Wörterbuch 3: Format

Reportage aus den Überflutungsgebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Es geht um die Frage, wie denn nun die anstehende Bundestagswahl organisatorisch bewältigt werden könne. Die Bevölkerung, so scheint, es winkt ab. Man habe jetzt andere Sorgen. Aber Sorgen machen sich auch die Parteien, die gewählt werden wollen, und nicht so recht wissen, wie sie ihre Wählerinnen und Wähler ohne festen Wohnsitz erreichen sollen.

Ein FDP-Mitglied wird gefragt. Nun ja, es müssten vielleicht mobile Wahllokale geschaffen, überhaupt andere »Formate« gefunden werden. Das ist ehrenhaft, ohne Zweifel. Oder anders: Es verbindet Egoismus und Ehrenhaftigkeit auf halbwegs sympathische Weise. Aber »Formate«? Warum sagt er nicht »Formen«?

Meine Mutmaßung ist die folgende: Formen werden in bestimmten Situationen geschaffen. Sie sind das, was sich aus bestimmten Inhalten passenderweise ergibt. Form und Inhalt sollen zueinander stimmen. Das Format dagegen ist schon da: wie eine Formatvorlage in einem Textverarbeitungsprogramm. Es wird übergestülpt. Format heißt: Der Inhalt hat sich der Form anzupassen. ›Form‹ ist weich ›Format‹ ist hart.

So drückt der Begriff des Formats ganz direkt aus, was die Phrase macht. Wie in dem Märchen von Hase und Igel ist das Format immer schon da: »Ich bün allhier!« Die Phrase formt die Wirklichkeit nicht. Das wäre schon schlimm genug, aber wahrscheinlich unvermeidlich. Sie formatiert sie. Sie presst sie ins Prokrustesbett des so oft Vorgedachtenm und vorformulierten, dass kein eigener Gedankeninhalt übrig bleibt. Sie verfährt nach dem Prinzip einer Redewendung die selber hochmodisch ist, die ich aber in ihrer stillen Gewalttätigkeit doch ziemlich treffend finde: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Wolfram Ette

Wörterbuch 2: Zeitnah

Also: Warum sagen die Leute nicht „bald“? Dieses Wort, also „bald“, sagt aus, dass vom jetzigen Moment an bis zur Erledigung einer Aufgabe nicht viel Zeit verstreichen darf, oder verstrichen sein wird. „Das muss bald gemacht werden“; oder, noch etwas steigernd, „schnell“. Aber „zeitnah“?? Auf den ersten Blick wirkt das Wort furchtbar lahm. Würde man seinem Kind, das im Zimmer sitzt und spielt, sagen, es soll den Tisch zeitnah decken? Wohl kaum. Es würde dasitzen, etwas verwirrt blicken, um sich dann wieder den Spielsachen zuzuwenden.

Und das wäre sicherlich auch eine erste Funktion. Dort, wo man „zeitnah“ sagt, soll, auf einer oberflächlichen Ebene wenigstens, Druck rausgenommen werden. Das Wort ist eine Höflichkeit, ein Euphemismus. Man brüllt die Untergebenen nicht an, feuert ihnen kein „Sofort!“, kein „prestissimo!“ um die Ohren, sondern bleibt irgendwie konziliant-verbindlich: zeitnah eben.

Aber genügt das? Ist das bereits schon das Unmenschliche, dass die realen Machtverhältnisse verschleiert werden? Dass sie ohne Ausrufezeichen, im kalten Bürokratismus dieses Kompositums vollstreckt werden, ohne dass es hörbar wird? Vielleicht. Gleichwohl drängt eine zweite Assoziation sich auf. Wenn wir „bald“ sagen, „schnell“, „sofort“, so befinden wir uns gemeinem mit dem zu Tuenden in der Zeit. Sie ist unser gemeinsamen Medium, das uns umgibt und umspannt und verbindet. Es ist nicht hinterschreitbar, das, was wir tun, müssen wir in der Zeit tun. „Zeitnah“ hingegen vergegenständlicht. Es suggeriert Verfügung über die Zeit. Es deutet an, dass wir die Zeit, uns uns von der Verwirklichung des zu Tuenden trennt, beliebig stauchen können. Es sagt nicht: Tue dies oder jenes auf eine andere Weise als sonst, nämlich „schnell“, es sagt nicht, mit einer ganz und gar altertümlichen Wendung: „Beeil dich!“ Es suggeriert vielmehr: Es ist doch ganz einfach, quasi anstrengungslos: Hol den Zeitpunkt der Verwirklichung an dich heran, enspann Dich; Du musst es gar nicht schneller, sondern bloß eher machen, die Zeit ist flüssig wie Wasser oder Luft und Du machst sie Dir untertan!

Ja, das bereitet mir Unbehagen: diese Suggestion der Verfügung über das, wohinein wir gestellt sind, was uns zuvorkommt und in einem gewissen Sinne, da wir zeitliche und sterbliche Wesen sind, beherrscht. Und es stimmt ja nicht! Es stimmt in keinster Weise! Zum einen stimmt es nicht, weil nicht es es bin, der über die Zeit bestimmt, sondern mein Chef. Nicht ich selbst sage mir: Diesen Text möchte ich „zeitnah“ geschrieben habe, sondern er, bzw. sie. Und es ist kein transzendentales Ego, dass sich ihren oder seinen Vorgaben anzupassen hat, sondern mein sterblicher Körper, der da dem Regime der Zeitnähe unterworfen wird, diesem invertierten, technokratischen Adventismus, der mich glauben lässt, ich sei schon Manager, weil ich die Befehler der Manager verstehe und den Anweisungen ihrer Sprache folge.

Und es gibt, in enger Vrbindung damit, noch einen letzten Grund, der dem Wort doch einen sicheren Listenplatz im aktuellen Wörterbuch des falschen Bewusstseins sichert. Es lenkt ab. Es markiert Geschäftigkeit, wo wir keine brauchen, und macht uns blind für das gattungsgeschichtliche Großereignis, dessen „Zeit“ wirklich „nahe“ ist: den Augenblick nämlich, in dem der Klimawandel endgültig außer Kontrolle geraten sein wird, der Augenblick, in dem Flut- oder Dürrefolgen nicht mehr aus der Portokasse beglichen werden können und Steuererhöhungen um dessentwillen nicht mehr durchsetzbar sind; der Augenblick, in dem unsere Gesellschaften nicht mehr latent (das tun sie längst), sondern sichtlich zerfallen werden – in Konglomerate mafioser Zusammenschlüsse, die sich nicht mehr Parteien nennen müssen; der Augenblick, ab dem es um das Überleben im transitiven Sinne gehen wird und endgültig klar wird, dass es nun mal nicht für alle reicht, vielleicht für niemanden am Ende, aber dass man sich bis dahin zumindest Zeit erkämpfen kann, die man den anderen wegnimmt.

Denn das ist der wahre Adventismus. Das ist „zeitnah“ in dem eigentlichen Sinne, dass die Zeit, in der dies geschehen kann, „nahe“ ist und auf uns zukommt. Und es ist diese Zeitnähe, die weggeblendet und unfühlbar gemacht wird durch die vielen Kleinstunternehmungen, deren zeitnahe Erledigung uns aufgebrummt wird, und dies in einem Vokabular, das uns suggeriert, wir verfügten über die Zeit, während sie uns in Wahrheit doch wegläuft oder in restlos überfordernder Weise auf uns zukommt und uns überwältigt. Die Vorstellung: dass wir es sind, die über die Zeit verfügen, in einer Situation zumal, in der sie mehr und mehr über uns verfügt: das ist wohl das eigentliche an dem Wort „zeitnah“ haftende Verbrechen, das ist das nicht notwendig, sondern vollkommen überflüssige falsche Bewusstsein, die Ideologie, deren Komplizen wir werden, wenn wir es aussprechen oder widerstandslos hinnehmen.

Wolfram Ette

*

„Zeitnah“ bedeutet, dass eine bestimmte Zeit nahe ist: die, in der man bestimmte Dinge tun wird. Immer schwingt im „zeitnah“ mit, dass es sich nicht um eine leere Zeit handeln wird, sondern um eine, die man füllt, und zwar mit dem, was erwartet wird, dem, was als notwendig gilt. „Zeitnah“, das enthält von jeher den Gedanken, dass man nicht zu spät kommen wird, denn bestraft werden will man nicht, weder durch’s Leben, noch durch den Vorwurf, nicht erkannt zu haben, dass man impliziten Planungen, impliziten Ansprüchen zu genügen hat.

Nie kommt das Wort „zeitnah“ in Kombination mit einer Verneinung vor. Immer enthält „zeitnah“ das Versprechen, dass man sich zwar in diesem, jetzigen Augenblick einer Sache noch nicht annimmt, jedoch fest vorhat, dies in Bälde nachzuholen und den Erwartungen (den eigenen wie den fremden) zu genügen: „Zeitnahes“ als Aus- und Beweis der eigenen positiven Intentionen. Das zustimmend Nickende des Wortes verteilt sich in feinen Partikeln in die nahen wie in die ferneren Zukünfte hinein. „Zeitnah“ ist das große Gegenkonzept zur Faulheit und zum Verspätetkommen, „zeitnah“ überflügelt und ersetzt Worte wie „bald“ oder „in Kürze“, indem es die Zeit an sich (als exakt messbare Einheit) kontrolliert und sich nicht mit dem vagen Blick auf unbestimmt Baldige zufrieden gibt.

Betrachtet man die Übersetzungen, die vom deutschen „zeitnah“ hinein ins Französische führen, ist erkennbar, wie viel Beflissenes in diesem Konzept steckt, wie viel sich noch und noch vor’m Existierenden Verneigendes, ihm zu Füssen Fließendes. Da findet man die Übertragungsmöglichkeit „rapide“ (was traditionell mit „schnell“ übersetzt zu werden pflegt), aber auch „très prochainement“ (= „sehr bald“), „dans peu de temps“ („in kurzer Frist“) und „dans un avenir/ futur proche“ („in einer nahen Zukunft“) stehen im Angebot.
Aber das ist noch nicht mal das Beste, denn hier geht es ja weiterhin bloß um die Wiedergabe dessen, was man im Deutschen mit „bald“ bezeichnen würde. Das Beste kommt erst noch. Und hier ist es: „Zeitnah“ bedeute „opportun“, zum Beispiel bei der „zeitnahen Antwort“: „une réponse opportune„.

„Opportun“ ist wiederum nur das, was „in der gegebenen Situation angebracht“, will heißen: „von Vorteil“ ist. Suggeriert wird, das, was man tun werde, werde dem Anderen zum Vorteil gereichen, doch tun tut man’s nur, weil der Vorteil zugleich auch auf der eigenen Seite ist. Berechnung steckt im „zeitnah“, eine Logik der gegenseitigen Kosten-Nutzen-Rechnung, in der man sich nur dann die Zeit etwas kosten lassen wird, wenn man selbst auf seine Kosten kommt. Man passt sich an, verhält sich opportunistisch. Bloß keine Kritik! Bloß kein Aufmucken! Die Zeit, sie hat einen in dem Masse im Griff, in dem man umgekehrt sie im Griff zu haben behauptet.

Man lese nur, was sich an sprachlichen Zufallsfunden aufdrängt:

„Auf dem schnelllebigen Mobilfunkmarkt ist es besonders wichtig, den Erfolg unserer Marketingmaßnahmen zeitnah kontrollieren und optimieren zu können.“

Da ist der Kern: Man optimiert sich selbst und die Welt.

„Es ist sicherzustellen, dass alle Handelsgeschäfte unverzüglich und Kreditgeschäfte möglichst zeitnah, mindestens jedoch taggleich auf die einschlägigen Limite angerechnet werden und jeder Händler beziehungsweise die für den Bereich ‚Markt‘ zuständigen Verantwortlichen über die für sie relevanten Limite und ihre aktuelle Ausnutzung zeitnah informiert werden.“

Das ist nicht nur sehr hübsch, sondern, mehr noch, ausgesprochen hübsch, vor allen Dingen, weil dem „zeitnah“ noch ein Synonym an die Seite gestellt wird, nämlich das herrliche „taggleich“. (Das wirkt, als ob man die Tag- und Nachtgleiche ins Ökonomische übersetzen würde: Niemand, der stets „zeitnah“ reagieren können will, darf darauf bestehen, Schlaf zu brauchen. Optimal funktionieren muss man immer, zur Not auch dann, wenn der Arbeitstag längst vorbei ist.)

„Über das Internet […] sowie über Aktionärsbriefe und Medienmitteilungen wird über alle wichtigen Projekte und Initiativen zeitnah kommuniziert.“

Man sieht schon, von woher der Wind weht, nämlich: her vom Markt- und Aktiengeschehen, das der Zukunft sicher ist wie keine Vergangenheit vor uns.

Daher nur noch ein letztes Zitat, das zeigt, dass sich das Wort mit Vorliebe mit bestimmten Adjektiven verbündet. Nicht mit irgendwelchen! Das Wort „zeitnah“ ist wählerisch, obwohl’s immer die gleichen semantischen Bündnispartner sucht. Da ist etwa die Rede von den „erzielten Fortschritte[n]“,

„damit die Tätigkeit der Agenturen wirksam und zeitnah verfolgt werden kann“.

Oder:

„Der Vorstand unterrichtete uns regelmäßig sowohl schriftlich als auch mündlich, zeitnah und umfassend über die Unternehmensplanung“

– das klingt auch ganz gut. Rekapitulieren wir: „zeitnah“ impliziert „Wirksamkeit“, „zeitnah“ verspricht „Umfassendes“. Man wird nicht nur bald antworten, sondern lückenlos, komplett, damit nichts Fremdes (kein irritierter Gedanke) eindringe.

Genau dieser Gedanke führt hin zum räumlichen Aspekt, der in „zeitnah“ enthalten ist. Der fehlt im Französischen, weil man da das Opportunistische direkt ausdrücken muss. „Zeitnah“ ist „nah“, so als wäre man’s auch dem, dem das Versprechen einer zeitnahen Reaktion, Antwort, Lieferung, Überweisung usw. gemacht wird. Suggeriert wird erneut die Service-Mentalität, d.h. das Versprechen, man werde den Anderen im Auf und Ab des Marktes nicht enttäuschen, sondern ihm vielmehr voll zu Diensten sein. Die Nähebeziehung funktioniert dabei über das einzige Medium, das stets und überall zirkuliert, nämlich das Geld. „Zeitnah“ versteht man zu agieren, wenn man diesen Fluss im Gang hält. Was für ein reißender Strom!

Insofern kann man abschließend sagen, dass ein Staudamm nach dem anderen bricht, wenn das Wort „zeitnah“ von der Sprache der Manager und Aktienmärkte in die Alltagssprache wandert. Nimm niemals eine Einladung an, die man Dir als „zeitnahe“ in Aussicht stellt! Tu’s auch dann nicht, wenn das Essen gut zu sein verspricht! Nimm den Telefonhörer nicht ab, wenn ein Freund jetzt grad nicht kann, aber Dich „zeitnah“ anzurufen verspricht! Der Damm ist hier schon gebrochen. Aber man kann sich noch ein bisschen dagegen stemmen. Nähe kann nämlich auch anders ausgedrückt werden, zum Beispiel durch das schöne Wort „demnächst“, in dem die menschliche Verbundenheit genausogut und doch anders steckt, nämlich als das „Nächste“ des „Nächsten“, der nicht immer nur ich selber sein muss.

https://www.linguee.fr/allemand-francais/traduction/zeitnah.html

Anne Peiter

Wörterbuch 1: Alleinstellungsmerkmal

Man sollte vielleicht gar nicht so viel Aufhebens um dieses Wort machen. Hat es überhaupt einen Inhalt? Ja, es hat. Ihm liegt die schlichte, naturwüchsige Wahrheit zugrunde, dass es gut sei, dass der Mensch alleine sei. Liebe, Gemeinschaft, Freundschaft, Sozialität: all das ist schlecht und vor dem Gott des Kapitals vom Teufel. Wir sind am besten, wenn wir nicht gemeinsam, oder, wie das Wort von vor 1.000 Jahren lautete, „solidarisch“ handeln, sondern jede/r gegen jede/n kämpfen. Das Alleinstellungsmerkmal ist das Charakteristikum des vervollkommneten, kapitalistischen homo oeconomicus.

Es gibt die Wendung „alleine sein“; man sagt auch, dass jemand „auf sich allein gestellt“ ist. Aber „allein gestellt“? Die sprachschöpferische Gewalt ist verräterisch. Sie gibt Aufschluss über die reale Gewalt, die dem Vorgang zugrunde liegt. Sie zeigt an, dass es durchaus, also „eigentlich“ nicht in der Natur der Dinge liegt, alleine zu stehen, dass man aus der Gruppe oder der Reihe, in der man sich befindet, herausgerissen und irgendwo allein hingestellt wird, dazu verdammt, gegen die anderen zu konkurrieren, denen es genauso ergangen ist wie einem selbst.

Hinzu kommt schließlich die dem Wort innewohnende Abstraktion. Man sagt ja nicht einfach: „sie/er kann eine Sache besser als die anderen“, oder: „sie/er kann etwas, was niemand anderes kann“. Das würde darauf verweisen, dass wir arbeitsteilig leben, und dass es zwar seine Vorzüge haben kann, über Fähigkeiten zu verfügen, die nicht so viele beherrschen, dass wir aber trotzdem, um diese Fähigkeiten zu verwerten, immer auf andere angewiesen sind – immer und jederzeit. Das „Alleinstellungsmerkmal“, dieses typisch deutsche Großkompositum erhebt sein Haupt im Vollgefühl der Illusion, diejenigen, die Alleingestellten enthielten schon das Ganze und seien nicht auf die anderen, die weniger alleingestellt sind, angewiesen. Die Gewalt, die sich im Begriff ausdrückt, wird ideologisch prämiert.

So bleibt das Fazit: Wer wäre glücklicher als der Mensch mit einem Alleinstellungsmerkmal oder gar mehreren Alleinstellungsmerkmalen, nicht nur das Zahnrad, sondern recht eigentlich die gesamte Kapitalmaschine im kleinen, erfolgreich und unabhängig! Der Strom kommt aus der Steckdose, das Brot aus dem Supermarkt, dafür wird nicht gearbeitet, sondern bezahlt! Selbst die Angestellten sind doch in Wahrheit, also dann, wenn sie richtig gut sind, die Alleingestellten!

Wolfram Ette

*

Fangen wir doch erst mal an mit ein paar Gedichten, die’s (das haben Gedichte, da verdichtet) so an sich, in sich haben. Die Gedichte schreiben sich übrigens von selbst, denn es reicht ja, einen Blick ins Internet zu werfen und schon springen sie in einem in den Augenwinkel, ohne dass man sie wieder loswürde.

Also los. Gedicht Nummer 1:

der titan
dieses titanrad ist
ein absolutes alleinstellungsmerkmal
denn auch breit angelegte recherchen
haben gezeigt:
es gibt kein vergleichbares
rad aus titan

Ich bestehe darauf, dass man die Alliteration mit den beiden A’s so ernst nehmen sollte, wie sie’s meint: Der Anspruch auf Alleinstellungsmerkmale kommt immer absolut daher. Er verkündet, was vielleicht noch nicht ist, aber auf jeden Fall sein soll, nämlich: dass man keine Konkurrenten hat. Entweder weil man sie aus dem Felde geschlagen hat wie noch bei jeder historischen Schlacht (der Gegner ist auf dem Markt der Angebote untergegangen, verreckte an seinem verdienten, ökonomischen Tod) oder weil gar niemand auf die Idee gekommen ist, in bestimmten Produktionsbereichen überhaupt auf Ideen zu kommen, die sich verkaufen lassen.

„Alleinstellungsmerkmale“ kommen zustande, wenn man was denkt und produziert, was bisher noch nicht gedacht und produziert wurde. Und das ist gar nicht mal einfach, denn ein einziger, irritierwilliger Gang ins Einkaufszentrum genügt, um festzustellen, dass in dieser unserer Welt ja schon so ziemlich alles gedacht und produziert wurde, was eigentlich kein Schwein braucht und dann doch kauft, bloß weil’s das Ding vorher noch nicht gab und also neu ist.

Der absolute Wert kommt daher: dass es was gibt, was es noch nie gab. Und weil’s das eben doch schon gab (vielleicht nicht ganz so, aber doch sehr ähnlich), setzt die Setzung von Alleinstellungsmerkmalen die Fähigkeit voraus, nicht nur selbst (als Produzent und Erfinder von Bedürfnissen) einen Sinn für die kleinen Unterschiede zu entwickeln, sondern auch den Käufer in spe dazu zu bringen, das Kleine für das Entscheidende zu halten und das Unterschiedene dann auch wahrhaftig zu kaufen. Etwa so: dass ein Rad nicht nur ein Rad ist, das sich dreht und einen voranbringt, sondern dass man von titanischem Siegeseifer ist und lebt, wenn das Rad, in dem man sich mitdreht, aus Titan ist und nicht aus einem xbeliebigen anderen, d.h. herkömmlichen Material.

Noch einmal: „Alleinstellungsmerkmale“ laufen hinaus auf die Produktion des Fast-nicht-Unterschiedenen, in dem man dann doch (und gerade deswegen) unterscheidet. Nicht als ob man dieses von jenem wirklich unterscheiden würde! Entscheidend ist vielmehr, dass man sich selbst unterscheide, nämlich von dem anderen. Das kann sowohl geschehen dadurch, dass man was denkt und produziert (siehe oben), aber auch dadurch, dass man das, was andere gedacht und produziert haben, kauft, weil dann das – hoffentlich existierende – Alleinstellungsmerkmal des Gekauften abfärbt auf einen selbst, der sich im Produkt spiegelt und reproduziert als Individuum. Die Botschaft : „Ich bin der einzige, alleinige, der das und das besitzt. Keiner besitzt das und das neben mir.“ (Womit man wieder bei der Absolutheit wäre, denn der Christen-Gott duldet ja auch keine anderen Götter neben sich.)

Man liest denn auch davon, dass die

Hersteller und die Witex-Vertriebspartner aus dem Bodenbelagshandel ein Alleinstellungsmerkmal haben und sich mit den Produkten in einem nahezu wettbewerbsfreien Umfeld bewegen.

Das ist es: Alleinstellungsmerkmale verbürgen etwas, was es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht gibt, nämlich: einen wettbewerbsfreien Raum. Also eigentlich ein antikapitalistisches Ding! Man fürchtet niemanden, man lebt angstfrei, weil das, was man sich erdacht hat, Leere schuf im positivsten Sinne, nämlich die Leere von Konkurrenz. Niemand anderes ist da! Niemand macht einem den Profit streitig! Niemand vertreibt das Produkt, das man selbst ersonnen hat!

Eine Form von Unschuld entsteht: Man muss den anderen nicht vom Markt vertreiben, weil man hemmungs- und konkurrenzlos das vertreiben kann, was Geld einbringt. „Wettbewerbsfreiheit“ ist natürlich in Wahrheit das Ergebnis eines geradezu legendären, von jedem Einzelnen erträumten Wettbewerbskampfes, doch ist die Wettbewerbsfreiheit erst mal da, kann man sie als der Freiheit höchste geniessen und preisen.

Das einzig Dumme ist nur, dass die Wettbewerbsfreiheit, die man sich durch die Herstellung von Alleinstellungsmerkmalen erkämpft, die Tendenz hat, keine dauerhafte zu sein, denn kaum stellt sich die Freiheit als Prämie des Siegs einer bestimmten Marketingstrategie ein, entdecken andere die Freiheit als Markt- und also Freiheitsnische und drängen in diese hinein, um an der gleichen Freiheit teilzuhaben. Was dann notwendig eine Aufteilung von Verkaufs- und Freiheitsmöglichkeiten impliziert. Also eine Einschränkung für denjenigen, der anfangs glaubte, absolut und immer frei sein zu können mit seinem Alleinsein.

Und jetzt noch schnell das Gedicht Nummer 2:

der schnee von gestern 
das alleinstellungsmerkmal
des alpinen wintertourismus liegt nicht
in gesundheits- und kulturangeboten
sondern in erster linie

im vorhandensein von
schnee

Aber dieser Schnee ist nun ein Alleinstellungsmerkmal, der schon bald Schnee von gestern sein wird, denn mit dem Schnee ist es nirgendwo mehr weit her. Und zu, tun hat das damit, dass der Schnee im heissen run auf die Alleinstellungsmerkmale schmilzt, und zwar global.

https://www.linguee.de/deutsch-franzoesisch/uebersetzung/alleinstellungsmerkmal.html

Anne Peiter

Corona 285 / Wörterbuch des Bewusstseins der Gegenwart

Eine Art Editorial

Corona ist sicherlich noch nicht vorbei. Aber es sinkt langsam unter die Oberfläche. Diskurse verschieben sich. Man hat das Gefühl, das im Hintergrund viel gearbeitet wird, wovon man nur einige wenige Erscheinungsstummel, die nicht wichtig sind, zu sehen bekommt. Die Situation ist offen wie selten. Wir trauen uns schlechterdings nicht, vorherzusagen, was Herbst und Winter auf der Nordhalbkugel, der Sommer auf der Südhalbkugel bringen werden. Gibt es einen neuen Lockdown? Lässt man die Dinge nun laufen? Wie gehen die Impfungen weiter? Herdenimmunität? Wie entwickelt sich die Situation global? Werden neue Varianten das Feld erobern? All das ist einigermaßen unklar.

Was allerdings nicht unklar ist: Diese Krise ist nur ein Teil und wahrscheinlich ein gar nicht einmal so wichtiger Teil der großen Krise, in der sich die menschliche Gattung seit einigen Jahrzehnten systematisch und vorhersagbar bewegt. Diese Krise ist – darin hatte die Kritische Theorie, aber auch Intellektuelle wie Günter Anders einfach Recht – eine des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Daraus erwächst die große Bedrohung. Darin liegt das entscheidende Selbstzerstörungspotenzial, das uns evolutionär zum Verschwinden bringen könnte. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen hat es immer gegeben. Die Geschichte ist wirklich, wie Marx und Engels das am Anfang des kommunistischen Manifest gesagt haben, eine von Klassenkämpfen. Unendliches Leid hat diese Geschichte über die Menschen gebracht. Aber sie hat die Gattung nicht mit der Möglichkeit ihrer Auslöschung konfrontiert.

Das ist die Bewegung, in der wir uns befinden. Das ist der Gattungs-Text, in dem die Coronakrise nur eine Randnotiz bildet. Wir werden weiter über Corona schreiben, so viel ist sicher. Aber es ist uns ein Bedürfnis zu verallgemeinern, das Kleine mit dem Großen, das Detail mit dem Ganzen zu verbinden, so weit es in unserer Macht steht und unseren Fähigkeiten entgegenkommt.

Wir sind: eine Literaturwissenschaftlerin und ein Literaturwissenschaftler. Die Philologie, die Arbeit an der Sprache, ist unser Handwerk. Das haben wir gelernt. Hier kennen wir uns einigermaßen aus, das macht uns Spaß. Das aber kommt der Sache, die uns interessiert, entgegen. Denn das Medium, das jedes noch so unscheinbar wirkende Detail doch irgendwie mit dem Ganzen verflicht, ist die Sprache. Unsere Weise, die Zeit, in der wir leben, zu analysieren, kann deswegen nur die Analyse des Sprachgebrauchs sein, durch den diese Zeit sich selbst bloßstellt und bewusstlos analysiert. Sprachanalyse ist Sprachkritik, Kritik der Phrase, wie unser großes, unerreichtes Vorbild, Karl Kraus, gesagt hätte: Kritik der Phrase als der Form, in der der Geist der Zeit sich niedergeschlagen hat, meist im Schlechten, selten im Guten, immer aber so charakteristisch, dass es sich lohnt, sie festzuhalten.

Wir werden einzelne Begriffe und Redewendungen in den Blick nehmen. Auf Vollständigkeit ist es nicht abgesehen. Mit der Kreativität (die selbst ins Wörterbuch gehört), in der jener Geist sich sprachlich manifestiert, können wir nicht mithalten. Der Phrasenvorrat der Gegenwart ist überwältigend. Und es wird ständig nachproduziert. Wir hoffen aber wenigstens auf eine gewisse, exemplarische Prägnanz.

Der erste Eintrag, »Alleinstellungsmerkmal«, wird in wenigen Minuten erscheinen. In unregelmäßigen Abständen werden wir auf diesem Blog, zum Teil vermischt mit Coronatexten, die ja stets auch eine ›Philologie der Krise‹ waren, aus jenem Vorrat schöpfen und ihn besprechen. Vieles wird Ihnen bekannt vorkommen; viele Gedanken werden Sie sich vielleicht schon selbst gemacht haben. Aber die Phrase ist so alltäglich und sie wird uns in derartig hoher Frequenz um die Ohren geschlagen, dass sie sich der ruhig nachfragenden Analyse entziehen. Wir sind nicht besser, vielleicht geduldiger, wahrscheinlich bloß langsamer als andere. Die reine Komik um des Lacherfolges willen, wie sie in der ›Titanic‹ gepflegt wird, und die auch Eckart Henscheids Reclam-Zusammenstellung ›Dummdeutsch‹ kennzeichnet, wollen wir freilich vermeiden. Dazu ist die Sache zu ernst. Die achtziger und vielleicht auch noch die neunziger Jahre konnten sich Zynismus noch irgendwie leisten. Wir können es nicht mehr.

Wolfram Ette / Anne Peiter

Corona 284: Von Worten und Werken

Ultra

Der Gesundheitsminister ist der Auffassung, die Gegner der jetzt eingeführten Impf-Pflicht und des mit ihm einhergehenden Passes seien „ultra-minoritär“ („ultra-minorité“). Es reicht ihm nicht aus, dass es sich um eine Minderheit handelt: Er muss sie kleiner machen, um der steigenden Verunsicherung zu entgehen. Denn eigentlich kann man sich fragen, ob es nötig gewesen wäre, die Pflicht einzuführen, wenn ohnehin die übergroße Mehrheit der Bevölkerung vom Impfen überzeugt gewesen wäre. Das ist nicht der Fall. Die Impfgegner sind eine Minderheit, doch eine bedeutende. Der Zusatz „ultra-“ zeugt also entweder vom Wunschdenken des Ministers oder aber von einer Wendung gegen die Selbstwahrnehmung der Impfgegner selbst, die sich zwar als Opfer sehen, auf der anderen Seite aber im Bewusstsein einer gewissen Stärke leben, die ihnen durch ihr « Nein » gesamtgesellschaftlich zuwächst.

Covid-19: cette «ultra-minorité» qui s’oppose à la vaccination a «de la défiance pour la notion même d’autorité», déplore Olivier Véran (msn.com)

Der Wettlauf

Ein Infektologe setzt seine Kenntnisse in Sport um:

„Sur un plan épidémiologique, la situation est préoccupante […]. Elle ne l’est pas encore à l’hôpital et il faut tout faire pour que, finalement, la vaccination ait raison du virus et dépasse la ligne d’arrivée avant que le Covid-19 nous ait, lui, rattrapé“ („Was die epidemologische Sicht anbetrifft, so ist die Situation besorgniserregend […]. Sie hat noch nicht das Krankenhaus erreicht und man muss alles tun, damit letztlich die Impfkampagne über den Virus siegt und sie die Ziellinie erreicht, bevor uns der Covid-19 eingeholt hat“).

Ein Wettlauf: Impfung gegen Virus. Wer ist schneller? Es geht um Bündelungen von Einzelschicksalen in diesen Figuren von Läufern. Denn in Wirklichkeit ist es ja so, dass die Ansteckungen schon wieder voll im Gang sind und die Zahl der Toten steigt. Die haben also nicht viel davon, wenn die Impfung, sobald sie hechelnd und die Arme vorgestreckt das Ziel erreicht, sich als Sieger erweist. Ansteckungen sind kein 100-Meter-Lauf, in dem sich das Ergebnis eines Wettkampfs im Bruchteil einer Sekunde entscheidet. Vielmehr sind Epidemien zeitlich gestreckte Entwicklungen, und das Bild von der Aschebahn mit seiner Zielgeraden ist nichts weiter als das Ergebnis des Wunsches, es möge das Entscheidende in einem einzigen, winzigen Augenblick zusammengedrängt werden können, ein für alle Mal.

<https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/bien-etre/vaccination-gestes-barri%C3%A8res-peut-on-encore-prendre-la-flamb%C3%A9e-%C3%A9pid%C3%A9mique-de-vitesse/ar-AAMfO3F?ocid=msedgntp>

Anne Peiter

Corona 283: Die Jahrhundertkatastophe

Didier Raoult ist dabei, ein Buch über seine Corona-Zeit herauszugeben. Eine der Hauptthesen scheint die Aufdeckung des »grössten, medizinischen Skandals des 21. Jahrhunderts« (»du plus grand scandale sanitaire du XXIe siècle«) zu betreffen. Ich habe das schon anderswo gehört. Es interessiert mich gar nicht die sachliche Frage, ob das, was Raoult denkt oder nicht denkt, richtig ist oder falsch. Mich interessiert aber, dass er schon jetzt, im Januar 2021, das ganze 21. Jahrhundert in einer grossen, wissenden Geste umgreift. Das sagt doch eigentlich schon alles. (Anne Peiter)

 

Und jetzt hören wir es wieder, das tolle Kompositum, auf das die Medien so scharf sind, an das wir aber leider anfangen, uns zu gewöhnen: Jahrhundertkatastrophe. In diesem Fall ist es ein Jahrhunderthochwasser, und man scheint vergessen zu haben, dass der Begriff bereits zu einem Zeitpunkt, als das Jahrhundert noch ganz jung war, nämlich 2002, für das Hochwasser in Ostdeutschland vergeben worden war. Aber sei’s drum. Wir wollen nicht rechten, rechnen und vergleichen, schon gar nicht in Ost-West-Fragen.

Besser haben wir das Wort seit 2020 in Erinnerung. Die Pandemie. Ah ja. Aber angesichts einer neuen Katastrophe werden wir sie wohl auf einer Arschbacke werden aussitzen müssen.

In jedem Fall aber zeugt es von größter Respektlosigkeit gegenüber diesem Jahrhundert, das heute, 2021, so alt nun wirklich noch nicht ist, dass es zu der Hoffnung berechtigen würde, da käme nicht noch Schlimmeres auf uns zu.

Jahrhundertkatastrophe meint eben immer auch: mit dem Maßstab vergangener Jahrhunderte gemessen, und es sieht wirklich so aus als würde sich dieser Maßstab im Anthropozän verflüchtigen. Genau das meint eigentlich das Wort Katastrophe: seinem griechischen Wortsinn zufolge eine ›Umwendung‹ durch die alles ganz anders wird. Damit verschwinden aber auch die Regeln und Normen, nach denen wir das, was uns umgibt, zu beurteilen pflegen. Oder sie werden andere.

»Jahrhundertkatastrophe« ist also ein Oxymoron, eine contradictio in adiecto, ein hölzernes Eisen. Entweder handelt es sich um eine Katastrophe; damit wäre aber der Jahrhundertmaßstab, die Behauptung also das dergleichen wirklich nur einmal in einem Jahrhundert vorkomme, dahin. Oder es handelt sich eben nicht um eine Katastrophe und jener Jahrhundertmaßstab dürfte weiterhin in in Kraft bleiben.

Man kann hieran sehr schön verfolgen wie die modernen Massenmedien arbeiten Sie brauchen die Sensation um der Verkaufs- oder Klickzahlen willen – die Sensation, deren größte natürlich die Katastrophe ist. Gleichzeitig müssen sie Normalität und Beherrschbarkeit simulieren, denn eine wirkliche Katastrophe würde vielleicht auch sie selbst entbehrlich machen. Nicht zuletzt sind sie es ja, die rechnen und zählen und die Katastrophe aufblähen und proportionieren. Sie moderieren auf und ab, dramatisieren und entdramatisieren, gaukeln das schlechterdings Unbeherrschbare als beherrschbar vor, präsentieren das Monster im Käfig präsentieren.

Wolfram Ette

Corona 282: Die vierte Welle

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da schrieben wir: »Die Welle wird als Kurve und nicht als Masse aufgefasst.« Als ob ein böswilliger Dämon diesen Satz gelesen und sich vorgenommen hätte, uns eine Lehre zu erteilen, hat es Sturzbäche vom Himmel geregnet, die mit einer Geschwindigkeit, für die es in der Erinnerung der Lebenden kein Vorbild gibt, Brücken zerrissen, Autos hinwegschwemmten, Straßen binnen Minuten in reißende Kanäle verwandelten. Viele Menschen sind gestorben, für die Vermissten ist wenig zu hoffen. Es gibt manche, die saßen auf den Dächern ihrer Häuser, die zu verlassen sie sich weigerten. Es ist ihr Lebenswerk, aber das, woran sie sich klammern, ist bereits verloren, vollgelaufen bis in die oberen Stockwerke. Auf den Feldern stehen Traktoren in der Flut, ruiniert. Jetzt, wo’s nicht mehr regnet und die Wasser zurückgehen, sind wieder die ersten Ähren zu sehen, aber die Ernte ist hin.

Es ist ein Zufall. Aber so leben wir: indem wir aus Zufällen Geschichten machen und ihnen einen Sinn unterlegen, der für uns verständlich ist. So auch hier: fast anderthalb Jahre haben wir, das heißt die ganze Gesellschaft, mit Kurven herumgespielt und gebastelt, gezählt und gerechnet, Wellen nummeriert oder entnummeriert, von sich abflachenden oder exponentiell steigenden Kursen geredet, graphische Modelle entwickelt, mit deren Hilfe wir das Geschehen zu beherrschen versuchten. Die Kurven aber bildeten nur die statistische Oberfläche ab, nicht das, was in der Tiefe und in der Masse sich vollzog: in den Krankenhäusern und Altenheimen; in den Familien und auf den Friedhöfen; in den Lungen derer, die um Atem rangen; der nicht endenden Müdigkeit derer, die Monat um Monat, Überstunde um Überstunde um ihr Leben kämpften, der Erschöpfung der Paketfahrerinnen und all derer, die für unseren täglichen Konsum sorgten. Sie alle sind von der Welle und den Wellen nicht als Kurve tangiert, sondern als Masse erfasst und weggerissen worden. Wie das geht, haben wir in den letzten Tagen gehört und gesehen. Aber haben wir es auch begriffen?

Wolfram Ette

Vgl. Corona 163: Die Welle

Corona 281: Krieg

Martin Blachier, ein berühmter Epidemiologe, verfällt auf seine Weise der um sich greifenden Kriegsrhetorik:

„Aujourd’hui, il y a une guerre et cette guerre, elle est contre les anti-vax. Je le dis clairement, ce sont des gens qui n’ont aucun scrupule, qui utilisent les pires méthodes et qui font extrêmement mal dans le monde entier… C’est notre vrai ennemi collectif. Ce n’est plus le virus, parce que le virus, on peut le combattre, c’est l’influence des anti-vax“
„Es gibt heute einen Krieg und dieser Krieg, das ist einer gegen die Impfgegner. Ich sage das ganz klar, das sind Leute, die keinerlei Skrupel haben, die die schlimmsten Methoden verwenden und der gesamten Welt extremen Schaden zufügen… Kollektiv ist das unser wahrer Feind. Der Feind ist nicht mehr der Virus, denn den Virus, den können wir bekämpfen, aber es ist der Einfluss der Impfgegner.“

Das ist Quatsch. Natürlich bleibt der Virus der Feind, wenn man denn überhaupt von Feinden reden will. (Eine größere Sachlichkeit und Kühle wären möglich.) Wäre der Virus nicht mehr der Feind, dann bräuchte man auch die Impf-Feinde nicht zu Feinden zu erklären. Die Probleme gehen in erster Linie von der Tatsache aus, dass es eine Pandemie zu bekämpfen gilt. Wenn man hingegen sagt, der Impfstoff bewirke, dass man sich um den Virus gar nicht mehr scheren muss – sobald die Impfkampagne total geworden ist, glaubt man, alles hinter sich zu haben –, unterschätzt man die Komplexität der Probleme, die in Zukunft noch bevorstehen können. Denn die Impfung in Frankreich ist eine Sache, die Impfung weltweit hingegen eine andere. Und solange nicht ein großer Prozentsatz der Bevölkerung dieses Planeten geimpft ist, muss durchaus damit gerechnet werden, dass uns der Covid weiterhin begleiten wird: mit neuen Varianten und der Notwendigkeit, die Impfstoffe entsprechend anzupassen.

Die Kriegsrhetorik behagt mir darum nicht, weil sie – sagen wir mal wie im August 1914 – eine totale Reinigung verspricht. Eine mit Schlägen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der Gedanke der „Reinigung“ Wirklichkeit werden wird, und vielleicht ist noch nicht einmal wünschenswert, dass es gelingen könnte.

Damit ist gar nicht gesagt, dass ich für die Impfgegner wäre, aber die Kriegsrhetorik ist, weil sie die Fronten verhärtet, etwas, was neue Gefahren schafft. Bürgerkrieg, Krieg – was steht uns noch bevor?

Martin Blachier veut la „guerre“ contre les anti-vaccins : „Notre ennemi, ce n’est plus le virus, c’est les anti-vax“ (msn.com)

Anne Peiter

Corona 280: Vor dem Amt

Ich erfahre heute morgen in den Nachrichten – habe ich mich zu sehr auf Corona fokussiert? wurde das im Überschwang der Pandemie an uns vorbeimanövriert –, dass ab dem 1. August jede und jeder dazu verpflichtet ist, bei der Beantragung eines Personalausweises Fingerabdrücke abzuliefern. Mein eigener Personalausweis läuft im August aus, ich hatte das Problem bislang vor mir her geschoben. Nun komme ich aber in Bewegung und spreche direkt an der Meldebehörde vor, in der Hoffnung, dass man da, so wie früher, einfach reinkommen kann, sich ins Wartezimmer setzt, und dann aufgerufen wird.

Aber ich komme gar nicht rein. Ein grimmig aussehender Security-Mann versperrt den gesamten Eingang: schmal, hart, durchtrainiert, kahlköpfig. Er fragt mich, ob ich einen Termin habe. Ich verneine und frage natürlich (eigentlich habe ich die Hoffnung schon aufgegeben), ob man den nicht gleich rein könnte, „so wie früher“. Was ich den mit „früher“ meine, für ihn sei früher so „vor einem Jahr“, und seitdem gelte, dass niemand ohne Termin da reinkomme.

Natürlich weiß er irgendwie, dass es da noch ein anderes Früher gab. Ein Früher, in dem die Meldebehörde, die ja ein Teil des „Bürgeramtes“ ist , tatsächlich den Bürgerinnen und Bürgern offenstand und und man sich, etwas mehr oder etwas weniger Wartezeit einkalkulierend, dort einfinden konnte. Sie waren für einen da, man kam, wenn man etwas wollte und bekam dann etwas: ohne weiteren Aufwand. Er aber, der ja in keiner Weise damit beauftragt ist, sich mit der Behörde, vor der er Posten gefasst hat, zu identifizieren, sondern lediglich, den Besucherinnen und Besucher den unreglementierten Eintritt zu verwehren, wehrt sich gegen dieses Früher, wehrt sich gegen die Vorstellung, dass die Menschen einfach so Zugang haben sollen zu einer Behörde, die letztlich für sie da sein soll nicht umgekehrt. Er scheint aber genau diese umgekehrte Vorstellung zu haben: dass nämlich die Behörde ein Teil, ein Wurmfortsatz der Macht ist und das es seine Aufgabe als Wurmfortsatz des Wurmfortsatzes eben ist, den Bürgerinnen und Bürgern zu zeigen, was Macht bedeutet: Dass man nicht einfach reinkommt, vor ihm stramm zu stehen hat, sich einen Termin geben lassen muss.

Meine Befürchtung ist, dass sich diese Tendenz durch Corona so verstärkt haben könnte, dass wir nicht vorsätzlich, wie der Security-Mann, sondern tatsächlich und in Wirklichkeit vergessen, wie es vorher war, ‚in jener Zeit, die längst vergangen ist‘, in der der Staat den Bürgern dienen sollte und nicht andersherum. Mein Verdacht ist: Das wird nicht wieder kommen. Wir haben einen weiteren Schritt auf dem Weg der Entdemokratisierung der Gesellschaft getan.

Ach ja: Ich war dann online. Termine gibts erst wieder im August. Es ist zu spät. Der Grund meines Besuchs und die Art und Weise, in der ich vor dem Amt abgewiesen wurde, verhalten sich zueinander wie Frucht und Schale.

Wolfram Ette

Corona 279: Über den zaghaften Beginn von Ähnlichkeiten

„Nous sommes au départ de quelque chose qui ressemble à une vague épidémique“ („Wir stehen vor etwas, was dem Beginn einer epidemischen Welle ähnelt“), sagt der französische Gesundheitsminister, nicht ohne hinzuzufügen, das habe mit der Delta-Variante zu tun, un „ennemi nouveau parce que beaucoup plus contagieux“ („neuer Feind, weil diese Variante viel ansteckender ist“).

Ich fasse diesen bündigen Satz auf unbündige Weise zusammen: Die Welle kommt, aber noch ist sie keine, sondern ähnelt ihr nur. Und auch die Ähnlichkeit ist sehr begrenzt, denn es geht ja nur um den Beginn einer Ähnlichkeit, und so richtig ist noch gar nicht erkennbar, was da kommt: Das Ähnliche beginnt dem Ähnlichen nur zu ähneln, verharrt also in einem bestimmten Stadium von Unbestimmtheit, ist sozusagen noch auf dem Weg zu ihrer Bestimmung. Ist die Welle dann aber überhaupt eine Welle? Oder kann sie’s werden? Der Minister wagt’s nicht recht zu sagen, denn wenn er gleich mit der Tür ins Haus fiele und sagte, dass wir der reinsten Wiederholung unterliegen – jetzt ist’s bereits das vierte Mal – , könnte man ihm natürlich umgekehrt die Frage stellen, warum er die sprachliche Benennung der Widerkehr denn noch immer nicht im Griff habe. Er muss also sagen, es sei ganz neu, gerade weil’s so alt und altbekannt ist. Er muss Ähnlichkeiten beschwören oder, besser noch, ihre leisen Ansätze, den Beginn von Beginnendem, um diesen zu negieren; er muss betonen, wir stünden erst am Anfang, damit man versteht: Schlimm ist’s bisher wirklich nicht.

Die Neuheit von Delta wird nun aber ihrerseits damit begründet, sie sei ansteckender, doch das ist ja eigentlich auch nichts Neues, denn in Großbritannien hat man ja schon eine gute Weile beobachten können, was bei hohen Ansteckungsrate passiert, nämlich: wieder nix Neues, sondern nur das Gleiche (oder Ähnliches), nur noch mal anders. Alpha, Delta, Beta, es ist, wenn wir ehrlich sein wollen, völlig schnurz.

In Wirklichkeit geht es nämlich gar nicht um die Frage, ob sich jetzt in Frankreich eine Welle neuer Ansteckungen vorbeite oder nicht – es ist längst klar, dass sie kommt, und wissen tut man das, wenn man’s wissen will, schon seit Monaten –, sondern vorbereitet wird eine Welle neuer Sprachformen. Zu diesen gehört die Idee, es handle sich nur um Ähnlichkeiten, Analogien, bzw., genauer: Anfänge, Ansätze von Analogien. Das heißt: Man drückt sich davor, dass wir über das Stadium von Ähnlichkeiten längst hinaus sind. Immer das Gleiche, immer das Gleiche. Man glaubt sich am Beginn. Man will glauben machen, die Welle sei noch nicht da. Man geht pädagogisch vor. Man spricht, als dürfe man Realitäten erst dann benennen, wenn sie hart und handgreiflich geworden sind. Dabei sind sie das ja schon. Aber sprachlich ist nicht viel davon zu spüren. Sprachlich ist immer nur klar, dass man’s sich selbst und der Bevölkerung nicht gern deutlich sagt. Man beschwört herumdrucksend die Anfänge, stets von Neuem, weil man denen nicht wehren muss.

„Ennemi plus contagieux“… Olivier Véran alerte sur une „nouvelle vague épidémique“ (msn.com)

Anne Peiter

Corona 278: Beobachtungen über die Zeit

Zur Zukunftslosigkeit des Tourismus

Portugal und Spanien hatten sich vorbereitet auf die Saison: Durch die Aufhebung von Einschränkungen versuchten beide Länder, künftige Reisenden an sich zu ziehen, sie zum Reservieren zu veranlassen, das eigene Land als attraktiv erscheinen zu lassen, Zukunft zu öffnen. Jetzt setzt die Saison, d.h. die Zukunft ein, doch die Lockerungen haben dazu beigetragen, dass Nachbarländer von Reisen nach Spanien und Portugal dringend abraten: Die Delta-Variante breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus, Reisen in die beiden Länder mit ihren weit geöffneten Armen werden erneut zu einem Risiko. Das bedeutet, dass das, was Attraktivität hatte herstellen sollen, zur fehlenden Attraktivität geführt hat. Was als Werbung gedacht gewesen war, ist zur Anti-Werbung geworden. Was als frühzeitiges, positives Signal Richtung Kunde dahergekommen war, schlägt genau in dem Moment gegen die Anbieter zurück, in dem das Reisen im grossen Stil beginnen soll. Die Zukunft, die man vorbereitet zu haben glaubte, schliesst sich, sobald sie eintritt.

Dahinter stehen nicht nur ökonomische Zwänge. Portugal und Spanien meinten zwar, mit ihrer Politik der Lockerung den Tourismussektor zu stärken, doch in Wirklichkeit erweist sich, dass man nicht in mittelfristiger Perspektive auf den eigenen Vorteil zu sehen verstand. Es existiert eine Fixierung auf den kurzfristigen Gewinn, und der löscht sich, gesamtökonomisch betrachtet, selbst aus. Selbstzerstörerische Kräfte werden sichtbar, und es ergibt sich der Eindruck, dass diese mit der Unfähigkeit zusammenhängen, Zukunft zu antizipieren. Sobald sich sanitär ein bestimmtes Maß an Stabilisierung ergibt, glaubt man sich aus dem Schneider, meint, jetzt werde es so bleiben, eine Rückkehr der Risiken sei nicht möglich. Und weil man so denkt, kehren die Risiken natürlich mit aller Macht zurück.

Perfide daran ist, dass die Reservierungen, die die Touristen in spe vornehmen, eine Seite der Medaille sind, die Frage, ob sie dann wirklich kommen, eine andere. Aber da Touristen der gleichen Unfähigkeit unterliegen, Zukunft zu antizipieren, wie die sonstigen ökonomischen Akteure auch, ist damit zu rechnen, dass die Reservierungen im großen Stil in ein tatsächliches Reisen umgesetzt werden werden, d.h. dass die Mehrheit, jetzt, kurz bevor es losgehen soll, wirklich reisen wird. Die Warnungen der eigenen Regierungen werden abgetan werden als Störfaktor, der einem die Vorfreude auf die Reise verderben will. Damit weitet sich das Verschließen der Augen, das den Tourismussektor Spaniens und Portugals bezüglich möglicher Zukünfte kennzeichnete, auf die Touristen selbst aus. Anbieter und Kunden sehen sich vereint in schönster, zukunftsloser Harmonie.

Anne Peiter

Impfschwänzer/innen

An ein Phänomen wie die so genannten »Impfschwänzer«, das jetzt die Runde macht, sollte man nicht moralisch, sondern analytisch herangehen. Das Phänomen sagt etwas aus. Es gibt Auskunft darüber, wie real die Pandemie für die Menschen überhaupt ist, also wie weit sie sich unabhängig von der ständigen Beschallung durch die Medien überhaupt diese Krankheit vorstellen können. Und mein Eindruck ist: Sie können das nicht oder nur in kleinen Ansätzen. Die Krankheit ist »fort«, sie ist »besiegt«. Was die Zukunft bringen wird, liegt jenseits der Vorstellung.

Es ist die Frage ob das jemals anders war. Aber ich denke doch sehr viel über das Erwachsenwerden nach, das für mich gleichbedeutend mit der Fähigkeit ist, Zeit zu synthetisieren, d.h. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit in großen,. den Augenblick übergreifenden Bögen miteinander zu verbinden und zu vermitteln. Ich habe den Eindruck, das – bedingt durch eine Wirtschafts- und Gesellschaftordnung, von der immer unabweisbarer wird dass sie auf nichts anderes als auf Selbstzerstörung eingerichtet ist, diese Fähigkeit sowohl geschichtlich als auch biographisch mit rasender Geschwindigkeit verkümmert. Es gibt keine Zukunft mehr. Sie muss verdrängt werden, weil der Gedanke an sie, wenn man sich das wirklich ausmalt, was uns erwarten könnte, nicht auszuhalten ist. Und es gibt keine Vergangenheit, weil nur aus der Vergangenheit, in Identität und Differenz mit der Gegenwart, in der wir leben also durch eine konstruktive Erinnerung, die uns aus ihr herleitet, ohne uns mit ihr gleichzusetzen, überhaupt das Instrumentarium uns zuwächst, mit den Problemen unserer Gegenwart umzugehen. Demjenigen, der aus der Vergangenheit nichts lernt, verschließt sich die Zukunft, und nur derjenige hat eine Zukunft, der mit aller Erfahrung, mit der die Vergangenheit ihn ausgestattet hat, in dieser Zukunft hineinzugehen.

Angesichts dessen scheint mir die zeitliche Horizontverengung unserer Tage erschütternd zu sein, und so ist das Impfschwänzertum wohl weder eine Kuriosität – das i-Tüpfelchen in einer ansonsten ohnehin schon kuriosen Zeit –, es ist aber auch nicht etwas, das die Menschen immer und zu allen Zeiten gemacht haben sondern ein überaus signifikantes Datum. Die Impfschwänzerinnen und Impfschwänzer schwänzen die Geschichte, sie schwänzen das bisschen Verantwortung, das in der Pandemie auf ihnen lastet. Sie haben keine Meinung, nicht mal die von der Gefährlichkeit oder Überflüssigkeit des Impfens. Sie sind einfach nur fantasielos und bequem, und damit ein typisches Produkt der gegenwärtigen Gesellschaft.

Wolfram Ette

Corona 277: Aus den Notizbüchern

Der Schrecken des Posaunentons

Wenn man den Nutzen der Impfung auch dann haben kann, wenn andere sich impfen lassen und man selbst nicht, kann es leicht zu der Gratismentalität kommen, die auch in der folgenden Anekdote erzählt wird : Ein Posaunenspieler hat abends was vor, will an dem Konzert, an dem er spielen soll, nicht teilnehmen. Er schickt also einen Freund, der des Posaunenspiels gar nicht mächtig ist, empfiehlt diesem, so zu tun, als ob er spiele – sein Nebenmann werde die Sache schon machen. Im Moment des Konzerts erklingt aber kein einziger Ton, denn der Neben- hat auch einen Ersatzmann geschickt, und so tun also in totaler Stille beide, als spielten sie. Das heisst: Sie tun so, als wäre das, was sie tun, ein Spiel. Was es (wenn man wieder an’s Impfen denkt) nicht ist, denn auch da verstummt man, wenn allein auf Ersatz gesetzt wird.

Anne Peiter

Maske und Filter

Die FFP2-Maske hat sich weitgehend durchgesetzt. Vorbei ist es mit den Stoffmasken, selbst geschneidert oder vorgefertigte, die von einem Gestaltungswillen zeugten; vorbei auch – weitgehend – mit den OP-Masken, man sieht sie gelegentlich noch, und für einen Moment stellen sich Assoziationen ein, die den Alltag eines Supermarktes mit dem Alltag eines medizinischen Hochleistungsbetriebs verbinden. Überall jetzt diese Masken, die eigens für Corona geschaffen zu sein scheinen, diese verstärkten, bebänderten Kaffeefilter aus jener Zeit, die längst vergangen ist, als die Melitta-Filter noch weiß waren und nicht, in einem Pseudo-Zugeständnis an die Ökologie, in Wahrheit aber als Mimikry an die Farbe des Kaffees, der durch zu viel weiß verschreckt werden könnte, braun eingefärbt wurden. Überall jetzt also diese weißen, beschrifteten Schnauzen, diese verkürzten Rüssel wie aus dem Kinderbuch ‚Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam‚, der Teile unseres mimischen Ausdrucksvermögens abklemmt, die Ohren abstehen lässt, und wenig mehr als die Augen und ein flaches Stirnrunzeln übrig lässt. In schneller Folge setzen wir sie auf und wieder ab, es ist ein einziges Hin und Her, je nachdem, ob wir – in einem Restaurant zum Beispiel – an einem Tisch sitzen oder zum Klo gehen. In dieser Verfassung segeln wir durch den Sommer, von dem wir nicht wissen, ob er das Ende, oder wenigstens den Anfang vom Ende bedeutet, oder ob er nicht nicht einfach dasselbe ist wie im letzten Jahr, nämlich Ferien von der Epidemie.

Wolfram Ette

Organisation

les compagnies funéraires
de plus en plus
organisent de fastueux cortèges
parfois avec limousines

c’est leur âge d’or

près des tombes
elles plantent de grandes tentes
à leurs couleurs
jouent de la musique
qui couvre les chants des voisins

il y a du wi-fi pour les retransmissions en direct

leurs longues bannières claquent dans le vent
comme à l’entrée de concessions automobiles
on retrouve les publicités des organisateurs partout
jusque sur les plaques tombales temporaires

*

bestattungsunternehmen
organisieren immer mehr
prächtige prozessionen
mit limousinen manchmal

Es ist ihr goldenes zeitalter

in der nähe der gräber
bauen sie große zelte auf
in firmenfarben
sie spielen musik
die den geschmack
der nachbarn trifft

wlan für live-übertragungen

ihre langen banner flattern im wind
wie am eingang zu autohäusern
überall finden sich die anzeigen der organisatoren
auch auf den provisorischen gräbern

Umbruch: Anne Peiter
Übersetzung: Wolfram Ette

https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/07/04/l-afrique-du-sud-en-pleine-crise-de-confiance-face-a-une-troisieme-vague-de-covid-19-d-une-ampleur-inedite_6086978_3212.html

Corona 276: Weihnachtsoratorium

1

Bachs Weihnachtsoratorium findet in diesem Jahr kurz vor der Sommersonnenwende statt. Und es wird an einem einzigen Abend aufgeführt. Die Zeit von der Geburt des Erlösers bis zur Flucht der drei Weisen vor Herodes, um den Heiland zu schützen: , diese Tage, die so ereignisreich sind wie es die ersten Tage mit einem Neugeborenen immer sind, und wohl auch noch etwas ereignisreicher, sie werden zum nunc stans, zum zeitlosen Augenblick eines singulären Konzertereignisses konzentriert. DIE GUTE NACHRICHT als Brühwürfel. Das symbolisiert das Ende der Pandemie, auf das unsere Hoffnung sich richtet.

Gleichwohl ist die Pandemie immerfort im Raum. Das heißt, sie organisiert ihn, macht ihn auf fremde Weise schön. Die Thomaner singen nicht, wie sonst üblich, von der Orgelempore; unter Wahrung des Mindestabstands sind sie unter der Vierung und in den weit nach hinten ausfluchtenden Altarraum verteilt. Zwischen den Abteilungen des Chores das kleine Ensemble für Alte Musik aus Berlin; der Thomaskantor, die Solisten. Der Klang ist deshalb wenig kompakt, unscharf, weil er an so weit auseinander liegenden Orten des Raums erzeugt wird.

Der Thomaskantor versucht dem entgegenzuwirken, er dirigiert zackig und leicht verkrampft. Eher müsste man, so denke ich, mit der Diffusion gehen. Der Charakter von Bachs Vokalmusik ist fließend. Die Härte des Taktakzentes, die manche weltlichen Werke charakterisiert, spielt hier keine Rolle. Die Verflechtung der Stimmen verleihen ihm etwas unverbindlich Schwebendes. Das aber verschwindet durchs angestrengte Bemühen des Dirigenten.

2

Das Weihnachtsoratorium ist nicht so komplex wie die Passionen. Es ist kein Werk aus einem Guss, sondern eine Serie von sechs aneinandergehängten Kantaten. Und ist die Struktur der Passionen episch-dramatisch, so ist das Oratorium episch. Das will sagen: es gibt keine Handelnde, wörtliche Reden kommen zwar vor, sie sind aber rar. Der Chor, der in den beiden Passionen als ein zentraler Akteur auftritt, dem Bach mit die komplexeste Musik dieser Werke gewidmet hat, erscheint hier nur als kommentierender Betrachter der Szene. Nicht bloss der Aufbau, sondern das ‚Sein‘ des Weihnachtsoratoriums ist nicht so tief in sich gefaltet und verschränkt wie das der Passionen, die vielleicht, was das Verhältnis von Musik und Welt anlangt, das vielschichtigste sind, das Bach je komponiert hat.

Aber trotz dieses prinzipiellen Unterschieds sind etliche Elemente der theologischen Klanginstallation, die Bach in Szene setzt, dieselben: die Chöre, die das Werk rahmen, Choräle, Rezitative und Arien. Sie alle nehmen eine andere Haltung zum Bericht der biblischen Vorlage ein.

3

Die Rezitative wählen die Knotenpunkte des Heilsberichts aus, die sie akzentuieren, rhythmisieren, dramatisieren. Sie bringen die Syntax der heiligen Sprache mit der musikalischen Syntax zusammen. Das Wort wird vergegenwärtigt, aber nicht nur im Wort, sondern in der gesteigerten Gegenwart des Gesangs. Es wird einer anderen Logik der Fortschreitung unterworfen als der sprachlichen. Eine Präposition eröffnet einen Zukunftshorizont wie ein verminderter Septakkord, ein Trugschluss lässt sich irgendwie einem eingeschobenem Nebensatz vergleichen, aber eben nur irgendwie. Ein Erzähler, der singt, ist nicht dasselbe wie einer, der spricht. Das Wort wird hier in anderer Weise Fleisch.

4

Die Arien sind der Schauplatz subjektiver Reflexion. Was die oder der Einzelne denkt oder fühlt angesichts des Kreatur gewordenen Gottes, wird in die ausschweifende Rhetorik der barocken Lyrik und die vielleicht noch ausschweifenderen Faktur mehrstimmiger musikalischer Verläufe übersetzt. Selbst die Soloarien sind in aller Regel wenigstens zweistimmig gebaut. Sologesang und Soloinstrument ergänzen und umspielen einander; oder anders: sie ergänzen und umspielen in Kontrafaktur den Grundgedanken – zum Beispiel die Überblendung von Natalität und Passion; Freude und Trauer darüber, dass der Himmelssohn geboren und einen heilsgeschichtlichen Augenblick später ans Kreuz genagelt werden wird; Trost angesichts dessen, dass beides zusammen eben die Botschaft der Erlösung darstellt. In den Duetten und Terzetten, im Zwiegespräch mit dem Chor oder einzelnen Choristen wird die Komplexität der solcher Reflexionsfiguren des Affekts noch gesteigert.

5

Die Choräle sind die dritte Seinsschicht des Werkes. Es sind nicht die Einzelnen, es ist die kollektive Stimme der lutherischen Gemeinde, die hier das Wort hat. Über sie sind die Oratorien und Passionen am ehesten mit einem liturgischen Kontext verbunden. Die Stimme der Vielen, der vielen Einzelnen und die des Kollektivs: sie verschränken sich ineinander und werden ununterscheidbar. Der HARMONISCHE KONTRAPUNKT hat in dieser Differenzeinheit von Individuum und Kollektiv sein ideelles Zentrum. Die polyphone Satztechnik der Choräle ist der kompositorische Mittelpunkt, von dem aus alle Vermittlungsgestalten der ‚Horizontalen‘ und der ‚Vertikalen‘ organisiert werden, für deren Vielfalt Bach berühmt ist. Sie sind, wie oft gesagt wird, die tragenden Säulen dieses Gebäudes. durch sie aber die Idee der Gemeinde als Synthese des Individuellen und des Kollektiven. Und das heißt wiederum: als Instanz einer objektiven Reflexion, die ihren Standpunkt außerhalb der Zeit hat. Die empfindsam reflektierenden Subjekte der Arien sind Menschen des 18. Jahrhunderts. Die Gemeinde, die in den Chorälen zu Wort kommt, steht außerhalb der Zeit, so wie das Luthertum, das sich in ihnen ausspricht, keine bestimmte historische Erscheinung des Christentums ist, sondern für den gläubigen Protestanten in die Tiefe der ursprünglichen Offenbarung zurückreicht.

6

Der abgemagerte Thomaskantor, von einer Krankheit gezeichnet, von der in der Stadt gemunkelt wird, von der man aber nichts genaues weiß, dirigierte auch die Choräle angestrengt und eilig. Die Fermaten an den Vers-Schlüssen, an denen die Musik Atem holt und der Klang sich verströmt, wurden fast durchweg ignoriert. Sie gehören aber zur Zeitlichkeit der Choräle: zu einer zeitlosen Zeitlichkeit, wenn man das so sagen kann: einer Zeit, die ins Zeitlose sich bewegt. Die Arien sind rastlos, die Bewegung der Seele immer unruhig, fast stürmisch. Die Choräle sind gemessen, und an den Stellen, an denen die Fermaten gesetzt sind, halten sie inne. Das ist wie ein Ausatmen. Die Musik hört nicht auf, wohl aber der Taktschlag, und die Musik bleibt stehen. Dieses Stehenbleiben ist ihr metaphysischer Moment. und um dieses Moment wurde das Weihnachtsoratorium gebracht.

Es erscheint damit noch weltlicher als es ohnehin schon ist. Bach hat die Kantaten ja sehr weitgehend im sogenannten Parodieverfahren produziert Das heißt, er hat bereits komponierten weltlichen Kantaten einen religiösen Text unterlegt und die Musik diskret angepasst. Nun stehen sich, gerade bei Bach, Weltliches und Religiöses, nicht einfach als Gegensätze gegenüber. Das Parodieverfahren ist nicht bloß Resultat einer ökonomischen Schnittmengenverwertung, sondern auch Demonstration ihrer Existenz – siehe etwa den Schlusschor der Epiphanias-Kantate, in seiner Verbindung von Lully und Luther.

7

Aber böse gesagt: Es blieb nur Lully übrig. Das bezeichnet das Problem, aber auch die Aktualität dieser Aufführung in Zeiten abnehmender Inzidenzen und zunehmender Hoffnung aus. Es dekorierte diese durch den Gewaltakt einer Festlichkeit, die in ihren allerschwächsten Momenten an die Darbietung eines Schützenvereins erinnerte und das fatale Wort Tambourmajor aufrief. Von der Religion übernahm das allenfalls den Gestus, nicht aber den Gehalt. Dieser Gehalt ist die Introspektion im Jubel der Guten Hoffnung, technisch dargestellt durch langsame Tempi, mögliche Durchhörbarkeit, Aushalten der Fermaten, Insistenz des reinen Klangs, der bei sich ankommt und nicht weiterwill, weil das, was ist, je und je schon genug ist. Das hätten wir jetzt gebraucht. Jetzt, da alle sich auf die Zukunft freuen, mehr denn je. Denn wir wissen nicht, wie die Zukunft wird. Wir können wieder eintreten ins Jammertal der Epidemie, von der ich nicht sicher bin, dass wir es verlassen haben.

Wolfram Ette

Corona 275: Bilder von Indien

Delta

Die alphabetische Nomenklatur soll neutralisieren, d.h. vor allem die Nationen, in denen eine bestimmte Variante des Covid-Virus aufgetreten ist, vor Abwertung schützen. Das ist edel gedacht, wird aber schwerlich funktionieren. Denn gerade das griechische Alphabet steckt voller Bilder und Assoziationen, weit mehr jedenfalls als das lateinische. Bei »Alpha« denkt man an Alpha und Omega, vielleicht an den Film »Alphaville«, oder an die sprichwörtlich gewordenen Alphamännchen; bei »Gamma« vielleicht an die extrem harte Gammastrahlung, die beim radioaktiven Zerfall frei wird; ein »My« ist in den Sprachgebrauch eingewandert und meint etwas sehr kleines, und wenn man dann noch die »Kleine My« aus den Mumintal-Geschichten von Tove Jansson hinzunimmt, verbindet es sich mit der Vorstellung einer rabiaten Widerspenstigkeit und Unerziehbarkeit in jeglicher Hinsicht; und von »Pi« haben wir jedenfalls so viel behalten, dass sich diese »transzendente« Zahl nicht fassen lässt, weil ihre unendlich vielen Nachkommaziffern vollkommen irregulär aufeinander folgen; an keiner Stelle des Zahlenstrahls könnte man mit einem unendlich scharf gespitzten Bleistift hineinstechen und sagen: »Da haben wir Pi!« Und so weiter: Jeder und jedem fällt wahrscheinlich etwas Anderes ein und zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen dürfte es auch noch so einige Differenzen geben.

Das »Delta« nun erregt in mir zwei Assoziationen. Einmal als ältere Schreibweise des Differenzialquotienten, der uns das Problem des unendlich Kleinen näher bringt. Ich erinnere mich daran, wie ich als Schüler immer wieder gegen die Wand dieser ungeheuerlichen Abstraktion lief: Wie kann ein Verhältnis zweier unendlich kleiner Größen sich trotzdem zahlenmäßig bestimmen lassen; also wie kann man Δy / Δx errechnen, wenn Zähler und Nenner dieses Bruches gegen Null gehen? Irgendwann kapierte ich es. Aber vielleicht habe ich mich auch nur an die Unkapierbarkeit eines solchen »reinen Verhältnisses« gewöhnt, das Hegel so sehr entzückte, dass er der Differentialrechnung viele Seiten seiner »Logik« widmete.

Die Delta-Variante also ist mit der Vorstellung gepaart, dass zwei zwar nicht unendlich kleine, aber doch schon ziemlich kleine Größen – nennen wir sie »Virus« und »Zelle« – in ein hochwirksames und überaus folgenreiches Verhältnis eintreten – nennen wir es »Infektion«: das finde ich gut, es ist total unwissenschaftlich, passt aber doch wirklich ganz ausgezeichnet.

Die andere Assoziation kommt aus einer vollkommen anderen Richtung. In den Science-Fiction-Romanen meiner Kindheit, unter denen mir vor allem die silbrigen Perry-Rhodan-Bücher in Erinnerung geblieben sind, war immer mal wieder von den »Deltaflüglern« die Rede. Keine Ahnung, ehrlich gesagt, was das sein sollte, aber ich verband damit jedenfalls die Vorstellung von ungeheurer Schnittigkeit und äußerster Schnelle. Und auch dies kommt mir zupass; denn die Geschwindigkeit, mit der sich »Delta«, also die, huch, »indische« Variante im Land der ja doch schon relativ gut geimpften, ehemaligen Kolonialherren durchsetzt, finde ich schon beachtlich, ja fast bewundernswert.

Doch ob durch solche Assoziationen etwas gewonnen ist, möchte ich bezweifeln. Das unkontrollierte Wuchern der Metaphern und Vergleiche macht es viel mehr schwerer, der Pandemie nüchtern zu begegnen. Eigentlich gebe ich der Kombination aus Herkunftsland und den Buchstaben Zahlenkombinationen, die nur für Eingeweihte ganz verständlich sind, weil sie die Stelle verraten, an der das Virus mutiert ist, den Vorzug. Denn sie ist vor allem anderen: bildärmer.

Wolfram Ette

Neue U-Boote

Alles kehrt wieder. Das U-Boot zum Beispiel hatten wir schon mal, aber in anderem Kontext. (Wie gut ist’s doch, die Dinge aufzuschreiben. Wenistens erinnert man sich und erlebt die Wiederholung ganz bewusst.) Es kehrt das Boot in indischer Bauart wieder. Eine französische Zeitung, die von der Gefahr der entsprechenden, um sich greifenden Variante spricht, titelt »D’un variant sous-marin à une vague« (»Von einer U-Boot-Variante hin zu einer Welle«).

Man sieht das Boot regelrecht vor sich: Erst ist’s unter Wasser, geräuschlos, heimlich, dann streckt das Periskop seine Spitze aus dem Wasser (so beobachtet die Besatzung, was sich oben zuträgt), dann steigt’s und steigt’s, der eiserne Buckel des Riesenfahrzeugs zeichnet sich ab, als wär’s ein Wal, die Präsenz wird immer deutlicher, sichtbarer, schwerer, schwerer, das Prinzip der Verborgenheit schwindet und dann – – doch da ist’s schon zu spät: Die Welle rollt heran, die das U-Boot hervorgebracht hat, auf Flucht ist nicht zu hoffen, das Unheil ist da.

Und dann wird man wieder sagen, es sei dies alles nur die Schuld der Tatsache gewesen, dass man’s nicht hat wissen können. Rechtsgrundsatz: »Nichtwissen schützt vor Strafe nicht.«

Anne Peiter

Covid: si le variant indien s’impose en France, qu’est-ce que cela changera? (msn.com)

Corona 274: Gewalt gegen Frauen

Die Tatsache, dass sich der Innenminister mit dem Auftrag an die Präfekturen des Landes gewendet hat, sie mögen doch bitte untersuchen, wie es mit der, durch die Pandemie bedingten Gewalt gegen Frauen durch ihre Männer bzw. durch Männer überhaupt stehe, sollte nicht als Grund betrachtet werden, auf Änderungen in diesem Bereich zu hoffen. Ich glaube, nachweisen zu können, dass der Innenminister selbst nicht an die Möglichkeit glaubt, Frauen zu schützen. Er hat sich nämlich hingestellt und gesprochen, wie folgt:

„Depuis le début de l’année, nous assistons au développement de faits extrêmement violents – vraisemblablement liés aux conséquences de la crise sanitaire dont notre pays est en train de sortir.“ („Seit Beginn des Jahres wohnen wir der Entwicklung von extrem gewalttätigen Taten bei – wahrscheinlich in Verbindung mit den Konsequenzen der sanitären Krise stehend, die wir gerade hinter uns lassen.“)

Der entscheidende Beweis für meine These liegt im Hinweis auf die endende Krise. Wenn die Gewalt gegen Frauen durch die Pandemie zugenommen hat, besteht ja ein Wechselverhältnis zwischen beiden, und das gilt, so darf man annehmen, sowohl im Negativen, wie auch im Positiven: Je mehr sanitäre Krise, desto mehr Gewalt. Folglich gilt in Umkehrung: Je weniger sanitäre Krise, desto weniger Gewalt. Auch wenn die Präfekturen jetzt Untersuchungen anstellen sollen, wird implizit eigentlich schon gesagt, die Lösung komme von ganz allein, denn: Die Pandemie liegt ja peu à peu hinter uns, wir erleben das gerade (sagt der Innenminister).

Es ist also deutlich zu erkennen, dass er ganz zufrieden sein wird, wenn sich die Gewalt gegen Frauen wieder auf ihr Normalmaß eingependelt haben wird – denn davon geht er aus: dass einfach nur Quantitäten hin- und hergeschoben werden. Dass es also nicht denkbar ist, dass Männer, die in der Pandemie die Freuden der Gewalt ausprobieren konnten, auch nach der Pandemie noch Lust haben könnten – die Lust beibehalten könnten –, mit der Gewalt weiterzumachen. Verschüttet wird auch der Gedanke, dass das mit dem Normalmaß so eine Sache ist. Und – schlussendlich, als das Nächstliegende – ist natürlich allein schon der Optimismus, den der Innenminister bezüglich des Endes der Pandemie an den Tag legt, der beste Beweis dafür, dass er sich auch in anderen Bereichen – zum Beispiel bei den Frauen, zu denen er selbst nicht gehört – von keinen gar zu dunklen Gedanken heimsuchen lassen möchte. Zu vermuten steht, dass ihm das darum so wichtig ist, weil es von Seiten der Frauen massive Proteste gegen seine Ernennung zum Minister gegeben hat. Vorgeworfen worden war ihm ja, er habe sich sexuell an Frauen vergangen.

Das war aber vor der Krise. Aber geläutert hat sich der Minister wahrscheinlich gerade durch sie. Denn da ist er Minister geworden, und als solcher hat man einzutreten gegen die Gewalt, von der man vor allen Dingen versteht, dass sie endet, weil man ja, um seinen Posten zu behaupten, standfest behaupten muss, man habe mit ihr nie begonnen, wisse gar nicht, was da ist.

Anne Peiter

Augmentation des violences en 2021 : Gérald Darmanin y voit une conséquence de la crise sanitaire (msn.com)
L’affaire Gérald Darmanin | Mediapart

Corona 273: Klassenstandpunkt

Die Frau Saskia Esken ist nicht recht bei Trost. Ihr Vorwurf an den Gesundheitsminister, Herrn Jens Spahn, vorgebracht im Ton überschnappender Entrüstung am Tag nach einer verlorenen Landtagswahl, die als letzter „Stimmungstest“ vor einer verlorenen Bundestagswahl gilt –

„Wer Menschen in dieser Gesellschaft in zwei Klassen einteilt, die diejenigen, die das Anrecht haben auf korrekte Masken, und welche, die eben auch mit nicht ganz hundertprozentig wirksamen Masken abgespeist werden: der hat ein Menschenbild, das passt nicht in diese Regierung“

– tut ja glatt so, als würde das Menschenbild der SPD oder gar der ganzen Regierung keine Klassen kennen, und als wäre die Klientel der Behinderten, Obdachlosen und Sozialhilfeempfängerinnen genau diejenige, der schon vor der Maskenkrise ihre besondere klassenkämpferische Fürsorge gegolten hätte. Wer den Klassencharakter dieser Gesellschaft, zu dem die Partei, der Frau Esken angehört, in den letzten Jahrzehnten Substanzielles (manche sagen: Substanzielleres als die CDU) beigetragen hat, grell dadurch beleuchtet, dass er denjenigen, die vielleicht größere Sorgen haben als Masken, die nicht alle deutschen Tests bestanden haben, eben diese zur Verfügung stellt, der hat nicht bloß ein Menschenbild, das nicht in diese Regierung passt, sondern auch eines, das nicht zu der Frau Esken passt. Denn der Herr Spahn wollte ja nichts anderes als diese einigermaßen brauchbaren, aber nicht optimalen Masken an diejenigen verteilen, die, wie gesagt, andere Sorgen haben als das Zertifikat einer Maske, die sie sich nicht leisten konnten oder wollten. Zum Menschenbild der Frau Esken hätte es wohl besser gepasst, die inkriminierten Masken zu entsorgen und darauf zu bestehen, dass die Obdachlose, die vom Boden eine weggeworfene, aber sicherlich rundum geprüfte Maske aufliest, damit sie mit dieser Mischung aus altem Rotz und frischen Straßenstaub vor der Nase den Supermarkt betreten kann, um sich ein Bier zu kaufen, sich kein Bier, sondern eine neue, durch und durch sichere Maske kauft – vielleicht auch, um der Stimmen dieser von ihr so vortrefflich befürsorgten Klientel bei der kommenden Bundestagswahl so sicher zu sein, dass die Regierung mit der Partei, der die Frau Esken angehört, weitergeführt werden kann, vielleicht sogar mit der Frau Esken, deren Klassenbewusstsein sie ja trotz gelegentlicher, dem Bundestagswahlkampf geschuldeten Reibereien, dafür empfiehlt. Alles in Allem muss man sich freilich nicht darüber wundern, dass die Partei, der die Frau Esken angehört, in der Landtagswahl, die dieser Nullversion von Klassenkampf vorausging, in die Todeszone einstelliger Wahlergebnisse abgestiegen ist, in der es, wenn überhaupt um was, nur noch um den Klassenerhalt geht.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=932093

Wolfram Ette

Corona 272: Die Erinnerung

„L’erreur qu’on n’a pas le droit de faire c’est de ne pas se souvenir de celles qu’on a commises.“ („Der Fehler, den man auf keinen Fall machen darf, ist der, sich nicht an die zu erinnern, die man begangenen hat.“)

Es ist wirklich nicht zu glauben, aber es stimmt: Dieser Satz stammt von Macron, und er sagt ihn, einen Tag, bevor die Nation in die nächste Lockerungsrunde geht. Und er findet das natürlich so klasse wie wir alle (Restaurants wieder auf, Sperrstunde erst um 23 Uhr usw.), aber er mahnt, dass wir uns bitte des letzten Sommers erinnern sollen, wo das alles total in die Hose gegangen ist, wegen fehlender Erinnerung und so weiter.

Ich gehe vollkommen mit ihm d’accord. Es ist das Klügste, was ich seit langem von ihm gehört habe. Nein, klarer: Es ist das Klügste, was ich von ihm gehört habe. Gestaltung von Zukunft hängt zusammen mit der Frage, ob man weiß, was war, oder ob man’s nicht weiß. Im letzten Sommer wussten wir’s offenbar nicht. Oder doch: Ich bilde mir was darauf ein, dass ich’s persönlich sehr genau wusste. Aber Macron wusste es leider nicht und gehört hat er natürlich nicht. Jetzt weiss er’s aber. Nach einem Jahr beginnt er, die Bedeutung, die Erinnerungen in sanitärer Hinsicht haben, einzusehen. Das kommt zwar mit rund einem Jahr Verspätung, aber immerhin: Macron erinnert sich der begangenen Fehler. Beziehungsweise er erinnert die anderen daran, dass sie sich ihrer Fehler zu erinnern haben.

Und wenn er jetzt noch die Erinnerung hinzufügen würde, dass der begangene Fehler hauptsächlich der der Erinnerungslosigkeit gewesen ist, dass man also zu erinnern hat an den fehlenden Willen von einst, sich zu erinnern, ist man auf einem guten Wege, denn dann kann es wirklich sein, dass die Folgen des jetzt bevorstehenden Sommers nicht ganz die gleichen sein werden wie die des vergangenen, denn vielleicht erinnert Macron dann nicht nur die Bevölkerung (als Akkusativobjekt), sondern auch sich (Reflexivpronomen).

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/à-la-veille-d-une-nouvelle-phase-du-déconfinement-emmanuel-macron-appelle-à-rester-prudent/ar-AAKPfvE?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Frage

Oder wäre denkbar, dass auch der Appell an die Erinnerung letztlich nur das Mittel der Erinnerungslosigkeit ist? nach dem Motto: Ich habe es euch ja gesagt! Aber damit, dass ich es gesagt, und nur gesagt habe, ist auch genug gesagt, ich lege die Hände nun in den Schoß und überlasse die Epidemie weiter sich selbst bzw. den Forderungen der Wirtschaft!

Wir werden sehen. Wir werden es sehen, wenn die Zahlen wieder steigen; dann wird sich zeigen, ob die Erinnerung, die der französische Staatspräsident beschwört, eine rhetorische Übung war oder der Beginn eines anderen Umgangs mit der Epidemie. Ich teile A.P. raren Optimusmus in dem Sinne, dass man die zweite Möglichkeit nicht kategorisch ausschließen kann.

Wolfram Ette

Corona: pro domo

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

diejenigen von Ihnen (und Euch), die am versucht haben, die Vorstellung unseres Buchs am 22. Mai im Chemnitzer Komplex-Theater zu verfolgen, wurden enttäuscht, da nach einer Viertelstunde der Livestream zusammenbrach. Wir wissen nicht, woran es lag, fest steht aber: wohl nicht an uns – den lebendigen, redenden, argumentierenden, verkabelnden und verkabelten, in einem Theateraum und/und vor Rechnern sitzenden Menschen.

Nachdem der Stream gestoppt worden war, haben wir die Veranstaltung zuendegeführt, also gelesen und weiter diskutiert. Daraus haben Georg Spindler und Annett Schudeja von binario stern dann den folgenden Film in zwei Teilen zusammengeschnitten:


Es ist halt schade, dass wir nicht in größerer Gruppe diskutieren konnten, aber vielleicht werden die Möglichkeiten, die über die Online-Kommunikation zur Verfügung stehen, auch überschätzt. Bei mir hinterließ die Veranstaltung mit allem, was bei ihr misslang, aber auch mit dem, was gelang, eher so ein hohles Gefühl, das Bedürfnis nach mehr, also nach Medien von solch ungeheuerlicher Effizienz wie Raum und Zeit, und den Körpersubjekten, die sich darin miteinander verständigen. 

W.E.


Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch das Komplextheater in Chemnitz und dem Verein Taupunkt e.V. –

 

 

– wir haben hier vor allem Heda Bayer und Verena Russell zu danken; Förderung erfuhren wir von der Stadt Chemnitz und der Kulturstiftung des Landes Sachsen:

Corona 271: Gegenwartsgenüsse

Vergängnis

Jetzt kommt der Sommer. Und er wird toll, richtig toll. Sonne, Surfen, Schwimmen. Mit Karl Lauterbachs Segen. Mit Corona hat es ein Ende, die Testpflicht wird auch langsam eingestellt, und dies sogar, nachdem die Betrügereien der Testzentren öffentlich geworden sind, sogar mit moralischer Berechtigung. Es heißt aber bloß, dass die Epidemie unsichtbar wird und unter der Oberfläche dahinkriecht. Nach aller Erfahrung, die wir gesammelt haben, ist dieser Sommer gestundet, ein Atemholen, ein Kraftschöpfen, ein barockes Aufleuchten, bevor Herbst und Winter über uns zusammenschlagen, ein Moment, in dem, wie das schöne alte Wort lautet, wir Vergängnis besonders intensiv erfahren.

Nachlese zum Männertag

sie werden sich also treffen, auf der wiese, da wo früher die tierkörperbeseitigungsanlage war, na hinterm bahnhof, jetzt sind dort helle birken und und der helle fluss ist auch in der nähe. die menschen strömen dorthin wie sie jedes jahr dorthin strömen. mit rucksäcken, handwagen, manchmal sogar schubkarren, darin das gekühlte bier, das im lauf des tages, immer wärmer und schaler wird, aber egal, das macht nichts, hauptsache, es knallt, und der tag hat keinen anderen sinn als dass er knallt. die epidemie ist nicht schlimm genug, um uns davon abzuhalten, wo sind denn die toten und feiern ist ein lebensrecht. zumal dann, wenn die arbeit keinen spaß macht oder es keine arbeit gibt, keine, die keinen spaß macht, und erst recht keine, die spaß macht. man hat sich ja schon genügend einschränken müssen, immer diese anordnungen, die einem permanent das privatleben vermiesen. hatten wir alles schon mal, jetzt muss schluss sein. klar, wir haben uns arrangiert, man trifft sich wieder in den wohnungen, so wie früher, fehlt bloß noch, dass man die fenster abhängt. aber das ist halt nur die halbe miete, leute, jetzt ist es mai, eigentlich frühling, himmelfahrt, es wird warm, überall das grün der frischen pflanzen, schäfchenwolken am himmel endlos breit, da solls hingehen.

corona … ach. die regierung redet die ganze zeit davon, und ganz ehrlich, ist in den letzten jahrhunderten irgendwas wahr gewesen von dem, was die regierung sagt? keine größeren menschenansammlungen, blabla, es wird sie einfach geben. wollen doch mal sehen, was die polizei machen wird. die werden höchstens einschreiten, wenn es, wie immer, schlägereien geben wird, einzwei leute verhaften, aber so wars ja schon immer. die wissen ganz gut, dass sie uns das nicht nehmen können nach all der zeit, und das land ist groß, man kann sich schnell verziehen, wenn die anrücken, wir sind ja mehr. nein, männertag ist männertag. so wirds auch jetzt wieder sein, von corona lassen wir uns jedenfalls keine angst einjagen, auf keinen fall, und von der regierung schon gar nicht. ich mein, die zahlen sind bei uns eh so hoch, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an, mitgefangen mitgehangen, und sterben müssen wir alle mal. sollen wir etwa so lange warten, bis die zahlen sind wie anderswo? zahlen lügen nicht: dass ich nicht lache. sie lügen alle, sie lügen wie gedruckt, das robert-koch-institut lügt, die kliniken lügen, das pflegepersonal lügt, das ganze dann breitgetreten und ausposaunt von den medien, den ganzen fernsehstationen mit ihren fetten kameras und den frauen mit den kurzen haaren. die traun sich bestimmt nicht her heute. nicht, dass es bei uns keine frauen gäbe, wir sind ja nicht so, die ziehen mittlerweile gerne mit und am abend gehts hoch her. aber die nicht, ich mein die von der presse, die kommen nicht, der tag gehört uns.

was wollen die denn? wir müssen uns den ganzen tag zusammenreißen, auf arbeit gehen oder auch nicht, wenns keine gibt, und dann sollen wir auch noch zuhause bleiben und stramm stehen? ich meine, letztes jahr hab ich gar nicht daran geglaubt und gedacht, es wäre eine erfindung. nun ist doch von den nachbarn die oma gestorben, die war aber schon über siebzig, und der schwiegersohn hatte es auch, klagt jetzt über diese langzeitfolgen, long-covid, ständige müdigkeit und schwäche, herzschmerzen. aber obs stimmt? faul war der schon immer, ruht sich vielleicht auch bloß aus. also ich weiß nicht, die hängen das werweißwohin, gestorben wird ja immer und bei uns sowieso. das leben ist halt hart und man man kann das leben nicht verbieten. die kinder hocken zuhause, am handy oder am computer den ganzen tag, schule fällt aus, sie können sich nicht mal mit ihren freunden treffen, ist doch auch scheiße, hat da überhaupt mal jemand daran gedacht? nee, ob meiner wieder zu schule? keine ahnung, ich glaub ja nicht dran, dann ist das auch im eimer. ich mein, wir wollen nichts anderes als uns mal wieder sehen, draußen, schönes wetter, den ganzen tag bier, können sie uns nicht den einen verdammten tag lassen? weihnachten war schon nichts, ostern auch nicht, silvester: pfff. irgendwann reicht es, wir sind nicht im krieg und die bomben fliegen, aber auch da haben die leute gefeiert. wir feiern immer. wir sehen uns dann, na klar, donnerstags, wie immer, um zehn, frühstücksbier bei mir, und dann los, oder – wie hieß das? – herrengedeck!

So ein komisches Gefühl

In der Berichterstattung sind es meist die Anderen, denen dabei zugeschaut wird, wie sie in den Cafés sitzen, lautstark miteinander reden und Speicheltröpfchen austauschen. Die Journalistinnen und Journalisten schauen dabei zu, sie sind die Zeugen und berichten darüber. Das Einkaufen ist das höchste der Gefühle, und auch da geben sie freimütig zu, dass sie dabei „ein komisches Gefühl“ hätten, so ohne Tests und voller Menschen.

Es gibt offenbar eine Scham: ein Bewusstsein davon, dass das, was wir zuvor normal gefunden haben, die reinste Ballermann-Kultur im Kleinen ist. Es ist ein klein wenig lächerlich, jetzt die Cafés zu stürmen, sich in der Sonne zu fläzen und davon Bilder zu posten. Und weil man davon ausgehen kann, dass die Querdenker:innen nicht nur für ihre und unsere Freiheit gekämpft haben, sondern auch ihren „hedonistischen“ Bedürfnissen folgten, wenn sie demonstrieren gingen, fühlt man sich tendenziell vielleicht auch in diese Ecke gestellt, wenn man genießt, was im Moment zu genießen gerade möglich ist. Das „komische Gefühl“ verdankt sich nicht der Gewöhnung an Corona, sondern dem diffusen Eindruck, damit vielleicht nicht in der richtigen Gesellschaft angekommen zu sein.

Zur Beruhigung

Archaische, und wie immer, wenns archaisch wird, anthropomorphisierende Denkmuster werden wach. Kann man es sich leisten, jetzt optimistisch zu sein? Wird man das Virus dadurch nicht so verärgern, dass es einem im Herbst mit der nächsten Welle bestrafen wird? Sollten wir nicht eher versuchen, so wenig wie möglich zu empfinden, um nicht enttäuschbar zu sein, das heißt also: gewappnet gegen den nächsten Ansturm der Pandemie, welchen griechischen Buchstaben auch immer er tragen mag?

Aber keine Sorge. Sie können sich verhalten, wie sie wollen: Es wird das Virus nicht interessieren, und zwar nicht, weil es sich für Sie nicht interessieren würde, sondern weil der Begriff des Interesses selbst fehl am Platze ist. Es macht, es mutiert, es folgt seinen Zufallsgesetzlichkeiten, es mag sein, dass es dann einer bestimmten Stelle günstig oder ungünstig, je nach Perspektive mit der Biomasse Mensch zusammentrifft, oder das es ausbleibt. Sie können also rein auf sich selbst achten; wenn Sie das Gefühl haben, dass ihre Freude, essen zu gehen, Freunde zu treffen und auf der mittlerweile schon ikonisch gewordenen Caféhausterasse zu sitzen, und wenn Sie meinen, dass der herrliche Geschmack, der sich im Mund verbreitet, wenn Sie das Wort „Normalität“ aussprechen, ihnen im Nachhinein verbittert werden könnte, dann können Sie schon auf all das verzichten. Wenn Sie eher so der barocke Typ sind, der die Gegenwart inmitten der umlaufenden Vergängnis feiert, dann tun sie doch einfach dies.

Wolfram Ette

Corona 270: Die Alphabetisierung der Pandemie

I

Um die stigmatisierende und diskriminierende Wirkung zu vermeiden, die von geographischen Adjektiven wie »brasilianisch«, »südafrikanisch«, »britisch«, »indisch«, »nigerianisch« etc. ausgeht, doch ohne zugleich die Verwirrung fortzusetzen, für die die komplizierten Buchstaben- und Zahlenfolgen sorgen, die den wissenschaftlichen Bezeichnungen für die Varianten entsprechen, hat die Weltgesundheitsorganisation beschlossen, die Varianten von nun an mit griechischen Buchstaben zu bezeichnen, neutral gewissermassen. B.1.1.7, die »britische« Variante, wurde »Alpha« getauft, B.1.351, die »südafrikanische«, wird zu »Beta«, P.1, die »brasilianische«, zu »Gamma«.

Abzuwarten bleibt, ob die zwei Sprachregelungen, die vom heutigen Tag an in Konkurrenz zueinander treten, nebeneinander existieren werden, ob also die Spezialisten, die des Griechischen mächtig sind (und wenn nicht des Griechischen, so zumindest seines Alphabets), Alpha, Beta und Gamma sagen werden, und die Bevölkerung, gewöhnt an anderes, weiterhin die einstigen Adjektive. Oder verdrängt das Neue die alten Gewohnheiten?

Man habe vereinfachen wollen, wird argumentiert, ohne die Handhabe zu bieten für solche sprachspielerischen Verunglimpfungen wie des »Kung Flu«, anders genannt: der »China virus«.

Aber ist das Griechische einfach? Erst einmal ist es (auer für die Griechen) etwas Besonderes, etwas, was man in Ansätzen aus dem einstigen Mathematikunterricht kennt. Doch wird man bei den Varianten je bis zum Buchstaben Pi vordringen, das im Taschenrechner als Endloszahl auftrat? Gibt es, wenn es zu weiteren Varianten kommt, überhaupt genug Buchstaben im griechischen Alphabet? Oder wird man, wenn die Pandemie weitergehen sollte, irgendwann zu Kombinationen greifen müssen, weil alle Buchstaben ausgebucht sind?

Nur eines ist sicher: Der Gestus abstrakten Gebildet-Seins tritt an die Stelle ungeformter Raumvorstellungen. Man verleiht den Varianten einen kleinen Touch von Antike, geradezu etwas historisch Entrücktes. Man geht kaum fehl in der Annahme, wenn man sagt, dass Alpha, Beta, Gamma erst jetzt denkbar geworden sind, wo die reichsten Länder in der Hoffnung leben, das fremde Alphabet bald nicht mehr zu benötigen.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/l-oms-va-nommer-les-variants-du-covid-avec-des-lettres-grecques-pour-éviter-les-stigmatisations/ar-AAKAnGq?ocid=msedgntp

Anne Peiter

II

Alphabete haben die Eigenschaft, von Ideen der Chronologie unterspült zu sein. Alpha kommt vor Beta, Beta vor Gamma, Gamma vor Delta usw. Delta ist jetzt die »indische« Variante in ihrer ersten Spielart, und Kappa, wenn ich das recht verstehe, eine Abart von Delta, sozusagen eine Ableitung des vorherigen Buchstabens. Was macht man aber bloss, wenn Varianten zeitgleich auftreten? Bringt das die Erzählung, die man mit Hilfe des griechischen Alphabets schreiben will, nicht durcheinander?

Aber dann wird es eben um die Frage gehen, welcher Buchstabe zuerst gefunden wurde, und nicht darum, welcher wirklich zuerst kam. Man wird nehmen, wie es kommt, ordentlich, ordentlich, denn das ist, wie jeder mit Alphabeten Vertraute weiß, nicht nur das Alpha, sondern auch das Omega.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/l-oms-va-nommer-les-variants-du-covid-avec-des-lettres-grecques-pour-éviter-les-stigmatisations/ar-AAKAnGq?ocid=msedgntp

Anne Peiter

III

Die (griechische) Alphabetisierung des Coronavirus ist gegen seine Zuordnung zu bestimmten Ländern — eben den Ländern, in denen eine bestimmte Mutation zum ersten Mal aufgetreten ist — gerichtet; nationale Diskriminierungen sollen durch die neue Sprachregelung vermieden werden. Es bedeutet freilich einen Orientierungsverlust; wir, das heißt die Nicht-Expert:innen, die uns in dieser auf dem Kopf stehenden Welt zurechtzufinden versuchen, brauchen die Landkarte als Hilfsmittel; und auch aus der Perspektive der Epidemiologen ist es nicht gleichgültig, sondern absolut zentral, zu wissen, wo eine bestimmte Variante zum ersten Mal aufgetreten ist, wo und auf welchen Wegen sie sich verbreitet hat. Die Frage des Wo ist entscheidend, und man muss sich fragen, ob der Versuch sinnvoll ist, dieses Wo aus dem allgemeinen Bewusstsein zu entfernen. Etwas, das ohnehin schon mächtig abstrakt ist, wird dadurch noch abstrakter; etwas, dessen Leugnung durch die Abstraktheit seiner Repräsentation begünstigt wird, rückt all denen, von denen letztlich der Erfolg der Coronamaßnahmen abhängt, noch ferner als es das ohnehin schon tut. Länder, Nationen: es sind Ordnungskategorien, die natürlich auch Hierarchisierung ermöglichen, Nationalismen und nationale Diskriminierungen also. Die Frage ist, ob sie in der jetzigen Situation nicht verkraftbar sind angesichts des mit ihrer Abschaffung einhergehenden Orientierungsverlusts.

Das Alphabet setzt an diese Stelle freilich eine zweite Ordnung — die Ordnung einer Abfolge, die zwar im griechischen Alphabet genauso willkürlich ist wie in allen anderen; es ist ja nichts als der Baukasten, in den für jedes einzelne Wort hineingegriffen wird —, eine Abfolge, die sich konventionell so eingebürgert und festgefressen hat, dass sie als sinnvoll erscheint. B, beziehungsweise Beta, muss auf A, beziehungsweise Alpha, folgen, und dann kommt notwendigerweise C / Gamma: so hat man es gelernt, so kommt es wie von selbst aus dem Mund, eine letztlich vollkommen arbiträre Festlegung tritt uns mit der Selbstverständlichkeit einer Naturordnung vor Augen oder Ohren. Diese Suggestion verkehrt sich nun zur Ideologie, wenn sie benutzt wird, um Phänomene zu benennen und zu systematisieren, deren Abfolge auf purem Zufall beruht. Die genetischen Veränderungen des Coronavirus sind Zufall, und ob sie an einer bestimmten Stille günstige Vermehrungsbedingungen finden, eben auch. Was als nächstes drankommt und evolutionäre Karriere macht, beruht auf dem heiligen, darwinschen Begriffs=Diptychon von ‚Mutation‘ und ‚Selektion‘ — diese Folge zu alphabetisieren, ist eine hochbedenklicher Versuch, die Erscheinungen der Natur einer Ordnung zu unterwerfen, die nicht die ihre ist, und in dieser Weise ihre Beherrschbarkeit zu suggerieren.

Vielleicht haben wir schon Coronadämmerung; vielleicht ist die neue Nomenklatur nur das begriffliche Nachspiel eines langsam auslaufenden Phänomens. Vielleicht. Wenn aber nicht, wird dadurch wenig gewonnen und viel verloren sein. Sind die nationalen Adjektive wirklich ein größeres Problem als der Verlust eines Zugangs zur Erscheinungswelt dieser Pandemie, der für uns, die Ungelehrten, fassbar ist, weil wir uns in dem globalen Raum, der sie beschreibt, halbwegs auskennen? Nein, mein Vertrauen in die Alphabetisierung der Pandemie ist nicht groß.

Wolfram Ette

Corona 269: Impfgegner, und Impfgegnerinnen

Totenehrung

Ein Apotheker, der in dem verschwörungstheoretisch einschlägigen, äusserst einflussreichen Dokumentarfilm „Hold up“ gegen die Impfungen eingetreten ist, hat den Covid bekommen, wurde intubiert, lag eine Woche im Koma, ist als geheilt entlassen worden, erlag dann jedoch wenige Tage danach einem Herzschlag. Er gilt nicht als Opfer des Covid, obwohl die Schwächung seines Körpers den Tod zu erklären scheint. Festhaltenswert ist, dass die Familie großen Wert darauf legt, dass der Angehörige am Herzschlag gestorben ist, nicht am Covid. Man kann das verstehen.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/le-pharmacien-antivax-serge-rader-est-mort-après-une-hospitalisation-liée-au-covid/ar-AAKyPgd?ocid=msedgntp

Eine schöne Messe

Ich sitze auf dem Sofa, es ist Abend, aus dem Nachbarhaus höre ich die Messe, die die über neunzigjährige Nachbarin, sehr rüstig, ganz dem Gebet ergeben, ihr Kreuz stets auf der Brust, täglich zu hören pflegt. Sie war Krankenschwester, eine ihrer Töchter Krankenpflegerin. Doch die war erst in der Beauty-Branche tätig, bevor sie ins Krankenhaus zu den Kranken wechselte. Jetzt verbreitet sie in der gesamten Nachbarschaft die Information, dass geimpfte Krankenschwestern auf dem Festland massenhaft nach ihrer Injektion gestorben seien. Man lässt sich also bei den Nachbarn nicht impfen. Auch die Frau unseres Vermieters, gleich daneben, ist gegen die Impfungen, denn ihre Tochter, Mitte zwanzig, ist Kosmetikerin und arbeitet als Verkäuferin in einer Parfümerie. Man fühlt sich also beruflich verbunden. Krankenhaus, Schönheit, Katholizismus – alles ein und derselbe Duft. Und ich höre das Gesäusele des Messe-Gesangs und mag das plötzlich nicht mehr so gern. Vielleicht könnte man den Fernseher mal leiser stellen. Aber ich werde nichts sagen, morgen früh, wenn ich die alte Dame grüsse, denn sie trägt eh schon schwer an ihrem Kreuz.

Die Scheidung

Aufgabe für Soziolog:innen: Die sehr plausible und in meinem Umfeld stets von Neuem sich bestätigende These untersuchen, dass geschiedene Paare die Frage nach dem Impfen zu einer besonderen Domäne ihrer privaten Kämpfe ausbauen. Der eine will sich unbedingt impfen lassen? Dann will’s der andere garantiert nicht. Beide sind dafür? Dann aber der eine mit Pfizer und der andere mit Moderna. Auf die Idee, dass man Johnson&Johnson nehmen könnte – für jeden einen –, kommt man nicht. Das ist ein Impfstoff für glücklich Verheiratete.

Magnetismus

In den sozialen Medien geht das Gerücht um, mit dem Impfstoff würde etwas Magnetisches in den Körper gespritzt, denn wenn man an die Einstichstelle einen Magneten halte, dann klebe der am Arm fest. Wahrscheinlich, so vermutet ein Physikprofessor, der eigens befragt wurde, um die Sache richtigzustellen, hat die « Theorie » (wenn man sie denn als solche bezeichnen darf) mit der Vorstellung zu tun, dass Impfungen der Implantierung von Chips dienen. Die sind aber auch nicht magnetisch, so dass wir jetzt eigentlich eifrig die Geschichte des Magnetismus wieder aufrollen müssten, um zu erkunden, was jetzt schon wieder aus der historische Mottenkiste hervorgezaubert worden ist. Denn der Professor gibt sich redlich Mühe und ist natürlich mit all seinem Wissen restlos überzeugend – nur hat die Aufklärung ohnehin wenig Zweck, denn wichtiger als die physikalische Frage, wie Magneten funktionieren, ist wohl eher die soziologische Frage, wie ein bestimmtes, als « Wissen » ausgegebenes Zeug immer neue Menschen anzieht, bloss weil es anfänglich mal einen ersten angezogen hat.

Anne Peiter

Corona 268: Über die Irrelevanz der Universität

Wenn ich denn davon überzeugt wäre, dass der Bundesverband der deutschen Industrie, namens seines Präsidenten, Siegfried Russwurm, der sich gegen ein „Recht auf Home Office“ mit dem Argument ausspricht, dass sich viele „kreative Lösungen“ nur dann finden lassen, wenn man sich gemeinsam in einem physischen Raum aufhält, nicht nur seine eigenen Interessen, sondern möglicherweise auch die der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer artikuliert, die, wie ich an anderer Stelle lese, durchaus dafür sind, wieder mehr im Büro zu arbeiten, weil es den Tag strukturiert und ihnen zu mehr Konzentration bei der Arbeit verhilft; und wenn ich denn weiter den nun aus allen Richtungen herniederregnenden Medienmeldungen Glauben schenke, die davon sprechen, wie herrlich es sei, wieder in einem Café zu sitzen, Essen zu bestellen und gemeinsam über die Passanten auf der Straße zu lästern, ein Theater oder gar ein Fußballstadion zu besuchen; wenn ich außerdem geneigt bin, dem Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht zu folgen, der der Ansicht ist, dass eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit und des Dabeiseins eine körperliche Nähe der Anwesenden zur Voraussetzung hat — wenn ich mir das alles aus aus den Radioberichten der letzten Tage durch den Kopf gehen lasse, und mir zum guten Schluss noch das seit 15 Monaten anhaltende Lamento über die Situation an den Schulen, über „Lernrückstände“ und „Bildungsscheren“ vergegenwärtige, die ebenfalls der Tatsache geschuldet seien, das die Schülerinnen und Schüler in die Digitalität verbannt wurde (meine Tochter sieht in dieser Woche einige Mitschüler:innen zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder) —: dann kommt doch so leise=leise die Frage auf, warum es während der gesamten Pandemie bisher nicht gelungen ist, eine scharfe und wirksame Interessenvertretung der Studierenden zu formulieren, die eine Rückkehr zur Präsenzlehre in Aussicht stellen könnte. Sie spielen in der Coronapolitik keine Rolle, werden in den wissenschaftlichen Untersuchungen und Statistiken kaum berücksichtigt, abgesehen vom halblauten Nörgeleien der Studierendenvertretungen und der Wortmeldungen vereinzelter Hochschullehrer:innen: nichts, nichts, nichts. Proteste gibt es auch nicht —: wie will man sich denn organisieren, verstreut in den Einzelzimmern dieser Republik?

Geist ist sublimierter Trieb, wir alle kennen wohl dieses Phänomen, wenn er ein Gespräch erfasst und uns in Richtungen führt, von denen wir nichts wussten, einfach nichts wussten zuvor … Ob es sich um eine Stammtischdiskussion beim Bier handelt, ob wir in dem oben erwähnten Café bei Crêpes und Capuccino sitzen oder in einem Seminarraum, gemeinsam über einen Text gebeugt — egal, bei aller Verschiedenheit gibt es doch etwas Gemeinsames: dass nämlich aus den raschelnden Körperimpulsen in und zwischen uns sich etwas formiert und Wort findet, worauf wir alleine nicht gekommen wären und, ganz ehrlich, vor dem Bildschirm, auf dem die Fahndungsbilder zu Gleichem Verdammter vor sich hin flimmern, eben auch nicht.

Woher diese Indolenz gegenüber der Unhaltbarkeit solcher Zustände rührt —: ich kanns’s nicht sagen. Aber der Verdacht wächst, der sich schon in einer frühen Phase der Pandemie eingenistet hatte: dass es innerhalb der Hochschulen kein klares, kein vehement und eindeutig sich artikulierendes Interesse an der Präsenzlehre gibt. Es ist so ein Teils=teils, und damit lässt sich keine Politik machen. Für die Hochschulleitung und die Verwaltung ist es billiger und aufwandsärmer, wenn Uni fürderhin online stattfindet: vorbei das halbjährliche Geprügel mit den Dozent:innen um die richtigen Räume zur richtigen Zeit; einzelne zusätzlich angemieteten Liegenschaften ließen sich womöglich langfristig abstoßen; und überhaupt: auch an Obergrenzen der Studierendenzahlen wird man sich künftig nicht mehr halten müssen. Die Hochschullehrerinnen und -lehrer sind wahrscheinlich hin- und hergerissen zwischen der Tatsache, dass das Unterrichten in Präsenz mehr Spaß macht und der praktischen Bequemlichkeit, es von zuhause aus tun zu können und sich möglicherweise noch die DiMiDo-Fahrten an den Hochschulort zu sparen — und von den Nerds, die auch in real life schon so autistisch agiert haben als wären sie vor einem Bildschirm, für die die Pandemie also ein medialer Gottessegen war, rede ich hier gar nicht. Die Studierenden zerfallen wahrscheinlich selbst in verschiedene Interessengruppen, die sich nicht zu einer Stimme vereinigen lassen; neben all diejenigen, die die Rückkehr zu einer ‚Universität der Körper‘ wünschen, weil sich sich noch daran erinnern, wie das damals war „in jener Zeit, die längst vergangen ist“, treten diejenigen, die es nicht kennengelernt habe und die Annehmlichkeiten, sich in München, Frankfurt oder Berlin keine Wohnung suchen zu müssen, die durch Drecksjobs im ohnehin angeschlagenen Tertiärsektor finanziert werden muss, ebenso zu schätzen wissen wie die Verantwortungslosigkeit vor dem Rechner, dessen Videoübertragung man an- oder ausschalten kann, wenn man den Monologen der Dozent:innen folgt; und ganz sicher diejenigen, für die es von ihrer Fach- und Studienorganisation her rational ist, sich auf die Online-Lehre zu stützen, weil sie sich frag- und widerspruchslos als Container empfinden, in die das zu Wissende one-way-mäßig reingetan wird — nein, warum sollte diese ohnehin schon heterogene Gruppe, die es unabhängig von den Lehrveranstaltungen nicht gibt, auf die Straße gehen und sich zum Protest formieren? Das ist naiv und lächerlich.

Wenn es aber noch irgend eines Beweises bedurft hätte, dass die Universität systemirrelevant geworden ist, dass die Geisteswissenschaften insbesondere nur noch mitgeschleppt werden, um in den guten Zeiten das Heim zu schmücken, und in allen anderen sehen können, wo sie bleiben, und dass das letzte Bisschen, was dem großen Rationalisierungstrend des europäischen Bewusstseins, etwas entgegensetzt, nämlich eine Art von Geist, der aus dem Zusammensein von Körpern kommt — dann, ja dann, wäre uns Corona gerade recht gekommen, um diesen Beweis zu führen. Dann wäre diese Zeit doch zu etwas gut gewesen, nämlich dazu, alle Universitätsutopien zu begraben und die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind: dass die Uni eine Firma ist wie alles andere auch, dass es vollkommen legitim ist, darin Karriere zu machen wie in jeder Firma, aber dass man doch aufhören sollte, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie zu etwas nutze sei.

Wolfram Ette

Corona 267: Klassenfragen

Was hat Gewicht?

Die Gesundheitsbehörden versuchen zu verstehen, warum in der Seine-Saint-Denis die Impfkampagne weit abgeschlagen hinter dem nationalen Durchschnitt liegt. Bekannt ist, dass es in dieser Gegend dreißig Prozent weniger Hausärzt:innen gibt als anderswo. Wer arbeitet schon gern in einer solchen Gegend! Die Informationen zu den Impfungen fließen also nicht: Die Ärzt:innen, die sie zum Fließen bringen könnten, fehlen.

Eine Umfrage hat zudem ergeben, dass viele übergewichtige Personen, die sich längst hätten impfen lassen können, gar nicht wissen, dass sie dieses Recht haben. Und oft wissen sie auch nicht, dass sie übergewichtig sind.

Dieser letzte Punkt frappiert mich am meisten. Übergewichtig zu sein, ohne zu wissen, dass man’s ist, heißt, dass man in einem Kontext lebt, in dem es noch viele andere Menschen gibt, die auch übergewichtig sind und es ihrerseits auch nicht wissen. Es ist eben normal! Und von der Normalität ist nichts zu wissen. Sie existiert einfach. Gesundheitsvorsorge, Angst um sich selbst sind ein soziales Privileg, so wie das Wissen, das Voraussetzung für die Vorsorge ist, auch.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vaccination-en-seine-saint-denis-un-plan-marshall-pour-rattraper-le-retard-et-convaincre-les-réfractaires/ar-AAKBIzJ?ocid=msedgntp

Wissen ist Macht

Dass in der Seine-Saint-Denis so wenig geimpft wurde, hat damit zu tun, dass viele Familien keinen Computer haben. Hinzu kommt, dass es viele illegal in Frankreich lebende Ausländer in den großen Wohnblocks gibt. Die gehen davon aus, sie seien – wie sonst üblich – von den Rechten ausgeschlossen, die alle anderen haben. Das Problem mit dem Impfen ist also ein Problem, das die Zugänglichkeit von Informationen betrifft. Und weil die Ärmsten ganz gut wissen, wie ihr Alltag aussieht, nicht aber, wie ihm zu entkommen ist, pflanzt sich dieses Wissen machtlos fort, und nur dieses. Aber jetzt sind wir einmal in einer Situation angekommen, wo man’s allgemein begrüssen würde, wenn auch die „Illegalen“, die „sans papiers“ geimpft werden würden. Es ist ja in ihrem Interesse! Aber das erkennen wir nur, weil’s in unser aller Interesse ist.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/ça-nous-fait-peur-en-seine-saint-denis-la-vaccination-est-à-la-traîne/ar-AAKAqwz?ocid=msedgntp

Der Marshall-Plan

Das ist der Begriff, der eingeführt wird, um zu sagen, was man in der Seine-Saint-Denis vorhat, damit das Impfen endlich auf Höhen gehoben wird, die der Höhe der Toten entspricht, die man gerade dort zu verzeichnen hatte.

Es ist ein großer Begriff. Marshall, das ist mal wieder sehr militärisch, strategisch, aussenpolitisch, alles zusammen. Aber vor allen Dingen ist es ehrgeizig, denn es klingt so, als müsse man einen Plan entwickeln, der gleich mehrere Länder umfasst.

Was folgt daraus? Entweder es ist so, dass man wirklich grundlegend etwas an der enormen Armut ändern will, die in der Seine-Saint-Denis herrscht. Oder es ist so, wie’s sich erweisen wird (denn von revolutionären, sozialpolitischen Ansätzen liegt nichts in der Luft), dass man einen großen Begriff für eine relativ kleine Herausforderung bemüht: Man will mehr impfen. Und sobald das gelungen sein wird, wird man sagen, der Marshall-Plan sei ein voller Erfolg gewesen.

(Ja, kann man dann zustimmen: ein Erfolg, bis der nächste Marshall-Plan fällig wird.)

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vaccination-en-seine-saint-denis-un-plan-marshall-pour-rattraper-le-retard-et-convaincre-les-réfractaires/ar-AAKBIzJ?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Corona 266: Zur Sache der Sprache

Entscheidend

Ein Experte glaubt, dass die Entwicklung der Kurven in den nächsten zwei Wochen „entscheidend“ sein werden. Seine Argumente sind glasklar und vollständig nachvollziehbar, denn es nähern sich die Ferien, und man will vorher noch mit der Impfkampagne vorankommen. Gleichzeitig ist es aber so, dass das Wort „entscheidend“ schon so oft gefallen ist, dass kein Mensch es mehr hören kann. Inflation bedeutet Wertverlust. Entscheidend ist nicht, ob das Wort auf eine Situation zutrifft oder nicht, sondern ob die, die’s hören sollen, es noch hören wollen, damit sie dann tatsächlich drauf hören.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-le-pr-fontanet-juge-que-les-deux-semaines-à-venir-seront-cruciales-pour-l-été-à-venir/ar-AAKwSOl?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Fitnessfaktor

Drosten systematisiert die Corona-Virusvarianten nach zwei Kategorien: „Immune-Escape“ und „Fitnessfaktor“. Unter dem ersteren kann ich mir so ungefähr etwas vorstellen: irgendwie hat das Virus Eigenschaften ausgebildet, die es die Immunantwort des Körpers auf eine Impfung oder eine ‚traditionelle‘, ‚klassische‘ Coronainfektion unterlaufen lassen. Die zweite scheint sich auf die Infektiosität, evtl. auch auf die Schwere der Infektion beziehen Fest steht jedenfalls, so Drosten, dass B.1.1.7, also die ‚englische‘ Variante, sei solch ein Fall gewesen: kein Immune-Escape, wohl aber ein hoher Fitnessfaktor. Die jetzt einsickernde ‚indische‘ Variante, die auch der deutschen Regierung Kopfzerbrechen bereitet, kann offenbar mit beidem aufwarten: sie ist sehr fit und schafft es außerdem, den Bataillonen des Immunsystems partisanenhaft zu entkommen. Man kann da nur gratulieren. Bislang ist die evolutionäre Entwicklung des Coronavirus eine Erfolgsgeschichte.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html (Folge 90)

Wolfram Ette

Die Episode

In sprachlicher Hinsicht sind neue, euphemistische Erfindungen festzustellen. Natürlich gar nichts Individuelles. Es ist das Genie der kollektiven Verharmlosung, die sich Bahn bricht. Gesprochen wird nämlich, sobald von der Verbreitung der „indischen“ Variante im eigenen Lande die Rede ist, stets nur von „Episoden“. Das klingt dann etwa so: „Ces 46 épisodes ne veulent pas dire 46 cas, mais 46 foyers d’infection.“ („Diese 46 Episoden bedeuten nicht 46 Fälle, sondern 46 Antseckungsherde“). Mit anderen Worten: Es gibt mehr als 46 Kranke, genauer: über Hundert.

Doch die genaue Zahl interessiert in Wirklichkeit gar nicht. Die Aufmerksamkeit gilt dem, was im Wort „die Episode“ mitschwingt. Episodisches liegt vor, wenn etwas schnell vorbeigeht. Etwas taucht auf, um gleich wieder zu verschwinden. Eine Episode bleibt nicht. Sie ist nicht auf Dauer gestellt. Gibt es die „indische“ Variante in Frankreich? Ja, es gibt sie, vermutlich 46 Mal. Aber sie bleibt nicht, sie ist schon fast wieder im Aufbruch.

Gott sei Dank.

Gott sei Dank, dass die Sprache so schön dehnbar ist.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/variant-indien-la-france-est-elle-capable-de-voir-venir-une-vague/ar-AAKtE02?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Aufreinigen

Eine Forscher:innengruppe aus Ulm will herausgefunden haben, dass die Sinusvenenthrombosen, die das der Verimpfung von AstraZeneca aufgetreten sind, etwas mit Verunreinigungen des Impfstoffs durch Human-Eiweiße zu tun haben, die an dem Trägervirus kleben geblieben sind. Das ist schon interessant genug; noch interessanter finde ich allerdings das Verb, dass die Sprecherin der Gruppe wieder und wieder verwendet: „aufreinigen“. Es ist eine bemerkenswerte Mischung aus reinigen und veredeln; man hebt den Vektorimpfstoff hinauf, auf eine höhere Ebene, sublimiert und vergeistigt ihn durch eine Reinigung von unerhörter Gründlichkeit.

Ein Malus bleibt an der Sache freilich haften. Das ist der Träger selbst, der sogenannte „Vektor“, der vom Affen stammt. Wie unangenehm! Noch ein winziger Rest der Darwinschen Kränkung flimmert in mir nach: mit diesen behaarten, krakeelenden, körperlich geschickten, aber doch sehr ordinären Tieren sollen wir etwas zu tun haben? Und jetzt sollen sie uns noch dabei helfen, das Virus zu besiegen?

Wolfram Ette

Vektor

Ich prognostiziere dem Wort eine Karriere in den Geisteswissenschaften. Sie lieben ja ohnehin diese metaphorischen Anleihen bei den Naturwissenschaften, durch die man Solidität suggeriert, die historisch gesehen, seit langem bankrott ist. Hier kommt noch dazu, dass das Wort selbst schon metaphorisch ist; es ist ja ein Träger, ein Diener, wenn man so will — ein Wesen, das die Last der Virusbauteile trägt, das unseren Körper zu einer Immunantwort verlocken soll. Diese eher unangenehme Assoziation, zu der ja noch hinzukommt, dass dieser Trägervirus einem unserer äffischen Vorfahren entnommen wurde, wird aber beseitigt durch die Dynamik des herrlich frischen „Vektors“, der gleichsam aus sich selbst heraus den Fortschritt verkörpert, vom ungeheuren Kollateralnutzen dessen, was gewissermaßen auf ihm reitet wie Harry Potter beim Quidditch auf dem Zauberbesen, einmal ganz zu schweigen.

Wolfram Ette (Idee: Georg Spindler)

Corona 265: Nachgiebigkeit

Die Regierung hat einen Riesenbammel, wenn sie daran denkt, dass die Leute nach ihrer ersten Injektion in die Ferien fahren könnten und darüber die Notwendigkeit der zweiten Injektion vergessen. Da man nicht recht weiß, wo all die Leute hinfahren werden, beschwört man sie, die Ferien nach dem zweiten Termin auszurichten, und nicht den Termin nach den Ferien. Man beschwört noch mehr, man solle bitte überhaupt an die zweite Injektion denken.

Doch inzwischen ist die Ferienstimmung schon so ausgeprägt, dass die Regierung nachzugeben beginnt. Sie kündigt vorsichtig die Möglichkeit an, dass es „zusätzliche Impfdosen in einer bestimmten Zahl von touristischen Orten“ geben könnte („des doses supplémentaires dans un certain nombre de lieux touristiques“). Noch wird nicht gesagt, wo, aber man weiß: Man kriegt das mit der zweiten Injektion nur hin, wenn man den Leuten hinterherläuft.

Weil es aber gut sein kann, dass das nicht besonders gut klappen wird, wird im Fall von Schwierigkeiten „Geschmeidigkeit“ („souplesse“) angeraten. Damit ist gemeint, dass es die Möglichkeit „‚einer gewissen Nachgiebigkeit bezüglich der Frage des Zeitraums zwischen den beiden Injektionen‘ geben soll, um zu vermeiden, dass die zweite ‚ausgerechnet in die Mitte der Ferien fällt‘.“ (… „‚un petit assouplissement sur la question de l’espacement entre les deux doses“, pour éviter que la deuxième ‚tombe exactement au milieu des vacances'“). Übersetzt soll das wohl heißen: „Na, dann macht’s eben später !“, aber formuliert wird es so, dass klar wird, man möge wegen der Ferien bitte keine Ewigkeiten zwischen Injektion Nr. 1 und Injektion Nr. 2 verstreichen lassen.

Insgesamt macht die Regierung, die so viel von „Pädagogik“ spricht und stets ankündigt, sie werde der Bevölkerung alles hübsch ruhig und klar erklären, den Eindruck aufgescheuchter Eltern, die ihren Sprösslingen gegenüber erst grossartig ihre Prinzipien verkünden und dann eine Überzeugung nach der anderen wieder sausen lassen müssen. Also etwa so: „Geimpft wird nur da, wo man Zuhause ist“, gefolgt von: „Ok, ok, wenn’s unbedingt sein muss, dann eben nicht Zuhause, sondern in den Ferien…“ Aber dann, zum Ausgleich: „Aber der vorgeschriebene Zeitraum zwischen den Injektionen muss unbedingt eingehalten werden!“ Und nach dem Protest und dem Nörgeln, das schon wieder von Seiten der Gören kommt (sie haben wirklich kein Schamgefühl im Leibe): „Ok, ok, dann eben nicht gleich, sondern wann es Euch passt … Aber bitte nicht zu spät!“ Oder, wieder dem Originalwortlaut folgend: „un petit assouplissement“. Wie sagt man das? „Eine kleine Abschwächung“? Ein „kleines“ Absehen von der Regel? Eine „kleine“ Umgehung dessen, was vorgeschrieben ist? Es ist egal, wie das Substantiv genau lautet. Interessant ist das Wort „klein“. Man macht sich vor, man sei nur ein klein bisschen nachgiebig, nicht in den wesentlichen Dingen.

So argumentiert eine Erziehung, die total den Bach heruntergehen wird, von jeher. Die maulende Jugend erzieht sich die Eltern nach dem Bild ihrer Wünsche und Bequemlichkeiten. Wenn das mit dem Impfen nur gut geht!

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vaccination-anti-covid-un-plan-pour-l%C3%A9t%C3%A9-d%C3%A9voil%C3%A9-ces-prochains-jours/ar-AAKtjXY

Corona 264: Neuigkeiten vom Impfmarkt

Geht es wirklich um die Kinder? Wir hören, „dass sich Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren mit dem Ende der Impriorisierung — derzeit für den 7. Juni vorgesehen — auch um Impftermine bemühen können.“ Also, das ist wirklich total nett, dass es nun auch den Kindern, bzw ihren Eltern erlaubt sein wird, sich in die Hotline zu hängen oder das ‚Welcher-Server-stürzt-jetzt-ab‘-Spiel bei der Anmeldung auszuprobieren; es wird einen durchschlagenden Erfolg haben; das System Schule wird ganz sicher ganz sicher werden.

Wir haben hier immer wieder gegen eine Hermeneutik des Verdachts argumentiert, wie sie für Verschwörungsreligionen typisch ist. Aber wie heißt es bei Terry Pratchett: „Aus der Tatsache, dass ich paranoid bin, folgt nicht, dass sie nicht hinter mir her wären.“ So sei denn also einmal das Gedankenexperiment durchgespielt, dass es wirklich nicht um die Kinder geht, um die man sich in den letzten 15 Monaten eigentlich überhaupt nicht geschert hat — von salbungsvollen Worten einmal abgesehen.

Am 7. Juni wird die Impfpriorisierung aufgehoben; und zur Gruppe derer, die sich nun impfen lassen können oder die, wie es im Regierungssprech untentwegt heißt, „ein Impfangebot bekommen“, gesellt sich nun noch die Gruppe der ab-12-Jährigen hinzu. Das könnte zwei Gründe haben. Einmal mag für den Schwenk in der Impfpolitik durchaus die Sorge ausschlaggebend sein, man werde auf dem Weg einer staatliche verordneten Priorisierung nicht zu einer genügend großen Durchimpfung der Bevölkerung gelangen. Beispiele dafür geben die USA und auch England ab, wo die Impfkampagne jetzt an dem Punkt schwächelt, an dem die Unwilligen erreicht – bzw. nicht erreicht – werden. Ob sie sich, wie in den USA, durch das Versprechen eines täglichen Donut oder ein hohes Preisgeld werden ködern lassen? Das ist noch offen. Es ist also möglich, dass der Markt jetzt zu einem Zeitpunkt geöffnet wurde, an dem die Nachfrage bei den Impfberechtigten sinkt. Man erklärt alle zu Berechtigten und für eine Weile ist die Nachfrage wieder in Ordnung. Und durch die Hinzunahme der Jugendlichen ab 12 wurde der Kundenkreis noch etwas vergrößert.

Es könnte aber durchaus noch etwas Spezifisches hinzukommen. Kinder und Jugendliche ab 12 sind eine heikle Gruppe — vielleicht die allerheikelste, was das home schooling betrifft, geladen mit Sorgen, Hormonen und familiären Problemen, voller sozialer Sehnsüchte, Schulverdruss und Fluchtphantasien gegenüber der Familie, in der sie aufwachsen: ein Alter, in dem Wut, Traurigkeit und Konzentrationsschwäche zum biologischen Programm gehören. Aus dieser Gruppe sind die meisten Schüler in eine Anonymität abgewandert, aus der sie vielleicht nie wieder zurückfinden; an ihr hat sich die Missachtung des Schulwesens in der Pandemie am katastrophalsten gezeigt.

Weiterhin sind es, wenn überhaupt, die Eltern ebendieser Kohorte, die wohl am meisten von der Sorge umgetrieben werden, was wohl aus ihren Kindern, die sich dem Schulbetrieb entfremdet haben, einmal werden wird. Sie werden sich also bemühen, sie werden Druck machen, was die Impfung dieser Kinder betrifft, damit sie spätestens ab dem Spätsommer wieder regelmäßig in die Schule gehen können.

Und es sind Eltern, die selbst mit gutem Gewissen wieder zur Arbeit gehen wollen — in dem Gefühl also, dass für ihre Kinder gesorgt sei, dass sie selbst nun endlich wieder aus der Bildungsverantwortung für sie entlassen seien und ihre Arbeitskraft also unreduziert veräußern könnten. Es ist wieder und wieder gesagt worden: aus ökonomischer Perspektive behindern die Schulschließungen vor allem die Eltern bei der Erwirtschaftung des Bruttosozialprodukts; dass diese Kinder einmal die ‚künftigen Leistungsträger‘ sein werden, die auch weiterhin zu seiner Steigerung beitragen werden, sind schöne Worte, aber durchaus nicht so gemeint, dass daraus Taten folgen: So weit im Voraus kann das kapitalistische System in seinem gegenwärtigen Aggregatzustand nicht denken; es kann von dieser Zukunft reden, sich aber nicht praktisch auf sie beziehen.

Darin deutet sich schon an: Dass bei alledem von Seiten der Politik die Sorge um das Wohl der Kinder im Vordergrund steht, ist nicht wahrscheinlich. Wenn das so wäre, würden sie sie ja priorisieren — und die Eltern gleich mit dazu. Es spielt anscheinend ein marktwirtschaftlicher Faktor hinein, der erstaunlich wenig zur Sprache kommt. Die Verträge sind ja geschlossen, und zwar nur mit den Pharmafirmen, die die Impfstoffe in der bestellten Menge liefern sollen, sondern auch mit den Impfzentren und überhaupt einem gewaltigen Distributionssystem, das in den letzten Monaten geschaffen wurde. Gerade angesichts der Tatsache, dass andere Wirtschaftsbereiche im Moment noch etwas schwächeln, sollte man hier die Ansprüche der Vertragspartner befriedigen und die Ware zum Kunden durchreichen. Man muss flexibel sein; die Pandemie hat wirtschaftlichen Schaden angerichtet; dennoch hat sich eine Coronaindustrie etabliert, die kräftig verdient und genährt sein will.

Aus dieser Sicht — von der ich nicht behaupte, dass sie zwingend wahr, aber doch wenigstens, dass sie möglich und sogar plausibel ist —, ergibt die Öffnung des Impfmarktes für die Jugendlichen ab 12 einen guten Sinn. Man vergrößert ihn und macht die Nachfrage durch die Hinzunahme einer bestimmten Gruppe aggressiver. Zumal dann, wenn das Angebot gleich bleibt: Weder gibt es zusätzliche Impfstoffe, noch ist aus dem Bestand der bereits gelieferten und weiterhin zu liefernden eine Umverteilung vorgesehen, der jene Altersgruppe besonders berücksichtigt. Wer weiß, vielleicht kann man in der nächsten Runde damit anfangen, den Kundinnen und Kunden — denn mehr sind wir, die Bürgerinnen und Bürger, eben nicht — dafür Geld abzuknöpfen.

Wolfram Ette

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-bund-und-laender-oeffnen-impfkampagne-fuer-kinder-ab-12-a-8e74f9ca-faa5-466d-b61e-7584eb5a7f98

Corona 263: Immer früher weniger

Erst gab’s zu wenige Impf-Möglichkeiten. Dann gab’s viele, und die Leute, die schon lange gewollt hatten, kamen in Scharen und wurden auch peu à peu bedient. Langsam kündigt sich nun die dritte Phase an: Man kann impfen, wer immer kommt. Nur kommen schon weniger, als man gedacht hätte. Schlimmer: Es kommen nicht nur weniger, sondern es kommen nur wenige früher (d.h. früher weniger), als man gedacht hätte. Also wird man früher als gedacht absehen können, ob es Sinn hatte, dass all die anderen sich haben impfen lassen. Der Sinn der Impfung liegt nicht nur im Anfang. Er liegt auch im Ende: Dann, wenn keiner mehr kommt, stellt sich heraus, ob noch mehr hätten kommen müssen, damit das Ganze funktioniert. Für die, die früh gekommen sind, funktioniert’s früh, aber ob das Frühe auch noch funktioniert, wenn’s schon später ist, hängt gar nicht mehr von ihnen ab, sondern von denjenigen, die jetzt noch sagen, sie wollten erst mal abwarten, sie machten’s vielleicht später. Vielleicht ist es aber später zu spät, und dann werden diejenigen, die sagen, mal sollte es nicht zu früh machen, sicher noch hinzufügen, die, die’s früh gemacht haben, hätten verfrüht gehandelt, man sehe es doch: Es funktioniere ja nicht, das sei doch schon früh abzusehen gewesen.

Anne Peiter

Corona 262: Begriffe ohne Anschauung sind nicht leer

Eine der wichtigsten Ergebnisse der »Studien über den autoritären Charakter«, die Theodor W. Adorno zusammen mit anderen Immigranten in den USA anfertigte, bestand darin, dass der Antisemitismus als eine typische Erscheinungsweise des autoritären Charakters proportional zur fehlenden Kenntnis von Jüdinnen und Juden wächst. Das ist auch logisch: Je weniger Anschauung, desto mehr Projektion; je weniger Möglichkeit dazu besteht, dass die Realität meine Anschauungen korrigiert, desto mehr bin ich den seelischen Mechanismen überantwortet, aus denen sie sich bedingen. Das ist ein alter Hut in der Psychologie und seitdem auch der Soziologie wohl vertraut .

Dennnoch berührt es mich in einer Mischung von Qual und Verwunderung, wenn ich lese, das in Neuseeland, wo die Corona Bekämpfung vorbildlich gewesen ist, und wo nun wieder Massenveranstaltungen ohne alle Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, Verschwörungstheorien eine Urständ feiern, die in diesem Fall keine fröhliche ist, und man in weiten Kreisen statt von der »Pandemie« von der »Plandemie« spricht, die ganze Sache also für abgekartet hält .

Muss man die Menschen zur Anschauung zwingen? Muss man schlechte Corona-Politik betreiben, um für gute Corona-Politik Anerkennung zu bekommen, die dann freilich nicht mehr möglich ist? Bedeutet gute Corona-Politik, dass man die Menschen ihren Ängsten und Aggressionen überlässt, von denen sie auch in Neuseeland geplagt zu sein scheinen? Adorno und seine Mitstreiter hätten genau dies prognostiziert.

https://taz.de/Kampf-gegen-Coronamythen/!5767432/

Wolfram Ette

Corona 261: Die Verpflichtung

Erst hieß es, man werde die Impfungen auf keinen Fall obligatorisch machen. Jetzt heißt es, nur so werde man der Pandemie Herr werden können.

Der Schuldirektor eines in einem sehr armen Viertel liegenden Collèges erzählte mir kürzlich, er werde warten mit dem Sich-impfen-Lassen. Das Impfen werde vielleicht ohnehin bald obligatorisch.

Was soll das heißen? Dass er vorzieht, sich zwingen zu lassen? Will er mit dazu beitragen, dass die bisherige, auf Freiwilligkeit beruhende Strategie scheitert (denn sie wird scheitern, wenn zu viele Leute nicht mitmachen)? Und dann kommt die Verpflichtung, es wird spät sein, man wird schon wieder Probleme haben mit dem Virus, aber der Einzelne wird sich endlich sagen können, dass er ja gar nicht gewollt habe, dass er aber musste? Und das wird schon jetzt antizipiert? Aber als Argument dafür, sich nicht impfen zu lassen?

Es steckt ein Beamtengeist in dieser Art zu denken: ‚Ich mache brav alles, was man von mir verlangt. Aber nur, wenn man es von mir verlangt. Ich kann meine Überzeugungen problemlos über den Haufen werfen. Doch solange ich das als Beamter nicht muss, darf ich im Bereich des Erlaubten hemmungslos privatisieren, das heiß warten und warten und warten, bis der Befehl wirklich eintrifft.‘

Und dann trifft der natürlich wirklich ein, löst eine Riesenkrise aus, weil der Regierung brutal-autoritäre Verfügungsgewalt über den Körper des Einzelnen vorgeworfen wird, ohne dass der Schaden, der durch die verspätete Fortsetzung der Impfkampagne in sanitärer Hinsicht schon angerichtet hat, so leicht wieder zu beseitigen wäre.

Wir sagen jetzt immer, dass wir uns gern impfen lassen, solange es uns niemand befiehlt, und dass wir uns weigern würden, wenn man’s uns befiehlt. Es geht dabei gar nicht mehr um die Impfung, sondern um das, was man grundsätzlich vom Befehl hält. Da der sich aber von der Wirksamkeit her hält, ist schon abzusehen, dass man bald die allgemeine Empörung wird beobachten können, die mit der Einführung des Impfzwangs einhergehen wird. Ich aber werde mir sagen, dass die Empörung in Wirklichkeit einer enormen Erleichterung darüber entsprechen wird, nicht selbst für sich entscheiden zu müssen, frei.

Rendre la vaccination contre le Covid-19 obligatoire, est-ce vraiment possible en France ? (msn.com)
Quelles professions pourraient être concernées par la vaccination obligatoire ? (msn.com)

Anne Peiter

Corona 260: Von der Verfertigung von Ideologie

»Ich hoffe natürlich, dass auch Sie ein richtig schönes Pfingstwochenende hatten, draußen umgeben, von echten Menschen, sitzend an Restauranttischen und in Biergarten! Ahh! Wie unglaublich befreiend das wirkte, oder zumindest hier in Berlin«.

»Ich war gestern – negativ getestet selbstverständlich – auf einer kleinen Familienfeier, und da hab ich jemandem so richtig oldschool die Hand geschüttelt; zum ersten Mal seit Monaten, und ich muss sagen, das hat sich irgendwie schräg angefühlt.«

»Man umarmt sich natürlich auf alle Fälle nicht mehr, es ist eher dann mal mit dem Ellenbogen anstoßen.«

»Was ich mitbekommen habe immer, ist, dass allen Leuten das Du angeboten wurde auf einmal, weil, die Leute bemühen sich mehr, dem anderen näher zu sein, um eben diesen sozialen Kontakt, den man nicht mehr hat, so ein bisschen zu ersetzen«.

»Ich versuch vor allem, wenn ich ältere Leute sehe, immer noch mal extra Abstand zu halten, und einfach zu symbolisieren: Ich möchte nicht, dass falls ich irgendwas haben sollte, dass ich euch irgendwie anstecke. Das ist ja normal jetzt, für die meisten, also die meisten meiner Freunde machen das auch so«.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=927891https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=928002

Es ist verblüffend, wie schnell die Menschen verallgemeinern und ihre eigene, partikulare Erfahrung für das ausgeben, was überhaupt der Fall ist. Nein, Berlin ist nicht das Ganze; nein, nicht alle haben sich an die Corona Regeln gehalten und sind selbstverständlich negativ getestet, wenn sich sich auf ein Familienfest begeben; nein, nicht alle begrüßen sich mit dem Ellenbogen, sondern liegen sich in den Armen wie eh und je; nein, »die Leute« sind nicht in der Breite zum Du übergegangen; und ob der Extraabstand zu den Betagten wirklich normal jetzt ist, bezweifle ich sehr. So läuft es nicht. Das Deskriptive und das Normative, das Individuelle und das Allgemeine vermischen sich trübe. Im „man“ gehen sie, wörtlich oder sinngemäß, eine Verbindung ein, dessen Konjunktur Indiz totalitärer Denkmuster ist. ‚Man tut dieses oder jenes …‘, ‚man machte damals …‘, ‚man wusste ja nicht …‘ etc. Was darin sich ausdrückt, ist weder individuell noch allgemein, es ist Anmaßung des Individuellen, das den engen Horizont seiner Erfahrung als verbindlich behauptet, zugleich aber ein feiges Verstecken hinter der blassen Allgemeinheit einer nur unscharf zu erkennenden Kollektivität. Die Wirklichkeit geht darüber verloren. Das nennt man Ideologie. Wenn die neue Rechte von »Lügenpresse« spricht, verfehlt sie das Problem, weil davon, dass bewusst und gezielt gelogen werden würde, ebenso wenig die Rede sein kann wie von einer staatlichen Gleichschaltung des Medienverbunds. Wie bei Verschwörungstheorien wird ein strukturelle, weitgehend unbewusster Habitus als geplante Handlung interpretiert.

Ich bezweifle ernstlich, dass diejeniogen, die sich hier äußern, es während der vergangenen 15 Monate selbst immer so gehalten haben wie sie behaupten. Sie entwerfen ein künstliches Bild von sich, ein gesolltes Leben. Weil man ihnen das, was sie berichten, nicht abnimmt, klingt es wie eine moralische Vorschrift. Mich stört das sehr. Ich kann nicht beweisen, dass mein Unbehagen begründet ist, aber ich kann die Unaufrichtigkeit ihrer Stimmen nicht überhören, und ich vermute, dass es vielen Menschen ähnlich geht. In diese Kerbe schlägt dann der Populismus, der die Menschen mit der Wahrheit ködert, um sie dann mit der Lüge zu überziehen. Sein Recht hat er bedauerlicherweise darin, dass er auf den Widersprüchen beharrt, die uns als wirkliche Menschen umtreiben. Wir sind nicht die Abziehbilder moralischer Integrität und Konformität, als welche sich sich diejenigen, die sich hier im Radio äußern, zusammensetzen. Wir sind ja aus allem Möglichen zusammengesetzt, gemischte Wesen, die sich so durchwursteln.

Wolfram Ette

Corona 259: Gestern, heute, morgen

Bei einer Pariser Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen, die ein „Viertes Reich“ heraufziehen ließen, argumentierte eine Demonstrantin gegen die Masken:

„C’est un dispositif médical, et je ne vois pas pourquoi je le porterai si je ne suis pas malade, c’est quoi ces conneries? Faut arrêter les conneries là“. („Das ist eine medizinische Maßnahme, und ich sehe gar nicht ein, warum ich das tragen sollte, wenn ich nicht krank bin, was ist das bloß für eine bescheuerte Idee? Man muss mit diesen bescheuerten Ideen aufhören!“)

Erstaunlich. Fast lustig. Da wird diskutiert über Masken seit bald eineinhalb Jahren. Und da gibt es trotzdem noch Leute, die von ihrem Gesundsein heute darauf schliessen, sie würden gesund sein auch morgen. Das ist sicher auch der Fall, vor allen Dingen, wenn sie eine Maske tragen, aber dieser eine kleine Schritt bis dahin erweist sich als zu gross. So weit kann man nicht denken. Man konstatiert, dass man grad gesund ist, und damit hat es sich. Es ist, als gebe es nicht das geringste Gefühl für Zukunft, als wäre man wie ein Kleinkind ganz im Jetzt festgezurrt.

Wie kann man hoffen, dass die Gesellschaft an ein weiter als das Morgen entfernte Zukunft zu denken vermag, wenn das Phänomen, dass man noch nicht mal bis Morgen denken kann, ganz wenig ausgeprägt ist, fast so wenig wie das Bedürfnis, sich selbst zu schützen? Wie soll das gehen mit unserer gemeinsamen Zukunft? Ist da noch irgendwas zu hoffen?

Denn eine Kollegin aus dem Geographie-Department – eine Universitätsprofessorin – argumentiert ganz ähnlich. Sie glaubt, sie habe immer alles richtig gemacht, weil sie nicht krank geworden ist. Sie setzt an die Stelle des Morgen das erfolgreiche Gestern und schützt sich so vor den Herausforderungen des Erstgenannten – also des Morgen.

Anne Peiter

Comparaison avec le IIIe Reich, étoile jaune… Une manif anti-pass sanitaire suscite la polémique (msn.com)

Corona 258: Wie die Grippe

Auf den Corona-Newsblog der »Süddeutschen Zeitung« standen am Pfingssonntag folgende Dinge nebeneinander: Großbritannien wurde zum »Virusvariantengebiet« erklärt. Das heißt: Man darf nicht einreisen, und wenn man es doch tut, muss man sich, egal ob geimpft oder nicht, einer 14-tägigen Quarantäne unterziehen. Dies sei notwendig, gab das RKI zur Begründung an, um zu verhindern, dass die englische Variante vor dem Erfolg der deutschen Impfkampagne unser Land erreicht. Derweil verbreitet sich das Virus, also das indische Virus in England immer weiter, obwohl die englische Bevölkerung zu sehr viel erheblicheren Anteilen gegen Corona geimpft werden konnte als die deutsche. In einer weiteren Meldung lese ich, dass die Impfstoffe von Biontech und Pfizer sowie der von AstraZeneca einen »sehr hohen«, das heißt 88-prozentigen Schutz gegen die indische Variante bieten.

Für ein einfaches Gemüt wie das meinige passt das alles nicht so recht zusammen. Entweder es gibt diesem hohen Impfschutz, oder es gibt ihn nicht. Wenn es ihn gibt: warum sollten dann die Briten in Quarantäne gehen müssen? Nur, um auf Nummer sicher zu gehen? Falls der Impfschutz aber doch nicht so großartig ist, wie behauptet wird, sind natürlich auch die Hoffnungen darauf, dass das Einreiseverbot nur bis zu dem Zeitpunkt gelten würde, an dem die deutsche Herdenimmunität hergestellt ist, ganz und gar vergeblich.

Vermutlich gibt es eine Erklärung, die diese Puzzle-Teilchen korrekt zusammensetzt. Ich bin dazu nicht in der Lage und ärgere mich nur darüber, dass im Newsblog der SZ diese Dinge so hintereinander weg gebracht werden, ohne dass jemand sich für die Widersprüche verantwortlich fühlt.

Aber der Eindruck, der zurückbleibt – so etwas wie ein grober gemeinsamer Nenner, auf den diese Ungereimheiten sich beziehen lassen –, ist alle Mal, dass das Konzept der Herdenimmunität ein Phantasma ist. Es gehört beerdigt. Es gibt sie nicht, und es wird sie nicht geben. Corona ist wie die Grippe, haben die Querdenker immer wiederholt. Wohl wahr und immerhin! Wie eine Grippe! Hat man jemals davon gehört, dass sich gegen die Grippe Herdenimmunität entwickelt hätte?

Wolfram Ette

Corona 257: Goldene Utopien

Die Lockerung der Maßnahmen wird begleitet von einer Berichterstattung über Menschen, die die Lockerungen ablehnen, sich gar von ihnen bedroht fühlen. Man nennt das »syndrome de la cabane ou de l’escargot« (»Hütten- oder Schnecken(haus)syndrom«). Das ist zwar kein psychiatrischer Ausdruck, doch ein Psychiater, der befragt wurde, nimmt’s ernst genug. Er gibt an, historisch habe das mit den Goldsuchern zu tun, die in langer Isolation lebten und in dem Moment Ängste zu entwickeln begannen, in dem es darum ging, zur Zivilisation zurückzukehren, das gefundene Gold im Sack auf der Schulter, das Gesicht voller Bart.

Gehen wir versuchshalber einmal davon aus, dass der Wunsch, der Lockdown möge ewig andauern, es werde nie wieder nötig sein, zur Welt in Kontakt zu treten, weise Parallelen zu den Goldsuchern auf. Dann müsste man doch eigentlich schliessen, dass uns, wenn wir uns wieder in die Kontakte werfen, etwas genommen werden könnte? So nämlich, wie den Goldgräbern etwas genommen zu werden drohte? Führen auch wir, die erst zwangsweise, dann freiwillig Gelock-Downten, einen schwer erworbenen Goldklumpen mit uns, den wir uns nicht stehlen lassen wollen? Ist ein Wissen bedroht, das nur im Lockdown zu bewahren ist? Eine Ruhe? Eine andere Kostbarkeit? Irgendetwas, wovon man glaubt, es könne nur in der isolierten Hütte, im Schneckenhaus seinen Glanz entfalten?

Beim Gold muss es so gewesen sein: Man kam wohlgemut zurück, wusste sich reich, wollte der Isolation den Sausundbraus entgegensetzen, der durch die stückweise Nutzung des Klumpens möglich werden würde. Aber man wusste auch, dass der Traum, um dessen willen man, seufzend und unter tausend Schwierigkeiten, die Isolation auf sich genommen hatte, ausgeträumt sein würde, wenn ein Dieb kam und einem mit dem Gold alles nahm. Das heisst: Der potenzielle Verlust des Goldes war der Verlust eines Traums, machte die Mühe zunichte, die man gar nicht gern gehabt hatte.

Auf der anderen Seite war klar, dass Gold in der Isolation überhaupt keinen Wert hatte. Den Klumpen in der Hütte vor sich zu legen, ihn anzusehen, machte nur Sinn, wenn man dieser Kontemplation die Zukunft als möglich gedacht wurde.

Aber vielleicht besteht in einer Haltung, die den Goldklumpen ohne seinen Nutzen, ihn pur will, ohne Realisierung der Möglichkeiten, die in ihm stecken, sobald die Isolation durchbrochen ist, die eigentliche Utopie? Und ist es das, was uns, wenn wir das Hüttensyndrom haben, zustößt? Ist es das, wofür wir uns entscheiden? Uns die Utopie nicht kaputt schlagen lassen wollen, so wie man den Goldklumpen nicht in die kleine Münze des Alltags umsetzen wollte, obwohl man wusste, dass, wenn man vom Gold nicht nur den Klumpen haben wollte, sondern einen tatsächlichen Nutzen, das Kaputtschlagen unumgänglich war? Also kein Eintausch des Klumpens gegen das Kleingeld? Oder, bezogen wieder auf uns: Keine Billigträume, die verhuschen, statt des grossen Traums, den wir, gefangen in den eigenen vier Wänden, träumten?

Wir müssen hinaus. Wir müssen den Klumpen intakt halten. Es zwingt uns ja niemanden, den Tausch zu vollziehen. Außerdem besteht, anders als beim Gold, überhaupt keine Gefahr, dass ein Dieb kommen könnte. Diebe interessieren sich für das, was wir mitbringen, garantiert nicht.

Anne Peiter

Corona 256: Glückliche Tage

Wenn Macron von den »glücklichen Tagen« spricht, die man jetzt, auf den Kaffeehausterrassen sitzend, verlebe, so muss ich nicht bloß an den gleichsam barocken Gestus denken, mit dem die Gegenwart als eine sich darstellt, auf die in dem Moment, in dem man sie erlebt, schon zurückgeblickt wird. »Jetzt war Glück« könnte man seufzend und zum wiederholten Male formulieren.

Gegenläufig dazu fällt mir auch ein Stück von Samuel Beckett ein, das den gleichen Titel trägt – also »Happy Days / Glückliche Tage«, und das dieselbe Sache etwas anders akzentuiert: Die Tage, die glücklichen, waren gar nicht glücklich; denn sie waren nicht anders beschaffen als die Tage, die wir jetzt erleben. Als glückliche Tage erscheinen sie einzig und allein in der Rückschau. Sie werden also zu glücklichen Tagen dadurch, dass sie vergangen sind, dass sie nicht Gegenwart sind. Sonst gibt es keinen Unterschied. Also: etwas verschafft einer/m die Erfahrung von Glück, weil es vorbei ist; und etwas macht unglücklich, weil es gegenwärtig existiert. Weil sich das Glück und das Unglück sonsthin aber nicht voneinander unterscheiden als eben durch diese zeitliche Markierung, sind sie fast miteinander identisch, denn was soeben noch Unglück war, verwandelt sich im Nu ins Glück der Rückschau und des Rückblicks.

Wir meinen nun: es ist dieses und kein anderes Glück, das der französische Premier im Sinn gehabt haben muss, als er inmitten einer Epidemie, in der die Menschen scharenweise sterben, das Gesundheitssystem sich am Burnout entlang handelt; einer Situation, in der nicht nur »an«, sondern »im Zusammenhang mit« Corona viel gelitten wird; einer Krise, von der niemand so genau weiß, wie sie, im Verbund zumal mit all den anderen Krisen, die uns erschüttern, gelöst werden könnte: wenn er also, umtost von diesem Sturm von Unglück: ruinierten Existenzen, Familien in Trauer, zerbrochenen Hoffnungen, Angstzuständen, Atemnöten und überhaupt den ganzen Unmöglichkeiten der gegenwärtigen Situation auf der Kaffeehausterrasse sitzt, seinen Kaffee schlürft und von den »glücklichen Tagen« redet.

Vgl. Corona 256: »Anlässlich der Rückkehr des Glücks«

Wolfram Ette

Corona 255: Super Sommer

leitartikel in der sueddeutschen.
sein tenor: der sommer wird
super. alle reissen sich
jetzt noch mal richtig zusammen.
die LETZTEN RESERVEN
VOR DEM ENDSPURT werden
mobilisiert, die menschen
wollen sich nicht noch
AUF DEN LETZTEN
METERN INFIZIEREN.

der erste heisse tag im mai.
drueckend die luft in einem
hauptbahnhof. 2 ausgefallene zuege.
zum murren ist man zu mued,
wie seit monaten schon. die
maske haengt schief, oder gar nicht,
man traegt sie wie orden
eines untergegangenen landes.
muss ja. von ferne gebell:
MAULKORB UFF!

Wolfram Ette

Corona 254: Wie es war, Sommer 2021

Carpe diem

„Vivre ensemble le temps présent“ („Gemeinsam den Augenblick erleben“), empfahl der Präsident seinen Landsleuten, als man erstmals wieder auf der Terrasse eines Kaffeehauses sitzen durfte.

Das klingt ja grausig defätistisch! „Carpe diem“, pandemisch verstanden, heißt doch, dass wir jetzt auf einer Kaffeehausterrasse sitzen, dass es schön ist, da zu sitzen, dass wir’s genießen sollen, zu sitzen, kaffeehausmässig – so genießen, mit solcher Intensität, dass man durchströmt wird nicht nur vom Kaffee, sondern auch, und mit dem Kaffee, von dem Bewusstsein der ganzen Kostbarkeit, ja Ewigkeit dieses einen Moments des Sitzens auf einer Kaffeehausterrasse. Es schwingt da aber mit, dass wir jetzt sitzen, dass den Moment der Hauch der Ewigkeit umweht, eben weil er nicht ewig währen wird, sondern härtere, dem Carpe diem feindliche Winde sich schon zusammenbrauen. Will heißen: JETZT genießen zu sollen, heißt, die Kaffeehausterrasse morgen schon nicht mehr genießen zu können. Darum mein Eindruck, es gehe geradezu regierungskritisch zu, wenn Macron seinen ersten Kaffee schlürft: Er scheint nicht recht damit zu rechnen, dass das Ganze ewig dauern wird. Oder ewig eben nur in dieser paradoxen Form, einem gewissermaßen barocken Lebensgefühl folgend.

Anne Peiter

Schule nach Corona

Ich denke nicht, dass ich krampfhaft die Nähe zur Reformpädagogik suche. Der gewaltige Unsinn, den der Bildungsforscher Olaf Köller in der Radiosendung dieses Titel von sich gibt, treibt mich allerdings in ihre Arme. Im Weltbild dieses Professors sind die Schülerinnen und Schüler reine Lernapparate; der Gedanke, dass man, wenn überhaupt, gerne in die Schule geht, um die anderen zu sehen und nicht, um zu lernen, scheint ihm wirklich noch nie durch den Kopf geganmgen zu sein. „70-75 % aller Eltern kommen sehr gut klar mit dem Homeschooling“ – klar, auf jeden Fall. Wenn man sich so anhört, was er sagt, hat man den Eindruck, es gibt nur Gymnastinnen und Gymnasiasten, der Rest spielt keine Rolle, eben weil er nur der Rest ist, um den man sich nicht weiter zu kümmern hat. Und schließlich: alle Entscheidungen darüber, wie stark die Rolle ist, die das digitale Lernen in Zukunft bei den einzelnen spielen soll : All diese Entscheidungen werden, wie es scheint, von seinem Schreibtisch aus getroffen; auf die Idee, dass vielleicht mal die Betroffenen zu fragen wären, wie sie sich die Schule der Zukunft wünschen, kommt er gar nicht.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=926312

Wolfram Ette

Anlässlich der Rückkehr des Glücks

Man spricht von den „berühmten ‚glücklichen Tagen'“, die Macron nach dem Ende des ersten Lockdowns beschworen hat. Jetzt sind sie da, aber man nimmt sie in dem ganzen Eifer des erneuten Öffnens noch nicht recht als etwas Natürliches wahr, sondern, wie gesagt, nur als die „berühmten“ glücklichen Tage, die mithin mehr berühmt sind, als wirklich zu unserer Erfahrungswelt gehörend. Die Politik scheint sich des Glücks bemächtigt zu haben, und man rächt sich dafür, dass man die Worte Macrons als „berühmt“ bezeichnet, obwohl man „berüchtigt“ meint.

Déconfinement : Avec leur café matinal, « Emmanuel Macron et Jean Castex ont voulu symboliser une nouvelle étape » (msn.com)

Anne Peiter

Massnahmen gegen die Verspätung

Das neueste Dekret sieht vor, dass nur die Personen im Café oder Restaurant gemeinsam an einem Tisch sitzen dürfen, die zusammengehören. Die Zusammengehörigkeit soll nachgewiesen werden durch das Gemeinsam-eingetroffen-Sein. Wie toll! Keine Freunde mehr, die verspätet angehetzt kommen, weil sie doch noch was Wichtiges zu erledigen hatten vorher.

Déconfinement. Un décret précise les modalités de la réouverture (msn.com)

Anne Peiter

Rückkehr in die Katastrophe

Es ist schon irre. Jetzt beginnen die anderen Nachrichten wieder in den Vordergrund zu treten, der Konflikt zwischen Israel und Palästina beispielsweise, das Klima Urteil des Bundesverfassungsgerichtes und seine Konsequenzen für die Gesetzgebung, Antisemitismus in Deutschland –: Das alles ist beängstigend, ja Katastrophe; und man ist doch erleichtert, weil man es kennt und hat das Gefühl, endlich zur Normalität zurückkehren zu dürfen. Ein Satz von Walter Benjamin fällt mir ein: „Dass es immer so weitergeht, das ist die Katastrophe.“

Wolfram Ette

Pro domo

Liebe Freundinnen / Freunde,

am Pfingstsamstag, den 22.5., um 18 Uhr stellen Anne Peiter und ich unser im März erschienenes Corona-Buch: „Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer“ vor: halbdigital, da Anne Peiter in Réunion lebt, gestreamt aus dem Komplex-Theater in Chemnitz. Es soll ein Mix aus Lesung, Podioumsdiskussion und offenem Gespräch mit Euch und Ihnen werden.
Moderiert wird die Veranstaltung von der Journalistin Karin Nungeßer aus Brandenburg / Berlin.

Direktlink zum Stream: https://youtu.be/AV26ODWqbV8

Wolfram Ette / Anne Peiter

Corona 253: per aspera ad astra

nach langen muehen,
verwirrungen, staub fressen
in der ebene, chaos in der jukebox
hin und her, her und hin,
per aspera ad astra
ja astra hat seine bestimmung
gefunden, kein zweifel. der weg in
die ferien, der volksimpfstoff,
jeder, der will und kann,
jede, die will und kann. mails
schreiben, in hotlines haengen,
arztpraxen in den wahnsinn treiben.
obs hilft, scheiss drauf. neben
wirkungen, scheiss drauf. abstand
zwischen erster und und zweiter
dosis, scheiss drauf. es ist die
urlaubsspritze. haltet euch ran,
bald sind sommerferien. der
run geht jetzt los. sollen die
alten den edelstoff kriegen,
scheiss drauf, ich spritz
mich frei.

W. Ette

Corona 252: Von Bären und Fliegen

Es gibt einen liberalen think tank, der sich „GénérationLibre“ („FreieGeneration“) nennt, der die Politik der Einschränkung seit jeher für problematisch hält und jetzt mit einer Berechnung an die Öffentlichkeit getreten ist, die all denjenigen recht geben wird, die schon immer fanden, dass man dem Virus viel zu viel Gewicht beigemessen habe.

Die Denker, die hier zu denken beginnen, haben versucht, zu berechnen, wie viele Jahre Menschenleben durch die sanitären Maßnahmen insgesamt haben gerettet werden können. Sie gehen davon aus, dass durch die Einschränkungen 100.000 Tote hätten vermieden werden können, dass jeder, der am Covid starb, durchschnittlich noch fünf Jahre zu leben gehabt hätte, so dass sich also die Gesamtbilanz der geretteten Jahre auf 500.000 belaufe.

Dagegen stünden nun die Jahre, die durch die Pauperisierung weiter Bevölkerungsschichten eingebüßt würden. Ausgehend von dem Zusammenhang, der zwischen Gehaltsniveau und Lebenserwartung besteht – je mehr man verdient, desto länger lebt man im Schnitt –, hat die Gruppe ihrer Arbeit die zusätzliche Hypothese zugrunde gelegt, dass es fünf Jahre dauern werde, bis eine Normalisierung der ökonomischen Situation und damit des Gehaltsniveaus erreicht ist.

Man komme so, all die ökonomischen Probleme weiter Kreise der Bevölkerung einbeziehend, zu einem Verlust von 1,2 Millionen Lebensjahren. Das ist, wie jeder leicht sehen kann, weit mehr als das, was die Gesundheitspolitik durch die gut gemeinten Versuche gerettet hat, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.

Le Figaro lässt es sich nicht nehmen, in diesem Kontext auf die Fabel „L’ours et l’amateur des jardins“ von Jean de La Fontaines zu verweisen. In dieser wird – ich hab’s gleich nachgelesen, denn ich bin von jeher bestrebt, im Rückgriff auf journalistische Anregungen mein literarisches Bildungsniveau zu heben – die Geschichte eines einsamen Bären erzählt, der, als er endlich einen Freund und Gesprächspartner gefunden hat, auf dessen Nase eine Fliege sitzen sieht. Und um dem Schlafenden einen Gefallen zu tun, unternimmt er’s, die Fliege zu vertreiben, schlägt aber derart kräftig zu, dass der andere mit zerschmettertem Schädel und verspritztem Hirn vor ihm liegt. (Die Fliege stirbt auch, so darf man annehmen, aber eben nicht nur sie allein.) Die Moral der G’schicht‘ lautet dann, nichts sei so gefährlich wie ein dummer Freund („rien n’est si dangereux qu’un ignorant ami“).

Das dürfen wir dann, wiederum Le Figaro folgend, als Botschaft an uns selbst interpretieren. Das, was als Hilfe intendiert ist, bewirkt mitunter mehr Schaden, als wenn man die Hilfsaktion von vornherein unterlassen hätte. Übersetzt in die Aktualität: Hätte man nicht versucht, 500.000 Jahre Menschenleben zu retten, hätte man zwar weder diese 500.000 Jahre noch die Ruhe der Nase des Bärenfreundes gerettet, dafür aber die 1,2 Millionen Jahre, die, zum Ausgleich für die lebende Fliege auf der Nase, nicht vernichtet worden wären. Die Bilanz hätte dann sehr viel positiver ausgesehen, als angenommen: Eine störende Fliege wäre zwar noch als summender Plagegeist in der Höhle herumgesaust, aber 700.000 gerettete Jahre Menschenleben hätten wir auf dem gemeinsamen Menschenlebensjahrekonto abbuchen können. Oder, jetzt wieder umgekehrt formuliert: Ruhe vor der Fliege, die dann tot auf der Nase des toten Freundes geklebt hätte, hätte 500.000 geretteten Jahren Menschenleben entsprochen – nicht eben viel, wenn man die andere Zahl bedenkt.

Einen Augenblick dachte ich erst, dass der think tank, als er das ungewollt Schädliche des gut Gemeinten in den Vordergrund stellte, wenig dynamisch dachte, denn einbezogen wurde nicht, dass Fliegen, wenn sie auf einer Nase eine getötete Kumpanin in ihrem Blute hingestreckt sehen, die Tendenz haben könnten, sich, ihrem Selbsterhaltungsinstinkt folgend, schleunigst zu verziehen, um bloss nicht selbst von der Bärenpranke zerdetscht zu werden. In die Aktualität übersetzt: Die weitgehend ungehinderte Verbreitung des Virus hätte nicht nur zur Verbreitung desselben, sondern auch – wie gerade zu sehen ist – zur Ausbildung von noch mehr Varianten führen können, was wiederum Zweifel an der These als angezeigt erscheinen lässt, die Zukunft, zu der es ohne Maßnahmen gekommen wäre, sei rückblickend etwas klar Voraussagbares. Ich dachte auch daran, dass die Patient:innen in dieser letzten Welle sehr viel jünger sind als in der ersten, dass die Überzeugung, jeder Tote habe nur fünf Jahre eingebüßt, also gleichfalls einem dynamischen Denken weichen müsste.

Der think tank gibt nun aber zu bedenken, er habe alle möglichen Parameter so interpretiert, dass die positive Bilanz, die das Endergebnis bereithält, nicht als übertrieben angeprangert werden könne. Man habe – um nur ein Beispiel zu nennen – nicht die ökonomischen Folgen der fehlenden Schulbildung mit einbezogen, die dieses verflixte Pandemiejahr verursacht habe. Auch die psychischen Krankheiten habe man nicht mit abgebucht, obwohl das eigentlich als dringend nötig erscheine.

Dem könnte man nun wiederum entgegenhalten, dass die Berechnungen geflissentlich an allen möglichen anderen Dingen vorbeisehen, zum Beispiel an der Tatsache, dass ja nicht nur Leute am Covid sterben, sondern auch, bedingt durch massenhaft abgesagte Operationen, an Krebs und anderen unschönen Krankheiten, die schlicht nicht mehr behandelt und Folgen noch in mehreren Jahren zeitigen werden. Von den ökonomischen Folgen des Long Covid und ihrem Einfluss auf das Leben und die psychische Verfasstheit ganzer Familien ist auch nicht die Rede, und auch nicht davon, dass man in Schweden genau der Strategie zu folgen versuchte, die GénérationLibre hier mit grosser Wärme und viel Herzblut empfiehlt. Dass das schwedische Modell kläglich gescheitert ist, wird nirgends erwähnt, und völlig illusorisch wäre es natürlich, zu hoffen, ein think tank, der ganz von Zahlen lebt, könne einmal einen Seitenweg einschlagen und sich die Frage stellen, in welcher Situation sich Ärzt:innen befunden hätten, wenn sie nicht nur die 107.000 Menschen hätten sterben sehen, die in den französischen Krankenhäusern bisher wirklich gestorben sind, sondern noch die zusätzlichen 100.000, zu denen es nach den Berechnungen von GénérationLibre ohne Massnahmen gekommen wäre. Kurz: Von Fragen der Ethik ist man bei der Erstellung von Gesamtbilanzen, die ohne Bärentatzen auszukommen versucht hätten, in keiner Weise angekränkelt.

Man könnte die Beispiele mehren – so wie umgekehrt auch der think tank sicher seinerseits einiges an Gegenargumenten ins Feld führen würde. Darum geht es aber letztlich gar nicht. Um festzustellen, wer hier wem einen Bären aufbindet, muss man grundsätzlicher verfahren. Es geht nicht um die Berechnung von diesem und jenem, sondern es geht um die Berechenbarkeit von Zukunft selbst. Das ist das Thema. Beziehungsweise: Das müsste es sein. Was mich erschreckt, ist nicht so sehr diese Aufrechnungslogik, durch die die ideologische Grundposition der Autoren um jeden Preis gestärkt werden soll: In neoliberalen Ökonomien muss man den wirtschaftlichen Akteuren nun mal Freiheit lassen, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Das wusste die Gruppe auch vorher schon. Doch das ist es nicht. Was einschlägt wie eine Bombe, ist vielmehr der hohe Grad an Selbstgewissheit, mit der überhaupt mit Zahlen umgegangen und Berechen- und Planbarkeit angenommen wird. Man gewinnt den Eindruck, dass die Krise gar nicht wahrgenommen worden ist, und zwar in dem Sinne, dass sie methodisch, gedanklich aus dem Gesichtsfeld verscheucht wird, als sei sie die oben genannte, störende Fliege, doch jetzt gesteigert ins Riesenhafte.

Man kann Zahlenvergleiche wie diese „500.000 gegen 1,2 Millionen“ nicht ernst nehmen, weil, von der Position des Heute aus gesprochen, die Zukunft, wie sie hätte sein können, als klar benennbar erscheint. Man schaut bei GénérationLibre nach hinten. Man versetzt sich in eine nicht sehr weit zurückliegende Vergangenheit zurück und sagt, wie man damals die Zukunft hätte gestalten können, wenn man nur gründlicher La Fontaine gelesen hätte. Man behauptet damit, dass die Entwicklung auf die Zukunft zu bei anderen Maßnahmen zwingend so und so verlaufen wäre, d.h. dass man zumindest jetzt wieder ganz dem Gefühl der Beherrschbarkeit leben kann.

Unheimlich ist diese Selbstgewissheit, die aus dem sicher noch nicht einmal besonders bedeutenden Dokument mit seinen eindrucksvollen 1,2 Millionen Menschenlebensjahren, die uns leider durch den Lappen gegangen sind, spricht. Unheimlich ist, dass keine Verunsicherung herrscht, sondern, vorwärts und zurück, hin und her, mit den Zeiten jongliert wird, als könne man ihre verschiedenen Stufen jeweils genau mit bestimmten Zahlen korrelieren lassen.

Dass Beispiele von Ökonomien, die recht gut durch die Krise gekommen sind, weil sie entschieden gegen den Virus zu leben versuchten, gar nicht vorkommen – weder Australien wird erwähnt, noch Neuseeland, weder Südkorea, noch ein diktatorisch regiertes Land wie China –, ist natürlich kein Zufall, doch dieses Argument wiegt sehr leicht gegenüber dem grundsätzlichen Einwand, dass im Denken von GénérationLibre die Krise fehlt – und damit das Eigentliche. Man behauptet, über die Krise nachzudenken, aber wer dieser Behauptung glaubt, lässt sich wahrhaftig einen Bären aufbindet.

Und wenn es noch eines Beweises bedarf, wie bedenklich einen die Verbreitung der hübschen Zahl von 1,2 Millionen Jahren durch ein ja doch recht verbreitetes Blatt wie Le Figaro stimmen kann, dann kommt es hier: Dass ein bestimmtes Verhältnis zwischen Lebenserwartung und Gehaltsniveau existiert, will ich gern und sogar auf’s Wort glauben, aber dass sich dieses Verhältnis nicht durch eine andere Verteilung von Gehalts-Chancen modulieren lässt, das ist mir erneut zu wenig dynamisch, zu wenig krisengeschüttelt gedacht. Der think tank tut so, als könne das, was überhaupt die Berechenbarkeit von Zukunft ermöglicht, auf keinen Fall geändert werden: Gehalt ist halt Gehalt, was will man da tun.

Und das ist, wenn man politisch realistisch sein will, in gewisser Weise auch bitter wahr. Denn diejenigen, die überdurchschnittlich viel an der Krankheit gestorben sind (aber gar nicht so viel, wie man jetzt weiß – nur gestorben in der Höhe des Wertes von 500.000 Menschenlebensjahren) –, sind zugleich sehr häufig diejenigen gewesen, deren Gehaltsniveau erheblich zu wünschen übrig liess. (Es reicht, an die Mortalitätsrate in der Seine-Saint-Denis zu denken. Gestorben sind da massenhaft die Allerallerärmsten.) Sie wären also, wenn man den think tank GénérationLibre nur hätte gewähren lassen, noch in sehr viel höherem Masse gestorben, denn die zusätzlichen 100.000 Toten (mindestens) hätten wir dann leider schon in Kauf nehmen müssen.

Aber dieses « Wir » sind eben nie wir selbst und schon gar nicht dieser think tank. Der hat vermutlich trotz des sehr bescheidenen Denkniveaus, mit dem er sich an die Öffentlichkeit wagt, ein besseres Durchschnittsgehalt als die Leute in der Seine-Saint-Denis, kann also leicht dekretieren, er denke wahnsinnig sozial, weil ja die 1,2 Millionen Menschenjahre vor allen Dingen in diese benachteiligten Viertel geflossen wäre, die nicht richtig vernünftig ihr Leben zu verdienen verstehen. Das wäre schon eine Investition in Langfristigkeit gewesen: Seine-Saint-Denis, ausgestattet mit 1,2 Millionen Jahren – wie will man da noch länger behaupten, wir erlebten eine Krise?

Anne Peiter

Le confinement aurait détruit plus d’années de vie qu’il n’en a sauvé (msn.com)

Corona 251: Privilegien oder nicht

I

Seit Monaten immer und immer wieder dieselbe Leier, dass der Begriff der „Impfprivilegien“ keinen Sinn ergebe, weil es sich ja in Wirklichkeit um Grundrechte handeln würde, die den Menschen aufgrund einer besonderen Notlage vorenthalten wurde und ihnen nun wieder zurückerstattet werden muss.

Schon gut. Vor einigen Monaten war diese Trivialität tatsächlich keine und man musste suchen bis man jemanden fand – meist waren das Jurist:innen –, der oder die klarstellte, dass es sich um eine Phantomdiskussion handeln würde, die vor keinem deutschen Gericht bestehen könnte. Dass aber immer noch so getan wird, als handele es sich bei dieser Trivialität, die tatsächlich zur Trivialität geworden ist, welche die Spatzen von den Dächern pfeifen, um keine, sondern um eine irgendwie abgefahrene Minderheitenmeinung, die gegen den Konsens derer, die angeblich noch immer von Impfprivilegien reden würden, zur Geltung gebracht werden müsste – das ist nicht bloß ein Anachronismus, sondern eine Verzerrung der gesamten Diskussion.

Die Lage hat sich geändert. Ging es vorher noch um Gerechtigkeit, so ist nun ganz klar, dass man die Menschen nur mit der sogenannten Normalität, nur mit den wiederzuerlangenden Freiheiten locken kann, das ganze Elend noch ein Weilchen mitzumachen. Deswegen der Ebenen- und Szenenwechsel in der Debatte. Jetzt muss in einem fort festgestellt werden, dass es sich bei den sogenannten Impfprivilegien nur um eine grundrechtliche Richtigstellung handele.

So wie mir aber schon vor Monaten der Begriff der Impfprivilegien ganz unsinnig erschien [1], bin ich jetzt versucht, wiederum das Gegenteil zu behaupten und zu sagen dass es sich bei den wiedererlangten Freiheiten (vor allem Freiheiten des Konsums, dies sei am Rande bemerkt) eben doch um Privilegien handelt. Das Privileg nämlich ist seine Definition nach ein relationaler Terminus. Er besagt, dass jemand mehr Rechte hat und sich mehr erlauben kann als jemand anderes. Ob diese Differenz daher kommt, das diejenigen, der mehr Rechte besitzen, sie gerechtfertigter- oder ungerechtfertigterweise ausüben, ist irrelevant. Der / die eine hat mehr, der / die andere hat weniger: Das ist der Kern des Privilegs.

Unsere Gesellschaft setzt sich weithin aus Privilegien, oder genauer gesagt, aus Privilegienunterschieden zusammen, die abgesehen von einigen Fundamentalisten kaum jemand beklagt. Wenn ich nur ein geringes Gehalt habe, kann ich manche Restaurants nicht besuchen. Vor vielen Bars stehen (oder besser: standen) Rausschmeißer und Einlasskontrolleure, die dafür sorgten, das nicht jede:r das Etablissement betreten darf. Über die Privilegien, die einer oder einem quasi zufallen, wenn sie aus einer Akademiker:innen-Familien mit hohem Bildungsniveau kommen, wurde im letzten Jahr so oft gesprochen und geschrieben, dass sich eine nähere Ausführung erübrigt. Es gibt diese Unterschiede, sie machen leider unsere Gesellschaft aus und außer den Kommunisten haben sich alle an sie gewöhnt.

Angesichts solcher Unterschiede ist die Frage, ob ich beim Betreten eines Geschäftes oder beim Friseurbesuch einen negativen Corona-Test vorzuzeigen habe oder nicht, geradezu lächerlich. Selbst die, ob ich jetzt oder in einem halben (vielleicht sogar erst in einem ganzen) Jahr meine Reise zu den Kanaren antreten kann, fällt nicht sehr ins Gewicht, wenn man sich die drastischen und im Grunde jeder Vorstellung von Gerechtigkeit ins Gesicht schlagenden Privilegienunterschiede vergegenwärtigt, die es in unserer Gesellschaft gibt.

Es ist einmal wieder eine Ersatzdiskussion. Es wird wieder einmal so getan, als lebten wir in der besten aller Welten, in der es entweder keine Privilegien gibt, oder sie schlechterdings allen Menschen grundrechtlich verbürgt sind.

II

Vielleicht muss man diese immer absurder werdende Debatte einfach umkehren. Hat sich jemand mal klargemacht, was auf den Geimpften eigentlich lastet? Sie müssen uns alle retten. Sie müssen mehrmals in diesem Jahr in den Urlaub fahren, wenn möglich mit dem Flieger, damit die Fluggesellschaften nicht verhungern. Sie müssen mehrere Theater und Kinos gleichzeitig besuchen und die Kultur vor dem Untergang bewahren. Und sie müssen konsumieren, dass die Schwarte kracht. Die Armen, sie tun mir ehrlich leid. Das ruhige Leben ist für sie jedenfalls vorbei.

[1] https://wolframettetexte.wordpress.com/2021/02/05/corona-187-moeglichkeit-und-wirklichkeit/ (Text 2)

Wolfram Ette

III

Ein hoher Prozentsatz der Mittelschichts-Familien ist seit dem letzten Jahr nicht mehr in die Ferien gefahren. Noch nicht einmal ein Wochenende woanders war drin. Bei den Unterschichten ist dieser Prozentsatz noch viel höher. Es hat das durchaus nichts Erstaunliches, das war „früher“ auch nicht anders. Es gehört zur Normalität.

Unnormal ist vielleicht nur, dass jetzt verstärkt über solche Ungleichheiten berichtet wird, dass also diejenigen, die, weil zur Oberschicht gehörend, innerlich schon dabei sind, ihre Koffer für den Sommer zu packen, jedoch ein leise Verwunderung darüber empfinden, dass nicht alle es ihnen nachtun. Normal ist dann aber wiederum, dass man vielleicht ein wenig diese Statistiken lesen und sich auch wundern, dann aber doch den Koffer packen wird, womit die Welt dann wieder ganz normal wäre.

Covid : près de la moitié des Français ne sont pas partis en vacances depuis mars 2020 (msn.com)

Anne Peiter

Corona 250: Mitleid / Kein Mitleid

Mitleid

Letztlich ist es das, was übrig bleibt, nachdem die Schauspieler:innen-Kampagne ins Land gegangen ist und die Gemüter sich etwas beruhigt haben: Mitleid mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, die, Privilegien hin oder her, offensichtlich gar nicht richtig einzuschätzen vermochten, wie das, was sie da gesagt und gespielt haben, eigentlich wirken würde. Mitleid aber deswegen, weil die intuitive Einschätzung der Wirkung eigentlich eine Grundqualifikation einer jeden Schauspielerin und eines jeden Schauspielers sein muss. Ohne das geht es nicht, man darf nicht nur einfach so sein, irgendwie muss man ein Gefühl dafür haben, dass dieses reine Für-sich-Sein, in dem man in der Rolle aufgeht, zugleich doch auch ein Sein-für Andere ist; man muss sich gleichzeitig von innen und von außen sehen können, muss spüren, ohne groß darüber nachzudenken, wie das was man tut, ankommt.

Und keine:r dieser Schauspieler:innen, die dort auftraten, ist bedeutungslos. Einige sind sogar recht berühmt. Sie alle müssen also, wenn stimmt, was ich hier vermute, über diese Fähigkeit verfügen, oder besser: über diese Fähigkeit verfügt haben, denn sie ist ihnen ganz offensichtlich verloren gegangen. Meine These: Das ist ihnen jetzt peinlich, das ist die gemeinschaftliche Zerknirschung, die aus allen Wortmeldungen nach der Kampagne sprach; ganz unabhängig davon, ob sie ihr Video zurückgezogen haben und sich dafür entschuldigen, oder ob sie, in flauer Selbstverteidigung, darauf beharrten.

Wenn es aber soweit ist, dass die Schauspieler, und sogar die gefeierten Schauspieler der Nation, keine Schauspieler mehr sind, weil sie das Gefühl für ihr Publikum verloren haben, dann, zum Teufel, haben wir wirklich eine Krise, dann ist es ernst, und man muss sich Sorgen machen, die über einen ohnehin unwahrscheinlichen Rechtsdrall einzelner Protagonistinnen oder Protagonisten hinausgeht.

Kein Mitleid

Oder ich überschätze sie wieder einmal hemmungslos – so, wie sie sich selbst überschätzen; und es ist doch das Beste, die ohnehin stark erlahmte Debatte mit zwei Videoclips aus ‚Team America‘ abzuschließen, worin die Macher von ‚South Park‘ ihren fiebernden Hass auf jede Art von acting und die Überzeugung, dass jede noch so miserabel animierte Zeichentrickfigur – siehe ‚South Park‘ – ethisch vertretbarer ist als die prämierte Garde selbstverliebter Weltverschlechterer in der folgenden Szene:

Wo gespielt wird in diesem Film, wo Schauspieler auftreten, geht alles schief und die Leichenberge wachsen in den Himmel. Zum Glück geht es aber am Ende gut aus, weil die teuflische, aber dann doch nachlassende Macht der Schauspielkunst durchschaut wird, die zum verlängerten Arm des Bösen geworden ist, das von den Guten immer wieder und zum großen Glück für uns alle aus der Welt gebombt wird. „I could have sworn that she was telling the truth. – That’s why they call it acting …“

Wolfram Ette

Corona 249: Normalité!

Rückkehr zur Normalität

Wenn man die Ungeduld ermessen will, mit der die Rückkehr der Normalität erhofft wird, muss man nur zwei Details erzählen: Die britischen Friseure hatten, weil die Lockdown-Regeln zurzeit schrittweise aufgehoben werden, mitunter schon um Mitternacht ihre Geschäfte geöffnet, weil der Andrang haarschneidewilliger Kunden so immens war. Und in der Oxford Street warteten Kunden schon zwei Stunden vor Wiedereröffnung der zuvor als „nicht-essenziell“ klassifizierten Geschäfte, obwohl schneidende Kälte herrschte.

Das ist, was man sich zurückwünscht: sich die Haare schneiden lassen, shoppen gehen. Nicht heute am Nachmittag, nicht morgen, erst recht nicht übermorgen, sondern jetzt gleich, um Mitternacht, in der Minute selbst, in der das Verbot aufgehoben ist.

Nouveau succès pour la campagne de vaccination britannique, les Anglais trinquent en terrasse (msn.com)

Abstufungen

„Nous agissons pour que dans un mois, les conditions sanitaires nous permettent de reprendre une vie davantage normale“ („Wir organisieren unser Vorgehen, damit in einem Monat die sanitären Bedingungen so geartet sind, dass wir ein normaleres Leben wiederaufnehmen können.“)

Man höre und staune! Ein „normaleres Leben“ tritt an die Stelle des Versprechens, das normale Leben stehe vor der Tür. Man gibt zu, dass es nicht ganz klappen wird, aber am Begriff der Normalität hält man fest. Am Terminkalender auch. Aber damit das Ganze nicht zu einer riesigen, kollektiven Enttäuschung werde, streut man erste Einschränkungen ein, und die liegen eben im Wort „davantage“. „L’avantage“ bedeutet im Französischen übrigens „der Vorteil“. So nah liegen die beiden Begriffe zusammen. Es ist politisch ein wirklicher Vorteil.

Covid-19: Véran prévient qu’il y aura „des annonces dans les semaines qui viennent“ (msn.com)

Raum und Zeit

Wann genau der Monat Mai anfängt, wie und wo er Anwendung findet, um die herrschenden, sanitären Maßnahmen wieder aufzuheben, weiß kein Mensch, auch die Regierung nicht. Anfänglich wurde selbstgewiss mitgeteilt, Mitte Mai ziehe die Normalität wieder ein, doch jetzt wird deutlich, was man ja eh schon wissen konnte, wenn man nur gewollt hätte, es zu wissen, nämlich: dass sich die Regierung wieder aus der Affäre ziehen muss, die sie sich selbst geschaffen, in die sie sich selbst hineinbugsiert hat.

Es zeichnet sich ab, dass die versprochene Normalität regional differenziert daherkommen wird: Die Gegenden, in denen es weniger dramatisch ist, finden als Erste zum Alltag zurück. Man wird vermutlich auf die wenigen Ausnahmen verweisen und triumphal den Zeigefinger ausstrecken: Man sehe es doch, der Terminkalender sei eingehalten, das Versprechen umgesetzt worden! Ja, wird man dann zugeben müssen, wie schön, dass es für die Bretonen klappt. (Die Bretonen sind hier ein plausibler Platzhalter, denn bei denen läuft ja seit jeher alles bestens.)

Doch werden all diejenigen, die nicht der Platzhalter sind, sondern vielmehr einem ungewissen Terminkalender ungeworfen bleiben, mit dieser regionalen Ausdifferenzierung, die eigentlich einer zeitlichen entspricht, leben wollen? Wird man das Versprechen als eingelöst betrachten, wenn es nur für die je anderen eingelöst worden ist? Wird sich nicht im Gegenteil das Gefühl verstärken, zeitlich abgeschlagen hinter den anderen zu liegen, wieder einmal ausgeschlossen zu sein von dem, was man erhoffte? Neben den Impfneid tritt der Kalenderneid, neben diesen der Alltagsneid, neben diesen die Wut auf die Politik?

Levée des restrictions „début mai“ ou „mi-mai“ : le flou sur l’agenda du déconfinement (msn.com)

Die Gefahren der Hoffnung

Man möchte zu gern an die Lockerung der Maßnahmen gehen, zur Normalität zurückfinden, die Früchte dieses dritten Lockdowns ernten, indem man erst gemütlich in einem Restaurant speist und im Anschluss daran ins Theater geht, am besten maskenlos und mit einer großen, freudigen Freundesschar.

Doch die Epidemolog:innen betätigen sich als Historiker:innen. Sie blicken zurück auf das, was war. Sie erinnern daran, was man bei der „zweiten Welle“ einst als besorgniserregend betrachtet hat. Es wird verglichen – das Heute mit dem Damals:

„Avec 33.000 nouveaux cas quotidiens et 6.000 personnes en réa, on est quasiment au niveau d’entrée dans le deuxième confinement“ („Mit 33.000 neuen Fällen pro Tag und 6.000 Personen auf den Intensivstationen sind wir quasi auf dem Niveau, das wir zu Beginn des zweiten Lockdowns hatten“).

Das heißt übersetzt, dass jetzt allgemein über baldige Lockerungen nachgedacht wird, obwohl damals in einer vergleichbaren Situation die Notwendigkeit eines Lockdowns umgesetzt worden ist. Man findet heute, die Situation verbessere sich, während man damals bei vergleichbaren Zahlen fand, die Situation sei so dramatisch, dass man unbedingt reagieren müsse. Man findet, die Beherrschbarkeit sei so stark gestiegen, dass man das Risiko der Öffnung eingehen könne. Damals fand man, die Beherrschbarkeit sei angesichts der täglichen Ansteckungen so gering, dass der Lockdown, in den man gerade eintrat, unumgänglich sei.

Ein Spezialist gibt zusätzlich zu bedenken, dass wir im jetzigen Kontext die Gefahr der Varianten einzubeziehen haben:

„Si on ne prend pas le temps de baisser drastiquement le nombre de cas, on laisse l’opportunité aux variants d’avancer masqués, comme en ce début d’année. Or ils représentent un risque réel dont il faut se prémunir.“ („Wenn wir uns nicht genug Zeit nehmen, um die Zahl der Fälle drastisch zu senken, geben wir den Varianten die Gelegenheit, maskiert voranzuschreiten, ganz so wie zu Beginn dieses Jahres. Es muss daran erinnert werden, dass sie ein wirkliches Risiko darstellen, gegen das wir uns schützen sollten.“)

Es ist abzusehen, dass nichts so gravierende Folgen haben wird wie unbedacht abgegebene Versprechungen. Indem der Präsident partout Hoffnung verbreiten und diese Hoffnung an einem Terminkalender aufhängen wollte, hat er sich selbst in eine Zwickmühle gebracht. Die allmähliche Verbesserung der Situation geht so langsam vor sich, dass er die Kontrolle bis zum angegebenen Termin nicht zurückgewonnen haben wird. Wenn er dieser Realität Rechnung trägt, schafft er Unzufriedenheit. Wenn er aber die Realität ignoriert und der Hoffnung freien Lauf lässt, lässt er auch der Pandemie wieder freien Lauf, und damit den Varianten.

Es zeichnet sich also ab, dass all das, was durch kollektive Anstrengungen und ökonomische Opfer erreicht worden ist, durch die allzu frühe Hoffnung wieder zunichte gemacht werden könnte. Es ist nicht auszuschließen, dass, einfach dadurch, dass man Normalität dekretiert, die Normalität ein xtes Mal wieder zunichte gemacht wird. Das politisch Gefährliche besteht darin, dass in dem Maße, in dem die Bevölkerung Opfer erbringt, ohne dass diese auf Dauer etwas fruchten, die Bereitschaft, weiter Opfer zu erbringen, sinkt und sinkt.

Hätte Macron den dritten Lockdown früher verhängt, hätte dieser kürzer ausfallen können. Er hat ihn aber erst verhängt, als es wirklich nicht mehr anders ging, und so zeigt sich, dass er jetzt einem Zeitindex folgen muss, der ihm von allen Spezialist:innen vorausgesagt worden war: Wenn das Niveau der Ansteckungen sehr hoch ist, dauert es lange, bis es wieder sinkt. Der gedankliche Fehler besteht also darin, dass man sich von den Optionen, die zur Verfügung stehen, stets das aussucht, was am bequemsten ist: Vom späten Lockdown die Tatsache, dass er spät kommt und man ihn der Bevölkerung nicht gleich zumuten muss, vom frühen Lockdown, dass man früher lockern kann.

Nur ist es aber leider so, dass das eine mit dem anderen nicht kombinierbar ist. Hat man sich für die eine Vorgehensweise entschieden und damit die andere ausgeschlossen, muss man mit dem leben, was aus der Wahl folgt. Ursache und Wirkung sind nicht nach Gutdünken kombinierbar, sondern bilden eine feste Einheit. Politisch passiert jedoch genau das Gegenteil, und ich glaube, es ist eine Mischung aus Angst (nämlich vor den Reaktionen der Bevölkerung) und voluntaristischen Optimismus (einer regelrechten Lebenshaltung), aus der sich mögliche, kommende Entscheidungen speisen werden.

„En relâchant les mesures trop tôt, le risque c’est que la descente ralentisse ou même s’interrompe et que tous ces efforts aient été faits inutilement. […] S’agissant du coût humain, ce n’est juste pas tenable de parier sur un nouveau plateau haut.“ („Wenn man die Maßnahmen zu frühzeitig fahren lässt, besteht das Risiko, dass der Rückgang sich verlangsamt oder sogar völlig unterbrochen wird und dass alle Anstrengungen umsonst unternommen worden sind. […] Was die Kosten an Menschenleben betrifft, so ist es einfach nicht vertretbar, eine Wette auf einem so hohen Ansteckungsniveau abzuschließen.“)

Mit diesen Worten kritisiert ein Arzt, das, was vielleicht entschieden werden wird, antizipierend.

Immer mehr zeigt sich in meinen Augen, dass es sehr viel besser gewesen wäre, die Gesundheitspolitik auf Dauer zu stellen. ZeroCovid hieß die Initiative, doch sie ist von den Wirklichkeiten überrollt worden. Und traurig scheint mir zu sein, dass jetzt wirklich nicht mehr die Kraft besteht, es jetzt doch noch zu versuchen. Man zieht es vor, von einer Krise in die nächste zu taumeln, statt aus einer Form der Hoffnungslosigkeit heraus zu analysieren, was man bei ihrer Bekämpfung bisher falsch gemacht hat. Man sieht: Es hat nicht funktioniert. Doch je häufiger es nicht funktioniert hat, desto mehr macht man mit der alten Politik weiter. Oder schlimmer gar: Man wird noch ungeduldiger, hebt die Maßnahmen noch früher auf als damals, macht alles nur noch schlimmer.

Hoffnungslosigkeit wäre dagegen die Voraussetzung für eine wirkliche Zäsur. Aber die Hoffnung ist nicht abzutöten, und darum bleibt alles so hoffnungslos wie zuvor. Man hat die Möglichkeiten, die in der Hoffnungslosigkeit beschlossen liegen, nicht zu begreifen gelernt, und darum bleibt man ihr ausgeliefert, ohne die Früchte erreichen zu können, die sich ausbilden würde, wenn man sie nur ließe.

Covid : l’épidémie sur un plateau, le gouvernement dans l’embarras (msn.com)
Covid-19 : la tentation du relâchement (msn.com)

Die Voraussetzungen denken

50.000 Zuschauer:innen haben in Auckland maskenlos, Körper an Körper an einem Konzert teilgenommen. Die neuseeländische Abschottung hat’s möglich gemacht. Jetzt wird dieses Ereignis als das größte Konzert weltweit gefeiert: das grösste, bezogen auf die bisherige Geschichte der Pandemie. In Frankreich wird mit offenem Neid von dieser Normalität berichtet. Ich kann mir gut vorstellen, dass man diese Bilder der eigenen Regierung noch vorhalten wird. „Warum so was nicht bei uns?“ Nun, wenn man so was haben will, muss man auch das auf sich nehmen, was es möglich macht, so was zu haben. Ich vermute aber, dass man, da ja an’s Auswählen gewöhnt, immer nur das neuseeländische Konzert auswählen wird, und nicht auch das, was seine Voraussetzung war. Das war schon so, als Schweden in aller Munde war: keine Maske, so viel Freiheit! Ja, aber es gab auch Dinge, die ein Gegengewicht darstellten. Man will aber nie das Gegengewicht, sondern immer nur die Leichtigkeit, so, als existiere diese von allein.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/culture/ces-images-nous-font-tous-rêver-50-000-personnes-sans-masque-ni-distanciation-lors-d-un-concert-en-nouvelle-zélande/ar-BB1g4aZe?ocid=msedgntp

Apokalyptische Aussichten

Das kalifornische Disneyland hat wieder öffnen können, jedoch nur für ein Viertel der sonst üblichen Besucher. Die Plätze waren sofort ausgebucht. 20.000 Menschen seien gekommen, lese ich.

Das ist in der Tat nicht ganz normal, obwohl diese Zahl recht ganz ordentlich aussieht. Aber richtig Normalität herrscht erst, wenn wieder alle, die wollen, kommen dürfen. Erst wenn Mickey und die Maßen wieder glücklich vereint sind in einer Selbstverständlichkeit, wie wir sie vor der Pandemie kannten, wird man sagen können, dass die großen Zahlen, die uns in der ganzen letzten Zeit begleitet haben, werden ad acta gelegt werden können.

An die Stelle der Zahl der Toten werden die normalisierten Zahlen der strömenden Besucher treten, und es wird so sein, als wäre nie was anderes gewesen. Vor nichts graut mir so sehr wie vor dieser Aussicht der Normalität.

Der Blankoscheck

Die 18 bis 25jährigen Französinnen und Franzosen sollen mit einem Reisescheck von bis zu 200 Euro in die Ferien geschickt werden:

„Trois univers sont proposés: la montagne, le soleil et la ville.“ („Drei Universen stehen im Angebot: die Berge, die Sonne und die Stadt.“)

Es besteht gar kein Zweifel daran, dass die jungen Leute schwer unter der Krise gelitten haben und viele gerade jetzt nicht das Geld aufbringen, um ein bisschen Urlaub zu machen. Ich spreche also gar nicht gegen die jungen Leute, wenn ich erkläre, dass mir die staatliche Urlaubsförderung im höchsten Maße suspekt ist. Es geht allein um den Urlaub selbst, nicht darum, wer dann genau fährt.

Im Frühjahr 2020 erklärten die europäischen Regierungen der verschiedenen Ländern ihren jeweiligen Bevölkerungen, jetzt, nach Beendigung des Lockdowns, werde alles wieder gut. Und man ließ die Leute fahren. Man hielt’s ökonomisch für extrem wichtig, dass sie fuhren. Jetzt, ein Jahr später, lässt man sie nicht nur fahren, sondern finanziert sogar, dass sie fahren, denn gefahren werden muss. Vor einem Jahr gab es vielleicht noch den Einen oder Anderen, der Zweifel hegte, ob es gut sei, den Maßentourismus wieder voll in Gang zu setzen. Heute, wo man Zeit genug gehabt hat, um zu ermessen, was Urlaub und Mobilität in Pandemiezeiten bedeuten, was sie anrichten, was sie, gesamtgesellschaftlich betrachtet, kosten, hat man gar keinen Zweifel mehr: Man stellt Urlaubsschecks aus.

Deren Höhe beläuft sich nun aber – entgegen der Version, die offiziell verbreitet wird – keineswegs auf 200 Euro pro Person. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Blankoscheck. Um einen Blankoscheck auf die Zukunft. Man tut so, als könne man dieser vertrauen, als werde sie – nämlich die Zukunft – schon die richtige Summe einsetzen, als werde das, was auf die Unbedachtheit dieser total überstürzten Normalisierung folgen könnte, das kollektive Konto der Nation nicht leeren. 200 Euro – das ist doch ein Klacks! Das ist doch nicht mehr als eine symbolische Geste gegenüber einer Jugend, die in tiefer Traurigkeit steckt!

Eben drum, eben drum. Man verkündet Normalität zu einem Spottpreis von 200 Euro. Man verscherbelt die Zukunft zu einem Preis von 200 Euro. Man lernt nichts, man bedenkt nichts, man beobachtet nichts. Man macht einfach das, was man schon vor einem Jahr gemacht hat, noch einmal. Nur schlimmer. Und das nennt sich dann Normalität. Auch wahr. Nur hat das mit der Förderung der Zukunft zugunsten der Jugend nichts zu tun.

Vacances : Une aide de 200 euros accordée aux jeunes de 18 à 25 ans (msn.com)

Genug gelitten

Der für den Tourismus zuständige Staatssekretär der Regierung Macron versichert:

„Il n’y aura pas d’interdiction… Au contraire, les gens ont suffisamment souffert des derniers mois. Il est important qu’ils puissent s’oxygéner, où ils le souhaitent.“ („Es wird keine Verbote geben… Im Gegenteil, die Menschen haben in den letzten Monaten genug gelitten. Es ist wichtig, dass sie Luft holen können, wo immer sie wollen.“)

„Genug gelitten“. Wer sagt das? Das sagt der Staatssekretär, doch nicht nur er. Alle sagen das. Und ich finde und sage das auch. Nur ist völlig unerheblich, was der Staatssekretär sagt, und noch weit unerheblicher ist, was ich selbst sage. Erheblich ist nur, dass es ein Maß für’s Leiden nicht gibt. Zwar ist offensichtlich, dass es jetzt „genug“ ist, doch wenn der Virus Lust hat, und er reist mit, sobald wir unsere Koffer gepackt haben werden, wird sich zeigen, dass es zwar schon zuvor „genug“ war, dass der Virus aber trotzdem weiter macht.

Es ist absolut kindisch zu glauben, wir könnten uns mit einem bestimmten Maß an Leid das Recht zum Reisen „erkauft“, es „verdient“ haben. Natürlich haben wir das! Aber das spielt nicht die geringste Rolle! Wenn wir finden, es sei jetzt genug, wir bräuchten mal eine Auszeit, bei der wir tief durchatmen, Luft schöpfen und uns besinnen können – „auftanken“ nennt man das auch gern –, ebnen wir dem nächsten Schub an Leid schon den Weg. Oder die Autobahn. Mit jedem „Jetzt aber genug!“ stellen wir das Leid selbst her, mit jedem „Ich will nicht mehr!“ zwingt man sich selbst, dennoch weiter wollen zu müssen. Jedes Auftanken macht den kollektiven Tank leerer, jeder vorschnelle Schritt in die Normalität zerstört diese, jede Versicherung, man könne fahren, „wohin man wolle“, bedeutet, dass der Virus dahin kann, wohin er will.

Das Verständnisinnige, das die Rhetorik eines Staatssekretärs kennzeichnet, der behauptet, sich mit Fragen des Tourismus auszukennen, zeigt, dass Oben und Unten, Regierende und Regierte, in der Unfähigkeit aufeinander bezogen bleiben, Shakespeare zu lesen:

„Gott, wer darf sagen: Schlimmer kann’s nicht werden?
’s ist schlimmer nun als je. […]
Und kann noch schlimmer gehn; ’s ist nicht das Schlimmste,
Solang‘ man sagen kann: ‚Dies ist das Schlimmste.'“

Übersetzt in die Idee „Genug gelitten“:

Gott, wer darf sagen: Wir haben genug gelitten?
’s wird mehr gelitten werden noch als je. […]
Und zu mehr Leid kann’s noch gehen. Es ist nicht genug Leid,
Solang‘ man sagen kann: „Jetzt ist genug gelitten.“

Man stelle sich das mal vor: Jesus hängt am Kreuz, soll das Leid der Welt auf sich nehmen und schreit dann, weil er die Nägel im Fleisch, den Dornenkreuz auf dem Kopf und die blutende Wunde an der Seite nicht mehr aushält: „Jetzt aber genug!“ Das würde bedeuten: „Für’s ewige Heil der Menschheit reicht’s jetzt aber!“ Auf Golgatha ist’s hingegen so, wie Shakespeares Figur es sagt: Es ist erst genug, als Jesus gar nichts mehr sagen kann, als er gar nicht mehr in der Lage ist, zu sagen, jetzt habe er genug gelitten. Genug gelitten hat er erst, als er gänzlich durch den Tod hindurchgegangen ist. Erst das Unmaß an Leid, seine ganze Unermesslichkeit bringt das Heil.

Wir haben das Glück, das Maß selbst in der Hand zu haben. Wir sind gar nicht gezwungen, Leid auf uns zu nehmen. Wir können es selbst regulieren. Das Besorgniserregende besteht also in den Worten, die der Staatssekretär auf die Versicherung folgen lässt, es werde keine Verbote geben: „Im Gegenteil…“. Was soll wiederum das heißen? Dass es keinerlei Einschränkungen geben wird? Dass nicht nur alles erlaubt sein wird, sondern sogar mehr als das Erlaubte, nämlich auch das, was zuvor – bevor das Leid kam – nie und nimmer erlaubt worden wäre, weil man vorher eben noch nicht in diesem Ausmaß gelitten hatte?

Wenn der Staatssekretär das sagen wollte, würde das bedeuten, dass wir nicht nur in die uns bekannte Normalität „der Welt zuvor“ zurückkehren, sondern dass wir diese Welt in Hochpotenz, das heißt: in einer Version totaler Übersteigerung haben wollen. Es gab vorher wenig Verbote. Jetzt werden auch noch die letzten Schranken fallen, jetzt lassen wir mehr noch denn je die totale Sau raus: die Feriensau.

„Im Gegenteil…“. Genau. Man will das genaue Gegenteil. Erst waren Leid und durch sie bedingte Verbote. Jetzt will man Freude und totale Schrankenlosigkeit. Und man glaubt, man habe ein Anrecht darauf erworben. Das ist das, was gegenüber Shakespeare neu ist: Shakespeare beobachtet die Auseinandersetzung mit dem Schlimmen als dem Schlimmen, kritisiert, dass man die Steigerung des Schlimmen nicht zu denken vermag. Wir sind weit schlimmer als seine Figuren. Wir sind nicht nur unfähig, das mögliche Schlimmerwerden des Schlimmen zu denken, sondern wir erkennen noch nicht einmal das schon existierende Schlimme an. Ja, wir gehen sogar noch drüber hinaus: Aus dem Schlimmen leiten wir das Recht ab, so zu handeln, dass das Schlimmerwerden zu einer Gewissheit werden müsste, wenn man denn überhaupt wahrgenommen hätte, woher das Schlimme überhaupt kommt. Nämlich: Die Quelle des Schlimmen ist, dass uns der Atem nicht mehr stockt, wenn wir ihm begegnen. Dass wir „durchatmen“, „auftanken“ wollen wie eh und je. Dass der Zusammenhang von „Auftanken“ und Luftabschnüren nicht deutlich geworden ist, obwohl dieser kausale Nexus jetzt schon länger als ein Jahr dauert und die letzten Sommerferien eigentlich genau bewiesen haben, was wir gerade vorbereiten. Nicht „was sich vorbereitet“, nein: „Was wir vorbereiten.“ Wir – das agierende Subjekt. Wir – das sich selbst leidend machende Überdrüssige.

Vacances d’été : “Les Français pourront voyager à l‘étranger”, assure le secrétaire d’Etat au Tourisme Jean-Baptiste Lemoyne (msn.com)

Anne Peiter

Corona 248: Riechen und Nichtriechen

Normal riechen

Patient:innen, denen der Geruchssinn abhanden gekommen ist, stellen sich, wie zu lesen ist, mitunter zehnmal täglich unter die Dusche, weil sie nicht sicher sind, ob sie wirklich gut riechen. Es tut mir leid, aber ich würde behaupten, dass sich das Exzessive des Duschens auch aus einem Exzess von Sauberkeit schon vor der Covid-Erkrankung ableiten lässt und nicht nur aus der Erkrankung selbst. Die vor-pandemische Normalität war mit dem, was sie für einen „normalen“ Geruch hielt, vielleicht auch schon nicht so normal gewesen, wie sie glaubte.

Die Gefährdung der Zivilisation

Geruchsforscher:innen halten es für ein großes Problem, dass Covid-Patient:innen nach überstandener Krankheit oft lange Monate keinen Geruchssinn mehr haben und daher auf der Straße in einen Haufen Hundescheiße treten können, ohne es zu merken.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Es stimmt. Die Scheißhaufen, in die man tritt, ohne es zu merken, sind sicher das dringlichste zivilisatorische Problem, mit dem wir zur Zeit konfrontiert sind. Es gibt kein Problem, das über diesem stünde.

Die Madeleine

Es kommt, wie abzusehen war: Sobald französiche Forscher:innen zum Thema „Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns“ befragt werden, müssen sie ihre Belesenheit zeigen, und bedauern die Kranken, weil diese, so ihr Argument, nicht mehr, wie noch der selige Proust, auf die mémoire involontaire zählen können, die sich in ganz Frankreich immer dann zu melden pflege, wenn man auch nur ein winziges Stückchen einer Madeleine abbeiße.

Ich bin wirklich sehr für die Förderung des nationalen Erinnerungsvermögens, halte dieses in Pandemiezeiten sogar für absolut überlebenswichtig, doch vielleicht könnte man die Erinnerung ja inhaltlich mehr auf rezentere Themen polen und nicht bloß auf diesen verfestigten Bildungsschrott? Denn Schrott wird alles, was sich mit zu großer, ja geradezu unwillkürlicher Automatik einstellt.

Es riecht, wie es riecht

Eine Reihe von Psycholog:innen, Anthropolog:innen und Duftforscher:innen erklärt, warum der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinnes einer erheblichen Einschränkung gleichkommt und Quelle von Depressionen werden kann. Es ist alles sehr einleuchtend, doch ich frage mich, warum Le Figaro diesen Artikel eigentlich in der Rubrik „Madame Figaro“ veröffentlichen musste. Leiden denn die Männer, die von diesen Symptomen befallen sind, nicht unter ihnen? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass „Madame Figaro“ doch sehr eigene, sehr altbackene, sehr diskussionswürdige Ideen von dem Verhältnis zwischen Geruchsinn und Genderfragen hat. Ich riech’s förmlich, denn mir stinken diese Klischees schon seit langem.

Eine Welt voller Phantome

Diejenigen, deren Nasen nicht mehr funktionieren, scheinen mitunter Phantomgerüche zu riechen, ähnlich wie man bei einer Fatamorgana etwas sieht, das es nicht gibt, oder bei einem Bein, das man nicht mehr hat und das doch zu schmerzen beginnt.

Ehrlich gesagt, würde mich brennend interessieren, einen Geruch zu riechen, den es nicht gibt, denn ich stelle mir gern auch Welten vor, die es nicht gibt, weil es sie nicht gibt, oder entwickle Hoffnungen, die es nicht gibt, weil man sie nicht hat, oder sehe Lösungsmöglichkeiten, die es nicht gibt, weil es zu anstrengend wäre, sie herbeizuführen, kurz: ich kann nicht ganz glauben, dass diese Phantomgerüche ausschließlich krankhaft und gespenstisch sein sollen.

Anne Peiter

https://madame.lefigaro.fr/bien-etre/limpact-psychologique-de-la-perte-du-gout-et-dodorat-091120-183342

Corona 247: Ergo …

Eine Zeitlang war ich ja auch für die Aufhebung der Impriorisierung, so à la Söder und Müller, aber zwei Radiosendungen haben mich davon abgebracht, und zwar sehr gründlich, wirklich sehr gründlich:

In der ersten geht es um die Zustände in den Berliner Hausarztpraxen nach der Aufhebung der Prioritätsreihenfolge für den Impfstoff von AstraZeneca. Es scheint ein Run auf sie eingesetzt zu haben; die email-Postfächer sind mit mehreren hundert Mails am Tag voll, ständig klingelt das Telefon und es gibt nur ein einziges Thema: die Impfung. Diejenigen, die anrufen und mailen, sind nicht in der Patient:innenkartei; und vermutlich ist die geplagte Praxis auch nicht die einzige, bei der sie sich melden. Der angestaute Frust der Jüngeren, die sich von vielem, was ihr Leben ausgemacht hatte, ausgeschlossen fühlen, bricht durch; die ordentliche, deutsche Schlange vor den Impfzentren bricht auseinander; jetzt zählt die Kraft der Ellenbogen und es gilt das Recht der Stärkeren und Geschickteren. Diejenigen, die genügend Sammelmails verfassen, und über ausreichend Zeit und Kraft verfügen, sich stundenlang, wieder und wieder, ans Telefon zu hängen, haben die besten Chancen, sich durchzusetzen; und vielleicht sind es auch diejenigen, die am energischsten darauf pochen werden, ihre Rechte wieder wahrzunehmen — von den älteren Menschen, die bislang geimpft wurde, stand das ja nicht zu erwarten, es war ein praktischer Nebeneffekt ihrer Priorisierung.

Die zweite Sendung war ein Interview mit dem Theologen und ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. Seine Forderung war, dass nun die Schülerinnen und Schüler, bei denen es möglich ist, alle Lehrer:innen und die Eltern schulpflichtiger Kinder zu impfen seien. [1] Seit einem Jahr hören wir die Leier, dass die Bildung unserer Kinder ja so wichtig sei; dass die bestehenden Ungleichheiten sich durchs Home Schooling verschärft hätten, dass ganze Schülerkohorten, wenn sie nicht schon verloren sind, verlorenzugehen drohen. Jetzt sei es an der Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen und diejenigen zu unterstützen, die „unsere Zukunft“ seien und mit am härtesten von den Pandemie betroffen seien.

Auch wenn die Phrase von der Zukunft, die unsere Kinder seien, bei mir mittlerweile Beißreflexe auslöst, weil wir, die Abgehörigen einer Elterngeneration, seit dreißig Jahren nichts anderes tun, als diese Zukunft und damit unsere Kinder systematisch zu missbrauchen: Er hat Recht, und man darf diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, die systemisch gewordene Doppelmoral in Bezug auf „unsere“ Zukunft wenigstens dies eine Mal in Moral zurückzuverwandeln.

Und ich möchte noch ein Argument nachschieben, das seine Forderung unterstützt. Es hat ja verschiedene Sprachregelungen gegeben, was die Coronatoten anbelangt. Es hieß dann, jemand sei „an“, „mit“, „durch“ oder „im Zusammenhang mit“ Corona gestorben — letzteres dann, wenn es eine Vorerkrankung gab, die bereits bedrohlich war und die Coronainfektion dazu führte, dass die Vorerkrankten schließlich verstarben.

Parallel dazu halte ich es für legitim, von Erkrankungen zu sprechen, die „im Zusammenhang mit“ Corona aufgetreten seien, die also ohne Corona nicht oder nicht in dieser Form aufgetreten seien. Die psychischen Erkrankungen von Schülerinnen und Schülern, der Burnout von Eltern und Lehrer:innen, aber auch der Verlust einer jeglichen Beziehung zur Schule, Lebensläufe, die nurmehr im Horizont dieser verlorengegangenen Beziehung stattfinden können — all das sind Pathologien der Pandemie, die sich ein Stück weit nicht vermeiden lassen, gegen die aber nun vorgegangen werden müsste.

Die Impfreihenfolge, so wie sie jetzt vorgesehen ist, ist auch eine Reihenfolge der Wissenschaften, die bei einer Pandemie zuständig sind. Dies ist zuerst die V i r o l o g i e ; sie kümmert sich, vereinfacht gesagt, um das, was ein Virus in einem Körper anrichtet, wie es funktioniert, welche Immunantworten er gibt, warum manche Menschen anfälliger dafür sind, schwer zu erkranken und zu versterben etc.. Die gesamte Kategorie 1 war davon bestimmt; und nachdem klar geworden war, dass neben bestimmten Vorerkrankungen es vor allem das Alter es ist, das das Risiko erhöht, schwer an Corona zu erkranken, hat man die Alten als die verwundbarste Gruppe an die erste Stelle der zu Impfenden gesetzt.

Es folgt dann die E p i d e m i o l o g i e , die Wissenschaft von der Verbreitung des Virus in einer Gesellschaft. Im Fokus der Epidemiologen steht nicht die Vulnerabilität der Einzelnen, sondern ihr Beitrag zum Infektionsgeschehen. Die Epidemiologie befasst sich mit dem sozialen Aspekt einer Krankheit, also mit den Fragen: Wer steckt wen unter welchen Bedingungen an? Aus einer strikt epidemiologischen Sicht wären zum Beispiel nicht die sehr alten Menschen zuerst zu impfen, sondern — beispielsweise — die Pfleger:innen als diejenigen, die die Krankheit ins Pflegeheim tragen und die Patient:innen infizieren können. Oder überhaupt Menschen mit berufsbedingt vielen Sozialkontakten, wie zum Beispiel die Kassierer:innen in den Supermärkten oder den Drogerien. Oder Ärzte, die häufig Kontakt zu Coronapatient:innen haben, sich anstecken und die Krankheit damit weitergeben können.

Teilweise, aber eben nur teilweise, ist die epidemiologische Prioritätensetzung in die zweite Impfkategorie eingewandert — dadurch, dass nun Angehörige von Medizinberufen an die Reihe kamen. Andere, wie zum Beispiel das nichtmedizinische Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, war nicht berücksichtigt; das Reinigungspersonal konnte warten. Auch die Mitarbeiter:innen in Supermärkten und den „systemrelevanten“ Bereichen, die für’s Überleben notwendig sind, wurden als weniger gefährdete Personen heruntergestuft; die epidemiologische Perspektive, dass sie, obgleich selbst vielleicht weniger gefährdet, andere, sehr gefährdete Personen anzustecken in der Lage sind, fand — anders als in vielen anderen Ländern — bei uns keine Berücksichtigung.

Es scheint mir nun wichtige, zwei weitere Perspektiven, und mit ihnen einen nichtmedizinischen Wissenschaftskomplex hinzuzufügen. Es sind P s y c h o l o g i e und S o z i o l o g i e . Sie verhalten sich zueinander eben so wie die Virologie und die Epidemiologie – so wie umgekehrt die Epidemiologie ja eine Art medizinische Soziologie ist. In der Psychologie rückt das durch das Virus verursachte Leiden der Einzelnen, in der Soziologie rückt das Corona-Leiden der Gesellschaft in den Blick. Und auch hier könnte man so vorgehen, dass zunächst das Leiden der Einzelnen beim Impfen berücksichtigt wird; also: Es sind die psychischen Erkrankungen Einzelner, und zwar der „Vulnerabelsten“, denen durch eine Impfung insofern Erleichterung geschaffen werden kann, als sie aus ihrer Isolation herauskommen können und sich wieder, so es überhaupt möglich ist, ‚normal‘ fühlen dürfen. Sie können nicht mehr angesteckt werden, also zumindest nicht mehr schwer erkranken; und sie können nach Lage der Dinge die anderen nicht mehr anstecken. Es geht hier erst einmal nicht um ‚Impfprivilegien‘, sondern schlicht um die Möglichkeit, die sozialen Kontakte, auf die wir angewiesen sind und von denen wir in gewisser Weise leben, nicht als vergiftet und gefährlich zu empfinden.

Danach dann müsste man versuchen, die sozialen Pathologien zu beheben, die mittlerweile entstanden sind. An erster Stelle steht dabei, dass unsere Gesellschaft kein sozialer Zusammenhang mehr ist; dass es kaum noch Begegnungen gibt, dass wir als Individuen relativ isoliert leben, dass alle Arten des geneinschaftlichen Vergnügens, Feste, das Fußballspiel am Wochenende, das Großfamilientreffen, der Kneipenabend, verschwunden sind. Das, so scheint mir, ist die zentrale soziale Pathologie, unter der wir leiden. Jede Form gesellschaftlicher Organisation setzt die Einzelnen unter einen Kulturalisierungsdruck; sie wird durch Disziplin, Triebverzicht und Triebverschiebung erkauft; Freud hat das in seiner Schrift über „Das Unbehagen in der Kultur“ auf eine Weise beschrieben, Norbert Elias im „Prozess der Zivilisation“ auf eine andere. Um das aushaltbar zu machen, gibt es die Ventile, durch die gelegentlich Dampf abgelassen werden kann: die dionysischen Umzüge der Vorzeit, Rauschzustände überhaupt, Fest und Ferien, der Karneval – all das, was uns in einem gesellschaftlch vorgegebenen Rahmen ermöglicht, die Anforderungen unseres Alltagslebens für eine Weile zu vergessen.

Dieser gesamte Bereich befindet sich im Lockdown. Seit einem Jahr. Und es besteht für mich überhaupt kein Zweifel daran, dass deswegen die gesamte Gesellschaft „im Zusammenhang mit“ Corona erkrankt ist. Und natürlich bedeutet das, dass die Einzelnen sich deswegen auch krank fühlen: weniger lebendig, mürbe, depressiv, hohl und von einer Disziplin angetrieben, die sich von Woche zu Woche weiter totläuft. Der Run auf die Berliner Arztpraxen, von dem ich zu Beginn berichtete, zeigt an: Die Sehnsucht, das wiederzubekommen, sich als gesellschaftliches Wesen wieder lebendig zu fühlen, ist bei vielen so groß, dass die Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs, vor dem sich die älteren Berlinerinnen und Berliner offenbar fürchteten, damit verglichen bedeutungslos erscheinen.

Ich finde das gravierend: Trotzdem sollte man die sozialen Pathologien, was das Impfen angeht, den individuellen Pathologien nachordnen. Und mir scheint, dass die individuellen Pathologien, also „Corona-Erkrankungen“ ohne Corona in der Schule systematisch am weitesten verbreitet sind. Der Prozess des Erwachsenwerdens ist einer der Abstraktion, eine Bewegung, die von rein körperlichen Beziehungen ausgeht und Techniken erlernt, sie, mit einem altmodischen Wort, zu „vergeistigen“, also in Distanz aufrecht zu erhalten – zum Beispiel nicht in Todesangst zu verfallen, wenn Mutter oder Vater fort sind, weil man sich daran erinnert, dass sie in vergleichbaren Situationen wiederkamen. Von der Fähigkeit, Freundschaften über Jahre hinweg aufrecht zu erhalten, obwohl man sich nicht sieht, bis hin zu derjenigen, etwas für real zu halten, das ich in der Zeitung lese oder im Fernsehen sehe -: Vergeistigung ist die Fähigkeit, räumliche Distanz zu überbrücken, damit aber auch meinen Horizont zu erweitern, das Ferne nah zu rücken, mich aber dadurch auch in die Ferne zu versetzen. Ein schmerzhafter, häufig misslingender, jedenfalls individuell extrem unterschiedlich ausfallender Prozess.

Die Schülerinnen und Schüler stehen mitten in diesem Prozess, der mutmaßlich am bestern verarbeitet und erlernt wird, wenn er sich graduell vollzieht. Daher der Rat von Pädagog:innen, die Kinder nicht plötzlich, sondern allmählich, in sachter Steigerung an die Medien heranzuführen. Sie alle überbrücken, „vermitteln“ Distanz, machen etwas präsent (zum Beispiel auf dem Bildschirm), das „nicht da“ ist.

Sie stehen also inmitten dieses Prozesses, wurden aber urplötzlich aus ihm herausgeworfen, mit einer vorher unbekannten Form von Einsamkeit konfrontiert, mit sozialer Verarmung und Verödung und mit einem digitalen Overkill, der nicht bloß wegen der technischen Anforderungen, sondern an sich, als Distanzmedium überhaupt sie überforderte und für die Pathologien mitverantwortlich ist, an denen sie zunehmend leiden. Und wie bei allen Entwicklungsprozessen lassen sich bestimmte Schritte auch nicht zu beliebig anderer Zeit nachholen; was passiert ist, ist passiert, die Milch ist vergossen; bestimmte Erkrankungen lassen sich nicht mehr oder nur noch in sehr langwieriger Weise heilen.

Deswegen, am Ende dieses Arguments, das ein wenig länger geworden ist als ich mir eigentlich vorgenommen hatte, haben sie, also die Schüler:innen jetzt Vorrang vor allen anderen. Die Empfehlung meiner persönlichen, in mir tagenden Ständigen Impfkommission lautet: dass sie jetzt dran sind, dass also das gesamte System (die Schüler:innen ab 16, wie es momentan erlaubt ist, Lehrer:innen, Eltern) jetzt durchzuimpfen ist, um Schlimmeres zu verhüten und ein weiteres Versprechen zu brechen, dass wir unseren Kindern gegeben haben, indem wir sie, verdammt noch mal auf die Welt gebracht haben.

Wolfram Ette

Anmerkung

[1] Der eigentliche Knüller des mit Dabrock geführten Interviews – die Priorisierung des gesamten Bildungsbereichs – erscheint weder in der Anzeige und Zusammenfassung der Deutschlandfunks, noch erfährt man darüber etwas, wenn man die Suchmaschinen anwirft. Als Quintessenz des Radiobeitrages erscheint „Man verwaltet das Nichtstun“, also die Kritik am Impfgipfel, die im Augenblick relativ billig zu haben ist. Nur wenn man nachliest oder nachhört (Link unten), erfährt man, worum es eigentlich ging, worin der eigentliche Zündstoff besteht. Dabrock hat offensichtlich ein Tabu angesprochen.

Postscripta

1. – Ach ja, worüber ich gar nicht gesprochen habe – die Wissenschaft der Ö k o n o m i e . Verflixt. Sollte man sie nicht auch berücksichtigen? Aber ich kriege sie einfach nicht unter …

2. – Ich weiß nicht, ob meine Mutter für irgendetwas repräsentativ ist. Aber ich fände es in diesem Fall gut. Sie ist über 80 und wartet auf einen Impftermin bei ihrer Hausärztin. Als ich ihr von den Radiosendungen erzählte, den Gedanken auch, die sich an sie anschlossen, wischte sie meine langwierige Argumentation vom Tisch: „Ach was, wir Alten haben unser Leben gelebt; ob wir ein halbes Jahr früher oder später sterben, ist egal; jetzt muss alle Kraft, die wir haben, in die Kinder gesteckt werden, bei denen grad alles kaputtgeht.“ Dass Jüngere so über Ältere sprechen, geht nicht; ergreifen sie selbst das Wort in dieser Weise, hat es, wie ich finde, etwas Bezwingendes und eine Würde, der man sich nicht entziehen sollte.

3. – Nächster Schritt: Die Studierenden – auch so ein Bereich, bei dem mir übel wird, wenn ich daran denke. Seit einem Jahr haben die Universitäten durchgehend geschlossen; soweit ich weiß, ging das nicht mal den Bordellen so. Dementsprechend gering dürfte Wertschätzung dieses Bereichs anzusetzen sein; dementsprechend schwach aber auch seine Fähigkeit, sich zu organisieren und für seine Interessen zu kämpfen. Viele frisch Immatrikulierte wissen bis heute nicht, was das ist: Studieren als Lebensform, etwas, das nicht bloß durch den Kopf, sondern durch den Körper geht, der sich in neue soziale Zusammenhänge begibt. Die Verödung eins Bildungsbereichs, der sich irgendwann einmal die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit zum Ziel gesetzt hat, hat ein neues Niveau erreicht. Das, was daran unverschuldet ist, hat das Verschuldete grell und drastisch zu Tage gefördert – ja, Corona ein Brennglas auch hier. Dass selbst Dabrock die Studierenden nicht einmal erwähnt, zeigt an, für wie irrelevant die Hochschulbildung mittlerweie gehalten wird.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=920833
https://www.deutschlandfunk.de/kritik-am-impfgipfel-theologe-man-verwaltet-das-nichtstun.694.de.html?dram:article_id=496334

Corona 246: Die Schülerinnen und die Schüler

Der Ersatz

Das Schulministerium hat versprochen, im Fall, dass Lehrer:innen krank würden, werde Ersatzpersonal zur Verfügung stehen. Man begann auch gleich mit den Ausschreibungen, doch das Ergebnis war, dass sich kein Ersatzpersonal meldete. Es wusste schon, warum.

Meine Tochter berichtet sehr zufrieden: „Ich habe in Sport den Ersatzlehrer einer Ersatzlehrerin eines Ersatzlehrers, das heißt, die Lehrerin, die den Ersatzlehrer ersetzen sollte, habe ich noch nie gesehen, und den Ersatzlehrer selbst auch nicht. Aber immerhin kenne ich den Ersatzlehrer der Ersatzlehrerin.“ Und das ist jetzt als Riesenglücksfall zu betrachten, denn, wie gesagt, meistens besteht der Ersatz für den Ersatz, der nie eintrifft, nur darin, dass man verspricht, man sei dabei, nach ihm zu suchen.

Rentrée : les profs face au même danger (msn.com)

Anne Peiter

Kein Ersatz

Und in Deutschland, wo die Kultur der leeren Versprechungen mittlerweile auch schwindeleerregende Höhen erklommen hat, und man wieder und wieder versichert, der Bildungsbereich habe „oberste Priorität“, in Deutschland also, genauer, in der Schule, die meine Tochter besucht, doch auch in vielen anderen, bei denen ich rumgefragt habe, gibts keinen Ersatz, woher denn auch? Der Unterricht fällt ersatzlos aus, vermutlich aus der Einsicht, dass der Unterschied zwischen dem Digitalunterricht, auf den’s jetzt flächendeckend wieder hinausgelaufen ist, und dem Gar- keinen-Unterricht nicht so bedeutend ist, dass es ich lohnte, dafür einen Ersatz zu beschaffen.

Wolfram Ette

Lilli

Eine Kleinfamilie, bestehend aus drei Frauen: Die Mutter ist alleinerziehend, eine Tochter aus der ersten, eine Tochter aus der zweiten längeren Beziehung. Sie selbst arbeitet in der Tierfutterindustrie; ein riskanter Job im Moment; sie hat panische Angst, sich mit dem Virus zu infizieren. Deswegen schickt sie ihre Kinder seit Monaten nicht mehr in die Schule, und zwar auch dann nicht, als es möglich war. Auch die Kleingruppen von 6-10 Schülerinnen und Schülern sind ihr zu gefährlich. Wahrscheinlich steckt mehr dahinter; etwas Pathologisches, sehr alte ungeklärte Ängste. Ein Gefühl der Risikoabwägung scheint sie nicht zu haben; was sie ereilt, ereilt sie total, mit der Wucht eines Ereignisses, vor dem man sich nur noch verbarrikadieren und in die eigene Wohnung zurückziehen kann.

Nun sind die Kinder an dem Punkt, an dem die Schulangst alles andere überwiegt. Bei der 16-jährigem geht es noch; sie geht auch taktisch damit um, instrumentalisiert die Angst ein Stück weit, um sich einer lästigen Pflicht zu entziehen, und das zu tun, was ihr mehr Spaß macht: Musikhören, Malen, Chillen. Aber die jetzt 8-jährige Lilli gibt Anlass zur Sorge. Das erste Schuljahr in der Grundschule hatte sie mit Bravour bestanden. Nun sitzt sie vor dem Tablet, spielt den ganzen Tag oder guckt Filme; die Vorstellung, sich mit anderen Schülerinnen und Schülern in einem Raum zu befinden, macht ihr nur noch Angst. Wohin es mit der Schule einmal gehen wird, ist ungewiss.

Auf der einen Seite denke ich: Naja, man gewöhnt sich sich alles, selbst irgendwann einmal wieder an die Normalität. Vielleicht geht es Lilli, wenn sie wieder in die Schule gehen kann, nach einer Weile wieder so vorher. Auf der anderen sind frühe Störungen immer tiefgreifend und schwer zu beheben. Und was den Schulstoff angeht, der ihr „früher“, also vor Corona offenbar viel Freude gemacht hat: sie ist da raus, hat vollkommen den Anschluss verloren; jetzt helfen nur noch Flucht und Verdrängung, die Hürde, da wieder einzusteigen, ist nun in jeder Hinsicht zu hoch. Die Mutter erfüllt das mit großer Sorge, aber aus der selbsterzeugten Klausur, aus der nur sie während der sie mit Angst erfüllenden Arbeitszeiten ausbricht, weiß sie auch keinen Ausweg.

Vielleicht ist es bei allem Leid dieser einzelnen, individuellen Personen aber auch bedeutungsvoll; ein Phänomen, das zu verfolgen sich lohnt und zum Nachdenken Anlass gibt. Eine Generation wächst jetzt heran, für die die Schule eine nur untergeordnete Rolle spielen wird. Es hat sie immer gegeben, diese Menschen, und ich habe sie immer gemocht, die Eigensinnigen, Schulschwänzer und Schulabbrecher. Für all das, was in ihrem Leben wichtig wurde, war die Schule bedeutungslos. Aber hier entstehen ganze Kohorten, für die dieser Abschnitt in ihrer Bildungslaufbahn gestrichen wurde – nicht durch ihre eigene Entscheidung, nicht freiwillig; es war eben einfach so während der Pandemie, und es lässt sich auch nicht mehr zurückholen.

Aber mir scheint, es wäre falsch, sich an dieses Verlorene mühsam zu klammern. Das, was ansteht, ist das folgende: Wir müssen unseren Kindern (auch dann, wenn es nicht unsere sind, in einer übergreifenden generationellen Verantwortung) ins Leben helfen, auch ohne Schule; sie müssen sich darin zurechtfinden, ohne viel zu wissen, ohne die basale Orientierung, die die Schule alles in allem vielleicht doch vermittelt. Dafür sind wir jetzt zuständig. Wir können Erziehung nicht mehr an die anderen delegieren, an Institutionen, Vereine, Lehrerinnen und Lehrer, die das für uns zu übernehmen haben; nein wir müssen es selbst tun, und mit dem wenigen, das wir gelernt haben, mit dem bisschen Erfahrung, das wir gesammelt haben, den Kindern ohne Stützräder ins Leben helfen.

Ich habe keine Lust mehr, mich auf andere zu verlassen; auch das hat mich Corona gelehrt. Denn vieles von dem, worauf man sich verließ (und vielleicht auch nur deswegen verließ, um es sich bequem zu machen), gibt es nicht mehr; es ist in einer Weise zusammengebrochen, dass es eine unschuldige Normalität, in der nicht bloß die Verhältnisse sind wie vorher, sondern in der wir die Krise vergessen haben und im Bewusstsein sich wieder der status quo ante eingenistet hat, nicht mehr geben wird.

Wenn es also einen Rat gibt, den ich Lillis Mutter mit ihren Ängsten – und trotz ihrer anstrengenden 40-Stunden-Woche geben würde; trotz der Befürchtung, es handle sich dabei um eine Anmaßung –, so wäre es der Rat, dass es ok, ja vielleicht in einem gewissen Sinne sogar zukunftsweisend ist, wenn man die Schule seiner Kinder streicht; dass aber damit auch eine gewisse Verantwortung einhergeht – eine Bildungsverantwortung, die sich nicht auf den Schulstoff bezieht, sondern auf das ganze Leben, dass man mit ihnen teilt, das man ihnen vor- und in einigen Stücken sogar nachlebt. Now it’s on you würde ich ihr sagen; jetzt, gerade jetzt, kannst du es nicht laufen lassen; Du musst im Rahmen dessen, was unter den gegenwärtigen, eingeschränkten Lebensbedingungen möglich ist, die Schule Deiner Kinder sein, keine Schul-Schule, sondern eine Lebens-Schule, in der Mischung aus Liebe, Konsequenz, Neugier und Zuverlässigkeit, auf die jetzt alles ankommt und die vielleicht das einzige ist, das wir Kindern wie Lilli in den Rucksack packen können, mit dem sie irgendwann ohne uns lostiefeln müssen – mit nichts anderem als mit dem, was sie haben.

Wolfram Ette

Yannis

Und dann ist da dieser andere Junge, klug — „smart“, wie sie wiederholt betont —, aber aus Verhältnissen, die es ihm jetzt unmöglich machen, in der Schule mitzukommen. Er ist überdies schüchtern, introvertiert, nimmt sich nicht, worauf er einen Anspruch hat. Aus „einfachen Verhältnissen“; sie vermutet, dass seine Eltern ein Alkoholproblem haben; und überall in der Wohnung stünden leere Großpackungen mit Stopftabak herum. Andererseits, so macht es jedenfalls gerade die Runde in der kleinen Stadt, habe der Vater gerade seine Trans-Identität entdeckt; er sei eigentlich eine Frau, sagt er und möchte auch nur noch mit dem Namen Marion angesprochen werden. Das ist für alle verwirrend. Yannis wird es, so beschließt sie ihre Erzählung, auf dem Gymnasium nicht schaffen, er wird abgehen. Aber für das, was es an den Mittelschulen gibt, ist er auch nicht gemacht; zu zart, zu fein, am Theaterspielen interessiert, ein wenig sogar noch am Cello. Er gerät zwischen die Räder zweier Schulsysteme, die beide nicht auf ihn passen.

Wolfram Ette

Johann

Eigentlich trägt er, wenn er rausgeht, jetzt immer die Maske. Im Winter galt noch die Ausrede, dass sie das Gesicht wärmt. Aber jetzt, im Frühling, der spät kommt, aber nun doch unaufhaltsam zu sein scheint, setzt er es fort. Er fühle sich mittlerweile nackt ohne sie, habe keine Lust, den anderen sein Gesicht zu zeigen und er habe auch keine Lust, viel mehr als die Augen der Menschen zu sehen. Gefragt, ob die Schönheit (oder meinetwegen auch die Hässlichkeit) der Passanten, der Frauen, zufälliger Begegnungen hier und dort, nicht etwas sei, das den Alltag aufwerte oder ihn zumindest belebe, zuckt er mit den Schultern. Sexuell ist er spät dran und eher verschlossen; ich weiß nicht, was er sucht. Die Maske schützt jedenfalls vor allem allzu Expliziten; und ich beginne ein wenig Toleranz für die Kulturen, in denen nicht nur die Frauen, sondern generell mehr verhüllt wird als bei uns, zu ahnen. Es ist vielleicht keine Katastrophe, von der er da berichtet, keine Traumatisierung, kein Rückfall und keine Beschädigung. Vielleicht ist es einfach nur eine Veränderung, die für den Moment etwas traurig macht.

Wolfram Ette

Perfekte Transparenz

Es wurde mal für die Beschulung der Allerjüngsten (in Frankreich beginnt die Schulpflicht mit spätens drei Jahren, mitunter gehen aber auch schon zweieinhalbjährige Kinder zur Schule, damit der Ernst des Lebens nicht zu spät einsetze) die Bereitstellung transparenter Masken versprochen, damit die zu Beschulenden in den Gesichtern und auf den Lippen ihrer Lehrer:innen lesen können. Diese Masken sind aber unsichtbar geblieben, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass die vom Schulministerium gelieferte Transparenz einfach zu perfekt ist, um überhaupt wahrgenommen werden zu können. Das hat diese Art von Maske mit allen Versprechungen gemein, die vom Ministerium schon geliefert worden sind.

Rentrée : les profs face au même danger (msn.com)

Anne Peiter

Concordia discordiae

Weil ja, obwohl drei Wochen Zeit war, um den Cyberattacken, die aus dem Ausland die Internetseiten für das home-schooling durcheinandergebracht haben sollten, auf die Spur zu kommen, oder, wenn es von diesen Attacken keine Spur gab, zumindest die technischen Probleme zu beheben, auf die spürbar alles zurückzuführen war, nichts geschehen ist, beginnt das home-schooling in Frankreich jetzt wieder mit all den Problemen, die man schon tausend mal beklagt und zu beheben versprochen hat.

Doch dieses Mal gibt es eine kleine, neue Wendung, die sich an die in den Schulen tätige Beamtenschaft richtet. Aus lauter Verzweiflung darüber, schon wieder Märchen über Attacken aus dem Ausland lesen zu müssen, statt mit den eigenen Klassen vernünftig Unterricht zu machen, haben viele Lehrerinnen und Lehrer begonnen, private Online-Dienste zwecks home-schooling zu benutzen, unter ihnen ein Dienst mit dem sehr verheißungsvollen Namen „Discord“.

Der Schulminister ist jetzt aber sehr streng eingeschritten und hat die Lehrer:innen daran erinnert, sie seien verpflichtet, die vom Schulministerium bereitgestellten Internetseiten zu nutzen und nicht diese Seiten von Privatfirmen, denn diese böten überhaupt keine Sicherheit und Verlass sei allein auf das, was das Ministerium in dem Moment bereit stelle, in dem dann irgendwann alles bereit sein wird.

Es kann schon sein, dass man bereit sein wird, wenn das home-schooling schon nicht mehr nötig ist, denn vorgesehen ist ja nur diese eine einzige, als Übergang hin zum normalen Unterricht gedachte Woche. Aber dafür kann der Minister wirklich nichts. Im Gegenteil besteht sein Verdienst darin, die Zeit des reinen home-schoolings so kurz wie nur irgend möglich gemacht zu haben, man sollte ihm also dankbar dafür sein, dass ein funktionierendes home-schooling, sobald es existieren wird, gar nicht mehr ausprobiert werden kann, denn das ist ja in pädagogischer Hinsicht ohnehin das Allerbeste.

C’est la rentrée, et l’école à distance est encore victime de pannes (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

Ja, man kann die Lehrer verstehen. Aber Discord ist ein Gamer-Tool; ein Freund schrieb mir dazu, mehrere Internetquellen zusammenfassend: „Aus datenschutzrechtlicher Sicht ist aber vor allem die unreflektierte Nutzung von Discord bedenklich. Dies liegt daran, dass die ‚Datenschutzbestimmungen‘ von Discord in keiner Weise den hiesigen Datenschutzanforderungen – insbesondere der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – entsprechen. Das Unternehmen und seine Server befinden sich in den USA, bei der Nutzung wird also eingewilligt, dass die eigenen Daten dort verarbeitet und weitergegeben werden. Die Nachrichten, die über Discord verschickt werden, sind außerdem nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt, was mittlerweile selbst bei den meisten gängigen Messengerdiensten (z.B. WhatsApp) gewährleistet ist. Das bedeutet, dass Nachrichten dem Unternehmen offenliegen und nicht zusätzlich vor Angriffen von außen geschützt sind. Welche Daten gesammelt, verarbeitet und weitergegeben werden, hat Discord recht übersichtlich und in verständlicher Sprache zusammengefasst: https://discordapp.com/privacy
(= alle personenbezogenen Daten bzw. jeder Inhalt in jeder Form wird gesammelt). Besonders betont werden muss, dass sich Discord durch die Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen ausdrücklich das Recht einräumt, die Informationen aus Direktnachrichten oder versandten Bildern und Sprachchats mitzuverfolgen und abzuspeichern.“ Nun gut, das Ministerium muss ja auch einmal recht haben. Oder anders; Recht und Unrecht sind wie immer wirr verteilt. Die Initiative der Lehrerinnen und Lehrer ist ja überaus begrüßenswert; aber die nachtwandlerische Sicherheit, mit der man sich unter den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (und es sind wirklich nicht wenige) die allerschlechteste ausgesucht hat, ist faszinierend.

Wolfram Ette

Sie ist jetzt gegen Schulschließungen

Manchmal liege sie stundenlang auf dem Boden, ohne irgendetwas zu tun. Selbst zum Weinen fühle sie sich zu schwach. Der Horizont habe sich auf die vier Wände ihres Zimmers verengt. Als die Schule wieder losgegangen sei, habe sie sich mehr gefreut als sich es sich jemals hätte vorstellen können. Sogar Lehrer:innen, die sie gehasst hätte, seien ihr nun als rettende Engel erschienen; Stoff, für den sie sich nie interessiert hätte, war fesselnd. All dies durch das nicht gerade üppige Bad in der Menge von sechs maskierten Mitschülern und Mitschülerinnen -: so groß war die Teilgruppe, in der der Präsenzunterricht stattfand. Sie glaube nicht, dass von ihrer Schule eine Gefahr ausgeht; in den letzten Monaten hat es nur vereinzelt Fälle gegeben. Deswegen ist sie gegen die Schulschließungen ab nächster Woche – intellektuell vielleicht noch ein bisschen dafür, ansonsten aber todtraurig. Und sie hat Angst vor der Depression, die sie wieder auf sich zukommen spürt. Um keine Querdenkerin zu werden, hat sie beschlossen, nicht mehr nachzudenken, nichts zu hinterfragen, alles hinzunehmen, wie es ist. Also eigentlich: sich wieder auf den Boden zu legen, ohne irgendetwas zu tun.

Wolfram Ette

Corona 245: Philologica

Trauriger Rekord

Das ist jetzt die Standardformel, die immer gut passt, wenn man über ein Land berichten will, das sich gerade in grösster Not befindet. Angewendet auf die Zahlen der Toten, sagen wir mal: in Indien, wird niemand, der vom „traurigen Rekord“ liest, dem Schreibenden seine Zustimmung versagen.

Ich versage sie aber doch, denn erstens könnte man endlich mal versuchen, sich Situationen vorzustellen, ohne zugleich der unterschwelligen Bewunderung für den „Rekord“ verhaftet zu bleiben, der bis in die feinsten Äderchen unseres gesellschaftlichen Lebens gedrungen ist. Und zweitens bietet die Sprache ziemlich viele Möglichkeiten, Dinge zu sagen. Formeln wie diese hier sind zu vermeiden, weil sich mit ihrer Verfestigung auch die Vorstellungen verfestigen, zu deren Herstellung sie angetreten zu sein behaupten.

L’Inde victime de la plus forte vague épidémique de Covid-19 (msn.com)

Auf Sand gebaut

Le Monde berichtet über die Schweiz, die dortige Situation „semble plutôt sable“. Gemeint war: Die Situation „semble plutôt stable“ („… scheint verhältnismässig stabil zu sein“). Der kleine Tippfehler, der aus „stable“ (= „stabil“) den „sable“ (= „Sand“) macht, geht mir unter die Haut, denn im gleichen Atemzug wird gesagt, man habe gestern in der Schweiz den ersten Fall eines durch die „indische“ Variante infizierten Patienten entdeckt.

Die Stabilität: auf Sand gebaut. Der Setzer der Zeitung wusste es, als er vergaß, das „t“ einzusetzen.

Au Royaume-Uni et en Suisse, des milliers de manifestants contre les restrictions anti-Covid (lemonde.fr)

Gegen die geographischen Adjektive

Ein Artikel über die Ansteckungswelle, die Indien ergriffen hat, endet mit der Frage, ob die neue Variante wohl in anderen Ländern als nur in Indien um sich greifen werde? Es kommt die schiere Möglichkeit, anzunehmen, es könne so sein, einer Aufhebung all dessen gleich, was vorher an furchtbaren Szenen beschrieben worden war: All die Kranken, die, ohne ein richtiges Bett zu haben, in den Fluren der Krankenhäuser von Delhi verröcheln, sind mit einem Schlage verschwunden. Wie kann man nur glauben, eine „indische“ Variante könne auf das Land beschränkt bleiben, das seinen Namen hergegeben hat? Nur weil sein Name eine bestimmte, geographische Verortung impliziert?

Eigentlich sprechen wir alle wie Trump, der ja auch mit Vorliebe den „China-Virus“ beschwor, weil er dadurch eine geographische Auslagerung der Gefahr und eine Schuldzuweisung zugleich kommunizieren konnte. Damals fand man das, wenn man als „politisch korrekt“ gelten wollte, haarsträubend. Inzwischen haben die Virus-Varianten Sprach-Varianten hervorgebracht, die eigentlich gar keine Varianten sind, sondern unhinterfragt das übernehmen, „was man eben so sagt“: ein weiteres trump l’oeil. Und dann kommt es eben zu solch absurden Ideen wie der genannten, die besagt, es sei nicht ausgeschlossen, dass die indische Variante eine indische bleiben werde. Natürlich ist das ausgeschlossen. Natürlich ist diese Hoffnung falsch.

Nur: Wie sagt man’s richtig, wenn alle von der „indischen“, „britischen“, „südafrikanischen“ oder „brasilianischen“ Variante sprechen und man also das Risiko eingeht, gar nicht verstanden zu werden, wenn man’s anders sagt? Ich vermute, dass man längere Nebensätze ins Denken einschieben muss und dass dies für die Antizipation der Anti-Corona-Politik des eigenen Landes ziemlich entscheidend ist, denn wenn man weiterhin eine Sprache zulässt, in der „Indisches“ indisch ist, folgt die Sache der Sprache gleich nach und breitet sich das „Indische“ in dem Masse aus, in dem sich das geographische Stereotyp zu einem abergläubisch-optimistischen Abwehrzauber verfestigt.

L’Inde victime de la plus forte vague épidémique de Covid-19 (msn.com)

Anne Peiter

Corona 244: Nachträge zu „53 x Ironie“

I

Es gibt noch eine weitere Konvergenz zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern und der rechten Szene. Das Ironische, bloß Andeutende, uns die Deutungsarbeit Überlassende – es sind Mittel und Methoden der rechten Influencer und vieler, die uns verschwörungsreligiös motivieren wollen. Da wird so gut wie nie eine fix und fertige Lehre hingestellt. Vielmehr werden Hinweise gegeben und so sprechend aufgestellt, dass sich jeder vernünftige Mensch, jede/r mit etwas Verstand im Kopf schon ihren oder seinen Reim drauf machen kann. – Ich will damit nicht sagen, all diese 53 Schauspieler und Schauspielerinnen seien rechts. Das erscheint mir wenig wahrscheinlich; es würde mich auch nach nur einem Jahr Spielverbot überraschen. Dass sie aber rechte Techniken der Meinungsbildung übernommen haben, ist evident; und Grund genug zur Sorge gibt das allemal.

II

Ulrich Tukur … die erste wirklich große Rolle, in der ich ihn erlebt habe, war die des strahlend intelligenten, jazzbegeisterten SS-Mannes in Joshua Sobouls Stück ‚Ghetto‘. Er war großartig. Da musste ich jetzt dran denken, als er virtuos und mit Shakesspearschem Pathos das Ende der Menschheit beschwor, durch das man dem Virus ganz sicher ein Ende bereiten würde – zumindest soweit es uns betrifft. Die Lust an Zerstörung und Selbstzerstörung, diese Bejahung des Lebensverneinenden und das faule Pathos des Untergangs – sie kennzeichnen, von hier aus gesehen, alle Beiträge. Derjenige Tukurs konzentriert sie und treibt sie als den üblen Bodensatz der Ironie nach oben, der auch dann zurückbleibt, wenn man die die uneingentliche Rede der Schauspielerinnen und Schauspieler in das zurückzuverwandeln versucht, was sie denn „eigentlich“ sagen wollten. Und weil ich nicht bloß andeuten will, was ich zu sagen habe, möchte ich sagen: Ja, ich identifiziere diese Haltung als irgendwie „rechts“. Nicht in Form irgendeiner politisch konturierten Verbindung, sondern eher als Unterstrom, der die rechten Bewegungen heute wie damals trägt.

III

Gefragt, warum Till Schweiger ihrer Meinung nach nicht dabei ist (immerhin ist er Tatort-Kommissar, und die Rate ist hoch), sagte meine Tochter: Da ist die Sache mit der Ironie. Konnte man ihm wahrscheinlich nicht klarmachen.

IV

Ich bin nicht sicher, ob von diesem „realen Leid“ tatsächlich hätte gesprochen werden können, ohne einen massiven Shitstorm zu produzieren. Dagegen standen und stehen eben die Privilegien der Video-Teilnehmer:innen (die ja größtenteils weiterhin drehen) und die Tatsache, dass in diesem Land in solchen Fällen materielles Leid emotionales „sticht“. Die Beteiligten hätten, schlicht gesagt, öffentlich massiv verbal auf die Fresse bekommen, mit Verweis auf die „wirklich armen“ Schauspieler:innen, die den Beruf jetzt aufgeben und Regale einräumen müssen, sowie auf das „wirkliche Leid“ derer, die an den Beatmungsmaschinen um ihr Leben kämpfen.
So bleibt dieses Leid, das sie ja trotz ihrer Privilegien empfinden, ungezeigt und ungesehen, wie emotionale Verwerfungen im Zusammenhang mit Corona (und zwar, wenn ich das richtig beobachte, öffentlich wie privat) fast gar nicht thematisiert werden, mit wenigen Ausnahmen wie der Trauer der Angehörigen Verstorbener, insbesondere wenn diese sie vor dem Sterben nicht noch einmal sehen konnten.
Ohnehin scheint mir die Trauer über das „Nicht Treffen“ viel präsenter als die vielfältig ambivalenten Emotionen, die derzeit mit dem Kontakt verbunden sind. Hier fehlen so viele Details, so viel Feinarbeit. Wie geht’s der Erzieherin, die bei jedem weinenden Kind ihrer Gruppe, das sie auf den Schoß nimmt, fürchten muss, sich anzustecken? Und wie fühlt es sich an, so in den Arm genommen zu werden und in den Arm zu nehmen? Was macht es mit den Eltern feiernder Teenager, wenn die durchaus davon ausgehen können müssten, dass die eigenen Kinder ihnen die Seuche ins Haus schleppen – und ihnen gleichzeitig das Feiern weder verbieten wollen noch können? Was ist mit dem Neid, dem Misstrauen, dem Ärger über die Freundin, die bereits geimpft ist, obwohl sie einem vor wenigen Monaten noch erzählt hat, dass sie im Job keine Maske trägt, weil sie mit den Patient:innen keinen Kontakt hat und nur im Hintergrund für die Abrechnung zuständig ist, die aber genau mit dem Argument, sie arbeite mit besonders verletzlichen Patient:innen, vor sechs Wochen bei der Impfung priorisiert wurde, jetzt „durchgeimpft“ ist – und damit jetzt erst einmal in den Urlaub fliegt? Wohin damit? Und ist diese Nörgelstimmung vielleicht auch der Versuch, genau diese Geschichten nicht zu erzählen, weil wir auch da hoffen, dass es in nicht allzu langer Zeit ein „Danach“ geben wird, in dem diese Verwerfungen einfach keine Rolle mehr spielen werden?

I-III: Wolfram Ette
IV: Karin Nungeßer

Corona 243: 53 x Ironie

I

Als ich diese Videos zum ersten Mal sah, bin ich in die Knie gegangen. So viel Intelligenz, Charme, Professionalität im Dienst der falschen Sache? So viel kluges Kalkül? Es ist nicht besonders schwer, sich über Aluhüte und Esoteriker:innen lustig zu machen; sie sind ja bisweilen nicht die Hellsten und viele Videos, die von ihnen im Umfeld der letzten Monate zu sehen waren, waren zwar besorgniserregend, aber doch auch lächerlich. Hier ist das anders. Es sind gute, kühle, professionell gemachte Videos von guten, kühlen, professionellen Menschen, die wissen, wie man vor einer Kamera agiert, wie man wirkt und überredet, wie man sich fern von den Zuschauern und vor einer Apparatur sitzend in ihre Nähe bringen und in sie einfühlen kann.

Und auch das Spektrum ist beeindruckend. Die Kreativität, der Einfallsreichtum dieser Regierungskritik ist beachtlich; sie ist witzig und hebt sich von der direkten Kritik aus dem rechten Lager, die ihre Monotonie durch Variationen emotionaler Erregung zwischen individueller Betroffenheit und patriotischer Idiotie zu kompensieren versucht, auf das Wohltuenste ab. Ich mag das, finde es faszinierend. Und trotzdem ist es mir unheimlich, was für eine Fronde sich da aufgebaut hat, mit welcher Verve und Intelligenz sie für eine Sache eintritt, die ich für falsch halte.

II

Aber tut sie das denn überhaupt? Setzt sich ein einziges dieser Videos für irgendetwas ein? Ist irgendeine Position zu erkennen, zu der die Beiträgerinnen und Beiträger auffordern, der man sich anschließen soll oder kann? Schließen sie sich selber irgendeiner Position an? Nein, das alles ist nicht der Fall und es gehört zur Raffinesse der Kampagne, das sie sich inhaltlich nicht festnageln lässt. Denn sie ist ironisch, alles an ihr geht auf die Allmacht der Ironie zurück; und auch hier muss man voller Bewunderung erst einmal festhalten, mit welcher Konsequenz, Originalität und Vielseitigkeit das Prinzip durchgehalten wird.

Die Ironie, so hat Kierkegaard in seiner Magisterarbeit über Sokrates festgestellt, ist die vollendete Negativität; sie ist das nur-Negative, die Negativität an sich, die sich in Sokrates zu einem universellen pädagogisch-philosophischen Prinzip verdichtet und verkörpert hat. Der Ironiker stellt keine Thesen oder Gegenthesen auf; er macht nichts anderes, als der gegnerischen Meinung zuzustimmen -: aber ihr so zuzustimmen, dass sie brüchig wird und in sich zerfällt. Der Ironiker lebt und diskursiviert den berühmten Satz von Melvilles Bartleby: „I would prefer no to“, aber so, dass er den Satz „I would prefer to“ auf eine bestimmte Weise formuliert und ausspricht, so nämlich, dass jeder merkt: So ist es nicht gemeint. Wie es aber anders gemeint ist, will der Ironiker nicht preisgeben.

Alle diese Videos enden mit der mehr oder weniger beschwörenden Aufforderung, die Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung zu unterstützen. Und alle bereiten sie in einer Weise vor, die es unmöglich macht, die Schutzmaßnahmen der Regierung noch weiter zu unterstützen. Ob es die Bitte ist, uns wieder mehr Angst zu machen, da sie sich langsam durch die Gewöhnung an die Pandemie verflüchtige; ob es die Familie ist, die sich und die gemeinsame Wohnung rigide aufteilt, damit die Infektionsgemeinschaft nicht zu groß ist; ob es die besorgte Bitte um einen neuen Grund für einen Lockdown ist, wenn der aktuelle sich erledigt habe, weil man ja anders nicht mehr leben könne; ob es die Aufforderung ist, alles, aber wirklich auch alles zu schließen, weil man des Virus allein durch den kollektiven Suizid der Menschengattung Herr werde, und dann erst auf Erden wieder „Ruhe und Gerechtigkeit“ herrschen werden; ob es die Prügelstrafen sind, auf die ein Vater verfällt, um seine eingeschlossenen Kinder unter Kontrolle zu halten; ob es der selbstzufriedene Selbsteinschluss in der prächtigen Altbauwohnung ist, von deren Dachterasse man empört über die Angestellten der Lieferdienste und der Müllabfuhr twittert, die sich am Wochenende im Park vergnügen; ob es das Durchstechen des Stufenplans in der Familie ist, mit der Konsequenz, dass es ab einer Inzidenz von 150 kein Abendessen mehr gibt, und ab einer von 200 das erste Kind zur Adoption freigegeben wird; ob es die Bitte an die Medien ist, doch auch im weiteren ganz genau so zu berichten, wie sie es bisher getan haben und nicht zuzulassen, dass überholte Formen kritischen Journalismus wieder nach vorne drängen; oder ob es der Entschluss sei, dass es nicht nur jetzt, sondern in aller Zukunft einfach zu gefährlich sei, jemals wieder ein Theater zu besuchen -: es ist ein einziger Grundgedanke, der mit großer Konsequenz und zugleich mit überraschender und unterhaltsamer Vielfalt immer wieder aus- und durchgeführt wird: den Lockdown zu Ende denken, ihn totalisieren, ihn bis in die letzte Konsequenz auszuentwickeln; und am Ende einer Sache zustimmen, der niemand im Ernst mehr zustimmen kann. Das ist die sokratische Methode, es ist die Methode des Ironikers Sokrates, die hier wieder und wieder bemüht wird, um – – – ja, um was eigentlich?

III

Und niemand könnte sich dazu wohl besser eignen als Schauspieler:innen. Jeder Clip beginnt mit den Worten (so ungefähr jedenfalls): „Ich bin xy und ich bin Schauspieler“ – oder Schauspielerin, je nachdem. Das heißt aber auch: Ich spreche hier als Schauspieler, ich spiele eine Rolle; und auch, wenn ich hier in meinem Namen spreche, spiele ich eine Rolle. Ich spiele mich, wie ich mich selbst spiele; ich spiele mich, der ich mich selbst spiele. Die Position der Schauspielerin und des Schauspielers ist nicht identisch mit der des Ironikers, aber sie kommt ihr doch nahe: Behaftbar sind die Schauspieler:innen nicht für das, was sie spielen; ebensowenig wie der Ironiker, der die Rollenprosa einer von ihm scheinbar bejahten, in Wahrheit aber abgelehnten Position übernimmt.

Auch darin kann man die konzeptionelle Konsequenz der Kampagne nur bewundern. Man hätte ja alle möglichen Prominenten bitten können, sich daran zu beteiligen, und es hätten sich auch einige gefunden, des es mit genügend schauspielerischem Talent verkörpert hätten. Allein der Beruf des Schauspielers und der Schauspielerin entlastet per se und per definitionem von dem, was man macht und sagt. Sie sind nichts anderes als die Rollen, die sie spielen, und doch sind sie die Rollen nicht: man muss ihnen zugestehen, dass es noch etwas hinter der Rolle gibt, auch wenn es niemanden gibt, der mit Sicherheit sagen kann, was das wäre und wann der Moment gekommen ist, an dem wir ihr wahres Ich besichtigen. Schauspielerinnen und Schauspieler sind die vollendete Verkörperung der Ironie und ihrer totalen Negativität; deswegen noch einmal: Chapeau für diese kluge, strategische Entscheidung, nur die Angehörigen dieses Berufsstandes um einen Beitrag zu bitten.

Genau deswegen aber nützt es nicht das Geringste, wenn Einzelne nun davon zurücktreten, sich entschuldigen und die Videos löschen. Die Sachen sind nun einmal in der Welt, nicht nur physisch. Das Werk ist bekanntlich autonom gegenüber den Absichten des Künstlers und der Künstlerin. Es ist vollkommen uninteressant, was Jan-Josef Liefers, Heike Makatsch und Richy Müller als Privatpersonen für eine Meinung zu den Videos haben, die da über den Äther gegangen sind; und wer weiß: bleiben sie nicht letztlich Schauspieler, die sich selbst als Privatpersonen spielen? Sind sie jetzt nur in eine Rolle gefallen, in die Rolle der Nichtironiker:innen, die aber, als Rolle, ironisch bleibt? Aus diesem Spiegelkabinett ist kein Herauskommen. Und es ist stark anzunehmen, dass die meisten von ihnen das auch wissen.

IV

Es ist damit aber ein neuer Ton in die Debatte gekommen, ein gemeiner und hinterhältiger Ton, eben der ironische Ton, den (jetzt nicht Kierkegaard, sondern) Nietzsche an Sokrates so unerträglich fand, den er als Dämon der Negativität hasste, weil er zu nichts anderem in der Lage war, als zu zerstören. Dass rechte Gruppierungen und Parteien darauf zustimmend reagiert haben, war abzusehen; ich finde es aber nicht so dramatisch. Ich bin der Ansicht Enzensbergers, dass eine Kritik, die sich den Mund verbietet, weil sie einen in Zusammenhang mit den falschen Leuten bringen könnte, ihren Namen nicht verdient, sondern ein Erscheinungsbild totalitären Denkens ist. Enzensberger bezog dies allerdings auf Standpunkte, die positiv, das heißt in der Form: „Ich bin der Ansicht, dass …“ , also jenem „I would prefer to“ vorgetragen werden. Die Ironie, für die das „I would prefer to“ bloß die Verhüllung des „I would prefer not to“ darstellt, wird davon nicht erfasst.

Gleichwohl gibt es eine gewisse formale Konvergenz zwischen der Rechten und dieser Kampagne. Denn auch die Rechten tun sich schwer damit, positive Forderungen zu erheben. 2015 ff. war es leichter, sich gegen die deutsche Flüchtlingspolitik zu erheben als genau zu sagen, wie eine rechte Flüchtlingspolitik jenseits der Parolen, die auf der Straße gebrüllt wurden, auszusehen hätte; Forderungen wie die nach dem Schießbefehl an den europäischen Außengrenzen wurden auch in den eigenen Reihen tendenziell als Entgleisung gedeutet. Jetzt ist es nicht anders; das „So geht es nicht“ ist die populistische Forderung der Querdenker:innen, der sich die AfD nach einigem Zögern im letzten Jahr angeschlossen hat. Wie zum Beispiel das Gesundheitswesen zu organisieren wäre, wenn man die Infektion hätte laufen lassen, ist nicht zu erfahren; oder wie ein Lockdown hätte aussehen müssen, der weniger stark in die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger eingreift, auch nicht. Also: auch hier dominiert das Negative; und das verbindet sich bestens mit der ironischen Negativität der #allesdichtmachen-#lockdownfuerimmer-Kampagne. Auf der einen Seite steht dies Protestbewegungen zu, und auch eine parlamentarische Opposition hat, wie ihr Begriff ja besagt, ein gutes Recht, sich auf das Negative zu konzentrieren und anzuprangern, was ihrer Meinung nach so nicht geht. Aber nur dies ist auf Dauer zu wenig. Und es erfährt jetzt durch die Kampagne eine unerhörte Verstärkung.

Und gemein ist es noch aus einem anderen Grund. Es ist etwas anderes, mit der geballten Kraft der Negativität gegen eine saturierte Regierungspolitik anzugehen, die selbstgefällig und visionslos vor sich hindümpelt: So macht es die Satire, so hat es die Titanic lange Zeit mit großem Erfolg und mit großer Verve betrieben. Je größer die Löcher sind, die dann in den politischen Betrieb gerissen werden, desto besser. Aber so scheint es ja im Moment nicht zu sein. Die Regierung, beziehungsweise die Regierungen, die sich in unserem föderalen System miteinander auseinandersetzten, wirken eher hilflos, überfordert, entscheidungsschwach, unfähig, mit früheren Fehleinschätzungen und falschen Entscheidungen umzugehen. Was viele Menschen irritiert, ist kein autoritäres Lockdown-Regiment, sondern dieses indifferente Flimmern auf hohem Infektionsniveau, die Unfähigkeit, auf die Bremse zu treten und die Produktionskreisläufe zu unterbrechen, ihre Willfährigkeit der Großindustrie gegenüber, die gleichzeitig Kurzarbeitergeld bezieht und hohe Dividenden ausschüttet, und die offensichtliche Schwäche, diejenigen die Zeche zahlen zu lassen, die nicht viel zu sagen haben, und nicht genug Einfluss auf die Politik ausüben können. Schwäche, Unentschiedenheit, Indifferenz, Nachgiebigkeit – das scheint das Problem zu sein; und die Frage muss gestellt werden, ob Ironie das richtige Mittel ist, es zu beheben.

V

Wenn sie es aber nicht ist, was bleibt dann? In einer ersten Reaktion rät die ZEIT davon ab, die Kampagne auf die Eitelkeit von Privilegierten zurückzuführen. Sie scheint mir aber das einzige Motiv zu sein, das sich durchhält und dass auch in der Lage gewesen sein könnte, eine Kampagne von derartiger Geschlossenheit und Kraft zu initiieren. Es sind ja alles Schauspielerinnen und Schauspieler; Menschen, für die der Beifall, sei’s auf der Bühne, sei’s in der Form von Öffentlichkeit, in der sie sich als Prominente regelmäßig bewegen, wichtig ist. Er ist eine Außenhaut, ein Teil ihrer Daseinsverfassung, ein Teil ihres Körpers. Ich sage dies vollkommen kritiklos; es gehört zu diesem Berufsbild dazu, ist sozusagen eine (unter sehr vielen) Qualifikationsbedingungen; ohne dies gäb’s keine Schauspieler:innen. Wenn das aber so ist, dann ist das Leiden groß, dann ist es elementar, dann ist es durchaus existenziell – so zufriedenstellend, ja luxuriös die Lebensverhältnisse materiell sein mögen. (Denn soweit ich’s überblicke, kamen ja arme Schauspieler:innen, die am Rand des Kulturbetriebs vor sich hin vegetieren, und deren materielle Existenz bedroht ist, nicht zu Wort.) Es ist nicht rhetorisch, und nicht ironisch: ich glaube das wirklich; und es gab auch einige wenige Momente, in denen das zugrundeliegende Leid zutage trat.

Ich denke bloß: Darüber hätten sie sprechen sollen. Die ironische Negativität ist nicht bloß ein politisches Problem, sie kleistert vielmehr zu, was diese Schauspielerinnen und Schauspieler wirklich bewegt. Vielleicht haben sie keine Position, was die Corona-Politik angeht und finden es nur irgendwie scheiße, was gerade passiert. Und vielleicht müssen sie sie auch nicht haben, warum auch? Aber sie haben, wie wir alle, ihr Leid, ihre Kränkung, ihre Gefühlsverwirrung, ihre Depressionen – was auch immer. Und als Menschen, deren Beruf es ist, Privates zu veröffentlichen, indem sie es spielen, hätten sie genau dies zeigen und veröffentlichen können. Und da es kluge, berühmte und begabte Menschen sind, wäre es ihnen auch gelungen, es ohne Sentimentalität, Kitsch und ohne das falsche Pathos zu vermitteln, das auf den Querdenker-Demonstrationen immer wieder medienwirksam durchbricht. Ist das zu viel verlangt? Ich finde nicht: nicht von diesen Leuten.

Denn letztlich ist es ja im Augenblick vor allem dies: das Leid, das uns miteinander verbindet; das Leid in unendlich vielen individuellen Ausdifferenzierungen. Hätten sie es zum Ausdruck gebracht, hätte es sicherlich noch immer Rechte gegeben, die sich darüber gefreut hätten. Aber eben nicht nur und nicht notwendig. Anders als die Ironie entzieht sich das Leid nicht. Es ist kein negativ Negatives, es ist ein positiv Negatives. Und als solches will es ernstgenommen werden. Im Fall der Ironie ist das nicht so, zumal dann, wenn ihr gekränkte Eitelkeit zugrundeliegt, die sich direkt nicht aussprechen möchte, gerade deswegen aber allgegenwärtig ist. Das ist das einzige Leid, das man immer spürt. Und das ist dann doch etwas dürftig.

Wolfram Ette


 
https://www.youtube.com/watch?v=0WHnxeS3Fi0     
https://www.youtube.com/watch?v=Bx2F0uawHZY
https://www.youtube.com/watch?v=8RBii0kgJEE

Corona 242: Von der Schule

Vom Elend der Statistik

Drei Stunden Lernzeit fehlen jeder Schülerin und jedem Schüler seit dem Beginn der Pandemie. Jeden Tag. So wurde es gestern vom Ifo-Institut bekannt gegeben.

Das ganze Elend der statistischen Welterfassung, das zu besingen auch ein Robert Musil nicht fertig wurde, steckt in dieser Feststellung. Der normale, durchschnittliche Schultag einer Schülerin oder eines Schülers dauere sieben Stunden, der Corona-Schultag nur vier. Und sieben minus vier ist drei. In der Differenz steckt die Bildungskatastrophe, die vom Ifo-Institut angeprangert wurde.

Aber halt! Hörten wir nicht wieder und wieder in den letzten Monaten, dass das home schooling vor allem die Ungleichheiten zwischen den Schüler:innen verstärke? Manche schaffen es gut, andere verschwinden vollständig aus dem Schulsystem und tauchen möglicherweise nie wieder auf. So jedenfalls hört man es immer wieder, insbesondere aus den Mittel-, Real- und Hauptschulen. Dort ist der Schwund katastrophal; da reden wir nicht von ein paar Stunden, die fehlen, sondern vom Totalverlust ganzer Kohorten. Das statistische Mittel, das uns in anklagendem Ton vorgehalten wird, ist in Wahrheit eine Beschönigung, es macht alle gleich und verschleiert damit die wahre Katastrophe der gesellschaftlichen Ungleichheit. Nicht die drei Stunden sind schlimm, sondern ihre Verteilung.

Im wahrsten Sinne des Wortes ist diese Zahl nur eine Zahl. Wenn ich drei Äpfel vor mir sehe und mitteile, dass ich drei Äpfel vor mir sehe, bestehen zwischen der Zahl und der Wirklichkeit Übereinstimmung. Wenn ich dagegen sage, dass ich fünf Apfel vor mir habe, ist meine Aussage falsch. Statistische Zahlen haben aber eine ganz andere Bedeutung und einen ganz anderen Daseinsgehalt. In gewisser Weise stimmen sie nämlich nie oder nur in irrelevanten Ausnahmefällen. Von den drei Stunden, die jedem einzelnen Schüler / jede einzelne Schülerin fehlen, kann man nur so viel sagen, dass es vielleicht niemanden gibt, die oder der exakt 3,0 Stunden fehlen. Auf alle Einzelfälle bezogen, ist die Zahl falsch; sie stimmt nur aufs Ganze bezogen, und auch da steht sie eben, wie wir gerade sahen, nicht.

Wir sind mit dem Elend der Statistik aber noch nicht am Ende. Es ist ja nicht bloß der Mittelwert, der sich als ideologischer Schleier für die Wirklichkeit liegt und eine Gleichheit suggeriert, deren Abbau gerade das eigentliche Bildungsversagen ist. Die Eckwerte selbst sind ja Mittelwerte; die sieben Stunden vor Corona und die vier Stunden in Corona. Sieben Stunden! Hallo? Mit oder ohne Ferien, Schulpausen, Pornos unter der Bank, dem träumerischen Aus-dem-Fenster-sehen, oder der entsetzliche Müdigkeit, wenn man die halbe Nacht durchgezockt hat? Ohne oder mit den Gedanken, die schweifen, weil man verliebt ist, Stress mit der Freundin hat? – all dem Privaten eben, das auszusitzen und auszuhalten auch eine Funktion der Schule ist, und das mit den Freunden und Freundinnen zu teilen eben eine ihrer Aufgaben darstellt. Oder es wird jemand gemobbt – ist im Ernst zu glauben, dass diese sieben Stunden für sie oder ihn voll zählen?

Die Vorstellung, dass die Schülerinnen jeden Tag sieben Stunden durcharbeiten, ohne Punkt und Komma, ohne Pause und Ablenkung, nach Maßgabe eines tayloristischen Zeitmanagements, ist absurd und widerspricht jeder pädagogischen Erfahrung und Erkenntnis, dass Lernen immer auch ein Kollateralnutzen schöner Erfahrungen ist, die man, wenn es gut läuft, in der Schule machen kann.

Dass diese Erfahrungen im home schooling nichts zu suchen haben, das de facto ein home office ist, in denen den zukünftigen Arbeitnehmer:innen schon jetzt die durchfunktionalisierte Zeit abverlangt wird, die nichts mit Bildung, aber viel mit Kapitalismus zu tun hat, ist klar. Es sind ja überwiegend soziale Erfahrungen, die man in der Schule macht und von denen der Bildungsprozess weniger umgeben als durchdrungen ist wie der Teig von der Hefe. Die sieben Stunden Arbeitszeit verdanken sich also der fiktiven Rückübertragung der Bedingungen, unter denen das home schooling idealerweise stattfindet, auf die Schulzeit. Und von dieser fiktiven Zeit wird dann ihrerseits die Zeit, die die jungen Menschen, unsere Kinder, an deren Bildung und so viel liegt, mit der Erledigung von Hausaufgaben verbringen, zu denen die Schule weitgehend zusammengeschmolzen ist, fiktiverweise abgeleitet. Aus der Differenz zweier fiktiver Zeiten ergeben sich dann die fiktiven Fehlstunden, diese apokalyptischen drei Stunden pro Person und Tag.

Denn noch einmal und genauer: Auch die zweite Zeit, die von der ersten subtrahiert wird, ist fiktiv. Wir alle wissen, dass Zeit die man vor dem Rechner verbringt, dekonzentriert ist. Es gibt starke individuelle Unterschiede, aber es liegt auf der Hand, dass ein Werkzeug, dass verschiedene Beschäftigungsangebote zur gleichen Zeit macht, insbesondere dann, wenn es mit den unendlichen Möglichkeiten des Internets verbunden ist, ablenkender ist als ein Buch, ein Füllfederhalter und ein Blatt Papier. Wir müssen uns stärker fokussieren, um bei der Sache zu bleiben. Dasselbe gilt vom Unterschied zwischen Schulgebäude/Klassenzimmer und der Wohnung zu Hause, in der man alles mögliche macht und eben nicht nur Schule. Es sind, horribile dictu, vielleicht viel weniger als vier Stunden, die die Kinder für die Schule arbeiten, auch wenn sie nicht so sehr durch ihre Mitschülerinnen und Mitschüler abgelenkt sind.

Kein Zweifel, wenn man es schafft, sich zu konzentrieren, kann das Arbeiten zu Hause unter Umständen sogar effektiver sein als in der Schule. Da könnten vier Stunden am Tag sogar ausreichen. Aber das muss man erst mal schaffen. Die Frage ist aber nicht bloß, ob es möglich, sondern auch, ob es eigentlich wünschenswert ist, dass sich unsere Kinder in Arbeitsmaschinen verwandeln, die den Schulstoff wie am Band runterrocken, so dass man am Ende sagen kann: Yes, Sie haben jetzt vier Stunden gearbeitet, wenigstens im Durchschnitt. Aber Pech gehabt, denn das ist eigentlich bei weitem nicht genug, wir müssen diese Arbeitsleistung fast verdoppeln, um auf vorpandemisches Niveau zu kommen.

Um dieses vorpandemische Niveau hat man sich freilich nie gekümmert. Es wird bloß aus dem Mangel, den man jetzt zu diagnostizieren glaubt, extrapoliert. Kein Mensch weiß, wie viel Stunden reine Arbeitszeit unsere Kinder zuvor in der Schule verbracht haben. Sie gingen hin und sie kamen wieder. Es hat auch niemanden interessiert, weil es mehr darauf ankam, was sie lernen als darauf, wie viel Zeit sie dafür aufwenden. Jetzt aber, wo die reine, abstrakte Arbeitszeit, eben die gespenstische Form, das das kapitalistische Dasein fundiert, auch in der Schule zu Maßstab für alles und eben auch für die Bildung der Kinder geworden ist, tut man so, als wüsste man’s und beklagt die Bildungskatastrophe, die in Wahrheit eine Katastrophe der Arbeitszeit ist, die mit der Bildung gleichgesetzt wird. Vielleicht war es doch nicht so gut, was die Bundesregierung vor einigen Monaten propagierte: dass wir bitteschön „faul wie die Waschbären“ sein sollten. Wir schon, aber bitte nicht unsere Kinder!

So ist es also um die Statistik bestellt, die ein Elend ist, weil sie nicht bloß falsche Zahlen liefert, sondern eine falsche Vorstellung von der Sache als einer liefert, die zahlenmäßig zu erfassen wären.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=919223

Wolfram Ette

Die Verbindung

Als vor kurzem beschlossen wurde, die Schule kurz vor den Ferien eine Woche lang im Modus des Fernunterrichts abzuhalten, war zugesichert worden, es sei alles von langer Hand vorbereitet worden, die Schule gehe weiter, die Eltern sollten sich keine Sorgen machen. Dann funktionierte nichts, doch glücklicherweise kamen ja die Ferien, die das Ministerium der leidigen Frage enthoben, ob man wirklich so gut vorbereitet gewesen sei (oder nicht). Jetzt sind wiederum die Ferien fast vorbei, und es stellt sich demnach die Frage, ob man im Ministerium in die Ferien gefahren ist oder doch lieber dieselben genutzt hat, um etwas vorzubereiten, solange für die Schülerschaft keine Schule, sondern Ferien waren?

Ich wage eine Prognose, und die lautet, dass die Erleichterung darüber, dass das Schlamassel der nicht funktionierenden Internetseiten und Internetverbindungen, die man auf „Attacken aus dem Ausland“ zurückführte, durch die Ferien glücklicherweise gleich wieder aufgehoben worden war, angedauert hat, man also erst mal Ferien machen musste nach dem großen Schreck über die Hunderttausende von Kindern, die, entgegen allen Versprechungen, keinen Unterricht bekommen hatten. Und ich wage auch, hinzuzufügen, dass die Begründung, die vor den Ferien für den Ausfall des Unterrichts geliefert wurde, meine Prognose einigermaßen plausibel macht.

Da ging es nämlich argumentativ zu, wie folgt: Nachdem ihm all die vielen, vielen Probleme gemeldet worden waren, betonte der Schulminister, die Inhalte auf den Seiten des Ministeriums seien sämtlich perfekt vorbereitet worden, sie hätten jedoch nicht übertragen und genutzt werden können, weil dummerweise die Regionen, die für die Internetverbindungen zuständig seien, ihre Arbeit nicht getan hätten. (Es kam also doch nicht alles aus dem bösen Ausland.) Man erfuhr, dass das Ministerium sehr gut gearbeitet habe, sehr viele, interessante Dinge zu lernen und entdecken gewesen wären, dass aber leider der Zugriff nicht funktioniert hatte.

Nun ist es aber so, dass Inhalte, auf die man keinen Zugriff hat, in gewissem Masse ihre Eigenschaft verlieren, Inhalt zu sein, denn inhaltlich interessant werden Inhalte ja nur dann, wenn jemand sie als Inhalte wahrnehmen kann. Die Inhalte sind demnach nicht etwas Abgekoppeltes von der Verbindung zu denjenigen, denen sie zugute kommen sollen – hier der Schülerschaft –, sondern sind die Verbindung selbst. Umgekehrt gilt das auch: Eine Verbindung, die ohne Inhalte funktioniert, kann ebenfalls nicht funktionieren, denn auch die Verbindung ist kein Selbstzweck, sondern muss sich mit Inhalten verbinden, um eine gewisse Verbindlichkeit für die Schülerschaft beanspruchen zu können. Inhalte bekommen also Verbindlichkeit durch die Verbindung, und die Verbindung bekommt Gehalt durch den Inhalt dessen, was sie übermittelt. Oder auch so: Wäre die Verbindung nur Verbindung, wäre sie nichts. Wäre der Inhalt nur Inhalt (und sonst nichts), wäre sie halt, aber ohne, dass jemand in ihn hineinschauen kann.

Die Entschuldigung, das Ministerium sei selbst gar nicht schuld, sondern die Regionen, die für funktionierende Verbindungen hätten sorgen müssen, ist, wie aus dem Vorgesagten folgt, ein bisschen merkwürdig, denn offenbar hat Herr Blanquer nicht verstanden, dass es, um nebst den Inhalten auch die Verbindung zwischen den Schüler:innen und diesen – nämlich den Inhalten – herzustellen, zunächst einmal einer anderen Verbindung bedarf, und das ist die Verbindung zwischen Ministerium und den Regionen. Sich für die Verbindungen zwischen den Inhalten und der Schülerschaft nicht zu interessieren, sondern die Schuld allein den Regionen in die Schuhe zu schieben, mag angehen, wenn im Vorfeld alles versucht wurde, eine Verbindung zu diesen herzustellen, die es ihrerseits erlauben würde, den Regionen die verbindliche Aufgabe zu stellen, funktionierende Internetverbindungen für die französischen Schulen herzustellen. Nur wenn man sich wirklich um diese Verbindungen zwischen Ministerium und Regionen bemüht hätte, hätte man danach klagen dürfen, die Verbindung, hin zu den Schulen, habe leider nicht geklappt.

Doch da sie garantiert geklappt hätte, wenn das Ministerium verstanden hätte, dass man Distanzunterricht nicht nur durch eine inhaltliche Vorbereitung vorbereitet, sondern auch durch die Vorbereitung ihrer Übermittlung, hätte sich wohl gezeigt, dass eine Verbindung zwischen Ministerium und Regionen garantiert auch eine Verbindung zwischen Ministerium und den auf Unterricht wartenden Schüler:innen hervorgebracht hätte, was wiederum bedeutet, dass das Schulministerium sich generell viel zu viel Sorgen um die möglichen, zu übermittelnden Inhalte des Unterrichts macht, viel zu wenig Sorgen aber um das, was ihre eigentliche Aufgabe ist, nämlich Verbindungen zugunsten der Verbindungen und damit der Verbindlichkeit des Versprechens herzustellen, es werde schon alles klappen.

Aber das ist offenbar, weil merkwürdig redundant klingend, dem Schulministerium, der ja eh lieber alles offen gelassen und die Schüler:innen am liebsten gar nicht nach Hause geschickt hätte, zu hoch. Was soll das schon heißen: Arbeiten an der Verbindung zugunsten der Verbindung? Oder: Verbindungen verbinden? Oder: Inhalte sichern, dadurch, dass man diese ganz in Abhängigkeit von der Möglichkeit denkt, dass sie in etwas, was von einem zu einem anderen Ort geschickt werden kann, enthalten sein müssen? Oder, noch allgemeiner: Was ist der Inhalt ohne seine Form? Was kann er sein, wenn er nicht verpackt und adressiert werden kann?

Es ergibt sich ein merkwürdiger Widerspruch zur Gestaltung der Ausbildung der französischen Lehrer:innen. (Und hier spreche ich jetzt im Vollbewusstsein meines Wissens, denn ich bin beteiligt an ihrer Ausbildung und weiß also, welchen Rahmen man derselben abgesteckt hat.) Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass die Lehrer:innen in spe zwar sehr viel ein- und auspacken müssen, sehr viel befasst sind mit dem „Wie“ der Übermittlung, dass das Ganze aber völlig inhaltsleer ist, weil man der fachlichen Ausbildung gegenüber der didaktischen (die sich mit Übermittlungsfragen befasst) überhaupt keine Bedeutung mehr beimisst. Man wird also Lehrer:in für ein bestimmtes Fach, doch man beherrscht statt des Faches nur noch die Einpack- und Übermittlungsmethoden für dasselbe. Das Einpacken dessen, was man vermitteln, d.h. losschicken will in Richtung Adressat, läuft auf Gesten heraus, in deren Mitte die reine Leere steht. Man stellt Verbindungen her zur Schülerschaft, man wird getrimmt auf viel Raffinesse bezüglich der verschiedensten Übermittlungsmodi, doch das Ganze zielt darauf, dass man’s losschickt: Das „Es“ ist das Nichts.

Man schickt’s los und schickt doch nichts los, denn schick ist nur, dass man weiß, wie das mit dem Losschicken geht, nicht aber, warum man dann zu allem Überfluss auch noch etwas losschicken soll. Das „Etwas“ ist das gewisse „Etwas“, von dem niemand weiß, das niemand gelernt hat, etwas also, was man nur lehrt, ohne es jedoch selbst zuvor gelernt zu haben.

Ich weiss nicht recht, wie die Lehrer:innen das machen, aber sie sind durch die Bank bewundernswert, denn es scheint recht gut zu funktionieren. Immerhin sitzen ja die Schülerinnen und Schüler von früh bis spät in ihren Klassenzimmern und empfangen das Nichts, das an sie adressiert wird, damit sie sich der Adressierung erfreuen.

Aber auspacken dürfen sie eigentlich nie etwas, denn Schule ist verkommen zu einer Veranstaltung des Einpackens und Wegschickens, und damit Schluss. Und man soll bloß nicht glauben, dass eine Schule einpacken muss, bloß weil die Schüler:innen nichts mehr auspacken können! Eine solche Idee entspricht überhaupt nicht dem Zeitgeist! Es ist nun einmal so, dass das Auspacken eh nur die totale Nichtigkeit zum Vorschein bringen würde, darum kann man das Eingepackte eigentlich auch gleich eingepackt lassen. Und weil also Lehrer- wie Schülerschaft von früh bis spät einpacken, ist trefflich der Beweis erbracht, dass man mehr als so einpacken eigentlich nicht mehr einpacken kann. Die Schule hat schon eingepackt, sie tut es tagtäglich, und das einzige Skandalon besteht vielleicht nur darin, dass sie mit dem Einpacken noch immer nicht recht ausgepackt hat. Vielleicht hat niemand ihr je abgefordert, jetzt solle sie aber bitte mal auspacken bezüglich dessen, was an den Schulen eigentlich los sei, und darum konnte sie ihr Einpacken immer weiter und weiter betreiben, bis die Verbindung ohne verbindlichen Inhalte sich wie ein Berg Pakete in den Klassenzimmern stapelte.

Die Pandemie kommt insofern einem großen Experiment rund um die Schule gleich, weil jetzt plötzlich ein Umschlag erfolgt ist, mit dem auf den ersten Blick niemand gerechnet hätte: Der Minister stellte die Inhalte ganz ins Zentrum und stellte sich selbst bezüglich der Fragen des Internets und der Verbindung als unzuständig dar. Man erfuhr (wie oben ausführlich erklärt), dass das Ministerium besonders gern an Inhalten arbeitet, die äußerliche Geschichte mit den Verbindungen jedoch den Regionen überlässt. Man hätte aber, wenn man von der Lehrer:innenausbildung ausgeht, das schiere Gegenteil erwarten können, doch man hat sich getäuscht: Obwohl Lehrer:innen nur Meister im Verpacken sind, mit Inhalten jedoch nie im Leben zu tun haben, werden sie dialektisch zu Meistern der Inhalte und, dem Vorbild ihres Chefs folgend, bezüglich der Vermittlungsmodi für unzuständig erklärt.

Was ist aber, wenn man beide Dinge doch wieder als Einheit betrachten und monieren wollte, die ganzen, fehlgeschlagenen Verbindungen seien in Wirklichkeit nur eine Methode, damit die Eltern, die Zuhause ihren Kindern über die Schulter und in den Bildschirm hineinschauen, nicht der Tatsache inne werden können, dass Inhalte gar nicht existieren? Hat man nur darum nichts geschickt, weil man jetzt, wo eine Situation der Überprüfung zu befürchten war, bemerkt hat, dass die Inhalte fehlten? Hat man sich also in Wirklichkeit sehr erleichtert gefühlt darüber, dass die Regionen bezüglich der Internetverbindungen nichts vorbereitet hatten? Bot das die Chance, nicht zeigen zu müssen, dass nicht darum nichts hatte verschickt werden können, weil das Verschicken nicht klappte, sondern weil es in Wirklichkeit nichts zu verschicken gab? Ist also das Verschicken nicht am Mangel funktionierender Verbindungen gescheitert, sondern daran, dass man befürchtete, auf das übliche Einpacken des Nichts werde Zuhause das familiäre Auspacken erfolgen? Und dieses Auspacken wäre dann der Drohung gleichgekommen, dass das Ministerium schon lange hätte einpacken müssen?

Wenn stimmt, was ich als eine Person, deren Beruf darin besteht, Lehrer:innen das gewisse Etwas mit auf den Weg zu geben, das es erlaubt, wirklich etwas zum Einpacken zu haben, erfahren zu haben glaube, dann würde ich von einem festen und sehr gut funktionierenden Bündnis zwischen Ministerium und Regionen ausgehen. Entgegen allem Anschein lieben sich die beiden herzinnigst: Erstere stellt unter dem Label „Inhalt“ ein Nichts zur Verfügung, damit es verschickt werde; die Regionen sehen das Nichts, nehmen es als solches wahr und verschicken es nicht. Das Ministerium beschwert sich in lautem Eifer, die Regionen hätten nichts verschickt, und die Regionen antworten, das hätten sie sehr wohl, aber es sei eben ein Nichts gewesen und habe sich darum der Wahrnehmbarkeit entzogen. Das Ministerium ereifert sich seinerseits und gibt zu bedenken, man hätte doch aber besser das Nichts verschicken sollen, statt den Eltern, die Zuhause ihren Kindern über die Schulter blicken, den Eindruck zu vermitteln, es komme nichts, doch die Regionen, darin vermutlich den Inhalten, die keine sind, stärker verbunden als das Ministerium, das sich allein für diese zuständig fühlt, halten dagegen, nichts sei dem Ruf des Ministeriums so sehr zustatten gekommen wie die Tatsache, dass man gleich am ersten Tag des Fernunterrichts die Verbindung zur Schülerschaft zu kappen wagte. Das nehmen die Regionen auf ihre Kappe, und damit beweisen sie, dass sie bereit und willens sind, ihre große Liebe zum Ministerium, von dem sie ihre Weisungen erhalten, dadurch unter Beweis zu stellen, dass sie sich vor es stellen.

Anne Peiter

Corona 241: Die indische Variante

Die Besorgnis

Ich lese, dass man alles Mögliche über die „indische Variante“ noch nicht wisse. Zum Beispiel sei noch nicht sicher, dass auch Kinder verstärkt angesteckt würden. Man plädiert dafür, die Besorgnis nicht zu groß werden zu lassen. Man wisse ja noch nichts.

Ja, sage ich mir, genau darin liegt ja die Besorgnis! Will man denn immer erst auf das Wissen warten? Mit dem Wissen ist das Problem meist schon da, und in einem letzten (stets verspätet ankommenden) Schritt folgt dann auch die Besorgnis nach.

Covid-19: le «variant indien» suscite de vives inquiétudes (msn.com)

Zur Aktualität der Kolonialgeschichte

In Indien scheint es zu Reinfektionen zu kommen, was bedeuten könnte, dass die neue Variante vom Immunsystem eines Körpers, der den Covid schon mal hatte, nicht wiedererkannt und „eingelassen“ wird. In Europa aber macht man sich nicht sonderlich Sorgen, denn man weiss ja, wie es in Indien zugeht, und mit einem selbst hat das alles nichts zu tun :

„[L]es experts invitent à ne pas superposer la situation des pays européens aux autres. Tout comme les variants brésilien et sud-africain, le variant indien vient d’un pays où la situation sanitaire est moins bien gérée, rendant difficile l’interprétation de la gravité de celui-ci. ‚L’Inde est un pays avec des conditions d’hygiène et d’accès au soin différentes [de celles que nous connaissons en Europe], avec une grande densité de population, et un pays réputé pour être un réservoir de maladies infectieuses‘, erklärt ein Arzt („[D]ie Experten laden dazu ein, die Situation in den europäischen Ländern nicht durch die in anderen zu überblenden. Ganz wie die brasilianische oder südafrikanische Variante kommt die indischen Variante aus einem Land, in dem die sanitäre Situation weniger gut im Griff ist, was dazu führt, dass es schwer ist, etwas darüber auszusagen, wie gravierend die Situation dort gerade ist. ‚Indien ist ein Land mit hygienischen Bedingungen und einer anderen Zugang zur ärztlichen Versorgung [als die, die wir in Europa kennen], auch mit einer großen Bevölkerungsdichte, ein Land, das im Ruf steht, ein Reservoir für Infektionskrankheiten zu sein'“).

Wenn ich richtig begreife, sollen wir optimistisch sein, weil wir über die Variante sehr wenig wissen, dafür aber umso Genaueres über die schlechten hygienischen Bedingungen in Indien, über die mangelhafte gesundheitliche Versorgung, kurz: über das Zurückgebliebene des Landes, das zwar einen Grossteil aller in der Welt verimpften Impfstoffe produziert, im Übrigen aber das Land bleibt, das wir aus den Schulbüchern des kolonialen wie des postkolonialen Zeitalters stets im gleichen Gewand kennen: ein Dritte-Welt-Land, ein Land also, das mit uns auf keinen Fall mithalten kann.

Man erfreut sich seiner Überlegenheit, man sagt sich, die Variante könne nicht zu uns kommen, denn dafür ist unser Gesundheitssystem viel zu stark und viel zu gut. Mir scheint nun aber, dass man diesen Satz auch genau umdrehen könnte, und dann müsste man die Frage genau andersherum stellen: Wie kann es sein, dass wir, die wir so ausgezeichnete hygienische Bedingungen, ein so toll ausgestattetes Gesundheitswesen und überhaupt so ein reiches, komfortables Leben, die Krise in derartiger Wucht über uns haben hereinbrechen sehen? Warum konnten wir uns so schlecht wehren? Warum ist es so schlecht gekommen, obwohl doch zu erwarten gewesen wäre, dass es weit besser und glimpflicher hätte verlaufen können?

Der Arzt, der uns den Umstand der Rückschrittlichkeit Indiens in klassischer Deutlichkeit in Erinnerung zurückgerufen hat, scheint die Antwort auf meine Fragen gegeben zu haben, ohne es zu wissen oder auch nur zu ahnen: Wir haben’s nicht im Griff, weil wir an unserer Überlegenheit kranken. Wir sind krank, weil wir glauben, nur die anderen könnten’s werden, wir sterben, weil wir den Tod als etwas betrachten, das ganz und gar ausgelagert worden ist in die Dritte Welt.

Coronavirus : Le variant indien doit être „surveillé“, mais ne doit pas être une source d’angoisse (msn.com)

Anne Peiter

Corona 240: Vom Umgang mit der Erinnerung II

1

Ich finde es schwer, zu der Gedenkveranstaltung, die vor gestern in Berlin begangen wurde, eine Meinung zu entwickeln. Es bleibt irgendwie merkwürdig: Mitten in eine Katastrophe hinein, inmitten von steigenden und immer weiter steigenden Opferzahlen der Toten zu gedenken, so als wäre die Sache schon vorbei. Aber die Sache ist nicht vorbei, das Ende der Pandemie ist keineswegs in Sicht – und ich spreche hier nur von denen, die an oder im Zusammenhang mit Corona gestorben sind, die sterben und gestorben werden, nicht von den umfangreichen Kollateral- und Folgeschäden, die es auch noch gibt, und von denen wir nicht sagen können, ob oder wann sie jemals vorbei sein werden. Das vorweggenommene Gedenken wirft dabei die Frage auf, wie es denn um die Toten bestellt sein wird, die von jetzt an bis zum Ende der Pandemie – noch einmal: wenn es denn jemals ein Ende geben wird und wir uns in einer, wenn nicht unendlichen, dann noch außerordentlich langwierigen und zählen Zeitschleife befinden wie die Figuren in Becketts ›Endspiel‹ – versterben werden. Kriegen die auch noch eine Gedenkveranstaltung? Wird es eine Gedenkveranstaltung sein, die an diejenigen erinnert, die zwischen dem 17. April und dem Zeitpunkt, an dem das Ende der Pandemien dekretiert werden wird, verstorben sein werden? Oder soll es eine Gesamtgedenkveranstaltung werden, durch die dann freilich all diejenigen, die vor dem 17. April 2021 gestorben sind, doppelt bedacht werden würden? Oder ist es unanständig, in diesen Dingen überhaupt zu rechnen und zu vergleichen?

2

Auch dann, wenn ich die Worte, die Steinmeier fand, für gut und angemessen gehalten habe: Ein wenig Kalkül mag bei alledem durchaus nicht gefehlt haben. Es ist ziemlich klar, dass es ohne einen strengen Lockdown von 4-5 Wochen nicht gehen wird. Die Vorstellung die steigenden Zahlen wegzuimpfen und wegzutesten, war von vornherein eine Illusion. Das tritt nun zu Tage. Da liegt es nahe, dass wir durch die Erinnerung an all diejenigen, die verstorben sind, durch die Erinnerung an das 80.000fache Leid, das Corona bisher über die deutsche Bevölkerung gebracht hat, darauf eingestimmt werden sollen, dass wir aus unserer Lockdownmüdigkeit geweckt und dazu gebracht werden sollen, uns noch einmal zusammenzureißen. Ich finde das durchsichtig, aber auch nicht so verwerflich. Letztlich zählt die Pragmatik. Irgendwie müssen alle dazu gebracht werden, mitzuspielen und noch mal für einige Wochen in den Lockdown zu gehen. Niemand hat darauf Lust. Da ist es schon legitim, an das Leid zu erinnern, das die Seuche so viele Menschen zugefügt hat.

3

Und doch haben auch diejenigen Recht, die voller Wut Kerzen und Teelichter vor den Rathäusern deponieren. Wie weiland für die armen Brüdern und Schwestern in der DDR hatten die Ministerpräsidenten dazu aufgefordert, eine Kerze zum Gedenken in die Fenster zu stellen –: dieselben Ministerpräsidenten – Gesundheit ist Ländersache: wir haben das in den vergangenen Monaten bis zum quälenden Erbrechen vorgeführt bekommen –, die für den Tod vieler sehr vieler Menschen verantwortlich sind: dadurch, dass sie zu früh gelockert haben; dadurch, dass sie nachgiebig gegenüber den Interessen der Wirtschaft gewesen sind; dadurch, dass sie den Kotau vor dem Wahlvolk gemacht haben, das sie nicht verprellen wollten: Nein, die Täter haben kein Recht, um die Opfer zu trauern. Sie mit ins schwarz beflaggte Klageboot zu nehmen, grenzt schon an Zynismus. Viel besser, viel ehrlicher, aber natürlich auch viel kritischer wäre die Veranstaltung ausgefallen, wenn Steinmeier sie zu einer rein bundespräsidialen Angelegenheit gemacht hätte, und dem Föderalismus, über den in den letzten Monaten so viel gestritten worden ist, hier auch die Stirn geboten hätte. So aber wird man den Eindruck nicht ganz los, es gehe hier auch um ein Freisprechen der Länderchefs von ganz oben, um ein Zudecken ihrer Verantwortung durch ein großes Wehgeschrei, in das alle mit einstimmen dürfen.

Wolfram Ette

Corona 239: Vom Umgang mit der Erinnerung

Deutschland hat um 80.000 Tote zu trauern, Frankreich um mehr als 100.000. Die Deutschen organisieren eine Gedenkveranstaltung für die Toten, die Franzosen finden, es sei noch zu früh. Die Deutschen bereiten sich auf neue Einschränkungen vor, das Gedenken verfolgt einen praktischen Zweck: Man will sich in Erinnerung zurückrufen, dass man was tun muss, wenn die Zahlen nicht in althergebrachter Dramatik weiter und immer weiter steigern sollen. Die Franzosen sind schon voll in den Einschränkungen drin, sie dringen auf Optimismus: Es sinke doch bereits! Nicht sehr stark, nicht sehr deutlich, doch man erhofft sich, dass in den nächsten Tagen langsam weniger Tote anfallen. Die Deutschen haben spät begonnen, die „dritte Welle“ ernst zu nehmen. Die Franzosen sind ihnen zuvor gekommen. Doch das hatte Gründe, die darin lagen, dass es in Frankreich weit früher weit schlimmer war als im Nachbarland. Es blieb der Regierung gar nichts anderes übrig, als endlich einzugreifen.

Es bleibt verstörend, dass man in Frankreich mit dem Erinnern erst beginnen zu wollen scheint, wenn alles „vorbei“ ist. Die Deutschen als die „Erinnerungsweltmeister“ erinnern hingegen schon, wenn man noch mitten dabei ist. Sie werden weitere Veranstaltungen dieser ersten, der 80.000er-Grenze gewidmete hinterherschicken müssen. Die Franzosen werden sich, wie’s aussieht, mit einer einzigen, nationalen Großveranstaltung begnügen. Mit einem Schlussstrich, in dem die Gesamtzahl der Toten feststehen wird. Was die 100.000 Toten, die’s schon gibt, anbelangt, so sagt man sich, dass einfach noch sehr viel mehr Tote hinzukommen werden.

Bleibt nur die Frage offen, ob man es je schaffen wird, zu so etwas wie einer endgültigen Zählung zu kommen. Sogar das erscheint als Zeichen eines Optimismus, der erklären helfen kann, warum man jetzt schon mehr als 100.000 Tote zu beklagen hat.

Letztlich ist es aber vielleicht so, dass die Unterschiede zwischen beiden Ländern in Wirklichkeit nicht mehr als Schattierungen ein- und derselben Sache. Vielleicht wollen die Deutschen den Franzosen auch einfach nur vormachen, dass sie schon bei 80.000 Toten anfangen, traurig zu sein, während die Franzosen sogar bei 100.000 Toten keine Miene verziehen. Man macht’s quasi besser. Aber nachbessern wird man die Zahlen genauso wie die Franzosen. Und die haben vielleicht einfach keine Lust, sich eine Erinnerung vorschreiben zu lassen, die sozusagen noch in der Trauer vom Rekorddenken geprägt ist: 80.000 Tote – das ist doch ein Klacks, zumal wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung Deutschlands um einiges größer ist als die von Frankreich!

Anne Peiter

DIRECT. Covid-19 : l’Allemagne rend hommage à ses morts lors d’une cérémonie nationale (msn.com)

https://www.lemonde.fr/international/article/2021/04/18/en-allemagne-une-ceremonie-nationale-en-memoire-des-morts-du-covid-19_6077196_3210.html

Corona 238: Schlaglichter

Ein bisschen Zynismus

Mit einem gewissen Stolz verkündet mir meine Tochter, dass der Landkreis, in dem sie zu Hause ist, wohl bald die 400er-Marke „knacken“ wird. Ihr Zynismus ist unschuldig, vollkommen plausibel und nachvollziehbar. Was soll man denn machen, wenn alle sich anstrengen und es trotzdem nichts nützt! Sich noch mehr anstrengen? Ja, bittesehr, was würde das konkret bedeuten?

Für sie persönlich gar nichts. Gefühlt geht sie schon so lange nicht mehr zur Schule, dass die Erinnerung an den Unterricht in Präsenz langsam verblasst. Wenn sie ohne Maske unterwegs ist, fühlt sie sich nackt. Sie persönlich tut so ziemlich alles, was man tun kann, um sich weder anzustecken noch jemanden anzustecken, es bringt aber nichts. Genauso ist es eben, wenn eine Situation „außer Kontrolle“ geraten ist. Und was bleibt, wenn man die gute Laune nicht ganz und gar verlieren will, als der grimmige Galgenhumor, demzufolge hohe Zahlen in einer Gesellschaft, die alles quantifiziert, doch in jedem Fall eine GUTE SACHE sein müssen, und dass Rekorde dazu da sind, um gebrochen zu werden, nicht wahr?

Auf der einen Seite hätte es nie dazu kommen dürfen. Nie hätte die Politik es zulassen dürfen, dass den Leuten alles scheißegal wird und sie das Gefühl bekommen, sie selbst könnten mit der Pandemie nur noch ironisch umgehen. Sind sie erst einmal an diesem Punkt angekommen, ist fast nichts mehr zu machen; dann ist die Situation nicht bloß epidemiologisch, sondern auch psychologisch außer Kontrolle. Die Einsicht, dass wir der Pandemie nicht gewachsen sind, ist grundlegend; sie ist das Werk der letzten, verlorenen Monate. Wenn man von ihr durchdrungen ist, kann man es nur noch laufen lassen, zuschauen, feixen und feiern, sich bestenfalls wegducken .

Und vielleicht – dies ist die andere Seite – ist es ja auch wirklich so! Vielleicht ist SARS-CoV-2 einfach zu viel für uns. Vielleicht sind wir diesem Gegner wirklich nicht gewachsen. Vielleicht wäre erst einmal den Mut angezeigt – die grundlegende Einsicht also, die sich meine Tochter auf ihre Weise zu eigen gemacht hat: dass wir diese Krankheit nicht „überwinden“, „besiegen“, ja nicht einmal „unter Kontrolle bekommen“ werden; dass unser Leben sich durch sie dauerhaft verändern wird und dass wir nur dann eine Chance haben, uns ein paar wenige Freiräume zurückzuerobern, wenn wir das akzeptieren. Forever young: der Traum ist aus. Wir sind älter geworden und die ersten Gebrechen stellen sich ein. Das ist der Lauf der Welt. Die Gefahr liegt darin, das wir ihn ignorieren und einfach weiterleben wie bisher. Dann stürzen wir, oder wir kollabieren, außer Atem, mit rasendem Herzen. Man kann in höherem Alter Marathon laufen, aber ja. Aber es zur Norm zu erheben, wäre Hybris. Wir müssen uns unsere eigenen Verfassung anpassen. Vorsicht, Umsicht, die Sorge um sich; oder eben auch Demut; das Bewusstsein, das mit der Natur nicht zu handeln ist: darauf kommt es an. Alles noch mögliche Glück steht auf diesem Fundament. Und ist es einmal gelegt, kann und soll ein bisschen Zynismus, der uns an die Denke einer verflossenen Epoche erinnert, gerne dazu gehören!

Der letzte, tödliche Schlag

Washington habe die Absicht, dem Covid einen letzten, tödlichen Schlag zu versetzen, ist zu lesen. Die Zahlen seien aber besorgniserregend, denn so richtig sicher ist nicht, ob’s gelingen wird, dieses Ziel zu erreichen. („[C]es chiffres sont préoccupants si Washington veut un jour infliger un dernier coup fatal au Covid-19.“)

Die Kriegsrhetorik ist zurück. Oder vielmehr: eine Rhetorik aus der Arena von Gladiatoren. Was für ein merkwürdiger Gedanke, dass es einen allerletzten, alles entscheidenden „Schlag“ geben könnte, wo man doch genau weiss, dass es um die Impfung von Milliarden von Menschen zu gehen hat, der eine, große Schlag (wenn’s denn überhaupt einer ist) sich also aufsplittert in ganz viele, winzige Einzelschläge, oder, besser: Nadelstiche! Man piekt den Virus ein bisschen, man setzt ihm mit kleinsten Stichen zu. Von wegen Schwert, Keule, Beil oder ich weiss nicht was! Von wegen „dernier coup fatal“!

So spricht nur das Patriarchat, das nicht versteht, dass die Arbeit der vielen, vielen (oft weiblichen) Krankenpfleger:innen, die gerade die Impfkampagne tragen, viel feiner, kleiner, geduldiger, systematischer, effizienter und, wenn man will: „tödlicher“ für den Virus ist als dieses ganze, heroisch-kriegerische Brimborium.

Covid-19 : les Américains ont-ils crié victoire trop tôt ? (msn.com)

Schönes Wetter

Das schöne Wetter, auf das man in diesem Jahr nicht bloß hoffte, weil es einfach schön ist, wenn das Wetter es ist, sondern auch, weil man sich sagte, dass der Virus, der ja in jeder Hinsicht unsympathisch ist, genau das nicht mag, was jeder gern hat – nämlich das schöne Wetter und überhaupt alles, was schön ist –, ist von Forscher:innen untersucht worden, weil man sein Verhältnis zum Virus bzw. das Verhältnis des Virus zu ihm – nämlich dem schönen Wetter – besser verstehen wollte. Und es hat sich herausgestellt, was man eigentlich auch schon ohne dieses Forschungsprojekt hätte voraus- und aussagen können, nämlich: dass eine Pandemie eine äußerst komplexe Angelegenheit ist, die von tausenderlei Faktoren abhängt, so dass sich in Bezug auf den Einfluss des schönen Wetters eigentlich nur Annäherungsweises feststellen lässt. „Les effets des mesures prises par les gouvernements se sont avérés quatre fois plus importants pour expliquer les variations du R₀ que les différences en termes d’UV.“ („Die Auswirkungen der von den Regierungen getroffenen Maßnahmen haben sich als viermal wichtiger erwiesen, um Veränderungen des R₀-Wertes zu erklären, als die Unterschiede bezüglich der UV-Strahlung.“) Da, wo dauernd schönes Wetter herrscht, kann, pandemisch gesprochen, trotzdem schlechtes herrschen, wenn die Politik in all dem vielen, schönen Sonnenlicht rein gar nichts unternimmt. Ein sprechendes Beispiel ist Brasilien: Die Sonne scheint, und man stirbt trotzdem, mitten im Sonnenschein.

Was ich nun an der statistischen Aussage, die Regierungspolitik sei viermal wichtiger als die Frage nach dem schönen Wetter, wirklich aufregend finde, ist, dass der französische Präsident ganz offenherzig erklärt hatte, mit dem Frühling werde alles besser werden, denn dann kehre ja das schöne Wetter zurück. Jetzt, wo es in Europa mal graupelt und mal schneit, mal ungewöhnlich warm und frühlingshaft und dann wieder ganz scheußlich winterlich ist, so dass man nie weiß, wie man sich am besten anziehen soll (es hat sogar so stark gefroren, dass die Weinbauern weinen), stellt man fest, dass Macron damals eigentlich seinen Abschied von der Politik verkündet hat. Insgeheim vielleicht doch von dem Gefühl beseelt, dass es gar nicht einfach ist, in Pandemiezeiten Politik zu betreiben, hätte er die ganze Chose gern dem Frühlingswetter überlassen und vielleicht nur hier oder da noch ein wenig nachgebessert bei dem, was die schöne Jahreszeit nicht ganz allein fertig brachte. Das heißt: Eigentlich hätte er gern Schönwetter bei der Bevölkerung gemacht mit dem, was von alleine kam – nämlich genau ihm, dem schönen Wetter. Aber dieses kommt und kommt nicht, der Virus bleibt und bleibt, Macron musste wieder beginnen, Politik zu machen, obwohl er doch schon halb dabei gewesen war, sich aus ihr zurückzuziehen.

Covid-19 : pourquoi le retour des beaux jours ne suffira pas à stopper l’épidémie (msn.com)

Die Klimabewegung ist durch dieselben Ereignisse bedeutungslos geworden, die ihr in jedem einzelnen Punkt Recht geben

Bis in die Formulierung hinein wiederholte die Bundeskanzlerin vorgestern in ihrer leidenschaftlichen und umstrittenen Rede im Deutschen Bundestag all das, was uns durch Thunberg, Neubauer, Lech und Co. schon zu den Ohren raus gekommen war: „Mit der Natur kann man nicht verhandeln.“ Dass sie dann fortsetzte: „Die Natur versteht nur eine Sprache, die der Entschlossenheit“, ist zwar ganz richtig, gleichwohl fehlt aber die Fortsetzung, die sie sich sehr wohl von den Klima Aktivistinnen und -aktivisten hätte abschauen können: „… der Entschlossenheit, sich der Natur zu unterwerfen“ – der Entschlossenheit der Demut mithin, die sich von der Vorstellung verabschiedet, wir seien die Ausnahme und vom natürlichen Schicksal aller nicht betroffen.

Penultima Ratio

Ich weiß nicht, ob die Klagen, die Ausgangssperre als verfassungswidrig verbieten lassen wollen, durchkommen werden. Die Chancen dürften sich aber erhöhen, wenn man sie als ultima ratio der Pandemiebekämpfung mit dem korreliert, was als penultima ratio eben auch möglich wäre: dem Aussetzen der kapitalistischen Produktion, wo sie über den lebensnotwendigen Bedarf hinausgeht.

Die Gegenseitigkeit

Wer geimpft wurde, kann trotzdem krank werden. Und nicht nur das: Er kann auch so krank werden, dass er daran stirbt. Es ist dies in den USA gerade konkret zu beobachten. Der Schutz ist kein hundertprozentiger. Richtig zum Schutz wird er erst dadurch, dass auch die anderen sich impfen lassen. Der nicht hundertprozentige Schutz jedes Einzelnen wird, sobald alle ihn haben, zu einem fast hundertprozentigen, denn man schützt sich gegenseitig: nicht perfekt, jeder nur ganz mangelhaft, aber in der Summe eben doch in diesem wunderbaren, beglückenden Umschlag fast total. Ich befürchte nur, dass man dieses Prinzip schon in Bezug auf das Maskentragen nicht gern verstehen wollte. Warum sollte man’s jetzt bezüglich der Impfungen verstehen wollen?

5.800 personnes vaccinées ont tout de même contracté le Covid-19 aux Etats-Unis (msn.com)


Ein bisschen Zynismus, Klimabewegung, Penultima ratio: Wolfram Ette
Der letzte, tödliche Schlag, Schönes Wetter, Gegenseitigkeit: Anne Peiter

Corona 237: Zeitlose Zeit

Anfang März und Mitte April

Ab und zu empfiehlt es sich, zurückzuschauen, im Terminkalender zu blättern und nachzuprüfen, was gewesen ist. Am 3. März sagte der Pressesprecher der Regierung, eine Normalisierung sei Mitte April zu erwarten.

Heute ist der 15. April und es wird gesagt, dass leider der Höhepunkt der »dritten Welle« noch nicht erreicht sei. Aber der 15. April ist doch Mitte April? »Ja«, muss man da antworten, »das ist schon wahr, doch die Mitte des Monats April, von der man ausging, als noch der Monat März war, war die Mitte April von Anfang März und nicht die Mitte des Monats April von Mitte April.«

Man muss demnach einsehen, dass, wenn man Anfang März von Mitte April spricht, man nicht allein Anfang März spricht (was bedeutet, dass man zu diesem Zeitpunkt spricht und zu keinem anderen), sondern dass noch hinzukommt, dass man Anfang März auch vom Anfang März spricht. Damit ist gemeint, dass man Anfang März Auskunft gibt über das, was Anfang März ist, nämlich: über die Hoffnungen, die die Hoffnungen vom Anfang des Monats März sind.

An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage, warum man dann Anfang März nicht gleich nur von Anfang März gesprochen hat, wenn das Sprechen von dem, was Mitte April sein wird, doch ohnehin nur einem Sprechen vom Anfang März gleichkam? Auch hier ist die Antwort ganz einfach, denn Anfang März nur vom Anfang März zu sprechen, wäre eine sehr traurige Angelegenheit gewesen, weil Anfang März eben nur der Anfang März war und nicht schon Mitte April, der Zeitpunkt also, wo alles besser sein würde.

Jetzt sehe ich schon den Einwand kommen, es sei doch aber Mitte April gar nicht besser, man sehe es doch, denn heute sei der 15. April?! Das ist natürlich wahr, aber an diesem Punkt muss man zwecks richtiger Perspektivierung auf das Vorgesagte zurückkommen. Auch wenn unbestritten ist, dass es jetzt, nämlich Mitte April, nicht besser ist als Anfang März, machte man die Situation Anfang März dadurch besser, dass man verkündete, sie werde schon bald besser sein, als sie‹s gerade war, nämlich damals, Anfang März. Wenn die Situation Mitte April besser sein würde als sie’s Anfang März war, strahlte ein bisschen von dem Besseren von Mitte April auf den Anfang des Monats März hinüber und machte ihn so besser, als er in Wirklichkeit war.

Und das Glück bestand eben darin, dass man Anfang März noch nicht wissen konnte, dass es Mitte April auch nicht besser sein würde, denn es war ja noch nicht Mitte April, sondern erst der Anfang des Monats März. Man lebte also von einer Zukunft – hier der Mitte des Monats April –, weil man Anfang März nichts mehr unter Kontrolle hatte, sich aber damit beruhigen wollte, Mitte April werde man die Kontrolle zurückgewonnen haben. Das heißt, man kontrollierte den Anfang März prospektiv, als wäre die Mitte des Monats April schon längst eingetreten: Anfang März war schon Mitte April.

Die einzige Schwierigkeit, die man bezüglich der insgesamt doch sehr gut nachvollziehbaren und begrüßenswerten Projektion hinein in die Zukunft zugeben muss, besteht darin, dass die Verlegung der Beherrschbarkeit in eine sehr nahe Zukunft – hier hinein in die Mitte des Monats April – zu den Gründen zu gehören scheint, die erklären, dass die Mitte des Monats April genauso wenig unter Kontrolle ist wie der Anfang des Monats März. Der vorherrschende Optimismus tritt in Kontrast zu dem, was derselbe Pressesprecher, der Anfang März sprach, Mitte April verlauten lässt, nämlich: »Nous avons encore devant nous des jours très difficiles« (»Wir haben noch sehr schwierige Tage vor uns«).

Dieser Satz beweise deutlich, könnte man nun sagen, dass man realistischer geworden sei, weil der Pressesprecher, anders als Anfang März, wo er nur den Anfang März für schwierig, die Mitte des Monats April hingegen für weitgehend normal erklärte, jetzt, wo man die Mitte des Monats April erreicht hat, nicht gleich hinzufügt, es werde schlagartig alles besser werden.

Doch es gibt ja nicht nur den Pressesprecher, sondern auch denjenigen, für den er spricht, zum Beispiel den Präsidenten, der mitunter auch selbst spricht. Und der hat also, als man, weil der März so schwierig war, einen neuen Lockdown verkünden musste, gleich ein wenig Hoffnung verbreiten wollen und hat daher der Bevölkerung versprochen, Mitte Mai werde die Normalität zurückgekehrt sein.

Es ist nun dieser Satz, der die Begründung für meine Hypothese liefert, dass sich die Zustände, die Mitte des Monats April – also in unsere Gegenwart, nämlich am besagten 15. – herrschen, vor allen Dingen aus dem Umstand erklären lassen, dass man Anfang März zumindest die Mitte des Monats März kontrollieren zu können meinte, sprachlich nämlich. Und wenn einen jetzt, wo weder der 15. April, noch überhaupt die gesamte Mitte dieses Monats unter Kontrolle ist, erneut der Satz begleitet, Mitte Mai werde aber wirklich alles unter Kontrolle sein, weiß man plötzlich auf sehr präzise Weise, dass man nicht nur in, sondern auch von der Zukunft lebt, was dazu führt, dass das, was in und für die Gegenwart – hier den 15. April und seine Folgetage – zu machen wäre, nicht gemacht wird. Die Projektion von Zukunft hat die Stelle der Beschäftigung mit der Gegenwart eingenommen, und so kommt es, dass die Zukunft unablässig der Gegenwart gleicht. Konkret: Der 3. März ist identisch mit dem 15. April, und so wird wohl auch dieser 15. April wieder identisch sein mit dem 15. Mai, der die Mitte des Monats Mai und seine Normalität markiert.

Ich halte es aufgrund dieser Identität für eine unhaltbare Behauptung, wenn die Leute jetzt dauernd sagen und beklagen, die Pandemie sei eine Zeit, in der Zukunftslosigkeit herrsche, in der die Zeit still stehe, in der man sich nicht zu projizieren wisse in ein Morgen. Ich glaube, das genaue Gegenteil ist der Fall. Am 3. März lebte man schon am 15. April, und daraus folgt, dass wir jetzt, nämlich am 15. April, schon den 15. Mai haben. Die Richtigkeit dieser These ist erwiesen durch die Tatsache, dass der 3. März wirklich schon alles enthielt, was die heutige Realität dieses 15. April ausmacht, so dass sicher ist, dass diese unsere Realität auch die des 15. Mai sein wird. Denn wie gesagt: Der 15. Mai ist heute. Man sollte sich also seiner Normalität ebenso erfreuen wie der Möglichkeit, in der Zukunft und auf ihre Kosten zu leben.

Les Français peuvent s’attendre à des jours encore « très difficiles », avertit Gabriel Attal (msn.com)

Anne Peiter

Der große Stumpfsinn

In sprachlichen Wendungen wie derjenigen, dass sich zum Zeitpunkt x die Situation normalisiert haben werde, überhaupt im Begriff der »Normalisierung« manifestiert sich die irre Hoffnung, dass, wenn alle Hoffnung fehl geht, es die Zeit schon richten werde. Die Beliebigkeit, mit der irgendwelche Projektionen in die Zukunft geworfen werden und man mit Behauptungen um sich schmeißt, an deren Wahrheitsgehalt man vielleicht noch nicht einmal in dem Moment glaubte, in dem man sie aufstellte, deutet darauf hin, dass unser Verhältnis zur Zeit durch die Krise in tiefgreifende Unordnung geraten ist. Mochte es letztes Jahr noch so scheinen, als sei die Krise vor allem eine Beschleunigungsmaschine, die in rasender Geschwindigkeit eine Vielzahl von nicht systematisierbaren Zukunftsoptionen freigesetzte, so ist nun an die Stelle das träge Einerlei einer zeitlichen Indifferenz getreten, für die es tatsächlich ganz gleich ist, ob wir den 3. März, den 15. April oder den 15. Mai schreiben. Denn alles fühlt sich gleich an. Alles ist imprägniert mit derselben Ohnmachtserfahrung, dem Gefühl, dass niemand irgendwas in der Hand hat, dass man Binnenereignissen hinterherläuft und immer zu spät kommt. Dass Deutschland im selben Augenblick Rekorde bei den täglichen Impfungen aufstellt, in dem die Ansteckungszahlen förmlich explodieren, passt genau in dieses Bild. Alle sind müde, alle sind einfach nur erschöpft. Ein großer Stumpfsinn hat sich aller bemächtigt, in dem man schon mal die Tage verwechseln kann. Ist die empörte Nervosität des vorstehenden Textes vielleicht fast schon die Ausnahme? Bilden beide Texte zusammen den Neologismus, von dem ich neulich las: »mütend«?

Was Deutschland betrifft, tut der April ein Übriges. Das Wetter ist ein einziges Auf und Ab – wie es im April eigentlich sein sollte. Das heißt, manchmal sind wir im März und manchmal im Mai. So siecht alles dahin wie ein Belagerungszustand, der einfach nicht enden will, die Projektionen dienen nur der Aufhellung des Bildes. Mit Zeit im eigentlichen Sinne, dem Medium also, in dem Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart durch unser Handeln und durch unser Denken miteinander verbunden werden, hat das alles nichts zu tun.

Wolfram Ette

Corona 235: Über die Klugheit

In der Region Occitanie hat die „dritte“ die „erste“ und „zweite Welle“ übertroffen: mehr Kranke auf den Intensivstationen, und die Prognose lautet auf: „weiter steigend“. Vielleicht hat man Glück, und die Übertreffung seiner selbst weitet sich nicht auf das gesamte Land aus. Doch immerhin fördert dieses regionale Beispiel die Frage zutage, wie das eigene Selbstverständnis, das ja doch auf einer gewissen, universellen Idee von Würde beruht, vereinbar ist mit der Tatsache, dass man immer dümmer und dümmer wird, statt wenigstens ein bisschen klüger? Wie kommt es, dass man zwar sehr gut zurückzuschauen versteht, um festzustellen, dass es damals, als es ganz schlimm war, dennoch weniger schlimm war als jetzt, dass man aber gleichzeitig nie die Schlussfolgerung aus diesem Verhältnis zur Vergangenheit zieht, die ein bisschen mehr Klügerwerden für die Zukunft ermöglicht hätte oder, weil’s ja nicht geschehen ist, wenigstens jetzt noch ermöglichen würde?

Mehr und mehr glaube ich, dass die Erfindung der Impfstoffe, ganz so wie die Verschwörungsreligionen sagen, ein immenser Humbug war. Nicht, als ob sie nicht wirksam wären. Anders als besagte Theoretiker glaube ich das schon. Doch es stellt sich zumindest heraus, dass die viel zu frühzeitige Hoffnung, die man in ihre Wirksamkeit setzte, den Kern der Dummheit der letzten Wochen gebildet hat. Man hatte die Impfstoffe nicht, doch man lebte, als habe man sie schon. Der Kauf war getätigt, und so war’s, als sei die Lieferung schon gegeben. Doch Kauf ist, wenn Rarheit herrscht, eben nicht, wie sonst auf dem Markt üblich, identisch mit kompletter Verfügbarkeit. Und so ist der Hoffnung der Vorwurf zu machen, das bald Verfügbare schon für präsent zu erklären. Man verwechselte Hoffnung und das Eingekaufte und machte so aus der ersteren eine Ware, die gar nicht auf den Markt der Notwendigkeiten passte, die man hätte wahrnehmen und auf die man hätte reagieren müssen.

Anne Peiter

Coronavirus en Occitanie : Il n’y a jamais eu autant de patients en réanimation (msn.com)

Corona 234: Blinde Gegenwart

Die Erleichterung

Chile und die USA machen es vor: Die Impfkampagnen schreiten rasch voran, doch parallel dazu, kommt es zu steigenden Ansteckungen, die nicht allein – wie im Falle Chiles – auf die geringe Wirksamkeit des chinesischen Impfstoffes zurückgeführt werden, sondern auch und nicht zuletzt auf die Erleichterung darüber, dass geimpft wird und man nicht mehr so aufpassen muss.

Aber darin liegt genau der Fehler: Die Erleichterung kommt zu früh, sie kommt zu massiv, sie kommt, weil so massiv geimpft wird und man dies mit berechtigter Freude beobachtet. Woraus wieder einmal folgt, dass doch nichts so viel Anlass gibt, um optimistisch in die Zukunft zu blicken, wie eine gehörige Portion Pessimismus, gemischt mit: warten können, sich selbst historisch sehen, die Vergangenheit im Hinterkopf behalten, nicht nur die sich neu öffnende Zukunft. Denn ohne dies schließt sie sich sofort wieder.

Covid-19: cinq États concentrent la moitié des nouveaux cas aux États-Unis (msn.com)

Anne Peiter

»Sich selbst historisch sehen«

1989, in den Wochen und Tagen der Wende, bewegte sich der Dokumentarfilmer Thomas Heise durch Berlin. Er filmte drauflos, aufs Geratewohl, ohne zu wissen, ob das von ihm festgehaltene von Bedeutung sei. Das Material, von dem ein Teil in seinem gleichnamigen Film über die Wende Eingang fanden, war Zelluloid. Gefragt, warum er diesen Aufwand getrieben habe – die die digitale Filmtechnik war ja, was die magnetische Aufzeichnung betrifft, nicht mehr in den Kinderschuhen – antwortete er, Zelluloid habe, wenn man es sachgemäß lagere, eine Haltbarkeit von 500 Jahren. Die Aufnahmen seien in dem Interesse entstanden, zukünftigen Generationen dieses dokumentarische Geschenk zu machen, ohne zu wissen, ob es das überhaupt wert sei und ob es von ihnen angenommen werden würde.

Das weiß man tatsächlich nicht. Aber ich finde den Gedanken, etwas mit dem antizipierten Blick von Menschen festzuhalten, die in 500 Jahren leben, sehr faszinierend. Auch das ist Säkularisierung. Wir sehen uns nicht mehr mit dem strengen Auge Gottes, sondern mit dem vielleicht nicht weniger strengen diejenigen, die nach uns leben. Die Wirkung der metaphysischen und der historischen Transzendenz ist aber dieselbe: ich distanziere mich von mir selbst, blicke mit fremdem Blick auf eine fremd gewordener Gegenwart, und kann, zumindest in der Vorstellung, vielleicht doch ein wenig von dem antizipieren, was wichtig ist und was nicht.

Nur durch den Schritt zurück oder nach vorn, nur durch den Blick von oben oder aus der Zukunft kann etwas gelernt werden. Nichts anderes meint Reflexion. Umgekehrt wirken die Politikerinnen und Politiker vieler Länder im Augenblick wie eine aufgescheuchte Herde, die panisch fliegt, ohne etwas zu erinnern oder zu antizipieren. Sie taumeln von Augenblick zu Augenblick, oder, wie es bei Hölderlin heißt: »Blindlings von einer | Stunde zur andern, | Wie Wasser von Klippe | Zu Klippe geworfen, | Jahr lang ins Ungewisse hinab.«

Wolfram Ette

Corona 233: Aprilscherze

Man darf sich erleichtert fühlen: Der reiche Antiquitätenhändler, der mit einem Aprilscherz eine Regierungskrise auslöste, weil er behauptet hatte, Minister speisten, gemeinsam mit ihm, im Palais Vivienne in klandestiner Fröhlichkeit, ist, nachdem er zwecks polizeilicher Befragung auf die Wache musste, wieder auf freiem Fuß und kann also Zeugnis geben davon, dass seine Lebensfreude nur noch gestiegen ist:

„Bonne nuit les amis !!! Après cette semaine de folie … j’ai Dîné (sic!) tranquille au Palais Vivienne !!!!!“ („Gute Nacht, liebe Freunde!!! Nach dieser verrückten Woche… habe ich geruhsam im Palais Vivienne zu Abend Gespeist (sic!)!!!!)

Und weiter:

„De Moscou à New York le monde entier connaît à présent le palais Vivienne !!! Alors pourquoi pas vous !!!! Venez le découvrir vous aussi.“ („Von Moskau bis New York kennt jetzt die ganze Welt den Palais Vivienne!!! Warum nicht ihr auch!!!! Kommt und entdeckt auch ihr ihn.“)

Neben flach zusammengelegten Händen und der französischen Flagge, die in großer Fülle als patriotisches emoticons in die Twitter-Nachricht eingefügt sind (der Mann ist ein Bewunderer Napoleons), scheint mir bemerkenswert vor allen Dingen die Interpunktion dieses denkwürdigen Dokuments zu sein – ein Dokument, das von einem komplexen Selbsterkenntnisprozess in Pandemiezeiten zeugt. Da verstärkt ein Aprilscherz (sofern’s denn einer war) das allgemeine Misstrauen gegenüber der Regierung; da entsteht der Eindruck, dass „die da oben“ alles dürfen und niemals dafür belangt werden; da zirkulieren die heißesten Gerüchte zu der Frage, welche Minister wohl mit diesem Buffone ihre Champagner-Gläser gehoben, die Gabeln gekreuzt, sich den Kaviar ins Maul geschmiert und das Gelächter über die Toten angestimmt haben könnten, die an diesem Tag beerdigt werden mussten, aber der Mann, der weiß, was man am 1. April tun darf, macht auch noch am 10. April, gleich nach seiner Freilassung, weitere Scherze, versieht diese großzügig mit Ausrufezeichen, denn er weiß: So eine billige Werbung für seinen Palais kriegt er nie wieder! So viel Kundschaft wie die Polizei hat ihm noch niemand zugetrieben! Er ist einfach so aus dem Häuschen vor Freude darüber, wie viele Leute ihn jetzt lesen werden, dass er die Aufforderungen, doch vorbeizukommen, gleich an die ganze Welt richtet, seine Übereinstimmung mit einer internationalen Elite zu erkennen gebend, die einhellig findet, mit dem Kaviaressen könne man wirklich nicht länger warten (zumindest nicht, wenn so hohe Festtage anstehen wie der 1. April).

Man verschanzt sich also hinter dem Recht auf Humor, man führt seine gute Laune und sein ebenso gutes Gewissen vor, gibt sich als Lebemann, der so heißt, weil er zu leben versteht, man pünktelt die Ausrufe, weil man nur mit erhobener Twitter-Stimme die wachsende Zahl derer erreichen kann, die finden, er habe total recht – und indes liegen die Covid-Kranken auf den Intensivstationen, geht der 1. April vorbei und auch der 10., weil man noch immer nicht weiß, ob sie’s überleben werden.

Und ich gehe jetzt ins Bett und lese Karl Kraus’ Passagen zum „tragischen Karneval“.

Anne Peiter

https://www.voici.fr/news-people/actu-people/photo-pierre-jean-chalencon-a-peine-sorti-de-garde-a-vue-il-nargue-ses-detracteurs-701423

Corona 232: Über Daten, Versprechen, Geschichte

Der Kalender / il calendrier

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Kalendern unterscheiden. Es gibt den Terminkalender, in den einmalige Ereignise eingetragen werden. Und es gibt den „ewigen Kalender“ der im Kern ein Festkalender ist, verankert in der mythischen Zeit. In ihm sind die Geburtstage, die hohen Feiertage, oder eben auch die Mondphasen – letztes Residuum des Bauernkalenders – zu finden.

Der Kalender ist ein mächtiges Instrument der Vergesellschaftung. Als Terminkalender koordiniert er ‚horizontal‘, also auf gleicher Ebene, die Individuen miteinander – zum Zweck der Kooperation. Als ewiger Kalender dagegen koordiniert er die individuelle Zeit nicht mit der Zeit der anderen, sondern ‚vertikal‘ mit der überindividuellen, der mythischen Zeit, die eigentlich keine Zeit ist, weil sie die Zeit in der Wiederholung aufhebt. Denn Festtage wiederholen sich nicht in dem Sinn, dass man sie abzählen könnte. Es ist vielmehr immer ein und dasselbe Ursprungs- und Gründungsereignis, das fortlaufend wiederkehrt und die Zeit je und je von neuen beginnen lässt. 

Davon gibt es im Kalender aber viele. Und diese Ansprüche in der Mehrzahl – hinter jedem Festtag steht ein Heiliger, ein Gott oder eine Göttin, deren Ansprüche befriedigt werden müssen – werden zeitlich miteinander koordiniert. Der Kalender ist ein Instrument der Systematisierung durch Zeit. Die verschiedenen Ursprungsereignisse konkurrieren, aber sie vertragen sich im Kalender auch miteinander und schaffen insgesamt ein blasses Hintergrundrauschen von ’Bedeutsamkeit’. Verschiedenen Ursprünge werden in einem Zusammenhang gebracht, in dem ihre Widersprüche erträglich sind, und ihre Geltungsansprüche relativiert werden.

Ein Taschenkalender oder ein Kalender, wie er im Smartphone sich findet, bringen die individuelle Zeit, die gesellschaftliche Zeit, und die mythische Zeit in einer simultanen Anordnung zusammen. Man kann einzelne Tage, Wochen, Monate und sogar ein ganzes Jahr überschauen. Sie koordinieren uns miteinander, und sie koordinieren das, was über uns hinausgeht und mehr ist als wir. Sie koordinieren Fortschritt und Stillstand, das, was sich verändert und das, was bleibt.

Die Frage ist nun: Was für einen Kalender mag Emmanuel Macron im Sinn gehabt haben, in welchem Sinne sprachen die Journalisten von dem Kalender, der er „verkündet“ habe. Die Formulierung, er, Macron, habe den Kalender „verkündet“ oder „verkündigt“ (annoncé) lässt aufhorchen. Es ist dasselbe Wort, mit dem die Jungfrau Maria von der Geburt ihres Sohnes in Kenntnis gesetzt wird, mit der auch eine neue Zeit, ein neues Evangelium und ein neuer Kalender in die Welt kam, mit dem also eigentlich – wie es denn eigentlich der Anspruch von Religionsgründungen ist – der gesamte Vermittlungszusammenhang von Himmel, Mensch und Erde im Namen einer neuen Zeit.

Ist es dieser Anspruch, mit dem Macron, wie immer versteckt und ermäßigt, hier auftritt? Wenn nichts hilft, hilft ein neuer Kalender, der eine eine neue Zeit verkündet. Seine Verkündigung ist von blassem sakralem Pathos umgeben; das eben soll die Bevölkerung zu der Anstrengung beflügeln, die nötig sein wird, um dem Kalender zu entsprechen. Denn ein Kalender ist mehr als alles andere: gesollte Zeit, also Norm und Vorschrift, der man sich peinlich genau zu fügen hat, wie es in den alten Ritualkalendern vorgeschrieben wird. Und zwar sowohl im Einzelnen wie in der zeitliche Abfolge der verschiedenen Feste. Dann hat das Leben einen Sinn, mit dieser Autorität im Rücken werden wir die Pandemie ‚besiegen‘, ‚Herr über sie werden‘ oder sie ‚meistern‘, je nachdem. 

Wolfram Ette

*

D’ici fin avril

Das ist eine ganz merkwürdige Formulierung im Französischen, die Geographisches und Zeitliches zusammenführt: „d’ici fin avril“ heißt wörtlich „von hier bis Ende April“, meint aber schlicht „vor Ende April“ oder, besser noch : „im Laufe des Monats April“.

Man findet ein konkretes Verwendungsbeispiel bezüglich der Impfungen, die der geplagten, französischen Lehrerschaft in Aussicht gestellt werden: „von jetzt bis Ende April“ werde sie sich schützen können. Aber das ist schlecht übersetzt und heißt keineswegs, dass die Impfung für jeden Einzelnen so lange dauert. Vielmehr wird ein grober, zeitlicher Rahmen abgesteckt, und der besagt (wie gesagt), dass es irgendwann im Laufe des Monats April so weit sein wird.

Der Vorteil des Französischen gegenüber dem Deutschen besteht nun darin, dass die Deutschen, sprachbedingt, unwillkürlich an den ganzen Monat April denken, während die Franzosen, wenn sie nur gehörig optimistisch sind, den Akzent auf das Wort „ici“ (= „hier“) legen können, was implizieren würde, dass es „hier und jetzt“ mit dem Impfen losgeht, d.h. sofort, auf der Stelle.

Aber das sagt der Schulminister natürlich gar nicht. Er macht sich das Französische nur zunutze, und die Realität wird darin bestehen, dass es vielleicht – vielleicht! – Ende April losgeht, denn „hier und jetzt“ ist gar nicht daran zu denken. Man beschränkt sich nur darauf, die Leute daran denken zu lassen, in der Hoffnung, dass sie das „Hier“ recht deutlich fühlen und verstehen mögen: „Die Rettung naht in großen Schritten.“ Aber den Schritt bis Ende April muss man wenigstens noch tun, denke ich mir, denn die bisherige Benutzung des Wortes „hier“ ist bisher noch immer Lügen gestraft worden.

Aber das ist natürlich gar nicht die Schuld des Ministers selbst, sondern eine Eigentümlichkeit der französischen Sprache, die mir aus diesem Grunde desto suspekter wird, je mehr ich mit den Realitäten konfrontiert bin, die sie hervorbringt.

Anne Peiter

*

Brückenlockdown

Ja, Brücke zu was? Stairway to Heaven – ins gelobte Land, in dem wir alle eine durchgeimpfte Herde sein werden; in der wir produzieren und konsumieren, dass es kracht und das Bruttosozialprodukt kocht? Was ist fällig? Was brauchen wir jetzt und bald? Ein neues Wirtschaftswunder! Der Weg dorthin ist schmal und führt über einen Abgrund, durch Heulen und Zähneklappern. Wir werden Disziplin brauchen, um dort anzukommen.

Wie immer: Die Brücke, die er uns baut, soll die Brücke in ein gelobtes Land sein, in dem die Immunität gegen Corona, das Wirtschaftswunder, und die Rückkehr zur gesellschaftlichen Normalität mit seiner Kanzlerschaft zusammen fallen würden. Aber ergibt diese Verkoppelung einer Gegenwart, in der den Hausarztpraxen für die aktuelle Woche gerade einmal 26 Impfdosen pro Praxis zur Verfügung gestellt werden können, mit einer verheißenen Zukunft, in der wir all diese Mühen lang hinter uns gelassen haben werden, wirklich Sinn? Das, wovon Laschet spricht, wirkt wie eine Brücke, die nur vom einem Ende her, also von der Zukunft in die Gegenwart gebaut werden würde, nicht umgekehrt oder nicht, wie es normalerweise geschieht, von beiden Enden gleichzeitig. Es ist leere Rhetorik, die das verhindert, was sie ankündigt, nämlich eine Brücke zu konstruieren, die aus der Gegenwart in eine Zukunft führt, die dadurch mit der Gegenwart verbunden wäre, dass sie die Lehren nicht ausschlägt, die diese uns aufdrängt.

Die wichtigste dieser Lehren besteht darin, dass es die prosperierende Normalität, von deren Rückkehr wir träumen, nicht geben wird; dass also die Zukunft eine echte Zukunft ist und nicht bloß die wiedergekehrte Vergangenheit; dass also der Kreis der kapitalistischen Selbstreproduktion sich nicht schließt und nicht schließen darf, wenn wir verhindern wollen, dass Vergangenheit und Gegenwart sich unabsehbar in die Zukunft verlängern und unser Leben immer unwirtlicher machen wird. Also, der Brückenlockdown als Unterbrechung, die tatsächlich den Brückenweg in eine andere Zukunft bahnen könnte, eine Zukunft, die keine Wiederkehr des Zustands ist, in dem die Pandemie heraufbeschworen wurde und entstand: das wäre ein Gedanke, mit dem ich mich anfreunden könnte; Das wäre die Wahrheit, die Armin Laschet ausgesprochen hat, ohne sie zu intendieren; das wäre die Wahrheit der von ihm produzierten Ideologie.

Aber das hat er nicht gemeint, und so wirkt die Brücke eher wie die am Kwai: wie die letzte Verteidigungsstellung eines Ist-Zustandes, der in Wahrheit schon verloren ist und nicht wiederkommen wird; nicht als Weg in die Zukunft, sondern als Symbol einer Vergangenheit, die bereits Vergangenheit geworden ist, an deren ewige Wiederkehr mit einer verbissenen Selbstverständlichkeit geglaubt wird, als hätte man vergessen, dass das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem wir leben, gerade einmal 400 Jährchen alt ist (und in vielen seiner Erscheinungsformen nicht älter als 200 Jahre), was zivilisations- und evolutionsgeschichtlich natürlich ein absoluter Witz ist, von dem sich mehr und mehr herausstellt, dass es wirklich ein Witz war; ein Neben- und Seitenweg, der in einer Sackgasse endet; ein Fehler, den wir, so gut es jetzt noch geht, korrigieren müssen.

Wolfram Ette


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Das Versprechen

Ende März hatte der Präsident angekündigt, die Lehrer:innen würden ab Mitte April geimpft werden können. Jetzt verschiebt sich das Ganze nach hinten – vermutlich Richtung Mitte Juni. Dann sind Lockdown und Schulschliessung längst vorbei, und die Forderungen der Lehrerschaft, die auf die dramatischen Ansteckungen in den Schulen verwies, werden wieder einmal nicht erfüllt. Eigentlich war das schon abzusehen gewesen, denn Macrons Formulierung „d’ici fin avril“ war so wunderbar offen und vage gewesen. Doch nicht vage genug, wie man jetzt sieht: Er hätt’s noch anders formulieren müssen. Aber dann hätte es wiederum bei den Lehrer:innen nicht beruhigend gewirkt, und darum musste er trotzdem vom April sprechen.

Anne Peiter

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Rückkehr zur Normalität

Wenn von der „Rückkehr zur Normalität“ gesprochen wird, so als ginge es ums gelobte Land, so frage ich mich, wie man es sich konkret vorstellt. Denn den Tag X, an dem wir sagen werden: „Bis gestern war alles unnormal, ab heute ist es wieder normal“, diese Zäsur also, mit der die Krise für beendet erklärt werden wird – die wird es nicht geben. Rückkehr zur Normalität kann nur Normalisierung heißen. Und das heißt einerseits, dass wir allmählich und in gewissem Umfang in den status quo ante zurückkehren werden, und dass wir uns andererseits an das, was nie wieder so sein wird wie vorher, gewöhnen werden. Normalisierung hat also eine objektive und eine subjektive Seite. So sagen viele, dass sie auch dem „Ende“ der Coronakrise weiterhin eine Maske in der Öffentlichkeit tragen würden. Ich weiß nicht, ob sie’s wirklich tun werden, aber dass sie’s sagen, ist ein bedeutungsvolles Indiz dafür, dass sie ans „Ende“ in einem datierbaren Sinn eigentlich nicht glauben und annehmen, dass unser Leben sich durch Corona in einer nicht zurückzunehmenden Weise verändert hat. „Das neue Normal“, dieser unmögliche Ausdruck, bezeichnet dennoch etwas Richtiges: dass etwas, das nicht normal war, nun normal werden kann, indem wir uns daran gewöhnen und nicht mehr darüber nachdenken. Etwas, das zuvor auffällig war, sinkt nun zum Reflex ab; etwas, das wir mühsam erlernten, wird zum automatisierten Ablauf: das Essen mit Messer und Gabel, eine fremde Sprache, ein Musikstück oder eben das Tragen einer Maske und das Einhalten eines Mindestabstands zwischen zwei Menschen.

Wenn die Politik nun wieder und wieder Termine vorgibt, wenn Armin Laschet nach Tagen des Nachdenkens (viel belacht unter dem Hashtag #laschetdenktnach) mit seinem Brückenlockdown herausrückt, der doch ebenfalls vor der Vorstellung eines jenseitigen Ufers lebt, des festen Landes, das Balken hat, Grund, auf dem wir stehen können, so schlagen sie wieder einmal das, was viele Menschen eigentlich schon wissen, in den Wind: dass nämlich Corona in unser bisherigen Leben in einer grundsätzlichen Weise eingegriffen hat, dass also die „Rückkehr zur Normalität“ einen kontinuierlichen Lernprozess einschließt, demzufolge es keine Rückkehr sein wird; dass wir nur dann das andere Ufer erreichen werden, wenn wir uns klar machen, dass der Boden schwankend bleibt, dass es einen festen Grund wie den, der uns zuvor zu tragen schien, nicht mehr gibt; dass wir also die Brücke erst dann verlassen, wenn wir begriffen haben, dass wir sie so richtig nicht mehr verlassen werden.

Wolfram Ette


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Das Datum

„À quelle date la pandémie prendra-t-elle fin ?“

Es gibt Fragen, die sind so süss, dass man sich regelrecht entwaffnet fühlt: „An welchem Datum endet die Pandemie?“ Das ist der Titel eines Artikels, und fast wagt man, obwohl man sich angesprochen fühlt, nicht die Antwort zu geben, die die einzig mögliche ist, nämlich: dass die Frage an sich schlecht gestellt ist. Sie zeigt einfach zu gut, was die Herzen wirklich bewegt, was das Denken in Terminkalendern anrichtet, was überhaupt von der Krise „hängen geblieben“ ist, nämlich: NICHTS. Die Krise hat begonnen, sie wird auch enden, dann oder dann, an dem Datum oder, wenn’s unbedingt sein muss, auch an einem anderen, späteren. Aber enden muss sie, und auf festlegbare Weise. Und zu befürchten ist, dass sie sich, weil so gefragt wird, verlängern wird.

Anne Peiter


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Zur Macrons ‚calendrier‘: (vgl. https://wolframettetexte.wordpress.com/2021/04/05/corona-227-kalendergeschichten/)

Klaus Heinrich über Hesiods Arbeits- und Festkalender, in: anthropomorphe. Zum Problem des Anthropomorphismus in der Religionsphilosophie (Dahlemer Vorlesungen, Bd. 2), Basel / Frankfurt am Main 1986, 124 ff.

Paul Ricoeur, Zeit und Erzählung, Band 3: Die erzählte Zeit, München 1991, 166 ff. (‚Die kalendarische Zeit‘)

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/face-au-covid-blanquer-d%C3%A9fend-l-ouverture-des-%C3%A9coles-%C3%A0-sa-mani%C3%A8re-et-%C3%A7a-ne-passe-pas/ar-BB1f3E4m?ocid=msedgntp

https://www.liberation.fr/societe/education/la-vaccination-des-enseignants-encore-repoussee-20210407_CHPNBUVFQNFBLHU6E3M6YZ2XRY/

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/%C3%A0-quelle-date-la-pand%C3%A9mie-prendra-t-elle-fin/ss-BB1f4ty1?ocid=msedgntp

Corona 231: Verkehrte Welt

Meine Tante ist schätzungsweise die erste, die unser erstes Corona-Buch ganz gelesen hat. Sie findet es stellenweise zu pessimistisch. Aber, so sagt sie, ich bin ja schon 80 und werde bald sterben; ihr seid jung, wie viel mehr Grund habt ihr, pessimistisch in die Zukunft zu blicken!

Bei Hesiod heißt es von den Kindern des letzten, eisernen Zeitalters, in der Schreckensvision einer gottverlassenen Welt, in welcher der gesamte soziale Zusammenhang sich auflöst, dass die Kinder »bei ihrer Geburt schon graue Schläfen bekommen« (Werke und Tage, Vers 180). So steht es bei uns. Die Kinder, angeführt vielleicht von eine jung-Grauhaarigen wie Greta Thunberg, sind die Greise von heute, angefüllt mit düsteren Zukunftsaussichten; sie rufen auf zu dem, wozu normalerweise die alten aufrufen: zu Maß und Verzicht. Und wir, die Alten, sind es, die sich verhalten wie Kinder. Wir ballern die Ressourcen raus, als hätten wir davon unendlich viele, wir verschulden uns unablässig gegenüber der Zukunft, die unseren Kindern, den geborenen und den ungeborenen gehört. Und gerade die Pandemie zeigt, dass wir zu der Klugheit, die unsere Kinder uns abverlangen, nicht befähigt sind. To have the cake and eat it, Fressen und gleichzeitig Abnehmen, Bulimie als gesellschaftlicher Dauerzustand, Lockdown, aber light. Es ist eine verkehrte Welt, in der diejenigen, die Optimisten sein sollten, die Pessimisten sind, und in der umgekehrt sich die Pessimisten auf die Gnade der frühen Geburt berufen, und der Ansicht sind, dass es nach dem Tod schon nicht so schlimm sein wird wie im Leben. Eine verkehrte Welt, in der Erwachsenwerden nicht Mäßigung, nicht Innewerden der eigenen Endlichkeit bedeutet, sondern das Erlernen von Vergeudung und die innerliche Aneignung eines Zustands, in dem die Selbstzerstörung zur systemrelevanten Größe geworden ist. Eine Welt, die noch einmal Hesiod, 700 v. Chr., insgesamt so beschrieben hat:

Dann wird Zeus auch dieses Geschlecht der Menschen vernichten,
wenn sie bei ihrer Geburt schon graue Schläfen bekommen.
Nicht der Vater den Kindern ähnlich, und sie nicht dem Vater.
Nicht wird Gast den Gastwirt, Gefährte nicht den Gefährten,
nicht der leibliche Bruder lieb wie’s früher gewesen …
Faustrecht gilt, da der eine die Städte des andern zertrümmert.
Nicht wird Eidestreue gewürdigt, nicht erntet die Güte,
nicht die Gerechtigkeit Dank, der maßlos frevelnde Täter
steht viel höher in Ehren; denn Fäuste sind Trumpf, und die Ehrfurcht
gibt es nicht mehr. Es schadet der Böse dem besseren Mann,
spricht auf in ein mit krummen Worten und schwört einen Eid drauf.
Neid verfolgt sie alle, die unglückseligen Menschen,
widerlich dröhnend und schadenfroh und finsteren Blickes.
                                                                         … nur trauriges Elend
bleibt den sterblichen Menschen und nirgends ist Abwehr des Unheils.

— und damit einen frühen Entwurf der zahlreichen apokalyptischen und postapokalyptischen Serien geliefert hat, die unsere Gegenwart von unten beleuchten. Glaubt denn ihr, diese Serien seien populär, weil die Menschen per se, durch ihre unveränderliche anthropologischen Verfassung, nach Katastrophen gieren würden? Weil nichts schöner und unterhaltsamer ist als den Zerfall der Gesellschaft in einzelne Horden zu betrachten, die gegeneinander und mit einer auf den Kopf gestellten Natur (z.B. in den Zombie-Serien) ums Überleben kämpfen? Nein, diese Sachen haben Erkennntiswert: Es ist unsere Gesellschaft, unsere Verfassung, die diese Kollektivfantasien süchtig hervorklaubt und gebiert, die der Angst vor der Katastrophe immerhin eine Form zu geben versuchen. Es ist unsere verkehrte Welt, die die Alten jung macht und die Jungen alt, und im allgemeinen Sterben auch die Toten lebendig werden lässt.

Wolfram Ette

Corona 230: Klandestine Diners

Ein Fernsehbericht über geheime Luxusdinner trotz Corona-Pandemie sorgt in Frankreich für Wirbel – und für Ermittlungen der Justiz. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete am Osterwochenende eine Untersuchung ein. „Ziel der Untersuchung ist es, zu überprüfen, ob Partys unter Missachtung der Gesundheitsvorschriften organisiert wurden und zu ermitteln, wer die Organisatoren und Teilnehmer gewesen sein könnten“, hieß es. In dem TV-Bericht des Senders M6 entrüstete besonders eine Aussage. „Ich habe diese Woche in zwei oder drei Restaurants gegessen, die sogenannte illegale Restaurants sind, mit einer Reihe von Ministern“, sagt ein Mann, der als Organisator einer geheimen Party vorgestellt wird. Der Anwalt des Mannes betonte, dass dieser das scherzhaft gemeint habe. Er hätte einen „Sinn für das Absurde“, sagte er der französischen Nachrichtenagentur AFP. In dem Bericht, der am Freitagabend ausgestrahlt wurde, wird ein geheimes edles Restaurant in Paris gezeigt, das trotz der Corona-Maßnahmen geöffnet hat. In Frankreich sind die Restaurants Ende Oktober wegen der Pandemie geschlossen worden. „Menschen, die hierher kommen, nehmen ihre Masken ab“, sagt ein unkenntlich gemachter Mitarbeiter. „Wenn Sie hier einmal durch die Tür sind, gibt es kein Covid“. Der Bericht zeigt außerdem ein Fest in einem edlen Etablissement, bei dem die Menschen ebenfalls keine Masken tragen und keine Abstandsregeln einhalten.

Humor

Der Koch, der im Verdacht steht, illegal großartige Essen organisiert und im exquisiten Rahmen Minister empfangen zu haben, gibt, den Umweg über seinen Anwalt nehmend, an, sein Satz, er erwarte diese Art von Gast, sei nur ein Scherz gewesen. Der Anwalt formuliert’s für ihn, sagt, um ganz genau zu sein, sein Klient habe

„schon immer den Humor geschätzt […]. Wenn er präzisiert, mit Ministern in illegalen Resaurants zu speisen, dann erweist sich, dass er sehr gekonnt mit dem Sinn des Absurden umgeht…“ („… a toujours apprécié faire de l’humour […]. C’est ainsi que quand celui-ci précise qu’il dîne avec des ministres dans des restaurants clandestins, il manie avec brio le sens de l’absurde…“).

Dass der Humor einen Skandal ausgelöst und das eh bestehende Misstrauen gegenüber der Regierung weiter verstärkt hat, steht nicht in Frage. Dass der Humor (wenn’s denn einer war) zur Unzeit kommt, auch nicht. Ungelöst bleibt trotzdem die Frage, in welchem Verhältnis Humor und Ernst in dieser Zeit stehen. Der Koch hält’s für absurd, dass man meinen könnte, er speise mit Ministern oder die Minister mit ihm. Aber so absurd ist das gar nicht, denn immerhin ist man in einer allgemeinen Tristesse angekommen, in der zumindest für möglich gehalten wird, dass solch freudiges Beisammensein auf höchster Ebene nicht ganz auszuschliessen ist.

Insofern liegt die Absurdität mehr bei denjenigen, die nicht den Ernst ermessen, mit dem die Bevölkerung der Regierung auf die Finger schaut. Nur weil man glaubt, es könnten Witze noch als Witze verstanden werden, macht man sie, und nur darum muss man sich dann wundern, dass das, was man für humorig hielt (oder im nachhinein ausgibt), zu sehr ernsten Dementis Anlass gibt, die zeigen, dass der Humor jetzt ganz vom Ernst verdeckt ist. Nichts da von „Humor bewährt sich in der Krise“! Das Gegenteil gilt: Die Krise bewährt sich, weil man noch humorig über sie sprechen zu können glaubt.
Als besondere Zumutung erweist sich dann aber die Beteuerung, der Klient – also der Koch, in dessen Namen der Anwalt spricht – habe nicht nur mit Absurditäten herumgespielt, sondern dies überdies noch mit besonderer „Gekonntheit“ getan. Fast ist’s, als müssten wir ihn dafür besonders bewundern: für seinen „Esprit“, für seinen Einfallsreichtum, für seine Fähigkeit, uns alle zum Lachen zu bringen.

Wenn der Koch im Bereich von Humor und Witz besonders „gekonnt“ vorgeht, stehen wir als diejenigen, die nicht zu lachen vermögen, gleichsam als die ernsten Tröpfe da: Leute, die von den Töpfen, in denen der Witz brodelt, keinen blassen Schimmer haben, Leute, die alles für bahre Münze nehmen (nämlich die Münze, die man mit solchen Dîners verdienen kann), Leute, die so absurd sind, zu glauben, die behaupteten Absurditäten seien’s gar nicht.

Surtout

Der Antiquitätenhändler, der durch seinen Witz über die Beteiligung von Ministern an illegalen Restaurantbesuchen eine Welle der Empörung ausgelöst hat, ist weiterhin bemüht, sich zu verteidigen:

„Bien évidemment, je n’ai jamais organisé aucune soirée clandestine, surtout pas avec des ministres.“(“Natürlich habe ich niemals irgendeine illegale Abendveranstaltung organisiert, vor allen Dingen nicht mit Ministern.“)

Wenn die überarbeitete Polizei es wünscht, kann ich ihr bei dieser Geschichte gern mit einer sprachlichen Expertise zur Hand gehen. Ich würde diese auch gratis liefern, denn der Fall ist in der Tat schnell gelöst: Wenn da ein Antiquitätenhändler, der grösster Fan ist von Napoléon Bonaparte, das Wort „surtout“ benutzt (also „vor allen Dingen), dann weiss man zwar noch nicht wirklich, ob er die Wahrheit spricht, wenn er sagt, mit Ministern habe er nie gespeist, doch dass er auf jeden Fall mit anderen Leuten illegal gespeist hat, das hat er in aller Öffentlichkeit und ohne auch nur mit der Wimper über das unglückselige Wort zu zucken, das ihm da in die Verteidigung gerutscht, zugegeben.

Auf dem Laufenden sein

Der Pressesprecher der Regierung, der erklärt, er habe an illegalen Restaurantbesuchen nicht teilgenommen, musste dennoch zugeben, er habe eine Einladung zu einem solchen bekommen. Jetzt wird diskutiert, warum er diesen Hinweis nicht aufgenommen und für die Untersuchung der Sache gesorgt habe. Dass er’s abgelehnt habe, sei allein nicht ausreichend: Auf dem Laufenden über die Existenz solcher schicken Restaurants und ihrer klandestinen Öffnung scheint er ja gewesen zu sein, das hat zu seinem Leidwesen eine Kollegin der Presse gegenüber durchdringen lassen.
Man hört darum Kommentare wie:

„A minima Gabriel Attal a un peu couvert ce repas clandestin, et moi ça me gêne.J’aurais préféré qu’il aille jusqu’au bout: si vraiment il a été invité, qu’il a décliné l’invitation, en disant on est en période de pandémie c’est interdit, il va jusqu’au bout, il avertit le ministre de l’Intérieur. C’est ça qu’on pourrait reprocher à Gabriel Attal.“ (“Es ist zumindest so, dass Gabriel Attal dieses klandestine Essen bedeckt gehalten hat, und das stört mich. Ich hätte lieber gesehen, dass er konsquent war: Wenn er wirklich eingeladen gewesen ist und die Einladung mit dem Hinweis darauf abgelehnt hat, in Pandemiezeiten sei das verboten, hätte er konsequent sein und den Innenminister informieren müssen. Das ist, was man Gabriel Attal vorwerfen kann.“)

Doch der Pressesprecher, der so in der Presse von sich sprechen lässt, fällt noch immer aus allen Wolken: Er hat’s (wenn’s stimmen sollte) ja abgelehnt, das Verbot zu übertreten, und was daran sein soll, dass andere es übertraten, das ist ihm nicht recht begreiflich zu machen. Das aber verweist darauf, dass er’s so ungewöhnlich denn doch nicht findet, dass man, wenn man hochplatziert ist, etwas übertritt, was verboten ist, denn sagen kann man ja immer noch, man selbst habe beim Übertreten nur zugesehen, was durchaus nicht dasselbe sei wie Mitmachen. Nur muss man ihm entgegenhalten, dass Zusehen, wenn man so hochplatziert ist, eben doch dem Mitmachen gefährlich nahe kommt, zumindest dann, wenn man glaubt, es reiche der Öffentlichkeit aus, wenn man beteuert, man sei ja nur eingeladen gewesen, mehr aber auch nicht. Der Pressesprecher der Regierung scheint sich, so wird deutlich, in Kreisen zu bewegen, in denen es als ganz normal und ungefährlich erscheint, hochplatzierte Leute in ebenso illegale wie qualitativ exquisite Restaurants einzuladen. Allein die Einladung gewährt schon Einblicke in die Normalität einer Welt, die sogar dann nicht normal ist, wenn man sich an die Verbote wirklich gehalten hat. Und das kann ja, trotz allem, sein.

Gerüchte

Der Innenminister beklagt sich, die Gerüchte rund um die mögliche Teilnahme von Ministern an illegalen Mahlzeiten in Luxusrestaurants gefährdeten die Grundlagen der Demokratie. (Er beschwert sich: „la rumeur qui sape les fondements de la démocratie“.)

Gern würde man ihm erwidern, er möge bitte nicht gleich übertreiben. Über ein paar Gerüchten, die Minister gelten, die vornehm zu Tische speisen, ist doch noch keine Demokratie zusammengebrochen! Es sei denn, die Demokratie hat vorher schon so stark gelitten, dass vornehm zu Tische speisende Minister noch nicht mal mehr als Gerücht durch die Welt geistern dürfen, denn da könnte man ja glatt glauben, sie geisterten nicht nur als Gerücht, und auch die Gefährdung der Demokratie gehe weit über das Gerücht hinaus, sie sei ebenso instabil wie die Regeln, die eine Regierung nur darum aufstellt, um sie selbst vornehm zu umgehen.

Anne Peiter

https://www.zeit.de/news/2021-04/05/empoerung-ueber-illegal-geoeffnete-luxus-restaurants-in-paris
Restaurants clandestins : Darmanin met les pieds dans le plat (msn.com)
Dîners clandestins à Paris : Pierre-Jean Chalençon se défend des accusations dont il fait l’objet : “ Je n’ai jamais organisé aucune soirée clandestine “ (actu-mag.fr)
Gabriel Attal accusé d’avoir „couvert“ les dîners clandestins chez les Grandes Gueules (msn.com)

Corona 229: Noch einmal Kinder

Ich lese, was einige, noch ganz junge Kinder zum Virus zu sagen haben, und man sieht, dass man ihnen viel mehr zuhören sollte. Ein Kind gibt bekannt, der Virus sei „imaginär“, weil man ihn nicht sehe („parce qu’il ne se voit pas“). Ein anderes Kind fügt hinzu, der Virus habe kein Zuhause, daher mache er sich Häuser in den Menschen, und sein liebster Ort sei das Nervensystem, der Ort also, an dem man in Wut sei. („Il n’a pas de maison […], donc il se fait des maisons dans les humains et son endroit préféré, c’est le système nerveux, l’endroit où on est en colère“.) Diesen Hinweis auf die Wut finde ich besonders schön, denn es wird da regelrecht etwas über die politische Stimmung im Land gesagt.

Befragt nach der Zeit, die der Virus schon unter uns sei, sagt ein fünfjähriger Junge, der Virus sei ganz so wie sein kleiner Bruder, der habe kein Alter, denn er sei erst ein paar Monate alt („il est comme mon petit frère, il n’a pas d’âge parce qu’il n’a que des mois“).

Ein weiteres Kind will den Virus selbst heilen: „Wenn man ihn sehen könnte, könnte man ein Serum auf ihn schütten, um ihn gesund zu machen, das wäre supersuperleicht“ („si on pouvait le voir, on pourrait verser du sérum sur lui pour le guérir, ce serait trop fastoche“).

Anne Peiter

„Le coronavirus n’a pas de maison, il s’en fait dans les humains“ : paroles d’enfants sur le Covid-19 (msn.com)

Corona 228: Wir Kinder

Immer wieder muss ich in diesen letzten Tagen an das denken, was Werner Sombart am Anfang des 20. Jahrhunderts über den »Bourgeois«, also den bürgerlichen Menschen, das kapitalistische Subjekt schrieb. Soweit wir sehen und zurückblicken können, heißt es da, läuft das Erwachsenwerden in allen Kulturen darauf hinaus, der eigenen Grenzen und der eigenen Endlichkeit inne zu werden. »Die Grenzen des Wachstums«: der Titel dieser berühmten und revolutionären Programmschrift der 1980er Jahre bezeichnet die Quintessenz solchen Erwachsenwerdens. Wir sind endlich; wir müssen mit den Möglichkeiten auskommen, die wir haben; das heißt, wir müssen einerseits einige unserer Träume begraben und, wie man so sagt, kleine Brötchen backen. Andererseits ist es genau dieser Rückzug auf einen Kreis begrenzter Möglichkeiten, in dem alle Vollendung und alle Vollkommenheit liegt, weil wir nur dann überhaupt dahin kommen, die Möglichkeiten, die wir haben, auch wirklich auszuschöpfen.

Kinder, so führt Sombart aus, sind unersättlich. Nie wollen sie – ich extrapoliere ein wenig – aufhören zu spielen, Süßigkeiten zu essen oder Filme zu gucken. Den Bedürfnissen, die sie haben und ausleben wollen, sind keine Grenzen gesetzt. Dies zu tun sei eben die Aufgabe der Erziehung, die dann zu Ende sei, wenn das Kind die äußeren Grenzen verinnerlicht hat und das Bewusstseins der Endlichkeit des eigenen Daseins zu einem Reflex geworden ist, über den nicht mehr nachgedacht wird. Das Pubertätsritual als traumatischer Schnitt, die autoritäre Erziehung von gestern, und die weniger autoritäre von heute: Sie unterscheiden sich nur in der Art ihrer Zeitansätze, nicht hinsichtlich ihres Prinzips und ihrer grundsätzlichen Zielstellung, äußere Grenzen zur inneren Grenzen zu machen, das Bedürfnis immanent zu verendlichen; – in der Sprache Freuds ausgedrückt: Lust- und Realitätsprinzips miteinander zu vermitteln.

Der Kapitalismus ist in dem Sinne eine verkehrte, auf dem Kopf stehende Welt, als es dazu nicht kommt. Wir werden nicht erwachsen. Wir haben Mittel und Wege gefunden, den Reichtum der Gesellschaften, der der Erfüllung unserer Bedürfnisse dient, unabsehbar zu vergrößern. Daher haben wir tendenziell außer Acht gesetzt, dass unsere Existenz endlich geblieben ist. Wir haben die Grenzen verschoben, aber wir haben sie nicht aufgehoben. Wir werden getrieben von der Vorstellung der Allmacht der Wünsche, die Freud den Primitiven zuschrieb. Spätreif sind wir Kinder geworden; oder besser kindische Existenzen, die nicht akzeptieren können, dass die Realität ist, wie sie ist, dass sie uns allen im Moment enge Fesseln anlegt, und dass dies möglicherweise so bleiben wird. Dagegen rebellieren wir nun mit aller Kraft; wir trotzen, wir sehen das nicht ein; wir ignorieren es, setzen uns darüber hinweg, machen es zum Mittel eines bösen Plans, den man nur beseitigen müsse, damit alles ist wie immer. Wir erklären es für inexistent, ein fake also; wir halten es für harmlos oder versuchen »smarte Lösungen« zu finden, um das Realitätsprinzip doch irgendwie auszutricksen. Das sind alles Strategien der infantilen Realitätsverweigerung, die uns über die politischen Unterschiede hinweg verbinden. Aus dieser Sicht ist die Differenz zwischen einem Politiker, der sich an hohen Inzidenzwerten entlanghangelt, um Wahlvolk und Wirtschaft nicht zu vergrämen und denen, die Corona leugnen oder es nur für eine Art Grippe halten, nicht sehr groß. Es ist die Haltung von Kindern, die sich die Augen zuhalten und denken, die Welt, die sie sehen könnte, wäre damit auch verschwunden.

Werner Sombart, Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen (1913), Leipzig 1920: https://archive.org/details/derbourgeoiszurg00sombuoft

Wolfram Ette

Corona 227: Kalendergeschichten

1.

Der Pressesprecher der Regierung erklärt mit Blick auf die Vier-bis-fünf-Wochen-Frist, die noch vor der Bevölkerung liege, bevor die langerwartete Normalisierung einsetzen werde:

»Il y a un calendrier annoncé par le président de la République. Si ce calendrier a été annoncé, c’est parce qu’on sait, on croit, que les efforts de tous vont permettre de le tenir« – »Es gibt einen vom Präsidenten der Republik verkündeten Kalender. Wenn dieser Kalender verkündet wurde, ist die Ankündigung erfolgt, weil wir glauben, dass die Anstrengungen aller seine Einhaltung erlauben werden.«

Wenn man das in die Praxis übersetzen will, heisst’s, dass die Möglichkeit der Einhaltung von der Bereitschaft aller abhängt, sich anzustrengen. Und wenn es, entgegen dem, was der Glaube der Regierung vorgibt, nicht klappen sollte und die Einhaltung scheitert, wird man immer noch sagen können, die Bedingung der Einhaltung sei ja, wie gesagt, die Bereitschaft gewesen, gemeinsam die Voraussetzung für die Einhaltung zu schaffen. Warum habe man sich nur nicht an den Kalender gehalten!

Der Glaube an den Kalender kommt sozusagen einem Glauben an die Bevölkerung gleich, getreu dem Motto, dass derjenige, der Vertrauen schenkt, umgekehrt auch mit Vertrauen beschenkt zu werden hat. Und hier geht der Vorschuss an Vertrauen von der Regierung aus. Das bedeutet, dass die Bevölkerung bereit sein muss, zu glauben, die Regierung glaube nicht nur an den Kalender, sondern könne ihren Glauben auch mit handfesten Daten begründen, d.h. ihm Glaubwürdigkeit verleihen.

Da aber in der Wirklichkeit nicht viel dafür spricht, dass die Ankündigung, in grad einmal fünf Wochen sei die Normalität wieder da, eingehalten werden kann, wirkt’s doch eher so, als werde ein xtes credo quia absurdum verkündet, weil die Regierung es so gern selbst glauben können will.

Für diesen Eindruck spricht die Formulierung selbst. Die beruhigende Geste funktioniert über Redundanz. Man sagt, es bestehe Grund zur Hoffnung, weil man, weil es einen Kalender für diese geben muss, einen Kalender erarbeitet hat. Der Kalender begründet sozusagen den Kalender, und zwar ganz unabhängig von den Inhalten, die man in ihn zu giessen wünscht. Der Kalender ist selbst Teil der gläubigen Verehrung. Er ist ein Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet: Gegenstand einer Verehrung, die so lange andauert, bis der nächste Kalender an seine Stelle tritt, ihn zerstört und der Vergessenheit anheimgibt (denn dafür ist er ja abgelaufen, und abgelaufene Kalender gehören in den Papiermüll).

Es gibt aber nicht nur den Pressesprecher und seine Redundanz, und gerechter wär’s wohl, man würde nach unterschiedlichen Temperamenten, fachlichen Spezialisierungen und überhaupt Ehrlichkeitsgraden unterscheiden, wenn man das Verhältnis zu Terminplanungen zu beschreiben versucht. Der Minister für Wirtschaft und Finanzen zum Beispiel ist kein echter Gläubiger, man hört das gleich:

»C’est la situation sanitaire et le développement de la vaccination qui dicteront le calendrier. Mais je pense qu’il est sain, responsable, comme l’a fait le président de la République, ne serait-ce que d’un point de vue psychologique, de fixer un calendrier pour les Français« – »Es ist die sanitäre Situation und die Entwicklung der Impfkampagne, die über den Kalender bestimmen. Doch ich denke, dass es gesund und verantwortungsvoll ist, was der Präsident der Republik – und sei’s auch nur aus einem psychologischen Standpunkt heraus –, gemacht hat, nämlich einen Kalender für die Franzosen festzulegen«.

Das klingt nun schon sehr anders, als das, was der Pressesprecher verlauten liess. Während Ersterer sich gläubig gibt in Bezug auf das, was die Wirklichkeit bringen wird, eben weil der Kalender selbst der Wirklichkeit höchste ist, gibt der Zweite ganz unumwunden zu, dass man vor allen Dingen glaubt, dass die Bevölkerung psychologische Hilfe – also den Glauben an einen Kalender – brauche, und darum sagt man etwas, wovon man selbst nichts Genaues weiss, denn alles hängt ganz sachlich und unvorhersehbar von den weiteren Entwicklungen, besonders in Sachen Impfung, ab.

Das aber ist eine schlechte Basis für festen Glauben. Oder täusche ich mich und ist das Gegenteil wahr? Zumindest für dieBevölkerung nimmt man ja an, dass die Fortdauer der allgemeinen Unsicherheit die Notwendigkeit, Glaubensgewissheit zu verbreiten, weiter erhöht. Also vermittelt man Glauben, ohne selbst an ihn zu glauben, schlicht aus der Einsicht heraus, die Bevölkerung brauche ihn, um gesund zu bleiben und nicht verrückt zu werden.

Nun bin ich aber selbst Teil dieser Bevölkerung, die man glauben machen will, es tue mir gut, zu glauben, und ich kann nicht anders, als zu erklären, dass ich mich unterschätzt und an der Hand genommen fühle bezüglich der Bewahrung meiner eigenen Gesundheit. Wie ich mit sachlichen Zusammenhängen und Unwägbarkeiten psychologisch umgehen möchte, das geht nur mich selbst an, und Glaubensvorschriften, die so offen im didaktisch-helfenden Gewand daherkommen, bewirken ganz das Gegenteil des Intendierten: Wenn ich glauben soll, weil’s psychisch für mich besser wäre, glaube ich natürlich erst recht nicht, denn sich besser zu fühlen als Motivation für religiöse Zugehörigkeit, das ist als Opium schon lange analysiert und historisch, wie mir scheint, ad acta gelegt worden. Ich glaube also in dem Maße nicht, in dem der Minister glaubt, ich würd’s schon glauben. Und weil er’s ja auch nicht glaubt, sondern nur sagt, es sei gut gewesen, was der Präsident da glaubensmäßig verkündet habe, stehen wir eigentlich ganz unverhofft auf einer Seite, denn der Unglaube verbindet uns inniger als das, was offiziell Sache sein soll. Womit wieder einmal bewiesen ist, dass man die Politikverdrossenheit nicht gar zu weit treiben soll, denn es finden sich immer wieder Ansatzpunkte, die gemeinsame und sehr fruchtbare Diskussionen über die Frage erlauben, warum es so schwierig sei, in religionsfernen Zeiten überhaupt noch an etwas zu glauben.

Réouverture du pays mi-mai: les ministres affichent leur prudence sur le calendrier de Macron (msn.com)
Restrictions anti-Covid : «Il n’est pas prévu qu’elles aillent au-delà des 4 semaines à ce stade», affirme Attal (msn.com)

2.

Michel Durrieu, Generaldirektor der französischen Camping- und Feriendorf-Unternehmen, unterstreicht, die Tourismusbranche bräuche, genauso wie die Tourist:innen selbst, einen Kalender.

»Ils ont besoin de perspectives, ils ont besoin d’espoir.« – »Sie brauchen Perspektiven, sie brauchen Hoffnung.«

Besonders wichtig ist es seiner Einschätzung nach, den Leuten zu sagen, dass sie sich in diesem Sommer werden bewegen können – »…que cet été ils vont pouvoir bouger«.

»Il va y avoir une bouffée d’air, les gens ont envie de sortir, on le voit« – »Es wird ein grosses Durchatmen geben, die Leute haben Lust, wegzufahren, das ist deutlich zu sehen«.

Wer wollte ihm nicht recht geben. Hoffnung! Hoffnungskalender! Reiseplanung! Endlich mal woanders sein! Reservierungen von Tickets, Hotelzimmern, Museumseintritten, vielleicht auch ein Trecking unter Anmietung von Pferden (notfalls Ponys, wenn alles andere ausgebucht ist), viele Treffen mit Freunden als Vorwegnahme des Kommenden, ja, wichtiger noch: als seine Präsens schon in diesem Moment, in dem die Ferien noch gar nicht begonnen haben, und die Normalität natürlich auch nicht, sind das Ziel dessen, was gerade diskutiert wird.

Was ich stets von Neuem faszinierend finde, ist, wie das Bedürfnis gleichgesetzt wird mit der Realität ihrer sich ankündigenden Befriedigung. Ich denke plötzlich, wie die, systembedingte, Gewöhnung daran, dass man seine Bedürfnisse gemeinhin nicht nur befriedigen kann, sondern sie, bitteschön, auch befriedigen soll (als echtes Gebot, ja MUSS), weiterwirkt, als ob gar nichts geschehen wäre. Wenn man in die Ferien fahren will, muss man doch in die Ferien fahren können! Doch dieser Satz ist, obwohl redundant wirkend, keineswegs redundant. Man meint wirklich, dass es einen kausalen Nexus zwischen dem Bedürfnis und seiner Erfüllung gibt: Es hat automatisch zu kommen, denn es kam ja bisher immer so.

Und diese Erwartung wirkt weiter trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich schon oft genug Gelegenheit hatte, um festzustellen, dass man nur darum nicht normal in die Ferien fahren kann, weil man dauernd, nämlich inmitten der Krise, in die Ferien fuhr oder, schlimmer noch: regierungsamtlich in diese geschickt wurde, und schlimmer noch als schlimm: sich wirklich schicken ließ, wider besseren Wissens (man hätte auch nicht fahren können). Dass man seine vitalsten Bedürfnisse durch die Befriedigung von Bedürfnissen zur Unzeit in Gefahr brachte (und mitunter sogar das Leben anderer oder – weniger oft – das eigene, das man ja nur einmal verlieren kann), das ist erstaunlich, aber noch erstaunlicher ist, mit welcher Promptheit die Ankündigung der Regierung, es werde bald wieder Normalität einziehen, die normale Antizipation in Gang setzt, die man bezüglich der Ferien von jeher praktizierte.

Es entsteht ein unauflöslicher Widerspruch zwischen dem Mangel an Antizipation, sobald es um die Pandemie geht, und der voll funktionierenden, sehr erfinderischen und lustvollen Antizipation, sobald Ferien auf dem Programm stehen. Man gewinnt also den Eindruck, dass Antizipation nur im Bereich des Vergnügungen funktioniert, dass unsere Gesellschaften komplett die Fähigkeit verloren haben, sich mit Unvergnüglichem zu beschäftigen, und dies trotz der offen zutage liegenden Tatsache, dass Vergnügliches in Pandemiezeiten nur erlangt werden kann, wenn man sich mit dem Gegenteil des Vergnüglichen eingehend und klug befasst.

Doch das ist nicht das, was passiert. Man hat all die Ferien vor Augen, die nicht haben stattfinden können, wie sie hätten stattfinden müssen, man erinnert sich all der Dinge, die man erduldet hat, und findet, die nächsten Ferien habe man nun aber wirklich verdient. Und ich finde das für mich persönlich auch, denn es werden zwei Jahre ins Land und in die Länder gegangen sein, denen ich mich verbunden fühle, bevor ich meine Eltern und Schwiegereltern, noch älter geworden als nur alt (sterbensalt), wiedersehen werde. Wenn ich sie denn wiedersehe. Wenn wir denn reisen können. Das scheint mir aber so sicher noch nicht zu sein.

Und so ist der persönliche Wunsch, endlich mal wieder zu reisen, in jedem Fall ein Anlass, um zumindest über das Ungetrübte der Sprache nachzudenken, mit der man über die kommenden Ferien spricht. Dass man den Wunsch hat, ist zu verstehen, doch wie man ihn präsentiert, das ist irritierend und beängstigend. Es ist die Erwartung, die Impfung werde alles richten, derart unzweifelhaft, dass man so tut, als könne man diese – als etwas, was ohnehin eintritt – schlicht überspringen: hinein in den Urlaubsgenuss!

Aber über der Ferienplanung scheint man mir die Planung für die Impfung zu vernachlässigen, besonders auf Regierungsseite. Da wird von Normalität mehr gesprochen als von dem, was zu ihr hinführt, mehr von ihrem Eintreffen als von den Bedingungen, die erfüllt werden müssen, bevor das Eintreffen wirklich eintrifft.

Und zu all dieser Abhängigkeit vom Vergnügen, das sich vor allen Dingen sprachlich dokumentiert, gehört nun ein Vorschlag, der gemacht wurde, um die generationelle Ungleichbehandlung wieder gut zu machen, die während der ganzen Krise zuungunsten der Jugend ausgefallen sei. Man solle Gratis-Schecks für Kultur und Freizeitvergnügungen ausgeben, wird gefordert, damit die jungen Leute das aufholen können, worauf sie haben Verzicht leisten müssen.

Obwohl ich nun gar nicht zu dieser Generation gehöre und also aufpassen sollte, mich nicht zu etwas zu äußern, was die Interessen anderer tangiert, finde ich, dass eine Politik, die die Vergnügungen en masse und gratis vergeben soll, eine Verzweiflung zur Schau tragen würde, die ihr gar nicht bewusst sein kann: Eigentlich wäre aus der Pandemie ja der Schluss zu ziehen, dass es mit unserer bisherigen Art, uns zu vergnügen, nicht weitergehen kann. Vor allen Dingen das völlig hektische, mitunter nur in Kategorien des Wochenendes denkende Reisen hat einen wesentlichen Anteil an der Ausbreitung des Virus quer über die Welt gehabt, so dass die Rückkehr zum Vergnügen vielleicht begleitet werden könnte von einem Nachdenken, ob man nicht auch hier Dinge verändern müsste?

Und ich meine das noch nicht einmal vergnügungsfeindlich, gar nicht asketisch! Ich meine nur, dass uns die nächste Askese garantiert bevorsteht, wenn nie erkannt wird, dass das Nachdenken zu den einträglichsten und tiefsten Vergnügen gehört, die das Leben zu bieten hat. Das heißt: Kann man Freizeit, Urlaub, Kultur, Vergnügen, Reisen usw. nicht einmal von Grund auf debattieren? Muss man diese Dinge unbedingt gratis machen wollen? Könnte man der Jugend nicht zutrauen, dass sie Lust und die Fähigkeit hat, für ihr Vergnügen mit ihren Forderungen an die Zukunft zu zahlen? Und diese Forderungen wären an uns, die Erwachsenenwelt, gerichtet? Doch die Fragen, die müssten auch kommen von der Jugend? Und für jede gute Frage kriegt man eine Gratis-Vergnügung? Doch so, dass das Vergnügen die gestellte Frage reflektiert? Klimageschichtlich zum Beispiel?

Ich finde, das wäre ein fairer Preis für das Gratis-Angebot. Und es wäre auch eine gute Übung für die Tourismusbranche, die gerade auf den fahrenden Zug der Regierung aufgesprungen ist, die sich im flotten Tempo auf eine Gratis-Normalität ohne jeden Hintergedanken zu dem, was durchaus noch nicht hinter uns liegt, zuzubewegen meint.

Vacances d’été : »Il faut dire« aux touristes qu‹«ils vont pouvoir bouger« (msn.com)

Anne Peiter

Corona 226: Dialektik von Demonstrationen

In Stuttgart hat die Polizei eine Querdenker-Demonstration, bei der, wie zu erwarten war, die die angekündigte Personenzahl weit übertroffen wurde und kaum ein Teilnehmer eine Masken getragen oder Abstandsregeln anders als einen Witz behandelte, nicht auflösen können, denn es hätte sonst, so wurde gesagt, ein großes Ansteckungsrisiko bestanden. Eine sehr kleine Gegendemonstration, die aus Protest eine Straße blockiert hatte, wurde hingegen aufgelöst, denn da trug man ja Masken, und auch die Abstände waren gegeben, so dass es für die Polizei ganz einfach war, einzugreifen.

Nun ist es zwar so, dass die Polizei ohne Ansehung des jeweiligen Inhalts der Demonstration einfach nur dafür zu sorgen hat, dass diese auf ordnungsgemäße Weise verläuft, doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Einhaltung der Corona-Maßnahmen gestraft wird und der Verstoß gegen sie belohnt. Das nimmt sich ziemlich merkwürdig aus, weil die Gegendemonstration ja keine Demonstration gegen die Polizei war, sondern gewisser Weise eine zugunsten ihrer Arbeit auf der anderen Demonstration. Aber Inhalte spielen, wie gesagt, keine Rolle, und die Frage, wie Ansteckungsherde entstehen, auch nicht wirklich, denn wenn die Mehrheit nicht will, kann man eben nix machen.

https://taz.de/Querdenken-Demo-in-Stuttgart/!5764060/

Anne Peiter

Der erste Reflex, wenn man davon hört, geht dahin, der Polizei politische Parteilichkeit vorzuwerfen. Das sei ja typisch bei uns: Gegen die Rechten (wenn wir die Querdenker einmal darunter subsumieren wollen), wäre nichts unternommen, gegen die Linken, also hier die Gegendemonstranten aber eben doch.

Und es gibt ja leider gibt es viel zu viele parallele Beispiele, die für diese These sprechen, als dass man sie abweisen könnte. Polizei und Militär sind in der Bundesrepublik Deutschland rechts bis sehr weit rechts von der Mitte angesiedelt, bis hin zu radikalen Netzwerken, die auf einen Umsturz sinnen.

Dennoch bin ich nicht ganz sicher, ob diese Lesart hier stimmt. Oder: Ob sie die einzige ist. Die Polizeiführung hat nach dem neuerlichen Demonstrationsdesaster jedenfalls bekannt gegeben, es sei nicht »verhältnismäßig« gewesen, gegen die etwa 8.000 demonstrierenden mit Gewalt vorzugehen. Damit war sicherlich nicht gemeint, dass 8.000 Menschen, die die allgemeine Sicherheit so massiv und das Leben Einiger offenkundig gefährden, nicht Grund genug gewesen wären, einzugreifen, die Demonstration aufzulösen und ein bestehendes Verbot durchzusetzen. Der Polizeipräsident meinte wohl eher, dass wieder mal, wie schon so oft in den letzten Monaten, das Verhältnis zwischen der Zahl der Demonstrierenden und der Zahl der Polizistinnen und Polizisten nicht das richtige gewesen sei.

Deswegen liegt der Schluss nahe, man habe ganz unideologisch auf die andere Versammlung, also die gegen Demonstration zurückgegriffen, weil das zahlenmäßige Verhältnis dort ein besseres gewesen sei. An irgendeiner Stelle sollte man schon demonstrieren, dass die Staatsmacht gegenüber denen, die demonstrieren gehen, nicht ganz ausgespielt hat; dass sie noch etwas zu sagen hat und sich im richtigen Verhältnis befindet zu all denjenigen, die gegen sie auftreten und demonstrieren.

Es ist halt – ein anderes Wort fällt mir auch nicht ein – »merkwürdig«, dass dieses Exempel an denen statuiert wird, die in dieser besonderen Situation staatstragend auftreten und die Beschlüsse der Exekutive, wie die Polizisten selbst, die sie auseinandertreiben, gegen diejenigen verteidigen, die sich gegen sie erhoben haben, und einen Protest an die Öffentlichkeit tragen, gegen den aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht vorgegangen werden kann. Dass das das Ansehen der ohnehin dumpf und traumwandlerisch dahinirrenden Exekutive weiter schwächt, ist ziemlich klar. Aber auch pragmatisch ist es wohl ein Fehler, die geballte Staatsmacht gegen die eigenen Verbündeten zum Einsatz zu bringen, seien diese nun »rechts« oder »links«, um wenigstens irgendwie und irgendwo Stärke zu beweisen. Dieser Einsatz, der nichts ist als Ersatz, ist deswegen nicht nur Demonstration sondern auch Produktion von Schwäche.

Wolfram Ette

Corona 225: Matthäuspassion

Vor einem Kirchenjahr wurde die Johannespassion mit Benedikt Kristiansson in der Thomaskirche Leipzig aufgeführt – in allerkleinster Besetzung, mit Chören, die über die ganze Welt verteilt waren. Die Sonne schien und ich schrieb ein Gedicht über die Schönheiten des Lockdowns. Ein »spekulativer Karfreitag«, wie mir schien, ohne Kreuzigung und das ganze christliche Brimborium; aber doch geeignet, ins Nachdenken zu geraten über die Welt, in der wir leben, und über das, was aus ihr heraus führen könnte.

Jetzt hat sich diese Säkularität zu einer zähen Masse verdichtet, die uns umschließt und nur minimale Bewegungen zulässt. Angesichts einer kurzsichtigen Coronapolitik, die, einer Bemerkung Caroline Emckes zufolge, aussieht wie jemand, der/die verzweifelt versucht, abzunehmen und von erfolgloser Diät zu erfolgloser Diät taumelt, sind wir in einen reinen Durchhaltemodus eingetreten, der uns höchstens bis zum nächsten Tag zu blicken erlaubt. Keine großen Pläne, keine Gestaltung der Zukunft, über die wir wenigstens partiell verfügen; stattdessen immer wieder die Beschwörung des Heils (»Herdenimmunität«, »ein Impfangebot für alle«!), das vor uns herzieht wie ferne Lufballons, seltsam unverbunden mit dem, was gerade geschieht und gemacht wird. Ich höre heute die Matthäuspassion, aber ohne große Teilnahme; als Dekoration eines Feiertages, damit wenigstens irgendwas passiert. Eigentlich sollte ich die Musik ausmachen; diese säuerlich schmeckenden Transzendenzlosigkeit mit ihr zu verbinden, tut ihr, mir, und den ganzen Tag nicht gut.

Ich habe nichts gegen das Durchhalten; im Gegenteil, es kommt jetzt alles darauf an, so lange durchzuhalten, bis es, aus welchen Gründen auch immer, besser wird. Oder auch nicht. Im letzten Jahr gelang es uns, unsere Passivität als Aktivität vorzustellen. Wir taten nichts, dachten, wir gestalteten dadurch die Zukunft. »Faul wie die Waschbären« hieß es im Werbespot der Bundesregierung. Vermutlich war das illusionär. Aber es hat uns bei Laune gehalten und uns miteinander verbunden. Jetzt tun wir nichts und warten darauf, dass eine Zukunft, die anders wäre als die Gegenwart, auf uns zu- und in unserer Gegenwart ankommt. Dazu höre ich Bach.

Aber vielleicht ist es doch nicht ganz verkehrt. Denn auch wenn gerade die Passionen von großen Erlösungsgeschehen handeln, vom Riss in Zeit und Geschichte, durch den das ganz Andere, die Große Hoffnung, dass Licht eines anderen Zustandes in unser Leben eintritt: In der Summe geht es bei Bach doch um wenig Anderes als ums Dulden, Ausharren, ums Aus- und Durchhalten in diesem Jammertal, in der Hoffnung darauf, einmal durch Gottes Gnade erlöst zu werden. Ich teile diese Hoffnung nicht. Darin bin ich ein Kind der Moderne. Aber ich teile auch nicht die Hoffnung, wir würden es an Gottes Stelle richten. Darin bin ich kein Kind der Moderne. Gleichgültig, ob der Glaube an den menschlichen Fortschritt bloß ein Parasit des Erlösungsglaubens oder etwas historisch Neues ist, er hat sich überlebt. Es hat nicht funktioniert und es wird nicht funktionieren. Ich erkläre die Säkularisierungsdebatte hiermit für beendet.

Und so ist denn wohl auch die Matthäuspassion, anders als ich dachte, am richtigen Platz. Eigentlich mag ich die Johannespassion viel lieber. In diesem Jahr aber ist es umgekehrt, ohne Plan und Vorsatz. Es war beim Aufstehen die »große Bassion« nach den Worten des Matthäus, die sich aufdrängte: Nicht »Herr, unser Herrscher«, sondern: »Kommt ihr Töchter, helft mir klagen«; nicht: »so sagete aber die Schrift« – der Gekreuzigte lt. dem Evanglisten Johannes als majestätische Marionette der Prophezeiungen von alters her, die seinen Sieg verkündigten; sondern der Duldende, der Leidende, der Mensch, der spricht, wie wir sprechen könnten: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!«. So dass am Ende nur bleibt, durchzuhalten, weiter und weiter zu klagen: »Wir setzen uns mit Tränen nieder«.

Wolfram Ette

Vgl. Corona 37: Johannespassion
Corona 33: Karfreitag 2020 etc.

Corona 224: Das Schlimmste

Miguel Nicolelis, Koordinator des Wissenschaftsrates im Nordosten Brasiliens, konstatiert, in der Geschichte Brasiliens habe man in 30 Tagen noch nie so viele Menschen sterben sehen wie in dem gerade zuende gegangenen Monat März. Er schließt aber nicht aus, dass der April noch schlimmer werden wird als der Monat März.

Mir scheint: Hier spricht jemand, der Phantasie hat. Meist ist es ja so, dass man annimmt, eine Situation, die ganz schlimm ist, könne nicht schlimmer werden, denn ganz schlimm ist sie ja schon. Das ist auch gar nicht zu bezweifeln – schlimm ist sie wirklich –, doch das Superlativische des Kommenden denkt sich sehr viel schwerer als das Superlativische, das man schon hinter sich hat.

Und so muss man stets von Neuem festhalten, das neue Superlativische werde nur möglich, weil man von den alten Superlativen glaubt, sie seien welche. Will heißen: Weil Superlative definiert werden dadurch, nicht übertroffen werden zu können (denn dafür sind sie ja Superlative), ist die Selbstausschaltung der Superlative durch sich selbst – nämlich durch die Bereitung eines glatten Weges für die neuen – eine schwer zu denkende Sache.

Dabei hat es schon König Lear versucht, zu erklären: „Es ist nicht das Schlimmste, solang man sagen kann: Dies ist das Schlimmste.“ Was ist in diesem Satz alles enthalten! Wenn man sagte, dies sei das Schlimmste, sagt man ja noch, es sei das Schlimmste. Das heisst: Man kann sagen, es sei das Schlimmste. Es ist aber das Sprechen über das Schlimmste durchaus keine Selbstverständlichkeit, denn wenn das Schlimmste noch schlimmer wird, kann man irgendwann noch nicht einmal mehr sagen, dass Schlimmes passiert. Die Sprache verstummt, so wie der Atem derer, die im Monat März in Brasilien starben.

Covid-19 : le pays rouvrira progressivement à la mi-mai, promet Emmanuel Macron (msn.com)

Anne Peiter

Corona 223: Der Körper eines Beschlusses

Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz, so hört man, soll wieder in Präsenz statt finden. Am letzten Montag sei wohl klar geworden wohin reine Zoom-Konferenzen führen könnten. Wie faszinierend! Den Körpern der Politikerinnen und Politiker wird also zugetraut, als rationales Korrektiv einer Diskussion zu fungieren, die sonst, wie geschehen, ins Irrationale trudeln würde. Dem nur sich selbst, also der ihrer Idee nach körperlosen Kraft der Argumente, überlassenen Diskurs scheint die Tendenz zur Unvernunft einzuwohnen. Der von seinem materiellen Wurzeln losgerissene Geist ist kein Geist mehr; Rationalität, die nichts ist als Rationalität, verkehrt sich ins Irrationale und wird zur Farce eines einmütig getroffenen Beschlusses, der wenige Stunden später wieder zurückgenommen werden muss.

Es ist natürlich nicht richtig, zu sagen, dass über Zoom oder ähnliche Formate körperlos kommuniziert werde. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Diskussion, die gelangweilt oder aufgeregt, in jedem Fall aber nicht besonders glücklich in die Bildschirme starren, haben ja einen Körper. Der gibt ihnen Rückmeldungen: dass es zum Beispiel wenig bequem ist auf dem Schreibtischstuhl; dass der Kopf schmerzt; dass man gerne umhergehen möchte oder dass man einer Teilnehmerin / einem Teilnehmer an der Diskussion einmal gerne direkt in die Augen sehen möchte. Selten, so ist anzunehmen, sind die Körper mit dieser Kommunikationssituation zufrieden. Einen gemeinsamen Körper gibt es aber nicht. Oder anders: Wenn es einen gemeinsamen Körper gibt, ist er phantasmatisch. Er ist die Summe des körperlichen Unwohlseins aller einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das wiederum strahlt auf das Unwohlsein der Einzelnen ab und verstärkt es gegebenenfalls.

Dieses gemeinsame Defizit, dieser kollektiv empfundener Mangel, entwickelt eine SOGWIRKUNG. Ein gemeinsamer Beschluss muss her, ganz gleich wie unsinnig er ist. Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit ist so groß, sie muss irgendwie erfüllt werden und sei es durch einen gemeinsamen Irrtum. Der phantasmatische Körper, der dadurch entsteht, fühlt sich etwas besser an, aber Irrtum bleibt Irrtum, und man merkt es am nächsten Tag.

An dieser Stelle wird erkennbar, worin der Zuschuss besteht, der von lebendigen Körpern ausgeht, die sich gemeinsam in einem wirklichen Raum in relativ großer Nähe zueinander aufhalten, – ein Zuschuss, der der Rationalität zugute kommt. Der gemeinsame Körper, der während einer Diskussion in Präsenz entsteht, ist selber flüchtig, selber phantasmatisch. Aber verglichen mit dem digitalen Kollektivkörper der bei einer Zoom-Diskussion sich bildet, ist er robust. Er kann Verschiedenheiten aushalten ohne zu zerfallen. Er ist differenzresistenter als der Zoom-Körper, der wenig mehr ist als die Koodination des gemeinsamen Leidens voneinander Getrennter. Konkret bedeutet das, dass die in einem physischen Raum Versammelten nicht so dringend zu einer sie alle verbindenden identischen Lösung, Proklamation, oder Parole finden müssen. Der sie verbindende Raum ist das Gemeinsame, das durch alle Differenzen hindurch bestehen bleibt; deswegen kann man sich mehr Zeit nehmen, sie durchzuargumentieren. Die physische Präsenz der Körper selbst stiftet eine Befriedigung, die es triebstrukturell weniger notwendig erscheinen lässt, sich unter einer Fahne zu versammeln und kollektiv einem Wegweiser zu folgen, ganz egal in welche Richtung er zeigt. Körper die sich gemeinsam in einem Raum aufhalten und dadurch einen gemeinsamen Körper bilden, sind rationaler als virtuelle Körper, weil Identität und Differenz besser austariert sind. Virtuelle Körper, die sich im Netz begegnen (und das geht über die Ministerpräsidentenkonferenz hinaus), tendieren zu den Extremen: entweder zu sein, was sie sind, nämlich auseinander, oder sich im Shitstorm, in der gemeinsamen Hassrede, oder in einem ministeriellen Beschluss von zweifelhafter Güte und kurzer Haltbarkeit zu vereinigen.

Wolfram Ette

Corona 222: Nichts ist entschieden

»›Rien n’est décidé‹ assure Emmanuel Macron.« (»›Nichts ist entschieden‹, versichert Emmanuel Macron.«) Und er sagt das, um die Bevölkerung zu beruhigen. Er sagt es aber auch, um sich selbst zu beruhigen, denn das Dilemma besteht gerade darin, dass die Notwendigkeit eines dritten Lockdowns zumindest in Erwägung gezogen werden muss. Der Präsident aber hält sich Türen für andere politische Entscheidungen offen, denn die Vermeidung des Lockdowns ist das Kernstück seines Credos. Darauf, dass bisher noch alles offen ist, bezieht sich also der Hinweis, jetzt, nur drei Tage vor einer Krisensitzung, auf der Entscheidungen getroffen werden müssen, sei noch nichts entschieden.

Natürlich ist es so, dass die Entscheidung erst getroffen sein wird, wenn man sich wirklich getroffen und entschieden haben wird, doch die Spannung, in der ein einzelner Mann eine ganze Nation versetzt, wenn er stets von Neuem sagt, noch sei nichts entschieden, vermittelt immer stärker den Eindruck, die Entscheidung, nichts zu entscheiden, sei längst gefallen.

Zugleich ist der Satz vom Nicht-entschieden-Haben jedoch auch ein Satz über die Unentschiedenheit, die die Politik des Präsidenten prägt. Zwei Optionen existieren: Entweder er entscheidet sich, zu entscheiden, und das würde bedeuten, dass er auf den Rat derjenigen hört, die darauf insistieren, irgendeine Entscheidung müsse jetzt fallen. Oder er macht das Gegenteil und hält an der einmal gefassten Entscheidung fest, nichts zu entscheiden.

Man sollte aber nicht glauben, dass die Entscheidung für die Nicht-Entscheidung von einer normalen Form von Unentschiedenheit zeugen würde! Das Vorgesagte ist in gewisser Weise ganz falsch. Das grosse Thema des kleinen, großen Mannes besteht vielmehr darin, dass er, der glaubte, zum Präsidenten gewählt worden zu sein und von nun an nach Herzenslust Entscheidungen treffen zu dürfen, plötzlich nichts mehr zu sagen hatte, weil die Pandemie in einer ersten Phase an seiner Stelle sprach, und in einer zweiten Phase sprachen und entschieden dann die Virolog:innen und Epidemolog:innen, die er als Ratgeber an seine Seite geholt hatte. Die Entscheidung, nicht mehr im Sinne dieses Beraterstabes zu entscheiden, kam mithin dem Versuch gleich, sich wieder auf seine Präsidentenrolle zu besinnen, und das bedeutet: Er wollte endlich einmal wieder erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man Entscheidungen nicht in Zusammenarbeit mit anderen trifft, sondern ganz allein, nämlich so, wie er sich dachte, dass man als Präsident wurde entscheiden können: von der luftigen Höhe eines absoluten Amtes, absoluter Unabhängigkeit herab.

Aus dieser Zurückeroberung der Idee des Präsidentialen resultiert also die Entschiedenheit der Nicht-Entscheidung, was wiederum einem Beweis für die schon genannte These gleichkommt, die besagt, dass es ganz falsch wäre, zu glauben, der Präsident sei unentschieden. Die Unentschiedenheit ist vielmehr das Unterpfand seiner Hoffnung, die Entschiedenheit bezüglich seines Nicht-Entscheidens aufrechterhalten zu können und dadurch zu beweisen, dass er trotz der Pandemie immer noch Präsident ist.

Nur liegt eine weitere Crux aber darin, dass ihm diese Entschiedenheit trotzdem im zunehmenden Masse als Unentschiedenheit ausgelegt wird, denn während er in aller Öffentlichkeit, keine drei Tage vor dem entscheidenden Krisenstab, verkündet, es sei nichts entschieden, kontern die geschmähten Virolog:innen und Epidemolog:innen, er täusche sich gewaltig, denn in Wirklichkeit hätten sich die Dinge schon Ende Januar entschieden, damals also, als Macron sich entschied, nichts zu entscheiden. Und je mehr nun die Wirklichkeit zeigt, dass die Entscheidung wirklich längst gefallen ist und die Krankenhäusern eine Dramatik verzeichnen, die beginnt, die Dramatik der »zweiten Welle« zu übertreffen, und wenn man nicht aufpasst, warum dann nicht auch die Dramatik der »ersten Welle«, die ihrerseits dramatischer gewesen war als die »zweite«, desto deutlicher wird, sage ich, dass das, was Macron einst für einen Beweis seiner Stärke und seiner Rückbesinnung auf’s Präsidentenamt wahrgenommen hatte, von vielen als grenzenlose Schwäche ausgelegt werden wird. Denn erstens hat die Nicht-Entscheidung nicht zu einer Lösung geführt, und zweitens wird die Verlängerung der Nicht-Entscheidung nur die Verlängerung der Massnahmen bewirken, für die man sich über kurz oder lang – vielleicht schon an diesem Mittwoch – trotzdem wird entscheiden müssen.

Der Glaube, durch entschiedene Unentschiedenheit die Chancen auf eine Wiederwahl zum Präsidenten zurückzugewinnen, erweist sich damit als ebenso luftig, ja höhenluftig, wie die Entscheidungen, die ohne die entscheidenden Berater, ja schlimmer noch: in bewusstem Trotz gegen ihren Rat entschieden worden waren – also: die besagte Nicht-Entscheidung. Die Erkenntnis, dass der Präsident vielleicht nur darum entschieden hat, nichts zu entscheiden, weil die Berater ihm schon im Januar gesagt hatten, er müsse unbedingt jetzt und sehr schnell etwas entscheiden, hat nun etwas entschieden Unheimliches, denn aus ihr folgt, dass Entscheidungen gar nicht mehr getroffen werden, um gegen die Pandemie vorzugehen, sondern allein darum, weil der Präsident gern Präsident bliebe.

Und wenn man’s ein bisschen psychoanalytisch sehen will, bezieht sich auch der Satz, es sei nichts entschieden, überhaupt nicht auf die Pandemie, sondern auf die Wiederwahl: Macron spricht sich selbst Mut zu, indem er sich sagt, noch sei nichts entschieden, noch könne es ihm gelingen, sein Mandat zu verlängern. Doch je länger man dem »Nichts ist entschieden« nachlauscht, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass er leise, leise ahnt, dass er es nicht schaffen kann. Oder ich hoffe nur, dass er’s ahnt, denn mir scheint, dass, wenn er’s zu ahnen beginnen würde, er endlich das tun könnte, was seine Aufgabe ist, nämlich: Entscheidungen zu treffen.

Paradoxerweise könnten sich seine Chancen, weiterhin Präsident zu bleiben, dadurch sogar steigen, denn gerade jetzt ist seine ganze Energie augenscheinlich von dem Satz aufgesogen worden, noch sei nichts entschieden – nämlich bezüglich der anstehenden Wahl. Und wenn er davon abließe und sich sagen würde, dass gar nicht entscheidend ist, ob er wiedergewählt werden wird oder nicht, sondern entscheidend nur, dass er im Sinne der Interessen des Landes entscheidet und nicht schlicht gemäß seinen persönlichen Interessen, die mit dem Interesse daran zusammenfallen, Entscheidungen treffen zu können aus luftigsten Höhen herab, dann würde er vielleicht trotzdem noch die richtigen Entscheidungen treffen, und die Wählerschaft würde wieder ein bisschen glauben können, nicht nur Opfer seiner unentschiedenen Entschiedenheit zu sein, sondern der entscheidende Gegenstand der politischen Bemühungen.

Da dies aber nicht eingetroffen ist und auch nicht eintreffen wird – die Unentschiedenheit, die die Entscheidung, Präsident sein zu wollen, ist gar zu starr –, bleibt nur zu konstatieren, dass das ganze Land, und zwar zum xsten Mal in einen Zustand kollektiver Spannung gerät, weil es weiß: Eine Entscheidung breitet sich vor, aber wie immer wird bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese wirklich verkündet werden wird, nicht das Geringste preisgegeben, so dass also dem in der Tat ganz Unentschiedenen auf Seiten des Präsidenten die Entschiedenheit der Spekulationen auf Seiten der Bevölkerung antwortet, die gern hätte, dass sich die Situation auf die eine oder andere Weise endlich entscheide.

Vers un confinement dur? »Rien n’est décidé«, mais… (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

Frankreich hat einen gewissen heuristischen Vorteil. Durch den präsidialen Zentralismus lässt das Problem der politischen Autorität sich mit größerer Prägnanz beobachten als bei uns, wo alles im Zuständigkeitshinundher zwischen Ländern und Bund versinkt. Oft ist ja gar nicht klar, wer was entscheiden darf. In Frankreich ist das meist recht eindeutig; das erleichtert die Analyse. Der Sache nach aber unterscheidet sich das französische Problem in nichts vom deutschen Problem. Was wir beobachten können, ist diesseits und jenseits des Rheins der tragikomische Versuch der Regierenden, durch Unentschiedenheit eine Macht zu performen, die ihnen deswegen über kurz oder lang genommen werden wird.

Wolfram Ette

Corona 221: Offene Schulen

Das zerbrochene Thermometer

Es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, da hat das französische Schulministerium die Maßnahmen gegen die Varianten in den Schulen verschärft. Jetzt wird das meiste wieder zurückgenommen, denn inzwischen hat man feststellen können, dass die Zahl der Klassen, die man schließen musste, in die Höhe geschnellt war. Die Regel hatte besagt, dass Personal und Mitschüler:innen automatisch als Kontaktpersonen galten, wenn auch nur eine Schülerin oder ein Schüler mit einer der Varianten infiziert waren. Die betreffende Klasse musste dann geschlossen werden.

Jetzt findet man plötzlich, dass das alles doch keine gute Idee war, und so belässt man zwar noch die Strenge in Bezug auf die »südafrikanischen« und »brasilianischen« Varianten, doch der »britische« Virus wird schon jetzt wie der »traditionelle« behandelt, nämlich als etwas, worum man kein großes Aufheben machen kann, weil ja sonst viel zu viele Schüler:innen nach Hause geschickt werden müssten. Eine Art Gleichstellung erfolgt: Es müssen schon mindestens drei »britische« Fälle in einer Klasse auftreten, bevor man sich ans Schliessen macht. Es wird also bereits akzeptiert, dass die »britische Kopie« das einstige »Original« ersetzt. Es wird akzeptiert, weil man sonst zugeben müsste, dass die Situation in den Schulen schlechter ist, als man gern hätte.

Die Regeln bezüglich der Schließung von Klassen werden also flugs wieder so gestaltet, dass die Kurve, die die Schließungen anzeigt, unter Kontrolle bleibt. Das hat zwar gar nichts mit der Frage zu tun, ob dann auch die Fälle in den Schulen unter Kontrolle bleiben, doch erreicht wird sein, was das Ziel der Schulbehörden ist: Die Situation gut aussehen lassen.

Als Bürger:in dieses Staates, der seine oder ihre Kinder in diese Schulen schickt, lernt man also, dass sanitäre Maßnahmen nicht dafür da sind, die Schulkinder (und damit indirekt ihre Familien) vor Ansteckung zu schützen. Vielmehr besteht das Ziel unerklärtermaßen darin, die Schulbehörde vor der Einsicht zu schützen, dass die Varianten in den Schulen sehr stark zirkulieren. Maßnahmen werden demnach nicht auf der Grundlage von Einsichten beschlossen, die man in die Funktionsweise der Epidemie gewonnen hat. Vielmehr ist es umgekehrt: Einsichten, die man in die Funktionsweise der Epidemie gewinnt, werden eingesetzt, um die Maßnahmen so zu gestalten, dass man dieser Funktionsweise nicht Rechnung tragen muss. Das heißt: Die Einsicht, was eine Epidemie ausmacht, dient dafür, die Einsicht von sich zu schieben. Man folgt dem Prinzip der Kommunikation, der Selbstdarstellung des Ministeriums, und was dann in den Schulen konkret passiert, ist völlig gleichgültig, denn sagen können will man nur, dass fast keine Klasse, fast keine Schule hat schließen müssen.

Kommunikation, die nichts anderes kennt als sich selbst, hat aber den Nachteil, nur so lange zu funktionieren, wie die Evidenz, dass das nicht funktionieren kann, durch die verhübschte Kurve der Schließungen (die sich bald bessern wird) verdeckt wird. Aber die Verdeckung funktioniert nur eine Weile, weil ja dann das starke Ansteckungsgeschehen in den Schulen auch wieder in die Gesellschaft dringt und dort Konsequenzen zeitigt. Das heißt: Man macht die Situation durch die Verhübschung nur noch schlimmer.
Die französische Lehrergewerkschaft hat es auf den Punkt gebracht : Wenn das Fieber steige, ändere sich auch dann nichts an dieser Tatsache, wenn man das Thermometer, mit dem man das Fieber messe, zerbreche.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/lall%C3%A8gement-du-protocole-sanitaire-dans-les-%C3%A9coles-fait-bondir-les-syndicats/ar-BB1dGLBm
https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/variants-cas-contacts-fermetures-de-classes-lall%C3%A8gement-du-protocole-sanitaire-%C3%A0-l%C3%A9cole-irrite-les-syndicats/ar-BB1dGwsM

Neues aus dem Reiche der Natur

»Une fermeture créerait des difficultés scolaires, sociales, une fracture numérique.« («Eine Schließung [der Schulen ; A.P.] würden schulische und soziale Schwierigkeiten schaffen und fehlende Chancengleichheit beim Zugang zum Internet.«)

Alles hübsch gesagt. Bei der Ungleichheit bezüglich des Zugangs zum Internet ist’s so, dass sie ohnehin besteht. Sie würde nicht erst dadurch zustande kommen, dass man die Schulen schließt – sie würde nur sichtbar. Das ist nicht das Gleiche. Existieren tut das Problem ohnehin, nur kann man, wenn man die Schulen offen hält, so tun, als existiere es nicht. Und so ist es vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass das Ministerium spricht, wie es spricht. Es weiß sehr gut von den ungleichen Chancen bezüglich des Zugangs zum Internet, denn im ersten Lockdown hat man ja genau feststellen können, wie groß die Ungleichheit je nach sozialem Status der Familien war. Also verdankt sich die Sorge, dass sich durch erneute Schulschließungen das Problem fehlender Chancengleichheit ergeben könnte, nur der Tatsache, dass man, obwohl man das Problem kannte, nichts getan hat, um es zu lösen, und darum argumentiert man also weiterhin, Schulschließungen dürfte es nicht geben, weil sonst ein Problem zutage tritt, das schon lange zutage liegt, von dem man dann aber plötzlich zugeben müsste, dass es zutage liegt, weil man so getan hat, es liege nicht zutage, existiere nicht, müsse nicht gelöst werden.

Und in der Hinsicht sind die Schulen wie alles Übrige: Man wundert sich über das Auftauchen von Problemen, von denen man wusste, von denen man aber so angenommen hat, dass sie verschwinden würden, wenn der Virus verschwinde. Da aber der Virus nicht verschwindet, sondern sich im Gegenteil verstärkt, verstärkt sich der Druck, so tun zu müssen, als seien alle Probleme etwas Naturgegebenes, darin dem Virus ähnlich: dass arme Familien weder Computer noch Internet haben und also einem möglichen Distanzunterricht nicht folgen können, ist eine Gegebenheit, ist nichts, was man hätte ändern können.

Da aber wiederum die Behandlung schulischer Fragen ihrerseits Ähnlichkeiten hat mit der Behandlung der sanitären, kann man die ganze Argumentationsrichtung sofort umkehren und die These aufstellen, der Virus werde in dem Maße als eine natürliche Gegebenheit behandelt, gegen die man nichts tun könne, in dem der fehlende Zugang armer Familien zum Internet dem Reich der Natur zugeordnet werden muss.

https://fr.news.yahoo.com/les-parents-deleves-inquiets-face-a-la-menace-des-ecoles-fermees-022120037.html

Der Hort

Die Situation ist in einigen Landesteilen so dramatisch, dass man vorsichtig beginnt, Schulschliessungen – bis dahin ein absolutes Tabu – zu diskutieren. Ein Argument lautet, dass eine Schule, in der es keine oder nicht mehr genug Lehrer:innen mehr gibt, die unterrichten können, zwar weiterhin die Schülerschaft aufnehmen kann, dass das dann aber ohnehin nicht mehr Schule genannt werden kann. Denn Schule bedeute Lernen und Unterricht, und Unterricht gibt es nun einmal nur unter der Voraussetzung, dass genug Lehrer:innen gesund sind, um ihre Arbeit zu tun.

Es ist aber abzusehen, dass das Gerangel um die Schulschliessungen noch eine gute Weile anhalten wird, denn niemand hat bisher auch nur eine Sekunde geglaubt, es könne dem Schulminister allein um das Lernen und den Unterricht gehen. Vielmehr steht im Zentrum, dass die Eltern arbeiten gehen können müssen, und das bleibt auch dann ein Ziel, wenn Schule nicht mehr Schule ist.

Das Dumme ist, dass in dem Moment, in dem keine Ersatzlehrer:innen mehr in die von Krankheit betroffenen Schulen geschickt werden können, die verbleibenden Lehrer:innen gezwungen sind, die Schüler:innen unter den übrig gebliebenen Lehrer:innen aufzuteilen, was konkret bedeutet, dass alle noch enger aufeinandersitzen als ohnehin, so dass das Ansteckungsrisiko noch größer wird als ohnehin, so dass noch wahrscheinlicher wird als ohnehin, dass Lehrer:innen aufgrund von Krankheit ausfallen (und Schüler:innen sowieso, aber das ist ja egal), so dass, weil ja Ersatzlehrer:innen dennoch nicht verfügbar sind, noch mehr Kinder auf noch engerem Raum zusammengepfercht werden müssen, so dass von Schule also wirklich und wahrhaftig nicht mehr gesprochen werden kann, sondern bestensfalls von einem Hort, nämlich einem großartigen Hort der Ansteckung zumindest für diejenigen, die sich bisher noch nicht angesteckt haben.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-%C3%A0-l%C3%A9cole-quand-on-accueille-des-%C3%A9l%C3%A8ves-sans-enseignants-ce-nest-plus-de-l%C3%A9cole-cest-de-la-garderie/ar-BB1eYedo

Der Ausnahmezustand

Schulschließungen dürfen, weil Ausnahmezustand herrscht, nicht mehr von den Bürgermeister:innen in Eigenregie entschieden werden. Der Staat hat dieses Recht an sich gezogen. Glücklicherweise ist der Staat weit, weit weg von den konkreten Realitäten. Er kann sich also sagen, es herrsche noch kein Ausnahmezustand in den Schulen, denn was Ausnahmezustand bedeutet, das entscheidet, weil ja Ausnahmezustand herrscht, immer nur derjenige, der weit, weit weg ist von den konkreten Realitäten und daher unhaltbare Zustände ausnahmslos für normal erklären kann. Dies gilt auch dann noch, wenn der Ausnahmezustand so stark außer Kontrolle gerät, dass er sich generalisiert und also qua Verbreitung eine gewisse Normalität gewinnt. Dann kann die Regierung mit noch mehr Recht sagen, es laufe ja alles normal, d.h.: wie immer.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/fermeture-des-%C3%A9coles-la-question-doit-%C3%Aatre-pos%C3%A9e-estime-baroin/ar-BB1eXZ84

Anne Peiter

Corona 220: Vom Lernen oder auch nicht

Hätte hätte Fahrradkette

Das bekommt man gelegentlich zu hören, wenn es um die Frage geht, auf welche Weise sich das neueste Desaster der Corona Politik wohl hätte verhindern lassen. Dann nämlich zum Beispiel, wenn man spätestens im Spätherbst einen Lockdown verhängt hätte, der sich hätte sehen lassen und seinen Namen verdient hätte – zu einem Zeitpunkt zumal, in dem die Bereitschaft der Bevölkerung, sich auch einschneidenden Maßnahmen zu unterwerfen, größer gewesen wäre als jetzt. Oder, anderes Thema, wenn man mehr impfstoff, und diesen früher bestellt hätte. Oder: wenn man im Sommer, als manche sich mit der stillen Hoffnung trugen, die Sache mit dem Virus sei vielleicht doch schon überstanden, sich systematisch um die Situation an den Schulen gekümmert hätte. Undsoweiter undsofort.

Dann heißt es manchmal: „Hätte hätte Fahrradkette“. Der Spruch erregt Unbehagen bei mir, er hat das immer getan; es verdichtet sich im Augenblick. Offenbar soll die Sinnfreiheit des Reimes die Sinnfreiheit von Überlegungen demonstrieren, die sich im Irrealis bewegen, verpassten Möglichkeiten durchspielen und darüber nachdenken, was denn wohl gewesen wäre, wenn. Der Krug ist zerbrochen, die Milch verschüttet, warum soll man sich über die Vergangenheit denn bloß Gedanken machen, das blockiert uns doch nur, nimmt uns unsere Energie, die wir so dringend für die Bewältigung der anstehenden Probleme benötigen. Also: wozu sich damit beschäftigen?

Weil, Herr und Frau Fahrradkette, die Gegenwart der Vergangenheit in so vielen Dingen zum Verwechseln ähnlich sieht, dass sie zu einem Teil gar nichts anderes ist als diese Vergangenheit. So auch jetzt: Wir haben Corona, die Fallzahlen sind hoch und es liegt im Interesse aller, sie drastisch zu senken. Und nach wie vor gilt, dass ein konsequenter Shutdown über mindestens drei Wochen das einzige Mittel ist, von dem wir bislang sicher wissen, dass es hilft. Gegenwart und Vergangenheit folgen einander nicht wie auf einer Schnur aufgereihte Perlen, sie bilden ein Kontinuum von ineinander verflochtenen Abhängigkeiten und Übergängen. Die ruckartig aufeinanderfolgenden Jetztpunkte, die nichts miteinander zu tun haben, diese kleinen Einzelkämpfer in Reih und Glied – all das, was die stoßweisen drei Worte des Merkverses so schön ausdrücken, ist das Fundament der Ideologie, man könne nichts aus der Vergangenheit lernen, weil sie eben Vergangenheit damit vorbei und abgetan sein.

In Wahrheit jedoch haben wir nichts als die Vergangenheit, um zu lernen. Fehler sind das beste Material der Erfahrung; wer keine macht, hat aus den vergangenen gelernt, die sie oder er in dem Sinne als gegenwärtig begriffen hat, als sie jederzeit wieder gemacht werden können. Lernen heißt einkalkulieren, dass man nicht lernen könne und dass man nichts gelernt habe. Er setzt Misstrauen sich selbst gegenüber voraus: Bedingung der Möglichkeit von Reflexion. Nicht „Hätte hätte, Fahrradkette“, sondern – ich komme ein zweites Mal auf Aischylos zu sprechen – pathei mathos, „Lernen durch Leiden“ ist das Gebot der Stunde. Das heißt: Wieder und wieder ist zu analysieren, was aus welchen Gründen falsch gelaufen ist, und wie man es hätte anders machen können nur dann besteht Aussicht darauf, dass man es dann auch wirklich anders macht. ‚Dass uns „Hätte hätte“ rette‘ oder so.

Die Verzeihung

Die Bundeskanzlerin hat uns um Verzeihung für den Oster-Fauxpas gebeten, der der Ministerpräsidentenkonferenz, zugleich übererregt und übermüdet, Montag nacht kurz vor drei Uhr passiert ist. Gleichzeitig hat sie die alleinige Verantwortung dafür übernommen. Das ist anständig, es ist auch umfassend gewürdigt worden, aber ist es auch ehrlich? Eher hat man den Eindruck, sie decke die Runde, die es als politisches Organ eigentlich nicht gibt und die ihre Existenz nun immer weniger mit ihren Erfolg legitimieren kann.

Wie genau die Diskussions und Entscheidungsprozesse am Montagabend abgelaufen sind, weiß wohl niemand genau, der nicht dabei gewesen ist. Aber es spricht einiges dafür, dass die Diskussionen um den „kontaktarmen Urlaub im eigenen Land“, der von den nördlichen Bundesländern beantragt worden war, um für den Mallorca-Wahnsinn irgendwie entschädigt zu werden, vollkommen verfahren waren. (Man muss sich übrigens fragen, ob dieser Punkt überhaupt so wichtig ist und ob es nicht ein Symptom der Strategielosigkeit im Umgang mit der Pandemie ist, dass darüber so sehr gestritten wurde.) Einer der Teilnehmer sprach davon, wie er 5 Stunden auf einen leeren Bildschirm gestarrt habe, ohne im mindesten zu wissen, wie es denn nun weiter gehen würde.

Angesichts dessen, in diesem zähen Nichts aus Anspannung und Langeweile [1] kam der Vorschlag des strengsten Lockdowns aller Zeiten zu Ostern, der von der Kanzlerin kam, aber wahrscheinlich von Helge Braun lanciert wurde, gelegen wie eine paradoxe Erlösung. Wenn man nicht haben kann, was man sich wünscht, ist es am besten, allen den Spaß zu verderben. Ihr dürft nicht nur nicht in die Ferien fahren – Mallorca natürlich ausgenommen –: ihr sollt, das heißt: wir sollen stattdessen ganz und gar zu Hause bleiben, uns vollständig isolieren und das Osterlamm alleine essen. Es ist die Gerechtigkeit der Eltern, die alle Kinder schlagen, weil sie nicht herausfinden können, wer denn der/die Schuldige war.

Das ist miserable Pädagogik. Wird sie auf Menschen angewandt, die eigentlich ja keine Kinder mehr sind, ist der zu erwartende Verdruss groß. Nach der langen Nacht dürfte beim politischen Katerfrühstück den einen oder anderen aufgegangen sein, dass es keine so gute Idee war, in einem Wahljahr zudem, in dem das Volk sich eine andere Regierung wählen kann. Da Merkel nicht mehr zur Wahl steht, trat sie vor und erklärte sich zur alleinigen Schuldigen eines Systemversagens.

Wenn sie freilich überhaupt in dieser Sache eine Schuld trifft, dann wohl die, den deutschen Föderalismus, der an sich eine gute Sache ist, von seiner widerwärtigsten Seite gezeigt, ja ihn in diese Richtung systematisch verzerrt zu haben: in die eines ewig quengelnden Eigensinns nämlich, der den Bund, der in Gesundheitsfragen nun mal nichts wichtiges zu sagen hat, zeigt, wo er hingehört – „wo der Kuckuck wächst“, wie eine ehemalige Lehrerin von mir immer sagte.

Da liegt das Systemproblem. Merkel hätte dafür um Verzeihung bitten müssen, um Verzeihung gebeten zu haben und eine Ländersache in personam auf den Bund geschoben zu haben. Dass es nun so aussieht, dass die Länder alles richtig machen und der Bund alles falsch, ist nicht bloß falsch. Es verunklart ein weiteres Mal die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, die aus den föderalen System sich ergeben. Und ja, eine Entschuldigung wäre dies wert gewesen.

[1] Alexander Kluge macht diese bleiernde Unausgefülltheit der Zeit, Verwirrung und Langeweile, für eine der katastrophalsten außenpolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte verantwortlich: die einsame Entscheidung Genschers, Kroatien als unabhängigen Staat anzuerkennen. Vgl. A. Kluge: Gefangen im Nirgendwo, H.D. Genscher in der jugoslawischen Provinz, in: Chronik der Gefühle, Band 1: Basisgeschichten, Frankfurt am Main 2000, 227-231.

Noch einmal: Die Verzeihung

Hinter den partei- und wahltaktischen Überlegungen, die die Bundeskanzlerin dazu veranlasst haben könnten, sich zum Opfer anzubieten und als Prellbock der sich zunehmend lächerlich machenden Ministerpräsidentenkonferenz zu fungieren, mögen noch bestimmte kulturelle Gewohnheiten wirksam gewesen sein. Im Moment der Krise dirigierten sie das Verhalten.

Auf der einen Seite: die Mischung aus Preußentum und Protestantismus, der Selbstbezichtigungen eine Lust sind. Das Christentum im allgemeinen, der Protestantismus im besonderen haben ein narzisstisches Verhältnis zur Schuld, Nietzsche hat das wieder und wieder angegriffen und für das Grundübel der europäischen Zivilisation befunden. Aus dieser Mischung ergibt sich eine Art perverse negative Autonomie: Indem ich alle Schuld auf mich nehme, spreche ich anderen im vorhinein das Recht ab, über mich zu urteilen; ich nehme ihnen sozusagen den Wind aus den Segeln. Schuld ist Verantwortung, und Verantwortung ist Macht: so ungefähr ließe sich das selbstverliebte Verhältnis mancher Protestanten und Protestanten zur Schuld und zum Reden über die eigene Schuld beschreiben.

Auf der anderen Seite stehen die sozialistischen Schauprozesse, die öffentlichen Selbstanklagen, Bucharin und Co., die die eigene Person der Sache öffentlich zum Opfer bringen. Man lässt sich erschießen, geht ins Arbeitslager, gesteht ungeheuerliche und künstlich aufgeblähte Verbrechen ein, – und zwar nicht, um davonzukommen (die Chance hatte man meist gar nicht), sondern um wenigstens als verurteiltes Wesen rehabilitiert zu sein, den Namen zu retten und sich als Teil des großen Gesamtkörpers der sozialistischen Gesellschaft zu fühlen. So ähnlich müssen die Märtyrer sich gefühlt haben, die geschunden, gepfühlt und gesteinigt wurden, gerade aber durch den alles Vorstellen übersteigenden Schmerz Teil des Körpers der christlichen Kirche wurden, der sie unsichtbar erfüllte und trug.

Beide sind also ähnlichen Wesens; in beiden Traditionen, wie immer sie miteinander Zusammenhängen, wird ein Narzissmus der Schuld kultiviert, über die der oder die einzelne sich mit dem Allgemeinen verbindet, kurzschließt, und damit in seiner / ihrer Bedeutung erhöht wird.

Schamkultur und Schuldkultur

Sich ständig was Neues ausdenken und immer wieder denselben Fehler zu machen – es sind zwei Seiten derselben Medaille. Diese Medaille ist das Erkennungszeichen der Politik viele Länder, die sich weigern, aus den eigenen Fehlern etwas zu lernen, weil sie befürchtet, beim Wahlvolk würde nur die erste Hälfte dieses Vorgangs hängen bleiben: das nämlich ein Fehler eingeräumt wurde. Vielleicht aber ist das Wahlvolk gar nicht so begriffsstutzig und die schlechte Meinung, die manche Politiker innen von ihm zu haben scheinen, ist selbst nur ein Vorwand und eine Rationalisierung von einen tiefer liegenden Prozess.

Die große Unterscheidung zwischen Schamkultur und Schuldkultur, die Erec Robertson Dodds in seiner Vorlesung über „Die Griechen und das Irrationale“ gemacht hat, bezeichnet nicht einen ein für alle Mal erreichten zivilisatorischen Fortschritt. Es gibt vielmehr viele Anzeichen dafür, dass wir dabei sind, hinter ihn zurückzufallen. Und dies nicht erst seit Corona, sondern seit einigen Jahrzehnten.

Worin unterscheiden sich Scham und Schuld? In einer Gesellschaft, die durch Konzepte von Scham, Ehre, Ansehen etc. zusammen gehalten wird, kann ich zum Beispiel stehlen. Ich darf dabei nur nicht erwischt werden. Ein Unrecht ist nur dann ein Unrecht, wenn es öffentlich wird. Scham und Ehre stehen im Zentrum einer materiellen Ethik – materiell deswegen, weil sie sich im BLICK und im GEREDE der anderen materialisiert. Mein gesellschaftlicher Körper setzt sich aus diesen Blicken und diesen Reden zusammen; ich bin, was sie über mich denken und sagen (könnten).

In einer Schuldgesellschaft dagegen ist es immer falsch, zu stehlen. Ich habe den Wertekodex verinnerlicht, er ist in mich eingedrungen und zu einem Bestandteil meiner selbst geworden, der immer wirksam ist – so ähnlich, wie in der zivilisationsgeschichtlichen Konstruktion, die Freud in ‚Totem und Tabu‘ aufgemacht hat, der die Söhne terrorisierende Vater nach seiner Ermordung zu einem Teil ihrer selbst wurde und sie in Form des schlechten Gewissens nicht mehr verließ – so ähnlich, wie es sich in jedem Erziehungsvorgang aufs Neue abspielt, in dem das System der elterlichen Werte zum dauerhaften Verhaltenskodex der Kinder werden soll.

Das wäre, wenn es nur das wäre, natürlich einfach nur schrecklich. Aber es ist nicht nur das. Die Schuldgesellschaften haben gegenüber den Schamgesellschaften auch einen großen Vorteil. Sie bieten nämlich die Möglichkeit, der Schuld ledig zu werden. Die rituelle Entsühnung, Vergeben und Verzeihen, die göttliche Gnade, oder eben das als Aischyleische DURCH LEIDEN LERNEN sind Varianten dieses Verfahrens.

In einer Schamgesellschaft ist dergleichen nicht möglich. Ist der Name einmal befleckt, ist nicht vorstellbar, den Makel abzuwaschen. Oder eben nur materiell, in dem ich mich oder denjenigen, der den Marke benannt und öffentlich gemacht hat, töte. Oder schließlich – und das katapultiert uns zurück in die Gegenwart –, in dem ich den Makel gar nicht als Marke anerkenne, oder indem ich andere dafür verantwortlich machen, Sündenböcke suche etc.

Das bedauernswerte Schauspiel, dass sich Politikerinnen an ihrem Posten festklammern, weil sie offenbar kein Bewusstsein davon haben (jedenfalls kein öffentliches), für einen Fehler verantwortlich gewesen zu sein und jetzt daraus die Konsequenzen ziehen zu müssen; das Feuern von Subalternen an der Stelle des Rücktritts von Vorgesetzten; die Dreistigkeit, mit der gegen die Realität angelogen und der Sachgehalt von Vorwürfen schlicht geleugnet wird – dieser ganze Phänomenkomplex ist ein erster Aspekt, der den Verdacht nähert, dass wir uns nicht nur gelegentlich, sondern systematisch auf dem Rückweg in eine Schamkultur befinden. Die Rolle der Medien und der Umgang mit Ihnen, die sich zum Auge und zur Stimme der anderen rematerialisiert haben, die den Einzelnen nicht zur Schuld, sondern zur Schande und Lächerlichkeit verurteilen (ein Prozess, der wahrscheinlich durch die digitalen Medien befeuert wurde und von ihnen auf die traditionellen zurückschlug), ist ein zweiter Aspekt. Ein dritter ist die Durchwucherung des demokratischen Gemeinwesens von den Clans und ihrer Mentalität. Dabei denke ich nicht bloß an irgendwelche Familien, die in Neukölln ihr Unwesen treiben. Der mafiose Filz betrifft alle, er ist tief in den gesellschaftlichen Alltag eingedrungen. Das Ärgerliche an der Maskenaffäre ist für die CDU doch nur, dass sie sich haben erwischen lassen; das System, dass eine Hand die andere wäscht, ist so alt wie die Partei selber. Der Clan, der durch Loyalität statt durch Moralität zusammen gehalten wird; die klare Scheidung von Innen und Außen, die sein soziales Prinzip bildet; die Ansicht, dass schmutzige Wäsche grundsätzlich intern, in der Familie gewaschen wird – es bestimmt mittlerweile Politik und Arbeitsleben gleichermaßen.

Vor allem aber die Unfähigkeit, Fehler zu integrieren und dadurch überhaupt etwas zu lernen. Stattdessen: das Sündenbock-Prinzip. Was Angela Merkel am Mittwoch produzierte, war: Schamkultur im Gewand von Schuldkultur. Sie machte sich zum Sündenbock, häufte alles auf sich; dadurch wurde der gute Name des Clans MPK erhalten, die sich nun, NRW und Berlin gehen voran, daran macht, unter dem Schutzschirm eines universellen Schuldeingeständnisses, das keines war, die eigenen Beschlüsse von vorgestern zu unterminieren und damit Fehler zu begehen, die viel gravierender sind als die angeblich persönliche Schuld der Bundeskanzlerin.

Intelligenz lebt unten

Mir wird immer klarer, dass die Coronakrise nur lokal gelöst werden kann. Nur die lokale Selbstorganisation wäre stark und motivierend genug, uns zu schützen. Den Schulleiter:innen, Hausärzt:innen, den Veranstaltern und Veranstalterinnen, Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, den Lehrern und Lehrerinnen – ihnen allen wären Rechte und Mittel zu zugestehen, den Laden, den sie am besten kennen, in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten. Fehler müssen schnell verziehen sein, weil sie in einer Krise normal sind, aber nichts schlimmer ist als wenn daran festgehalten wird, weil man sich außerstande sieht, sie einzugestehen. Dann wäre diese Krise auch eine Chance für eine Gesellschaft, sich, anstatt autoritär zu verdummen, zu einem lernenden System zu entwickeln, das die Intelligenz, die unten lebt, sich zu eigen macht.

Wolfram Ette


Eins, zwei, drei, oder: Vom historischen Wert der Abzählverse

Es gab mal Zeiten, da habe ich kleine, hübsch gekrönte Abzählverse geschrieben, dem Vorbild folgend, das man in Pausenhöfen vor sich hat, bevor die Kinder ihre eigentlichen Spiele beginnen. Die Sprüche waren alle um die Zahl „Sechs“ zentriert und hatten, um’s gleich ehrlich zuzugeben, in dichterischer Hinsicht nur bedingt einen Wert (so ist das nun einmal mit diesem Genre). Gemacht hatte ich die Reime trotzdem, denn mich interessierte die Beschwörung der kleinen (aber nicht gar zu kleinen) Zahl, die man fest in die Hirne hatte einprägen wollen.

Die Tatsache, dass ich damals Reime schmiedete, um von der Eins hinaufzuzählen bis zur Sechs, ist in einer Hinsicht jedoch von wahrem, diagnostischem Interesse: Zumindest weiß ich jetzt noch (weil ich vor ziemlich genau einem Jahr herumreimte), dass es schon damals nötig schien, herumzureimen. Will heißen: Schon damals versuchte die Politik, mit der Zahl „sechs“ die Gefahr zu bannen und eine Art Ausgleich zu finden zwischen der Grösse von Kleinfamilien (Papa, Mama, zwei Kinder) und dem Bedürfnis derselben, sich durch Kontakte nach Außen die Brust zu weiten (vier + zwei macht sechs).

Es nimmt sich dieses Detail aus wie ein Bild für die Gesamtentwicklung: Man variiert die immer gleichen Maßnahmen und wundert sich, warum sie, obwohl sie schon einmal nicht recht geholfen haben, das zweite und dritte Mal auch nicht helfen. Gleichzeitig gilt auch das Gegenteil: Man versucht immer neue Dinge aus, doch immer nur in einem gewissen Rahmen, der abgesteckt wird durch das, was in die Köpfe von Ministerialbeamten generell hineinpasst. Die besten Köpfe haben einen Umfang, der es ihnen erlaubt, bis drei zu zählen – „eins, zwei, drei“ –, und die ganz, ganz hohen, bestbezahlten Kategorien („Kategorie A“ heißen sie im französischen System) schaffen’s sogar, zweimal bis drei zu zählen: „Eins, zwei, drei“, „Eins, zwei, drei“.

Ich bin der rechnerischen Überzeugung, dass wir jetzt die „dritte Welle“ haben, weil die meisten Beamten nicht bis drei zählen können, die besten aber nur, wenn sie sich wiederholen. Die Sechser-Regel, die draußen gelten soll, ist als wahres Wunderwerk ministerialen Erfindungsreichtums einzuschätzen (man hat’s, krisenbedingt, doch hinauf bis zur Sechs geschafft!), auch wenn dies nicht viel an der Tatsache ändern wird, die darin besteht, dass wir gerade voll in die „dritte Welle“ eintauchen, die man natürlich nicht hat kommen sehen, weil man ja nur mit zwei Beinen im Leben steht und geht, und daher bei jedem neuen politischen Schritt immer nur vor sich hinmurmelt: „eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei“.

Covid-19: les rassemblements de plus de 6 personnes en extérieur interdits sur tout le territoire (msn.com)

Coronavirus : „L’incitation à se voir dehors ne doit pas être comprise comme une absence totale de risque“, juge une spécialiste des crises sanitaires (msn.com)

Jetzt war Virus oder: Phantasielosigkeit

Man erfährt von einem hohen Vertreter der Pariser Krankenhäuser, es seien seit der ersten Welle noch nie so viele Patienten auf einmal in die Krankenhäuser oder ihre Intensivstationen gebracht worden wie gerade jetzt. Ich selbst setze in Gedanken hinzu – wer wüsste das nicht! –, dass die „britische“ Variante sehr viel ansteckender und gefährlicher ist, so dass diese Tendenz also noch eine ganze Weile so weitergehen wird. Und das ist ja in der Tat das, was mindestens seit Dezember von Epidemolog:innen vorausgesagt wurde. Es sei eine ganz einfache Rechenaufgabe durchzuführen, das Ansteckungsgeschehen sei ohne jeden Zweifel voraussagbar.

Die grosse, kaum fassliche Frage lautet also, wie der Präsident glauben konnte, es werde anders sein? Und wie kann ein ganzes Land folgen, obwohl doch all diejenigen, die sich wirklich mit dem Thema auskennen, einhellig darauf hinwiesen, es werde kommen, wie man sage? Wie kann man blind in etwas hineinlaufen, was die gesamte Gesellschaft in Gefahr bringt: sozial, ökonomisch, psychologisch, von der Stabilität des gesamten, politischen Systems her? Wie konnte es passieren, dass Alternativen, die sich als gangbar und erfolgreich erwiesen hatten, wie selbstverständlich ignoriert, ja noch nicht einmal in Ansätzen diskutiert oder gar ausprobiert wurden?

Es ist nichts Selbstzerstörerisches am Werk. Ich glaube nicht, dass Todessehnsucht wirkt. Ich glaube, es ist im Gegenteil eine Mischung aus dem Gefühl von Unverletzlichkeit und Phantasielosigkeit, die die Politik antreiben. Phantasielosigkeit vor allem. Man steckt so tief im Gewohnten, dass man sogar, wenn man die Gewohnheiten wegen einer Pandemie ändern muss, gleich wieder diese neue Gewohnheiten festzurrt und von diesen nicht mehr wegkommt, obwohl eigentlich eine permanente Selbstkorrektur vonnöten wäre.

So aber geschieht das Gegenteil: Man tut nichts (zumindest nichts Entscheidendes), man wartet, lässt die Gefahr kommen, wundert sich ein bisschen, wenn sie da ist und immer schlimmer wird, doch auch dann wartet man noch, tut nichts, hofft, die Impfstoffe würden was Entscheidendes ändern, auch wenn noch nicht klar ist, wann sie genau eintreffen werden. Aber auf jeden Fall ist die Entscheidung schon mal delegiert, und inzwischen wartet man und sieht zu, wie die Menschen, die nie eine Impfung bekommen werden, weil sie die Krankheit leider vor deren Eintreffen bekommen, an ihr – nämlich der Krankheit, nicht der Impfung – sterben. Und dann wundert man sich erneut, findet es schrecklich, aber sich selbst eigentlich nie, denn das hat man nicht gewollt, es ist nur gekommen, und dass alle Spezialisten sagten, es werde kommen, das begreifen man noch immer nicht. Immer und immer wieder : Der klügste Satz, der vor mehr als hundert Jahren geschrieben wurde und immer weiter anwendbar ist, lautet: „Jetzt war Virus“. Unser Problem betrifft die Unfähigkeit, aus Fehlern – nämlich Vergangenheiten – zu lernen.

Covid-19: comment les hôpitaux gèrent une situation quasi hors de contrôle? (msn.com)

Anne Peiter

Corona 219: Schnickschnack

Bestimmte Worte dürfen von Regierungsmitgliedern nicht länger verwendet werden, der Präsident hat sie strengstens verboten. Es geht besonders um die Vermeidung von Begriffen, die in der Bevölkerung Angst auszulösen oder den allgemeinen Unmut zu verstärken drohen. So ist jetzt tunlichst nach Worten zu suchen, die verhindern, dass bestimmte Segmente des Handels als „nicht-essentiell“ bezeichnet werden. Diejenigen, die diese Art von Geschäften vertreten, fühlten sich nämlich, so wird argumentiert, durch dieses Adjektiv beleidigt.

Man kann’s verstehen: Wer fühlt sich schon gern „nicht-essentiell“? Zumal ja auch das Nicht-Essentielle durchaus essentiell sein kann, um sein Leben zu verdienen! Man kann sogar noch weitergehen und behaupten, es träfe das Nicht-Essentielle auf fast alle Berufskategorien zu. Ist es essentiell, dass ich unterrichte? So sicher ist das nicht, auch wenn ich’s natürlich gern tue – eben um Geld zu verdienen. „Essentiell“ und „Nicht-Essentiell“ sind, so das einzig Sichere, was man in diesem Bereich aussagen kann, stark relative Begriffe, die sich am Ausmaß der jeweiligen Krise bemessen, in die hinein sie ihre Wirklichkeit behaupten.

Auf der anderen Seite scheint mir die um sich greifende Sprachreinigung ein Besorgnis erregendes Anzeichen für die erodierende Bereitschaft zu sein, das Notwendige – also Essentielle – gegen die Pandemie zu tun. Man beginnt, bestimmte Berufskategorien mit sprachlichen Glacé-Handschuhen anzufassen, und der Sprache folgt die Sache automatisch auf dem Fuße: Wenn man ein Geschäft schließen will, das (sagen wir mal ganz vage) nichts als nutzlosen Schnickschnack verkauft, ist das nur durchsetzbar, wenn man bereit ist, die Unterscheidung zwischen Dingen wie zum Beispiel Was-zum-Essen-Haben und Schnickschnack aufrechtzuerhalten. Essen ist notwendig, d.h. essentiell, Schnickschnack hingegen nicht.

Doch wenn man amtlich verordnet, vom Schnickschnack dürfe nicht mehr gesprochen werden, ist damit die Wirkung verbunden, dass der Schnickschnack sich im Lichte einer gewissen Bedeutung sonnen darf. Vielleicht lässt man den Schnickschnack dann doch offen. Doch das ist nicht das eigentliche Skandalon. Entscheidend ist vielmehr, dass das Korrelat zum Schnickschnack das Notwendige ist. In dem Masse, in dem man Schnickschnack nicht mehr Schnickschnack nennt, verliert man den Begriff des Notwendigen aus dem Auge. In dem Masse, in dem man dem Schnickschnack einen gewissen Grad von Notwendigkeit zubilligt, schwächt man das wahrhaft Notwendige, zu dem zum Beispiel Essen und Gesundheit gehören.

Die sprachliche Schulung, die Macron seinen Ministern angedeihen lässt, ist also darum selbst dem Schnickschnack zuzuordnen, weil sehr viel mehr Energie auf die Vermeidung sprachlicher Beleidigungen aufgewendet worden ist als für die Diskussion über Maßnahmen, die den totalen Zusammenbruch des Gesundheitswesens vermeiden helfen könnten. Das heißt: Ich persönlich fühle mich von dem Summs, den man um den Schnickschnack und sein mögliches Gefühl, beleidigt worden zu sein, macht, schwer beleidigt. Mir scheint, dass das Leid derer, die zur Zeit schwerkrank in den Krankenhäusern liegen, in Hubschraubern oder Zügen evakuiert werden müssen oder aber Zuhause auf eine Operation warten, die absolut notwendig wäre, um nicht zu sterben, alle Beleidigungsklagen von Seiten des Schnickschnacks von allein aufhebt.

Es beleidigt mich die sprachliche Prioritätensetzung, die zugleich einer politischen Prioritätensetzung gleichkommt. Warum macht man sich so wenig Sorgen um die richtigen sprachlichen Formen, Notwendigkeiten wieder an’s allgemeine Bewusstsein zu heben? Warum gibt man sich so bereitwillig dem Schnickschnack hin, obwohl der doch gar nichts daran ändern wird, dass die Realitäten, die man gern vermeiden würde, weitergehen? Warum sagt man nicht, Verdienen am Schnickschnack sei kein Schnickschnack, der Schnickschnack selbst aber sei’s doch? Ist das nicht einzusehen? Ich selbst fühle mich sprachlich bedroht. Das ist mehr als: sprachlich beleidigt.

Emmanuel Macron : ces mots qu’il a interdits aux Ministres (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

»Warum sagt man nicht, Verdienen am Schnickschnack sei kein Schnickschnack, der Schnickschnack selbst aber sei’s doch?« Die Unterscheidung zwischen dem Notwendigen und dem Schnickschnack ist dem kapitalistischen Wirtschaftssystem wesensfremd. Ihm geht es ja um Inhalte, nicht um den sogenannten Gebrauchswert der Ware, nicht um ihren Nutzen. Ihm geht es um die Waren als Ware, es geht ihm nur um den Warencharakter der Ware, das heißt, um die Fähigkeit durch ihren Kauf und Verkauf Gewinn zu erwirtschaften. Aus diesem Grund ist der Begriff der Systemrelevanz systemfremd. Systemrelevant ist das, was Profit generiert und Mehrwert produziert. Je mehr dies in die Produktionsweise der Ware eingebaut, desto systemrelevanter ist sie.

Wir leben aber nicht so ganz in einem orthodoxen kapitalistischen System. Das meint, wir bedienen dieses System als Naturwesen mit natürlichen Bedürfnissen nach Kleidung, Nachrung, Obdach, Gesundheit und Geselligkeit. Ohne uns geht’s nicht – leider: Die Träume von einer vollautomatisierten Welt haben sich nicht erfüllt und werden sich wahrscheinlich auch nie erfüllen. So billig wie ein Arbeiter in Eritrea kann eine Maschine gar nicht sein. Der einzelne Arbeiter / die einzelne Arbeiterin – sie sind natürlich entbehrlich; über ihren Tod vergießt das Kapital keine Träne. Insgesamt aber, als Arbeiter:innenschaft, sind sie aber unentbehrlich, weil sie den Mehrwert produzieren. Was der Herstellung ihrer Lebensfähigkeit dient, ist demnach systemrelevant – sekundär systemrelevant.

Das gilt natürlich auch auf der anderen Seite der Skala, für die anderen dramatis personae in diesem perversen Rollenspiel, für die nämlich, die keinen Mehrwert produzieren (oder höchstens sehr vermittelt) sondern dazu da sind, die ungeheure, von diesem System produzierte, Warensammlung zu verzehren und zu vernichten. Die Konsumenten also; wir als Konsumenten. Ohne sie kann es sich auch nicht reproduzieren. Beide sind also notwendig: »systemrelevant«. Sie sind dem Produktionszusammenhang egal. Trotzdem kann er auf sie in ihrer leiblichen Bedürftigkeit nicht verzichten, denn Arbeits- und Kaufkraft müssen erhalten bleiben.

Wolfram Ette

Corona 218: Kalter Entzug

I

Gegenüber Ländern wie China, aber auch Australien und Neuseeland (oder, in letzter Zeit, Portugal), bieten die europäischen Demokratien vor allem das Bild einer suchtförmig bestimmten Gesellschaft. Das heißt also, einer Gesellschaft, die Einschränkungen bis zu einem Punkt – will sagen: einem genügend niedrigen Inzidenzwert – an dem es epidemiologisch vertretbar wäre, sie wieder zu lockern, gar nicht aushält, sondern so schnell wie möglich wieder zurück möchte ins normale Leben.

Auch hier gilt, dass Corona die Wahrheit über unsere gesellschaftliche Befindlichkeit herausbringt. Wir sind unfähig, mit der Gefahr umzugehen, und zu dem Verzicht, der zum Überleben nötig wäre, nicht in der Lage. So gleicht unser Verhalten dem von Süchtigen: dieses ständige Spiel mit dem Feuer, einer geht noch, wir machen jetzt mal ne Ausnahme, einmal ist keinmal etc.pp.; die immer wiederkehrenden Anläufe, ins sogenannte normale Leben zurückzukehren, das ganz ebenso normal ist wie die Flasche Wein pro Tag für einen Alkoholabhängigen. Und dann aber die immer wiederkehrende Enttäuschung, dass das nicht möglich ist, dass es nicht gelingt, dass man schon wieder auf Entzug muss und dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn man sich diese Ausreißer, schnell den Flug nach Malle buchen, solange es erlaubt ist, doch nicht genehmigt hätte.

Übertrage ich dieses Suchtverhalten, von dem es weltweit nur wenige Ausnahmen gibt, auf den Umgang mit der Klimakrise, die in jeder Hinsicht gravierender ist als das, was uns Corona bisher beschert hat, wird mir schwarz vor Augen.

Wolfram Ette

II

Das Offenbarwerden der tiefverankerten Suchtstrukturen der Welt, in der wir leben, ist vielleicht, wie ich jetzt erst bemerke, dasjenige, was mich im Verlauf der letzten Monate am meisten irritiert und erschöpft hat. Zuvor habe ich darüber nie nachgedacht. Einmal nur, vor langen Jahren, hatte ich mich gefragt, weshalb die kapitalistische Gesellschaft mit aller Härte die von ihr nicht sanktionierten Suchtmittel (und die ihnen unterworfenen Menschen) verfemt und bekämpft, und damals bereits kam mir der Verdacht, daß dies zu tun haben müsse mit etwas im Innersten dieser Gesellschaft, das von ihr zutiefst verleugnet wird. Was aber das sein könnte, kam mir nicht in den Sinn, obwohl es doch auf der Hand lag. Bewegt man sich, wie wir alle, stets nur innerhalb jener allumfassenden, alles integrierenden Suchtstrukturen wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser, so kann man es nicht bemerken, naturgemäß. Wie der Fisch aus dem seine Kiemen durchströmenden Element ein anderes extrahiert, von dessen Vorhandensein sein Leben abhängt, so geschieht es auch uns, auf mikroskopischer Ebene und auf makroskopischer. Deren äußerste, sich der körperlichen Erfahrung des einzelnen gänzlich entziehende und daher nur mehr abstrakte Form ist der globale Freihandel, um dessen unumschränkter Durchsetzung willen Gewalt eingesetzt wird immer dort, wo es nötig und möglich ist: durch eben den Krieg, den doch einst die im Vergleich zum offenen Raub friedlichere Form zwischenmenschlichen Austauschs, der Handel, historisch abgelöst, wenn auch nicht im geringsten abgeschafft hatte. Auf mikroskopischer Ebene, den menschlichen Körper wie feines Geäder durchziehend, sind es all jene affektiven Besetzungen, die sich an das Glücksversprechen der Konsumgüter heften, und die kurze, rauschhafte Genugtuung, die sie im Vollzug ihrer Konsumtion bereiten, wobei diese meist schon als Vorlust im bloßen Erwerb sich erschöpft. Beides hat sich so tief in die Triebstrukturen der Seele eingesenkt, daß es gleichsam als ein Transzendentales der Psyche erscheint, das, anders als das Verdrängte, zwar relativ leicht zu benennen und zu analysieren ist, das sich aber im Gegensatz zu jenem in seiner Durcharbeitung psychischer Gestaltwerdung und somit der Möglichkeit, es zu fassen bekommen, notorisch entzieht: Das Konsumgut selbst ist schon die Gestalt in ihrer ganzen Vollendung – so evident wie enigmatisch. Des Rätsels Lösung hieße, wie Büchners Lenz es sich wünschte, auf dem Kopf gehen zu können.

Sucht hat keine Gestalt. Sie deformiert nur die Gestalten, die ihr unterliegen (ihre Subjekte), doch weder bringt sie Objekte hervor, denen man ihr Suchtpotential ansähe, noch heftet sie sich an solche, die es objektiv repräsentierten. Die Gegenstände der Sucht sind stets Partialobjekte (nicht im psychosexuellen Sinn); insofern sind sie phantasmatisch. Sie sind objektiv bloß das Mittel, in dem der geheiligte Zweck unkörperlich verschlossen liegt. Wie die Sucht selbst nur ein Surrogat ist für ein unstillbares Bedürfnis, sind ihre Mittel, die vorübergehende Entlastung verschaffen, ihrerseits Surrogate – das Gewollte, doch nicht das Gemeinte. Im Gegensatz zum Fetisch, der das Gewollte meint und es in Teilen, wenn auch verwandelt, verkörpert, so daß er als Greifbares das Ungreifbare repräsentieren und es vertreten kann, ist der Objektcharakter der Suchtmittel ganz aus ihnen getilgt, selbst dann, wenn sich im Objekt partiell der Gegenstand der Sucht zeigt. Er zeigt sich darin, doch nicht daran, und insofern zeigt er sich nicht real, sondern nur phantasmatisch.

Das Unheimliche der Sucht (wie ihrer Mittel, denn beides läßt sich nicht trennen) ist, daß sie auch wirkt, wenn man nicht daran glaubt. Das gilt in erster Linie für alle Sucht- und Betäubungsmittel im engeren Sinne, also Substanzen, deren chemische Zusammensetzung unmittelbar auf die Körperprozesse einwirkt, genauer gesagt: unsichtbar im Körper wirkt, ohne daß es einen nachvollziehbaren Kausalzusammenhang gäbe, der sich zwar – abstrakt – erkennen und beschreiben, jedoch nicht sinnlich erfahren läßt, weil nur die Wirkung, nicht aber die Ursache Gegenstand der Sinneserfahrung wird. (Daher ist die Erfahrung der Sucht, mehr noch als die der Lust und des Schmerzes, eine unteilbare – die zugleich radikalste und depravierteste Verwirklichung des Individuationsprinzips.)

Es wäre, ein Kategorienfehler, biochemische Wirkungsprozesse im Individualkörper auf die Gesellschaft zu übertragen. Aber so problematisch die biologistische Metapher vom »Gesellschaftskörper« auch sei, so hat sie hier dennoch eine Berechtigung, weil sie mehr als nur eine Metapher ist. Das Coronavirus befällt unterschiedslos alle, die sich mit ihm infizieren, wenn auch keineswegs alle daran erkranken. Insgesamt aber krankt die gesellschaftliche Funktionsfähigkeit am arbiträren Befall anonymer Individuen – es sind, nach Duchamps bösem Bonmot, immer die anderen, die sterben –, deren Gesamtheit eine ‚kritische Masse‘ bildet. Die in dieser abstrakten, nur aus Ziffern bestehenden Masse sich verdichtende und daran lediglich sich objektivierende Krisis bezieht sich dabei nicht auf die tendenzielle Mortalitätsrate ­– die im Verhältnis zu weit gefährlicheren Krankheiten noch relativ moderat ist und für die Funktionsfähigkeit des Ganzen möglicherweise gar zu vernachlässigen wäre – und auch nicht auf die von der Krankheit jeweils konkret betroffenen einzelnen, sondern auf die gesamtgesellschaftlich greifenden psychischen Abwehrreaktionen, die an die Stelle der ausbleibenden körperlichen getreten sind. Die subkutane Panik, die in der Paranoia der Leugner ihr Spiegelbild findet und in ihren aggressiven Ausprägungen deckungsgleich mit ihr ist, wäre dann weniger eine Folge der Angst, selbst befallen zu werden – einer Identifizierung mit den Betroffenen –, sondern vielmehr Symptom einer Überidentifizierung mit etwas, das sich dem einzelnen notwendig entzieht, wovon er sich aber eben darum um so abhängiger weiß: einem ungestalt-Übermächtigen, wie in den frühsten Tagen der Kindheit. Die so erregende wie verstörende Porosität des eigenen Leibes, die der Säugling an der spendenden Mutterbrust sprachlos, offenen Mundes an sich erfuhr (die aber beim unsichtbaren Erreger am eigenen Leibe gar nicht leibhaftig erfahren werden kann, sondern lediglich in ihrer pathogenen Wirkung), wird in einer Art reversibler und gerade deshalb realitätsgerechter pathischer Projektion übertragen auf den »Gesellschaftskörper« als Ganzes. In seiner abstrakten Totalität ist er ungreifbar und daher unheimlich; in seinen konkreten, trostspendenden Produkten jedoch überall zu greifen und vertraut. Die Identifizierung mit dem Ganzen durch sie, die Produkte, geht aufs Ganze und mißlingt, da alle Produkte pars pro toto immer nur Platzhalter des Ganzen sind, das sie nie adäquat repräsentieren können.

Das ist so lange kein Problem, wie die konkreten Güter in ihrer Überfülle, ihrem vollkommenen Zuhandensein, für die Vollkommenheit des sich entziehenden Ganzen abstrakt einstehen; sie verdinglichen (im Wortsinn) jeweils im Besonderen nur das Allgemeine, und so wenig ihnen ihre abstrakte Warenförmigkeit anzusehen ist, so wenig das Suchtpotential, dessen Träger zwar sie sind, doch nicht dessen wirkende Substanz. So lange die Kanäle und Regale gefüllt sind und die drohende Porosität des »Gesellschaftskörpers« dank permanenten Nachschubs an Gütern immer noch aufgeschoben werden kann (so lange also dieser „Körper“ „dicht“ ist), so lange wird auch die des eigenen Leibes nicht wahrgehabt.

Das Virus hat nun – metaphorisch – die Poren geöffnet, im kleinen wie im großen. Die Individualkörper erweisen sich als durchlässig fürs mikroskopisch Kleinste; das unsichtbar Größte, der globale ökonomische Stoffwechsel, ist zwar weit entfernt davon zu kollabieren, gibt aber in der Krise, für einen kurzen Moment, eine Idee davon, was es heißt, wenn alle Räder stillstehen. Erfahren wurde eine erste Vorahnung des Entzugs. Was da aber entzogen wurde, entzieht sich aller phänomenalen Erfahrung wie der in der Droge verschlossene Wirkstoff. Es liegt zwar auf der Hand, doch es läßt sich nicht fassen. Es ist allgegenwärtig und eben darum ungreifbar. An der einzelnen Droge und ihrem „Mißbrauch“ offenbart sich nur – äußerlich – die Besonderung des Allgemeinen im Greifbaren und Konkreten; sie exemplifiziert und akzentuiert, was im Ungreifbaren und Unkonkreten desto gebräuchlicher ist, da es unbedingt, nämlich bedingungslos gebraucht wird wie die sprichwörtliche Luft zum Atmen. Und weil, anders als im Fall greifbarer Drogen, der Entzug selbst noch sich entzieht, da das Entzogene so gestalt- wie begriffslos ist, wird er nur dunkel und ahnungsweise erfahren als tiefes Unbehagen in der Kultur.

Falk Haberkorn

Corona 217a: Zeitlichkeit der dritten Welle

Kassandra-Dialektik (vs. Präventions-Paradox)

Im letzten Jahr war eine Bekannte felsenfest davon überzeugt, dass es keine zweite Welle geben wird. Sie hat sich das gewünscht, das ist klar, und der Wunsch hat sich sachte an die Stelle der Wirklichkeit geschoben. Jetzt sind wir in der dritten Welle. Was kann das verhindern? Was befähigt zum Pessimismus, wie kann man den Verlockungen des Optimismus begegnen? Das ist der Gedanke, den wir zu verbreiten versuchen. Die Optimisten bewirken, dass die Pessimisten Recht behalten, und die Pessimisten bewirken, wenn man ihnen glauben würde, dass der Optimismus zumindest eine bessere Chance darauf eingeräumt bekommt, recht zu behalten. Das ist die Kassandra-Dialektik. Kassandra hat nicht immer Recht. Aber sie bekommt immer Recht, weil ihr niemand glaubt. Würden ihr die Leute glauben, hätte sie nicht recht.

Wolfram Ette

Die Veränderung

„Il faut que ça change, mais sans que rien ne change pour que ça change.“ („Es muss sich ändern, doch ohne dass sich was ändert, damit es sich ändert.“) Dieser Satz, von einem Journalisten der Zeitung „Libération“ geschrieben, wirkt geradezu befreiend. Er bringt auf den Punkt, was im Land nicht geschieht: Ein Lockdown ist beschlossen worden, der keiner ist. Telearbeit wird nahegelegt – empfohlen –, doch nichts getan, damit diese Idee – als das Nächstliegende – auch wirklich umgesetzt werde. Schulen und Universitäten bleiben (mit ganz wenigen Einschränkungen in den Gymnasien) offen. Herumgehen und -fahren darf man, wie man will. Viele Geschäfte schließen, das stimmt, doch selbst die Blumenhändler gelten als Zulieferer für die Befriedigung von „Grundbedürfnissen“, diese sind also sehr weit gefasst. Die einzige wirklich große Neuerung ist die Einschränkung von Reisen zwischen den vom Lockdown betroffenen Gebieten und den anderen, die nicht betroffen sind (noch nicht, aber was nicht ist, kann ja noch kommen).

Es stellt sich also heraus, dass, vom Reisen abgesehen, nichts sich ändert. Aber dargestellt wird’s als grundlegendste Veränderung. Man reagiere, man tue etwas, damit sich an der epidemiologischen Situation was ändere. Und man empfiehlt, an der Telearbeit müsse sich jetzt wirklich was ändern. Da man aber nicht tut, was nötig ist, damit es sich ändert, ändert sich nur der Ton, und der tut so, als sei es etwas grundstürzend Neues, dass man am besten auf Distanz arbeitet. Diese Regelung gilt jedoch schon seit Januar, und sie hat wenig Wirkung gezeigt. Wenn man jetzt also etwas als neu ausgibt, was in Wirklichkeit schon alt ist und seit langen Wochen gilt, ohne dass die Gültigkeit überhaupt wahrgenommen worden wäre, ist sehr leicht vorauszusagen, was weiter passieren wird: Es wird sich die Sprache weiter dauernd ändern müssen, damit die Wirklichkeit so bleiben kann, wie sie ist.

Da aber durch den Virus die Wirklichkeit nicht einfach so bleibt, wie sie ist, sondern sich im Gegenteil sehr stark verändert, wird man sich wundern darüber, dass die Regeln, die nur empfohlen werden, damit niemand vergrätzt sei, nur eine Veränderung zeigen, nämlich eine hin zum Schlimmeren. Und das wird man dann wirklich schlimm finden, in Wirklichkeit aber ganz zufrieden sein damit, dass man’s gewagt hat, als einzige Veränderung einzuführen, dass nichts sich ändert, denn man wird hoffen, dass diejenigen, die gefürchtet hatten, sie würden etwas ändern müssen, sehr zufrieden damit sein werden, dass sie nichts haben ändern müssen, denn sonst wäre ja das Wort „Veränderung“ wirklich mit Wirklichkeiten gefüllt gewesen, und das kann in einer Situation, in der die Wirklichkeit ohnehin so schwer zu ertragen ist, nicht ernsthaft verlangt werden.

Die Schlussfolgerung aus all dem ist ganz eindeutig: Man hat sich politisch entschieden, dass die Veränderungen, die man nicht entscheiden wollte, mit sehr vielen Toten zu bezahlen sind. Der Status Quo hat seinen Preis, auch wenn der Status Quo sehr dynamisch sein wird und die Zahl der Toten steigen und steigen wird, d.h. sich permanent nach oben hin verändert.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/t%C3%A9l%C3%A9travail-le-gouvernement-veut-que-%C3%A7a-change-mais-sans-changer-grand-chose/ar-BB1eKMTT?li=AAaCKnE

Vorerst

„Vorerst“ ist wirklich das Modewort schlechthin. Für die Ile-de-France wird angekündigt, vorerst werde sich am Rhythmus der öffentlichen Verkehrsmittel – Zügen, Bussen, Metros etc. – nichts ändern. Entweder es stimmt – und dann schreibt sich die Verkehrspolitik in die Generallinie der Regierungspolitik ein: „Es ändert sich nichts.“ Oder man ändert nichts, sagt aber vorsichtshalber, es ändere sich nur „vorerst“ nichts. Auch das entspricht ganz dem Geist der Zeit. Denn wenn sich auch nichts ändert, so kann man doch zumindest sagen, das gelte nur vorerst, es könne also durchaus sein, dass sich irgendwann doch noch etwas ändern wird. Nicht gleich, aber es kann kommen: Die Veränderung, die vorerst nicht gilt, der man aber insofern zu ein bisschen antizipierter Wirklichkeit verhilft, indem man sagt, das „Vorerst“ werde irgendwann aufhören können, um dann den Veränderungen, die kein Mensch will, Platz zu machen.

Ich befürchte aber, dass es darauf hinauslaufen wird, dass das Vorerst zwar gewisse Veränderungen mit sich bringt (die Frequenz der Züge wird garantiert abnehmen), die Hauptsache aber doch darin bestehen wird, dass man vor allen Dingen auf dem Beharren beharrt, d.h. in Veränderungen einfach für viel zu viel Veränderung auf einmal sieht.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/reconfinement-en-ile-de-france-p%C3%A9cresse-annonce-que-loffre-de-transports-reste-la-m%C3%Aame-%C3%A0-ce-stade/ar-BB1eMoff

Wenn die Zukunft die Gegenwart bestimmt

Die belgische Regierung verspricht die Wiedereröffnung von Cafés und Restaurant pünktlich zum 1. Mai. Man versucht, Perspektiven zu eröffnen, Zukunft herbeizureden, exakte Daten zu nennen, jetzt, wo die „dritte Welle kommt“ und kein Mensch so richtig weiß (oder wissen will), was das genau bedeutet.

So stellt sich heraus, dass sich die Exaktheit dessen, was man sich vornimmt, stets proportional verhält zu der Tatsache, dass man zur Zeit noch nicht exakt weiß, was man bloß tun soll. Die Exaktheit bezüglich der Zukunft korreliert mit der fehlenden Exaktheit im Hier und Jetzt. Erstere ist also der Trost, den man sich zuspricht angesichts einer Gegenwart, die ohne Zukunft zu sein scheint. Die Zukunft gibt der Gegenwart die Kraft, den Gedanken zu fassen, es werde nicht immer Gegenwart sein.

Doch weil es in politischer Hinsicht sehr viel besser wäre, man wüsste schon, was man jetzt und hier konkret zu tun hat, stehe ich allem Tröstlichen ziemlich skeptisch gegenüber. Die Zukunft hängt ja nun einmal von dem ab, was man in der Gegenwart tut, und nicht umgekehrt. Es wird der chronologische Verlauf aber permanent zu einem anti-chronologischen gemacht, und das ist (ich geb’s gern zu) erzählerisch nicht uninteressant, als Politik, die auf die Gestaltung von Gegenwart zielt, jedoch nicht besonders überzeugend, denn eigentlich müsste man versuchen, die Geschichte, die wir gerade erleben, stringent und möglichst schnell zu ihrem Ende zu bringen, statt zu behaupten, das Ende – nämlich der 1. Mai mit seinen offenen Cafés und Restaurants – sei längst erreicht.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/covid-19-la-belgique-durcit-ses-restrictions-pour-faire-face-%C3%A0-larriv%C3%A9e-dune-3e-vague/ar-BB1eLPsK

Blick auf’s Morgen als Blick auf’s Heute

In die täglichen Statistiken von Sante publique France werden von heute an auch aufgenommen: „le nombre de personnes en soins de suite et de réadaptation (SSR) ou en soins de longue durée (SLD), et le nombre de personnes dans un autre type de service“ („die Anzahl der Personen in der Nachsorge- und Rehabilitationsversorgung oder in der Langzeitpflege, und die Anzahl der Personen in einer anderen Art von Dienstleistung). Es ist das erste Mal, dass mit öffentlich-offiziellen Zahlen anerkannt wird, dass Covid nicht nur ein Problem jetzt und hier ist, sondern auch ein Problem der langen Dauer, mit all den Kranken, die die eigentliche Krankheit zwar überlebt haben – und zum Teil sogar: ohne Probleme –, jetzt aber trotzdem, wegen der langfristigen Folgen, Hilfe brauchen.

Mir scheint, es ist ein festhaltenswertes Faktum: dass man genau in dem Moment, in dem man ganz kurzfristig und in geradezu panischer Eile auf eine Situation zu reagieren versucht, die völlig aus der Kontrolle geraten ist, auch an das Morgen denkt. Unter denjenigen, die gerade jetzt, in diesem Moment, krank werden, werden die Kranken von morgen sein: diejenigen, die das alles überstehen und doch nicht gesund sein werden.

Zugleich führt man dieses Morgen aber nur darum ein, weil das Morgen von Gestern noch auf den Krankenhäusern lastet: Die alten Covid-Kranken müssen eben auch versorgt werden, und das funktioniert umso schlechter, je mehr neue Covid-Kranke eingeliefert werden. Es stellt sich also heraus, dass man in Bezug auf das Verhältnis zum Morgen doch nicht zu optimistisch sein darf. Niemand (und schon gar nicht Santé publique France) hätte daran gedacht, vorauszuweisen auf das, was langfristig mit den ganzen Folgen bevorsteht, wenn die Folgen von Gestern nicht den Versuch behindern würden, in diesem Augenblick nicht gar zu viele Menschen sterben zu lassen.

https://www.ouest-france.fr/sante/virus/coronavirus/covid-19-la-hausse-se-poursuit-avec-35-000-cas-ce-jeudi-le-point-par-departement-7191882

Optimismus

Ein Arzt sagt voraus, dass wir uns, wenn wir Glück haben, in einem Monat, dann also, wenn der jetzt verhängte Lockdown endet, in genau der gleichen Situation befinden könnten, in der wir uns jetzt befinden, also mit restlos ausgelasteten Betten und restlos überlasteten Ärzt:innen. Man solle nicht meinen, diese Aussage sei eine pessimistische. Sie ist vielmehr als realistisch zu bezeichnen, denn ein Lockdown, der kein richtiger ist, wird zwar ein wenig Veränderung bewirken, aber nichts an der Tatsache ändern, dass die Entscheidung für den Lockdown erst in einem Moment gefallen ist, in dem es schon so dramatisch war, dass es nun für eine gute Weile noch immer dramatischer werden wird. (Die Ansteckungen haben ja schon stattgefunden, und das, was sie in den nächsten Tagen bedeuten, kann man nicht mehr rückgängig machen.)

In der Hinsicht ist es sogar plausibel, zu sagen, dass der Arzt recht optimistisch ist, wenn er sagt, in einem Monat, nämlich in dem Moment, in dem der jetzt verhängte Lockdown endet, könnten wir uns in genau der gleichen Situation befinden wie jetzt, nämlich mit restlos ausgelasteten Betten und restlos überlasteten Ärzt:innen.

Die Gegenwärtigkeit der Zukunft

Tant qu’on peut l’éviter, on l’évitera“ („Solange wir ihn vermeiden können, werden wir ihn vermeiden“). „ER“, das ist der Lockdown. Man nennt ihn noch nicht einmal mehr, jeder weiß, wovon die Rede ist. Aber das Interessante ist, dass man das Vermeiden gerade dann ins Futur setzt, wenn sein – nämlich des Futurs – Eintritt unmittelbar bevorsteht und das, was hatte vermieden werden sollen, nicht länger vermieden werden kann. Man macht also die sprachliche Erfahrung, wie die grammatikalischen Formen, die die Ferne des erst noch Kommenden ausdrücken sollen, plötzlich dem Gegenwärtigen fast identisch sind: Man wird IHN vermeiden, man vermeidet IHN, man hat ihn schon vermieden, man vermeidet immer weiter und weiter, obwohl schon klar ist: Die Zukunft ist längst da.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-emmanuel-macron-va-se-prononcer-sur-un-%C3%A9ventuel-confinement-le-week-end-en-ile-de-france/ar-BB1eFjAq

Anne Peiter

Corona 217: Schlachtbeschreibung II

Es klingt ja wirklich vernünftig, dass nun endlich, endlich die Hausarztpraxen als Basis der Impfkampagne anerkannt werden. Es ist auch realistisch, denn die Politiker können das Vertrauen, dass sie in dieser Sache verschanzt haben, aus eigener Kraft nicht mehr zurückerlangen. Möglich ist dies nur vor Ort, durch kompetente Menschen, die nicht im Kunstlicht von irgendwelchen Bildschirmen zu mir herabgestikulieren, sondern durch solche, die ich seit langem kenne, und die mich seit langem kennen; Menschen überdies, mit denen ich mich in demselben Raum befinde. Vertrauen geht nicht einfach so, es hat etwas mit Vertrautheit zu tun.

Ich bin also sehr für die Hausärzte. Und doch beschleicht mich ein Unbehagen – das Gefühl, dass diese Regierung auch das wieder verkacken wird. Anlass für dieses Gefühl war ein einziges Wort: „flächendeckend“. Es heißt, Anfang April werde „flächendeckend“ in allen Hausarztpraxen geimpft werden können. Ob diese sich dabei an die vorgeschriebene Impfreihenfolge zu halten hätten, sei noch offen.

Da haben wir es. Ich meine, damit haben wir den Grund vor Augen, aus dem mit hoher Wahrscheinlichkeit eben nicht „flächendeckend“ über die Hausarztpraxen geimpft werden wird, und aus dem auch dieses „flächendeckend“ (es ist ja nicht das erste Mal, dass dieses Wort fällt, wir haben es in den letzten Monaten wieder und wieder von Seiten der Regierung vernommen) ein leeres Versprechen bleiben wird.

Denn es scheint ja klar: wirklich decken und füllen, wirklich ausmalen können die Fläche nur diejenigen, die in der Fläche sind und in ihr praktizieren, also von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Damit muss man ihnen aber auch das Feld und die Fläche überlassen und ihnen zugestehen, dass sie an Ort und Stelle über das Impfen entscheiden. Es müsste hingenommen werden, dass in der Praxis pragmatisch, nach Reihenfolge und Interesse geimpft werden wird, und es wäre zu akzeptieren, dass man in der so genannten Priorisierung der Hochaltrigen zwar ein gutes Stück vorangekommen sein mag, soweit es die Bewohnerinnen von Altenpflegeeinrichtungen angeht; dass man sie nun aber fallen lassen muss, wenn man „flächendeckend“ impfen will.

Chaos lässt sich nur von unten bekämpfen, durch die Erzeugung eines Gegenchaos, dadurch, das Initiative, Befugnis Organisation weitgehend den Einzelnen überlassen wird, weil ihre versammelte und koordinierte Kraft größer ist als alles, was durch eine Verordnung von oben bewirkt werden kann. Es ist ganz einfach: Jede/r, die/der das will, sollte in der Praxis vor Ort geimpft werden können. Und wenn es Wartelisten gibt, dann sollten Sie sich auf so nachvollziehbare Dinge wie Reihenfolge und Verfügbarkeit des Impfstoffes beziehen. Die Prioritätskategorien sind vor Ort nicht praktikabel; sie gehören über Bord geworfen.

Das heißt freilich, unserer Regierung in mehr als einer Hinsicht zuzumuten, über ihren Schatten zu springen. Zumal es der lange Schatten der Geschichte ist. Wenn sich die deutschen Diktaturen gesamtgesellschaftlich irgendwo fortgesetzt haben, dann in der Bürokratie. Das zwanghafte Bedürfnis, von oben nach unten ‚durchzureichen‘, der Organisations- und Kontrollzwang, basierend auf der Angst vor dem, was die da unten anstellen könnten, sind Überlebsel des autoritären Charakters der Gesellschaft. Was Luhmann immer behauptet hatte: dass System auf Wechselwirkung basierten, und dass sie desto effizienter funktionierten, je weniger der Kommunikationsprozess zwischen oben und unten sowie zwischen den verschiedenen sozialen Subsystemen gestört werde, erscheint im Augenblick als liberale Utopie. In normalen Zeiten vertrug sie sich mit dem endemischen Autoritarismus der deutschen Gesellschaft so gut, dass kaum ein Unterschied zu bemerken war, und es sogar so schien, dieser Soziologe beschreibe den Status quo. Jetzt, in der Krise, klafft das auseinander: Nur durch die Initiative Einzelner kann sie halbwegs effektiv bewältigt werden, nur durch ihre Kraft und ihre Begeisterungfähigkeit. Die Behörden sollten da allenfalls koordinierend eingreifen.

Gerade das ist aber das Schrecknis des tief ins Fleisch eingewachsenen autoritären Charakters der Gesellschaft. Nur was von oben durchorganisiert wird, kann funktionieren: So lautet die unausgesprochene und vielleicht kaum bewusste Ansicht, die das politische Handeln in Deutschland fundiert. Es mag sofort zugestanden sein, dass es vielleicht funktionieren würde, wenn wir noch in einem totalen Staat lebten. Es spricht einiges dafür, dass zum Beispiel die DDR nicht ein so jämmerliches Schauspiel abgegeben hätte wie das, dem wir seit einigen Monaten beiwohnen: siehe China. Aber so ist das halt nicht. Wir leben nicht mehr in einem totalen Staat, oder genauer gesagt: wir leben nur noch mit einem Teil in ihm. Einem Teil freilich, auf den jetzt in der Krise alles regrediert. Gleichzeitig ist dieser Teil auch nicht mehr das, was er mal war. Er ist ausgehöhlt, kaputtgespart, nurmehr ein Schatten seiner selbst, besonders im Gesundheitssystem. Und doch ist dieser Schatten damit beauftragt, durchzuregieren wie zu den Zeiten, da der preußische Verwaltungsstaat blühte und sich in der Diktatur vollendet.

Zwei Dinge blockieren sich gegenseitig: auf der einen Seite die Angst vor allem, was mit Selbstorganisation zu tun hat, auf der anderen die Unfähigkeit, wenn man das denn schon nicht will, durchzugreifen und wenigstens ein gescheites top-down- Management hinzulegen. Ein Autoritarismus, dem die Mittel zu seiner Durchsetzung fehlen – ich will nicht behaupten, dass es schlimmer nicht kommen könnte. Aber es ist schon ziemlich schlimm.

Wolfram Ette

Corona 216: 2x Verblendung, bitte!

Das Löwengleichnis

Man kann förmlich dabei zusehen, wie die Politiker, getrieben vom Druck der anstehenden Wahlen auf das Niveau von Kindern regredieren. Wirklich ist nur das, was man sieht. Jede Form einer zeitlichen Synthese, die über die Gegenwart hinausgreift, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aufeinander bezieht; jeder Lernprozess, der aus bereits gemachten Erfahrungen extrapoliert; jeder produktive Umgang mit Erinnerung und Erwartung, Angst und Hoffnung ist verloren gegangen. Alles schrumpft zusammen aufs Jetzt, an das sich blinde und unsinnige Hoffnungen knüpfen. In winzigen Partialaugenblicken bewegt man sich fort wie eine Ameise. Hinter der Praxis, die Corona-Maßnahmen bei steigenden Ansteckungszahlen plus einer gefährlicheren Variante des Coronavirus zu lockern, steht der Wahnwitz, dass es allen Erfahrungen und allen Modellrechnungen zum Trotz ja doch irgendwie gut ausgehen könnte. Zu der Abstraktion vom unmittelbar Anschaulichen, die eine Voraussetzung jeder Erfahrung (auch der in Modellrechnungen quantifizierten) ist, sind sie nicht in der Lage oder finden sich nicht dazu bereit. Letztlich verklären und rechtfertigen sie damit die Haltung derjenigen, die sagen, das es Corona nicht gebe, weil sie noch keinen einzigen Corona-Kranken gesehen hätten.

Dieser politische Infantilismus findet sich bereits bei Aischylos beschrieben, und zwar im ‚Agamemnon‘: dem Stück, das von der Ermordung des heimkehrenden Kriegshelden nebst seiner Konkubine durch seiner Frau und ihren Liebhaber handelt. Das Stück ist so konstruiert, dass diese Tat, auf die alles zuläuft, von Anfang an abzusehen ist. Von dem Moment an in dem die Nachricht von Agamemnons Rückkehr den Hof in Mykene erreicht, verfällt der Chor statt in Freude in ängstliche Starre. Das Auftreten von Agamemnons Frau Klytaimestra bestärkt ihn in seinen dunklen Vorahnungen. Und schließlich offenbart die Seherin Kassandra in einer Prophezeiung, die keineswegs verrätselt ist wie die Sprüche aus Delphi, sondern an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, Agamemnons und ihren Tod. Alles ist also klar und wäre ohne große Schwierigkeiten zu verhindern. Doch in beschämender und politisch niederschmetternder Weise stellt der Chor sich dumm, wann immer die Rede darauf kommt. Er bietet den Anblick einer bis zur Lächerlichkeit handlungsunfähig gewordenen politischen Instanz.

In diesem gewaltigen dramatischen Mechanismus, der insgesamt um das Politikum einer systematisierten Verleugnung von Zukunft – also einer systematisierten Verleugnung der Realität, die diese Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit bald sein wird – hat Aischylos nun ein Gleichnis eingebaut: das sogenannte Löwengleichnis. In gewisser Weise ist es das Herzstück des gesamten Dramas:

Es zog auf eines Löwen Jun-
gen im Haus ohne Muttermilch
So ein Mann, einen Säugling,
In seiner Lebenszeit Frühling
Zahm noch, gut Freund mit den Kindern,
Selbst für die Greise ergötzlich;
Oftmals ja lag’s in ihrem Arm,
Jüngst erst gebornem Knäblein gleich,
Sah helläugig zur Hand hin, we-
delns mit knurrendem Bäuchlein.

Doch aufwachsend bezeugt’ er die
Art, ererbt von den Eltern; Gunst
Schlimm den Pflegern vergeltend,
Würgt er die Lämmer voll Wut, sein
Mahl ungeheißen sich rüstend.
Blut floß im Haus, es besudelnd,
Heillose Not dem Hausgesind,
Schreckliche Schandtat: Mord auf Mord!
Ließ Gott einen Priester des Unheils
im Hause aufziehen.

Die Mehrheit der Forschung zu diesem Text tendiert dazu, ihn als Zentralstück eines Schicksalsglaubens zu betrachten, dem zufolge, das, was hier, also in diesem Drama geschieht, ebenso unausweichlich feststünde wie die Tatsache, dass aus einem kleinen Löwen irgendwann ein großer, und damit ein gefährliches Tier würde. Dieser Fatalismus, der der Meinung ist, dass alle Zukunft unabänderlich vorgeschrieben und determiniert sei, hat sein komplementäres Gegenstück einer Haltung, die jedes Wissen über die Zukunft als etwas, für das die Menschen nicht zuständig sind von sich weist. Die Menschen kennen diesem pseudoarchaischen Weltbild zufolge (pseudoarchaisch, weil es so nie existiert hat) nur die Gegenwart: nichts als die Gegenwart. Die Götter hingegen verfügen über die ganze Zeit. So liegt die Zukunft, und mit ihr das Schicksal der Menschen in ihren Händen.

Tatsächlich macht das aischyleische Löwengleichnis und mit ihm das gesamte Drama aber nichts anderes, als diese Haltung zu kritisieren. Wovon wird erzählt? Es wird erzählt von einem Vorgang, der gar nichts Geheimnisvolles hat sondern den jede/r kennt. Aus kleinen Tieren werden, dem Gang der Natur entsprechend, große Tiere; und falls es sich bei dem großen Tier um ein Raubtier handeln sollte, wird aus dem kleinen Tier – hier dem Löwenbaby – so niedlich und harmlos es erscheinen mag, irgendwann ein reißender Löwe werden.

Diese Erkenntnis ist einerseits eine Sache des gesunden Menschenverstands. Andererseits haben wir hier so etwas wie eine archaische Modellrechnung vor uns. Es wird ja nichts anderes gesagt, als das mit eben derselben Wahrscheinlichkeit – also eigentlich Sicherheit -, mit der aus dem dem niedlichen und sympathischen Löwenbaby ein gemeingefährliches Raubtier werden wird, sich auch politisches Unheil absehen und prognostizieren lässt – und zwar sowohl das bereits Geschehene (darauf exemplifiziert der Chor zunächst): der Raub der Helena konnte nicht gut ausgehen – als auch das bevorstehende: die Rache der Klytaimestra (der Chor beschränkt sich hier auf dunkle Andeutungen). Das ist sicher; und selbst, wenn es nicht ganz sicher sein sollte, so sollte man sich so so verhalten, als wäre es sicher. Denn sicher ist sicher.

Der ‚Agamemnon‘ des Aischylos ist eine Analyse der politischen und psychologischen Mechanismen, die dazu führen, dass solche Sicherheiten in den Wind geschlagen werden. Er ist eine Analyse des Verblendungszusammenhangs, der gegen die Wirklichkeit selbst errichtet wird. Er ist eine Darstellung der politischen Regression auf eine punktualisierte Gegenwart, die alle Erfahrung in den Wind schlägt, sich jeder Möglichkeit, etwas zu lernen, damit aber auch jeder Möglichkeit etwas zu planen begibt. Er ist die Analyse eines selbst herbeigeführten, selbst verantworteten politischen Selbstzerstörungsprozesses. Deswegen ist dieses 2.500 Jahre alte Stück eine Analyse unserer Gegenwart.

Wolfram Ette

Vgl. W.E., Kritik der Tragödie. Über dramatische Entschleunigung, Weilerswist ²2015, 86-111. – Die Übersetzung des Aischylos-Texte stammt von Oskar Werner; kleine Korrekturen W.E.

Die Form

Nous sommes dans ce qui ressemble à une forme de troisième vague caractérisée par des variants nombreux“ („Wir stecken in etwas, was einer Form von dritten Welle ähnelt, die von zahlreichen Varianten geprägt ist“).

So der französische Premierminister. Ich weiß, ich weiß, man wird mir mal wieder Übertreibung vorwerfen, doch ich bin der festen Überzeugung, dass das Scheitern der französischen Politik in dieser Pandemie auf ein Sprachproblem zurückzuführen ist. Wir haben „eine Form von dritter Welle“? Eine Form? Also keine wirkliche dritte Welle? Nein, keine dritte Welle, denn der Premierminister müht sich sogar noch mehr und fügt zusätzlich hinzu, das, was wir gerade erlebten, „ähnele“ nur einer „Form von dritter Welle“. Wir sind also gleich zweifach von der dritten Welle geschieden: Erstens weil wir nur eine „Form“ von dritter Welle haben (und nicht sie selbst), und zweitens weil die „Form“ von dritter Welle (die keine dritte ist) der dritten Welle nur ähnelt, besser sogar: Man kann nicht ganz ausschließen, dass unsere eigene „Form von dritter Welle“ nur einer anderen „Form von dritter Welle“, niemals, niemals aber der dritten Welle selbst ähnelt. Keine Reinform – denn das wär‘ das Schlimmste.

Jetzt könnte man mir entgegenhalten, ich verstünde nicht zu lesen, denn es sei doch deutlich, dass der Premierminister nur eines hat deutlich machen wollen: Er wollte eine Differenz zwischen der ersten und zweiten Welle auf der einen und der dritten Welle auf der anderen Seite anzeigen, weil die dritte Welle von ihrer Form her eben doch anders ist als die vorhergegangenen – schlicht aus dem Grunde, dass wir jetzt nicht mehr vor dem „guten alten Covid“ stehen, sondern vor seinen Varianten. Eine Welle ist die dritte, jetzige nicht so richtig, weil sie gegenüber den vorherigen Variationen aufweist.

Doch das – so möchte wiederum ich einwenden – gilt schließlich für jede Welle: dass sie ein wenig anders ist als die vorhergehende. Denn warum sollte man sonst überhaupt zu zählen beginnen? Es muss ja auf irgendeine Weise Unterscheidungen geben.

Doch das ist durchaus nicht mein Hauptargument. Vielmehr bestehe ich darauf, dass man den Satz erneut lese, denn da wird syntaktisch wirklich nicht gesagt, das, was wir jetzt zu erleben beginnen, sei darum als eine neue „Form“ zu bezeichnen, weil die Varianten die Form der Welle anders beeinflussten als zuvor. Nein, der Premierminister sagt einzig und allein, wir hätten eine „Form von dritter Welle“, und darin klingt deutlich das Bedürfnis nach Abschwächung derselben mit. So richtig ist die „dritte Welle“ eben noch nicht da, und darum darf man vorerst sagen, es handle sich „nur“ um eine „Form“ von dritter Welle.

Doch das ist’s ja genau, was mich mit Entschiedenheit und viel Trauer sagen lässt, das Scheitern sei stets ein sprachliches: Wellen fangen (darin Hänschen vergleichbar) immer klein an, doch das Größerwerden hin zu Hans geht dann plötzlich ganz schnell. Und wenn man nicht wahrzunehmen bereit ist, dass eine „Form“ von dritter Welle eine sich formende, klar abzeichnende Welle ist, dann weiß ich auch nicht, wie ich als Philologin noch weiter überzeugen und arbeiten soll.

Denn das ist ja das Grundprinzip alles Geformten: dass es, bevor die Formung abgeschlossen ist, einem Prozess der Formung unterworfen worden sein muss. Die Form zeichnet sich also immer erst mit der Zeit ab. Doch wenn man in Pandemien die Form immer erst dann erkennt, wenn sie voll da ist, dann gibt man eben die Möglichkeit auf, selbst noch formend und gestaltend Einfluss zu nehmen. Dann wartet man so lange, bis sich nichts mehr ändern lässt : bis die dritte Welle voll da ist, geformt und entsetzlich, ohne jede Möglichkeit, noch etwas an ihr herumzudeuteln.

Es stellt sich mithin heraus, dass in dem Masse der Politik und ihrer Fähigkeit zur Formung von Wirklichkeit misstraut werden muss, in dem sie die Semantik des Wortes „Form“ mit der geschilderten Einseitigkeit betrachtet. „Eine Form von“, heisst : eine „Abart von“, heisst: nicht das Ding selbst, nicht die Welle selbst.

Man täuscht sich. Wir stecken schon mitten in der dritten Welle, und die Form, die sie weiter annehmen wird, wird schrecklicher und schrecklicher werden. Ein letztes Mal : Sie wird schrecklicher, weil man glaubt, sie sei nur eine „Form von“, eine etwas Anderem „ähnelnde“ „Form von“.

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/la-france-conna%C3%AEt-%C2%AB-une-forme-de-troisi%C3%A8me-vague-%C2%BB-de-covid-19-reconna%C3%AEt-jean-castex/ar-BB1eEcJ5

Corona 215: Versprecher und Versprechen

Vorsorglich

Irland hat (wie andere Länder vor ihm) die Impfung mit AstraZeneca unterbrochen, nachdem die Frage gefährlicher Nebenwirkungen aufgekommen ist. Es geschehe das vorsorglich, denn man wisse ja noch nichts Genaues. In Frankreich klingt das genau anders herum: Man wisse ja noch nichts Genaues, also könne weitergeimpft werden. Nur: Wenn die anderen vorsorglich verfahren, breitet sich eben doch die Sorge aus, es könne nötig sein, vorsorglich vorzugehen und nicht sorglos. Denn die Sorglosigkeit hat die Tendenz, bei den ohnehin Besorgten die Sorge nur noch zu vergrößern, so dass man also sagen kann, alles, was nach unbedachtem Nicht-wahrhaben-Wollen klingt, vergrößere die ohnehin starke Impfskepsis, verschärfe also das Problem, um das sich die Regierung ohnehin schon viel Sorgen hat machen müssen. Doch wenn sie sich jetzt, wegen der Nebenwirkungen, mehr Sorgen machte, würde sie sich vielleicht um die eigentliche Wirkung – nämlich die Impfung und die Bereitschaft der Bevölkerung, auch wirklich mitzutun – weniger Sorgen machen müssen, denn so ist das nun einmal mit der Sorge: dass man sie (auch wenn man sich sehr hübsch an dieses gewöhnt hat) per Dekret nicht so einfach wegkriegt.

Und auch ich, die ich wirklich für die Impfung bin, empfinde, dass ich Lust bekomme, zu sagen: „Man wird wohl doch noch fragen dürfen, ob die Nebenwirkungen besorgniserregend sind, oder nicht?!“

Vaccination : Les autorités sanitaires irlandaises recommandent de suspendre le vaccin AstraZeneca (msn.com)

Anne Peiter

Die reine Vorsichtsmaßnahme

Das Zurückrufen des AstraZeneca-Impfstoffs sei, so ließ Jens Spahn am Montag verlauten, eine „reine Vorsichtsmaßnahme“. Ja, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handelt, sollte sich wohl verstehen. Bei aller Kritik möchte man dem Bundesgesundheitsminister zugestehen, dass er das nicht tut, um die Impfwilligen zu drangsalieren, zu verschrecken, aus bösem Willen oder, mit dem schönen alten Wort: aus „Jux und Dollerei“. Gleichzeitig lässt das Adjektiv aufhorchen. Was ist eine reine Vorsichtsmaßnahme? Was ist der Mehrwert gegenüber den „normalen“ Vorsichtsmaßnahmen? Spahn meint wohl: es ist nichts als eine Vorsichtsmaßnahme, also außer der Tatsache, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handele, nichts, wirklich rein gar nichts. Und eigentlich gibt es gar keinen Grund dafür, wir sind also übervorsichtig und ergreifen Vorsichtsmaßnahmen auch dann, wenn es eigentlich nichts zu befürchten gibt. Die ‚reine Vorsichtsmaßnahme‘ stellt vor allem zur Schau, wie umsichtig diese Regierung handelt, und wie groß die Verantwortung für ihre Bürgerinnen und Bürger ist, die sie nachts nicht schlafen lässt und sogar dazu führt, ihnen einen Impfstoff vorzuenthalten, den wir eigentlich mehr als alles andere brauchen, um langsam aus dieser Krise herauszukommen.

Eigentlich handelt es sich also um Stellvertretungsrhetorik. Denn als besonders umsichtig hat sich diese Regierung in den letzten Monaten nicht erwiesen – umsichtig im Sinne einer realistischen Vorausschau, die keine falschen Versprechen macht, und das, was zu sagen ist, klar kommuniziert. Spahn und diejenigen, die hinter ihm stehen, wissen das auch; deswegen müssen sie sich nun mit besonderer Vorsicht brüsten – in einer Situation zumal, in der sukzessive alle Vorsichtsmaßnahmen fallen gelassen werden, die „Notbremse“ aus dem Zug ausmontiert wurde und wir sehenden Auges und mit weit geöffneten Toren die dritte Welle erzeugen, die über uns zusammenschlagen wird.

Gerade weil diese Regierung so ein gefährliches Spiel spielt, vor dem die Virologen und Epidemiologen seit Monaten warnen, ist es ihr dienlich, sich als für- und vorsorgliche Landesmutter aufzuführen, die lieber auf Nummer sicher geht; damit aber auch zu suggerieren, dass sie eigentlich nie etwas anderes tut, dass das eigentlich das Markenzeichen der deutschen Corona-Politik ist.

Wolfram Ette

Das Vertrauen

„À ce stade, il faut avoir confiance dans ce vaccin et se faire vacciner, je le dis de la façon la plus solennelle, sinon on aura des retards dans la vaccination, les Françaises et Français seront moins protégés et la crise sanitaire durera longtemps“ („Vorerst muss man Vertrauen zu diesem Impfstoff haben und sich impfen lassen, ich sage das mit größtem Nachdruck, denn sonst werden wir beim Impfen Verspätungen haben, die Französinnen und Franzosen werden weniger geschützt sein, und die Krise wird lange andauern.“)

Die Botschaft ist klar : Das Impfen muss weitergehen. Kein Grund, kein Vertrauen zu haben. Wie gern hätte man’s! Wie leicht wär’s auch gewesen, es zu haben – wären da nur nicht die Argumente gewesen, die erklären, warum man Vertrauen zu haben hat! Man hat’s zu haben – das ist das erste Problem. „Il faut avoir“, „man muss haben“, das ist leider nicht etwas, was im Bereich des Vertrauens besonders gut verfängt. Vertrauen kommt, wenn’s kommt, nicht, wenn man’s empfinden muss.

Und dann sagt der Gesundheitsminister auch noch, zumindest „vorerst“ müsse man Vertrauen haben – also bis das Gegenteil erwiesen ist. Er geht also davon aus, dass sich das Gegenteil nie erweisen wird, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass er recht behalten wird und das Vertrauen wirklich gerechtfertigt ist. Doch das „Vorerst“ sät Zweifel. Vielleicht keine dauerhaften, aber „vorerst“ hat man, bedingt durch das „Vorerst“, das dem Minister rausgerutscht ist, um die Nation zu beruhigen, ein wenig Zweifel und wartet lieber ab, ob der Zweifel wird ausgeräumt werden können oder nicht.

Denn so gern man sich auch als Teil der Nation sieht und gern alles tut, was dem Land aus der Krise hilft, so sehr möchte man doch auf dem Recht bestehen, sich nicht hinzuopfern für ein Vertrauen, das vielleicht doch nur vorläufig ist.

Das letzte Argument für die Widersetzlichkeit gegenüber der Forderung nach Vertrauen bezieht sich auf den drohenden Charakter, die die Schlussworte des Ministers auszeichnen. Er sagt den Noch-nicht-Geimpften, sie mögen bedenken, dass die Krise noch lange andauern werde, wenn man nicht die Gefahren bedenkt, die von den Verspätungen ausgehen. Aber man kann sich als Individuum doch nicht darum beeilen müssen, weil die Impfstoffhersteller bisher nicht richtig klar sehen! Man kann doch nicht mit der eigenen Eile die langsamen Fortschritte bei den klinischen Versuchen und der Zunahme von Kenntnissen über die Nebenwirkungen ausgleichen! Man gewinnt, wenn man dem Minister zuhört, den Eindruck, er wolle da schnell durch mit AstraZeneca – schnell alles verimpfen, was man – endlich! – geliefert bekommen hat, denn sonst stellt man vielleicht fest, dass die Befürchtungen doch berechtigt sind und das Vertrauen eine gefährliche Angelegenheit ist.

Dafür, dass die französische Regierung ihre sehr große Verspätung bei der Organisation der Impfkampagne stets damit zu begründen pflegte, man gehe lieber langsam vor, verdiene aber dadurch das volle Vertrauen der Bevölkerung, ist der rhetorische Wechsel, der sich gerade vollzieht, leicht irritierend. Die Verspätung beim Impfen ist gewaltig. Nichts ist für eine Regierung, die auf Wiederwahl hofft, so schwer zu verdauen, wie etwas Unvorhergesehenes, das zu allem Unvorhergesehenen, das (unverschuldet oder verschuldet) eh schon passiert ist, noch hinzutritt. Aber auch die Möglichkeit von Unvorhergesehenem muss man eben mit in Rechnung stellen, das ist nun einmal so, wenn Impfstoffe in noch nie dagewesener Eile und Schnelligkeit entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Das Werben um Vertrauen, in dem sich der Gesundheitsminister erprobt hat, ist ein deutliches Zeichen für die steigende Verzweiflung: Da glaubte man, es könne bald wirklich losgehen, man werde die Krise durch die Impfungen in den Griff kriegen – und dann kommt das!

Und dann hat man natürlich wirklich das Impfen unterbrechen müssen, denn der Präsident hat’s entschieden und damit seinen eigenen Minister und dessen Vertrauens-Rede in Abrede gestellt. (Das wird, denke ich mir, das gegenseitige Vertrauen der beiden Männer nicht gerade stärken.) Macron also hält darauf, dass Vertrauen geschaffen werden müsse durch Überprüfung dieser Nebenwirkungen. Er vermochte nicht auszuscheren aus dem international aufkommenden Misstrauen. Wie kann man auch weiterimpfen, wenn sogar der Kongo findet, man müsse vorsichtig sein!

Doch der arme Minister, von dem bleiben inzwischen die Worte, die er gesagt hat, damit die Bevölkerung sich das Vertrauen zur Regierung bewahre: „On n’a pas suspendu parce que nous ne disposons pas, au contraire, d’éléments qui nous conduisent en France à suspendre cette vaccination“ („Wir haben’s nicht unterbrochen, denn wir verfügen im Gegenteil nicht über Elemente, die uns in Frankreich dazu bringen würden, die Impfungen zu unterbrechen.“) Das ist nicht sehr klar gesagt, aber ich weiß schon, was er sagen will: In anderen Ländern, da hat es Zweifelsfälle gegeben, nicht aber in Frankreich – warum sollte man also mit dem Impfen aufhören? Doch dummerweise sind die Körper von Französinnen und Franzosen nicht wesentlich anders als zum Beispiel der Körper der österreichischen Krankenschwester, die kurz nach der Impfung verstarb. Es muss also vermutet werden, dass das, was woanders beobachtet wurde, auch die Französinnen und Franzosen angehen könnte. Doch der Minister versucht aus der Notwendigkeit, in Frankreich endlich mit dem Impfen voranzukommen, eine nationale Angelegenheit, um auf diese Weise auch die Frage der Nebenwirkungen für etwas Nationales erklären zu können: Tote französische Krankenschwestern nach Impfungen gibt es eben bisher gar nicht. Aber das „Bisherige“ kehrt zurück. Nicht real, aber zumindest als Zweifel.

Anne Peiter

Corona 214: Lernprozesse März 21

Schlupflöcher

Darum geht’s jetzt. Wir haben alle irgendwie verstanden, dass diese Sache wer weiß wie lange dauern wird, dass wir aus der Nummer, in der sich wirkliche Gefahr und politische Inkompetenz immer unentwirrbarer verbinden, so schnell nicht mehr rauskommen. Man stumpft ab, glaubt nicht mehr daran, dass sich durchs eigene Verhalten irgendwas verändern lassen könnte. Und so sucht man nach Schlupflöchern. Der Deutschen Lieblingsinsel, Mallorca nämlich, ist gerade noch zu haben, weil die Inzidenzwerte dort niedrig sind. Also schnell den Urlaub gebucht, bevor die Regierung einem wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Ansonsten: Kopf einziehen, unter dem Radar bleiben, zusehen, dass es nicht bemerkt wird, wenn man mehr und mehr und immer häufiger gegen die Coronaauflagen verstößt. Eine Regierung, die lockert, obwohl die Inzidenz-Zahlen steigen, ist dafür das Vorbild, tatkräftig unterstützt von Oberbürgermeister und sogar Ministerpräsidenten, die sich an die sogenannte Notbremse nicht halten, sondern nach der Devise verfahren, dass sich einmal durchgesetzte Lockerungen nicht mehr rückgängig machen lassen. Alle verfahren jetzt nach dem Prinzip des Schlupflochs, darüber besteht große Einigkeit, und man kann wirklich sagen, dass wir wie im letzten Jahr alle an einem Strang ziehen.

Die Versprechen

Ich muss noch einmal auf die Serien zu sprechen kommen, die ich regelmäßig gucke und die dem seit einem Jahr währenden Ausnahmezustand den inneren Rhythmus vorgeben. Das, was die Clanchefs, die Mafiabosse (oder eben Jax, der Präsident des Motorradclubs Sons of Anarchy: das war mein Beispiel in Corona 174) am häufigsten von sich geben, wenn die Lage absolut aussichtslos zu werden droht, sind Versprechen. Das ist auch plausibel. Sie müssen verhindern, dass diejenigen, die ihnen – noch – nahe stehen, ihre Loyalität aufkündigen. Denn wenn sie das täten, dann ginge sowieso alles den Bach runter.

Deswegen geben sie ständig Versprechen ab, die eigentlich nicht zu halten sind, bei denen aber, wenn die Anderen ihre Loyalität aufrechterhalten, zumindest die winzige Chance besteht dass sie eingehalten werden könnten.

Nun ist ein Versprechen ein Versprechen. Wie der Eid ist es ein Fundament archaischer sozialer Beziehungen (die sich in den Mafiaserien im weitesten Verstande reflektieren). Denn es macht keine Wahrscheinlichkeitsaussage, sondern gibt eine sichere Zusage, dass das, was versprochen wird, auch in Erfüllung gehen wird.

In den Serien geschieht das aber so gut wie nie. Die Logik, nach der sich ihre Handlung entfaltet, ist zu großen Teilen die Logik der gebrochenen Versprechen. Und die Folgen sind klar: Dadurch, dass die Versprechen nicht eingehalten werden, dass sie wieder und wieder gebrochen werden, bröckelt die Loyalität, und die Versprechen, die daraufhin abgegeben werden, müssen noch leidenschaftlicher, mit noch festerer Stimme, mit einem noch unbedingteren Willen vorgetragen werden, um die Anderen zu überzeugen. Das heißt, sie verwandeln sich sachte und allmählich in das Versprechen, an das derjenige, der es abgibt, selbst nicht mehr glaubt, also in eine kalkuliert eingesetzte Lüge. Die Serien handeln davon, wie aus Versprechen Lügen werden, ein Schritt nach dem anderen, mit einer Unausweichlichkeit, die am Ende in die Selbstzerstörung führt. Es ist also ein Teufelskreis. Die ganze Sache folgt einer Logik der Eskalation, aus der nicht herauszukommen ist.

Wir, also die deutsche Regierung und ich, sind noch nicht in der letzten Staffel angekommen. Wir sind noch mittendrin. Aber wir arbeiten dran und es geht vorwärts.

Vorbilder

In den letzten Wochen sind die Politiker geschrumpft. Aus den Führungsfiguren, die sie zumindest zu sein beanspruchen, wurden einfache Bürgerinnen und Bürger, die genau das machen, was wir jetzt alle machen: sich einen Scheißdreck um die Pandemie scheren, die Wissenschaft links liegen lassen, den schönen Schein wahren, die eigenen und die Interessen der Freunde bedienen – sich durchwursteln und den eigenen Vorteil wahren, wo immer es geht. Politiker und Politikerinnen, die angesichts der zunehmend rascher steigenden Infektionszahlen mit einer gefährlicher gewordenen Krankheit Schulen und Geschäfte öffnen, sind nicht nur nicht besser als diejenigen, die heimlich Partys feiern: Sie sind ihr Vorbild.

Gewöhnung

Was in der ersten Welle alles zusammengehalten hat, war die Angst. Niemand wusste so recht, was passieren wird. Deswegen waren alle sehr vorsichtig. Aber naja, man gewöhnt sich an alles. Und eine Gesellschaft, die durch Angst zusammengehalten wird, ist sowieso nicht gutzuheißen. Denn das gemeinsame Ziel hat einen zu hohen Preis.

Nun, im Prozess der Gewöhnung ist das alles verfallen. Wir wurden weniger ängstlich, was ja eigentlich eine gute Sache ist. Deswegen wurden wir wieder verschieden. In dem Maße, in den Corona zu einer unter den vielen Dingen wurde, die unseren Alltag bestimmen und einschränken, haben wir angefangen uns so zu verhalten, wie wir uns auch den meisten anderen Regeln gegenüber verhalten, indifferent, abwartend, subversiv. Es fängt es an zu wuseln, die Leute stehen in den Startlöchern. Dummerweise bricht diese dritte Welle gerade über uns herein. Aber wir sind besser geworden. Die Angst vor ihr hat nachgelassen. Wir lassen einfach nicht zu, dass sie über uns zusammenschlägt. Stattdessen werden wir auf ihr reiten.


Wolfram Ette

Corona 213: Blasen und Schäume

Die Blase

Singapur und Australien wollen eine Blase öffnen, d.h. Reisen ohne Quarantäne zwischen beiden Staaten möglich machen. Wie die Zusammengehörigkeit von Räumen in Zeiten einer Pandemie neu definieren wird, das wäre eine Frage, mit der ich mich beschäftigen würde, wenn ich Geographin wäre. Es entstehen vollkommen neue Kriterien, die darüber entscheiden, warum sich Menschen aus bestimmten Räumen, sobald sie sich mobil verhalten, als eine Einheit fühlen, das heißt den von ihnen durchquerten Raum als homogen wahrnehmen dürfen.

Ich bin keine Geographin. Aber als Philologin sage ich mir, dass die Metapher der Blasen sehr verwunderlich ist und dass auch sie mit Raumkonzepten zu tun hat. Hier also mein Material, der Geographie zu Füßen gelegt:

Ich denke daran, wie das Stäbchen, das im Inneren des Verschlusses spezieller Fläschchen angebracht zu sein pflegt, in die Seifenlauge taucht, wie man den glänzenden Film im mit Zacken bewehrten Rund an seinem Ende gegen das Licht hält, in möglichst kontinuierlichem Strom auszuatmen, genauer: zu blasen versucht, auf dass die Blasenform entstehe. Möglichst groß soll die Blase sein, möglichst viel Luft soll in sie hineingelangen. Das Blasen ist die Voraussetzung der Blase. Blasen sind eingeschlossener, geschützter, von einer irisierender Haut umgebener Menschenatem, sind mithin: Teil von uns, der Beweis dafür, dass der Atem unterbrechungslos (ohne Husten) zu fließen, sich auszuströmen versteht.

Doch wann die Blase sich löst, wann sie (und mit ihr: der Atem) zu schweben beginnt, das entscheidet sie allein. Es gibt Momente, da scheint sie erst einen Augenblick zu zögern, da bleibt sie, obwohl bereits perfekt in sich geschlossen, am Rande des Lochs haften, durch das zuvor die Luft in sie geströmt war, da ist’s, als wolle sie die neue, gefährliche Freiheit noch nicht recht glauben. Doch irgendwann löst sie sich dann doch, fliegt, schnell sinkend, wenn kein Luftzug weht oder ihr Eigengewicht zu groß ist (das ist die Gefahr des Gelingens großer Blasen), höher hinauf hingegen, wenn die äußeren Bedingungen günstig sind, glänzend in jedem Fall, schön anzusehen in ihrer Kurzlebigkeit.

Denn das ist die Quintessenz von Seifenblasen: ein Vanitas-Symbol (sagen die Kulturwissenschaftler:innen), Form einer „natürlichen Minimalfläche“ (sagen die Mathematiker:innen). Aber beide sagen eigentlich das Gleiche: Die Minimalfläche – zum Beispiel die zwischen Singapur und Australien – existiert nur unter der Voraussetzung, dass die Verdunstung nicht zu schnell vor sich geht. Trockenheit ist ihr eigentlicher Feind. Man kann Seifenblasen in ein Einmachglas einführen und dieses verschließen, um die Lebensdauer der Blase zu erhöhen. Wie macht man aber zwei so weit auseinander liegende Länder zugleich ein? Wie kondensiert man ihren gesunden Atem neben all dem, was sonst noch auf der Welt atmet? Wie kann man der dünnen Membran der eigentlichen Blase eine zweite, harte Umhüllung beigeben? Und weiter: Wie kann man die Schichtdicke der Blasenhaut so lange wie möglich schützen, auf welche Weise Nadelstiche von Aussen, Zusammenstösse mit der trockenen Oberfläche anderer Gegenstände vermeiden? Anders gesagt: Was macht man mit den Ländern, die keine Blase sein mögen?

Es sind dies nicht allein physikalische Fragen. Es geht vielmehr auch um Ästhetik. Denn ich lerne, dass die schillernde Wirkung von Blasen in dem Moment abnimmt, in dem ihr Tod kurz bevorsteht. Erst sind weniger Farben zu sehen, dann wird die Blase dunkel, schließlich stirbt sie – und immer schnell: Sie platzt, der Atem tritt aus der Blase aus und in den allgemeinen Raum ein. Die Schönheit, die in der großen Einzelblase oder den vielen, durcheinander wirbelnden, kleinen Blasen zustande gekommen ist, enthüllt, was diese niemals auch nur in Ansätzen zu verbergen trachten: dass sie hohl sind, dass nichts von Gewicht in ihnen ist, dass ihr Eigengewicht lächerlich klein, ihre Zerstörung also überaus einfach ist.

Doch sie fliegen! Sie machen sich davon! Sie machen den Atem der Menschen transportabel, bringen ihn dahin, wohin er sonst nicht käme. (Von Singapur nach Australien, oder umgekehrt.) So leer ist die Idee der Blase also doch nicht. Vielleicht gilt sogar das Gegenteil. Denn wenn sie sich durch den Raum bewegt, wirken Kräfte auf sie ein, unvermeidliche Kräfte. Nur im Weltraum hätte sie eine perfekte Kugelgestalt, nur jenseits der Schwerkraft und ohne jede Reibung mit der Aussenluft könnte sie sein, was sie eigentlich ist. Solange sie irdisch gebunden ist, macht sie, was sie kann: Ihre Oberfläche ist elastisch, die Blasenmembran wölbt sich ein wenig aus, wenn die Luft von der einen Seite her weht, dann an anderer Stelle, wenn der Druck der Luft sich ändert und plötzlich von anderswo her kommt. Das heisst: Die Blase weiß recht gut, dass sie Teil der Welt ist. Sie reagiert darauf, statt allzu rigide zu sein. Sie weiß, dass die geringe Luftmenge, die sie in sich trägt, von einer sehr viel größeren (unvergleichlich viel grösseren!) Luftmenge umgeben ist, und dass diese andere Luft ihr die Abgeschlossenheit neidet.

Die andere, scheinbar „freie“, in Wirklichkeit aber sich verausgabende Luft tut denn auch alles, um die Seifenblasen als etwas zu diskreditieren, was, wie jeder andere Traum auch, dazu verurteilt sei, zu zerplatzen. Was zugestanden werden muss: Seifenblasen platzen leicht, das ist wahr. Doch gesagt wird nicht, dass es durchaus möglich ist, erst viele kleine Seifenblasen in den Himmel des Vorstellbaren zu schicken und mit Augenmaß und Realismus zu überprüfen, welche hält und welche nicht. Denn Blasen, die sich treffen, stehen in einem Verhältnis des Kräftegleichgewichts zueinander . Das heißt: Sie schmiegen sich aneinander, alle Winkel sind gleich, wenn sie sich zu einem Schaum von kleinen Blasen der gleichen Grösse verbinden. Sie unterstützen sich! Sie geben die Vereinzelung auf, werden (wenn auch nicht länger fliegend) zu einem regelrechten, schaumigen Teppich!

Da habe man es ja, höre ich schon rufen, ich sage es ja selbst: Die Seife platzt, ins Viele hinein übersetzt sind die Träume die Schäume, aus denen keine neue Welt zu bauen ist. Man solle auf dem Teppich bleiben, dem Boden von Tatsachen, in denen für Blasen kein Platz sei.

Ich höre das. Doch ich bin Freudleserin genug, um irisierend die Erinnerung in mir aufsteigen zu fühlen, dass in der Traumdeutung ein Schiffer erwähnt wird, der den Schaum ganz anders interpretiert: Der Schaum auf den Wellenkämmen, in denen verzweifelt die Blasen-Gegner herumrudern (ohne Orientierung, ohne Plan), zeige Gefahr an, Schaum sei also nicht etwas, was man mit einem Handstreich einfach so wegwischen könne. Vielmehr sei der Schaum, wenn er sich zu echter Gischt verdichte, etwas Symptomatisches, etwas, was Bedeutung habe: Eine sehr reale, nicht nur geträumte Warnung gehe von ihm aus. Schaum als Ankündigung des Sturms, der gleich losbrechen wird.

Insofern plädiere ich dafür, dass Geograph:innen sich nicht zu sehr vom Vanitas-Gedanken beeinflussen lassen, sondern vielmehr die Blasenidee als Gegenkonzept zu der Behauptung begreifen sollten, alle Träume seien Schäume. Es ist nicht wahr. Schaum, der aus vielen, kleinen oder größeren Bläschen besteht, ist die Reaktion auf eine reale Gefahr, zeugt von weit mehr Realismus als die Idee, der Schutz eines gesunden Atems von grossen Kollektiven – Singapur, Australien – sei ein Ideal, das sich eh nicht realisieren lasse. Bleibt im Sturm, seht die Wellenkämme steigen und steigen, wenn Euch das lieber ist.

Anne Peiter

Phantasie über Schaum

„brüder im schaume“ -: an diese Wendung von Hans Magnus Enzensberger hat vor langer Zeit, als Enzensberger noch ein „junger deutscher Lyriker“ war, Klaus Heinrich Überlegungen angeschlossen, die auf grundlegende Veränderungen im neuzeitlichen Kategoriensystem dessen, was als Wirklichkeit vorgestellt wird, hindeuten. Heinrich schreibt: „‚Schaum‘ hat vor allem drei Vorzüge, die ihn zur Beschreibung einer heute weit verbreiteten Erfahrung tauglich machen: (1) Er ist ungreifbar: wir fassen zu und halten nichts in Händen. Soviel Gestalten er einnimmt, wir können ihm keine geben, die hält. (2) Er ist minderer Realität, z.B. auf dem Wasser treibend, ist er das Wasser nicht, obschon er dieses ganz bedecken kann. (3) Er kann ersticken, obschon er gut munden kann. Er kann tödlich sein.“

All das also, was sich an Gewohnheiten im Umgang mit der res extensa herausgebildet hat, ihre körperliche Behaftbarkeit, die Kohärenz der über sie getroffenen Aussagen, oder auch der Widerstand, den sie unseren Aussagen über sie entgegensetzt, verschwimmt. Schaum ist und ist nicht, er ist ein Nichts, das doch ist. Er vermag zu fliegen und zu schwimmen. Er indiziert Reinheit (im Badezimmer) und Schmutz (auf Flüssen). Dem Genuss, den er spendet, so etwa in Form des Milchschaums, sind Ekel und Erstickungsangst verschwistert. Wie schön, den Mund mit etwas übervoll zu haben, das fast nichts ist!

Diese besondere Qualität des Schaums, der Umstand also, dass seine räumliche und zeitliche Identifizierung Mühe bereitet – ständig verändert er seine Form, ja er ist eigentlich nichts als die Veränderung selbst, dieses ununterbrochene Platzen, plus gelegentlicher Neubildung der Blasen, aus denen er besteht; die Schwierigkeit auch, ihn als Glied einer Kausalkette zu begreifen – er ist eher Effekt als Wirkung, deswegen nicht recht wirklich – und was wird durch ihn bewirkt? –: all dies macht den Schaum zum Bild dessen, was Wirklichkeit ist, bzw. sein könnte, denn sicher wissen wir das natürlich auch nicht, auch dieser Satz hat, wenn es stimmt, Teil am Schaumcharakter der Wirklichkeit.

Schaum besteht aus Blasen. Blasen sind seine Elementarform. Von der elementaren Qualität der materiellen Welt, wie sie von Descartes geschildert wird, unterscheidet sich die Schaum- und Blasenwelt in mehrerer Hinsicht. Wir lesen bei Descartes, dass die einzig wesentliche Bestimmung der Körper die äußere Form sei, welche sie besitzen. Farbe, Geruch, Oberflächenbeschaffenheit: alles relativ, in Zweifel irrtumsbehaftet. Die Welt, wie sie dem cartesianischen Subjekt vor die denkenden Augen tritt, besteht aus Scherenschnitten: ein primitiver Schwarzweißfilm, der alles auf den Umriss reduziert. Geht man noch einen Schritt weiter und befasst sich mit der Art und Weise, in der die Welt, Descartes und seinen Zeitgenossen zufolge, wissenschaftlich betrachten ist, so wird weiter reduziert. Denn Wissenschaft heißt Naturwissenschaft, genauer: Physik, genauer: klassische Mechanik. Und in der klassischen Mechanik wird sogar davon abgesehen, dass Körper eine Ausdehnung haben. In ihren Berechnungen erscheinen sie nur noch als idealisierte Massenpunkte ohne Ausdehnung. Als solche bilden sie die Bezugsgröße von Raum, Zeit und Kausalität als ‚Formen der Anschauung‘, die in Wahrheit keine Formen der Anschauung, sondern einer Anschauungsabstraktion sind .

Blasen sind offenbar etwas anderes. Sie haben eine Ausdehnung und die ist irreduzibel. Sie beruhen auf der Unterscheidung von außen und innen. In gewisser Weise sind sie nichts anderes als diese Unterscheidung selbst. Das Außen ist das, was das Innen nicht ist; das Innen ist das, was das Außen nicht ist: eine Blase ist materiell das, was dieser Satz bedeutet; und das Häutchen, das Innen und Außen voneinander trennt, diese zarte, nur wenige Moleküle starke Membran wird durchs Semikolon symbolisiert. Die Blasen sind nicht die Bezugsgröße einer Beziehung, sondern selbst eine Beziehung. Sie bleibt aber an den Raum gebunden, ist keine ‚reine‘ Beziehung. Ohne Membran keine Blase und keine Beziehung von Innen und Außen. Deswegen können die Blasen klein, aber nicht unendlich klein sein.

Die naturwissenschaftliche Forschung hat sich seit Descartes Tagen in diese Richtung bewegt. Zelle und Atom sind die Bausteine der organischen und anorganischen Welt. Auch sie sind vor allem die Unterscheidung von Innen und Außen. Es sind Blasen, je kleiner, desto schwerer zu zerstören, aus ihnen setzt sich unsere Wirklichkeit zusammen.

Die Unterscheidung von Außen und Innen ist aber ein Prinzip des Lebendigen. (Das meint nicht, dass Atome leben; es heißt bloß, dass wir sie uns nach dem Prinzip des Lebens vorstellen.) An die Stelle der toten Massenpunkte, die miteinander über die Gesetze der Mechanik kommunizieren, treten die Blasen, die dadurch miteinander verbunden sind, dass sie sich berühren, zu Haufen zusammenfinden und -ballen, dass sie aneinanderstoßen, sich dabei verbinden oder platzen.

Der „Schaum“, die wir selber sind und der uns zu Brüdern macht, ist also nicht bloß existenzbedrohend. Er ist nicht nur Ausdruck der Nichtigkeit dessen was ist. Im Gegenteil: Schaum bedeutet, dass wir leben. Das Leben selbst ist existenzbedrohend und das drückt sich im Bild des Schaums aus. Schaum bedeutet, dass wir ständig innen und außen, Leben und Tod voneinander unterscheiden, und dass diese Unterscheidung uns als veränderliche lebendige Wesen realisiert. Wir sind Schaum, Schaum ist, was wir sind, gemischt aus Entzücken und Angst, Form und Unform, Sein und nicht Sein. Raum, Zeit und Kausalität und die in ihnen gesetzmäßig verknüpften Festkörper: es sind keine Reminiszenzen aus der guten alten Zeit, in der die Realität noch was Reelles war, solide und berechenbar, sondern immer schon Bollwerke gegen den Schaum und die Angst, die sich mit ihm verbindet, der Realität und Nichtrealität miteinander verbindet und der als Unendlichkeit solcher materiell-immateriellen Unterscheidungen-und-Verbindungen sich vor uns dehnt, aufflockt, „zum Himmel spritzt“ oder uns zu verschlingen droht. Wir sollten die Angst davor akzeptieren, die jetzt in uns aufsteigt, wenn in der Wirklichkeit Leben und Tod sich intensiver mischen als sonst.

Wolfram Ette



https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/coronavirus-l-australie-et-singapour-envisagent-une-bulle-de-voyage-entre-eux/ar-BB1ezdMx

Hans Magnus Enzensberger, landessprache, Frankfurt am Main 1960, 37ff.

Klaus Heinrich, Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Basel und Frankfurt am Main 1985, 71–85; Zitat S. 73.

Corona 212: Der Nocebo-Effekt

Ich lese, dass die Erwartung gravierender Nebenwirkungen dazu führen kann, dass „zufälligen Befindlichkeitsstörungen“ durch starke Selbstbeobachtung über Gebühr Beachtung geschenkt wird. Man stellt also eine kausale Verbindung her, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. Das nennt man den „Nocebo-Effekt“. Doch da Wirklichkeit eben nicht nur das ist, was wissenschaftlich nachgewiesen werden kann – zum Beispiel, dass eine Impfung ungewollte Folgen hat –, sondern auch das, was für Wirklichkeit gehalten wird (und dann ja tatsächlich, also auf irgendeine, wenn auch andere Weise „wirklich“, Folgen hat, zum Beispiel dadurch, dass man sich krank fühlt), ist das ganze journalistische Geplänkel um die Vor- und Nachteile dieses oder jenes Impfstoffes etwas gesundheitspolitisch enorm Wichtiges. AstraZeneca, das, wie es scheint, sowohl wirkliche als auch durch den Nocebo-Effekt bedingte Nebenwirkungen zeigt, wird in dem Maße Schwierigkeiten haben, sich durchzusetzen, indem der Ruf, der ihm vorauseilt, zu einer sich selbst bzw. durch manche Geimpften sich erfüllenden Prophezeiung wird.

Ich zumindest stelle an mir selbst fest, dass der Zweifel zunimmt. Umgeben von einer Variante, die, weil in Europa nicht dominant, sondern randständig, nicht die gleiche forscherische Aufmerksamkeit auf sich zieht wie die „britische“, sinkt meine Lust, mich mit einem Impfstoff impfen zu lassen, der sich mit allem „Südafrikanischen“ nicht recht auskennt. Jede weitere Negativmeldung, die ich zu AstraZeneca lese, erhöht in meinem Körper die Bereitschaft, der Meldung nachzugeben, sie schon im Vorfeld für wahr zu erklären, d.h. die politischen Symptom eines ausgeprägten Misstrauens gegenüber den Verteilungskriterien körperlich abzubilden. Es ist also ganz komisch: Ich, die ich in der Tat (schon um den ganzen Verschwörungsreligionen zu begegnen) ganz und gar für die Impfkampagne bin, beginne, eine zumindest abwartende Haltung zu entwickeln. Ich will auswählen können, will mir nicht einen Impfstoff spritzen lassen, nur weil er da und verfügbar ist, will, dass der spezifische, sozusagen „südafrikanische“ Kontext, in dem ich mich bewege, als meine Wirklichkeit anerkannt wird.

Aber gleichzeitig interessiert mich die Frage nach dem Einfluss von Gerüchten auf Körperreaktionen, als könne ich mich dennoch bald zum Zentrum eines psychologischen Selbstversuchs machen.

In der Literaturwissenschaft spricht man gern vom „Erwartungshorizont“ der Leserschaft, und das ist natürlich genau das, was beim Nocebo-Effekt auch im Zentrum steht. Die Erwartung nimmt vorweg, was sein wird. Literarische Texte können entweder einschmeichelnd vorgehen und genau das schreiben, was sie selbst, ihrerseits die Erwartungen der Leser:innen antizipierend, für erwartbar halten. Oder sie machen’s genau anders herum (doch auch das kann schmeichlerisch sein), und sie unterlaufen die Erwartungen gerade an der Stelle, wo der weitere Lauf der Dinge klar zutage zu liegen schien. Die Banalität des Handlungsverlaufs kann nicht ohne konkreten Blick auf das jeweilige Untersuchungsobjekt definiert werden. Erwartungen voll zu erfüllen, kann banal sein, muss es jedoch nicht. Es kann ja auch eine ironische Bestätigung alles Erwartbaren geben, und dann tritt der Text also doch aus diesem heraus. Oder die Figur ist so banal, dass das Sujet des Textes die Banalität selbst ist. Auch dann muss der Text ein Text der reinen, unablässigen Bestätigung des immer schon Gewussten werden, obwohl darunter auch eine andere Bedeutungsschicht mitläuft. Andersherum kann der permanente Bruch gegenüber den Erwartungen einer gewollten Suche nach Originalität, also etwas Verkrampft-Unplausiblem entsprechen, das seinerseits (wenn auch auf andere Weise als im ersten Beispiel) banal wirkt, effekthascherisch zum Beispiel.

Wenn man von den Textlektüren auf das zurückschaut, was von Impfungen erwartet wird, dann interessiert mich, wie aktiv die Körper am Weiterschreiben der Geschichte des Impfens beteiligt sind. Denn wenn ich zum Beispiel erwarte, durch den Impfstoff krank zu werden, und danach, obwohl dieser wirklich nicht krankmachend ist, trotzdem krank werde, ist mein Körper das Konzentrat der Bedeutung, die die Geschichte hat, doch unabhängig sozusagen von der eigentlichen, intendierten Geschichte. Literaturwissenschaftlich gesprochen mache ich mich einer Fehllektüre schuldig. Ich lese etwas in die Intentionen der Spritze hinein und mache das Gegenteil von ihnen wirklicher als diese selbst.

Aber das ist ja für einen Mann vom Fach, wie ich als Frau einer bin, auch nichts Neues! Wer würde heute noch mit „Autorintentionen“ argumentieren wollen! Hat sich nicht inzwischen herumgesprochen, dass es auch die Leserinnen und Leser gibt und das, was man in trauter Einigkeit als ihre „Beteiligung an der Konstitution des Text-Sinns“ bezeichnet? Fehllektüren gibt es in der Hinsicht gar nicht. Man kann ja mit einem Text machen, was man will! Wer wollte einem verbieten, ihn ganz anders zu lesen, als der oder die Autor:in dachte! Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass Leute meines Schlages ohne diesen Teil der „Produktion“ von Sinn ihren Job mit sofortiger Wirkung an den Nagel zu hängen hätten, denn eigentlich tun wir ja nichts anderes, als dauernd Fragen an die Texte zu stellen, die man früher noch nicht gestellt hat, so dass sich die Texte permanent verändern, permanent etwas ausspucken, was zuvor noch nie in ihnen gestanden hatte.

Wie kommt es also, dass das bei den Impfungen plötzlich nicht recht ratsam erscheint? Warum darf man hier nicht zu stark ins Fabulieren kommen? Warum muss man in diesem Kontext darauf bestehen, die Autorintention sei die Autorintention, und damit Schluss? „Der Nocebo-Effekt zeigt sich am deutlichsten in einer krankmachenden Angst vor eingebildeten Gefahren“, schreibt Wikipedia, und dieses Lexikon muss ja wissen, was allgemein gültig ist.

Die Krankheit, die es zu bekämpfen gilt, wäre gar nicht allein der Virus (zieht mir plötzlich als Gedanke durch den Sinn), sondern kombiniert müsste dieser Kampf immer werden mit der Bekämpfung der Angst vor ihm (nämlich dem Kampf). Da aber dummerweise das einzige, wirklich wirksame Mittel zur Bekämpfung des Virus die Impfung ist, diese aber, wie gesagt, Ängste auslöst, die ihrerseits krankmachend zu wirken verstehen, wenn die Bedingungen günstig sind, hat man eigentlich gegen die Folge der Folge – das heißt gegen die Angst, die eine Nebenerscheinung des Virus und seiner Bekämpfung ist – nicht das Geringste zur Verfügung. Dann kann allein auf „vertrauensbildende Massnahmen“ gehofft werden, die sozusagen die Autorintention wieder zurück in die Wirklichkeit befördern. Das Problem besteht aber darin, dass eine Autorin oder ein Autor, die:der seine Intentionen erklärt, oft den Eindruck vermittelt, er habe es nötig, sie zu erklären. Insofern ist auch dies nicht unbedingt eine gute Methode, um dem Nocebo-Effekt zu widerstehen: Selbstverständliches thematisiert man erst gar nicht, denn die Thematisierung zerstört die „Unschuld“, die ihm innewohnt.

Doch was macht man, wenn die Autorschaft dafür genutzt wird, sich selbst derart hoch zu stilisieren, dass die Leserschaft (will heißen: die Impfkandidat:innen) gar nicht mehr vorkommen? Die Unantastbarkeit der Behauptung, der Wert der Intention stehe fest, erstickt alles Interessante, das das Hypochondrische oder Hysterische im Kontext des Nocebo-Effekts mit sich führen. Es besteht die Gefahr, dass die Impfstoffhersteller das Argument des Inventiv-Eigenwilligen wiederum für sich nutzen und behaupten, alle Literaturkritik beruhe auf unhaltbaren Erfindungen. Wenn nun aber die Erfindungen genauso ansteckend und produktiv zu werden beginnen wie der Virus selbst? Was tut man da? Und bestehen nicht beide Möglichkeiten? Dass nämlich die Impfskeptiker:innen vor allen Dingen Leute sind, die auf unlautere Weise ihre Fehllektüren betreiben? Dass aber daneben auch die Impfproduzent:innen nichts so sehr fürchten und bekämpfen wie Lektüren, die besagen, die öffentlich verkündeten Intentionen träfen die Wirklichkeit nicht ganz? Stützt man die Erstgenannten – also die Menschen, die, wenn sie einen Text in die Hand lesen, stets nur das herauslesen, wovon sie eh schon überzeugt waren –, schwindet die Chance, die Pandemie durch eine entschiedene Impfkampagne in den Griff zu bekommen. Behauptet man hingegen, Kritik sei stets und immer nur der Ausdruck des Nocebo-Effekts, es habe eben eine Erwartung bestanden, von der man unbedingt wollte, dass sie sich erfülle, kann genauso eine Welt aus Fiktionen aufgebaut werden, dieses Mal jedoch strebt diese in die Gegenrichtung und sagt: „Probleme und Nebenwirkungen sind die reinste Erfindung.“

Als Literaturwissenschaftlerin fühle ich mich an der Schnittstelle. Interessieren tut mich vor allen Dingen die Kritik an der Schaffung von Fiktionen, die die Realität des Nocebo-Effekts nie zugeben würden, weil sie alles Böse immer am gleichen Punkt erkennen und sich selbst auf ihre eigene Psychologie hin nie befragen würden. Aber die dialektische Lust geht dennoch so weit, dass ich mich auch für die Seite und kritische Sicht der Leserschaft interessiere, denn zu der gehöre ich ja, weil ich keine Impfstoffe herstelle, in erster Linie.

Anne Peiter

Kommentar

Rezeptionästhetik, Dekonstruktion, allgemeiner Konstruktivismus – all diese Richtungen, in denen der subjektive Idealismus früherer Zeiten sich überlebt und fade fortgesetzt hat und die insgesamt auf die Herabsetzung eines Objektiven, ja, wenn man so will, aller Natur hinausläuft, die uns erst einmal vorgegeben ist; – all diese Trends und Moden der letzten Jahrzehnte haben auf ihre Weise dazu beigetragen, eine Welt zu schaffen, in der sich Wahrheit und Fälschung zwar trennen lassen, die Anerkennung der Spielregeln, nach denen die Trennung erfolgt, aber durchaus kein gesellschaftlicher Konsens mehr ist. So haben die großen geisteswissenschaftlichen Strömungen der letzten Jahrzehnte die haben zur Genese einer Welt beigetragen, in die das Realität und Fake gleichgeltend verbaut sind

Und von dem, was man sich einbildet, was aber als Einbildung durchaus real ist – in dem Sinne wirklich, dass es Wirkungen hat –, ist hier noch nicht einmal die Rede. Denn das liegt dazwischen. In diesem Dazwischenliegen ist es aber nicht stabil. Eine depressive Verstimmung ist vielleicht grundlos, weil die von ihr heimgesuchte Person nicht so wertlos ist, wie sie es sich einbildet. Sie ist zugleich real, bis in die im Gehirn ablaufenden biochemischen Prozesse hinein. Aber solche psychischen Vorgänge, in denen Subjektives und Objektives zusammentreten und aufeinander einwirken – die Depression ist nur Extremfall von etwas, das ständig auch den ‚Gesunden‘ geschieht –, fallen tendenziell einem Entweder-Oder zum Opfer. Entweder subjektiv oder objektiv. Es soll entweder stimmen oder nicht. Es ist entweder eine wirkliche Erkrankung oder nur eine Einbildung. Zugleich ist kaum noch zu sagen, was denn die eine von der anderen unterscheidet. Die zu starre Unterscheidung führt zum Unvermögen, die Pole zu vermitteln. Der subjektive Anteil an dem, was ist, wird zugleich über- und unterschätzt. Alles ist subjektiv und soll es doch nicht sein, und man jagt den Phantasma seiner Subtraktion hinterher, nach der dann das eigentliche, das Objektive übrig bliebe, von deren Nichtexistenz man andererseits überzeugt ist. Man kippt immer immer auf die eine oder die andere Seite. Wie bei der Musterung: entweder krank oder Simulant.

Wolfram Ette

Corona 211: Buerocratica und Antibuerocratica

Amerika, du hast es besser

Was sie da drüben machen, sie machen es richtig. In Sachen protofaschistischer Idiotie haben Trump und seine Anhänger es in kurzer Zeit sehr viel weiter gebracht als das in den meisten anderen demokratisch regierten Ländern möglich. Die in jeder Hinsicht selbstzerstörerische Vernachlässigung der Corona-Pandemie mit ihren weit über 500.000 Toten ist ein weiteres Beispiel. Gleichzeitig geht es mit derselben Energie nun auch in die entgegengesetzte Richtung. Beispiellos sind auch die Entschlossenheit, mit der die Impfkampagne nun angefangen, die Großzügigkeit, mit der ein nationales Hilfspaket beschlossen wurde, das ein Zehntel des gesamten Bruttoinlandsprodukts umfasst.

Es ist diese Unbefangenheit, die gleichsam hindernislose Wucht solcher naiven Kraftäußerungen, die mir imponiert. Ich weiß nicht, ob ich sie dem ewig gleichen Trott unseres Behördenstaates vorziehe, dessen Unverlässlichkeit in der Krise doch wenigstens etwas Verlässliches hat. Irgendwie funktioniert es, nicht besonders gut, nicht besonders schlecht, also im Mittelfeld. Erstaunliches passiert weder in der einen noch in der anderen Richtung, und wenn etwas Neues versucht wird (wie jetzt mit dem aktuellen Maßnahmenkatalog von Bund und Ländern), sind die Reibungsverluste so hoch, dass das Neue unter der Hand verschwindet. Die Bürokratie kann bei uns nicht so leicht entwaffnet werden, das ist vielleicht der Unterschied.

Wie bei Kafka

Im Dezember 2020 bekam das Gesundheitsamt Chemnitz sieben Bundeswehrsoldaten zugewiesen, die es bei seiner Arbeit unterstützen sollten. Sie wurden aber abgewiesen; aus der Behörde verlautete, man sei zu überlastet, um die Neulinge einzuarbeiten.

Man fragt sich, ob das Gesundheitsamt in der Lage ist, über den morgigen Tag hinaus zu sehen. Man denkt an Kafkas Amtsstuben, düster und bis an die Decke voll gepackt mit Akten, eng beschriebenen Blättern und in diesem Fall wohl auch endlosen Rollen Faxpapier. Lange ist kein Licht mehr in dieses Zimmer gefallen, dass im schwachen elektrischen Licht schief und verzogen aussieht; die rechten Winkel sind der Zeit zum Opfer gefallen. Die Angestellten arbeiten langsam und hoffnungslos systematisch die Papierberge ab, die ihren Bemühungen zum Trotz weiter in die Höhe wachsen. In diesem Kampf, der, egal wie man ihn führt, von vornherein verloren ist, jemanden Neues einzuarbeiten, kann nicht in Betracht kommen. Es ist nicht vorstellbar. Der Arbeit kommt man sowieso nicht hinterher; daran ändern ja auch die sieben Neuen nichts. Vielleicht wäre es auch peinlich, Außenstehenden einen Blick auf diese Abläufe zuzugestehen. Ganz sicher aber würden sie als Störung empfunden, weil sie die Abläufe stören, weil sie noch nicht ganz hoffnungslos geworden sind. Soldaten sind ja, wie’s scheint, so veni-vidi-vici-Menschen, die etwas ändern zu wollen scheinen, der absolute Gegensatz des / der Beamten.

Die Macht deutscher Behörden besteht wesentlich in der Macht über die Zeit. Sie setzen die Fristen der Einreichung, für die Ausreichung lassen Sie sich so viel Zeit, wie es passt und wie es den eben geschilderten Abläufen entspricht. Das wird durch die Eile durcheinandergebracht, mit der ein Amt, das bis zur Coronakrise eine recht geruhsame Existenz führte, nichts anfangen kann, durcheinandergebracht. Es soll nun alles Mögliche liefern, und zwar schnell. Das aber liegt jenseits der Wirklichkeit, die von der Behörde geschaffen wird.

Verwaltung, Zeit und Wirklichkeit

Das Fatale, womit wir es von Seiten der Exekutive zu tun haben, sind die versprochenen Termine. An ihrer ständigen Nichteinhaltung zerbricht gerade das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung, deren Angst — Wahlen stehen ja vor — damit umgekehrt steigt und sie zu noch irrsinnigeren Versprechen verleitet.

Warum sind eigentlich Termine so wichtig? Warum ist mit ihrer Einhaltung oder Nichteinhaltung so viel entschieden? Die Sucht, Termine zu setzen, hat offenbar etwas damit zu tun, eine Sache dadurch aufzuwerten, dass man sie mit einer — meist zu knappen — Frist verbindet Niklas Luhmann nannte das in seiner frühen, verwaltungstheoretischen Phase die „Vordringlichkeit des Befristeten“. Etwas vielleicht gar nicht so Wichtiges wird wichtig dadurch, dass ich es mit einer Deadline verbinde, von der er schon der Name sagt, dass es hier um Leben und Tod geht. Oder, um es spezifischer auf unseren Fall zu beziehen: Wenn ich von einer Sache oder ihre Durchsetzbarkeit nicht so recht überzeugt bin, kann ich versuchen, den Verwirklichungsdruck durch ihre Terminierung zu erfüllen. Egal ob relevant oder nicht: Sie scheint dann relevant, weil sie bald erledigt werden muss. In der Hektik der Umsetzung kann nicht darüber nachgedacht werden, wie es denn um ihre Relevanz bestellt sein.

Freilich macht das, wenn es zur Maxime eines gesellschaftlichen Handelns erklärt wird, die Rechnung ohne die Instanz, die bei uns alle Zeitrhythmen vorgibt und damit festlegt, was überhaupt wirklich ist, was Experiment und was Vision: die Verwaltung. Ihre schier unbegrenzte Macht zeigt sich darin, dass sie Termine vergibt und festlegt, in welcher Frist etwas geschehen kann. Jeder Versuch, einen hier noch eventuell vorhandenen Spielraum auszureizen, wird über kurz oder lang fehlschlagen. Die Verwaltung vergibt Termine, sie nimmt keine entgegen. Sie legt damit fest, was überhaupt wirklich ist, weil sie über die Zeithorizonte seiner Realisierung verfügt. In gewissem Sinne ist die Verwaltung die gesellschaftliche Wirklichkeit selbst.

Die Bürgerinnen und Bürger wissen das schon lange und haben sich resigniert damit abgefunden. Wir sind hier nicht bei Wünschdirwas. Die Verwaltung ist, wie sie ist, an ihrem einfachen Planstellenalgorithmen kommt niemand vorbei. Ihre ungeheure, wirklichkeitsetzende Macht zeigt sich jetzt auch daran, dass sie auch gegen Angriffe, die von übergeordneter Stelle, also von Seiten der Regierung kommen, weitgehend immun ist.

Doch ein Traum

Vor dem Einschlafen höre ich immer noch die Nachrichten, die mir über die Deutschlandfunk-App des Telefons zugeliefert werden. Schon halb wegdämmernd bekam ich noch mit, dass die Modellrechnungen des RKI für die Zeit nach Ostern von Ansteckungszahlen über 30.000 ausgehen.

Ich mich wohl korrigieren. Ich fand das Öffnungsprogramm, dass die letzte Bund-Länder-Konferenz zum Vorschlag brachte, irgendwie smart, neu, experimentierfreudig und intelligent. Aber ich sehe nun doch auch, dass es derselben Realitätsverleugnung verpflichtet war wie alle vorhergehenden. Und vielleicht kann man den Wahn falscher Versprechungen, diese von Angst getriebene Prahlerei, in die sich die deutsche Regierung im Wahljahr 2021 flüchtet, wieder an demselben Detail festmachen, von dem die beiden vorigen Texte bestimmt sind. Es sind die Termine. Es ist diese absurde Vorstellung, etwas würde dadurch realer, dass ich ihm einen Termin setze, dass ich also den Moment, in dem etwas, das ich mir vorgenommen habe, Wirklichkeit wird, dadurch glaubwürdiger machen, indem ich ihn kalendarisch beziffere.

Diese Vorstellung ist absurd. Aber sie ist doch zugleich bezeichnend. Denn in ihr manifestiert sich der Überhang der Form über den Inhalt, der das moderne Denken insgesamt charakterisiert. Sein Inbegriff: Der Gebrauchswert, der zur Nebensache des Tauschwerts wird. Es muss irgendeinen einen Inhalt des Tauschvorgangs geben, das ist klar, aber es ist bedeutungslos, ob es sich dabei um ein Stück Wurst, eine Konzertkarte oder einen MRNA-Impfstoff handelt. Deswegen ist die moderne Welt zugleich die verwaltete. Verwaltung und Geld machen die moderne Herrschaft der Form über den Inhalt anschaulich. Mit Geld kann man alles kaufen, mit bestimmten Prinzipien kann man alles verwalten. Deswegen überleben sie alle Revolutionen, zumindest alle bürgerlichen.

Die Herrschaft der Zeit ist ein weiteres Indiz dieser Denkform. Es ist nicht der Umstand gemeint, dass wir in Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart unverbrüchlich eingelassen sind und dass ihre Vermittlung in jedem Moment unser Leben ausmacht, sondern die Herrschaft der physikalischen, gemessenen Zeit. Wer ihr verfällt, hat schon verloren. Und so verband sich das, was ich beim Einschlafen in den Nachrichten hörte, mit der Vorstellung, dieser hübsche, 14-tägige Öffnungsrhythmus, der Hoffnung und Perspektive gab, sei selber so etwas wie ein Traum gewesen, von dem man genau weiß, dass er da, dessen Konturen sich aber mit jeder Minute, die man in den Tag hineingeht, diffuser werden.

Wolfram Ette

Corona 210: In Therapie oder Das Sofa

Während wir so in unserem selbstgewählten Quasi-Lockdown saßen, unzufrieden mit dem fehlenden Interesse einstiger Freunde, über die Pandemie auf sehr grundsätzliche und irgendwie zukunftsweisende Weise zu sprechen, ungeduldig auch, weil so vieles „normal“ blieb, empfanden wir anfänglich (doch nur wir, die Erwachsenen, nicht die Kinder) eine Form von Erleichterung. Kontakte, die vielleicht schon länger zum reinen Geplätscher geworden waren, schienen in den großen Wellen der Ansteckungen untergegangen zu sein, und zwar zu recht. Das Oberflächengekräusel des small talks hatte mit großer Plötzlichkeit einer großen Windstille Platz gemacht.

Mit der Zeit aber wurde das fast erschreckend. Einerseits merkten wir, dass es eben doch nicht so einfach ist, einzig unter sich zu sein, keine Freunde mehr zum Essen einzuladen und sich auch nicht einladen zu lassen. Das war der erste Schrecken. Der zweite aber war weit schlimmer. Wir merkten nämlich auch, wie wenig uns in Wirklichkeit bestimmte Menschen fehlten, und das war eine Erkenntnis, die aus der Krise der Gegenwart sofort auch rückwirkend eine Krise der Vergangenheit machte (was hatte man eigentlich so gemacht, geredet, empfunden, als noch alles „normal“ war?). Und da nun einmal alle drei Zeiten miteinander verbunden sind, fragten wir uns zusätzlich, wie wir wohl in Zukunft Freundschaften gestalten würden: weiter mit dem, was einst war? Oder im Gegenteil weiter mit der Einsamkeit, die wir seit über einem Jahr zu der unseren gemacht haben? Vielleicht aber auch ein echter Neubeginn, dieses Mal mit ganz ganz anderen Menschen? Doch kann man einfach so brechen, wenn eh alles brüchig ist?

Man könnte meinen, der eine Schrecken sei mit dem anderen gar nicht vereinbar. Trauer über Einsamkeit und Erleichterung über sie, das passt nicht recht zusammen. Und doch lag das Problem genau an dieser Schneise, auf dieser Schnittstelle. Es stimmte wirklich beides, mal das Eine, mal das Andere: Überdruss, Sehnsucht. Das Problem bestand genau darin: in diesem Ineinander von – beidem.

Irgendwann, nach vielen Monaten, schrieb eine Hamburger Freundin, sie gucke gerade eine Serie, auf Arte, die heiße „En thérapie“. Jede Folge dauere eine knappe halbe Stunde, gestern habe sie gleich acht auf einmal geguckt, auf dem Sofa in eine Decke gehüllt, ganz gemütlich, denn draussen sei’s winterlich kalt gewesen. Und dann schrieb eine andere Freundin, dieses Mal aus Paris, sie sehe diese Serie auch, auf dem Sofa, mit ihrem Mann, immer abends. So bestärkt durch zwei Hinweise gleichzeitig setzten wir uns also auf unser eigenes Sofa und sahen nun unsererseits die erste Folge von „En thérapie“. Ein Film über einen Pariser Psychoanalytiker, der in seiner Praxis seine Patient:innen trifft, ihr Leben begleitet, während ihm sein eigenes entgleitet (doch entgleitet es ihm wirklich?). Wir sahen die erste Folge, die zweite, die dritte, immer weiter und weiter, denn mit der Zeit stellte sich ein gewisses Gefühl von Vertrautheit ein. Irgendwann wussten wir: Es gibt nur eine bestimmte Anzahl von Patient:innen, diejenigen, die man getroffen hat, wird man also wieder treffen, die Vertrautheit wird wachsen, immer mehr wird man erfahren von ihrem Leben, ihren Schwierigkeiten und inneren Kämpfen.

Und auch die Patient:innen im Film saßen auf einem Sofa, einem roten, dem immer gleichen, der Film war einer großartigen räumlichen Statik verpflichtet. Die Kamera blickt auf den Psychoanalytiker in seinem grossen Sessel, oder sie blickt aus unterschiedlichen Perspektiven, in unterschiedlicher Beleuchtung (je nach Tageszeit, je nach Wetterlage draussen) auf die Patient:innen ihm gegenüber. Sie sitzen auf dem Sofa, diesem roten, ich sagte das schon. Man sitzt, alle sitzen.

Und mit der Zeit begannen wir uns zu fragen, ob es wirklich nur die bemerkenswerte schauspielerische Leistung war, die uns anzog, ob wir wirklich allein fasziniert waren von einem Drehbuch, das, wie schwerlich bezweifelt werden konnte, von Menschenkenntnis und Sinn für Komposition zeugte. Wir zweifelten auch, ob wir wirklich recht hatten, wenn wir meinten, es sei die Stimmigkeit des Ganzen, die uns veranlasste, peu à peu über dreißig Folgen anzusehen (bis zum Ende fehlt gerade nicht mehr viel)?

Irgendwann, ganz zum Schluss, bricht der Film aus dem einen Raum aus, in dem all diese vielen Leben in Form von Sprache am Publikum vorbeiziehen. Irgendwann sehen wir den Psychoanalytiker draußen, bei der Beerdigung eines seiner Patienten, gehüllt in eine warme Jacke, denn es ist Winter, plötzlich nicht mehr sitzend auf seinem Sessel, nicht mehr auf den Beruf des Zuhörens beschränkt. Und uns schien, das sei ganz schlecht geschrieben, sei auch schauspielerisch gar nicht auf der Höhe der vorherigen Geschichten, sei schlicht: enttäuschend.

Und es mag nun durchaus sein, dass auch andere Freunde – die aus Hamburg, die aus Paris – sagen würden, ihnen habe das in der Tat auch nicht so gut gefallen wie alles Vorherige. Aber selbst wenn wir nicht allein bleiben würden mit unserer Kritik, rumort doch eine Frage in uns, die über das (vielleicht) Objektivierbare von Qualitätskriterien, die man an Drehbücher anzulegen hat, hinausgeht. Ist es nicht vielmehr so, dass wir, da den Film, auf unserem Sofa sitzend, zu sehen pflegen, nicht tolerieren können, dass unsere Helden plötzlich nicht mehr auf ihrem Sofa sitzen? Fehlt uns das Sofa? Ist der Blick von Sofa zu Sofa der Hauptgrund, warum wir jeden Abend, mit grosser Regelmäßigkeit, ein, zwei Folgen dieser Serie sehen, und zwar auf dem Sofa sitzend, weil wir andere Menschen auf dem Ihren sitzen sehen wollen?

Wir fragen noch weiter: Werden wir auch darum unruhig, weil mit der Folge Nummer 31 schon abzusehen ist, dass die Schlussfolge mit der Nummer 35 nicht mehr weit ist? Ist es also eine Mischung aus räumlichem und menschlichem Unwillen, der die Kritik steigen lässt? Will man von den Figuren nicht mehr lassen, sind sie so etwas wie neue Freunde geworden, jetzt, wo die anderen, echten, für uns nicht mehr zu erreichen sind, oder (was wahrscheinlicher ist) wir nicht mehr für sie? Hat man außerdem eine ganz uneingestandene Angst vor einer Szenerie, die ja auch zur eigenen werden wird, nämlich: dass man nicht sein ganzes Leben auf dem Sofa verbringen kann, und nun schon gar nicht mit Menschen zusammensitzend, deren Sofa es nur in der Fiktion gibt?

Nun, warum eigentlich nicht, sagen wir uns dann plötzlich und wie im Trotz. Es ist diese Serie sicher weit interessanter und ereignisreicher als viele andere Filme, die nicht bloß auf einem Sofa spielen. Es ist, obwohl die Figuren nichts weiter tun, als in den Raum hineinzukommen, sich zu setzen, am Ende der Therapiesitzung wieder aufzustehen, um sich zu verabschieden (von ihrem Therapeuten, vom Sofa), sehr viel zu sehen, nämlich in den Gesichtern. Zu hören auch: in den Stimmen. Warum sollte es ein Mehr geben? Reicht das nicht schon? Ein Sofa? Mehrere, die man zusammenstellt? Gruppierungen von Realität und Fiktion in einer Konstellation, aus der etwas Neues entsteht?

Doch dann, nach dieser Selbstrechtfertigung, steigt wieder die zweite Frage hoch: dass man vielleicht zwar ein Leben auf dem Sofa verteidigen könnte, dass es aber doch etwas Unheimliches hat, wenn das eine Sofa als eigenes bezeichnet werden muss (aus Holz ist es, und als Bett dient es in der Nacht), das Sofa gegenüber aber eines, das nur auf dem Bildschirm des Computers existiert, auf dem wir die Serie gucken. Zwei Sofas, gut. Ein echtes erst, gegenüber eines, das zur Fiktion gehört. Geht es wirklich an, dass wir diese „fremden Leute“ da im Film irgendwann als ein echtes Gegenüber empfinden, unsere Sofas sozusagen einander gegenüber aufstellen, zufrieden, auf diese Weise im Gespräch zu sein?

Kann das alles gut sein, wenn die Serie zu allem Überfluss auch noch „In Therapie“ heisst und uns mit hineinnimmt in Reflexionen, die nicht nur das Leben der Figuren im Film betreffen, sondern, psychoanalytisch gesprochen, durch Übertragung auch uns selbst? Zeigt sich, mitten im selbstgewählten Lockdown, unsere eigene Therapiebedürftigkeit durch das Bedürfnis, eine Serie ausgerechnet über Therapiegespräche zu sehen?

Serien waren in meiner Kindheit tabu. „Dallas“ war damals in aller Munde, der „Denver-Clan“ auch. Doch ich wusste nie, wovon die anderen sprachen. Die Überwindung des Tabus, das darin bestand, in Serien den vulgären Abklatsch von „echten“, „guten“ Filmen zu sehen, Filmen, die es schafften (wenn sie’s schafften), in konzentrierter Form – eineinhalb, zwei Stunden – eine Geschichte zu erzählen, die haften, die in Erinnerung blieb, ist ein Fortschritt: Ich gebe zu, wir geben zu, dass erzählerisch eine verführerische Kraft von Geschichten ausgeht, die nicht gleich abbrechen, sondern die zum Lebensbegleiter werden, sobald man sich abends auf’s Sofa setzt. Wir geben es zu, wir sprechen über die Therapien, wir sprechen und merken: Es regt vieles an. Wir sprechen über einen Rat, den der Analytiker im Film seinen Patient:innen gibt: dass man, solange man sich in Therapie befinde, keine grundstürzenden, das ganze Leben verändernde Entscheidungen treffen solle; dass es besser sei, sich Zeit zu nehmen, sich bewusst bleibend, wie vieles allein schon durch die Therapie in Umbruch gerät. (Sitzen wir darum so ruhig auf dem Sofa?)

Wir folgen dem Rat. Wir sitzen auf dem Sofa, hören zu, sehen, was therapeutisch gelingt oder misslingt, sehen, wie der Analytiker seinem eigenen Rat nicht zu folgen versteht, folgen ihm trotzdem, folgen ihm sogar deswegen besonders gern, denn die Irrgänge, die auch sein Leben kennzeichnen, die sind ja die Irrgänge von uns allen.

Und hinzu kommt noch, dass der Film einer Reflexion über eine Gesellschaft in der Krise entspricht: Die Attentate auf das Bataclan haben gerade stattgefunden, der Film setzt ein nach den Schrecken dieses 13. November. Jetzt sind wir in einer erneuten Krise, und das, was die Figuren in der Serie sagen – nämlich, dass sie im Gefühl leben, ihre ganze Welt sei bedroht –, wird anwendbar auf uns selbst. Unsere Welt ist nicht mehr wie zuvor, sie wird, selbst wenn es ein Danach geben sollte (doch das ist noch nicht sicher), auch im Danach nicht wieder so sein wie zuvor. Das heisst: Wir ahnen, während die Figuren über ihr Gefühl von Zusammenbruch berichten, wie die Filmidee erneuert werden könnte: Wie würden Therapiesitzungen jetzt, in unserer eigenen Gegenwart aussehen? Wie würde man in Fiktion fassen, was gerade real geschieht? Was würde gesprochen werden, wenn das Sofa des Therapeuten nicht nur nach dem Bataclan zum Sitzen eingeladen hätte, sondern jetzt, in Pandemiezeiten, von Neuem? Wie würde sich Privates mit der grossen Geschichte draussen durchmischen? Welches Verhältnis würde sich, um das Dreieck von Individuum und Gesellschaft komplett zu machen, das Sofa darstellen? Wie würde es sich sitzen auf diesem?

Doch wir sitzen ja schon auf dem Sofa, sitzen schon lange, lange, starren auf das Sofa, das von der Kamera der Filmemacher umkreist wird, während Freunde, anderswo (in Hamburg, in Paris) auf den Ihren sitzen, ohne dass man sich zusammensetzen könnte.

Anne Peiter

Corona 209: Wissenschaft und Politik

1

Sind Psychologen überflüssig? Ich weiß nicht. Aber es gibt eine Sorte Menschen, die noch überflüssiger sind als sie: Psychologen, die in Radio oder Fernsehen auftreten. Ich habe dabei nicht so sehr diejenigen im Sinn, die therapeutisch tätig sind, sondern diejenigen, die an den Universitäten arbeiten und Forschungsprojekte einwerben, in denen wenig mehr unternommen wird als dasjenige, was jeder schon weiß, durch Quantifizierung zu verdoppeln. Und in den Interviews, die sie den Medien geben, wird dieses ohnehin schon wenig nützliche Wissen noch einmal heruntergebrochen auf ein Gerade-so-und-ungefähr, worin man sich einige Zahlen herauspickt, andere weglässt, so dass am Ende, da die Zuschauerinnen die Zahlen irgendwann auch vergessen haben werden, nichts anderes herausspringt als das, was sie auch schon wussten. Zum Beispiel die umstürzende Erkenntnis, dass durch den Lockdown die Zahl der psychisch Erkrankten zugenommen habe. Echt jetzt? Das junge Menschen darunter mehr leiden als ältere, allein Lebende mehr als Menschen mit Familie. Ja, der Wahnsinn!

Es gäbe freilich eine Möglichkeit, dieses tautologische Geschwätz in handfeste politische Forderungen umzuwandeln. Und zwar eben dadurch, dass gesagt wird: Wenn es denn beispielsweise wirklich stimmt, dass Jugendliche in einem viel höheren Maße als Menschen mittleren Alters von der Epidemie betroffen sind, sich also mit harten Zahlen belegen lassen würde, dass die psychischen Erkrankungen in dieser Altersgruppe signifikant zugenommen hat, gehören sie zu einer Risikogruppe. Sie müssen nicht an Corona erkranken, um an Corona zu erkranken. In gewisser Weise erkranken Jugendlichen an Corona, weil die Veränderungen in ihrem Leben einschneidender sind als bei den meisten anderen Altersgruppen. Deswegen könnten sie in der Impfreihenfolge vorgezogen werden.

Ob man das der Psychologin einmal vorschlagen sollte?

2

Eine Studie aus Kalifornien, die vor einigen Tagen vorveröffentlicht wurde, schlüsselt das Infektions- und Mortalitätsrisiko nach Berufsgruppen auf. Ganz oben liegen dabei nicht die Mitarbeiter und Angehörige medizinischer Berufe, sondern Lebensmittelindustrie, Landwirtschaft, Logistik und Baugewerbe. Hier liegen die Sterblichkeitsraten seit einem Jahr sehr viel – also bis zu 60 % höher – als sonst.,

Sandra Ciesek ist eine zurückhaltende Frau. Sie äußert sich grundsätzlich nicht politisch. Das heißt, sie macht es auch nicht wie Christian Drosten mit dem sie sich im Corona-Podcast abwechselt. Denn der platziert ja immer wieder kleine Ausbrüche in die Richtung der Politik – so in dem Sinne, dass ihm das als Wissenschaftler ja eigentlich nicht zustehe, aber dass er aus seiner Perspektive jedenfalls so sehen würde etc. Das macht sie nie. Sie ist kühl und diszipliniert.

Am Ende der Diskussion über die Studie rutscht ihr aber trotzdem so etwas heraus. Sie fordert nicht etwa – Gott bewahre! –, dass die Angehörigen dieser offensichtlich besonders gefährdeten Berufsgruppen prioritär zu impfen seien. Nein, sie sagt bloß, dass man bei ihnen dafür Sorge tragen müsse, dass die Quote nicht allzu niedrig ausfalle.

Das ist nun wirklich hochinteressant. Denn das, was sie in ihrem sachlich-freundlichen, aber immer auch etwas langweiligen Ton vorgetragen hat, impliziert ja, dass unter den am meisten Gefährdeten die Impfskepsis möglicherweise am größten sei. Man kann sich fragen wie sie darauf kommt. Sind sie am ungebildetsten? Oder, präziser formuliert: Liegt es daran, dass es sich bei den besonders gefährdeten Berufen ausnahmslos um Bereiche unmittelbarer körperlicher Arbeit handelt, die in keiner Weise durch die Arbeit zuhause substituiert werden kann? Könnte damit zusammenhängen, dass diese Krankheit, die in so hohem Maße unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen wird, ja in gewisser Weise weitgehend unsichtbar ist und nur durch ein paar Zahlen repräsentiert wird, sich tragischerweise der Vorstellung dieser handfesten und irgendwie physisch orientierten Menschen entzieht? Oder heißt es zumindest, dass Frau Ciesek dieser Vorstellung unbewusst nachhängt, was vielleicht nicht freundlich, aber damit nicht automatisch verkehrt ist?

https://www.ardmediathek.de/daserste/video/coronavirus-update-ndr-info/angriffspunkte-fuer-das-virus-79/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9lMjYwZGVkYy0wNjdlLTQ0OWEtODZmOC0wMDFlMzFjYmViZTA/

Wolfram Ette

Corona 208: Die anderen haben auch ihre Probleme

Das freie Spiel von Angebot und Nachfrage

Erst war alle Welt auf den Impfstoff Pfitzer/BioNTech konzentriert, dann (etwas weniger auf) Moderna. Beiden Impfstoffen wurde wegen der neuen Technik, die sie verwenden, mit allgemeinen Ängsten begegnet. Jetzt gibt es den ‚klassischeren‘ Impfstoff AstraZeneca, doch den will man nun noch sehr viel weniger als die beiden ersten. Und da erkläre man noch, es sei alles nur eine Frage von Angebot und Nachfrage!

Die Regierungen versuchen denn auch alles, um AstraZeneca eine künstliche Rarheit zu verpassen, denn wenn das Produkt nicht so leicht zu haben ist, erhofft man sich eine steigende Nachfrage. Doch um mit dieser Marketing-Strategie Erfolg zu haben, müssten alle anderen Produkte vom Markt. Solange man weiss, die kommen noch, wartet man eben mit seiner Nachfrage und lässt das Angebot das Angebot sein.

Est-il vrai que 40% des doses de vaccins contre le Covid n’ont pas été distribuées ? (msn.com)

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Sieben an der Zahl

Bei den letzten Impfaktionen war das Personal von den französischen Gesundheitsämtern endlich mit einem Material – nämlich besonderen Spritzen – ausgestattet worden, die es erlauben, aus den Pfizer-Fläschchen nicht nur die ursprünglich vorgesehenen fünf und nicht nur die sodann genehmigten sechs Dosen zu entnehmen, sondern sogar eine siebte, die mit Hilfe bestimmter Spritzen – eben der ausgelieferten – entnommen werden kann.

Nun sah jedoch das Regelwerk nur die Entnahme von sechs Impfdosen vor und nicht von sieben, obwohl das Personal einhellig bekannt gab, es funktioniere problemlos mit der Sieben. So ist also von jedem Fläschchen die besagte siebte Dosis beiseite gelegt und abends fortgeworfen worden, denn in Wirklichkeit hatte man zwar diese heilige Sieben, aber im Regelwerk war sie eben nicht vorgesehen gewesen, und was bürokratisch nicht vorgesehen ist, muss von jeher in den Mülleimer.

Erstaunlich ist nun nicht so sehr die Absurdität, die mit allem eng, verengt Bürokratischen verbunden ist. Erstaunlich ist vielmehr, dass derselbe bürokratische Apparat diese tollen Spritzen ausgeliefert hat (eben weil sie so toll sind und es erlauben, auch an die Sieben heranzukommen), dass man aber, obwohl die Eigenschaften dieser Spritzen ja bekannt sind, so tut, als kenne man sie nicht. Warum hat man sie dann also ausgeliefert?

Wenn man gewollt hätte, dass nur sechs Dosen entnommen wurden, hätte man sich ja auch mit Spritzen begnügen können, die nur die sechste aus dem Fläschchen zu schlürfen vermögen. Dann hätte das Regelwerk wieder gestimmt. Aber das wäre auch wieder nicht im Sinne der Gesundheitsbehörden gewesen, denn man will sich ja rühmen können, Fortschritte zu machen. Und daher zieht man es vor, Spritzen für eine siebte Dosis zu liefern, die Regel aber, man dürfe diese siebte Dosis auf keinen Fall entnehmen oder gar an Impfwillige vergeben, gleich hinterherzuschicken: zur Vermeidung von Missverständnissen.

Und jetzt schäumt das Personal vor Wut, und die Gesundheitsbehörde wundert sich, dass man das Wunder der Spritze nicht anerkennt, und auch nicht das Wunder, dass diese überhaupt hat ausgeliefert werden können. Das ist natürlich auch wieder wahr. Man hätte sie auch nicht ausliefern können, und das wird man das nächste Mal wahrscheinlich auch tun, zwecks Vermeidung von Kritik und Missverständnissen.

„On a balancé 50 doses de vaccins depuis hier soir !“ Le Dr Jean-Paul Hamon laisse éclater sa colère sur LCI (msn.com)

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Auf dem Gaspedal

Das letzte Wochenende sollte den Beweis erbringen, dass die Regierungsmitglieder auf dem Gaspedal und echte Massenimpfungen auf der Tagesordnung stehen. Ärzte berichten jedoch, sie kämen nicht an genug Impfstoffe heran, und die Apotheker stimmen ein und sagen, sie sollten zwar nun bald selbst impfen dürfen, hätten aber noch keine Schulung bekommen, um zu wissen, wie das überhaupt geht.

So bleibt vom letzten Wochenende der Eindruck einer grossangelegten Marketing-Aktion: Man hat ganz viel geschafft. Geschafft an diesem einen Wochenende. Für diese eine Wochenende. Nicht für die Wochenenden, die noch folgen werden, denn da wird wieder Wochenende sein, wie es sich gehört.

Vaccination massive : vraie accélération ou opération de communication ? (msn.com)

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Wenn zwei sich streiten

Die Apotheker:innen dürfen ab der nächsten Woche mitimpfen. Deswegen werden jetzt aber eine Woche lang die Arztpraxen nicht beliefert, was zur Folge hat, dass die Ärzt:innen, die, nachdem sie wegen ihres fehlenden Engagements vom Gesundheitsministerium scharf kritisiert worden waren, brav Impftermine an ihre Patient:innen vergeben haben, die Termine wieder absagen müssen.

Verschiedene Ärzte-Gewerkschaften beschweren sich, weil Termine, die abgemacht werden, um danach wieder abgesagt zu werden, dem Ziel, die Impfbereitschaft zu erhöhen, nicht gerade förderlich sind. Es komme auch hinzu, dass nicht dadurch mehr geimpft werde, weil man die Zahl derjenigen, die impfen dürfen, erhöht, denn zur effektiven Impfung gehört ja nicht allein, dass es jemanden gibt, der impft, und jemanden, der geimpft wird, sondern auch der Impfstoff selbst, der aber weiterhin nicht in ausreichender Anzahl vorhanden ist.

Aber immerhin darf festgestellt werden, dass sich eine Art Gleichgewicht ergibt: Die Regierung war unzufrieden wegen des fehlenden Engagements von Privatärzt:innen. Die Privatärzt:innen sind ihrerseits unzufrieden wegen des Engagments der Regierung, das, wenn’s wirklich zur Sache kommt, alles wieder umstösst.

Nur die Apotheker sind ganz lustig gestimmt, denn sie, die nur den Arztpraxen hatten beispringen, sie hatten unterstützen sollen, rücken unvermutet zu Hauptakteuren auf. Weil sie aber noch keine Termine haben abmachen können und auch nicht so leicht die Termin-Erbschaft bei den Ärzt:innen antreten können (der Apotheken Reichtum beschränkt sich auf die Verfügbarkeit der Impfstoffe, die sie den Ärzt:innen stibitzen), setzt sich das allgemeine Chaos fort und verstärkt sich der Eindruck, dass zwar alle (ob sie nun wollen oder nicht) beim Impfen mittun sollen, die Wirkung aber hin zum Gegenteil tendiert: dass gar niemand mehr impft, weil überhaupt nicht klar ist, wer wann und wie beliefert werden wird.

Zeitgleich liest man von Seiten derer, die sich gerade ausgetrickst sehen : „Je crois que la confiance est rompue aujourd’hui. On a besoin de la retrouver. De toute façon, on est condamnés à travailler ensemble. Mais il faut nous assurer que l’on ne va pas nous refaire ce coup-là, d’accélérer le dimanche et de freiner le dimanche soir pour ne pas avoir de doses le lundi.“ („Ich glaube, heute ist das Vertrauen kaputt gegangen. Wir müssen es erst wiederfinden. Wir sind ja in jedem Fall gezwungen, zusammenzuarbeiten. Aber man muss uns erst einmal versichern, dass man uns das nicht erneut antun wird: am Sonntag beschleunigen und am Sonntag abend bremsen, um dann, am Montag, keine Impfdosen zu haben.“)

Zur allgemeinen Wut der Ärzt:innen kommt noch hinzu, dass sie sich gerade am letzten Wochenende ein Bein ausgerissen haben, um diesen Samstag und Sonntag zu einem Tag emporschnellender Impfzahlen zu machen. Jetzt gibt es Aufrufe, sich an den Aktivitäten der Impfzentren nicht länger zu beteiligen, sondern in einen Impfstreik zu treten. Bestreikt würde etwas, was man nicht genug hat, und weil man’s nicht genug hat, verteilt man’s noch weniger als ohnehin schon.

Der zuständige Verantwortliche für die ganze Impforganisation heisst übrigens Salomon. Wenn ich Ärztin wäre, würde mich auch das auf die Palme bringen.

Covid-19 : «La colère est immense», grondent les généralistes privés de leurs doses de vaccins (msn.com)
Les médecins privés de commandes de vaccins cette semaine : „Incompréhensible“, selon un syndicat (msn.com)
Colère de médecins privés de vaccins, l’OMS se défend… le point sur le coronavirus (msn.com)


Anne Peiter

Corona 207: Was die Tochter (nicht) erzählt

I

Morgens aufwachen, der Wecker ist gestellt, aber im Bett liegen bleiben und noch ein bisschen träumen, das Tablet einschalten (Video aus), um am Schulunterricht teilzunehmen. Absolvierung des Vormittags im Liegen, in der Pause geht sie schnell einmal runter, um sich einen Tee zu machen und, um sich dann wieder ins Bett, das heißt in den Unterricht zu verziehen. Mahlzeit: ein geschnittener Apfel, eine Banane, selten mehr. Der Tag beginnt zwischen 13 und 14 Uhr. Zumindest steht sie mal auf. Ob sie aus dem Schlafanzug rauskommt, hängt davon ab, wie’s weitergeht. Die Tage sind jetzt auch wieder kälter, falls sie einkaufen gehen muss, kann man auch schnell was über den Schlafanzug ziehen.

II

Die Tochter erzählt weiter, dass wir ja nun schon so lange in diesem Zustand leben, dass sie anfangen zu vergesse, wie es sich vorher angefühlt hat, mit anderen Menschen unbefangen zusammen zu sein, Körper an Körper irgendwie, ganz egal wie nah oder fern man sich stand. Sie bekomme allmählich Angst davor, zwar gibt es noch einen Rest Urvertrauen darein, dass die Scheu rasch verschwinde und alle wieder schnell zu den alten Gewohnheiten zurückkehren würden, trotzdem steht da dieser Block, diese Unsicherheit, diese Frage: Wie werden die Verhältnisse von Menschen in Zukunft denn überhaupt beschaffen sein? Und ich finde, damit hat sie sowas von recht.

III

Die Tochter führt weiter aus: nein, es gebe schon deswegen nicht den geringsten Grund, sich jetzt auf die Schule zu freuen, weil die Lehrerinnen und Lehrer in Erwartung eines weiteren Lockdowns die vermutlich knappe Präsenzzeit dazu nutzen würden, so viele Noten wie irgend möglich abzurufen. Also Tests Tests Tests, Klassenarbeiten Klassenarbeiten Tests. Es findet also weiter KEINE SCHULE statt, sondern allein ihre von Grund auf falsche Simulation. Schule ist Unterricht. Alles, was aus diesem Unterricht heraus noten produziert, ist nichts als ein Zuschuss, über dessen Notwendigkeit sich die Pädagogen seit vielen Jahrzehnten streiten. Aber selbst unter denjenigen, die fest an den Nutzen und die Unverzichtbarkeit von Noten glauben, dürfte es nicht so viele geben, die sie für die Quintessenz von Schule halten.
Umgekehrt will ich damit nicht behaupten, dass der normale Unterricht, in dem, wenn überhaupt, die Quintessenz von Schule steckt, immer interessant ist und Spaß macht. Ich bin kein Idiot und kenne die Tochter. Aber wenn es überhaupt eine Chance gibt, dass Schule Spaß macht, dann wohl hier.
Was wir dank Corona im Moment also verfolgen können, ist die Selbstabschaffung der Schule als Bildungsinstitut, dass in irgendeiner Form etwas mit den Wünschen und Interessen der Kinder und Jugendlichen zu tun hat. Sie werden auf dem Altar der einzigen Größe verbrannt, die gegenwärtig zählt: der Zahl, das heißt des notenförmig erfassten Menschen.
„Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer“. Wieder einmal. Er bringt das Wesentliche der bestehenden gesellschaftlichen Praxis heraus, schmerzhaft und ungeschönt: Hier und an dieser Stelle das Notenwesen; und er macht damit zugleich klar, dass es abgeschafft gehört.

IV

Was die Tochter nicht erzählt, weil sie ein Gymnasium besucht, ist das, was an den anderen, nicht-gymnasialen Schulformen vor sich geht. Und wir wissen darüber auch nichts. Es herrscht großes Schweigen, es gibt keine nachhaltige Interessenvertretung, das mediale Interesse ist klein. Alle Vertreter:innen des Schulsystems, die ich im letzten Jahr in den Medien wahrgenommen habe, kamen entweder von einem Gymnasium oder einem alternativ ansetzenden Schulmodell. Von den Haupt- und Mittel-, den Real- und den Förderschulen ist kaum die Rede. Dieses Schweigen ist mir unheimlich. Es ist eigentlich lauter als die lautstarken Beschwerden der Tochter. Ich fürchte, da verschwinden halbe Jahrgänge vom Radar und tauchen nicht wieder auf. Auch hier bringt der Ausnahmezustand heraus, was in Wahrheit ist: das Unrecht eines mehrgliedrigen Schulsystems, das alles, was nicht Gymnasium heißt, im Prinzip als Restschule ansieht und diejenigen, die sie besuchen, potenziell und nun auch aktuell aussortiert.

Wolfram Ette

Corona 206: Wochenendeinträge

Zerdehnter Optimismus

Der Präsident verspricht, in vier bis sechs Wochen sei alles vorbei, dann kehre die Normalität zurück. Eine Woche später setzt der Premierminister die Rede auf seine Weise fort: „On a un mois, un mois et demi, deux mois très sensibles“ („Wir haben einen Monat, eineinhalb Monate, zwei schwierige Monate vor uns.“) Hübsch, wie mit Hilfe von Aufzählungen der Optimismus ins Unabsehbare verlängert wird. Erst gewinnt man eine Woche, indem man das, was der Präsident verkündet hat, ein bisschen später nachplappert. Dann, bei diesem Nachplappern, hängt man noch ein, zwei Wochen dran. Was sind schon zwei Wochen! (Oder drei oder vier. Oder…)

Covid-19 : Jean Castex prévoit „deux mois très sensibles“ sur le front de l’épidémie (msn.com)

*

Jede Lösung ist ein Problem

Die obligatorische Impfung soll jetzt vielleicht eingeführt werden für das Personal, das in Altersheimen und Krankenhäusern arbeitet. Man weiß einfach nicht mehr, wie man sonst der herrschenden Impfskepsis Herr werden soll.

Viele Krankenschwester kündigen an, im Falle einer obligatorischen Impfung würden sie ihren Job sausen lassen und sich beruflich neu orientieren. Wenn sie’s wirklich tun, hätte man noch weniger Personal als ohnehin schon. Es wird auch argumentiert, man habe doch ohnehin nicht genug Impfstoff – warum also etwas obligatorisch machen, obwohl man noch nicht einmal die versorgen kann, die wollen?

Das Problem steckt immer in der Lösung – und diese Einsicht gilt weit über diesen Einzelfall hinaus. Jede Lösung birgt ein Problem. Jede Lösung hat eine andere Seite – die schlechte. Wirklich jede. Man muss das nur einmal durchspielen in Bezug auf alles, was an Lösungen in den verschiedensten Bereichen diskutiert wird. Es gilt immer. Es ist die Faustregel schlechthin. Wenn man nicht impft, bleibt das Ansteckungsrisiko in Krankenhäuser unnötig hoch. Wenn man zwangsweise impft, verliert das Personal, das sich sträubt, noch mehr das Gefühl, von der Politik unterstützt zu werden.

Eigentlich dürfte man meinen, dass bei solchen Dilemmata alles Manichäische ausgeschaltet ist. Man kann eine Sache eben immer auch aus einer anderen Perspektive anschauen, und dann leuchtet einem ein, dass die Gegenseite ihre Gründe hat, die Dinge so zu sehen, wie sie sie sieht. In Wirklichkeit zeichnet sich jedoch das Gegenteil ab: Je dialektischer die Betrachtung von Realität wird, desto mehr besteht eine allgemeine Neigung zum Manichäischen, zur aggressiven Anprangerung desjenigen, der die Sache aus seiner (und nicht der eigenen) Perspektive betrachtet.

Wie ist das zu erklären? Vielleicht hat man schlicht die Notwendigkeit des Abwägens satt? Vielleicht will man nicht dauernd die Anstrengung der vielen, sich widerstreitenden Argumente auf sich nehmen müssen? Vielleicht ist darum die Gefahr autoritärer Lösungen so groß? Man erklärt etwas zur Pflicht. Und Punkt.

Aber mit dem Punkt endet es eben durchaus nicht! Denn nach jedem Punkt beginnt beim Sprechen wie beim Sich-Vergesellschaften ein neuer Satz. Und der kann dann doch wieder das Gegenteil von dem sagen, was im Satz zuvor gerade gesagt worden war. Insofern ist’s besser, man beginnt mit dem Abwägen und Sich-Austauschen sofort, d.h. akzeptiert die Mühen des demokratischen Kompromisses.

Soignants : «S’ils m’obligent à me faire vacciner, je démissionne» (msn.com)

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Die Toleranz

In Nizza dürfen jetzt ausnahmsweise auch schon Menschen ab 50 Jahren geimpft werden. Man werde „tolerant“ sein, wird mitgeteilt.

In Wirklichkeit geht es aber darum, die Impfstoffe von AstraZeneca loszuwerden, die sogar in Krisengebieten wie dieser Stadt liegenzubleiben drohen. Das Wort „Toleranz“ ist eine versteckte Werbung: Es wird bedeutet, man habe riesiges Glück, ein Privileg sei in greifbarer Nähe, in dessen Genuss man anderswo mit 50 Jahren nie kommen werde. Greift zu! Nutzt die Gunst der Stunde! Man drückt ein Auge zu!

Und während man sich noch des genannten Wortes erfreut – Toleranz ist eine demokratische Tugend –, weiß man doch irgendwie ganz gut, dass man die Hoffnung nicht aufgeben kann, umgekehrt mögen die Impfkandidaten tolerant genug sein, um die ungeliebteste Marke des Marktes hinzunehmen, vergleichbar darin mit den Geschäftsinhabern, die hoffen, die Ware, die sie im gestörten Schlussverkauf nicht haben verramschen können, könnte auf wunderdsame Weise noch auf andere Weise abgestoßen werden.

Nice: la vaccination ouverte aux plus de 50 ans sans comorbidité, Estrosi évoque une „tolérance“ (msn.com)

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Beispielhaft

Eine Studie scheint ergeben zu haben, dass sich in Guyane, auf dem Höhepunkt der Chikungunya-Krise, die Menschen, die in den am stärksten betroffenen Gegenden lebten, weniger vorsichtig verhielten als diejenigen, die noch nicht so stark betroffen waren, jedoch fürchteten, es bald zu sein. Die Voraussage, es könne bald passieren, was anderswo zu beobachten war, motivierte augenscheinlich stärker, sich zu schützen, als schon mitten drin zu stecken in einer Situation, in der man guten Grund hatte, sich auf maximale Weise zu schützen.

Ich verstehe die Zusammenhänge noch nicht ganz, doch sie scheinen mir in psychologischer Hinsicht ausserordentlich interessant zu sein. Das bedeutet doch eigentlich, dass der Verzicht auf einen generellen Lockdown Vorteile hat, die mir bisher nicht aufgegangen waren? Der wirklich verhängte Lockdown an einem Ort wirkt als Warnung an anderen Orten, an denen man auf ihn verzichtet. Die Wirkung wird da erwartet, wo er nicht ist, und gar nicht so sehr da, wo er ist.

Das klingt zwar ein bisschen so, als würden – damit die anderen gewarnt sind – die einen eingesperrt werden müssen (vor allen Dingen um des Beispiels, nicht allein um der lokalen Realitäten willen), aber man kann das nicht schlicht auf eine Politik der Drohung reduzieren. Irgendwie bedarf es ja der Symbole, die zeigen, dass es jetzt wirklich wieder ernst wird. Und darum muss man irgendwo ernst machen, damit es woanders nicht zu ernst werde (nämlich dadurch, dass die Leute Lust bekommen, es nicht ernst werden zu lassen).

Covid-19 : la crainte d’un reconfinement peut-elle permettre d’y échapper ? (msn.com)

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Vom Verschwinden der Katastrophenlust

Bisher war es immer so, dass die Annäherung von starken Unwettern oder gar Zyklonen eine Art kollektiver Euphorie auslöste. Man hatte ein Thema, das man im small talk in alle Richtungen wenden konnten, selbst wenn noch gar nicht feststand, ob der Zyklon sich wirklich der kleinen, ereignisarmen Insel nähern würde und sich die kollektive Aufregung lohnte. Man konnte dennoch mit Tausend anderen in die Supermärkte stürmen, um die Kerzen- und Radiobatterie-Vorräte aufzufüllen, Wasserflaschen (zu je 5 Litern) nach Hause zu schleppen und Konserven obendrein (denn es konnte ja sein, dass der Strom ausfallen würde).

Gestern ist ein Unwetter ganz nah vorbeigezogen, doch dass wir die höchste Alarmstufe hatten, nahm ich erst wahr, als das Unwetter schon seine Wirkung zeigte. Es fehlte das ganze soziale Brimborium von einst. Es machte überhaupt keinen Spass mehr!

Auch das ist also eine Folge von Corona : Man verliert regelrecht die Lust an anderen Katastrophen, man bereitet sich nicht mehr gehörig vor, die Sprache, die in dem Masse dichter wird, in dem sich das „System“ nähert, ist verstummt!

Anne Peiter

Corona 205: Germanica

Kombination von Nachteilen

Die gegenwärtige Krise bringt die Nachteile des Föderalismus an den Tag. Die des Zentralismus aber auch. Und wo man sich auf das jeweils andere besinnt, läuft es häufig darauf hinaus, dass die Nachteile beider kombiniert werden. Das Stichwort lautet: Bund-Länder-Konferenz.

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Durchimpfen

Finden Sie nicht auch, dass das Wort „Durchimpfen“ etwas leicht Irres hat? Nicht bloß, weil es durch die bisherige Impfkampagne den Bezug zur Realität verloren hat und ein wenig klingt wie Endsieg oder Wunderwaffe. Sondern auch aufgrund der, ich kann mir nicht helfen, typisch deutschen Mischung aus Brutalität und Gründlichkeit.

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Kein Überwachungsstaat

Zwei Sendungen darüber, dass seit einem Jahr von allen, die sich mit Corona infiziert haben, nichts weiter erhoben wurde als Alter und Geschlecht. Man weiß nichts über Herkunft, berufliche und soziale Situation, selbst der Familienstand wird, so habe ich es verstanden, nicht erfasst. Sind Ansteckungen in Migrantencommunities häufiger? Keine Ahnung. Aber wir sind hier nicht in Amerika!

Ich bin wirklich nicht für Überwachung, aber wie um Himmels willen soll auf der Basis solcher Daten, bzw. auf der Nichtbasis solcher Nichtdaten, eine spezifische Strategie gegen die Epidemie gefahren werden können?

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=907803
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=907817

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Deutscher Witz I

Den besten Witz seit Jahren habe ich bei Sascha Lobo gefunden: Eine gute Fee sagte zu einem Mann: „Du hast einen Wunsch frei, aber bedenke, dein Nachbar bekommt das Doppelte.“ Der Mann überlegte einen Augenblick unda ntwortete: „Dann hack mir ein Auge aus. Er bezieht diese Haltung der Missgunst, des übellaunigen Nicht-Gönnens, der seelischen Knauserigkeit und der ständig unter der Oberfläche lauernden, neidischen Rivalität nur auf die Bundesregierung und ihr Handeln in der Coronakrise. Das scheint mir ganz blauäugig. Wie oft ich den Satz. Wenn das jeder machen würde! in meinem Leben schon gehört habe! Ich kenne andere Länder wirklich nicht so gut, aber mir scheint dies etwas spezifisch Deutsches zu sein und ich wüsste zu gerne, woher es käme.

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Deutscher Witz II

Auf eine Sache werden wir uns verlassen können: die Selbsttests werden bis auf weiteres erstmal ausverkauft sein. Das bedeutet nicht, dass sie, wie es so schön heißt „angenommen“ werden würden, es bedeutet nicht, dass die Leute die Idee der Selbsttests „gut“ und die Investitionen, die Angst und schlechtes Gewissen von ihnen nimmt, für „sinnvoll“ befinden. Nein, es ist pure Hamsterei, wie mit dem Klopapier und den Nudeln im letzten Frühjahr. Wir haben wieder einmal die Chance, etwas zu haben, was der Nachbar nicht hat. Was da durchbricht, ist Sehnsucht nach einer Mangelgesellschaft. In ihr fangen die deutschen Tugenden an zu leuchten.

Wolfram Ette

Corona 204: Leere Kühlschränke

Nicht alle Impfstoffe erfreuen sich der gleichen Beliebtheit, die Dosen von AstraZeneca bleiben in Deutschland wie in Frankreich liegen – es fehlt an Abnehmern. Zu diesem wählerischen Verhalten (das konkrete Gründe hat) kommt es, während in Frankreich die sanitäre Situation immer dramatischer wird und erste regionale Wochenend-Lockdowns beschlossen werden mussten. Der Präsident soll jetzt zu seinem Team gesagt haben: „Vous êtes gentils, mais tant que vous avez des vaccins dans les frigos, je ne reconfinerai pas les gens. Soyez bons avec la vaccination.“ („Ich mag Euch wirklich sehr, aber solange ihr noch die Impfstoffe in den Kühlschränken habt, werde ich die Leute nicht ins Lockdown schicken. Seid gut mit der Impfung / Macht Euren Job mit den Impfungen.“)

Es ist stark zu hoffen, dass Herr Macron es nicht ernst meinte, doch ganz ausgeschlossen ist nicht, dass er dachte, was er sagte, denn gesagt hat er’s ja, und das bedeutet notwendig, dass er’s vorher oder gleichzeitig zum Sagen auch hat denken können. Wenn man den Satz also so ernst nimmt, wie er’s in psychologischer Hinsicht verdient, können wir, die Ungeimpften, feststellen, dass die Entscheidung über Lockdown oder Nicht-Lockdown nicht bemessen wird nach Kriterien, die für solche Entscheidungen ausschlaggebend sind. Vielmehr wird eine Verbindung zu einem organisatorischen Problem hergestellt, das das Gesundheitsministerium (und damit das Team des Präsidenten insgesamt) zu verantworten hat. Der Präsident benutzt also seine Weigerung, einen Lockdown über das gesamte Land zu verhängen, für eine Art Erpressung, die besagt, ohne Verimpfung aller verfügbaren Impfstoffe werde er sich weiterhin weigern, das zu tun, was als notwendig schon erkannt ist (nämlich zu entschiedeneren Maßnahmen zu greifen).

Nun ist es aber so, dass jedermann weiß, dass die Quantität der nicht-verimpften Dosen von AstraZeneca keineswegs so riesig ist, dass sie in Bezug auf den Schutz der Gesamtbevölkerung einen entscheidenden Unterschied ausmachen würde. Man wartet noch auf den großen Schub der nächsten Dosen, von anderen Firmen, die eigentliche Kampagne steht noch bevor. Es wäre sicher besser, die Impfdosen, die es gibt, wären schon genutzt worden, doch selbst wenn man sie schon genutzt hätte, wäre die Notwendigkeit, zugleich auch auf andere Weise zu reagieren, um ein noch größeres Chaos in den Krankenhäusern bestimmter Regionen abzuwenden, noch nicht abgewendet.

Das heißt: Macron sucht und findet eine Erklärung dafür, dass er noch immer mit kleinen Wochenend-Lockdowns herumexperimentiert, deren Durchschlagkraft durchaus zweifelhaft ist. Er ärgert sich, dass mit dem Impfen schon wieder etwas schief läuft, weist die Schuld aber ganz seinen Mitarbeitern und indirekt auch der störrischen Bevölkerung seines Landes zu.

Dabei wäre es vielleicht interessant, sich die Frage zu stellen, ob das verbreitete Misstrauen gegen AstraZeneca nicht durch die Art der Kommunikation entstanden ist, die die Regierung selbst zu verantworten hat? Erst wurde dieser Impfstoff für Leute über 65 Jahre nicht freigegeben, dann schwenkte man – offenbar aufgrund neuer, wissenschaftlicher Erkenntnisse – um und erlaubte die Anwendung auf ältere Leute doch. Das kam so plötzlich wie unvermittelt.

Hinzu trat die Tatsache, dass Südafrika trotz der Not, in der es war, den Impfstoff ablehnte, weil die Wirkung bei der in diesem Land vorherrschenden Variante nur eingeschränkt zu wirken schien. Die Bevölkerung in Frankreich fragt sich folglich auch, ob man nicht besser abwarten solle, um zu sehen, ob es überhaupt Sinn macht, sich mit einem Impfstoff impfen zu lassen, über den die Entwicklung des „ursprünglichen“ Virus vielleicht schon hinweggegangen ist, und zwar durchaus nicht nur in Südafrika?

Die Ablehnung gegenüber diesem einen Impfstoff ist alles andere als naiv, ist alles andere als irrational. Vielleicht wird sich wirklich bestätigen, dass alle Ängste ganz unbegründet sind, doch festzuhalten ist erst einmal, dass die bisherigen Diskussionen Anlass bieten genug, um sich zu sagen: Die Erkenntnisse sind im Fluss, und ob das Umschwenken der französischen Regierung wirklich nur auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht oder ob nicht einfach auch eine Verzweiflung über den Mangel an Impfdosen eine Rolle spielt, die die Regierungspolitik motiviert, ist eine Frage, die man legitim stellen kann, zumal ja anfänglich auch die Nebenwirkungen von AstraZeneca als besonders stark und unangenehm galten. (In Krankenhäusern, in denen das Personal damit geimpft worden war, erhöhte sich wegen Krankschreibungen plötzlich der ohnehin schon dramatische Personalmangel.)

Vor diesem Hintergrund ergibt sich der Eindruck einer enormen Phantasielosigkeit der Regierung. Wenn man Impfdosen hat, die nicht genutzt werden, muss man eben den Kreis derer erweitern, die ihn nutzen dürfen. Es steht zu erwarten, dass die Kühlschränke dann so leer wäre, wie der Präsident sich das wünscht. Weil aber die Regierung nicht den Bedingungsrahmen schafft, der eine optimale Nutzung erlauben würde, nutzt der Präsident jedes Argument, um etwas zu verteidigen, was – bisher – gar nicht direkt mit den Impfungen zu tun hat.

Ziel ist die Vermeidung eines weiteren Lockdowns, Ziel ist mit Blick auf die kommenden Wahlen die Verbesserung der Umfragewerte. Die leeren Kühlschränke sind also etwas durchaus Willkommenes: Man kann sagen, die „schönen Tage“, die mit dem Frühling einziehen werden, würden alles retten (in vier bis sechs Wochen sei alles gut, hat Macron vor einigen wenigen Tagen der Regierung versprochen), man kann hinzufügen, die lokalen Wochenend-Lockdowns seien ausreichend, um die Katastrophe abzuwenden, man kann auf die kommende Impfung verweisen – all das zusammen ergibt dann einen hübschen Block, den man gegen die Realität stellen kann, die darin besteht, dass in manchen Regionen jetzt und hier, auf der Stelle, keine Zeit mehr zu verlieren ist, dass vielleicht sogar insgesamt in kürzester Frist eine Entwicklung hin zum Exponentiellen bevorsteht.

Die Regierungspolitik ist, so scheint’s, geeicht darauf, keine Lust mehr zu haben, etwas zu tun, weil ja auch die Leute selbst keine Lust mehr darauf haben, dass die Regierung etwas tut. Also tut die Regierung nichts, lässt es laufen, trifft ein paar Scheinentscheidungen, die mehr den Zweck verfolgen, sich selbst den Eindruck zu verschaffen, eine Entscheidung getroffen zu haben, als sie wirklich zu treffen. Mehr noch: Man entscheidet Unsinn, um den Covid-Skeptikern zu beweisen, dass man entschieden hat, nichts zu entscheiden. Und zur Zeit sind weite Kreise der Bevölkerung auch wirklich froh darüber, dass nichts entschieden worden ist, weil es ja irgendwie noch zu gehen scheint, wenn wahrscheinlich auch nicht mehr für lange.

Kommt Zeit, kommt Rat, so lautet das Motto. Und wenn dieses Motto sich aufgrund der Variationsmöglichkeiten doch plötzlich ändern sollte – es ist das, wie gesagt, recht wahrscheinlich –, dann wird man eben sagen müssen: Kommt Zeit, kommt Virus. Mit voller Wucht. Trotz und nicht allein wegen der vollen Kühlschränke. Denn wer wollte den Trotz schon aus den Rechnungen herausnehmen, die uns die verschiedenen Epidemien in der Epidemin bald vorhalten werden! Trotz, das ist das Produkt, mit dem man die Kühlschränke füllen wird, wenn diese erst einmal leer sein werden. Trotz stößt stets vor in die Leere der Nicht-Entscheidung, Leerlauf ist alles, was gerade geschieht.

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vous-%C3%AAtes-gentils-emmanuel-macron-se-paie-les-scientifiques-qui-plaident-pour-un-reconfinement/ar-BB1eeXdg?ocid=msedgntp

Corona 203: Von Oben und Unten

1 | Im Zweifel für die Autorität

Der Lockdown des letzten Frühjahrs ließ sich von oben, paternalistisch beschließen und durchführen. Alles geschah so schnell, die Menschen waren verunsichert, und so harmonierte der Wille der Einzelnen weitgehend mit dem, was von oben kam.

Das aber geht nicht lange gut. Irgendwie sind wir halt doch eine Demokratie. Wir haben uns ein bisschen daran gewöhnt, nicht bloß Befehle zu empfangen. Das Parlament ist freilich mit äußerst schlechtem Beispiel vorangegangen. Es hat gegen das Regiertwerden durch Verordnungen, die nicht vom Gesetzgeber bestätigt werden, kaum aufbegehrt. Es hat die schleichende Aushöhlung der demokratischen Gewaltenteilung Zug um Zug bestätigt. Zu Beginn mochte dies hingehen, es hat sich aber auf beunruhigende Weise eingespielt.

Der gesamte Infektionsschutz funktioniert nur, wenn jede:r Einzelne mitmacht. Was auf der privaten Ebene passiert, lässt sich nicht kontrollieren; auf ihr wurde und wird aber über den weiteren Verlauf dieser Pandemie entschieden. Das heißt, ohne die Einsicht der Einzelnen, sich um das gesamtgesellschaftlichen Nutzens willen einzuschränken, geht nichts.

Damit es zu dieser Einsicht kommt, und wichtiger noch: damit sie auch über eine längeren Zeitraum gehalten werden kann, sind zwei Dinge nötig. Erstens müssen die Maßnahmen, die idealerweise nicht verordnet, sondern vom Parlament beschlossen sein sollten, situationsadäquat, schlüssig und plausibel sein. Sie müssen minimale Rationalitätskriterien erfüllen, Ausnahmezustand hin oder her. Sonst wird die Zustimmung über kurz oder lang wegbrechen. Es ist nicht logisch, die Friseursalons wieder zu öffnen, aber Niedrigrisikobereiche wie Restaurants und Museen geschlossen zu lassen. Sicherlich gibt es keine vollkommene Gerechtigkeit. Aber es sollte doch erkennbar werden, dass man sich darum bemüht und nicht bloß den Druck eigener Wünsche oder den Interessen von Lobbyisten nachgibt.

Zweitens müssen die Menschen vor Ort an der Lösung beteiligt werden. Es wäre ja auch ein Stück gelebte Demokratie, wenn man es ihnen zutraut und zumutet. Und in der Regel funktioniert es ja; die lokale Kompetenz ist eben durch nichts zu ersetzen. Keine Verordnung wird so passgenau sein, dass sie auch nur annähernd den Kenntnissen gleichkäme, die eine Schulleiterin von ihrem Schulgebäude mit all seinen baulichen Besonderheiten hat. Lokale, aus eigener Initiative errichtete Testzentren funktionieren häufig ganz gut, weil sie den individuellen Gegebenheiten angepasst sind und als etwas, dass die Menschen selbst organisieren, besser akzeptiert werden.

Warum wird es nicht getan? Ich fürchte ja wirklich, dass es kein rechtes Zutrauen zu dem gibt, was wir da unten so machen. Weil wir aber die einzigen sind, die es überhaupt machen können, fühlen wir uns bevormundet, unsere Zustimmung geht verloren und wir sind bald soweit, dass wir es wirklich nicht mehr machen können oder wollen. Die, nach allem, was passiert ist, wahnwitzige Bindung von Lockerungen an Termine, die dann wieder nicht eingehalten werden, ist ein ständiger Angriff auf unsere Intelligenz und unseren guten Willen. Jeder weiß, dass sich in einer dynamischen Situation gerade zeitliche Prognose schlecht treffen lassen. Man sollte keine Versprechen machen, die man nicht halten kann. Gerade das ist in den letzten Monaten aber ständig geschehen.

Es gibt wohl ein tiefes Misstrauen in die Demokratie, ein stilles Überzeugtsein davon, dass Krisen letztlich nur autoritär gemeistert werden können. Es wird nicht auf die Kraft der Selbstorganisation gesetzt, sondern auf die Autorität des Befehls gebaut. In gewisser Weise passen sogar die falschen Versprechungen in dieses autoritäre Schema. Denn hinter ihnen steht der Glaube, dass man sie sich leisten kann; dass der Staat also genügend Autorität besitzt, um die Menschen mit Lügen abzuspeisen.

Es fällt schwer, das nicht mit den zwei deutschen Diktaturen in Zusammenhang zu bringen. Der einzige Grund kann das schwerlich sein; Deutschland steht mit diesem selbstzerstörerischen Unsinn ja nicht allein da. Aber es scheint mir eine gewisse Selbstverständlichkeit innerhalb dieses neuen Autoritarismus zu geben, eine gewisse Mühe- und Reflexionslosigkeit, mit der all das betrieben wird, die nicht überall die gleiche ist und die einen spezifisch deutschen Akzent trägt.

Wenn es wenigstens funktionieren würde! Aber auch pragmatisch ist die autoritäre Einbahnstraße, auf der seit einem Jahr Politik gemacht wird und die Gesellschaft zu einem Organisationszusammenhang umgestaltet wird, der nur von oben nach unten konzipiert ist, das Dümmste und Unvernünftigste, das passieren konnte.

2 | Mangel an Selbstorganisation

Alexander Kluges „Schlachtbeschreibung“ beschäftigt sich mit der Niederlage und vollständigen Vernichtung des deutschen Heeres vor Stalingrad. Er fragt: Wie konnte es dazu kommen, da doch die meisten über die Aussichtslosigkeit der Situation genau Bescheid wussten? Seine Antwort: Es war der Mangel an Selbstorganisation, umgekehrt: die traditionelle hierarchische Befehlsstruktur des Heeres mit seinem obersten Befehlshaber A.H. an der Spitze, die Besinnung und Vernunft daran hinderte, sich Kollektiv zu verbinden, einen im Zeichen des Realitätssinn stehenden Entscheidungsdruck zu erzeugen, sich zu retten. So flüchtete sich der Führer in immer wildere Endsiegphantasien; das „Einigeln“, dass er der 6. Armee befahl, ist ein Bild seiner selbst, der zwar die absolute Macht hat, aber nichts mehr repräsentiert. Das ist der äußerste Fluchtpunkt dessen, was wir gerade erleben. So sehr viel mehr als das kollektive Einigeln ist der deutschen Regierung in den letzten Monaten aber auch nicht eingefallen.

3 | Notstand

Der Bundestag hat also jetzt die Verlängerung der sogenannten „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ um weitere drei Wochen beschlossen. Der Bundesgesundheitsminister sagt, wir steckten noch immer „mitten drin“ und die Lage sei „dynamisch“. Das eine hat aber mit dem anderen nicht viel zu tun. Die Verlängerung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite um weitere drei Monate bedeutet vielmehr nur, dass sich das Parlament für weitere drei Monate in allem, was mit der Corona-Pandemie zu tun hat, in die Ferien geschickt hat. Es hat seine eigene Selbstentmachtung um weitere drei Monate verlängert. Selbstverständlich ist das nicht. In Österreich zum Beispiel sind die Corona-Maßnahmen vom Parlament abgesegnet. Bei uns wird seit einem Jahr in allem, was die Pandemie betrifft, per Verordnung reagiert, und es ist keineswegs so, dass damit über die Befugnisse des Parlaments hinweg gegangen worden wäre. Es hat dem selbst zugestimmt. Krisen, so scheint die Meinung in Deutschland zu sein, lassen sich am besten autoritär bewältigen, durch ein planes top-down-Management.

So hat das das Parlament durch die Verlängerung der „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ um weitere drei Monate nicht festgestellt, dass die Lage wirklich schlimm ist. Das sagt nur der Bundesgesundheitsminister. Es hat nur festgestellt, dass es sich selber nicht in der Lage sieht, mit einer Notlage zurechtzukommen, die nicht einmal ein Notstand ist, für den die Beschneidung seiner Kompetenzen vorgesehen ist, für weitere drei Monate abgemeldet. Jedenfalls mehrheitlich. Und das, so scheint mir, ist die eigentliche Notlage, wenn nicht sogar ein Notstand.

4 | Öffentliche Gesundheit

Eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ liegt vor, „wenn eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Gesundheit in der gesamten Bundesrepublik Deutschland besteht“. Gesundheit: klar. Aber sie ist erstmal an die Verfassung von Individuen gebunden. Was an ihr ist öffentlich? Was ist „öffentliche Gesundheit“? Das Gesundheitswesen? Aber dann wäre es passgenauer, würde man die Gefahr eines zusammenbrechenden Gesundheitssystems auch explizit formulieren. Nein, was in der diffusen Wendung verräterisch durchbricht, ist die alte Vorstellung vom Gemeinwesen als Körper, des body politic, den der Körper oder die herrschenden nicht bloß repräsentieren, sondern selbst in einer kaum zu bestimmenden Weise irgendwie sind.

Das heißt: Ein Parlament, in dem sich der Souverän darstellt, und das eine epidemische Lage beschließt, in der sie nichts es nichts mehr beschließen kann, ist selbst nicht recht gesund. Wenn irgendwo Anzeichen einer Gefahr für die öffentliche Gesundheit zu sehen sind, dann an dieser Stelle. Und wenn ausgerechnet die undemokratischste Partei von allen im Namen einer Freiheit dagegen stimmt, die sie sich sich als Feigenblatt vorhält, dann ist das ebenfalls kein gutes Zeichen. Kann mich das daran hindern, diese Kritik zu formulieren? Es wäre, wie Enzensberger einmal gesagt hat, selbst schon der Anfang einer totalitären Gesinnung, wenn die Kritik sich aus Angst, in falsche Gesellschaft zu geraten, den Mund verbietet: „Die Angst vor dem ‚Beifall von der falschen Seite‘ ist nicht nur überflüssig. Sie ist ein Charakteristikum totalitären Denkens. Kritik, die ihr Konzessionen macht, ist durch keinen Hinweis auf taktische Überlegung zu rechtfertigen; sie ist hinfällig.“ (Hans Magnus Enzensberger, Einzelheiten I: Bewusstseins-Industrie, Frankfurt am Main 1962, 105)

5 | Angst vor Selbstregulierung

Bei den Schnelltests gilt es jetzt zwischen zwei Kategorien zu unterscheiden. Da gibt es zum einen den nun schon „klassischen“ Schnelltest, der in einem Testzentrum oder in der Apotheke durchgeführt wird – von geschultem Personal, das einen im Fall eines positiven Ergebnisses nahelegt, sich zu melden, den Arzt aufzusuchen und einen PCR-Test nachzulesen. Eine Verpflichtung dazu besteht nicht und bestand nie.

Jetzt sollen die Selbsttests dazukommen, preiswert und einfacher zu handhaben als die momentan hauptsächlich verfügbaren Schnelltests. Aber ein Virologie ist skeptisch. Ein Argument, mit dem er das begründet, ist mangelnde Kontrolle. Was, wenn die Menschen ein positives Testergebnis ignorieren, weiter zur Arbeit gehen und das Kind in die Schule schicken? Und wenn das jeder machen würde? [1]

Na und! möchte man ihm entgegen rufen. Es war doch vorher nicht anders. Ob jemand mit einem positiven Antigentest, der von geschultem Personal durchgeführt wurde, den Arzt aufgesucht hat und sich beim Gesundheitsamt gemeldet hat, war auch nicht sicher. Und dieses – wie mir immer scheint, typisch deutsche, Argument: ‚Wenn das jeder machen würde!‘ Keiner soll sich etwas herausnehmen, das ich mir nicht traue! Aber seien Sie versichert: Jeder macht es nicht. Eigentlich nur die wenigsten. Und also wäre es doch eine Hilfe.

Es ist bei einer Menge Menschen angekommen, dass es sich bei Corona um eine ziemlich gefährliche Krankheit handelt, mit Langzeitfolgen, die man erst allmählich zu erforschen beginnt, gravierender und verbreiteter als man zunächst dachte. Schon im eigenen Interesse werden viele einen positiven Schnelltest nachgehen wollen. Hinzu kommt die Verantwortung für die Menschen, mit denen man es zu tun hat: die eigene Familie, weitere Verwandte, die Kolleginnen am Arbeitsplatz und die Freunde. Möchte ich wirklich damit leben, ihnen eine mögliche Coronainfektion verschwiegen zu haben?

Natürlich gibt es diese Menschen. Es gibt sie immer. Es gab sie immer. Aber sie bilden nicht die Mehrheit. Auch in unserer Gesellschaft, in der die soziale Verantwortung nicht sehr weit oben steht, greifen Rücksichtnahme und internalisierte Sozialkontrolle recht gut ineinander und verhindern den schrankenlosen Egoismus.

Ich finde Skepsis gut. Aber das Menschenbild, von dem der Virologe – hat er selbst eigentlich Familie? – ausgeht, scheint direkt aus einem alten Lehrbuch kapitalistischer Ökonomie genommen zu sein. Ihm zufolge besteht Gesellschaft aus Einzelkämpfern, die nur an sich denken und im Verfolg ihrer Interessen indirekt das Gemeinwohl fördern. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Die Pandemie steht dieser angeblichen Harmonie zwischen Eigennutz und Gemeinwohl entgegen. Deswegen kann sie nicht demokratisch bewältigt werden, meint man, sondern nur autoritär. Das heißt: von oben nach unten. Das meint: in einer Krise, in der die egoistischen Interessen den gesellschaftlichen Funktionszusammenhang gefährden, müssen diese Interessen unterdrückt werden. So bilden Liberalismus und Autoritarismus ein Ganzes. Sie sind zwei Seiten derselben Angelegenheit.

Aber noch immer gibt es einen ökonomisch nicht durchfunktionalisierten Gemeinsinn der Einzelnen. Noch immer fühlen sie sich für ihr näheres und ferneres Umfeld verantwortlich; und zwar nicht bloß durch Steigerung der Wirtschaftsleistung. Es ist freilich damit wie in der Kindererziehung. Wird an diese Fähigkeiten nicht appelliert, werden sie nicht beansprucht, verkümmern sie. Man kann die Menschen nicht restlos zu Einzelkampfmaschinen machen, aber man kann es auf diesem Weg ganz schön weit bringen.

Die letzten Monate waren in diesem Betracht ziemlich destruktiv. Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 war einerseits autoritär: ein grober, von oben beschlossener Einschluss großer Teile der Bevölkerung. Andererseits waren die Menschen so verängstigt, dass sie sich dem willig unterwarfen und das von oben Befohlene in eigener Regie und Verantwortung nahmen. Davon haben wir uns im Verlauf des gesamten letzten Jahres weit entfernt. Die Maßnahmen sind feingliedriger geworden, doch auch ungerechter. Die Interessen der Wirtschaft wurden stärker berücksichtigt, überhaupt stärker abgewogen zwischen dem ökonomischen Wesen unserer Gesellschaft und all dem, was demgegenüber akzidentell ist, bis hin zur Gesundheit und dem Leben der Menschen. In Entsprechung dazu wurden wir unwilliger, lustloser, auch einfach erschöpfter. Wenn das große Ganze so wenig Sinn ergibt, mag man nicht gern dafür in Verantwortung genommen werden.

Die Selbst-Tests bieten dafür eine Chance. Sie sind psychologisch wichtig. Sie wären ein Vertrauensvorschuss, adressiert an die gesamte Bevölkerung. Sie jetzt kleinzureden, missgünstig auf diejenigen zu blicken, die sich den in sie gesetzten Vertrauen entziehen, und deswegen jetzt mit dieser typisch deutschen Überregulierung anzufangen, die vor allem durch die Angst vor Selbstregulierung bedingt ist und die darüber hinaus, da die Verwaltung in vielen Bereichen kaputt gespart wurde, nicht mehr funktioniert, heißt nichts Geringeres, als eine Chance zu verspielen, diese Krise nicht nur irgendwie, sondern wenigstens ein klein wenig demokratisch zu bewältigen.

[1] https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=907174

6 | Die Wunderwaffe

Ganz ehrlich: Ich finde das Maßnahmenschema, auf das sich Bund und Länder am Mittwoch geeinigt haben, eigentlich ganz intelligent und interessant. Erstaunlich, dass sie so viel in neun Stunden zu Wege gebracht haben. Das Herumnölen erscheint mir nicht angebracht. Es bindet bestimmte Maßnahmen an bestimmte Inzidenzwerte und schließt die Schnell- und Selbsttests so ein, dass sie für viele Bereiche eine rationale Öffnungsperspektive ergibt. Ob es funktioniert, ist eine andere Frage. Aber die stellt sich seit einem Jahr immer wieder, das weiß man nie. Und verglichen mit dem, was uns die Ministerpräsidentenkonferenz Ende Oktober präsentiert hat, ist dies ein Inbegriff politischer Rationalität. Daran halte ich fest, auch wenn viele Einzelheiten ungeklärt sind, wie etwa die Distribution und die Abrechnung der kostenlosen Schnelltests. Aber mir scheint es zu viel verlangt, mit dem Ziel auch sofort alle Mittel zu seiner Erreichung zu liefern.

Der einzige Punkt, der mich skeptisch zurücklässt, ist das sehr große Vertrauen in die Impfkampagne. Söder spricht gar von einer „Wunderwaffe“. Das hatten wir schon mal. Und auch den Krieg – siehe oben – haben wir damit nicht gewonnen.

Wolfram Ette

Corona 202: Die Weiterleitung

Nachdem ich ein erstes Mal mit einem Kollegen zu tun gehabt hatte, der das Tragen einer Maske ablehnte und nur ein Visier tragen wollte, weil es den Virus ohnehin nicht gebe (der sei nur eine Erfindung der Regierung), was ja schlagend dadurch bewiesen werde, dass wir sonst alle schon längst tot wären, schrieb ich an die Verwaltung und fragte, wie die offizielle Position der Universität in Bezug auf die Visiere aussehe und wie ich vermeiden könne, in unmittelbarer Nähe zu einem maskenlosen Kollegen (und noch dazu an einem einzigen Computer) sitzen zu müssen? Man schrieb mir zurück, man werde meine Mail weiterleiten.

Als nach Tagen keine Antwort erfolgt war, schrieb ich an den medizinischen Service der Universität und fragte, ob man dort etwas über die offizielle Position in Bezug auf die Visiere wisse? Schon bald schickte man mir einen langen offiziellen Text, der das Tragen von Visieren und den Verzicht auf Masken für gefährlich erklärte.

Ich leitete also dieses Dokument an die Verwaltung weiter und stellte die Frage, ob man inzwischen schon etwas herausgefunden habe in Bezug auf die offizielle Position der Universität in Sachen Masken und Visier und ob das beigefügte Dokument von Interesse sein könne? Ich bekam zur Antwort, man werde meine Anfrage weiterleiten.

Da das Warten aber andauerte, erinnerte ich mich plötzlich daran, dass ich gar nicht nur an diese beiden Stellen geschrieben hatte, sondern auch an die Gewerkschaft, deren Mitglied ich lange Zeit gewesen war. Ich hatte erfahren wollen, ob sie nicht Position beziehen könne zu dem Problem, dass man mitunter mit wenigen Zentimetern Abstand neben einem Kollegen arbeiten musste, der erklärte, den Covid gebe es nicht. Ich erinnerte mich, dass die Gewerkschaft nie geantwortet hatte, noch nicht einmal in dem Sinne, man habe meine Mail weitergeleitet.

Also leitete ich, weil ich ja von Seiten der Verwaltung auf Antwort wartete und sonst nichts Besseres zu tun hatte, meine eigene Mail weiter, erneut an die gleiche Adresse, nämlich die Gewerkschaft, der ich eigentlich nur darum geschrieben hatte, weil mir offiziell die Frage zugeleitet worden sei, ob ich Wünsche, Anmerkungen und Beobachtungen bezüglich der aktuellen Situation hätte? Ich hatte. Ich hatte gehabt. Doch das hiess durchaus nicht, dass ich noch Mitglied der Gewerkschaft war. Ich hielt es jedoch nicht für ausgeschlossen, es wieder zu werden – gesetzt den Fall, dass man mir wenigstens antworten würde, man habe meine Mail weitergeleitet.

Das passierte jedoch auch dieses Mal nicht, denn geantwortet wurde überhaupt nicht.

Zum Ausgleich ergab sich durch die Initiative einer englischen Kollegin, die sich, adressiert an die gesamte Fakultät, darüber beschwerte, dass es in den Toiletten nie Seife gäbe, um sich die Hände zu waschen, und dass die Versorgung der Toiletten mit diesem doch recht gängigen Produkt gleich auch begleitet werden könnte durch die Anschaffung von Mülleimern für Frauenbinden, damit man diese nicht weiterhin in die bisher üblichen Pappkartons neben den Kloschüsseln werfen müsse, die Gelegenheit, gerichtet an die gesamte Fakultät die Frage hinzuzusetzen, welche Position man eigentlich in Bezug auf das Tragen von Visieren durch Kollegen beziehe, die behaupteten, den Virus gebe es nicht?

Mit Antwort rechnete ich nicht, aber geschrieben hatte ich, und wer mochte, konnte ja die Mail ein bisschen weiterleiten.

Inzwischen hatte ich nun aber ein zweites Mal neben dem Kollegen arbeiten müssen, der das Tragen einer Maske verweigert, und darum schrieb ich, weil’s mich zwar nicht mehr wurmte, neben maskenlosen Kollegen zu arbeiten (das war überall der Fall), wohl aber mit theoriebewaffneten Kollegen (darin lag der Unterschied) in Auseinandersetzung zu sein, ein weiteres Mal. Dieses Mal richtete ich meine Mail jedoch nicht an die allgemeine Verwaltung (genauer: die Personalabteilung), sondern abwechselungshalber und weil ich jetzt mit der Fakultät schon ein bisschen in Übung war, an die Vize-Dekanin meiner Fakultät, um klarzumachen, dass ich da erneut etwas erlebt hatte, was auch die Studierenden, die im gleichen Raum Unterricht hatten, direkt betraf. Ich bekam die Antwort, dass es besser wäre, ich würde mich direkt an den Dekan wenden.

Ich leitete also die Mail, die ich an die Vize-Dekanin geschrieben hatte, an den Dekan weiter, der sie genauso prompt an seine Sekretärin weiterleitete. Die Sekretärin antwortete (ebenfalls prompt), und zwar mit der Empfehlung, ich möge eine e-mail-Adresse verwenden, die lautete: « covid@univ-réunion.fr ». Das klang in der Tat so, als könne das eine Adresse sein (wenn vielleicht auch nicht eine Person), die geneigt sein könnte, meine Mail zu empfangen und weiterzuleiten.

Entsprechend leitete ich die Mail, die ich zuerst an die Personalabteilung, die Gewerkschaft, den medizinischen Service der Universität, die Vize-Dekanin, den Dekan und, indirekt, an dessen Sekretärin gerichtet hatte, an die Adresse weiter, die da lautet: covid@univ-reunion.fr und vermutlich identisch ist mit der Mail, an die auch die Verwaltung schon alle vorherigen Mails weitergeleitet hat.

Bisher ist keine Antwort auf meine Frage eingetroffen, wie die offizielle Position der Universität laute und ob man gewillt sei, der Massnahme zur Durchsetzung zu verhelfen, die schon vor geraumer Zeit durch den Präsidenten der Universität verkündet worden ist und die da lautet: dass die Maske überall und jederzeit zu tragen sei, wenn man sich auf dem Campus bewege.

Ich bin sicher, dass auch die Adresse covid@univ-reunion.fr meine Anfrage weiterleiten wird, auch wenn darüber wieder ein paar Wochen ins Land gehen werden und ich mich erneut werde fragen müssen, wie ich wohl mit einem Kollegen umgehen soll, der meint, der Virus sei eine Erfindung. Inzwischen kommt mir fast der Zweifel, ob er nicht vielleicht recht haben könnte. Virtuell ist der Virus auf jeden Fall.

Anne Peiter


Corona 201: Gedankenspiele zu Kunst und Kultur

Sicherer Ort

Fast flehentlich wendet sich der Bariton Christian Gerhaher ans Publikum, das ihm, durch die Radio-App verstreut in Raum und Zeit, aus der Ferne zuhört: Niemals hätten die Museen während der Pandemie zumachen dürfen; im Gegenteil, man hätte die Häuser um 6 Uhr morgens aufsperren und sie ist Mitternacht offen halten müssen. So viel Platz für alle! Die Museen hätten SICHERE ORTE sein können, an die man sich hätte flüchten können, umgeben von großer Kunst, die wohltut, die unterhält und belehrt. Ein utopisches Bild, trotz allem. Man stellt sich den Wecker, und während es langsam hell wird, begibt man sich ins städtische Kunstmuseum, 1–2 Stunden bevor der große Run einsetzt, wieder und wieder in die Betrachtung derselben Bilder verloren.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=905574


*

Kultur als Reflexion

Noch einmal der Bariton Christian Gerhaher: Er zeigt sich terminologisch unsicher angesichts der Frage, welche Funktion Kunst und Kultur in der Gesellschaft den wahrzunehmen hätten: keine Unterhaltung, keine Freizeitaktivität, sondern „Teil des Innersten“ der Gesellschaft. Ich weiß, offen gestanden, noch nicht, was das sein soll. Teil des Innersten? Als das Innerste unserer Gesellschaft im engeren Sinne würde ich ja erst einmal das kapitalistische Verwertungsprinzip ansetzen, und ihm möchte ich jedenfalls bruchlos Kunst und Kultur nicht zuschlagen. Und ich finde es auch falsch, zu leugnen, dass Kunst etwas mit Unterhaltung zu tun hat. Natürlich hat sie das; und gleichgültig ob sie niederer oder eben der höhere „Jux“ sei, den Thomas Mann ihr zuschrieb: ein Jux ist sie auf eine gewisse Weise schon deswegen, weil sie weder Arbeit noch Religion ist und der letzte Ernst beider ihr fremd sein muss. Und „Freizeit“ – oh, ein fast noch schlimmeres Wort, aber faktisch doch nicht unzutreffend. Selbst für mich, zu dessen Beruf die Beschäftigung mit der Kunst dazugehört, hat es etwas Festliches, außer der Arbeit Fallendes, wenn ich ins Konzert, in einen Club oder zu eine Ausstellung gehe. Natürlich ist Freizeit ein zutiefst kapitalistischer Begriff; ideologisch zumal, weil sie gerade nicht die von der Verwertungslogik freie Zeit bezeichnet. Und doch lebt auch in ihr noch ein winziger Rest der Feierzeit und der großen kultischen Bekenntnisse weiter, in denen die Kollektiva sich sammelten und versammelten, um…

Nun, um was zu tun? Ich würde versuchsweise formulieren: um sich der Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenhangs reflektierend zu vergewissern. Etwas in dieser Art fehlt in den lobeswürdigen Ausführungen des Baritons, der sich mit guten Mitteln und Argumenten gegen die systematische Benachteiligung der Kultur in der Pandemie einsetzt. Kultur ist ein Reflexionsbegriff. Sie ist keine unmittelbare gesellschaftliche Praxis, sondern beginnt an dem Punkt, an dem diese Praxis reflexive Züge annimmt. Sie mag schon „Teil des Innersten“ sein, aber stets als Bild und Abbild, das immer auch entfernt und verfremdet, um die Verbindlichkeiten des jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhangs freizulegen. Als Praxis und Abbild kann sie verzaubern, verstören, auf schlichteste und komplexeste Weise unterhalten, hinreißen, belehren. Jede kulturelle Praxis tut das in anderer Weise und Zusammensetzung des Horazischen docere et delectare. Niemals aber wird das Moment des Lehrhaften ganz entfallen, weil es mit dem reflektiven Charakter aller Kunst und Kultur verschränkt und eigentlich eins ist. Selten genug liegt es am Tage, selten genug wird es bewusst aktualisiert. Aber das der Idee nach Zweckfreie der Kultur macht sie per se zum Bild und Abbild, und das heißt: zur Instanz der Reflexion der Gesellschaft über sich selbst.

Wenn das fehlt, wird die Gesellschaft blind für sich selbst, reflektorisch statt reflexiv. Sie marschiert immer weiter und weiter, hilflos reagierend von Schritt zu Schritt. Ohne das Zurücktreten von sich selbst, ohne Rückblick und Vorausschau und Rückblick, ohne Darstellung seiner selbst in analytischen oder der Analyse zugänglichen Verkörperungen, ohne den Stillstand, den sie ermöglichen, ohne Rausch und Kontemplation, die ihre Extreme darstellen, ohne das Nachdenken, das den schmalen Grat darstellt, auf den sie sich berühren, geht es mechanisch weiter in das gesellschaftliche Elend, das uns wahrscheinlich erwartet. Es sind nicht bloß die Fakten wie die globale Rezession, der weltweite Hunger, die massive Verarmung und die aus alledem sich bedingender ökologische Rücksichtslosigkeit, die zu erwarten stehen, und an denen sich das ablesen lässt. Es ist auch der Ausfall einer reflektierenden Instanz wie der Kultur, die in diesen Prozessen steckt und doch auf Abstand geht.

*

Ja, freitesten

Der Weg zurück in die Normalität führt nicht über die Impfungen. Es ist sicher verfrüht, das Impf-Programm der Bundesregierung rundheraus für gescheitert zu erklären. Aber es läuft nicht gerade gut, und die Aussichten auf eine durchs Impfen hergestellte Herdenimmunität sind äußerst vage. Alle Zeitpläne werden über den Haufen geworfen, und es ist sehr die Frage, ob der Durchbruch impfresistenter Varianten dem Ganzen nicht sowieso einen Strich durch die Rechnung und die Impfkampagne zum Milliardengrab macht.

Nein, das Mittel der Wahl könnten Tests sein; also vor allem Schnelltests. Was wäre dagegen zu sagen, wenn Gaststätten und Kultureinrichtungen das tun, was Fluglinien und Altenpflegeeinrichtungen schon lange praktizieren: Rein kommt, wer einen frischen Negativtest vorweisen kann oder sich vor Ort einem unterzieht. Es wird nötig sein, das gut zu organisieren, um zu garantieren, dass man sich nicht mit fremden Tests den Zugang erschleicht. Es braucht Personal, das die Tests abnimmt und kontrolliert. Es wird auch etwas kosten; aber ich denke, viele werden sich das Vergnügen, auf das sie lange genug verzichtet (und damit viel Geld gespart) haben, was kosten lassen. Und der Preis für einen Test liegt jetzt bei etwa 10 Euro.

Vielleicht ist das falsch, vielleicht auch ungerecht. Aber was für eine faszinierende Vorstellung, wieder ganz normal in eine Theatervorstellung oder, horrible dictu, in einen Club zu gehen, in dem Bewusstsein, dass sie – mit hoher Wahrscheinlichkeit; ein Restrisiko ist nicht auszuschließen – coronafrei sind! Im Grunde wären noch nicht einmal Masken nötig. Ich würde das ganz gerne wieder einmal sehen. Es ist fast rauschhaft, sich auszumalen, wie das wäre, also nicht bloß, dass dergleichen überhaupt wieder stattfindet, sondern dass man sich ohne Angst und schlechtes Gewissen dort aufhalten könnte.

Aber kommt dies nicht nur den Privilegierten zugute? In gewisser Weise ja, aber auch vor Corona hat sich niemand groß darüber aufgeregt, dass sich nicht jeder den Besuch in bestimmten Restaurants leisten kann. Diese Unterschiede waren immer da; durch den Lockdown sind sie weniger sichtbar – weil alles weniger sichtbar ist –, aber keineswegs verschwunden. Und was die öffentlich subventionierte Kultur angeht, wäre ja auch denkbar, die Subventionen auch auf den Non-Covid-Zuschlag auszudehnen, damit es überhaupt mal wieder losgehen kann. Es mögen ja Privilegien sein, aber im Prinzip würde eine in vielen Bereichen selbstverständliche Praxis bloß verallgemeinert. Es würde behauptet und damit anerkannt, dass auch ein Restaurantbesuch einen Test wert ist.

In der Corona Politik wäre dies ein Paradigmawechsel von der Wahrscheinlichkeit zum exakten Wissen. Bisher ging es darum, durch Kontaktreduzierung, Maskenpflicht und Hygieneregeln die Infektionswahrscheinlichkeit zu senken. In meinem Gedankenspiel würde definitiv unterschieden zwischen Infizierten oder Nichtinfizierten. Jene würden für die Dauer ihrer Ansteckung, wie es bei Epidemien immer üblich war, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen; diese können daran teilnehmen, wenn sie ihr Nichtinfiziertsein beweisen.

Ich schreibe diesen Vorschlag mit schlechtem Gewissen nieder. Denn er ist ja wirklich sehr pragmatisch. Als Jens Spahn mit dem Versprechen angab, ab dem 1. März stünden für die gesamte Bevölkerung dieses Landes Selbst-Tests zur Verfügung, dachte ich zunächst, die Politik sei nun endgültig in den Zustand des Wahns übergetreten, in dem Endsiegversprechen gemacht werden, während alles verloren geht. Aber nach einigen Tagen hat er mir, ob gewollt oder ungewollt, die coronamüden Augen für eine neue Strategie geöffnet. An der Sache könnte etwas sein, trotz Jens Spahn.

Wolfram Ette

Corona 200: Umbrüche

la peur dans la bouche

je suis contre la théorie de la peur
je trouve qu’on fait beaucoup trop
peur aux gens

et c’est terrifiant

les enfants mangent de la terre
les ados se scarifient
ils ont des idées suicidaires

et ça c’est à cause des chaînes d’information
qui mettent des tubes
dans la bouche

toute la journée


*

angst im mund

ich bin gegen die theorie der angst
ich finde man macht den menschen
viel zu viel angst

es ist erschreckend

die kinder essen erde
die jugendlichen ritzen sich
sie haben selbstmordgedanken

und das liegt an den informationsketten
die die schläuche
in den mund einführen

den ganzen Tag

Martin Blachier explique le seul point sur lequel il est „100 %“ d’accord avec Didier Raoult ! (VIDEO) (msn.com)

Montage: Anne Peiter
Übersetzung: Wolfram Ette



*

das schweigen zum tode

des verfrühten frühjahrs
die vögel wissen bescheid
und halten den schnabel

die innenstädte bahnhöfe
schweigend die züge still
gleitend schweigend sogar

spaziergänger im park
sind leiser die hunde sind
leiser nur die katzen sind

wie immer

Wolfram Ette


*

la perte

tous ont fait d’énormes efforts
mais tout le monde
arrive à saturation

on a du mal à imaginer
des sollicitations
encore plus importantes

on est encore submergé
malgré le fait qu’on ouvre des lits
de plus en plus

des fois on est obligé
de refuser des patients
parce qu’on a plus de lits

on a parfois
un sentiment d’inutilité
d’avancer comme ça

en se disant

on le perd
on le perd
on le perd


*

der verlust

alle haben sich so angestrengt
aber alles kommt einmal an 
den sättigungspunkt

es ist schwer vorstellbar 
sich noch bedeutendere
belastungen vorzustellen

man steckt noch tief drin
obwohl man allmählich immer mehr
betten freigegeben hatte

ist man manchmal genötigt
patienten abzuweisen
weil wir keine betten mehr hatten

wir hatten manchmal
ein gefühl der nutzlosigkeit
immer so weitermachen

und sich sagen

wir verlieren ihn
wir verlieren ihn
wir verlieren ihn

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/je-ne-suis-pas-certaine-que-ce-soit-la-bonne-solution-les-soignants-sceptiques-face-au-confinement-instaur%C3%A9-%C3%A0-nice/ar-BB1dVwkR?li=AAaCKnE

Montage: Anne Peiter
Übersetzung: Wolfram Ette

Corona 199: Evolutionsphantasien

Selbstoptimierung II

Das britische Virus, die Variante oder Mutante B 1.1.7, ist, entgegen den Voraussagen der Epidemiologen, nicht nur ansteckender, sondern auch gefährlicher. Die Mortalitätsrate ist um ca. 30% höher, aktuelle Untersuchungen scheinen zu bestätigen, was Anfang des Jahres noch wie ein unüberlegter Schnellschuss des britischen Premierministers erschien. Und jetzt kommt noch dazu, dass man sich, wenn man sich mit B 1.1.7 infiziert hat, länger ansteckend bleiben soll: etwa 13 statt 8 tage. Es dauert länger, bis die Viruslast abgefallen ist.

Es sei das „Ziel“, die „Absicht“ des Virus, sich zu verbreiten, und sich dabei auf ein symbiotisches Optimum zuzubewegen. Rasch versterbende Wirte lägen nicht „in seinem Interesse“. Das solide Zusammenleben mit den Fledermäusen war ein solcher Fall. hier wurde ein evolutionärer Erfolg erzielt. So haben wir es gelegentlich von den Epidemiologen gehört.

Aber die Selbstoptimierung folgt keinem vorgefassten Plan, sie probiert ständig aus, trial and error in einem globalen Massenexperiment. So wird eine Menge probiert. Wie zum Beispiel, jetzt gerade, das Zusammenleben mit den Menschen. Falls die versterben, wäre es nur ein fehlgeschlagener Versuch unter vielen anderen, faux frais auf dem Weg der Optimierung.

*

Das Lebensziel

für Jenny Willner

Charles Darwin schreibt in ‚On the Origin of Species‘: „Judging from the past we may safely infer that not one living species transmit its unaltered likeness to a distant futurity. And of the other species now living very few will transmit progeny auf any kind to a distant futurity; for the manner in which all organic beings are grouped, shows that the greater number of species of each genus, and all the species of many genera, have left no descendants, but has become utterly extinct“.

Ein grossartiges Zitat, das der Anthropozentrik, die die Evolutionsdiskurs immer wieder begleitet, den Stecker zieht. Der evolutionäre Normalzustand, so verstehe ich Darwin, ist der Weg, der vom Leben in den Tod führt. Dass Arten aussterben, weil sie sich nicht bewährt haben, weil ihr Zusammenspiel mit anderen Arten nicht funktionierte oder weil die Umweltbedingungen sich geändert haben, ist der Regelfall und das Leben die Ausnahme. Eine hauchdünne Spur führt zu uns und zu den anderen hochentwickelten Säugetieren, hauchdünn ist sie, und rechts und links davon eine Wüste ausgestorbener Arten, von denen wir wiederum nur einen winzigen Bruchteil kennen, einzeln verstreute Skelette in der Wüste, die sich unabsehbar weit hinter den Horizont erstreckt, Wüsten über Wüsten über Wüsten, von denen wir auf unserer schmalen Spur nichts wissen. Und gibt es auf dieser Spur ein Ziel, irgendetwas, dem alles zustrebt? Wohl kaum, es geht nur darum, sich halbwegs schwankend auf ihr zu halten und eine kurze Weile zu überleben. Machen wir uns keine Illusionen. Letztendlich sind wir zu kompliziert. Wir halten nicht viel aus. Das einfache ist das robuste. Es spricht einiges dafür, dass auch wir zurücksinken ins Schicksal der meisten Arten,irgendwo am Wegrand liegenbleiben und hinterm Horizont verschwinden.

*

Klimawandel und Coronakrise

1. Nach allem, was wir über die Evolution des Lebens wissen, begann sie mit den Viren. Nach Millionen von Jahren entwickelten sich aus ihnen die ersten Einzeller, also die ersten Lebewesen im engeren Sinne.

2. Fünf globale Klimaerwärmungen hat es bisher gegeben. Vier davon hatten den Tod von über 80% des Lebens auf der Erde und einen evolutionären Reset zur Folge.

3. Nach dem, was man weiß, verlief keine Klimaeerwärmung so rasch wie diejenige, in der wir selbst uns befinden und die wir wahrscheinlich angerichtet haben. Ein Aussterben der menschlichen Gattung und eines Großteil des höher entwickelten Lebens ist wahrscheinlich.

4. Die Viren haben die evolutionären Resets überstanden. Weil sie nicht leben, jedenfalls nicht so richtig, können sie nicht sterben. Sie sind die große Konstante der globalen Evolution, das, was sich durchhält, Gewinner und Fundament zugleich.

5. Man kann es als Glücksfall bezeichnen, dass wir gerade jetzt das Treibmittel des evolutionären Überlebens so ausführlich zu Gesicht bekommen, dass wir so viel über das erfahren, das uns überlebt.

Wolfram Ette

Corona 198: Paralipomena zur Pandemie

Dopingskandal

Von den neuen Varianten kann man jetzt lesen, sie träten „gedopt“ in die Arena. Wer gedopt ist, hat bessere Chancen, den Wettkampf zu gewinnen, ist gefährlicher. Zugleich ist aber auch impliziert, es werde mit unlauteren Mitteln gekämpft: Die Varianten haben die Stärke sozusagen gar nicht in sich, sondern führen sie sich „künstlich“ zu. In der Formulierung vom „Doping“ steckt also wieder einmal ein kleiner, menschlicher Rest des Optimismus, den wir uns gern erhalten würden: Wie im Sport auch bräuchte man nur Kontrollen einzuführen und die Einnahme von kraftstärkenden Mitteln unterbinden, und schon wären Fairness und Chancengleichheit aller beteiligten Sportler wieder hergestellt.

Es ist nicht so. Die Varianten sind das Doping selbst. Schlimmer noch: dass sie’s überhaupt bis zu diesem Punkt haben schaffen können, dass es ihnen überhaupt gelungen ist, immer mehr Varianten auszubilden – und darunter eben auch diese gefährlichen –, hat damit zu tun, dass wir sie haben gewähren lassen, dass wir glaubten, noch unterscheiden zu können zwischen einem „Original“, von dem sich alles weitere herleite, und den blossen, kleinen Ablegern, die dennoch gebunden blieben an unsere Kenntnisse des „Eigentlichen“. Jetzt sehen wir: Das Doping ist dieses Eigentliche, unlauter ist es nicht, protestieren hilft nicht – denn es ist, wie es ist, und gehört zur Natur des ganz und gar Neuen, vor dem wir nun stehen, untrennbar dazu. (AP)


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Das kältere Eis II

Berlin erlaubt seiner Bevölkerung, selbst zu entscheiden, mit welchem Mittel sie geimpft werden möchte. So modern jetzt Zehntausende Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca vor sich hin. Die Hauptstadt wieder! (WE)


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Interpretationsbedürftiges

Santé publique, der französische Gesundheitssektor, hat Zahlen und Karten zur Verbreitung der Varianten im Land veröffentlicht, doch genutzt wurden nur die Angaben, die „interpretierbar“ waren. Die Übersee-Departements kommen nicht vor. Nicht ein einziges. Sind wir nicht in der Lage, „interpretierbare Zahlen“ zu liefern? Oder sind die Interpreten nicht in der Lage, wahrzunehmen, dass auch wir der Interpretation bedürfen, auf sie warten, uns an Erkenntnissen zur öffentlichen Gesundheit orientieren? Oder wird uns das gar nicht zugetraut : interessiert zu sein an Interpretationen? Ich habe keine Ahnung, aber dauernd, wenn ich versuche, mich zu orientieren in meiner eigenen Realität, falle ich zurück auf die Lokalzeitung, die ich sonst keines Blickes würdigen würde. Jetzt aber ist sie praktisch meine einzige Quelle über das Hier.


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Der Preis der Demokratie

beträgt in Deutschland gegenwärtig 32.000 Menschenleben, in Frankreich 62.000, und in den USA 355.000. Das ist die Differenz zwischen den an oder im Zusammenhang mit Corona Verstorbenen in diesen Ländern und den 5.000 Coronaopfern, die in China zu beklagen hat. Selbst wenn die chinesischen Zahlen gefälscht sind, wovon ich ausgehe: Sie sind wohl nicht so grob untertrieben, dass sich gar keine Differenz mehr ergeben würde, zumal wenn sie man auf die 1,4 Milliarden Einwohner Chinas hochrechnet. Ich habe nichts gegen das Argument, dass in den offenen Gesellschaften des Westens nicht so durchgegriffen werden könne wie in der chinesischen. Aber ich habe einiges dagegen, dass das nicht mit den entsprechenden Zahlen untersetzt wird. Diese habe ich aus der neuen „konkret“, also aus vergleichsweise entlegener Quelle. So stolz sollte man schon auf die Demokratie sein, dass wir die Zahl der Toten nicht verschweigen, die sie uns kostet. (WE)

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Impfgegnerschaft, anders

Ein Anthropologe berichtet, die chinesischen Autoritäten zögerten die Impfkampagne hinaus, weil sie auf diese Weise Gründe vorweisen können, die es erlauben, starke Kontrollen aufrechtzuerhalten. Wie ist doch alles auf so furchtbare Weise dialektisch! Wie sind die Gefahren doch auf allen Seiten! Wenn stimmt, was da berichtet wird, ist’s entmutigend in jeder Hinsicht. (AP)


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Die Süße der Normalität

An der Universität, da, wo für die Bildung der künftigen Lehrer:innen gesorgt wird (das ist der Auftrag), sind zum Valentinstag an die Studierenden Lollis ausgegeben worden. Dann sassen alle in ihren Hörsälen, die Maske unterm Kinn, und lutschten genüsslich und gemeinsam. (AP)


*

Generalist des Desinteresses

Der neue „Impfstoffbeauftragte“ der Bundesregierung kommt aus der Immobilienbranche. Was qualifiziert ihn für diesen Job? Die Gleichheit der Anfangsbuchstaben, oder nichts als die nüchterne Wahrheit, das Verwaltung immer auf dieselbe Weise läuft, und dass es einfach scheißegal ist ob man Immobilien verhökert, Bomben verkauft oder Lipide für Impfstoffe organisiert? Ein zu großes Interesse für die Sache braucht jedenfalls nicht befürchtet zu werden. (WE)


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Periphere Geschichten, immer wieder

Es wird berichtet, in den Alpes-Maritimes sei die Inzidenzrate mit 577 Fällen pro 100.000 zur Zeit die höchste des ganzen Landes. „Et selon France Bleu Azur, depuis le début de l’épidémie, jamais un département n’avait affiché un taux aussi élevé.“ („Und France Bleu Azur zufolge hat seit Beginn der Epidemie noch nie ein Department eine so hohe Rate aufgewiesen.“)

Ich weiß, ich weiß, es wird langweilig, doch die unbestreitbare Not, die in der Gegend um Nizza herum herrscht, berechtigt noch lange nicht dazu, historische Falschinformationen zu verbreiten. Mayotte und andere Überseedepartements sind Teil Frankreichs, das, was sie an Inzidenzraten zu bieten hatten oder zu bieten haben, ist Teil der französischen Geschichte, die nur dann gestaltbar ist, wenn man sich endlich bequemt, aus den Katastrophen zu lernen, die anderswo bereits passiert sind. Denn sonst werden sie garantiert wiederholt.

(Das ist das, was gerade passiert. Man guckt nur auf sich, man lernt nicht, man stellt sich selbst ins Zentrum, und dann passiert, wovon man, wenn man über sich hinausgeschaut hätte, hätte wissen können, dass es passieren konnte, so dass es nicht passieren musste. Aber jetzt passiert’s eben doch, und zwar immer wieder. Womit schlagend bewiesen ist, dass die Wiederholungen wirklich nicht meine Schuld sind, sondern von Außen auf mich eindringen: hinein in meine Peripherie, die unsichtbar bleibt wie stets.) (AP)


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Seitwärtsbewegungen

Das mutierende Virus, so hören wir, vollführt „Seitwärtsbewegungen“. Es sind diese Seitwärtsbewegungen, die es gewissermaßen aus der Schusslinie nehmen, die die Impfindustrie eingeübt hat. Wir sind also doch im Krieg. Wenn wir aber im Krieg sind, so ist es dem Feind nicht zu verdenken wenn er auf die Seite tritt, um den Geschossen auszuweichen. Oder nein, anderes Bild – wie ein Stierkämpfer, der Schwadron von Forschern und Forscherinnen elegant an sich vorbeilässt. (WE)


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Die Lücke

Iren, so hört man, haben ein Schlupfloch in der Coronagesetzgebung entdeckt und reisen nun in Massen auf die Kanaren. Wie das? Sie melden sich bei einem kanarischen Zahnarzt an. Die Terminbestätigung wird dann als „triftiger Grund“ am Flughafen vorgezeigt. Statt den Termin, der natürlich nur eine Ausflucht war, um sich die Flucht auf die Inseln zu ermöglichen, von denen wir ja wissen, wie gut sie es mit dem Corona haben, wahrzunehmen, oder wenigstens abzsuagen, lässt man bei der Ankunft die Terminbestätigung im Papierkorb verschwinden und macht sich ein paar schöne Tage.

Interessant an dieser Geschichte finde ich die Selbstverständlichkeit, mit der das Recht auf Tourismus als etwas Lebensnotwendiges und quasi grundrechtlich Verbrieftes wahrgenommen wird; und mit der das Nachdenken, den eigenen Entscheidungen zu Grunde liegen sollte fallengelassen wird. Dadurch polarisiert es sich in die Richtung zweier Extreme: Befehl und Gehorsam. Der Staat befiehlt uns, was zu tun ist; wir gehorchen solange, bis wir die Lücke entdecken, durch die wir uns nach draußen in die uns zustehenden Ferien flüchten können. (WE)


*

Idiotie der Zahl

Der afrikanische Kontinente sei der letzte, der die symbolische Marke von 100.000 Corona-Toten überschritten habe, ist aus der Welt der Zahl zu lesen.

Das ist eine gute Neuigkeit (nur 100.000 Tote! grossartig!), aber dieses Bedürfnis, Umkehr-Rekorde aufzustellen, hat angesichts der Tatsache, dass auf die Zahlen nicht der geringste Verlass ist und jeder, der darüber schreibt, das auch weiß, etwas Lächerliches. Im gleichen Zeitungsartikel erfährt man nämlich auch, dass allein in Südafrika offiziell 48.500 Tote gemeldet wurden, seit dem Mai 2020 jedoch vermutlich 140.000 zusätzliche Tote hinzugekommen seien.

Es ist völlig gleichgültig, ob man diese letzte Zahl ungefähr stimmt oder nicht. Entscheidend ist allein, dass das Bedürfnis, mit Hilfe hübsch runder Zahlen – 100.000 – symbolische Grenzwerte zu etablieren, die eh keinen Wert haben, die Grenze zur Idiotie forsch überschritten worden ist. (AP)


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Die Vakzine

„Der Impfstoff“, „das Vakzin“, „die Vakzine“: das sind drei Stadien der Initiation in die fremde Welt der Virologie und Immunologie, die wir uns anzueignen versuchen. Schon immer trennten sprachliche Vorschriften Klassen und Schichten voneinander, vom Hochdeutsch über’s Gendersternchen bis zum korrekten Gebrauch des Artikels. Wer „die Vakzine“ und zwar in der Einzahl sagt oder schreibt, signalisiert damit, dass sie oder er dazugehört, Bescheid weiß, mitreden kann. Es liegt immer eine Art der Abgrenzung gegenüber denjenigen darin, die es nicht wussten und einfach sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist

Christian Drosten beherrscht die hohe Kunst, zu beidem in der Lage zu sein. Er lässt immer wieder durchblicken, wie man es richtig sagt, markiert immer wieder die Distanz der Spezialisten und ihrer Community zu uns, den einfachen Bürgern. Auf der anderen Seite gibt es sich volkstümlich, findet prägnante Vergleich, macht kalkulierter Abstriche von der Sprache, die er von berufswegen zu sprechen gewohnt ist, verbindet abgeschiedene Hightechlabore und die Volkshochschulen mitten in der Stadt. Dadurch lernen wir eben, dass es eigentlich „die Vakzine“ in der Einzahl heißt, und er ermöglicht uns dadurch die Illusion eines kleinen sozialen Aufstiegs. Anders als er aber verfolgen wir damit keine pädagogische Intention, die uns auch schwerlich zustünde. Wir stellen das Gelernte nur als sozialen Distinktionsgewinn zur Schau.


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Regeln und Riten

Entspricht die Umsetzung der Schutzmaßnahmen der Umsetzung eines blinden Ritus, der von oben her instauriert wird? Oder der Umsetzung einer Regel, die jede:r einzelne versteht und darum, wenn neue Situationen entstehen, anpassen kann? (AP)

Corona 198: Variantenvarianten

Immer wieder ging es in den Texten der vergangenen Wochen um die Frage, wie das Virus und seine Varianten bezeichnet werden. In diesen Bezeichnungen schlägt sich ein Ursprungsdenken nieder, das den Ursprung kategorisch oder zeitlich fernrücken will. „Der Wildtyp“ und „das klassische Virus“ sind die zwei in Deutschland und Frankreich vorkommenden paradigmatischen Varianten des Verfahrens. Es geht darum Beherrschbarkeit und Kontrolle zu simulieren. Im ersten Fall drängt der Gedanke an einen Domestizierungsvorgang sich auf; im zweiten ist es der Prozess der Historisierung, durch den der den Ursprung des Virus, damit aber in gewisser Weise er selbst, als bereits überwunden behauptet.

Und natürlich ist beides falsch. Angesichts des global ablaufenden Infektionsprozesses ist ist jedes Ursprungsdenken – auch in dieser gegen die Macht des Ursprungs gerichteten Kehre – Ideologie. Ich erfahre, dass es sich bereits bei dem Virus, durch den Europa im letzten Jahr sich flächendeckend infiziert hat, um eine Variante des ursprünglichen, also des „Wuhan-Virus“ gehandelt hat, um die „italienische“ Variante nämlich – nur dass man damals noch nicht wusste, dass es sich um eine Variante handelt. Aber auch das „Wuhan-Virus“ ist kein Ursprung, es ist die „Wuhan-Variante“, die nur die Variante des Virus, der in den Fledermäusen beheimatet ist. All das sind Varianten, Varianten von Varianten von Varianten usf. Es mag einen Übersprung geben, durch den ein neuer Wirt gefunden wird. Dies mag ein Anfang sein, aber kein Ursprung im geschichtsbildenden Sinn des Wortes. Ein Virus ist reines Werden, er ist nichts als die Variation seiner selbst, „Evolution auf Steroiden“, wie ein Soziologe es ausgedrückt hat. In diesem Rasen ständig mutierender Selbstkopien gibt es keine Ordnung, nichts was nach Gegensätzen des „Wilden“ und das „Gezähmten“ des „Klassischen“ und des „Epigonalen“ sich richten würde. Vertont wäre es das, was die Tontechnik ein „braunes Rauschen“ nennt: das Gleiche immer wieder anders.

Wolfram Ette

→  Corona 185: Das Klassische und das Wilde
→  Corona 187: Historisierungsversuche / wandernde Adjektive

Corona 197: Jahreswechsel

die die Aufstellung nehmen
drücken Teambilder von gestern
Kiefer-Orthopäden und Gehilfen
füllen die leeren Werbeträger an Bahndämmen
was heute nicht mehr die Welt kostet
stellen sich und ihre Praxis
vor Verlorenen vor
und heißen Wacklige willkommen

jeder Bahnsteig ein betonierter Zweihundertmeterlauf
nur die Berufspendler gehen normal
arbeiten sich von einem verrauchten Risikobereich
zum anderen vor ansonsten steht
oder sitzt Mensch immer eingeklemmt
zwischen zwei Xen aufgeklebten
und nur die Kinder in ihren Taschen
kleckern ein kleines bisschen

Sie dürfen gerne zu mir kommen
ruft der Herr zur besten Sendezeit
bleiben Sie e-lastisch treiben Sie e-sport
treffen Sie ihre e-homies und lernen

Sie-e haben es bereits der Presse entnehmen können
auf Grund der aktuellen Situation
hat das Ministerium der Gesundheit
den Zusatzbeitragssatz angehoben
und auch wir von der Techniker- Krankenkasse
haben den Zusatzbeitragssatz
einmal angehoben

gerade so über Null immer
zu jeder Zeit so als sollte es nie wieder schneien dürfen
am Fuße des Schotters weitere wenige Großformatige
die nicht anders können und
wo Schienen verschwimmen naht eben dieser Schriftzug

Achtung am Gleis 2 ein Zug fährt durch
ich wiederhole Achtung am Gleis
ein Zug fährt durch und mich
sagt eine gepuzzelte Stimme
gibt es in Wirklichkeit nicht

meine Fingerknochen knacken im Nachzug
bei Gicht geht das auch meint Tante Penny
die aufgedrehte im Ohr
gerade heute

zu wenigen original chinesisches Fondue
bietet sich doch einmal an
mit extra viel Chili in Brühe eingenetzt

flackernde Augen ganz viel flackernde Augen
die über den Tüchern hängen
und vielfach Sportschau im Gang
die in der Stadtbahn mit den Augen reden

haben Sie gesehen wie sie das jetzt machen
in den Stadien mit dem Publikum aus Pappaufstellern
und jemand anders hält anders an sich
und wenn der Topf nun ein Loch hat
lieber lieber Günther lieber lieber Günther
und wenn der Topf nun ein Loch hat
lieber Günther was dann

kein Datum nur demnächst
im Kino steht auch im Nachbarort
still auf dem Vorplatz schlichte Säule
Plakat-Plakette verspricht
nicht Neuanfang und zugleich
barsch und müde
Fortsetzung folgt

das Dach das einem auf den Kopf fällt
der Federstrich während der Sommerpause
und dazu ein Außenborder des Herrn
für weiteren Schutz gebe es keine Notwendigkeit mehr

die Möglichkeit weiter die Miete zu stunden
wäre das völlig falsche Signal

Jonas.Bok 30.12.20


Jonas.Bok lebt in München. Kontakt: Joneszie@web.de

Corona 196: Eins, zwei, drei

Fr.

Frankreich sei mit keiner dritten Welle konfrontiert gewesen, erklärt der Gesundheitsminister, weil „wir nie komplett aus der zweiten Welle herausgekommen sind.“ („… puisque nous ne sommes jamais totalement sortis de la deuxième vague“.)

Es geht um Zählbarkeiten. Um sagen zu können: „Eins, zwei, drei“, ist es nötig, dass die Eins von der Zwei sowie die Zwei von der Drei unterschieden werden können. Unterschieden werden kann aber nur, wenn sich zwischen die Wellen (und damit Zahlen) etwas einschiebt, was nicht die Welle (bzw. die sie bezeichnende Zahl) ist. Also: Eins ist dann nicht zwei, wenn ein Innehalten existiert. Man sagt „Eins“, holt Luft, und sagt erst dann: – – „Zwei“.

Das ist aber nicht das, was in Frankreich geschehen ist (sagt der Minister). Alle bereiteten sich auf dieses Zählen bis drei vor, aber bei der Zwei stockte es unerwartet. Nicht etwa in dem Sinne, dass man tatsächlich innegehalten hätte. Vielmehr erweiterte sich die Zwei zu einem Kontinuum, also zu so etwas wie einer „Zweeeeiiiii – –“. Die Welle wollte gar nicht mehr aufhören! Sie war in der Hinsicht ungewöhnlich (also eigentlich keine Welle mehr), dass sie nicht kam und ging, sondern kam und blieb.

Die einzelne Welle lebt notwendig davon, dass ihr eine andere folgt. Das heißt: Das Bild der Welle stimmt nur dann, wenn sie sich der Vereinzelung entzieht. Die Welle wird Welle, wenn sie aufhört. Hört sie nicht auf, ist sie nicht. Bei Welle Nummer zwei ist jedoch in Frankreich die Abgrenzung „nach hinten“, d.h. hin zur Drei, unmöglich geworden, und das kann man nun exegetisch und politisch bearbeiten, wie man mag.

Die erste Exegese, die im Angebot geführt wird, besagt, dass sich der Wellenbegriff, wie eben angedeutet, selbst ad absurdum geführt habe, man demnach von einer einzigen, sich unterbrechungslos über das Land legenden Katastrophe sprechen müsste. (Wenn man unbedingt will, kann man sie „die zweite Katastrophe“ nennen, doch auch das ist nicht zwingend, denn in Frage steht die Wellenmetaphorik an sich und damit auch die Abgrenzbarkeit von „Eins“ und „Zwei“.)

Die zweite Exegese ist dieser ersten, irgendwie „fundamentalistischen“ diametral entgegengesetzt. Sie denkt nicht von der Beobachtung her, dass plötzlich eine Welle im Stillstand zu verzeichnen ist, also sozusagen eine Zwei, die nicht zur Drei aufbrechen will. Vielmehr geht die neue Perspektive gerade von der Drei als der Norm aus und sagt, Frankreich sei mit dieser Drei nie konfrontiert gewesen. Das ist, wie man sofort zugeben muss, etwas ganz Tolles, denn immerhin ist damit gesagt, dass das Land nicht unter einer dritten Welle leiden musste! Wenn man betont, die anderen Länder hätten massenhaft eine dritte Welle gehabt, steht man als Sieger da: Man hat sie nicht gehabt, man hatte und hat bloss die Zwei. Die Zwei. Die Zwei.

Das Dumme ist nur, dass dafür manche andere Länder praktisch keine erste Welle gehabt haben, so dass man behaupten kann, auch sie seien erst bei der Zwei. Nur beginnen sie ihr Zählen erst mit der Zwei, die also, diesem neuen Zählsystem nach, die Funktion der Eins übernimmt. Ist damit der Sieg Frankreich gemindert?

Es will so scheinen, denn hinzu kommt noch etwas: Es ist zwar rhetorisch möglich, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und sich zu dem Umstand zu beglückwünschen, dass Frankreich keine dritte Welle erlebt hat. Nur hat sie dafür die zweite ins Unabsehbare verlängert, und so ganz ist nicht einzusehen, warum eine lange Nummer zwei nicht das gleiche Gewicht haben sollte wie eine kurze Zwei, gefolgt von einer kurzen Drei? Kennt man das nicht aus der Musik? Mehrere kurze Noten können von ihrer Dauer her dieselbe „Wertigkeit“ haben wie eine längere? „Pulsation“ nennt man das auf Französisch: Es pulsiert da was, aber ein Grundmuster ist gegeben, das Verrechnungen zwischen Klangphänomen von unterschiedlicher Dauer erlaubt.

Das ist aber noch immer nicht alles. Denn der Einwand, das Insistieren auf der zweiten Welle bedeute nicht notwendig einen Sieg über die armen Länder mit ihrer dritten, wird zusätzlich gestützt durch die pessimistisch stimmende Möglichkeit, die in den Satz zu fassen wäre : „Was nicht ist, kann ja noch werden!“, d.h. „Da, wo man sich in der zweiten Welle verhakt, findet die dritte womöglich hübsche Ansatzpunkte, um dann doch noch zu kommen.“

Statt stolz darauf zu sein, dass man nur zwei Wellen hatte, sollte man, denke ich, lieber am Einmaleins aus Grundschulzeiten festhalten und zugeben, dass ein gewisses Verharren bei der Zwei durchaus bedenklich ist, weil die Drei ja trotzdem die Zahl ist, die auf die Zwei zu folgen pflegt.

Aber das ist nicht die Perspektive der derzeitigen Politik. Man lebt vom Vergleich zu anderen Ländern, die schon bis drei gezählt haben. Und man gewöhnt sich an die Wellenrhetorik in einem so starken Masse, dass man den Unsinn, der grundsätzlich in diesem Bild liegt, gar nicht mehr sieht.

Aber so ist das nun einmal mit sich verfestigenden Sprachformeln: Sie hindern am Denken, weil sie wunderbar einleuchtend, da vertraut wirken. In dem Moment, in dem man das Bild der „Welle“ ernst zu nehmen begann, erhob auch der Glaube an die Zählbarkeit sein Haupt, und das kriegt jetzt niemand mehr abgeschlagen, denn sonst müsste man ja zugeben, dass auch in Frankreich aller guten Dinge drei sind.

Dt.

In den Begriffen, die uns Orientierung in dieser wirren Zeit geben sollen, herrscht selbst Verwirrung. Vielleicht liegt’s daran, dass die Zeiten eben wirr sind und die Begriffe eben auch. Sogar die Zahlen stiften Verwirrung. So erfahren wir wieder einmal, dass wir uns auf die dritte Welle zubewegen. Es fühlt sich allerdings gar nicht so an, als könnte es einen Unterschied zwischen der zweiten oder dritten Welle geben. Denn dazu müsste es sich ja jetzt, also im „Wellental“, anders anfühlen. Schön, die Zahlen sind etwas heruntergegangen, aber mit dem Abfall aller Werte nach dem Shutdown im letzten Frühjahr lässt sich das nicht vergleichen. Da standen Wellenberg und Wellental in drastischem und jedem einleuchtendem Gegensatz zueinander. Jetzt ist das Wellental flach, ja die Fallzahlen stagnieren: vermutlich wegen des allmählich stärker werdenden Einflusses der Mutanten. Und wenn wir aufhören, auf die Zahlen zu starren, sondern einfach mal danach fragen, wie’s uns so geht, so werden die meisten wohl sagen: unverändert. Keine Entwicklung, nicht mal ein Auf und Ab. Seit dem Einschluss im November: immer dasselbe. (Meine Kinder leben nicht bei mir, und ich muss mich natürlich fragen, ob das der Grund ist, weil es für mich halt keinen großen Unterschied macht, ob sie in die Schule gehen oder nicht. Aber auch die Familien, mit denen ich gesprochen habe, sehen das ähnlich – und sogar viele Schüler.) Wir sind in einer einzigen fließenden Bewegung, wir sind, wenn man das Bild überhaupt noch verwenden will, in einer einzigen Welle, und es ist in keiner Weise abzusehen wann das vorbei sein wird.

Die Unterscheidung zwischen zweiter und dritter Welle also, auf die bei uns, und offensichtlich anders als in Frankreich so großen Wert gelegt wird, hat eine Ordnungsfunktion. Man unterteilt das schreckenerregende oder doch zumindest etwas depressiv stimmende Kontinuum in Abschnitte. Die werden dann nummeriert, und wer zählen kann, hat schon halb gewonnen. Obwohl man also nicht sagen kann, dass wir uns auf eine dritte Welle zubewegen, weil der Unterschied zwischen zweiter und dritter Welle rein fiktiv ist, lassen wir uns die Vorstellung dennoch gefallen. Denn wenn wir die dritte Welle erst einmal erreicht haben, ist das ja ein sicheres Indiz dafür, dass wir die zweite überwunden haben, und irgendwann muss es ja mit dem Zählen auch mal ein Ende haben.

Außerdem stimmt uns die Ankündigung der „dritten Welle“ darauf ein, dass es einfach so weitergehen, dass der Zustand, in dem wir leben, sich weiter fortsetzen muss. Die theoretische Unterscheidung von zweiter und dritter Welle hat also politisch die Funktion, uns ihre praktische Nichtunterscheidung schmackhaft zu machen. Bildlich kann man sich das so klar machen, dass, wie es zuweilen zu hören ist, „wir uns schon in der dritten Welle befinden“. Die zweite und die dritte Welle überlagern einander also, sie schieben sich ineinander, und die Summenwelle gewissermaßen, mit der wir es zu tun haben, ist dann die „Stagnation auf hohem Niveau“ – die den Wiederanstieg der Fallzahlen vorbereitet und, wenn er denn kommt, plausibel macht.

Es ist also unklug von Frankreich, in der zweiten Welle zu verharren, oder sich gar darüber zu freuen, dass man eine Welle weniger hat als die anderen. Frankreich steckt in seiner zweiten Welle fest, und unternimmt keinerlei Anstrengungen, weiterzukommen und wie die anderen Länder doch auch die dritte Welle zu erreichen. Neue Welle, neues Glück! Wir rebooten das System, spucken in die Hände, und diesmal werden wir es ganz bestimmt schaffen!

Fr. | Anne Peiter – Dt. | Wolfram Ette


Covid-19 : isolement porté de sept à dix jours, part des variants… Ce qu’il faut retenir de la conférence de presse d’Olivier Véran (francetvinfo.fr)

Corona 195: Der Engel der Geschichte steht in Ischgl

In Ischgl hat man eine Untersuchung durchgeführt, die das Ziel verfolgte, herauszufinden, wie es im November 2020 mit den Antikörpern von Personen stand, die im Februar 2020 mit dem Virus infiziert worden waren. Der Ton, in dem die Ergebnisse präsentiert werden, kann nur als im höchsten Grade enthusiastisch beschrieben werden. 90% derer, die sich damals, die Skistöcke in der einen Hand und das Glas, winterlich-touristischer Ausgelassenheit zuprostend, in der anderen, in diesem gigantischen Super-Cluster die Krankheit zuzogen, hätten noch Monate danach Antikörper vorzuweisen! 90%!1 Hinzu komme, dass die zweite Welle in Ischgl viel weniger stark gewesen sei als in vergleichbaren Nachbarorten, was wohl auf eine beginnende Herdenimmunität hinweise. Ischgl sei es gelungen, diese neue Welle auszubremsen. Es ist ihr also gelungen, was sonst niemandem gelang!

Eine an der Studie beteiligte Forscherin der Universität Innsbruck extrapoliert, was, ausgehend von diesen Einsichten, für die Zukunft als ratsam erscheine:

Avec un peu de distanciation sociale, des mesures qui ne nuisent pas aux individus, et un taux de vaccination de 40 à 50%, un semblant de vie quotidienne normale pourrait être à nouveau possible si le cas d’Ischgl pouvait être appliqué à plus grande échelle“. („Mit ein bisschen social distancing, dazu Maßnahmen, die die Individuen nicht auf störende Weise einschränken, sowie einer Impfrate von 40 bis 50% könnte erneut so etwas wie ein normales Alltagsleben möglich sein, wenn denn der Fall Ischgl auf eine höhere Ebene übertragen werden könnte.“)

Das ist die naturwissenschaftliche Sicht. Die Forscherin betont, die Studie sei eine der wichtigsten in diesem Bereich. Ich halte dagegen, dass die Sozialwissenschaften einiges zu sagen hätten über die Klitterung von Bildern einer Zeitgeschichte, von denen offenbar angenommen wird, wir hätten sie schon nach einem Jahr komplett vergessen. Ischgl als nachahmenswertes Beispiel, obwohl sich damals von den Skifahrer:innen aus der Virus quer durch Europa verbreitete…! Ischgl als Paradigma eines gelungenen Umgangs mit der Epidemie! Ausgerechnet Ischgl!

Aber natürlich zeigt die Unverfrorenheit, mit der die Interviewte über die Frage hinweggeht, warum Ischgl für Studien wie die Ihre ein so ungeheuer ergiebiges Material bereit halten, etwas sehr Interessantes: Wenn’s denn erst einmal passiert ist, bastelt man sich zurecht, was daran positiv sei. Benjamins Engel der Geschichte, der, von Entsetzen gebannt, auf die Trümmer schaut, die sich vor ihm aufhäufen, höher und höher, steht genau an dieser Stelle: in Ischgl. Kein Wort über die Toten. Kein Wort darüber, dass die Stadt den Tod weit über sich selbst hinaus verbreitet hat. Man ist schon wieder ganz dem Leben und der Gegenwart zugewandt. Man hat wirklich vergessen, wie es war und wahr. Man freut sich ganz und gar ehrlich darüber, dass in Ischgl so ein klar umrissenes und in jeder Hinsicht exzeptionelles Forschungsobjekt vor einem liegt.

Wenn es ein Beispiel dafür gibt, das zeigt, dass es keine Hoffnung gibt, dann liegt es hier vor. Der Engel hat recht: Wir werden durch den Sturm, der sich Fortschritt nennt, in die Zukunft getrieben, können nicht zurück, können die Toten nicht berühren, können ihnen nicht sagen, dass die Trauer darüber uns erfasst hat, dass wir Ischgl nicht rückgängig machen können. Kein Mensch verlangt in Zeiten der Pandemie nach Vergangenheit. Alle drängt es nach vorn, hinein in eine bessere Zukunft.

Aber natürlich ist absehbar, dass genau diese Haltung dann auch die Zukunft zerstört. Der Engel ist ja gar nicht, wie man zunächst meinen könnte, einer, der den Paradiesgarten nur im Einst sieht. Er steht durchaus nicht nur für eine Melancholie der Zukunft gegenüber. Dass er nicht mehr zurück kann, nur zu schauen vermag auf all die Toten, die es schon gegeben hat, hat allein damit zu tun, dass niemand gemeinsam mit ihm die Vergangenheit besehen will als das, was sie war und wahr. Das ist der Grund, warum die Zukunft uns bedroht. Das Schlimmste, was man zur Zeit lesen kann, ist, ein bisschen Abstandhalten, ein paar Maßnahmen (doch bitte keine störenden) und ein gewaltiger Schuss Ischgl würden, begleitet von den Impfungen, die Sache schon richten.

Oh! Melancholie des Vergessens! Oh! Trauer der fröhlichen Ausblicke in eine Zukunft, die wieder einmal und immer wieder „Ischgl“ heisst!

Anne Peiter

Une étude menée à Ischgl en Autriche révèle une immunité durable contre le Covid-19 (msn.com)

1 Die Zahl ist falsch, der Schreiber hat die auf Deutsch geschriebene Studie nicht richtig verstanden, aber damit sollte man es nicht zu genau nehmen. Es ist eben ein Journalist!

Corona 194: Wissen ist Ohnmacht

Die Soziologin Cornelia Betsch bemerkt im Radio, dass sich der Überdruss, den immer mehr Leute im Dauer-Lockdown empfinden, auch darin ausdrückt, dass das Bedürfnis, sich über Corona zu informieren, rapide nachgelassen hat. Mmh, kann ich verstehen, geht mir genauso. Man gewöhnt an Alles, und legt den sonderbaren Idealismus zu den Akten, der in der der Vorstellung besteht man könne die Situation durch Wissen beherrschen.

Wissen ist Macht, so heißt es ja. Aber es zu erwerben, ist auch sehr anstrengend. Außerdem ist es ja auch so, wie es mit dem Wissen halt so ist: Je mehr man davon hat, desto mehr weiß man auch, wie wenig man von hat. Also eigentlich gilt: Je mehr, desto weniger. Jeder Schritt, der Unbekanntes erschließt, lässt den Horizont zurückspringen, der das noch nicht Erschlossener aber zu Erschließende umschließt. Und wenn man nicht weiß, wie das geht; wenn man selbst keine Wissenschaftler:in ist, die gemeinsam mit den gleich gesonnenen Kolleg:innen die terra incognita systematisch vermisst, mag man bereuen, den ersten Schritt überhaupt getan zu haben, Man stümpert sowieso herum; die Sensationalität der ganzen Sache ist verschlissen. Soll man es nicht einfach denen überlassen die etwas davon verstehen?

Hinzu kommt schließlich, dass die Politik des letzten Jahres nicht den Eindruck vermittelte, dass uns das immens angewachsenen Wissen über Corona so viel geholfen hat. Der erste Lockdown im Frühjahr des letzten Jahres war ein Produkt der Angst. Man ging auf Nummer sicher, machte den Laden weitgehend dicht und brachte die Sieben-Tages-Inzidenz auf einen Wert zwischen 2 und 3. Hörthört! Nun weiß man so viel mehr, und bildet sich deswegen ein, die Risiken besser abschätzen zu können. Damit wird man aber nur anfälliger für den Druck der Industrie, und all der anderen, die sich fürchten, sei’s um die Rendite, sei’s um die Existenz. Aus mehr Wissen resultiert ein schlechterer Lockdown: Das ist die ernüchternde Bilanz, die wir ziehen müssen. Die fast animalischen Angstreflexe, die im Frühjahr 2020 dominierten waren realitätstüchtiger als das, was jetzt passiert.

Das bedeutet nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen das Wissen einzuwenden habe. Aber es kommt eben darauf an, wie man es nutzt. Die beiden Paradigmen, die da im Raum stehen, sind Optimierung und Resilienz. Die beiden Lockdowns – also die Zeit im Frühjahr 2020 und die seit November – verhalten sich zueinander wie zwei Werkzeuge. Das erste wurde zu Anfang einer technologischen Entwicklung, das zweite und eben dann gebaut, als diese Entwicklung ausgereift war. Mein erster Laptop war ein IBM PS/2: dickwandig, klobig, winziger Speicherplatz, bulliges Design wie eine romanische Dorfkirche, aber mit einer Tastatur ausgestattet, die bis zum Ableben der Festplatte 20 Jahre später hielt und vermutlich auch noch 20 Jahre länger gehalten hätte. Die Rechnerleistung hat sich seither in schwindelerregender Weise erhöht, aber es wird insgesamt viel weniger Material verbaut, Verschleiß und Obsoleszenz sind eingeplant. Was da schick und glänzend vor mir steht ist, von der Tastatur mal abgesehen (die dummerweise das Bauteil des Rechners ist mit dem ich am häufigsten in Berührung komme), ist viel besser als das was ich mal hatte und es ist auch zugleich viel schlechter, weil für die Mülltonne optimiert.

Ich glaube mehr und mehr, das uns dieser Optimierungswahn in einer Situation, in der ständig neue Unbekannten auftauchen und wir eigentlich nicht mehr optimieren können, nicht viel hilft. Wir müssen auf Nummer sicher gehen; dickwandig produzieren; von bad-case-Szenarios ausgehen; keine Versprechungen abgeben, die sich eventuell, aber eben nicht sicher halten lassen. Wir sollten mehr auf unsere archaischen Reflexe zurückgreifen um zur Resilienz zu gelangen. Sie sind vielleicht gar nicht so schlecht.

Und zufällig befinden sie sich auch in Konkordanz mit dem, was viele Wissenschaftler:innen sagen. Denn anders als Sokrates wissen sie zwar nicht, dass sie nichts wissen. Aber sie wissen ganz gut, was sie nicht wissen. Und das ist so viel, das explodiert in einem Maße um uns herum dass die groben Tools der Vorzeit angebrachter sind und eine Steinschleuder sich besser handhaben lässt als eine Drohne, die hinter dem nächsten Felsen in einem Funkloch verschwindet.

Wolfram Ette

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=902298

Corona 193: Mayotte

Der Nabel der Welt oder Eine Frage der Perspektive

Wir hören das nicht gern, obwohl es stimmt: Die französische Insel La Réunion sei ein kleines Steinchen mitten im Indischen Ozean. Natürlich fühlt man sich trotzdem als Nabel der Welt, schon darum, weil es unangenehm und Trotz erweckend ist, wenn politisch so leicht vergessen wird, dass das Steinchen überhaupt existiert. Aber dann reißt man sich wieder zusammen, guckt auf die Weltkarte und gibt zu: mehr als ein kleines Steinchen ist man wirklich nicht.

Getragen von dieser neuen, lehrreichen Lektion in Sachen Geographie und Bescheidenheit weitet man sodann entschlossen den Blick wieder über das Steinchen hinaus und erkennt: Es gibt Nachbarn, die sind fast alle größer als man selbst. Kleine Einschränkungen existieren: Mauritius und Rodrigues (politisch einen Staat bildend) sind auch nicht mehr als wir, auch sie: blosse Steine, einer sogar noch kleiner als wir selbst. Mayotte, die Komoren, all das: sehr bescheiden, ich gebe es zu.

Aber dann, ein bisschen weiter, Madagaskar, die große, rot leuchtende Insel – ein regelrechter Gigant! Und gleich dahinter, größer noch als groß, der afrikanische Kontinent in seiner Weite, der ausläuft in einer kleinen Spitze (wie so häufig das große), und die Spitze nennt man, seitdem man in Europa kolonial zu denken gelernt hat, das „Kap der guten Hoffnung“.

Es ist nun aber leider dies der Punkt – das Kap –, das überleitet zu einer Umkehr alles Gesagten. Während die europäische Presse sich überschlägt, weil kein Adjektiv zur Zeit so häufig verwendet wird wie das Wort „britisch“, besinnt man sich als Insulaner auf seine eigene, periphere Perspektive. „Britisch“, das ist nicht nur wegen des Brexits zentral. Im Gegenteil: Ich würde behaupten, dass die meisten Europäer, vierzehn Tage nach seinem Abschluss, schon einen sprachlichen Schlussstrich unter ihn gezogen haben. Dafür wabert das Adjektiv in Kombination mit dem Wort „Variante“ durch die Presse. Es ist diese neue Mutation die Quelle einer neuen, heftigen Angst. „Britisch“! Nichts ist schlimmer als das!

Und so kommt nun mich die Lust an, meine Stimme über die Ozeane und Kontinente hin erschallen zu lassen und eines zu bedenken zu geben: Der Impfstoffhersteller Pfizer/BioNTech versichert uns, sein Mittel werde auch gegen diese Variante wirken (die „britische“). Es ist also absehbar, dass man – so dramatisch es auch bis zur Durchimpfung noch werden mag (und dramatisch wird es) – das Problem in den Griff bekommt.

Das Adjektiv „südafrikanisch“ hingegen liegt quantitativ wie qualitativ weit abgeschlagen hinter dem Wort „britisch“, und das sieht man sehr viel deutlicher, wenn man, wenn auch in einer Entfernung, die groß (sehr groß) ist, ein direkter Nachbar von Südafrika ist. Denn von La Réunion aus betrachtet, ist das eben doch vergleichsweise nah.

Man weiß (was in Europa nicht so leicht jemand weiß), dass die Komoren von Kranken überschwemmt sind, dass eine Verbindung zur südafrikanischen Variante nicht ausgeschlossen werden kann, dass aber – denn die Komoren sind arm – kein Mensch nix Genaues weiß, wohl aber etwas Historisches: Die Komoren und Mayotte gehörten einst zusammen, Frankreich hat Mayotte mit politischen Tricks seinem eigenen Territorium erhalten, ohne zu bedenken, was entstehen würde: Flüchtlinge kommen mit dem Boot von den komorianischen Inseln nach Mayotte, und zwar trotz der vielen, die im Meer sterben, in einer solchen Anzahl, dass die Zahl der illegal dort Lebenden bald so groß sein könnte wie die Zahl der Leute von Mayotte selbst. Und weil nun wiederum enge familiäre Beziehungen zwischen Mayotte und La Réunion bestehen, muss man den Gedanken aufgeben, die Komoren, Mayotte und La Réunion seien Inseln. Sie sind es nicht, sie bilden das Gegenteil eine Einheit.

Womit zugleich gesagt ist, dass eine Virusvariante, die vielleicht (doch das vielleicht wirkt gerade sehr stark) nicht beherrschbar ist für den Impfstoff, eine Variante ist, die sehr schnell zu „springen“ beginnen kann (wenn sie’s nicht schon getan hat): Von Südafrika nach Madagaskar und auf die Komoren, von den Komoren (im Flüchtlingsboot oder anderswie) nach Mayotte, von Mayotte (dieses Mal ohne Boot, sondern ganz offiziell im Flugzeug) nach La Réunion, und (wenn man so weit denken mag) von La Réunion weiter hin zum europäischen Festland, das also seine Nachbarschaften falsch einschätzt: Die britischen Inseln mögen in allernächster Nähe liegen. Aber Südafrika, der Indischen Ozean, die kleinen Steinchen, hier und da, ultramaritim und ultraperipher in die Wellen gestreut, sind eben auch ganz nah, und mir scheint nicht, dass die französische Politik, die sich zwar sehr gern ihrer Übersee-Territorium rühmt, jedoch keine Ahnung hat, was auf diesen vor sich geht, über Nachbarschaften nachzudenken gelernt hat.

Was wiederum bedeutet, dass auch andere Nachbarschaften nicht ins Auge springen. Denn vielleicht ist die südafrikanische Variante sogar impf-mäßig beherrschbar. Und vielleicht werden es auch die anderen, aufkommenden Varianten sein. Aber der nächste Horizont ist eben ein räumlicher und zeitlicher. Und der zeitliche sagt uns: Es ist noch lange nicht vorbei. Es beginnt vielleicht gerade von Neuem.

Und darum sagte ich also anfangs, dass ich jetzt doch sehr selbstbewusst die anfängliche Bescheidenheit wieder zurücknehmen möchte und, ganz im Gegensatz dazu, die Warnung aussprechen will, die im Satz liegt: La Réunion ist der Nabel der Welt. Wir sehen was, was Ihr nicht seht: Wir sehen die Flugzeuge landen, die im Indischen Ozean unterwegs sind. Wir sehen sie landen, bei uns.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/covid-19-e484k-le-virus-mutant-sud-africain-qui-pourrait-nuire-%C3%A0-lefficacit%C3%A9-des-vaccins/ar-BB1cHVwe

Die Wilden

In Übersee ist eh immer alles anders. Gerade ist das leidgeprüfte Mayotte, Insel im Kanal von Mozambique, einem erneuten, mindestens dreiwöchigen Lockdown unterworfen worden, mit Schulschließung obendrein. Der Premierminister, der seinem Schulminister folgend, stets von der These auszugehen pflegt, die Schulen stellten keine bedeutende Ansteckungsquelle dar und müssten auf jeden Fall offen gehalten werden, macht also eine Ausnahme gerade bei Kindern und Jugendlichen, die Zuhause mehrheitlich kein fließend Wasser haben, nur in seltenen Fällen über eine Internetverbindung verfügen, nur in seltenen Fällen genügend Platz ihr eigen nennen, um in Ruhe Schulaufgaben erledigen zu können, nur in seltenen Fällen die Gelegenheit haben, weiterhin Französisch zu lernen. Es trifft, kurz gesagt, einmal wieder die Schwächsten, denn natürlich ist Mayotte, obwohl es vor jeher und gerade seit Beginn der Pandemie das Stiefkind der Nation ist – die Insel, die die längsten und schwierigsten Lockdowns überstehen musste, am frühesten mit dem rasanten Anstieg einer Variante konfrontiert ist, eine Insel, die überhaupt in Angst und Schrecken lebt, weil sich die allgemeine Gewalt und die Überfälle seit einigen Wochen zu Morden steigern, zu deren Opfern auch Jugendliche werden –, keinen gedanklichen Pfifferling wert.

Die Schulen auf Mayotte schließen? Mein Gott, wir sind doch nicht Mayotte! Wir sind das Zentrum! Das ist wahrhaftig der Gedanke, den der Premierminister öffentlich äußert. Er sagt es natürlich anders, aber gemeint ist genau dies. Die Schulschliessung sei auf Mayotte unerlässlich, so Jean Castex, „en raison du nombre de cas très importants détectés chez les jeunes, à la différence de l’Hexagone et qui s’explique sans doute par la forte circulation du variant [sud-africain]“ („… wegen der äußerst zahlreichen Fälle, die, anders als in Festland-Frankreich, bei jungen Leuten festgestellt werden und sich zweifelsohne aus der starken Ausbreitung der [südafrikanischen] Variante erklären“.)

Das Argument besagt, auf Mayotte habe man nun einmal eine andere Variante als im „echten Frankreich“: die südafrikanische. Es zirkuliert und zirkuliert da etwas, und leider eben auch ganz viel unter Kindern und Jugendlichen. Es ist offensichtlich, dass wahr ist, was der Premierminister sagt. Es zirkuliert wirklich. Doch der Umstand, dass eine Tendenz korrekt beschrieben wird, die im Tod eines oder einer gerade einmal 25-jährigen Covid-Kranken aus Mayotte zu ihrem Symbol gefunden hat (gesagt wird nicht, ob das Opfer eine Frau oder ein Mann war), bedeutet noch lange nicht, dass der Vergleich, der in Folge dieser Beschreibung versucht wird, auch korrekt sein muss.

Eigentlich verkommt Mayotte einmal mehr zur Beruhigungsinstanz: „Da unten, im fernen Ozean, ist die Situation einmal wieder dramatisch, aber wir sind ja nicht Mayotte.“ „Bei diesen Moslems, die noch nicht einmal schreiben und lesen können, kriegt man Dinge eben nie in den Griff, aber wir können ja schreiben und lesen.“ „Mayotte“? Ist das nicht in der Nähe von Südafrika? Ach, darum haben die diese komische Variante!“

So die Sätze, die man sich, ausgehend von Castex‘ Rhetorik weiter auszumalen hätte. Noch einmal: Einiges stimmt. „Natürlich“ steckt man sich leichter an, wenn man Zuhause noch nicht mal einen Wasserhahn hat, um sich die Hände zu waschen. „Natürlich“ werden auch die Schulen zu hohen Orten der Ansteckung, wenn Gewalt und soziale Not die Gesamtsituation bestimmen. Was mich nur stört, ist die Tatsache, dass der Premierminister dem Übersee-Ministerium nicht genauer zuhört. Denn dieses nimmt in seinen Bericht zur Lage auf Mayotte eine Nuance auf, die auch das Festland interessieren sollte: „Il est fort probable que cette présence de personnes plus jeunes en réanimation s’explique par la présence confirmée des variants 202012/01 (identifié au Royaume-Uni) et 501 (identifié en Afrique du Sud) de la Covid-19“. („Es ist äusserst wahrscheinlich, dass diese Einweisung jüngerer Leute auf die Intensivstation durch die bestätigte Präsens der Covid-19-Varianten 202012/01 (die in Großbritannien identifiziert wurde) und 501 (die in Südafrika identifiziert wurde) zurückzuführen ist.“) Die „britischeVariante“ spielt also auch eine Rolle! Und“Britisches“ hat man nicht allein auf Mayotte! „Britisches“ ist auch ein Thema für’s Zentrum.

Doch dies ist nicht etwas, was man zugeben mag. Man exotisiert die ferne Insel und ihre Probleme und schafft sich auf diese Weise das, was als vergleichbar zwischen ihr und dem“Zentrum“ zu gelten hat, vom Hals. Das heißt wiederum: Man weigert sich, von der Peripherie zu lernen. Man weigert sich, weil man Wasserhähne hat und eine weit überlegene Alphabetisierungsrate, weil man Großbritannien näher ist als dem schwarzen Afrika, weil der Covid noch zu keiner Mordwelle geführt hat, da – weit unten – hingegen schon.

Doch weil ich selbst auch von einer Insel komme, wenngleich von einer, die ziemlich viele Wasserhähne hat und einen wenigstens annäherungsweise akzeptablen Alphabetisierungsgrad, fühle ich mich der Nachbarinsel intim verbunden. Wer von der extremen Peripherie her kommt, wird empfindlich in Bezug auf nationales Pathos, wie es vom Überseeminister (der nicht nach Mayotte reisen mag, weil das mit der Quarantäne ja so verflixt umständlich wäre) zu hören ist: „Nous serons aux côtés des Mahoraises et Mahorais pour les soutenir dans cette épreuve: des mesures d’urgence économique seront mises en place, ainsi qu’une aide alimentaire. La solidarité nationale sera au rendez-vous“. („Wir werden den Frauen und Männern von Mayotte zur Seite stehen, um sie bei dieser schweren Prüfung zu unterstützen: ökonomische Hilfsmaßnahmen werden umgesetzt werden, und auch Hilfe für die Versorgung mit Lebensmitteln. Die nationale Solidarität steht auf dem Programm.“)

Es ist klar erkennbar: Die Not ist erneut so groß, dass man daran gehen muss, die Menschen wenigstens mit Lebensmitteln zu versorgen. Ich bin mir ganz sicher, dass dies das Einzige sein wird, um das man sich bemühen will. Denn auf den Inseln leben nun einmal nur – die Wilden, mit denen man jeden Vergleich scheuen darf.

https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2021/02/05/Reconfinement-Mayotte-pour-au-moins-trois-semaines_623948

Trotz

Les débarquements de kassas en provenance de l’Union des Comores se sont multipliés ces derniers jours malgré la crise sanitaire.“ („Die Landung von Flüchtlingsbooten aus den Komoren haben in den letzten Tagen trotz der sanitären Krise zugenommen.“)

Die Rede ist von Mayotte, und es ist durchaus kein neues Phänomen, dass Flüchtlinge mit kleinen Booten die relativ kurze, jedoch extrem gefährliche Distanz zwischen den Komoren und Mayotte, diese Insel im Kanal von Mozambik, überwinden, um französisches Territorium zu erreichen. Es zeugt von einem sehr tiefgehenden Missverständnis, wenn die französische Presse schreibt, die illegale Einwanderung finde „trotz“ der sanitären Krise statt. Das richtige Wort würde lauten : „wegen“. „Trotz“ ist hingegen ein Wort, das nur seinen Schreiber beschreibt : Man will nicht wahrhaben, dass die südafrikanische Variante nicht allein Mayottes öffentliches Leben zusammenbrechen lässt, sondern auch das auf den Komoren. Die Franzosen sind zornig, weil die Variante durch die Bootsflüchtlinge „eingeschleppt“ worden ist. Man stellt sich vor, wieviel besser die Situation gewesen wäre, wenn dies nicht passiert wäre. Aber Tatsache ist eben, dass die südafrikanische Variante auch die Komoren in eine tiefe Krise stürzt und dass dann die Menschen versuchen, der Krise zu entkommen – hin zu einem Territorium, das, vergessen und verloren von der französischen Regierung riesigen Problemen ausgesetzt ist, in den Augen vieler Komorianer:innen jedoch weiterhin daliegt als Insel der Hoffnung.

Man muss also die Perspektive umkehren, um zu erkennen, wie verkehrt das Wort „trotz“ ist.

https://la1ere.francetvinfo.fr/mayotte/des-arrivees-de-kwassas-en-cascade-922873.html

Koloniales Denken

Ein Spezialist, der mit der Zählung, Erfassung und also irgendwie: der Überwachung der Varianten befasst ist, gibt zu Protokoll, es habe in Frankreich die brasilianische Variante nicht gegeben. „Doch!“ will ich da rufen, „Bei uns sehr wohl!“ Doch dann schweige ich, denn ich komme ja von der Insel, und wahrscheinlich hat sich noch nicht allgemein herumgesprochen, dass auch wir zu Frankreich gehören. Zum Franken Reich im Indischen Ozean.

So mutet es denn auch sehr merkwürdig an, dass in derselben Veröffentlichung sehr viel von zwei Fällen der „südafrikanischen“ Variante die Rede ist, die man in einem Pariser Krankenhaus behandelt, nicht jedoch von den zahllosen „südafrikanischen“ Kranken, die es auf Mayotte gibt. Mayotte ist eben praktisch Afrika, das muss ja nicht eigens gesagt werden.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/covid-19-course-de-vitesse-contre-les-variants/ar-BB1dvEzTv

Mayotte liegt an der Mosel

An der Mosel explodiert gerade die Zahl von Fällen, die auf die südafrikanische Variante zurückzuführen sind. Die Situation ist so dramatisch, dass – horribile dictu! – sogar Schulschließungen wieder im Gespräch sind.

Darüber hinaus will man eine Antwort auf das „Warum“ bekommen : „Warum gerade wir und nicht andere? Warum diese Konzentration?“ Eine hastige Suche nach dem „Patienten Null“ hat eingesetzt, und Hypothesen, um den Unterschied gegenüber den Nachbar-Départements zu erklären, hat man natürlich auch schon. „Ce que l’on sait c’est que l’île de Mayotte compte beaucoup de variants sud-africains, mais c’est assez logique vu la proximité [avec l’Afrique du Sud]“ („Was man weiß, ist dass die Insel von Mayotte viele südafrikanische Varianten aufweist, und das ist auch ziemlich logisch, wenn man die Nähe [zu Südafrika] bedenkt“, argumentiert der Chef der Notaufnahme der Klinik Metz-Thionville. (Hinzugefügt wird von den Journalist:innen dann noch das Folgende: Zwar befindet sich Mayotte seit einer Woche im Lockdown, doch Reisen aus triftigen Gründen blieben weiterhin möglich.)

Diese Argumentation läuft auf eine Naturalisierung dessen hinaus, was auf Mayotte passiert: Mayotte liegt in der Nähe von Südafrika, also hat man die südafrikanische Variante, und dies gleich in Massen (der Arzt verwendet doch wahrhaftig den Plural von „Variante“!). In Wirklichkeit ist es aber so, dass die geographische Lage einer bestimmten Region gar nichts Natürliches ist, sondern etwas, was sich politisch gestalten lässt: Hätte man Mayotte vorzeitig geschützt (nämlich ausgehend von der unbestreitbaren Tatsache, dass Südafrika nicht weit entfernt liegt), hätte man aus Mayotte eine Insel machen können, die genauso weit von Südafrika entfernt liegt wie die Mosel.

Weil man dies aber nicht getan hat, ist passiert, was – dieses Mal wirklich natürlich! – zu erwarten war, nämlich: dass Menschen aus Mayotte an die Mosel reisten, und zwar mit der südafrikanischen Variante im Gepäck, die zuvor schon in anderen Gepäckstücken gereist war. Doch von der „südafrikanischen Variante“ zu sprechen, ist in Wirklichkeit natürlich totaler Quatsch, denn sie ist ja längst nicht mehr „südafrikanisch“, sondern – wie das Beispiel der Mosel schlagend beweist – *international*.

Doch wenn man denn unbedingt an den nationalen Kategorien festhalten und der Welt auf diese Weise ihre natürliche Geographie zurückgeben will, dann sollte man besser von der „komorianischen Variante“ sprechen. Von den Komoren ist nämlich die „südafrikanische“ Variante, die längst nicht mehr südafrikanisch ist, gekommen – von den Komoren, und zwar an Bord der winzigen Flüchtlingsschiffe, die es, wenn sie nicht in den Wellen untergingen, nach Mayotte geschafft haben.

Wenn jetzt, erstaunlicherweise trotz der Enttäuschung, dass man das Adjektiv „südafrikanisch“ durch das Adjektiv „komorianisch“ ersetzen muss, eine gewisse Erleichterung entsteht (denn man kann ja erneut behaupten, auch die Komoren seien weit, weit weg von der Mosel, weiter zumindest als von Mayotte), dann muss auch diese Erleichterung enttäuscht werden, und das kommt so: Die Naturalisierung, die in der behaupteten geographischen Nähe zwischen Mayotte und Südafrika bestehe, sieht sich in Frage gestellt, wenn sich herausstellt, dass Südafrika im Vergleich zu den Komoren gar nicht so wichtig ist für das, was sich auf Mayotte zur Zeit ergibt. Dann muss man nämlich wirklich ernsthaft die Wanderung der Varianten zu denken beginnen, und die führt von Südafrika *weg*.

Jetzt könnten Kritiker dieser Entgegnung jedoch entgegenhalten, die Komoren hätten der Variante sozusagen als Brücke gedient – als Brücke eben zwischen Südafrika und Mayotte –, so dass, trotz allem, die Variante auf Mayotte eine südafrikanische bleibe.

Dem wäre wiederum entgegenzuhalten, dass die extrem nahe Nähe zwischen den Komoren und Mayotte gar nicht ins Gewicht fallen würde, wären da nicht die immensen politischen Fehler, die man bei der Trennung der Komoren und Mayottes vor einigen Jahrzehnten begangen hat. Das heißt: Entscheidend ist gar nicht, dass die Inseln so nahe beisammen liegen, sondern dass man sie getrennt hat und die Komorianer auf ihren kleinen Booten nach Mayotte zu fliehen versuchen, weil es ihnen auf ihren eigenen Inseln so schlecht geht.

Das heißt : Das Problem ist nicht die geographische Nähe, sondern die politische und ökonomische Ferne, die man künstlich (nämlich durch die Politik) zwischen den Inseln eines einst zusammengehörigen Territoriums hergestellt hat.

Und die Ferne ist (obwohl Mayotte von äußerster Armut ist) eine Ferne, die nun einmal durch den Unterschied zwischen Reich und Arm entsteht. Mayotte ist – wenn auch nur vergleichsweise – reich, die Komoren sind entschieden arm. Daraus folgt, dass die „Natürlichkeit“ der geographischen Nähe auch hier nicht existiert. Vielmehr ist sie etwas historisch Entstandenes, etwas Politisches, und damit: abhängig von dem, was vor Jahrzehnten im scheinbar fernen Paris bezüglich der Menschen, die hier lebten, entschieden wurde.

Und so kommen wir langsam wieder zurück an die Mosel, die glaubt, Mayotte liege „natürlich“ nah an Südafrika (was objektiv falsch ist), oder meinetwegen auch nah an den Komoren (was, wenn’s als „natürlich“ gesetzt wird, ebenso falsch ist). In Wirklichkeit liegen die Komoren und Mayotte einander nur darum so nah, weil Paris die Komoren und Mayotte so stark voneinander entfernt hat. Oder anders: Die Komoren tragen dauernd gewaltige Probleme nach Mayotte, weil Paris damals dachte, es wäre kein Problem, Mayotte an Frankreich zu binden und alle seine historischen Bande zu den Komoren abzuschneiden. Das will heißen: Mayotte und die Komoren sind einander so fern-nah, weil Paris, notorisch kolonial agierend, seinen Übersee-Départements so fern steht.

Aber das erkläre doch noch immer nicht, warum man jetzt an der Mosel die südafrikanische Variante hat!, höre ich schon, als Echo aus Paris, rufen. „Doch“, will ich da wiederholen, „natürlich sind Mayotte und die Mosel nahe Nachbarn, denn dafür ist ja die Mosel in der Nähe von Paris, wo all die realitätsfernen Entscheidungen bezüglich der nur scheinbar fernen Inseln getroffen zu werden pflegen!“

Die hohe Wahrschenlichkeit, dass Reisende aus Mayotte die „südafrikanische“ Variante in die Region an der Mosel eingeschleppt haben, ist darauf zurückzuführen, dass die Mosel sich dafür entschieden hat, der Regierung in Paris näher zu stehen als der Bevölkerung auf Mayotte. Wenn man gesagt hätte, dass die Mosel und Mayotte sich als eine natürliche Einheit verstehen, die gemeinsam gegen die Natürlichkeitskonzepte auftritt, die das der Mosel so naheliegende Paris zu vertreten pflegt, dann hätte man die katastrophale Situation im Metzer Krankenhaus vielleicht vermeiden können.

Konkreter: Wenn man sich an der Mosel schon länger gesagt hätte, dass man etwas an der Tatsache ändern muss, dass die Mehrheit der Familien auf Mayotte Zuhause kein fließend Wasser und keinen Strom hat, wären auf Mayotte nicht so viele Menschen krank geworden und würden jetzt auch an der Mosel weniger Menschen krank werden – schlicht weil die Nähe zwischen den Krankenhäusern von Metz und Mamoudzou dann zu einer natürlichen geworden wäre und es nicht als natürlich betrachtet worden wäre, dass sich Leute, die in der Nähe von Südafrika leben, nun einmal nicht die Hände waschen können, obwohl dies in Pandemiezeiten im höchsten Masse als ratsam erscheint.

Wenn man also, weil man sich an der Mosel darum bemüht, sich gegen den Covid die Hände zu waschen, ein Interesse daran entwickelt hätte, dass man sich auch auf Mayotte die Hände waschen können müsste (und am besten auf den Komoren und in allen südafrikanischen Slums auch), dann rückten Metz und Mamoudzou in puncto Händewaschen einander ganz nah, in puncto Covid aber entstünde die Situation, die sich der Metzer Arzt als rein geographische Gegebenheit schon jetzt herbeiphantasiert, nämlich: dass Metz und Mamoudzo weit auseinander liegen. Und das hätte auch stimmen können, d.h. die geographische Nähe Mayottes zu Südafrika hätte die Metzer einen Scheißdreck angehen können, wenn sie sich denn für die Wasserhähne im Krankenhaus von Mamouzdou ein bisschen früher interessiert hätten.

So aber gibt es weiterhin kaum Strom und Wasserhähne bei den Familien auf Mayotte, und so ist natürlich und ohne jede Möglichkeit zum Widerspruch der geographische Beweis dafür erbracht, dass Mayotte an der Mosel liegt und nicht, wie man bisher glaubte, in der Nähe von Südafrika.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/variants-du-covid-19-comment-expliquer-la-flambée-de-l-épidémie-en-moselle/ar-BB1dCQLv?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Corona 191: Zur Frage der Evidenz

Aus evidenten Gründen

Ein Kollege schrieb mir, „aus evidenten Gründen“ wäre es besser, dass nicht nur die deutschen Kollegen die Eltern anlässlich des „Tags der offenen Tür“ beraten, den die Universität gerade organisiert. Es gibt Gründe, die sprechen dafür, dass Franzosen das besser können. Es gibt aber auch Gründe, die dafür sprechen, dass die Deutschen die Eltern hinreichend gut informieren können. Ich stoße also eine Debatte an.

Aber eigentlich geht es mir gar nicht um das Für und Wider der einen oder der anderen Lösung. Es ist diese Frage an sich uninteressant. Was mir hingegen als total unverdaulich sofort auf den Magen schlägt, ist, wenn ich so eine Formulierung wie „aus evidenten Gründen“ (ohne jede Begründung, ohne jedes Argument) lese.

Die Pandemie macht mich sprachlich empfindlicher als je zuvor. Evidenz für sich zu behaupten, und sei es auch nur im Kontext einer so blöden Frage wie der Frage nach der Organisation des „Tags der offenen Tür“, bringt mich innerlich auf die Palme, weil ich die ganzen Evidenzen sehe, die auch sonst noch herrschen. „Es ist evident, dass unser Wochenende auf Mauritius eine tolle Sache war.“ Ist es das? „Es ist evident, dass die Welt durch die billigen Flüge auf tolle Weise zusammenrückt.“ Ist es das? „Es ist evident, dass es heute so heiß ist, dass man nur mit Klimaanlage arbeiten kann.“ Ist es das? „Es ist evident, dass man bezüglich der Krise stark übertreibt.“ Ist es das?

Also polemisiere ich nicht über die Eltern, die wir zu empfangen haben werden, sondern über das Konzept der Evidenz an sich. Doch leider kann ich nicht auf die Meta-Ebene gehen und kann auch nicht sagen, dass für mich Evidenzen so ziemlich das Letzte sind, durch das ich mich überzeugen lassen kann. Evidenzen sind das eigentliche Problem, aber ihre Reichweite ist so groß, dass sie unmöglich zu fassen sind. Ein offener Widerstand gegen Formulierungen mit dem Wort „Evidenz“ kämen einer Aufkündigung sozialer Codes gleich, und darum diskutiert man also über offene Türen, ohne auf das eigentliche Problem auch nur mit einem Worte zu sprechen zu kommen. Aber das ist ja bei Konflikten meistens so. Und produktiv werden Konflikte erst, wenn man zu ihrem Kern vordringt. Aber ist’s so evident, dass man das im Kollegenkreis anstreben sollte?

Anne Peiter

Evidenzbasiert

I

„Evidenzbasiert“ entwickelt sich gerade zum Modewort. Die neuen Leitlinien für den Schulunterricht seien, so liest man, evidenzbasiert. Das bedeutet, dass sie auf wissenschaftlichen Studien basieren.

Nun produzieren wissenschaftliche Studien alles mögliche, aber keine Evidenz. Das Evidente ist das, was „vor Augen liegt“ (vom Sehsinn leitet das Wort sich her), was ohne weitere Diskussion von sich aus klar ist – das, wozu es wenig Bildung und keine Gelehrsamkeit braucht. Dass 3 größer ist als 2, ist evident. Das System des Zählens und der natürlichen Zahlen ist kulturübergreifend so tief eingeprägt, dass man es in einem Gespräch voraussetzen kann. Tagtäglich bewegen wir uns durch einen Wald solcher Evidenzen, über die wir nicht nachdenken. Und das ist notwendig, denn es ermöglicht uns, unser Leben zu führen, ohne in jeder Sekunde alles infrage zu stellen und zu diskutieren.

Genau das macht aber die moderne Wissenschaft. Sie stellt Fragloses infrage. Sie misstraut Evidenzen – so sehr, dass man dieses Misstrauen als eine zentrale Triebkraft zumindest der neuzeitlichen Wissenschaft bestimmen könnte. Sie will das, was evident zu sein scheint, beweisen – oder auch widerlegen. (Ja, auch widerlegen: zum Beispiel die augenscheinliche Evidenz, dass leichte Körper langsamer fallen als schwere. Das stimmt gar nicht, bekommen wir erklärt. Es sieht nur so aus, weil das Verhältnis von Gewicht und Luftwiderstand bei leichten Körpern ein anderes ist als bei schweren. Im Vakuum fallen alle Körper gleich schnell. Ich finde das nicht evident, weil ich keinerlei sinnliche Gewissheit davon habe. Aber ich glaube dem, was die Wissenschaftler sagen

Wissenschaftliche Studien wie diejenigen, auf die sich die Leitlinien für den Schulunterricht zu berufen behaupten, produzieren überhaupt keine Evidenzen, sondern mühsam erarbeitete Daten. Sie geben zum Beispiel Antworten auf die Frage, wie sich die durchschnittliche Infektionsrate verändert, wenn man einen Raum mit 25 Schülern zweimal pro Stunde lüftet; – und was geschieht, wenn man das dreimal pro Stunde tut. Sie versuchen in unserem Fall überhaupt, alle möglichen Parameter mit der Infektionsrate zu korrelieren: Zahl der Schüler im Raum; Art der Masken; gemeinsame Schulspeisen unter welchen Bedingungen usf.

Nichts davon basiert auf Evidenz oder produziert irgendeine Evidenz. Das beginnt damit, dass eine Krankheit untersucht wird, die gerade in den untersuchten Altersgruppen nicht evident ist, weil ein Großteil der Verläufe an symptomatisch ist. Bereits der Ansatz bei einen Durchschnittswert verstößt gegen jede Evidenz. Evident sind die wirklichen Fallzahlen: dass zum Beispiel in einer Klasse 15, in einer anderen 5 Kinder infiziert sind. Der Durchschnittswert 10 ist aber gerade nicht evident.

Warum wird aber behauptet, die Studien, auf denen die politischen Maßnahmen »basierten«, böten Evidenz, wo sie das doch gerade nicht tun, und vielmehr der Typus von Wahrheit, an dem sie sich orientieren, der Evidenz geradezu entgegengesetzt ist? Wird damit ein unterdrücktes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft kaschiert, sei es weil man dieses Misstrauen selber hegt, sei es, weil man es der Bevölkerung unterstellt, der man diese Maßnahme verkaufen will? Muss das gerade nicht Evidente, sondern in langwierigen methodischen Auseinandersetzungen Erworbene und immer wieder aufs Neue infrage Gestellte, dass niemals-mehr-als-Bestmögliche mit der schlaglichthaften Härte des Evidenten ausgezeichnet werden, also des diskussionsunbedürftig Klaren, weil man das wissenschaftliche Fundament für weniger sicher hält als jedenfalls eine Evidenz? Die „sinnliche Gewissheit“, das allererste Kapitel von Hegels „Wissenschaft von der Erfahrung des Bewußtseins“, das allererste, man könnte sagen, kindlich-vorgeschichtliche Stadium der ontogenetisch-phylogenetisch Geschichte des Geistes, die er entwirft, drängt sich in den Zeiten der Krise in den Vordergrund, in denen die moderne Naturwissenschaft, alsso ihr radikales Gegenteil, vielleicht das Beste ist, was wir haben. Das aber ist ärmlich genug, wenn man ihre per definitionem falsifizierbaren Ergebnisse in ein Dogma der Unbezweifelbarkeit verzaubert?

II

Der obige Text wurde geschrieben, bevor die Ministerpräsidenten der einzelnen Bundesländer bekannt gaben, wie sie es mit den Schulen halten werden. Jetzt haben wir 16 verschiedene Versionen evidenzbasierter Politik, worin sich andeutet, dass es mit der Evidenz vielleicht doch nicht so weit her ist und es notwendig erscheint, sie föderal auszudifferenzieren. Es findet eine Gegenbewegung statt. Man erhebt die Wissenschaft zur Evidenz und gönnt sich zugleich politische Abweichungen. Ob es sich dabei um einen bewusst verfolgten Plan handelt, scheint mir ebenso unwahrscheinlich, wie es mir – umgekehrt – wahrscheinlich vorkommt, dass der Zusammenhang der Entgegengesetzten von einer unbewussten Logik determiniert ist, die den politischen Pragmatismus mit dem Segen der ganz neuartigen Kirche ausstattet, die sich in der Krise herausgebildet hat –: dem der Evidenzen produzierenden Wissenschaft!

Wolfram Ette

Corona 190: Perspektivwechsel

Unser Grundfehler im Umgang mit dem Virus: ihn als Gegner wahrzunehmen, das heißt als ein Gegenüber, das in irgendeiner Weise so strukturiert ist wie wir, und dessen Verhalten wir mit menschlichem Maß messen können, das wir am Ende »besiegen« können. Es ist nicht so. Aber da mögen die Wissenschaftler noch so gute Argumente dafür anführen, dass es sich nicht so verhält, wie wir denken oder besser wie wir intuitiv empfinden: Wir halten daran fest.

Manchmal schleicht sich dieser Anthropomorphismus sogar in die Redeweise derer ein, die es eigentlich besser wissen müssten – also der Wissenschaftler –, und deren Arbeit und Mühe der eigentlich darin besteht, die Natur zu entmenschlichen und den Dämon der Analogie, der uns verfolgt, wenn wir an sie denken, und von ihr sprechen, zum Schweigen zu bringen. Aber auch in ihnen ist die Bewusstseinsschicht, die mit der Natur streng naturwissenschaftlich, also nicht anthropomorphisierend umgeht, sehr dünn: ein wenig dicker als bei uns, aber dünn. Die kulturelle Gewohnheit, die sich uns über Zehntausende von Jahren eingeprägt hat, läuft nun mal darauf hinaus, die Natur als unser Ebenbild zu betrachten. Wir haben ihr den Schrecken genommen, indem wir mit ihr so umgingen, als wäre sie etwas, das zwar viel mächtiger ist als wir, aber zumindest so denkt und handelt wie wir. Und so kommt es eben das vom »Krieg« gegen das Virus die Rede war, und jetzt vom »Wettrennen« zwischen dem Virus und der Impfkampagne, vom »Fluchtverhalten« des Virus angesichts unserer immunologischen Hochrüstung, aber eben auch davon, dass es ja eigentlich nichts anderes »will« als in Frieden mit uns zu leben, was niedrige Todeszahlen einschließt. Wir können nicht anders. Irgendwie fällt uns nichts Besseres ein.

Wie das Verhältnis zwischen uns und dem Virus zu fassen wäre, können wir uns vielleicht versuchsweise daran klarmachen, dass das Virus selbst nicht lebt sondern erst durch seinen Wirt zum Leben erwacht. Sein Leben ist das seines Wirts. Es hat kein eigenes Leben, keine eigene Initiative. Es handelt nicht gegen uns, sondern nutzt bloß unser Verhalten für sich aus. Wenn hier überhaupt irgend ein Anthropomorphismus statthaft ist so verhält sich das Virus wie ein Aikido-Kämpfer (oder -Kämpferin), deren Kunst nicht im kraftvollen Angriff, sondern in der reaktionsschnellen, über Jahre eingeübten Nachgiebigkeit besteht – in der Art und Weise, in der sie die Kraft des Gegners gegen ihn selbst zu wenden verstehen. Aber auch dieser Vergleich hat seine Grenzen. Aikido ist trotz allem ein Kampfsport. Es geht um Sieg oder Niederlage. Das auf dem Virus zu beziehen, wäre grundfalsch. Die evolutionäre Logik, nach der sich dieses Halbwesen richtet – es »will« das keineswegs; eher ist es ein Schematismus, der sich evolutionär auf lange Sicht eingespielt hat –, läuft nicht auf Sieg oder Niederlage sondern auf eine Art Kohabitation hinaus. Und dies gilt umso mehr, als – ich wiederhole mich, aber es kommt in den Diskussionen nach meinem Eindruck zu kurz – ein Virus selbst nicht lebt, und deswegen in gewisser Weise gar nichts anderes tun kann als das, was sein Wirt tut.

Das ist der Subjektwechsel, die epistemologische Umkehr auf die es ankommt. Das Virus ist unser Spiegel, unser Resonanzkörper. Es ist nichts als das, was wir sind. Rücken wir eng zusammen und erfreuen uns unserer Geselligkeit, so sind die steigenden Infektionszahlen der materielle Ausdruck dieses fröhlichen Lebensüberschusses. Ziehen wir uns zurück und sterben innerlich und äußerlich ein wenig ab, so bleibt dem Virus, der keinen eigenen Willen hat, sondern nur unser eigener verlängerter Wille ist, gar nichts anderes übrig, als sich selbst zurückzuziehen, und auch ein wenig zu sterben – soweit man das von einer solchen Existenz überhaupt sagen kann, also besser: sich in den evolutionären Winterschlaf und Ruhezustand zu verziehen, in dem es viele Viren seit Millionen von Jahren mehr oder weniger unverändert aushalten.

Es gibt kein Gegenüber, keine zwei Subjekte. Das Virus ist, was wir sind. Es ist nichts anderes als ein Katalysator ein Vehikel, das uns ausdrückt und unser Leben in einen Tod umwandelt, der zumindest aus unserer Sicht zu früh kommt.

Wolfram Ette

Corona 189: Keine Lust auf Vorher

ne pas sortir

parfois ça m’empêche de dormir
l’idée de retrouver
l’open space
la cafétéria
les bouchons…

je fixe le plafond dans mon lit
et je me demande
comment faire
pour y échapper
une fois que tout
sera redevenu
comme avant

rien que l’idée
de croiser des collègues
tous les jours
de devoir échanger
de reprendre les codes
de la vie en entreprise
je suis épuisé d’avance

je n’ai plus vraiment
envie de sortir

nicht rausgehen

manchmal hält mich das vom schlafen ab
die idee erneut
im open space zu sein
in der cafeteria
im stau…

ich starre die decke an
in meinem bett
und ich frage mich
was ich tun könnte
um dem zu entkommen
wenn alles wieder
so sein wird wie zuvor

allein schon die idee
wieder mit den kollegen
tagtäglich zusammenzutreffen
mich austauschen zu müssen
die codes wiederaufzunehmen
das leben in der firma
erschöpft mich im vorhinein

ich habe wirklich
kein lust mehr rauszugehen

http://www.slate.fr/story/199896/angoisse-monde-avant-confinement-covid-19-impact-social-travail-peur-vie-normale

Corona 188: Das kältere Eis

Als Kind habe ich in einem christlichen Erbauungsbuch eine Geschichte gelesen, in der ein weißes und ein schwarzes Kind sich darüber streiten, wo es das beste Eis zu kaufen gäbe. Das schwarze Kind kauft, na klar, sein Eis bei einem schwarzen, das weiße bei einem weißen Eisverkäufer. Das schwarze brachte schließlich vor, dass man sich über Geschmack ja nicht streiten könne, dass das Eis in seinem Eisladen aber jedenfalls billiger sein. Das weiße Kind dachte einen Moment nach und sagte dann: Bei meinem ist es aber kälter.

So in etwa würde ich das Ungesagte ausformulieren, den vagen Assoziationsraum, die die seit Wochen anhaltende Debatte um die Impfstoffe umgeben. Irgendwie ist das von Biontech und Pfizer entwickelte Produkt besser, auch wenn’s niemand so sagt. Es kam zuerst heraus, wurde zuerst zugelassen, verwendet zum ersten Mal eine neue Technologie – und es ist kälter, also irgendwie frischer, labornäher, ein echtes hightech-highend-product. Wir leben im Ausnahmezustand, also sollte das, was uns rettet, auch ein Ausnahmeprodukt sein. Dass der Impfstoff von AstraZeneca bei uns nur bis zu einem Alter von 65 Jahren verimpft werden kann – in Spanien und Italien liegt die Altersgrenze noch niedriger – verstärkt den Eindruck eines Zweiklassensystems. Es gibt den ›Vollimpfstoff‹, den A-Impfstoff erster Klasse sozusagen, der in Deutschland und den USA entwickelt wurde; und es gibt den anderen, der auf konventioneller Technologie beruht, der keine Vollzulassung erhält, nicht so stark gekühlt werden muss und überdies noch viel billiger ist.

Natürlich wird umgekehrt ein Schuh daraus, das ist schon klar. Das meiste, was per Unterschleif und eher so intuitiv gegen den britisch-schwedischen Impfstoff spricht, spricht ja eigentlich für ihn. Und jetzt häufen sich auch noch die Botschaften, die das Bild tendenziell in sein Gegenteil verkehren. Der russische Impfstoff »Sputnik V«, an dem viel herumkritisiert worden war, scheint ebenso wirksam zu sein wie die westlichen Impfstoffe; und er war sogar eher auf dem Markt, weil die russische Regierung mit typisch autoritärer Unverfrorenheit die Phase-III-Studie mit der ersten Impfrunde kurzschloss.1 Wie es scheint, ist das gutgegangen. »Sputnik V« behauptet sich nun als robuste Alternative auf dem Markt. Der Impfstoff aus den Laboren zweier Länder wiederum, die mit der Epidemie zunächst eher lässlich umgingen und denen deswegen nicht so recht zu trauen ist, scheint uns auch davor zu schützen, dass man das Virus weitergibt. Man hört das hierzulande nicht gern. Eine genaue Untersuchung der Frage nach dem Zusammenhang von Immunität und Infektiosität wird ja tendenziell verschleppt, um sich die anstehenden juristischen Auseinandersetzungen um sogenannte Impfprivilegien zu ersparen. Und nun erfahren wir auch noch, dass sich die Bewohner eines Osnabrücker Pflegeheims nach ihrer Biontech-Impfung neu infiziert haben, und zwar ausgerechnet mit der britischen Variante, von der man, anders als im Fall der südafrikanischen und wohl auch der brasilianischen (die nun wieder über Manaus hergefallen ist), kein immune-escape-Verhalten erwartet hatte. Es ist zum Auswachsen! Dazu dann noch die Lieferengpässe, die es sehr fragwürdig erscheinen lassen, ob die Bundesregierung ihr Impfangebot bis zum Ende des Sommers wird aufrecht erhalten können.

All das verschiebt sich ständig und befindet sich in unablässiger Bewegung. Das macht Angst und lässt die Anstrengung der Politik, in diesem Wirrwarr gut auszusehen, Festigkeit und Autorität auszustrahlen, immer fadenscheiniger aussehen.

Wäre es eine Möglichkeit, den kalten Krieg endlich zu beenden und große Mengen des russischen Impfstoffs zu bestellen. Aber kann man sich diese Blöße geben? Ich höre, dass man darüber nachdenkt. Aber wäre die Bevölkerung dazu zu bewegen, sich mit einem »Sputnik« impfen zu lassen? Zu dumm: Hätten die Russen nicht einen anderen, neutraleren Namen wählen können: einen, der nicht ans Trauma einer vormaligen technologische Überlegenheit der Sowjetunion erinnert, die es nun zu einer Neuauflage bringen soll?

Es wird nicht funktionieren. Angesichts dessen besinnt man sich vielleicht auch wieder darauf, dass das kältere Eis einfach das bessere ist, auch wenn es mehr Geld kostet und nicht mal aus Sibirien kommt.

Wolfram Ette


Anmerkung

1 Keine Herablassung in dieser Sache. Es ist bei uns mit Ritalin nicht anders gelaufen. Medikamente dürfen ja grundsätzlich nicht an Minderjährigen ausprobiert werden; man hat Ritalin an Erwachsenen getestet (bei denen es häufig anders wirkt), dann ein wenig extrapoliert und die Verschreibung für Minderjährige freigegeben. Auch ein Real-Life-Experiment.

Corona 187: Historisierungsversuche / wandernde Adjektive

Kurze Anmerkung zu ausgewählten, historischen Aspekten des Coronavirus

Manche Virologen vermuten, Frankreich befinde sich vielleicht in einem „Dazwischen“, dessen Pole durch die „historische Variante“ („variant historique“) auf der einen und die „britische Variante“ („variant britannique“) auf der anderen Seite bezeichnet würden. Ich habe das nicht erfunden! Die Spezialist:innen sprechen jetzt wirklich von der „historischen Variante“, obwohl der „klassische Virus“ gemeint ist. Aber man sieht bereits, wie die echte Variante die Echtheit des Klassisch-Historischen infiziert und sich auch sprachlich die Überlagerung des „Neuen“ über das „Alte“,“Historische“ dokumentiert.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/variants-le-gouvernement-observe-toujours/ar-BB1dottz

*

Die guten alten Zeiten

Man weiß immer noch nicht richtig, wie man die Varianten benennen soll. Aber man versucht’s jetzt vom Gegenpol, d.h. von dem her, was mitunter, faute de mieux, „klassischer“ oder auch „historischer Virus“ genannt wird – eben der „übliche Covid“. In einem Interview, das ein Arzt gegeben hat, lese ich nun den Ausdruck „Virus des Jahres 2020“, und das ist aufregend, weil es eine zeitliche Dimension in die Bezeichnung einführt, die erkennen lässt, dass die Varianten uns peu à peu zu einer historischen Sicht auf den Virus zwingen. Der alte vergeht, die neuen kommen. Ein Zeitenwechsel steht bevor, und was man zur Zeit beobachten kann, ist, wie die französische Regierung sich festkrallt am Alten, an dem also, womit sie sich vertraut gemacht hat: der Virus, an den man sich gewöhnt hat – der gute, alte Covid!

Bisher war mein vorherrschender Gedanke, es gelinge in Frankreich nicht, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, weil man zu wenig in der Lage sei, wirklich scharf zu analysieren, was man in der Vergangenheit falsch gemacht hat. Man starre zu viel auf die Zukunft, blicke zu wenig zurück, sehe nicht, dass das, was heute passiert, schon vor zwei Wochen passiert ist – das war ein Gedanke, um den ich permanent kreiste, sozusagen als Kern meines Credos.

Ich muss mich korrigieren. Die Idee, vom „Virus des Jahres 2020“ zu sprechen (die natürlich impliziert, in Entsprechung bald auch die „Viren des Jahres 2021“ benennbar zu machen), vermittelt den Eindruck, dass man beginnt, zu spüren, wie gut es uns gegangen ist, als es nur den „guten, alten Virus des Jahres 2020“ gab. Man lebt ganz in der Vergangenheit! Ich habe mich getäuscht!

Keinen Lockdown zu beschließen, obwohl alle Epidemiologen sagen, dass die Varianten mit großer Schnelligkeit den „alten“ Virus verdrängen, wirkt paradox. Man tut so, als hätte man’s noch mit dem „guten, alten Virus“ zu tun, aber in Wirklichkeit führt man, indem man sein Verhalten an dem ausrichtet, was er uns beigebracht hat, die Zeitenwende selbst herbei. Gern würde man die „guten, alten Zeiten“ noch ein bisschen verlängern, sie andauern lassen, sich im beruhigenden Gefühl sonnen, dass man weiß, was passieren kann.

Doch indem man das tut – den „guten, alten Zeiten“, dem „guten, alten Virus“ anhängen in nostalgischer Treue und Anhänglichkeit –, führt man die Zukunft nur umso schneller herbei. Vorbei die kurzen, hoffnungsvollen Tage, wo man, zutiefst erschreckt vom Neuen, die Grenzen nach Grossbritannien schloss, meinend, man werde die Varianten draussen lassen können, als Fremdes, „Britisches“. Es waren Tage (gezählte, kurze Tage), in denen wie ein kurzer, leuchtender Blitz die Zukunft aufleuchtete und die guten, alten Zeiten als etwas von diesem Blitz, d.h. von seiner Zerstörungskraft Bedrohtes versanken.

Doch dann hat man festgestellt, dass die britische Variante eh schon so stark bei einem selbst zirkulierte, dass man die Illusion fahren lassen konnte, sie sei nur „britisch“. Das heißt: Man sank zurück in die Vergangenheit. Die Zukunft war schon da, aber der Blitz vorbei. Und jetzt, am Ende dieser ersten Februarwoche des Jahres 2021, fühle ich mich ganz als Historikerin, weil mir, Schritt für Schritt, immer klarer wird, woher meine große Anspannung kommt: Mir scheint, dass ich den Gefahren eines ganz und gar konservativen Weltbildes beiwohne und, obwohl gar nicht vom Fach, ziemlich genau sagen kann, was innerhalb der nächsten drei, vier Wochen daraus folgen wird.

Mit „konservativ“ meine ich das genannte Festhalten am Alten, das Bewahren-Wollen um jeden Preis, das Weiterwurschteln in bekannten Mustern. Die Regierung glaubt, Politik zu machen, indem sie absieht von dem, was neu ist. Es ist, als müsse man ihm nur keine Aufmerksamkeit schenken – und schon kommt es nicht. Aber natürlich wird das Gegenteil geschehen. Die Varianten (im Plural) sind alle ansteckender, vielleicht sogar letaler als der „gute, alte Virus“, es wäre also höchste Zeit, zu erkennen, dass das, was einem als Zukunft bevorsteht, schon geschehen ist.

Und das meine ich dieses Mal nicht im Sinne „die Ansteckungen, deren Konsequenzen wir in zwei Wochen erleben werden, haben schon stattgefunden“, sondern noch ein wenig anders: Man konnte ja wirklich sehen (lange, ausführlich übrigens), was in Großbritannien, Irland und Portugal passiert ist. Das heißt: Man hat konkretes Anschauungsmaterial aus den Vergangenheiten der Nachbarn, die die Zukunft bei einem selbst vorwegnehmen, wenn man ihre Aktualität nicht begreift. Es ist noch nicht einmal die gedankliche Anstrengung nötig, die darin besteht, sich zu sagen: „Was gestern bei uns passiert ist, ist unsere unmittelbar bevorstehende Zukunft“. Vielmehr haben die neuen Varianten die Freundlichkeit gehabt, ihr Wirken woanders vorzustellen und sich selbst – als Zeitenwende – in aller Deutlichkeit anzukündigen.

Doch die französische Regierung mag’s nicht sehen, und so lebe ich denn in dem Gefühl, dass sie die Vergangenheit abwehrt, wenn’s not tut, ihr ins Auge zu blicken, und dass sie sich vergangenheitsverliebt in den „guten, alten Zeiten“ verkrallt, wenn’s not täte, dies nicht zu tun. Wie immer sie ihr Verhältnis zur Vergangenheit gestaltet – sie macht es falsch.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/des-chances-minces-de-contr%C3%B4ler-l%C3%A9pid%C3%A9mie-de-covid-19-sans-confinement-en-france/ar-BB1dsBMT

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Die Variante der Variante

Es wird vermutet, dass die „englische Variante“ gerade eine weitere Variante ausbilde, die sie der „brasilianischen“ und „südafrikanischen Variante“ annähere. Die allgemeine Nervosität der Spezialist:innen erkläre sich daraus, dass die Impfstoffe bei den beiden letztgenannten nicht gut funktionieren. Es wird hinzugefügt, dass die bisherigen Impfstoffe hingegen bei der „klassischen, englischen Variante“ kaum Einbussen bezüglich ihrer Effizienz zu verzeichnen hätten.

Weit mehr als die Frage der Effizienz interessiert mich das Wandern der Adjektive. Bisher war es so, dass der Covid, mit dem wir uns nun schon ein ganzes Jahr herumschlagen, als „klassisch“ bezeichnet wurde, sobald man ihn gegen „Britisches“, „Brasilianisches“ oder „Südafrikanisches“ abzugrenzen hatte. Jetzt machen aber die geographischen Angaben offenbar auch nicht mehr richtig Sinn. Die Sprache versucht, das abzubilden, doch sie sucht sich, sie sucht nach der richtigen Bezeichnung für eine Wirklichkeit, auf die ein unerhörter Beschleunigungsprozess zu wirken scheint: Das Englische wird brasilianisch! Oder südafrikanisch! Oder beides! Es ändert seine Nationalität!

Welches Wort soll man nun aber nehmen, wenn man noch ein wenig von dem sprechen will, was augenscheinlich auch schon abgelöst wird, nämlich von dem Neuen, das jetzt auch schon nicht mehr so neu ist: vom „Britischen“ im herkömmlichen Sinne, meine ich? Die Antwort ist einfach: Man unterscheidet den „klassischen Virus“ von der „britischen Variante“, doch wenn man die „britische Variante“ wiederum von der Variante ihrer selbst unterscheiden will, nennt man sie „klassische britische Variante“.

Das ergibt, wenn man dann wiederum zwischen dieser Variante und dem wirklich Klassischen, da weit Ursprünglicheren und damit „Echten“ unterscheiden will, eine denkwürdige Kombination: Es steht auf einmal der „klassische Virus“ gegen die „klassische Variante“. Daraus ist zu schliessen, dass sich in dem Masse, in dem die Variation von Variationen die geographischen Zuordnungen in der grossen, weiten Welt auflöst, Europa wieder zusammenrückt: Der Virus, der Europa nun schon so lange im Griff hat, erklärt sich bereit, notfalls auch alles „Britische“ wieder in sich selbst zu integrieren. Wenn die Grenzen nach aussen nur klar umrissen bleiben. Südafrika! Brasilien! Pah! Damit wollen wir nix zu tun haben!

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/coronavirus-le-variant-anglais-est-il-d%C3%A9j%C3%A0-en-train-de-muter/ar-BB1dlI4J

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Alt in Anführungszeichen

Man zögert jetzt vielfach noch, den Covid-19 in seiner „ursprünglichen“ Form als „alt“ zu bezeichnen, denn noch ist er ja unter uns, und so ganz mag man sich noch nicht von ihm verabschieden. Darum findet man das Adjektiv „alt“ jetzt oft in Anführungszeichen. Das zeigt, dass man ihm noch eine gewisse Gegenwärtigkeit zuerkennt. Meine Sprachprognose lautet, dass wir innerhalb weniger Wochen die Anführungszeichen verschwinden sehen werden und damit auch die Realitäten, die mit dem Alten in einem baldigen Einst verbunden gewesen sein werden.

https://www.lejdd.fr/International/Europe/covid-19-au-danemark-le-nombre-de-cas-a-chute-mais-la-progression-du-variant-anglais-inquiete-4023626

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Jahrhundertpandemie

Dieses Wort benutzt der deutsche Gesundheitsminister und zeigt damit an, dass wir einen Rekord erleben.

Ganz leise kommt die Lust auf, ihn daran zu erinnern, dass das dritte Jahrzehnt dieses Säkulums gerade erst begonnen hat und in Bezug auf Rekorde in diesem Jahrhundert noch ziemlich viel drin ist. Aber vermutlich haben auch Gesundheitsminister (obwohl vom Fach) mitunter einfach nur Lust, sich zu sagen, Schlimmeres als das hier könne es schwerlich geben.

Sie haben unrecht; das Wort „Jahrhundertpandemie“ ist hochkonzentrierter Optimismus und damit ganz und gar unsachlich. Zu lernen wäre erst mal, was wir doch dauernd erfahren, nämlich: dass die Ungewissheiten in Bezug auf die Zukunft sehr groß sind und dass es besser wäre, an ihnen unser Handeln, an ihnen den Versuch zur Gestaltung von Zukünftigem auszurichten (statt am Trost des Rekorddenkens). Sonst folgen andere Rekorde (das wenigstens ist gewiss).

Denn leider: Dass man erschreckt ist von dem, was seit gut einem Jahr passiert, ist keine Garantie, dass es nicht etwas geben könnte, das nicht weniger, sondern vielleicht sogar noch mehr erschreckt.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/jens-spahn-zum-coronavirus-der-weg-aus-der-jahrhundertpandemie-hat-begonnen-a-44549503-cd86-4778-9ca6-90d2cff60e17

Anne Peiter

Corona 186: Was geht

Ich beginne so langsam den Rat des Radiopsychologen einleuchtend zu finden, der sich entschieden gegen Durchhalteparolen aussprach. Obwohl ic mal das Gegenteil geschrieben habe. Es ist seine Ansicht, dass die Hoffnung, irgendwann werde dies alles vorbei sein und alles werde sein wie vorher, in großer Gefahr ist, enttäuscht zu werden. So ging seine Empfehlung dahin, diesen Zustand, in dem wir jetzt leben, als einem auf Dauer zu akzeptieren und sich darauf einzurichten, dass vollkommen unklar ist, ob und wann diese Sache endet. Nur dann nämlich kann man erfindungsreich werden; nur dann ließe sich dieser Verfassung, in der wir leben, sogar auch etwas abgewinnen.
Wenn das stimmt, so ist nichts falscher als die permanente Produktion von Terminen durch die Politik: Daten, von denen mittlerweile jeder weiß, dass sie nicht eingehalten werden. Die Politik führt uns, oder vielleicht auch sich selbst aus Hilflosigkeit, am Nasenring einer immerwährenden, zermürbenden Erwartungsenttäuschung. Sie macht die Zeit kaputt. Wir müssen wegkommen von den Terminen. Sie sind Gift für die Psyche und halten uns davon ab, „mit dem Virus leben zu lernen“.

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Vielleicht sind die Querdenker in den letzten Wochen auch deswegen vergleichsweise ruhig, weil auch sie begreifen, dass die Politik keinen Plan hat. Vorher unterschieden wir uns dadurch, dass die eine Seite ihr einen guten, die andere einen bösen Plan unterstellte. Dass es aber einen Plan gebe, war die Gemeinsamkeit. Jetzt sickert durch, dass beides falsch war. Die Regierungen improvisieren, sie ist damit beschäftigt, die Unordnung zu beseitigen, die sie am Vortag angerichtet hat und sie macht Versprechungen, deren Grundlosigkeit und Leere von Tag zu Tag offenkundiger wird. So verlaufen die Fronten ineinander.

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Es ist vollkommen unverständlich, warum man Hilfs- und Ausgleichszahlungen sowie einen Impftermin eigentlich beantragen soll. Der Staat hat Versprechen gemacht, und es wäre an ihm, sie einzulösen. Alle erforderlichen Daten liegen den Finanz-, bzw. den Einwohnermeldeämtern vor. Ohne jede Antragsbürokratie, die sowieso nicht funktioniert – Ausgleichszahlungen, die im November beantragt wurden, sind noch immer nicht getätigt; nachdem man sich mehrere Stunden in einer Impfhotline aufgehalten hat, bekommt man einen im Termin für Mitte April zugewiesen –: All das könnte man sich sparen. Die Stimmung in der Bevölkerung würde sich verbessern. Aber unausrottbar ist in Deutschland die Vorstellung, dass der Bürger oder die Bürgerinnen dem Staat dienen und nicht umgekehrt. Es gibt kein Anrecht auf irgendwas, man ist prinzipiell Bittsteller. Da kann man sich wenigstens nicht beschweren, wenn der Bitte nicht oder nur schleppend entsprochen wird.

Wolfram Ette


„Ce qui alimente aussi la confusion, c’est qu’Emmanuel Macron consulte beaucoup avant de décider seul – dans l’intervalle, ceux à qui il parle expriment leurs impressions sans vraiment connaître la sienne… Or ça, c’est l’autre aspect du pari d’Emmanuel Macron. Comme la crise l’empêche de réformer, il veut montrer, d’ici à la présidentielle, qu’il peut encore décider. Qu’il ne se contente pas de suivre le courant dominant, qu’il garde la main. Et qu’il sait s’adapter aux circonstances. Aux variants du virus, et aux variables de la politique.“ („Das, was das Durcheinander überdies nährt, ist, dass Emmanuel Macron viele Menschen konsultiert, bevor der dann allein entscheidet – in der Zwischenzeit geben die, mit denen er spricht, ihre Eindrücke wieder ohne die seinen wirklich zu kennen … Nun ist eben dies der andere Aspekt von Macrons Wette. Weil die Krise ihn daran gehindert hat, das Land zu reformieren, will er, in diesem Punkt ganz präsidial, zeigen, dass er noch entscheiden kann. Dass er sich nicht damit zufrieden gibt, sich von den herrschenden Strömungen tragen zu lassen; dass er das Steuer in der Hand behält. Und dass er sich den Umständen anzupassen vermag: den Varianten des Virus ebenso wie den Variablen in der Politik.“)
Wenn diese These stimmt, dann sieht Macron den Virus als einen Gegner, dem er die Stirn bieten muss, um zu zeigen, dass der Virus nicht allein bestimmt, sondern dass auch er, Macron, in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Er will sich vom Virus nicht die Entscheidungsfreiheit nehmen.
Anders als bei Reformprojekten ist es aber so, dass der Gegenspieler einer Logik folgt, die nicht vom Präsidenten vorgegeben werden kann, sondern im Gegenteil vom Verhalten der Bevölkerung abhängt, die ihrerseits im Rahmen der von der Regierung beschlossenen Hygiene-Massnahmen agiert. Das heisst: Es treffen nicht zwei Köpfe zusammen, es kämpft nicht der eine hier und der andere da, sondern der Virus ist potentiell überall. Es ist ein Fehler, zu glauben, auf den Virus könne man regierend reagieren, so, wie man das bei einem Reformpaket tut. Das mag gänzlich unbeliebt sein – doch wenn der Protest nicht gar zu stark ist, setzt man es trotzdem um. Widerstände sind da – aber man kümmert sich nicht um sie, man realisiert trotzdem, was einem vorschwebte.
So funktioniert aber leider der Virus nicht. Der Wunsch, ihn zu beseitigen, hat nichts zu tun mit Widerständen, die man ignorieren kann, wenn man nur starrköpfig genug ist. Der Virus freut sich, wenn man ihn ignoriert, er hat es gern, wenn man sich nicht um ihn kümmert, er klatscht erleichtert in die Hände, er reibt sie sich, wenn er erfährt, dass man sich Entscheidungen nicht durch ihn vorschreiben lassen will.
Das Problem des Präsidenten Macron: Er betreibt genau die Anthropomorphisierung des Virus, die ich eben perseflierte. Er fühlt sich persönlich vom Virus beleidigt. So viele schöne Projekte! Und alle auf Eis! So viele durchschlagende Reformen – und kein Geld wird dafür bleiben! So grosse Machtakkumulation in dieser Krisenzeit – doch dauernd muss man sich von Wissenschaftler:innen beraten lassen.
Auch Macron hat es satt. Er will endlich wieder Politik machen, gestalten, das Heft in der Hand halten können. Mein Eindruck ist, dass er scheitern muss, weil er nicht in der Lage ist, ganz demütig anzuerkennen vermag, dass das böse Gegenüber nichts zu tun hat mit den Gegnern, mit denen er während seiner Laufbahn bisher zu tun hatte. Er denkt zu menschlich – und so wird seine Politik unmenschlich, nämlich stracks auf eine weitere Welle mit vielen, vielen Toten zusteuernd. Man kann sich als Präsident solche Eitelkeiten einfach nicht erlauben. Man muss zur Sache kommen, nicht zu sich selbst und seiner Wiederwahl.

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Frankreich „entkomme“ der Aussicht auf einen Lockdown, titelt ein Artikel – so als ob der Lockdown etwas gewesen wäre, was überhaupt keinen Grund gehabt hätte, sondern reiner Bosheit entspringt. Eine Trennung zwischen den politischen Massnahmen auf der einen Seite und den Gründen, die diese motivieren, auf der anderen Seite hat stattgefunden. Man achtet auf das, was die Regierung entscheidet, doch kaum darauf, was entstehen wird, wenn allein die öffentliche Meinung das bestimmende Element wird. Die Niederlande scheinen der französischen Regierung in die Glieder gefahren zu sein: Welch ein Schreck! Aufstände – man sieht sie schon bei sich selbst. Und darum also die genannte Abkoppelung von Sachlichem und Entschluss, Wirklichkeit und Politik. Letztere verzichtet gleichsam auf sich selbst: Sie gestaltet nicht mehr, sie reagiert nur auf Reaktionen, die sie von Seiten der Bevölkerung befürchtet. Und vielleicht befürchtet sie’s sogar zu recht. Nur dass das wiederum den Virus überhaupt den stört. Im Gegenteil.

Anne Peiter

Corona 185: Das Klassische und das Wilde

1 | Kanonisierungsprozesse Im Französischen spricht man jetzt, um eine Unterscheidung gegenüber den neuen „Varianten“ vorzunehmen, von der „souche classique“, also von so etwas wie dem „klassischen Virus“. Wie sich doch das Verhältnis zur Zeit in diesem einen Jahr gewandelt hat! Die Kanonisierung ist mit einem Tempo vor sich gegangen, das man sich schwerlich vorstellen mochte, als alles begann: Es war ja der Virus an sich so neu! Doch jetzt ist er schon ein „Klassiker“! Man weiß es aus der Literaturwissenschaft: Kanonisierungsfragen sind Machtfragen, doch die können changieren. So würde es mich nicht wundern, wenn das, was als Klassiker aus China begonnen hat, schon bald von Klassikern aus Großbritannien, Brasilien oder Südafrika abgelöst würde. Oder von allen zusammen, was den Begriff von „Klassik“ sozusagen um eine internationale Perspektive bereichert. Anne Peiter https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/covid-19-les-sympt%C3%B4mes-du-variant-anglais-sont-ils-diff%C3%A9rents/ar-BB1dcFKM?ocid=msedgntp * 2 | Ursprungsfragen In Frankreich wird die Variante des Sars-CoV-2-Virus, die im letzten Frühjahr Europa im Sturm erobert hat, die „souche classique“ („klassischer Stamm“) genannt. Die Virologen in Deutschland dagegen heißen sie, soweit ich es verfolgen konnte, den „Wildtyp“. Beides sind charakteristische Ursprungsformeln. Das Klassische ist das, was sich zur unantastbaren Gültigkeit verfestigt hat. Es bildet die Norm, von der alles andere als Abweichung begriffen wird. In der deutschen Wortwahl dagegen wird der Ursprung mit der Natur identifiziert. Das „Wilde“ –: das ist eben das Ungezähmte, Unreglementierte, wie man es sofort empfindet, wenn man an die Fledermäuse, die Schlangen, an das mephistophelische Gezücht also denkt, von dem aus das Virus auf die Menschen übergesprungen sein soll. Beide Ursprungsbehauptungen kommen darin überein, dass das aus dem Ursprung Abgeleitete schwächer sein muss als der Ursprung – denn sonst wäre es ja kein Abgeleitetes, kein Entsprungenes, sondern selbst ein Ursprüngliches. Ableitung ist Degeneration, wie Heidegger es in ‚Sein und Zeit‘ unverblümt formuliert hat. Das heißt, es stellt für uns um Zweifelsfall den leichter zu besiegenden Gegner dar. Um herauszufinden, was es mit der französischen Wort auf sich hat, muss man überlegen, was eigentlich das Gegenteil von „klassisch“ ist. Modern? Vergänglich? Epigonal? Irrelevant? Wohl etwas von alledem. Übertragen auf das Mutationsgeschehen des Virus bedeutet es wohl, dass all das, was daraus entstanden ist, jedenfalls nicht über die normative Härte der Ursprungsform verfügt, und das letztlich all das, was wir über diese gelernt haben, sich in der ein oder anderen Weise auch auf die Varianten, Ableitungen und ephemeren Modernisierungen wird anwenden lassen. Wir sind ja nicht mehr unvorbereitet, sondern gerüstet. Dies dies um so mehr, als das Wort „klassisch“ einen Nebensinn hat, der in seine politische Verwendung massiv einströmt. Das Klassische ist eben auch das belanglos Gewordene, es ist Comédie Française mit ihren langweiligen Inszenierungen, an denen sich ein kulturell verelendetes Bürgertum erfreut, das damit seinen Untergang wegillusioniert. „Klassisch“: das sind die Gipsköpfe, die irgendwann bei Reclam landen, wenn sie tot sind, weil man mit ihnen nicht mehr arbeitet, sondern sie hat und darüber verfügt als neutralisiertes Bildungsgut. Es ist der Ausdruck für sein eigenes Gegenteil: das zugleich „Über-“ und „Unter-Relevante“, das vor lauter Bedeutung bedeutungslos Gewordene, die Statue, die nurmehr eins ist mit sich selbst. Überträgt man das auf das Infektionsgeschehen, das in Europa von der „souche classique“ ausging, so kann man sagen: Jawoll, das haben wir hinter uns gebracht, es ist klassisch als die Phase, die uns nichts mehr angeht, der wir zugleich aber alle Parameter entnommen haben, um uns mit dem Nicht-Klassischen, das folgte, auseinanderzusetzen. Dieser inneren Dialektik verdankt sich es, dass das deutsche Wort des „Wildtyps“, das erst einmal vollkommen anders wirkt als der französische Akzent auf der Klassizität des epidemiologischen Ursprungs, intentional auf etwas ganz Ähnliches hinausläuft. Auch hier müssen wir fragen: Was ist der Gegensatz zum Wilden? Natürlich das Gezähmte / das Gezüchtete. Alles also, was aus diesem Ursprung sich her- und ableitet, haben wir im Griff, es verhält sich wie der Hund zum Wolf, oder die Katze zum Tiger. Beide Vorstellungen laufen auf eine Verharmlosung der Varianten oder auch Mutanten heraus, mit denen wir es gegenwärtig zu zu haben. Und beide könnten sich als falsch herausstellen. Denn das Modell von Ursprung und Ableitung, das sie ansetzen, hat mit dem evolutionärem Geschehen, das sich gerade vor unseren Augen, zwischen uns und in unseren Körpern, abspielt, nichts zu tun. Das Virus verändert sich unablässig, Veränderung ist die Form, in der es existiert und in dem besonderen Sinne, in dem man das eben von einem Virus sagen kann, auch „lebt“. Es ist, philosophisch ausgedrückt, Werden, nicht Sein. Und dort eben, wo man es zu einem Sein, das heißt zu einer konstanten Gestalt fixiert, weil sie sich im Umgang mit der Biomasse Mensch zufällig und für eine Weile als relativ brauchbar herausgestellt hat, ist dieses Sein höchst ephemer. Das Werden verlangsamt sich nur für eine Weile, bevor es wieder ansetzt. Keine dieser ephemeren Gestalten ist ist besser oder schlechter, keine ist ursprünglich, keine ist abgeleitet; es sind Screenshots eines unablässig ablaufenden Prozesses, der sich Leben nennt. Das Prinzip dieses Lebens lautet Evolution. Nur was sich ändert, bleibt sich treu, oder anders gesagt: stirbt nicht. In dem Ausdruck „Wildtyp“ lebt noch etwas davon fort, in dem der „souche classique“ nicht mehr. Das Klassische ist ja das Tote, das zu keiner Veränderung mehr fähig ist. Das haben wir schon hinter uns gelassen – um wieviel leichter wird es uns dann mit den degenerierten Fälschungen sein, die seither den Infektionsmarkt überschwemmen! Ob Variante oder Mutation, Epigonen oder sich in ohnemächtiger Revolte erschöpfende Avantgarde: wir putzen sie weg! Wolfram Ette

Corona 184: Philologica

1 | Sprachliche Aufrüstung

Die „Variante“ heißt jetzt „Mutante“ und ein um etwa 35% höheres Ansteckungsrisiko, dass eine Weile heruntergespielt wurde, hat sich mittlerweile im Politikerinnensprech in ein „hochansteckend“ verwandelt. Wir werden damit auf die Möglichkeit strengerer Maßnahmen eingeschworen. Nicht, dass ich prinzipiell dagegen wäre, aber die rhetorischen Mittel, die Selbstverständlichkeiten, mit der über die Wortwahl manipuliert werden soll, gefallen mir nicht. Der Unterschied zwischen Variante und Mutante ist nicht banal, dazu haben wir alle genügend Science-Fiction gelesen oder gesehen, um bei dem Wort Mutante einen wohligen Schauer zu empfinden, ausgeglichen vielleicht nur durch die Erinnerung an die lustigen ‚Teenage Mutant Ninja Turtles‘. Der Unterschied wiederum zwischen dem anämischen Komparativ „ansteckender“, der zu Beginn der Auseinandersetzungen mit den Mutationen üblich war, und dem neuen, gleichsam eine neue Stufe des Infektionsgeschehens erklimmenden „hochansteckend“ spricht für sich.


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2 | Spikes

Der Begriff „Spike-Protein“ ist in Mode gekommen. Er verbindet Anschauliches und Unanschauliches. Unter einem Protein können sich die meisten von uns nichts vorstellen, und schon gar nichts Visuelles. Das ist ganz anders, geradezu entgegengesetzt, im Fall der Spikes. Das sind die Dinger auf den Sohlen von Rasen-Fußballschuhen, damit man nicht ausrutscht. Mit diesen vagen Assoziationen ausgestattet, verstehen wir ungefähr, dass der Kampf zwischen dem Virus und der Immunabwehr auf dieser Ebene ausgetragen wird. Überdies erinnert das Virus an einen mittelalterlichen Morgenstern. Ich stelle mir vor, dass während der Schlacht um die Gesundheit des Patienten solche Morgensterne, von wem geschwungen auch immer, klirrend aufeinander prallen, Stacheln sich in einander verhaken und verfräsen, stumpf geschlagen werden. Episch.


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3 | Militärisches

Alexander Kekulé differenziert zwischen der natürlichen Immunität, der durch Impfen erworbenen und der Hilfe, die durch die ‚monoklonalen‘ Medikamente erworben wird, von denen Deutschland nun eine gewaltige Charge bestellt hat. Die erste vergleicht er mit einem großen Heer, das über alle möglichen Waffengattungen verfügt, breit und universell ausgerüstet ist. Die Immunantwort auf eine Impfung dagegen gleicht ihm zufolge einer Söldnertruppe, die zu einem bestimmten Zweck zusammengestellt wurde und deswegen auch nur über eine kleineres Auswahl des gesamten Waffenarsenals verfüge. Der monoklonale Wirkstoff dagegen, sei ein Soldat, einzeln stehend, allein auf weiter Flur.

Einem solchen Wirkstoff verdankte Donald Trump seine kurzfristige Mutation zum Superman. Immerhin.

https://podcasts.apple.com/de/podcast/kekul%C3%A9-143-wir-beginnen-das-%C3%BCberholman%C3%B6ver/id1503025628?i=1000506640172


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4 | Spielerisches

Das Impfen, so war wochenlang zu lesen, sei der „Gamechanger“ in Bezug auf Corona. Nun klappt das nicht so richtig, in einem Moment, in dem sich ausgerechnet auch noch die Mutanten zu verbreiten beginnen. Diese sind – logischerweise, muss man wohl sagen – „Spielverderber“.

Ich entschuldige mich für meinen Moralismus, aber ich finde, ehrlich gesagt, den gesamten Bildbereich des Spiels für das, was gerade weltweit abläuft, unpassend. Es heißt ja, dass es, wenn die Sache schief geht, nicht so schlimm ist. Man wirft ein paar Münzen in den Pott, oder ist einfach nur schlecht gelaunt. Na und?

https://www.tagesspiegel.de/politik/impfstoff-ist-kein-gamechanger-die-mutanten-sind-der-spielverderber/26846246.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE


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5 | Sich eine Gesundheit machen

Wenn französische Einkaufspassagen eine Quadratmeterzahl von mehr als 20.000 aufweisen, müssen sie ab heute, dem 30. Januar 2021, ihre Tore schliessen. Die Massnahme fällt in eine Zeit, wo die Läden hofften, sich mit Hilfe des Winterschlussverkaufs „gesundstoßen“ zu können (so könnte man vielleicht den französischen Ausdruck „se faire une santé“ übersetzen, den Journalisten gerade benutzen).

Die Gesundheit ist ein sehr bewegliches Konzept, betrifft durchaus nicht nur Organismen (im engen Sinne), sondern auch das, was Organismen tun, zum Beispiel: Dinge verkaufen. „Se faire une santé“ bedeutet wörtlich „sich eine Gesundheit machen“, und bemerkenswert daran erscheint mir, dass man aktiv sein, die Gesundheit nämlich wirklich machen kann. Wahrscheinlich passt das gut – als Gegensatz wohlgemerkt! –, weil in Bezug auf die Massnahmen zum Schutz vor dem Virus so stark der Aspekt der Passivität hervortritt. Dauernd muss man Dinge unterlassen, um gesund zu bleiben! Die Wirtschaft aber ist entschlossen, sich eine Gesundheit zu machen, die organische Gesundheit hingegen lässt sie sich nur machen, passiv hinnehmend, was da kommt.

Darüber hinaus ist die Wirtschaft nicht besonders wählerisch: Sie macht sich eine, d.h. irgendeine Gesundheit, welche genau, ist völlig irrelevant. Nur gesund will man sein. Das ist wiederum dem organischen Leben nicht verständlich. Auch hier gibt es nicht nur eine einzige Gesundheit, sondern viele. Doch irgendeine? – Das geht wiederum auch nicht.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-quels-sont-les-magasins-vraiment-concern%C3%A9s-par-la-fermeture/ar-BB1ddKgg


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6 | Jahrhundertpandemie

Dieses Wort benutzt der deutsche Gesundheitsminister und zeigt damit an, dass wir einen Rekord erleben.

Ganz leise kommt die Lust auf, ihn daran zu erinnern, dass das dritte Jahrzehnt dieses Säkulum gerade erst begonnen hat und in Bezug auf Rekorde in diesem Jahrhundert noch ziemlich viel drin ist. Aber vermutlich haben auch Gesundheitsminister (obwohl vom Fach) mitunter einfach nur Lust, sich zu sagen, Schlimmeres als das hier könne es schwerlich geben.

Sie haben unrecht; das Wort « Jahrhundertpandemie » ist hochkonzentrierter Optimismus und damit ganz und gar unsachlich. Zu lernen wäre erst mal, was wir doch dauernd erfahren, nämlich: dass die Ungewissheiten in Bezug auf die Zukunft sehr gross sind und dass es besser wäre, an ihnen unser Handeln, an ihnen den Versuch zur Gestaltung von Zukünftigem auszurichten (statt am Trost des Rekorddenkens). Sonst folgen andere Rekorde (das wenigstens ist gewiss).

Denn leider: Dass man erschreckt ist von dem, was seit gut einem Jahr passiert, ist keine Garantie, dass es nicht etwas geben könnte, das nicht weniger, sondern vielleicht sogar noch mehr erschreckt.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/jens-spahn-zum-coronavirus-der-weg-aus-der-jahrhundertpandemie-hat-begonnen-a-44549503-cd86-4778-9ca6-90d2cff60e17

1–4: Wolfram Ette, 5–6: Anne Peiter

Corona 183: Über die Zukunft

Ein Simulator von Gewissheit

Zwei wissenschaftlich firme Tüftler haben einen Simulator entwickelt, der es einem jeden Franzosen, einer jeden Französin erlauben soll, abzuschätzen, wann er oder sie wohl die Möglichkeit haben wird, geimpft zu werden. Ich erfahre, dass in der Schlange zur Zeit zwischen 19 714 000 und 29 514 000 Personen vor mir stehen und dass ich mit der ersten Impfdosis zwischen dem 4. Mai 2022 und dem 19. Dezember 2022 rechnen darf. Die zweite Dosis dürfte entsprechend zwischen dem 25. Mai 2022 und dem 9. Januar 2023 erfolgen. Wohlgemerkt: 2022, 2023.

Man sieht: Das, was einem Gewissheit verschaffen soll, tut nichts anderes, als die Ungewissheit gewiss zu machen. Aufgrund des Fehlens von sicheren Daten (Wann werden weitere Impfstoffe geliefert werden? In welcher Menge? Muss die Impfung zwecks Bekämpfung der neuen Virusformen angepasst und erweitert werden? Steht die Zulassung neuer Impfstoffe in Aussicht? etc. etc.) sagt der Simulator in Wirklichkeit nichts anderes aus, als dass er Genaues nicht sagen kann.

Interessant ist demnach gar nicht, was er sagt. Interessant ist allein, dass der Simulator überhaupt existiert und dass die Presse seine Existenz für etwas Berichtenswertes hält. Der Simulator zeigt, wie stark das Bedürfnis nach Planung und Planbarkeit ist. Er zeigt außerdem, dass zwei Privatleute ein Bedürfnis erkannt haben, das die Politik selbst nicht erkannt hat, nämlich: dass man der Bevölkerung Ein- und Ausblicke in eine Zukunft geben muss, die sich erneut weiten und aus der herrschenden Enge hinaus-führen soll (oder wird). Das Bedürfnis, nicht nur Dinge zu wissen über das Jetzt, sondern auch über das Morgen, ist gänzlich ungestillt, und vielleicht erklärt sich die scharfe Kritik, die die französische Regierung wegen des schleppenden Beginns der Impfkampagne auf sich gezogen hat, mehr aus der Ungewissheit überhaupt als aus der geringen Zahl der Geimpften.

Eigentlich tritt nichts so stark hervor wie das Leiden am Ungewissen und an der Notwendigkeit, sich in Dinge zu schicken. Man kann selbst viel nicht tun – die Aushandlungen über den Kauf von Impfstoffen und die Organisation ihrer Verabreichung sind ganz in die Kompetenz der Regierung gestellt. Es scheint sich die allgemeine Unzufriedenheit demnach wesentlich an dem Umstand zu entzünden, dass man selbst so wenig tun kann, ja, schlimmer noch: wirklich so wenig wie möglich tun soll.

Der Simulator tritt in Konkurrenz zu den vielen offiziellen Simulationen von Zukunft, die in Permanenz das Zentrum der öffentlichen Diskussionen bilden. Es ist, als wolle man die Simulation nicht länger allein der Regierung überlassen, als könne man, bloss weil man simuliert, eine bessere Zukunft herbeiführen.

Vielleicht vergisst man die zweifelhafte Qualität der Antizipation. Vielleicht vergisst man sie aber auch nicht, sondern konzentriert sich darauf, dass das mögliche Impfdatum, das einem 2022 oder 2023 offeriert werden wird, weit später liegt als alles, was man aufgrund von Verlautbarungen der Regierung bisher erwarten durfte. Der Simulator wird damit zum Beweis dafür, dass das Misstrauen ihr gegenüber vollauf berechtigt ist.

Dass die Erfinder des Simulators betonen, ihre Voraussagen erhöben keinen Anspruch darauf, etwas Offizielles zu repräsentieren, die Bescheidenheit, mit der sie zu erkennen geben, dass bei neuen Entwicklungen die Parameter neu zu definieren wären, auf denen die Simulation beruht, spielen eine untergeordnete Rolle. Der Simulator ist da. Er ist an sich absurd. Aber das spricht noch nicht dagegen, dass er sehr klar zeigt, wie die Stimmung überhaupt ist.

Die Simulation von Gewissheit ist ein psychologisches Eichmaß. Und diesem Mass zufolge, zeichnet sich eine Tendenz ab, die auf den Satz zuläuft: „Diese Geschichte schleppen wir noch jahrelang mit uns herum!“

Anne Peiter

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Kommentar

Es sind solche Simulationen der Verfügung über die Zukunft in vieler Hinsicht viel irrationaler als die achselzuckende Resignation, sie sei eben dunkel, und man könne nicht wissen, was auf einen zukomme. Die Irrationalität rührt daher, dass simuliert wird, man könne die Zukunft eben doch erkennen. Weil dies aber auch in Zeiten der Simulation auch nur partiell möglich ist, werden dem, was die Exaktheit der Zukunftsprognose verbürgen soll, nämlich den Zahlen, andere Zahlen beigefügt, die die Exaktheit der Voraussage relativieren. Das sind Toleranzen oder Angaben wie „von – bis“ (zum Beispiel bei den Modellierungen, um wie viel Grad die durchschnittliche Erdtemperatur zum Ende des Jahrhunderts gestiegen sein wird, oder eben auch bei dem oben genannten Impf-Simulationsprogramm, worin die Zeitspanne freilich ein Ausmaß grotesker Imbezillität annimmt).

Unter der Oberfläche der durch Zahlen verbürgten Exaktheit steht felsenfest, dass uns die Zukunft nach wie vor verborgen ist, aus dem schlichten Grunde, dass sie nicht da, nicht Gegenwart ist. Man bemerkt das es aber nicht mehr, weil diese Ungewissheit mit Zahlen zugepflastert wird, die suggerieren, dass man noch das, was man nicht wisse, exakt bestimmen könne.

Angesichts dessen finde ich es empfehlenswert, zur alten Überzeugung, dass man die Zukunft nicht kenne, zurückzukehren und sie zur Grundlage unseres politischen Handelns zu machen. Das muss nicht heißen, dass wir auf die Möglichkeiten, die in den Wissenschaften entwickelt wurden, um über die Zukunft spezifische, wenn auch mit Fehlern behaftete Aussagen zu treffen, ganz verzichten sollte. Aber man sollte sich nicht davon abhalten lassen, den Grundton oder den Grundbass immer wieder auszusingen: dass die erfahrene Zukunft nicht etwas ist, das sich aus der Gegenwart entwickelt – sich also aus ihr „modellieren“ lässt, sondern das aus der Schwärze dessen, was wir nicht wissen, auf uns zukommt. Diese Erfahrungsrichtung der Zeit ist, wie mir scheint im wissenschaftlichen Zeitalter etwas unter die Räder gekommen.

Ich empfehle, mit anderen Worten, den Pessimismus. Das Simulieren von Zukunft verbindet sich zu gern mit der Vorstellung, wir könnten die Zukunft, die wir da simulieren, auch machen. Und das führt zum Überwiegen der Hoffnung, also zu einer grundsätzlich optimistischen Auslegung der Toleranzen und Zonen der Ungewissheit. Es führt zu jener kindischen Haltung des „Es wird schon gut gehen“, die die Erde verwüstet und deren kriminelles Ausmaß in der Coronakrise gerade an die Oberfläche getreten ist. Das heißt, es führt zum systematischen und durch die Wissenschaft beglaubigten Realitätsverlust. Das heißt, es wird zum Gegenteil von all dem, mit dem die frühneuzeitliche Wissenschaft sich im Namen der Wirklichkeit und der Erfahrung gegen ein System abstrakter religiöser und philosophische Ideen gewendet hatte. Es führt zu einer neuen Religion im Zeichen des Optimismus, also des Gewurstels, und der zum Gebet gewordenen Vogel-Strauß-Politik.

Wolfram Ette


 

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/coronavirus-un-simulateur-calcule-votre-place-dans-la-file-dattente-pour-se-faire-vacciner-contre-le-covid-19/ar-BB1d2Wml

https://www.omnicalculator.com/health/queue-pour-vaccin-france

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/un-simulateur-pour-estimer-son-temps-dattente-avant-la-vaccination/ar-BB1d9omB

Corona 182: Über Verwöhntheit

I

Nederland in Verzet (Niederlande im Widerstand), so die Bezeichnung einer Bewegung, auf deren Konto schwere Ausschreitungen in mehreren Städten gegen die Corona-Massnahmen der niederländischen Regierung gehen: Unter anderem ist ein Krankenhaus mit Steinen beworfen worden. Auch ein Impfzentrum zählte zu den Angriffszielen.

Ausgerechnet ein Krankenhaus. Ausgerechnet ein Impfzentrum.

Es wird mir ganz unheimlich zumute. Im ersten Lockdown schrieb ich einst über ein kleines, in Wirklichkeit vollkommen unerhebliches Erlebnis: Da hatten Unbekannte, nachdem gerade einmal sieben Tage der totalen, gelock-downten Stille vorbei waren, parkende Autos (darunter unser eigenes) im Vorbeifahren mit Steinen beworfen. Die Autos hatten nicht mehr als ein paar Kratzer abgekommen, es schien mir also, dass der Nachbar, der schreiend mit seinem Baby Alarm schlug, ungebührlich übertrieb mit seiner Aufregung. Und dennoch übertrieb dann umgekehrt ich (warum eigentlich?), weil ich’s trotz aller Distanz zum Geschrei und trotz aller Unaufgeregtheit gegenüber dem Kratzer für nötig hielt, wenigstens über diesen Alarm zu schreiben. Dabei war ich doch der Auffassung, dass die Steine letztlich so alarmierend nicht seien. (Jedenfalls nicht diese Steine.)

Doch jetzt ist’s plötzlich, als habe sich schon damals etwas gezeigt, was jetzt, ein knappes Jahr später, seine volle, steinschwere Relevanz erweist. Es kommt mir vor, als habe sich damals, als man, eingeschlossen im Zuhause, beschränkt auf eine Stunde „Ausgang“ im engsten Umkreis des eigenen Viertels, kaum etwas erlebte, dennoch etwas vorbereitet. Was ist das aber?

Das Wort „Bürgerkrieg“ fließt den Journalist:innen gar zu leicht in die Feder. Mir scheint, man ermisst nicht recht, was ein echter Bürgerkrieg ist. Doch es stimmt, dass es zu Spannungen und Verwerfungen kommt, die in eine Gewalt münden, die schwer begreiflich ist. Wie ist es möglich, dass Menschen, die sich in ihren Freiheitsrechten oder sonstwie beschnitten fühlen, so tun, als sei die Epidemie damit aus der Welt zu schaffen, dass man diejenigen angreift, deren Aufgabe die Bekämpfung derselben – nämlich der Epidemie – ist: Krankenhäuser und Ärzte?! Wie ist es möglich, dass man sich nicht zu sagen versteht, dass man selbst deren Kompetenzen benötigen könnte? Wie kann man gerade denjenigen seine Solidarität aufkündigen, deren Beruf darin besteht, sich so gut wie möglich um die Gesundheit der Bevölkerung zu kümmern?

Das psychologische Muster scheint das Folgende zu sein: Derjenige, der hilft oder zumindest zu helfen versucht (es wird ja auch das durch die allgemeine Lage immer schwieriger), zeigt dadurch, dass er hilft, die Notwendigkeit des Helfens. Das Helfen wird also zu einer Bestätigung der Tatsache, dass etwas im Gang ist, was Hilfe mobilisiert. Hilfe wird also von den „Widerständlern“ bekämpft, als wäre das, was bloss die Konsequenz von etwas Tatsächlichem ist, in Wirklichkeit den Ursprung der allgemeinen Misere darstelle. Das bedeutet: Wenn man die Hilfe kaputt macht, entsteht eine Situation, in der keine Hilfe mehr nötig ist, d.h. Normalität zurückkehrt. Keine Hilfe wäre identisch mit: kein Virus.

Dass natürlich das Gegenteil der Fall ist, bedarf keiner Erläuterung. Man erschwert den Ärzt:innen die Arbeit. Sie haben nicht nur Innen viel zu viel zu tun, sondern sie müssen sich jetzt außerdem auch noch gegen ein Draußen verbarrikadieren, in dem Steine fliegen.

Eigentlich entsteht der Eindruck, dass es Menschen gibt, die’s gar nicht erwarten konnten. Dem Staat wird Gewalt vorgeworfen – endlich kann man zu etwas schreiten, was als bloße Gegengewalt ausgegeben wird. Die lang ersehnte Gelegenheit ist da. Die Demonstrationen sind in gewisser Weise nicht oder nicht allein der Ausdruck von Verzweiflung – ökonomischer, sozialer, psychologischer etc. –, sondern vielmehr der orgiastische Ausbruch von etwas, was man schon lange herbeigesehnt hatte. Nicht Leid kommt zum Vorschein, sondern Freude. Nicht Sorge um die Freiheit, sondern die Reduzierung des Freiheitsbegriffs auf die ganz und gar nihilistisch gespannte, sich in perverser Gemeinschaft mit anderen zusammenballende FAUST. Das Faustrecht ist zurück. Das Faustrecht, mit dem Stein daneben (als Vergrösserung des Radius, den die intendierte Gewalt dann abstecken kann).

Mir scheint, dass die Zivilisierung, die im Gewaltverzicht und in der Fähigkeit besteht, seinen Widerstand verbal zu äußern, die Frage nach dem Konsum aufwirft. Ist es nicht so, dass wir bisher weitgehend unbesorgt damit rechnen durften, im Fall von Krankheit durch Ärzt:innen und Krankenhäuser behandelt zu werden? Und die Selbstverständlichkeit, die darin liegt, ist mit den Jahren so groß geworden, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, dass es auch anders sein könnte?

Die Lust an der Destruktion, die sich in den Steinen gegen ein Krankenhaus äußert, nimmt sich aus wie die Geste reinster Verwöhntheit, in der man glaubt, man werde auch dann noch Hilfe bekommen, wenn man die helfenden Institutionen erfolgreich geschwächt oder gar kaputt gemacht hat. Vielleicht ist es sogar noch schlimmer: Die Verwöhntheit geht so weit, dass man glaubt, es könne einem wirklich nie etwas geschehen. Man hat in dieser totalen Absicherung gelebt, in dieser totalen Verfügbarkeit der ausgefeiltesten Dienstleistungen – und darüber ist einem die Einsicht abhanden gekommen, dass man selbst tatsächlicher wie potentieller Nutznießer ist.

Es ist, als ertrüge man auch den Konsum nicht mehr, als sei auch der zu langweilig geworden. Das ist natürlich in gewisser Weise ganz richtig (was ist schon langweiliger als Konsum!), aber die Konsumgegnerschaft ist eben trotzdem völlig unakzeptabel, denn im Falle der Steine auf ein Krankenhaus geht es ja um den Angriff auf ein Konsumgut, bei dem man den zweiten Bestandteil des Wortes zu betonen hätte: um ein allgemeines, sehr kostbares Gut, das man mit anderen teilt und das man der Gemeinschaft (also sich) erhalten sollte. Man könnte meinen, dass nichts in den letzten Monaten so deutlich hervorgetreten sein dürfte wie eben dies: dass dieses Gut politisch viel zu wenig geschätzt worden war, dass man es kaputt gespart hatte und dass es darum während der Krise wichtiger ist denn je, den Ärzt:innen die eigene Solidarität zuzusichern.

Doch wie gesagt, bricht sich das Gegenteil Bahn. Man macht den Konsum interessant, indem man das Krankenhaus als Konsum-Gut unkonsumierbar macht. Man nimmt und zerstört sich selbst das Notwendigste und gewinnt doch augenscheinlich im Gegenzug eine Sache, nach der man sehnsuchtsvoll verlangt hatte: nach der Gemeinsamkeit der Zerstörung. Nach der gemeinsamen Zerstörung von etwas, was, analog zur herkömmlichen Herstellung von Bedürfnissen durch den Markt, konstruiert wird: Eigentlich wird behauptet, der Virus solle uns nur eingeredet werden. Die Analogie zur künstlichen Schaffung von Bedürfnissen, die tatsächlich ohne jede Notwendigkeit sind, besteht darin, dass man den Virus als etwas erkennt, das gar nicht notwendig sei im Leben. Er ist nicht mehr als eine Störung, ähnelt vielleicht sogar darin den vielen Produkten, die sich in unserem Leben eingenistet haben. Und die stößt man jetzt also en bloc aus sich heraus.

Aber wirklich konsumkritisch ist das natürlich keineswegs. Man ist ja nur gegen den Konsum von Gesundheit (also gegen den Konsum von etwas, was man durchaus als notwendig und also über den Konsum hinausgehend bezeichnen darf). Man ist jedoch keineswegs gegen den Konsum von anderem, ganz im Gegenteil: Man will endlich wieder „frei“ shoppen gehen können. Aber im Vorbeigehen schmeißt man dann doch (wieder mit Steinen) die Vitrinen von ein paar Läden ein, weil der Gewaltkonsum natürlich der allerschönste ist. Und außerdem ist er gratis zu haben.

Gratisgewalt als Symbol der Überzeugung, dass es an einem selbst ist, zu entscheiden, wann die Normalität wieder einzuziehen hat. Das heißt (noch einmal): Man macht Dinge kaputt, rechnet aber damit, dass sie flugs wieder auferstehen, wenn man sie dann doch braucht. (Aber dass man sie braucht, daran denkt man nie.)

Insofern ist die anti-konsumistische Logik, die im „Widerstand“ gegen die Massnahmen (und die Krankenhäuser) liegt, die konsumistischste, die sich denken lässt. Man denkt nicht daran. Man konsumiert nur. Man konsumiert sich, die anderen, es ist alles scheißegal.

Anne Peiter


https://taz.de/Krawalle-in-den-Niederlanden/!5743250/

*

II


Immer wieder fällt in unseren Texten der Begriff der Verwöhntheit. So auch in diesem. Rasch zusammengefasst: Unser Anspruchsdenken sei verwöhnt, wir hätten uns so sehr an die umfassenden Serviceleistungen unserer Gesellschaft gewöhnt, dass wir uns ihr Fehlen gar nicht mehr vorstellen können.

Was dabei (vielleicht) vergessen wird und (vielleicht) hervorgehoben zu werden verdient, ist, dass das Wort „verwöhnt“ aus der Pädagogik des kleinen Kindes stammt. Es ist das Gegenteil zu „entwöhnt“, bedeutet also, dass man real oder symbolisch noch immer an der Brust der Mutter liegt und gestellt wird. Also: So geht es uns im Kapitalismus, der uns verwöhnt. Wir sollen nicht erwachsen werden, das heißt in den Stand versetzt werden, unsere Bedürfnisse selbst zu regulieren. Das übernimmt das System für uns und hält uns damit in einer ewig infantilen, ja eigentlich säuglingshaften Position.

Aber wäre das so schlimm? „Schicksallos, wie der schlafende / Säugling, atmen die Himmlischen / … / und die seligen Augen / Blicken in stiller / Ewiger Klarheit“ schreibt Hölderlin. Was ist dagegen zu sagen? Haben wir nicht ein gottgleiches Dasein erreicht? Und es vielleicht sogar verdient? Gibt es so etwas wie einen ethischen Imperativ, erwachsen zu werden? Einen ethischen wohl nicht, aber ganz sicher einen ökologischen. Die fehlende Bedürfnisregulierung des infantilen Daseins führt zur rücksichtslosen Auspowerung der natürlichen Ressourcen, von denen wir leben; es stört, wie bekannt, das ökologische Gleichgewicht, und die Folgen gehen uns ans Leben.

Aber es kommt noch etwas dazu. Hölderlin hat einfach nicht recht. Oder anders: Er hat recht, wenn man das „schlafende“ betont und sich klar macht, dass die Säuglinge ja nicht immer schlafen. Es gibt natürlich diesen Zustand ruhigen EntschlummertSeins, aber wie oft und wie viel schreien kleine Kinder? Will man wirklich ihr Dasein als rundherum glücklich bezeichnen?

Melanie Klein, der von Freud wenig geschätzten Psychoanalytikerin der zweiten Generation, verdanken wir Einblicke ins Drama der frühen Kindheit, die zu denken geben. Noch nicht in der Lage, einen emotionalen Ausgleich zu finden und das Verhältnis von Körper-Innen und Körper-Außen zu stabilisieren, ist das kleine Kind von emotionalen Extremen zerrissen: Verfolgung- und Vernichtungsfantasien schlagen ineinander um; Zustände von Angst und Hass, die sich in ihrer Wucht und Intensität Erwachsene nicht mehr vorstellen können.

Wenn sie denn erwachsen geworden sind. Dazu gehört, unter anderen, der Prozess der Entwöhnung. Findet er nicht statt, wie es bei verwöhnten Kinder der Fall ist, bleiben die frühinfantilen Gefühlsextreme bestehen. Unter Druck brechen sie auf. Und der Druck i