Oder will der Mann sagen, dass der Zwang einer Apokalypse gleichzusetzen ist? Nein, er scheint eher die Überzeugung zu teilen, dass es die Apokalypse in Wirklichkeit gar nicht gibt (und es gibt sie ja auch wirklich nicht, denn das Wort ist viel zu groß, das meine ich auch), dass man sie also künstlich herstellt. Also die Idee, dass es im Interesse bestimmter Kräfte sei, sie herzustellen.

Aber „Zwangsapokalypse“, das hätte man mal Gott sagen sollen, als der solche Pläne bekannt gab: „Mein Gott, lass mich in Ruhe mit Deiner blöden Zwangsapokalypse!“ Oder: „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mich auf Deine Zwangsapokalypse einlasse?! Ich mach‘ da nicht mit, damit Du’s gleich weißt.“

Es ist beeindruckend. Beeindruckend, dass jemand glauben kann, etwas Unangenehmes werde nicht stattfinden, nur weil er entscheidet, dass er nicht mitmacht. „Sie sind krank !“ Antwort: „Da mach‘ ich nicht mit!“ „In Ihrer Wohnung ist leider eingebrochen worden.“ Antwort: „Das kann ich nicht glauben.“ Aber normalerweise folgt auf diesen Satz ein zweiter, dessen Sinn irgendwie doch schon im ersten enthalten ist: Man kann’s nicht glauben, will’s auch nicht, aber glauben tut man’s bereits, denn die Realität zwingt einen dazu.

Wenn dem so ist, dann sagt das Schild mit der „Zwangsapokalypse“ eigentlich nur, dass der Mann es nicht glauben will (was man gut nachvollziehen kann), dass sich sein Widerstand jedoch in einem zweiten Schritt allein und ausschließlich gegen die Zumutung wendet, die darin besteht, dass man auf den Druck, den man in sich selbst spürt, den Druck nämlich, es trotzdem glauben zu müssen, zu reagieren hätte. Indem der Mann mit größter Sorgfalt sein Plakat malt, seine literaturgeschichtlichen Kenntnisse bezüglich 1984 zur Schau trägt und das Wort „Fehlalarm“ der „Zwangsapokalypse“ entgegenhält, bebildert und beschildert er allein das, was in seinem Inneren vorgeht: Er stellt den Kampf dar, von dem er zugleich behauptet, er existiere nicht. Und irgendwie existiert der auch wirklich nicht, denn die Demo beweist dem Mann, dass er nicht allein ist, dass andere dasselbe glauben wie er. Das heißt, die Gemeinsamkeit ihres inneren Widerstands wird wirklich zunichte gemacht dadurch, dass sie ihn teilen und zu etwas Äußerem machen: auf einem Platz.

Dass der innere Kampf trotzdem existiert, zeigt der Imperativ: Man solle das Ganze beenden. Beenden kann man doch aber nur, was einmal begonnen hat, d.h. existiert? Der Virus ist ein Fehlalarm, man hat sich getäuscht, er existiert in Wirklichkeit gar nicht, und darum muss man jetzt den Alarm abblasen. Gut. Wenn man’s so nimmt ist, ist das irgendwie logisch. Nur wundert mich die Benutzung des Wortes „Fehlalarm“ in Bezug auf die Apokalypse. Man möge sich bitte auch das vorstellen: der Demonstrant, erneut in seiner Zwiesprache an Gott, der das apokalyptische Weltenende beginnen lässt: „Jetzt hör schon auf! Das war doch alles nur ein Fehlalarm! Kannst wieder ins Bett gehen!“ Oder: „Da hat jemand versehentlich auf den Knopf gedrückt. Ist einfach ein Fehlalarm.“

Aber vielleicht könnte man „Fehlalarm“ und „Zwangapokalypse“ auch anders kombinieren. Ein Fehlalarm ist, dass hier – wenn auch als Negation – die Apokalypse ausgerufen wird. Alarmistisch ist der Mann selbst, und mit ihm diejenigen, die um ihn herumstehen. Er sieht eine Denkdiktatur heraufziehen, wie sie Orwell beschrieben hatte. Er malt schwarze Ränder wie auf Todesanzeigen, er schmückt die eine Armbinde außerdem mit der Stachelkugel des Coronavirus. So viel Aufwand! So viel Mühe! Man sieht regelrecht den Hemm-Aufwand, hier einmal ins Gestalterische umgepolt. Der Mann aktiviert sich, gemeinsam mit anderen. Er lässt motorisch werden, was in ihm brodelt. Einen Umzug macht er mit. Seine Hand führt Schere und Stift, die das Plakat hervorbringen. Also: Umtriebig ist der Mann geworden, weil etwas ihn umtreibt, es ist ganz unbestreitbar. Und ich wundere mich nur über diesen großen Aufwand, der so viel einfacher anderswo hätte aufgebracht werden können: Eine Maske aufsetzen, wo das nötig ist. Schluss. Damit wär’s schon getan.

Aber genau das wollen die Demonstranten nicht. Sie glauben, dass die inneren Hemmungen, mit denen sie nicht klarkommen, die Schuld äußerer Mächte sind. Und obwohl das Wort „Apokalypse“ ziemlich Angst erregend daherkommt, kann man sich wundern, wie wenig sie einer solchen zutrauen. Das gehört auch zum Irritierenden: dass die Demonstranten gar nicht ermessen, was alles passieren kann. Dass sie sich nicht vorstellen, wie’s aussehen würde, wenn’s wirklich dramatisch käme. Also die übliche Phantasiearmut. Das ist dann das Verwirrendste überhaupt: dass so viel Aufwand getrieben wird, obwohl die Dinge, deren Existenz zumindest indirekt eingeräumt wird, so ärmlich sind.

Anne Peiter

https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/250-Menschen-demonstrieren-gegen-Maskenpflicht-fuer-Schueler-id58060321.html

Corona 104: Zeitkonflikte

Was gerade gleichzeitig ist und krachend aneinanderstößt, sind nicht bloß verschiedene Zeiten oder historische Positionen. Die Wirklichkeit, mit der wir gerade zu tun haben, besteht aus radikal unterschiedlichen, unvereinbaren Zeitansätzen, Zeithorizonten. Wir haben auf der einen Seite Corona, das die Idee einer planbaren Gesellschaft beiseite gewischt hat. Seit Monaten fahren wir „auf Sicht“, entwerfen Modelle und Prognosen, die sicher nicht verkehrt sind, deren Zeithorizont aber nicht über einige Monate hinausreicht. Wir arbeiten fast nur mit Unbekannten. Wann wird es den Impfstoff geben? Wie wird er wirken? Wird sich das Virus durch Mutation einem dauerhaften Impfschutz entziehen? Lässt sich der Impfstoff gesellschaftlich durchsetzen? Wird es globale Verteilungsgerechtigkeit geben? Wird sich die Wirtschaft danach erholen oder ist es zu spät? Wie werden sich die Fallzahlen bis zum Frühjahr entwickeln? Werden die Universitäten jemals wieder zum Normalbetrieb zurückkehren? In all diesen Fragen können wir nur feststellen, dass wir über die Zukunft, die uns entglitten ist, nichts oder nur sehr wenig wissen und dass dies eben die Definition von „Krise“ ist; dass das System aus der Ruhe lineare und planbarer Entwicklungen herausgeschleudert wird und „nichtlinear“: chaotisch reagiert. Unser Zeithorizont verengt sich damit dramatisch und schrumpft auf ein paar erbärmliche Monate zusammen.

Und so hält man den auch den Atem an, wenn unsere Umweltministerin, eigennützig flankiert von den Ministerpräsidenten der Länder, vor’s Mikrofon tritt, um das Ergebnis der ersten Suche nach einem geeigneten Standort für ein atomares Endlager bekannt zu geben. Kriterium dafür, so führt sie aus, seien geologische Verhältnisse, die eine sichere, das heißt unveränderliche Verwahrung für eine Million Jahre sicherstellen würden.

Ein Million! Ich schlucke, die Zahl schmeckt nach Staub. Und auch, wenn ich weiß, dass diese ungeheure Zeit kein Bestandteil einer Planung von Gesellschaft ist, sondern aus dieser Planung gerade herausgenommen werden soll, kommt es mir vor wie ein schlechter Witz, darüber zu reden. Eine Million Jahre! Es kann gut sein, dass wir in 150 Jahren nicht mehr sind! So jedenfalls lautete Stephen Hawkings letzte Schätzung vor seinem Tod. Auf ein paar Jahre mehr oder weniger soll es uns dabei nicht ankommen. Aber eine Million! Kein Zweifel, die Menschheit plant ihr eigenes Aussterben. Zugleich plant sie die Zeit nach ihrem eigenen Aussterben und zeigt sich verantwortlich gegenüber ungeborenen Enkeln, die nicht geboren werden. Einen evolutionären Relaunch, der wohl länger als eine Million Jahre auf sich warten lassen dürfte, werden wir nicht mit unserer Strahlenlast beschweren.

Und trotzdem wirkt es frivol, wenn diese Zahlen von Politikern in den Mund genommen werden, denen die Worte fehlen, um Vorstellungen des jahres 2021 zu bilden; Politikern, die das Zurasen des Jahres auf uns, in dem die Welt im Durchschnitt 1,5 Grad wärmer sein wird als im Jahr 2000, mit verlegenem Stillschweigen begegnen; Politikern, die nach wie vor in Wahlperioden denken und die Frage der Kanzlerschaft dringlicher finden als die des radioaktiven Mülls, der uns bald eh nichts mehr angeht, weil kein Mensch mehr lebt, der verstrahlt werden könnte. Wie kann man es wagen, mit solchen Zahlen um sich zu werfen, wenn man nicht mal für die nächste Generation sorgen kann! Es ist unanständig. Diese Million ist so billig zu haben, weil ihr eine Kurzsichtigkeit parallel läuft, die dafür sorgt, dass es uns nicht mehr geben wird; weil das Tausendmaltausendjährige Reich ökologischer Verantwortung zudeckt, dass wir nicht mal für hundert, ach was, nicht mal für zehn Jahre einen Plan und eine Verantwortung haben.

Derweil ist der Krieg um Berg-Karabach wieder ausgebrochen. Brände, explodierende Panzer, rennende Menschen, Verwundete, Tote. Ich hatte das komplett vergessen. Und nun ist es mit einer Frische da, als hätten die vergangenen 30 Jahre gar nicht existiert. Eine Generation, eine nur! Ob wir das Leben noch so einrichten können, dass es wenigstens für unsere Kinder reicht? Oder sieht Zukunftsplanung so aus, dass es immer nur gelingt, für eine Generation den Deckel drauf zu halten und die Konflikte abzuschließen wie in einem Container mit radioaktiven Müll? So in Berg-Karabach, so aber auch hier in Ostdeutschland, wo der faule Friede der Freiheit und der blühende Landschaften 30 Jahre hielt, bis sich Enttäuschung, Wut und Angst nach oben kehrten und den Verrat anprangerten. Das ist der dritte Zeithorizont, der während der Abendnachrichten in mir aufbricht.

30 Jahre, 3 Monate, eine Million Jahre! Die Zahlen und die sich nur vage an sie knüpfenden Vorstellungen treiben durch mich wie Eisschollen, nebeneinander, ich versteh’s nicht, und all das ist gleichzeitig, während ich es wieder nicht schaffe, an diesem Abend früh schlafen zu gehen.

Wolfram Ette

Corona 103: Das Papierflugzeug

Mein Sohn hat Papierflugzeuge gebaut, die vorn mit einem Gummiband versehen sind. Geschwindigkeit und Reichweite des Flugs sehen sich, wenn man dieses anspannt und loslässt, unerhört gesteigert, es ist ein Spielzeug, das fast nichts kostet und doch spektakulär ist: Schüsse nach oben, in die Höhe, übersteigen den zweiten Stock und manchmal sogar das Schulgebäude selbst, und das ist, wenn man unten im Pausenhof steht, ein Anziehungspunkt, dessen ökonomisches Potential sofort evident wird: Tauschgeschäfte bahnen sich an, mein Sohn verbringt ein ganzes Wochenende vor einschlägigen Bastel-Videos, um die Qualität der Produktion weiter zu steigern und über den einen metallenen Schlüsselanhänger hinaus, den er bei einem Mitschüler gegen eines der Flugzeuge eingetauscht hat, noch mehr Geschäfte zu machen.

Er, der sonst nicht gern schreibt, beginnt, Werbekärtchen herzustellen, ja mehr noch: Mitarbeiter anzuwerben, die die Anlockung von noch mehr Kunden zu unterstützen haben. Eine eigene Werbefachabteilung wird gegründet, eine Klassenkameradin kommt mit einem Papier-Dinosaurier aus Origami-Papier, wird Teil der Gruppe, es herrscht ein reges Treiben, in dessen Mittelpunkt die Beobachtung von Preisentwicklungen steht. Man dürfe nicht zu viele Flugzeuge auf einmal auf den Markt werfen, argumentiert mein Sohn, damit die Preise oben bleiben.

Er widmet sich eingehend dem Design, damit verdeckt bleibe, dass eigentlich nichts einfacher ist als die Konstruktion eines solchen Flugzeugs. Auch erste Nachahmungen versteht er als Produkte darzustellen, die nicht ganz mitzuhalten vermögen (denn seiner Gruppe wird kalt bei dem Gedanken, dass der Kauf von ein paar Gummis die atemlosen Versuche, eine gewisse Kontrolle über die neue Mode zu behalten, zerstören könnte). Es passiert also sehr viel, sehr viel, was Einsichten in makroökonomische Zusammenhänge erlaubt, aber abzusehen ist schon, dass der hohe Grad an Professionalisierung der Schule nicht gefallen wird. Oder täuscht man sich? In der letzten Pause sei im Pausenhof eine Lehrerin auf ihn zugesteuert, erzählt mein Sohn, eine Lehrerin, die Aufsicht führte. Er habe schon gedacht, jetzt werde man ihm das Vorführen seiner Flugzeuge verbieten, doch dann habe sie nur wissen wollen, wie die eigentlich funktionierten? Eine Verbündete!

Am nächsten Tag bekommt diese Lehrerin ein Flugzeug geschenkt, eines in weiß mit orangefarbener Dekoration aus Klebefolie, sehr schick. Die Gruppe will über diese Person, die so etwas wie eine Marktaufsicht repräsentiert, den freien Warenhandel sichern. Es sieht ein bisschen nach Korruption aus, doch da die Frau Kinder hat und das Fliegen offenbar wirklich für etwas Weitergebenswertes hält, mischt sich auch reine Unschuld in die Berechnung.

Doch dann kommt der Schlag: Die Werbung steht, weil jetzt plötzlich nicht mehr handschriftlich, sondern durch einen reichen Schüler auf dem Drucker der Eltern massenhaft publiziert, im Widerspruch zum Reglement der Schule: Handel sei das, und der sei verboten. Mein Sohn argumentiert, er habe die Flugzeuge doch noch gar nicht verkauft, nur ein einziges Tauschgeschäft (das mit dem Schlüsselanhänger) ist zustande gekommen, und überhaupt würden doch dauernd Murmeln gegen Pokemon-Karten getauscht. Ob das kein Handel sei? Das sei erlaubt, wird ihm erklärt, doch nicht das mit den Flugzeugen.

Die Gruppe, schwer gestört in ihrem Engagement, in dem sie schon den Schul-Himmel voller bunter Flieger sah und den Schulhof als ein einziges Startfeld, berät über die Strategien, wie man jetzt institutionell reagieren könne. Absprachen erfolgen am Wochenende über Möglichkeiten der Anpassung, ein Gratis-Workshop soll während der Pausen angeboten werden, in dem alle Kinder bei diplomierten Meistern lernen können, wie die Faltung auszusehen habe. Eine Schachtel Gummibänder steht bereit, die wird als Gabe gedacht. Jedes Kind soll nur ein Blatt Papier mit in die Pause nehmen, so ist der Plan.

Doch heute die vernichtende Botschaft: Auch das wird verboten, denn, so die Schulleitung, der Bau von Papierflugzeugen sei nicht ökologisch, weil er viel zu viel Papier verbrauche. Auch sei denkbar, dass ein Flugzeug einem Kind ins Auge fliege.

Ich weiß noch nicht, wie die Geschichte heute ausgegangen ist, doch mein Sohn ist aufgebrochen mit dem Plan, die Verhandlungen weiterzutreiben: Ob’s von der Schulleiterin genehmigt werde, wenn man nur benutztes Papier aus den Mülleimern nehme? Eine reine Recycling-Angelegenheit? Dann entfalle doch auch das Ökologie-Argument. „Man wird die Sicherheit anführen“, versuche ich, ihn zu warnen.

Und gleichzeitig denke ich, wie blöd doch die Schule ist, dass sie die Begeisterung einer ganzen Gruppe nicht umsetzt in die Begeisterung eines ganzen Pausenhofs. Dass sie daraus keinen Unterricht im Fach Wirtschaft, Kunst, Technik, sozialem Zusammenleben macht. Alles, was aus dem Rahmen fällt oder fliegt, wird als Bedrohung wahrgenommen. Alles, was von zu viel Initiative zeugt – und das Zuviel ist offensichtlich –, beängstigt.

Die Sicherheit, die wird jetzt ganz groß geschrieben werden: die RIESENGEFAHREN, die von Papierfliegern ausgehen, werden entdeckt werden. Und das in Zeiten von Corona, wo man im Übrigen herumwurstelt ohne jede Konsequenz und ohne auch nur ernsthaft darüber nachzudenken, wie man Ansteckung vermeiden könnte. Aber so ist das nun einmal: Die Schule ist eine Institution der kollektiven Zurechtstutzung. Pokemon gegen Pokemon, das geht. Aber nicht was Selbstgemachtes gegen etwas Selbstgemachtes. Und schon gar nicht etwas, was höher fliegt als das Schulgebäude.

Anne Peiter

Kommentar

Die Flugindustrie liegt am Boden und man weiß nicht recht, ob sich die Staaten, die zu ihrer Rettung große Summen versprochen haben, davon erholen werden. Angesichts dessen ist es wohl ein unschuldiger Zynismus, den „Schul-Himmel voller bunter Flieger“ zu hängen, die nicht bloß an die guten alten Zeiten, in denen der Himmel voller wirklicher Flugzeuge hing, erinnern, sondern sich sacht, spielerisch und sympathisch an diese Stelle setzen könnten, so dass wir darüber nachdenken, ob uns ein Himmel voller Papierflieger nicht genügen könne; und wenn mit diesem unschuldigen Zynismus auch noch Geld verdient werden könnte (nicht viel; aber wenigstens werden, anders als in der Luftfahrt, keine Verluste geschrieben), so tut man wohl gut daran, es zu verbieten. In einer Welt, in der das Geschäft ontologisch geworden ist, ist die Illusion, es gebe Zonen wie den Schulhof, die davon per Edikt frei seien, wichtiger und wohltuender als der Versuch, bessere Geschäftsmodelle zu etablieren.

Wolfram Ette

Corona 102: Sprüche und Widersprüche

Sehnsucht I. – Die Menschen, die „gegen Corona“ demonstrieren, ersehnen die Apokalypse, deren mildeste Form sie leugnen. Sie wollen es wilder, heißer, infektiöser. Sie können die Langsamkeit nicht aushalten, mit der alles passiert und trübe dahinfließt. Corona ist immer noch schnell im Vergleich zur Klimaveränderung, aber dennoch zu langsam. Warum gehen bei uns die Fallzahlen nicht ordentlich in die Höhe? Der R-Wert liegt seit Monaten knapp über 1, die Fallsterblichkeit sinkt ein wenig. Dieses Gefühl, an einer Wegscheide, einem Kipp-Punkt zu stehen. Warum geschieht nichts? Die Spannung ist so groß. Aber nichts passiert. Apokalypse = Enthüllung. Alles muss raus. WAS FÄLLT, SOLL MAN STOSSEN. Wir sind sowieso ruiniert. Also Apokalypse, bittschön. Dann geschieht endlich wieder was, dann hat das Leben Bewegung und Richtung, dann erleben wir den ultimativen Konsum: den unserer Welt. Deswegen machen wir mit und führen herbei, was wir als Schreckgespenst beschwören.

*

Permanente Ideologie. – Ideologie ist die Verfassung, in dem Wort und Sache identisch werden, der Traum der Philosophen von Anfang an. Wie man’s sagt, so ist es auch. Am Anfang war das Wort, und seit den Tagen, an denen Karl Kraus „Wort“ durch „Presse“ ersetzte, hat sich nur so viel geändert, dass die durch diese Übereignung angetriebene Wirklichkeitssubstitution nun auf breiterem medialen Fundament steht und in ununterbrochenem Dauerfeuer unser Bewusstsein reguliert. Dinge dadurch in die Welt zu setzen, indem man sie sagt, ihnen die Existenz zu entziehen, indem man sie leugnet oder verschweigt: Dieses Verfahren, das in Politikern wie Bolsonaro, Lukaschenko oder Trump sich gerade zu Personifikationen versteigt, zu denen meiner bürgerlichen bisher die Kraft und der Aufschwung fehlte, ist nicht allein in den autoritären Regimes zuhause, in denen es politische Urständ feiert. Aber was ist sein Quellpunkt? War es die Religion, die immer schon von einem höchsten Wesen phantasierte und dadurch Wirkungen größter Erhabenheit in die Welt setzten: Dome, auf schierem Nichts erbaut? Die gekrönten Häupter früherer Tage, die einfach machen, was sie wollten, ohne jemandem gegenüber rechenschaftspflichtig zu sein? Die Schriftsteller? Ihr trüber Abfluss, der sich in der Zeitung versammelt? Die ungezählte Masse, die sich nun in den sozialen Medien zusammenfinden und die Welt mit mehr Worten durchflutet als es jemals gab? Wie dem auch sei, die Emanzipation des Menschen von der Wirklichkeit hat in weltenschöpferischem Umfang stattgefunden. Der Mensch sprach: Es werde, und es war schon da. Es macht nichts aus, dass ich eine Woche später das Gegenteil sage. Wer es ernst nimmt. lebt unter falschen Voraussetzungen und hat nicht verstanden, dass die Welt zum Effekt eines permanenten Gaslightings geworden ist und dass nur die Macht über das entscheidet, was zählt. Das, was ist, ist kein Maßstab, kein Kriterium für die Gültigkeit des Gesagten. Worte können sich nur widersprechen, wenn man sie auf Tatsachen bezieht. Ohne das werden sie zur reinen Performanz verflüssigt, die als zäh schillernde Haut die Wirklichkeit überzieht und zerfrisst. Es sind Akkorde, Klänge auf der Harmonika Mundi, eine Kunstwelt und Wirklichkeit eigenen Rechts. Wer hier auf Logik zählt, wer nach Widersprüchen sucht, wer auf „Faktencheck“ macht, hat’s nicht verstanden.

*

Sehnsucht II. – Ein Wissenschaftler, der sich mit epidemiologischen Verlaufsmodellen befasst, findet die Situation, wie sie gerade in Deutschland ist, atypisch. Es sei bei einer Epidemie normal, dass sich die Infektionszahlen entweder nach oben entwickeln wie gerade in den meisten Ländern, oder nach unten. Die relative Konstanz des Verlaufs, wie sie bei uns herrsche, sei eigenartig. Als würden wir uns die ganze Zeit in einem Leerraum bewegen, einer Spannungslage, in der etwas passieren könnte. Ein über Monate sich hinziehender Vorabend, ein stilles Abwarten, geprägt von einer Hoffnung, die zwischen der Sehnsucht nach unreduzierter Normalität und dem Wunsch, dass endlich etwas passieren möge, das uns in die RUHE DER ÜBERFORDERUNG versetzen möge, unruhig hin- und herpendelt.

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Versöhnung. – Meine frühere Frau äußert einen interessanten Gedanken. Nein, mit den Lebegerns in den großen Städten, die niemals auf eine Demonstration der Corona-Rebellen gehen, aber weiter munter ihre Bars und Clubs besuchen würden, hätte sie auch nichts am Hut. Aber mit ihnen, die zwar keine Coronaleugnerinnen, aber doch -ignoranten seien, die ihrem Bedürfnis, am vielleicht permanenten Feierabend mal Fünfe grade sein zu lassen, freien Lauf lassen und darin weder ein Problem noch einen Widerspruch sähen, werde das normale gesellschaftliche Leben wieder beginnen, wenn „das alles“ überstanden sei. Sie, unkaputtbar und renitent, die Verantwortungslosen, denen man sich nicht anschließen möchte und von denen man nicht will, dass sie noch mehr seien, als sie ohnehin schon sind, seien die Garanten dafür, dass etwas weitergeht. Wir hätten uns zu sehr unterworfen, uns zu sehr zurückgezogen, auch wenn das aus epidemiologischer Sicht richtig war. Aber Gesellschaft ist keine Einheit. Sie ist ein Bündel aus Widersprüchen. Wir sind notwendig, aber die sind auch notwendig. Es gibt kein Richtig und Falsch, höchstens Abstufungen, abhängig von der Situation. Man darf weder neidisch noch besserwisserisch sein. Es wäre gut, wenn’s hier nicht wird wie in Marseille. Aber wenn es so bleiben sollte wie jetzt, macht die kleine Infektionsherde vielleicht ebenso Sinn wie diejenigen, die, wie wir, vorsichtiger sind: ein Komparativ, der sowieso schon weniger ist als der Positiv, aber immerhin. – Ich weiß wirklich nicht, ob das alles stimmt. Aber ich fühle mich versöhnt wie selten in den letzten Monaten.

*

Die Welt trägt Maske. – Im Libanon explodiert ein Hafen, Menschen beseitigen weinend die Trümmer. In Belarus werden demonstrierende Frauen von der Polizei zusammengeschlagen, mit Tränengas besprüht, über den Boden geschleift. Jetzt ist der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien wieder ausgebrochen, man sieht Bomben, Flammen, rennende Menschen, explodierende Panzer, die langsam ausrollen und im Wüstensand stehen bleiben. Der Regenwald brennt, Kalifornien brennt, wir sehen rennende Menschen vor Rauch und Feuerwänden, verkohlte Tiere, eine finster glühende Atmosphäre, in der die Sonne nicht mehr aufgehen wird. – Und überall tragen sie Masken. Das, wogegen wir auf die Straße gehen, was der Normalität ins Gesicht schlägt und für viele von uns den Ausnahmezustand begründet, in dem sie den Anfang der Barbarei und der Diktatur erblicken, verbürgt dort, wo alles brennt, dort, wo die Menschen wohl andere Sorgen haben als Corona, eine bizarre Normalität. Ich finde es zum Lachen und zum Weinen, wenn Menschen vor den Trümmern eines Hauses stehen, wenn sie wütende Parolen skandieren, bis die Polizei sie auseinander treibt, wenn sie sich hilflos und entschlossen aneinander drücken, um der tödlichen Gewalt des Leids ein wenig gewachsen zu sein, und wenn sie in all dem über sie hinbrechenden Jammer auch noch Masken tragen! Eine Welt, die solche Widersprüche zulässt, kann nicht richtig sein. Eine Welt, die nicht begreift, dass sie an der Covid-Kröte schon mehr als genug zu schlucken hätte; die ein nicht zu lösendes Problem dadurch beiseiteschiebt, dass sie ein größeres darüberhäuft; die die Versuche der Menschen, ein wenig zivile Vernunft zu bewahren, zur Armseligkeit und Lächerlichkeit verurteilt; eine Welt, die sich’s zum Lebensprinzip gemacht hat, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben und den Regen durch die Traufe zu ersetzen: sie ist nicht wert, von ihnen geholt zu werden und in der Sintflut zu ersaufen. Eine Welt, die zusieht und zulässt, wie Menschen ihr eigenes Haus anzünden, weil so ein bisschen Corona und Zwangseinschluss in einem überfüllten Lager nicht ausreichen, das Mitleid zu entzünden, was hat sie denn anderes verdient als unwürdiges Siechtum, mit oder ohne Maske!

Wolfram Ette

Corona 101: Kritikalität

Wenn ich’s, obwohl nicht vom Fach, wenigstens ansatzweise verstanden habe, gibt es in Kernkraftwerken einen gesonderten Arbeitsbereich, der für die Vermeidung von Kettenreaktionen verantwortlich zeichnet. Es geht um Fragen von Sicherheit, und das Ziel besteht darin, Bedingungen herzustellen, die verhindern, dass es zu dem kommt, was in der internationalen Fachsprache als „criticality accidents“ bezeichnet wird.

Wenn wir einmal die Dominanz des Englischen vermeiden und dem Französischen vertrauen wollen (denn die Franzosen wissen – die Tradition will’s – von Kernkraftwerken so einiges), begegnen wir dem so genannten „keff“. Es geht um ein Verhältnis, und zwar so: keff = „production“ geteilt durch „absorption + fuite“. Wenn keff kleiner ist als 1, bedeutet das, dass die Zahl der produzierten Neutronen kleiner ist als Absorption und „fuite“ (Was ist das? Welche „Flucht“ ist gemeint?), also die Teilchen, die immer wieder durchschlüpfen und sich nicht abfangen lassen, zusammengenommen. Die Fachleute sprechen dann, so lerne ich, von einer Konfiguration, die „unter-kritisch“ ist. Es gebe aber auch „kritische“ und „über-kritische“ Konfigurationen – es ist der reinste Wahnsinn! Wenn der Faktor genau bei 1 liegt, spricht man von „kritisch“, wenn er über 1 liegt, von „über-kritisch“. Und unter 1 hatten wir ja schon : „unter-kritisch“. So ist das also! (Egal, was man aus der Flucht macht.)

Nun ist sowohl in der Berichterstattung aus Italien und aus frankophonen Ländern festzustellen, dass sich die Worte „criticità“ bzw. „criticité“ gar nicht nur in Bezug auf Kernkraftwerke, sondern vielmehr im Kontext des Coronavirus zunehmender Beliebtheit erfreuen. Dauernd werden diese Worte verwendet, um zu sagen, jetzt werde es wieder richtig gefährlich. Die inflationäre Verwendung des Wortes lässt aufhorchen: ein neues, entlehntes Wort = neue Realität. Oder zumindest: neue Wahrnehmung.

Es wird uns gesagt, stets von neuem, das Wort rast durch Texte und Reden, es wird gesetzt und zerkaut: Kritikalität, Kritikalität, mit diesen gehäuften i- und k-Lauten, die im Vokabular des Alltags Ihresgleichen suchen. „Cri“ oder „Kri“, „ti“ und „ca“ (oder „ka“), „li“ und – als Abschluss – „té“, das ist etwas, wo man gut achtgeben muss, um Silbentausch zu verhindern und den Wechsel der Vokale ordnend im Griff zu behalten.

Festhaltenswert ist vor allen Dingen der Anfang des Wortes, so meine ich, denn „cri“, das ist der Schrei, und mit dem beginnen jetzt so viele Artikel, die über die Entwicklung der „zweiten Welle“ etwas auszusagen versuchen. „Cri-ticalité“ ist ein Schrei, der taktil wird, einem nahe rückt, akustisch und auf die Haut. Dass „Krisis“ und „Kritik“ etwas mit „Entscheidung“ zu tun haben, wissen ja viele. Aber schreiben wir dazu in die Vokabelliste: „le cri“ bedeutet im Deutschen „der Schrei“.

Der R-Wert, von dem wir ebenfalls dauernd lesen, sagt über die Kritikalität Genaueres aus. Liegt er unter 1, stecken die Covid-Kranken durchschnittlich weniger als eine Person an und die Ansteckung verlangsamt sich, liegt er bei 1, bleibt die Situation stabil, liegt sie über 1, wird das Wort „Kritikalität“ fällig. Man sieht also: keff– und R-Wert, die haben gewisse Gemeinsamkeiten, nämlich durch diesen Bezug zur 1, die man von unten wie von oben, oder ab und zu auch von gleich zu gleich betrachten kann.

Ich finde diese Idee des Guckens von oben und unten und wie sich sprachlich manifestiert, faszinierend, ich bin ja vom Fach! Kritisch will man, wenn Schreiben Beruf ist, gern sein. Es wird geradezu gefordert, es liegt in seinem Wesen. Schreiben – was könnte das anderes sein? Über-kritisch, das ist auch gut, denn es impliziert ein Zuviel, und das ist dringend nötig, weil das bloß Kritische selten ernst genommen wird und man ja Dinge sichtbar zu machen hofft, die man verstanden zu haben glaubt, obwohl sie nicht so leicht zu sehen sind.

Mit dem Unterkritischen ist das hingegen so eine Sache, denn obwohl man natürlich sowohl bei Kernreaktoren als auch beim Virus genau diesen „keff < 1“ erreichen will, sollte man sich beim Schreiben nicht versuchen lassen. Oder liegt gerade darin der Fehler? Sollte man lieber unter- als übertreiben? Hören einem so wenige zu, weil der Schrei, der warnende, in den man seine Stimme mischt, gerade darum abgewiesen wird, weil Übertreibung vermutet und als Zumutung empfunden wird? Müsste man unterkritisch und untertreibend schreiben?

Doch wenn Schreiben Schreien ist, ist das doch gar nicht möglich! Schreien ist doch etwas Lautes, so wie das Wort, das es bezeichnet, auch! „Le cri“, „der Schrei“ ist die Quintessenz der Kritikalität! Das kann man doch nicht einfach so zurücknehmen! Und erst recht dann nicht, wenn die Gefahr, vor der unsere Gesellschaften stehen, von ihrer Wahrnehmbarkeit her vorerst noch unterschwellig ist. Muss man da nicht durch Übertreibung das Unter- in Überschwelliges verwandeln? Unter- in Überkritisches? Sozusagen als Ausgleich, als Suche nach Gleichgewicht in einer öffentlichen Debatte, die den Akzent gar zu gern auf dieses „keff < 1“ legt? Ist Schreiben gleichbedeutend mit „keff> 1“? Man versucht, die Zeichen umzukehren, man dreht um, was an Formeln vorherrscht, denn der Schrei verträgt nichts Formelhaftes, sondern ist gekennzeichnet dadurch, dass er aus diesem heraustritt (denn sonst wäre der Schrei nicht Schrei)?

Ich weiß es auch nicht. Wollte man pädagogisch sein, müsste man wohl stärker von der 1 ausgehen. Nicht immer gleich nach oben zählen, erst einmal dem Einzelnen und seinen Befindlichkeiten Rechnung tragen. Nicht immer gleich die Stimme heben. Nicht immer gleich zum Über schreiten. Nicht gleich schreien. Das Überkritische droht, sich selbst die Wirkung zu nehmen. Das Überkritische kann vielleicht erst werden, wenn’s verstummt und nicht länger behaupten mag, der Schrei habe recht.

Anne Peiter

Corona 100: Die Tampons

I

Auf dem Anticoronademonstrationen werden sie gelegentlich gesichtet: Menschen, die eine aus miteinander verbundenen Tampons bestehende Maske tragen. Es scheint eine Möglichkeit zu sein, größtmöglichen Abscheu gegenüber dem Ding auszudrücken, durch das COVID, das Unsichtbare, für uns sichtbar geworden ist.

Aber warum Tampons? Ein antifeministischer Reflex? Dass sich auf einem Bild auch ein Frau dieses sonderbare Gebilde vorgebunden hat, ist kein Argument dagegen. Trotzdem erscheint mir die Annahme nicht besonders wahrscheinlich. Indem der Mund von den gepressten Wattekorken umgeben wird, die den Blutfluss während der Menstruation aufhalten, findet doch eher eine eigenartige Vertauschung der Körperöffnungen statt – eine Vertauschung, die ihr Pendant in den Panikklopapierkäufen der frühen Coronaphase hatte.

Es sind überzeugende und weniger überzeugende Gründe für diese Marotte angeführt worden. Man muss aber auch dann, wenn man ihnen glaubt, immer wieder an den Anfang zurückgehen und das Sich-darüber-wundern wiederholen, dass eine Erkrankung der Atemwege Ängste freisetzte, denen man durch das Zusammenhamstern von Klopapier zu begegnen versuchte. Der Mund ist der Anus; sie sind in einer Situation der Bedrohung zumindest ineinander konvertibel. Einer Infektion, die über die Mundschleimhäute in die Lunge eintritt und zu schwersten Störungen in dem elementaren Austausch von Innen und Außen führen kann, den wir Atmen nennen, entsprechen auf der Ebene symbolischer Vertretungen Kot, Schmutz und Gestank, die über die entgegengesetzten Körperausgang ausgeschieden werden und von denen verhindert werden muss, dass sie zurückkehren und am Körper haften bleiben.

Und nun also die dritte Körperöffnung, die der Frauen, auch sie assoziiert mit Schleim, Blut, Unreinheit und einem aufdringlichen Geruch. Hier gibt es nicht nur Schleimhäute, hier werden die Schleimhäute selbst ausgestoßen, in einem Vorgang, der kulturell noch stärker tabuisiert ist als die Verdauung und das Ausscheiden der Exkremente. Um ihre Verachtung gegenüber der Corona-Politik Ausdruck zu verleihen, wird die Maske mit den Tampons gleichgesetzt.

Was will man damit erreichen? Keine Maske: keine Tampons? Sollen Blut und Schleim fließen? Sollen die Frauen sich so von den Tampons befreien, wie wir von der Maske? Oder geht es einfach nur darum, den Ekel zu verstärken, den die Maske, ob nun tatsächlich oder behauptetermaßen, bei den Anti-Corona-Demonstrierenden auslöst. In diesem Sinne spricht Hildmann von den Masken als Damenbinden. Warum aber Ekel? Wovor der Ekel? Das etwas, das rechtens unseren Körper verlassen musst, nun dazu gezwungen wird, in ihm zu verbleiben, der Atem und all das, was er mit sich führt, auf der einen, Menstruationsblut und -schleim auf der anderen Seite? Ist die Maske, die uns sichtbar des Rechts beraubt, die anderen zu beschmutzen und mit unserem Körperinneren zu infizieren, in etwa vergleichbar der Anweisung, die eigene Spucke zu trinken, was bei den meisten Menschen Widerwillen auslöst? Ist es vergleichbar der Qual, den Kot zurückzuhalten – zum Beispiel wenn man kein Klopapier hat –, oder, sich des Menstruationsblutes nicht entledigen zu können? Wird sie imaginiert als fundamentale Störung des Stoffwechsels von innen und außen, der generellen Verstopfung aller Körperöffnungen, durch die der Mensch aus sich an sich selbst eingehen, sich aufblähen und elend verrecken würde?

Egal wie man’s nimmt und versteht: der skurrile Einfall zeigt einmal wieder, dass alle Argumente, die in dieser Sache für und wider ausgetauscht werden, nicht zählen, dass sie nichts sind als schlecht ausgeführte Kulisse vor elementaren Triebkräften, Sehnsüchten und Ängsten; dass hier grundlegende Kulturationsfiguren des Körpers in Rede und in Frage stehen; dass die überaus prekäre Balance von Innen und Außen auf dem Spiel steht; dass sich, ausgehend von Corona, die Angst verbreitet: Können wir an uns selbst ersticken?

So beweist die wunderliche Tampons-Maske doch zumindest das eine: dass ihr Träger oder ihre Trägerin an Corona glauben; dass sie vor dem, was sie leugnen, Angst haben; dass sie es verleugnen, weil sie daran glauben und Angst davor haben; dass sie weiter davor Angst haben werden, weil sie es leugnen und es leugnen, weil sie Angst haben und es leugnen …

Wolfram Ette

II

Das Foto zeigt einen Mann mit Brille, schwarzem Hut und schwarzem T-Shirt, auf dem ein fünfzackiger, gelber Stern, versehen mit der zweimaligen Aufschrift »ungeimpft, ungeimpft«, befestigt ist. Kein sechszackiger, aber man weiß aber eh gleich, was gemeint ist: »Ach, ein Jude!«. Auf der Brust, gleich neben dem Stern, ist noch ein weißer Kreis zu sehen, in dessen Mitte sich ein Punkt befindet, ein bisschen wie ein Fadenkreuz, durch das man den Mann leichter töten könnte. Denn als das setzt er sich in Szene: als Opfer.

Die karnevaleske Gestaltung des eigenen Körpers wäre nicht besonders bemerkenswert, wäre da nicht noch etwas, etwas, was auf Anti-Corona-Demos meines Wissens bisher nicht üblich war: Statt einer Gesichtsmaske trägt der Mann ein weiches Drahtgeflecht, das er mit einem Band oder Gummi hinter den Ohren befestigt hat, und an diesem Geflecht hängen vor Nase und Mund lauter weiße, zerfaserte Tampons. Menstruationszeug also. Am Draht.

Ich denke, dass da nicht allein etwas Phobisches, Anti-Feministisches zu Tage tritt, sondern dass auch – zusätzlich! – eine antisemitische Rhetorik hineinspielt. Sich als Jude zu zeigen, bedeutet, die Erkennbarkeit dieser Rolle zu sichern. Die Tampons sind Attribute von Verweiblichung und perverser Sexualität, die ihrem Träger im Wortsinn ins Gesicht geschrieben sind, sie sind der Beweis dafür, dass im Moment der Beschneidung eine Kastration stattgefunden hat, die allen jüdischen Männern – und so auch diesem hier – ihre gesunde Potenz raubt auf Lebenszeit. Sie sind außerdem aber, weil zahlreich vor dem Mund hängend, Ausweis der sexuellen Lüsternheit und Perversität, die gleichfalls untrennbar zu antisemitischen Phantasmen gehören: Beschnitten, ja; beschnitten, aber gerade darum gefährlich. Wie lauter kleine Mini-Penisse hängen sie dem Mann ins Gesicht, als hätte er die Gegner kastriert, nachdem und weil’s ihm selbst so auferlegt worden ist. Tampons als Verulkung des Bundes zwischen Gott und dem auserwählten Volk, so sieht das Ganze aus.

Und dann auch noch das Gitter. Es kann gut sein, dass dem Demonstranten dazu gar nichts Besonderes einfallen würde, wenn man ihn fragte, warum gerade ein Gitter. Es kam einfach so. Er wollte eine Maske tragen, die keine ist, darum waren besonders große Löcher – eine Löchermaske – das, was seiner Protesthaltung am ehesten entsprach. Aber auf mich wirkt es, als hingen da lauter kokonartige Leichen auf- und erhängt im Stacheldraht. Ein KZ-Zaun ist das, was der Mann sich vor’s Gesicht gebunden hat, ein undurchdringlicher KZ-Zaun in Miniatur, mit Miniatur-Leichen, zu denen er sich irgendwie auch selbst zählt.

Zugleich sind die Leichen eine weiße, unschuldige Spielart des Bartes, mit denen man sich orthodoxe Juden vorzustellen liebt. Ein bisschen ist etwas von den Schläfenlocken in sie hineingerutscht, auch das nicht voll durchdrungen, nicht sehr präzise, eher aus einer brodelnden Wut heraus, in der alles sich mit allem mischt: Opfer-Lust und Täterphantasien, das Blut christlicher Frauen, die, »vom Juden« vergewaltigt, zu bluten beginnen, oder ihre männlichen Kinder, die zum Opfer von Ritualmorden erkoren sind. Eine gewaltige Blutmystik auf jeden Fall, wie sie sich erst durch den Anti-Judaismus, dann durch ihre modernisierte Fassung, den Antisemitismus, als rote Spur durch die europäische Kultur zog, bis hin zum Genozid.

Die Haarfarbe von Juden wird diesen Stereotypen nach eher als dunkel gedacht. Tampons sind weiß, aber auch das ist nicht weiter wild, denn dann sind es eben die Haare eines alten Mannes, die den Mund verhängen oder in ihn hineinhängen, auch da will man’s mit den Unterschieden nicht so genau nehmen. Es reicht, dass das Menschenfresserische, dieses Lechzen nach Christenblut in der Selbstgestaltung dieses Demonstranten enthalten ist, und damit auch der Ekel, den das erregen soll.

In Auschwitz sprachen diejenigen, die nicht mehr konnten, von dem einzigen »Ausweg«, den es noch gab, die letzte, schreckliche Freiheit: »in den Zaun gehen«. Ruth Klüger erzählt, dass ihre Mutter ihr, einmal dort angekommen, schon binnen kürzester Frist diesen Vorschlag gemacht habe. Wie im Vorbeigehen: Aufforderung an das Kind, da reinzugehen, gemeinsam, im Strom zu zucken, als etwas gar nicht einmal Absonderliches, weil es so viel leichter und weniger quälend war als das, was bevorstand.

Jetzt haben wir die Pervertierung dieses Erbes vor uns. Tampons und Gitter, Frauen- und Kinderschändung, lange Bärte und Schläfenlocken, Opfer und Täter, Erhängte und gelber Stern, Impfung und Gesundheit, Blut und noch mehr Blut (von Frauen, von Kindern, von realen Ermordeten ebenso wie von imaginierten) treffen alle alle zusammen in dieser einen lustigen Gesichtsmaske, die uns davon überzeugen will, wir befänden uns historisch auf einer ebenso abschüssigen wie gefährlichen Bahn. Ja: abschüssig und gefährlich, das glaube ich auch.

Anne Peiter


Die Bilder finden sich unter:

https://taz.de/Coronademo-mit-Judenstern/!5709789/

https://www.suedkurier.de/baden-wuerttemberg/corona-querdenkerin-johanna-welschen-fiel-in-berlin-mit-einer-tampon-maske-auf-mit-uns-sprach-sie-darueber-was-sie-antreibt;art417930,10607917?fbclid=IwAR2dPJhFsYyX_PZJDcssPD2N-Rro-XsbSikxkJB5zGVmJxrpCAjLYEHUgXU

Corona 99: Müssen können statt können müssen

Macron versichert, es dürften die alten Leute nicht wieder so von sozialen Kontakten ausgeschlossen werden wie im Frühjahr. Recht hat er. Die Regierung findet auch, dass die Wirtschaft jetzt wieder normal in Gang kommen sollte. Das ist in der Tat notwendig. Die Restaurants litten keine weiteren Einschränkungen mehr. Stimmt: Sie hatten lange genug Probleme. Reibungs- und unterbrechungsloser Schulunterricht sei jetzt eine der grossen Prioritäten. Wer wollte dem widersprechen. Und wer wollte auch etwas dagegen sagen, dass man’s genießt, wenn man wieder normal in Konzerte, ins Kino oder ins Theater gehen kann, zu Sportereignissen oder Hochzeiten, zu Freunden oder in den Urlaub. Urlaub! Urlaub von all den Zumutungen! Urlaub von allen Maßnahmen, die überall den Alltag umgeworfen haben!

Nur: Die offensichtliche Tatsache, dass die Regierung recht hat, ist zugleich das, was offensichtlich nicht geht. Oder vielleicht ist Letzteres auch nicht so offensichtlich, denn sonst würde der Umstand, dass Normalität das Gebot der Stunde ist, nicht so leicht als konsensfähig erscheinen. Konsens ist, dass man seine alten Eltern in den Altersheimen besuchen können muss. Und dass man wieder normal arbeiten gehen können muss, während die Kinder normal in der Schule sind. Usw. usf. Das heisst: »Können müssen« gilt als Synonym für »können können« oder »können dürfen«. In Wirklichkeit bestimmt aber das Müssen die Rückkehr zur Normalität, auch wenn die Gesamtgesellschaft eher das »Muss« in den Vordergrund stellt, unter dem man das ganze Frühjahr über gelitten hatte. Wir können, weil wir müssen.

Ich frage mich aber, ob man mit der Verwechslung von »können müssen« und »können können« nicht kollektiv die Chancen verschenkt, die im einstigen »Muss« verborgen sind. Will heissen: Das »Muss« in seinen verschiedenen Facetten kehrt offensichtlich zurück. Es kommt, ob wir’s wollen oder nicht. Also müsste man sich die Frage stellen, wie man das Müssen gestalten kann, statt umgekehrt zu behaupten, man könne so leben, als gebe es kein Müssen mehr. Müssen können statt können müssen, das wäre Zeichen von Vorstellungs- und damit Gestaltungskraft. Nicht einfach sagen: »Das ist doch aber notwendig!« (zum Beispiel: die alten Eltern besuchen), wenn dieser starken, unhinterfragbaren Notwendigkeit eine andere Notwendigkeit entgegensteht, die nicht weniger notwendig ist als die erste (hier etwa: die Gesundheit der alten Leute schützen und damit indirekt auch das Gesundheitssystem, in dem eben auch andere Krankheiten behandelt werden können sollten, Krankheiten, die auch jüngere Erwachsene oder Kinder betreffen, uns alle also).

Wieder bezogen auf die Regierungspolitik fühle ich mich durch ein Wunschdenken bedroht, das den Widerspruch zwischen oben (will heißen: zentralistischen Höhen) und unten (den Realitäten, die durch die Ansteckung entstehen) nicht wahrhaben will. Oben, da gibt es diese hübschen Erklärungen zur Offensichtlichkeit unhinterfragter, da scheinbar unhinterfragbarer Notwendigkeiten. Von unten wachsen zugleich und im diametralen Gegensatz zu den ersten die anderen, unangenehmen Notwendigkeiten hervor. Das Eine findet nicht zum Anderen. Die Regierung spricht und verspricht, und unten – d.h. lokal – handelt man, so gut man kann, ohne große Worte. Nicht immer gut, aber man muss ja etwas tun. Und man tut’s, weil klar ist, dass man nicht anders kann. Aber oft kann man auch nicht oder kann’s mehr schlecht als recht, weil von oben her dann doch vielfältige Anweisungen erfolgt, die alle darauf hinauslaufen, man müsse aber normal leben können.

Und das wird wiederholt und wiederholt, obwohl sich abzeichnet, dass man das Müssen können müsste und dafür ein entsprechender, gekonnter Rahmen erforderlich ist. Der aber fehlt. Das Wunschdenken versucht, die Wirklichkeiten zu überwältigen. Oder vielleicht noch nicht einmal das: Es scheint, dass gar keine Gewalt nötig ist, schlicht weil als nötig und richtig erscheint, zur Normalität zurückzukehren. Auf diese Weise aber wird man selbst zum Opfer dessen, was dann doch – leider jedoch ohne alle Vorbereitung – über einen hereinbricht. Die Wirklichkeit setzt sich selbst. Sie ist, was sie ist, ganz ohne Mühe. Doch dass dem so ist, das hat allein damit zu tun, dass die Wirklichkeit offene Wege findet, nicht auf Barrieren stößt, weitgehend ungehindert wieder in den Alltag hineinfluten kann.

Wenn wir in der Lage wären, Wirklichkeiten anzuerkennen, würden wir sie mindern können. Die Wirklichkeit des Virus ist nur in Teilen die, die er – nämlich der Virus – hervorbringt. In vieler Hinsicht ist er von uns abhängig. »Müssen können«, das wäre das Gebot der Stunde. Aber es gelingt nicht. Es herrscht eine Kultur des Wunsches, eine Kultur der Gewohnheit, in dem man sich stets und immer alles erfüllen konnte, was man sich wünschte. Schlimmer noch: Unsere Gesellschaft ist eine, die glaubt, es sei nicht nur erforderlich, dass man sich Wünsche erfüllen kann, sondern dass der Wunsch sich werde erfüllen lassen müssen. Dieses Müssen ist unser Hauptproblem, nicht das andere, vom Virus bewirkte. Wir sind gewohnt an Erfüllung und an das Muss, das »must«, des Bekommens und Habens.

Der Virus stellt uns vor Fragen von großer Grundsätzlichkeit. Was jetzt passiert, nimmt vorweg, dass unser Können bezüglich des Müssens weiterhin (und zunehmend) gefragt sein wird. Notwendigkeiten neu definieren, Wünsche anders sehen, einen Wunsch nur als Wunsch erleben und nicht als etwas, was sich notwendig erfüllen muss (eben weil mitunter Situationen entstehen, in denen man’s weder kann, noch wollen kann) – das wäre ein Schritt, der es erlauben würde, auch in Zukunft gegen Krisen von weit größeren Dimensionen einzuschreiten. Einen geschmeidigen Schritt müssten wir uns zulegen, einen, der aus- oder zurückweicht, wenn’s nötig ist, einen, der nicht stur gewohnten Bahnen folgt.

Doch offen gestanden habe ich wenig Hoffnung. Die Dialektik zwischen Können und Müssen fehlt. Es fehlt der Sinn für die Chancen, die in der variablen, gestaltbaren Beziehung zwischen beiden stecken. Es fehlt an allem, was unsere Freiheit ausmachen könnte. Indem man am Gewohnten festhält, gibt man sie auf. Und so muss es kommen, wie es kommt: Die Freiheiten sind bedroht, weil wir allein unser Haben-können-Müssen für bedroht halten und nicht ahnen, dass wir die Fähigkeit haben, anderen, gefährlichen Notwendigkeiten neue Freiheiten abzuringen.

Das ist eigentlich etwas Theologisches: das Notwendige wollen, sich in dieses schicken, doch so, dass es als eine Wahl, ja sogar: als Wunsch erscheint. Das eigene Geschick annehmen, sich Zwängen beugen, doch Kraft darin finden, um den Kopf wieder zu heben und zu sagen: »So ist es gut.«

Anne Peiter

Kommentar

Ich fand Hegels „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“ immer verdächtig und tendenziell ideologisch. Was für eine Freiheit soll bitteschön darin liegen, sich ins Unvermeidliche zu schicken, den Kampf aufzugeben und sich vielleicht mit einer Art neostoischer Unberührbarkeit der Seelensubstanz zu begnügen!

Aber wir leben in einer Krise, und in einer Krise passieren ständig Unvermeidlichkeiten! Und diese Krise lehrt uns auch, achtzugeben darauf, dass wir uns in unserer Freiheit vielleicht überschätzt haben und dass die Unvermeidlichkeiten, unter denen wir jetzt leiden, nur ein Vorgeschmack aufkommender Unvermeidlichkeiten sein könnten, die viel grundsätzlicher und einschneidender sind, als die, mit denen wir im Moment leben müssen.

Horkheimer und Adorno verlegen in der „Dialektik der Aufklärung“ den Beginn der Aufklärung als Naturbeherrschung zurück in die vorgeschichtlichen Anfänge der menschlichen Kultur. Schon Odysseus ist ein Aufklärer, ja ein „Bürger“. Das ist viel kritisiert worden und ich will das hier nicht wiederholen. Es scheint mir aber trotzdem von Nutzen zu sein, die Perspektive zu verschieben. Wenn Odysseus schon ein Aufklärer war, dann war es Hegel, der den Satz von der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit geprägt hat, gewiss erst recht. Aber gleichzeitig gehörten er und seine Zeitgenossen doch eine Epoche an, in der das Ausgeliefertsein der Menschen an die Natur selbstverständliche Realität war. Kinder starben im Wochenbett, Mütter unter der Geburt, es gab Missernten und Epidemien, und wenn man von A nach B wollte, reiche ein Wolkenbruch aus, es zu verhindern. Die Städte waren zwar gewachsen, aber der Durchbruch der Industrialisierung stand noch aus und die Errungenschaften eines Kapitalismus in weiter Ferne, der Freiheit in Konsum umsetzt und die so definiert, dass wir uns alles kaufen können, was wir uns wünschen, vorausgesetzt, wir haben genügend Geld. Das Leben war diktiert von Zwängen, Einschränkungen, Notwendigkeiten, mit denen man sich zu arrangieren und die man zu bearbeiten hatte.

Ist da ein Freiheitsbegriff überhaupt denkbar, der keinen Kompromiss darstellt und tief in der Wolle gefärbt ist vom „müssen können“? Ist Freiheit nicht Arbeit statt Konsum? Wenn ich ein Werkstück anzufertigen habe, sollte ich mir ansehen, ob der Stoff, mit dem ich arbeite, Holz oder Metall ist; davon hängt ab, was ich tun kann, welche Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen und wofür sich das Werkstück am Ende sinnvoll einsetzen lässt. Der praktischen Freiheit, also den Handeln, geht die Einsicht in die Notwendigkeit voraus. Nur wenn ich die Wirklichkeit in ihrer gezackten Härte annehme, lassen sich die Freiräume finden, die die empirische Vorbedingung wirklicher Freiheit sind.

In gewisser Hinsicht sollten wir Corona dankbar sein. Was passiert, ist schlimm, aber wenn nicht alles täuscht, könnte uns diese Epidemie vorbereiten auf die Wirklichkeiten und Unvermeidlichkeite kommender Tage. Sie wäre eine Anfängerlektion in Sachen „Müssen können“, ein noch halbwegs verkraftbares Propädeuticum des großen Lehrstücks, den wir zuschauen und an dem wir teilnehmen: wie wir nämlich alle mit dem außer Kontrolle geratenen Selbstzerstörungspotenzial umgehen, das wir durch unsere Lebensweise des universalisierten „Können müssens“ freigesetzt haben.

Wolfram Ette

Corona 98: Schwindender Unterhaltungswert

Am Donnerstag letzter Woche erfährt die Schule, dass die Mutter eines Schülers aus der neunten Klasse an Corona erkrankt ist. Der Junge geht in Quarantäne und die Familie bemüht sich, dass er so schnell wie möglich getestet wird. Am besten wäre es gleich Donnerstag, aber obwohl es sich um einen Landkreis handelt, in dem die Infektionszahlen im Augenblick noch niedrig sind, geschieht bis Montag nichts. Man würde nun denken, dass das nicht so schlimm sei, die Schule könne ja mit dieser Zeit der Ungewissheit (die allerdings fast schon eine Gewissheit ist, weil es einigermaßen wahrscheinlich ist, das der Junge sich bei seiner Mutter angesteckt hat, bzw. irgendwie und auf andere Weise beunruhigend wäre, falls er sich nicht bei ihr angesteckt hätte) so umgehen, dass wiederum die Maskenpflicht für alle verordnet werden würde, um das Risiko einer Weiterinfektion zu verhindern.

Aber das geschieht nicht bis zum Dienstag, bis zu dem Tag nach dem aus unerfindlichen Gründen bis Montag herausgeschobenen Test, bis zu dem Tag also, an dem der Schüler und seine Mutter das Testergebnis erfahren hätten und klar gewesen wäre, ob die Klasse und ihre Lehrer in Quarantäne geschickt werden müssen.

Die Begründung für die Verspätung lautet, es sei schwierig gewesen, „die Maskenpflicht gegenüber den Eltern durchzusetzen“. Ich verstehe nicht. Denn mir will mir nicht so recht in den Kopf, was Eltern dagegen haben könnten. Der mitteldeutsche Landkreis, in dem sich das zuträgt, ist überdies bei solchen Sachen eher robust; von irgendwelchen Vorstellungen, dass das permanente Maskentragen schädlich sei, habe ich noch nichts gehört; und auch die Zahl derjenigen, die etwas gegen die Masken haben, weil sie Corona rundheraus leugnen, ist gering – zumindest machen sie in der Öffentlichkeit nicht groß auf sich aufmerksam.

Und überhaupt: Was heißt denn überhaupt „durchsetzen“? Muss man hier argumentieren? Gibt es keine Regeln, wie eine Schule sich verhält, wenn einer ihrer Schülerinnen oder ein Lehrer auf ein Testergebnis wartet? Ich weiß das nicht, aber ich nehme doch an, dass es so ist. Oder gibt es wirkliche keine Regelung für solche kollektiven Wartezeiten, und die Schule hat einfach nur Angst, etwas falsch zu machen? Angst vor dem Gesetz, auf das sich Eltern, wenn etwas nicht ideal läuft, gerne berufen?

In gewisser Weise hat die Schule übrigens doch Recht behalten, als sie absurderweise zu dem Zeitpunkt, an dem das Testergebnis herauskam, die Pflicht, eine Maske zu tragen, ausgab. An diesem Dienstag kam, anders als erwartet, kein Testergebnis. Es kam erst am Mittwoch Nachmittag, und es war negativ. Die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer hätten also zwar keine Maske tragen müssen, aber immerhin wurde der Zeit der Ungewissheit formaliter Rechnung getragen. So hat es zu geschehen und so ist’s dann auch geschehen.

Wenn es der Schule überdies gelungen wäre, die Eltern davon zu „überzeugen“, zumindest am Freitag der vorangegangenen Woche ihren Kindern eine Maske mitzugeben, wäre dies noch rationaler – wenn auch, wie sich in der nächsten Woche herausstellte, unnötig – gewesen, denn ansteckend ist man ja, wie wir mittlerweile wissen, wenn man das Testergebnis bekommt, in er Regel nur noch für wenige Tage.

All das sind harmlose Schwierigkeiten, mit denen diejenigen, die sich damit beschäftigen können, ein wenig herumspielen können; es macht meiner Tochter Spaß, davon zu erzählen, und mir macht es Spaß, zuzuhören, und während ich zuhöre, beginnen sich die Paradoxien in meinem Kopf langsam zuzuspitzen. Aber es findet, wie gesagt, in einem Landkreis mit niedriger Bevölkerungsdichte statt. Die Nachrichten, die uns aus den großen Städten erreichen, sind beunruhigend: die Lage in Madrid ist katastrophal; in Paris wird die Situation immer schwieriger; und in Berlin wird es wohl nur deswegen keine strengen Ausgangsbeschränkungen geben, weil die Stadt als ganze gerechnet wird und der Unterschied im Sozialverhalten zwischen den innerhalb des Innenstadtrings gelegen Vierteln und der stilleren B-Zone so groß ist. Doch auch in der Provinz können sich die Dinge verändern und der Unterhaltungswert, der sich aus dem Widerspiel von Sorglosigkeit und bürokratischen Fahrlässigkeiten ergibt, wird wohl schwinden.

Wolfram Ette

Corona 97: »Übersterblichkeit«

I

Ich kann mir nicht helfen, aber dieses Wort hat’s mir angetan: Übersterblichkeit. (Ja, angetan, auch das ein Wort, das einem etwas antut.) Aber jetzt hat’s mir erst mal nur das eine Wort angetan, das genannte. Mir. Und anderen. Also nicht nur mir. Das, was mitunter auch als »Exzess-Mortalität« bezeichnet wird, wirkt, als würde es eine Steigerung von Tod geben. Und das ist ja in der Tat gemeint: Die Sterberate ist erhöht. Aber wenn man’s nicht demographisch nimmt, sondern das Wort auf sich selbst, die eigene Person, bezieht, ist’s, als gebe es einen Unterschied zwischen einem normalen und einem exzessiven Tod. Als ob der normale Tod nicht an sich schon der Exzess schlechthin wäre, das Unüberbiet-, das Gar-nicht-mehr-Steigerbare, der Gegenpol zum Leben selbst! Denn wenn man tot ist, ist man doch tot? Kann es Schlimmeres geben? Gibt es Toteres als einen selbst, wenn man einst gestorben sein wird? Ist die Normalität des eigenen Todes nicht immer schon etwas, das, weil schwer vorstellbar, als Maßloses, als etwas aus der Wahrnehmung von sich selbst Heraustretendes ins eigene Leben treten wird? Der Tod tritt ein, doch indem er eintritt, wird das Ex-zessive, das, was auf unvergleichliche Weise unsere Masse verschiebt, erfahren?

Die Statistiker belehren uns, das Wort beziehe seinen Sinn allein aus dem Vergleich. Der Vergleich könne erfolgen zur Empirie oder zu Erwartungswerten. Das heißt, dass man unterschiedliche Zeiten oder Bevölkerungsgruppen miteinander vergleicht. Es zeichnet sich dabei die Tendenz ab, Vergleiche vor allen Dingen dann zu ziehen, wenn ein Exzess vermutet wird. Wenn dieser ausbleibt und die Mortalität gar besonders niedrig ausfällt, müsste das Antonym des Wortes »Übersterblichkeit« verwendet und von »Untersterblichkeit« gesprochen werden.

»Ich bin untersterblich«, das sagt niemand gern von sich, denn es würde bedeuten, dass die eigene Lebensdauer als exzessiv betrachtet werden und man sich selbst sagen muss, man sei dabei, auf unerwartete, ja unverdiente Weise alt zu werden. »Immer noch nicht tot! Immer noch am Leben! Was für eine Untersterblichkeit!« Fast ist es, als müsse man sich dafür schämen, nicht der Statistik zu folgen und weiterhin am Leben zu sein. Das Leben als Schuld, als das Unwahrscheinliche, der Tod hingegen als das, was längst hätte erfolgen müssen, wenn’s denn ordentlich zuginge – das ist kein angenehmer Gedanke.

Und selbst wenn’s einem gelingt, von sich selbst abzusehen und, den Statistikern folgend, wieder in vorgeschriebener Kühle von der Untersterblichkeit bestimmter Zeiten oder Bevölkerungsgruppen zu sprechen – Kollektive bedenkend, nicht sich selbst –, fühlt man, obwohl doch die Unter- so viel besser ist als die Übersterblichkeit, ein Unbehagen. Es erfolgt in der einen wie in der anderen Richtung eine Enteignung: Der Tod, den man, gemeinsam mit anderen, aufgrund bestimmter Entwicklungen erleiden könnte, muss in Abhängigkeit von diesen Entwicklungen gedacht werden. Und gleichzeitig weiß man, dass, wenn man sich diese Entwicklungen nicht klarmacht, nichts unternommen wird, um Unter oder Über, das Drunter und Drüber, das die Wahrnehmung unserer eigenen Gefährdung und Verletzlichkeit ergriffen hat, zu beeinflussen. Die Schlussfolgerung lautet, dass das Konzept der Übersterblichkeit notwendig ist, notwendig, um ihr Eintreten zu verhindern.

Oder anders noch: Man möchte das Über gern in ein Unter verwandeln, möchte, dass das Über gegenüber dem Unter weder Über-, noch Oberhand gewinnt, sondern sich das Unten langsam über das Über erhebt, fast schon von der »Untersterblichkeit« hin zur so viel schöneren »Unsterblichkeit«. »Untersterblichkeit« als Weg weg von der »Über-«, hin zur »Unsterblichkeit«, das wäre ein echter Sieg der Präfixe! Ein Sieg der Sprache und ihrer Lebendigkeit!

Wir wissen’s ja: Präfixe sind Worterweiterungen, die hier einer Erweiterung des Wertes Leben, weg von statistischen Erwartungswerten ermöglichen. »Praefigere«, etwas vor etwas befestigen, das ist wie eine Art Lebensversicherung: Man befestigt die Vorsilbe »Unter«, oder besser noch »Un« vor der Sterblichkeit, und schon ist man geschützt vor allen Übertreibungen des Todes. Was für herrliche Worte! Sie haben es mir angetan, im neuen, leuchtend-aufatmenden Sinn.

Man hat das Leben nicht so leicht über, darum schätzt man alles, was mit »Un« beginnt. »Un«, das beginnt und hört gleich wieder auf: Es ist der kürzesten Präfixe eines. »Unter«, das ist schon länger, ist nicht so sicher, nicht so absolut. Aber immerhin. Man lässt sich vom »Über« nicht so gleich unterkriegen. Darum geht es: Wenn schon das »Un« vergangenen, dem Göttlichen verschriebenen Zeiten zugehört und ihnen allein, dann wollen wir uns doch wenigstens das »Un-ter« zu eigen machen. Es liegt nahe. Ihm (dem Göttlichen, das vergangen ist). Und uns (den Ungläubigen). Es ist die Schmalform des »Un«, seine säkulare Schwundstufe, die Umformung der einstigen Überzeugung, man werde zum ewigen Leben zu finden, einer Überzeugung, die jetzt einzig und allein noch von der statistischen Erfassung des Lebens ausgeht.

II

Man kann in die Dämonie solcher Wortbildungen nicht tief genug eindringen. Hier einige weitere Beobachtungen:

›Sterblichkeit‹ ist prima vista ein qualitativer Begriff. Menschen sind sterblich, die Götter sind es nicht; immer werden sie, wenn der altgriechischen Literatur zum Beispiel, als »die Unsterblichen« bezeichnet. ›Übersterblichkeit‹ aber ist, ebenso wie das neu gebildete, interessanterweise aber nicht kurrent ›Untersterblichkeit‹, ein statistischer Begriff. Er bezeichnet, wir erfahren es aus den Medien, eine überdurchschnittlich hohe Todesrate; und noch genauer: er bezeichnet die Zahl derer, die unerwarteterweise, weil über dem Durchschnitt liegend, verstorben sind. Dass eine solche quantitative Festlegung (ein Mehr oder Weniger) mit einem qualitativen Grundbegriff (man ist entweder sterblich oder man ist es nicht) – verkoppelt wird, irritiert mich seit dem Beginn der Krise, die die Übersterblichkeit publik machte.

›Über‹ klingt außerdem irgendwie gut, ›unter‹ irgendwie schlecht. Wir können nichts dagegen machen, diese ungleichberechtigte Verteilung von Oben und Unten ist kulturell so fixiert, dass wir den allerersten Wohlfühlreflex, der sich einstellt, wenn wir das Wort hören, schwerlich vermeiden können. Man strebt ›nach oben‹, ›empor‹ zum Licht, die im Dunkeln dagegen, die ›unten in der Tiefe‹ wohnen, sieht man nicht, und möchte man nicht sehen; man ›über‹-trifft andere oder ›unter‹-liegt ihnen; Platons Ideen, die Wahrheit, Dantes Paradies – sie alle sind irgendwie ›über‹ uns, es sind Schattierungen der Metaphysik, die eben auch von ›Über‹-sinnlichen handelt; ›da unten‹ in der Tiefe dagegen ist die Hölle, da wohnen die Proletarier im Dunkeln, Schmutz und Gestank mit ihren ›niedrigen‹ Bildungsstand.

Nun ist wohl niemand, der das Wort Übersterblichkeit verwendet, gesonnen, dieser Asymmetrie unseres räumlichen, vermutlich im Neolithikum ausgebildeten Koordinatensystems kritisch entgegenzutreten. Die seltsame Vertauschung des Positiven und des Negativen, produziert mithin Ideologie. Vermutlich nicht mit Absicht. Aber unbewusst und objektiv. Wenn Christian Drosten, das ja auch von mir bewunderte Sonnenscheinchen wissenschaftliche Rationalität, dieses Wort, wie immer wohlartikuliert, in den Mund nimmt, klingt es gut, ich fühle mich dabei gut, auch wenn der zweite – aber immer erst der zweite! – Gedanke besagt, dass das ja gar nicht stimmt, dass es bedeutet, dass Menschen gestorben sind, die sonst nicht hätten sterben sollen.

Und noch mehr: ›über‹ klingt nicht nur irgendwie besser; es ist in unserer Tradition aufgeladen mit metaphysischen Reminiszenzen. Das will sagen: ein ganz kleines bisschen und nur für einen winzigen Moment klingt ›Übersterblichkeit‹ wie Unsterblichkeit. Wer übersterblich ist, der ist doch irgendwie ›mehr‹ als sterblich, oder wie?

Wir haben also zwei Säkularformen der Unsterblichkeit, die die griechischen Götter besaßen und die das Christentum der menschlichen Einzelseele zuschrieb.

Nummer 1: Untersterblichkeit. An dieser »Schmalform des Un« müssen wir festhalten, auch wenn sie sich nicht so cool anhört wie ›Übersterblichkeit‹. Wenn wir den Tod schon nicht abschaffen können, dann lasst uns, verdammt nochmal, um jedes einzelne Menschenleben kämpfen, mit allen Mitteln, denn niemand verdient es zu stärken. Dieser Kampf, ein medizinischer, ökonomischer und politischer Kampf, versucht, die Versprechungen der Metaphysik auf dieser Welt einzulösen. »Es gibt ein Leben vor dem Tod« sang Biermann. Richtig so. Und man muss sich dafür einsetzen, dass so viele Menschen wie möglich in den Genuss dieses Lebens kommen, und dass es dabei gerecht zugeht.

Und Nummer 2: die Übersterblichkeit, faulig und stinkend, durchsetzt von den Gärstoffen der verwesenden Metaphysik, schillernd wie das Aas, das Baudelaire beschrieb und dessen unerhörten Glanz er in seinen Gedichten geltend zu machen versuchte. Die Übersterblichkeit macht eben das, was die Metaphysik immer getan hat. Die zweite Hand nimmt weg, was die erste ausgeteilt hat. Sie ist ein gebrochenes Versprechen, das gesprochene Versprechen per sie; das Versprechen, das so schön klingt, dass es über seine notorische Nichterfüllung hinweggleitet und hinweggeleitet. Wer wollte, in Zeiten der Krise zumal, nicht übersterblich sein!

I / Anne Peiter – II / Wolfram Ette

Corona 96: Anthropomorphismen

Désormais

»Désormais, le virus circule activement.»– Das ist jetzt die gängige Formel, derer sich sämtliche französischen Zeitungen zu bedienen pflegen: Der Virus »zirkuliere»inzwischen aktiv, »gehe»aktiv »um«, bewege sich, ungefähr so. Aber auf jeden Fall nicht mehr so wie vorher. Nicht so passiv. Die neue Phase, die der starken und mitunter sogar exponentiellen Ausbreitung, wird beschrieben mit »aktiv«. Und der neue, zeitliche Index steckt im »Inzwischen«. Es ist anders als zuvor. Inzwischen ist es anders. Anders geworden. Der Virus ist zur Aktivität übergegangen, zum Angriff gleichsam – voilà die jetzige Realität.

Eine Anthropomorphisierung unter vielen anderen ist zu beobachten. Von besonderem Interesse erscheint sie mir darum zu sein, weil noch in der Warnung Entlastung steckt. Es ist der Virus, der aktiv ist, nicht wir, die wir ihn durch unser Verhalten aktiviert haben. Seien wir noch genauer: Aktivieren können wir ihn nicht, denn wir sind ja er. Oder er wir, ganz egal.

Wichtig nur: Der Virus ist passiv, d.h. von uns abhängig. Er kommt nur so weit, wie wir selbst kommen. Ohne uns ist er nicht denkbar. Also kommt es einer Verharmlosung gleich, ihn für aktiv zu erklären. Nein, er hat sich nicht im geringsten geändert! Er ist noch immer der Gute, Alte, der gute Alte. Der von vorhin. Kein »Inzwischen« ist nötig, um ihn zu erklären. Der Hinweis auf seine »Aktivität » ist nur Ausdruck des Wunsches der menschlichen Entscheidungsträger, sich selbst als Angegriffene darzustellen, nicht als diejenigen also, deren Passivität im intellektuellen Umgang mit der Krankheit so immens war, dass man einfach wieder in sie hineinschritt, aufrechten Hauptes, gestärkt durch die Ferien, die keine waren und die »inzwischen« vorbei sind, weil jetzt andere Kräfte und Aktivitäten auf uns eindringen. Unsere eigenen. Aber so, als wären sie nicht von uns selbst. Ungefähr so.

Das Unsichtbare und das Sichtbare

Es ist nicht bloß ein Problem, das Unsichtbare darzustellen. Die Menschen haben sich noch nie mit den Sichtbaren zufrieden gegeben, und dies mit gutem Grund. Sie erkannten dahinter die unsichtbaren Mächte, die alles steuern und machten sich ein Bildnis davon – wahrscheinlich auch dann, wenn sie behaupteten, dass die allerhöchsten der unsichtbaren Mächte es ihnen verboten hatte. Aber auch die antiken Materialisten, die alles auf den Fall winzig kleiner, unsichtbarer Atome reduzierten, verfuhren ebenso; wie die Naturwissenschaftler der frühen Neuzeit, die sich mit Staunen dem Phänomen mathematisch formulierter – und höchst unsichtbarer – Naturgesetze näherten, die den Ablauf aller Erscheinungen regelten. Wir selbst sind einige Jahrhunderte später, an dem Punkt angelangt, dass wir selbst mit den ausgefeiltesten Messinstrumenten nicht sehen können, was im Inneren eines Atoms vor sich geht, sondern nichts weiter festzustellen haben als »Aufenthaltswahrscheinlichkeiten« unserer Elementarteilchen. So gesehen ist alles, jedenfalls alles Entscheidende unsichtbar und wir leben nach wie vor im Zeitalter der Metaphysik, mit dem einzigen Unterschied, dass es materielle Prinzipien sind, die an die Stelle der Götter und Ideen gesetzt wurden: Atome oder Atomteilchen, Mikroben und / oder Viren, Säure-Base-Sequenzen, die sich zu bestimmten Eiweißen verbinden, oder eben die an anderer Stelle ansetzende Abstraktion der Zahlen und der mathematisch formulierten Naturgesetze.

Aber es gibt doch einen Unterschied und er ist entscheidend. Wissenschaftlicher Fortschritt ist der Prozess, der vom einen zum anderen führt, und d.h. auch: von einem handhabbaren zu einem nicht so gut handhabbaren Unsichtbaren. Handhabbar aber meint: anthropomorphisierbar. Wissenschaftlicher Fortschritt ist der Weg der Entmenschlichung der Welt. Wir verstehen allmählich und in kleinen Schritten, dass die Welt, oder jedenfalls große Teile von ihr, nicht so funktionieren, wie wir uns das denken; und dass vor allen Dingen die Vorstellung eines Zweckes, die wir aus unserem eigenen Handeln mehr oder weniger bewusstlos auf die Naturphänomene übertragen, nichts weiter ist als eine Projektion, durch die wir das, was wir nicht sehen oder zu sehen glauben, nach unserem Bilde formen, wie jener Gott, dem es einst unterstellten. Wir haben uns davon entfernt, zumindest ein bisschen, und begriffen, dass das, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht im entferntesten so ist wie wir, und dass wir selbst, mit all unserem Bewusstsein und Forscherdrang, nicht viel mehr sind als ein mattes Aufglänzen der Oberfläche dieser Welt, die vor allem aus unsichtbarer Tiefe besteht.

Wenn wir aber in eine Krise kommen, fangen wir wieder an zu anthropomorphisierbaren: wie verrückt, wir können fast nicht anders, weil der Reflex, das uns in einer Bedrohungssituation Begegnende menschenähnlich – und damit irgendwie bekannt und vielleicht sogar beherrschbar – vorzustellen, robust und überaus tief in uns verwurzelt ist. Wir beginnen zu lieben, zu hassen, zu beten, zu opfern, was auch immer -: weil die Übermacht der Natur uns auf diese Weise verständlich wird. Sie, die uns uns gleich, nur unendlich viel mächtiger ist, hoffen wird auf diese Weise zu unseren Gunsten umstimmen zu können.

Ein solcher Krisenzustand droht umso mehr, wenn es sich tatsächlich um etwas handelt, dass wir nicht sehen können und für dessen Verhalten es keine sinnliche Evidenz gibt und kein anthropomorphes Handlungsprofil. Es ist ja nicht einmal möglich, den Weg eines einzelnen Virus vom Überträger zum Empfänger zu verfolgen, – und es ist, schlimmer noch, nicht einmal sinnvoll, weil das, worauf’s ankommt, allein die »Viruslast« ist, die der Speichel des Überträgers (oder der Überträgerin) enthält. Und die zählt nach Milliarden. In dieser unsichtbaren Welt gibt es, das fällt uns schwer zu begreifen, keine Individuen, alles läuft über Zahlen und Masse in unvorstellbaren Dimensionen.

Und dennoch ist diese Welt, auf eine überraschende und etwas perverse Weise, anthropomorph: viel menschenähnlicher jedenfalls als die der Atome und der Naturgesetze. Ein Virus lebt nicht, oder nur potenziell. Er ist die Extremform eines Parasiten, denn zum Leben erwacht er erst durch diejenigen, die es tragen und in deren Organismus es sich eingenistet hat. Es agiert nicht, es reagiert nur auf das, was wir tun – mit unheimlicher Effizienz. Aber es reagiert auch nicht auf das, was wir als Individuen mit all unseren Zielen, Handlungsmaximen, Zwecken und Vorsätzen tun. Das ist ihm, um selbst einmal zu anthropomorphisieren, »egal«. Was zählt, ist unser Massenverhalten, also all das, was dem Individuationisprinzip widerstreitet und uns dazu veranlasst, uns zusammenzuballen: das dionysische Prinzip, der Massen- oder Herdentrieb, unser Unbewusstes, das sich nach Vereinigung mit einer Menge sehnt, in der ich aufhöre, ich zu sein, oder jedenfalls die Grenzen, die mich vom anderen trennen, eine Zeit lang niedergehalten werden können. Darauf reagiert das Virus, dieses Unsichtbare setzt es in Tätigkeit. In diesem Sinne ist es anthropomorph. Aber nicht nach dem Maß unseres Bewusstseins. Ansteckung ist eine Art Triebgeschehen, wird durch eines ausgelöst und ist ihm vergleichbar.

Désormais: Anne Peiter – Das Unsichtbare …: Wolfram Ette

Corona 95: Eins, Zwei oder Drei

In den französischen Grundschulen sind keine Masken vorgeschrieben. Man folgt der Doktrin, dass jungen Kindern das Tragen einer Maske nicht zuzumuten sei und selbst 10- oder fast 11jährige unter der Maske leiden würden. Der Schutz wird also allein durch das Kindsein erwartet: Der Verlauf der Krankheit sei in diesem Alter normalerweise undramatisch, wird argumentiert.

Dennoch war es bisher so, dass die KlassenkameradInnen, in deren Klasse ein anderes Kind als Covid-krank gemeldet wurde, erst vierzehn, dann – nach Lockerungen der Regeln – sieben Tage Zuhause bleiben mussten, weil sie als »Kontaktperson« dieses Kindes galten. Auch das Lehrpersonal war von dieser Regel betroffen: Vierzehn, später dann sieben Tage, das war der Schutzmechanismus, der verhindern sollte, dass die Ansteckung in einer Klasse weiter um sich griff.

Ab heute, Dienstag, den 22. September, ändern sich die Regeln erneut. Der Minister hat’s bekannt gegeben: Kinder, die mit anderen KlassenkameradInnen in täglichem Kontakt stehen – eben darum, weil sie in dieselbe Klasse gehen, in der gleichen Kantine essen, gemeinsam Sport machen, sich im Pausenhof vergnügen und im Bad das Schwimmen erlernen –, sind plötzlich keine Kontaktpersonen mehr, und der Lehrer oder die Lehrerin, die in einer Klasse mit Covid-Fällen unterrichten, auch nicht. Das Protokoll zur Identifizierung von Kontaktpersonen, ihre eventuelle Isolierung, die mögliche Schließung von Klassen oder gar der ganzen Schule werde jedoch umgesetzt, wenn es in derselben Klasse wenigstens drei Fälle aus unterschiedlichen Familien gebe, fuhr der Minister fort. (Drillinge aus einer Familie, die alle in die gleiche Klasse gehen, zählen – man kann’s sich selbst aus der neuen Regel ableiten – nicht.) Kinder trügen zur Ansteckung ohnehin nur wenig bei, hatte Olivier Véran schon in der letzten Woche bezüglich der letzten Entwicklungen festgestellt. Das erklärte Ziel besteht darin, die Zahl der in Quarantäne befindlichen Klassen – LehrerInnen wie SchülerInnenschaft – zu senken.

Diese Begründung steht ganz am Ende der Argumentation. Das Ministerium gibt vor, von sanitären Überlegungen auszugehen und aus ihnen die Möglichkeit abzuleiten, die Zahl der geschlossenen Klassen zu senken. Ich kann aber nicht anders, als die Bekanntmachung in umgekehrter argumentatorischer Folge zu lesen: Man will die Zahl der geschlossenen Klassen senken, darum erklärt man, Klassenkameraden dürften nicht länger als Kontaktpersonen gelten und die LehrerInnen dieser Klasse auch nicht. Die Kausalität verzaubert sich in Teleologie, aus Ursache und Wirkung wird die Prägung des Gesamtverlaufs »vom Ziel her«, der Fluss fließt bergauf. Erst wenn mindestens drei Kinder (oder zwei Kinder und der Lehrer oder die Lehrerin?) krank sind, d.h. die ehrwürdige Zahl »Drei« erreicht ist, findet das Ministerium, dass es in der Klasse zu Kontakten gekommen ist. Das heißt, dass erst eine Evidenz im Übermaß eingetreten sein muss – nämlich die gleich drei- oder vier- oder n-malige Erkrankung –, damit die bestehenden Kontakte als Kontakte auch wirklich Anerkennung finden.

Der Vorteil des neuen Reglements ist klar erkennbar. Solange sich die Zahl der Kranken pro Klasse nur auf ein oder zwei SchülerInnen beschränkt, muss die Gesundheitsbehörde nicht einschreiten, muss sie nicht die Frage klären, ob die Kranken mit ihren KlassenkameradInnen und dem Lehrpersonal in Kontakt gewesen sind. Es ist von vornherein festgelegt, dass Kontakte nicht bestehen. Sobald dann aber drei (oder mehr) Kranke festgestellt werden, ist durch die bloße Zahl – die heilige Drei – erwiesen, dass es Kontakte gegeben hat. Aber auch jetzt muss nicht erst zu Befragungen und Untersuchungen geschritten werden, denn die Drei spricht ja für sich selbst und ermöglicht das, wofür keine Gesundheitsbehörde mehr verantwortlich wird zeichnen müssen: Ab drei Kranken wird die Klasse geschlossen. Sie schließt sich gleichsam selbst, selbst läufig der Zahl Drei folgend.

Das heißt, dass man sich auch hier viel Arbeit erspart: Bei unter drei muss man sich keine Fragen mehr stellen und bei über drei auch nicht, denn dann ist eben qua Krankheit erwiesen, dass es, obwohl Kranke in Grundschulen per definitionem keine Kontakte gehabt haben, doch zu Kontakten gekommen ist.

Wenn es denn ein Beispiel gibt für den Umschlag hin zur neuen Doktrin, die jetzt in sämtlichen Bereichen andere, alte Doktrinen aus den Angeln hebt, dann liegt es hier vor: Kinder haben, weil sie Kinder sind, keine Kontakte. An ihnen kann sich die Rückkehr zur Normalität, die allüberall in Frankreich gepredigt wird, erweisen. Oder anders: Kinder haben sehr wohl Kontakte, doch nie gefährliche, risikoreiche, denn ihnen kann ja nicht zugemutet werden, als Kinder schon mit Gefahren oder mit belastenden Maßnahmen zum Schutz vor diesen konfrontiert zu werden. Dafür sind sie eben Kinder! Und die müssen um jeden Preis zur Schule gehen!

Jetzt bleibt jedoch eine Frage offen, und die geht über die Klassengesellschaft, die sich hier, der Abwechslung halber, mal über’s Alter definiert, hinaus: Wenn Kinder auch keine Kontakte in der Schule haben, so haben sie doch aber sehr wohl Kontakte außerhalb der Schule, z.B. aufgrund ihres Lebens mit ihren Familien, oder? Und am Schulanfang hatte die Expertenkommission, die in Frankreich stets so ergeben der Regierung nach dem Munde redet, in dem der Wunsch nach Alltag in wässriger Ungenauigkeit Speichelfäden zieht, die Öffentlichkeit stets vor dem Missverständnis gewarnt, man solle bloß nicht glauben, dass der generell undramatische Verlauf von Krankheiten bei Kindern bedeute, dass sie selbst Erwachsene (oder jugendliche Geschwister?) nicht anzustecken vermögen. Sie seien sehr wohl ansteckend, das Risiko bestehe, Illusionen in Bezug auf diese Fragen seien zu bekämpfen.

Doch davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Das Schulministerium ist das Schulministerium, mit den Lebensrealitäten über die Schulen hinaus will es nichts zu tun haben. Also ist es nix mit der Familie und den Verwandten der betroffenen Kinder. (Für sie – also die Familie – gibt es ja ein eigenes, ministeriales Ressort, der Schulminister kann sich nicht um alles kümmern.) Das heißt also, dass der Begriff des »Risikokontakts« gleich zweifach durchschlagen wird. Man kappt nicht nur den Bestandteil »Risiko« vom Grundwort des Kompositums (d.h. vom »Kontakt«), sondern man eliminiert vorsichtshalber gleich auch das Grundwort »Kontakt« gleich mit (das durch das »Risiko« nur eine nähere Bestimmung erfuhr). Das heisst, es bleibt wirklich nichts mehr übrig von den einstigen Regeln: weder Risiko, noch Kontakt, dafür aber eine Lehrerschaft, die es sich jetzt nicht mehr beim ersten Alarmruf Zuhause gemütlich machen darf.

So stellt sich nur die Frage, ob die Eltern sich einverstanden damit erklären werden, dass Kontakte, zu denen es vor einigen Tagen gekommen ist, aufgrund von Erkrankungen zum Nicht-Kontakt erklärt werden, nur damit die Zahl der Klassen, die bei mindestens drei Kranken nach Hause zu schicken wären, sinkt. Doch inzwischen habe ich schon Realismus gelernt. Da die Gesundheitsbehörden gar nicht mehr überprüfen werden müssen, ob es Kontakte gab oder nicht, werden die Autoritäten nicht über die Kranken Auskunft geben, d.h. man wird gar nicht erst wissen, dass ein oder zwei Kinder (oder LehrerInnen?) krank sind oder waren, weil ja jeder mal krank sein kann und das ärztliche Geheimnis auf jeden Fall zu wahren ist. Das heißt, die fehlende Transparenz wird so groß sein, dass man der Situation erst inne wird, wenn das eigene Kind schon nach Hause geschickt worden sein wird: dann also, wenn kraft Erkrankung eine Art Transsubstantiation stattfindet, die den dekretierten Nicht-Kontakt zwischen den Kindern in einen Kontakt verwandelt.

Die Wesenseinheit der Trinität kehrt zurück. Dies ist das Blute von meinem Blute, das für Euch vergossen wurde. So spricht Christus. Und Gott und der Heilige Geist nicken zustimmend, denn ab der Zahl Drei kann sogar das französische Schulministerium nicht mehr anders als zuzugeben, da müsse es doch irgendwie eine Einheit geben.

Denn ab der Zahl Drei beginnt eine neue Definition, und die kennen wir jetzt zu genüge. Sie heißt: Cluster. Cluster ist, wenn’s nicht nur um ’ne Familiengeschichte oder Drillingsgeburten geht. Cluster, das ist was Ernstes. Gott, Gottessohn und Heiliger Geist sind ein Cluster, daran kommt keiner vorbei. Ab drei wird’s kritisch. Denn wie schon Gott, darin dem Virus gleich, sagte: »Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen«.

Anne Peiter


 

P.S.: Ich hatt’s nicht begriffen! Es vergessen! Klar, die neuen Regeln für die Schule haben gar nichts mit der Schule zu tun, sondern schlicht damit, dass Eltern, die wegen kranker Kinder zuhause bleiben müssen, weiterhin bezahlt werden sollen. Das ist teuer. Je mehr die Kinder – egal nun ob mit oder ohne kranke Klassenkameraden – in die Schule gehen, desto besser für die Wirtschaft und desto kostengünstiger für den Staat. Blanquer, der Erziehungsminister, hat denn auch gleich froh verkündet, die Zahl der geschlossenen Klassen und Schulen werde sich in den nächsten Tagen sicher als rückläufig erweisen. Ja, das ist sicher. Es ist das Sicherste von dem, was die Sicherheitsmaßnahmen für die Schulen überhaupt enthalten. Sicherheitsmaßnahmen für die Schulen sind Sicherheitsmaßnahmen für ganz Anderes.

Corona 94: Zwischen Krieg und Alltag

Komisch, wie Macron von einem Extrem zum anderen übergegangen ist. Von reimend-martialischer Kriegsrhetorik – „Nous sommes en guerre, en guerre sanitaire !“ – hin zu „Il faut apprendre à vivre avec le virus“, d.h.: Rückkehr zum Alltag. Der Präsident fürchtet um seine Wiederwahl, er will nichts Unpopuläres entscheiden, also entscheidet er gar nichts, sondern überträgt, obwohl einem stark zentralistischen Staat vorstehend, alle Verantwortung auf die Präfekturen und Entscheidungsträger vor Ort. Die wissen nicht, wie ihnen geschieht, haben wenig Erfahrung mit so viel Verantwortung, und fallen so gleichfalls von einem Extrem ins andere: Erst hatten sie alle fiebernd darauf gewartet, dass die Regierung aus den Ferien zurückkehren möge und hatten nichts zu entscheiden gewagt. Jetzt stehen sie plötzlich allein da, ohne Anweisung, und dürfen alles.

Und ein bisschen frage ich mich, ob so etwas nicht auch mit echten Kriegen passiert, ich will sagen, mit dieser Rückkehr von Normalität. Man wird des Krieges so leicht müde, wenn die ersten Begeisterung über’s Heroische der eigenen Person vorbei ist, und wenn man, weil oben stehend, dieser Müdigkeit nachgeben, um seinen eigenen Alltag ein Gehege ziehen und zum Privileg der Normalisierung zurückkehren kann, dann erklärt man eben allgemein, man solle sich vom Krieg doch bitte nicht zu stark beeindrucken lassen.

Wer hätte das gedacht! Ich, die ich Macrons Rhetorik vom Anfang nicht ohne Schaudern hören konnte und in ihm den kleinen Jungen sah, der sich gross machen wollte mit Hilfe einer Bedrohung, auf die er würde reagieren müssen, wünsche jetzt fast die guten alten Zeiten zurück, in denen der Normalitätsaspekt bescheiden in die Ecke trat und nicht wagte, sich lautstark bemerkbar zu machen. Jetzt aber sind wir da. Der Virus ist nicht besiegt, der „Krieg“, den Macron ausgerufen hatte, tritt in seine zweite Phase. Aber wir sollen normal leben, normal leben, normal leben.

Und vielen gelingt das in der Tat recht gut. Ich hingegen komme gedanklich und emotional mal wieder nicht mit. Dass Kriege sich nur darum ins Unabsehbare verlängern, weil die Durchhaltementalität in Verbindung tritt zur Banalisierung dessen, was geschieht – das kennen wir ja aus vielerlei historischen Erfahrungen. Es ist die Erfahrungslosigkeit noch inmitten der Katastrophe, die ihre – der Katastrophe – Veralltäglichung möglich macht. Kriege also werden geführt, wenn man männliche Stärke beweisen will. Kriege werden aber auch dann geführt, wenn man ihre Dramatik einfach aus dem eigenen Blickfeld ausschaltet. Und wer beides kann, der hat’s eh gut, denn nie wird diesen Mensch auch nur der Hauch der Ahnung streifen, dass gerade etwas passiert. Absorbiert wird alles in der Rhetorik selbst. Und deren Konsequenzen, die zeigen sich dann ganz woanders.

Anne Peiter

Corona 93: Wie Misstrauen entsteht

Über die Presse erfährt man, dass es in der Schule erneut einen Covid-Fall gegeben hat. Weder auf der Internetseite der Schule, noch in deren Mails, noch auf der Seite des Schulamtes findet sich auch nur ein einziger Hinweis zu Hintergründen, Massnahmen oder betroffener Jahrgangsstufe. Die Elternvertreter schreiben an die Schulleitung, bitte um mehr Transparenz, verweisen darauf, dass das kranke Kind offenbar in der Schulkantine gegessen habe und sich daher bei vielen Eltern Unruhe ausbreite.

Die Schulleiterin schreibt zurück, sie sei von keinem der Eltern kontaktiert worden. (Dass die Mail der Elternvertreter eine Kontaktaufnahme nicht nur von Elternvertretern ist, sondern diese, weil sie als Elternvertreter Eltern vertreten, nicht allein für sich selbst sprechen, sondern eben auch für Eltern, die sie – die Elternvertreter – gleichzeitig selbst sind, fällt unter den Tisch, der wahrscheinlich der Tisch der Kantine ist.)

In ihrer Antwort breitet die Schulleiterin weiter aus: »Comme vous avez pu le lire dans la presse, les élèves et personnels du collège Juliette Dodu n’ont jamais eu besoin d’être isolés, parce que les élèves concernés ont été déclarés cas COVID+ alors qu’ils étaient déjà en isolement depuis plusieurs jours.« (»Wie Sie in der Presse haben lesen können, ist es nicht nötig gewesen, die Schüler oder das Personal des Collège Juliette Dodu zu isolieren, denn die Schüler, die als Covid-Fall klassifiziert worden sind, waren bereits seit mehreren Tagen in Isolation.«)

Ach, denkt man da, es gibt also nicht nur einen Fall, sondern gleich mehrere? Gleichzeitig? Und isoliert werden musste nicht, weil die Isolation schon eingetreten war? Ein »Sowieso« im Sinne von »Es war sowieso schon alles unter Kontrolle«?

Doch wie kann man vom Umstand der Isolation darauf schließen, dass die anderen Eltern wissen, dass die Isolation schon eingetreten war? Warum sieht die Schulleitung nicht, dass eine Sache die erfolgte Isolation ist und eine andere Sache die Information bezüglich dieser Isolation? Und wie kann Vertrauen entstehen, wenn eine Schulleitung impliziert, es habe sowieso in der Presse gestanden und die betreffenden Schüler seien sowieso schon isoliert gewesen, so dass sowieso schon alles gemacht war, was, wenn’s nicht gemacht worden wäre, schnell hätte gemacht werden müssen?

Die Multiplizierung der Sowiesos mit sich selbst, ihre wechselseitige Verstärkung sind etwas, dem man immer mehr entgegnen zu müssen meint: »Man sagt uns ja sowieso nichts.« Ein Kern von Verschwörungstheorie bildet sich aus, wenn die Institution die Behauptung des Sowieso von Transparenz als Antwort auf die Klage ausgibt, es müsse mehr Transparenz hergestellt werden. Die unten stellen fest, dass es keine Transparenz gibt, die oben antworten, sie herrsche eh. Die Folge ist, dass unten der Eindruck entsteht, es müsse irgendeinen Grund dafür geben, dass dauernd vom Sowieso die Rede ist, obwohl die Realität das Gegenteil zeigt. Misstrauen entsteht. Eines, das dann seine eigenen Sowiesos herauszubilden beginnt.

In Wirklichkeit ist es aber wahrscheinlich einfach nur eine fehlende Abstimmung zwischen den Institutionen oder Personalmangel oder nicht-funktionierende bürokratische Abläufe, bei denen niemand mehr weiß, wem denn jetzt die Aufgabe zukommen soll, bestimmte Informationen zu kommunizieren. So einfach und so kompliziert ist das – anonym in jedem Fall, ohne eigentliche Absicht, aber die Absichtlichkeit wird dann von denjenigen hergestellt, die sich mitsamt ihrer Forderung nach Transparenz hintergangen fühlen, und jetzt gar nicht mehr anders können, als finstere Absichten hinter dem zu vermuten, was nicht kommuniziert worden ist.

»La procédure académique nous demande de faire un signalement, chaque fois qu’un cas COVID + est diagnostiqué mais jusqu’à présent, les enfants n’étaient déjà plus présents dans l’établissement, nous devions tout de même faire les signalement. », setzt die Schulleiterin noch hinzu.« (»Die Prozedur der Schulbehörde verlangt von uns, dass wir immer dann, wenn ein Covidfall auftritt, auf den Fall hinweisen. Doch bisher waren die Kinder schon nicht mehr in der Schule. Wir mussten aber trotzdem den Hinweis weiterleiten.«)

Ich versuche zu verstehen: Die Schulleitung musste nix mehr machen, denn das mit der Isolation war ebenso ausgemacht wie gemacht: Die Kinder waren schon seit Tagen nicht mehr da. Es ist also ärgerlich, dass das Protokoll vorsieht, dass man etwas, was schon kein Fall mehr ist, weil der Fall nicht mehr in den Bereich der Schule fällt, trotzdem weitergeleitet werden muss, denn dadurch wird er überhaupt erst zum Fall, der von der Presse aufgenommen und allein dort kommuniziert werden kann. Ein gewisser Überdruss zeigt sich, sich mit Fällen, die schon isoliert worden sind, überhaupt noch auseinandersetzen zu müssen, denn verflixt noch mal! isoliert sind sie doch schon! Und fast klingt auch schon mit, dass man, wenn die Isolation erfolgreich eingeleitet ist, man das nächste Mal überhaupt keinen Piep mehr dazu sagt, noch nicht mal zur Schulbehörde, denn nachher hat man nix als Scherereien.

Und aus der Sicht der Schulleitung kann man das auch fast verstehen: Das Problem ist weg, sobald das Kind weg ist. Man kann eh nicht mehr machen, die anderen Eltern regen sich auf über etwas, was sowieso schon gemacht ist. So viel Zusatzarbeit für nix und wieder nix! Die Schulleiterin bedauert sich, und subjektiv hat sie gar nicht ganz unrecht. Man hat ihr nicht gesagt, was sonst noch zu machen wäre. Zwar hat sie – wenn auch nicht gleich – nach dem ersten Covid-Fall noch einen hübschen Schrieb auf die Internetseite gestellt, in dem sie mitteilte, von der Presse erfahren zu haben, was in ihrer Schule vorging, aber das war der erste Fall, und jetzt sind wir ja schon bei zwei oder sogar mehr Fällen, und es wäre wirklich zu viel verlangt, dass sie sich da jedesmal wieder auf der Internetseite äußern muss.

Und weil es vielleicht sogar stimmt, was sie gleich anfangs monierte – nämlich: dass es gar nicht so viele Eltern gibt, die sich überhaupt dafür interessieren, was passiert oder nicht passiert –, entstehen zwei getrennte Biotope: das Biotop derjenigen, die finden, alles sei zu kompliziert und man müsse jetzt einfach machen, ohne groß zu fragen oder nach links und rechts zu gucken; und das Biotop der Nörgler, die ihre Beobachterposition verteidigen und beim ersten Fehler (oder, stärker noch, beim zweiten, dritten und allen weiteren) die Flinte ihres Misstrauen in Anschlag bringen, ohne jedoch irgendetwas zu bewirken. Denn nicht nur die kranken Schüler sind isoliert, sondern auch die Beobachter der Lage, die genauso wenig durchblicken wie die Schulleitung selbst.

Anne Peiter

Corona 92: Wie man sterben kann

I

Ich lese, dass sich die Überzeugung verbreitet hat, nur sechs Prozent der Coronakranken seien wirklich an Corona gestorben. Die anderen Krankheiten, die oft hinzukommen und das Risiko, zu sterben, erhöhen, werden also genutzt, um emotional die Gefährlichkeit von Corona zu senken. Nun ist es aber in den meisten Fällen so, dass die Leute, die „sowieso“ schon krank waren, zwar krank waren, jedoch nicht gestorben wären, wenn nicht auch noch Corona hinzugekommen wäre. So ist also Corona nicht der alleinige Grund für den Tod bestimmter Patienten, aber ein Zusatz- und häufig eben auch der entscheidende Grund.

Insofern verhält es sich bei den Hinweisen auf andere Krankheiten nicht so sehr um eine medizinische Definition der Bedeutung, die die jeweiligen Krankheiten bezüglich der Verursachung des Todes eines Patienten gehabt haben. Vielmehr spiegelt sich in den Medien, die die frohe Botschaft der sechs Prozent verbreiten helfen, das Bedürfnis, sich nicht mit der Wirklichkeit von Corona auseinandersetzen zu müssen. Dieses Bedürfnis geht wiederum Hand in Hand mit dem Bedürfnis, auch mit den anderen Krankheiten, die zum Tod von Coronakranken beitragen, nichts zu tun zu haben, auch wenn es so scheint, als wolle man in Erinnerung rufen, wie wichtig sie sind.

Aber in Wirklichkeit wird nur das Eine gegen das Andere ausgespielt, und das Andere wieder gegen das Eine, so dass zum Schluss nur herauskommt, dass man vor Corona und auch sonst nix Angst haben will, besonders dann nicht, wenn man das Glück hat, weder Corona, noch sonst eine potentiell das Risiko erhöhende Krankheit in sich zu tragen.

II

Die Gesundheitsbehörde von La Réunion gibt bei den jetzt fast täglich anfallenden Toten stets ihr aufrichtiges Beileid bekannt. Doch dem Beileid pflegen Hinweise vorauszugehen, in denen gesagt wird, dass der Tote Vorerkrankungen hatte. Er ist also kein „reiner“ Corona-Toter, sondern eine Mischform, bei der sich die Öffentlichkeit jeweils aussuchen kann, ob sie sich lieber einen Toten vorstellen mag, der an Corona gestorben ist, oder einen, der einer anderen Vorerkrankung erlag.

Man sieht, dass auch die Gesundheitsbehörde nicht gern in Mischungen denkt, auch wenn sie natürlich, indem sie die Klassifizierung „Corona-Toter“ offiziell anerkennt, Corona nicht wirklich leugnet. Aber das Beileid hat etwas auffallend Temperiertes, weil Corona eben nicht immer allein auftritt und so Beileidsbekundungen an die jeweiligen Familien möglich werden, in der die Erleichterung, dass es glücklicherweise auch noch andere Krankheiten gibt, spürbar wird.

Und wie sollte es auch anders sein: Durch nichts ist die Gesundheitsbehörde zur Zeit so gefordert, wie durch Corona. Die anderen Krankheiten sind also in der Kommunikation mit der Bevölkerung eine große Hilfe. Aber mitunter gibt es Familien, die – wie gerade passiert bei einem Siebenzwanzigjährigen, der auf La Réunion an Corona starb – der Gesundheitsbehörde jeden Hinweis auf Vorerkrankungen untersagen. Vielleicht hatte dieser junge Mann keine. Vielleicht hatte er welche. Wir wissen es nicht. Wir können es uns aussuchen. Oder wir akzeptieren, erstaunt und plötzlich von Vorstellungen neuer, zudringlicher Art übermannt, dass dieser Kranke in so jungem Alter einfach an Corona gestorben ist.

Dann erscheint das Beileid, das die Gesundheitsbehörde auch hier auszudrücken nicht unterlassen konnte, als bloße Beigabe, die die betroffene Familie, wenn sie gekonnt hätte, vielleicht ebenso gern untersagt hätte, wie sie die Weitergabe von Informationen über die Gründe, die zum Tod des jungen Mannes geführt haben, untersagt hat. Doch Beileidsbekundungen fallen nicht in das Recht auf Schutz persönlicher Daten, und so hat die Familie, zusätzlich zum Tod, leider auch noch erfahren müssen, der Gesundheitsbehörde tue es aufrichtig leid, dass es zu diesem Tod gekommen sei.

III

Soweit ich es überblicke, haben sich in Deutschland verschiedene Sprachregelungen eingebürgert. Man kan „an oder mit Corona“ sterben, was die Formel, es gelte, mit dem Virus leben zu lernen, realistisch ausbalanciert, wenn es sich eben um ein Virus handelt, „mit“ dem man sterben kann. Häufig stößt man auch auf die Wendung, soundsoviele Menschen seien „in Zusammenhang mit Corona“ gestorben – was eine sehr vage Formulierung ist, weil es impliziert, dass man zum Beispiel sterben kann, weil kein Intensivbett zur Verfügung stand oder Klinikpersonal aus anderen Bereichen, die nicht im Zusammenhang mit Corona stehen, in den letzten Monaten entlassen wurde. Das verbale Pendant dazu sind Menschen, „deren Tod mit Corona in Verbindung gebracht wird“ – noch praktischer, weil man das nicht mal selber tut, sondern anonymen Instanzen überlässt, die sich irren könne. Es geht hier immer um große Zahlen, um Tote in statistischen Größenordnungen. Je kleiner die Zahlen werden, desto einfacher ist es hierzulande, nicht zu differenzieren und schlicht von „Corona-Toten“ zu sprechen. Davon, dass sich ein Gesundheitsamt zu Beileidsbekundungen verpflichtet fühlen würde, habe ich noch nichts gehört.


I, II: Anne Peiter – III: Wolfram Ette

Corona 91: Trümmer aus Moria

Jetzt ist Moria abgebrannt, das Lager, dessen Name an den Gott erinnert, der ein Menschenopfer verlangt und dann erlassen hatte; an den Ort, an dem sich zivilisatorischer Fortschritt an der Grenze des äußersten Rückschritts vollzog; ein Ort der Wahrheit jedenfalls, an dem die Furchtlosen erkennen, wie es ist. Corona war wieder mal der Auslöser der Wahrheit: dass nämlich die Zustände in dem Lager, in dem die Menschen, die nach Europa fliehen wollen, davon abgehalten werden, nach Europa zu fliehen, so unmenschlich sind, dass man anfangen sollte, sich über die Menschlichkeit von Menschenrechten Gedanken zu machen, die wir auf unsere Fahnen schreiben, um sie dann in den Staub zu treten.

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Ein Fotojournalist, der „vor Ort“ ist und vom Deutschlandfunk interviewt wurde, über den Abend des Brandes: „Es war sehr intensiv, dieses große Feuer zu sehen.“ – „Alles, was geschieht, geschieht für die, die es beschreiben, und für die, die es nicht erleben.“ (Karl Kraus)

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Nichts ist dazu zu sagen, alles ist gesagt und mehrfach wiederholt. Wenn Menschen aus Verzweiflung ihr eigenes Haus anzünden, in dem sie ausharren sollen, bis der Tod durch Hunger – es war den Insassen von Moria nach dem Bekanntwerden der Corona-Fälle untersagt worden, einkaufen zu gehen – oder durch Krankheit sie ereilen würde, gibt es nichts zu sagen. Wir haben genug mit unseren eigenen Problemen zu tun. Die Wirtschaft, Sie wissen schon. Das schlechte Vorbild, das aus dem guten entstünde. Wir schaffen das! Das war ja schon mal sowas von verkehrt. Und dann werden andre, die durch Ausbeutung und Krieg – schlicht dadurch, dass es in dem System, in dem wir leben, nicht bloß Reiche und Arme gibt, sondern der Reichtum der verdammte Grund der Armut ist – Heimat und Frieden und Lebensmöglichkeit verloren haben, angelockt. Dann wäre kein Halten mehr und Europa wird trotz aller Anstrengungen, es zur Festung auszubauen, irgendwann fallen.

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Der griechische Premier hat gesagt, Moria sei ein Problem, das Europa lösen müssen. Deswegen dürfe niemand die Insel verlassen. Recht hat er. Statt dass nun aber in Stundenfrist ein Plan geschmiedet worden wäre, wie diese 13.000 entwürdigten und entrechteten Kreaturen auf eine Reihe von Ländern verteilt werden kann, in denen zusammen 800 Millionen Menschen leben, geschieht: nichts. So bleibt der griechische Premier allein mit dem Problem und erscheint als der Unmensch, der er wohl nicht sein wollte.

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Wenn man Tränengas sprüht, um Menschen, die aus einem brennenden Lager flüchten, daran zu hindern, aus einem brennenden Lager zu flüchten, muss das Tränengas jedenfalls schlimmer sein als der Rauch, der die Menschen aus dem Lager treibt. Also, es muss die Schleimhäute und Atemwege um so viel mehr angreifen als die Verbrennungsdämpfe des Holzes, der Plastikplanen, der Ölkanister und all dem anderen Zeug, mit dem man sich in einem Lager behelfen muss, dass es die Menschen in sie zurücktreibt, dorthin, wo sie nicht allein ersticken, sondern auch verbrennen können. Schleimhäute, Atemwege. Ich rede nur von „gesunden“, das heißt im Rahmen des Üblichen, durch ein Lagerleben mit vierfacher Überbelegung extrem geschwächten und vor sich hinvegetierenden Menschen. Ich rede nicht von den Corona-Kranken, von denen einige, wie es heißt, zum Glück (oder zum Unglück, weil man sie nicht erkennen kann) „asymptomatische Verläufe“ aufweisen, so dass es ihnen wenigstens nicht schlechter geht als den anderen, die schreiend, hustend und verzweifelt vom Tränengas ins brennende Lager zurückgeschickt wurden.


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Warum höre ich in all den Kommentaren und Berichten zur Lage nie den einen Satz, auf den ich warte und warte, der wieder und wieder wiederholt werden müsste, bis sich die Sensationsgier der Journalisten daran gebrochen und erschöpft hat: Dass es nicht richtig, aber VOLLKOMMEN VERSTÄNDLICH ist, Feuer ans eigene Lager zu legen?

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Aus dem radikalen Lockdown, der über das Lager verhängt worden war, in das Corona eingedrungen war, wird nun der Lockdown einer ganzen Insel, die sehen kann, wo sie bleibt, bis der Europäischen Union eine Lösung eingefallen ist. Zuerst das Lager, dann die Insel, die zum Lager wird. Das Lager ist eben doch der Traum der Epidemiologen, die Isolierung der Aussätzigen liegt nicht hinter uns, sondern tritt an den Grenzen der reichen Länder zutage. Dieser Traum lässt sich in einer hochvernetzten Gesellschaft voller Individualisten nicht austräumen, und das, was man Demokratie nennt, mahnt auch zur Vorsicht gegenüber Menschen, von deren Stimmen man abhängt. So kommt es, der Demokratie sei Dank, zur gesundheitspolitischen Feinarbeit der letzten Monate, die in Deutschland sehr respektabel ausgefallen ist. Aber wehe, wenn es sich um Menschen ohne Stimme handelt!

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Aus einem Radiogespräch mit Katrin Göring-Eckardt: „Wie wollen Sie verhindern, dass aus dieser Brandstiftung ein – ich sag das jetzt mal inAnführungszeichen – Geschäftsmodell wird.“ Aha. Sonst wohl nicht. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist nicht, dass der von Berlin aus operierende Journalist, der aus der Distanz über die politischen Folgen des Mitleid besser Bescheid weiß als die Politikerin, deren Blick durch zu große Nähe getrübt ist, die falsche Meinung hat, möglicherweise. Das Problem ist, dass er gar keine Meinung hat; dass er eigentlich seine ganze Existenz „in Anführungszeichen“ setzt und die Rolle des zynischen Aufrührers spielt, der die Göring-Eckardt mal so richtig in Wallung bringen möchte. Sie war zum Zeitpunkt des Interviews gerade in Lesbos. Statt dankbar zu sein für diese Augenzeugenschaft und sie in der Hoffnung reden zu lassen, etwas an und in ihrer Rede möge die Durchschlagskraft der Bilder erreichen, über die das Radio nicht verfügt, kreiert er einen zweiten Konflikt, der den ersten substituiert und dessen Ohrenzeugen wir nun werden sollen: den zwischen einem politisch versierten Journalisten, der immer einen kühlen Kopf behält, und der durch die Realität verwirrten Politikerin – sie ist halt eine Grüne, die vor Betroffenheit das Denken verlernt hat. Noch einmal: ob der interviewende Journalist wirklich der Meinung ist, dass nun auch andere Lager in der erpresserischen Absicht angezündet werden, die europäischen Staaten zur Aufnahme von Flüchtlingen zu zwingen, die aufzunehmen sie sich, der von allen Staaten der Europäischen Union unterschriebenen Genfer Flüchtlingskonvention zum Trotz, seit Jahren weigert, weiß ich nicht. Es ist Rollenprosa. Ist sie der einen Meinung, bin ich der anderen. Es muss was passieren, sonst wird es langweilig.

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„Brandstiftung kann sich lohnen“ sagt eine Kommentatorin, und sie wirkt, anders als der interviewende Journalist, der seine Meinung in Anführungszeichen setzte, überzeugt von dem was sie sagt. Gemeinsam ist der echten und der gespielten Überzeugung die Sprache der Ökonomie. Wer das Lager anzündet, in dem die Lebensverhältnisse so unerträglich geworden sind, dass die Gefährdung nahestehender Menschen, Obdachlosigkeit, die Zerschlagung des Familienverbands weniger wiegen als der Verbleib im Lager, macht also ein Geschäft, einen Gewinn. – Ja, den höchsten: den des eigenen Lebens. Hätte man die humanitäre Verwahrlosung in Moria nicht bis zu diesem Punkt getrieben, und über diesen Punkt hinaus, indem nach dem Bekanntwerden der Corona-Fälle das Lager abgeriegelt wurde, hätte könnte derlei geschäftemacherisches Treiben wohl unterbleiben.

*

Im letzten Koalitionsvertrag wurde eine „Obergrenze“ für die Aufnahme von Flüchtlingen von jährlich „180.000 bis 220.000“ vereinbart. Sie ist 2018 knapp, seither nicht mehr erreicht worden. Es ist auch nicht die Rede von Menschen, die wirklich und auf Dauer aufgenommen würden, die vom BAMF herausgegebenen Zahlen meinen diejenigen, die es so weit gebracht haben, hier einen Asylantrag stellen zu können. Die Abschirmung Europas an seinen Außengrenzen klappt jetzt so gut, dass wir uns den moralischen Skandal, den das Wort „Obergrenze“ bedeutet, bisher erspart haben; das Problem wurde anderswo für uns erledigt. Wie wäre es also, wenn man jetzt, ohne viel Aufhebens davon zu machen, den Koalitionsvertrag erfüllen würde?

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Warum muss alles auf nationaler Ebene besprochen werden? Wenn Kommunen zu erkennen geben, dass sie Flüchtlinge aufnehmen können, fühlen sie sich dazu in der Lage. Sie würden sich schon melden, wenn es nicht mehr geht. Und dann wird man weitersehen. Dass sich Hilfsbereitschaft im nationalen und internationalen Maßstab als schlechtes Vorbild erweisen könnte, heißt doch nur, dass dieser Maßstab nicht stimmt.

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Die Frage: Was hätten Sie gemacht? Was hätte ich gemacht? unterbleibt systematisch, als sei Empathie ein schmutziges Geschäft. Deswegen erkläre ich hiermit, dass ich nicht weiß, was ich getan hätte, dass ich aber als ökonomisch unbegabter Mensch und elender Feigling überdies, trotzdem nicht ausschließen würde, Feuer an mein Lager gelegt zu haben.

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Meine Tochter erzählt, unter denen aus Moria Geflüchteten kursiere die Ansicht, Corona sei nur ein Fake, das die europäischen Regierungen sich ausgedacht hätten, um die Flüchtlinge endgültig zu kasernieren und sterben zu lassen. Ihr Kommentar: Die haben wenigstens einen Grund dafür, sich Verschwörungstheorien auszudenken. Bei uns dagegen wittere man böse Machenschaften und den Anschlag auf Grundrechte, wann man eine Maske tragen muss und Konzerte ausfallen.

Wolfram Ette

Corona 90: Mit dem Virus leben lernen

I

Das ist der Satz, den man jetzt, nach den Ferien, aus aller Munde hört. Ich finde, er ist falsch. Man muss endlich lernen, gegen den Virus zu leben – darin läge die Herausforderung. Denn mit dem Virus leben, das heißt doch eigentlich nur, dass man weitermachen soll wie bisher, resignativ. Dabei tut der Satz natürlich so, als bestehe die Aufgabe in Wahrheit darin, überhaupt erst einmal wahrzunehmen, dass wir mit einem Virus leben. Das heißt, der Satz impliziert eine Auseinandersetzung mit der Realität dieser Präsenz.

Doch in Wirklichkeit ist die Forderung, man möge sich mit ihr – nämlich der Realität – auseinandersetzen, nur Teil einer Politik, die die reichen Nationen quer über den Globus in die Ferien geschickt, die Existenz des Virus gerade nicht wahrgenommen und sich, zum Ausgleich gleichsam, nach Ablauf der Ferien eine erhabene Stellung auf dem Hügel des Wissens erobert hat, um den Massen zu predigen, die Ferien seien jetzt wirklich vorbei und man müsse von nun an mit dem Virus leben lernen. Dabei hatte die Politik ja selbst nichts gelernt, auch nichts lernen wollen. So ist erst die Situation entstanden, in der behauptet werden muss, man müsse mit dem Virus leben lernen. Und eigentlich heißt das: Man muss damit leben, dass man nichts lernen kann. Man darf nicht darüber nachdenken, was hätte getan werden müssen oder jetzt endlich getan werden muss, damit wir nicht dauernd Komplizen des Virus bleiben – ferienverliebte Komplizen vor allen Dingen –, sondern seine Gegner. Mir scheint, es gibt nicht genug Leute, die Corona-Gegner sind!

Aber das meine ich natürlich nicht im Sinne der Berliner Demonstrationen. Ich meine es vielmehr grundsätzlich, in dem Sinne, dass man lernen muss, so zu leben, dass man dem Virus Widerstand leisten kann. So aber ist schon klar, was kommen wird. Die französische Regierung überlegt, in den Schulen spezielle Horte einzurichten, damit infizierte Kinder ihre Eltern nicht daran hindern, zur Arbeit zu gehen. Nachdem während des Lockdowns erst alles an die Bewahrung der Gesundheit gesetzt wurde, steht jetzt ganz das Wirtschaftliche im Vordergrund. »Mit dem Virus leben lernen«, heißt, sich um den Virus nicht zu scheren, sich selbst ausschließlich als Produktivfaktor in die ökonomischen Prozesse einzubringen und die Lektion hinzunehmen, dass man in Bälde vielleicht noch nicht einmal sein Covid-krankes Kind Zuhause behalten darf.

Der Satz, den jetzt alle nachsprechen, ist also ein Satz, in dem sich politischer Zynismus in Reinform verdichtet. Und noch dazu ein Zynismus, der verrät, dass man jede Hoffnung auf kollektive Lernprozesse fahren lassen muss. Die Aufforderung, zu lernen, entspricht in Wirklichkeit dem Verbot, etwas zu lernen. Das Lerngebot ist ein Denkverbot. Es wird nicht nach hinten geschaut, in diese fatale Ferienzeit, aus der man jetzt vielleicht doch so einiges lernen könnte, und es wird auch nicht nach vorn geschaut, in die ebenso fatale Zukunft. Man blickt nur stumpf vor sich hin, in dieses Jetzt, in dem man etwas lernen soll, was niemand lernen wollen kann, obwohl alle wiederholen, es müsse jetzt gelernt werden, so, als wolle man es, weil die Regierung sagt, man müsse es. Und man lässt sich dumm machen, weil ja Hinweise auf die Lernbereitschaft immer als Zeichen von Intelligenz gelten und man also zu den Dummen gehören würde, wenn man plötzlich aufstünde und sagte, man wolle nicht lernen, mit dem Virus zu leben.

Und so erkläre ich hiermit öffentlich, dass ich weiterhin auf meinem Recht bestehe, dumm zu sein, die geforderte Lektion nicht zu lernen, obwohl ich zugleich durch alles Scheitern, das ich mir durch mein Nicht-Lernen-Wollen zugezogen habe, an die Grenze meiner Kraft gelangt bin und sehr wohl weiß, dass auch ich, wenn ich nicht krank werden will, wenigstens in Ansätzen werde lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

Anne Peiter

II

Man kann es fast tabellarisch schematisieren. Die Wendung ›mit dem Virus leben lernen‹ polarisiert sich nach denselben zwei Haltungen wie ihr Gegenteil, das von Anne Peiter ins Spiel gebrachte ›gegen den Virus leben lernen‹. Sie können, je nachdem, wer es sagt und die Maxime proklamiert, bedeuten, dass man versuchen will, diese uns bedrohende, nicht menschlichen Naturmacht anzuerkennen, sie in sein Leben eintreten zu lassen und zu begreifen, dass sie dieses Leben verändert; nicht nur für den unbestimmten Zeitraum X, bis wir das Virus besiegt haben werden; sondern grundsätzlich in der Einsicht, dass dies eine der vielen Krisen gewesen sein wird, die uns erwarten; Krisen, die die Menschheit als Ganze betreffen und, wie uns erst langsam, in von Krise zu Krise vielleicht steigender Bewusstheit, aufdämmert, nur in gemeinschaftlicher globaler Anstrengung, zu lösen sind; Anerkennung der Tatsache, dass wir uns dies nicht ausgesucht haben, dass es unser Leben aber bestimmen wird.

Oder es kann bedeuten, was Anne Peiter wieder und wieder beschreibt: das bloß rhetorische Zugeständnis, das Verleugnung und Abwehr verhüllt. Dann heißt ›mit dem Virus leben lernen‹ eben nichts anderes als dass wir all unsere Gewohnheiten beibehalten, dass wir lernen, mit ihm umzugehen wie mit schlechtem Wetter oder all den anderen Schicksalsgewalten, in die wir uns finden, ohne über sie nachzudenken; genauer: damit wir nicht über sie nachdenken müssen. Das Unvermeidliche lässt sich ertragen, wenn wir seine Unvermeidlichkeit betonen; oder genauer: weil wir sie betonen und bekräftigen (selbst wenn es mit ihr nicht so weit her ist): Hungersnöte, Verkehrsopfer, das Sterben alter Menschen, die vielleicht in ein paar Jahren ohnehin nicht mehr am Leben wären.

Aber ›gegen den / das Virus leben‹ kann genau dasselbe Zweierlei bedeuten: auf der einen Seite einen Lernprozess, der sich nicht in ein angeblich Unvermeidliches schickt, sondern Selbstveränderung annimmt, so schwer sie fällt; und eben genauso auch seine systematische Blockade, die das Wort ›gegen‹ zum Ausdruck bringt. ›Gegen‹ den Virus leben kann bedeuten, dass ich endlich die immer wieder verschobene Party nachhole, dass ich meine Maske abnehmen und Gesicht zeige oder eine Demonstration besuche, auf der sich der ›gegen‹ das Virus gerichtete Wille versammelt. Es kann bedeuten, dass ich das Virus als eine Art Gegner betrachte, der so ähnlich denkt wie ich und sich durch mein Verhalten einschüchtern lässt. Es kann bedeuten, dass ich mich mit aller Macht gegen die Erkenntnis sperre, dass ein Infektiongseschehen keine Handlung ist und nicht so, wie wir Menschen denken, auf Handlungen reagiert. Es ist nicht im geringsten eingeschüchtert. Wollte man weiter anthropomorphisieren, so könnte man sagen, es genießt diese Massierung eines gegen es gerichteten Willens und zieht seinen Nutzen daraus.

Was diese Formeln uns verraten, ist, dass es immer nur beides, und zwar in sehr unterschiedlichen Mischungsverhältnissen gibt. Man kann nicht nur gegen den oder das Virus leben lernen, und mit ihm auch nicht. Der Wirbel, der entsteht, wenn wir auf die Formulierungen starren, lehrt uns, dass wir vor allem lernen sollten, diese unterschiedlichen Mischungen so genau wie möglich zu beschreiben. Jede/r lebt mit dem und gegen den Virus, beides zugleich und keins von beidem rein. Die wirklichen Verhältnisse stecken im Zwischenraum von ›mit‹ und ›gegen‹; es müssten sich andere, weniger kurze Worte finden lassen, die von ihm erzählen.

Wolfram Ette

Corona 89: Gegen Informiertheit

Ich weiß ihren Namen nicht, doch ich weiß, sie ist Krankenschwester im Krankenhaus von Bellepierre und alleinerziehende Mutter einer entzückenden, kleinen Tochter, deren körperliche Gewandheit alle Vorstellungen übersteigt: eine Bäumekletterin, ein Kind der Lüfte, ein graziles Wesen, das keine Erdenschwere kennt. Und die Mutter, die arbeitet also, wie sie mir erzählt, in der Lungenabteilung – einer der Orte gefährlichster. Sie informiere sich nicht mehr, sie lese keine Zahlen, es sei nicht gut, sich damit auseinanderzusetzen. Sie habe alte Eltern, die seien schwer gefährdet, ihre Tochter brauche sie auch, es sei nicht gut, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen.

Hätte das jemand anderes gesagt, so hätte ich das inakzeptabel gefunden. Aber hier wird mir vorgeführt, was auch ich lernen muss: Es ist vollkommen unerheblich, was jeweils gerade passiert, wenn man nur einmal verstanden hat, dass es passiert. Diese Frau arbeitet da, wo die Covid-Patienten eintreffen können, sie weiß genau, was auf dem Spiel steht, sie muss sich bewahren. Es reicht, dass sie die Schutzmaßnahmen trifft, von deren Bedeutung sie weiß, es reicht, dass sie sich auf dieses Wissen beschränkt, denn alles weitere Wissen würde nur ihre Kraft schmälern, das allgemeine, von täglichen Zahlen ungetrübte Wissen für ihre Arbeit einzusetzen. Sie bewahrt sich, ihre Eltern, ihre Tochter indem sie sich nicht zu genau informiert. Sie verweigert die Informiertheit aus gutem Grunde und hat darum Chancen, durch ihre Arbeit nicht zu Grunde zu gehen.

So müsste man leben können.

Anne Peiter

Corona 88: Subkutane Einwanderung

»Corona is a piece of shit.« Das sagte mir im Urlaub ein, wie sich im Gespräch herausstellte, ziemlich rassistisch und nationalistisch eingestellter Prager. Seitdem denke ich über die Wahlverwandtschaft von rechter Gesinnung und Corona-Leugner nach, die mir zumindest in einer Richtung frappant erscheint: Die Mehrzahl der Rassisten und Nationalisten scheint Corona für »a piece of shit« zu halten – sei es das Virus selbst oder die Gefahren, die von ihm ausgehen. Das ist mehr als bloße Ideologie oder das strategische Kalkül eines willkommenen Anlasses, um gegen Regierung und Staat zu Felde zu ziehen. Es geht nicht nur ums Finden neuer Bündnisgenossen. Das zeigt sich nicht zuletzt an denen, die schon an der Macht sind: Johnson, Bolsonaro, Trump – sie woll(t)en durch Ignoranz zum Verschwinden bringen, was nicht sein darf: unkontrollierbare Grenzüberschreitung, subkutane Einwanderung, das Fremde in mir. Corona, das unsichtbare, sichtbare Zeichen der Globalisierung, überwindet spielend die Grenzen, die eben erst wieder leidlich gesichert schienen. Wenn Trump notorisch vom »chinese virus« sprach, versuchte er zumindest rhetorisch die Grenze zu sichern, die das Virus längst als nicht existent erscheinen ließ.

Unter diesem Offensichtlichen steckt aber noch eine tiefere Schicht. Klaus Theweleit hat in seinen Männerphantasien gezeigt, dass der Faschismus wesentlich ein Körperverhältnis ist. Das schwache Ich panzert sich durch Uniform und gestählten Körper, durch Massenorganisationen und Parteidisziplin. Es ersetzt den inneren Halt, der ihm fehlt, durch ein Exoskelett. Alles, was chaotisch fließt, schwappt und schwabbert, brodelt und sprudelt, eindringt, sich einschleicht, sich vermischt, unterwandert, wird zur ultimativen Quelle der Angst. Es bedroht das nur durch den Panzer stabilisierte Ich mit Verunreinigung, Verschmelzung und Auflösung. Körpersäfte, Schmutz, Matsch usw. erscheinen in der von Theweleit analysierten faschistischen Prosa als mit aller Aggression zu bekämpfende Trigger dieser Ängste.

»Corona is a piece of shit« – ist es Zufall, dass mein tschechischer Gesprächspartner das Virus zur Fäkalie macht? Den »Strom« der Flüchtlinge, der 2015 die nationalen Grenzen aufzulösen drohte, konnte man nicht verleugnen, aber man konnte gegen ihn die Grenzen verstärken, aufrüsten, Zäune und Mauern bauen. Gegen das subkutan einwandernde Virus helfen keine Grenzzäune, aber man kann es verleugnen, es kleinmachen, für nichtig erklären, und so – getreu dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf – gegen das, was jeden Panzer durchdringt, die Unbezwingbarkeit der Panzerung behaupten. Nicht zufällig hat Bolsonaro, selbst am »Grippchen« erkrankt, immer wieder auf seine athletische Konstitution und seine soldatische Vergangenheit verwiesen. Es gibt kein Virus, überdies ist es nur ein Grippchen, mein Panzer hält stand – fast prototypisch lassen sich hier die Festungswälle wider den ungreifbaren Eindringling ablesen.

Jan Friedrich

Corona 87: Nachlese zu Berlin

»Sturm«, »Reichstag«

Ein langes Gespräch mit einem Freund hat mir geholfen, in dem etwas weiterzukommen, dessen komplette Absenz ich als quälende Begleiterscheinung der Bilder vom Wochenende empfinde. Vielleicht wäre es strategisch klug, all das nicht so zu pushen, es nicht zu verschweigen, wie ein autoritäres Regime das zweifellos täte, aber trotzdem erst einmal zu warten, bis die Gemüter sich ein wenig beruhigt haben. Das aber geht in einer Gesellschaftsordnung nicht, in der Aufmerksamkeit eine Kapitalie ist und kein Mittel verschmäht werden darf, an sie heranzukommen. Es geht auch nicht in einer politischen Situation, in der man sich diskreditiert, ob nun Kanzlerkandidat oder nicht, wenn man sich dazu nicht äußert. Und so kommt es eben zu diesen abscheulichen Phrasen von Frank Walter Steinmeier über Claudia Roth bis zu Olaf Scholz. Jeder will der Erste oder die Erste sein. Jeder sagt dasselbe wie die anderen: Wie »unsäglich«, »widerwärtig«, »niederschmetternd«, »abstoßend«, »beschämend«, diese Bilder vor dem Reichstag gewesen sind! Mehr Analyse und weniger Moral, bitteschön! Wenn man sich schon äußern muss – und ich sehe ja ein, dass man sich irgendwie äußern muss und diese Sache nicht totschweigen kann –, dann sollte man die Bilder analysieren, deren Erzeugung ein Ziel, vielleicht sogar ein Hauptziel der daran beteiligten faschistischen Gruppierungen gewesen ist. Die Moralphrasen aber, mit denen die Politikerinnen und Politiker sich in den letzten zwei Tagen überboten haben, in denen nicht zählt, was jemand meint, sondern was die anderen denken, dass sie oder er meint, sind lächerlich, weil sie nicht zufassen, sondern abwehren. Man packt den Gegner nicht am Kragen, um ihm den Garaus zu machen, sondern begnügt sich mit defensiven Deklarationen seiner Minderwertigkeit. Das wissen die Rechten und das spüren viele Menschen; letztlich spielt das der ganzen Sache in die Hände.

Mein Eindruck am Sonntag war, dass eine »chaotisch flutende Menge«, die sich in einer Art dionysischen Erregungszustand befunden habe, das Aktionszentrum derjenigen bildete, die sich auf den Stufen des Bun­destagsgebäudes vordrängen. Mittlerweile, nachdem ich mir mehr Material angesehen habe, vor allem aber nach dem gestrigen Gespräch, bin ich nicht mehr sicher. Natürlich wissen die Faschisten, dass man mit einem solchen Haufen praktisch nicht an die Macht kommt. Aber sie sind strategisch genug, um zu erkennen, dass es einen notwendigen Schritt auf diesem Weg darstellen kann. Wir besprachen es ausführlich und ich ließ mich davon überzeugen, dass die ganze Sache mit hoher Wahrscheinlichkeit geplant gewesen ist. Es sind zu viele Reichsfahnen auf den Bildern zu sehen, als dass es sich um einen Zufall handeln könnte. Dass es nur ein paar hundert Leute sind, die sich vor dem Reichstag versammelt haben und das von diesem paar Hundert allenfalls Dreißig den Durchbruch aktiv versuchten, macht nichts. Dieses Mal kommt es nicht auf Zahlen an, und schon gar nicht auf Mehrheiten. Was zählt, sind die Bilder, die wehenden Fahnen des Reichs vor dem Gebäude, das diesen Namen fatalerweise noch immer trägt, für die einen vielleicht als Erbe, dem gegenüber man sich zu verantworten habe, für die anderen aber jedenfalls als eine Verheißung, die es nun und in den folgenden Jahren endlich einzulösen gilt. Ich kann es nur wiederholen: die Unbefangenheit, mit der in den letzten Tagen und gerade in den letzten Tagen von Journalisten, Politikern und anderen wohlmeinenden Stellen vom Reichstagsgebäude die Rede ist, ist mir hochgradig unheimlich. Es signalisiert eine historische Kontinuität im Unbewußten, die die Sache der Rechten vorantreibt, weil es sich von den im Wind flatternden Reichsfahnen nicht allzu sehr unterscheidet.

Denn was bedeuten sie? Auch dieser Punkt wurde mir gestern Abend mit großer Deutlichkeit klargemacht. Sie bedeuten: Dies ist die Tradition, in der wir Deutschland sehen; daran muss man anknüpfen; nicht nur das Dritte Reich, sondern das ganze 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen ist eigentlich nur – wie war das noch? – ein Vogelschiss. Und dies ist wirklich zum Fürchten: Die Kategorie der Reichsbürger, die zuvor eine obskure Sekte gewesen ist, von deren Existenz und poli­ti­schen Forderungen viele Menschen nur wenig gewusst haben, hat nun eine politische und mediale Bühne, wie sie größer nicht sein könnte. Es ist im Ernst davon die Rede, das noch ein Friedensvertrag mit Deutschland ausgehandelt werden müsse, weil es sowas 1945 nicht gegeben habe. Und wenn es stimmt, dass das Gerücht, Donald Trump sei im Anflug, um mit Putin über die Bedingungen zu einem solchen Friedensvertrag zu reden, die Demonstrierenden dazu veranlasst habe, auf das Bundestagsgebäude loszugehen, so passt das zu einer hysterisch überreizten Stimmung, in der sich ein bislang eher skurriles Konventikel eine Bühne verschafft und Dinge zum Bild und teilweise auch zum Wort werden, die man zuvor schlicht als lächerlich empfunden hatte. Wenn einem dabei das Lachen vergeht, dann ist es wirklich ernst.

Mit Rhetorik und Moral kann man dagegen nichts ausrichten. Was ein Stückweit helfen könnte, ist Aufklärung: Aufklärung, über die Bilder, Aufklärung über die Phrasen allerorten. Was bedeutet die Reichsflagge? Was wollen die Reichsbürger? Was für Leute sind auf diesen Bildern und in diesen Videosequenzen zu sehen? Wie lässt sich die Stimmung beschreiben, und das heißt vor allem: differenzieren? Was ist daran politisch, was ist daran, wie ich schrieb, nicht viel mehr als die infantile Freude über eine Grenzübertretung? Inwieweit lässt das eine sich für das andere instrumentalisieren? Und was kann man dagegen tun? So ging ein Vorschlag meines Freundes dahin, man könne die Bilder durch Gegenbilder kontern, beispielsweise aus der Luft, die distanzierend wirken, und zeigen, wie groß der krakeelende Haufen wirklich war. Oder Bilder, die die Auflösung zeigen, die Aufnahme der Personalien; die ganze Nüchternheit der nun wieder einsetzenden Strafverfolgungsbürokratie. Denn Bilder werden gemacht; darüber ist nichts zu entscheiden, es ist eine Tatsache. Es wäre Zeit, dass dieser Tatsache in den politischen Auseinandersetzungen Rechnungen getragen wird. Der Kampf der Bilder wird nicht – nicht nur oder gar nicht – durch Worte entscheiden.

Dennoch auch die Philologie hat hier eine Aufgabe? Wie geht man mit der Wendung »Sturm auf den Reichstag« analysierend um? Denn so, wie es sich bei dem Gebäude eben nicht um den Reichstag handelte, sondern allenfalls um das Bauwerk, in dem in alter, nicht unbedingt rühmlicher Zeit der Reichstag saß, kann im Ernst, ob nun geplant oder spontan, von einem Sturm nicht die Rede sein. Es sind drängelnde, herumkrakeelende Menschen, die es nicht mal schafften, sich über die drei Polizisten hinwegzusetzen, auf die sich in sagenhafter Fahrlässigkeit das Wachpersonal in diesem Moment reduzierte. Hundert gegen drei; es geschieht nichts: das ist in gewisser Weise albern. Auch dies muss mal gesagt werden. Die ganze Szene erschließt sich allein einer doppelten Optik. Sie ist strategisch und spontan, alarmierend und lächerlich. Nur eines ist sie, für sich betrachtet nicht: ein Sturm auf den Reichstag.

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Sich abgrenzen

»Wer auf den Straßen den Schulterschluss mit Rechtsextremisten sucht, aber auch wer gleichgültig neben Neonazis, Fremdenfeinden und Antisemiten herläuft, wer sich nicht eindeutig und aktiv abgrenzt, macht sich mit ihnen gemein.« (Frank Walter Steinmeier: Bundespräsident).

Alles gut, aber was würde es denn konkret bedeuten, sich von Rechtsradikalen ›eindeutig und aktiv abzugrenzen‹, mit denen ich mich mit einem Mal auf derselben Demonstration befinde? Ich möchte es bloß mal wissen! Soll ich mich von ihnen entfernen? Ja, aber wie weit? Zehn Meter dürften nicht ausreichen. Zehn Kilometer vielleicht, aber dann hätte ich gar nicht hinzugehen brauchen. Soll ich eine eigene Demonstration aufmachen? Das haben die Veranstalter versucht, das Ergebnis war erbärmlich. Oder soll ich gleich nach Hause gehen? Aber ich bin ja hier, um für meine Überzeugung zu demonstrieren, und ich bin daran interessiert, dass so viele Menschen wie möglich auf dieser Demonstration anwesend sind. Da möchte ich nicht weggehen. Und überhaupt: Wenn es gar keine überzeugende Form der Abgrenzung gibt, und diejenigen, gegen die ich hier demonstriere, sowieso der Überzeugung sind, dass es nicht möglich ist, sich von Nazis zu distanzieren, wenn man sich in gleich welcher Nähe, also überhaupt in einer Beziehung zu ihnen befindet, dann ist eh nichts mehr zu retten und alles wurscht. Soll ich mit den Nazis diskutieren? Mich mit ihnen prügeln? Eine Straßenschlacht anfangen? Vor dem zweiten habe ich Angst, vor dem ersten auch ein bisschen. Und es nützt wohl auch nicht viel, weil man sich mit denen, mit denen man diskutiert, anstatt sich von ihnen abzugrenzen, ja ›gemein macht‹. Es ist vielleicht nicht genau das, was der Bundespräsident meint, aber das Hate-Speech in den sozialen Medien läuft darauf hinaus, und er sagt zumindest nicht das Gegenteil. Nein, ich sympathisiere nicht mit den Zielen dieser Demonstration. Nicht mit denen der Coronaleugner, -verweigerer oder -rebellen; und schon gar nicht mit den Zielen der Faschisten, die sie benutzen. Aber man möge mir bitte erklären, auf welche Weise ich mich ganz praktisch von dem faschistischen Parasiten befreien kann, der sich an ›meine‹ Demonstration geheftet hat. Und einmal davon abgesehen, ist das Demonstrieren eine schöne Sache. Ich lebe auf, ich bekomme endlich mal wieder einen Zipfel des Lebens zu fassen, das mir untersagt wurde. Verdammt! Was für ein Durcheinander!

Aber auch andersherum wird ein Schuh daraus. Wenn der Initiator der »Querdenken«-Demonstration im Deutschlandfunk-Interview feststellt, dass es gar nicht nötig gewesen sei, sich zu distanzieren, weil es sich ja bei den Vorfällen vor dem Bundestag und der russischen Botschaft um ganz andere Veranstaltungen gehandelt hätte, die, wenn man’s zu Ende denkt, nur zufällig am selben Tag und in räumlicher Nähe zu ›seiner‹ Demo stattgefunden hätten, so spricht daraus ein ähnlicher Gestus aggressiver Realitätsverweigerung wie beim Bundespräsidenten; derselbe Unwille, sich auf die Realien der Situation einzustellen und Lösungen zu finden, die ihr entsprechen. Stattdessen setzt man sich proklamatorisch über die Wirklichkeit hinweg und schreiben vor, wie sie gewesen zu sein habe.

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Kaltes Lächeln, Mindestabstand, Grenzlinie

Holger Stark schreibt in »ZEIT-Online« zu den Demonstrationen am Wochenende in Berlin: »Den politischen Mindestabstand zu Reichsbürgern und Nazi-Schlägern haben sie allesamt kalt lächelnd unterschritten.«

Ich hätte gerne auch nur ein einziges Bild gesehen, auf das sich die Wahrnehmung des Journalisten, die Demonstrierenden hätten sich »kalt lächelnd« den Rechten angenähert, stützen könnte. Die waren alles mögliche: naiv, fröhlich, berauscht, wütend. Und es mag ja wirkliche ideologische Gemeinsamkeiten zwischen bürgerlichen Impfgegnern und gewaltbereiten Faschisten geben. Aber »kalt lächelnd«? Mit ›knallhartem Killer-Kalkül‹ (Pigor)? Und ich wüsste ja so gerne, wie groß der »Mindestabstand« zu Nazis ist und, was ein »politischer« Mindestabstand in diesem Fall genau bedeutet. All das ist konfus und wuchert metaphorisch so vor sich hin. Es entspringt keiner Auseinandersetzung mit der Realität. Es ist journalistische écriture automatique, deren absolutes Subjekt die Phrase ist.

Etwas später heißt es in denselben Artikel: »Auf der anderen Seite stehen jene, die Schulter an Schulter mit Reichsbürgern und Rechtsextremisten laufen, die antisemitische Verschwörungsmythen verbreiten und keine Probleme mit der Symbolik der Flagge des Deutschen Reichs haben. Sie haben nur eines verdient: dass man zu ihnen eine unübersehbare Grenzlinie zieht, die niemand übertritt.« In welche Richtung?

Wolfram Ette

Corona 86: Fünfzig ist nicht Fünfzig

Fünfzig Ansteckungen auf 100.000 Einwohner – das ist die Grenze, die international festgesetzt wurde, um zu definieren, welches Department als »orange« gilt und welches als »rot«. Man geht von einer Einheitlichkeit aus: Ein Department ist ein Department.

Doch Frankreich hat eine lange, koloniale Vergangenheit, und die bewirkt, dass ein Überseedepartment wie La Réunion, anders etwa als das Department Bouche-du-Rhône, nicht vor den gleichen Problemen steht, wenn die Grenze hin zum Roten überschritten wird. Denn viele Überseedepartments sind Inseln und haben keine Nachbarn. Oder wenn sie Nachbarn haben, dann sind es oft Nachbarn, die im Falle von Schwierigkeiten ihrerseits in Schwierigkeiten sind und keine »Nachbarschaftshilfe« gewähren können.

Evakuierungen weg von La Réunion sind nicht möglich. Nahezu 10.000 Kilometer bis zur Metropole wären zu überwinden. Welcher Kranke hält das aus? Wer ist bereit, die Kosten für eine so aufwendige Aktion zu bezahlen?

Die Zahl Fünfzig ist also eine höchst problematische Zahl, denn sie oktroyiert den Inseln Standards auf, die im Gesundheitssystem nicht eingehalten werden. Man geht also davon aus, Fünfzig sei Fünfzig, Ansteckung Ansteckung, obwohl Gesundheitssystem nicht Gesundheitssystem ist.

Gerade scheinen wir bei 39 Ansteckungen auf 100.000 Einwohner zu sein. Die Zahl wird nicht groß verlautbart, denn sie ist innerhalb kürzester Zeit erreicht worden, und das ist politisch nicht eben rühmlich. Die Gesundheitsbehörde feiert lieber den Umstand, dass es in anderen Departments – etwa Paris – sehr viel schlimmer aussieht als bei uns. In der Tat: Paris ist inzwischen rot, und international werden vermehrt Reisewarnungen für die Hauptstadt ausgesprochen.

Andererseits ist Paris Paris, ob nun rot oder nicht. Es ist nicht Übersee, es bemisst seine Kapazitäten auf 100.000 nicht nach der räumlichen Distanz, die die Stadt Paris von La Réunion trennt, sondern geht selbstverständlich davon aus, dass allein das Übersee-Department La Réunion seine räumliche Distanz an Paris ausrichte: 9.000 km, aufgerundet 10.000! Es ist dieser Blickwechsel – von Paris nach La Réunion und nicht von La Réunion nach Paris –, der nicht vollzogen wird. Die Regierung sitzt in Paris. Sie hat schon Erfahrung damit, dass Kranke zwischen den Festland-Departments hin- und hergeschoben werden. Aber sie macht sich nicht klar, was die Zahl Fünfzig für La Réunion bedeutet.

Wir Inselbewohner haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Kranken von Mayotte erst unbehandelt starben und dann, als man merkte, dass es in irgendwie noch erreichbarer Distanz die Insel La Réunion gab, in die Krankenhäuser von La Réunion gebracht wurden. Evakuierung, nennt man das. Die Krankenhäuser von La Réunion versorgen also nicht allein La Réunion, sondern auch Mayotte. Und die Situation auf Mayotte war eine der dramatischsten von ganz Frankreich.

Es ist also so, dass La Réunion nicht nur nicht evakuieren kann, wenn es selbst in Schwierigkeiten gerät, sondern dass es überdies Evakuierungen von Mayotte mit zu verkraften hat, wenn die Situation dort erneut außer Kontrolle gerät. Anders gesagt: Die vollkommen unzureichende Gesundheitsversorgung auf Mayotte wäre einzubeziehen in die Zahl der Ansteckungen, die auf La Réunion pro 100.000 Einwohner zu verzeichnen ist. Mayotte ist La Réunion.

Wir liegen bei 39 Ansteckungen pro 100.000 Einwohner. Es ist selbst für den Laien abzusehen, dass innerhalb kürzester Zeit die Zahl Fünfzig erreicht sein wird. Aber unsere Fünfzig wird keineswegs die Fünfzig von Paris sein und auch nicht die Fünfzig vom Department Bouche-du-Rhône. Sie wird viel dramatischer sein. Sie wird Mayotte mit betreffen. Sie wird eine Réunionäser Fünfzig sein, und keine Pariser.

Und was erschwerend hinzukommt, ist, dass zwar die gesamte Grande Nation dem Schulstart am 1. September entgegenblickt, dass aber wir, weil eben kolonial, viel früher begonnen haben und so als Test für das Festland dienen. Alles, was hier gerade falsch gemacht wird, wird an Erfahrung dem Festland zugute kommen. Uns aber kommt umgekehrt nichts zugute. Die Regierung war noch in den Ferien, als hier die Ferien längst vorbei waren. Die Regierung kommt in Gang zu einem Zeitpunkt, als bei uns die Epidemie schon sehr ernste Formen angenommen hat und alle sich fragen, was wohl mit den Schulen werde. Die Regierung freut sich, dass es dennoch in Übersee-Departments wie La Réunion noch nicht ganz so schlimm ist wie in Paris. Doch sie vergisst, dass Fünfzig nicht Fünfzig bedeutet, dass wir, die Insulaner, die Fünfzig bald erreicht haben werden, dass zu unserer Fünfzig immer noch die Zahlen von Mayotte hinzukommen und viele Menschen hier mit dem Gefühl leben, als Testpersonen für das Festland gedient zu haben.

So entstehen Verschwörungstheorien: Der Regierung werden wilde, egoistische Interessen zugeschrieben. Man will den Impfstoff an die Leute bringen! Man will uns ausrotten! Zum ersten Mal kann ich die Wut ihrer Vertreter verstehen. Erstmals sage ich mir: Die Verschwörungstheorien könne so etwas wie eine Grundlage haben. Die Grundlage ist der Umgang mit der Fünfzig. Die Grundlage ist die unaufgearbeitete koloniale Vergangenheit des Landes.

Fünfzig ist nicht Fünfzig.

Anne Peiter

Corona 85: Wie es gestern zuging

Bemerkungen zu den Berliner Demonstrationen

»Ich rede nicht mit Reichsbürgern!« Geschenkt. Aber nicht jeder, der sich in der Nähe eines Reichsbürgers aufhält, ist auch ein Reichsbürger. Man könnte zumindest versuchen, es herauszubekommen. Aber es scheint ein Bedürfnis danach zu geben, alle, die sich in der Nähe von Reichsbürgern aufhalten, zu Reichsbürgern zu machen. Es gibt die Sehnsucht nach einem großen, kompakten Gegner, von dem im selben oder im nächsten Atemzug freilich behauptet werden muss, dass er denn doch nur eine winzige Minderheit darstellt. Man möchte Held sein und gleichzeitig die stärkeren Bataillone auf seiner Seite wissen.

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Was »wir« auf Facebook und Twitter aufführen, resultiert aus der Angst vor Berührung. »Mit diesen Idioten lohnt es sich nicht zu reden!« Wie schwach muss das eigene Ich sein, wenn es sich der elementaren Fremderfahrung, mit jemandem zu reden, der anderer Meinung ist als ich, nicht aussetzen möchte! Wie groß die Angst vor Kontamination! Es ist eine ganz archaische Denkweise, die gut zur Regression des Politischen auf das Schema von Freund und Feind passt. Eine Art Magie: Der böse Geist, von dem xy besessen ist, springt auf mich über, wenn ich sie / ihn ansehe oder berühren. Unser Verhalten ist in den letzten Jahren auf diese archaischen Grundlagen regrediert. Was uns bewegt und unser Verhalten steuert, ist die Angst vor dem Unreinen, der Vermischung, der fehlenden Grenze.

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Leute, die sich als links verstehen und nach der geballten Staatsmacht mit Schlagstöcken und Wasserwerfern rufen, sind ein merkwürdiges Phänomen. »Polizei – SA – SS« hieß es mal. Die sollen uns jetzt beschützen.

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Es bräuchte strategische Intelligenz, die kühle Überlegung, dass weder alle Teilnehmenden an den Berliner Demonstrationen rechtsradikal sind, noch, dass sie auf die Schnelle durch die Demonstration zu Rechtsradikalen wurden. »Teile und herrsche« lautet die Strategie wie eh und je. Wie kann man diesen losen Verbund, in dem die einen diejenigen dulden, die sie als Mittel ihrer erträumten Machtergreifung benutzen, aufsprengen? Wie kann man die Faschisten auf das aushaltbare Mindestmaß zurückisolieren, in dem sie die Geschichte der beiden deutschen Staaten ziemlich konstant begleiten?

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Angesichts der vielen Flaggen, die auf die Zeit vor 33, ja vor dem ersten Weltkrieg verweisen, fragt man sich schon, ob der Wiederaufbau des Berliner Schlosses so eine gute Idee war.

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Georg Seeßlen hat nicht ganz unrecht, auch wenn sein autoritärer Duktus mich mittlerweile nervt. Die Demonstrationen demonstrieren die Bündnisfähigkeit von Faschismus und hedonistischem Kapitalismus. Ich gehe nicht soweit zu sagen, dass es dasselbe sei. Aber sie schließen einander nicht aus.

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Alles ist für alles benutzbar, alles kann alles bedeuten. Selbstverständlich kann man die Freiheit in ihrem Namen abschaffen. Eine Fahne, wie bunt sie auch sei, kann für jeden Scheißdreck dienen, was zu der Frage führt, ob das Fahnenschwenken als solches das Problem sei. Und wenn das Hochhalten des Grundgesetzes es möglich macht, der Macht näher zu kommen, dann ist das überhaupt kein Problem.

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Canettis zwei große Worte reichen aus, um das Ziel dieser Demonstrationen zu beschreiben: Masse und Macht. Den Unterschied macht, wie sie in jeder/m Einzelnen gewichtet sind. Viele begnügen sich mit der Masse, mit der Erfahrung von Glück – und auch Macht – , die sie ermöglicht. Andere dagegen wollen an die Macht. Für sie ist die Masse kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Macht.

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Es ist immer zu von der Erstürmung des Reichstags die Rede, nicht von der des Bundestags. Wie verhalten sich diese beiden Begriffe eigentlich zueinander? Der Reichstag, so könnte man sagen, ist das Gebäude, der Bundestag die darin ansässige Institution. Die materielle Substanz ist also der Reichstag. Der Bundestag dagegen ist eine Art Mieter, dem gekündigt werden kann, wenn der Mietvertrag ausgelaufen ist. Die vom eigenen Machtgefühl Berauschten, die gestern versuchten, in den Reichstag zu gelangen und unter denen, soweit ich weiß, nur ein ausgewiesener Faschist gesichtet wurde, waren offenbar dieser Meinung. Der historische Bezugspunkt des Gebäudes ist das Reich, nicht die Bundesrepublik Deutschland. Ob die eigentümliche Doppelbenennung nun Absicht, Zufall oder das Ergebnis des Berliner Sprachgebrauchs war, die Preußen mangels Alternative hochhalten: Sie entspricht dem, was die Reichsbürger schon immer dachten. Ist es verwunderlich, dass sie den Reichstag stürmen lassen, um sich seines Interimsbewohners zu entledigen, der es auch im Sprachgebrauch nicht besonders weit gebracht hat? Sie fühlen sich dazu berufen, den Reichstag wieder zu dem zu machen, was sein Name besagt.

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Aber ja – nein: von einem »Sturm« auf den Reichstag konnte ja keine Rede sein, und die Neonazis scheinen dabei keine so große Rolle gespielt zu haben. Auf den Videos, die ich kenne, ist eine chaotisch flutende Menschenmenge zu sehen, berauscht von der Illusion der Macht, die sie für einen Moment in den Händen zu halten glaubte, berauscht von sich selbst – davon, dass sie so weit vorgedrungen und sich das getraut hatten und dass die Bilder ihres Heldenmuts gleich um die ganze Welt gehen würden. »Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn!« heißt es immerfort auf dem einen Video. Mir erscheint das nicht besonders politisch. Revolutionäre sehen anders aus, irgendwie nüchterner. Die Freude besteht in der öffentlichen Übertretung von Verboten wie den Abstandsregelungen und der Aufforderung, eine Maske zu tragen. Der Jubel bricht beim Durchbrechen und Überspringen von Grenzen wie den Absperrgittern aus, die den Eingang zum Reichstag absperren. Dass keine harten Faschisten bei dem Unternehmen zu sehen waren, ist deswegen wohl kein Zufall und nicht verwunderlich. Sie mögen wissen, dass man die Masse zum Sturm auf den Reichstag anstiften kann, und dass das ein schönes Zeichen setzt, dass man aber so gewiss nicht an die Macht kommt.

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In den sozialen Medien kursiert, meist nicht gegendert, der Begriff des Mitläufers. Und es stimmt ja wortwörtlich: wer zusammen mit anderen Menschen läuft, ist ein Mitläufer. Aber es ist doch ein sehr deutsches Wort und entfaltet seine ganze Wucht erst, wenn diejenigen, mit denen man mitläuft, eine faschistische Überzeugung demonstrieren. So schwingt das ganze Unheil der Situation nach 1945 mit, in der der Begriff von den Entnazifizierungsbehörden geschaffen wurde, um die nicht justiziable Schuld eines großen Teils der deutschen Bevölkerung zu bezeichnen. In den Westzonen endeten, Wikipedia zufolge, 54% der Entnazifizierungsprozesse mit diesem Urteil. Das schwelt, bricht auf und die Zeiten beginnen sich sachte zu überlagern. Wo und wann leben wir wirklich? Wollen diejenigen, die die anderen als Mitläufer bezeichnet, damit bedeuten, sie wären damals nicht mitgelaufen? Die Glücklichen!

*

»Ich bin Presse!« schreit der Urheber des Videos wieder und wieder, so wie er vorher »Wahnsinn! Wahnsinn!« schrie. Wie denkwürdig ist die Formulierung, mit der er seiner welthistorischen Rolle gerecht wird: Ich bin Presse! Er sagt nur ein einziges Mal: »Ich bin Journalist«, ich gehöre zu einem zwar schlecht beleumundeten, aber privilegierten Berufsstand, dem Unantastbarkeit garantiert ist. Er sagte damit immerhin: Ich bin ein Mensch. Aber immer und immer wieder: Ich bin Presse! Der Satz: »Ich gehöre zur Presse« fällt nicht. Er machte eine Differenz zwischen Person und Institution, in der die Verantwortlichkeit einer beruflichen Entscheidung Platz haben könnte. Erst wenn ich gegen etwas sein und es kritisieren kann, kann ich auch in einer Weise dafür sein, die mehr wäre als blinde Loyalität. Identifikation, die etwas anderes ist als Unterwerfung oder Anmaßung, geht aus der Spannung von Allgemeinem und Einzelnen hervor, die wieder und wieder weggearbeitet werden muss. »Ich bin Presse«, das sich angesichts der welthistorischen Dramatik der Situation auch noch den Artikel spart, vernichtet psychologisch und sprachlich diese Dialektik. Ich denke an Bushidos »Wir sind die Organisation« (›Panamera Flow‹) – das neue Subjekt, das nicht mehr durch Teilhabe, sondern durch bruchlose Identität bestimmt ist. Der Mann ist Presse, er ist die Institution, die er vielleicht sonst verachtet. Egal. Als ihr Aug‘ und Ohr macht er das Video des Tages. »Presse« ist’s, die sich näher als alle anderen an die Polizisten herandrängen darf, die den Eingang des Reichstagsgebäudes verteidigen; mit der Begründung aller Kriegsberichterstatter seit je: »Ich möchte die Perspektive«.

*

In einer kurzen Sequenz des Videos steht ein Mann mit Glatze und wallendem Vollbart vor den Polizisten. Man kann ihn gut sehen, denn zum Glück ist der Mann, der Presse ist, kraft der Unberührbarbarkeit dieser Institution, noch näher dran. Er weint fast. »Für die Freiheit unserer Kinder« schluchzt er die Polizisten an. Ein paar Minuten später ist er, wenn auch nur undeutlich (der Mann, der Presse ist, macht seine Arbeit nicht gut, aber auch die Presse ist halt nur ein Mensch und die Situation ist, wie gesagt, dramatisch), zu sehen, wie er eine Reichsfahne entfaltet und damit auf die Polizisten zugeht. Dann ist er zu Boden gegangen, aber es wirkt so, als hätte er sich, ebenso wie sein Nebenmann, zu Boden geworfen. Beides Szenen für: Presse, die in artikelloser Majestät Kamera geworden ist und die Wirklichkeit abbildet, die sie selber hervorbringt.

Wolfram Ette

Corona 84: Wo die Metaphysik beginnt

„Nichts ist ohne Grund“ heißt es bei Leibniz, Wirkungen ohne Ursache gibt es nicht. Was aber, wenn die Ursache ‚untersichtig‘ ist, wie im Falle einer Epidemie – oder vielleicht auch ‚übersichtig‘, wie im Fall des Klimawandels? Unsere Wahrnehmungsorgane sind an das zu große und an das zu kleine nicht angepasst. Aristoteles forderte von der Tragödie, sie solle so groß sein, dass sie mit einem Blick gut zu überschauen sei. Wenn dass so ist, können wir sie verstehen, und darauf kommt es ja an. Die antike Atomistik – also die Lehre des Demokrit und des Epikur – ist, weil sie die Ursache der erscheinenden Dingen in ein unwahrnehmbares, qualitätsloses Kleines setzt – etwas, das abgesehen von der Schwere, noch viel weniger Eigenschaften hat als etwa ein Virus –, keine Physik, sondern eine Metaphysik von enormer Abstraktionsgewalt. Aber die Vermittlung zwischen Ursprung und sinnlicher Erscheinung bleibt selbst abstrakt; Epikur, so schreibt Hegel, „treibt sich“, was das betrifft, „in Unbestimmheiten herum“. Genau da beginnt die Metaphysik samt all ihrer Zerfallsprodukte. Auf reine Wirkungen verwiesen, lässt sich über die Ursachen trefflich spekulieren. So können wir das, was wir nicht sehen, hören oder riechen können, dann auch anderen in die Schuhe schieben, eben jenen, die voller böser Pläne sind und sich gegen die Welt, und das heißt gegen uns verschworen haben. Verschwörungstheorien sind das Aas der materialistischen Metaphysik. Die Masterminds, auf die die Verschwörungstheoretiker verweisen, sind weniger die Nachfahren der Götter als die Phantasmagorien, die sich aus den Schwärmen der rastlos sich bewegenden, aneinander stoßenden und ihren Wirt verändernden Viren zu wüsten Anthropomorphismen zusammengeschlossen haben, die wir sehen können. Zum Glück. Denn auch, wenn Wissenschaft und Medien sich viel Mühe gegeben haben, uns ein Bild des Virus zu geben und das Unsinnliche zu versinnlichen – die stachlig-aggressive Variante der ruhelosen Atome ist von ihnen nicht weit entfernt.

Wolfram Ette

Corona 83: Aus Geschichte lernen

Gerade zerreißt es uns. Gestern sollte der Schulminister (der für die Entwicklungen hier wenig Interesse zeigt und ganz auf den Schulbeginn in der Metropole am 1. September konzentriert ist) endlich die neuen sanitären Maßnahmen vorstellen. Wir hatten gehofft, dass es zumindest in Bezug auf Kantine, Sport und Maskentragen in Grundschulen zu Korrekturen kommen würde. Damit ist es nichts. Das Einzige, was verkündet wurde, ist, dass die Erwachsenen in den Schulen jetzt überall und immer eine Maske zu tragen haben.

Dabei warnt das Krankenhaus, zu tun sei jetzt nur noch wenig, es müsse aber gelingen, die Kurve abzuflachen, weil sonst die Intensivstation in absehbarer Zeit überfüllt sein wird. Der Präfekt tut nichts. Die Schuldirektoren wagen nicht, aktiv zu werden. Die Schließung von Klassen mehrt sich. Nichts geschieht. Das Konservatorium will die Chöre ein wenig kleiner machen, hat aber auch noch keine Anweisung bezüglich der Frage, wie man in Räumen ohne zu öffnende Fenster Ansteckung vermeiden kann.

Vor zwei Tagen traf ich ein franko-madegassisches Arzt-Ehepaar, das ich durch das Konservatorium kenne. Es sind Leute, die hier in zwei verschiedenen Krankenhäusern arbeiten und also Einblick in die Vorbereitungen auf das inzwischen Unvermeidliche haben. Beide meinten, dass im März, als man sich auf die erste Welle vorbereitete, die Stimmung zwischen den KollegInnen sehr schlecht gewesen sei. Es habe an allem gefehlt, die Nervosität sei sehr groß gewesen. Jetzt fühle man sich hingegen besser ausgestattet, das Wissen habe zugenommen, die Atmosphäre sei besser. Aber man beginne, die Ärzte aus den Ferien zurückzurufen und Abteilungen umzustrukturieren, um reagieren zu können. Was allen Angst mache, sei der Umstand, dass wir keine Nachbarn haben, die uns helfen können. Sie erinnerten daran, dass wir Mayotte mitversorgen. Die Situation dort hat sich zwar leicht verbessert, doch das Problem ist nicht wirklich verschwunden. Beide glauben, dass die Situation weiter an Dramatik gewinnen wird.

Sie erzählen auch, dass in der Privatschule ihrer beiden Töchter ein gestaffelter Empfang eingeführt worden sei, damit des morgens nicht alle Kinder und Eltern zugleich vor dem Tor stehen. Das Mittagessen werde an einem Tag draußen, picknick-artig, mit einem belegten Brot organisiert und am Folgetag mit einem warmen Essen. Auf diese Weise sei der Zudrang zur Kantine um die Hälfte reduziert worden.

Ich höre das und denke, dass wieder einmal nur die Privatschulen auf die Eltern hören. Die öffentlichen Schulen hingegen – die also, in die meine Kinder gehen – warten ergeben auf das, was das Ministerium entscheiden wird, ohne jede eigene Initiative. Weil jetzt aber auch der Minister keine Initiative ergriffen hat, befinden wir uns mit unseren eigenen Entscheidungen in größter Bedrängnis. Nichts ist bekannt gemacht worden über den Sport-Unterricht, nichts über den Ort, an dem dieser stattfinden wird, nichts über die Art des Sports, die unterrichtet werden wird, nichts, wie viele Gruppen sich zusammen in der Turnhalle befinden werden. Alle Sporteinrichtungen der Insel sind inzwischen geschlossen. Sogar die Pétanque-Spieler, die sich stets draußen treffen und wahrhaftig keine körperliche Anstrengung vollbringen, wenn sie ihre Metallkugeln in Richtung chochonet werfen, sind mit einem Verbot belegt worden, sich zu treffen. Die Widersprüche liegen also offen zutage, und die Passivität in einer Situation, die sich täglich verschlimmert, auch. In der Schule wird ungehindert Sport betrieben und zweitausend Kinder essen gemeinsam auf engstem Raum. Aber draußen ist alles anders. Und wir sind eine Insel! Eine Insel!

Ich merke, wie ich von diesem Gedanken nicht mehr loskommen, obsessiv geradezu. Und das führt zu Spannungen innerhalb der Familie. Wir sind Kompromisse eingegangen: Irene geht, ausgestattet mit einer teuren Maske: FFP2. Sie hat die ersten Tage gefehlt, doch jetzt geht sie, und wir halten aus, dass in der Schule rein gar nichts unter Kontrolle ist. Nur einen Kompromiss verlangen wir ihr ab: Vom Sportunterricht bleibt sie vorerst fern, denn die eigentliche Sportlehrerin ist eh nicht da, der Ersatzlehrer hat nichts bekannt gegeben über sein Vorgehen, und das Ganze ist also mehr als abenteuerlich. Doch Irene will gehen. Wir erklären ihr, warum wir nicht einverstanden sind und sie nun umgekehrt diesen einen, kleinen Kompromiss einzugehen hat: zwei Stunden Sportunterricht verpassen. Es ist nicht einfach. Sie geht nicht, doch ein ganzes Lügengebäude ist zu errichten, damit die Schule akzeptiert, was sie selbst verschuldet hat: ein täglich wachsendes Misstrauen mancher Eltern. Nicht aller, doch mancher. Und ich fühle mich als Exponent einer radikalen Form von Misstrauen, denn ich komme aus anderen Zeiten her, von anderen Lektüren, von Gedanken über die Unfähigkeit von Gesellschaften, Krisen in den Griff zu bekommen bzw., schlimmer noch: sie überhaupt wahrzunehmen.

Aber ich merke, wie ich solche Gedanken eigentlich nur für mich allein haben darf, dass sie in der Familie nicht anwendbar sind, dass sie, sobald in Praxis umgesetzt, zu Konflikten führen, die den eigenen Alltag verdüstern, dass also, wenn man so will dasjenige, was ich – naiv vielleicht – als „Lernen aus Geschichte“ wahrnehme, zu nichts nutze ist, denn meine Lektüren und mein Nachdenken sind meine, und es erscheint als Zumutung, wenn ich sie zu einer Art familiärem Gemeingut mache. Mein Mann hält meine Kritik nicht aus. Auch er schickt Irene nicht in den Sportunterricht, doch er will mich stark und ausgeruht. Das aber schaffe ich nicht, denn mein Erleben besteht eben darin, dass sich Jahrzehnte des Nachdenkens über die kollektive Nicht-Wahrnehmung von Problemen in diesen ersten, wie mir scheint vollkommen unsicheren Schultagen verdichten. Und die Zukunft spielt auch hinein: Die Politik schließt die Augen. Das Problem ist relativ gering, es gäbe Möglichkeiten, es zu lösen. Aber schon hier versagen die Institutionen. Wie wird es sein bei sehr viel größeren, langfristigeren Problemen? Was passiert dann?

Anne Peiter

Corona 82: Der Test

Ich stehe vor dem Eingang der tropenmedizinischen Abteilung des Chemnitzer Krankenhauses am Küchwald und warte darauf, dass ich getestet werde. Die Schlange ist ziemlich lang, und der Abstand, den wir instinktiv oder aus dem Gefühl heraus, uns in der Nähe der Obrigkeit zu befinden, voneinander einhalten, macht sie noch länger. Eine stille, schweigende, inaggressive Stimmung.

Die Wartenden sind eine gemischte Gruppe. Familien, Jugendliche, Pärchen, Menschen, die alleine gekommen sind. Wenig alte Leute. Sie sind wohl am ehesten den Reiseempfehlungen gefolgt, entweder in Deutschland oder gleich zu Hause geblieben.

Ich selbst hatte mit dem Problem zu tun, dass ich wie immer unsere Ferien zu spät geplant hatte und mich von vollen Campingplätzen in Deutschland abgeschreckt fühlte. Deswegen hatte es mich dort hingezogen, wo mutmaßlich nicht zu viel los sein würde. Und das stimmte auch: abgesehen von Dubrovnik war in Kroatien im Vergleich zum Normalbetrieb tatsächlich nicht viel los. Das heißt: auch in Dubrovnik war ‚nicht viel los‘, aber eben nur vergleichsweise: es war eben doch ‚ziemlich viel los‘, und wie es in anderen Jahren aussieht, mag ich mir gar nicht vorstellen. Es war ein gutes Reisejahr für all diejenigen, die die beliebten Plätze besuchen wollen, für den Massentourismus aber nichts übrig hat.

Die Zeit vergeht schneller als ich dachte, die Leute unterhalten sich leise oder sind, wie ich, mit ihren Smartphones beschäftigt, die Schlange rückt schubweise voran. Ich selbst bin unter den Letzten, die ins Klinikgebäude gelassen werden. Dort herrscht ruhiger Betrieb. Wegen einer Großfamilie von acht Personen vor mir, die en bloc abgefertigt wird, staut es sich noch ein wenig, dann bin ich dran.

Zunächst die Registrierung. Die Dokumente aus Kroatien, die ich mitgebracht habe, um meinen Aufenthalt zu belegen, werden nicht geprüft; meine Sorge, ich würde abgewiesen oder müsse den Test selbst bezahlen, weil die Abreise von unserem letzten Campingplatz wegen des dazwischenliegenden Wochenendes mehr als 72 Stunden zurückliegt, ist unbegründet. Vielleicht hat die Station das Wochenende einkalkuliert, oder sie hat entschieden, sich einfach mit dem guten Willen der Wartenden zu begnügen. Fast scheint es mir so, aber ich frage nicht nach, weil ich etwas, das offenbar und richtigerweise kein Problem darstellt, gar nicht erst zum Thema machen möchte.

Beim Test fordert mich der Arzt auf, tief einzuatmen, während er den Rachenabstrich macht. Damit habe ich nicht gerechnet. Teils deswegen, teils wegen des sofort aufsteigenden Brechreizes beginne ich zu husten. Ich denke sofort, ich könne den Arzt trotz seiner Klinikmaske anstecken und entschuldige mich mehrfach dafür. Der Arzt lächelt – nein, das kann ich ja gar nicht sehen, stelle es mir aber vor und sagt freundlich und ohne jede Angst: „Kein Problem, das geht allen so“; und mir schießt durch den Kopf, dass ich heute vielleicht zum ersten Mal in eine Situation gekommen bin, in der ich wirklich jemanden anstecken könnte, mit Corona oder etwas anderen. So habe ich jedenfalls seit dem Beginn der Epidemie nicht gehustet. Dann lasse ich mir noch erklären, wie und wann ich das Testergebnis abfragen kann und verlasse die Klinik durch einen anderen Ausgang.

Ich bin beruhigt und fühle mich wohl. Diese Krankheit, die sich für mich immer an der Grenze des Fassbaren bewegt, ist dadurch, dass ihr hier eine anschauliche Praxis entspricht, ein klein wenig fassbarer geworden. Das Verhalten des Klinikpersonal und der Wartenden greift reibungslos ineinander. Niemanden scheint das Warten besonders gestört zu haben. Auf dem Gang die letzten Nachzügler. Das kleine Kind, das die meiste Zeit geweint hatte, ist still geworden. Es ist überhaupt sehr still hier.

Wolfram Ette

Corona 81: Mitteilung

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

die Corona-Texte, die Anne Peiter und ich bis Ende Juli, also während der ersten Phase der Pandemie geschrieben und hier veröffentlicht haben, werden, neu angeordnet, redigiert und ergänzt um bislang unveröffentlichte Texte, gegen Ende dieses Jahres im Büchner-Verlag als Buch herauskommen. Arbeitstitel: Der Ausnahmezustand ist wie der Normalzustand, nur wahrer. Texte zu Corona. Die entsprechenden Blogeinträge (bis Corona 60) werden peu à peu gelöscht.

W.E. / A.P.

Corona 80: Die Katze oder Alles ist relativ

Nathalie schreibt mir : »D’ après ce que je comprends, ce sont les rassemblements de famille qui sont en majorité la cause de la propagation, mariages créoles à plus de 200 personnes, anniversaires etc….et non les voyageurs de retour dans l’ île.« (»So weit ich das verstehe, sind die Familienzusammenkünfte der Hauptgrund für die Ansteckung, kreolische Hochzeiten mit mehr als 200 Personen, Geburtstage usw…. und nicht die Urlauber, die zurück auf die Insel kommen.«) Und weiter: »1075 cas de covid, à ce jour 2 décès … 15 600 cas de Dengue recensés vendredi dernier … je crois qu’on meurt plus de la Dengue à La Réunion que du Covid….je crois qu’il faut vraiment relativiser.« (»1075 Covid-Fälle, und bis heute zwei Todesfälle… dagegen 15600 Dingo-Fälle, die bis letzten Freitag festgestellt wurden … Ich glaube, man stirbt auf La Réunion mehr an Dingo als am Covid … Ich glaube, man muss wirklich relativieren.«)

Es ist der Fettdruck in dieser Mail, der meine Neugier weckt. 15600 Fälle. Hervorgehoben. In Fettdruck. Man müsse die Zahl zu lesen versuchen. Ich lese. Mit Interesse. Es stimmt: Wir haben ein großes Problem mit dem Dingofieber, und dieses Problem hat sich durch den Coronavirus verstärkt. Die Gesundheitsbehörde war beschäftigt mit der Bekämpfung des letzteren und hatte daher kaum Kapazitäten, um die Krankheit zu bekämpfen, deren Bekämpfung vermutlich wichtiger gewesen wäre, nämlich das Dingofieber. Es ist auch wahr, dass auf La Réunion bisher mehr Menschen an diesem Fieber gestorben sind als am Coronavirus.

Und doch ist der Umstand, dass mehr Menschen am Dingofieber gestorben sind, ein Argument dafür, den Coronavirus ernst zu nehmen. Da wir nämlich ohnehin schon ein Problem mit dem Dingofieber haben, können wir es uns noch weniger leisten, dann zusätzlich auch ein Problem mit dem Coronavirus zu haben. Die Zahl der Betten auf der Intensivstation ist extrem begrenzt. Welcher Patient wegen welcher Krankheit kommt, ist völlig zweitrangig. Die geringe Bettenzahl ist ein Faktum, das sich um die jeweilige Krankheit nicht schert.

Außerdem versorgen wir eine zweite Insel mit. Schwerkranke aus Mayotte werden auf La Réunion behandelt, und Schwerkranke aus Mayotte sind auch auf der Intensivstation von La Réunion verstorben. Doch diese Toten nennt Nathalie nicht. Sie beschränkt sich auf die Fälle, die »lokal« sind, obwohl die Kapazitäten von La Réunion mit der Entwicklung auf Mayotte und deren Toten, die es in unserem Krankenhaus gegeben hat, direkt zusammenhängen.

Hinzu kommt, dass Dingo und Corona von ihren Symptomen her sehr ähnlich sind. Die Präsenz von Dingo erschwert die Erkennung von Corona. Mehr noch: Die Erkrankung an Dingo erschwert die Gesundung im Fall einer zusätzlichen Coronaerkrankung. Das Problem  potenziert sich also statt sich zu  relativieren.

Und doch besteht Nathalie darauf, man müsse relativieren. Sie sagt, die Prioritäten würden falsch gesetzt und Dingo zeige, dass man Corona zu relativieren habe. Es ist, als bestünde eine Alternative zu Corona. Die anderen mögen Corona haben, wir aber haben vor allen Dingen Dingo.

Leider sind wir aber, weil hochmobil und eng mit dem Festland verbunden, durchaus keine Insel und müssen uns daher sagen, dass Corona auch uns angeht und dass auch Corona uns angeht. Und dass Mayotte uns angeht. Denn wenn das örtliche Krankenhaus von La Réunion zu viele Coronafälle wird behandeln müssen, kann es die ohnehin häufigen Dingofälle nicht mehr behandeln. Corona und Dingo bilden eine Einheit, sind nicht etwas Getrenntes. Und Mayotte und La Réunion gehören gleichfalls zusammen. Nathalie hingegen besteht darauf, dass Dingo und die geringe Zahl der Toten von La Réunion im Vordergrund zu stehen hätten.

Unter bestimmten Voraussetzungen wäre ich sogar einverstanden mit ihr, dann nämlich, wenn es ihr wirklich um die Bekämpfung von Dingo ginge. Weil aber der Aufruf zum Relativieren von Corona gleich auf den Aufruf zur Bekämpfung von Dingo folgt, gewinne ich den Eindruck, dass sie Dingo mit Corona bekämpfen will, statt Dingo und Corona. Mir scheint, sie erzählt mir etwas, das psychologisch mit Corona zu tun hat, und nicht ihre echte Sorge bezüglich der Dingo-Bekämpfung.
Denn irgendwie  hätte Nathalie gern, dass es Möglichkeiten zur Relativierung gibt, und so kommt ihr Dingo voll zupass. Sie ist also nicht besorgt wegen der starken Verbreitung von Dingo, sondern vielmehr  erleichtert über sie. Dingo, das ist der Schutzschild, der es ihr erlaubt, sich nicht damit auseinanderzusetzen, dass Corona die Kapazitäten des insularen Gesundheitssystems sehr schnell überfordern könnte, zumal, wenn massiv das Dingofieber hinzutritt. Oder anders: Sie stellt sich nicht wirklich vor, dass Dingo die Kapazitäten überfordern könnte, wenn massiv Corona hinzuträte. (Beides läuft auf’s Gleiche hinaus.)

Sie hält mir ihre Besorgnis vor, als stünde sie im Kontrast zu meiner eigenen Besorgnis, doch in Wirklichkeit würde ich mit ihrer Besorgnis ganz konform gehen, wenn sie – die Besorgnis – denn wirklich eine wäre. Ich glaube aber, zu wissen, dass Nathalie so besorgt nicht ist, denn dass es im Gymnasium ihrer Tochter gerade einen kranken Schüler gab, versetzt sie keineswegs in Sorge. Vielmehr bedauert sie den Schüler: »Il y a un cas de covid positif au lycée Leconte de Lisle, pauvre malheureux élève qui va susciter un tsunami malgré lui, elle….«.

Ich habe keine Ahnung, woher der Schüler Corona hat, doch es würde mich nicht wundern, wenn er ihn von einer Reise mitgebracht hätte und nicht von einer dieser kreolischen Hochzeiten, die Nathalie mit Blick auf Corona für das Grundübel hält. Die Hochzeiten sind der Beweis dafür, dass die Menschen sich naiv von den Reisenden getrennt glaubten. Doch die Reisenden haben die Feiernden eingeholt, und jetzt stehen sie am Pranger. Nathalie hält im Gegensatz dazu für festhaltenswert, dass es der  Schüler sei, der einen »Tsunami« auf sich ziehen werde. Sie hält ihn vor allen Dingen wegen des vorhersehbaren, sozialen Auschlusses für bedauernswert, weniger darum, weil nun erwiesen ist, dass er Corona hat. Das  heißt : Sie redet auch hier Corona klein, um Dingo groß reden zu können. Alix, ihre Tocher, sei, obwohl in dieselbe Schule gehend, nicht mit dem Jungen in Kontakt gewesen. »Alix ira donc au lycée jusqu’à nouvel ordre. Je refuse de participer à cette psychose générale.« («Alix wird bis auf Weiteres ins Gymnasium gehen. Ich weigere mich, an dieser allgemeinen Psychose teilzunehmen.«)

Hier ist es: Sie hält die anderen für Teilhaber an einer kollektiven Psychose. Sie will, dass die Gefahr nicht bestehe, also legt sie sich alles so zurecht, dass sie, abgeklärt und klar analysierend, den Psychotikern entgegentreten kann: »J’essaye de relativiser car beaucoup de gens n’y arrivent plus et je crois qu’il faut faire appel à sa raison.« («Ich versuche, zu relativieren, denn vielen Menschen gelingt das nicht mehr, und ich glaube, man muss an seine Vernunft appellieren.«)

Als Grund, zu relativieren, führt sie im Weiteren die vielen, anderen Katastrophen an, die es, über Corona hinaus, gebe: »J’ai bien conscience que nous aurons encore d’autres virus à venir, peut être celui là encore d’autres fois, mais il y a aussi le réchauffement climatique, la montée des extrémismes, le terrorisme religieux, la crise économique magistrale qui s’annonce, le cancer qui tue plus que jamais … tellement de raisons d’être terrorisés….si je rajoute mes peurs personnelles … ouille, ouille ouille !!!!!« (»Ich weiss sehr gut, dass wir in der Zukunft noch weitere Viren vor uns haben, vielleicht denselben weitere Male, aber es gibt auch die Klimaerwärmung, die Zunahme des Extremismus, den religiösen Terrorismus, die riesige ökonomische Krise, die sich andeutet, der Krebs, der mehr denn je zuvor tötet…….. so viele Gründe, um vor Angst zu vergehen … wenn ich dem noch meine persönlichen Ängste hinzufüge … ohje, ohje, ohje!!!!!«)

Wer wollte ihr widersprechen? Sie sagt, was Wirklichkeit ist: Die Probleme sind komplex und beängstigend, und sie gehen weit über Corona hinaus. Nichts könnte wahrer sein. Nur was die Konsequenzen anbelangt, die man aus dem Ganzen zieht, mag ich mich nicht  anschließen : »Alors là, on ne fait plus rien du tout et autant mourir tout de suite … je vais donc de ce pas lire un bon livre avec un verre de très bon vin et observer mon chat qui s’étire de tout son long sur mon lit … bonheur suprême! Belle source d’inspiration!)« (»Dann macht man überhaupt nichts mehr und man könnte eigentlich sofort sterben … Ich werde darum ein gutes Buch lesen, dabei einen sehr guten Wein trinken und meine Katze beobachten, die sich auf meinem Bett räkelt … Höchste Glückseligkeit! Schöne Quelle für Inspirationen!«)

Wenn es noch eines Beweises für Nathalies besorgte Sorglosigkeit und sorglose Besorgtheit bedarf – hier ist er. Sie bietet mir als Alternative zwei im Gegensatz zueinander stehende Bilder: den Selbstmord aus Verzweiflung über den Zustand der Welt im Allgemeinen, d.h. die Erkenntnis von der Unheilbarkeit der Welt auf der einen – und das gute Buch, das man, einen exquisiten Wein trinkend, zur Hand nimmt, während sich die Katze auf dem eigenen Bett behaglich räkelt, auf der anderen Seite. Es ist aber genau diese Behaglichkeit, die mir äußersten Widerwillen einflößt. Geboten wird, was wir alle gern hätten, nämlich ein gutes Buch, tollen Wein und eine schnurrende Katze statt Corona, Dingo, die Klimakatastrophe, Krebs und was es sonst so an unschönen Dingen in der Welt gibt. Doch dass es all diese Dinge gibt, hat doch gerade damit zu tun, dass wir auf ein gutes Buch, den Wein und die Katze nicht verzichten können! Dass wir nicht mehr relativieren dürfen, kommt doch daher, dass wir dauernd alles relativieren!

Ich finde, mit der Katze lässt Nathalie die Katze aus dem Sack. Sie mag ihre Katze nicht lassen, mag auf ihr Schnurren und ihr Sich-Räkeln nicht verzichten, hält den Wein in der einen und das gute Buch in der anderen Hand, und damit ist ihre ganze Besorgnis für die Katz’. Das Problem, das dem Umgang mit Corona oder Dingo, der Klimakatastrophe oder Krebs zugrunde liegt, liegt in der Katze, die aufs Bett springt, sich räkelt und schnurrend niederlegt. Die Katze sind wir. Die Katze, die ist unser Hauptproblem. Corona muss in der Tat relativiert werden. Aber Dingo auch! Und selbst die Klimakatastrophe! Das alles ist gar nicht wichtig, Nathalie hat recht! Das Problem ist, ich wiederhole es, die Katze und dass es so viele von ihnen gibt, schnurrend und sich räkelnd. Die Katze, die müsste zu unserer aller Inspirationsquelle zu werden.

Anne Peiter

Kommentar

Man kann Corona benutzen, um von der Klimaerwärmung abzulenken. Man kann die Klimaerwärmung benutzen, um von Corona abzulenken. Jedenfalls sagt man B, um nicht A zu sagen. B ist der Nebenschauplatz, der uns entlastet. Und es gibt Fälle, in denen die Schamlosigkeit soweit geht, den Hauptschauplatz als Nebenschauplatz zu benutzen, weil man ja gegen das Hauptproblem – sagen wir: die Klimaerwärmung – sowieso nichts machen kann und es deswegen nicht nur wohlfeil, sondern praktisch umsonst ist, sie zu beschwören, um nichts gegen etwas tun zu müssen, gegen das man im Augenblick noch etwas tun könnte. Es ist eine Rhetorik, deren einziges Ziel in der Passivität, dem Nichtstun, der Aufrechterhaltung des gewohnten Zustands ist. Alles ist mit allem vertauschbar, die Klimakrise mit dem Terrorismus, das Dingofieber mit Malaria, der Hunger in Afrika mit dem schmelzenden Packeis, und alles schließlich mit dem Coronavirus. Alles bedeutet alles, alles ist sinnlos und bestätigt uns unsere Todgeweihtheit. Es ist ein höchstes Glück, wenn einem dann noch der Wein, wenn einem dann noch der Wein schmeckt und das gute Buch gefällt. Natascha, die sich durch reines Nichtstun für für die richtige Sache engagiert zu haben, ist zu beneiden! Ouille, ouille ouille !!!!

Wolfram Ette

Stadt als Körper

Notiz zur Kunstausstellung „Gegenwarten | Presences“

Bazillenröhe rosalila

© Lavinia Chianello

Die Bazillenröhre, die immer so etwas wie der Darm von Chemnitz gewesen ist, schmutzig, nach Pisse stinkend, voller Abfall und immer betagter Graffitis, hat sich in einen Geburtskanal verwandelt. Beleuchtung und Wandfarbe sind eine Mischung zwischen Sauna, Bordell und ein klein bisschen Club, also zu einem der uterinen Ursprungsorte gehörig, auf die wir als erwachsener Städtebewohner angewiesen sind. Es ist ein weiblicher Ort geworden, aber die Farbe des Feminismus, die offenbar von der Künstlerin beabsichtigt war, hat sich mir nicht aufgedrängt. Der Darm selbst liegt nun im Park des deutschen Dichters, dem immer mal wieder Kopflastigkeit vorgeworfen wurde. Der Schillerpark selbst lässt wenig davon erkennen. Was dort, auf dem Weg zwischen Bazillenröhre und Kunstsammlungen liegt und manche Leute ärgert, ist nicht nur der Darm von Marx, ein Gegenentwurf zum Kopfmassiv in der Brunnenstraße, sondern auch eine Exkorporation dessen, was die Bazillenröhre einmal war und was es, da die neue Unterführung nun endlich fertig ist, nie mehr geben wird. Man ahnt ein wenig, was eine Stadt als körperlicher Zusammenhang bedeutet.

Corona 79: Jetzt sind Ferien

1

Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem auf der Insel sichtbar war, was meiner Meinung nach entscheidend ist: dass die Zahl der Ansteckungen in die Höhe schnellte, als die Leute aus den Ferien wiederkamen. Tagelang hatten wir keinen einzigen Fall. Dann kamen die Rückkehrer, und jetzt ist die Kurve bereits exponentiell. Das Bild hat sich gegenüber der Ferienzeit mit einem Schlage geändert. Doch nun übersteigt die Zahl der Ansteckungen vor Ort die Zahl der »eingeschleppten« Ansteckungen bei weitem. Dadurch verschwimmt das Verhältnis von Ursache und Wirkung so, dass gar nichts mehr zu erkennen ist. Es ist, als sei die Insel ansteckend (und sie ist es auch, und zwar in steigendem Masse), doch in Wirklichkeit ging dieser Ansteckung die Ansteckung »von außen« voraus. Von dieser zeitlichen Abfolge weiß aber schon niemand mehr, und so stellt sich heraus, dass Normalität voll aufrechterhalten bleiben kann: Die Ferien sind die Ferien. Der Arbeitsalltag ist der Arbeitsalltag. Die Trennung funktioniert, wie gehabt. Dabei hat die Ferienrealität die neue, vom Virus überschattete Arbeitsrealität überhaupt erst hervorgebracht.

Nirgends kann man das so klar erkennen wie auf einer Insel. Woanders weiß man nicht so recht, wer wann wo ist. Man ahnt, dass da gerade Leute zurückkommen, doch da der Raum zerdehnt ist, ist nicht recht fassbar, was von »woanders« kommt. Und so lob ich mir die Insel, weil sie mir dieses konzentrierte Anschauungsmaterial liefert. Wir waren bei null Fällen lange Zeit. Jetzt sind wir bei der exponentiellen Explosion der Ferienstimmung, die alle für die düstere Stimmung der zurückkehrenden Arbeit halten. Nein! Wir sind erst jetzt voll in den Ferien, das ist der entscheidende Punkt! Die Ferien beginnen jetzt, gerade jetzt, im Glanze ihrer Unausweichlichkeit!

Der Vorschlag des heutigen Tages, man solle doch alle Touristen und Heimkehrer durchgehend einer Quarantäne und dem Test unterwerfen, ist absurd: Gerade sind alle zurückgekommen – Quarantäne und Test sind schon erfolgreich vermieden worden. Die Idee kommt zu spät. Sie kommt, weil’s jetzt dramatisch ist. Aber dass es dramatisch ist, das erklärt sich daraus, dass alle Ferien machten und glaubten, Ferien seien Ferien. Die Ferien sind jetzt. Ich wiederhole es: Die Ferien liegen nicht hinter, sie liegen vor uns.

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Was meint das: die Ferien fangen gerade an? Zurückgekehrt aus einem Urlaub, in dem ich mir immer mehr zum eigenen Beobachtungs- und Versuchsobjekt wurde, weil das Land, in das zu fahren wir beschlossen hatten, sich in vorauszusehender Weise zu einem Infektionsherd zu entwickeln begann, taste ich mich an den mir vertrauten Alltag heran. Aber der ist gar nicht mehr so vertraut, es scheint ein winziger Abstand zwischen ihm und mir zu bestehen, der bisher so nicht da war.

Aber ist dies nicht nach allen Ferien so gewesen – diese heilsame Verfremdung des Gewohnten durch das Ungewohnte der Ferienwochen? Diese Freude an Kleinigkeiten, daran zum Beispiel, dass Dinge auf ihrem Platz stehen, wenn auch ein klein wenig verrückt, weil es mir heute zum ersten Mal auffällt? Habe ich das nicht auch als Kind so empfunden, wenn wir aus den Ferien zurück kamen und ich zum ersten Mal wieder in mein Zimmer trat und mein Spielzeug begutachtete, das unverändert an seinem Platz stand – aber halt! War nicht doch etwas anders? Gerade dass es so unbeweglich geblieben war, still und vielleicht ein wenig staubig im Sonnenlicht, ließ es fremd erscheinen.

Das mag alles sein und es gehört mit zu dem Zauber, den die Ferien noch für kurze Zeit auf das Übliche ausstrahlen. Diesmal aber verhält es sich ein klein wenig anders, dadurch, dass ich bis auf weiteres nicht mehr mit Ferien rechne. Das waren erstmal die letzten. Ich habe mich an der Grenze dessen, was zu verantworten ist, bewegt, damit muss es sein Genügen haben. Die Reiselust, die mich immer am Ende eines Urlaubs überkommt, muss bis auf weiteres unterdrückt werden. Die Lage verschlimmert sich täglich; und da es keinerlei Bereitschaft mehr gibt, sich einem zweiten Lockdown zu unterziehen – keinerlei Bereitschaft, keine Kraft, keine finanziellen Reserven mehr –, wird es kein steiles Abfallen der Ansteckungsrate mehr geben. Wir werden ausharren, auf einen Impfstoff hoffen (auch wenn wir zunehmend weniger davon überzeugt sind, dass dies die Wunderwaffe sein wird), die Regeln gelegentlich übertreten und uns an die Opfer der Epidemie gewöhnen.

Was könnte es angesichts dessen bedeuten, mit den Ferien zu beginnen, indem wir aufhören Ferien zu machen? So sehr es unseren Alltag für eine kurze Zeit verfremdet, wenn wir in die Ferien fahren – es bestätigt ihn doch auch. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Wir erholen uns, tanken Kraft; stellen, wie die Marxisten sagen, unsere Reproduktionsfähigkeit wieder her. Wir geben viel Geld aus, lassen es uns gutgehen; umgekehrt sind wir in der Lage, uns im normalen Leben zusammenzureißen, zu verzichten, damit wir uns später verausgaben können. Den Rhythmus von Werktag und Sonntag, Arbeitswoche und Wochenende wiederholen die Ferien noch auf einer höheren, stärker individualisierten und in gewisser Hinsicht pompöseren Ebene. Wird sie uns genommen, müssen wir nach einer vergleichbaren Befriedigung im Alltag suchen. Wir müssen uns im Alltag vom Alltag befreien.

Darauf will ich hinaus. Wir könnten den Impuls dieser letzten Ferien aufnehmen und dafür sorgen, dass er dieses Mal länger vorhält. Wir sollten in die Lücken des Alltags schlüpfen und uns dort ausruhen. Wir könnten versuchen, jeden Tag, ja jeden Moment in die Ferien zu fahren und mit wachsender Befremdung auf die Wirklichkeit starren, von der wir umgeben sind. Und gerade im Moment gibt es viel Anlass dazu.

3

Ich frage mich, was es bedeutet, im Alltag Ferien zu machen. Ist es genau das, was mir nicht gelingt, eben weil ich nicht in die Ferien gefahren bin, sondern, gebannt auf die Rückkehr der Urlauber und das Ansteigen der Infektionsrate starrend, die Wut über die Unfähigkeit der Urlauber, auszutreten aus dem Alltag, zum Zentrum meiner Gefühle mache. Aber es tut mir nicht gut, ich bin nah daran, krank zu werden, ich spür’s. Ich muss also, gemeinsam mit meiner Familie, die Rückkehr des Augenblicks wiederfinden, nicht diese Konzentration auf die Regenerationsprozesse, die die anderen dazu bewegt haben, in die Ferien zu fahren. Ich muss mich erholen, obwohl die Ferien der anderen mir keine Erholung gewähren, ich muss mir sagen, dass in meinem Zuhause-geblieben-Sein versteckt eine andere Form von Erholung steckte, von der die Urlauber nichts wussten und auch jetzt noch nicht wissen wollen. Sie haben sich ja erholt, und ich nicht. Meine Erholung war allein beschränkt auf die Zeit, wo sie nicht da waren und sich erholten. Jetzt sind sie wieder da, und das Schlimmste an ihnen ist, dass sie erzählen, wie gut sie sich erholt hätten. Meine einzige Chance besteht also darin, dass ich mir nicht mehr erzählen lasse, wie gut sie sich erholt hätten, dass ich neu blicke auf mich selbst, mich abkapselnd gegenüber der Selbstgerechtigkeit, die eben doch nicht nur auf meiner Seite ist, sondern auch und vor allen Dingen auf Seiten derjenigen, die erzählen, wie gut sie sich erholt hätten.

1, 3: Anne Peiter; 2: Wolfram Ette

Corona 78: Kassandra und Jona

»Zum ersten Mal entdecke ich, wie sich Kassandra gefühlt haben muss. Würde ich sie darstellen müssen, würde ich sie schlaflos zeigen und dem Wahnsinn nahe. Nicht weil sie betroffen wäre. Sondern weil sie nicht ertragen kann, dass die Betroffenen sich nicht betroffen fühlen.« (A.P.)

Hoffnung ist kontrafaktisch – auch wenn man genau weiß, wie es ausgehen wird, lehnt sich an innerer Impuls dagegen auf. Man weiß, dass Kassandra recht hat, und man wünscht sich, dass sie nicht recht haben möge. Deswegen ist die Wut auf diejenigen, die ihr nicht glauben und eben dadurch das prophezeite Unglück herbeiführen, aber auch die Wut auf die Seherin, die sich anmaßt, einem die Hoffnung zu nehmen, so groß. Man muss das in dieser tragischen Schärfe sehen. Kassandra behält recht, weil ihr niemand glaubt. Würde ihr jemand glauben, könnte es sein, dass sie nicht recht behielte. Heißt das, dass sie insgeheim will, dass ihr niemand glaubt, weil sie ja nicht Unrecht haben und ihre Position als Seherin nicht aufgeben will? Aber der Untergang einer Stadt, Krankheit und Tod, zudem, im Extremfall auch der eigene gehören könnte, sind keine Kleinigkeit. Kassandra, wie sie bei Aischylos dargestellt wird, ist eine Verzweifelte, sie kämpft um ihr Leben und sie zerbricht Seherstab und Binde, so als würde sie ahnen, dass das ganze Orakelwesen, all das Voraussagen dessen, was kommen wird, der falsche Weg sei, an die Zukunft heranzukommen und sie in die eigene Hand zu nehmen.

Gibt es andere Möglichkeiten? Ich meine ja: Die alttestamentarische Prophetie stellt eine solche andere Möglichkeit dar. Propheten sind keine Seher. Denn sagt der Seher (oder die Seherin) voraus, was passieren wird, so dass eigentlich jeder Versuch, sich dagegen aufzulehnen, scheitern muss, weil er die göttliche Autorität infrage stellt, geht die Prophetie, wie sie wieder und wieder im Alten Testament verlautbart wird, von einer Wenn-dann-Beziehung aus: Wenn ihr Menschen weiter sündigt, wird Gott diese Stadt vernichten. Untrennbar gehört dazu ein zweites Bedingungsgefüge: wenn ihr es nicht tut und von euren Sünden ablasst, so soll diese Stadt verschont werden. Das Buch Jona erzählt die Geschichte dieses doppelten Zukunftsbezugs, der es in die Hand der Menschen legt, sich für eine bestimmte Zukunft zu entscheiden. Die Aufgabe des Propheten würde darin bestehen, die Menschen über die Folgen ihres Handelns aufzuklären– um sie zu einer Entscheidung zu ermutigen. Es gibt hier ein Richtig und Falsch, nicht das tragische double bind zwischen eigenem Unglück und Auflehnung gegen das vorherbestimmte Schicksal.

Was also wäre zu tun, was also wäre zu wünschen? Weniger Kassandra und mehr Jona, mehr von dem lustigen kleinen Propheten, der seine Rolle zunächst nicht will, weil er sie (nämlich sich als Seher) missversteht; dann aber, nachdem ihn Gott durch den Bauch des Walfisch getrieben hatte, seine Rolle annahm, sie aber weiter missverstand und im Winkel schmollte, als die Menschen sich bekehrten und die Stadt Ninive von Gottes Zorn verschont wurde. Wenn er schon ein Prophet sein musste, dann wollte er wenigstens ein richtiger, also griechischer sein, der eigentlich ein Metaphysiker ist, weil die Zukunft nur eine letztlich wesenlose Schattierung des Immerseienden darstellt. Und so war Jona enttäuscht und verbittert. Er wollte es den Bewohnern von Ninive nicht sagen, dass ihre Stadt brennen wird; als er es aber sagen musste, wollte er wenigstens recht behalten und sie brennen sehen.

Am Ende seines Erkenntniswege steht freilich die ganz andere Ansicht, dass Menschen nicht brennen sollen. Demgegenüber fallen die Launen eines Propheten wenig ins Gewicht. Ein guter Prophet wäre wohl einer, der den Menschen Handlungsalternativen vorführt, verschiedene Wege, die in die Zukunft führen, der nicht eitel und launisch ist und es besser findet, wenn Menschen nicht brennen.

Wolfram Ette

Corona 77: Die Schule fängt wieder an

Spätrückkehrertum

Als Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit ihren Familien in die Ferien aufbrachen, schieden sich zwei Kategorien: Die einen kauften Flugtickets für eine Rückkehr, die die Einhaltung der Quarantäne von sieben Tagen erlaubten. Das waren die Reisenden, die eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft sahen. Die anderen nutzten ihren ganzen Urlaub und kauften Tickets für die Zeit unmittelbar vor Schulbeginn. Das waren diejenigen, die Gegenwart und Zukunft – Urlaub und Arbeit – voneinander trennten.

Diese zweite Kategorie splitterte sich ihrerseits in zwei Unterkategorien auf. Die erste ließ sich von der Erwägung leiten, niemand habe ihnen die Pflicht auferlegt, den Urlaub so zu planen, dass die Quarantäne noch in die Ferienzeit fiel. Das waren diejenigen, die einfach Ferien machen und, pünktlich zu Schulbeginn, wieder mit der Arbeit beginnen wollten. Von der Gegenwart der Ferien wollte man vorschriftsgemäß in die unvermeidliche Zukunft des erneuten Beginns der Arbeit übergehen. Vorschriftsgemäß, aber ohne jeden Gedanken an die möglichen Folgen. Man betrachtete die Arbeit als etwas, in das man hineinkippte, nicht als etwas, für das man irgendwie Verantwortung würde übernehmen müssen.

Die zweite Kategorie handelte ganz wie die erste, doch ihre Motive waren anders: Auch diese Reisenden wollten die ganzen Ferien ausnutzen, spekulierten aber zusätzlich darauf, dass das Ministerium kurz vor Schulbeginn die katastrophale Situation sehen würde, die dann entstanden sein würde. Man würde als Lehrerin oder Lehrer direkt vor Schulbeginn der Quarantäne unterworfen werden, so lautete das Kalkül, gewann also eine zusätzliche Ferienwoche, dieses Mal zwar zuhause, aber immerhin, denn gereist war man ja schon und bezahlt werden musste man auch, wenn man nicht zur Schule ging.

Jetzt hat das Ministerium diesen Spät-Rückkehrern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Lehrerschaft wurde bekannt gegeben, dass die pünktliche Wiederaufnahme der Arbeit verpflichtend sein werde, auch wenn keine Quarantäne und kein Test absolviert werden können. In einer sich dramatisch zuspitzenden Situation werden also Beamte vor ihre jeweiligen Klassen gestellt, ungeachtet der Tatsache, dass ein bestimmter Prozentsatz den Virus in sich trägt.

Zugleich wird jedoch per Erlass der Schulbehörde den Schülerinnen und Schülern mitgeteilt, dass sie, anders als die Spätrückkehrer unter der Lehrerschaft, nicht das Recht hätten, zur Schule zu kommen, wenn sie nicht zuvor die Quarantäne und den Test absolviert hätten. Die Schülerschaft, die endlich wieder an’s Lernen herangeführt werden soll, darf also nur lernen, wenn sie kein Sicherheitsrisiko darstellt, doch den Lehrerinnen und Lehrer, die das Lernen anführen, wird erklärt, dass sie, weil sie verpflichtend eine Maske tragen würden, kein Sicherheitsrisiko darstellen, denn dafür sind sie nun einmal Beamte, die sich die Länge ihres Urlaubs nicht nach Belieben aussuchen dürfen.

Man wohnt also vom Ton her zunehmend streng gebenden Bekanntmachungen an die Schülerschaft bei, die im totalen Kontrast zu den sich zunehmend streng gebenden Bekanntmachungen an die Lehrerschaft steht. Der Schülerschaft wird eingeschärft, sie dürften die anderen nicht gefährden, der Lehrerschaft, sie dürften nicht nicht unterrichten, gern aber gefährden. Ein bestimmter Prozentsatz der Schülerschaft wird also nicht unterrichtet werden, da sie zu spät aus den Ferien zurückgekommen ist, doch die Spätrückkehrer in der Lehrerschaft werden auf die übrige Schülerschaft losgelassen, damit unterrichtet werden könne. Oder auch so: Die Schülerinnen und Schüler, die etwas lernen sollen, werden als untragbar ausgeschlossen. Die Lehrerinnen und Lehrer, die sich in exakt derselben Situation befinden wie diese aus der Schule verbannten Schülerinnen und Schüler, werden hingegen gerade nicht aus der Schule verbannt, sondern im Gegenteil in aller Entschiedenheit auf Präsenz und Pflicht eingeschworen.

Für die Kinder, die gar nicht gereist sind und daher auch kein vom Reisen herrührendes Sicherheitsrisiko darstellen, öffnet der eklatante Widerspruch jedoch eine hübsche Lücke: Wer es für unverantwortlich hält, dass potenziell infizierte Lehrerinnen und Lehrer die eigenen Kinder unterrichten, bis die Krankheit dann wirklich ausbricht und sich in der Klasse verbreitet hat, behauptet einfach, das eigene Kind, das nicht gereist ist, sei gereist, denn dann müssen die Eltern nicht weiter rechtfertigen, warum sie der Schulpflicht nicht nachkommen, sondern ihr Kind Zuhause behalten. Die nicht eingehaltene Quarantäne der Lehrerschaft wird also zum möglichen, administrativen Schutzschild für diejenigen, die während der ganzen Ferienzeit keinen Schritt von der Insel weg getan haben.

Leicht irritierend daran ist an der ganzen Geschichte nur, dass die Kinder, die nicht gereist sind, gern mit den anderen etwas lernen würden, und zwar von denjenigen, die gereist sind und etwas beizubringen haben. Da aber diese Lehrerinnen und Lehrer nur beibringen können, dass sie selbst nichts gelernt haben und genau aufgrund dieses ihres Nicht-lernen-Wollens von Seiten des Ministeriums unter Androhung von Strafen zum Unterrichten verpflichtet werden, kann man sich als Eltern vielleicht sagen, dass das Wichtigste für die eigenen Kinder zur Zeit ist, zu lernen, dass das Nicht-lernen-Können eine wichtige, politische Erkenntnis enthält: Dass sich in den Augen des Ministeriums zumindest auf Seiten der Lehrerschaft der Begriff „Lernen“ unabhängig vom Lernenwollen definiert, dass aber das Lernenwollen der Schüler, die nicht verreist sind, ungescheut dem Nicht-Lernenwollen von Ministerialbürokratie und bestimmten Lehrerinnen und Lehrern unterworfen wird.

Denn das ist die Hauptaussage der Schulbehörde von La Réunion in diesen letzten Tagen: dass die Kinder in der Schule in Sicherheit seien. Andere, verreiste Kinder kommen nicht gleich. Und dass das Spätrückkehrertum der Lehrerschaft ein verbreitetes Phänomen ist, teilt man lieber nur der Lehrerschaft mit, nicht aber der Öffentlichkeit, weil die ja sonst meinen könnte, es könnten dann bitteschön auch die gerade zurückgekehrten Kinder gleich wieder in die Schule gehen.

Schulschließung

Die Rektorin der Schulbehörde versichert öffentlich und über alle Kanäle, in der Schule seien die Kinder in Sicherheit. Ich schicke mein Kind nicht. Mich verunsichert die Sicherheit, mit der Sicherheit behauptet wird. Am Nachmittag des ersten Schultags habe ich einen Termin bei der Schulleiterin. Ich soll die Unterlagen vorbeibringen, die für die Einschreibung meines Sohnes erforderlich sind, der aus gesundheitlichen Gründen ein Jahr lang nicht zur Schule gehen konnte. Mein Sohn begleitet mich nicht. Offiziell ist er krank.

Vor der Schule warten die Eltern darauf, dass sich das Tor öffnet und sie ihre Kinder in Empfang nehmen können. Alle tragen, wie seit kurzem um alle Schulen herum vorgeschrieben, Masken. Die Kinder in der Schule sind ohne Masken, denn sie gelten als zu jung, um eine zu tragen. Ich halte mich abseits, obwohl ich, gewarnt durch die Apothekerin, die kommenden sieben Tage seien besonders gefährlich, mit einer FFP2-Maske aufgebrochen bin. Die ist teuer, doch ich mag mich nicht im Schulgebäude aufhalten und ein Vertrauen zeigen, vor dem ich meine eigenen Kinder warne.

Eine indo-muslimische Mutter, die ich gut kenne, ruft mir von der anderen Strassenseite etwas zu, beunruhigt wirkt sie unter ihrer schwarzen Maske. Vorbeifahrende Autos und die Masken verhindern jedes Gespräch. So kommt sie zur mir herüber, ihren sechsjähigen Sohn, der heute seinen ersten richtigen Schultag hatte, fest an der Hand. Ob ich’s schon wüsste? Die Schule schließe, gleich nach diesem ersten Tag. Da ist es also, das Erwartete. So früh schon. Gleich am ersten Tag. Ich will wissen, warum. Doch bisher sind’s nur Gerüchte, die sich die Eltern gegenseitig weitersagen und die nun sie mir weitersagt: Ein Schüler oder eine Schülerin, die gerade von einer Reise zurück gekommen ist, soll in der Schule gewesen sein. Gesund? Krank? Sie weiß es nicht.

Ich erzähle ihr, dass Schülerinnen und Schüler nicht in die Schule kommen dürfen, wenn sie gerade auf La Réunion eingetroffen und noch ungetestet sind. „Die Lehrerinnen und Lehrer hingegen… „, setze ich an, und sie, meinen Satz mitdenkend und fortsetzend: „… dürfen kommen!“ „Nein !“, rufe ich, jetzt plötzlich ganz aufgeregt : „Anders! Sie dürfen nicht kommen, sondern sie müssen kommen!“ Das wusste sie nicht, und meine Empörung teilt sich ihr mit.

Während die ersten Eltern schon mit ihren Kindern an uns vorüberziehen, zu ihren Autos, die Masken wieder abnehmend, erzählt sie mir, dass sie kürzlich in einem Restaurant gewesen sei, Touristen neben sich, die ihre Koffer dabei hatten. Sie habe gefragt, ob sie direkt vom Flughäfen kämen und doch maskenlos seien? Man solle nicht an unangenehme Themen rühren, habe man ihr geantwortet, es schmecke doch gerade so gut. Da sei sie böse geworden und habe geantwortet, sie rühre darum an dieses Thema, weil’s so unangenehm sei.

Und dann reden wir uns gegenseitig in Rage, beide gleichermaßen zornig darüber, dass man diese Insel so leicht hätte schützen können mit ein paar elementaren Regeln und dass man’s nicht getan hat. Und obwohl diese Frau eine der reichsten der ganzen Stadt ist – sie bewohnt die schönste, kreolische Villa, die sich denken lässt, aus hellgrün gestrichenem Holz, von eleganter Einfachheit, riesig, umgeben von wunderbaren Bäumen, die Jahrhunderte alt sein mögen, und abgeschirmt von der Außenwelt durch eine hohe weiße Mauer, hinter der man beim Vorbeigehen nur ahnen kann, dass auch drinnen alles von exquisitestem Geschmack ist, wie es sich für einen international tätigen Banker, wie ihr Mann einer ist, eben gehört –, obwohl, sage ich, diese Frau privilegierter ist als die Privilegiertesten, ist sie doch ganz von hier, ganz verankert in dem Gedanken an das Wohl der Insel und daher nicht weniger wütend als ich auf den Übersee-Minister, der maskenlos den Applaudierenden die Hand reicht, ohne die Quarantäne oder einen Test absolviert zu haben, und gleichzeitig doch die Bevölkerung beschuldigt, nicht diszipliniert genug gewesen zu sein. Hier, auf diesem Bürgersteig sehen wir beide das Resultat seiner Politik, und es weht ein Hauch von sozialer Revolte an der sich leerenden Schule vorbei, einer Revolte gegen die Reisenden und ihre Selbstverständlichkeiten.

Und um den kleinen Jungen einzubeziehen, der noch immer in seiner entzückenden Schönheit an der Hand seiner Mutter wartet und uns zuhört, sage ich tröstend, dass er sicher bald wieder in die Schule darf. „Ja, zuhause“, sagt er, zu mir aufblickend, und scheint mit seinen sechs Jahren gar nicht erstaunt zu sein, dass Schule und Zuhause identisch sind, denn seine Mutter fand, dass die Schulpflicht, die unter Macron für Kinder ab drei Jahren eingeführt wurde – Ausnahmen wurden plötzlich nicht mehr geduldet, obwohl es eh nur ein kleiner Prozentsatz von Familien war, der die Kinder nicht schon mit drei Jahren schickte –, ein großer Blödsinn sei und hat Wege und Mittel gefunden, um ihr Kind nicht zu schicken, sondern es bis zum sechsten Lebensjahr zuhause bleiben zu lassen. Wir beiden also werden klar kommen: Wir wissen, wie.

Aber drüben, am Zaun, wo immer neue Klassen von ihren Lehrerinnen und Lehrern zum Tor geführt werden, herrscht eine Stimmung, wo man sich des „Wie“ nicht so sicher ist. Die Lehrerinnen und Lehrer sind jetzt alle da, abgetrennt durch ein Eisengitter von den noch diskutierenden Eltern. Ich überreiche der Direktorin meine Unterlagen, drücke mein Bedauern über die Schulschließung aus, versuche, die Stimmung herauszufühlen. So viel Vorbereitung und Arbeit umsonst! sage ich mitfühlend. Hinter ihrer Maske wirkt sie verzweifelt. Ich ermutige sie, danke ihr mit immer neuen Worten für ihre Arbeit. Sie werde noch nicht einmal die Eltern kontaktieren können, klagt sie, denn die Schulbehörde habe vor drei Tagen sämtliche Adressen gelöscht. „Sehr vorausschauend“, sage ich, und merke, dass die Ironie über dieses Chaos in mir immer stärker durchbricht. Alles, was ich mir vorher dachte, trifft ein, alles, was mir voraussagbar erschien, wird jetzt gesagt. „In der Schule sind die Kinder in Sicherheit.“ Die Rektorin hat gesprochen.

Emma, alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Söhnen, hat nur eine geringe Schulbildung, doch auch sie ist da mit ihrer ganzen praktischen Klugheit, mit all ihrer Phantasie und Wut, begleitet von ihren Kindern, die, nachdem wir uns am Abend zuvor abgesprochen hatten, nicht zur Schule gegangen sind, sondern Krankheit vorgeschützt haben wie mein eigenes Kind. Jetzt will sie wenigstens die Lehrer sehen und irgendwie an die Schulbücher herankommen. Sie weiss nicht im geringsten, wie sie allein den Unterricht schaffen soll, denn sie hat kein Geld für einen funktionierenden Internetanschluss. So unterschiedlich wir beide auch sind – sie ist, neben der Frau des Bankers, meine zweite Bündnispartnerin. Ich schlage ihr vor, dass ich ihr Unterrichtsmaterialien vorbeibringe, die mein Sohn im letzten Jahr benutzt hat. Ich versuche, mir auszudenken, wie ich mich nützlich machen könnte. Ihr jüngerer Sohn kann, obwohl schon in der zweiten Klasse, noch immer nicht lesen.

Plötzlich steht der Lehrer meines eigenen Sohnes hinter’m Zaun, der sagt, dass auch er nichts Genaues wisse und, entgegen meinen Hoffnungen, keine Schulbücher zu verteilen habe. Die ganze Zeit kann er nicht aufhören, mit dem Kopf zu schütteln. Wir beiden wissen gut, dass die Projekte, die wir uns vorgenommen haben, um den Deutschunterricht an der Schule zu stärken, immer unwahrscheinlicher werden. Und obwohl er erst behauptet hat, er wisse nichts, weiss er dann doch etwas, doch er sagt es mir heimlich und in rudimentärem Deutsch, damit niemand anderes merkt, dass er’s weiss : „Eine Lehrerin ist krank.“ Ich verstehe ihn nicht gut, bin nicht sicher, ob das jetzt als verlässliche Information zu werten ist, aber immerhin weiss ich: Es passiert, was passieren musste.

Und dann trennen wir uns, und ich gehe wieder nach Hause, die FFP2-Maske immer noch vor’m Gesicht, erstaunt darüber, dass es sich unter ihr so viel besser atmen lässt als unter den dicken Stoffmasken, die ich gekauft oder selbst genäht habe. Das sollen also die Masken sein, unter denen es nur die Profis aushalten?

Zuhause angekommen, berichte ich meiner Familie, was ich erfahren habe. Mein Sohn stösst einen Erleichterungsschrei aus. Er versteht sofort, dass er potenziell eine Gefahr für seine Schulkameraden besteht, dass er selbst aber raus und spazieren gehen kann, wann immer er will, denn er muss nicht mehr den Kranken spielen.

Am nächsten Tag erfahre ich durch die Zeitung, dass eine Lehrerin vor drei Tagen an den Vorbereitungstreffen der Lehrerschaft teilgenommen, mit allen KollegInnen zu Mittag gespeist, und an diesem Montag, wie von der Unterrichtsbehörde gefordert, ihre Klasse unterrichtet hat. Es ist nicht zu erfahren, wann an diesem ersten Schultag die Nachricht eintraf, dass ihr Test positiv ausgefallen war, aber sicher ist, dass er positiv ist, dass sie mit ihren KollegInnen zusammen gegessen und ihre Arbeit gemacht hat. Dass sie mit ihren KollegInnen zu Mittag speiste, war natürlich nicht verlangt worden, doch die Kollegialität ist verteidigenswert, und wer fordert, dass die Lehrerschaft, egal ob gereist oder nicht, gemeinsam den ersten Unterrichtstag vorbereiten solle, muss eben auch damit rechnen, dass die Lehrerschaft gemeinsam zu Mittag speist. Und da man nur zu Mittag speisen kann, indem man die Maske abnimmt, ist die beruhigende Botschaft, die die Zeitungen verbreiten und die besagt, die infizierte Lehrerin habe während ihres Unterrichts eine Maske getragen, wenn sie den vorgeschriebenen Abstand von einem Meter nicht wahren konnte, zwar in den Augen der Autoritäten beruhigend, die behaupten, in der Schule seien die Kinder in Sicherheit, nicht aber in den Augen des Kollegiums, das mit der maskenlosen Lehrerin zu Mittag gespeist hat, jenseits der Vorstellung, dass jemand, der gerade von einer Reise zurückkam, besser mit einer Maske gespeist hätte.  

Ich hab‘ alles verstanden

Ein Schüler eines Gymnasiums in Bras Panon wird am Freitag vor Schulbeginn positiv getestet, doch weder er noch seine Eltern verstehen, was das Ergebnis bedeutet. Der Schüler geht also am Montag, weil die Schule wieder beginnt, zur Schule. Als bekannt wird, dass der Schüler nicht da hätte sein dürfen, wo er ist, wird er nach Hause geschickt. Die anderen Schüler befragt man, ob sie die Regeln respektiert hätten. Alle bestätigen, dass sie die Regeln verstanden und eingehalten haben. Die Klasse also bleibt offen. Die Schulbehörde gibt bekannt, es bestehe keine Gefahr. Die Regeln sind ja respektiert worden.

Jetzt bleibt bloß zu hoffen, dass der Schüler, der weder das Testergebnis noch die Regeln verstanden hatte, der einzige ist, der die Regeln nicht verstanden hat. Denn wenn auch die anderen Schüler nur sagen, sie hätten die Regeln verstanden, obwohl sie sie in Wirklichkeit nicht verstanden haben, hätte die Schulbehörde nicht verstanden, dass es in sozialen Brennpunkten mit geringem Bildungsgrad, wie er hier vorliegt, nicht immer so einfach ist, zu sagen, was Verstehen bedeutet und was nicht.

Festhaltenswert bleibt darüber hinaus, dass die Chefin der Schulbehörde öffentlich erklärt, es sei gut, dass der Fall gleich am ersten Tag aufgetreten sei und nicht später, weil nämlich dann sämtliche Klassen wieder Einzug ins Gymnasium gehalten hätten und viel mehr Schülerinnen und Schüler anwesend gewesen wären. Das versteh‘ ich nun wieder nicht. Wenn keine Gefahr besteht, weil alle alles verstanden haben, ist’s doch schnurz, ob nur zwanzig Schülerinnen und Schüler betroffen sind wie jetzt oder mehr, oder etwa nicht?

Wollen und Können

Eine Kollegin und Freundin, der ich schreibe, damit sie als Elternvertreterin auf eine Veränderung in der Organisation der Kantine dringe – 2000 Kinder essen dort – antwortet mir: „Anne je ne comprends pas tes enfants ne vont pas à l’école et pas à la cantine…. pourquoi tu t’énerves. […] Tout le monde ne peut pas comme vous garder ses enfants à la maison c’est mettre en grande difficulté des familles que de tout fermer.“ („Anne, ich verstehe nicht, deine Kinder gehen doch nicht in die Schule, und auch nicht in die Kantine… warum regst du dich auf… Nicht alle können wie ihr ihre Kinder zu Hause behalten. Alles zu schließen bedeutet, Familien in große Schwierigkeiten zu bringen.“)

Das Problem liegt im Wort „können“. Wir können unsere Kinder nicht Zuhause behalten und wir wollen es auch nicht, denn besser wär’s für sie, sie könnten gehen. Wir arbeiten alle beide, also ist es nicht möglich, sie nicht zur Schule zu schicken. Und doch schicken wir sie nicht, denn wir wollen, dass wir können, was wir nicht können und was niemand will, auch wir nicht. Und wir wissen, dass andere Eltern – die, die ihre Kinder nicht allein unterrichten können, weil sie weder eine Internetverbindung noch die entsprechende Bildung haben – ihre Kinder auch nicht schicken, schlicht weil sie Angst haben. Die Überzeugung, wir seien ohne soziale Sensibilität, erscheint mir als Verteidigung einer Position der Privilegierten, die nur darum behaupten, an die Armen zu denken, weil sie dann selbst nicht daran denken müssen, wie eine allgemeine Schulschliessung, die auch die Armen beträfe, vermieden werden kann. Denn das ist das Ziel meines Protestes: dass niemand wollen muss, was er nicht wollen kann. Dass alle tun können, was sie wollen, nämlich: die Kinder zur Schule zu schicken, ohne Unterschiede.

Absehen

Isabelle hat ihre Arbeit als Richterin aufgenommen, als sie den Test gemacht, das Ergebnis jedoch noch nicht erhalten hatte. Sie fühlte sich sicher.

Am Montag – dem ersten Schultag – schließt die Grundschule ihrer Tochter nach dem Bekanntwerden eines Covid-Falls in der Lehrerschaft. Und sie, die sie ihre Tochter geschickt hat, äußert in einer Mail an die Freunde im Inbrunst der Empörung, sie habe es klar kommen sehen.

Zwei Tage später, dieses Mal in der Schule ihres Sohnes, hat sie es dann aber wiederum nicht kommen sehen, obwohl das Haus des Collège weit grösser ist als das der schon geschlossenen Grundschule, die nur ein paar Meter entfernt liegt. Sie hat also, wie schon am Montag ihre Tochter, auch ihren Sohn geschickt, dieses Mal aber gewissermaßen nicht unvorbereitet, sondern vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Grundschule ihrer Tochter schon geschlossen ist. Aber noch immer glaubt sie, dass nur die Grundschule geschlossen ist und nicht auch das Collège, das noch nicht geschlossen ist. Und trotzdem hätte man natürlich aus dem bloßen Umstand, dass in der Grundschule die Gefahr abzusehen war, schließen können, dass für das Collège die Gefahr ebenso abzusehen war.

Wie immer habe ich nichts gegen Eltern, die die Gefahren nicht absehen (zumindest dann nicht, wenn sie nicht gereist sind), aber Eltern, die behaupten, sie hätten die Gefahren abgesehen und ihre Kinder weiter in die Schule schicken und sich zu keinem Protest veranlasst sehen, die verängstigen mich. Die Eltern, die stets behaupten, dass alles abzusehen war, gleichzeitig das Verb „absehen“ aber nur in der Hinsicht brauchen, dass sie absehen von dem, was längst eingetreten ist, so dass das, was danach weiter abgesehen werden muss, nicht gesehen wird, sondern immer weiter und weiter geht – diese Eltern also, sage ich, lernen nichts, und insofern sehe ich traurig von der Möglichkeit ab, irgendetwas von ihnen zu erwarten.

Optimismus

Sonntag abend: Dominique, Geographielehrer, Vater eines älteren Sohnes und jüngerer Zwillingstöchter, von denen eine schwer asthmakrank ist, gibt sich am Telefon optimistisch. Er denke nicht, dass das Ansteckungs-Risiko besonders hoch sei, er schicke seine Kinder auf jeden Fall. Seine Töchter, 9 Jahre alt, hielten das Maskentragen nicht aus. Er findet, dass Masken so jungen Kindern nicht zuzumuten sind. Wie die Schule die Kantine organisiert, weiß er nicht. Er hat sich nicht erkundigt.

Montag nachmittag: Die Grundschule, in der die beiden Zwillinge gehen, schließt, nachdem sich herausgestellt hat, dass – siehe oben – eine der Lehrerinnen krank ist und mit einem Teil des Kollegiums zusammen gegessen hat. Die Schule hat einen Tag gedauert. Dominique ist nicht mehr optimistisch. Aber irgendwie ist er’s doch. Er zuckt die Achseln, meint, damit werde man wohl jetzt dauernd leben müssen. Über die Organisation der Kantine weiß er noch immer nichts.

Mittwoch nachmittag: Es wird bekannt, dass auch das Collège von nebenan eine Kranke aufweist. Dieses Mal handelt es sich um eine Schülerin. Ich schlage per Mail eine kollektive Aktion vor, um darauf hinzuweisen, dass das Zusammentreffen von 2000 Schülerinnen in der Kantine die idealen Bedingungen für den nächsten Hotspot abgibt. Ich bekomme keine Antwort. Dominique und seine Frau schweigen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ihr Sohn schon im Gymnasium und nicht mehr im Collège ist. Doch auch die Grundschule hat eine Kantine, und auch für die ist nichts geregelt. Sich nicht für’s Collège zu interessieren, weil man kein Kind hat, das dorthin geht, spricht erneut für Dominiques Optimismus.

Die Hartnäckigkeit dieser Haltung hat etwas Erstaunliches an sich. Sie macht mich rasend, obwohl meine Kinder nicht asthmakrank sind, obwohl ich meine Kinder nicht zur Schule schicke, obwohl sie auf keinen Fall in der Kantine essen werden und sowieso noch nie gegessen haben. Und doch weiß ich genau, dass wir alle mit in dieser Kantine essen, auch die, die nicht dort essen. Die Kantine ist unserer aller Treffpunkt. Warum versteht Dominique das nicht? Wie vermag er sich diese Mischung aus Optimismus und Fatalismus zu bewahren?

Zum ersten Mal entdecke ich, wie sich Kassandra gefühlt haben muss. Würde ich sie darstellen müssen, würde ich sie schlaflos zeigen und dem Wahnsinn nahe. Nicht weil sie betroffen wäre. Sondern weil sie nicht ertragen kann, dass die Betroffenen sich nicht betroffen fühlen.


Anne Peiter

Corona 76: Verantwortung

Der Übersee-Minister, Sébastien Lecornu, stattet der Insel La Réunion einen viertägigen Besuch ab, als da die Ansteckungszahlen gerade in die Höhe schnellen und die Ärztekammer wortstark daran zu erinnern beginnt, man habe auf der Intensivstation nur 150 Betten zur Verfügung, und die seien eigentlich für schwere Verläufe bei anderen Krankheiten reserviert.

Der Minister wirkt etwas überrumpelt davon, dass jetzt nicht nur über Wirtschaft und Ökologie zu sprechen ist, wie lange geplant, sondern auch über Gesundheit und den Virus. Er nimmt also die Tatsache eines neuen Clusters, der während einer Hochzeitsfeier entstanden ist, zum Anlass, um die Forderung abzuwehren, dass Reisende nicht ohne siebentägige Quarantäne und anschliessenden Test ihren Alltag beginnen dürfen. Und er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bevölkerung, die nicht diszipliniert genug sei, um zu erkennen, dass jeder einzelne ganz persönlich mitverantwortlich für die weitere Entwicklung sei.

Faszinierend und historisch erinnernswert ist ein Foto, das auf der Titelseite der Lokalzeitung prangt. Man sieht da den frisch eingereisten Minister zu Beginn seiner Vier-Tages-Tournee. Er ist maskenlos. Er ist umgeben von einer Gruppe von Menschen, und er schüttelt einer Frau herzlich die Hand, wie es sich bei einem Besuch eines Ministers so schickt. Nur dass dies eben nicht nur ein Besuch zu Fragen von Ökonomie und Ökologie ist, sondern auch ein Besuch, vor dessen Beginn man den Minister gern sieben Tage in einem Quarantäne-Hotel gewusst hätte. Und nach dem Test hätte er dann seinen Besuch beginnen können.

Da man aber – und das lässt sich verstehen – von einem Minister solchen Zeitverlust nicht verlangen kann, achte ich mit besonderer Aufmerksamkeit darauf, wie er, der frisch eingereist ist und weder Quarantäne noch Test absolviert hat, sich insgesamt verhält. Und ich erfahre, dass er mit der Disziplin der Inselbewohner und ihrem ganz unerwarteten Ansteckungsgeschehen unzufrieden ist. Und illustriert wird der Tag vor seinen öffentlichen Anprangerung und seine Rede bezüglich seiner Unzufriedenheit durch ein Foto, wo er maskenlos lächelnd und sehr zufrieden genau das macht, was am Folgetag seine Unzufriedenheit mit den Inselbewohnern begründen wird: dass sie die Bedeutung der Maske und des Verzichts auf’s Händeschütteln nicht verstehen.

Doch es ist gar nicht so sehr der Umstand, dass er das eine fordert und das andere macht, dass er mit den anderen sehr unzufrieden ist und mit sich selbst umso zufriedener, dass er die Einhaltung der Quarantäne anmahnt und selbst keine macht, was mir historisch bedeutsam zu sein scheint. Damit muss man bei Ministern rechnen. Das liegt in gewisser Weise in der Ordnung der Dinge.

Wichtig finde ich hingegen, dass er’s nicht nur macht, sondern auch noch akzeptiert, ja vielleicht sogar fordert, dass seine Inkohärenz fotografiert wird. Nicht was das Foto zeigt, ist interessant (man konnte es sich denken), sondern dass es dieses Foto überhaupt gibt. Diese Unschuld, die sich in der blossen Existenz der Abbildung von Wirklichkeit verdichtet, ist im Kontext des Virus atemberaubend. Man fürchtet sich nicht, die anderen zu kritisieren, man fürchtet sich nicht, das Kritikwürdige selbst zu tun, man sorgt im Gegenteil bewusst dafür, dass Journalisten und Fotografen das Kritikwürdige sehen und verbreiten. Doch die sehen es eben auch nicht, denn sie schießen, drucken und verbreiten das Foto nur, nehmen es selbst aber gar nicht in Augenschein.

Denn kein Kommentar ist dem Foto angehängt, es steht ganz allein da, in reiner Selbstverständlichkeit: Der Minister schüttelt, freundlich lächelnd, einer Frau die Hand und trägt dabei keine Maske. Und die Frau, die ihm die Hand reicht, lächelt auch und lässt sich dabei abbilden, und bildet sich vermutlich viel darauf ein, dass sie dem Herrn Minister die Hand gereicht hat und dabei von einem Fotografen verewigt worden ist. Die Unschuld im Zustandekommen des Fotos, die Unschuld derjenigen, die es zu seinem Zustandekommen haben kommen lassen, die Unschuld derer, die’s als Zeitungsleser sehen und allein erkennen, dass da der Herr Minister maskenlos einer ebenso maskenlosen Frau die Hand geschüttelt hat – das ist das, was für ewig festzuhalten sich lohnt.

Aber man muss gar nicht eigens dafür sorgen! Der Minister selbst hat dafür gesorgt, indem er sich sorglos fotografieren liess, bevor er seiner tiefen Sorge über die sanitären Situation Ausdruck verlieh. Und als er in einer Schule in Le Port dem ersten Schultag beiwohnte und leutselig die Klasse fragte, ob sie unter ihren Masken gut atmen könne, bekam er zur Antwort „Nein!“ Und die Schüler fragten ihn, wie lange sie wohl die Maske würden tragen müssen. Da hat der Minister das geantwortet, was jeder an seiner Stelle geantwortet hätte, nämlich dass er das nicht sagen könne. Jetzt trug er die Maske. Und er trug den Schülerinnen und Schülern auf, sie zu tragen. Denn er trug sie ja auch. Und dass er sie bei dem anderen Fototermin nicht getragen hatte, das hatte er schon vergessen, und die Journalisten auch und die Zeitungsleser mit ihnen.

Und so wird es wichtig, zu notieren und mit Worten festzuhalten, was jeder gesehen und doch nicht gesehen hat: dass der Minister masken, quarantäne- und testlos Hände schüttelte. Vielleicht, so hoffe ich noch in meiner Naivität, springt etwas vom Festhalten durch Worte auf das eh schon im Foto Festgehaltene über, so dass erinnerungsfähig wird, was der Minister selbst zwar getan, aber noch nicht einmal erlebt und schon gar nicht erinnert hat: dass Fotos der Beweis reinster Unschuld sind. Das ist nicht ironisch gemeint. Es ist immer so, wenn die Erinnerung keinen einzigen Tag zurückreicht: Unschuld entsteht, und mit ihr die Aura der Unangreifbarkeit. Und mit ihr der Optimismus, den zu verströmen ja die Aufgabe der Politik darstellt. Das ist das Fundament auch dessen, was er den Jugendlichen in diesem armen Viertel von Le Port gesagt hat: dass er nicht weiss, wie lange sie die Maske noch werden tragen müssen.  

Anne Peiter

Corona 75: Cluster

I

In der Notenschrift sieht ein Cluster so ähnlich aus wie eine Weinrebe: Die runden Notenköpfe liegen nah beieinander. Oder es erfolgt eine vereinfachende Notierung, in der Töne, die mitgemeint sind, durchVerbindungslinien zwischen den beiden Tönen an den Extremitäten angedeutetwerden, selbst aber nicht als eigene Köpfe in Erscheinung treten. Das Klanggebilde, das entsteht, wenn diese Traube musikalisch geerntet wird, besteht zwar aus mehreren, gemeinsam erklingenden Tönen, doch es gibt Komponisten, die darauf bestehen, dass Cluster Einzeltönen ähnelten und gerade keine Akkorde darstellten.

Ich finde, dass das angesichts der aktuellen Situation ein sehr bemerkenswerter Gedanke ist. In den musikalischen Clustern kann man den Einzelton oft nicht mehr wahrnehmen. Er geht auf und ein in den Cluster. Und je größer dieser ist, desto weniger spielt der Einzelton noch eine Rolle. Umso unwichtiger ist es auch, ob es der eine Ton ist, der getroffen worden ist, oder ein anderer. Wichtig ist dann nur, dass er dem ersten eng benachbart, d.h. fast identisch mit ihm ist. Die Art, wie die jeweiligen Instrumente zwecks Herstellung von Clustern zu handhaben sind, ändert sich mitunter radikal. Musiker und Instrument treten auch physisch in ein Verhältnis, das aus Bekanntem ausschert. Cluster auf dem Klavier können zum Beispiel mit der gespreizten Hand oder dem Unterarm hergestellt werden. Oder gespielt wird mit den Saiten im Inneren des Instruments, sozusagen in seinen Innereien. Bei Henry Cowell sieht die Notation der Cluster auf der Partitur dann plötzlich so aus wie ein Mensch mit einem Kopf und vielen, kurzen, sich zur Seite streckenden Armen. Die aber sind zu kurz, als dass sie selbst spielen könnten. Auch haben sie keine Hände. Nur Stummel. Cluster sind ein Phänomen der Haufen, denen mitgespielt wird. So ist das also mit der Ernte, die gerade eingefahren wird.

II

Eine weitere Mathilde-Episode, erneut mit hoppelndem Kaninchen im Stadtpark. Sie ist auf dem Weg zum Klo, wir begrüssen uns. Ob die Kurse mit ihren Querflötenschülern schon begonnen hätten?, frage ich. „Nein, noch nicht“, antwortet sie. Und fügt, weil mein Sohn und ich maskenlos gehen, noch hinzu, ob wir jetzt endlich daran glaubten, dass es den Virus nicht gebe? „Doch“, antworte ich und weise auf unsere Masken, die am Lenker des Tretrollers hängen. Und sie: Sie glaube das mehr denn je, denn diejenigen, die’s glaubten, würde immer zahlreicher. Und dann noch, mit dieser sanften, gänzlich unagressiven, doch etwas brüchigen Stimme: „Dann schläfst Du sicher auch mit der Maske, oder?“

Hier bricht der Wunsch nach Polemik, ja Angriff durch. Der kleine Seitenhieb gegen meine vermeintliche Übertreibung zeigt eine andere Seite der Sanftheit. Ich bemerke noch kurz, ob die Existenz mehrerer Cluster in der Stadt sie nicht beunruhige? Sie erklärt, das sei alles Angstmache. Cluster seien für sie ein Begriff aus der Musik, ein Akkord.

Gerade gestern habe ich Henry Cowell und seine Cluster gehört, nicht zufällig, denn auch mich interessiert die Verwendung des Wortes in der Musik und in der Medizin. Aber seit gestern schon treibt mich der Gedanke um, dass für Cowell ein Cluster kein Akkord ist, sondern so etwas wie ein Einzelton. Und das sage ich ihr auch. Sie scheint Cowell nicht zu kennen, und eigentlich ist es auch ganz überflüssig, dass wir uns jetzt in Bezug auf unsere musikgeschichtlichen Kenntnisse messen. Denn das wäre nur die Verschiebung der Auseinandersetzung auf ein anderes Themenfeld, das doch stets dasselbe ist.
Und so zeigt Mathilde mit einer entschuldigenden Geste auf’s Toilettenhäuschen und geht Pipi machen.

Und mein Sohn sagt noch, als wir uns, weitergehend, über die Begegnung unterhalten, eigentlich seien Cluster, als er noch Akkordeon spielte, immer etwas gewesen, wo man machen konnte, was man wollte.

III

Ob ein Cluster ein Einzelton ist oder ein Gesamtklang, in dem sich die Einzeltöne nicht mehr voneinander trennen lassen, so dass die Individualität aufgehoben wäre und eine Art musikalisches Herdenwesen zu hören ist – er ist jedenfalls kein Akkord. Das heißt, er bricht ein in den musikalischen Verlauf, ist weder aus dem, was ihm vorhergeht, abzuleiten, noch lässt aus ihm sich ersehen, wie es danach weitergeht. Er hat keine Vergangenheit, keine Zukunft, behauptet absolute Gegenwart. Aber er verändert alles.

Als erster Cluster in der Musikgeschichte gilt, soweit ich weiß, der Lulu-Akkord, jener Aufschrei des gesamten Orchesters, der Lulus Ermordung durch Jack the Ripper darstellt. Der Klang wendet das Innere des sterbenden Körpers nach außen. Die gesamte Oper läuft auf diesen Punkt zu, dennoch ist er kein Ergebnis, sondern Ereignis, das den Verlauf sprengt und auflöst. Die in ihm aufgetürmten Akkorde löschen sich durch ihre Massierung gegenseitig aus, hören auf, Material zu sein und werden absolut. Der Cluster ist das Ereignis.

Überträgt man dies auf den Infektionskontext, in dem der Begriff gerade Konjunktur hat, so drängen sich Bedenken auf. Sicherlich ist er erst einmal phänomenologisch gemeint: eine diffuse, dichte, ungeordnete und regellose Ansammlung von Menschen, aus der sich eine ebensolche Verbreitung des Corona-Virus ergibt, ist ein Cluster. Man könnte weitergehen und sagen: durch die Intensität und Regellosigkeit der zwischen den Menschen zirkulierenden Infektionsbeziehungen hören sie auf, Individuen zu sein; es findet sozusagen eine Transformation des Subjekts statt, das Virus übernimmt die Herrschaft und macht den Cluster zu einem Kollektivlebenwesen.

Aber Phänomenologie ist nicht alles. Der Begriff schleppt Geschichte und Tradition mit sich: kann man sie bedenkenlos übergehen? Ich meine nicht. Wenn der Cluster im musikalischen Sinne das Ereignis ist, dann ist er im politischen Sinne ein Schicksal. Was hier passiert, passiert einfach und keine Regierung der Welt kann etwas dagegen tun. Das jedenfalls ist die Ideologie, die durch die Übertragung aus der Musik auf gesellschaftliche Phänomene entsteht. Ach, die Menschen. Sie sind einfach nicht zu kontrollieren sind, weder durch Einsicht noch durch Befehle; sie versammeln sich, einfach so, reden miteinander, feiern einen Gottesdienst oder fahren in den Strandurlaub. Und dann passierts.

Indem von Clustern geredet wird, dankt die Politik ab. Was in der Musik ein kalkuliertes Verfahren ist, um mit Hörgewohnheiten zu brechen und uns mit dem Phänomen reiner unbezogener Klänge zu konfrontieren, die sich zeitlich nicht verbinden und synthetisieren lassen, wird in der gesellschaftlichen Situation, in der wir gerade leben, zur Ideologie eines reinen, unbeeinflussbar ablaufenden Geschehens: Etwas geschieht -: und etwas anderes und etwas anderes, und wieder etwas und etwas. Das UND triumphiert. „Gesund und tot“, wie es an früherer Stelle in diesem Blog einmal hieß.

I + II: Anne Peiter, III: Wolfram Ette

 

Vgl. Corona 57: Das Kaninchen, Corona 46: Leben und Tod I

Corona 74: Die Kaffeetassen


Meine Mutter entsetzt sich über die Geschichte mit den Baseballschlägern, vermutet, dass ich sie mir ausgedacht habe. Wenn ich sie mir ausgedacht hätte, hätte sie sich jedoch über meine Phantasien entsetzen müssen, und nicht über die Geschichte, die dann eben wirklich nur eine Geschichte – die Meine – gewesen wäre. So aber geht es um anderes: Sie kann nicht zugeben, was sie längst weiss, nämlich: dass der Überfall mit den Baseballschlägern natürlich passiert ist.

Und hier die Gründe für die Natürlichkeit ihrer Reaktion: Meine Mutter hält seit bald vier Jahrzehnten wöchentlich ein Kaffeekränzchen mit der Elite des Dorfes, zu der sie sich als Pastorenfrau zugehörig fühlen durfte. Umschichtig besuchte man sich, jede Woche bei einer anderen Freundin. Mit dabei die Witwe eines Architekten, der im Eutiner Denkmalschutz tätig gewesen war, und die Frau eines Geschichtsdozenten der Universität Kiel, der sich gern als Professor bezeichnet. Dieser Professor pflegte seine Frau, wenn er des Nachts, nach harter Arbeit, zurück nach Zuhause, in sein Dorf in der Holsteinischen Schweiz, kam, ganz in seine Arbeit einzuspannen: Sie nähte bis in die Nacht hinein Barock-Kostüme mit starken Schnürungen, die in angemessenem Rahmen, nämlich auf Gütern rund um Kiel, von seinen Studentinnen zwecks historischem Nachspiel des Barock getragen wurden. Diese »Barock-Spiele« waren seine Form von wissenschaftlicher Untersuchung der Epoche bzw. der wissenschaftlich besonders interessierten und promotionsfreudigen Studentinnen. Festessen und Kerzenlicht inklusive.

Meine Eltern liebten das, waren jedes Jahr mit geladen. Die Stoffe waren wirklich sehr schön, und sie hielten das Ganze für historisch interessant. Im hohen Alter verließ der Professor zum allgemeinen Entsetzen und Ergötzen seine Frau mit ihren von Nadeln zerstochenen Fingern und ihrem Pferdegebiss, löste alle Einschnürungen, um mit seiner Geliebten, einer zwanzig Jahre jüngeren Friseuse, endlich glücklich zu sein. Er wunderte sich, als seine Frau das nicht verstehen konnte. Die sah sich plötzlich ohne Unterstützung in Bezug auf die Hasstiraden gegen Flüchtlinge, Ausländer und Juden, für die ihr Mann bis dahin das passende historische Fundament geliefert hatte.

An den Grenzen solle man Wachposten aufstellen, damit auf jeden Flüchtling gleich geschossen werden könne, pflegte die Frau, über den Rand ihrer Gold geränderten Kaffeetasse hinweg, ihren christlichen Freundinnen zu erklären, lange bevor die Flüchtlinge dann wirklich kamen. Jetzt ist sie gegen die Maske, hält den Coronavirus für eine Erfindung und das Ganze für einen von Gates geplanten Völkermord. Sie geht regelmäßig zur Kirche.

Ihr einer Sohn hatte als Jugendlicher einen Metalldetektor. Mit dem fand er Stahlhelme und Archeologisches in den Wäldern der Holsteinischen Schweiz, als die noch den
Alliierten des Zweiten Weltkriegs Widerstand leistete. Die Tochter ist Ärztin in München, hat sich schon Jahre, bevor ihr Vater Hand in Hand mit seiner Friseuse sein Rentnerleben zu genießen begann, von ihrem Mann getrennt. Der Aufruhr der Eltern über diese Schmach war gar nicht zu beschreiben.

Historisch und moralisch sekundiert wird der Professorenfrau von der anderen Rentnerin, die in Tanzania ihre Kindheit verbrachte, Jahre davon, wie sie betont, in einem Internierungslager während des Zweiten Weltkriegs. Sie durfte nichts lernen, war die Älteste von sieben Geschwistern. Die Konzentrationslagerhaft sei furchtbar langweilig gewesen. Später ist ihr erster Mann vor ihren Augen von Schwarzen umgebracht worden. Bei einer Autofahrt. Das hat die Rückkehr nach Deutschland, begleitet von ihrem noch ganz jungen Sohn, beschleunigt. Schwarze kann sie seitdem noch weniger ausstehen als zuvor, aber auf dem Dorf gibt es Gott sei Dank keine. So trinkt sie also seit bald vier Jahrzehnten einmal wöchentlich mit meiner Mutter und den anderen Frauen Kaffee, engagiert sich im Naturschutz und ist als einstige Yoga-Lehrerin, die ihre Kurse in den Räumlichkeiten der Freiwilligen Feuerwehr abzuhalten pflegte, allgemein geschätzt. Juden gibt es im Dorf Gott sei Dank keine. Im Gesprächskreis, den mein Vater als Pastor leitete, galt sie als heller Kopf. Einer ihrer Söhne aus zweiter Ehe ist Pferdeschmied bei der Bundeswehr. Auch sie ist jetzt strikt gegen das Maskentragen.

Meine Mutter ist dafür. Sie entsetzt sich schon seit Jahrzehnten über die Ansichten der Freundinnen. Die seien nur so wahnsinnig belesen! Es sei ganz schwer gegen sie anzukommen!

Die Vierte im Bunde, die Frau eines Physiklehrers, Hausfrau wie sie alle, entsetzt sich mit meiner Mutter. Auch ihre beiden Töchter haben sich scheiden lassen. Sie versteht das Unglück der Freundin. Sorgen bereitet der Lehrersfrau aber vor allen Dingen der Sohn, denn der habe jahrelang sein Informatikstudium nicht abschliessen wollen, habe nur so rumgejobt und als »Alternativer«, gemeinsam mit seiner Frau, seine drei Kinder in einem zusammenbrechenden, unbeheizbaren, schlossartigen Bau in der Nähe von Berlin aufgezogen. Wie man so leben könne! Geschieden ist er allerdings nicht.

All dieses Unglück – Scheidungen, alternative Söhne, die Bedrohung Deutschlands durch Schwarze und Juden – sind durch vier Jahrzehnte hindurch allwöchentlich diskutiert worden. Jetzt ist es nicht so einfach, über dem aufkommenden Maskenstreit plötzlich die Kaffeetasse abzusetzen. Man kennt sich. Man hat sich aneinander gewöhnt.
Und so schliesst sich der Kreis und erklärt sich, dass meine Mutter meint, die Geschichte mit den Baseballschlägern sei als Erfindung wirklich entsetzlich. Und ich
entsetze mich umgekehrt darüber, dass sie sich über die Erfindung entsetzt und dass ich selbst als Jugendliche im Gesprächskreis der Gemeinde meines Vaters mitdiskutiert und höflich die Kaffeetassen herumgereicht habe.

Anne Peiter

Corona 73: Ferien

Kroatien, wo wir uns gerade aufhalten, ist bei den Deutschen beliebt. Die Campingplätze sind nicht voll, aber mindestens die Hälfte der Autos hat ein deutsches Kennzeichen. Sie werden jetzt weniger, weil das Land ab morgen in Österreich und Slowenien zum Risikogebiet erklärt werden wird. Es ist wahrscheinlich, dass Deutschland in einigen Tagen nachzieht. Oder vielleicht auch nicht, weil die Reisenden aus Deutschland einen so robusten Anteil aller Touristen in diesem Land bilden? So, als gäbe es eine moralische Pflicht für uns als Verursacher dafür, dass sich die Lage in Kroatien verschlechtert, das Land nicht mit dem Stigma des Risikogebiets zu versehen?

Es war ja immer schon so, dass Ferien für uns bedeuteten: Ferien vom Deutschsein. Die mediterrane Welt, die wir lieben, ist uns Flucht in die Unverantwortlichkeit; vorsichtiger gesagt: in ein anderes, weniger dichtes, minder belastendes Verhältnis von Staat und Individuum. Wir finden die von Skepsis grundierte Gleichgültigkeit faszinierend, mit der viele Menschen z.B. in Italien (es scheint sich in Kroatien ähnlich zu verhalten) dem Staat gegenüberstehen. In Zweifel kommt nichts Gutes aus dieser Richtung, er ist lästig und hinderlich, man muss sich von seinem Zugriff so unabhängig wie möglich machen, um seine Interessen zu wahren. Obrigkeitssinn und Untertanengeist spielen offenkundig eine geringere Rolle als bei uns, (ebenso wie ihr dialektischer Gegensatz, die Rebellion um der Rebellion willen, die von dem abhängig bleibt, gegen das sie wütet). Beides ist ein Ausdruck von Nahbeziehungen. Solche Nahbeziehungen sind bei uns – unter anderem – ein Ergebnis zweier totalitärer Systeme samt ihrer Nachgeschichte: des „Wiederaufbaus“, durch den große Teile der Gesellschaft sich einem gemeinsamen Ziel unterwarfen.

In Kroatien ist das nicht so. Freilich gab es auch hier, wie in Italien und Spanien (ein weiteres beliebtes Reiseziel von uns Deutschen) eine Diktatur. Aber die gesellschaftlichen Nachwirkungen sind offensichtlich andere. Zieht uns genau das daran an?

Jedenfalls spürt man hier fast physisch die Ferne und Abwesenheit des Staates, das heißt man spürt sie nicht, oder eine Art Hohlraum, ein Unterdruck, der für uns Deutsche die Gestalt einer ständig mitlaufenden Frage hat: wo bin denn ich, wo sind die anderen, wo ist das, was uns zusammenhält?

Am Verhalten im Verkehr lässt es sich ebenso erkennen wie jetzt im Umgang mit der Maskenpflicht. Er ist ziemlich lässig. Gestern beobachteten wir eine Messe im Freien. Vor der Kirche hatten sich sicherlich 1000 bis 1500 Menschen zusammengedrängelt. Soweit ich sehen konnte, trug keiner eine Maske. Masken sind nur in geschlossenen Räumen vorgeschrieben, aber der gesunde Menschenverstand sollte einen ja sagen, wie riskant eine solche Versammlung im Freien ist, auf einem von Mauern umschlossenen, windlosen Platz überdies. Auf einem anderen Platz eine Hochzeitsfeier, viele schöne, aufregend gut gekleidete Menschen waren dort versammelt, plauderten und lachten miteinander. Niemand von ihnen trug eine Maske, von der sie sich vielleicht entstellt fühlten. Was für ein fröhliches Treiben! Die Menschen genossen, wie wir, nur in andrer Form, eine illusionäre Auszeit vom Normalzustand der Epidemie.

Natürlich sind überall Hinweisschilder angebracht, die zum Tragen der Maske in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln, in Museen und beim Betreten von Restaurants auffordern. Unterhalb dessen beginnt aber das Gewusel der individuellen Handlungen, die damit wenig zu tun zu haben scheinen. Und niemanden scheint es groß zu bekümmern, was seine/ihre Nebenmenschen tun. Es wäre ganz undenkbar, dass man in einem Geschäft angesprochen wird, weil man vergessen hat, sich eine Maske umzutun. Nicht vorstellbar, dass es ein Gegenstand von Diskussionen sein könnte. Umgekehrt gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens, der eventuell zu missbilligenden Blicken führen würde, wenn man die Maske um hätte. Es ist einfach egal. Jede/r macht, wie er/sie will, das geht niemanden was an und niemand mischt sich ein.

Das ist unglaublich angenehm. Aber es ist in den Zeiten einer Epidemie, in der ist ja etwas gibt, dass uns unablässig, realkörperlich, zu einem großen kollektiven Gesamtlebewesen verbindet, ein Problem. Wir gehen einander etwas an. Ob wir uns kennen oder nicht, ob wir miteinander verwandt oder befreundet sind, ist ganz egal. Wir gehen einander etwas an, das, was wir tun,  beeinflusst das  Leben derer, von denen wir physisch umgeben sind  und damit potentiell auch das der Gesellschaften, in denen wir leben.

Aber gerade davon wollen wir nichts wissen. Schon gar nicht in den Ferien.  Davon wollen wir uns ja erholen, und da ist Kroatien, wie es scheint, kein schlechter Ort. Dieses Leben und Lebenlassen. Gerade für uns Deutsche ist es wohltuend, wenn wir darunter leiden, wenn ein Landsmann oder eine Landsfrau sich wieder mal zur Vertreterin des Allgemeinen aufschwingt und als verkörperte Gesetzeshüter einen anbrüllt, wenn man mit dem Fahrrad auf dem Gehweg fährt oder mit dem Auto auf dem Fahrradweg parkt. Aber wir können uns das jetzt eigentlich nicht leisten.

In den Mittelmeerländern Ferien zu machen, bedeutet nicht bloß, dorthin zu fahren, wo es so warm ist, das alle Aktivität herabgesetzt wird, und das Leben auf den einfachen Zyklus zwischen Erhitzung und Abkühlung zurückgeführt wird, sondern es bedeutet auch, Kulturkreise aufzusuchen, in denen das Verhältnis zwischen den Einzelnen und dem Staat ein anderes ist. Es bedeutet, dass wir aus den Alltagsroutinen ausbrechen, deren wichtigste ist, dass wir uns Gedanken über die Bedeutung unseres Tuns machen. Man muss sich damit mal nicht belasten. Anderswo scheinen die Probleme nicht so groß zu sein, weil man sie nicht in diesem Umfang zum Problem macht. Oder?

Ich selbst  kann mich von diesen Sehnsüchten nicht ausnehmen. Sonst wäre ich ja nicht hier. Aber ich beginne langsam zu begreifen, dass Corona, von dem ich nicht glaube, dass es so bald verschwinden wird, uns auch zu lehren haben wird, in welcher Form wir in Zukunft Ferien machen.

Wolfram Ette

Corona 72: Die Baseballschläger


In einem Waschsalon ist ein Vater zweier kleiner Söhne, fünf und sieben Jahre alt, von vier Männern mit Schlägen traktiert worden, nachdem er, als seine Maschine fertig war und er mit dem Zusammenlegen seiner Kleidung begonnen hatte, einen Mann, der maskenlos hereingekommen war, zum Aufsetzen der Maske aufgefordert hatte. Der war weggegangen, gleich darauf aber in Begleitung von drei Freunden zurückgekommen. Zwei hatten Baseballschläger dabei, mit denen sie auf den Maskenbefürworter eindrangen, ihn schlugen, bis er, stark blutend und mit Gehirnerschütterung, zu Boden ging. Und auch da gingen die Schläge gegen den ganz Wehrlosen weiter. Und weiter. Und immer weiter. Tot geschlagen haben sie ihn nicht. Aber die Kinder konnten nach dem Ereignis nicht einschlafen. Sie haben den Vater in seinem Blut gesehen. Und was der Vater nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus zu sagen hatte, betraf sie, weniger sich: dass nämlich die kleinen Söhne danach nicht hatten einschlafen können.

Behauptet wird von Seiten der Maskengegner, man tue ihnen Gewalt an. Es ist mir jedoch bisher kein Fall bekannt, in dem ein Maskenträger einen Maskenlosen angegriffen hätte, weil er maskenlos war. Auch das kann noch kommen. Oder es ist schon gekommen. Vielleicht ist es mir entgangen. Gewalt wegen einer Lappalie, hin und her, mit wechselnden Fronten?

In dieser Geschichte ist jedenfalls zu beobachten, dass man seine eigene Maskenlosigkeit zum Anlass nimmt, um eine Hetzmasse zu bilden. Zur Verteidigung der Maskenlosigkeit, wird impliziert. Als Zeichen der Entschlossenheit, sich nichts sagen zu lassen, von der Polizei nicht, und von der Zivilgesellschaft schon gar nicht. Und noch weniger von einem Mann, der von den Wehrlosesten, nämlich ganz jungen Kindern, begleitet wird! Man genießt genau diese Wehrlosigkeit. Man wendet sich nicht gegen die Kinder (das kann noch kommen), doch gegen das Verantwortungsbewusstsein, dass der Vater diesen gegenüber empfunden haben mag. Also genau gegen das, was einem stinkt: verantwortlich zu sein.

Die Überwachungskameras des Waschsalons haben zugeschaut und aufgezeichnet, was passierte. Ihr Auge hat die Täter nicht davon abgehalten, auf den Kopf ihres Opfers zu zielen. Dieses war die lang erwartete, die sich bietende Gelegenheit. Unmaskiert. Erkennbar schlagen in und hindurch zur eigenen Identität, direkt unter dem Auge der Kamera.

Erleichternd kam hinzu, dass der Mann selbst sich dargeboten hatte. Hätte er nur die Maske getragen und nichts gesagt, hätte man ihn vielleicht in Ruhe gelassen, und je
der hätte, maskenlos oder maskiert, chacun à sa façon, seine Wäsche gewaschen oder zusammengelegt, bald wieder aufbrechend, um die saubere Wäsche zuhause in den Schrank zu tun. So aber hat er – der Vater – die Maske fallen lassen und sich als ihr wirklicher und überzeugter Befürworter geoutet. Mit einem kleinen Satz. Sein Verhängnis. Seine Schuld. Er war nicht etwa ein Maskenträger, der macht, was man ihm aufzwingt, sondern einer, der zu allem Überfluss auch noch überzeugt ist davon, dass er, der Kinder hatte, verantwortlich sei für diese und über diese hinaus.

Das Erschreckende ist die Zeit, die vergangen ist zwischen dem Satz und den Baseballschlägern und ihren Schlägen. Der Maskenlose hatte Zeit, zu überdenken, was er tat oder tun wollte. Er hat nicht spontan gehandelt, allein, aus einer plötzlichen Wut heraus. Vielmehr hat er sich organisiert, sich extra auf den Weg gemacht, Verstärkung geholt, genossen, dass es endlich los gehen konnte: Das Opfer war da. Die Baseballschläger lagen bereit. Den Freunden musste er nichts erklären. Die Herrlichkeit der Maske! Sie bezeichnet jetzt denjenigen, mit dem man nicht einverstanden ist. Oder den, der nicht mit einem einverstanden ist. Dieses Letzere als das Erste, als der Auslöser von Allem.

Es gibt plötzlich alltäglichste Situationen, in denen hervortritt, dass fehlendes Einverständnis herrscht. Der verborgene Jubel darüber, dass man deswegen den anderen bis auf’s Blut prüfen kann, gemeinsam, weil man nun endlich weiß, dass er einen, gemeinsam mit einem Fünf- und einem Siebenjährigen, angegriffen hat, ist gross. Unmaskiert gegen die weiße Wäsche. Blut, das nicht zu trocknen ist im Trockner gleich neben den Waschtrommeln. Die weiße Weste derjenigen, die nur aus Notwehr zuschlugen. Zu viert. Die Kinder wissen ihrerseits bis in die Verästelungen ihrer neuen Schlaflosigkeit hinein, was das ist: die unmaskierte, sehende Gewalt. Nichts Blindes. Die Arme, die die Schläger hielten, zielten genau.

Anne Peiter

Corona 71: Gegenseitigkeit

Die Briten erlegen den Franzosen, wenn sie ins Land einreisen wollen, eine Quarantäne von vierzehn Tagen auf, begründen dies mit dem dramatischen Anstieg der Zahl der Ansteckungen im Nachbarland. Die Franzosen zeigen sich irritiert, kündigen an, sie würden ihrerseits dem Prinzip der Gegenseitigkeit folgen und den Briten, wenn sie ins Land einreisen wollen, eine Quarantäne von vierzehn Tagen auferlegen. Von den Zahlen in Grossbritannien ist nicht die Rede, denn diese sind gerade mal ein wenig besser als in Frankreich.

Frankreich fühlt sich pikiert, so als ginge es um einen militärischen Angriff und nicht um Zahlen. Der nationale Stolz scheint verletzt, weil die erhöhte Verletzlichkeit durch den Virus Tatsache ist. Aber es ist, als würde die Tatsache erst dadurch Tatsache, dass jemand anderes sie zur Grundlage für Entscheidungen nimmt. Man sagt zwar selbst, dass in der letzten Zeit die Verletzlichkeit durch den Virus stark zugenommen habe und entsprechende Entscheidungen gefällt werden müssen, doch was man selbst sagt und weiss, lässt man sich darum noch lange nicht von anderen sagen.

Die Anwendung des Prinzips der Gegenseitigkeit entspricht einer Logik der Rückschau und nicht der Vor-Sicht. Es ist noch gar nicht lange her, da war die Situation in Grossbritannien katastrophal, und Frankreich durfte sich sagen, Herr der Lage und also auch der Definition des Verhältnisses zu den Briten zu sein. Jetzt dreht sich der Spieß um, und man sagt nicht mehr gern, dass das, was vor gar nicht so langer Zeit die Probleme der Briten ausmachten, in allernächster Zukunft die eigenen sein könnten. Man konzentriert sich also auf die einstigen Probleme einer fremden Nation, um sich nicht auf die eigenen Problemen hier und jetzt konzentrieren zu müssen.

Dabei ist die Anwendung des Prinzips der Gegenseitigkeit natürlich der schlagende Beweis dafür, wie sehr man bereits vor dem Hier und Jetzt zittert, und vor der Zukunft erst recht. Die Gegenseitigkeit ist nur Ausdruck der Idee, das Recht auf Vorsicht habe nur man selbst, nicht aber die anderen. Und das obwohl, als es den Briten so richtig schlecht ging, man selbst entschieden der Überzeugung war, man müsse wirklich vorsichtig im Umgang mit ihnen sein. Und jetzt wird man also vorsichtig mit sich selbst sein müssen.

Anne Peiter

Corona 70: Sputnik

Die Rückkehr des Kalten Krieges in der Jagd nach dem Impfstoff, die Benutzung des Sputnik als schon existierende Umlaufbahn, in die man sich, zurück zur Gesundheit, katapultiert zu haben glaubt, ist unheimlich, weil es immer noch oder schon wieder darum geht, der Erste zu sein. »Die Amerikaner waren damals überrascht, als sie Sputnik haben piepen hören«, meint Kirill Dmitriew, Chef des russischen Staatsfonds und Mitverantwortlicher für die russischen Impfstoff-Forschung, die jetzt stolz ihren Durchbruch verkündet. [1]

Wie die Metapher doch zwischen Verheissung und Bedrohung schillert! Technisch sind Sputnik wie Impfstoff Beweis eines neidvoll beäugten Knowhows. Politisch aber sind sie Werkzeuge zur Angsterzeugung. Man behauptet, bei der Bekämpfung der Epidemie den entscheidenden Schritt getan zu haben. Die Angst sei vorüber. Die Rettung sei da. Doch indem man den Vergleich zum einstigen Rüstungs-Wettlauf zieht, verfällt Putin zugleich in eine Drohgeste, die quer zur Erleichterung über das behauptete Ende der Epidemie steht.

Sputnik 1 beruhte auf einer modifizierten Interkontinentalrakete. Sie schickte, bevor sie verglühte, Signale, die auf der ganzen Welt empfangen werden konnten. Die Interpretation des Piepens erfolgte mit unzweideutiger Promptheit: Die USA fühlten sich beim Wettlauf ins All überflügelt und daher atomar noch stärker bedroht als in den Jahren zuvor.

Jetzt ist man eigentlich nicht bedroht, denn der Impfstoff ist ja keine Waffe. Und doch macht die russische Propaganda ihn dazu. Man redet sich groß und mit sich das Gegeneinander in diesem neuen Wettlauf. Man behauptet, ihn gewonnen zu haben, und bedenkt nicht, wie neben die Überblendung von Makroskopischem – wie sie sich im Bild von der Umlaufbahn des Sputnik um die Erdkugel herum verdichtet – und Mikroskopischem – wie sie in der gleichfalls erdhaften Kugelgestalt des Coronavirus mitsamt ihrer antennenartigen Auswüchsen unsere Vorstellung besiedelt – tausend Ansatzpunkte für weitere Parallelen und Assoziationen bieten. Denn Laika, die in der zweiten Sputnik-Kapsel untergebrachte Testhündin, ist an Hitze und Stress vermutlich weit früher gestorben, als man mit Hilfe des ihr zugedachten, portionsweise zu verabreichenden Giftes erwartet hatte. Es lässt sich also genug Bild- und Erzählmaterial finden, um die »große Tat« wieder klein zu reden. Putin will Angst verbreiten und beeindrucken, doch die Angstflüsse, die vom Wort »Sputnik« ausgehen, könnten ganz unkontrolliert verlaufen. Sind diejenigen, die jetzt in Russland, freiwillig, als erste geimpft werden, die neuen Hunde? Sind sie dem scheinbaren Fortschritt zu opfernde Wesen?

Auf der einen Seite haben wir Trump, der darauf hofft, sein eigener Impfstoff möge pünktlich vor dem Wahlkampf da sein und, als Angstbeseitiger, seine Wiederwahl sicherstellen. Und auf der anderen Seite haben wir Putin, der die Angst schon ganz beseitigt zu haben glaubt. Ob sich die Männer über der je eigenen Benutzung der Angst dann plötzlich Hand und Impfstoff reichen? Als mulmig stimmendes Ende eines weiteren Kalten Krieges, den wir aber auf diese Weise, bei dieser Allianz, gar nicht wünschen können?

Eingekeilt zwischen Ängsten vor dem Virus und Ängsten vor der Art seiner Beseitigung, zwischen Ängsten von Impfgegnern und dem verhaltenen Optimismus von Impfbefürwortern, zwischen dem einen Block und dem anderen, dem russischen Großsprecher und dem US-amerikanischen – das ist unsere hermeneutische Position. Der Eiserne Vorhang ist da und doch nicht da, man will uns Angst machen und zugleich locken, Laika ist an Hitze zugrunde gegangen und wir leiden unter Kälte. Es ist ein wildes, quirlendes Gemisch, das in der Konkurrenz um die schnelle, gar zu schnelle Impfstoffentwicklung entsteht, und wohin diese Konkurrenz massenpsychologisch und angstgeschichtlich führen wird, ist noch gar nicht abzusehen.

Laika, die beschäftigt mich. Sie war, so lese ich, nicht die einzige Hündin, die für die Weltraumfahrt ausgesucht worden war. Gleich drei Tiere hatte man trainiert, und zwar, indem man sie für immer längere Zeiträume in immer kleinere Käfige sperrte, um sie an die enge Weltraumkabine zu gewöhnen. Lockdown als sportorientierte Weltraumpädagogik. Die Enge führte dazu, dass die Tiere keine Fäkalien mehr ausschieden, unruhig wurden und gesundheitlich zu leiden begannen. Zentrifugen, für die aus Übungszwecken eigens mit Apparaten für die kommenden Vibrationen und den Lärm der Rakete ausgestattet worden waren, sollten an die Beschleunigung, die der bevorstehende Flug voraussetzte, gewöhnen. Als Nahrung bekam Laika Gel von hohem Nährwert, um im All durchzuhalten.

Es fehlt nichts: Die Enge der Raumfahrtkabine, die zwecks Vermeidung gefährlich tiefer Temperaturen durch einen Schlauch mit einer Klimaanlage verbunden worden war, das Gel, das Laika zu fressen bekam, weil man ihr die Pfoten nicht desinfizieren konnte, die fiebrige Hitze, die sich ihr nach dem Start über den Raumflugkörper mitteilte und zu ihrem Tod beitrug, Schläuche, Atmungsstörungen, Fieber, Desinfektion, Verdauungsprobleme, einkalkulierter Tod, Eingesperrtsein in einer Kapsel, Zwang, sich an dieses Eingesperrtsein zu gewöhnen. Es steht ausser Frage: Das Gehetze im run nach dem Impfstoff äussert sich auch in der Gehetztheit des wuchernden Vorstellungsmaterials, das uns alle zu überfordern droht.

Und dann explodiert, parallel zu den Erinnerungsfeierlichkeiten in Hiroshima, auch noch die Hauptstadt des Libanon. Man erfährt, dass die Stärke dieser Explosion etwa einem Zehntel der Stärke der Bombe von Hiroshima entsprochen habe. Sputnik und der neue, unbestimmte Krieg. Der Libanon und Hiroshima. Heute und damals. Alles ist wieder da, doch unverständlich miteinander durchmischt. Die Zeitungslektüre fühlt sich an wie eine Begegnung mit einer Masse von Geistern aus der Zeit des Kalten Krieges, die ihren Standort wechseln, je auf ihre Weise ihre Version zur Pandemie herausröcheln oder -schreien, in beängstigender Vertrautheit miteinander, sich verbündend und wieder entzweiend.

Anne Peiter

[1] https://www.nordkurier.de/aus-aller-welt/hat-russland-schon-einen-corona-impfstoff-0540245308.html

Corona 69: Die Grillen

Auf dem Campingplatz, auf dem wir die diesen und nächsten Tage verbringen, ja überhaupt auf der ganzen Insel Korcula, hören wir Grillen. Es ist ohrenbetäubend. Nachts geben sie Ruhe, doch mit dem frühen Morgen beginnen die sägenden, tschilpenden, rhythmisch sich wiederholenden und doch nie ganz miteinander identischen Geräusche und begleiten uns den ganzen Tag. Eigentlich ist es unerträglich, aber man gewöhnt sich daran und nimmt es irgendwann nicht mehr wahr. Es gehört dazu.

Es ist nicht einfach, eine Grille zu sehen. Wir blicken wieder und wieder in die Bäume, aus denen es tönt, aber wir können sie nicht finden. Natürlich wissen wir aus Lexikonartikeln, wie eine Grille aussieht, es gibt sie ja wirklich, aber sie sind so gut getarnt, dass wir jetzt und hier, schon müde von der schnell greller werdenden Sonne, nicht nach ihnen suchen können. Aber der Lärm ist da, ist faszinierend laut und lässt Rückschlüsse auf ein Riesenlebewesen zu. Es besteht aus Millionen unsichtbarer Kleintiere, die jede ein individuelles, von den anderen unterschiedenes Geräusch hervorbringen. Weil wir sie aber nicht identifizieren können, verbinden sich alles zu einer Symphonie, die keinen Ursprung hat.

Und das Geräusch lässt nicht gut beschreiben. Es ist ein Scharren, Schnarren, Reiben, fast wie ein Zähneknirschen. Dann versucht man es mit einem Wechsel der Einstellung und sie klingen wie Vogelstimmen – was bloß heißt, dass wir uns etwas wie Vögel vorstellen, die in den Bäumen sitzen. Aber dafür sind sie dann auch zu regelmäßig. Es könnten synthetisch erzeugte Geräusche sein, entsprungen dem Hirn eines Elektronikbastlers. Eine druckvolle Bassline, eine Melodie darüber und es ließe sich danach tanzen. Es ist irgendwo zwischen natürlich und künstlich, lebendig und tot – so wie für mich Insekten überhaupt zu diesem Zwischenreich teilhaben. Man denke an Heuschrecken. Stundenlang können sie vollkommen bewegungslos verharren, wie tot: dann, eine Regung, eine Beute, eine Gefahr, und im Augenblick sind sie woanders, so schnell, dass man der Bewegung nicht folgen kann und sie aus dem Auge verliert. Das macht das Bedrohliche an ihnen aus. Dieser Raum zwischen Leben – dem sehr beschränkten Begriff des Lebens, von dem ich ausgehe – und Tod – ist meine Vorstellung davon auch beschränkt? – ist jedenfalls kein transitorischer, so dass der Ausdruck »Zwischenreich« nicht recht passt. Es ist vielmehr eine Art Kipp-Raum, wie eine optische Täuschung, in der die Perspektive hin- und herspringt. Es sieht mal so aus, nmal so; tote Materie, materielles Leben, Phantasie eines genialen Tüftlers oder eine Erscheinungsweise des Lebendigen, das die Myriaden von Kleinlebewesen vielleicht viel lieber hat als uns uns Großtiere.

Und vergessen wir nicht: es ist eine der am weitesten verbreiteten Lebensformen auf unserem kleinen Planeten – wenigstens zu Lande. Noch immer gibt es Millionen Arten, die nicht erfasst wurden. Es ist unaufhörliches Leben, ein permanenter evolutionärer Ausstoß, ein Grundrauschen, das DEM LEBEN als überindividuellem, alles in alles verwandelndem Prozess viel näher steht als wir, die wir als schwanke Frucht auf einer der feinsten Verästelungen dieses Gebildes zu sehen sind, hochkompliziert und überreif und schrecklich beschränkt aus all diesen Gründen.

Eine Oktave tiefer. Wir liegen auf dem steinigen Strand. Das Getön der Grillen, das Rauschen des Wassers, die fragmentierten Rufe und Schreie der Badenden. Ich irgendwo dazwischen. Ich löse mich langsam auf, diffundiere in die eine oder in die andere Richtung. Alles zersetzt sich zu Teilen und es muss sich zu Teilen zersetzen, um wieder ein größeres Ganzes zu bilden: eine kommunizierende Einheit von uns Körpern, aber doch noch mehr als bloß von uns Körpern; auch das Unbelebte, die Felsen und das Wasser, die Steine oder das nicht mehr lebendig wirkende, wenngleich untentwegtes Leben verratende ununterbrochene Geräusch, noch mal und noch mal, mit einem anderen Wort, der Zikaden: all das verbindet sich zu einem Gesamtzusammenhang, von dem ich den Rand zu fassen bekommen.

Vielleicht verhalten sie sie, die Zikaden, die Grillen, zum Virus wie wir zu ihnen. Immerhin kann man die Grillen hören. Das ist eine Hilfe, uns fällt jedenfalls überhaupt etwas dazu ein. Aber es bleibt fremd, man kann ihnen nicht zuhören, man kann sich nur daran gewöhnen, sich einlullen lassen, sie vergessen. So begegne ich dem Virus wieder, vor dem ich in die Ferienwelt geflüchtet bin, und den wir, wie es Anne Peiter beschrieben hat, vielleicht aus der Ferienwelt mit nach Hause bringen. Durch die Ferien machen wir uns vor, dass Normalität herrscht: dadurch, dass wir ihre Durchbrechung selbst organisieren und kontrollieren. Dadurch könnte es sehr gut sein, dass, wie Anne Peiter es beschrieben hat, die »erste Welle« zur »zweiten wird«. Aber eigentlich war es von Anfang an klar, also von dem Moment an, in dem die »Kurve« zur »Welle« metaphorisch weiterentwickelt wurde. Wellen bilden einen Zusammenhang, sie sind durch ein Wellental voneinander getrennt und verbunden, darunter das Meer, eine in sich ruhende Bewegung, die ich nun auch jeden Tag wahrnehme, eine einzelne Welle gibt es gar nicht. Wer A sagt, muss B sagen, und wer »erste Welle« sagt, muss auch »zweite Welle« sagen – nein, sie / er hat es eigentlich schon gesagt, die zweite und möglicherweise auch die dritte und vierte Welle sind so sehr mit der Vorstellung der ersten Welle verbunden, dass man, sitzend am Strand und zerstreut dem Lauf der Wellen folgend, die Zeit fast vergisst und man geneigt ist, mit Anne Peiter zu sagen, dass die zweite Welle die erste sei, im Ohr das Rauschen des Wassers und das stete Gebrüll der Grillen.

Wolfram Ette

Corona 68: Die zweite Welle

Es ist nicht ganz sicher, aber die Forschung scheint zur Zeit davon auszugehen, dass der Virus nicht von jahreszeitlichen Faktoren, etwa der herrschenden Temperatur, abhängig ist. Es wird diese Feststellung als Problem gewertet, denn sie stellt den Virus auf Kontinuität. Die anfängliche Hoffnung, der Virus werde eine Pause machen, muss aufgegeben werden, und wir sind schon voll dabei, ihn aufzugeben. Doch wenn Frühling, Sommer, Herbst und Winter keine entscheidende Rolle spielen, dann verstehe ich nicht, warum sich die Wellen-Metaphorik hält. Wäre es nicht logischer, davon auszugehen, dass das gesamte Geschehen ein einziges, zusammengehörendes ist? Nicht eine erste Geschichte und jetzt, sich langsam Bahn brechend, eine zweite, von der ersten getrennte, sondern vielmehr schlicht die Welle, die wir schon kennen? Eine, die gar nicht erst zurückgespült ist?

Man mag dem entgegenhalten, sie  sei  doch aber zurückgespült, denn die Zahlen seien ja tatsächlich zurückgegangen. Ja, würde ich erwidern, das sind sie, doch wegen der  Maßnahmen, die gegen den Virus getroffen worden sind. Und jetzt, wo sie zumindest in Europa zum Großteil wieder aufgehoben worden sind, merkt man gleich, dass es eben keineswegs vorbei ist. Und doch hält sich der Gedanke, da komme sie leider, die zweite Welle. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die zweite Welle, obwohl zunehmend beunruhigend, etwas psychologisch extrem Entlastendes an sich hat. Würde man sie nicht haben, dann müsste man sich sagen, dass die erneut sich verstärkende Ausbreitung des Virus nicht eine Eigenschaft oder Bosheit oder Entwicklung des Virus selbst ist, sondern die Konsequenz der Ferien, die wir von ihm zu machen können hofften. Diese Ferienidee wäre der  eigentliche  Grund dafür, dass er sich nicht weiter zurückgezogen hat – sagen wir einmal: zum Wandern in den frischen Lüften der Berge oder an die von Sonne überfluteten Strände, aber allein, ohne uns.

Wenn wir ehrlich wären, dann müssten wir zugeben, dass der Virus sich gefreut hat, dass  wir  so gern Ferien machen, in die Berge fahren oder ans Meer, denn dadurch konnte er, immer noch als erste Welle, weiter rollen, quasi ohne Unterbrechung. Er konnte uns folgen in die Ferien, mitwandern in den Bergen und mitschwimmen im Meer, teilhabend an unserem Stoßseufzer der Erleichterung, endlich seien die Ferien da, nach all dem Stress der letzten Monate.

Und vielleicht ist es sogar noch perverser: Wir sagen uns, dass wir  jetzt Ferien machen müssen, weil alle Prognosen darauf deuten, dass es im Herbst und Winter wieder dicke kommt und man dann auf keinen Fall verreisen kann. Und in Antizipation dieser Zukunft verreisen wir also jetzt und
stellen, weil wir uns beeilen, das, was wir nicht wieder haben wollen, überhaupt erst her. Die Schnelligkeit, mit der der Virus wieder auf uns zurückt, ist unsere eigene. Wir sind er. Ferien, das ist nicht eine Erholung von ihm, sondern eine Methode, ihn heranzulocken.

Wenn das stimmte, dann wären unsere Ferien das, was den Rückzug des Virus von uns unmöglich macht, und also, obwohl wir uns in den Ferien glauben, das  Gegenteil  von Ferien. Ferien, das sind die Ferien, die sich selbst auslöschen, die sich den Haufen Arbeit, der uns nicht etwa nur danach – wie üblich – erwartet, sondern schon jetzt, noch mitten  in  den Ferien, immer mehr Menschen erfasst: die Arbeit, sich aus der Krankheit, vom Tode weg, wieder ins Leben zu retten. Die Arbeit, Neuerkrankte dabei zu unterstützen.

Es wirkt auf mich wie ein kollektiver Wahnsinn, dieses Bedürfnis, Ferien zu machen. Der Tourismus sollte wieder angekurbelt werden, möglichst im eigenen Land, das als neu zu entdeckendes Ferienland allenthalben gepriesen wurde. Die Regierungen sind nicht mehr als die Sachverwalter unserer (und ihrer) Unfähigkeit, realistisch zu sein. Unserer (und ihrer) Unfähigkeit, das vielgepriesene, utopische Potential praktisch werden zu lassen. Man verreist, als wäre nix gewesen. Man freut sich der gesunkenen Zahlen, erbost noch über die vielen Einschränkungen, die man hat erdulden müssen, und stellt sich nicht vor, dass das, was künftig – und zwar in baldigster Künftigkeit – zu erdulden sein wird, von uns selbst bewirkt worden sein wird, quasi  unabhängig  vom Virus. Wir begeben uns zurück in die Abhängigkeit von ihm, wir unterwerfen uns ihm, weil wir, kaum dass die gewohnten Reisetermine da sind,  wirklich  reisen, und zwar von den Regierungen unterstützt, von billigen Preisen gelockt und eingefleischt in Gewohnheiten, die jenseits jeder Reflexion und Körpererfahrung stehen.

Oder, schlimmer noch: Wir stellen uns sehr wohl vor, was kommen wird, und reisen gerade darum. Die letzte Gelegenheit nicht verpassen. Seinen Teil vom Glück noch abkriegen.
Und die Rhetorik der französischen Regierung spiegelt den Grundwiderspruch: dass Ferien leider Gottes in kürzester Frist das Gegenteil ihrer selbst sein werden. Es wird wiederholt gemahnt, man solle doch trotz der Ferien bitte nicht vergessen, dass der Virus keine Ferien kenne. Und gleichzeitig wird das neue Schul-, Studien- und Arbeitsjahr vorbereitet, als hätte man mit den Ferien an Meer und in den Bergen wirklich eine Rückkehr verdient, die, wie jedes Jahr, zumindest für ein paar Monate auf den Glanz der Auszeit bauen und von ihm zehren kann. Solange, bis man wieder anfängt, müde zu werden.

Ich befürchte, dass das Gegenteil eintreten wird. Mitten aus der Sommerfrische heraus oder wenigstens kurz davor, nämlich am 9. Juli, schrieb das französische Schulministerium ein Protokoll mit den zu treffenden Massnahmen zuende, das, unter Vermeidung jeder Öffentlichkeit, am 20. Juli allein an die Schulbehörden der verschiedenen Regionen weitergeleitet wurde. Das Protokoll besagte: Es werde alles wieder ganz normal zugehen, Abstände müssten nicht länger gewahrt bleiben, die Kantinenversorgung werde wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen können, Unterrichtsmaterial könne problemlos geteilt werden und der Betrieb auf dem Schulhof in die üblichen Bahnen zurückkehren. Zwar empfahl man noch, möglichst grosse Abstände zu wahren und im Fall, dass das unmöglich sei, Masken aufzusetzen (aber nur für Kinder über 11 Jahre), aber das war auch schon alles. Am 9. Juli also, kurz vor Beginn der Ferien, glaubte man bereits sagen zu können, der Schulbeginn werde einer Fortsetzung der Ferienzeit gleichkommen.

Besorgt sind nur die SchuldirektorInnen, und auch die nicht immer. Sie sind diejenigen, die umsetzen müssen, was von Seiten des Ministeriums an Vorschriften ergeht. Zur Zeit wissen sie also: Es gibt nichts vorzubereiten, was nicht auch sonst vorbereitet werden müsste. Ein fast normales Jahr steht bevor. Die Massnahmen sind nichts Grossartiges. Die Ferienstimmung schwappt vom Ministerium hinein in die Lehrerschaft und die jeweiligen Schulleitungen.

Doch die Intelligentesten unter den SchuldirektorInnen erleben die letzten, verbleibenden Tage ihrer eigenen Ferien schon in dem Bewusstsein, dass es in letzter Minute doch noch anders kommen wird. Der Text vom 9. Juli war als endgültig bezeichnet worden, doch „unten“ sagt man sich schon jetzt, dass, sobald die Ferien wirklich vorbei sein werden, das das Erstaunen darüber einsetzen wird, dass die Ferien nun wirklich vorbei sind und Virus und Arbeit in voller Stärke „wieder“ da. Aber genau dieses „Wieder“ ist ein Irrtum! Der Kardinalfehler! Der 9. Juli, das ist ein Datum aus der Frühgeschichte, ein Datum der Vorferienzeit, ein Symbol für die Erleichterung darüber, dass man jetzt, Virus hin, Virus her, in die Ferien fahren konnte. Und weil also dieses Dokument des Ministeriums ganz Reflex dieser Stimmung ist, scheint es mir so traurig einfach zu sein, vorauszusagen, dass die eigentliche Arbeit  mit den Ferien  begann,  wegen der Ferien  an Schwere zunahm.

Wir erholen uns hin zu einer nicht nur individuellen, sondern vielmehr gesamtgesellschaftlichen Erschöpfung. Wir stellen diese Erschöpfung selbst her. Unsere Vorstellungskraft erschöpft sich im Wunschdenken, und der beste Beweis für dieses ist der Begriff der „zweiten Welle“. Diese wird nichts anderes sein, als Ausdruck der Zurückweisung unserer kollektiven Verantwortung dafür, zu dumm dafür zu sein, uns  wirklich  Ferien zu verschaffen: Ferien durch Verzicht auf das Übliche, Ferien durch eine Ausgelassenheit gegenüber und in der Zukunft, die wir schon jetzt verdunkeln, weil wir jetzt, mitten in den Ferien, nicht zu sehen vermögen, dass diese das Gegenteil ihrer selbst sind.

Und ich glaube noch nicht einmal, dass, sozusagen aus pädagogischen Gründen, die jeweiligen Ministerien auf eine schonende Weise die Realitäten zu kommunizieren versuchten. Im Gegenteil scheint es mir so zu sein, dass man, eben weil Ferienbeginn war, kollektiv wirklich und ehrlich davon überzeugt war, es sei Ferienbeginn. Also gar nichts Böses, nicht einmal etwas Inkompetentes, vielmehr: Der Ferienbeginn war da. Und in den Ferien macht man Ferien. Und wenn dann nach diesen Ferien doch plötzlich der Virus wieder da ist, dann hat einen eben leider Gottes die „zweite Welle“ ergriffen, die sozusagen, getrennt von uns, auch Ferien gemacht hat und, pünktlich zu Schulbeginn, wieder mit ihrer Arbeit beginnt. Und die Illusion wird darin bestehen, dass der Virus und wir gemeinsam in die Ferien gefahren sein werden und dass also gerade die Lust des Virus, Ferien zu machen, das eigentliche, von uns nicht einmal in Ansätzen erkannte Problem darstellte.

Es zeigt sich mithin, dass wir immer noch nicht die Einheit zwischen ihm und uns zu begreifen gelernt haben, dass unsere Ferien die Seinen sind, und die Rede von der „zweiten Welle“ nur dann als akzeptabel gelten darf, wenn wir’s nicht mehr metaphorisch meinen, sondern konkret: Die „zweite Welle“, das ist die Welle, in die wir uns jauchzend warfen, nachdem die lange Zugfahrt hinter uns lag, wir die Matte ausgerollt, den Badeanzug angezogen und die Sonnencreme aufgetragen hatten. Die „zweite Welle“ ist die „Ferienwelle „.

Mein Plädoyer: Nehmen wir die Sprache ernst. Sie sagt, wenn wir sie wörtlich nehmen, was wir wirklich sind. Wir sind Realisten der Metapher, die wir als Beschreibung unserer selbst nicht wahrhaben wollen. Wir glauben, den Virus zu beschreiben, und beschreiben doch uns selbst. Wir meinen es uneigentlich und sind es selbst recht eigentlich. Wir glauben, die Sprache zu sprechen, doch sie spricht durch unsere Körper hindurch. Die „zweite Welle“ ist diejenige, die uns Frische mitteilte, in der wir uns getragen fühlten, erleichtert und glücklich über die Möglichkeit zur Erholung.

Die „zweite Welle“ ist die erste. Das eigentliche Problem, das wir haben, ist eines mit dem Zählen. Eins, zwei, drei, das scheint nicht so schwierig zu sein. Doch wie schön wäre es gewesen, wir könnten gar nicht zählen und wären steckengeblieben schon bei der Eins.

Anne Peiter

Corona 67: Sich überblendende Bilder

Auf dem Jahrmarkt kugeln die Kinder sich in einem mit Strippengeflecht zusammengehaltenen, käfigartigen Behältnis, der voller bunter Plastik-Bälle ist. Man taucht ein in dieses Meer von Farbe und Rundheit, fast wie in ein Meer künstlicher Riesentropfen. Es jauchzt, es schreit, es klettert. Und ich kann die Masse dieser freudigen Schar nicht ansehen, ohne Entsetzen darüber zu empfinden, dass diese Bälle wie die Schemata des Virus aussehen, die seit Monaten von der Presse mit dem Ziel verbreitet werden, uns eine Anschauung davon zu geben, welche Gestalt der Virus hat. Bilder helfen nichts. Die Eltern haben ihren Kindern eigens ein Eintrittsticket gekauft für dieses gemeinsame Bad, in dessen Zentrum die sichtbaren Riesentropfen stehen und die unsichtbaren Tropfen des geteilten, sich auf den Riesentropfen verteilenden Atems gemeinsamen Glücks.

Anne Peiter

Corona 66: Wider die Unverletztlichkeit

4. August 2020. Die Törtchen stehen schon auf dem Tisch. Nathalie, Hausfrau und Mutter zweier theaterbegeisterter Töchter, hat sie besorgt für unseren Besuch, den wir kurzfristig angekündigt haben. Riesige Bäumen in einem fast schon als Park zu bezeichnenden Garten, der das Haus umgibt, spenden Schatten. Nathalies Mann, Stéphane, promovierter Studienrat im Fach Philosophie in einer »classe préparatoire«, ist strikt gegen Masken. Er sieht in ihnen eine skandalöse Einbuße an Freiheit. Der Zwang, Mund und Nase abzudecken, sei nicht gerechtfertigt. Seit Ende des Lockdowns (den er für falsch hält) befänden wir uns in keiner Pandemie mehr, die geringe Zahl der Toten beweise das. Die Isolierung, die vor allen Dingen alte Menschen in den Altersheimen betroffen habe, sei so furchtbar gewesen, dass vorzuziehen sei, man lasse sie sterben. Kinder und junge Leute hätten fast nichts zu fürchten, ihr statistischer Anteil an den tödlichen Fällen sei extrem gering. Man solle sie feiern lassen, das sei ihr volles Recht. Die Politiker hätten die Ausgangssperren nur verhängt, weil sie, die mehrheitlich zur Gruppe alternder Männer gehörten, sich selbst potentiell als gefährdet angesehen hätten. Wären die meisten Kranken junge Mädchen von zwanzig Jahren gewesen, hätte man sich um den Virus gar nicht geschert. Und dann setzt er noch hinzu, jetzt wieder bezüglich der alten Leute, er wisse, wovon er spreche. Seine Mutter ist im Januar gestorben, nachdem sie zwei Jahre, von ihrem Mann getrennt, der sein Haus und seinen Alltag nicht verlassen wollte, in einem Altersheim untergebracht gewesen war. Der Mann also war fit, mochte daher mit seiner Frau das Leben in einem Altersheim nicht teilen. Die beiden Söhne, weit weg, hatten keine andere Lösung, als die Mutter durch Fremde versorgen zu lassen. Was soll man also sagen, wenn da jemand noch in Trauer ist und die private Erkenntnis – wie gut es sei, dass es für die Mutter vorbei sei – und die allgemeinen Interessen alter Leute durchmischt? Es steht mir über seinen Umgang mit seinen Eltern kein Urteil zu, denn ich selbst stehe vor demselben Dilemma. Doch ich wage doch, zu bezweifeln, dass die Zahl der aktuellen Toten als gering zu bezeichnen ist. Gering ist die Zahl nur, wenn man nicht über den eigenen, kleinsten Kreis hinaussieht, dann also, wenn man »Welt« ausblendet. Ich werfe auch ein, dass das Maskentragen doch ein Klacks sei und dass ich diese ganzen Emotionen bezüglich einer Maßnahme, die ihren Nutzen zu beweisen scheine, nicht verstehen kann. Jetzt mischt sich Nathalie ein. Sie findet, dass es einen erheblichen Aufwand darstellt, die Masken, die man nur vier Stunden tragen dürfe, bei 60 Grad zu waschen und ihre Trocknung so zu organisieren, dass man am nächsten Tag wieder versorgt sei. Es sei da wie mit den Unterhosen, die müsse man auch waschen. Auch seien Masken gar nicht billig. Ich sage nichts zum Aspekt der Kosten, doch ich denke an die Reise, die Nathalie in diesem Juni nach Kolmar, in ihre Heimatstadt, führte, weil sie dort noch schnell, bevor ihr 51. Geburtstag stattfand, mit dem Notar eine steuergünstige Überschreibung ihrer Immobilien an ihre Töchter organisieren wollte, Immobilien, aus denen sie hohe Mieteinnahmen und ein äußerst bequemes Leben bezieht. Also sage ich nur, dass sie ja, wenn das Waschen von Unterhosen ebenso lästig sei wie das von Masken, auf das Tragen der Ersteren ganz verzichten könne, darin eben in Übereinstimmung zum Verzicht auf’s Maskentragen. Aber dann wird es schlüpfrig, denn ich sehe uns schon nackt, oben und unten, und es ist besser, das Ganze abzubrechen und noch einen Schluck Goyaviersaft zu nehmen. (Der kommt aus Martinique, obwohl Goyaviers auf La Réunion wachsen wie die Pest. Doch es gibt keinen Betrieb, der Saft daraus gewinnen würde, und so trinkt man eben den von einer anderen Insel, aus einem anderen Ozean.) Mehr und mehr stellt sich bei mir nach dieser Unterhosengeschichte der Eindruck ein, dass Stéphane, der ein absolut unheroischer Typ ist, eher ein Familienvater, den, erfüllt von seiner eigenen sozialen Stellung, nichts so umtreibt wie die Sorge um eine hochrangige Ausbildung seiner Töchter, einmal wieder einmal einer dieser Männer ist (sind es meistens Männer?), die sich nicht vorstellen können, selbst zu sterben. Denn ist so sicher, dass vor allen Dingen die alten Leute sterben? Und wer gibt ihm das Recht, zu sagen, lange Wochen der Isolation seien furchtbarer »als ein schneller Tod innerhalb von zwei Tagen«? Weiß er, was die Intubation mit einem alten oder einem jungen Menschen anstellt? Was es heißt, zu ersticken? Vielleicht mag eine Neunzigjährige noch zehn Jahre lang leben oder mehr, halte ich ihm entgegen. Euthanasie – auch das so ein riesiges und vermintes Thema. Aber es wird eigentlich nur angerissen, und sterben tun nur die, die eh über kurz oder lang gestorben wären. Und so sind sie eben über kurz gestorben. Und die eigenen Töchter hält er für unverletzlich. Und sich selbst auch. Nathalie war acht Wochen bei ihrer Tochter, die in Paris eine Ausbildung zur Schauspielerin macht, in einer Einraumwohnung von 16 Quadratmetern eingeschlossen, weil es keine Flüge mehr nach La Réunion zurück gab. Der kurze Besuch sah sich also unvorhergesehen verlängert, und sie fand das sehr hart. Bei ihrer Rückkehr wurde ihr eine vierzehntägige Quarantäne in einem Bungalow in Strandnähe auferlegt. Aber mit Terrasse. Nach dem ersten Tag und der ersten Nacht wurden die Bestimmungen geändert, und sie durfte die verbleibenden Tage der Isolation Zuhause verbringen. Sie habe dann aber doch ihre jüngere Tochter umarmt, das sei ja klar gewesen nach so langer Trennung. Der Präfekt habe vorher noch alle besucht, die sich da auf dem Hotelgelände befunden hätten. Gekommen sei er ohne Maske, und nett sei er gewesen, wie er allen die Hand schüttelte.

Anne Peiter

Corona 65: Mutmaßungen

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Vielleicht kommt bei den Berliner Demonstrationen noch etwas hinzu, das ich bislang nicht berücksichtigt habe. Wenn Leute sich unvernünftig verhalten – man muss es, wie gesagt, nicht als »Dummheit« beschimpfen, aber unvernünftig ist es irgendwie schon, in einer Situation, in der die Infektionszahlen wieder steigen und ein weiterer Lockdown mit sehr viel gravierenderen Folgen als der erste nicht mehr ausgeschlossen werden kann, ein solches Super-Spreader-Event zu organisieren –, dann fragt man sich schon, ob nicht bloß oppositionelle Regungen, sondern ein positives zu bestimmendes Motiv dorthin drängt: ein Bedürfnis nach Zerstörung und Selbstzerstörung angesichts des unterlaufenden Gefühls, dass eigentlich die Messen sowieso schon gelesen und das Spiel verloren sei.

Es ist sehr schwierig, dergleichen zu beweisen. Den Rechten, die sich dort eingefunden haben, kann man es gut und gerne unterstellen. Ein Bedürfnis nach Selbstzerstörung gehört sozusagen in die nationalsozialistische Genetik. Aber wie ist es mit den anderen, den Bunten, den Esoterikerinnen, den Radikal-Linken, die ja auch zu sehen waren und über die sich die Journalistin Dunya Hayali so verwirrt zeigt? Die wünschen sich doch, so meint man, eine gute Welt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht mehr, jedenfalls nicht so eindeutig. Vielleicht sind auch sie von einer Art Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität erfasst. Vielleicht geht es auch ihnen darum, den Augenblick zu genießen, weil schlechterdings nicht zu sagen ist, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht wollen sie sogar, dass alles schlimmer wird, weil ihre Konventikel dann nur um so glänzender hervortreten würden. Vielleicht ist es der Reiz, mit der Gefahr zu spielen, weil man glaubt, sie könne einem nichts anhaben, wenn man nur mutig genug auftreten würde. Oder sie verhalten sich wie Roulettespieler, die ahnen, dass sie an diesem Abend alles verlieren werden, und es eben deswegen jetzt, in dieser letzten Runde, in der es um alles geht, setzen.

Aber in diesem Fall – das ist anders als beim Roulette –, sind nicht nur sie es, die etwas zu verlieren haben. Wenn es schlecht läuft, könnte die ganze Gesellschaft Schaden davon nehmen. Und vielleicht ist es zuletzt auch auch dieses Gefühl der Macht, dass sie dazu veranlasst hat, sich mit wütendem Frohsinn zu versammeln.

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Vergleiche ich das, was ich und meine Freundin Anne, die mit ihrer Familie im französischen Überseedepartement La Réunion lebt, so mitbekommen, was wir darüber schreiben, welche Gedanken wir in Worte zu fassen versuchen, dann springt mir ein Unterschied vor allen anderen ins Auge: Ihre Texte haben fast immer einen anschaulichen Ausgangspunkt. Nicht in allen, aber doch in sehr vielen Fällen beginnt sie mit etwas, was ihr, einem Mitglied ihrer Familie oder ihnen allen zusammen zugestoßen ist. Daraus wird dann in einer Art symptomatisierender, zum Teil weit ausgreifender Lektüre etwas entwickelt, von dem wir beide hoffen, dass es von exemplarischer Bedeutung ist, also über den ephemeren Anlass hinaus etwas zu sagen hat.

Bei mir ist das nicht so. Meine Texte sind meistens abstrakter, weniger anschaulich. Das ist eine Frage des Naturells, und auch eine Folge des Umstands, dass ich die meiste Zeit alleine lebe, sie aber gemeinsam mit ihrer Familie diese Krise seit Monaten zu meistern hat.

Aber vielleicht kommt doch noch ein Drittes hinzu, ein Unterschied nämlich zwischen der deutschen und der französischen Wahrnehmung des Phänomens. Vorgestern war ich auf dem Geburtstag meiner Tochter in Naumburg an der Saale. Einige Freundinnen von ihr waren da, ansonsten Freunde und Verwandtschaft, ihr Patenonkel stellte sich auch ein, es war eine schöne und lustige Runde. Ich kann mich nicht erinnern, dass während dieser Gesamtzeit von sieben Stunden, die ich dort gewesen bin, Corona auch nur ein einziges Mal Thema gewesen sei. Alles wirkte wie immer, eigentlich so, wie es vorher war. Jeder einzelne der Texte, die ich von meiner Freundin aus Übersee zugeschickt bekomme, spricht aber eine andere Sprache. Dort, in Réunion, ist Corona noch immer ein den Alltag beherrschendes Thema.

Warum das bei uns, zumindest aber in den gewiss nicht unpolitischen Kreisen, in denen ich meine Familie sich bewegen, nicht so ist, weiß ich nicht genau zu sagen. Aber es beunruhigt mich. Die Ansteckungszahlen in Deutschland und in Frankreich nähern sich gerade einander wieder so sehr an – sie liegen um die 1.000 Neuinfektionen pro Tag -, dass sie, bzw. das, was sie ›objektiv‹ über unsere Situation aussagen, den Unterschied nicht machen können. Findet eine Art Verdrängung bei uns statt? Und wenn das so ist: Machen wir uns, die wir feiern und quatschen, gemeinsam spielen und leckeren Kuchen essen und über alles Mögliche reden außer über Corona, uns indirekt vielleicht doch auch zu Mitbeteiligten der Berliner Demonstration vom Wochenende, deren Teilnehmer/innenzahl, wenn man so rechnen würde und die berühmten Stillen im Lande, zu denen auf einmal auch ich meine Familie zählen, mitrechnen würde, sich dem von den Veranstaltern angegebenen Fantasiewert doch ein wenig annäherte? Ich bin mal wieder irritiert und weiß nicht genau, wo ich stehe.

Wolfram Ette

Corona 64: Tag der Freiheit

Als Leni Riefenstahl 1935 den Nürnberger Parteitag ins Kameraauge schloss und so den Propagandafilm ›Triumph des Willens‹ vom Vorjahr um Bilder zur Wehrmacht komplettierte, blieb neben dem Blick auf vorbeirollende Panzer, Gefechtsübungen und natürlich auf Hitlers Rede kein Wort und kein Bild übrig, nichts, was auf die Rassegesetze eben dieser Septembertage hätte verweisen können. Verkündet aber worden war nach einer hektischen, da überaus kurzfristigen Ausarbeitung der entsprechenden Paragraphen, dass zwecks »Schutz des deutschen Blutes« , intime Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden von nun an strafbar seien. »Arische« Haushälterinnen unter fünfundvierzig Jahren mussten zudem die Arbeit in jüdischen Familien aufgeben. Die Rassengesetze implizierten, dass die Schwängerung dieser Frauen durch ihre jüdischen Arbeitgeber zu befürchten stehe, wenn die »Arierin« noch nicht die Menopause erreicht hatte. Sexuelle Phantasmen boten den Untergrund, aus dem sich die für Genozide so entscheidende, »schrittmachende« Frage nach der Definition, wer überhaupt zu verfolgen sei, herauskristallisierte.

»Tag der Freiheit« , das war nicht nur eine Glorifizierung des kommenden Krieges, der dazu führen würde, dass der Große Krieg den Beinamen »Der Erste« bekommen würde, weil es dann bald eben auch diesen noch furchtbareren und tödlicheren »Zweiten« geben würde. Vielmehr war »Tag der Freiheit« auch ein Dokument dafür, wie man als »unpolitische Künstlerin« absehen konnte von dem, was langsam, schrittweise und dann auch – eben mit diesem und wegen dieses Kriegs – immer besser abzusehen war: dass mit den Rassegesetzen, weit über Deutschland hinaus, entschieden wurde, wer umgebracht werden würde und wer nicht. Wer es nicht wagte, das Stigma des Judensterns von der eigenen Kleidung zu lösen, die eigenen Papiere zu vernichten und, den angedrohten Strafen zum Trotz, seine Identität zu verbergen, war verloren. Die Mehrheit der Minderheit also, und das quer durch ganz Europa.

Definitionen von der Art der Nürnberger Gesetze haben nicht unbedingt sofortige und direkte Folgen, doch sie lösen Folgeschritte aus und sind daher in ihrer Bedeutung ein gar nicht zu überschätzender Faktor für den Aufbau von Vernichtungsmaschinen. Nürnberg und seine Freiheiten sind also als historische Zäsur ersten Ranges zu werten. Man könnte meinen, dass die sich an die eigentlichen Rassegesetze anschließenden Bestimmungen zum Hissen von Flaggen vergleichsweise unwichtig waren – wenigstens ging es nicht um Fragen des »Blutes« –, doch was heute geschieht, lässt einen umdenken.

»Tag der Freiheit« , das ist jetzt der Demonstrationszug der Gegner der Corona-Massnahmen, und die zeigen, was seit dem September 1935 nur noch die »Arier« zeigen durften, nämlich: die Reichsflagge. Jetzt sind es die Reichsbürger, die diese vor sich hertragen. Und sie sind es auch, die sich zugleich als verfolgte Juden in Szene setzen, getreu dem Motto, die Maske sei der neue Judenstern, die neue Markierung der Verfolgten.

Doch nein! Haltet inne! Gucken wir genauer hin auf das, was da historisch so inspirierend wirkt. Wer mit seinem heutigen Protest konsequent sein will, müsste das Reichsbürgergesetz von 1935 ernst nehmen. »§ 4 (1) Juden ist das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben verboten. (2) Dagegen ist ihnen das Zeigen der jüdischen Farben gestattet. Die Ausübung dieser Befugnis steht unter staatlichem Schutz.« Zeigen wir, die neuen Reichsbürger, also die »jüdischen Farben« (wie immer man die dann wieder definieren will)! Auf jeden Fall gerade nicht die Reichsfahne, nicht das Schwarz-Weiss-Rot, das ja eben der unterdrückenden Mehrheit vorbehalten blieb, und nicht den Verfolgten. Wer den Zynismus des »Schutzes« am eigenen Leibe erfahren will, der muss eine andere Farbpalette wählen. Am besten mit Stern.

Doch natürlich ist es ganz müßig, sich über diese irritierend unlogische, historisch uninformierte Benutzung des rassistisch-nationalistischen Strandguts, das die deutsche Geschichte mit der »zweiten Welle« in die Gegenwart schwemmt, zu wundern und mit Hinweis auf Nürnberg mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Protestsymbole anzumahnen. Die Widersprüche haben System, und dieses ist in sich auf ganz und gar eigene Weise logisch. Die Maskenpflicht ist heute, nach Graden, Ländern und jeweiligen Kontexten leichte Variationen aufweisend, stets eine, die allen, ausnahmslos also, zur Pflicht gemacht wird. Nicht eine Minderheit wird markiert wie damals mit dem Davidstern, sondern alle. Es entfällt jede Distinktion. Wenn alle die Maske als neuen Davidstern tragen, ist nicht auszumachen, wer weiteren Verfolgungen ausgesetzt werden soll. Die Vergleichbarkeit zum Davidstern existiert nicht. Oder sie hinkt wegen falscher Gewichtung. Heute sei es, so die Interpretation, eine Minderheit – die Regierung –, die die Mehrheit – nämlich die Bevölkerung – unter ihr Joch zwinge. Damals war es jedoch eine Mehrheit, die mit Hilfe der Einführung des Sterns die Minderheit ihrer Erkennbarkeit zuführen wollte und so, 1935 noch nicht im Detail absehbar, doch wegen Dachau und anderen Lagern als Möglichkeit durchaus schon aufscheinend, die Konzentrationsmaßnahmen verstärkte, die nach Kriegsbeginn dann ihrerseits auf so ungeheuerlich effiziente Weise den Deportationen (und damit Erschießungen und Vergasungen) vorausgingen.

Nichts von alledem heute. Die Mehrheit ist die Mehrheit, keiner wird ausgeschlossen, wenn er die Maske trägt. Die Veranstalter der Berliner Demonstration hätten also, wenn sie konsequent gewesen wären, die fehlende Maske als Stigma kennzeichnen müssen, ihre Abwesenheit, und nicht ihre Benutzung. Doch symbolisch ist es schwierig, etwas, was nicht da ist, zum Stigma zu erheben. Bildlich fassbar werden kann nur, was man sieht. Und weil man die Maske sieht, wird eben sie zum neuen Davidstern erklärt.

Doch das ist noch nicht alles. Die Berliner Demonstration läuft auf eine retroaktive Pädagogik, gerichtet an die Juden, hinaus. Man zeigt, wie sies besser hätten machen können. Das Ziel der Demonstration: sich kollektiv des Stigmas entledigen, es ablösen, eintauchen in die Masse. So wird Verfolgung unmöglich gemacht, und wichtiger noch: so hätte sie unmöglich gemacht werden können, wenn die Verfolgten damals nur ein weniger cleverer gewesen wären.

Es verschwindet also aus dem Blickfeld, dass sie – jetzt wieder damals – als Verfolgte eine verschwindend kleine Minderheit waren – zwischen 1 und 1,5 Prozent der Bevölkerung, wenn man das Beispiel der jüdischen Bevölkerung Deutschlands heranzieht – und nicht Teil des Gesamtkollektivs, in dem alle die Maske tragen müssen und gerade durch die Maske keiner herausfällt. Es verschwindet auch, dass, wer in Berlin demonstrieren ging, keinerlei Unterdrückung unterlag, es sei denn, er arbeitete der eigenen Stigmatisierung zu, und das bedeutete eben: man musste die Maske, den angeblichen Judenstern, abnehmen, weil erst dessen Fehlen einen zum Teil der Minderheit machte.

Erneut: Die Verfolgung ist etwas ganz und gar Fiktives, doch in dem Moment, in dem die Polizei die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Aufsetzen der Maske – also des »Sterns« , um im Bild zu bleiben – aufforderte, tat sie genau das, was sich die Demonstranten, ohne es zugeben zu wollen, gewünscht hatten, nämlich: sich bestätigt zu sehen in ihrem Opferdiskurs, den sie durchmischten mit der vielsagenden Idee, eigentlich sei »das ganze Volk« – will heissen: alle, wirklich alle Maskenträger – unterdrückt und verfolgt. Mit anderen Worten: Man will Minderheit sein, aber man beruft sich auf die eigene Zugehörigkeit zu dieser erdrückenden, da erdrückten Mehrheit. Man will der Einzelne, ungerecht Behandelte sein und doch zugleich Teil einer neuen »Volksgemeinschaft«.

Der »Tag der Freiheit« ist ein Karneval, in dem man sich mit konzentrationärem Zebraanzug oder Davidstern zugleich das Recht auf alle Widersprüche und Inkohärenzen zugesteht: individueller Unwillen gegen die autoritären »Zwänge« des Staates und Wunsch nach orgiastischer Zugehörigkeit zur Masse. Ruf auch nach der Masse, denn mit dem Abnehmen der Maske sagt man: »Entdeckt Euch als Undifferenziertes, Undifferenzierbares, als Massenmensch, der keine Unterscheidungen mehr zu fürchten hat, als Teil dieses ›Volkskörpers‹, der, sich als Welle bezeichnend, durch die Strassen wogt! 1,3 Millionen Menschen auf einmal!«

Wen sollte es noch wunder nehmen, dass die wirklichen Nazis, nämlich die neuen, Kritiker der Demonstration als Nazis beschimpften. Während sie – die Neonazis – wirklich die Nazis waren. Genauso wenig verwunderlich ist, dass Kreise, für die Autoritarismus und der Ruf nach dem »starken Mann« im Zentrum der ideologischen Konzeptionen stehen, den Staat des Autoritarismus zeihen. Es ist der »Tag der Freiheit«, vor allen Dingen bezüglich der Benutzung von allem und jedem, von Symbolen aller Art, geradezu eine neue, faschistische Pop-Kultur, bei der man sich fragen mag, ob es nicht besser wäre, den Geschichtsunterricht in Schulen komplett abzuschaffen. Vergessen werden müssten diese vielen Versatzstücke, die da bunt durcheinander wirbeln. Geschichtsbewusstsein ist eine Schimäre. Vergessen wir alles. Ich weiß sonst keinen anderen Rat.

Anne Peiter

Corona 63: Demonstrationen in Berlin

Davor

Deutscher Protest

So. Jetzt bereiten sie sich also vor auf den Marsch durch Berlin vor, 500.000 sollen es werden, haben die Veranstalter zu verstehen gegeben –: sie, die (zum Teil mit Grund), gegen die falsche Macht der Zahlen rebellieren, bedienen sich dieser Macht ungescheut, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Und auch hier gilt, was im Augenblick immer gilt: die Zahlen stimmen nicht; so viele werden es wohl nicht werden; aber es werden in jedem Fall viele sein, ziemlich viele. Es ist nicht auszuschließen, dass es eine der größten Kundgebungen der letzten Jahrzehnte werden wird. Dieses Mal sind auch Menschen darunter, die ich kenne, die ich mag und schätze. Ein alter Schulfreund bricht morgen auf nach Berlin, er will unbedingt mitdemonstrieren gegen die Abwicklung der Demokratie durch. Es tut mir weh, aber ich kann es nicht ändern.

Dieses Mal sind auch Menschen darunter, die ich kenne, die ich mag und schätze. Ein alter Schulfreund bricht morgen auf nach Berlin, er will unbedingt mitdemonstrieren gegen die Abwicklung der Demokratie durch. Es tut mir weh, aber ich kann es nicht ändern.
Zwei Fragen ergeben sich für mich vorweg daraus. Erstens: warum nimmt der Protest ausgerechnet in Deutschland gerade so eine massive Form an – in Deutschland, das in den letzten Monaten ja eher als Vorbild herumgereicht wurde, an dem die anderen Länder sich ein Beispiel nehmen könnten? In den romanischen Ländern, in denen die Einschränkungen gravierender waren und möglicherweise auch die ökonomische Rezession schwerer ausfallen wird als bei uns, scheint der Widerstand nicht in diese Richtung zu laufen – auch wenn nicht auszuschließen ist, dass sich Vergleichbares auch dort noch abspielen wird. Aber selbst, wenn es so sein sollte, bleibt die Frage, ob es in dem, was sich anbahnt, etwas gibt, das man ›spezifisch deutsch‹ nennen könnte.

Es ist ein heikler Punkt und ich bin mir auch nicht ganz sicher, aber: Ja. Ich meine, es ist ein die deutsche Geschichte und Kultur der letzten Jahrhunderte prägendes Moment, das nun zutage tritt. Ich meine, es ist ein Rest totalitärer Prägung, der jetzt nach oben drängt und Faulkners Satz belegt, dass das Vergangene „nicht tot, ja nicht einmal vergangen“ sei. Rechte Gruppierungen habe ich dabei zunächst nicht im Blick. Es geht um das Gesamtphänomen: eine Mischung von Untertanengeist und unterdrückter Aggression, die ich als recht deutsch empfinde. Solange sie unter staatliche Kuratel genommen ist, herrscht sozialer Frieden – ein sozialer Frieden, der im Vergleich mit anderen Ländern auffällig leise und geräuschlos ist. Erodiert dieser, kann sie sich auch gegen den Staat richten.

So ähnlich hat es sich in den letzten Wochen und Monaten zugetragen. Zuerst kam der Untertanengeist zu Wort, das reelle Bedürfnis, in all der Unsicherheit von entschlossener Hand regiert zu werden und die Zerstreuung der eigenen Angst denen da oben zu überlassen. Dann, in dem Maße, in dem man sich daran gewöhnte: das Unbehagen, das Zurücktreten der ohnehin nur oberflächlichen Einsicht in die eigene Verantwortung; das Schwinden der Fähigkeit, sich in die bedrohte Existenz des anderen einzufühlen; Wut- und Ohnmachts-Gefühle, die in dem Grade Boden gewinnen, in dem die Angst, sich anzustecken, von ökonomischen Existenzängsten überlagert wird, von der Frage also, ob es je wieder möglich sein wird, Fuß zu fassen und den eigenen Besitz wenigstens zu wahren.

Es ist ein Zusammenprallen von starkem Gemeinschaftsgefühl und einem aggressiv explodierenden Individualismus, der sich Bahn bricht, wenn jenes erodiert; von Über- und Untersozialisierung, so dass als soziale Resultante am Ende nur die flutende, wüst feiernde Masse der Egoitäten bleibt, die alle politischen Differenzen tilgt und im Extrem Partypeople, Reichsbürger und Esoterikerinnen eint.

Diese Ruptur, diese harte Folge von Gegensätzen hat die jüngere deutsche Geschichte zweimal gesehen. 1945 und 1989. In beiden Fällen der Zusammenbruch eines autoritären Systems, das nicht nur durch direkte Unterdrückung herrschte, sondern dadurch, dass es die Individuen auf Gemeinschaft verpflichtete: das, was sie eigentlich und in Wahrheit ausmachen sollte. In der DDR war es die Fortsetzung des NS-Modells in einer politisch anderen und harmloseren Form; in der alten BRD die Freisetzung eines schuldgetriebenen und wütenden Individualismus, der solange gesellschaftlich balanciert werden konnte, solange die freigesetzte Aggression sich ökonomisch produktiv, und mit den entsprechenden Konsumprämien versehen, austoben konnte. In Ostdeutschland nach 1989 dann das brutale – und vor allem: erfolglose – Nachholen dieses Prozesses.

Jetzt sieht es nach einer Wirtschaftsdämmerung aus. Mit der ökonomischen Bindung der Energie verschwindet aber auch die gesellschaftliche. Dann ist kein Halten mehr, und es sieht so aus, dass wir im Moment mit einem solchen Freisetzung unterdrückter Aggressionen konfrontiert sind, die durch die Corona-Proteste bloß kanalisiert werden.

Erfahrungsdifferenzen

Die zweite Frage lautet: Was tun? Wie damit umgehen? Wie miteinander reden? Denn wir müssen dies tun, um den antidemokratischen Konsens zu umgehen, der in allen politischen Lagern um sich greift. Also: wie können wir es vermeiden, die Kommunikation zu all denen abzubrechen, die anders sind als wir?

Vielleicht wäre es gut, wenn wir lernen würden, die Verschiedenheit von Ansichten erst einmal als etwas zu Bejahendes zu empfinden; und zwar auch und gerade dann, wenn ich die Meinung eines / einer Andersdenkenden eigentlich unsäglich finde. Das, was Dewey »Demokratie als Lebensform« nannte, hat in dieser grundsätzlichen Bejahung des Verschiedenen seine Grundlage. Das heißt, wenn ich erfahre, dass mein Vereinskollege in Tischtennisclub zu den Coronaleugnern gehört und die Mutter der besten Freundin meiner Tochter die Straße zum Flüchtlingsheim blockiert und AfD wählt, dann sollte mich, so schwer es mir fällt, das weniger abschrecken, sondern erst einmal interessieren und neugierig machen.

Zur Voraussetzung hat das freilich, dass ich von der Idee Abschied nehme, sie oder ihn überzeugen zu wollen. Wie denn auch? Die meisten Überzeugungen sind doch gar nicht rational begründet; wie sollte man sie mit rationalen Mitteln ändern können? Das heißt nicht, dass man die Kultur rationaler Argumentation nicht pflegen sollte. Es heißt nur, dass man sie nicht überschätzen und sich nicht darüber wundern sollte, wenn sie in All­tags­auseinandersetzungen ständig an ihre Grenzen stößt, bzw. gar nicht relevant zu sein scheint.

Es geht also nicht darum, zu überzeugen und jemanden anderes zu meiner Meinung zu bekehren. Es geht um die selbstverständliche Annahme der Möglichkeit, dass eine halbwegs gelingende Kommunikation zwischen Verschiedenen der demokratischen Kultur insgesamt einen größeren Dienst leistet als die erfolgreiche Überzeugung eines Anderen von meinen – natürlich richtigen – Ansichten. Demokratie ist halt nur ein modus operandi, nicht die Herrschaft der Wahrheit.

Durch diesen Verzicht, diese pragmatische epochē, diese Urteilsenthaltung könnte es zugleich möglich sein, unsere Aufmerksamkeit doch auf etwas Gemeinsames, uns Verbindendes zu lenken. Es sind die Erfahrungen, die unseren Ansichten zugrundeliegen, die Gefühle, die von ihnen zurückbleiben. Sie sind nie identisch, jedoch nur sehr selten in einem Gegensatz, der ausschließend wäre und eine Kommunikation darüber unmöglich machte. Was ich und mein alter Schulfreund, der morgen zur Anti-Corona-Demo nach Berlin aufbrechen wird, empfinden, ist nicht identisch. Aber es ähnelt sich doch in vieler Hinsicht und kann miteinander kommunizieren.

Ich selbst habe in den letzten Monaten Phasen schlimmer Einsamkeit gehabt, Enttäuschungen erfahren und war manchmal voller Wut darüber, dass mir die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen das bisschen Sozialität versauen, auf das ich Anspruch zu haben glaube. Mein alter Schulfreund wiederum ist seit einigen Jahren allein. Er hat viel Zeit an den Wochenenden und in den Ferien in Berlin verbracht, um dort Tango zu tanzen; er kann das wunderbar und hat diesen gemeinsamen Rhythmus vieler Körper und die hochstilisierte Kultur einer bestimmten erotischen Kommunikation in den letzten Jahren unendlich genossen. All das ist nun vorbei, womöglich für sehr lange Zeit, viele Tangoclubs werden eingehen, er ist wütend darüber und im Grunde verzweifelt.

Ich denke, wir können uns darüber unterhalten. Unsere Erfahrungen überschneiden sich in einigen Punkten; damit müssen wir arbeiten, indem für uns der Rationalisierungen unseres Gefühls erst mal enthalten. Sie bringen nichts und geben uns, wenn wir miteinander telefonieren, immer das Gefühl, in einer Art Öffentlichkeit zu kommunizieren – einer Halb-Öffentlichkeit, von der wir uns beobachtet fühlen, die von uns den Austausch von Argumenten fordert, und dann am Ende darüber entscheidet, wer gewonnen hat. Natürlich: Rationalität ist ein öffentliches Gut; Dinge lassen sich durch sie mit dem Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit formulieren. Aber sie ist nicht das einzige. Und sie tendiert dahin, andere Formen mit ähnlichem Verbindlichkeitsanspruch wegzudrängen, die nicht am Gegensatz von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ orientiert sind.

Deswegen sollten wir diese Schicht erst mal abtragen. Darunter hören wir nicht auf, gesellschaftliche Wesen zu sein. Dort aber sind nicht Identität und Gegensatz, Kampf und Sieg die entscheidenden Beziehungsbegriffe, sondern Differenz und Wiederholung, Ähnlichkeit und Varianz, die uns voneinander trennen, indem sie uns verbinden, und uns miteinander verbinden, indem sie uns trennen. Denn so sind die Erfahrungen, die Gefühle und erst, wenn wir uns dazu entschließen, sie möglichst genau zu beschreiben und auch dafür eine Art Öffentlichkeit zu finden, haben wir keine Angst mehr voreinander, keine Angst mehr vor der Vermischung und den fließenden Grenzen, die uns über die Gefühle verbinden und die Beziehungen der Menschen zueinander organisieren, auch dann, wenn ihre Meinungen sich total widersprechen.

*

Danach

Zahlen

Das an dieser Demonstration Auffälligste sind die Zahlen. Die Polizei spricht nun von 20.000, die Organisatoren von 1,3 Millionen. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Angaben der Veranstalter und der staatlichen Organe jemals soweit auseinandergelegen hätten – so, als hätten nun, nach ein paar Monaten mit Corona, in denen das Vorlesen von Zahlenkolonnen unser täglich Brot wurde, alle kapiert, was sich damit anstellen lässt. Die blendende, niederschmetternde, magisch-metaphysische Macht von Zahlen ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist nicht neu; der von Robert Musil hellsichtig beschriebene Wechsel des Wirklichkeitsparadigmas von der Erzählung zur Statistik ist ein Kind des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Aber schlimmer geht’s immer, und es ist gut möglich, dass uns Corona dazu verholfen hat, innerhalb dieses Paradigmas noch einen Sprung zu tun.

Das Fesselnde an diesen Verlautbarungen ist, dass beide Seiten an einer Verifikation nicht sonderlich interessiert zu sein scheinen. Es gibt ja Luftbilder – ein paar davon kursieren im Netz, die die Situation aus der Luft beobachtende Polizei dürfte über mehr Material verfügen. Es gibt Algorithmen, mit denen man aus ihnen zu realistischen Schätzungen gelangt. Aber wenn die Bilder, die wir haben, nicht gefälscht sind, wäre die von der Polizei ausgegebene Zahl eher zu niedrig. Eine sechsstellige Teilnehmerzahl ist schon möglich, und zwar nicht bloß von dem her, was ich da sehe, sondern auch auf der Basis dessen, was ich im Vorfeld erwartet habe.

Allerdings nehme ich an, dass sich die Angaben der Polizei zumindest sehr viel näher an den wirklichen Zahlen befinden als die der Veranstalter. Nicht weil ich der Polizei besonders trauen würde, sondern weil ich den Veranstaltern besonders misstraue. Einen politischen Willen, der in verschiedenen Abstufungen und Schattierungen die Leugnung der Wirklichkeit auf die Tagesordnung gesetzt hat, traue ich den überschwänglichen Umgang mit der selbst geschaffenen Wirklichkeit mehr zu als der Polizei den unterschwänglichen. Es will mir scheinen, dass auf der einen Seite mehr pathologisches Potenzial zu finden ist als auf der anderen – selbst wenn man die Polizei hier nicht isoliert betrachtet, sondern im Verbund mit der Politik und ihren Entscheidungsträgern. Auch hier gibt es Interessen: die Zahlen herunterrechnen; alles nicht so wild; und der Kritik an den Berliner Behörden, wie sie denn in Gottes Namen die Demonstrationen überhaupt genehmigen konnten, ist etwas von ihrer Schärfe genommen. Aber die Interessen scheinen mir weniger ins Gewicht zu fallen als der Irrsinn. Die Wahrheit läge also wieder mal in der Mitte, jedoch scharf asymmetrisch; sie ist vermutlich viel niedriger als das arithmetische Mittel von 20.000 und 1.300.000.

Das Interessante ist dabei aber die Bedeutung, die den Zahlen grundsätzlich beigemessen wird. Wer die meisten Menschen auf seine Seite bringen kann, hat recht. Das ist demokratische Tradition. Aber gerade im Blick auf die deutsche Geschichte sollte man sich bewusst sein, dass Schillers mürrisch-elitäres »Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen« angesichts einer in weiten Teilen willigen Selbstpreisgabe der Massen an den Totalitarismus auch ein gewisses Gewicht hat. Nicht in jedem Fall hat die Mehrheit recht, jedenfalls nicht, weil sie die Mehrheit ist, und wenn ich ihr mit Gründen widersprechen zu müssen glaube, so sollte ich das tun. Auch das ist Demokratie, und die Demonstranten reklamieren es für sich. Sie sind ja die Minderheit, die sich gegen die von Politik, Wissenschaft und Medien dumm gemachte Mehrheit empört. Eigentlich aber, das läuft unterschlägig mit, repräsentieren sie trotzdem die Mehrheit, die schweigende Mehrheit nämlich, die sich nicht traut, aufzubegehren, eine Millionen, vielleicht Milliarden zählende unsichtbare Masse, die hinter all denen stehen soll, die sich in Berlin versammelt haben. Deswegen die unerhörte Zahl von 1,3 Millionen: sie ist vor allem eine phantasmatische Zahl; eine Zahl, die einen Seelenzustand ausdrückt, in den sich Wunsch und reale Größenphantasie miteinander verbunden haben.

Auf der libidinösen Ebene hat vielleicht auch der Fotovergleich mit den im Netz zirkulierenden Luftbildern von der Loveparade 1999 und 2001, auf die ich gestern Nacht immer wieder stieß, seinen Platz. Der Wunsch, der hinter der fantastisch aufgebauschten Zahl steht, könnte kein anderer als der nach einer erotischen Massenvereinigung sein, für die die Parade jahrelang stand. Es ist unter anderem die systematische Unterdrückung einer libidinös grundierten Gemeinschaftserfahrung, die die Menschen auf die Straße bringt. Wie immer geht es um Sex: irgendwie, in massenhaft verdünnter und gesellschaftlich halbwegs erlaubter Form. Wir alle sind Massenwesen, in unterschiedlicher Weise und mit sehr unterschiedlicher Akzentsetzung. Und das, was uns als Massenwesen, als Massenkörper, zusammenhält, hat eine erotische Komponente. Die kommt nun zu ihrem Recht, wenn sich 20.000 bis 1,3 Millionen Menschen versammeln, um gegen eine Krankheit zu protestieren, die leider genau dies zum Problem macht.

Dummheit

So lautet der Vorwurf, den ich gestern in unzähligen Twitternachrichten und Facebookposts gelesen habe –: von ›unserer Seite‹, der Seite der Vernunft also, die wiederum von den Anderen als verirrtes Untertanenstimmvieh eines sich etablierenden Totalitarismus bezeichnet wird. Aber dieses ganze »Herr, lass Hirn vom Himmel regnen« hat, tut mir leid, was Beschwörendes, ja Kindisches. Es ist der Wunschtraum eines intellektuellen Menschenbildes, dass die Klugen, weil sie klug sind, sich automatisch auf der richtigen Seite befinden. Aber so ist es ja nicht und so war es nicht. Zu viele Intellektuelle haben immer wieder die Beine breit gemacht, wenn sich ihnen die politische Autorität nahte; das lehrt nicht nur die jüngere deutsche Geschichte. Und wer in den Widerstand ging? Das waren und sind nach meinem Eindruck eher Menschen, die, wie man sagt, das Herz auf dem rechten Fleck haben, die Unrecht nicht oder nur schwer dulden können, die nicht so zum Selbstbetrug neigen und mit, warum auch immer, Mut ausgestattet sind. Das klingt sehr schlicht, genügt aber für das, was ich sagen will: dass es nämlich eher eine bestimmte psychische Disposition, eher ein bestimmtes Realitätsverhältnis ist, das jemanden im Ernstfall dazu befähigt, sich auf die richtige Seite zu stellen – also auf die Seite der Gerechtigkeit und der Empathie. Es ist keine Frage des Intelligenzquotienten.

Was also wird in dieser beschwörenden Weise vom Tisch gewischt? Was wird abgewehrt, wenn man die Gegner als dumm bezeichnet und ihr Verhalten aus Dummheit erklärt? Ich meine wieder, es soll verdecken, wie fein die Unterschiede sind. Ich habe vorgestern von meinem Schulfreund erzählt (von dem ich seither nichts gehört habe); und das, was hier gilt, gilt irgendwie auch allgemein. Meine Bedürfnisse sind nicht soviel anders als die meiner Gegner; aus einer Reihe von Gründen, unter denen der Verstand als intellektuelles Vermögen nur eine geringe Rolle spielt, stehe ich auf der einen, sie stehen auf der anderen Seite.

Die Angst, ich könnte irgendwann einmal, überwältigt von den Wünschen und Sehnsüchten, die uns miteinander verbinden, dahin kommen, die Seiten zu wechseln, treibt mich an; die Dummheit, die ich meinen Gegnern zuschreibe, ist eine Selbstbehauptungsformel, die mich davor schützen soll, so zu werden wie sie. Es ist das Wachs, das ich mir vor ihren Sirenengesängen in die Ohren stopfe. Liest man die Zeugnisse von ehemaligen Linken, die zur nationalen Rechten konvertiert sind, so ist ein Gemeinsames die verblüffte Erleichterung darüber, das bloße Vernünfteln, das abstrakt rationalistische Weltbild all derjenigen, denen man sich früher zugehörig fühlte, abgeschüttelt zu haben und nun eins geworden zu sein mit den eigenen, vorgeblich natürlichen Bedürfnissen, etwa nach Heimat und nationalkultureller Identität.

Ich denke ja auch: das ist der einfachere, gangbarere Weg, das komplizierte Gattungsbewusstsein, dass diese unendlich diverse, von zahllosen Konflikten geäderte Menschheit zur Grundlage hat, abzuschütteln und sich auf homogenere Formen der Gemeinschaft zu stützen. Wenn man die anspruchsvolle Solidarität mit der ganzen Menschheit will, ohne dass es zur reinen Luftnummer wird, ist es nötig, sich der Bedürfnisse zu vergewissern, die dem in einem selbst entgegenstehen und zur Homogenisierung der eigenen Lebenswelt drängen. Denn die, seid gewiss, gibt es auch auf ‚unserer‘ Seite. Es ist ja gerade das, was uns von ‚denen‘ immer wieder vorgehalten wird: Einschluss in der Blase einer bestimmten Klasse, eine Schicht, eines Soziotops und ihrer Wertvorstellungen. Es ist nicht verkehrt, sich das von ‚denen‘ sagen zu lassen. Auch sie sind ja Menschheit.

Nazis raus

»Nazis raus!« schreien die einen. Die anderen auch. Man sollte keiner Seite vorab das Recht absprechen, dies aus ehrlichem Empfinden heraus getan zu haben. ›Wir‹ blicken auf die rechten Gruppierungen und Netzwerke, die zur Demo aufgerufen und sich daran beteiligt haben: NPD, Compact, QAnon. Gesichtet wurden schwarz-rot-weiße Flaggen und antisemitische T-Shirts. ›Sie‹ werfen uns vor, den monatelangem Durchmarsch der Exekutive einfach hinzunehmen und die Einschränkung demokratischer Freiheiten aus nichtigem Anlass zu akzeptieren. Die meisten Demonstrationsteilnehmer/innen betrachten das, was sie tun, als demokratischen Widerstand gegen einen neu aufkeimenden Totalitarismus, als dessen Urheber sie dann, wenn sie einen Urheber suchen, Merkel, Bill Gates oder eine jüdische Weltverschwörung ausmachen. Denen den autoritären Nationalstaat entgegen zu setzen, heißt sicherlich, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Dass die Lösung verkehrt ist, muss jedoch nicht heißen, dass die Diagnose es ist. Das heißt, sie ist – nach meiner Meinung – weitgehend verkehrt, aber nicht ganz. Was haben Merkel, Bill Gates und die Juden gemeinsam? Sie sind oder gelten als Verkörperung des Kapitals – der weitgehend unsichtbaren Kapitalmacht, die die Welt beherrscht und wahrscheinlich über kurz oder lang die Menschheit samt einer sehr großen Zahl von Mitlebewesen in den evolutionären Abgrund reißen wird. Diese unsichtbare Macht ist der wahre Feind; und da wir alle tagtäglich in die verstrickt sind, als Nutznießer und / oder Geschädigte, können wir uns ihr nicht einfach entgegenstellen; ihre Kontraktion in einem identifizierbaren Gegner ist deswegen psychodynamisch plausibel.

Es ist letztlich ein Sündenbockschema. Dass die Schuldigen aber tendenziell bei ›denen da oben‹ gesucht werden, finde ich geringfügig sympathischer als in dem Fall der vergangenen Jahre, in denen es sich über den armen Schweinen entladen hat, die ohnehin schon als Opfer eines globalen Unrechtssystems zu uns kamen: den Geflüchteten. Nein: Bill Gates ist kein Urheber des Unheils, aber Proponent und Nutznießer einer Verwertungslogik, du die sich um Gerechtigkeit und Menschenleben nicht schert und in den kommenden Jahren das Feld der Biopolitik noch einmal neu für sich entdecken und bespielen könnte.

Ich mag den rechten Antikapitalismus wirklich nicht. Aber ich zolle ihm eine gewisse Anerkennung. Die Systemfrage wird hier gestellt; angesichts dessen flüchtet sich die Linke entweder in esoterische Konventikelbildung oder in die Verteidigung des Bestehenden. Es gibt keinen linken Antikapitalismus mehr, der eine dem rechten vergleichbare Massenbasis aufzuweisen hätte. Der Hauptgrund dafür scheint mir zu sein, dass die Idee eines Menschheitsfortschritts so dramatisch an Boden verloren hat, dass kaum noch jemand so recht dran glaubt. Nationale oder regionale Alternativen zum kapitalistischen Gesellschaftssystem empfehlen sich darum.

Wie man’s macht, macht man’s also verkehrt, und auf allen Seiten ist das Richtige und das Falsche kunterbunt gemischt. Der Schlachtruf »Nazis raus«, der zur kleinen Münze der politischer Rhetorik geworden ist, trifft nicht. Oder anders: er trifft nur ein winziges Stückchen der Wirklichkeit. Aber immerhin: er trifft all das in mir, in uns, die wir auf beiden Seiten stehen: Mitläufertum, Autoritätshörigkeit, die Sehnsucht, sich abzugrenzen, in homogene Gruppen zu flüchten und vielleicht sogar zu einer ›Bewegung‹ zu gehören, die uns überflutet und mit sich reißt. Sie sind in uns, die wir auf beiden Seiten stehen, asymmetrisch und ungleich verteilt, aber dennoch. »Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber«, schreibt Heiner Müller. Er hat mal wieder recht.

Wolfram Ette

Corona 62: Alles auf einmal

I

Gespräch über den Virus mit einem kreolischen Bauarbeiter, der wissen will, woher wir kommen. „Meine Frau ist Deutsche“, sagt Duccio. Und dann will er noch etwas sagen über sich, den Italiener, und über den Coronavirus in Deutschland und die Art dort, mit ihm umzugehen. Doch der Mann unterbricht: „Aus Deutschland? Dann ist sie also aus Paris?“ „Nein“, antwortet Duccio, „die Hauptstadt von Deutschland heißt Berlin.“ „Ah, Berlin, ich dachte, es wäre Paris.“ Dann geht das Gespräch noch ein wenig weiter, über den Virus hier und den Virus da, aber Duccio berichtet mir, er sei ganz gefangen und abgelenkt gewesen von der Frage, wie man den Virus IN DER WELT wohl wahrnimmt, wenn man als Franzose nicht weiß, dass Paris die Hauptstadt des eigenen Landes ist. Aber der Bauarbeiter weiß vielleicht ganz gut, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, nur fiel ihm, um herauszubekommen, was denn wohl dieses Deutschland sei, nur ein einziger Städtename ein, um das Fremde zu kennzeichnen, und das war nun einmal die Stadt Paris. Das heißt, wenn es denn stimmt, was man, hilflos gemacht, vermutet, dass für ihn Paris ein sehr umfassender Begriff ist, etwas, was ganz viel in sich verdichtet, nämlich das Unbekannte an sich. Oder er weiß wirklich nicht, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, und das würde bedeuten, dass er zwar sein eigenes Lebensumfeld und seine eigene Arbeit sehr wohl und sehr konkret kennt, „WELT“ über die kleine Insel hinaus aber etwas ganz und gar Unbestimmtes, Konturloses bleibt. Das würde wiederum bedeuten, dass Anweisungen, die aus dem fernen Paris zur Bekämpfung der Pandemie bis in seinen Alltag dringen, auch als etwas ganz Fernes erscheinen müssen. Müssen? Alles ist Spekulation. Und eigentlich legt das kurze Gespräch über den Virus, das ich noch nicht einmal selbst geführt, sondern nur, als Kuriosum, aus zweiter Hand erfahren habe, nur eines frei: dass es nämlich, wenn man weiß, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich und Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist, schier unmöglich ist, sich vorzustellen, wie WELT sich ausnimmt, wenn man dies nicht weiß. Und auch der Gedanke, dass der Bauarbeiter vielleicht – vielleicht – nur das Gespräch in Gang hatte halten wollen, höflich und mit freundlicher Neugier auf uns – in Gang halten, sage ich, indem er die Stadt Paris ins Spiel brachte, bewegt mich. Ist es so, dass er Interesse für uns, die Fremden, demonstrieren wollte, indem er den Namen nannte, der ihm vertraut UND fremd ist – eben Paris? Duccio indes ist betrübt darüber, mir berichtet zu haben, was er soeben erlebt hat. Es ist dieses Gespräch von so abgrundtiefer Fremdheit und gleichzeitig von so anrührender Nähe, dass man eigentlich gar nichts erklären wollen dürfte. Es ist, als würde man das Welt-Bild entwerten, indem man davon spricht und es analysiert. Es ist, wie es ist. „Aus Deutschland? Dann ist sie also aus Paris?“

II

Beim Orthopisten. Masken auf beiden Seiten, denn man ist sich körperlich nah, notgedrungen. Er fürchte die obligatorische Impfung, sagt der Mann. Es sei doch bekannt, wie schnell der Virus mutiere. Kaum habe man den Impfstoff für die eine Form von Corona, sei schon die nächste da. Man müsse eben lernen, mit der Krankheit zu leben. Und dann, weil offenbar auf meiner Seite eine gewisse Skepsis seiner Interpretation gegenüber zu spüren ist – eine Skepsis aber, die, wie ich ihm, verborgen hinter meiner Maske und aus ihr heraustretend, gern sagen würde, ganz unsicher ist, denn in Wirklichkeit weiß ich gar nichts über die Schnelligkeit, mit der der Virus mutiert –, fügt er noch hinzu, man unterscheide ja einen französischen Coronavirus vom deutschen vom italienischen usw. Wenn ich zunächst auch unsicher war, jetzt erinnere ich mich wieder: Ich bin Deutsche, er ist Franzose, mein Mann Italiener, meine Kinder alles auf einmal, und gewiss will er nicht sagen, dass ich, dadurch dass ich Deutsche bin, jetzt einen anderen Virus einzuschleppen drohe, den Meinen eben, der mit seinem – dem französischen – nicht vergleichbar sei. Das will er nicht sagen, und ich muss ihm also nicht widersprechen. Aber es verwirrt mich doch, dass ich auch hier so gar nicht Bescheid weiß. Es mag sein, dass sich der Virus auf den verschiedenen Kontinenten auf unterschiedliche Weise entwickelt. Auch hier müsste man die Epidemiologen befragen. Aber eines ist bei allen offenen Fragen klar: Meine Kinder, die ‚alles auf einmal‘ sind, geben das Muster ab für das, was wir alle sind. Wir sind alle alles auf einmal und darin gleich, keine Grenze kann gezogen werden, die Zuweisung nationalstaatlicher Begriffe geht am eigentlichen Charakter des Virus vorbei und damit man selbst an sich selbst. Der kreolische Bauarbeiter, der meinte, ich, als Deutsche, käme aus einem Land, dessen Hauptstadt Paris ist, hatte recht: Die Konfusion seiner privaten Geographie trifft die Realität. Berlin ist Paris und umgekehrt, als Deutsche muss ich mich als Französin und Italienerin und überhaupt Weltbürgerin verstehen, denn die Pandemie zwingt mich dazu. Oder eröffnet sie mir diese Chance? Auch hier kann man Zweifel haben. Die Länder reagieren, jedes für sich allein, jedes mit Hilfe der Institutionen, die es zur Verfügung hat. Und so tritt in den Hintergrund, dass die Maßnahmen zwar national sein mögen, der Virus aber nicht. Man fürchtet den Anderen, den Reisenden, den Weltbürger, der sich über die Grenzen hinweg begibt. Und man hat nicht Unrecht mit dieser Angst. Aber der Virus ist – darin wie wir, sich angleichend an uns – „alles auf einmal“, ist das Grenzenlos-Unbestimmte und darin zugleich das, was unser aller Bestimmung ist, wenn wir uns alle nicht als „alles auf einmal“ zu sehen vermögen.

Anne Peiter, Réunion

 

Corona 60: Positiv

Nach der raschen Verbreitung der Seuche im Landkreis Gütersloh wird nun darüber nachgedacht, den Einwohnern dieses Landkreises die »Ausreise« in andere Bundesländer nur dann zu gestatten, wenn Sie einen »negativen« Sars-Covid-2-Test vorweisen können. Man wundert sich. Als Kind und noch manchmal als Heranwachsender habe ich nicht verstanden, warum der »negative« Ausgang eines medizinischen Test für die Beteiligten »positiv«, und umgekehrt: warum ein »positiver« Test nicht bloß »negativ«, sondern schlimm und möglicherweise sogar verheerend war. Ein positives Ergebnis etwa bei der Krebsvorsorge war die Katastrophe, die Bedrohung eines gesamten Lebens.

Hier ist es aber doch nun mal endlich so, wie es das Kind sich vorgestellt hat. »Negativ« ist »negativ« und »positiv« ist »positiv«. Negativ ist negativ, weil jeder Mensch, der die Krankheit nicht hat, sie noch bekommen könnte. Und positiv ist positiv, weil es bedeutet, dass der Mensch dann, wenn er die Krankheit überstanden hat, sich nach dem, was wir momentan wissen, weder damit anstecken noch sie weitergeben wird. Ob freilich auf Dauer oder nur für eine gewisse Zeit, ist noch nicht bekannt.

Aber dennoch Eigentlich müsste die Anordnung also lauten, das nur »positiv« getestete Bewohner des Landkreises Gütersloh diesen verlassen dürfen. Jeder »negativ« getestete dagegen, dessen Test auch nur mehr als einen Tag zurückliegt, dürfte den Landkreis eigentlich nicht verlassen, denn sie oder er könnte sich ja in der Zwischenzeit bereits angesteckt haben und zum Infektionsträger geworden sein.

Warum also diese offenkundige Verkehrung dessen, was einem der gesunde Menschenverstand und in diesem Fall sogar das kindliche Sprachgefühl sagt? Es hat sich unversehens ein Misstrauen gegen die Art und Weise eingenistet, in der Krankheiten natürlicherweise überstanden werden, nämlich durch Ausbildung von Immunität. Ich will damit nicht sagen, dass man Corona sich einfach hätte verbreiten lassen sollen. Das, was geschieht, wenn man zu wenig unternimmt oder zu spät handelt, sieht man an den USA oder Brasilien. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte man gar nichts unternommen. Dennoch ist jede/r, die oder der sich in den letzten Monaten, in denen es schwierig war (und sein sollte), sich zu infizieren, mit Corona angesteckt hat, ein Gewinn: universell einsetzbar und ihr Leben ist keinerlei Beschränkungen unterworfen. Sie sind das, was der Unterdrückung des Infektionsgeschehens durch die Maschen schlüpfte und gerade deswegen die Elite.

Will man das verhindern? Will man die Zweiteilung der Menschheit in eine Pandemie-Elite, die im Prinzip tun und lassen könnte, was sie will und einen Rest, der den wechselnden und der jeweiligen Infektionssituation angepassten Bedingungen des Lockdowns unterworfen wäre, verhindern? Befürchtet man soziale Verwerfungen? Gezielte Versuche, sich anzustecken, um den Einschränkungen zu entkommen? Illegale Partys, wo sich die Jungen und Schönen der Nation, die wenig zu befürchten haben, systematisch immunisieren? Nachvollziehbar. Aber ist es die einzige Lösung des Problems, auch diejenigen den Beschränkungen zu unterwerfen, bei denen keinen Grund dazu besteht?

All das dürfte die Diskussionen der politischen Entscheidungsträger in den letzten Monaten beeinflusst haben. Es scheint mir aber noch nicht das ganze Problem zu beschreiben. Wie eh und je geht es um Naturbeherrschung. Die Krankheit kriegen und sie einfach auskurieren: das ist irgendwie nicht richtig, nicht fair. Sich der Natur statt dem momentan durchregierenden Verbund aus Wissenschaft und Politik anzuvertrauen – und sei es auch unbeabsichtigt – , ist undiszipliniert und fast schon ein Akt der Insubordination. Der Erreger, so lautet die stille Botschaft, gehört in die Hand derjenigen, die ihn ausschließen und verhindern, er gehört in die Labore und nicht in die der Natur, die ihre Arrangements trifft. Es sind teure Arrangements, denn es sterben Menschen, viel mehr Menschen als durch die Verhinderungsstrategie von Politik und Wissenschaft.

Ich bin nicht daran interessiert, mich hier für das eine oder das andere zu entscheiden. Der empfindliche Punkt scheint mir vor allem in der mangelnden Wertschätzung zu liegen, die den Glücklichen entgegengebracht wird, die sich nolens volens infiziert und die Krankheit überstanden haben. Es geht um die Einsicht, dass die natürliche Immunisierung ein »positiver«, ziemlich präzise arbeitender, hochwirksamer Prozess ist, zu dem sich die medizinische Forschung in ein anerkennendes und partnerschaftliches Verhältnis setzen sollte. Es geht um das Bündnis mit der Natur anstatt um ihre Unterwerfung.

Viele Bekannte von mir dachten, sie hätten Corona gehabt. Dann haben sie sich irgendwann einen Antikörpertest besorgt. Ausnahmslos negativ. Sie waren alle bestürzt darüber; und ich bin es auch, da ich nun niemanden mehr kenne, der diese Krankheit gehabt und überstanden hat. Irgendwie würde mich das beruhigen, es wäre »positiv«.

Wolfram Ette

Corona 59: Schon wieder Zahlen

In Deutschland gibt es seit gestern 503 neue bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus. Das teilte das Robert Koch-Institut mit. Damit haben sich seit Beginn der Coronakrise 190.862 Menschen nachweislich mit dem Virus angesteckt. 8.895 infizierte Menschen starben; das sind zehn mehr als gestern. Etwa 175.700 Personen haben die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden. Damit gibt es derzeit rechnerisch rund 6.300 aktive Fälle in Deutschland.

Damit wurden die 8-Uhr-Morgennachrichten des Deutschlandfunks am 23. Juni 2020 beendet. Vom ersten auf den letzten Platz. In dem Maße aber, indem das einst Sensationelle zur Pflichtveranstaltung abstieg, deren sich der Sender zu entledigen hat, weil ein Problem auch dann nicht ausgestanden ist, wenn keiner mehr Lust darauf hat, werden die sprachlichen Kautelen auffällig. Die Neuinfektionen seien „bestätigt“, heißt es: was sonst? „190.862“ Menschen hätten sich „nachweislich“ angesteckt: gewiss; wie käme man sonst auf eine solche Zahl? Warum dieser Kies, warum diese Angaben Tag für Tag, die man sich schenken kann, weil sie sich von selbst verstehen?

Etwas ungenauer wird es dann im Folgenden, wenn es um die Zahl derer geht, die Corona auskuriert haben sollen; sie beruhe auf „Schätzungen“, heißt es, weil es offenbar nicht möglich war, den Krankheitsverlauf jedes einzelnen Falls nachzuverfolgen. Sicher zählbar sind halt nur die Toten. Wenn man die Zahlen addiert, erhält man 190.895, also nicht „rund“, sondern genau 33 mehr als die Zahl der bestätigten Fälle, was ja auch bestätigt, dass es sich bei den RKI-Schätzungen“ um ziemlich genaue Schätzungen handelt, die sagen, dass das RKI zwar nicht allwissend sei, aber der Wirklichkeit doch recht nahe kommt.

In Wahrheit ist das Ganze, so kurz und gedrängt es daherkommt, ein einziger rhetorischer Verhau, ein quasi kultischer Abwehrzauber, der die wissenschaftliche Beherrschung der Welt durch Zahlen suggerieren soll. Fest steht eigentlich nur das eine: keine einzige dieser Zahlen stimmt in dem Sinne, dass sie die Wirklichkeit abbilden würde. Sicher ist nur, dass sie nicht stimmen. Das zeigen die Kautelen ja auch an. Aber dadurch, dass nicht darüber nachgedacht wird, in welchem Grade z.B. die Zahlen des Robert-Koch-Instituts die Wirklichkeit verfehlen, bleibt alles abstrakt. Also: Liegen die wirklichen Zahlen um den Faktor 2, 20 oder 50 höher als die gemessenen? Das wüsste man gern, wenigstens eine Tendenzaussage müsste sich doch nach mehreren Monaten, die wir uns schon mit dem Virus herumschlagen, machen lassen, oder? Aber man findet darüber nur wenig und in den offiziellen Nachrichten gar nichts.

Deswegen haben die sprachlichen Einschränkungen den umgekehrten Effekt. Das, was sich nach wissenschaftlicher Redlichkeit anhört, die sich demütig vor der Realität als Inbegriff all dessen, was ihr noch zu wissen aufgegeben ist, bescheidet, wird zur Zauberformel, die die Auseinandersetzung mit ihr blockiert und sich dann doch an ihre Stelle setzt. Die Wissenschaft, einstmals Widersacherin der Metaphysik, hat ihre Nachfolge angetreten. Die Zahlen repräsentieren nicht die Wirklichkeit, sondern das, was sie in Wahrheit ist und sein soll. Bestätigt“ und rechnerisch“ sind Leerformeln, die, wenn sie nicht mit Erfahrungsinhalten gefüllt werden, einzig und allein der Konvention genügen und vergessen werden, sobald sie ausgesprochen wurden. Sie bewirken das Gegenteil von dem, wofür sie stehen. Man salviert sich durch sie vom wissenschaftlichen Erkenntnisauftrag, nach der Devise: man müsste dem mal genauer nachgehen. Man müsste auch mal das Klo putzen. Der Wille tritt an die Stelle der Vorstellung.

Dahinter steht vielleicht noch nicht der Wille, aber die Möglichkeit, die Wirklichkeit durch Zahlen zu manipulieren. Wenn man weniger misst, das ist ja klar, sind die Fallzahlen geringer. Wenn man keine repräsentativen Querschnittsstudien anfertigt, aus denen wenigstens ungefähr hervorgehen würde, wie sich die gemessenen zu den wirklichen Fallzahlen verhalten (es gibt diese Studien, aber nur regional); wenn man es schafft, die konkrete Wirklichkeit durch die bis zur Ödnis wiederholten, nur summarischen Hinweise auf sie wegzuillusionieren, dann ist der Weg nicht weit bis zu der Vorstellung, dass sie dem Zahlenwerk entsprechen wird, wie immer man dieses auch einrichte. Wohlgemerkt: es steht da nirgends, nirgends ist es explizit. Aber es ist mitlaufender Effekt der zur Formel geronnenen Begriffe, die durch tausendfache Wiederholung entleert wurden, und die man deswegen nicht mehr hört, ein mechanisches Gemurmel wie das Gebet vorm Schweinebraten. Ich sage damit nicht, dass die Naturwissenschaften manipulativ oder totalitär seien. Ich sage nur, dass es nicht schwer ist, sie an der Schnittstelle zur Öffentlichkeit so umzufunktionieren, dass ihr aufklärerischer Auftrag verraten wird. Ich sage nur, dass es ein Leichtes ist mit der Wahrheit zu lügen: nicht propositional, sondern funktional zu lügen.

Der Unmut der Bevölkerung, der momentan in Städten, in denen man es nicht erwarten würde, aufflackernde Widerstand gegen die Staatsgewalt; das wieder um sich greifende illegale Partywesen; die Massendemonstrationen nach der Tötung George Floyds, die einem tief empfundenen Bedürfnis entsprachen, das erleichtert darüber sein durfte, sich mit dem Kampf für die gute Sache zu verbünden – all das hat auch in dem Unbehagen gegenüber einer Darstellung von Wirklichkeit seinen Grund, die den Inbegriff aller Objektivität in der Zahl erblickt. Es gibt die Sehnsucht nach Körper und Masse, nach all den vorwiegend physischen Erfahrungen die über unser individuelles Dasein hinausgehen und seit Hunderttausenden von Jahren Bestandteil unseres kulturellen Genoms sind. In ‚Masse und Macht‘ hat Elias Canetti diesen unter der Patina der modernen Zivilisation sich weiter regenden Erfahrungsfond beschrieben. Wenn sich diese Sehnsucht mit einem Misstrauen gegenüber all dem verbindet, was einen als Wirklichkeit angeboten wird, liegt das Aufbegehren nahe.

Die Paradoxe liegt freilich darin, dass es sich noch weiter von der Wirklichkeit entfernt als die oben zitierte Radionachricht. Die Zahlen stimmen misstrauisch, Hoffnung und Sehnsucht möchten sie, zum Teil erklärtermaßen, zum Teil implicite, nach unten korrigieren. Wer kennt schon einen Corona-Kranken? Alles ist so unwirklich. Und doch spricht alles alles. Die wirklichen Zahlen müssen höher liegen. Das sagt einem der Menschenverstand. Indem aber auf die Thematisierung dieses Verhältnisses nichts weniger als gedrungen wird, macht sich das Zahlenwerk, das allmorgendlich und allstündlich im Deutschlandfunk präsentiert wird, zum Komplizen all derjenigen, die mit guten oder schlechten Absichten den Menschenverstand beiseite stellen und gerne hätten, dass die Zahlen niedrig seien und sich ein Ende des beschränkten Lebens wünschen. Sie sind es ja schon: Was sind 190.000, ja sogar „190.862“ verglichen mit einer Gesamtbevölkerung von „rund“ 83 Millionen? Fast hören sie die Zahlen wie eine anklagende Litanei an. Was: so wenig? Sogar rechnerisch“ bestätigt? Woher die Aufregung?

Wolfram Ette

Corona 58: Eine Milliarde

Über Verschwörungstheorien III

Was an der Voraussage, der nächste Virus werde eine Milliarde Menschen hinwegraffen, als beobachtenswert erscheint, ist, wie sich Präzision und Unbestimmtheit mischen. Eine Vision von Zukunft wird präsentiert, die glaubt, zu wissen, wie es sein wird: Die Zahl der Toten steht schon fest. Gleichzeitig ist die Zahl ›eine Milliarde‹ jedoch so wunderbar rund – es werden, laut der Voraussage, nicht (sagen wir mal) 960.000.000 Menschen sterben, und auch nicht 1.130.000.000, sondern eben eine Milliarde –, dass die Zahl als Annäherungswert vor einen tritt.

Wenn Prognosen davon leben, dass sie, ausgehend von gegenwärtigen Kenntnissen, Zukünftiges voraussagen, Prophetisch-Apokalyptisches hingegen, aus einer Endzeitgewissheit heraus, davon, dass es Zukunft bald nicht mehr geben wird, dann steckt in der Zahl beides zugleich. Das will zugleich auch heißen: Eine gewissermaßen ›wissenschaftliche‹ Genauigkeit – man vermag die Zahl der bevorstehenden Toten anzugeben – durchmischt sich mit einer ganz und gar metaphorischen Sprechweise: Eine Milliarde Tote durch den nächsten Virus, das ist unvorstellbar und ist so genau auch nicht gemeint.

Also spiegelt die Zahl, psychologisch betrachtet, noch etwas anderes: Wer nicht einfach nur sagt, der nächste Virus werde noch viel schlimmer sein als der jetzige, sondern die dazu gehörige Zahl gleich mitliefert, gibt sich das Ansehen, genau zu sein, was heißt: Die Person will, dass man ihr Glauben schenkt. Zugleich will sie aber durch den metaphorischen Anteil ihrer Rede auch über alle Grenzen hinaus den anderen (und sich selbst) erschrecken, d.h. als Prophet des Entsetzlichsten sich selbst zur Würde verhelfen. Die erste Haltung bedeutet also eine Unterwerfung unter das Zahlen-Regime, das gerade jetzt, wo Statistiken in der Berichterstattung breiten Raum einnehmen, so einflussreich ist. Die zweite Haltung hingegen macht sich ganz von den Zahlen los, indem sie sozusagen mit dem Zählen – nämlich der Eins – ganz von Neuem beginnt. (Dass dann an der Eins noch einige Nullen hängen, ist dabei ganz nebensächlich.)

Warum aber nun diese Schrecklust, die doch augenscheinlich aus dem Gefühl heraus geboren ist, selbst eine Null zu sein (denn sonst würde man diese nicht mit dieser Abfälligkeit behandeln, ja überhaupt erst gar nicht auf der Voraussagbarkeit bestehen)?
Offenbar wird psychologisch durch den Hinweis auf ›eine Milliarde Tote‹ ein Gewinn eingefahren. Das eigene Kind steht dabei, hin- und hergerissen zwischen Sorglosigkeit und Sorge im Übermaß, ungeheure Freiheiten genießend und zugleich unter der Gewissheit sich duckend, dass es bald ganz und gar vorbei sein wird. Die Mutter also wird zu einer gottähnlichen Instanz, unverständlich-widersprüchlich, mal schützend, mal mit einem mysteriösen Tode drohend, in ihrer Schwäche menschlich und dann doch wieder durch das scheinbare Konstatieren bezüglich des Kommenden von schneidender Kälte.

Vielleicht ist es also der Akt der Kommunikation, der im Vordergrund steht: Man will den anderen – hier das Kind – dem Wechsel der Gefühle aussetzen, dem man selbst unterliegt. Man fügt dem anderen Zukunft zu, so wie einem selbst vielleicht in der Vergangenheit etwas zugefügt worden ist. In der Gegenwart gibt man sich jedoch ganz sorglos. Aber die Sorglosigkeit ist eingespannt zwischen große, zermalmende Mächte. Irgendeiner Sache in der Vergangenheit ist man entkommen, doch in der Zukunft wird das anders sein. Es ist, als reduziere sich die Zeit, über die man noch verfügt, auf diesen kleinen Ausschnitt jetzt und hier.

Das Sich-hinweg-Setzen über die Regeln der Ausgangssperre ist so sorglos also doch nicht. Vielmehr vermittelt es den Eindruck, als solle da schon einmal eine Welt abgeschritten werden, in der man niemanden mehr trifft. Mutter und Sohn sind bereits allein auf der Welt. Diese hat sich geleert, so wie es beim nächsten Virus tatsächlich (und zwar in noch größerem Maßstab) geschehen werde. Der Gang in die Berge, vielmehr: der Aufstieg in sie, nach oben, wirkt, als wolle man sich erheben über das Schicksal der Allgemeinheit, der Gemeinen, die als kommende Tote schon feststehen.

Demnach ist auch etwas extrem Gewalttätiges, Gewaltbereites in dieser Haltung. Eigentlich steckt in der Voraussage, eine Milliarde Menschen werde sterben, die Gewissheit, dass man von so einer abstrakten Zahl selbst nicht betroffen sein wird. Man prophezeit’s den anderen, um selbst am Leben zu bleiben, vielleicht sogar das gegenwärtige Leben zu steigern, ihm eine Spannung zu verleihen, die es durch Alltäglichkeiten und Routinen verloren hat. Aber das Ungewöhnliche besteht eben darin, dass man den Blick über die anderen streifen lässt und sich, mit der Zahl im Hinterkopf, bei jedem siebten Menschen sagen kann: »Und der… und der… und der auch!« Ein Abzählspiel, in dem man schon mal den Tod zuweist. Es werden Menschen davonkommen, aber ein Siebtel eben wird sterben.

Ein Siebtel – das ist keine runde Zahl. Aber es enthält die Idee, wir seien ›zu viele‹, die Menschheit müsse schrumpfen, das Ziel sei ein eugenisch-demographisches, festgelegt durch unbestimmte Mächte. Ein Siebtel – das ist zugleich eine Märchenzahl, nicht aufgeladen wie die ›Drei‹ mit ihren Anklängen an die Dreieinigkeit, auch nicht der Zwölf gleichend mit ihren Jüngern. Eher eine sperrige Zahl, ungrade, die sich da ins Verhältnis setzt zur Eins.

Aber in gewisser Weise ist auch gar nicht wichtig, ob man jetzt von der Sieben spricht oder von einer anderen Zahl. Entscheidend ist – noch einmal – die Überzeugung, wir seien viel zu viele. Zwar wird behauptet, andere dächten, wir seien, demographisch gesprochen, zu viele, doch in Wirklichkeit ist diese Überzeugung Teil des Ichs, das anderen, Unbestimmten die Absicht zuschreibt, ein Siebtel der Menschheit töten zu wollen.

Kommt es zu solchen Phantasien, weil sich das Ich selbst überflüssig, oder, besser noch: überzählig vorkommt? Und erklärt es wiederum andere für überzählig, als Form der Rache für den eigenen Status? Interessant wäre dann, dass diese Rache ganz unpersönliche Formen annimmt. Man rächt sich nicht an dem Partner, der einen verlassen hat, nicht an jemandem, den man persönlich kennt und gegen den man etwas unternehmen möchte. Fast ist es, als wolle man festhalten am Selbstbild, als wolle man die gleiche, sanfte Person bleiben wie zuvor – die Rache muss dann aber gegen alle gehen, gegen alle, doch gegen niemanden persönlich, gegen niemanden direkt.

Die Abstraktion, dass man sich rächt, obwohl man gar nichts Konkretes unternimmt, was irgendwie nach Rache aussehen könnte, wird aufgewogen dadurch, dass die Rache zahlenmäßig im Superlativ daherkommt. Zwar rächt man sich an niemandem, den man kennt, zwar macht man nichts gegen diejenigen, die’s verdient hätten – doch dafür phantasiert man si