Corona 314: Die Erfindung

Hannah Arendt betrachtet als einen Kern von Diktaturen, dass sie, wenn nur erst das zu strafende Verbrechen definiert ist, auch den dazu passenden Verbrecher – d.h. den zu Strafenden – finden. Man erfindet also Realitäten und verleiht diesen insofern Substanz, als das, was aus der Erfindung folgt, sehr substantielle Folgen für eine Person oder Personengruppe hat, die nicht das Geringste getan hat, aber dennoch als Verursacher der Tat hingestellt wird.

In dem chinesischen Roman ‚Quatre générations sur un seul toit‘ von Lao She wird am Beispiel der Gewaltherrschaft, die die Japaner im Chinesisch-japanischen Krieg aufgerichtet hatten, der zusätzliche Gedanke entwickelt, dass diese Logik der Erfindung eine Dynamik besitze: Je mehr die Diktatur merkt, dass nicht stimmt, wovon sie ausgeht, desto mehr muss sie darauf bestehen, es sei richtig, wovon sie ausgehe. Sie verheddert sich, mit anderen Worten, umso mehr in ihrem eigenen Lügengespinst, als die Realität Schwierigkeiten hat, den Erfindungen Folge zu leisten, hinter dem Erwünschten herzukommen. Die Erfindung ist gleichsam nicht gleichbleibend, sie ist nicht konstant, sondern vielmehr hat sie die Tendenz, immer extremer zu werden. Die Erfindung erfindet sich selbst weiter und weiter, weil sie finden will, was gefunden zu haben sie immer schon behauptet, in Wirklichkeit aber nicht finden kann.

Wenn jetzt Coronaleugner auf den Mord an einem für die Maske eintretenden Studierenden in zweifacher Weise reagieren, hat man eine praktische Anwendung des Gesagten vor sich. Die einen Coronaleugner behaupten, den Mord habe es in Wirklichkeit nicht gegeben. Die anderen behaupten, es habe ihn sehr wohl gegeben und es sei überdies begrüssens- und nachahmenswert, was geschehen sei. Man könnte meinen, die erste Gruppe verfalle der Erfindung von Realität, die zweite hingegen erkenne diese Realität – wenn auch auf perverse Weise – an.

Doch so leicht ist das mit der Unterscheidung zwischen den beiden Interpretationen nicht. Auch Diktaturen, die in gewisser Weise « ehrlich » davon überzeugt sind, die Tat, die man bestrafe, sei wirklich begangen worden, haben unterschwellig ein gewisses Wissen davon, dass sie dafür Sorge zu tragen hatten, dass die Ehrlichkeit eine reale Grundlage bekam. Sie bewegen sich irgendwo im Dazwischen von Bewusstsein der Lüge und ehrlicher Überzeugung, dass sie die Welt von gefährlichen Tätern zu säubern hatten. Wer das Gegenteil behaupte, sei der eigentliche Täter.

In Parallele dazu ist bei dem Tankstellenmord festzustellen, dass die Leugnung auf eine Zuweisung von Schuld an diejenigen hinausläuft, die berichten, es habe den Mord gegeben. Da man selbst unmöglich ein Lügner sein kann, muss eben der andere – muss die Berichterstattung – gelogen haben.

Das ist nun aber wieder gar nicht so weit von der scheinbar entgegengesetzten Position entfernt, die darauf setzt, den Mord habe es sehr wohl gegeben: Man freue sich. Im einen wie im anderen Fall ist das Hauptmovens, den eigenen Wunsch erfüllt zu sehen. Bei der ersten Gruppe will man mit Schüssen in den Kopf eines Opfers, das genau vor einem steht (von Angesicht zu Angesicht), nichts zu tun haben, also sagt man, es entspringe dem Wunschdenken der Gegner, die nur behaupteten, es sei zu diesem Mord gekommen. Bei der zweiten Gruppe wirkt das Wunschdenken auch: Endlich hat jemand das gewagt, wovon man schon lange träumte. Endlich wird der Wunsch Wirklichkeit, endlich bekommt er handfeste Konturen: die des hingestreckten, jungen Mannes, der, die Kugel im Kopf, auf der Stelle tot war.

Es ist also der Wunsch, in dem die Gegensätze sich treffen. Und insofern Wünsche, solange sie nicht wirkliche Wirklichkeit sind, nur erhoffte (also im Stadium der Unerfülltheit bleibende) Wirklichkeiten darstellen, kann man sagen, dass die Coronaleugner zwei Optionsmöglichkeiten haben, um den Grad der Erfülltheit eines Wunsches bzw. einer Erfindung zu definieren, der sie, über alle Grenzen und Unterschiede hinweg, eint. Man feilt das Unerwünschte weg. Und einmal ist das Unerwünschte das Reale (also der Mord), und einmal ist das Unerwünschte dessen Verurteilung durch die Mehrheitsgesellschaft. Und gegen die setzt man dann den Gedanken, unerwünscht sei nur die Verurteilung von etwas, was – da Mord – ganz und gar wünschenswert gewesen sei. Die Späne, die beim Feilen oder Hobeln ungehobelter Wirklichkeit fallen, werden also einmal unter den einen Tisch gekehrt und einmal unter einen anderen Tisch, doch beide Mal sind es Tische, die aus handfestem Wunschdenken und der dazu passenden Erfindungsgabe gezimmert sind.

Und darum ist auch zu befürchten, dass die Mordgeschichte hier nicht endet und genau das eintreten wird, von dem Lao She schreibt. Es wird weitergehen. Die Erfindung ist nicht abgeschlossen, bloss weil ein erster Schuldiger – hier der maskentragende Student an der Tankstelle – gefunden worden ist. Es wird sich für die Coronaleugner das Dilemma ergeben, dass sich die Gesellschaft mit ihren Polizeiorganen, ihren Abgeordneten, ihrer Presse, ihrem Justizapparat, ihrer Indignation gegen die Interpretation verbünden wird, die besagt, etwas Wünschenswertes sei passiert. Das heisst: Die Coronaleugner werden mit ihren Wünschen unter Druck geraten. Und das wird ihre eigene Erfindungsgabe, ihre eigene Wunschmaschine weiter ankurbeln, sie weiter in Gang setzen, sie zu einer gesteigerten Produktivität anreizen.

Der Mord ist ja eine Reaktion auf die Gegensätze, die es zu einem selbst gibt: Da war jemand, der war nicht mit einem einverstanden. Und indem man ihn erschoss, gab es plötzlich denjenigen, der nicht einverstanden war, nur noch als Toten. Mit seiner Person starb das, wofür er gestanden hatte (solange er stand, dann nicht mehr). Die Konsequenzen, die das für den Mörder haben wird, wird nun aber das Gefühl der Ungerechtigkeit bei denjenigen verstärken, die für ihn sind und zugleich sehr gut wissen, dass auch sie verurteilt würden, wenn sie – ganz wie er – aus ihren Wünschen und Erfindungen Realität machen, d.h. ihrerseits mordend durch die Welt gehen würden. Es ist aber diese Strafandrohung wie ein Anreiz, es gerade deswegen zu tun. Prozess und Gefängnis sind nicht länger etwas, was abschreckend wirkt, sondern im Gegenteil: aufmunternd. Schon einmal ist aus dem Wunsch Wirklichkeit geworden – jetzt könnte es so weitergehen, jetzt könnte aus der Massenbewegung, von der man sich als Teil fühlt, eine Bewegung in der richtigen Richtung werden. Die erste Erfindung schafft gleichsam eine Gemeinschaft von Erfindern, die sehr gut wissen, alle das Gleiche zu wollen.

Anne Peiter

Corona 313: Zwischenapplaus

Besuch in der Oper nach langer Pause. Aus Anlass der allgemeinen Genesung wird ‚Die Zauberflöte‘ gegeben. Die Inszenierung ist unterirdisch schlecht, die Leitung der Sängerinnen und Sänger recht ordentlich, das Gewandhausorchester spielt ausgezeichnet, ein warmer, alles satt grundierender Klang, ausgewogen zwischen Analyse und Synthese .

Nach jeder kleinen Arie, und auch dann, wenn es nicht so herausragend war, gab es Zwischenapplaus. „Wie in Italien“, dem Land der Oper und der großen Gefühle. Doch eben in Wahrheit gerade nicht wie in Italien, sondern lahm und wenig beherzt. An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass die GROSSEN GESANGSMASCHINEN wie südlich der Alpen, die unter schärfsten körperlichen Druck ihre stimmlichen Spitzenleistungen wie Speere in die Menge schleudern, die Herzen sprengen und jenes spezifische Atmosphäre schaffen, die durchaus ganz pop ist und der Stimmung auf einem großen Festival kaum nachsteht. Es bleibt alles brav, bieder, bürgerlich, klein Paris halt.

Mozarts leichte und bewegliche Musik tut ein Übriges. Punkt sie ist nun einmal nicht bel canto, sondern vor allen Dingen bella musica, Der Gesang ist nur ein Moment im zauberischen Gesamtklang. Auch deswegen passt der Zwischenapplaus nicht so recht. Er wirkt einseitig, ja fast ungerecht und verklingt auch nach kurzer Zeit.

Doch ich verstehe. Die Zuschauer applaudieren sich selbst. Sie sind seelig darüber, dass wieder Oper stattfindet. Und sie wollen das, was sie beseelt, auch gemeinsam spüren. Die Oper bietet bloß die passende Gelegenheit, letztlich irgendeine Gelegenheit, um sich in dem vielleicht irren Glauben zu bestätigen, dass wieder alles wird wie früher: dass es die Bühne gibt, die Sänger und das Orchester, sie, die Zuschauer im Opernhaus, und dieses Haus selbst, diesen Tempel der Gefühle, der ihrem eigenen Dasein Ewigkeit verbirgt.

Ich kann das nicht glauben, kann nicht mittun bei diesem bürgerlichen Selbstbestätigungsspektakel, dessen Halbherzigkeit mich davon überzeugt, dass sie selbst es womöglich auch nicht glauben, sondern ruhelos und ängstlich eine Hoffnung zur Gewissheit festigen möchten. Ihr Kultgetrappel und -geschrei ist aus zweiter Hand. Das Defilée der alten Götter zieht unterm ersterbenden Applaus der Menschen seinem Untergang entgegen. Das heitere Singspiel von der Humanität erscheint als Götterdämmerung. Wenn auf Beerdigungen geklatscht werden dürfte, würde es sich so anhören.

Wolfram Ette

Corona 312: Die Menschheit vor der Apokalypse

Es hätten sich neue Gewohnheiten während der Telarbeit eingestellt, lese ich: 57% aller Angestellten (53% in Frankreich) geben an, sich weniger um ihr Äußeres zu kümmern, seitdem sie Zuhause arbeiten. 50% von diesen (doch nur 49% in Frankreich) gäben wiederum zu (ils „admettent“), weniger häufig Deodorant zu benutzen als damals, in vorepidemischen Zeiten, als noch alle glücklich und im Zustand der Unschuld lebten. 34% (33% in Frankreich) putzen sich (oh Schreck, oh Graus!) weniger häufig die Zähne als damals. (Die Zahnärzte werden sich freuen.)

Das ist aber immer noch nicht alles: 33% der Franzosen waschen sich auch weniger oft (39% lautet die Zahl, die länderübergreifend gilt), und 41% haben die Tendenz, zu arbeiten und dabei einen Kater in Kauf zu nehmen. (Man gönnt sich ja sonst nichts, und die Katze, die einem beim Arbeiten Zuhause um die Beine streicht, spielt keine Rolle.)

Weiter im Text: 77% aller Telearbeiter verbringen weniger Zeit damit, sich zurechtzumachen, bevor die Arbeit beginnt; 74% benutzen weniger Produkte, um schön zu sein: Der Verbrauch von Schminke und Haargel ist rückläufig und damit auch der schöne Schein, man sei kein Schwein.

Ich gebe zu, dass mich vor allen Dingen der Verzicht auf Deodorant zutiefst schockiert. Wie soll das bloß enden? Wie wollen wir einen zivilisatorischen Mindeststandard aufrechterhalten, wenn so viele Franzosen sich gehen lassen und ihre Achselhöhlen vergessen? Wissen sie nicht, was da aufsteigt an Zumutungen? Merken sie nicht, dass Achtung für den Anderen stets über die Achtung für sich selbst läuft und dass man sich wesentlich von den Achseln her definiert? Sind sie nicht das geheime Zentrum all dessen, was aus uns kulturvolle Wesen macht? Rasierapparate und Duftspender als Bekämpfungsmethoden des inneren Schweinehundes, der auch mal einen Kater hat oder eine Muschi um die Beine?

14% derer, die in Frankreich an der Umfrage teilgenommen haben, geben auch an, dass Kollegen schon mal während einer Sitzung im Distanzmodus in der Nase gepopelt hätten. Man fühlte sich unbeobachtet und war’s doch. (Schweine zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Nasenlöcher besonders groß sind.) In Deutschland seien es aber nur 7%.

Der Journalist kommentiert diesen letzten Einblick in die allgemeine Verwahrlosung Frankreichs, der zu recht als regelrechter Abstieg in ungeahnte Primitivismen beklagt wird, mit ironischer Distanz: „Charmant…“. Kann man wohl sagen, nach all der Mühe, die er sich mit dem Abschreiben der Prozentzahlen gemacht hat…

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/finance/economie/les-sales-petites-habitudes-des-fran%C3%A7ais-en-t%C3%A9l%C3%A9travail/ar-AAOBCsR?ocid=msedgntp

Zwei Fragmente zur Humanität

1 | Der Waschsalon

Nein, ich wusste nicht, welchen Rang diese Institution noch immer besitzt. Unterschied zwischen den Städten auch: in der Stadt, in der ich vorher gewohnt habe, gibt es nur einen einzigen in der Innenstadt; und der ist immer, wenn ich daran vorbeifahre, leer gewesen. Hier dagegen sehe ich in jedem Stadtviertel wenigstens einen; auch sie sind nicht immer voll, aber heute ist Samstag, ist Waschtag, und es sind alle Maschinen besetzt .

Das Publikum besteht aus drei Gruppen: Studentinnen, ausländische Familien, und dann eben noch die Klientel, die man am ehesten dort vermutet, die aber zahlenmäßig einer gar nicht so große Rolle spielt: die armen Leute von heute, die sich keine Waschmaschine leisten können, oder die keinen Platz haben, eine aufzustellen und Wäsche zu trocknen.

Ich genieße die Vorzüge des Outsourcing. Die Maschinen sind top, und sie fassen sehr viel mehr als meine; ich bekomme alle Wäsche auf einen Schlag hinein. Dann die Kürze des Waschprogramms – nur eine gute halbe Stunde! – die vorweg eingestellte Menge des Waschpulvers: alles Dinge, über die ich nicht nachdenken muss, ganz ehrlich, es erleichtert mich, wenn sie einfach funktionieren. Es fühlt sich ein bisschen wie Sozialismus an, denke ich; und noch besser wäre es, wenn man dafür nicht bezahlen müsste, sondern es als öffentliche Dienstleistung in Anspruch nehmen könnten .

Einen Wäschetrockner habe ich noch nie in meinem Leben benutzt. Ich kenne sie, diese Trockner-Familien mit 2 Kindern plus, auf Effizienz bedacht und erfolgreich. In einer Wohnung standen Waschmaschine und Trockner übereinander. Das war der Gipfel: man konnte nahtlos eine Maschine an die nächste anschließen. Das war fast schon wie im Waschsalon, aber eben doch nicht so ganz. Vom Haushaltsweiß der Privatmaschinen hebt sich der gebürstete Stahl der öffentlichen wohltuend ab. Kühl, professionell scheinen die zu sagen: Macht, was ihr wollt, an uns kommt ihr ja doch nicht heran .

Die Menschen machen verschiedene Dinge. Sie warten, lesen, unterhalten sich mit ihrer Familie – die gerade da ist, hat drei Maschinen gleichzeitig bestückt; ich verstehe plötzlich, wie entlastend es ist, die gesamte Familienwäsche einer Woche auf einen einzigen Tag zu legen, Waschtag eben, so wie früher –, sie spielen am Smartphone, falten in aller Ruhe die trockene Wäsche zusammen, die sie dann in einer Sporttasche verstauen. Ein Nebeneinander. Ich selbst lese Zeitung. Es ist sehr still, die Familie hat aufgehört zu reden, man hört nur die Töne und Stimmen der sich drehenden Maschinen.

Und wie lustig es ist, unser aller Kleidung in den kleineren Bullaugen der Waschmaschinen und in den größeren der Trockner herumtanzen zu sehen! Ein Universum der Schlüpfer und Unterhosen, der T-Shirts, Pullis und Jacken, der Bettwäsche und Handtücher – alles dreht und dreht sich um mich und um sich, die verschiedensten Farben und Moden, von der schlichten Notdurft bis zur schreienden Extravaganz verschmilzt alles in einen Zusammenhang, wird austauschbar, geht ineinander über. Ich wasche, also bin ich; wichtiger noch: also bin ich Mensch unter Menschen, denen es auch so gibt. Diesseits unserer politischen Überzeugung, kulturellen Prägung, religiösen oder sexuellen Identität tragen wir Unterhosen. Und wir alle, nehme ich an, tragen gern saubere Unterhosen. Der Waschsalon stellt das aus, diese gewissermaßen naturnahe Gemeinsamkeit zwischen uns Punkt. Mehr als alle Menschenrechtserklärungen und großflächigen Behauptungen der Würde des Menschen sind die sich lustig drehenden, hin und hergeworfenen Unterhosen, die sich im Geheimen, wenn sie könnten, miteinander unterreden könnten, ein Denkmal unserer gemeinsamen Humanität.

2 | Die Zauberflöte

Nach Jahrzehnten habe ich „Die Zauberflöte“ wiedergesehen, in einer peinlich schlechten Inszenierung, die voller Einfalt und Widersprüche ist. Kulissen werden hin- und hergeschoben, deren Sinn man nicht recht versteht, es gibt ein paar hübsche Lichteffekte, die Zeiten und Moden werden gemischt; das Ganze wirkt wie ein alter Film, nur in Farbe. Hinzu kommt erschwerend, sehr erschwerend, die kaum vermittelbare Handlung, dieses eklektische Herumfuhrwerken in Sonnen- und Mondmythologie, der faule Zauber dieses angeblich aufgeklärten Okkultismus, der Vewesungshausrat abgesunkener Religionen, der kindische Prüfungsparcours, dem die Protagonisten unterworfen werden. Was für ein Bullshit, kann man das überhaupt sinnvoll inszenieren?

Doch während des zweiten Akts dann der Umschwung: ich blicke gleichgültig auf die Akteure und das Bühnenbild; es wird mir egal und ich beginne zu hören. Ich verstehe, dass es gar nicht um diesen ganzen Zirkus, den Prüfungsweg, das eklektische Freimaurergedusel, die heilige Hochzeit von Sonnenprinz und Mondprinzessin geht. Es geht um die Stimmen, allein um sie. Es stehen gegeneinander: ein sehr tiefer Bass und eine sehr hohe Sopranistin. Alle anderen Stimmen liegen dazwischen, auf einer Skala zwischen den Extremen. Das ist schon alles. Es stellt sich heraus: Es ist doch alles Musik. Die Musik verbindet alles miteinander, das Tiefe und das Hohe findet seinen, nein: es hat schon seinen Platz in der musikalischen Ordnung.

Die Musik macht nicht alles gleich. Keineswegs. Sie stellt den Zusammenhang der Verschiedenen her, und zwar sicherer und überzeugender als es jede Weltanschauung vermöchte. Die Musik, in deren Sprache die Negation keinen Platz hat, verwandelt die Gegensätze ins Verschiedene. Alles hat seinen Platz, das Paar mit seiner heiligen, das zweite mit seiner irdischen Hochzeit, Sonne und Mond, Tag und Nacht, die drei Knaben und die drei Damen der Königin der Nacht: Es sind Schattierungen desselben Menschlichen, das sich ins Verschiedene der Welt entlässt, um sich als dasselbe zu bestätigen. Die Musik, nicht die Vernunft, ist das Fundament unserer gemeinsamen Humanität.

Mozarts Verhältnis zum Stoff ist ironisch. Ihm hätte die miserable Inszenierung aufgrund ihrer Miserabilität vielleicht gefallen. Denn sie zeigt, dass es auf sie und auf die mehr oder weniger ideologischen Stoffmassen, die sie veranschaulicht, nicht ankommt. Erst wenn man durch sie hindurchsieht, wird man gewahr, worum es eigentlich geht. Nur durch die Musik, durch Mozarts Musik, erfüllt sich der Humanismus des Vorwurfs. Sie ist die Versöhnung, die Handlung nichts als ein okkultes Brimborium.

Wie aber hätte ein „richtige“, eine alles in allem doch passende Inszenierung auszusehen? Sie hätte sich von jeder Professionalität zu verabschieden. Ich würde in Kindergärten und Schulen gehen und die Kinder bitten, etwas dazu zu zeichnen oder zu malen. Darauf würde ich das Bühnenbild aufbauen. Gerettet wäre das Kindische der Konzeption im Kindlichen solcher Darstellungen. Der Abstand zur Musik bliebe gewahrt. Es würde gesagt: Nehmt nicht so wichtig, was ihr seht und was ihr wisst; nehmt ernst, was ihr hört, die Verschiedenheit der Welt in ihrer Fülle. Alles singt und spielt; die Musik bringt zusammen, was die Sprache auseinanderbringt.

Corona 311: Das Schlupfloch

Die Freundin eines Bekannten ist strikte Impfgegnerin. Mittlerweile ist sie bereit, ihren Job zu opfern und ihre Beziehung hinzugeben, wenn es zu viele Widerstände – wenn ihr Freund, mein Bekannter etwa, nicht mehr ertragen will, dass sie nicht mehr ausgehen können, weil Restaurants und Bars auf „2G“ umgestiegen sind.

Aber ihre Kritik richtet sich vor allem gegen die sogenannten konventionellen, also auf einem Trägervirus beruhenden Impfstoffe und gegen die neuen mRNA-Vakzine. Gegen die gerade in Entwicklung befindlichen Protein-Impfstoffe (Novavax und andere) hat sie nichts. Damit will sie sich, sobald sie freigegeben sind, impfen lassen.

Ich finde das bemerkenswert. Sie ist ja keine Medizinerin. Sie ist es in ihrem Beruf zwar gewöhnt, viele, sehr heterogene Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. So auch hier: wie alle Impfgegner*innen ist sie bestens im Bilde, und das Internet ist ihr im Lauf der letzten Monate zur zweiten, wenn nicht neuen Heimat geworden. Dennoch: sie ist keine Medizinerin, und es heißt doch, sich reichlich weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn man als Laiin die eine Gruppe von Impfstoffen verwirft und die andere befürwortet.

So vermute ich, dass ihre überraschende Volte einen anderen Grund hat. Sie will ihre stark angeknackste Beziehung retten, sie will ihren Job nicht verlieren. Unternehmen, für das sie arbeitet, hat die 2G-Regelung jetzt umgesetzt, aber ohne den Betriebsrat zu fragen. Das wird ein langwieriger und quälender Prozess, der sich über Monate hinzieht – genug vielleicht, um sich dann doch noch impfen zu lassen und damit zu retten, was zu retten ist.

Einfach zurück kann sie ja nicht. Sie / man kann nicht einfach sagen: Ach, ich habs mir anders überlegt, der Druck ist einfach zu groß, jetzt lasse ich mich doch impfen. Das heißt, man kann das natürlich sagen. Es wäre sogar rational. Aber die Scham, die Schande wären zu groß – all diese archaischen Ehrvorstellungen, die unsere ach so rationale Gesellschaft durchwuchern, sind noch in Kraft und zwingen die Einzelnen zu einer Konsequenz, die ihren Interessen diametral entgegenläuft.

Deswegen sind die Protein-Impfstoffe ein Schlupfloch, das einzige, das es für sie gerade gibt. Es lebe der Fortschritt, der uns das ermöglicht, Job und Beziehung der Freundin meines Bekannten retten könnte!

Wolfram Ette

Corona 310: Fulminant

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, ist der Meinung, die nächste Coronawelle, es wäre dann die vierte an der Zahl, werde „fulminant“ sein. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.9. findet das bemerkenswert, denn sie setzt das Adjektiv in Anführungszeichen. Sie sagt aber nicht, warum.

Eine Erklärung wäre, dass „fulminant“ in der Regel positiv konnotiert ist. Eine nicht bloß gelungene, sondern in geradezu strahlender Weise gelungene Theaterinszenierung würde man fulminant nennen. Das lateinische Wort „fulmen“ steckt darin, es heißt „Blitz“. Das Fulminante ist etwas ereignishaft Überwältigendes. Gleichzeitig ist es aber ästhetisch gebändigt. Den Blitz selbst würde man kaum fulminant nennen, wohl aber das Kunstwerk, das einem Blitz gleich in meine Erfahrungswelt einschlägt.

Das Fulminante gibt also in etwa das wieder, was von Kants Ästhetik „erhaben“ genannt wird. Es überwältigt, dennoch aber erweist der Mensch sich am Ende als Meister solchen Geschehens. Das hat weniger mit seiner moralischen oder intellektuellen Größe zu tun, sondern mit einer Beobachtungsanordnung zu tun, die die traumatische Erblindung verhindert und das Erhabene am Ende der Erfahrung des Beobachters gutschreibt – vom „Schiffbruch mit Zuschauern“ (Lukrez; Hans Blumenberg) bis zum Opernhaus als „Atomkraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge), in dem große und größte Gefühle kontrolliert produziert werden.

Die vierte Welle also, egal wie viele Tote sie produzieren wird, egal wie viele Langzeitgeschädigte auf ihr Konto gehen werden, sie weiß immerhin durch ästhetische Qualitäten zu beeindrucken; sie ist jedenfalls ein Ereignis und am Ende ästhetisch befriedigend. Und in dem Genuss, den wir als Zuschauer – vorzugsweise als geimpfte Zuschauer – dabei empfinden, dokumentiert sich auch, dass wir diese auf uns zukommende Welle letztlich doch beherrschen werden. Solche Versicherungen sind auch bitter nötig, denn erfreulich ist die Nachricht, die uns Herr Wieler da überbringt, ja eigentlich nicht.

Wolfram Ette

Corona 309: Zwei Zahlen

1

Zwei Zahlen am selben Tag: Die Corona-Inzidenz sei in Deutschland wieder gesunken; die globale Erwärmung wird zum Ende dieses Jahrhundert statt der erhofften 1,5 Grad, 2,5 Grad betragen, wenn nicht „drastische Maßnahmen“ unternommen werden.

Was Corona betrifft, so haben wir es alles in allem noch einmal hingekriegt, uns aus der Sache ohne drastische Maßnahmen herauszuwinden – auch wenn die Kritikerinnen und Kritiker der Corona-Politik nicht dieser Ansicht sind, sondern die Apokalypse mit dem nächsten Pieks antizipieren.

Das ist aber keine gute, sondern eine schlechte Nachricht. Denn sie zeigt, dass wir wieder einmal nichts lernen werden, dass uns Corona, der „Brennspiegel“, die „Generalprobe“, davon abhalten wird, in der tatsächlich gattungsbedrohenden ökologischen Krise (von der die Klimaerwärmung ja nur einen Teil bildet), das zu tun, was notwendig sein wird, um uns zu retten. Das Vertrauen darauf, dass uns schon etwas einfallen wird, wird uns bis zu dem Tag begleiten, an dem wir die Sonne das letzte Mal sehen.

Dieses Vertrauen – woher rührt es? Ich meine: Aus der Harmlosigkeit der Krisen, mit denen wir es bisher zu tun hatten. Corona ist harmlos – nicht an und für sich, denn es hat viel Leid, und auch viel vermeidbares Leid, produziert. Aber im Vergleich zu dem, was uns, unsere Kinder und Enkel mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet, ist es Pipifax.

2

Doch wenn man näher hinsieht: so gut haben wir es nun auch wieder nicht gemacht. Es ist eine perspektivische Verzerrung, die daher rührt, dass wir die Pandemie gerne so nennen – es ist das Bedürfnis nach Großartigkeit noch im Leiden -, aber nicht so handeln, als wäre es eine. Politisch halten wir, also nicht bloß die Politiker, sondern wir alle, hartnäckig an der „epidemiologischen“ Perspektive fest, die eine Seuche im Landes- oder Staatenmaßstab betrachtet. Simpler formuliert: es geht immer um Deutschland, Frankreich, England, China etc. Grundsätzlich können die anderen erst mal sehen, wo sie bleiben.

Neben der Unfähigkeit zu ‚drastischen Manahmen‘, wenn sie nötig sind, ist es also – es ist ein alter Hut, aber solange sich daran nichts ändert, muss man darauf bestehen – die Unfähigkeit zu solidarischem, internationalistischen, ‚pandemischen‘ Handeln, die die gegenwärtige Situation mit der kommenden verbindet. Corona – „Brennspiegel“, „Generalprobe“: ja, doch, vielleicht. „Vorgeschmack“ fiele mir auch ein – Vorgeschmack des Zerfalls aller transnationalen Bündnisse, der radikalen Entsolidarisierung, der Rette-sich-wer-kann-Haltung, des Kampfes aller gegen alle.

Wolfram Ette

Corona 308: Ein gutes Gefühl

Freitag, um 10.42 Uhr im Regionalexpress von Berlin nach Rostock. Der Zug ist brechend voll, viel junges Publikum, mit Rucksäcken, Fahrrädern, Karren, wahrscheinlich auf dem Weg an die Ostsee oder zu irgendeinem Festival, die Stimmung ist gelöst. Dazwischen steht ein älterer Mann mit seinem Fahrrad, grüne Jacke, ein bisschen heruntergekommen. Er redet auf einen vor ihm sitzenden jungen Mann ein, fuchtelt erregt mit den Händen, die Maske sitzt ihm weit unter der Nase.

Es gibt diese Geste, von der ich nicht weiß, ob ich sie mir ausgedacht oder irgendwo abgeguckt habe: Ich suche Blickkontakt, lege mir den Zeigefinger der rechten Hand unters Kinn und bewege ihn in einer gleitenden Bewegung bis über den Nasenrücken; dazu lächle ich, so freundlich ich kann, auch mit den Augen, sodass man es trotz der Maske gut sieht. Meistens klappt es, und die Masken werden hochgezogen, so weit geht die Renitenz ja in der Regel nicht, dass man es darauf ankommen lassen möchte. Ein bisschen provozieren ja, aber keinen echten Streit. Die umstehenden Passagiere, alle mit Maske, tun in der Regel so, als hätten sie nichts bemerkt, als ginge sie das alles nichts an, bloß nicht auffallen, bloß nirgends reingezogen werden. Aber am Tag zuvor hatte sich eine Frau, die im Bus neben mir stand, leise bedankt: „Gut, dass Sie das tun. Es ist wichtig, aber ich hätte mich das nicht getraut.“

Das macht mir Mut, es jetzt wieder zu versuchen, und weil ich drei Meter wegstehe und kein Durchkommen ist, rufe ich freundlich: „Hallo, der Herr in der grünen Jacke“ – und als er sich nach mir umwendet, mache ich langsam die Geste. Er rückt seine Maske fahrig zurecht und ruft laut, „glauben Sie etwa auch daran? Das ist doch ein zweiter 11. September!“. Ich mache das internationale Daumen-hoch-Zeichen als Dank für die hochgezogene Maske und schweige; auf eine Diskussion habe ich keine Lust. „Glauben Sie etwa auch daran?“, ruft er noch einmal. Ich nicke, sage nicht besonders laut „ja“. Und dann, bevor er weitermachen kann mit seiner Suada, geschieht das Magische. Ein junger Mann mit einem Rucksack ruft „ich auch“, eine ältere Frau mit einem Rollator zwei Sitze weiter sagt laut „ich glaube auch dran“, und ihre Nachbarin nickt. Der Mann sagt, diesmal deutlich leiser und mehr zu sich selbst, „es ist schlimm, fünfzig Prozent der Menschen glauben diesen Unfug“, und die Frau, die eben nur genickt hatte, antwortet: „Schauen Sie doch um, es sind eher achtzig bis neunzig Prozent, wir alle glauben daran.“ Dann fügt sie hinzu, dass einer ihrer Bekannten fast an Corona gestorben ist. „Ja, aber wie alt war der?“, ruft der Mann in der grünen Jacke und greift sich mit großer Geste an die Stirn. „Anfang sechzig, so alt wie Sie“, antwortet die Frau, „keine Vorerkrankungen, immer topfit.“ Der Mann in der grünen Jacke wendet sich wieder an den jungen Mann vor ihm; fast ein bisschen verzweifelt wirkt er jetzt, fragt ihn: „Und Sie, glauben Sie das auch, an das Virus, dass wir uns schützen müssen?“ „Ich glaube das nicht“, sagt der junge Mann, und im Wagen ist es jetzt ganz still, „ich weiß das.“ Und dann fängt er an, leise mit dem Mann zu diskutieren, über Vektorimpfstoffe und wie sie funktionieren, und darüber, dass es am Hergang des 11. September keine wirklichen Zweifel mehr geben kann, und dass man natürlich besorgt sein kann, aber dass Impfungen keine Langzeitwirkungen haben, außer uns zu schützen. Den Rest verstehe ich nicht, weil sich auch alle anderen jetzt wieder unterhalten: die jungen Leute auf dem Weg zu irgendeinem Campingplatz und die beiden älteren Frauen mit dem Rollator. Aber jedenfalls wissen wir jetzt, was uns verbindet, und der junge Mann weiß es, und auch der Mann in der grünen Jacke, und er ist zumindest für die Länge dieser Bahnfahrt raus aus seiner Blase. Und das alles zusammen ist ein wirklich gutes Gefühl.

Karin Nungeßer

Corona 307: Impfbar

Der Gesundheitsminister ist stolz: Neun von zehn „impfbaren“ („vaccinables“) Franzosen seien jetzt tatsächlich geimpft.

Gibt es dieses Wort? „Impfbar“? Es klingt so wie „essbar“. Etwas „Essbares“ ist etwas, was man essen kann. Das Gegenteil ist das Nicht-Essbare, das man nicht essen kann, weil man sonst krank wird. Jemand, der „impfbar“ ist, ist entsprechend jemand, den man impfen kann ohne grosse Gefahr. Säuglinge und Kleinkinder zum Beispiel gelten bisher als nicht „impfbar“. Ihnen fehlt was: Sie fallen aus dem Rahmen einer Möglichkeit, und die ist die Impfung.

Was mich an dem Wort irritiert, ist, dass ein passivisches Element vorherrscht. Dem Essbaren geschieht, dass jemand es isst. Dem Impfbaren muss, in Parallele dazu, gewärtig sein, dass jemand ihn impfen, er also geimpft werden wird. Der Impfbare ist nicht wirklich eine Person, die entscheidet, sich impfen zu lassen, sondern der zustösst, was ihr von Aussen zugedacht ist, weil es möglich ist.

Irgendwie beginne ich ein ganz klein wenig, die Impfgegner zu verstehen. Doch nicht so sehr wegen der medizinischen Argumente, die gegen die Impfung aufgebracht werden, als vielmehr wegen der Sprache, die der Gesundheitsminister spricht. Die Impfung ist akzeptabel, solange man sich sagen darf, dass man losgegangen ist mit dem Ziel, sich die Impfung zu holen: Die Aktivität geht von einem selbst aus. Man bekommt die Impfung, weil man sich für sie entschieden hat. Wird man hingegen als „Impfbarer“ klassifiziert, ist man automatisch Teil einer Herde, für die alles schon entschieden ist. Jemand entscheidet über diese und an ihrer Stelle.

Das ist in der Tat nicht angenehm. Ich bin geimpft, weil ich mich habe impfen lassen wollen. Ich bin geimpft als Impf-Willige, nicht als Impfbare. Das ist ein Unterschied, an dem auch die Tatsache nichts ändert, dass ich mich nur darum habe impfen lassen können, weil ich zur Kategorie der impfbaren Personen gehöre.

Anne Peiter

Kommentar

Auch in Deutschland ist nicht daran vorbeizusehen, dass der Wille der Einzelnen, sich für oder gegen eine Impfung in diesem Fall gegen Covid-19, zu entscheiden, in steigendem Maße ignoriert wird. Die neue Quarantäneregelung etabliert keine Impfpflicht, wohl aber einen Impfdruck, der nicht über Werbung im weitesten Sinne (vom „zwanglosen Zwang des besseren Argumets“ bis zu Nudging), sondern über Sanktionen funktioniert. Sie sind weniger scharf als in Frankreich – man verliert als Ungeimpfte/r nicht seinen Job, sondern muss lediglich für die Ausfallgelder des Arbeitgebers aufkommen, wenn man in Quarantäne geschickt wird -, vom Prinzip her aber nicht weniger fragwürdig.

Die Verantwortung für ihre Körper können nur die Individuen übernehmen – die, denen er gehört. Es ist meine Willensentscheidung, ob ich rauche, trinke, andere Drogen konsumiere; ob ich auf lebenserhaltende Maßnahmen im Sterbefall verzichte oder sie in Anspruch nehmen möchte; ob ich Sport treibe oder vor dem Fernseher sitze, im Bioladen einkaufe oder bei Burger King esse. Alles meine Entscheidung; jemand anderes kommt dafür ja nicht in Frage. Und so verhält es auch mit den Impfungen – im Prinzip jedenfalls, weil mein eigenes Impfverhalten nicht nur mich betrifft, sondern die Infektionsgemeinschaft: den Kindergarten, mein Team im Büro, die Kollegen auf Station. Deswegen kann es aber nicht von anderen als mir selbst entschieden werden; es ist ja mein Körper, in dem sich alles kreuzt und schneidet, mein eigener sowie der gesellschaftliche Nutzen gegeneinander abgewogen werden müssen. Die sozialen Auswirkungen des Impfens bzw. des Nichtimpfens sind ein zusätzliches Kriterium meiner Entscheidung, mehr nicht. Ich sollte es einbeziehen; wenn ich es aber nicht tue, kann es auch niemand anderes für mich tun.

Es geht nicht darum, ob die Impfgegner recht haben. Es geht nur darum, die Verantwortung derjenigen zu respektieren, die Unrecht haben – nach meiner Meinung jedenfalls, mit der ich aus ihrer Sicht im Unrecht bin.

Wolfram Ette

Corona 306: Das Produkt

Eine Frau, die in der Verwaltung eines Krankenhauses von La Réunion arbeitet, erklärt ihre Entscheidung, sich trotz ihrer Gegnerschaft bezüglich der Impfpflicht den herrschenden Regeln zu folgen, auf diese Weise:

„Je serai probablement contrainte à me faire injecter ce produit, car la pression, les menaces que je subis ces derniers temps, finiront par me faire céder. Mais au fond de moi, j’ai espoir qu’un jour, la lumière sera faite et que l’avenir me donnera raison. Quoiqu’il en soit, personne n’aura ma liberté de penser“ („Ich werde wahrscheinlich gezwungen sein, mir dieses Produkt injizieren zu lassen, denn der Druck und die Drohungen, zu deren Opfer ich in letzter Zeit geworden bin, werden mich irgendwann zum Nachgeben veranlassen. Doch ganz tief in meinem Inneren habe ich die Hoffnung, dass Licht in die Sache gebracht und die Zukunft mir Recht geben werde. Wie’s auch komme, niemand wird meine Freiheit zu denken haben.“)

Eine neue Aufgabe für meine To-do-Liste: Sprachlich auf systematische Weise zu verfolgen wäre – – die Benutzung des Wortes „Produkt“.

Impfgegner sind mit großer Regelmässigkeit daran zu erkennen, dass sie die Impfung als Impfung gar nicht erst anerkennen. Ihr Misstrauen gegenüber der Injektion drückt sich darin aus, dass sie sich einer bestimmten Sprachregelung – hier der Idee, dass man einen Impfstoff Impfstoff zu nennen habe – verweigern.

„Produkt“ ist ein Wort, das im Schilde die Idee führt, Produziertes sei dafür da, verkauft zu werden. Produkte existieren nie um ihrer selbst willen. Produkte, die aus der Produktion kommen, zielen auf Gewinn. „Produkt“ wird damit zu einem pejorativen Ausdruck, hinter dem sich ein enormes (und man mag sagen: durchaus nicht nur unberechtigtes) Misstrauen gegenüber dem herrschenden Wirtschaftssystem staut. Allein schon die Härte der beiden Konsonanten, mit denen das Wort „Produkt“ schliesst, lässt knackend den Knackpunkt einer Konzeption in’s Ohr dringen, die die Produzenten des besagten „Produkts“ nicht bereichern mag. Das Synonym für’s „Produkt“ lautet „Profit“: Alliteration des rein Identischen, Ununterscheidbaren.

„Das Produkt“ ist außerdem etwas ganz Unbestimmtes. Produziert wird ja so allerlei: das Verschiedenste. Indem die Rede vom Impfstoff als „dem Produkt“ dasselbe sozusagen eigenschaftslos sein lässt – es ist gar nicht zu sagen, was der Impfstoff überhaupt sei, was in ihm stecke, was er bewirke –, wird impliziert, es fehle jede Produktinformation, jeder Beipackzettel, alles Kleingeschriebene bezüglich der Materialien, die im Zuge des Produktionsprozesses verarbeitet worden sind.

„Das Produkt“ wird so zum Produkt phantastischer Auswucherungen, die alle eine unbestimmte Gefahr zum Zentrum haben: Niemand weiß, was die Impfung ist, niemand weiß auch, wer sie eigentlich hergestellt hat. Geheime Kräfte sind am Wirken, die kleinen Kreise der verschworenen Elite ergreifen die Welt, der Untergang ist nah und da, wenn man sich nicht noch schnell auf die Seite des Widerstands schlägt.

Es ergibt sich also, dass in dieser Zeit kaum ein anderes Wort im dieser Kürze ein Gedankengebäude in sich verdichtet, an dem verschwörungsreligiös Bewegte bauen, um in extremis ihr eigenes Leben zu retten, als Nukleus einer kleinen Elite von Überlebenden, mit der die Menschheitsgeschichte nach dem Tode aller anderen ein weiteres Mal anheben kann. „[G]anz tief in meinem Inneren habe ich die Hoffnung, dass Licht in die Sache gebracht und die Zukunft mir Recht geben werde.“

Anne Peiter

https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2021/09/17/Chez-les-soignants-non-vaccines-lamertume-et-le-desarroi_629773

Corona 305: Das Diskontinuum der Zeit

Der Judolehrer, der Dreiviertel seiner Schüler:innen verloren hat, weil man ja nicht richtig kämpfen kann mit Maske im Gesicht und mit der Auflage, sich nicht zu berühren, ist der Überzeugung, dass der Covid erst gefährlich wird, wenn man mindestens siebzig ist. (Über Siebzigjährige hat er in seinen Kursen nicht, das trifft sich gut.)

Gwen schickt ihren Sohn weiterhin zum Judounterricht, denn erstens ist es nah und billig, und zweitens sei noch nie ein Kind krank geworden. Sie schließt daraus, dass der Lehrer, auch wenn er ungeimpft bleiben wird (er ist noch lange nicht siebzig), die Sache gut macht, denn passiert ist ja nie was, und die unerschütterliche Überzeugung von Gwen ist, dass das, was war, sich fortsetzen wird ins Unabsehbare. Wozu sind sonst Vergangenheit und Gegenwart als etwas gedacht, was ineinander übergeht?

Ich aber, die ich nur in Brüchen zu denken verstehe, schicke mein Kind jetzt doch nicht, denn lieber wäre mir ein Mann gewesen, der noch lange nicht siebzig ist, aber herdenkt von dieser Zahl.

Anne Peiter

Corona 304: Übersee, verwässert

Die meisten französichen Übersee-Gebiete unterliegen bis Mitte November erneut dem Ausnahmezustand. Die Idee, die hinter der Bestimmung liegt, zielt auf die Möglichkeit, schnell und effizient reagieren zu können. Das klingt, wenn man an die dramatische Situation auf den Antillen denkt, erst mal ganz gut, denn wie soll man sonst die Wiederholung einer Situation vermeiden, in der die Inzidenzrate bei fast 2000 lag?

Andererseits entsteht der Eindruck, dass das Parlament es sich ziemlich leicht macht. Übersee ist Übersee, strukturschwach, überfordert, zu wenig geimpft, mit Krankenhäusern, die nicht vernünftig funktionieren.

Was aber, wenn es in diesem Gesamtbild (das nicht nur falsch ist) Nuancen gibt? Was stellt man an mit der Tatsache, dass sich die Situation auf La Réunion zu verbessern beginnt und eine Gleichsetzung mit den Antillen einer groben Vereinfachung gleichkommt? Fast hat man den Eindruck, dass das Parlament nicht dauernd über so Randständiges abstimmen müssen will. Man schert schnell über einen Kamm, und damit hat sich die Sache.

Aber bei anderen, festländischen Departments würde man so nie vorgehen. Man müsste sich damit auseinandersetzen, dass zu unterscheiden ist. Übersee aber ist per se das Ununterschiedene, da weitgehend Unbekannte, das unbekannt bleibt, weil man sich mit den Realitäten nicht vertraut zu machen bemüht, d.h. keine neuen Kenntnisse und Erkenntnisse erwirbt.

So haben wir also den Ausnahmezustand, weil sich die Unterschiede zwischen Karibik und Indischem Ozean durch das viele Wasser, das da jeweils fliesst oder brandet (mitunter auch geformt als Welle), zu verwässern pflegen.

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/coronavirus-l-assembl%C3%A9e-approuve-le-prolongement-de-l-%C3%A9tat-d-urgence-sanitaire-dans-les-outre-mer/ar-AAOdfEz?ocid=msedgdhp&pc=U531

Corona 303: Über Medien

Das Glück des Schutzes

Ein 76-jähriger Sänger, dem, wie zu lernen ist, ein mir völlig unbekannter, sicher aber unsterblicher Song mit dem Titel „La ballade des gens heureux“ („Die Ballade der glücklichen Leute“) zu verdanken ist, erklärt, er sei nicht geimpft, doch „je n’ai pas peur, je suis protégé“ („[I]ch habe keine Angst, ich bin geschützt“). Wie, das sagt er nicht, aber dass es keinen Grund für die Annahme gibt, geschützt zu sein, ist völlig egal. Entscheidend ist allein, dass er sich geschützt fühlt, denn wenn er sich so fühlt, kann er schließen, er sei es auch. Bewusstsein und Sein fallen, wie bei glücklichen Leuten üblich, in eins zusammen.

Gleichzeitig gibt dieser Mann aber zu, dass er eine radikale Entscheidung hat treffen müssen: Er sehe kein fern mehr. Offenbar fühlt er das Bedürfnis (und das ist paradigmatisch zu verstehen), sich zu schützen, nämlich vor Informationen, die geeignet sind, ihn mit der Frage zu konfrontieren, ob er wirklich so sicher sei, durch mehr geschützt zu sein, als durch das blosse Gefühl, es zu sein.

Doch geschützt ist er, denn er weicht, indem er den Fernseher Fernseher sein lässt, dieser Frage aus, und mit ihr auch der Gefahr, dass das Gefühl der Ungeschütztheit, vor dem er sich durch wissentliche Unwissenheit zu schützen versucht, zurückkehren könnte.

Da aber der Fernseher, in dem er selbst oft aufgetreten zu sein scheint, eigentlich bisher integraler Bestandteil von Alltag war, muss der Musikus die Entscheidung als „radikal“ anerkennen. Irgendwie ist also doch ein Bruch erfolgt. Durch den ausgestellten Fernseher entsteht eine Leere, die zwar den Vorteil hat, das Gefühl der Geschütztheit zu schützen, andererseits aber, weil der Bildschirm so bös schwarz vor sich hingähnt, einen neuen Schutz erforderlich macht.

Dieser Schutz ist ein Schutz zweiten Grades. Er besagt, dass man, weil man durch Abstinenz bezüglich der Welt der Informationen die Geschütztheit schützen will, auch die Entscheidung schützen muss, die es erlaubt, sich geschützt zu glauben. Also: Man muss die Entscheidung gegen den Fernseher schützen, damit nicht zu sehr augenfällig werde, dass er vor allen Dingen dann ins Auge fällt, wenn er nicht angestellt ist. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man, da Sänger, für’s Fernsehen arbeitet! Man treibt sozusagen singend den Fernseher voran, verweigert sich ihm aber gleichzeitig, weil durch die Bilder und Stimmen, die aus ihm hervordringen, der Schutzmantel als künstlich und der Schutz, den dieser bietet, als Illusion erkannt werden könnten.

So ist es kein Zufall, dass es noch einen speziellen Grund gibt, den der Interwiewte anführt, um zu erklären, warum das Fernsehen unerträglich geworden sei: Er habe eine schwere Krankheit und ertrage keine Lügen. („[J]’ai une grave maladie, je ne supporte pas le mensonge.“)

Sehr groß ist die Gefahr nicht, dass die Frage, ob er sich selbst belüge, durch das Dickicht der Lügen der anderen zu ihm dringe. Der Mann ist gerade dabei, ein neues Album herauszubringen, und das heisst „Le goût du bonheur“ („Der Geschmack des Glücks“). Die Kontinuitäten zwischen vorher und nachher – prä-pandemisch und mitten drin im Pandemischen – sind also gesichert. Komponierend und tirillierend ist man geschützt durch das Glück, nicht jemand anderes zu sein, sondern der, der man ist, nämlich jemand, der geschützt und glücklich ist, weil er Lügen absolut nicht erträgt.

https://www.msn.com/fr-fr/divertissement/celebrites/gérard-lenorman-pas-vacciné-à-76-ans-je-n-ai-pas-peur/ar-AANMjMA?ocid=msedgdhp&pc=U531

Anne Peiter

Über den zweifelhaften Schutz des Unwissens (Kommentar)

Und vergessen sei nicht, dass Jan-Josef Liefers, der die Kampagne der Schauspieler:innen-Videos mitinitiierte, danach bekannte, erst nachdem er damit aufgehört habe, sich mit Nachrichten über Corona zu überfluten, erst nachdem er sich also von der Sucht nach Information befreit habe, sei ihm die Erkenntnis gekommen, wie absurd das alles doch sei, und dass man nun dem autoritärern Durchmarsch der Corona-Exekutive etwas entgegensetzen müsse. An der Tatsache freilich, dass die Überflutung mit Informationen ein Problem darstellt, folgt nicht automatisch, dass Ignoranz keines sei. Unwissen schützt erstmal nur vor Wissen, nicht vor der Lüge. Im Gegenteil kann es, wenn man zu sehr im eigenen Saft und in dem der Freunde schmort – denn ganz alleine ist man ja nie -, sich durchaus zur Lüge wandeln. Ganz unschuldig ist es ja nie, das Unwissen, und schon gleich gar nicht, wenn es damit an die Öffentlichkeit tritt.

Wolfram Ette

Double bind

Heute morgen, am 27. August 2021, in den Nachrichten, wird auf den gestrigen Anschlag am Flughafen von Kabul hingewiesen. Er wird aber in allen Nachrichtensendungen, die ich höre, vorausgesetzt – etwas so: ‚Nach dem gestrigen Terroranschlag am Flughafen von Kabul sagte der deutschen Außenminister etc.‘ Ich bin verwirrt, gestern habe ich keine Nachrichten gehört, mein Tag war übervoll und ich bin einfach nicht dazu gekommen. Auch in den Nachrichten von gestern Nacht, die ich über die DLF-App nachhöre, dasselbe Bild. Das Nachhören der BBC-Newshour von gestern schafft Abhilfe; ich erfahre nun überhaupt, was passiert ist, wie der Terroranschlag vor sich gegangen ist, wieviele Menschen dabei getötet und verletzt wurde, und welcher Nationalität sie waren. Dazu dann recht einschlägige Hintergrundinformationen über das Verhältnis von IS und den Taliban.

Wenn ich hier den Deutschlandfunk mit der BBC vergleiche, dann geht es mir nicht, jedenfalls nicht in erster Linie um eine Bewertung, also darum, den einen Nachrichtensender gegen den anderen auszuspielen – ein Spiel, bei dem, was die Auslandsberichterstattung angeht, sowieso klar ist, wie es ausgehen würde. Es geht mir vielmehr um die Analyse. Das Phänomen, also die Voraussetzung der Fakten nach nur einem Tag, interessiert mich als solches. Es ist ja nicht so, dass der Sender ansonsten mit Redundanzen geizen würde: Wie oft haben wir zum Beispiel erklärt bekommen, was der „R-Wert“ oder die „7-Tages Inszidenz“ sind! Aber hier ist es offenbar anders:

Denn die Fakten, das heißt natürlich auch: die Toten, die Opfer, die herumliegenden Leichenteile, das Blut, die Verzweiflung. Und all das ist bereits einen Tag später, also zu einem Zeitpunkt, in dem der Schock bei den Angehörigen vielleicht gerade mal angekommen ist, aus den Hauptnachrichten des Senders verschwunden! Was für Ungleichzeitigkeiten! Wir sollen geschont werden, es soll uns nicht allzusehr betreffen. Denn natürlich hängt dies auch mit uns, den Deutschen zusammen, die sich in einer Weise an den Menschen in Afghanisthan schuldig gemacht haben, die vielleicht nachrichtenwürdiger ist als das, was der deutsche Außenminister gesagt hat. Wenn uns der allzu genaue Blick auf der Leiden erspart wird, so heißt das eben auch, dass uns der allzu genaue Blick auf unsere Schuld erspart wird.

Ist das Absicht? Folgt das Überrollen der Geschwindigkeit, in der sich solche Ereignisse im eigentlichen Sinne erfahren und verarbeiten lassen – was immer auch unsere Beteiligung, unser Involviertsein darin einschließt – durch die Taktung der Nachrichtensendungen, einer Intention, die das im Sinn hat, was ich hier zu analysieren versucht habe? Nein, ich glaube das nicht. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Verschwörungstheoretiker unterstellen immer eine böse Absicht, sie denken vollkommen unpsychologisch in dem Sinn, dass Handlungen in ihrem Verständnis immer bewusst erfolgen. Deswegen reden sie auch von „Lügenpresse“, wo – nach meiner Einschätzung – gar nicht ‚gelogen‘ wird, sondern das System aus seiner eigenen Logik heraus nicht die (ganze) Wahrheit berichtet.

Und so ist es auch hier. Die Taktung der Nachrichten folgt weniger bewussten Entscheidung als einer Gewohnheit, dem systemimmanenten double bind der Medien. Denn auf der einen Seite ist die Sensation notwendig, man muss sein Publikum durch beständig neue Schocks pushen und immer wieder pushen; auf der anderen Seite muss es uns in der passiven Konsument:innenhaltung belassen, unbedingt – die Menschen sollen Nachrichten sehen oder hören anstatt praktisch darauf zu reagieren. Das heißt, man muss die Realität gleichzeitig abwehren und die Menschen davor schützen, wirklich schockiert zu sein, wirklich von dem Schrecklichen und Schuldhaften, das da vor sich geht, angefasst zu werden und dadurch politisch zu werden. Das Format vieler Nachrichtensendungen, zu denen ich auch Podcasts, Expert:innengespräche und vieles andere mehr zählen würde, verdankt sich dieser doppelten, in sich widersprüchlichen Intention: den Schock und die Sensation so glaubwürdig zu simulieren, dass es zumindest ein paar Stunden anhält, bis es von der nächsten Sache abgelöst wird. Schock und Schockabwehr umgeben systematisch das, was passiert ist; das ‚Ziel‘ solcher Verfahren – wenn man denn hier sinnvollerweise von einem Ziel sprechen will und nicht von einem ‚Resultat‘, einer ‚Summe‘ – ist es, zu verhindern, dass wir damit eine Erfahrung machen.

Die Frage ist dann bloß: Wie zum Teufel machen wir eine Erfahrung mit dem, was uns die Medien liefern? Wie entkommen wir der Suchtstruktur der Information auf der einen, der verstockten Ignoranz der Desinformation auf der anderen Seite? Wie können wir uns den Inhalt, der in den Medien (die darin nur der kapitalistischen Produktionsweise folgen) die Nebensache, uns als Hauptsache aneignen? Das sind Fragen, die für Afghanistan ebenwo wie für Corona, ha für jedes dieser vielen vielen Themen gelten, die uns systematisch über den Kopf wachsen.

Wolfram Ette

Corona 302: Aération renforcée!

Verstärkt

Angesagt ist, dem neuen Massnahmenkatalog für die Schulen folgend, eine »aération renforcée« (»verstärkte Luftzufuhr / Lüftung«). Man könnte es auch ganz einfach sagen: »Öffnet mehr die Fenster!« Doch ist in dem Moment, in dem man den Fensterhebel umlegt, um dies zu tun, das ganze Pathos verwirklicht, das im Adjektiv »renforcée« steckt?

»La force« ist die Stärke. Sie impliziert Entschiedenheit, Kraft, Aktion – eben eine starke Massnahme, beschlossen durch ein weitblickendes Ministerium. Doch in Wirklichkeit öffnet man bloss die Fenster! Und geklärt ist keineswegs, was die Klassen machen, wenn es erst mal kalt wird und die Fenster dauernd offen sein sollen. (Das wird sowieso niemand fordern können.)

»Renforcée« ist eigentlich nichts weiter als ein Adjektiv, das dem Massnahmenkatalog den Anschein geben soll, es geschehe was. Luftfilter sind nicht gekauft worden, noch nicht einmal CO2-Zähler gibt es. Aber alles ist in Ordnung, denn man hat ja dank der Fenster zu einer verstärkten Stärke gefunden und die setzt man der Schwäche eines Virus entgegen, dessen Ansteckungskraft sich – so will man meinen – nicht gesteigert hat.

Regel, universell gültig: Wer starke Worte benutzt, kann bestehende Schwächen nur nicht zugeben und ist gerade darum schwach. Und umgekehrt: Wer leise redet, ohne Stärke, sondern unter Beherrschung der Semantik und Syntax der Schwäche, ist auf gutem Wege, Stärke zu erlangen.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/other/rentrée-des-classes-ni-présentiel-ni-distanciel-démerdentiel/ar-AANM76I?ocid=msedgdhp&pc=U531

Anne Peiter

»Aération« (Kommentar)

Und jetzt, bitte sehr, achte man auch noch auf die Magie dieses Wortes! Auch wenn ich Französisch nur mäßig beherrsche, scheint mir doch, dass sich in diesem, mit der Wucht der laterinischen Vorgeschichte ausgestatteten Substantiv, das Privileg einer Politik abzeichnet, die zum Großschwätzertum unter Umständen sogar in noch größerem Maße als die deutsche in der Lage sein könnte. Etwas, das sich nach Lage der Dinge mittlerweile von selbst versteht und den gebeutelten Staatshaushalt praktischerweise nicht einmal etwas kostet, als politische Maßnahme erstes Ranges versubstantivieren zu können, macht uns stumm und neidisch. Warum haben wir so wenig davon? Was für Möglichkeiten eröffnen sich der politischen Phrasenproduktion! Könnten wir nicht? … aber ein, »Äh—Äh—Äration«, das klingt einfach nicht. Wenn wir den uns mittlerweile einigermaßen vertraut gewordenen Diphtong einfügen – »A|eration«, so wie die echten Franzosen es sagen dürfen, klingt die Wichtigtuerei zu aufgesetzt und unnatürlich. Wir müssen uns was anderes ausdenken, solche Substantive stehen uns nicht zur Verfügung.

Wolfram Ette

Corona 301: Die kleine und die große Krise II

Kirschen mit Sahnehäubchen

Eine Studie sagt voraus, dass die weltweite Nahrungsmittelversorgung durch die Ausbreitung von Insekten immer stärker in Gefahr geraten könne. Es bestehe ein ursächlicher Zusammenhang zu zwei Faktoren: Erstens vermehrten sich im Zuge steigender Temperaturen Insekten leichter, und zweitens vermindere sich die Wirksamkeit von Pestiziden aufgrund der wachsenden Resistenz bestimmter Schädlinge. Man trete ein in eine Ära der Krankheiten von Pflanzen, in der Hungersnöte immer wahrscheinlicher würden.

Die Journalisten, die die Studie in all ihrer Schrecklichkeit resümierend feilhalten, haben gelernt, Zwischentitel zu setzen, und der eine von ihnen lautet ganz leger: „Le changement climatique, cerise sur l’épidémie“ („Der Klimawandel – das Sahnehäubchen auf der Epidemie“). In Wirklichkeit müsste man aber übersetzen „Die Kirsche auf der Epidemie“, denn so sagen’s die Franzosen, wenn sie die Krönung einer Sache ans Bewusstsein heben wollen. Es wäre also ausgerechnet eine Frucht, die unbedingt ein bisschen Kälte im Winter braucht, um später rot zu werden, die den Klimawandel auf dem allgemeinen Kuchen veranschaulichen soll.

Das ist aber nicht das einzige, was irritiert. Vielmehr tritt hinzu, dass der Klimawandel zu einem Anhängsel der Pandemie erklärt wird und nicht umgekehrt die Pandemie zu einem Anhängsel des Klimawandels, der ja völlig andere Grössenordnungen hat als der Virus. Es ist also zu konstatieren, dass die Pandemie auch dann zur Verharmlosung des Klimawandels eingesetzt wird, wenn das ausdrückliche Ziel eines Artikels darin besteht, auf dessen dramatische Folgen aufmerksam zu machen.

Man gewinnt den Eindruck, dass man sich von Kirschen und Sahnehäubchen vor allen Dingen sprachlich nicht zu verabschieden versteht, und das heisst dann natürlich auch: in sachlicher Hinsicht nicht.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/technologie-et-sciences/la-future-%C3%A9pid%C3%A9mie-meurtri%C3%A8re-ne-sera-pas-ce-que-vous-croyez/ar-AANJZwu?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Corona 300: Noch einmal die drei G’s

Symptomatisch

Im kommenden Herbst – genauer : in sechs Wochen – sollen die Tests kostenpflichtig werden, und schon jetzt gehen Befürchtungen um, ob man dann überhaupt noch verstehen werde, was genau vor sich geht? Mit so wenig Zahlenmaterial?

Eine weitere Befürchtung besagt, die Hausärzte und Notaufnahmen würden sich füllen mit Leuten, die’s weiterhin kostenlos haben wollen und daher den Ärzt:innen ein paar Symptome vorspielen, um den Test durch die Krankenversicherung zahlen lassen zu können.

Kann schon sein. Dann hätten die Ärzt:innen auf neue Weise was zu tun: Unterscheidung von Symptomen der Krankheit vom Symptom des Geldsparenwollens.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/covid-19-la-fin-de-la-gratuit%C3%A9-des-tests-soul%C3%A8ve-des-questions/ar-AANDFyw?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Gegen das Testen

Es ja wirkt wenig rational, wenn jetzt in Deutschland eine Doppelstrategie gegen das Testen gefahren wird: dass nämlich zum einen, erst nach der Bundestagswahl, versteht sich, ein:e jede:r für die Tests selbst wird bezahlen müssen; und zum zweiten, dass – von 3G zu 2G – ein Test als Zulassungskriterium in vielen Einrichtungen nicht mehr akzeptiert wird. Es spricht ja alles dafür, dass es schlicht zu teuer ist, wenn der Staat das Freitesten übernimmt. Und die Restaurants, die Kultureinrichtungen, denen damit die Verantwortung zugeschoben wird, können es sich ebenfalls nicht leisten. Und so sollen die Bürgerinnen und die Bürger: Sie sollen in Zukunft für etwas bezahlen, das ihnen eh nichts mehr nützen wird. Das Ergebnis werden wir bald sehen. Die Tests werden voraussichtlich in Kürze verschwinden, diese neue Blase wird in sich zusammenfallen. Was von ihnen bleiben wird, werden die Prozesse sein, die wegen missbräuchlicher Abforderung staatlicher Zuschüsse jetzt begonnen haben.

Aber was ist daran „wenig rational“? Nun, einmal ist die Wahrscheinlichkeit, dass negativ Getestete wirklich kein Corona haben, sehr viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass Geimpfte und Genesene, also die beiden „G’s'“, auf die jetzt gesetzt wird, es nicht haben. Da hat Caroline, von der ich neulich erzählte, ja wirklich recht: sie, die große Angst vor Corona hat und vor der Impfung. Ein Test ist sicher, eine Impfung ist es nicht. Gerade im Fall „Delta“, der kein Fall mehr ist, sondern Normalität, scheint es relativ viel „Impfdurchbrüche“ gegeben zu haben.

Außerdem hören wir, dass der Impfschutz nach der Impfung relativ schnell zurückgeht, dass eine dritte „Booster-Impfung“ dringend notwendig sei. Einmal davon abgesehen, dass das Wasser auf die Mühlen derjenigen Impfgegner:innen ist, die die Ansicht vertreten, all das folge ohnehin einem Masterplan der großen pharmazeutischen Unternehmen, spricht das doch auch dafür, an den Tests festzuhalten, die mit gleichbleibender Genauigkeit (daran scheinen die Varianten bisher nichts Verändert zu haben) anzeigen, ob jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt an Corona erkrankt ist.

Tolle Sache das. Aber halt leider sehr teuer. Und es vergiftet das gesellschaftliche Klima systematisch, wenn diese Dinge, die sich aufdrängen, nur vom regierungskritischen Lager außerhalb des Parlaments ins Spiel gebracht wird. Der schlichte satz: „Wir wollen das nicht mehr bezahlen“ würde für Erleichterung sorgen. Stattdessen quält man sich voran und propagiert zu einem Zeitpunkt, in dem die Ansteckungszahlen wieder steigen und die vierte Welle in sichtbare Nähe gerückt ist, den Schutz der Geimpften und der Genesenen, der von Tag zu Tag schwächer wird.

Wolfram Ette

Vom Ende der Normalität

Es war sehr hübsch, sich im Sommer wieder so etwas wie Normalität zu erlauben und dabei auf den Schutz durch die Impfung zu vertrauen. Nur ist es leider so, dass die Wirkung der Impfung, wie jetzt bekannt wird, schnell nachlässt, so dass schon nach fünf, sechs Monaten eine neue Injektion empfohlen wird. Die Ansichten zu diesem Thema sind keineswegs einhellig, doch die Idee, dass die zurückgewonnene Normalität in dem Grade zurückgehen wird, in dem die Fähigkeit des eigenen Körpers sich vermindert, den Virus im Falle seines Eindringens zu erkennen und zu bekämpfen, flößt mir Skepsis ein. Die Lust, in drei Monaten schon wieder zum Impfzentrum aufzubrechen, ist nicht groß.

Normalität ist nur dann gegeben, wenn sie von einer gewissen Dauer ist. Sollte aber richtig sein, was manche Ärzte über die kurze Dauer der Freude über die Impfung sagen, blicke ich auf die letzten Ferien zurück und denke mir, die habe ich mir erkauft durch eine gewaltige Naivität: Die Ferien waren nur eine Klammer, die sich, kaum hatte sie sich geöffnet, wieder schloss. Die Herdenimmunität ist eine Chimäre, der Beitrag jedes Einzelnen für das Wohl des Einzelnen nur relativ – die Normalität der Pandemie zeichnet sich als Kontrast zu der ersehnten Normalität von einst schon ab.

https://www.msn.com/fr-fr/finance/other/vaccins-une-forte-baisse-de-l-efficacit%C3%A9/ar-AANIAk4?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Promotion

Unter der Hand werden die Genesenen zu einem gesellschaftlichen Faktor ganz neuer Art. Eigentlich wollte man sie nicht, weil der Preis der Genesung eben die Erkrankung war und die die Erkrankung hatte eben auch ihren Preis, vom Tod an der Betatmungsmaschine bis zu den organischen und psychischen Langzeitfolgen, von denen wir nun hören.

Jetzt sind sie aber nun einmal da, die Genesenen. Und sie sind sehr praktisch. Sie kosten kein Geld, jedenfalls jetzt nicht mehr, und sie sind immunisiert. Womöglich sogar besser und dauerhafter als die Geimpften, deren Schutz nachlässt. Um sie brauchen wir uns die geringsten Sorgen zu machen. Die Länder, in denen während der dritten Welle die Inzidenzzahlen am allerhöchsten waren – Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt -, sie bilden nun die Schlusslichter. Und Länder wie Schleswig-Holstein mit seinen sensationell niedrigen Fallzahlen im Frühjahr, stehen nun an der Spitze. Könnte das eine ein Grund für das andere sein? Spielt hier doch die, horribile dictu, natürlich Herdenimmunität, eine Rolle? Es drängt sich ja auf, trotzdem werden erst einmal andere Gründe wie die möglicherweise schlechtere Erfassung durch die Gesundheitsämter in Ostdeutschland oder der Tourismus in Schleswig-Holstein angeführt. Auch hier gilt, dass es die Stimmung verschlechtert, wenn nicht ausgesprochen und erörtert wird, was greifbar im Raum steht und worüber jede:r etwas wissen will: Ist die Immunisierung durch Genesung vielleicht doch der einzige Weg, der einigermaßen sicher aus der Pandemie herausführt? Und geht es nicht vor allem darum, die Opfer, die es auf diesem Weg gibt, zu minimieren, also, wie es im letzten Jahr mit einem schon aus der Mode gekommenen Schlagwort hieß: ‚flatten the curve‘?

https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kekule-corona/audio-inzidenz-tests-impfungen-jugendliche100.html

Wolfram Ette

Corona 299: Die Teilung

Dass der Mauerbau „überhaupt funktionierte, erkläre ich mir mit der nicht bewältigten faschistischen Vergangenheit, also mit der inneren Verdorbenheit und der geleugneten Schuld der Mittäterschaft der meisten Ostdeutschen, die nur allzugern auch dieses Problem auf den Westen abschoben, praktisch über die Mauer verbannten. (…) Und dem Westen kam offensichtlich der ‚eiserne Vorhang‘ nicht ungelegen. (…) Die Grenze war für den Westen für den gleichen Mechanismus willkommene Gelegenheit, das Böse nun im Kommunismus zu denunzuieren und in den Osten zu verbannen. (…) Man brauchte sich gegenseitig, um dem anderen zuzuschieben, was man bei sich selbst nicht sehen wollte.“ [1]

Ich begreife erst jetzt so langsam, dass die Teilung, die Spaltung Deutschlands ein generelles Mittel war, die nationalsozialistische Schuld von sich abzuweisen und sie ins gegnerische ideologische Lager zu verschieben. Aus Sicht der DDR war es so, dass der Faschismus in der BRD überlebt und sich eingenistet hatte. Man selbst hatte dagegen die innere und äußere Befreiung vom Faschismus mit großem Erfolg vollzogen und hatte eine weiße Weste. Diese Projektion ist bekannt und oft wiederholt worden.

Doch im Westen war es nicht viel anders – definitiv bis „1968“, nach meinem Eindruck aber sehr viel länger, ja bis heute, da es, äußerlich gesehen, nur noch den Westen gibt. Man konnte und kann die Finger auf die da drüben richten und feststellen, dort eben habe der Nationalsozialismus als autoritärer Sozialismus, auf links gewendet und mit internationalistischen Humanitätsphrasen verschönert, überlebt. Und er habe natürlich auch das Ende der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik überlebt, sich in den Köpfen festgesetzt, sei nun für die erstarkende Rechte in Deutschland, insbesondere aber in Ostdeutschland verantwortlich .

Beide haben natürlich Recht – und Unrecht zugleich. Ja, sogar vor allem Unrecht, denn die Abwehr der Schuld und ihre Umlenkung auf ein zusammenkonstruiertes Feindbild ist ja immer und in jedem Falle falsch. Da mag der Feind noch so sehr ein wirklicher Verbrecher sein; das eigentliche Problem ist die zwanghafte Salvierung der eigenen Person, Nation, peer group, oder woraus immer man das eigene Identitätsgefühl bezieht .

Die Teilung ist nicht vorbei. Fort und fort hält sie an, verschiebt, verkleidet und vermummt sich, kehrt an Stellen wieder, an denen man es nicht vermutet hätte. Ihre Vorgeschichte macht aber verständlich, warum das Wort „Nazi“ mittlerweile zur beliebig austauschbaren Spielmarke im politischen Kampf geworden ist. Das ist nicht bloß so, weil man noch immer sicher sein kann, damit mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Es geht nicht nur um Klickzahlen, sondern hat eine Vorgeschichte: die der Teilung Deutschlands, die der beiden deutschen Staaten, die ihrem Gegenüber jeweils vorwerfen, den Nationalsozialismus nicht richtig „aufgearbeitet“ zu haben, de facto also noch immer Faschist zu sein. In diesem Land wurde die Nazikeule schon lange in beide Richtungen geschwungen .

Und so höre ich denn auf, mich darüber zu wundern, dass ich, Teil einer Demonstration gegen Rechtsradikale und ihre Sympathisanten, umgeben von Antifaschistinnen und -faschisten, auf ein Plakat blickte, auf denen zu lesen stand, das Merkel, für deren Flüchtlingspolitik ich ja schon irgendwie auf der Straße stand, uns geradewegs in einen neuen Faschismus führen werde, dass ich selbst also der Faschist sei, den es zu bekämpfen gelte. Und ich wundere mich auch nicht mehr darüber, dass Menschen, die sich erklärtermaßen am rechten Rand des politischen Spektrums bewegen, sich den Judenstern anheften und damit mir, der die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung nicht im einzelnen, aber doch im großen und ganzen unterstützt hat, vorwerfen, bei für die Abwicklung der Demokratie mit verantwortlich zu sein, also dafür gesorgt zu haben, dass sie sich als Insassen des Groß-KZs „Deutschland“ empfinden. Nein, das ist nicht nur Sensationalismus. Es ist ein tief eingeschliffener, historisch vorgeprägter Reflex.

Jede Teilung, jede strikte Spaltung läuft darauf hinaus, dass das voneinander Abgespaltene und Abgeteilte sich zu ähneln beginnt. Les extrêmes se touchent. Teilung und Abspaltung sind den Geteilten gemeinsam, sie reproduzieren sich auf beiden Seiten und markieren fort und fort, dass „in uns allen brennt / Das, was man den Faschismus nennt“.

Wolfram Ette

[1] Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR, 1990, S. 176f., 182.

Corona 298: Irgendwie gegen das Impfen

Die Toleranz

Die Toleranz derer, die gegen die Impfung zu Felde ziehen, zum Boykott des Schulbeginns aufrufen und sich demonstrierend vor die Gymnasien stellen, in denen eine Impfung angeboten wird, speist sich aus dem Argument, man sei nicht gegen die Impfung, aber gegen den Impfzwang. Das bedeutet: Man sagt, man wolle diejenigen, die sich impfen lassen wollen, nicht am Impfen hindern, will aber selbst nicht mittun.

Das Merkwürdige besteht nun darin, dass die Impfung keineswegs obligatorisch ist. Zwar gibt es bestimmte Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn das eigene Kind nicht geimpft ist – die Quarantäneregeln sind dann in der Schule anders als für geimpfte Schüler:innen –, doch die Eltern sind frei, die Impfung abzulehnen.

So ergibt sich der Eindruck, dass die ständige Wiederholung des Satzes, man sei nicht gegen die Impfung, sondern nur gegen den Zwang, den letzteren künstlich herbeiredet. Er – also der Zwang – wird gewünscht, damit sich die eigene Gegnerschaft besser profilieren und die Ängste, die man mit anderen teilt, weiter in die Gesellschaft hineinfluten und der eigenen „Bewegung“ neue Anhänger zuführen möge.

Wenn aber nicht mehr erfolgt als eine Einladung zum Impfen, sind die Demonstrationen, Boykottaufrufe und vielfältigen Aktivitäten in den sozialen Medien eigentlich nichts anderes als ein Vorspiel zur Gewalt, die (so die uneingestandene Hoffnung) Gegengewalt auslösen werde. Die behauptete Toleranz entspricht damit dem Wunsch, den Impfwilligen ordentlich was auf’s Auge zu geben und sich in dem Moment, in dem die Faust auf dieses passt, im vollsten Wohlgefühl als angegriffen und Opfer zu erleben.

https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2021/08/23/Vaccination-lecole-des-parents-manifestent-devant-trois-lycees-de-lile

Caroline

Die Frau eines engen Freundes hat sich in den letzten Monaten zur strikten Impfgegnerin entwickelt. Sie ist felsenfest davon überzeugt, sie werde zu den Kandidatinnen gehören, bei denen die allerschwersten Nebenwirkungen auftreten würden. Deswegen werde sie sich unter keinen Umständen impfen lassen, da sie nicht vorhabe, ihr weiteres Leben im Rollstuhl zu verbringen. Sie sei ohne weiteres bereit, sich täglich testen zu lassen. Aber impfen, das gehe nicht, auf keinen Fall. Notfalls würde sie für diese Überzeugung sogar ihren Beruf an den Nagel hängen.

Die Vorstellungen meines Freundes, solche schweren Komplikationen seien doch extrem unwahrscheinlich, nimmt sie nicht an. Gerade weil sie sich doch so viel damit beschäftige, gerade weil sie von der angst vor den Nebenwirkungen getrieben sei, sei es nicht nur wahrscheinlich, sondern geradezu sicher, dass sie bei ihr dann auch eintreten würden. Raffiniert. Die psychosomatische Weisheit wird zum Motor der self fulfilling prophecy. In gewisser Weise instrumentalisiert sie also ihre eigene Angst, um ihre Ablehnung der Impfung zu untermauern.

Das Praktischste, so schlage ich meinem Freund vor, sei es vielleicht, wenn sie sich mit Corona infizieren würde. Sie ist Ende 40 und gesund. Vieles spricht dafür, dass sie die Krankheit gut überstehen würde. Dann sei sie raus aus der ganzen Nummer und Teil der grossen 2G-Community, die an der größten Verheißung teilnehmen dürfe, die unsere Gesellschaft noch zu bieten hat: Normalität / Normalité!

Sie ist aber, wie er mir erzählt, auch in Bezug auf Corona extrem vorsichtig, halte alle Abstands- und Kontaktregeln auf das sorgfältigste ein, trage auch dann eine Maske, wenn es nicht mehr vorgeschrieben ist. Sie hat nicht nur Angst vor der Impfung, sie hat auch und eingestandenerweise, Angst vor einer Infektion mit der Krankheit, vor der die Impfung einen gewissen Schutz gewähren soll. Sie hat also, so schlussfolgere ich, Angst vor einer Erkrankung überhaupt, durch welches Mittel auch immer sie ausgelöst wäre. Eine Verschiebung der Angst vor Corona auf die Mittel gegen Corona, wie ich es in dem Text Über die Angst vorgeschlagen hatte, ist nicht ihre Sache. Die Kontraktion einer ungreifbaren in eine greifbare Angst als Mittel gegen sie: Das macht sie offenbar nicht mit.

Oder vielleicht doch? Sie ist mir von früheren Besuchen durchaus als ängstliche Person erinnerlich. Als die Epidemie ausbrach, erzählte mein Freund mir, dass sie, seit Jahrzehnten in der Reisebranche tätig, große Angst um ihren Job habe. Im Moment ginge es ja mit Kurzarbeit, aber werde sich die Tourismusindustrie jemals von diesem Schlag erholen? (Und, so füge ich stillschweigend hinzu, SOLLTE sie es überhaupt?) Diese Angst hat sie offenbar nicht mehr, das treibt sie nicht mehr um, wenn sie bereit ist, für ihre Überzeugung sogar ihren Job aufzugeben, und das ist doch wohl ein Gewinn. Die Impfangst ist ein probates Mittel zu dem Zweck, ihr die Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes zu nehmen, genereller gesprochen: die Angst vor einer unsicheren Zukunft. Auch hier eine Wanderungsbewegung. Die große Angst wandert in eine kleine ein, verkörpert sich in ihr, wird dadurch handhabbar und scheinbar beherrschbar.

Es wird aber noch eigenartiger. Caroline ist keineswegs eine generelle Impfskeptikerin. Bisher stand sie die Verheißungen der Schulmedizin aufgeschlossen und grundüberzeugt gegenüber. Sie wählt konservativ; das Kind aus ihrer ersten Ehe ist, wie soll ich sagen, in jeder Hinsicht normal aufgewachsen. Sie selbst: Grippeimpfung jedes Jahr, kein Problem. Sie hat sich sogar jetzt, um sich dem ständigen Druck von Kolleginnen und Freunden zu entziehen, gegen Hirnhautentzündung impfen lassen: Durch die Kurzarbeit konnte sie viel mehr spazieren gehen und in ihrer Gegend sind die Meningitis-Zecken auf dem Vormarsch. Von einer Doppelimpfung raten gegenwärtig ja alle ab. Sie hat das gut vertragen, ein schmerzender Arm, ein wenig Fieber, nach einer Woche war wieder alles normal. Das Corona-Thema ist erst mal vom Tisch.

Man muss das Wort „Kontraktion“ also wirklich schwer und sehr genau nehmen. Die Existenzangst, die zu groß ist, zu allgemein, zu wenig fassbar, um sich mit ihr eigens zu befassen: sie kontrahiert sich in dieser einen Angst, ALLES wird auf Corona im weitesten Sinne bezogen, in in allem ANDEREN wird man von der Angst befreit. Sogar vor der Angst vor einer Meningitis-Impfung.

Ich prognostiziere, dass wir solche Kontraktions- und Kanderungsbewegungen in Zukunft immer mehr beobachten werden, solange wir nicht an den Punkt der Wahrheit gelangen, die eigentliche Angst nicht zu verleugnen und unsere schuldhafte Beteiligung an dem, was uns mit vollstem Recht Angst einflößt, nicht mehr beiseitezuschieben. Caroline ist eine von vielen. Und ein Stück weit machen wir alle das, was sie macht. Unsere sorgen mögen berechtigt sein oder nicht: wir lenken uns mit ihrer Hilfe auch ab von der umfassenden Sorge, die uns umtreibt, und die uns nie verlassen wird, solange wir sie in die kleinen sorgen verschieben, die dadurch groß werden dürfen – – wie zum beispiel in die panische Angst vor einer Impfung gegen Corona.

Patricia

Patricia, unsere Nachbarin und eigentlich Hausbesitzerin (wenn sie denn diejenige wäre, von der der Reichtum der Familie kommt, doch der verdankt sich ihrem Mann, den sie als Schlappschwanz bezeichnet und von dem sie sich gern trennen würde, wenn es nicht so bequem und zugleich ärgerlich wäre, dass der Reichtum ausgerechnet von ihm kommt), war lange Zeit gegen die Impfung, denn ihr Mann war dafür. Bestärkt wurde Patricia durch die Nachbarinnen, in der es eine ausgebildete Krankenschwester gibt, so dass man sich also auf diese Impfgegnerschaft weit mehr verlassen konnte als auf die Befüwortung des Partners, der ja, wie schon gesagt, als Schlappschwanz unbedingt dafür ist.

Jetzt hat sich aber Patricia doch impfen lassen, vermutlich weil sie, die entweder krank ist, um nicht zur Arbeit zu müssen, oder aber krank, weil sie dann doch mal bei der Arbeit war, krank aber vor allen Dingen, weil ihre Tochter sie wirklich und wahrhaftig krank macht (mit achtzehn schon ein Kind und ohne Partner, es ist wirklich ein Graus), ein wenig Zweifel bekommen hat, ob es nicht doch besser wäre, die eigene körperliche Schwäche zuzugeben.

Patricia ist jetzt also geimpft, doch da sie das Bündnis, das sie mit den ungeimpften Nachbarinnen von nebenan geschlossen hat, nicht komplett aufkündigen will, erzählt sie uns, die wir geimpft sind, wie froh sie sei, jetzt doch geimpft zu sein, und andererseits wie schrecklich die Zeit nach der zweiten Injektion verlaufen sei. „Ich habe wirklich alle Symptome bekommen, die im Internet stehen, TAGELANG“, klagt sie. Und dann macht sie eine Liste, und das Symptom der Erschöpfung steht ganz vorne an.

Und während sie so erzählt, denke ich, dass man seine Impfgegnerschaft auch so aufrechterhalten kann: indem man nimmt, was man kriegen konnte, und zugleich doch am eigenen Körper beweist, dass man’s gar nicht gewollt hat. Der Gleichstand mit dem Partner wird wieder aufgehoben, indem der kaum Symptome hatte und sie all die, die sie sich vorher im Internet angelesen hat.

Das Ziel der Impfung bestand also darin, eine möglichst komplette Palette an Symptomen hinzulegen, und da der Mann ein Schlappschwanz ist, ist es, als Patricia sich ins Bett legen musste, wirklich gut gelungen, die Vollständigkeit von Erschöpfung und Schlappheit ins Bild zu setzen. Man weiß jetzt nur nicht mehr recht, wem diese zuzuordnen sind.

Die Rache

Isabelle, Richterin am Verwaltungsgericht, war vor den Sommerferien strikt gegen die Impfung, weil man dadurch steril werde. Als ich bedenklich den Kopf schüttelte, fragte sie, aufmerkend, ob diese Information vielleicht ungesichert sei und sie eine Dummheit erzählt habe? Da nickte ich vorsichtig mit dem Kopf, und das war meine ganze Antwort.

Als klar wurde, dass man nur geimpft von der Insel in die Ferien würde fahren können, hat sich Isabelle in eiliger Umkehr entschieden, die Impfung nun doch sehr gut und wichtig zu finden und jetzt, nach den Ferien, auch den 14jährigen Sohn in diese einzubeziehen, denn sonst hat sie mit der Schule dauernd Scherereien. Sie will wissen, ob auch unsere Tochter endlich geimpft sei? Ich schüttele den Kopf, sage, die Hausärztin habe vorerst davon abgeraten.

Da erzählt Isabelle, in den USA seien zwei ungeimpfte Eltern am Covid gestorben und hätten auf dem Totenbett die Bestimmung erlassen, man solle wenigstens ihre vier Kinder retten, und zwar durch eine Impfung.

So finde ich mich, obschon geimpft, plötzlich auf der Seite der Impfgegner:innen wieder, und bin bedroht von einem Tod, der mich vielleicht – wenn auch zu spät – zur Vernunft bringen wird. Vor allen Dingen aber unterliege ich einer erzählerischen Rache: dass ich für die Impfung eingetreten bin, als Isabelle noch dagegen war, wird ausgeglichen dadurch, dass sie jetzt dafür ist und ich dagegen zu sein scheine. Ich bin aber gar nicht dagegen, oder zumindest nicht auf die Weise, die sie meint. Ich bin geimpft, und den beiden sterbenden Amerikanern nur darin ähnlich, dass diese ungeimpft waren.

Das Amalgam von geimpft und ungeimpft, von dafür und dagegen, macht jeden Austausch zunichte. Gespräche, die vor mehreren Wochen stattgefunden werden, werden fortgesetzt, doch es ist keine Freundschaft in ihnen, sondern nur die Rache, die man nimmt, weil man noch dunkel weiß, damals etwas Dummes gesagt zu haben. Die Kritik am anderen – hier mir – kommt also einem Akt des Vergessens gleich: Jetzt ist ungeschehen gemacht, dass man damals schwankte. Jetzt steht man fest.

Die Privilegien der Ungeimpften

In Italien reservieren bestimmte Restaurants die Tische auf ihren Terrassen für Ungeimpfte. Die Geimpften haben also keine freie Platzwahl, sondern müssen drinnen Platz nehmen.

Jetzt fangen einige dieser Gäste an, zu behaupten, sie seien ungeimpft, weil sie damit das Recht erhalten, sich nach draussen zu setzen, auf die Terrasse, gemeinsam mit denjenigen, die wirklich ungeimpft sind und sich daher schon zuvor dieses angenehmen Ortes erfreuten.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/coronavirus-en-italie-certaines-terrasses-de-restaurants-r%C3%A9serv%C3%A9es-aux-non-vaccin%C3%A9s/ar-AANGOYW?ocid=msedgntp

Die Toleranz, Patricia, Die Rache, Die Priviliegien: Anne Peiter
Caroline: Wolfram Ette

Wörterbuch 8: Intuitiv

Der Zugang zu Apparaten, die Bewegung in Verkaufsräumen, die Auswahl von Produkten – all das soll möglichst „intuitiv“ geschehen können. „Intuitiv“ ist das Wort, das benutzt wird, um den Kopf auszuschalten. Und damit das gelinge, verwendet man viel Kopf darauf, um diese Art von Zugang zur Produktwelt zu fördern. Es gibt nämlich zum einen die, die sich was zum Intuitiven denken, und diejenigen, die es praktizieren. Die einen, das sind die mit Köpfchen, die anderen, das sind die mit dem Geld. Oder auch die ohne Geld. Aber Geld ausgeben sollen sie trotzdem, und zwar intuitiv (was auch heißen kann: impulsiv).

Wenn die Intuition einem sagt, so sei es richtig, diesen Gegenstand da müsse man kaufen, darf keine Korrektur durch den Kopf erfolgen, weil der nämlich genau das Gegenteil behaupten und vom Kauf abraten könnte. Indem aber durch die Intuition eine Art körperliches Zusammenwachsen zwischen dem Kunden und dem Produkt in Gang gesetzt wird – der Kunde merkt, dass das Produkt auf ihn reagiert, dass er es beherrscht, dass er bei wachsender Vertrautheit mit ihm wird umgehen können –, tritt an die Stelle dessen, was ratsam wäre, die Überzeugung, dennoch dem Produkt folgen zu müssen. Das Produkt gibt also eigentlich die Intuitionen vor. Intuitionen kommen nicht von Innen, sondern von Außen, sie entstehen nicht im Käufer selbst, sondern werden zum Entstehen gebracht, d.h. gemacht.

Es ist also sehr ratsam, Kopf und Herz konsequent ineinander zu verhaken, denn sonst kommt einem der Haken, den blindes Vertrauen auf die eigenen Intuitionen in kapitalistischen Zeiten hat, nie in den Kopf.

Bientôt la fin du parcours fléché et imposé dans les magasins Ikea ? (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

„Ich folge einfach meiner Intuition“: das heißt vor allem, dass ich nicht nachdenke, weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht gut ausgeht mit dem Nachdenken und dass es mir in meinem bisherigen Leben eher geschadet als genützt hat. Was aber, wenn die Rationalität, die finster unser Leben beherrscht, nämlich die der Selbstverwertung des Wertes, soweit in unser Triebleben eingreift, dass wir nicht mehr sicher sein können, ob die „Intuition“, der „Impuls“, dem wir folgen, wirklich und wahrhaftig der unsere ist, oder ob er nicht, wir unsere Arbeitskraft insgesamt, expropriiert wurde? Es ist schlicht unklar, ob ich mehr bei mir selbst bin, wenn ich einfach tue, was mir in den Sinn kommt, oder wenn ich darüber nachdenke und reflektiere. Dennoch lässt sich wenigstens der Verdacht nicht abweisen, dass vom umfassenden Konformismus der gegenwärtigen Situation auch unser Triebleben erfasst ist oder jedenfalls das, was wir dafür halten.

Wolfram Ette

Wörterbuch 7: Erlebnis

Ich habe, offen gestanden, nicht wirklich verstanden, was Ikea genau vorhat. Irgendwie geht es darum, wie die Kunden durch die Verkaufsräume zu leiten sind und dass man die bisherige Marketingstrategie, die gar zu alt sei, verändern müsse. Doch es ist auch ganz schnurz, was da im Detail vorgesehen ist, denn interessant ist allein das Ziel, nicht der Weg: Das „Erlebnis“ der Kunden soll „verbessert“ werden. (Man will zu einer „expérience améliorée“ gelangen, heißt es beim französischen Ikea.)

Und das ist nun eine Wortkombination, die hineinführt in sprachliche „Erlebniswelten“, von denen uns nichts träumt, weil sie uns, ob wir wollen oder nicht (meistens aber, weil wir nicht recht wussten, was wir wollen oder wirklich träumen), vertraut sind.

Wir sollen was erleben. Wir sollen auch erleben, dass wir was erleben. Und weil wir was erleben, sollen wir vor lauter Freude darüber, etwas erlebt zu haben, eben das tun, was mich zu der These veranlasst hat, die besagt, es gehe um das Ziel, und nicht um den Weg.

Das klingt erst mal nicht besonders logisch. Wenn man was erlebt, begegnet man Dingen, es steckt Bewegung im Erlebnis, oder nicht? Nicht die Erreichung des Ziels ist das Vorherrschende, sondern das, was davor liegt – könnte man meinen.

Doch das meint Ikea nicht. Das Erlebnis ist nur das Vehikel zur Erreichung des Ziels. Und das Ziel ist natürlich die Kasse. Gesättigt von dem, was Ikea dem jeweiligen Kunden an Verbesserungen seines Erlebens geboten hat, ist derselbe bereit, gegen das Erlebnis das einzutauschen, was Ikeas Ziel ist, nämlich das Geld. Die Kasse ist nur der Endpunkt eines Weges, der das Ziel immer schon in sich schloss, nämlich Erlebnisse zu bieten, die als so aufregend erlebt werden, dass man sich als Kunde dank-bar (also in bar) revanchiert.

Es wäre der reine Humbug zu glauben, dass das Produkt entscheidend ist. Ikea verkauft keine Möbel und Accessoires, keine Lattenroste, Bücherborde und Stehlampen, sondern Erlebnisse. Dass dann nebenbei noch was auf’s Band der Kasse gelangt, ist reine Nebensache. Es ist eine zufällige Nebenerscheinung des Umstands, dass man was erlebt hat, es materialisiert die Erinnerung an das Erlebte, aber nur ein bisschen. Entscheidend ist wirklich, dass der Kunde an die Kasse tritt und der Kassierin (es sind immer Kassiererinnen) sein bares Gefühl hinhält, er habe was erlebt. Endlich ist er nicht mehr bar jedes Erlebnisses, sondern im Gegenteil: desselben teilhaftig geworden!

Und an diesem Punkt kommt die Verbesserung mit ins Spiel. Wir erfahren, dass es bei Ikea immer schon Erlebnisse gegeben hat, dass die aber nicht recht auf der Höhe dessen waren, was möglich gewesen wäre. Erlebnis ist nicht etwas, was individuell je so oder so ist, tages- oder jahreszeitlich die oder die Färbung annimmt, oder die oder jene Intensität. Erlebnis ist etwas Messbares. Erlebnis ist verbesserbar, und zwar universell und voraussagbar. Also ist das auch das Ziel. Die Verbesserung der Erlebnisse entspricht der Verbesserung der universellen, möglichst klassenübergreifenden Kassenergebnisse. Der Kunde soll sich dem Erlebnis ergeben, um umgekehrt für die Ikea-Leitung das Ergebnis zu einem monetären Erlebnis zu machen.

Ikea verspricht daher davon, man wolle „atemberaubende Momente“ („des moments à couper le souffle“) sowie „bereichernde Erlebnisse“ herstellen, „die den Besuch stimulieren werden“ („des expériences enrichissantes qui stimuleront les visites“). Die Wechselwirkung zwischen Erlebnis, Besuch und Kasse ist also recht kompliziert. Es ist nicht einfach so, dass ein Kunde Ikea besucht und dabei ein Erlebnis hat, sondern umgekehrt ist es vor allen Dingen das Erlebnis, das den Besuch hervorbringt. In gewisser Weise geht das Erlebnis dem Besuch voran. Weil dasselbe so atemberaubend ist, ist der Kunde gewillt, seinen Besuch zu einer Suche nach weiteren, ähnlichen Erlebnissen zu machen, und wenn diese Erlebnisse wirklich erfolgen, treibt das auch den Besuch an.

Man sieht, dass der Kunde im Besuch gehalten werden soll, weil sich in dem Maße, in dem er gewillt ist, lange zu bleiben, auch der Weg zur Kasse verlängert, und wenn dieser sich verlängert, steigt, parallel und proportional dazu, die Chance, dass der Weg (der lange) wirklich die ganze Zeit schon das Ergebnis in sich schloss, von dem weiter oben die Rede war (das Erlebnis, auf das Ikea hofft).

Man zahlt. Man zahlt, weil man glaubt, was gefunden zu haben, das passt, zum Beispiel einen neuen Schrank. Man hat das „Erlebnis Schrank“ gehabt, und plötzlich steht abends dieser neue Schrank, noch unausgepackt, unmontiert, im Kartonkleid, im eigenen Wohnzimmer. Aber dieser Schrank ist nur das Symbol dafür, dass man durch das Erlebnis der Illusion erlegen war, der Besuch bei Ikea gelte einer Suche – hier zum Beispiel der Suche nach einem Schrank. In Wirklichkeit war das Ziel der Suche aber nicht der Schrank, sondern der Besuch an sich, denn suchen musste man nichts (man hatte ja eigentlich schon einen Schrank).

Man suchte also, ohne es sich einzugestehen, den Besuch und mit dem Besuch das Erlebnis des Besuchs, ohne wirklich an das Ergebnis – hier den Schrank – zu denken. Dass es dann zu dem „Erlebnis Schrank“ kam, war das Ergebnis der Besuchslust, die mit Schranklust gar nichts zu tun hatte. Man stellte nur, indem man das „Erlebnis Schrank“ machte, fest, dass man vielleicht doch einen Schrank brauchen könnte. Diese Entdeckung war dem Erlebnis nachgeordnet und hatte mit der systematischen Suche nach einem zweiten Schrank (einen hatte man, wie gesagt, schon) gar nichts zu tun. Es war nur einfach so, dass man sich durch das Erlebnis plötzlich dem überraschenden Gefühl ergab, man brauche einen zweiten Schrank.

Beim Besuch stieß einem der Schrank demnach als Teil eines Erlebnisses zu, das eigentlich von jeder Suche frei gewesen war. Zum Einen wusste man, dass man nicht suchte und darum etwas würde finden können. Zum Anderen wartete man während des Besuchs auf das Einsetzen der Suche, von der in keiner Weise feststand, welchem Gegenstand sie gelten würde. Es würde das Erlebnis sein, das festsetzen würde, was man gesucht hatte, ohne danach zu suchen.

Und wenn dann, wie gesagt, abends der Schrank plötzlich da steht – jetzt nicht mehr bei Ikea, sondern Zuhause –, fragt man sich vielleicht verdutzt, wohin eigentlich das Erlebnis gegangen ist, das man zu haben glaubte, als man sich für diesen Schrank entschied oder als das Erlebnis für ihn entschied oder wer auch immer. (Nicht man selbst.) Vielleicht steckt das Erlebnis im Schrank. Aber der ist noch nicht ausgepackt.

Man wird am nächsten Tag nachsehen müssen, ob das Erlebnis wirklich mit eingepackt worden ist. Das weiß man jetzt, am späten Abend, nach dem ermüdenden Besuch, nicht mehr so genau. Aber man weiß, dass sich das Erlebnis, wenn es fehlen sollte, dennoch wiederfinden lässt, nämlich dadurch, dass man erneut ins Auto steigt und zu Ikea fährt, um zu sehen, wie sich die Welt der Erlebnisse und die Welt überhaupt dort inzwischen verbessert hat.

Bientôt la fin du parcours fléché et imposé dans les magasins Ikea ? (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar:

Das Erlebnis als Gegenwert – das ist das Leben selbst, handlich verpackt und etikettiert als Besitz und Ware. Gegenüber dem „fahren“ ist das „erfahren“ schon Einverleibung und Aneignung. So auch verhalten sich „leben“ und „erleben“ zueinander.

Trotzdem bleibt es ungreifbar, was zwischen dem Betreten der ersten Station des Ikea-typischen Parcours – in Chemnitz waren es Wohnzimmer; man konnte sich zunächst auf einem Sofa niederlassen: ist es in Frankreich anders? – und den Kassen, an denen man Kredit- + Familycard einsteckt, genau passiert. Das ist auch ein Indiz dafür, dass die Inhalte diffuser und beliebiger werden. Das Wertverhältnis ist vor allem ein Selbstverhältnis zwischen dem Äquivalent und dem Tauschwert der Sache. Subjektiv entspricht ihm die „Suche, von der in keiner Weise feststand, welchem Gegenstand sie gelten würde“. Es ist notwendig, DASS es einen „Gegenstand“, Inhalt gebe, über das es sich herstellt, WELCHER ES SEI, ist unwichtig. Das drückt sich im Erlebnis aus, das bei Ikea feilgeboten wird.

Wolfram Ette

Corona 297: Die Umkehrung

Man weiß jetzt, dass die Impfung das Ansteckungsrisiko stark vermindert, aber nicht komplett ausschaltet. Bestimmte Impfgegner sagen also: »Geimpfte können ansteckend wirken.« Das ist korrekt. Der Nachsatz, der in Wirklichkeit ein Satz nach vorn ist, liegt jedoch nicht weit, und der lautet: »Geimpfte stecken an.« Das kann auch noch durchgehen als Satz, der sich sagen und sogar vertreten lässt. Der letzte und dritte Sprung aber wird problematisch, denn der läuft hinaus auf die Botschaft, in Wirklichkeit seien es nur die Geimpften, von denen die Ansteckung ausgehe. Gäbe es diese nicht, wär’s auch aus und vorbei mit den Ansteckungen!

Man möge nicht glauben, dass ich das erfinde. Es liegt in der Luft, die zwischen bestimmten Gesprächspartnern und mir darum oft so dünn ist, weil ich selbst mich als Geimpfte zu erkennen gebe. Ich werde also nicht direkt mit meiner »Schuld« überfallen. Aber es klingt mit oder durch: Ich gehöre zu denjenigen, denen sich der Fortgang der Misere verdankt. Der Virus sucht sich seine neuen Wege, und die werden gelenkt von den Geimpften. Weil die Geimpften ihren Mitmenschen nicht mit der hundertprozentigen Versicherung entgegentreten können, es könne von ihnen keine Ansteckung ausgehen, erfolgt eine Umkehrung der Wirklichkeit. Das, was den Ungeimpften zum Vorwurf gemacht zu werden pflegt, soll jetzt für die Geimpften selbst gelten. Sie sind nicht nur »Kollaborateure« des »Systems«, Hörige »gelenkter Medien«, Vertreter einer neuen Form von »Diktatur«, sondern zu allem Überfluss wirken sie auch noch krankmachend.*)

Wenn man diese Position ernsthaft glaubt und von ihrer Richtigkeit überzeugt ist, wird hinreichend verständlich, mit welcher Verve und Selbstgerechtigkeit der Impfung der Kampf angesagt wird. Würde ich so denke, würde in mir nicht weniger Energie brodeln! Nur beruht das gesamte Gebäude auf einem Fundament, das durch halbe Wahrheiten falsch wird, und darum stellt sich durchweg die Frage, wie man daran noch rütteln kann, ohne, zu allem Übel, das man als Geimpfter angestellt haben soll, auch noch als eine Person zu gelten, die vehement ihre Verantwortung in Abrede stellt?

All diese Umkehrungen – sie machen einen ganz kirre. Denn eine Nazianhängerin bin ich natürlich auch schon längst.

Anne Peiter

*) Dieser Satz gilt auch (oder, wie man jetzt gerne sagt: und gerade) dann, wenn die durch die Geimpften heimtückisch übertragene Krankheit gar nicht existiert, beziehungsweise wenn sie existiert, für harmlos, „nur eine Grippe“, erachtet wird. Entweder hat er Satz vom ausgeschlossenen Dritten seine Gültigkeit verloren – 2.000 Jahre Logikgeschichte sind nun einmal keine besonders lange Zeit –, oder man löst das Problem so, dass wohl die Geimpften selbst es sein werden, die aufgrund der Mutation, die ihren Organismus durch die Impfung zugefügt wurde, die Krankheit zu einer verheerenden und tödlichen machen. Auch hier gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten natürlich nicht, dass entweder oder ist nicht disjunktiv zu nehmen, anything goes, es gibt sone und solche und überhaupt jeglichen Quatsch, der sich denken lässt. (Wolfram Ette)

Notizen aus dem Zeitalter der Extreme

Subjekt und Objekt / Gegen die Scham

Natürlich gibt es Schamlosigkeit in den neuen Medien. Jeder Idiot und jede Idiotin stellt seine / ihre privaten Empfindlichkeiten zur Schau und erklärt sie zum gesellschaftlichen Allgemeinen. Das ist das eine Extrem. Das andere wird durch die wissenschaftliche Objektivität markiert, die nichts anderes zulässt als das, was von allen persönlichen Beimengungen gereinigt ist. Es ist ein Problem der Situation, in der sich die Öffentlichkeit gegenwärtig befindet, dass sie von diesen Extremen in denen die Dialektik zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven ausfällt, beherrscht wird. Damit aber werden Subjektivität und Objektivität, die überhaupt nur durch solche Dialektik bestehen, entwertet und in gewissem Sinne nichtig. Es gibt keine Subjektivität und keine Objektivität an sich. Sie sind, was sie sind, nur durch den Bezug aufeinander, nur durch die in jedem Einzelfall und in jeder konkreten Formulierung zwischen ihnen ausgetragenen Dialektik.

Umgekehrt drohen sie, wenn sie in abstrakten Gegensatz zueinander gebracht werden, ineinander umzuschlagen. Das eben ist der Punkt, an dem sich die Öffentlichkeit gegenwärtig befindet. Da hält sich das Subjektive umstandslos für objektive Wahrheit; umgekehrt wird das, was die Wissenschaft doch immerhin mit einigem Anspruch auf Objektivität verlautbart, umstandslos zu rein Subjektiven, zur bösen Machenschaft, zum Fake erklärt. Der Fetisch der reinen Objektivität und der Fetisch der reinen Subjektivität sind Bundesgenossen in dem Prozess, eine demokratische Öffentlichkeit, in der vor allem anderen Verschiedenheit bestehen darf, zu sabotieren.

Was ist dagegen zu tun? »Gegen die Scham« habe ich diese Überlegungen genannt. Der Titel appelliert an das Moment inerhalb der Struktur, an dem wir sofort ansetzen, sofort etwas verändern können. »Gegen die Scham« meint: Keine Scheu davor haben, das Subjektive und Objektive wieder zu vermischen und in erkennender Rede aufeinander zu beziehen. Sich nicht schämen, die Erkenntnisse die man gewonnen zu haben glaubt, mit ganzer Person, ja man möchte sagen, mit ganzer Seele auszusprechen. Keine Angst davor zu haben, aus dem Spiel zu fallen.

Ganz unberechtigt ist diese Angst gewiss nicht gleichzeitig muss man sich auch davor hüten, es mit ihr zu übertreiben. Das Tabuisierte ist ja zugleich das sehnsüchtig Begehrte. Es sind durchaus Fälle bekannt, in denen diejenigen, die aus dem Paradigma der konventionalisierten Rede ausbrachen und dem Objektivitätsfetisch kündigten, am Ende dafür belohnt wurden. Gegenwärtig steht nicht zu erwarten, dass das Gesamtklima, aller guten Worte ungeachtet, sich gewissermaßen von oben, so durch Reformen, ändern wird. Es ändert sich nur dadurch dass wir Einzelnen etwas riskieren, aufhören uns zu schämen, den verfemten »subjektiven Faktor« wieder ins Spiel bringen und mit ein wenig Urvertrauen auf den guten Gang der Dinge ausscheren, um die vollkommen festgefressene Dialektik von Subjekt und Objekt wieder ins Laufen zu bekommen.

Verlust des Gesperrten

Warum ist die gesperrte Schrift, wie man sie aus den Texten Nietzsches und Karl Kraus’, oder aus älteren, getippten Doktorarbeiten kennt, aus dem Schriftbild vollkommen verschwunden? Es ist ja nicht so, dass diese Zeitalter keine Kursive gekannt hätten. Wenn zum Beispiel in einer anderen Sprache zitiert wurde, kam sie zur Geltung. Verzichtet wurde in den letzten Jahrzehnten also auf eine bestimmte Form der schriftlichen Ausdrucks, wohl um eines einheitlichen Satzspiegels willen.

Daran, dass der Satzspiegel dadurch einheitlicher wurde, kann es auch keine Zweifel geben. Ästhetisch spricht einiges für die gegenwärtige Praxis. Zu fragen ist also, was denn zuvor an der gesperrten Schrift so wichtig schien, dass man die Seite sich flecken ließ mit den hellen Stellen, an denen der Text fadenscheinig und gewissermaßen durchsichtig wurde auf das Blatt Papier, dass ihn trägt. Warum dieser offensichtlicher Verzicht auf die Schönheit der Seite?

Adorno hat einen schönen Text über Satzzeichen geschrieben. Seine Idee ist dabei, dass sie, die es nur im geschriebenen Text gibt, ein mündliches Residuum darstellen. Sie bezeichnen das Stocken des Atems, das Heben oder Senken der Stimme, die überleitende Pause, Erwartung und Erwartungsbruch, die sich ind en Nuancen der Stimnmführung äußern. In ihnen stellt sich die prosodische Qualität eines Textes da.

Im Sperrdruck verlässt der schriftliche Text sich selbst. Durch den erweiterten Buchstabenabstand wird das Wort oder der Satz auf Anhieb schwerer lesbar, zerfällt in seine Einzelbauteile: die Buchstaben. Daraus wird er dann mit gesteigerter Anstrengung wieder zusammengesetzt. Dem entspricht auf der Ebene des möglichen Ausdrucks der Ausruf, der Schrei. Gesperrtes ist exklamatorisch. Der Text verlässt die guten Sitten, er wird grob und unhöflich. Kraus und Nietzsche, die ich zu Beginn nannte, sind äußerst unhöfliche Menschen gewesen, geradezu Künstler der Unhöflichkeit. An diesen Stellen wird man von ihren Texten angebrüllt.

Und das ist das eben, was verschwunden ist. Dass in ihnen Menschen um ihr und unser Leben schrieben, dass sie sich einfach nicht mehr benehmen konnten oder können wollten, dass sie die Stimme schrill erhoben, unangenehm und patzig wurden.

Walter Benjamin vergleicht Karl Kraus mit einem Boten, wie man sie auf alten Stichen finde, „der schreiend, mit gestreckten Haaren, ein Blatt in seinen Händen schwingend, herbeieilt, ein Blatt, dass wohl von Krieg und Pestilenz, von Mordgeschrei und Weh, von Feuer- und Wassersnot, allerorten die »Neueste Zeitung« verbreitet.“ Dort, wo in dieser Zeitung ein Sperrdruck steht, hat sich die Stimme überschlagen.

Jetzt scheint die sich überschlagende Stimme an den analphabetischen Mob zediert, der die Kommentarfelder der sozialen Medienportale mit unzähligen Ausrufezeichen und gelegentlich auch mit Sperrdruck schmückt. Das wird der ewig gleichen Kanzlerinnenraute entgegen gesetzt, die bald Geschichte ist und wohl doch bleiben wird, als Haltung, die Rationalität und Gefühllosigkeit in eins setzt.

Die irrationalen Ausbrüche auf der anderen Seite sind der notwendige Gegenpol. Was fehlt, ist das Dazwischenliegende, gähnend weit gesperrt und auseinandergezogen von den Extremen: ein Artikulationsraum, der Form und Formwidriges, Kommunikation und Ausdruck, Rede und Schrei aufeinander bezieht und mit e i n e r Stimme recte und gesperrt zu schreiben imstande ist.

NH / GH

Das waren die Kürzel, mit denen ich mir 1995–2000, während der Arbeit an meiner Dissertation, zwei Konzepte zusammenfasste, die für die kritische Theorie – ich hatte es damals vor allem mit der ›Dialektik der Aufklärung‹ zu tun – von größter Bedeutung waren, deren Verhältnis zueinander ich aber nicht verstand. Gemeint waren »Naturherrschaft« und »gesellschaftliche Herrschaft«, also die Herrschaft des Menschen über die Natur und die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Wie hing das eine mit dem anderen zusammen? Adorno und Horkheimer insinuierten laufend, dass sie miteinander zusammenhingen, und zwar genauer so, dass die Herrschaft einer Klasse über die anderen fundiert sei im instrumentellen und ausbeuterischen Verhältnis des Menschen zur Natur. Das war klarerweise eine gegen den klassischen Marxismus gerichtete Behauptung, der das Verhältnis zwischen Mensch und Natur eher unproblematisch gesehen hatte und durchaus der Meinung war, dass die Natur dazu da sei, von Menschen für seine weiteren Ziele ausgenutzt zu werden. Das Telos des Schweins ist das Schnitzel. Daher der etwas naive Fortschrittsglaube des Marxismus und seiner realpolitischen Derivate.

Das, soviel war mir klar, wollte die kritische Theorie nicht, dem stand sie mit äußerster Skepsis gegenüber. Dass die Herrschaft des Menschen in der Herrschaft über die Natur »fundiert« ist, bedeutet umgekehrt, dass ohne »Ökologie« – ein Wort, das Horkheimer und Adorno noch nicht kannten – keine Gerechtigkeit unter Menschen möglich sein. Und in der gegenwärtigen Epoche gilt es wahrscheinlich sogar umgekehrt: dass ohne Beseitigung des Kapitalismus, worin die Herrschaft des Menschen über den Menschen in ihre entwickeltste und raffinierteste Phase getreten ist, an ein Abrüsten unseres Naturverhältnisses nicht wirklich gedacht werden kann.

Bei alledem gilt es zu beachten, dass »Natur« in der Konstruktion der ›Dialektik der Aufklärung‹ ein ziemlich schillernder Begriff ist, weil mit ihr sowohl die äußere, uns umgebende Natur als auch die innere zu verstehen war. Mit der inneren Natur wiederum hatten die beiden exilierten kritischen Theoretiker im Großen und Ganzen die menschliche Angst- und Triebnatur im Sinne der Psychoanalyse vor Augen. Auch das kommunizierte miteinander, es gab ein Zusammenspiel zwischen innerer und äußerer Natur sowie zwischen ihnen und den gesellschaftlich Unterdrückten. Aber es wurde mir nicht deutlich! Schematisch sah das damals dann etwa so aus:


Das Wesentliche, also die Verbindungen in diesem gattungsgeschichtlichen Verstümmelungs- und Selbstverstümmelungszusammenhang blieb mir unverständlich, und ich kann eigentlich nicht sagen, dass es mir in der Zwischenzeit verständlicher geworden wäre. Heiner Müllers Werk hat mich in diesem Zusammenhang interessiert, weil es in einer Sache etwas Klarheit geschaffen hat, der Feminismus hatte schon in eine ähnliche Richtung argumentiert: die Herrschaft des Mannes über die Frau (die durch diese Herrschaft zur ›Natur‹ stilisiert und dämonisiert wurde), ist eine der Schnittpunkte von »NH« und »GH«; einer der Schauplätze, an denen ihre Dialektik konkret ausgetragen wird. Die Herrschaft der Eltern über die Kinder, wie ich sie in meinen kleinen Buch über das Grimmschem Märchen ›Das eigensinnige Kind‹ zu entwickeln versucht habe, ist ein anderer. Der ›Eigensinn‹ der Kinder schillert zwischen ihrer – bösen – Natur, die es zu brechen gelte und der permanenten Insubordination gegen die Befehle der Erziehungspersonen. Auch hier sind natürliches und gesellschaftliches Moment miteinander verflochten und verbunden.

Und nun dies: Beides gerät fast in demselben Moment in eine Krise, die wir als fürchterlich wahrnehmen, im Grunde als unaushaltbar. Der Bericht des Klimarats, die aktuelle Situation in Afghanistan. In beiden Fällen die Erfahrung unerhörter, alle Berechnungen und Voraussagen über den Haufen werfenden Geschwindigkeit. Die Klimaprognosen, die um 70 Jahre (!) korrigiert werden müssen; die Eroberung des Landes, Afghanistan also, durch die Taliban – noch vor fünf Tagen hieß es, sie würden binnen 90 Tagen Kabul eingenommen haben; seit zwei Tagen sind sie in Regierungspalast.

In beiden Fällen das Gefühl, nein, die Gewissheit: Nicht sie (die Natur, die Islamisten) sind die Schuldigen, sondern wir: durch rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen auf dieser Erde; durch eine Kolonialpolitik, deren Zwängen man auch dann nicht so leicht entrinnt, wenn man es gut meint. Seit 40 Jahren kennt Afghanistan nichts anderes als Besatzungsmächte, die das Land in Geiselhaft für andere Interessen nahmen (Zugang zum Meer, Kampf gegen Al Qaida): ist es verwunderlich, dass sich Teile der Bevölkerung radikalisierten und zu dem Feindbild wurden, dass man sich von ihnen machte? Und so, oder jedenfalls so ähnlich ist es auch im Naturverhältnis. Jetzt wird die Natur zu der Feindin, als welche sie von uns, insbesondere von uns als Teil der rationalistischen Aufklärung, und des kapitalistischen Zeitalters, behandelt wurde. Wir verstehen nicht, haben nie verstanden und praktisch realisiert, dass wir nur in Beziehungen leben: dass die »andere Seite« nicht ist, was sie ist, ohne dass wir sind, was wir sind; wir sind nur durcheinander, was wir sind, Mensch und Natur, Mensch und Mensch.

Aber vielleicht kommt es gar nicht mehr darauf an, diese Zusammenhänge zu verstehen, vielleicht kommt es nur noch darauf an, zu realisieren, dass wir in Beziehung existieren, egal auf welchem Gebiet. Vielleicht sollte ich meine alten Karteikarten wegwerfen. NH und GH – sie geben jede für sich genug und wahrscheinlich zu viel zu tun für uns, als dass wir uns um die Vermittlung dieser beiden Komplexe gedanklich noch sehr bemühen sollten.

Wolfram Ette

Afghanistan ff.

Werteexport

»Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen, und wir werden euch jagen und zur Rechenschaft ziehen.« So spricht kein Anführer des Islamischen Staates, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, denen es offenbar mit dem größten Erfolg gelungen ist, die westlichen Werte in den mittleren Osten zu exportieren.

30. August

Diese und jene Schuld

»Erste Zahlen der Bundesregierung deuten darauf hin, dass durch die Evakuierungsflüge in den vergangenen zwei Wochen nur wenige Ortskräfte Afghanistan verlassen konnten. Entsprechende Zahlen präsentierte das Bundesinnenministerium nach Informationen von WELT AM SONNTAG in dieser Woche unter anderem im Bundestag. Demnach befanden sich unter den bis Mitte der Woche Ausgeflogenen etwa 4500 Personen nur 101 Ortskräfte mit ihren Familien. Insgesamt machten sie rund 500 der 4500 Personen aus. Angesichts der unübersichtlichen Evakuierungen aus Kabul geht man davon aus, dass sich mehrere Ortskräfte derzeit womöglich noch in anderen europäischen Ländern aufhalten.« [1]

Diese Meldung erschien gestern einziges Mal im Nachrichtenteil des Deutschlandfunks, nämlich in den 13-Uhr-Nachrichten und auch da wurde die Quelle nicht angegeben, sondern nur sehr allgemein festgestellt, dass »einen Medienbericht zufolge« die Deutschen insgesamt nur 500 Nichtdeutsche aus Afghanistan ausgeflogen hätten; dass also die Rettungsaktion, die nach anfänglich scharfer Kritik mit großem Brimborium gestartet wurde, eigentlich nur den eigenen Leuten galt, die man sowieso ausgeflogen hätte, mit oder ohne Kritik. Die 100 Ortskräfte, die es nebst ihren Familien doch irgendwie in die Maschinen geschafft haben, sind sozusagen ein Kollateralnutzen. Am liebsten hätte man auch auf sie verzichtet und damit eine neue Flüchtlingskatastrophe verhindert, von der im Wahlkampf 2021 offenbar niemand etwas wissen will. Und angesichts der Tatsache, dass ca. 10.000 Ortskräfte der Deutschen im Land geblieben sind und wegen der hohen bürokratischen Hürden von vornherein keine ernst zu nehmende Chance auf eine Ausreise hatten, fallen 100 mehr oder weniger dann auch nicht so ins Gewicht. [1]

Ach ja, der Wahlkampf. Angesichts dessen, dass die Meldung eine Menge Munition gegen die Regierung bietet, bleibt es trotzdem verwunderlich, dass sie nicht ausgeschlachtet wird. Was macht denn bloß die Linke? Warum gibt es kein Statement der grünen Kanzlerkandidatin, die damit trefflich gegen ihre Konkurrenten zu Felde ziehen könnte? Nun, warten wir noch etwas. Aber nicht zu lang –

In der Zwischenzeit sei dennoch eine Vermutung geäußert, warum die Meldung nicht rauf- und runtergebetet wird, und eben das, was Zeug zu einem waschechten Skandal hätte, in einer Weise verschwiegen wird, die man nur als »schamvoll« bezeichnen kann. Denn es ist wieder einmal die Schuld, unsere Schuld, die deutsche Schuld. Wir wollen nicht so dastehen, nicht nach allem, was passiert ist, nach jenen Jahren, die sich einen Vogelschiss darum scheren, ob jemand sie zum Vogelschiss erklärt. Sie stecken uns in den Knochen. Und, sie machen, dass wir immer als die Guten dastehen wollen, als die Saubermänner (und -frauen), als diejenigen, die alles richtig machen und denen man »nichts vorwerfen« kann. Damit aber ist es wirklich ein Dreck und ein Vogelschiss, und ich weiß nicht, ob ich das offen begangene Unrecht oder die gemeine Doppelmoral schlimmer finden soll.

Der Umgang mit den Ortskräften war seit Jahren schon verantwortungslos und schuldhaft. Denn anders als „Schuld“ kann man das, was wir dort verbrochen haben, nicht bezeichnen. Seit Monaten stand dieser Abzug fest; seit Monaten werden den sogenannten Ortskräften bürokratische Hürden in den Weg gelegt, die es ihnen schwerer machten, um politisches Asyl zu ersuchen. Seit Monaten? Nein, eigentlich seit Jahren, denn viele dieser Ortskräfte wurden bei afghanischen Mittelsunternehmen angestellt; darauf bestanden die Deutschen, anders als so bekam man gar keine Arbeit. Wenn aber kein Arbeitsvertrag vorliegt, der direkt mit einer deutschen Institution abgeschlossen wurde, sieht es schlecht aus mit dem politischen Asyl. Es wurde also systematisch seit Jahren daran geabrbeitet, die »Flüchtlingskatastrophe« zu verhindern, von der jetzt allenthalben wieder die Rede ist. Und nein, man kann nicht sagen: wir haben doch genug getan, es muss irgendwann einmal Schluss sein, wir können uns nicht um alles kümmern. Wenn man etwas angefangen hat, sollte man es zu Enden bringen; wenn man Verantwortung übernimmt, endet sie nicht zu einem bestimmten Stichtag; ihr Ende wird vielmehr von der Sache bestimmt.

Weil aber »diese« Schuld nicht bloß »diese« Schuld ist, weil in Deutschland »diese« Schuld immer auch »jene« ist und das Wort Schuld bereits einen übel herniederziehenden Nebengeschmack hat; deswegen, so meine Vermutung, bekommt diese Meldung nicht, was sie verdient, nämlich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit derjenigen Parteien, die davon etwas hätten. Sie wird übersehen; alle überlasen rasch diese Nachricht von Egoismus und emotionaler Kleinherzigkeit, in die sich diese und jene Schuld wieder mal zusammenzieht.

[1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article233416773/Afghanistan-Nur-101-evakuierte-Ortskraefte-bis-Wochenmitte.html?fbclid=IwAR0TNzfwBVr-ElCDIqKaqAHG5UIVlHvGAZuF8jGMXlwyVKGesU21PMY-liE

[2] Reuters hat ganz andere, geradezu umgekehrte, Zahlen: »Laut Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer flog die Bundeswehr insgesamt 5.347 Menschen aus mindestens 45 Nationen aus. Darunter waren demnach rund 500 Deutsche und mehr als 4.000 Afghanen. Grotian geht davon aus, dass noch mindestens 5.000 ehemalige Helfer der Deutschen und deren Kernfamilie in Kabul sind und sich die Menschen in großer Gefahr befinden.« (https://taz.de/Aktuelle-Nachrichten-zu-Afghanistan/!5796542/)

30. August

Von der Erfahrungslosigkeit

Heute morgen, in den Nachrichten, wird auf den gestrigen Anschlag am Flughafen von Kabul hingewiesen. Er wird aber in allen Nachrichtensendungen, die ich höre, vorausgesetzt – etwas so: ‚Nach dem gestrigen Terroranschlag am Flughafen von Kabul sagte der deutschen Außenminister etc.‘ Ich bin verwirrt, gestern habe ich keine Nachrichten gehört, mein Tag war übervoll und ich bin einfach nicht dazu gekommen. Auch in den Nachrichten von gestern Nacht, die ich über die DLF-App nachhöre, dasselbe Bild. Das Nachhören der BBC-Newshour von gestern schafft Abhilfe; ich erfahre nun überhaupt, was passiert ist, wie der Terroranschlag vor sich gegangen ist, wieviele Menschen dabei getötet und verletzt wurde, und welcher Nationalität sie waren. Dazu dann recht einschlägige Hintergrundinformationen über das Verhältnis von IS und den Taliban.

Wenn ich hier den Deutschlandfunk mit der BBC vergleiche, dann geht es mir nicht, jedenfalls nicht in erster Linie um eine Bewertung, also darum, den einen Nachrichtensender gegen den anderen auszuspielen – ein Spiel, bei dem, was die Auslandsberichterstattung angeht, sowieso klar ist, wie es ausgehen würde. Es geht mir vielmehr um die Analyse. Das Phänomen, also die VORAUSSETZUNG DER FAKTEN nach nur einem Tag, interessiert mich als solches. Es ist ja nicht so, dass der Sender ansonsten mit Redundanzen geizen würde: Wie oft haben wir zum Beispiel erklärt bekommen, was der „R-Wert“ oder die „7-Tages Inszidfenz“ sind! Aber hier ist es offenbar anders:

Denn die Fakten, das heißt natürlich auch: die Toten, die Opfer, die herumliegenden Leichenteile, das Blut, die Verzweiflung. Und all das ist bereits einen Tag später, also zu einem Zeitpunkt, in dem der Schock bei den Angehörigen vielleicht gerade mal angekommen ist, aus den Hauptnachrichten des Senders verschwunden! Was für Ungleichzeitigkeiten! Wir sollen geschont werden, es soll uns nicht allzusehr betreffen. Denn natürlich hängt dies auch mit uns, den Deutschen zusammen, die sich in einer Weise an den Menschen in Afghanisthan schuldig gemacht haben, die vielleicht nachrichtenwürdiger ist als das, was der deutsche Außenminister gesagt hat. Wenn uns der allzu genaue Blick auf der Leiden erspart wird, so heißt das eben auch, dass uns der allzu genaue Blick auf unsere Schuld erspart wird.

Ist das Absicht? Folgt das Überrollen der Geschwindigkeit, in der sich solche Ereignisse im eigentlichen Sinne erfahren und verarbeiten lassen – was immer auch unsere Beteiligung, unser Involviertsein darin einschließt – durch die Taktung der Nachrichtensendungen, einer Intention, die das im Sinn hat, was ich hier zu analysieren versucht habe? Nein, ich glaube das nicht. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Verschöwrungstheoretiker unterstellen immer eine böse Absicht, sie denken vollkommen unpsychologisch in dem Sinn, dass Handlungen in ihrem Verständnis immer bewusst erfolgen. Deswegen reden sie auch von „Lügenpresse“, wo – nach meiner Einschätzung – gar nicht ‚gelogen‘ wird, sondern das System aus seiner eigenen Logik heraus nicht die (ganze) Wahrheit berichtet.

Und so ist es auch hier. Die Taktung der Nachrichten folgt weniger bewussten Entscheidung als einer GEWOHNHEIT, dem systemimmanenten double bind der Medien. Denn auf der einen Seite ist die Sensation notwendig, man muss sein Publikum durch beständig neue Schocks pushen und immer wieder pushen; auf der anderen Seite muss es es in den passiven Konsument:innenhaltung belassen, unbedingt – die Menschen sollen Nachrichten sehen oder hören anstatt praktisch darauf zu reagieren. Das heißt, man muss die Realität gleichzeitig abwehren und die Menschen davor schützen, wirklich schockiert zu sein, wirklich von dem Schrecklichen und Schuldhaften, das da vor sich geht, angefasst zu werden und dadurch politisch zu werden. Das Format vieler Nachrichtensendungen, zu denen ich auch Podcasts, Expert:innengespräche und vieles andere mehr zählen würde, verdankt sich dieser doppelten, in sich widersprüchlichen Intention: den Schock und die Sensation so glaubwürdig zu simulieren, dass es zumindest ein paar Stunden anhält, bis es von der nächsten Sache abgelöst wird. Schock und Schockabwehr umgeben systematisch das, was passiert ist; das ‚Ziel‘ solcher Verfahren – wenn man denn hier sinnvollerweise von einem Ziel sprechen will und nicht von einem ‚Resultat‘, einer ‚Summe‘ – ist es, zu verhindern, dass wir damit eine Erfahrung machen.

27. August

„Glaubwürdig“

Ich kann mir nicht helfen. Immer dann, wenn ich in den letzten zwei Tagen Interviews mit Afghanistan-Expertinnen und -Experten hören, die zur Lage befragt werden, und insbesondere darüber Auskunft geben sollen, ob man den überraschend liberalen und vernünftigen Ankündigungen der Taliban nach ihrer Machtübernahme Glauben schenken kann (die von den Journalisten einhellig erwartete Antwort lautet: »Nein!«), schieben sich Subjekt und Objekt und überhaupt alle Satzbestandteile im Kopf des Zuhörenden hin und her, gehen nebelhaft ineinander über, vertauschen ihre Position oder werden durch andere an anderen Zeitstellen ersetzt. So fragt er sich, welchen Grund die Menschen in Afghanistan haben sollten, unsere vernünftigen und liberalen Ankündigungen nach allem, was passiert ist seit der Besetzung 2001, Glauben zu schenken. Gibt es irgend ein Land, in dem sich die Verhältnisse gebessert hätten durch die Intervention des Westens? Wenn wir nicht lernen, uns mit den Augen der anderen zu sehen, haben wir keine Chance, uns die Antwortmöglichkeiten auf diese Frage auch nur vorzustellen. Hier kämpfen nicht Licht und Finsternis miteinander, wir sind nicht im ›Herrn der Ringe‹. Es stehen vielmehr, ganz schlicht, Mächte gegeneinander, die beide ihre Interessen haben und sie gegebenenfalls mit schmutzigen Mitteln durchsetzen. Noch einmal (ich habe es an dieser Stelle schon einmal gesagt): Ich hege keine besonderen Sympathien für die Taliban; der islamische Fundamentalismus ist mir genauso suspekt wie ein Christentum, das vor, historisch gesehen, gar nicht einmal so langer Zeit andere Kulturen mit Blut und Mord überzog und gegen sich selbst Krieg führte wie jetzt die Sunniten und Schiiten. Aber mein Vertrauen in den kapitalistischen Fundamentalismus, für den »Freiheit & Democracy« nur ein Gebrauchswert unter anderen ist, ein arbiträres Anhängsel des sich blutig selbst verwertendes Werts, ist auch nicht größer. Jürgen Todenhöfer ist mir in seiner narzisstischen Selbstgefälligkeit übrigens auch nicht sympathisch. Dennoch finde ich bei ihm, der Afghanistan recht gut kennt, etwas von diesem Blickwechsel wieder, von dieser Dekonstruktion des Westens von außen, wenn er feststellt, wie sich die Verhältnisse im Land seit 2001 verschlimmert haben (1), dass in vieler Hinsicht wenig bis gar nichts erreicht wurde. Interventionen sind mir ein Gräuel, sie sind nichts als Imperialismus, und welcher Flagge man dabei hinterherläuft, wird mit zunehmend egal. Denn es ist immer die falsche. Wäre es dem Westen wirklich ernst mit Frieden, Freiheit und Demokratie, würde er keinen Krieg führen, sondern sich auf den langen Marsch der Völkerverständigung begeben – ein Wort, das vielleicht nicht ohne Grund aus der Mode gekommen ist. Alles ist relativ, und nur diejenigen sind im moralischem Vorteil, die sich das zu eigen machen. Wer sind denn wir? Exporteure des Untergangs; eine Gesinnung, die den Widerspruch zwischen ökonomischem Wachstum und ökologische Selbstzerstörung aussitzt und aushält und in immer neue Höhen logischer Absurdität schraubt! Sind wir wirklich »glaubwürdig«, wenn wir diese pathologische Grundverfassung mit ein paar moralischen und gesellschaftlichen Werten behängen und das Feld räumen, wenn sie so unglaubwürdig geworden sind, dass selbst so unglaubwürdige Menschen für die Taliban glaubwürdiger erscheinen können?

(1) https://www.facebook.com/JuergenTodenhoefer/videos/4780650308613835/

19. August

Katastrophe mit Ansage

Das schreibt Dunya Hayali (1). Diese Katastrophe begann 2001. Einmal aus der Überlegung heraus, dass, wie die historische Erfahrung gezeigt hat, ein Krieg in Afghanistan noch nie gewonnen wurde.. Und zum anderen, weil die übersteuerte amerikanische und internationale Reaktion auf den 11. September 2001 — übersteuert in dem Sinne, dass ein Land in Haft genommen wurde für eine terroristische Gruppe; ein Land überdies, das wieder und wieder für übergeordnete Interessen in Haft genommen wurde — den Islamismus befördert und dem Terrorismus Zulauf gebracht hat.

Wie würde ich reagieren, wenn mein Land, meine Familie, mein Freundeskreis jahrelang mit Drohnen belegt würde, wenn Unschuldige sterben, wenn niemand verantwortlich gemacht werden kann? Ich weiß es doch nicht.

„We are the source of the terror“ sagt Kevin Spacey in ‚House of Cards‘. Seit 1978 haben die Besetzungen der Supermächte das Land, das einmal die „Perle des Orients“ war — man fuhr nach Afghanistan, nicht in den Iran, wenn man die Kunstschätze des mittleren Ostens sehen wollte — in eine Wüste verwandelt; die Vorstellung, das würde folgenlos bleiben und man könne nur mit Dankbarkeit rechnen, war heillos naiv.

Natürlich hat es Fortschritte in diesen 20 Jahren gegeben, es wurden die Rechte von Frauen gestärkt, das Bildungssystem ausgebaut und säkularisiert, die politischen Entscheidungen wurden demokratisiert, die Korruption zumindest etwas abgebaut. Aber es ist doch die Frage, ob sich dergleichen gewaltsam importieren lässt, und ob das besonders in einem vielfach gekränkten, aber nicht gebrochenen Land wie Afghanistan funktionieren kann. Und wenn man es denn tun, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass 20 Jahre eben keine lange Zeit sind.

(1) https://www.facebook.com/100044627280335/posts/373734964124077/

Humanität als Mittel

„In Afghanistan sind die Taliban weiter vorgerückt. Wie ein führender Vertreter der EU-Regierung mitteilte, kontrollieren die Aufständischen mehr als 65 % der Landfläche. Es gelte, einen Bürgerkrieg zu verhindern, sonst drohe ein Migrationsgeschehen in bisher unbekanntem Ausmaß.“ (Deutschlandfunk, 18-Uhr-Nachrichten vom 10. August 2021).
„Es sei naiv, zu glauben, dass der Vormarsch der Taliban und die Gewalt in der Region keine migrationspolitischen Folgen hätten“ (Niels Annen, Staatminister im Auswärtigen Amt, SPD, zitiert in den 7-Uhr-Nachrichten des Deutschlandfunks vom 12. August 2021)

Recht so! Wenn ein Migrationsgeschehen in bisher unbekanntem Ausmaß drohe, was in letzter Instanz natürlich einen Bürgerkrieg von bisher unbekanntem Ausmaß in den Ländern hervorrufen könnte, in die die Menschen emigrieren, dann wird man wohl doch wieder eingreifen müssen. Oder dürfen. Alles andere wäre naiv. Die humanitären Ziele: zu verhindern, dass Menschen getötet und vertrieben werden, gibt’s gratis, als integraler Bestandteil einer Migrationspolitik, die die migrationspolitischen Folgen des Vormarschs der Taliban und eines drohenden Bürgerkriegs verhindern will.

Das Erstaunliche an der Politik scheint mir zu sein, dass diese so krass offenherzig geworden ist. Allerdings erklärt sich die Offenherzigkeit dadurch, dass wir uns daran gewöhnt haben, den Inhalt von Sätzen und Satzverbindungen nicht mehr recht zu verstehen. Wir sind vielleicht nicht dümmer geworden, aber es ist zuviel, wir können nur noch durch eine Milchglasscheibe wahrnehmen. Man kann sich Offenheit also leisten, und bekunden, dass Humanität nicht das Ziel der Politik sei, sondern ein Mittel, um Schaden vom eigenen Land fernzuhalten.

Durchhaltevermögen

Außenminister Heiko Maas lobt das Durchhaltevermögen der weißrussischen Opposition und fordert sie auf, weiterhin stark zu bleiben. Der afghanischen Opposition, die in verschiedenen Versionen und Verkleidungen seit 1978 durchhält – ja im Grunde schon die englische Kolonialherrschaft durchgehalten hat, bis die fremden Herren aufgaben –, ist man weniger wohlgesonnen. Vielleicht auch, weil nun offenbar wird, dass man einen Kampf geführt hat, den man nicht gewinnen konnte. Die Westmächte ziehen sich zurück und, schwupps, sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch.

Ich habe keine Sympathien für die Taliban. Auch der Stammeswiderstand der vergangenen Jahrzehnte ging von relativ reaktionären Kräften aus. Aber ich bewundere das Durchhaltevermögen der Afghanen und wünsche denen, die in Weißrussland gegen einen Diktator auf die Straße gehen, der wirklich fällig ist, ähnliche Kraft und Ausdauer.

Außenpolitik ist Innenpolitik

#Emmanuel LePen

Der Präsident Frankreichs gibt in einer öffentlichen Ansprache zu, wie beunruhigt er wegen der Situation in Afghanistan ist. Die Begründung lautet:

„[N]ous devons anticiper et nous protéger contre des flux migratoires irréguliers importants qui mettraient en danger ceux qui les empruntent et nourriraient les trafics de toutes natures“. („Wir müssen es antizipieren und uns gegen massive, ungeregelte Migrationsströme schützen, die jene, die sie brauchen, in Gefahr bringen, und illegalen Handel aller Art verstärken.“)

Jetzt gibt es einen Hashtag, der sich nennt „EmmanuelLePen“. Stimmt. Es gibt eben Leute, die sind wenig beeindruckt, wenn Menschen an startenden Flugzeugen hängen und dann fallen. Kein Schreckgespenst droht besser als das Gespenst des genutzten Asylrechts.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/other/afghanistan-toll%C3%A9-apr%C3%A8s-les-propos-d-emmanuel-macron-sur-les-cons%C3%A9quences-migratoires-pour-l-europe/ar-AANomwd?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Bloß gut!

»Einen Satz hat man jetzt in den letzten Tagen immer wieder gehört, vor allem von Unionspolitikern: 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Auch von Armin Laschet ist dieser Satz gefallen. Wie groß sind die Sorgen vor einer erneuten, unkontrollierten Flüchtlingswelle?
– Ja, das könnte auch die Sorge in der Union sein, der AfD kein Thema im Wahlkampf zu bieten. Deswegen haben sich neben Armin Laschet auch führende Unionspolitiker so geäußert. Innenminister Horst Seehofer hat von bis zu 5 Millionen Menschen gesprochen, die aus Afghanistan vor den Taliban flüchten Könnten. Aber solche B e f ü r c h t u n g e n sind laut UNHCR eigentlich unrealistisch, dass so viele Menschen nach Deutschland kommen könnten, denn die Afghanen kommen aus ihrem Land aktuell ja gar nicht raus; und selbst wenn, sind die Flüchtlingsrouten nach Europa weitgehend dicht.«

Aus der Dlf Audiothek | Informationen am Morgen | Debatte um deutsches Vorgehen in Afghanistan (https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=950426)

Wolfram Ette

Corona 296: Wer?

Es bahnt sich ein juristischer Prozess an: Auf einer der letzten Demonstrationen hat eine Frau die Frage „qui?“ (= „wer?) auf ihr Plakat geschrieben und dann eine Liste von Namen bekannter Personen folgen lassen, die fast alle jüdisch sind. Da die Stoßrichtung antisemitisch war – impliziert wurde, sie seien es, die für die Pandemie verantwortlich zeichneten –, sind Ermittlungen aufgenommen worden. Es geht um Aufruf zum Rassenhass, und das ist ein Straftatbestand.

An diesem Wochenende hat es frankreichweit erneut Demonstrationen gegeben, und die Frage „wer?“ ist dabei erneut öffentlich geworden. Neue Plakate. Immer dieselben.

Unheimlich ist mir die Kürze, die Verdichtung, mit der provoziert wird. Es wird gar nicht viel gesagt. Es muss auch noch nicht mal auf die Frage geantwortet werden. Es reichen die drei Buchstaben und das ebenso bedeutsame wie verheißungsvolle Fragezeichen, mit dem man diese drei Buchstaben abschliesst. Hat man etwas behauptet? Nein, man frage doch nur. Hat man jemanden angegriffen? Nein, man werfe doch nur eine Hypothese in die Debatte. So in etwa stelle ich mir die Verteidigung vor, mit der die Personen reagieren werden, gegen die jetzt ermittelt wird.

Und die, die’s gelesen haben und gern auch so gefragt hätten, werden erleichtert sein, dass andere zu fragen wagten, denn dann weiß man sich einig in einer Antwort, die historisch nicht immer, doch schon etliche Hundert Jahre stets die gleiche ist, mitunter zwar mit kleinen Abwandlungen versehen, insgesamt aber doch in der Hinsicht stets identisch, dass man im Beisein von anderen sozusagen nur die Augenbraue hochzieht, und schon nicken alle drumherum voller Einverständnis und wissen Bescheid.

Und mir scheint, dass in dieser unserer Zeit, die so klein und niedrig ist, wie sie als zu groß erlebt wird, dieses Bescheidwissen ein wichtiges Phänomen darstellt: Es handelt sich um eine automatisierte Antwort auf Situationen, in denen kein Mensch so recht Bescheid weiß. Wer wollte das in Frage stellen! Die allgemeine Verunsicherung ist riesig, und dauernd tauchen neue Fragen auf, zu denen man sich verhalten muss. Beruhigend ist’s also, dass man wenigstens die eine, immer selbe Frage eindeutig beantworten kann. Klar sind’s die Juden. Sie waren’s doch schon immer. Sie bilden das Fundament, auf dem ein nicht unerhebliches Segment unserer Gesellschaften Stand sucht und standzuhalten versucht gegenüber den Bedrängnissen und Gefahren der Gegenwart.

Und so ist es also die Selbstverständlichkeit, mit der das Fragezeichen gesetzt wird, die mich am meisten stört. Ehrlich wären die Plakate, wenn das Fragezeichen fehlte. Die Antwort wisst ihr doch. Lasst das Fragezeichen weg, damit die Wahrheit an’s Licht trete: Die Frage nimmt die Antwort stets schon vorweg. Wenn die Schreiber einen Punkt oder, besser noch, ein Ausrufezeichen setzen würden, dann bliebe denjenigen, die die Antwort nicht wissen und vor allen Dingen diese Antwort gar nicht wissen wollen, das Fragezeichen verfügbar, doch jetzt in Umkehrung, gerichtet an diejenigen, die’s stets von Neuem okkupieren.

https://www.lemonde.fr/societe/article/2021/08/15/enquete-ouverte-pour-provocation-a-la-haine-apres-la-manifestation-contre-le-passe-sanitaire-a-paris_6091504_3224.html

Anne Peiter

Wörterbuch 6: Auf Stand bringen / alles gut

Warum sagt man nicht mehr »auf den neuesten Stand bringen«? Die Redewendung scheint den Anforderung an Verknappung und Verkürzung zu genügen, die auch Formulierungen wie »alles gut« dokumentieren. Man zeigt, wie geschäftig man ist, wie eilig man von Termin zu Termin eilt, und wie wichtig man demzufolge selber ist, indem man die Sprache verknappt. Das ist, spät nachwirkend, das Ethos des Telegrafierens. Da kostet jedes Wort Geld, viel Geld, ja sogar jeder Buchstabe; wenn man das also überhaupt macht, dann muss es sehr wichtig sein, und es sind Wendungen wie Vater verstorben, die in diesem Zusammenhang ikonisch geworden sind.

Es ist freilich eine Sache, sich kurz zu fassen, weil jeder Buchstabe Geld kostet. Es ist eine andere, sich kurz zu fassen, um dies zu suggerieren. Das ist erstaunlich. Denn auch, wenn wir sicherlich in Zeiten leben, in denen alles Geld kostet und der Dämon der Verwertung alles mögliche verschlungen hat, so leben wir doch auch in Zeiten des ubiquitären Geschwätzes, das den Eindruck vermittelt, mit den Buchstaben und Wörtern verhalte es sich nicht so und es sei wohl eigentlich an der Zeit, ihn zu kontingentieren oder mit einer Steuer wie das CO2 zu bepreisen.

Also ist es nur ein Vorwand. Die alte Redensart, derzufolge Zeit Geld sei, mag stimmen. Letztlich dient das Massiv des Marxschen »Kapitals« der Erläuterung dieses Satzes mit allen seinen gesellschaftlichen Konsequenzen. Aber es handelt sich auch um eine Ideologie. Wer den Eindruck erweckt, keine Zeit zu haben, und wer so spricht, als hätte sie / er keine Zeit, möchte dem Gegenüber vermitteln, dass seine Zeit Geld sei – auch und vielleicht gerade dann, wenn dem gar nicht so ist. Das Sprechtempo hat ja in den letzten Jahrzehnten ungemein zugenommen, ähnlich wie das Spieltempo im Fußball. Man schaue sich einmal die EM von 1970 und Bundestagsdebatten aus der gleichen Zeit an. Wunderschön, aber zum Einschlafen. Ob sie, jedenfalls die Bundestagsdebatten, weniger »effizient« waren? Die Formel: mehr Wörter, mehr Sätze pro Zeiteinheit muss nicht bedeuten, dass ihnen auch mehr Taten folgen. Und bessere schon gleich gar nicht. In einer Situation, in der es zumindest vorkommt, dass Worte sich an die Stelle von Taten setzen – eine Schelmin, die Böses dabei denkt -, könnte man sogar auf die Möglichkeit schließen, dass aus mehr Worten weniger Taten folgen. Die Verknappung und Verkürzung, die sich in Wendungen wie auf Stand bringen oder alles gut ausdrückt, wäre dann ein Moment innerhalb der umfassenden Bewegung, in der wir stehen, die Welt durchs Wort zu ersetzen. Der Mensch sprach, und es geschah: nichts. Es sollte auch nichts geschehen, denn immerhin sah es so aus. Könnte es sein, dass die Welt, wie wir sie kennen, zwar untergeht, man es aber gar nicht bemerkt, weil die Worte weiterleben? Im Anfang war die Presse / Und dann entstand die Welt heißt es bei Karl Kraus. Nach dem Weltende herrscht bei ihm wenigstens Schweigen. Können wir uns diesen Optimismus leisten?

Corona 295: Querdenken matters

Umdichtung

„Erst wenn die letzte Demo verboten, das letzte Video gelöscht, das letzte Bankkonto gekündigt, die letzte Wohnung durchsucht, der letzte Kritiker mundtot gemacht wurde… erst dann werdet ihr merken, dass es doch kein freies Land mehr war.“

So die Umdichtung eines Spruchs, den man als historischen kennt, jetzt angewendet auf die „sanitäre Diktatur“, in die wir als Kollektive hineingeschlittert seien.

Wiederholung impliziert memotechnische Vereinfachung: Was man schon kannte, kann man leicht variieren. Das Muster ist gegeben. Das gilt weit über diesen einen Satz hinaus. Variation ist wirklich in allen Bereichen, wo quer gedacht wird, das Gebot, dem man sich willig unterwirft.

Mehr und mehr denke ich, dass man einer Kultur des Vergessens zuarbeiten müsste, damit das Denken freier, neuer und menschlicher werden kann.

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/querdenken-ist-zum-selbstopferkult-geworden-kolumne-a-808912e1-912b-4450-8a40-8e28a1e99714

„Querdenker Lives Matter“

Das gibt es jetzt also auch, als Ergänzung der Rede von der „Apartheid“, deren auserkorene Opfer die „Querdenker“ seien.

Man musste damit rechnen. Aber ich hab’ nicht damit gerechnet. Stets von Neuem überkommt mich das Staunen über die Kaltschnäuzigkeit, mit der, jenseits jedes Masses, alles und jedes übernommen und angeeignet wird, das den eigenen Opferstatus unterstreichen hilft.

Man muss den Querdenkern bescheinigen, dass sie eifrige Sammler sind. Sie gehen einmal quer durch Geschichte und Gegenwart und nehmen und übernehmen die Opfer, die ihnen gerade in die Hände fallen.

Welches Kriterium aber wirkt bei der Auswahl? Mein Eindruck: der Grad an Aufmerksamkeit, der dem tatsächlichen Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung zukam. Darum sind die Juden so konkurrenzlos populär, und darum kann man sie – zumindest aktuell – so gut kombinieren mit den Schwarzen, die unter’m Polizeiknie erstickten. Man liest, was grad (oder lange schon) an der Tagesordnung ist – das Kanonische gleisam.

Festzustellen ist eine Mischung aus Allerweltswissen (wer hätte nicht von den Black-lifes-matter-Demonstrationen gehört) und Esoterischem, aus der Ferne Herbeigesuchtem. Es ergibt sich ein Mix aus viel, viel Banalität und glänzend-exotischem Überguss. Die Banalität – das ist gemeinhin der Judenmord. („Schon wieder die!“, denkt man, obwohl oder weil man „die“ werden will.) Das Staunenerregende hingegen ist das abseitige Wissen, das man beimischt. Jetzt zum Beispiel die Idee, die Flutkatastrophe in Deutschland sei durch „geimpfte Wolken“ zustande gekommen.

Darauf muss man erst mal kommen. Aber man kommt. Everything matters, wenn man’s nur behauptet.

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/querdenken-ist-zum-selbstopferkult-geworden-kolumne-a-808912e1-912b-4450-8a40-8e28a1e99714
https://www.sueddeutsche.de/politik/querdenker-flutkatastrophe-hochwasser-verfassungsschutz-1.5366801

Die Sintflut

Querdenker haben, als sich Schritt für Schritt das Ausmass der Flutkatastrophe in Deutschland abzeichnete, die emotionalen und emotionalisierenden Vorteile derselben für sich entdeckt: Es sei so,

„dass die Flutkatastrophe auf eine Wettermanipulation des Staates zurückgeht“.

Und dann kamen also die Querdenker, sammelten Geld, gaben an, sie würden helfen – wenn auch nach eigenem Bekunden möglichst nur denjenigen, die ungeimpft waren.

Wir hätten also erst einen künstlich erzeugten, zur Vernichtung von mehr oder weniger grossen Bevölkerungskreisen eingesetzten Virus vor uns, dann – wenn man an die Existenz des besagten Virus nicht glauben will – einen auf jeden Fall tödlichen Impfstoff, und jetzt, als weiteren Höhepunkt, eine Sintflut, bei der noch nicht mal mehr Noah eine Chance hatte: Die Warnsysteme funktionierten ja nicht. Doch zu einer neuen Arche wird aufgrund der Abwesenheit der echten das wohlige Opfer-Gefühl: In alle Katastrophen stürzt man sich, als wär’s uneingestanden eben doch ein wärmendes Bad. Opfersein ist das Schönste, ist die Rolle, auf die man historisch schon so lange, lange zugerudert ist. (Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geht das nun schon so.)

Man könnte meinen, das sei ein typisch querdeutsches Denk- und Fühlmuster. Doch ich behaupte: Es ist ein europäisches, so wie ja auch der Genozid (dieses Mal der echte) ein europäischer war, mit Deutschland im Zentrum. Auf jeden Fall findet sich die antisemitische Flut in Frankreich und Italien mit Varianten genauso gut wie im wiedervereinigten Nachbarland. Die Lust, Opfer zu sein, erweist sich als gesamteuropäische Fernwirkung der in Wirklichkeit also doch nicht so fernen Verbrechen gegen die Menschlichkeit von einst.

Und weil diese Art von Opfer stets nur anerkannt wird von denjenigen, die’s auch sein wollen, ergibt sich ein selbstverstärkendes System. Jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch kann die Idee, die Querdenker erlitten gerade einen Genozid, bloss als „spinnert“ von sich weisen. Aber gerade das ist Sinn und Zweck der Rollenwahl: Indem den Querdenkern das Recht auf die Rolle des Opfers abgesprochen wird, können sie sich umso mehr in das Gefühl hineinsteigern, sie hätten also wirklich recht: Man wolle ihnen ja noch nicht mal zu-, ihr Leid nicht anhören.

In den Querdenkern verdichtet sich mithin nicht nur die Geschichte des Genozids selbst, sondern die Nachkriegsgeschichte und deren Beschweigen und Vergessen machen sie im Schnellschritt auch noch einmal durch. Es ist, als wäre ein Beschleuniger in Betrieb, der Geschichte noch einmal raffend vor ihren Zuschauern abspult.

Und damit kämen wir erneut zur Sintflut. Die ist einerseits etwas Uraltes, eine mythische Erzählung, frisch geblieben dadurch, dass sich das Untergehen im Wasser quer durch die Zeiten in unregelmässigen Abständen erneuert und der Angst vor ihr Auftrieb gegeben hat. Andererseits ist das Motiv das Aktuellste, was sich denken lässt, denn der Wechsel zwischen verheerenden Feuersbrünsten, die durch extreme Hitze und Trockenheit auch den diesjährigen Sommer prägen, und nachfolgenden Fluten, wie sie nicht nur in Deutschland stattgefunden haben, hat ja zu tun mit dem Menschengemachten, das dem Klimawandel insgesamt anhaftet. Wir hätten dann also eine Erzählung, die aus der jüdisch-christlichen Tradition her vertraut ist – eben die Sintflut –, durchmischt mit heutigen Ängsten, die die Anschließbarkeit an das gottlos Menschengemachte der Katastrophe herstellen. Die Querdenker sprachen nämlich nicht nur allgemein davon, der Staat habe die extremen Regenfälle bewirkt. Vielmehr war die Rede von „geimpften Wolken“, die diese ungeheuren Wassermassen abgeregnet hätten.

Die Faktenchecks, die versuchten, der Falschinformation entgegenzutreten, es habe sich in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz um die Auswirkung einer Wetterbeeinflussung gehandelt, wie sie auch durch die HAARP-Système in Alaska erforscht und benutzt würden, sind merkwürdigerweise auf einen Aspekt überhaupt nicht eingegangen: Die „geimpften Wolken“ wurden als Ausdruck der „Querdenker“ zitiert, doch ohne dass auf das Adjektiv auch nur ein Blick geworfen worden wäre. Dabei ist die Tatsache, dass die Impfung der Bevölkerung und die Impfung von Wolken zeitgleich in bestimmten Köpfen spuken (Herr Hildmann steht mal wieder ganz vorne), etwas äusserst Bemerkenswertes. Es zeigt sich, dass die Angst vor der Impfung sich wegdenkt vom Nadeleinstich im menschlichen Oberarm und zu etwas Gigantischem, ganze Regionen Umfassenden hochpowert. Wenn man bei der Mehrheit der Gesellschaft mit seinen Untergangsängsten bezüglich der Impfung kein Echo findet, dann muss man sich eben die Wolken zum Verbündeten nehmen, denen das Gleiche passiert, was auch einem selbst zu passieren drohe: dass die Impfung kommt. Aus den Wolken fiel in Form von Wasser der Tod. Aus der Spritze kommt er, konzentriert in geringster Menge, gewissermassen noch einmal. Was die arme Wolke, die’s gar nicht wollte, im Übermass ausschüttet, verspritzt die Impfung in kleinster Dosis.

Gemeinsam ist beiden die Verbreitung von Tod, gemeinsam ist ihnen die Quelle des Übels: dass da jemand – wahlweise die Regierung, die Juden, Big Pharma – gegen den erklärten Willen des „Widerstands“ handle.

Die Fixierung auf die Maske ist abgelöst worden von der Fixierung auf die Impfung. Waren die allerersten Energien in die Gefährlichkeit der Mund-Nasen-Bedeckung geflossen, fließt ein zweiter Strom jetzt auch in die Abwehrbereitschaft gegen die Impfung. Und immer gibt es dabei diese Übersteigerung des Assoziierens von allem mit jedem – von Impfzentren mit Starkregen, von Alaska mit Ahrsweiler. Es ist schwer, da gedanklich mitzukommen. Aber man muss diese Arbeit auf sich nehmen, um zu verstehen, welche Regelmässigkeiten sich bei den Verknotungen zwischen Motiven und Glaubensinhalten ergeben. Mit deren Erkennung ist noch keine Handhabe gegen die neue Flut des Rechts-Esoterischen gegeben. Aber man bleibt ihr auf der Spur.

https://taz.de/Verschwoerungsideologen-im-Flutgebiet/!5781929/

Anne Peiter

Corona 294: Die kleine und die große Krise

Der Große versteckt sich hinter dem Rücken des Kleinen

Seit Jahren schon hätten, folgend einer europäischen Richtlinie, die französischen Motorradfahrer ihre Maschinen einer technischen Kontrolle unterwerfen müssen. Jetzt, wo’s endlich losgehen sollte (Frankreich ist das Schlusslicht), hat der Präsident abgewunken: Nicht auch noch dieser Protest, neben all dem Stress, den man eh schon mit der Pandemie hat. Gewertet wird die Entscheidung als Zeichen der Schwäche und des fehlenden Willens, die letzten Klimaberichte zu lesen und ihre Realität zur Kenntnis zu nehmen.
Wenn schon eine solche, sehr nützliche, da die Zahl der Unfälle, die Abgase und den Lärm senkenden Kontrolle nicht durchsetzbar ist, ist zu erahnen, wie es mit den grossen Reformen aussieht, die einer schieren Überlebensnotwendigkeit entsprechen würden. Nix geschieht. Eine Krise – die kleine – verdeckt die riesig große.

https://www.lemonde.fr/idees/article/2021/08/14/controle-technique-des-motos-l-inquietante-reculade-d-emmanuel-macron_6091422_3232.html

Anne Peiter

Generalprobe

Wenn Corona, so wurden wir gefragt, so etwas wie eine Generalprobe zu den großen, wahrhaft umfassenden und unsere ganze Existenz bedrohenden Krisen ist, die auf uns, die Kinder und Ungeborenen Enkel zukommen werden, was wäre dann daraus zu lernen? Was können wir diesen Vergleich entnehmen?

Nun, sagte ich: damit die Aufführung gut wird, muss man bei der Generalprobe patzen. So will es der Theateraberglaube. Dann sieht es nicht schlecht aus. Denn auch, wenn einzelne Staaten es bislang ganz gut hinbekommen haben, mit der Pandemie fertig zu werden: Im Weltmaßstab ist die Krisenbewältigung eine ziemliche Blamage, und dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner vieler südlicher Länder nicht gegen uns, den reichen Norden, empören, liegt daran, dass sie strukturell vollkommen entkräftet sind, und außerdem noch mit dem Hunger, den dürren, der Verarmung ganzer Landstriche fertig zu werden haben, die sie eben auch bedrängen. Corona ist nur ein Problem unter anderen, und nicht das wichtigste.

Hunger und Dürren. Das veranlasste Anne, meine Ironie ignorierend, zu der Bemerkung, dass der Vergleich, den wir bislang ausgebeutet haben, gar nicht stimmt. Denn diese Generalprobe liegt ja gar nicht vor der Premiere (nach der es keine weiteren Ausführungen geben wird), sondern platzt mitten in sie hinein. Und da gelten die Maximen des Theateraberglaubens natürlich nicht. Wenn die Generalprobe ein Teil der Aufführung ist, und wenn sie schlecht ausfällt, dann versaut sie halt die Aufführung, die einfach sehr, also richtig gut sein müsste, um den schlechten Eindruck zu verwischen, den die Generalprobe hinterlässt.

Also lassen wir’s mit dem Vergleichen. All das, was wir erleben, ist Teil einer einzigen, umfassenden Bewegung, die uns und wahrscheinlich unzählbar viele Mitlebewesen ruinieren wird. Und es gibt nicht das geringste, nicht das allergeringste Indiz dafür, dass wir sie aufhalten, ja auch nur substanziell verlangsamen können. Denn dieses Wir gibt es nun einmal nicht. Nur die Gattung könnte sich vor dem, was die Gattung bedroht, retten. Sie kann es nicht, weil diejenigen, die es angerichtet haben (und fort und fort anrichten), nicht die Gattung sind und es nie waren, sondern Interessengruppen, Nationen, Klassen und zwangshaft miteinander verkoppelte Einzelne. Alles mögliche, nicht aber die Gattung. Die Gattung ist kein Akteur, kein handelndes Subjekt mehr, sondern nur mehr Medium der Zerstörung und der Selbstzerstörung.

Wolfram Ette

Atmen

Es brennt. Und zwar auch pandemisch. Da, wo durch Feuer die Rauchentwicklung stark ist, wächst auch die Infektionsgefahr für die Menschen, die diesen Rauch einatmen. Ein Beispiel für Wechselwirkungen, fast als Aufforderung, die beiden Probleme als Einheit zu denken: Klimawandel und Krankheit.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/incendies-la-fum%C3%A9e-et-la-suie-entra%C3%AEneraient-plus-de-cas-de-covid-19/ar-AANk6T0?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Corona 293: Reden und Gegenreden

Der Ersatz

„Les tests à répétition ne sont pas un vaccin de substitution“ („Die dauernden Tests sind keine Ersatzimpfung“), erklärt der Pressesprecher der französischen Regierung.

Dieser Satz hat damit zu tun, dass diejenigen, die nicht geimpft sind, jedoch einen Impfpass vorweisen können wollen, dies mit Hilfe eines – allerdings nur 72 Stunden gültigen – Tests tun können. Der Test ersetzt also die Impfung. Doch umgekehrt gilt das nicht. Wenn man einmal geimpft ist, braucht man keinen Test mehr. Die Impfung ersetzt die Tests, und zwar dauerhaft. Wenn jetzt jedoch die Denkrichtung umgekehrt und darauf hingewiesen wird, Tests seien nur administrativ den Impfungen gleichgestellt, nicht aber faktisch, dann will man auf Seiten der Regierung schon mal vorbereiten, dass das Impfen weiter kostenlos bleibt, die Tests ab Herbst aber kostenpflichtig. Doch der Gedanke, dass man die Impfung, die man nicht will, dann nicht mehr wird ersetzen können durch Tests, die man zumindest mehr will als die Erstgenannte, wird sich wohl erst durchsetzen, wenn das Geld mit ins Spiel kommt. Bis dahin herrscht Gleichstand zwischen beiden Kontrahenten.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/pour-gabriel-attal-les-tests-%C3%A0-r%C3%A9p%C3%A9tition-ne-sont-pas-un-vaccin-de-substitution/ar-AANhqgc?ocid=msedgntp

Anne Peiter

„Die Impfung ersetzt die Tests, und zwar dauerhaft.“ Da bin ich nicht sicher. Die Wirkung der Impfung lässt ja nach; schon jetzt spucken die Pharmaunternehmen in die Hände und propagieren die Drittimpfung, die irgendwann nötig sein wird, um den schwächer werdenden Schutz auszugleichen, und bei der sich im Übrigend auch noch etwas Geld verdienen lässt. Sind aber eben nicht dann die Tests nicht unbedingt notwendig, um all das, was vorauszusehenderweise an den Fortsetzungsimpfungen, die ja mit einer einer sich zunehmend dahinschleppenden Erst- und Zweitimpfungskampagne parallelgeführt werden müssen, nicht funktionieren wird, auszugleichen? Die Frage ist, ob hier nicht einmal wieder am falschen Ende gespart wird. Das meint: In einem sich verändernden System sind so viele Parameter wie irgend möglich stabil zu halten, damit es überhaupt eine Chance darauf gibt, es unter Kontrolle zu behalten. Dass die Tests kostenpflichtig werden sollen, lässt an einer weiteren Stelle die Entwicklung aus dem Ruder laufen. Als ob wir nicht schon genug zu tun hätten.

Wolfram Ette

Erbauliches vom Tod

Eine neue Art von moralischer Erzählung nimmt an Form und Quantität zu, und das sind Geschichten, in denen jemand ungeimpfte Verwandte durch den Covid verliert und weint, weil er sie nicht verloren hätte, wenn sie geimpft gewesen wären und nicht auf die Lockrufe der Verschwörungsreligionen gehört hätten. So gerade zu lesen in einem Zeitungsartikel bezüglich eines Engländers, der dem Tod gleich im Superlativ gegenübersteht: beide Eltern tot, der Bruder, gerade mal vierzig, alle am Covid gestorben innerhalb weniger Tage, und noch dazu fern der Heimat, in einer Fremde, die da heisset Portugal.

Und das wird erzählt zwecks Erbauung der Geimpften und Belehrung der Ungeimpften. Der sinnlose Tod soll wenigstens im nachhinein noch jemandem nutze sein: denjenigen, die der Tod noch nicht ereilt hat, denjenigen, für die noch Zeit ist, sich impfen zu lassen.

Und ich verstehe das, aber gleichzeitig sträubt sich etwas in mir gegen die Ästhetik dieses Moralisierens und Herzeigens von absurdem Sterben.

Und irgendwie kann ich mir nicht recht denken, dass die Belehrung funktionieren wird. Zu sehr strebt man auf das Ende – also auf die Moral der G’schicht – zu, zu sehr ist abzusehen, worauf das Ganze hinauswill. Vielleicht wär’s besser, nur zu sagen, was passiert ist, und dann einen festen, sachlichen Punkt zu setzen. Jeder Leser ist dann frei, zu denken, was er denken mag oder kann, aber auf jeden Fall nicht muss, denn bei jedem Muss setzt eh nur der Trotz ein, und der gleich dreifache Tod setzt sich nur als weitere Lüge einer scheinbaren Lügenpresse in den Hirnen fest.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/other/ses-parents-et-son-fr%C3%A8re-non-vaccin%C3%A9s-meurent-du-covid-19-il-d%C3%A9nonce-une-propagande-anti-vaccin/ar-AANhiB4?ocid=msedgntp

Anne Peiter

→ Ja, denn mit der Wahrheit lügen ist nicht schwer, es ist geradezu ein perfider Glücksfall für den Gegner zu nennen, wenn man die lautere Wahrheit für die abscheulichsten Ziele einzuspannen vermag. Das heißt nicht, dass es so ist, es heißt nur, dass das so gedacht werden könne, und dass nach Frontlage der politischen Dinge das auch wahrscheinlich ist.

Wolfram Ette

Man findet immer das rechte Argument

„Dans une population fermée, plus le nombre de vaccinés va augmenter, plus dans cette même population le pourcentage de personnes positives et vaccinées va augmenter, puisque le vaccin n’est pas efficace à 100 % sur la forme symptomatique de la maladie“. („In einer geschlossenen Bevölkerungsgruppe wird, je stärker die Zahl der Geimpften ansteigt, auch umso stärker in derselben Bevölkerung der Anteil der positiv getesten und geimpften Personen steigen, da der Impfstoff gegen die symptomatische Form der Krankheit nicht hundertprozentig wirksam ist.“)

Nichts könnte logischer sein als das. Und doch verstehen’s viele nicht. So wird das Voranschreiten der Impfkampagne und die – positiv zu wertende – Zunahme von Kranken, die zuvor geimpft worden sind, zur Keule, mit der die Impfgegner um sich schlagen. Dass inzwischen fast ausschliesslich Ungeimpfte in den Krankenhäusern sterben, geht dabei unter: Man konzentriert sich auf jedes Faktum, das zu beweisen scheint, „dass Impfen eh nix nützt“ oder, schlimmer noch „erst recht krank macht“ – die geimpften Kranken bewiesen es ja.

Kompartimentiertes Denken, immer dem Kompass der eigenen, ressentimentgeladenen Wünsche nach.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/vaccination-des-professionnels-vaccin%C3%A9s-du-chu-de-bordeaux-sont-ils-positifs-au-covid/ar-AANfkwL?ocid=msedgntp

Anne Peiter

→ Wobei die Pointe dieser Denkform, die ihre Feste feiert, wenn das herauskommt, was man schon immer wusste, eben darin bestünde, dass man vom Impfen eigentlich – ja – Corona bekommt. Was ja in gewisser Weise sopgar stimmt; zwar handelt es sich nicht mehr um einen Totimpfstoff wie früher, sondern um avanciertere Instrumente, aber letztlich geht es eben doch darum, im Köepr eine Reaktion hervorzurufen, die analog zu derjenigen ist, die durch Corona hervorgerufen wird. Also irgendwie Corona, oder was? Vom Impfen kriegt man Corona, sag ich doch! Und deswegen steigen die Zahlen wieder an! Logisch!

Wolfram Ette

Märtyrer

Eine Zwanzigjährige, die vor einer Gedenkstätte zum Zweiten Weltkrieg den Impfpass eines jungen Paares mit Kind zu kontrollieren hatte, ist von der Besucherin beschimpft, illegaler Praktiken bezichtigt und dann so stark gestossen worden, dass die Angegriffene zu Boden fiel. Es ist Anzeige erstattet worden.

Der Besuch hätte dem Gedenken an Märtyrer des Krieges gelten sollen. Aber jetzt haben wir ja neue, und das sind die Angreifer selbst (wie so oft in der Geschichte, wenn man’s ihnen überlässt, sie zu schreiben). Ungeschrieben bliebe (wenn’s ihnen gelänge), dass es in besagter Gedenkstätte um die Bewohner des Dorfes Oradour-sur-Glane geht, die am 10. Juni 1944 von einer Einheit der Waffen-SS umgebracht worden ist. Und jetzt werden die, die in der Gedenkstätte arbeiten, als Nazis beschimpft.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/contr%C3%B4le-du-pass-sanitaire-une-employ%C3%A9e-du-centre-de-la-m%C3%A9moire-d-oradour-sur-glane-agress%C3%A9e-par-une-visiteuse/ar-AANhkHa?ocid=msedgntp

Anne Peiter

→ Wer hat die Anzeige erstattet? Die Angegriffenen? Aber wer sind die Angegriffenen? Diejenigen, die zu Boden fielen, weil sie gestoßen wurden von denjenigen, die angegriffen wurden, weil man ihnen abverlangte, in der Gedenkstätte eine Maske zu tragen, was sie offenbar so verbrecherisch fanden wie das, was die Nazis am 10. Juni 1944 taten, nämlich das Dorf Oradour-sur-Glane anzugreifen und die Bewohner niederzuschießen, so dass auch sie am Boden lagen wie sie selbst? Ach nein, wie die Anderen, aber so sind die Zeiten, in denen sich alles verwirrt und alle gegen alle Anzeigen erstatten oder wenigstens erstatten könnten.

Wolfram Ette

Positiv bleiben

In Japan geht der Virus weit mehr um, als er es zuvor getan hat, und die Regierung versichert, mit Olympia habe das rein gar nichts zu tun. Ein bisschen Freud-Lektüre, ein bisschen Positivierung bezüglich der Negation – und schon ist man bei der Realität. Psychologisch schwierig ist das nicht. Auf jeden Fall dann nicht, wenn man von Außen guckt und nicht die Verantwortung hatte für das, was im Spiel geschah bzw. jetzt geschieht (aber das ist ja das Gleiche).

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/other/japon-un-premier-cas-du-variant-lambda-d%C3%A9tect%C3%A9-chez-une-personne-qui-%C3%A9tait-impliqu%C3%A9e-dans-les-jo/ar-AANiO75?ocid=msedgntp

Anne Peiter

→ Ach ja, Olympia, da war was, und wenns auch nichts war, so wars doch wenigstens was für das Gesamtleben auf diesem Globus, von dem das Virus einen recht robusten Teil darstellt. Warum denn sollten wir immer dagegen sein?

Wolfram Ette

Streik gegen die Apartheid

„Désolés, nous ne participerons pas à l’apartheid“ („Sorry, aber wir nehmen an der Apartheid nicht teil“), teilt ein Restaurantbesitzer am Eingang auf einem Plakat seiner Kundschaft mit. Das Restaurant zu schließen, komme billiger, als die Konsequenzen des Impfpasses und den Einbruch der Kundenzahlen zu tragen, fügt er in einem Interview noch hinzu. Die Schließung ist also zweifach motiviert: als eine Art selbstfinanzierter Streik gegen die Apartheid, und als ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung. Und wenn beides zusammentrifft, ist’s ja umso schöner. Dann ist man antirassistisch und schützt sein Geld, wenn auch unter Verlusten. Aber die bringt man vielleicht wieder ein, und zwar dadurch, dass man sich als Gegner der Apartheid öffentlich zu erkennen gegeben hat: eine Marke für alles, was uns noch aufgetischt werden wird.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/je-perdrai-moins-oppos%C3%A9-au-pass-sanitaire-ce-restaurateur-du-rh%C3%B4ne-a-choisi-de-fermer-son-%C3%A9tablissement/ar-AANhF5Y?ocid=msedgntp

Anne Peiter

→ Die wirkliche Frage, die ich in diesem Zusammenhang habe: Ist das Wort „Apartheid“ hier ernst gemeint? Oder wird es schon im Bewusstsein auf das Plakat gesetzt, dass vielleicht doch ein gewisses Gefälle herrscht zwischen den Zuständen, wie sie in Südafrika herrschten und der Unterteilung der Menschen in Geimpfte und Ungeimpfte, dass man aber den strategischen Nutzen des Hammer-Wortes nicht ausschlagen möchte. Denn es ist ja egal, ob die Menschen das zynisch und anmaßend finden: Hauptsache, man kommt in die Medien, der Quark kann gar nicht gequirlt genug sein, Inhalte zählen nicht, sondern nur Klickzahlen.

Wolfram Ette

Corona 292: Die Widersprüche sind die Wirklichkeit

Seit II

Solche Zahlen habe man seit Juni nicht gesehen, klagt die Exekutive und impliziert damit, dass eine Art Gleichstand mit einer Zeit entstanden sei, in der’s schlimm aussah. Doch jetzt schreibt man gerade mal Mitte August, die Zeiten, wo’s schlimm stand, sind also gar nicht so lange her. Und doch impliziert die Erwähnung des Monats Juni, man sehe zurück auf eine Art Vergangenheit. Ist’s aber nicht in Wirklichkeit so etwas wie Gegenwart? Wäre es nicht möglich, die Zeit von Juni bis August als eine einzige, zusammengehörige Sommerzeit wahrzunehmen und von der zu sagen, irgendwie habe das mit der Pandemiebekämpfung nicht so geklappt, wie man wollte?

Indem man den Juni von sich fortrückt, schafft man zum Einen den Hintergrund für die neuen „Rekorde“, die sich allenthalben abzeichnen. Zum Anderen wird damit betont, es sei nicht absehbar gewesen, was jetzt geschieht. Aber vielleicht war’s das doch. Vielleicht hat man zu einseitig auf die positive Wirkung der Impfkampagne gezählt und nicht abzuwarten verstanden, ob die Wirkung wirklich so stark sein würde, wie man hoffte. Das Wort „seit“ wäre dann wieder einmal das „Mäh“-Sagen der vielen Unschuldslämmer, die sich zwar nicht haben pieken (d.h. impfen) lassen wollen, doch die Verantwortung für die jetzigen Probleme wollen sie auch nicht übernehmen.

https://www.lemonde.fr/planete/article/2021/08/11/la-crise-sanitaire-n-est-pas-derriere-nous-le-gouvernement-annonce-de-nouvelles-mesures-contre-le-covid-19_6091211_3244.html

Konkurrenz

Nicht nur in die Karibik, sondern auch in den Pazifik werden zwecks Verstärkung der medizinischen Versorgung Krankenschwestern und Material geschickt. Das Zentrum will zeigen, dass sie weiß, eine Peripherie zu haben, eine äusserst weit entfernte. Doch schon jetzt ist abzusehen, dass die Peripherie nur so lange vorkommt, wie es ihr gelingt, mit katastrophalen Zahlen von sich reden zu machen. Wenn’s erst einmal im Zentrum hart auf hart kommt – die Entwicklung zeichnet sich schon ab –, wird die Grosszügigkeit sinken, denn dann wird man überzeugt sein davon, dass man sich selbst der Nächste ist. Das ist auch geographisch gemeint. Das Zentrum ist nun mal das Zentrum. Und die ultramarinen, ultraperipheren Inseln sind ultramarin und ultraperipher.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-un-couvre-feu-en-polyn%C3%A9sie-fran%C3%A7aise-et-un-confinement-le-dimanche-pour-certaines-%C3%AEles/ar-AANeFPk?ocid=msedgntp

Der Pass

Die Stadt Toulouse steht in der Kritik, weil sie bei Kontrollen nicht nur den Impfpass verlangen liess, sondern auch einen Ausweis. Die Aufforderung, diesen letzteren vorzuweisen, könne aber nur von der Polizei ausgehen, wird jetzt argumentiert. Die anfänglichen Dekrete besagten aber anderes, so dass jetzt kein Mensch mehr weiß, was richtig ist und was nicht. In der Pandemie hat man den Eindruck, dass die Ungenauigkeiten die Regel sind. Etwas wird verordnet, doch die genaue Durchführungsbestimmungen kristallisieren sich erst in dem Moment heraus, in dem die Praxis beginnt. Und da ist das Unrecht oft schon geschehen, und Widerstand und Widerwillen wachsen.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/pass-sanitaire-la-ville-de-toulouse-enfreignait-elle-la-loi-en-demandant-un-justificatif-d-identit%C3%A9-en-plus-du-certificat/ar-AANcBjC?ocid=msedgntp

Hoch und niedrig

Je niedriger der Qualifikationsgrad von Krankenhausmitarbeitern, desto niedriger auch ihre Impfquote. Ärzt:innen sind fast vollständig durchgeimpft, bei den Krankenschwestern sieht’s relativ gut aus, bei den bloss helfenden, handlangenden Pfleger:innen sehr schlecht. Der Bildungsgrad korelliert also mit der Impfbereitschaft: Die Angst ist umso größer, je weniger jemand weiß. Oder so: Die Ablehnung wächst mit dem Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen. Im gleichen Maße gilt: Je schlechter jemand bezahlt wird, desto weniger kann er es sich leisten, den Job aufgrund der Zurückweisung der Impfpflicht zu verlieren. Diejenigen, die sowohl psychologisch als auch ökonomisch dem grössten Druck unterliegen, sind also, objektiv betrachtet, diejenigen, in denen ausgesprochenem Interesse es sein müsste, sich impfen zu lassen. (Auch ihre Wohnungen sind die kleinsten. Und damit die Ansteckungsrisiken die grössten.)

Doch Objektivität gibt es nicht. Objektiv wirkt allein, dass man, wenn kaum qualifiziert, schlecht bezahlt wird und viel arbeitet. Das weiß man. Daran ist nicht zu rütteln. Und darum wächst das Subjektiv-Irrationale mit der sehr wohl rationalen Einschätzung der eigenen, sozialen Position.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-en-france-8-soignants-sur-10-en-h%C3%B4pitaux-et-ehpad-ont-d%C3%A9j%C3%A0-re%C3%A7u-une-dose-de-vaccin/ar-AANfobz?ocid=msedgntp

Wahre Fälschung

Es gibt eine ziemlich große Anzahl von Franzosen, die, obwohl geimpft, nicht an ihren Impfpass kommen, weil Informatik-Probleme den Zugang zu diesem unmöglich machen. Hausärzte reagieren und stellen Pässe aus, obwohl ihnen diese als Fälschung ausgelegt zu werden drohen. Doch sie argumentieren, man könne doch Patienten nicht ohne die Rechte lassen, auf die sie ein Anrecht hätten – besser also sei’s, die Ärzte setzten sich in ein Unrecht, mit dem sie voll recht haben.

Womit sich mal wieder die Frage stellt, wie’s um das Verhältnis von Informatik und Recht bestellt ist, wenn dem Computerprogrammen eher recht gegeben wird als dem gesunden (also rechten) Menschenverstand und dem auf diesem beruhenden Gerechtigkeitsgefühl.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/pass-sanitaire-le-m%C3%A9decin-jean-paul-hamon-explique-pourquoi-il-a-d%C3%A9livr%C3%A9-des-faux/ar-AANfuyD?ocid=msedgntp

Dramatisieren

„Il faut qu’on dramatise un peu pour que tout le monde se vaccine“ („Wir müssen ein bisschen dramatisieren, damit alle sich impfen lassen“), erklärt Macron, doch dieser Satz, gut gemeint, ist nicht unproblematisch. Wieso eigentlich „ein bisschen“ ? und warum eine Dramatisierung, wo doch die Wahrnehmung der sich abzeichnenden Realitäten auf den Inseln, wo kaum geimpft worden ist, ausreichen würde, um die Notwendigkeit des Schutzes augenscheinlich zu machen? „Dramatisieren“ hat zu viel zu tun mit dem Konzept des „faire de la pédagogie“, als dass es funktionieren könnte. Sachlichkeit ist angesagt, jetzt, wo die Emotionalisierung der Debatte über die Impfkampagne eh höchste Wellen schlägt. „Dramatisieren“, das hat was Unlauteres, meint Übertreibung.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-il-faut-qu-on-dramatise-emmanuel-macron-pr%C3%AAt-%C3%A0-tout-pour-vacciner-les-fran%C3%A7ais/ar-AANeyzu?ocid=msedgntp

Pädagogik

„Pädagogisch vorgehen“, im Französischen „faire de la pédagogie“, verkommt zu einem manifest unangenehmen Konzept. Die Polizei soll jetzt während einer Woche, „Pädagogik machen“, will heißen: bei der Kontrolle von Impfpässen nicht gleich superhart vorgehen, sondern eben erklärend, überzeugend – also pädagogisch. Doch die Zeiten, in denen so etwas gefallen konnte, sind längst vorbei. Das ist sogar schon im Privatleben festzustellen! Welches Kind mag schon gehorchen, wenn es merkt, dass man ausdrücklich Pädagogie an ihm machen will! Da fühlt es sich gemacht und gebeutelt – und tut das Gegenteil.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/pass-sanitaire-dans-les-restaurants-parisiens-une-semaine-de-p%C3%A9dagogie/vi-AANfZ8r?ocid=msedgntp

Doppelt gestraft

Personen, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation nicht geimpft werden können, klagen darüber, sie würden doppelt gestraft : erstens, weil der Impfstoff für sie nicht bekömmlich ist, und zweitens weil sie ohne Impfpass kein normales soziales Leben führen können – es sei denn, sie lassen sich alle 72 Stunden testen (und das bald auf eigene Kosten).

Man stellt also fest, dass der Gesetzgeber an sehr viel denken muss. Auch daran, dass Ausnahmeregelungen, so notwendig sie sind, zweifelsohne von Impfgegnern entdeckt werden werden, die gleichfalls behaupten können, nicht geimpft werden zu können.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/pass-sanitaire-celles-et-ceux-ne-pouvant-pas-se-faire-vacciner-d%C3%A9noncent-une-double-peine/ar-AANemAR?ocid=msedgntp

Verstärkung der Verstärkung

Das ist es, was man den Karibikinseln zur Bekämpfung der katastrophalen Situation ihrer Krankenhäuser verspricht. Wohlgemerkt: Nicht mehr nur Verstärkung! Sondern die Verstärkung der Verstärkung („renforts des renforts“)! Die Regierung weiß also recht gut, dass gleich mehreres exponentiell wächst: die Ansteckungszahlen – und in Entsprechung dazu, die Notwendigkeit, diesen Zahlen exponentiell wachsende Hilfe entgegenzuhalten. Nur wächst der Virus ziemlich endlos. Das kann man von dem Pool, aus dem die Verstärkung kommen soll, nicht behaupten.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/le-nombre-d-hospitalisations-pour-covid-19-augmente-encore-en-france-proche-des-10-000/ar-AANfghL?ocid=msedgntp

Anne Peiter

re gen

Andreas Winkler, re gen, 2021

Das radikal und anrührend Erstaunliche an dieser Platte ist, dass sie den immensen zeitlichen, gestischen, stilistischen, ja kategorialen Abstand der auf ihr zu Gehör gebrachten Musikstücke mit Leichtigkeit überspringt und alles doch irgendwie aus einem Guss erscheinen lässt. Zwischen den „Fantasien für Violine solo ohne Bass“ von Georg Philipp Telemann von 1735, Helmut Oehrings „…gestern … für Violine Solo“ (2020/21) und Andreas Winklers Improvisationen von 2021 liegt die stürmische Entwicklung der Kadenzharmonik und der Abschied von ihr. Dazwischen liegen: Wiener Klassik, Romantik, Atonalität, Serialismus, Pop und die Ausformung eines musikalischen Denkens, das alles Mögliche, das vordem nicht für Musik galt, zur Musik erklärt: Krach, Geräusch, Nebentöne – entweder vom Instrument selbst hervorgebracht oder zufällig beiherspielend. Dazwischen liegt das „normale“ Konzertrepertoire, an das wir uns bis zum Abwinken gewöhnt haben.

Andreas Winkler kriegt es hin, das weit Auseinanderliegende in einen großen Bogen zu integrieren, eins aus dem anderen zu entwickeln, eins aufs andere zurückzuführen. Die Improvisationen sind auch Fantasien über die Fantasien, sie sind ihre Wiedergänger im 21. Jahrhundert mit seinen Spannungen und Krämpfen, doch auch seinen Exaltationen und seiner Freiheit. Manchmal genügt es schon, dass Abschlussnote und Anfangsnote übereinkommen.

Die uns vertrauten Epochen der Musikgeschichte werden umspielt. Sie geraten negativ von dem her in den Blick, was diesseits / jenseits ihrer liegt. Die CD scheint über sie melancholisch und augenzwinkernd zu befinden: Sie sind schon sehr wichtig, aber so wichtig nun auch wieder nicht.

Wolfram Ette

Corona 291: Von Siegen und Niederlagen

Satz 1: Die Ansteckungszahlen sind in Schottland früher zurückgegangen als in England.

Satz 2: Die Schotten sind früher aus der EM ausgeschieden als die Engländer.

Experten gehen davon aus, dass man zwischen beiden Sätzen einen kausalen Nexus sehen müsse: Wenn man beim Fußball früh verliert, hat man nicht viel zu feiern. Also feiert man nicht, sondern geht traurig nach Hause. Ungefähr drei Wochen später aber feiert man, dass die epidemologische Situation weniger schlimm ist als beim Nachbarn. Der hatte nämlich das Unglück, beim Fußball zu gewinnen, d.h. durch das Feiern des Sieges eine schwere Niederlage einzustecken. Jetzt liegt der Sieg aber auch dort so lange zurück, dass sich langsam eine Besserung abzeichnet: Die Niederlage des Sieges liegt hinter England, die Treffen in Pubs, Stadien und vor dem Fernseher sind vorbei, die Situation normalisiert sich wieder.

Dass die Schwäche der eigenen Spieler der jeweiligen Nation gedeihlich sein könne, weil eben der Fussball in Zeiten der Pandemie auf keinen Fall als Spiel betrachtet werden darf, das ist eine Einsicht, die in ganz anderer Hinsicht auch erquicklich und politisch nützlich wäre, wenn man sie (also die Schwäche) anzuerkennen gewillt wäre. Aber darauf ist kaum zu hoffen, denn man feiert nun mal die Siege, wie sie fallen, und darum fallen dann die Fallzahlen nicht, sondern steigen, bis einem kollektiv schwindlig wird. Wieder und wieder. Von Sieg zu Sieg. Also von Niederlage zu Niederlage.

https://www.lemonde.fr/planete/article/2021/08/11/covid-19-en-angleterre-le-pari-reussi-de-la-levee-des-restrictions_6091131_3244.html

Anne Peiter

Corona 290: Über die Angst

Ich sprach neulich längere Zeit mit einem rabiaten Kritiker der Corona-Maßnahmen. Er ist selber stark übergewichtig, hatte vor einigen Jahren eine Lungenembolie, ist, soweit ich das beurteilen konnte, in keiner guten körperlichen Verfassung. Ein Risikopatient. Dennoch ist seine Angst, an Corona zu erkranken, geringer als die vor einer Impfung, ja selbst als die vor einer Maske. Es wirkt absurd, kam aber während unseres Gesprächs immer wieder heraus.

Es hat, so vermute ich, mit der Fähigkeit zu tun, sich unanschauliche Dinge vorzustellen. Was sie betrifft, hat Corona uns ja sehr viel abverlangt. Die Dinge, vor denen der Kritiker sich fürchtet, sind auf einem unterschiedlichen Vorstellungsniveau angesiedelt.

Die Maske ist absolut konkret, ich kann sie sehen, trage sie in der Tasche, fühle sie auf meiner Haut, wenn ich sie aufsetze. Bei längerem Tragen können sogar die Ohren wehtun. Vor allem aber ist sie in einer Art von Dialektik mit Corona verbunden. Denn es fällt schwer, durch die Maske zu atmen. Die Maske macht das, was Corona mit uns machen würde, wenn wir daran erkranken würden. Die Maske ist Corona; die Angst vor Corona wird auf die Maske verschoben; die Predigten der Coronakritiker über die Gefährlichkeit von Masken, über die Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff, über den CO2-Rückstau – all diese Energie wird aus der Angst vor Corona geschöpft, die nicht zugelassen werden kann.

Auch die Impfung ist eine ziemlich konkrete Sache. Da kommt ein Arzt und sticht eine Nadel in den Oberarm. Dann werden wir ein bisschen krank, haben etwas Fieber und fühlen uns erschöpft. Wir haben diese Erfahrung im Lauf unseres Lebens schon mehrmals gemacht, in vielen Fällen wissen wir in etwa, wie es abläuft. Und auch hier ist es zumindest möglich, dass die Angst vor Corona auf die Impfung verschoben wird. Unsere Körpergrenze wird durchbrochen, etwas dringt ein, ein Fremdstoff, mit dem unser Immunsystem sich auseinanderzusetzen hat. Dass die noppenartigen Ausstülpungen des Coronavirus, durch die sie in die Wirtszellen eindringen, von den Virologen „Spikes“, also „Stacheln“ genannt wurde, hat diese Übertragung erleichtert. Auch die Impfung ist Corona; sie ist das an Corona, was handgreiflich ist, wovor man sich fürchten kann.

Die Verharmlosung dieser Erkrankung – nicht mehr als eine Grippe etc. – ist also das Resultat einer Dämonisierung der Gegenmittel. Sie absorbieren die Angst, die Corona zu gelten hätte. Und dies ist um so leichter möglich, je diffuser die Angst vor Corona ist. Es erkrankt nur ein Teil der Infizierten, und davon wiederum nur ein Teil schwer. Ich selbst kann gesund bleiben, trotzdem den Tod anderer verursachen. Jetzt kommt noch Long-Covid hinzu: Ich kann gesund bleiben, auf die Länge der Zeit aber schwere Schäden entwickeln. Es geht um Raum um Zeit, die keine Anschauungen sind, sondern, wie Kant es nannte, »Formen der Anschauung« Im ersten Fall muss ich mir die Anderen vorstellen, die irgendwo durch mich erkranken, im zweiten Fall muss ich mich mir selbst in einem Jahr vorstellen. Beides ist nicht einfach.

All das ist ja schrecklich vergeistigt. Man wünscht sich manchmal die Aussätzigen zurück, die mit abgefallenen Gliedmaßen vor den Toren der Stadt vegetieren. Da wusste man, woran man war. Oder die Pest: Jede/r Infizierte wurde sichtbar befallen; die Frage war nur, ob sie oder er es überlebt. Aber kein Zweifel herrschte daran, ob jemand sich angesteckt hatte oder nicht. Diese Schrecknisse, wie sie etwa Defoe in seiner Pestchronik berichtet, haben fast etwas Beruhigendes. Alles war so klar. Wir dagegen werden mit Statistiken überschüttet, mit Zahlen und immer wieder Zahlen. Es gibt nur wenig Bilder und Filme von Erkrankten. Und wenn, wie vor einigen Monaten in Australien, gezeigt wird, wie jemand um Atem ringt, um die Impfquote zu verbessern, wird über die Berechtigung eines solchen Vorgehens debattiert.

Und dennoch haben wir Angst. Aber sie ist diffus, hat kaum einen Gegenstand, ist feinst verteilt wie die Viren im Aerosol. Und meine These wäre: Auch und gerade die Corona-Kritiker haben Angst. Vielleicht haben sie sogar noch mehr Angst als wir. Denn zu der Angst, die sie haben – eine im Fall meines oben erwähnten Gesprächspartners nur zu berechtigte Angst –, kommt noch die Angst hinzu, sich in einem hochabstrakten Raum zu befinden, in dem sich die Gefahr nicht orten lässt. Es ist der Angst von Wildtieren vergleichbar, die in alle Richtungen „sichern“. Vielleicht haben wir es verlernt, mit dieser Angst zu leben. Dafür würde sprechen, dass wir sie ohne äußeren Druck in Dinge „kontrahieren“, die wir uns vorstellen können; Dingen wie Masken und Impfspritzen, und vielleicht auch noch in andere. Dass sie auch materiell etwas von der Angst vor Corona auszudrücken imstande sind, macht sie zum propagandistischen Glücksfall der Coronakritiker.

Damit soll nicht gesagt sein, dass die verschobenen Ängste ganz substanzlos wären. Skepsis gegenüber einer Impfung, bei der jede Langzeiterfahrung fehlt, ist ja nichts Abwegiges. Und wenn man längere Zeit eine Maske aufgehabt hat, die dann einen eigenartigen feuchten Muff auszudampfen beginnt, kann man sich schon auch vorstellen, dass das nicht so ideal für die Atemwege ist. Nur die Hysterie, mit der diese Gefahren beschworen werden, ist sonderbar. Sie stammt eben, wenn meine Vermutungen stimmen, aus der Angst vor Corona, dem man durch solche Übertragungen weitgehend angstfrei begegnen kann. Und das ist ja immerhin etwas.

Wolfram Ette

Wörterbuch 5: Abholen

Man habe, so eine Politikerin nach einer verlorenen Wahl, es nur nicht geschafft, die Menschen »abzuholen«. In dem Wort schwingt zweierlei mit. Zum einen die vielleicht richtige Beobachtung, dass es ihrer Partei nicht gelungen sei, auf die Nöte und Wünsche ihrer Wählerinnen und Wähler einzugehen. Zum anderen die vielleicht falsche Beobachtung, dass jene, also die Wählerinnen und die Wähler, nur aus Versehen nicht ihre Partei gewählt hätten. Eigentlich, ihrer innersten, ihnen selbst aber verborgenen Überzeugung zufolge, hätten sie das tun müssen. Das zu »vermitteln«, sei ihrer Partei aber nicht gelungen.

Man muss »abholen« in diesem zweiten Sinne durchaus als Gegenbegriff zu »überzeugen« verstehen. Darum geht’s offenbar nicht. Der Illusion, Inhalte für sich sprechen zu lassen, jagt man gottlob nicht nach. Die Mehrheiten sind schon da, beziehungsweise es wird suggeriert, dass sie da sind. »Eigentlich«, sagt eine Partei, die um ein zweistelliges Ergebnis kämpft, »hätten wir die Wahl gewinnen müssen. Wir wissen ja, was für euch, die Wählerinnen und Wähler, gut ist. Wir hatten nur ein Kommunikationsproblem.« Und von welcher Seite die Kommunikation gescheitert ist, darf dabei am Ende doch offen bleiben. Die demütige Selbstkritik, man habe die Menschen »nicht abgeholt«, produziert ein verzerrtes Echo: Am Ende waren sie doch zu blöd, die Verabredung einzuhalten, und zu kapieren, wer in Wahrheit ihre ureigensten Interessen vertritt.

In jedem Fall aber beinhaltet der Begriff eine gewisse Kontaktarmut. Man trifft sich nicht, redet nicht miteinander, ist nicht wechselseitig und auf Dauer involviert, hat nicht viel miteinander zu tun. Die Politiker:innen wissen, wo es langgeht. Zu diesen Zielen wollen sie uns geleiten. Nur das Abholen hat halt nicht geklappt. Sie sind nicht weit genug zu uns herabgestiegen und haben uns verpasst. Dass wir auch Ideen haben, wo wir hinwollen, kommt in dieser Denkweise überhaupt nicht vor. Gespräche, Fragen, Zuhören – all das, was doch zum Gedanken der politischen Repräsentation dazugehört – sind nicht vorgesehen. Das ist im Grunde nur eine Obrigkeit im schicken Maßanzug und mit mediengerechter Zunge. Und darüber verdrossen zu sein, finde ich nur allzu verständlich.

Wolfram Ette; Idee und Schluss: Carl Polónyi

Corona 289: Texte zwischen hier und dort

Gekreuzte Schiffe, gekreuzte Zeiten

Auf einem Kreuzschiffe sind positive Fälle aufgetreten. Die Reisenden befänden sich in einem eigens dafür gedachten Teil des Schiffes, nämlich in Isolation, ist zu lesen. Und der Journalist, der’s schrieb, fragt, ob jetzt wieder die ganze Plackerei losgehe wie im letzten Jahr ? Ja, was glaubt er denn ? Hat es jemand jemals für möglich gehalten, sie könne nicht wieder losgehen ? Es ging doch mit den Kreuzfahrten wieder los, und damit war die Kreuzung von Vergangenheit und Gegenwart eine ausgemachte Sache.

Covid-19 : nouvelle alerte sur un bateau de croisière à Marseille, des
passagers placés à l’isolement (msn.com)

Démocature

Ein Demonstrant, der am heutigen Samstag gegen die sich mit dem Impfpass anbahnende „Diktatur“ protestieren wollte, meinte, man lebe noch nicht in Nordkorea, eine echte Diktatur sei’s noch nicht, aber doch schon eine Demokatur (auf Französisch „démocature“). Die meisten anderen Demonstranten machen sich nicht die Mühe, solche Neologismen zu schaffen. Sie meinen, die Diktatur sei schon voll da, Mischformen können sie nicht mehr erkennen. Aber ob einem das Andere lieber sein soll ?

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/manif-anti-pass-à-paris-on-n-est-plus-égaux-entre-citoyens-dans-ce-pays/ar-AAN3qiC?ocid=msedgntp

Die Inspektoren

Während einer Demonstration in St Denis hat sich ein Pulk von etwa hundert Demonstranten Richtung Universitätskrankenhaus aufgemacht, um nach eigener Aussage auf der Intensivstation zu überprüfen, ob die Betten wirklich alle belegt seien, wie in den letzten, katastrophalen Wochen behauptet wird. Die Polizei konnte die Versuche, zu den Schwerkranken einzudringen, abwehren. Die Leitung des Krankenhauses protestiert jetzt in einem offiziellen Communiqué gegen die Infragestellung der Informationen, die regelmäßig über verschiedene Kanäle an die Öffentlichkeit weitergegeben worden seien: zu verbergen habe man nichts. Will heißen: Wenn man sagt, es sei dramatisch, sei’s das auch. Aber wer’s nicht glauben will, will zum Inspektor werden, und sei’s um ein gesteigertes Risiko für diejenigen, die ohnehin dem Tod ganz nahe sind.

https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2021/08/07/Le-CHU-condamne-avec-fermete-les-tentatives-dintrusion-et-se-reserve-le

Danach

Wie die Lokalzeitung doch mitunter zu den glücklichsten Formulierungen im gesamten Sprachgetöne dieser grossen Zeit findet! „Après le Covid, toujours du Covid“ („Nach dem Covid, immer noch der Covid“), entdeckt sie, und das ist so ziemlich das Klügste, das ich seit langem las.

https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2021/08/05/Le-variant-Delta-plus-contagieux-mais-aussi-plus-dangereux_627629

Anne Peiter

Corona 288: Die 3 oder 2 G’s

Keine Hexerei

»Die drei großen G’s« – getestet, geimpft, genesen –: man kann nicht sagen, dass es ein besonderes Kunststück ist, in einer Sprache, in der das Partizip Perfekt in aller Regel mit der Vorsilbe »ge-« beginnt, zu dieser umwerfenden Alliteration zu gelangen.

Impfen oder Testen?

Was ist denn jetzt eigentlich besser: getestet oder geimpft sein? Der eindeutige Schnappschuss einer Infektionssituation oder langfristiger Schutz mit Restrisiko? Einzelfalldiagnose oder statistische Vorsorge? 

Reisende aus »Hochrisikogebieten« (deren Liste sich, Delta und einer brutal klassenmäßigen Impfpolitik sei Dank, jeden Tag verlängert) müssen jetzt in Quarantäne, auch dann, wenn sie geimpft sind. Nach fünf Tagen frühestens können Sie sich dann »freitesten« (vgl. Corona 112: Frei, freier, am freitesten) Die dahinter stehende Logik scheint zu sein, dass man als Geimpfte sehr wohl Corona bekommen kann. In welchem Umfang man die Krankheit dann auch weitergeben kann, ist strittig, zumal sich durch die Mutationen des Beobachtungsfeld ständig verändert. Aber die Expertinnen und Experten stimmen darin überein, dass die Viruslast in jedem Fall geringer sein wird als bei den Ungeimpften.

Aber dennoch, das Problem bleibt natürlich bestehen. Und da eben kommen die Tests ins Spiel, die über die Viruslast zum Zeitpunkt x eine eindeutige Aussage machen. Doch leider gelten sie eben nur für diesen Zeitpunkt; und gerade bei den Antigen-Schnelltests ist das Zeitfenster, innerhalb dessen sie in dem Sinne zuverlässig sind, dass »negativ« wirklich »negativ« bedeutet, ziemlich eng. Also reicht ein Test bei der Einreise nicht aus, es muss sinnvollerweise unter der Voraussetzung nach getestet werden, dass man sich in der Zwischenzeit nicht infiziert. Also Quarantäne. Ergibt Sinn. Ist irgendwie logisch.

Was aber nun angesichts dessen überhaupt nicht logisch ist: die Diskussion darüber, die Tests kostenpflichtig zu machen, da ja nun eine jede Deutsche und ein jeder Deutsche die Möglichkeit habe, sich impfen zu lassen. Aber stimmt man der systematischen Priorisierung des Testens vor dem Impfen zu, so kann das ja nicht nur an der Grenze gelten, jenseits der so viele Länder, und so anders als wir, die Epidemie nicht im Griff haben. Oder: Es gilt eben doch: wir ziehen einen »cordon sanitaire« um unser Land, bewehrt mit Quarantäne und Doppeltestung; darin dann die hoffentlich bald durchimmunisierte Bevölkerung, deren Infektionsrestrisiko so klein ist, dass man die Tests sich schon bezahlen lassen kann.

Davon sind wir freilich weit entfernt. Und ich prognostiziere noch einmal, dass es zu der herbeigesehnten Herdenimmunität niemals kommen wird. Wir müssen die Dinge nehmen, wie sie sind – dass nämlich die Gesellschaft sich teilt in diejenigen, die geimpft sind und diejenigen, die das aus welchen Gründen auch immer nicht wollen oder nicht können. Es scheint mir unklug, diese Teilung durch finanziellen Druck auf die nicht Geimpften zu vergrößern.

Freilich bleibt noch eine Lösung übrig: Die Ungeimpften könnten eine schöne Reise machen – im Moment empfehle ich die französischen Überseegebiete: die sind jetzt als Hochrisikogebiete klassifiziert – und sich beim Grenzübertritt zurück kostenlos testen lassen. Das ist garantiert. Sie haben gar keine Wahl. Selbst wenn sie dafür bezahlen wollten, was sie sicherlich nicht tun, wäre das wahrscheinlich nicht möglich.

Wolfram Ette

Corona 287: Nah dran

Gespräch mit einem Querdenker. Es gibt in dem, was er sagt, viele Dinge, die ich gut nachvollziehen kann: die Inkonsequenz und Unschlüssigkeit der Regierungspolitik; die schleichende Entdemokratisierung, also die ganze Verordnungspolitik; das, wenigstens zeitweilig, relativ monogame Verhältnis zu einem einzigen Vertreter der Virologie; der ziemlich ungeschickte Umgang mit den Anti-Corona Demonstrationen, zum Beispiel in der Weise, dass sie erlaubt wurde, als man sie nicht hätte erlauben sollen, und in einer Situation verboten werden, in der das — wie gerade jetzt — epidemiologisch gesehen abwegig erscheint. Ich bin nicht immer einverstanden damit, wie er es bewertet soll, finde es aber diskussionswürdig.

Aber an einer Stelle trennen sich die Wege, und ich habe das Gefühl, wir kommen überhaupt nicht weiter. Der Kern seines Protests scheint nämlich darin zu bestehen, dass er für seine eigene Gesundheit die Verantwortung nicht abgeben will. „Ich bin selbst Risikopatient“ — das stimmt, er hatte, wie er mir gleich erzählt, vor einigen Jahren eine Lungenembolie —, „aber ich lasse nicht zu, dass irgend jemand anderes für meine Gesundheit Verantwortung übernimmt.“ Immer wieder ist dieser Satz zu hören.

Es ist ja ok. Aber — und das versuche ich, ihm ebenfalls ‚immer wieder‘ vorstellig zu machen —, eine epidemische Situation ist ETWAS ANDERES. In ihr ist man durch sein eigenes Verhalten für die Gesundheit anderer verantwortlich — und zwar auch dann, wenn man selbst — scheinbar — nicht erkrankt. Das ist zugegebenermaßen schwer vorstellbar. Mir gehts gut, ich hab keine Geschwüre, keinen Aussatz, keinen Husten und keine Atemnot: warum sollte ich etwas, das ich doch gar nicht habe, weitergeben? Das ist die Paradoxie, das ist die Zumutung einer epidemiologischen Abstraktion, zu der mein Gesprächspartner, den ich grundsätzlich nicht unsympathisch finde, vielleicht nicht in der Lage ist.

Aber Abstraktion ist vielleicht auch das falsche Wort. Was hinzukommen muss, ja, was vielleicht eigentlich das seelische Fundament dieser Abstraktion bildet, ist Empathie, also die Fähigkeit, mir überhaupt Leiden und Freuden eines anderen Menschen — ja überhaupt einen anderen Menschen — vorzustellen. Ich habe den Eindruck, mein Gesprächpartner kann das, aus welchen Gründen auch immer, nicht richtig, oder wenn, dann nur sprunghaft und punktuell.

Ich merke es immer wieder. Wir sind eine längere Strecke mit dem Auto unterwegs. Ich erzähle von Freunden, spreche mit ihm über gemeinsame Bekannte. Gelegentlich weise ich ihn auf etwas hin, das wir beide sehen: die Schönheit der Wolken, ein schickes Auto an der Tankstelle, der Blick auf die Ortschaften, an denen wir vorüberfahren — etwas, das uns beide gemeinsam beschäftigen könnte. Und ich merke: Ich erreiche ihn nicht. Ich ernte zustimmende Floskeln, die aber eine innere Teilnahme bloß simulieren; Worthülsen, hinter denen er sich verschanzt. Er SIEHT ES NICHT, jedenfalls nicht wirklich. Gleichzeitig hängt er am Smartphone, die Querdenker-Demonstration läuft ja gerade, die kleinen Videoschnipsel, die ihm davon eingespielt werden, treffen ihn zutiefst, er nimmt das fast schutzlos auf. Hat es mit dem Medium zu tun? Dass er das, was ihn umgibt, weniger zur Kenntnis nehmen kann als das eng Umgrenzte, das frontal und fokussiert auf ihn eindringt? Ich weiß es nicht.

Ich habe das Gefühl, endlich einmal GANZ NAH DRAN zu sein. Es geht ums Wirklichkeitsverhältnis. Irgendwas ist bei uns da grundsätzlich verschieden, und das, was da verschieden ist, argumentativ einholen zu wollen — es nimmt sich vollkommen absurd aus. ‚Der zwanglose Zwang des besseren Arguments’ — was für ein Unsinn, fast so weltfremd wie diese leicht autistische Empathielosigkeit neben mir! Ich rätsele, woher dieses Unvermögen zur Empathie, zur emotionalen Abstraktion, zu einer halbwegs unbefangenen Beziehung zur Wirklichkeit rührt, die uns umgibt und auf uns zukommt; wieweit sich ein gesellschaftlicher Trend, bestimmte Technologien, und ein nicht aufzulösendes individuelles Familienschicksal (aber gibt es ganz individuelle Familienschicksale?), kreuzen, stören und verstärken. Natürlich komme ich nicht dahinter, natürlich kann ich diese Konfiguration nicht auflösen. Aber eine Tiefenprägung, die sich mit dem Bewusstsein nicht erfassen lässt, und die gesamte Wahrnehmung betrifft, ist fast physisch greifbar.

In gewisser Weise entspannt mich das. Ich kann, werde, muss ihn nicht überzeugen. Ich kann ihm zuhören, kann unsere Verschiedenheit durch die Landschaft kutschieren, während ein immer höher werdender Himmel sich über uns wölbt. Und wie gesagt, irgendwie mag ich ihn auch, er ist mir nicht unsympathisch.

Wolfram Ette

Corona 286: Dialektische Anekdoten

Die Schwimmmeister

Es gibt Schwimmmeister, die in Streik getreten sind, weil sie eine Hitzewelle fürchten. Und nicht nur die Hitzewelle, sondern die Welle von Nicht-Geimpften, die sie werden abweisen werden müssen. Die Schwimmmeister haben Angst vor den dann entstehenden Konflikten, argumentieren, bei Hitze kämen vor allen Dingen die Ärmsten, die es sich nicht leisten könnten, in die Ferien zu fahren, sich dann aber wenigstens im Wasser von der Hitze der Zeit abkühlen wollten.

Paris: des agents des bibliothèques et piscines en grève contre l‹obligation du pass sanitaire (msn.com)

Die Schwäche des Konjunktivs

In Frankreich wird alles getan, um Eltern dazu zu bringen, ihre Kinder impfen zu lassen. In Frankreich wird daher nichts getan, um Eltern dazu zu bringen, ihre Kinder nicht impfen zu lassen, sondern die Länder, die noch immer auf Impfstoffe wenigstens für die Schwächsten warten, mit den Injektionen zu versorgen, die sonst an die Kinder gegangen wären. Aber sie gehen ja wirklich an die Kinder, und darum kann man sich die Konjunktive schenken, die ausdrücken, was denkbar gewesen wäre.

Covid-19 : vacciner les mineurs, une erreur ? Pourquoi c’est un“scandale moral“selon l’OMS (msn.com)

Dialektik der Frauenemanzipation

Nach der EM ist vor allen Dingen die Ansteckungsrate bei Männern hochgegangen, nicht so sehr bei Frauen. Männer gehen mehr ins Stadion, um zu jubeln. Jetzt jubeln die Frauen darüber, dass der Frauenfußball so wenig angesehen ist und sie selbst mal wieder stärker sind als die, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit wie der ärztlichen Bemühungen um Rettung stehen.

Pays-Bas, Angleterre, Espagne : la décrue des cas de Covid-19 s’amorce-t-elle en Europe ? (msn.com)

Aussichten für die Schule

„Le non vacciné reste à la maison, le vacciné reste en cours“ („Der Nicht-Geimpfte bleibt Zuhause, der Geimpfte bleibt im Unterricht“). Das ist die neue Devise des französischen Schulministers: Jugendliche, die nicht geimpft sind und das Pech haben, mit einem infizierten Klassenkameraden Kontakt gehabt zu haben, folgen der Schulpflicht, ohne in die Schule gehen zu dürfen. Das ist einerseits ganz logisch, denn warum sollte jemand, der, da geimpft, kaum ein Risiko hat, sich anzustecken, nicht weiter zur Schule gehen? Andererseits läuft das Ganze, wie man sich vorstellen kann, auf ein organisatorisches Chaos hinaus, denn wie soll ein Leher, soll eine Lehrerin Unterricht in zwei Modi zugleich machen: hier, in der Schule, und dort, auf Distanz?

Auch sind die Lehrer:innen nicht verpflichtet, sich impfen zu lassen, was bedeutet, dass ihnen ein Recht zukommt, das den Jugendlichen durch die Drohung, ihnen stünde erneut Distanzunterricht bevor, nicht wirklich zuerkannt wird. Es ergibt sich der Eindruck, dass man das Impfen für die Jugendliche unbedingt durchsetzen will, sich aber an die Erwachsenen nicht heranwagt. Und weil man sich an die Erwachsenen – die wahlberechtigt sind und also ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen könnten – nicht heranwagt, wagt man sich umso mehr an die Jugendlichen heran, die nicht wählen dürfen, politisch nicht, und jetzt haben sie auch in Bezug auf die Impfung nicht so recht die Wahl.

Es wird sich herausstellen, wieviele Jugendliche sich dann in der Tat impfen lassen werden, denn denkbar ist ja auch, dass die Zahl der Geimpften ganz gering bleiben wird, was wiederum bedeuten wird, dass im Fall des Auftretens von Ansteckungen nur ganz wenige Schüler:innen zur Schule gehen können und der Rest Zuhause bleibt. Im Extremfall steht die Lehrerin allein vor ihrer Klasse. Auch eine neue Art von Präsenz.

Unwägbarkeiten aller Art stehen bevor, doch gerade stehe ich auf dem Standpunkt, dass ich meine Tochter nicht impfen lassen werde, bevor nicht die Erwachsenen die Verantwortung übernehmen und sich selbst impfen lassen.

https://www.clicanoo.re/Societe/Article/2021/07/28/Colleges-et-lycees-seuls-les-non-vaccines-distance-sil-y-un-cas-de-Covid

Lourdes

„La présence de chaque malade est comme une petite lampe qui vient illuminer le ciel sombre de la pandémie.“ („Die Anwesenheit eines/r jeden Kranken ist wie ein kleines Licht, das diese Stadt erhellt, die von der Pandemie düster geworden ist.“)

Hm, hm. Das könnte fast zynisch klingen, wenn’s nicht die Stadt wäre, in der sich die Läden mit ihren religiösen Souvenirs offen erleichtert darüber zeigen, dass endlich wieder Kranke kommen, von denen einige, Gott sei gelobt, gesund genug sind, um sich nach der Zeit des großen, kollektiven Leids was Hübsches und in vielerlei Hinsicht Heilsbringendes zu kaufen.

Todbringende Hilfe

Während der „ersten Welle“ scheinen sich, einer Studie zufolge, mindestens zehn Prozent aller britischen Covid-Kranken während eines Krankenhausaufenthalts mit dem Virus angesteckt zu haben. Es war also gefährlich, ausgerechnet dort Hilfe zu suchen. Der Prozentsatz gilt als Mindestangabe. Die Dunkelziffer sei, so die Vermutung, höher. Ein Argument dafür, dass das Personal in Krankenhäusern geimpft sein sollte, jetzt, wo wir nicht mehr in der „ersten Welle“ stecken. Oder ist man gedanklich noch voll in ihrem Strudel?

En Angleterre, un patient sur dix aurait contracté le Covid-19 dans les hôpitaux (msn.com)

Anne Peiter

Wörterbuch 4: Hybrid

In einem rein technischen Sinne bedeutet das griechische Wort hybris Grenzübertretung. Aber die darin gemeinte Grenze ist in der Regel die zwischen Menschen und Göttern, zwischen den sterblichen »Tagwesen« (Pindar), die dem unterworfen sind, was ihnen je und je der Tag bringt, und den »Immerseienden«, den Unsterblichen, die im Voraus wissen, was passieren wird, weil sie die Fäden des Geschehens in der Hand halten. Die tragischen Helden, so liest man, leiden unter Hybris, weil sie die Grenzen der menschlichen Existenz nicht respektieren. Dafür werden sie bestraft.

Die jüngste Karriere des Wortes greift sicherlich auf jene erste, technische Bedeutung zurück. Grenzen werden überschritten: die zwischen einem Verbrennungs- und einem Elektroantrieb, zwischen Sprachen, oder zwischen analoger und digitaler Kommunikation, Mann und Frau, bestimmten räumlichen, kulturellen, geschlechtlichen Festlegungen, zwischen Mensch und Maschine. Hybridität ist unbedingt schick und irgendwie fortschrittlich. Der neue Mensch wandelt auf den alten Grenzen und macht sie dadurch unsichtbar.

Gleichwohl zehrt sie parasitär von der religiösen Rahmung, die für lange Zeit bestimmend war. Das Hybride ist die säkularisierte Hybris, das Kennzeichen desjenigen, das mehr ist als es ›natürlicherweise‹, oder bedingt durch Gewohntheit und Herkommen, sein kann. Es geht um Transzendenz als Fortschritt. Bemerkenswert ist dabei immerhin, dass der Vorbehalt, die Negativbewertung fortfällt und geradezu umgekehrt wird. Damit entfällt aber die Dialektik des Fortschritts: Gerechtfertigt ist er, wenn er im vollen Bewusstsein seiner Kosten vollzogen wird. Darin hatten Adorno und Horkheimer recht. Blinder, zur Selbstkritik nicht fähiger Fortschritt ist nichts anderes als der Mythos, von dem zu emanzipieren er versprach. Er ist ein Dogma, das festlegt, wie Menschen zu sein haben. In diesem Falle heißt es: Die nicht Hybriden, die an irgendwelchen überständigen festhalten, werden stigmatisiert. Sie sind die rückwärts Gewandten, die sich ans überlebt-Alte klammern, und die nicht mitkommen mit der allgemeinen Verflüssigung des menschlichen Zugriffs aufs Wirkliche.

Aber eine Norm ist eine Norm. Das heißt, sie setzt Grenzen. So wäre immerhin vorstellbar, dass diejenigen, die bei dem allgemeinen Trend zur Hybridität nicht mittun können oder wollen, diejenigen sind, die recht eigentlich die Grenzen verletzen, die unserer Existenz aktuell gesetzt sind. So jedenfalls empfinden viele, und ich betone, politisch durchaus zwielichtige Figuren. Aber auch das bleibt dialektisch. Denn aus ihrer Zwielichtigkeit folgt nicht automatisch, dass diejenigen, gegen die sie sich wenden, recht haben.

Wolfram Ette

Wörterbuch 3: Format

Reportage aus den Überflutungsgebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Es geht um die Frage, wie denn nun die anstehende Bundestagswahl organisatorisch bewältigt werden könne. Die Bevölkerung, so scheint, es winkt ab. Man habe jetzt andere Sorgen. Aber Sorgen machen sich auch die Parteien, die gewählt werden wollen, und nicht so recht wissen, wie sie ihre Wählerinnen und Wähler ohne festen Wohnsitz erreichen sollen.

Ein FDP-Mitglied wird gefragt. Nun ja, es müssten vielleicht mobile Wahllokale geschaffen, überhaupt andere »Formate« gefunden werden. Das ist ehrenhaft, ohne Zweifel. Oder anders: Es verbindet Egoismus und Ehrenhaftigkeit auf halbwegs sympathische Weise. Aber »Formate«? Warum sagt er nicht »Formen«?

Meine Mutmaßung ist die folgende: Formen werden in bestimmten Situationen geschaffen. Sie sind das, was sich aus bestimmten Inhalten passenderweise ergibt. Form und Inhalt sollen zueinander stimmen. Das Format dagegen ist schon da: wie eine Formatvorlage in einem Textverarbeitungsprogramm. Es wird übergestülpt. Format heißt: Der Inhalt hat sich der Form anzupassen. ›Form‹ ist weich ›Format‹ ist hart.

So drückt der Begriff des Formats ganz direkt aus, was die Phrase macht. Wie in dem Märchen von Hase und Igel ist das Format immer schon da: »Ich bün allhier!« Die Phrase formt die Wirklichkeit nicht. Das wäre schon schlimm genug, aber wahrscheinlich unvermeidlich. Sie formatiert sie. Sie presst sie ins Prokrustesbett des so oft Vorgedachtenm und vorformulierten, dass kein eigener Gedankeninhalt übrig bleibt. Sie verfährt nach dem Prinzip einer Redewendung die selber hochmodisch ist, die ich aber in ihrer stillen Gewalttätigkeit doch ziemlich treffend finde: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Wolfram Ette

Wörterbuch 2: Zeitnah

Also: Warum sagen die Leute nicht „bald“? Dieses Wort, also „bald“, sagt aus, dass vom jetzigen Moment an bis zur Erledigung einer Aufgabe nicht viel Zeit verstreichen darf, oder verstrichen sein wird. „Das muss bald gemacht werden“; oder, noch etwas steigernd, „schnell“. Aber „zeitnah“?? Auf den ersten Blick wirkt das Wort furchtbar lahm. Würde man seinem Kind, das im Zimmer sitzt und spielt, sagen, es soll den Tisch zeitnah decken? Wohl kaum. Es würde dasitzen, etwas verwirrt blicken, um sich dann wieder den Spielsachen zuzuwenden.

Und das wäre sicherlich auch eine erste Funktion. Dort, wo man „zeitnah“ sagt, soll, auf einer oberflächlichen Ebene wenigstens, Druck rausgenommen werden. Das Wort ist eine Höflichkeit, ein Euphemismus. Man brüllt die Untergebenen nicht an, feuert ihnen kein „Sofort!“, kein „prestissimo!“ um die Ohren, sondern bleibt irgendwie konziliant-verbindlich: zeitnah eben.

Aber genügt das? Ist das bereits schon das Unmenschliche, dass die realen Machtverhältnisse verschleiert werden? Dass sie ohne Ausrufezeichen, im kalten Bürokratismus dieses Kompositums vollstreckt werden, ohne dass es hörbar wird? Vielleicht. Gleichwohl drängt eine zweite Assoziation sich auf. Wenn wir „bald“ sagen, „schnell“, „sofort“, so befinden wir uns gemeinem mit dem zu Tuenden in der Zeit. Sie ist unser gemeinsamen Medium, das uns umgibt und umspannt und verbindet. Es ist nicht hinterschreitbar, das, was wir tun, müssen wir in der Zeit tun. „Zeitnah“ hingegen vergegenständlicht. Es suggeriert Verfügung über die Zeit. Es deutet an, dass wir die Zeit, uns uns von der Verwirklichung des zu Tuenden trennt, beliebig stauchen können. Es sagt nicht: Tue dies oder jenes auf eine andere Weise als sonst, nämlich „schnell“, es sagt nicht, mit einer ganz und gar altertümlichen Wendung: „Beeil dich!“ Es suggeriert vielmehr: Es ist doch ganz einfach, quasi anstrengungslos: Hol den Zeitpunkt der Verwirklichung an dich heran, enspann Dich; Du musst es gar nicht schneller, sondern bloß eher machen, die Zeit ist flüssig wie Wasser oder Luft und Du machst sie Dir untertan!

Ja, das bereitet mir Unbehagen: diese Suggestion der Verfügung über das, wohinein wir gestellt sind, was uns zuvorkommt und in einem gewissen Sinne, da wir zeitliche und sterbliche Wesen sind, beherrscht. Und es stimmt ja nicht! Es stimmt in keinster Weise! Zum einen stimmt es nicht, weil nicht es es bin, der über die Zeit bestimmt, sondern mein Chef. Nicht ich selbst sage mir: Diesen Text möchte ich „zeitnah“ geschrieben habe, sondern er, bzw. sie. Und es ist kein transzendentales Ego, dass sich ihren oder seinen Vorgaben anzupassen hat, sondern mein sterblicher Körper, der da dem Regime der Zeitnähe unterworfen wird, diesem invertierten, technokratischen Adventismus, der mich glauben lässt, ich sei schon Manager, weil ich die Befehler der Manager verstehe und den Anweisungen ihrer Sprache folge.

Und es gibt, in enger Vrbindung damit, noch einen letzten Grund, der dem Wort doch einen sicheren Listenplatz im aktuellen Wörterbuch des falschen Bewusstseins sichert. Es lenkt ab. Es markiert Geschäftigkeit, wo wir keine brauchen, und macht uns blind für das gattungsgeschichtliche Großereignis, dessen „Zeit“ wirklich „nahe“ ist: den Augenblick nämlich, in dem der Klimawandel endgültig außer Kontrolle geraten sein wird, der Augenblick, in dem Flut- oder Dürrefolgen nicht mehr aus der Portokasse beglichen werden können und Steuererhöhungen um dessentwillen nicht mehr durchsetzbar sind; der Augenblick, in dem unsere Gesellschaften nicht mehr latent (das tun sie längst), sondern sichtlich zerfallen werden – in Konglomerate mafioser Zusammenschlüsse, die sich nicht mehr Parteien nennen müssen; der Augenblick, ab dem es um das Überleben im transitiven Sinne gehen wird und endgültig klar wird, dass es nun mal nicht für alle reicht, vielleicht für niemanden am Ende, aber dass man sich bis dahin zumindest Zeit erkämpfen kann, die man den anderen wegnimmt.

Denn das ist der wahre Adventismus. Das ist „zeitnah“ in dem eigentlichen Sinne, dass die Zeit, in der dies geschehen kann, „nahe“ ist und auf uns zukommt. Und es ist diese Zeitnähe, die weggeblendet und unfühlbar gemacht wird durch die vielen Kleinstunternehmungen, deren zeitnahe Erledigung uns aufgebrummt wird, und dies in einem Vokabular, das uns suggeriert, wir verfügten über die Zeit, während sie uns in Wahrheit doch wegläuft oder in restlos überfordernder Weise auf uns zukommt und uns überwältigt. Die Vorstellung: dass wir es sind, die über die Zeit verfügen, in einer Situation zumal, in der sie mehr und mehr über uns verfügt: das ist wohl das eigentliche an dem Wort „zeitnah“ haftende Verbrechen, das ist das nicht notwendig, sondern vollkommen überflüssige falsche Bewusstsein, die Ideologie, deren Komplizen wir werden, wenn wir es aussprechen oder widerstandslos hinnehmen.

Wolfram Ette

*

„Zeitnah“ bedeutet, dass eine bestimmte Zeit nahe ist: die, in der man bestimmte Dinge tun wird. Immer schwingt im „zeitnah“ mit, dass es sich nicht um eine leere Zeit handeln wird, sondern um eine, die man füllt, und zwar mit dem, was erwartet wird, dem, was als notwendig gilt. „Zeitnah“, das enthält von jeher den Gedanken, dass man nicht zu spät kommen wird, denn bestraft werden will man nicht, weder durch’s Leben, noch durch den Vorwurf, nicht erkannt zu haben, dass man impliziten Planungen, impliziten Ansprüchen zu genügen hat.

Nie kommt das Wort „zeitnah“ in Kombination mit einer Verneinung vor. Immer enthält „zeitnah“ das Versprechen, dass man sich zwar in diesem, jetzigen Augenblick einer Sache noch nicht annimmt, jedoch fest vorhat, dies in Bälde nachzuholen und den Erwartungen (den eigenen wie den fremden) zu genügen: „Zeitnahes“ als Aus- und Beweis der eigenen positiven Intentionen. Das zustimmend Nickende des Wortes verteilt sich in feinen Partikeln in die nahen wie in die ferneren Zukünfte hinein. „Zeitnah“ ist das große Gegenkonzept zur Faulheit und zum Verspätetkommen, „zeitnah“ überflügelt und ersetzt Worte wie „bald“ oder „in Kürze“, indem es die Zeit an sich (als exakt messbare Einheit) kontrolliert und sich nicht mit dem vagen Blick auf unbestimmt Baldige zufrieden gibt.

Betrachtet man die Übersetzungen, die vom deutschen „zeitnah“ hinein ins Französische führen, ist erkennbar, wie viel Beflissenes in diesem Konzept steckt, wie viel sich noch und noch vor’m Existierenden Verneigendes, ihm zu Füssen Fließendes. Da findet man die Übertragungsmöglichkeit „rapide“ (was traditionell mit „schnell“ übersetzt zu werden pflegt), aber auch „très prochainement“ (= „sehr bald“), „dans peu de temps“ („in kurzer Frist“) und „dans un avenir/ futur proche“ („in einer nahen Zukunft“) stehen im Angebot.
Aber das ist noch nicht mal das Beste, denn hier geht es ja weiterhin bloß um die Wiedergabe dessen, was man im Deutschen mit „bald“ bezeichnen würde. Das Beste kommt erst noch. Und hier ist es: „Zeitnah“ bedeute „opportun“, zum Beispiel bei der „zeitnahen Antwort“: „une réponse opportune„.

„Opportun“ ist wiederum nur das, was „in der gegebenen Situation angebracht“, will heißen: „von Vorteil“ ist. Suggeriert wird, das, was man tun werde, werde dem Anderen zum Vorteil gereichen, doch tun tut man’s nur, weil der Vorteil zugleich auch auf der eigenen Seite ist. Berechnung steckt im „zeitnah“, eine Logik der gegenseitigen Kosten-Nutzen-Rechnung, in der man sich nur dann die Zeit etwas kosten lassen wird, wenn man selbst auf seine Kosten kommt. Man passt sich an, verhält sich opportunistisch. Bloß keine Kritik! Bloß kein Aufmucken! Die Zeit, sie hat einen in dem Masse im Griff, in dem man umgekehrt sie im Griff zu haben behauptet.

Man lese nur, was sich an sprachlichen Zufallsfunden aufdrängt:

„Auf dem schnelllebigen Mobilfunkmarkt ist es besonders wichtig, den Erfolg unserer Marketingmaßnahmen zeitnah kontrollieren und optimieren zu können.“

Da ist der Kern: Man optimiert sich selbst und die Welt.

„Es ist sicherzustellen, dass alle Handelsgeschäfte unverzüglich und Kreditgeschäfte möglichst zeitnah, mindestens jedoch taggleich auf die einschlägigen Limite angerechnet werden und jeder Händler beziehungsweise die für den Bereich ‚Markt‘ zuständigen Verantwortlichen über die für sie relevanten Limite und ihre aktuelle Ausnutzung zeitnah informiert werden.“

Das ist nicht nur sehr hübsch, sondern, mehr noch, ausgesprochen hübsch, vor allen Dingen, weil dem „zeitnah“ noch ein Synonym an die Seite gestellt wird, nämlich das herrliche „taggleich“. (Das wirkt, als ob man die Tag- und Nachtgleiche ins Ökonomische übersetzen würde: Niemand, der stets „zeitnah“ reagieren können will, darf darauf bestehen, Schlaf zu brauchen. Optimal funktionieren muss man immer, zur Not auch dann, wenn der Arbeitstag längst vorbei ist.)

„Über das Internet […] sowie über Aktionärsbriefe und Medienmitteilungen wird über alle wichtigen Projekte und Initiativen zeitnah kommuniziert.“

Man sieht schon, von woher der Wind weht, nämlich: her vom Markt- und Aktiengeschehen, das der Zukunft sicher ist wie keine Vergangenheit vor uns.

Daher nur noch ein letztes Zitat, das zeigt, dass sich das Wort mit Vorliebe mit bestimmten Adjektiven verbündet. Nicht mit irgendwelchen! Das Wort „zeitnah“ ist wählerisch, obwohl’s immer die gleichen semantischen Bündnispartner sucht. Da ist etwa die Rede von den „erzielten Fortschritte[n]“,

„damit die Tätigkeit der Agenturen wirksam und zeitnah verfolgt werden kann“.

Oder:

„Der Vorstand unterrichtete uns regelmäßig sowohl schriftlich als auch mündlich, zeitnah und umfassend über die Unternehmensplanung“

– das klingt auch ganz gut. Rekapitulieren wir: „zeitnah“ impliziert „Wirksamkeit“, „zeitnah“ verspricht „Umfassendes“. Man wird nicht nur bald antworten, sondern lückenlos, komplett, damit nichts Fremdes (kein irritierter Gedanke) eindringe.

Genau dieser Gedanke führt hin zum räumlichen Aspekt, der in „zeitnah“ enthalten ist. Der fehlt im Französischen, weil man da das Opportunistische direkt ausdrücken muss. „Zeitnah“ ist „nah“, so als wäre man’s auch dem, dem das Versprechen einer zeitnahen Reaktion, Antwort, Lieferung, Überweisung usw. gemacht wird. Suggeriert wird erneut die Service-Mentalität, d.h. das Versprechen, man werde den Anderen im Auf und Ab des Marktes nicht enttäuschen, sondern ihm vielmehr voll zu Diensten sein. Die Nähebeziehung funktioniert dabei über das einzige Medium, das stets und überall zirkuliert, nämlich das Geld. „Zeitnah“ versteht man zu agieren, wenn man diesen Fluss im Gang hält. Was für ein reißender Strom!

Insofern kann man abschließend sagen, dass ein Staudamm nach dem anderen bricht, wenn das Wort „zeitnah“ von der Sprache der Manager und Aktienmärkte in die Alltagssprache wandert. Nimm niemals eine Einladung an, die man Dir als „zeitnahe“ in Aussicht stellt! Tu’s auch dann nicht, wenn das Essen gut zu sein verspricht! Nimm den Telefonhörer nicht ab, wenn ein Freund jetzt grad nicht kann, aber Dich „zeitnah“ anzurufen verspricht! Der Damm ist hier schon gebrochen. Aber man kann sich noch ein bisschen dagegen stemmen. Nähe kann nämlich auch anders ausgedrückt werden, zum Beispiel durch das schöne Wort „demnächst“, in dem die menschliche Verbundenheit genausogut und doch anders steckt, nämlich als das „Nächste“ des „Nächsten“, der nicht immer nur ich selber sein muss.

https://www.linguee.fr/allemand-francais/traduction/zeitnah.html

Anne Peiter

Wörterbuch 1: Alleinstellungsmerkmal

Man sollte vielleicht gar nicht so viel Aufhebens um dieses Wort machen. Hat es überhaupt einen Inhalt? Ja, es hat. Ihm liegt die schlichte, naturwüchsige Wahrheit zugrunde, dass es gut sei, dass der Mensch alleine sei. Liebe, Gemeinschaft, Freundschaft, Sozialität: all das ist schlecht und vor dem Gott des Kapitals vom Teufel. Wir sind am besten, wenn wir nicht gemeinsam, oder, wie das Wort von vor 1.000 Jahren lautete, „solidarisch“ handeln, sondern jede/r gegen jede/n kämpfen. Das Alleinstellungsmerkmal ist das Charakteristikum des vervollkommneten, kapitalistischen homo oeconomicus.

Es gibt die Wendung „alleine sein“; man sagt auch, dass jemand „auf sich allein gestellt“ ist. Aber „allein gestellt“? Die sprachschöpferische Gewalt ist verräterisch. Sie gibt Aufschluss über die reale Gewalt, die dem Vorgang zugrunde liegt. Sie zeigt an, dass es durchaus, also „eigentlich“ nicht in der Natur der Dinge liegt, alleine zu stehen, dass man aus der Gruppe oder der Reihe, in der man sich befindet, herausgerissen und irgendwo allein hingestellt wird, dazu verdammt, gegen die anderen zu konkurrieren, denen es genauso ergangen ist wie einem selbst.

Hinzu kommt schließlich die dem Wort innewohnende Abstraktion. Man sagt ja nicht einfach: „sie/er kann eine Sache besser als die anderen“, oder: „sie/er kann etwas, was niemand anderes kann“. Das würde darauf verweisen, dass wir arbeitsteilig leben, und dass es zwar seine Vorzüge haben kann, über Fähigkeiten zu verfügen, die nicht so viele beherrschen, dass wir aber trotzdem, um diese Fähigkeiten zu verwerten, immer auf andere angewiesen sind – immer und jederzeit. Das „Alleinstellungsmerkmal“, dieses typisch deutsche Großkompositum erhebt sein Haupt im Vollgefühl der Illusion, diejenigen, die Alleingestellten enthielten schon das Ganze und seien nicht auf die anderen, die weniger alleingestellt sind, angewiesen. Die Gewalt, die sich im Begriff ausdrückt, wird ideologisch prämiert.

So bleibt das Fazit: Wer wäre glücklicher als der Mensch mit einem Alleinstellungsmerkmal oder gar mehreren Alleinstellungsmerkmalen, nicht nur das Zahnrad, sondern recht eigentlich die gesamte Kapitalmaschine im kleinen, erfolgreich und unabhängig! Der Strom kommt aus der Steckdose, das Brot aus dem Supermarkt, dafür wird nicht gearbeitet, sondern bezahlt! Selbst die Angestellten sind doch in Wahrheit, also dann, wenn sie richtig gut sind, die Alleingestellten!

Wolfram Ette

*

Fangen wir doch erst mal an mit ein paar Gedichten, die’s (das haben Gedichte, da verdichtet) so an sich, in sich haben. Die Gedichte schreiben sich übrigens von selbst, denn es reicht ja, einen Blick ins Internet zu werfen und schon springen sie in einem in den Augenwinkel, ohne dass man sie wieder loswürde.

Also los. Gedicht Nummer 1:

der titan
dieses titanrad ist
ein absolutes alleinstellungsmerkmal
denn auch breit angelegte recherchen
haben gezeigt:
es gibt kein vergleichbares
rad aus titan

Ich bestehe darauf, dass man die Alliteration mit den beiden A’s so ernst nehmen sollte, wie sie’s meint: Der Anspruch auf Alleinstellungsmerkmale kommt immer absolut daher. Er verkündet, was vielleicht noch nicht ist, aber auf jeden Fall sein soll, nämlich: dass man keine Konkurrenten hat. Entweder weil man sie aus dem Felde geschlagen hat wie noch bei jeder historischen Schlacht (der Gegner ist auf dem Markt der Angebote untergegangen, verreckte an seinem verdienten, ökonomischen Tod) oder weil gar niemand auf die Idee gekommen ist, in bestimmten Produktionsbereichen überhaupt auf Ideen zu kommen, die sich verkaufen lassen.

„Alleinstellungsmerkmale“ kommen zustande, wenn man was denkt und produziert, was bisher noch nicht gedacht und produziert wurde. Und das ist gar nicht mal einfach, denn ein einziger, irritierwilliger Gang ins Einkaufszentrum genügt, um festzustellen, dass in dieser unserer Welt ja schon so ziemlich alles gedacht und produziert wurde, was eigentlich kein Schwein braucht und dann doch kauft, bloß weil’s das Ding vorher noch nicht gab und also neu ist.

Der absolute Wert kommt daher: dass es was gibt, was es noch nie gab. Und weil’s das eben doch schon gab (vielleicht nicht ganz so, aber doch sehr ähnlich), setzt die Setzung von Alleinstellungsmerkmalen die Fähigkeit voraus, nicht nur selbst (als Produzent und Erfinder von Bedürfnissen) einen Sinn für die kleinen Unterschiede zu entwickeln, sondern auch den Käufer in spe dazu zu bringen, das Kleine für das Entscheidende zu halten und das Unterschiedene dann auch wahrhaftig zu kaufen. Etwa so: dass ein Rad nicht nur ein Rad ist, das sich dreht und einen voranbringt, sondern dass man von titanischem Siegeseifer ist und lebt, wenn das Rad, in dem man sich mitdreht, aus Titan ist und nicht aus einem xbeliebigen anderen, d.h. herkömmlichen Material.

Noch einmal: „Alleinstellungsmerkmale“ laufen hinaus auf die Produktion des Fast-nicht-Unterschiedenen, in dem man dann doch (und gerade deswegen) unterscheidet. Nicht als ob man dieses von jenem wirklich unterscheiden würde! Entscheidend ist vielmehr, dass man sich selbst unterscheide, nämlich von dem anderen. Das kann sowohl geschehen dadurch, dass man was denkt und produziert (siehe oben), aber auch dadurch, dass man das, was andere gedacht und produziert haben, kauft, weil dann das – hoffentlich existierende – Alleinstellungsmerkmal des Gekauften abfärbt auf einen selbst, der sich im Produkt spiegelt und reproduziert als Individuum. Die Botschaft : „Ich bin der einzige, alleinige, der das und das besitzt. Keiner besitzt das und das neben mir.“ (Womit man wieder bei der Absolutheit wäre, denn der Christen-Gott duldet ja auch keine anderen Götter neben sich.)

Man liest denn auch davon, dass die

Hersteller und die Witex-Vertriebspartner aus dem Bodenbelagshandel ein Alleinstellungsmerkmal haben und sich mit den Produkten in einem nahezu wettbewerbsfreien Umfeld bewegen.

Das ist es: Alleinstellungsmerkmale verbürgen etwas, was es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht gibt, nämlich: einen wettbewerbsfreien Raum. Also eigentlich ein antikapitalistisches Ding! Man fürchtet niemanden, man lebt angstfrei, weil das, was man sich erdacht hat, Leere schuf im positivsten Sinne, nämlich die Leere von Konkurrenz. Niemand anderes ist da! Niemand macht einem den Profit streitig! Niemand vertreibt das Produkt, das man selbst ersonnen hat!

Eine Form von Unschuld entsteht: Man muss den anderen nicht vom Markt vertreiben, weil man hemmungs- und konkurrenzlos das vertreiben kann, was Geld einbringt. „Wettbewerbsfreiheit“ ist natürlich in Wahrheit das Ergebnis eines geradezu legendären, von jedem Einzelnen erträumten Wettbewerbskampfes, doch ist die Wettbewerbsfreiheit erst mal da, kann man sie als der Freiheit höchste geniessen und preisen.

Das einzig Dumme ist nur, dass die Wettbewerbsfreiheit, die man sich durch die Herstellung von Alleinstellungsmerkmalen erkämpft, die Tendenz hat, keine dauerhafte zu sein, denn kaum stellt sich die Freiheit als Prämie des Siegs einer bestimmten Marketingstrategie ein, entdecken andere die Freiheit als Markt- und also Freiheitsnische und drängen in diese hinein, um an der gleichen Freiheit teilzuhaben. Was dann notwendig eine Aufteilung von Verkaufs- und Freiheitsmöglichkeiten impliziert. Also eine Einschränkung für denjenigen, der anfangs glaubte, absolut und immer frei sein zu können mit seinem Alleinsein.

Und jetzt noch schnell das Gedicht Nummer 2:

der schnee von gestern 
das alleinstellungsmerkmal
des alpinen wintertourismus liegt nicht
in gesundheits- und kulturangeboten
sondern in erster linie

im vorhandensein von
schnee

Aber dieser Schnee ist nun ein Alleinstellungsmerkmal, der schon bald Schnee von gestern sein wird, denn mit dem Schnee ist es nirgendwo mehr weit her. Und zu, tun hat das damit, dass der Schnee im heissen run auf die Alleinstellungsmerkmale schmilzt, und zwar global.

https://www.linguee.de/deutsch-franzoesisch/uebersetzung/alleinstellungsmerkmal.html

Anne Peiter

Corona 285 / Wörterbuch des Bewusstseins der Gegenwart

Eine Art Editorial

Corona ist sicherlich noch nicht vorbei. Aber es sinkt langsam unter die Oberfläche. Diskurse verschieben sich. Man hat das Gefühl, das im Hintergrund viel gearbeitet wird, wovon man nur einige wenige Erscheinungsstummel, die nicht wichtig sind, zu sehen bekommt. Die Situation ist offen wie selten. Wir trauen uns schlechterdings nicht, vorherzusagen, was Herbst und Winter auf der Nordhalbkugel, der Sommer auf der Südhalbkugel bringen werden. Gibt es einen neuen Lockdown? Lässt man die Dinge nun laufen? Wie gehen die Impfungen weiter? Herdenimmunität? Wie entwickelt sich die Situation global? Werden neue Varianten das Feld erobern? All das ist einigermaßen unklar.

Was allerdings nicht unklar ist: Diese Krise ist nur ein Teil und wahrscheinlich ein gar nicht einmal so wichtiger Teil der großen Krise, in der sich die menschliche Gattung seit einigen Jahrzehnten systematisch und vorhersagbar bewegt. Diese Krise ist – darin hatte die Kritische Theorie, aber auch Intellektuelle wie Günter Anders einfach Recht – eine des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Daraus erwächst die große Bedrohung. Darin liegt das entscheidende Selbstzerstörungspotenzial, das uns evolutionär zum Verschwinden bringen könnte. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen hat es immer gegeben. Die Geschichte ist wirklich, wie Marx und Engels das am Anfang des kommunistischen Manifest gesagt haben, eine von Klassenkämpfen. Unendliches Leid hat diese Geschichte über die Menschen gebracht. Aber sie hat die Gattung nicht mit der Möglichkeit ihrer Auslöschung konfrontiert.

Das ist die Bewegung, in der wir uns befinden. Das ist der Gattungs-Text, in dem die Coronakrise nur eine Randnotiz bildet. Wir werden weiter über Corona schreiben, so viel ist sicher. Aber es ist uns ein Bedürfnis zu verallgemeinern, das Kleine mit dem Großen, das Detail mit dem Ganzen zu verbinden, so weit es in unserer Macht steht und unseren Fähigkeiten entgegenkommt.

Wir sind: eine Literaturwissenschaftlerin und ein Literaturwissenschaftler. Die Philologie, die Arbeit an der Sprache, ist unser Handwerk. Das haben wir gelernt. Hier kennen wir uns einigermaßen aus, das macht uns Spaß. Das aber kommt der Sache, die uns interessiert, entgegen. Denn das Medium, das jedes noch so unscheinbar wirkende Detail doch irgendwie mit dem Ganzen verflicht, ist die Sprache. Unsere Weise, die Zeit, in der wir leben, zu analysieren, kann deswegen nur die Analyse des Sprachgebrauchs sein, durch den diese Zeit sich selbst bloßstellt und bewusstlos analysiert. Sprachanalyse ist Sprachkritik, Kritik der Phrase, wie unser großes, unerreichtes Vorbild, Karl Kraus, gesagt hätte: Kritik der Phrase als der Form, in der der Geist der Zeit sich niedergeschlagen hat, meist im Schlechten, selten im Guten, immer aber so charakteristisch, dass es sich lohnt, sie festzuhalten.

Wir werden einzelne Begriffe und Redewendungen in den Blick nehmen. Auf Vollständigkeit ist es nicht abgesehen. Mit der Kreativität (die selbst ins Wörterbuch gehört), in der jener Geist sich sprachlich manifestiert, können wir nicht mithalten. Der Phrasenvorrat der Gegenwart ist überwältigend. Und es wird ständig nachproduziert. Wir hoffen aber wenigstens auf eine gewisse, exemplarische Prägnanz.

Der erste Eintrag, »Alleinstellungsmerkmal«, wird in wenigen Minuten erscheinen. In unregelmäßigen Abständen werden wir auf diesem Blog, zum Teil vermischt mit Coronatexten, die ja stets auch eine ›Philologie der Krise‹ waren, aus jenem Vorrat schöpfen und ihn besprechen. Vieles wird Ihnen bekannt vorkommen; viele Gedanken werden Sie sich vielleicht schon selbst gemacht haben. Aber die Phrase ist so alltäglich und sie wird uns in derartig hoher Frequenz um die Ohren geschlagen, dass sie sich der ruhig nachfragenden Analyse entziehen. Wir sind nicht besser, vielleicht geduldiger, wahrscheinlich bloß langsamer als andere. Die reine Komik um des Lacherfolges willen, wie sie in der ›Titanic‹ gepflegt wird, und die auch Eckart Henscheids Reclam-Zusammenstellung ›Dummdeutsch‹ kennzeichnet, wollen wir freilich vermeiden. Dazu ist die Sache zu ernst. Die achtziger und vielleicht auch noch die neunziger Jahre konnten sich Zynismus noch irgendwie leisten. Wir können es nicht mehr.

Wolfram Ette / Anne Peiter

Corona 284: Von Worten und Werken

Ultra

Der Gesundheitsminister ist der Auffassung, die Gegner der jetzt eingeführten Impf-Pflicht und des mit ihm einhergehenden Passes seien „ultra-minoritär“ („ultra-minorité“). Es reicht ihm nicht aus, dass es sich um eine Minderheit handelt: Er muss sie kleiner machen, um der steigenden Verunsicherung zu entgehen. Denn eigentlich kann man sich fragen, ob es nötig gewesen wäre, die Pflicht einzuführen, wenn ohnehin die übergroße Mehrheit der Bevölkerung vom Impfen überzeugt gewesen wäre. Das ist nicht der Fall. Die Impfgegner sind eine Minderheit, doch eine bedeutende. Der Zusatz „ultra-“ zeugt also entweder vom Wunschdenken des Ministers oder aber von einer Wendung gegen die Selbstwahrnehmung der Impfgegner selbst, die sich zwar als Opfer sehen, auf der anderen Seite aber im Bewusstsein einer gewissen Stärke leben, die ihnen durch ihr « Nein » gesamtgesellschaftlich zuwächst.

Covid-19: cette «ultra-minorité» qui s’oppose à la vaccination a «de la défiance pour la notion même d’autorité», déplore Olivier Véran (msn.com)

Der Wettlauf

Ein Infektologe setzt seine Kenntnisse in Sport um:

„Sur un plan épidémiologique, la situation est préoccupante […]. Elle ne l’est pas encore à l’hôpital et il faut tout faire pour que, finalement, la vaccination ait raison du virus et dépasse la ligne d’arrivée avant que le Covid-19 nous ait, lui, rattrapé“ („Was die epidemologische Sicht anbetrifft, so ist die Situation besorgniserregend […]. Sie hat noch nicht das Krankenhaus erreicht und man muss alles tun, damit letztlich die Impfkampagne über den Virus siegt und sie die Ziellinie erreicht, bevor uns der Covid-19 eingeholt hat“).

Ein Wettlauf: Impfung gegen Virus. Wer ist schneller? Es geht um Bündelungen von Einzelschicksalen in diesen Figuren von Läufern. Denn in Wirklichkeit ist es ja so, dass die Ansteckungen schon wieder voll im Gang sind und die Zahl der Toten steigt. Die haben also nicht viel davon, wenn die Impfung, sobald sie hechelnd und die Arme vorgestreckt das Ziel erreicht, sich als Sieger erweist. Ansteckungen sind kein 100-Meter-Lauf, in dem sich das Ergebnis eines Wettkampfs im Bruchteil einer Sekunde entscheidet. Vielmehr sind Epidemien zeitlich gestreckte Entwicklungen, und das Bild von der Aschebahn mit seiner Zielgeraden ist nichts weiter als das Ergebnis des Wunsches, es möge das Entscheidende in einem einzigen, winzigen Augenblick zusammengedrängt werden können, ein für alle Mal.

<https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/bien-etre/vaccination-gestes-barri%C3%A8res-peut-on-encore-prendre-la-flamb%C3%A9e-%C3%A9pid%C3%A9mique-de-vitesse/ar-AAMfO3F?ocid=msedgntp>

Anne Peiter

Corona 283: Die Jahrhundertkatastophe

Didier Raoult ist dabei, ein Buch über seine Corona-Zeit herauszugeben. Eine der Hauptthesen scheint die Aufdeckung des »grössten, medizinischen Skandals des 21. Jahrhunderts« (»du plus grand scandale sanitaire du XXIe siècle«) zu betreffen. Ich habe das schon anderswo gehört. Es interessiert mich gar nicht die sachliche Frage, ob das, was Raoult denkt oder nicht denkt, richtig ist oder falsch. Mich interessiert aber, dass er schon jetzt, im Januar 2021, das ganze 21. Jahrhundert in einer grossen, wissenden Geste umgreift. Das sagt doch eigentlich schon alles. (Anne Peiter)

 

Und jetzt hören wir es wieder, das tolle Kompositum, auf das die Medien so scharf sind, an das wir aber leider anfangen, uns zu gewöhnen: Jahrhundertkatastrophe. In diesem Fall ist es ein Jahrhunderthochwasser, und man scheint vergessen zu haben, dass der Begriff bereits zu einem Zeitpunkt, als das Jahrhundert noch ganz jung war, nämlich 2002, für das Hochwasser in Ostdeutschland vergeben worden war. Aber sei’s drum. Wir wollen nicht rechten, rechnen und vergleichen, schon gar nicht in Ost-West-Fragen.

Besser haben wir das Wort seit 2020 in Erinnerung. Die Pandemie. Ah ja. Aber angesichts einer neuen Katastrophe werden wir sie wohl auf einer Arschbacke werden aussitzen müssen.

In jedem Fall aber zeugt es von größter Respektlosigkeit gegenüber diesem Jahrhundert, das heute, 2021, so alt nun wirklich noch nicht ist, dass es zu der Hoffnung berechtigen würde, da käme nicht noch Schlimmeres auf uns zu.

Jahrhundertkatastrophe meint eben immer auch: mit dem Maßstab vergangener Jahrhunderte gemessen, und es sieht wirklich so aus als würde sich dieser Maßstab im Anthropozän verflüchtigen. Genau das meint eigentlich das Wort Katastrophe: seinem griechischen Wortsinn zufolge eine ›Umwendung‹ durch die alles ganz anders wird. Damit verschwinden aber auch die Regeln und Normen, nach denen wir das, was uns umgibt, zu beurteilen pflegen. Oder sie werden andere.

»Jahrhundertkatastrophe« ist also ein Oxymoron, eine contradictio in adiecto, ein hölzernes Eisen. Entweder handelt es sich um eine Katastrophe; damit wäre aber der Jahrhundertmaßstab, die Behauptung also das dergleichen wirklich nur einmal in einem Jahrhundert vorkomme, dahin. Oder es handelt sich eben nicht um eine Katastrophe und jener Jahrhundertmaßstab dürfte weiterhin in in Kraft bleiben.

Man kann hieran sehr schön verfolgen wie die modernen Massenmedien arbeiten Sie brauchen die Sensation um der Verkaufs- oder Klickzahlen willen – die Sensation, deren größte natürlich die Katastrophe ist. Gleichzeitig müssen sie Normalität und Beherrschbarkeit simulieren, denn eine wirkliche Katastrophe würde vielleicht auch sie selbst entbehrlich machen. Nicht zuletzt sind sie es ja, die rechnen und zählen und die Katastrophe aufblähen und proportionieren. Sie moderieren auf und ab, dramatisieren und entdramatisieren, gaukeln das schlechterdings Unbeherrschbare als beherrschbar vor, präsentieren das Monster im Käfig präsentieren.

Wolfram Ette

Corona 282: Die vierte Welle

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da schrieben wir: »Die Welle wird als Kurve und nicht als Masse aufgefasst.« Als ob ein böswilliger Dämon diesen Satz gelesen und sich vorgenommen hätte, uns eine Lehre zu erteilen, hat es Sturzbäche vom Himmel geregnet, die mit einer Geschwindigkeit, für die es in der Erinnerung der Lebenden kein Vorbild gibt, Brücken zerrissen, Autos hinwegschwemmten, Straßen binnen Minuten in reißende Kanäle verwandelten. Viele Menschen sind gestorben, für die Vermissten ist wenig zu hoffen. Es gibt manche, die saßen auf den Dächern ihrer Häuser, die zu verlassen sie sich weigerten. Es ist ihr Lebenswerk, aber das, woran sie sich klammern, ist bereits verloren, vollgelaufen bis in die oberen Stockwerke. Auf den Feldern stehen Traktoren in der Flut, ruiniert. Jetzt, wo’s nicht mehr regnet und die Wasser zurückgehen, sind wieder die ersten Ähren zu sehen, aber die Ernte ist hin.

Es ist ein Zufall. Aber so leben wir: indem wir aus Zufällen Geschichten machen und ihnen einen Sinn unterlegen, der für uns verständlich ist. So auch hier: fast anderthalb Jahre haben wir, das heißt die ganze Gesellschaft, mit Kurven herumgespielt und gebastelt, gezählt und gerechnet, Wellen nummeriert oder entnummeriert, von sich abflachenden oder exponentiell steigenden Kursen geredet, graphische Modelle entwickelt, mit deren Hilfe wir das Geschehen zu beherrschen versuchten. Die Kurven aber bildeten nur die statistische Oberfläche ab, nicht das, was in der Tiefe und in der Masse sich vollzog: in den Krankenhäusern und Altenheimen; in den Familien und auf den Friedhöfen; in den Lungen derer, die um Atem rangen; der nicht endenden Müdigkeit derer, die Monat um Monat, Überstunde um Überstunde um ihr Leben kämpften, der Erschöpfung der Paketfahrerinnen und all derer, die für unseren täglichen Konsum sorgten. Sie alle sind von der Welle und den Wellen nicht als Kurve tangiert, sondern als Masse erfasst und weggerissen worden. Wie das geht, haben wir in den letzten Tagen gehört und gesehen. Aber haben wir es auch begriffen?

Wolfram Ette

Vgl. Corona 163: Die Welle

Corona 281: Krieg

Martin Blachier, ein berühmter Epidemiologe, verfällt auf seine Weise der um sich greifenden Kriegsrhetorik:

„Aujourd’hui, il y a une guerre et cette guerre, elle est contre les anti-vax. Je le dis clairement, ce sont des gens qui n’ont aucun scrupule, qui utilisent les pires méthodes et qui font extrêmement mal dans le monde entier… C’est notre vrai ennemi collectif. Ce n’est plus le virus, parce que le virus, on peut le combattre, c’est l’influence des anti-vax“
„Es gibt heute einen Krieg und dieser Krieg, das ist einer gegen die Impfgegner. Ich sage das ganz klar, das sind Leute, die keinerlei Skrupel haben, die die schlimmsten Methoden verwenden und der gesamten Welt extremen Schaden zufügen… Kollektiv ist das unser wahrer Feind. Der Feind ist nicht mehr der Virus, denn den Virus, den können wir bekämpfen, aber es ist der Einfluss der Impfgegner.“

Das ist Quatsch. Natürlich bleibt der Virus der Feind, wenn man denn überhaupt von Feinden reden will. (Eine größere Sachlichkeit und Kühle wären möglich.) Wäre der Virus nicht mehr der Feind, dann bräuchte man auch die Impf-Feinde nicht zu Feinden zu erklären. Die Probleme gehen in erster Linie von der Tatsache aus, dass es eine Pandemie zu bekämpfen gilt. Wenn man hingegen sagt, der Impfstoff bewirke, dass man sich um den Virus gar nicht mehr scheren muss – sobald die Impfkampagne total geworden ist, glaubt man, alles hinter sich zu haben –, unterschätzt man die Komplexität der Probleme, die in Zukunft noch bevorstehen können. Denn die Impfung in Frankreich ist eine Sache, die Impfung weltweit hingegen eine andere. Und solange nicht ein großer Prozentsatz der Bevölkerung dieses Planeten geimpft ist, muss durchaus damit gerechnet werden, dass uns der Covid weiterhin begleiten wird: mit neuen Varianten und der Notwendigkeit, die Impfstoffe entsprechend anzupassen.

Die Kriegsrhetorik behagt mir darum nicht, weil sie – sagen wir mal wie im August 1914 – eine totale Reinigung verspricht. Eine mit Schlägen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der Gedanke der „Reinigung“ Wirklichkeit werden wird, und vielleicht ist noch nicht einmal wünschenswert, dass es gelingen könnte.

Damit ist gar nicht gesagt, dass ich für die Impfgegner wäre, aber die Kriegsrhetorik ist, weil sie die Fronten verhärtet, etwas, was neue Gefahren schafft. Bürgerkrieg, Krieg – was steht uns noch bevor?

Martin Blachier veut la „guerre“ contre les anti-vaccins : „Notre ennemi, ce n’est plus le virus, c’est les anti-vax“ (msn.com)

Anne Peiter

Corona 280: Vor dem Amt

Ich erfahre heute morgen in den Nachrichten – habe ich mich zu sehr auf Corona fokussiert? wurde das im Überschwang der Pandemie an uns vorbeimanövriert –, dass ab dem 1. August jede und jeder dazu verpflichtet ist, bei der Beantragung eines Personalausweises Fingerabdrücke abzuliefern. Mein eigener Personalausweis läuft im August aus, ich hatte das Problem bislang vor mir her geschoben. Nun komme ich aber in Bewegung und spreche direkt an der Meldebehörde vor, in der Hoffnung, dass man da, so wie früher, einfach reinkommen kann, sich ins Wartezimmer setzt, und dann aufgerufen wird.

Aber ich komme gar nicht rein. Ein grimmig aussehender Security-Mann versperrt den gesamten Eingang: schmal, hart, durchtrainiert, kahlköpfig. Er fragt mich, ob ich einen Termin habe. Ich verneine und frage natürlich (eigentlich habe ich die Hoffnung schon aufgegeben), ob man den nicht gleich rein könnte, „so wie früher“. Was ich den mit „früher“ meine, für ihn sei früher so „vor einem Jahr“, und seitdem gelte, dass niemand ohne Termin da reinkomme.

Natürlich weiß er irgendwie, dass es da noch ein anderes Früher gab. Ein Früher, in dem die Meldebehörde, die ja ein Teil des „Bürgeramtes“ ist , tatsächlich den Bürgerinnen und Bürgern offenstand und und man sich, etwas mehr oder etwas weniger Wartezeit einkalkulierend, dort einfinden konnte. Sie waren für einen da, man kam, wenn man etwas wollte und bekam dann etwas: ohne weiteren Aufwand. Er aber, der ja in keiner Weise damit beauftragt ist, sich mit der Behörde, vor der er Posten gefasst hat, zu identifizieren, sondern lediglich, den Besucherinnen und Besucher den unreglementierten Eintritt zu verwehren, wehrt sich gegen dieses Früher, wehrt sich gegen die Vorstellung, dass die Menschen einfach so Zugang haben sollen zu einer Behörde, die letztlich für sie da sein soll nicht umgekehrt. Er scheint aber genau diese umgekehrte Vorstellung zu haben: dass nämlich die Behörde ein Teil, ein Wurmfortsatz der Macht ist und das es seine Aufgabe als Wurmfortsatz des Wurmfortsatzes eben ist, den Bürgerinnen und Bürgern zu zeigen, was Macht bedeutet: Dass man nicht einfach reinkommt, vor ihm stramm zu stehen hat, sich einen Termin geben lassen muss.

Meine Befürchtung ist, dass sich diese Tendenz durch Corona so verstärkt haben könnte, dass wir nicht vorsätzlich, wie der Security-Mann, sondern tatsächlich und in Wirklichkeit vergessen, wie es vorher war, ‚in jener Zeit, die längst vergangen ist‘, in der der Staat den Bürgern dienen sollte und nicht andersherum. Mein Verdacht ist: Das wird nicht wieder kommen. Wir haben einen weiteren Schritt auf dem Weg der Entdemokratisierung der Gesellschaft getan.

Ach ja: Ich war dann online. Termine gibts erst wieder im August. Es ist zu spät. Der Grund meines Besuchs und die Art und Weise, in der ich vor dem Amt abgewiesen wurde, verhalten sich zueinander wie Frucht und Schale.

Wolfram Ette

Corona 279: Über den zaghaften Beginn von Ähnlichkeiten

„Nous sommes au départ de quelque chose qui ressemble à une vague épidémique“ („Wir stehen vor etwas, was dem Beginn einer epidemischen Welle ähnelt“), sagt der französische Gesundheitsminister, nicht ohne hinzuzufügen, das habe mit der Delta-Variante zu tun, un „ennemi nouveau parce que beaucoup plus contagieux“ („neuer Feind, weil diese Variante viel ansteckender ist“).

Ich fasse diesen bündigen Satz auf unbündige Weise zusammen: Die Welle kommt, aber noch ist sie keine, sondern ähnelt ihr nur. Und auch die Ähnlichkeit ist sehr begrenzt, denn es geht ja nur um den Beginn einer Ähnlichkeit, und so richtig ist noch gar nicht erkennbar, was da kommt: Das Ähnliche beginnt dem Ähnlichen nur zu ähneln, verharrt also in einem bestimmten Stadium von Unbestimmtheit, ist sozusagen noch auf dem Weg zu ihrer Bestimmung. Ist die Welle dann aber überhaupt eine Welle? Oder kann sie’s werden? Der Minister wagt’s nicht recht zu sagen, denn wenn er gleich mit der Tür ins Haus fiele und sagte, dass wir der reinsten Wiederholung unterliegen – jetzt ist’s bereits das vierte Mal – , könnte man ihm natürlich umgekehrt die Frage stellen, warum er die sprachliche Benennung der Widerkehr denn noch immer nicht im Griff habe. Er muss also sagen, es sei ganz neu, gerade weil’s so alt und altbekannt ist. Er muss Ähnlichkeiten beschwören oder, besser noch, ihre leisen Ansätze, den Beginn von Beginnendem, um diesen zu negieren; er muss betonen, wir stünden erst am Anfang, damit man versteht: Schlimm ist’s bisher wirklich nicht.

Die Neuheit von Delta wird nun aber ihrerseits damit begründet, sie sei ansteckender, doch das ist ja eigentlich auch nichts Neues, denn in Großbritannien hat man ja schon eine gute Weile beobachten können, was bei hohen Ansteckungsrate passiert, nämlich: wieder nix Neues, sondern nur das Gleiche (oder Ähnliches), nur noch mal anders. Alpha, Delta, Beta, es ist, wenn wir ehrlich sein wollen, völlig schnurz.

In Wirklichkeit geht es nämlich gar nicht um die Frage, ob sich jetzt in Frankreich eine Welle neuer Ansteckungen vorbeite oder nicht – es ist längst klar, dass sie kommt, und wissen tut man das, wenn man’s wissen will, schon seit Monaten –, sondern vorbereitet wird eine Welle neuer Sprachformen. Zu diesen gehört die Idee, es handle sich nur um Ähnlichkeiten, Analogien, bzw., genauer: Anfänge, Ansätze von Analogien. Das heißt: Man drückt sich davor, dass wir über das Stadium von Ähnlichkeiten längst hinaus sind. Immer das Gleiche, immer das Gleiche. Man glaubt sich am Beginn. Man will glauben machen, die Welle sei noch nicht da. Man geht pädagogisch vor. Man spricht, als dürfe man Realitäten erst dann benennen, wenn sie hart und handgreiflich geworden sind. Dabei sind sie das ja schon. Aber sprachlich ist nicht viel davon zu spüren. Sprachlich ist immer nur klar, dass man’s sich selbst und der Bevölkerung nicht gern deutlich sagt. Man beschwört herumdrucksend die Anfänge, stets von Neuem, weil man denen nicht wehren muss.

„Ennemi plus contagieux“… Olivier Véran alerte sur une „nouvelle vague épidémique“ (msn.com)

Anne Peiter

Corona 278: Beobachtungen über die Zeit

Zur Zukunftslosigkeit des Tourismus

Portugal und Spanien hatten sich vorbereitet auf die Saison: Durch die Aufhebung von Einschränkungen versuchten beide Länder, künftige Reisenden an sich zu ziehen, sie zum Reservieren zu veranlassen, das eigene Land als attraktiv erscheinen zu lassen, Zukunft zu öffnen. Jetzt setzt die Saison, d.h. die Zukunft ein, doch die Lockerungen haben dazu beigetragen, dass Nachbarländer von Reisen nach Spanien und Portugal dringend abraten: Die Delta-Variante breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus, Reisen in die beiden Länder mit ihren weit geöffneten Armen werden erneut zu einem Risiko. Das bedeutet, dass das, was Attraktivität hatte herstellen sollen, zur fehlenden Attraktivität geführt hat. Was als Werbung gedacht gewesen war, ist zur Anti-Werbung geworden. Was als frühzeitiges, positives Signal Richtung Kunde dahergekommen war, schlägt genau in dem Moment gegen die Anbieter zurück, in dem das Reisen im grossen Stil beginnen soll. Die Zukunft, die man vorbereitet zu haben glaubte, schliesst sich, sobald sie eintritt.

Dahinter stehen nicht nur ökonomische Zwänge. Portugal und Spanien meinten zwar, mit ihrer Politik der Lockerung den Tourismussektor zu stärken, doch in Wirklichkeit erweist sich, dass man nicht in mittelfristiger Perspektive auf den eigenen Vorteil zu sehen verstand. Es existiert eine Fixierung auf den kurzfristigen Gewinn, und der löscht sich, gesamtökonomisch betrachtet, selbst aus. Selbstzerstörerische Kräfte werden sichtbar, und es ergibt sich der Eindruck, dass diese mit der Unfähigkeit zusammenhängen, Zukunft zu antizipieren. Sobald sich sanitär ein bestimmtes Maß an Stabilisierung ergibt, glaubt man sich aus dem Schneider, meint, jetzt werde es so bleiben, eine Rückkehr der Risiken sei nicht möglich. Und weil man so denkt, kehren die Risiken natürlich mit aller Macht zurück.

Perfide daran ist, dass die Reservierungen, die die Touristen in spe vornehmen, eine Seite der Medaille sind, die Frage, ob sie dann wirklich kommen, eine andere. Aber da Touristen der gleichen Unfähigkeit unterliegen, Zukunft zu antizipieren, wie die sonstigen ökonomischen Akteure auch, ist damit zu rechnen, dass die Reservierungen im großen Stil in ein tatsächliches Reisen umgesetzt werden werden, d.h. dass die Mehrheit, jetzt, kurz bevor es losgehen soll, wirklich reisen wird. Die Warnungen der eigenen Regierungen werden abgetan werden als Störfaktor, der einem die Vorfreude auf die Reise verderben will. Damit weitet sich das Verschließen der Augen, das den Tourismussektor Spaniens und Portugals bezüglich möglicher Zukünfte kennzeichnete, auf die Touristen selbst aus. Anbieter und Kunden sehen sich vereint in schönster, zukunftsloser Harmonie.

Anne Peiter

Impfschwänzer/innen

An ein Phänomen wie die so genannten »Impfschwänzer«, das jetzt die Runde macht, sollte man nicht moralisch, sondern analytisch herangehen. Das Phänomen sagt etwas aus. Es gibt Auskunft darüber, wie real die Pandemie für die Menschen überhaupt ist, also wie weit sie sich unabhängig von der ständigen Beschallung durch die Medien überhaupt diese Krankheit vorstellen können. Und mein Eindruck ist: Sie können das nicht oder nur in kleinen Ansätzen. Die Krankheit ist »fort«, sie ist »besiegt«. Was die Zukunft bringen wird, liegt jenseits der Vorstellung.

Es ist die Frage ob das jemals anders war. Aber ich denke doch sehr viel über das Erwachsenwerden nach, das für mich gleichbedeutend mit der Fähigkeit ist, Zeit zu synthetisieren, d.h. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit in großen,. den Augenblick übergreifenden Bögen miteinander zu verbinden und zu vermitteln. Ich habe den Eindruck, das – bedingt durch eine Wirtschafts- und Gesellschaftordnung, von der immer unabweisbarer wird dass sie auf nichts anderes als auf Selbstzerstörung eingerichtet ist, diese Fähigkeit sowohl geschichtlich als auch biographisch mit rasender Geschwindigkeit verkümmert. Es gibt keine Zukunft mehr. Sie muss verdrängt werden, weil der Gedanke an sie, wenn man sich das wirklich ausmalt, was uns erwarten könnte, nicht auszuhalten ist. Und es gibt keine Vergangenheit, weil nur aus der Vergangenheit, in Identität und Differenz mit der Gegenwart, in der wir leben also durch eine konstruktive Erinnerung, die uns aus ihr herleitet, ohne uns mit ihr gleichzusetzen, überhaupt das Instrumentarium uns zuwächst, mit den Problemen unserer Gegenwart umzugehen. Demjenigen, der aus der Vergangenheit nichts lernt, verschließt sich die Zukunft, und nur derjenige hat eine Zukunft, der mit aller Erfahrung, mit der die Vergangenheit ihn ausgestattet hat, in dieser Zukunft hineinzugehen.

Angesichts dessen scheint mir die zeitliche Horizontverengung unserer Tage erschütternd zu sein, und so ist das Impfschwänzertum wohl weder eine Kuriosität – das i-Tüpfelchen in einer ansonsten ohnehin schon kuriosen Zeit –, es ist aber auch nicht etwas, das die Menschen immer und zu allen Zeiten gemacht haben sondern ein überaus signifikantes Datum. Die Impfschwänzerinnen und Impfschwänzer schwänzen die Geschichte, sie schwänzen das bisschen Verantwortung, das in der Pandemie auf ihnen lastet. Sie haben keine Meinung, nicht mal die von der Gefährlichkeit oder Überflüssigkeit des Impfens. Sie sind einfach nur fantasielos und bequem, und damit ein typisches Produkt der gegenwärtigen Gesellschaft.

Wolfram Ette

Corona 277: Aus den Notizbüchern

Der Schrecken des Posaunentons

Wenn man den Nutzen der Impfung auch dann haben kann, wenn andere sich impfen lassen und man selbst nicht, kann es leicht zu der Gratismentalität kommen, die auch in der folgenden Anekdote erzählt wird : Ein Posaunenspieler hat abends was vor, will an dem Konzert, an dem er spielen soll, nicht teilnehmen. Er schickt also einen Freund, der des Posaunenspiels gar nicht mächtig ist, empfiehlt diesem, so zu tun, als ob er spiele – sein Nebenmann werde die Sache schon machen. Im Moment des Konzerts erklingt aber kein einziger Ton, denn der Neben- hat auch einen Ersatzmann geschickt, und so tun also in totaler Stille beide, als spielten sie. Das heisst: Sie tun so, als wäre das, was sie tun, ein Spiel. Was es (wenn man wieder an’s Impfen denkt) nicht ist, denn auch da verstummt man, wenn allein auf Ersatz gesetzt wird.

Anne Peiter

Maske und Filter

Die FFP2-Maske hat sich weitgehend durchgesetzt. Vorbei ist es mit den Stoffmasken, selbst geschneidert oder vorgefertigte, die von einem Gestaltungswillen zeugten; vorbei auch – weitgehend – mit den OP-Masken, man sieht sie gelegentlich noch, und für einen Moment stellen sich Assoziationen ein, die den Alltag eines Supermarktes mit dem Alltag eines medizinischen Hochleistungsbetriebs verbinden. Überall jetzt diese Masken, die eigens für Corona geschaffen zu sein scheinen, diese verstärkten, bebänderten Kaffeefilter aus jener Zeit, die längst vergangen ist, als die Melitta-Filter noch weiß waren und nicht, in einem Pseudo-Zugeständnis an die Ökologie, in Wahrheit aber als Mimikry an die Farbe des Kaffees, der durch zu viel weiß verschreckt werden könnte, braun eingefärbt wurden. Überall jetzt also diese weißen, beschrifteten Schnauzen, diese verkürzten Rüssel wie aus dem Kinderbuch ‚Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam‚, der Teile unseres mimischen Ausdrucksvermögens abklemmt, die Ohren abstehen lässt, und wenig mehr als die Augen und ein flaches Stirnrunzeln übrig lässt. In schneller Folge setzen wir sie auf und wieder ab, es ist ein einziges Hin und Her, je nachdem, ob wir – in einem Restaurant zum Beispiel – an einem Tisch sitzen oder zum Klo gehen. In dieser Verfassung segeln wir durch den Sommer, von dem wir nicht wissen, ob er das Ende, oder wenigstens den Anfang vom Ende bedeutet, oder ob er nicht nicht einfach dasselbe ist wie im letzten Jahr, nämlich Ferien von der Epidemie.

Wolfram Ette

Organisation

les compagnies funéraires
de plus en plus
organisent de fastueux cortèges
parfois avec limousines

c’est leur âge d’or

près des tombes
elles plantent de grandes tentes
à leurs couleurs
jouent de la musique
qui couvre les chants des voisins

il y a du wi-fi pour les retransmissions en direct

leurs longues bannières claquent dans le vent
comme à l’entrée de concessions automobiles
on retrouve les publicités des organisateurs partout
jusque sur les plaques tombales temporaires

*

bestattungsunternehmen
organisieren immer mehr
prächtige prozessionen
mit limousinen manchmal

Es ist ihr goldenes zeitalter

in der nähe der gräber
bauen sie große zelte auf
in firmenfarben
sie spielen musik
die den geschmack
der nachbarn trifft

wlan für live-übertragungen

ihre langen banner flattern im wind
wie am eingang zu autohäusern
überall finden sich die anzeigen der organisatoren
auch auf den provisorischen gräbern

Umbruch: Anne Peiter
Übersetzung: Wolfram Ette

https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/07/04/l-afrique-du-sud-en-pleine-crise-de-confiance-face-a-une-troisieme-vague-de-covid-19-d-une-ampleur-inedite_6086978_3212.html

Corona 276: Weihnachtsoratorium

1

Bachs Weihnachtsoratorium findet in diesem Jahr kurz vor der Sommersonnenwende statt. Und es wird an einem einzigen Abend aufgeführt. Die Zeit von der Geburt des Erlösers bis zur Flucht der drei Weisen vor Herodes, um den Heiland zu schützen: , diese Tage, die so ereignisreich sind wie es die ersten Tage mit einem Neugeborenen immer sind, und wohl auch noch etwas ereignisreicher, sie werden zum nunc stans, zum zeitlosen Augenblick eines singulären Konzertereignisses konzentriert. DIE GUTE NACHRICHT als Brühwürfel. Das symbolisiert das Ende der Pandemie, auf das unsere Hoffnung sich richtet.

Gleichwohl ist die Pandemie immerfort im Raum. Das heißt, sie organisiert ihn, macht ihn auf fremde Weise schön. Die Thomaner singen nicht, wie sonst üblich, von der Orgelempore; unter Wahrung des Mindestabstands sind sie unter der Vierung und in den weit nach hinten ausfluchtenden Altarraum verteilt. Zwischen den Abteilungen des Chores das kleine Ensemble für Alte Musik aus Berlin; der Thomaskantor, die Solisten. Der Klang ist deshalb wenig kompakt, unscharf, weil er an so weit auseinander liegenden Orten des Raums erzeugt wird.

Der Thomaskantor versucht dem entgegenzuwirken, er dirigiert zackig und leicht verkrampft. Eher müsste man, so denke ich, mit der Diffusion gehen. Der Charakter von Bachs Vokalmusik ist fließend. Die Härte des Taktakzentes, die manche weltlichen Werke charakterisiert, spielt hier keine Rolle. Die Verflechtung der Stimmen verleihen ihm etwas unverbindlich Schwebendes. Das aber verschwindet durchs angestrengte Bemühen des Dirigenten.

2

Das Weihnachtsoratorium ist nicht so komplex wie die Passionen. Es ist kein Werk aus einem Guss, sondern eine Serie von sechs aneinandergehängten Kantaten. Und ist die Struktur der Passionen episch-dramatisch, so ist das Oratorium episch. Das will sagen: es gibt keine Handelnde, wörtliche Reden kommen zwar vor, sie sind aber rar. Der Chor, der in den beiden Passionen als ein zentraler Akteur auftritt, dem Bach mit die komplexeste Musik dieser Werke gewidmet hat, erscheint hier nur als kommentierender Betrachter der Szene. Nicht bloss der Aufbau, sondern das ‚Sein‘ des Weihnachtsoratoriums ist nicht so tief in sich gefaltet und verschränkt wie das der Passionen, die vielleicht, was das Verhältnis von Musik und Welt anlangt, das vielschichtigste sind, das Bach je komponiert hat.

Aber trotz dieses prinzipiellen Unterschieds sind etliche Elemente der theologischen Klanginstallation, die Bach in Szene setzt, dieselben: die Chöre, die das Werk rahmen, Choräle, Rezitative und Arien. Sie alle nehmen eine andere Haltung zum Bericht der biblischen Vorlage ein.

3

Die Rezitative wählen die Knotenpunkte des Heilsberichts aus, die sie akzentuieren, rhythmisieren, dramatisieren. Sie bringen die Syntax der heiligen Sprache mit der musikalischen Syntax zusammen. Das Wort wird vergegenwärtigt, aber nicht nur im Wort, sondern in der gesteigerten Gegenwart des Gesangs. Es wird einer anderen Logik der Fortschreitung unterworfen als der sprachlichen. Eine Präposition eröffnet einen Zukunftshorizont wie ein verminderter Septakkord, ein Trugschluss lässt sich irgendwie einem eingeschobenem Nebensatz vergleichen, aber eben nur irgendwie. Ein Erzähler, der singt, ist nicht dasselbe wie einer, der spricht. Das Wort wird hier in anderer Weise Fleisch.

4

Die Arien sind der Schauplatz subjektiver Reflexion. Was die oder der Einzelne denkt oder fühlt angesichts des Kreatur gewordenen Gottes, wird in die ausschweifende Rhetorik der barocken Lyrik und die vielleicht noch ausschweifenderen Faktur mehrstimmiger musikalischer Verläufe übersetzt. Selbst die Soloarien sind in aller Regel wenigstens zweistimmig gebaut. Sologesang und Soloinstrument ergänzen und umspielen einander; oder anders: sie ergänzen und umspielen in Kontrafaktur den Grundgedanken – zum Beispiel die Überblendung von Natalität und Passion; Freude und Trauer darüber, dass der Himmelssohn geboren und einen heilsgeschichtlichen Augenblick später ans Kreuz genagelt werden wird; Trost angesichts dessen, dass beides zusammen eben die Botschaft der Erlösung darstellt. In den Duetten und Terzetten, im Zwiegespräch mit dem Chor oder einzelnen Choristen wird die Komplexität der solcher Reflexionsfiguren des Affekts noch gesteigert.

5

Die Choräle sind die dritte Seinsschicht des Werkes. Es sind nicht die Einzelnen, es ist die kollektive Stimme der lutherischen Gemeinde, die hier das Wort hat. Über sie sind die Oratorien und Passionen am ehesten mit einem liturgischen Kontext verbunden. Die Stimme der Vielen, der vielen Einzelnen und die des Kollektivs: sie verschränken sich ineinander und werden ununterscheidbar. Der HARMONISCHE KONTRAPUNKT hat in dieser Differenzeinheit von Individuum und Kollektiv sein ideelles Zentrum. Die polyphone Satztechnik der Choräle ist der kompositorische Mittelpunkt, von dem aus alle Vermittlungsgestalten der ‚Horizontalen‘ und der ‚Vertikalen‘ organisiert werden, für deren Vielfalt Bach berühmt ist. Sie sind, wie oft gesagt wird, die tragenden Säulen dieses Gebäudes. durch sie aber die Idee der Gemeinde als Synthese des Individuellen und des Kollektiven. Und das heißt wiederum: als Instanz einer objektiven Reflexion, die ihren Standpunkt außerhalb der Zeit hat. Die empfindsam reflektierenden Subjekte der Arien sind Menschen des 18. Jahrhunderts. Die Gemeinde, die in den Chorälen zu Wort kommt, steht außerhalb der Zeit, so wie das Luthertum, das sich in ihnen ausspricht, keine bestimmte historische Erscheinung des Christentums ist, sondern für den gläubigen Protestanten in die Tiefe der ursprünglichen Offenbarung zurückreicht.

6

Der abgemagerte Thomaskantor, von einer Krankheit gezeichnet, von der in der Stadt gemunkelt wird, von der man aber nichts genaues weiß, dirigierte auch die Choräle angestrengt und eilig. Die Fermaten an den Vers-Schlüssen, an denen die Musik Atem holt und der Klang sich verströmt, wurden fast durchweg ignoriert. Sie gehören aber zur Zeitlichkeit der Choräle: zu einer zeitlosen Zeitlichkeit, wenn man das so sagen kann: einer Zeit, die ins Zeitlose sich bewegt. Die Arien sind rastlos, die Bewegung der Seele immer unruhig, fast stürmisch. Die Choräle sind gemessen, und an den Stellen, an denen die Fermaten gesetzt sind, halten sie inne. Das ist wie ein Ausatmen. Die Musik hört nicht auf, wohl aber der Taktschlag, und die Musik bleibt stehen. Dieses Stehenbleiben ist ihr metaphysischer Moment. und um dieses Moment wurde das Weihnachtsoratorium gebracht.

Es erscheint damit noch weltlicher als es ohnehin schon ist. Bach hat die Kantaten ja sehr weitgehend im sogenannten Parodieverfahren produziert Das heißt, er hat bereits komponierten weltlichen Kantaten einen religiösen Text unterlegt und die Musik diskret angepasst. Nun stehen sich, gerade bei Bach, Weltliches und Religiöses, nicht einfach als Gegensätze gegenüber. Das Parodieverfahren ist nicht bloß Resultat einer ökonomischen Schnittmengenverwertung, sondern auch Demonstration ihrer Existenz – siehe etwa den Schlusschor der Epiphanias-Kantate, in seiner Verbindung von Lully und Luther.

7

Aber böse gesagt: Es blieb nur Lully übrig. Das bezeichnet das Problem, aber auch die Aktualität dieser Aufführung in Zeiten abnehmender Inzidenzen und zunehmender Hoffnung aus. Es dekorierte diese durch den Gewaltakt einer Festlichkeit, die in ihren allerschwächsten Momenten an die Darbietung eines Schützenvereins erinnerte und das fatale Wort Tambourmajor aufrief. Von der Religion übernahm das allenfalls den Gestus, nicht aber den Gehalt. Dieser Gehalt ist die Introspektion im Jubel der Guten Hoffnung, technisch dargestellt durch langsame Tempi, mögliche Durchhörbarkeit, Aushalten der Fermaten, Insistenz des reinen Klangs, der bei sich ankommt und nicht weiterwill, weil das, was ist, je und je schon genug ist. Das hätten wir jetzt gebraucht. Jetzt, da alle sich auf die Zukunft freuen, mehr denn je. Denn wir wissen nicht, wie die Zukunft wird. Wir können wieder eintreten ins Jammertal der Epidemie, von der ich nicht sicher bin, dass wir es verlassen haben.

Wolfram Ette

Corona 275: Bilder von Indien

Delta

Die alphabetische Nomenklatur soll neutralisieren, d.h. vor allem die Nationen, in denen eine bestimmte Variante des Covid-Virus aufgetreten ist, vor Abwertung schützen. Das ist edel gedacht, wird aber schwerlich funktionieren. Denn gerade das griechische Alphabet steckt voller Bilder und Assoziationen, weit mehr jedenfalls als das lateinische. Bei »Alpha« denkt man an Alpha und Omega, vielleicht an den Film »Alphaville«, oder an die sprichwörtlich gewordenen Alphamännchen; bei »Gamma« vielleicht an die extrem harte Gammastrahlung, die beim radioaktiven Zerfall frei wird; ein »My« ist in den Sprachgebrauch eingewandert und meint etwas sehr kleines, und wenn man dann noch die »Kleine My« aus den Mumintal-Geschichten von Tove Jansson hinzunimmt, verbindet es sich mit der Vorstellung einer rabiaten Widerspenstigkeit und Unerziehbarkeit in jeglicher Hinsicht; und von »Pi« haben wir jedenfalls so viel behalten, dass sich diese »transzendente« Zahl nicht fassen lässt, weil ihre unendlich vielen Nachkommaziffern vollkommen irregulär aufeinander folgen; an keiner Stelle des Zahlenstrahls könnte man mit einem unendlich scharf gespitzten Bleistift hineinstechen und sagen: »Da haben wir Pi!« Und so weiter: Jeder und jedem fällt wahrscheinlich etwas Anderes ein und zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen dürfte es auch noch so einige Differenzen geben.

Das »Delta« nun erregt in mir zwei Assoziationen. Einmal als ältere Schreibweise des Differenzialquotienten, der uns das Problem des unendlich Kleinen näher bringt. Ich erinnere mich daran, wie ich als Schüler immer wieder gegen die Wand dieser ungeheuerlichen Abstraktion lief: Wie kann ein Verhältnis zweier unendlich kleiner Größen sich trotzdem zahlenmäßig bestimmen lassen; also wie kann man Δy / Δx errechnen, wenn Zähler und Nenner dieses Bruches gegen Null gehen? Irgendwann kapierte ich es. Aber vielleicht habe ich mich auch nur an die Unkapierbarkeit eines solchen »reinen Verhältnisses« gewöhnt, das Hegel so sehr entzückte, dass er der Differentialrechnung viele Seiten seiner »Logik« widmete.

Die Delta-Variante also ist mit der Vorstellung gepaart, dass zwei zwar nicht unendlich kleine, aber doch schon ziemlich kleine Größen – nennen wir sie »Virus« und »Zelle« – in ein hochwirksames und überaus folgenreiches Verhältnis eintreten – nennen wir es »Infektion«: das finde ich gut, es ist total unwissenschaftlich, passt aber doch wirklich ganz ausgezeichnet.

Die andere Assoziation kommt aus einer vollkommen anderen Richtung. In den Science-Fiction-Romanen meiner Kindheit, unter denen mir vor allem die silbrigen Perry-Rhodan-Bücher in Erinnerung geblieben sind, war immer mal wieder von den »Deltaflüglern« die Rede. Keine Ahnung, ehrlich gesagt, was das sein sollte, aber ich verband damit jedenfalls die Vorstellung von ungeheurer Schnittigkeit und äußerster Schnelle. Und auch dies kommt mir zupass; denn die Geschwindigkeit, mit der sich »Delta«, also die, huch, »indische« Variante im Land der ja doch schon relativ gut geimpften, ehemaligen Kolonialherren durchsetzt, finde ich schon beachtlich, ja fast bewundernswert.

Doch ob durch solche Assoziationen etwas gewonnen ist, möchte ich bezweifeln. Das unkontrollierte Wuchern der Metaphern und Vergleiche macht es viel mehr schwerer, der Pandemie nüchtern zu begegnen. Eigentlich gebe ich der Kombination aus Herkunftsland und den Buchstaben Zahlenkombinationen, die nur für Eingeweihte ganz verständlich sind, weil sie die Stelle verraten, an der das Virus mutiert ist, den Vorzug. Denn sie ist vor allem anderen: bildärmer.

Wolfram Ette

Neue U-Boote

Alles kehrt wieder. Das U-Boot zum Beispiel hatten wir schon mal, aber in anderem Kontext. (Wie gut ist’s doch, die Dinge aufzuschreiben. Wenistens erinnert man sich und erlebt die Wiederholung ganz bewusst.) Es kehrt das Boot in indischer Bauart wieder. Eine französische Zeitung, die von der Gefahr der entsprechenden, um sich greifenden Variante spricht, titelt »D’un variant sous-marin à une vague« (»Von einer U-Boot-Variante hin zu einer Welle«).

Man sieht das Boot regelrecht vor sich: Erst ist’s unter Wasser, geräuschlos, heimlich, dann streckt das Periskop seine Spitze aus dem Wasser (so beobachtet die Besatzung, was sich oben zuträgt), dann steigt’s und steigt’s, der eiserne Buckel des Riesenfahrzeugs zeichnet sich ab, als wär’s ein Wal, die Präsenz wird immer deutlicher, sichtbarer, schwerer, schwerer, das Prinzip der Verborgenheit schwindet und dann – – doch da ist’s schon zu spät: Die Welle rollt heran, die das U-Boot hervorgebracht hat, auf Flucht ist nicht zu hoffen, das Unheil ist da.

Und dann wird man wieder sagen, es sei dies alles nur die Schuld der Tatsache gewesen, dass man’s nicht hat wissen können. Rechtsgrundsatz: »Nichtwissen schützt vor Strafe nicht.«

Anne Peiter

Covid: si le variant indien s’impose en France, qu’est-ce que cela changera? (msn.com)

Corona 274: Gewalt gegen Frauen

Die Tatsache, dass sich der Innenminister mit dem Auftrag an die Präfekturen des Landes gewendet hat, sie mögen doch bitte untersuchen, wie es mit der, durch die Pandemie bedingten Gewalt gegen Frauen durch ihre Männer bzw. durch Männer überhaupt stehe, sollte nicht als Grund betrachtet werden, auf Änderungen in diesem Bereich zu hoffen. Ich glaube, nachweisen zu können, dass der Innenminister selbst nicht an die Möglichkeit glaubt, Frauen zu schützen. Er hat sich nämlich hingestellt und gesprochen, wie folgt:

„Depuis le début de l’année, nous assistons au développement de faits extrêmement violents – vraisemblablement liés aux conséquences de la crise sanitaire dont notre pays est en train de sortir.“ („Seit Beginn des Jahres wohnen wir der Entwicklung von extrem gewalttätigen Taten bei – wahrscheinlich in Verbindung mit den Konsequenzen der sanitären Krise stehend, die wir gerade hinter uns lassen.“)

Der entscheidende Beweis für meine These liegt im Hinweis auf die endende Krise. Wenn die Gewalt gegen Frauen durch die Pandemie zugenommen hat, besteht ja ein Wechselverhältnis zwischen beiden, und das gilt, so darf man annehmen, sowohl im Negativen, wie auch im Positiven: Je mehr sanitäre Krise, desto mehr Gewalt. Folglich gilt in Umkehrung: Je weniger sanitäre Krise, desto weniger Gewalt. Auch wenn die Präfekturen jetzt Untersuchungen anstellen sollen, wird implizit eigentlich schon gesagt, die Lösung komme von ganz allein, denn: Die Pandemie liegt ja peu à peu hinter uns, wir erleben das gerade (sagt der Innenminister).

Es ist also deutlich zu erkennen, dass er ganz zufrieden sein wird, wenn sich die Gewalt gegen Frauen wieder auf ihr Normalmaß eingependelt haben wird – denn davon geht er aus: dass einfach nur Quantitäten hin- und hergeschoben werden. Dass es also nicht denkbar ist, dass Männer, die in der Pandemie die Freuden der Gewalt ausprobieren konnten, auch nach der Pandemie noch Lust haben könnten – die Lust beibehalten könnten –, mit der Gewalt weiterzumachen. Verschüttet wird auch der Gedanke, dass das mit dem Normalmaß so eine Sache ist. Und – schlussendlich, als das Nächstliegende – ist natürlich allein schon der Optimismus, den der Innenminister bezüglich des Endes der Pandemie an den Tag legt, der beste Beweis dafür, dass er sich auch in anderen Bereichen – zum Beispiel bei den Frauen, zu denen er selbst nicht gehört – von keinen gar zu dunklen Gedanken heimsuchen lassen möchte. Zu vermuten steht, dass ihm das darum so wichtig ist, weil es von Seiten der Frauen massive Proteste gegen seine Ernennung zum Minister gegeben hat. Vorgeworfen worden war ihm ja, er habe sich sexuell an Frauen vergangen.

Das war aber vor der Krise. Aber geläutert hat sich der Minister wahrscheinlich gerade durch sie. Denn da ist er Minister geworden, und als solcher hat man einzutreten gegen die Gewalt, von der man vor allen Dingen versteht, dass sie endet, weil man ja, um seinen Posten zu behaupten, standfest behaupten muss, man habe mit ihr nie begonnen, wisse gar nicht, was da ist.

Anne Peiter

Augmentation des violences en 2021 : Gérald Darmanin y voit une conséquence de la crise sanitaire (msn.com)
L’affaire Gérald Darmanin | Mediapart

Corona 273: Klassenstandpunkt

Die Frau Saskia Esken ist nicht recht bei Trost. Ihr Vorwurf an den Gesundheitsminister, Herrn Jens Spahn, vorgebracht im Ton überschnappender Entrüstung am Tag nach einer verlorenen Landtagswahl, die als letzter „Stimmungstest“ vor einer verlorenen Bundestagswahl gilt –

„Wer Menschen in dieser Gesellschaft in zwei Klassen einteilt, die diejenigen, die das Anrecht haben auf korrekte Masken, und welche, die eben auch mit nicht ganz hundertprozentig wirksamen Masken abgespeist werden: der hat ein Menschenbild, das passt nicht in diese Regierung“

– tut ja glatt so, als würde das Menschenbild der SPD oder gar der ganzen Regierung keine Klassen kennen, und als wäre die Klientel der Behinderten, Obdachlosen und Sozialhilfeempfängerinnen genau diejenige, der schon vor der Maskenkrise ihre besondere klassenkämpferische Fürsorge gegolten hätte. Wer den Klassencharakter dieser Gesellschaft, zu dem die Partei, der Frau Esken angehört, in den letzten Jahrzehnten Substanzielles (manche sagen: Substanzielleres als die CDU) beigetragen hat, grell dadurch beleuchtet, dass er denjenigen, die vielleicht größere Sorgen haben als Masken, die nicht alle deutschen Tests bestanden haben, eben diese zur Verfügung stellt, der hat nicht bloß ein Menschenbild, das nicht in diese Regierung passt, sondern auch eines, das nicht zu der Frau Esken passt. Denn der Herr Spahn wollte ja nichts anderes als diese einigermaßen brauchbaren, aber nicht optimalen Masken an diejenigen verteilen, die, wie gesagt, andere Sorgen haben als das Zertifikat einer Maske, die sie sich nicht leisten konnten oder wollten. Zum Menschenbild der Frau Esken hätte es wohl besser gepasst, die inkriminierten Masken zu entsorgen und darauf zu bestehen, dass die Obdachlose, die vom Boden eine weggeworfene, aber sicherlich rundum geprüfte Maske aufliest, damit sie mit dieser Mischung aus altem Rotz und frischen Straßenstaub vor der Nase den Supermarkt betreten kann, um sich ein Bier zu kaufen, sich kein Bier, sondern eine neue, durch und durch sichere Maske kauft – vielleicht auch, um der Stimmen dieser von ihr so vortrefflich befürsorgten Klientel bei der kommenden Bundestagswahl so sicher zu sein, dass die Regierung mit der Partei, der die Frau Esken angehört, weitergeführt werden kann, vielleicht sogar mit der Frau Esken, deren Klassenbewusstsein sie ja trotz gelegentlicher, dem Bundestagswahlkampf geschuldeten Reibereien, dafür empfiehlt. Alles in Allem muss man sich freilich nicht darüber wundern, dass die Partei, der die Frau Esken angehört, in der Landtagswahl, die dieser Nullversion von Klassenkampf vorausging, in die Todeszone einstelliger Wahlergebnisse abgestiegen ist, in der es, wenn überhaupt um was, nur noch um den Klassenerhalt geht.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=932093

Wolfram Ette

Corona 272: Die Erinnerung

„L’erreur qu’on n’a pas le droit de faire c’est de ne pas se souvenir de celles qu’on a commises.“ („Der Fehler, den man auf keinen Fall machen darf, ist der, sich nicht an die zu erinnern, die man begangenen hat.“)

Es ist wirklich nicht zu glauben, aber es stimmt: Dieser Satz stammt von Macron, und er sagt ihn, einen Tag, bevor die Nation in die nächste Lockerungsrunde geht. Und er findet das natürlich so klasse wie wir alle (Restaurants wieder auf, Sperrstunde erst um 23 Uhr usw.), aber er mahnt, dass wir uns bitte des letzten Sommers erinnern sollen, wo das alles total in die Hose gegangen ist, wegen fehlender Erinnerung und so weiter.

Ich gehe vollkommen mit ihm d’accord. Es ist das Klügste, was ich seit langem von ihm gehört habe. Nein, klarer: Es ist das Klügste, was ich von ihm gehört habe. Gestaltung von Zukunft hängt zusammen mit der Frage, ob man weiß, was war, oder ob man’s nicht weiß. Im letzten Sommer wussten wir’s offenbar nicht. Oder doch: Ich bilde mir was darauf ein, dass ich’s persönlich sehr genau wusste. Aber Macron wusste es leider nicht und gehört hat er natürlich nicht. Jetzt weiss er’s aber. Nach einem Jahr beginnt er, die Bedeutung, die Erinnerungen in sanitärer Hinsicht haben, einzusehen. Das kommt zwar mit rund einem Jahr Verspätung, aber immerhin: Macron erinnert sich der begangenen Fehler. Beziehungsweise er erinnert die anderen daran, dass sie sich ihrer Fehler zu erinnern haben.

Und wenn er jetzt noch die Erinnerung hinzufügen würde, dass der begangene Fehler hauptsächlich der der Erinnerungslosigkeit gewesen ist, dass man also zu erinnern hat an den fehlenden Willen von einst, sich zu erinnern, ist man auf einem guten Wege, denn dann kann es wirklich sein, dass die Folgen des jetzt bevorstehenden Sommers nicht ganz die gleichen sein werden wie die des vergangenen, denn vielleicht erinnert Macron dann nicht nur die Bevölkerung (als Akkusativobjekt), sondern auch sich (Reflexivpronomen).

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/à-la-veille-d-une-nouvelle-phase-du-déconfinement-emmanuel-macron-appelle-à-rester-prudent/ar-AAKPfvE?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Frage

Oder wäre denkbar, dass auch der Appell an die Erinnerung letztlich nur das Mittel der Erinnerungslosigkeit ist? nach dem Motto: Ich habe es euch ja gesagt! Aber damit, dass ich es gesagt, und nur gesagt habe, ist auch genug gesagt, ich lege die Hände nun in den Schoß und überlasse die Epidemie weiter sich selbst bzw. den Forderungen der Wirtschaft!

Wir werden sehen. Wir werden es sehen, wenn die Zahlen wieder steigen; dann wird sich zeigen, ob die Erinnerung, die der französische Staatspräsident beschwört, eine rhetorische Übung war oder der Beginn eines anderen Umgangs mit der Epidemie. Ich teile A.P. raren Optimusmus in dem Sinne, dass man die zweite Möglichkeit nicht kategorisch ausschließen kann.

Wolfram Ette

Corona: pro domo

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

diejenigen von Ihnen (und Euch), die am versucht haben, die Vorstellung unseres Buchs am 22. Mai im Chemnitzer Komplex-Theater zu verfolgen, wurden enttäuscht, da nach einer Viertelstunde der Livestream zusammenbrach. Wir wissen nicht, woran es lag, fest steht aber: wohl nicht an uns – den lebendigen, redenden, argumentierenden, verkabelnden und verkabelten, in einem Theateraum und/und vor Rechnern sitzenden Menschen.

Nachdem der Stream gestoppt worden war, haben wir die Veranstaltung zuendegeführt, also gelesen und weiter diskutiert. Daraus haben Georg Spindler und Annett Schudeja von binario stern dann den folgenden Film in zwei Teilen zusammengeschnitten:


Es ist halt schade, dass wir nicht in größerer Gruppe diskutieren konnten, aber vielleicht werden die Möglichkeiten, die über die Online-Kommunikation zur Verfügung stehen, auch überschätzt. Bei mir hinterließ die Veranstaltung mit allem, was bei ihr misslang, aber auch mit dem, was gelang, eher so ein hohles Gefühl, das Bedürfnis nach mehr, also nach Medien von solch ungeheuerlicher Effizienz wie Raum und Zeit, und den Körpersubjekten, die sich darin miteinander verständigen. 

W.E.


Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch das Komplextheater in Chemnitz und dem Verein Taupunkt e.V. –

 

 

– wir haben hier vor allem Heda Bayer und Verena Russell zu danken; Förderung erfuhren wir von der Stadt Chemnitz und der Kulturstiftung des Landes Sachsen:

Corona 271: Gegenwartsgenüsse

Vergängnis

Jetzt kommt der Sommer. Und er wird toll, richtig toll. Sonne, Surfen, Schwimmen. Mit Karl Lauterbachs Segen. Mit Corona hat es ein Ende, die Testpflicht wird auch langsam eingestellt, und dies sogar, nachdem die Betrügereien der Testzentren öffentlich geworden sind, sogar mit moralischer Berechtigung. Es heißt aber bloß, dass die Epidemie unsichtbar wird und unter der Oberfläche dahinkriecht. Nach aller Erfahrung, die wir gesammelt haben, ist dieser Sommer gestundet, ein Atemholen, ein Kraftschöpfen, ein barockes Aufleuchten, bevor Herbst und Winter über uns zusammenschlagen, ein Moment, in dem, wie das schöne alte Wort lautet, wir Vergängnis besonders intensiv erfahren.

Nachlese zum Männertag

sie werden sich also treffen, auf der wiese, da wo früher die tierkörperbeseitigungsanlage war, na hinterm bahnhof, jetzt sind dort helle birken und und der helle fluss ist auch in der nähe. die menschen strömen dorthin wie sie jedes jahr dorthin strömen. mit rucksäcken, handwagen, manchmal sogar schubkarren, darin das gekühlte bier, das im lauf des tages, immer wärmer und schaler wird, aber egal, das macht nichts, hauptsache, es knallt, und der tag hat keinen anderen sinn als dass er knallt. die epidemie ist nicht schlimm genug, um uns davon abzuhalten, wo sind denn die toten und feiern ist ein lebensrecht. zumal dann, wenn die arbeit keinen spaß macht oder es keine arbeit gibt, keine, die keinen spaß macht, und erst recht keine, die spaß macht. man hat sich ja schon genügend einschränken müssen, immer diese anordnungen, die einem permanent das privatleben vermiesen. hatten wir alles schon mal, jetzt muss schluss sein. klar, wir haben uns arrangiert, man trifft sich wieder in den wohnungen, so wie früher, fehlt bloß noch, dass man die fenster abhängt. aber das ist halt nur die halbe miete, leute, jetzt ist es mai, eigentlich frühling, himmelfahrt, es wird warm, überall das grün der frischen pflanzen, schäfchenwolken am himmel endlos breit, da solls hingehen.

corona … ach. die regierung redet die ganze zeit davon, und ganz ehrlich, ist in den letzten jahrhunderten irgendwas wahr gewesen von dem, was die regierung sagt? keine größeren menschenansammlungen, blabla, es wird sie einfach geben. wollen doch mal sehen, was die polizei machen wird. die werden höchstens einschreiten, wenn es, wie immer, schlägereien geben wird, einzwei leute verhaften, aber so wars ja schon immer. die wissen ganz gut, dass sie uns das nicht nehmen können nach all der zeit, und das land ist groß, man kann sich schnell verziehen, wenn die anrücken, wir sind ja mehr. nein, männertag ist männertag. so wirds auch jetzt wieder sein, von corona lassen wir uns jedenfalls keine angst einjagen, auf keinen fall, und von der regierung schon gar nicht. ich mein, die zahlen sind bei uns eh so hoch, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an, mitgefangen mitgehangen, und sterben müssen wir alle mal. sollen wir etwa so lange warten, bis die zahlen sind wie anderswo? zahlen lügen nicht: dass ich nicht lache. sie lügen alle, sie lügen wie gedruckt, das robert-koch-institut lügt, die kliniken lügen, das pflegepersonal lügt, das ganze dann breitgetreten und ausposaunt von den medien, den ganzen fernsehstationen mit ihren fetten kameras und den frauen mit den kurzen haaren. die traun sich bestimmt nicht her heute. nicht, dass es bei uns keine frauen gäbe, wir sind ja nicht so, die ziehen mittlerweile gerne mit und am abend gehts hoch her. aber die nicht, ich mein die von der presse, die kommen nicht, der tag gehört uns.

was wollen die denn? wir müssen uns den ganzen tag zusammenreißen, auf arbeit gehen oder auch nicht, wenns keine gibt, und dann sollen wir auch noch zuhause bleiben und stramm stehen? ich meine, letztes jahr hab ich gar nicht daran geglaubt und gedacht, es wäre eine erfindung. nun ist doch von den nachbarn die oma gestorben, die war aber schon über siebzig, und der schwiegersohn hatte es auch, klagt jetzt über diese langzeitfolgen, long-covid, ständige müdigkeit und schwäche, herzschmerzen. aber obs stimmt? faul war der schon immer, ruht sich vielleicht auch bloß aus. also ich weiß nicht, die hängen das werweißwohin, gestorben wird ja immer und bei uns sowieso. das leben ist halt hart und man man kann das leben nicht verbieten. die kinder hocken zuhause, am handy oder am computer den ganzen tag, schule fällt aus, sie können sich nicht mal mit ihren freunden treffen, ist doch auch scheiße, hat da überhaupt mal jemand daran gedacht? nee, ob meiner wieder zu schule? keine ahnung, ich glaub ja nicht dran, dann ist das auch im eimer. ich mein, wir wollen nichts anderes als uns mal wieder sehen, draußen, schönes wetter, den ganzen tag bier, können sie uns nicht den einen verdammten tag lassen? weihnachten war schon nichts, ostern auch nicht, silvester: pfff. irgendwann reicht es, wir sind nicht im krieg und die bomben fliegen, aber auch da haben die leute gefeiert. wir feiern immer. wir sehen uns dann, na klar, donnerstags, wie immer, um zehn, frühstücksbier bei mir, und dann los, oder – wie hieß das? – herrengedeck!

So ein komisches Gefühl

In der Berichterstattung sind es meist die Anderen, denen dabei zugeschaut wird, wie sie in den Cafés sitzen, lautstark miteinander reden und Speicheltröpfchen austauschen. Die Journalistinnen und Journalisten schauen dabei zu, sie sind die Zeugen und berichten darüber. Das Einkaufen ist das höchste der Gefühle, und auch da geben sie freimütig zu, dass sie dabei „ein komisches Gefühl“ hätten, so ohne Tests und voller Menschen.

Es gibt offenbar eine Scham: ein Bewusstsein davon, dass das, was wir zuvor normal gefunden haben, die reinste Ballermann-Kultur im Kleinen ist. Es ist ein klein wenig lächerlich, jetzt die Cafés zu stürmen, sich in der Sonne zu fläzen und davon Bilder zu posten. Und weil man davon ausgehen kann, dass die Querdenker:innen nicht nur für ihre und unsere Freiheit gekämpft haben, sondern auch ihren „hedonistischen“ Bedürfnissen folgten, wenn sie demonstrieren gingen, fühlt man sich tendenziell vielleicht auch in diese Ecke gestellt, wenn man genießt, was im Moment zu genießen gerade möglich ist. Das „komische Gefühl“ verdankt sich nicht der Gewöhnung an Corona, sondern dem diffusen Eindruck, damit vielleicht nicht in der richtigen Gesellschaft angekommen zu sein.

Zur Beruhigung

Archaische, und wie immer, wenns archaisch wird, anthropomorphisierende Denkmuster werden wach. Kann man es sich leisten, jetzt optimistisch zu sein? Wird man das Virus dadurch nicht so verärgern, dass es einem im Herbst mit der nächsten Welle bestrafen wird? Sollten wir nicht eher versuchen, so wenig wie möglich zu empfinden, um nicht enttäuschbar zu sein, das heißt also: gewappnet gegen den nächsten Ansturm der Pandemie, welchen griechischen Buchstaben auch immer er tragen mag?

Aber keine Sorge. Sie können sich verhalten, wie sie wollen: Es wird das Virus nicht interessieren, und zwar nicht, weil es sich für Sie nicht interessieren würde, sondern weil der Begriff des Interesses selbst fehl am Platze ist. Es macht, es mutiert, es folgt seinen Zufallsgesetzlichkeiten, es mag sein, dass es dann einer bestimmten Stelle günstig oder ungünstig, je nach Perspektive mit der Biomasse Mensch zusammentrifft, oder das es ausbleibt. Sie können also rein auf sich selbst achten; wenn Sie das Gefühl haben, dass ihre Freude, essen zu gehen, Freunde zu treffen und auf der mittlerweile schon ikonisch gewordenen Caféhausterasse zu sitzen, und wenn Sie meinen, dass der herrliche Geschmack, der sich im Mund verbreitet, wenn Sie das Wort „Normalität“ aussprechen, ihnen im Nachhinein verbittert werden könnte, dann können Sie schon auf all das verzichten. Wenn Sie eher so der barocke Typ sind, der die Gegenwart inmitten der umlaufenden Vergängnis feiert, dann tun sie doch einfach dies.

Wolfram Ette

Corona 270: Die Alphabetisierung der Pandemie

I

Um die stigmatisierende und diskriminierende Wirkung zu vermeiden, die von geographischen Adjektiven wie »brasilianisch«, »südafrikanisch«, »britisch«, »indisch«, »nigerianisch« etc. ausgeht, doch ohne zugleich die Verwirrung fortzusetzen, für die die komplizierten Buchstaben- und Zahlenfolgen sorgen, die den wissenschaftlichen Bezeichnungen für die Varianten entsprechen, hat die Weltgesundheitsorganisation beschlossen, die Varianten von nun an mit griechischen Buchstaben zu bezeichnen, neutral gewissermassen. B.1.1.7, die »britische« Variante, wurde »Alpha« getauft, B.1.351, die »südafrikanische«, wird zu »Beta«, P.1, die »brasilianische«, zu »Gamma«.

Abzuwarten bleibt, ob die zwei Sprachregelungen, die vom heutigen Tag an in Konkurrenz zueinander treten, nebeneinander existieren werden, ob also die Spezialisten, die des Griechischen mächtig sind (und wenn nicht des Griechischen, so zumindest seines Alphabets), Alpha, Beta und Gamma sagen werden, und die Bevölkerung, gewöhnt an anderes, weiterhin die einstigen Adjektive. Oder verdrängt das Neue die alten Gewohnheiten?

Man habe vereinfachen wollen, wird argumentiert, ohne die Handhabe zu bieten für solche sprachspielerischen Verunglimpfungen wie des »Kung Flu«, anders genannt: der »China virus«.

Aber ist das Griechische einfach? Erst einmal ist es (auer für die Griechen) etwas Besonderes, etwas, was man in Ansätzen aus dem einstigen Mathematikunterricht kennt. Doch wird man bei den Varianten je bis zum Buchstaben Pi vordringen, das im Taschenrechner als Endloszahl auftrat? Gibt es, wenn es zu weiteren Varianten kommt, überhaupt genug Buchstaben im griechischen Alphabet? Oder wird man, wenn die Pandemie weitergehen sollte, irgendwann zu Kombinationen greifen müssen, weil alle Buchstaben ausgebucht sind?

Nur eines ist sicher: Der Gestus abstrakten Gebildet-Seins tritt an die Stelle ungeformter Raumvorstellungen. Man verleiht den Varianten einen kleinen Touch von Antike, geradezu etwas historisch Entrücktes. Man geht kaum fehl in der Annahme, wenn man sagt, dass Alpha, Beta, Gamma erst jetzt denkbar geworden sind, wo die reichsten Länder in der Hoffnung leben, das fremde Alphabet bald nicht mehr zu benötigen.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/l-oms-va-nommer-les-variants-du-covid-avec-des-lettres-grecques-pour-éviter-les-stigmatisations/ar-AAKAnGq?ocid=msedgntp

Anne Peiter

II

Alphabete haben die Eigenschaft, von Ideen der Chronologie unterspült zu sein. Alpha kommt vor Beta, Beta vor Gamma, Gamma vor Delta usw. Delta ist jetzt die »indische« Variante in ihrer ersten Spielart, und Kappa, wenn ich das recht verstehe, eine Abart von Delta, sozusagen eine Ableitung des vorherigen Buchstabens. Was macht man aber bloss, wenn Varianten zeitgleich auftreten? Bringt das die Erzählung, die man mit Hilfe des griechischen Alphabets schreiben will, nicht durcheinander?

Aber dann wird es eben um die Frage gehen, welcher Buchstabe zuerst gefunden wurde, und nicht darum, welcher wirklich zuerst kam. Man wird nehmen, wie es kommt, ordentlich, ordentlich, denn das ist, wie jeder mit Alphabeten Vertraute weiß, nicht nur das Alpha, sondern auch das Omega.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/l-oms-va-nommer-les-variants-du-covid-avec-des-lettres-grecques-pour-éviter-les-stigmatisations/ar-AAKAnGq?ocid=msedgntp

Anne Peiter

III

Die (griechische) Alphabetisierung des Coronavirus ist gegen seine Zuordnung zu bestimmten Ländern — eben den Ländern, in denen eine bestimmte Mutation zum ersten Mal aufgetreten ist — gerichtet; nationale Diskriminierungen sollen durch die neue Sprachregelung vermieden werden. Es bedeutet freilich einen Orientierungsverlust; wir, das heißt die Nicht-Expert:innen, die uns in dieser auf dem Kopf stehenden Welt zurechtzufinden versuchen, brauchen die Landkarte als Hilfsmittel; und auch aus der Perspektive der Epidemiologen ist es nicht gleichgültig, sondern absolut zentral, zu wissen, wo eine bestimmte Variante zum ersten Mal aufgetreten ist, wo und auf welchen Wegen sie sich verbreitet hat. Die Frage des Wo ist entscheidend, und man muss sich fragen, ob der Versuch sinnvoll ist, dieses Wo aus dem allgemeinen Bewusstsein zu entfernen. Etwas, das ohnehin schon mächtig abstrakt ist, wird dadurch noch abstrakter; etwas, dessen Leugnung durch die Abstraktheit seiner Repräsentation begünstigt wird, rückt all denen, von denen letztlich der Erfolg der Coronamaßnahmen abhängt, noch ferner als es das ohnehin schon tut. Länder, Nationen: es sind Ordnungskategorien, die natürlich auch Hierarchisierung ermöglichen, Nationalismen und nationale Diskriminierungen also. Die Frage ist, ob sie in der jetzigen Situation nicht verkraftbar sind angesichts des mit ihrer Abschaffung einhergehenden Orientierungsverlusts.

Das Alphabet setzt an diese Stelle freilich eine zweite Ordnung — die Ordnung einer Abfolge, die zwar im griechischen Alphabet genauso willkürlich ist wie in allen anderen; es ist ja nichts als der Baukasten, in den für jedes einzelne Wort hineingegriffen wird —, eine Abfolge, die sich konventionell so eingebürgert und festgefressen hat, dass sie als sinnvoll erscheint. B, beziehungsweise Beta, muss auf A, beziehungsweise Alpha, folgen, und dann kommt notwendigerweise C / Gamma: so hat man es gelernt, so kommt es wie von selbst aus dem Mund, eine letztlich vollkommen arbiträre Festlegung tritt uns mit der Selbstverständlichkeit einer Naturordnung vor Augen oder Ohren. Diese Suggestion verkehrt sich nun zur Ideologie, wenn sie benutzt wird, um Phänomene zu benennen und zu systematisieren, deren Abfolge auf purem Zufall beruht. Die genetischen Veränderungen des Coronavirus sind Zufall, und ob sie an einer bestimmten Stille günstige Vermehrungsbedingungen finden, eben auch. Was als nächstes drankommt und evolutionäre Karriere macht, beruht auf dem heiligen, darwinschen Begriffs=Diptychon von ‚Mutation‘ und ‚Selektion‘ — diese Folge zu alphabetisieren, ist eine hochbedenklicher Versuch, die Erscheinungen der Natur einer Ordnung zu unterwerfen, die nicht die ihre ist, und in dieser Weise ihre Beherrschbarkeit zu suggerieren.

Vielleicht haben wir schon Coronadämmerung; vielleicht ist die neue Nomenklatur nur das begriffliche Nachspiel eines langsam auslaufenden Phänomens. Vielleicht. Wenn aber nicht, wird dadurch wenig gewonnen und viel verloren sein. Sind die nationalen Adjektive wirklich ein größeres Problem als der Verlust eines Zugangs zur Erscheinungswelt dieser Pandemie, der für uns, die Ungelehrten, fassbar ist, weil wir uns in dem globalen Raum, der sie beschreibt, halbwegs auskennen? Nein, mein Vertrauen in die Alphabetisierung der Pandemie ist nicht groß.

Wolfram Ette

Corona 269: Impfgegner, und Impfgegnerinnen

Totenehrung

Ein Apotheker, der in dem verschwörungstheoretisch einschlägigen, äusserst einflussreichen Dokumentarfilm „Hold up“ gegen die Impfungen eingetreten ist, hat den Covid bekommen, wurde intubiert, lag eine Woche im Koma, ist als geheilt entlassen worden, erlag dann jedoch wenige Tage danach einem Herzschlag. Er gilt nicht als Opfer des Covid, obwohl die Schwächung seines Körpers den Tod zu erklären scheint. Festhaltenswert ist, dass die Familie großen Wert darauf legt, dass der Angehörige am Herzschlag gestorben ist, nicht am Covid. Man kann das verstehen.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/le-pharmacien-antivax-serge-rader-est-mort-après-une-hospitalisation-liée-au-covid/ar-AAKyPgd?ocid=msedgntp

Eine schöne Messe

Ich sitze auf dem Sofa, es ist Abend, aus dem Nachbarhaus höre ich die Messe, die die über neunzigjährige Nachbarin, sehr rüstig, ganz dem Gebet ergeben, ihr Kreuz stets auf der Brust, täglich zu hören pflegt. Sie war Krankenschwester, eine ihrer Töchter Krankenpflegerin. Doch die war erst in der Beauty-Branche tätig, bevor sie ins Krankenhaus zu den Kranken wechselte. Jetzt verbreitet sie in der gesamten Nachbarschaft die Information, dass geimpfte Krankenschwestern auf dem Festland massenhaft nach ihrer Injektion gestorben seien. Man lässt sich also bei den Nachbarn nicht impfen. Auch die Frau unseres Vermieters, gleich daneben, ist gegen die Impfungen, denn ihre Tochter, Mitte zwanzig, ist Kosmetikerin und arbeitet als Verkäuferin in einer Parfümerie. Man fühlt sich also beruflich verbunden. Krankenhaus, Schönheit, Katholizismus – alles ein und derselbe Duft. Und ich höre das Gesäusele des Messe-Gesangs und mag das plötzlich nicht mehr so gern. Vielleicht könnte man den Fernseher mal leiser stellen. Aber ich werde nichts sagen, morgen früh, wenn ich die alte Dame grüsse, denn sie trägt eh schon schwer an ihrem Kreuz.

Die Scheidung

Aufgabe für Soziolog:innen: Die sehr plausible und in meinem Umfeld stets von Neuem sich bestätigende These untersuchen, dass geschiedene Paare die Frage nach dem Impfen zu einer besonderen Domäne ihrer privaten Kämpfe ausbauen. Der eine will sich unbedingt impfen lassen? Dann will’s der andere garantiert nicht. Beide sind dafür? Dann aber der eine mit Pfizer und der andere mit Moderna. Auf die Idee, dass man Johnson&Johnson nehmen könnte – für jeden einen –, kommt man nicht. Das ist ein Impfstoff für glücklich Verheiratete.

Magnetismus

In den sozialen Medien geht das Gerücht um, mit dem Impfstoff würde etwas Magnetisches in den Körper gespritzt, denn wenn man an die Einstichstelle einen Magneten halte, dann klebe der am Arm fest. Wahrscheinlich, so vermutet ein Physikprofessor, der eigens befragt wurde, um die Sache richtigzustellen, hat die « Theorie » (wenn man sie denn als solche bezeichnen darf) mit der Vorstellung zu tun, dass Impfungen der Implantierung von Chips dienen. Die sind aber auch nicht magnetisch, so dass wir jetzt eigentlich eifrig die Geschichte des Magnetismus wieder aufrollen müssten, um zu erkunden, was jetzt schon wieder aus der historische Mottenkiste hervorgezaubert worden ist. Denn der Professor gibt sich redlich Mühe und ist natürlich mit all seinem Wissen restlos überzeugend – nur hat die Aufklärung ohnehin wenig Zweck, denn wichtiger als die physikalische Frage, wie Magneten funktionieren, ist wohl eher die soziologische Frage, wie ein bestimmtes, als « Wissen » ausgegebenes Zeug immer neue Menschen anzieht, bloss weil es anfänglich mal einen ersten angezogen hat.

Anne Peiter

Corona 268: Über die Irrelevanz der Universität

Wenn ich denn davon überzeugt wäre, dass der Bundesverband der deutschen Industrie, namens seines Präsidenten, Siegfried Russwurm, der sich gegen ein „Recht auf Home Office“ mit dem Argument ausspricht, dass sich viele „kreative Lösungen“ nur dann finden lassen, wenn man sich gemeinsam in einem physischen Raum aufhält, nicht nur seine eigenen Interessen, sondern möglicherweise auch die der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer artikuliert, die, wie ich an anderer Stelle lese, durchaus dafür sind, wieder mehr im Büro zu arbeiten, weil es den Tag strukturiert und ihnen zu mehr Konzentration bei der Arbeit verhilft; und wenn ich denn weiter den nun aus allen Richtungen herniederregnenden Medienmeldungen Glauben schenke, die davon sprechen, wie herrlich es sei, wieder in einem Café zu sitzen, Essen zu bestellen und gemeinsam über die Passanten auf der Straße zu lästern, ein Theater oder gar ein Fußballstadion zu besuchen; wenn ich außerdem geneigt bin, dem Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht zu folgen, der der Ansicht ist, dass eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit und des Dabeiseins eine körperliche Nähe der Anwesenden zur Voraussetzung hat — wenn ich mir das alles aus aus den Radioberichten der letzten Tage durch den Kopf gehen lasse, und mir zum guten Schluss noch das seit 15 Monaten anhaltende Lamento über die Situation an den Schulen, über „Lernrückstände“ und „Bildungsscheren“ vergegenwärtige, die ebenfalls der Tatsache geschuldet seien, das die Schülerinnen und Schüler in die Digitalität verbannt wurde (meine Tochter sieht in dieser Woche einige Mitschüler:innen zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder) —: dann kommt doch so leise=leise die Frage auf, warum es während der gesamten Pandemie bisher nicht gelungen ist, eine scharfe und wirksame Interessenvertretung der Studierenden zu formulieren, die eine Rückkehr zur Präsenzlehre in Aussicht stellen könnte. Sie spielen in der Coronapolitik keine Rolle, werden in den wissenschaftlichen Untersuchungen und Statistiken kaum berücksichtigt, abgesehen vom halblauten Nörgeleien der Studierendenvertretungen und der Wortmeldungen vereinzelter Hochschullehrer:innen: nichts, nichts, nichts. Proteste gibt es auch nicht —: wie will man sich denn organisieren, verstreut in den Einzelzimmern dieser Republik?

Geist ist sublimierter Trieb, wir alle kennen wohl dieses Phänomen, wenn er ein Gespräch erfasst und uns in Richtungen führt, von denen wir nichts wussten, einfach nichts wussten zuvor … Ob es sich um eine Stammtischdiskussion beim Bier handelt, ob wir in dem oben erwähnten Café bei Crêpes und Capuccino sitzen oder in einem Seminarraum, gemeinsam über einen Text gebeugt — egal, bei aller Verschiedenheit gibt es doch etwas Gemeinsames: dass nämlich aus den raschelnden Körperimpulsen in und zwischen uns sich etwas formiert und Wort findet, worauf wir alleine nicht gekommen wären und, ganz ehrlich, vor dem Bildschirm, auf dem die Fahndungsbilder zu Gleichem Verdammter vor sich hin flimmern, eben auch nicht.

Woher diese Indolenz gegenüber der Unhaltbarkeit solcher Zustände rührt —: ich kanns’s nicht sagen. Aber der Verdacht wächst, der sich schon in einer frühen Phase der Pandemie eingenistet hatte: dass es innerhalb der Hochschulen kein klares, kein vehement und eindeutig sich artikulierendes Interesse an der Präsenzlehre gibt. Es ist so ein Teils=teils, und damit lässt sich keine Politik machen. Für die Hochschulleitung und die Verwaltung ist es billiger und aufwandsärmer, wenn Uni fürderhin online stattfindet: vorbei das halbjährliche Geprügel mit den Dozent:innen um die richtigen Räume zur richtigen Zeit; einzelne zusätzlich angemieteten Liegenschaften ließen sich womöglich langfristig abstoßen; und überhaupt: auch an Obergrenzen der Studierendenzahlen wird man sich künftig nicht mehr halten müssen. Die Hochschullehrerinnen und -lehrer sind wahrscheinlich hin- und hergerissen zwischen der Tatsache, dass das Unterrichten in Präsenz mehr Spaß macht und der praktischen Bequemlichkeit, es von zuhause aus tun zu können und sich möglicherweise noch die DiMiDo-Fahrten an den Hochschulort zu sparen — und von den Nerds, die auch in real life schon so autistisch agiert haben als wären sie vor einem Bildschirm, für die die Pandemie also ein medialer Gottessegen war, rede ich hier gar nicht. Die Studierenden zerfallen wahrscheinlich selbst in verschiedene Interessengruppen, die sich nicht zu einer Stimme vereinigen lassen; neben all diejenigen, die die Rückkehr zu einer ‚Universität der Körper‘ wünschen, weil sich sich noch daran erinnern, wie das damals war „in jener Zeit, die längst vergangen ist“, treten diejenigen, die es nicht kennengelernt habe und die Annehmlichkeiten, sich in München, Frankfurt oder Berlin keine Wohnung suchen zu müssen, die durch Drecksjobs im ohnehin angeschlagenen Tertiärsektor finanziert werden muss, ebenso zu schätzen wissen wie die Verantwortungslosigkeit vor dem Rechner, dessen Videoübertragung man an- oder ausschalten kann, wenn man den Monologen der Dozent:innen folgt; und ganz sicher diejenigen, für die es von ihrer Fach- und Studienorganisation her rational ist, sich auf die Online-Lehre zu stützen, weil sie sich frag- und widerspruchslos als Container empfinden, in die das zu Wissende one-way-mäßig reingetan wird — nein, warum sollte diese ohnehin schon heterogene Gruppe, die es unabhängig von den Lehrveranstaltungen nicht gibt, auf die Straße gehen und sich zum Protest formieren? Das ist naiv und lächerlich.

Wenn es aber noch irgend eines Beweises bedurft hätte, dass die Universität systemirrelevant geworden ist, dass die Geisteswissenschaften insbesondere nur noch mitgeschleppt werden, um in den guten Zeiten das Heim zu schmücken, und in allen anderen sehen können, wo sie bleiben, und dass das letzte Bisschen, was dem großen Rationalisierungstrend des europäischen Bewusstseins, etwas entgegensetzt, nämlich eine Art von Geist, der aus dem Zusammensein von Körpern kommt — dann, ja dann, wäre uns Corona gerade recht gekommen, um diesen Beweis zu führen. Dann wäre diese Zeit doch zu etwas gut gewesen, nämlich dazu, alle Universitätsutopien zu begraben und die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind: dass die Uni eine Firma ist wie alles andere auch, dass es vollkommen legitim ist, darin Karriere zu machen wie in jeder Firma, aber dass man doch aufhören sollte, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie zu etwas nutze sei.

Wolfram Ette

Corona 267: Klassenfragen

Was hat Gewicht?

Die Gesundheitsbehörden versuchen zu verstehen, warum in der Seine-Saint-Denis die Impfkampagne weit abgeschlagen hinter dem nationalen Durchschnitt liegt. Bekannt ist, dass es in dieser Gegend dreißig Prozent weniger Hausärzt:innen gibt als anderswo. Wer arbeitet schon gern in einer solchen Gegend! Die Informationen zu den Impfungen fließen also nicht: Die Ärzt:innen, die sie zum Fließen bringen könnten, fehlen.

Eine Umfrage hat zudem ergeben, dass viele übergewichtige Personen, die sich längst hätten impfen lassen können, gar nicht wissen, dass sie dieses Recht haben. Und oft wissen sie auch nicht, dass sie übergewichtig sind.

Dieser letzte Punkt frappiert mich am meisten. Übergewichtig zu sein, ohne zu wissen, dass man’s ist, heißt, dass man in einem Kontext lebt, in dem es noch viele andere Menschen gibt, die auch übergewichtig sind und es ihrerseits auch nicht wissen. Es ist eben normal! Und von der Normalität ist nichts zu wissen. Sie existiert einfach. Gesundheitsvorsorge, Angst um sich selbst sind ein soziales Privileg, so wie das Wissen, das Voraussetzung für die Vorsorge ist, auch.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vaccination-en-seine-saint-denis-un-plan-marshall-pour-rattraper-le-retard-et-convaincre-les-réfractaires/ar-AAKBIzJ?ocid=msedgntp

Wissen ist Macht

Dass in der Seine-Saint-Denis so wenig geimpft wurde, hat damit zu tun, dass viele Familien keinen Computer haben. Hinzu kommt, dass es viele illegal in Frankreich lebende Ausländer in den großen Wohnblocks gibt. Die gehen davon aus, sie seien – wie sonst üblich – von den Rechten ausgeschlossen, die alle anderen haben. Das Problem mit dem Impfen ist also ein Problem, das die Zugänglichkeit von Informationen betrifft. Und weil die Ärmsten ganz gut wissen, wie ihr Alltag aussieht, nicht aber, wie ihm zu entkommen ist, pflanzt sich dieses Wissen machtlos fort, und nur dieses. Aber jetzt sind wir einmal in einer Situation angekommen, wo man’s allgemein begrüssen würde, wenn auch die „Illegalen“, die „sans papiers“ geimpft werden würden. Es ist ja in ihrem Interesse! Aber das erkennen wir nur, weil’s in unser aller Interesse ist.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/ça-nous-fait-peur-en-seine-saint-denis-la-vaccination-est-à-la-traîne/ar-AAKAqwz?ocid=msedgntp

Der Marshall-Plan

Das ist der Begriff, der eingeführt wird, um zu sagen, was man in der Seine-Saint-Denis vorhat, damit das Impfen endlich auf Höhen gehoben wird, die der Höhe der Toten entspricht, die man gerade dort zu verzeichnen hatte.

Es ist ein großer Begriff. Marshall, das ist mal wieder sehr militärisch, strategisch, aussenpolitisch, alles zusammen. Aber vor allen Dingen ist es ehrgeizig, denn es klingt so, als müsse man einen Plan entwickeln, der gleich mehrere Länder umfasst.

Was folgt daraus? Entweder es ist so, dass man wirklich grundlegend etwas an der enormen Armut ändern will, die in der Seine-Saint-Denis herrscht. Oder es ist so, wie’s sich erweisen wird (denn von revolutionären, sozialpolitischen Ansätzen liegt nichts in der Luft), dass man einen großen Begriff für eine relativ kleine Herausforderung bemüht: Man will mehr impfen. Und sobald das gelungen sein wird, wird man sagen, der Marshall-Plan sei ein voller Erfolg gewesen.

(Ja, kann man dann zustimmen: ein Erfolg, bis der nächste Marshall-Plan fällig wird.)

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vaccination-en-seine-saint-denis-un-plan-marshall-pour-rattraper-le-retard-et-convaincre-les-réfractaires/ar-AAKBIzJ?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Corona 266: Zur Sache der Sprache

Entscheidend

Ein Experte glaubt, dass die Entwicklung der Kurven in den nächsten zwei Wochen „entscheidend“ sein werden. Seine Argumente sind glasklar und vollständig nachvollziehbar, denn es nähern sich die Ferien, und man will vorher noch mit der Impfkampagne vorankommen. Gleichzeitig ist es aber so, dass das Wort „entscheidend“ schon so oft gefallen ist, dass kein Mensch es mehr hören kann. Inflation bedeutet Wertverlust. Entscheidend ist nicht, ob das Wort auf eine Situation zutrifft oder nicht, sondern ob die, die’s hören sollen, es noch hören wollen, damit sie dann tatsächlich drauf hören.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-le-pr-fontanet-juge-que-les-deux-semaines-à-venir-seront-cruciales-pour-l-été-à-venir/ar-AAKwSOl?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Fitnessfaktor

Drosten systematisiert die Corona-Virusvarianten nach zwei Kategorien: „Immune-Escape“ und „Fitnessfaktor“. Unter dem ersteren kann ich mir so ungefähr etwas vorstellen: irgendwie hat das Virus Eigenschaften ausgebildet, die es die Immunantwort des Körpers auf eine Impfung oder eine ‚traditionelle‘, ‚klassische‘ Coronainfektion unterlaufen lassen. Die zweite scheint sich auf die Infektiosität, evtl. auch auf die Schwere der Infektion beziehen Fest steht jedenfalls, so Drosten, dass B.1.1.7, also die ‚englische‘ Variante, sei solch ein Fall gewesen: kein Immune-Escape, wohl aber ein hoher Fitnessfaktor. Die jetzt einsickernde ‚indische‘ Variante, die auch der deutschen Regierung Kopfzerbrechen bereitet, kann offenbar mit beidem aufwarten: sie ist sehr fit und schafft es außerdem, den Bataillonen des Immunsystems partisanenhaft zu entkommen. Man kann da nur gratulieren. Bislang ist die evolutionäre Entwicklung des Coronavirus eine Erfolgsgeschichte.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html (Folge 90)

Wolfram Ette

Die Episode

In sprachlicher Hinsicht sind neue, euphemistische Erfindungen festzustellen. Natürlich gar nichts Individuelles. Es ist das Genie der kollektiven Verharmlosung, die sich Bahn bricht. Gesprochen wird nämlich, sobald von der Verbreitung der „indischen“ Variante im eigenen Lande die Rede ist, stets nur von „Episoden“. Das klingt dann etwa so: „Ces 46 épisodes ne veulent pas dire 46 cas, mais 46 foyers d’infection.“ („Diese 46 Episoden bedeuten nicht 46 Fälle, sondern 46 Antseckungsherde“). Mit anderen Worten: Es gibt mehr als 46 Kranke, genauer: über Hundert.

Doch die genaue Zahl interessiert in Wirklichkeit gar nicht. Die Aufmerksamkeit gilt dem, was im Wort „die Episode“ mitschwingt. Episodisches liegt vor, wenn etwas schnell vorbeigeht. Etwas taucht auf, um gleich wieder zu verschwinden. Eine Episode bleibt nicht. Sie ist nicht auf Dauer gestellt. Gibt es die „indische“ Variante in Frankreich? Ja, es gibt sie, vermutlich 46 Mal. Aber sie bleibt nicht, sie ist schon fast wieder im Aufbruch.

Gott sei Dank.

Gott sei Dank, dass die Sprache so schön dehnbar ist.

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/variant-indien-la-france-est-elle-capable-de-voir-venir-une-vague/ar-AAKtE02?ocid=msedgntp

Anne Peiter

Aufreinigen

Eine Forscher:innengruppe aus Ulm will herausgefunden haben, dass die Sinusvenenthrombosen, die das der Verimpfung von AstraZeneca aufgetreten sind, etwas mit Verunreinigungen des Impfstoffs durch Human-Eiweiße zu tun haben, die an dem Trägervirus kleben geblieben sind. Das ist schon interessant genug; noch interessanter finde ich allerdings das Verb, dass die Sprecherin der Gruppe wieder und wieder verwendet: „aufreinigen“. Es ist eine bemerkenswerte Mischung aus reinigen und veredeln; man hebt den Vektorimpfstoff hinauf, auf eine höhere Ebene, sublimiert und vergeistigt ihn durch eine Reinigung von unerhörter Gründlichkeit.

Ein Malus bleibt an der Sache freilich haften. Das ist der Träger selbst, der sogenannte „Vektor“, der vom Affen stammt. Wie unangenehm! Noch ein winziger Rest der Darwinschen Kränkung flimmert in mir nach: mit diesen behaarten, krakeelenden, körperlich geschickten, aber doch sehr ordinären Tieren sollen wir etwas zu tun haben? Und jetzt sollen sie uns noch dabei helfen, das Virus zu besiegen?

Wolfram Ette

Vektor

Ich prognostiziere dem Wort eine Karriere in den Geisteswissenschaften. Sie lieben ja ohnehin diese metaphorischen Anleihen bei den Naturwissenschaften, durch die man Solidität suggeriert, die historisch gesehen, seit langem bankrott ist. Hier kommt noch dazu, dass das Wort selbst schon metaphorisch ist; es ist ja ein Träger, ein Diener, wenn man so will — ein Wesen, das die Last der Virusbauteile trägt, das unseren Körper zu einer Immunantwort verlocken soll. Diese eher unangenehme Assoziation, zu der ja noch hinzukommt, dass dieser Trägervirus einem unserer äffischen Vorfahren entnommen wurde, wird aber beseitigt durch die Dynamik des herrlich frischen „Vektors“, der gleichsam aus sich selbst heraus den Fortschritt verkörpert, vom ungeheuren Kollateralnutzen dessen, was gewissermaßen auf ihm reitet wie Harry Potter beim Quidditch auf dem Zauberbesen, einmal ganz zu schweigen.

Wolfram Ette (Idee: Georg Spindler)

Corona 265: Nachgiebigkeit

Die Regierung hat einen Riesenbammel, wenn sie daran denkt, dass die Leute nach ihrer ersten Injektion in die Ferien fahren könnten und darüber die Notwendigkeit der zweiten Injektion vergessen. Da man nicht recht weiß, wo all die Leute hinfahren werden, beschwört man sie, die Ferien nach dem zweiten Termin auszurichten, und nicht den Termin nach den Ferien. Man beschwört noch mehr, man solle bitte überhaupt an die zweite Injektion denken.

Doch inzwischen ist die Ferienstimmung schon so ausgeprägt, dass die Regierung nachzugeben beginnt. Sie kündigt vorsichtig die Möglichkeit an, dass es „zusätzliche Impfdosen in einer bestimmten Zahl von touristischen Orten“ geben könnte („des doses supplémentaires dans un certain nombre de lieux touristiques“). Noch wird nicht gesagt, wo, aber man weiß: Man kriegt das mit der zweiten Injektion nur hin, wenn man den Leuten hinterherläuft.

Weil es aber gut sein kann, dass das nicht besonders gut klappen wird, wird im Fall von Schwierigkeiten „Geschmeidigkeit“ („souplesse“) angeraten. Damit ist gemeint, dass es die Möglichkeit „‚einer gewissen Nachgiebigkeit bezüglich der Frage des Zeitraums zwischen den beiden Injektionen‘ geben soll, um zu vermeiden, dass die zweite ‚ausgerechnet in die Mitte der Ferien fällt‘.“ (… „‚un petit assouplissement sur la question de l’espacement entre les deux doses“, pour éviter que la deuxième ‚tombe exactement au milieu des vacances'“). Übersetzt soll das wohl heißen: „Na, dann macht’s eben später !“, aber formuliert wird es so, dass klar wird, man möge wegen der Ferien bitte keine Ewigkeiten zwischen Injektion Nr. 1 und Injektion Nr. 2 verstreichen lassen.

Insgesamt macht die Regierung, die so viel von „Pädagogik“ spricht und stets ankündigt, sie werde der Bevölkerung alles hübsch ruhig und klar erklären, den Eindruck aufgescheuchter Eltern, die ihren Sprösslingen gegenüber erst grossartig ihre Prinzipien verkünden und dann eine Überzeugung nach der anderen wieder sausen lassen müssen. Also etwa so: „Geimpft wird nur da, wo man Zuhause ist“, gefolgt von: „Ok, ok, wenn’s unbedingt sein muss, dann eben nicht Zuhause, sondern in den Ferien…“ Aber dann, zum Ausgleich: „Aber der vorgeschriebene Zeitraum zwischen den Injektionen muss unbedingt eingehalten werden!“ Und nach dem Protest und dem Nörgeln, das schon wieder von Seiten der Gören kommt (sie haben wirklich kein Schamgefühl im Leibe): „Ok, ok, dann eben nicht gleich, sondern wann es Euch passt … Aber bitte nicht zu spät!“ Oder, wieder dem Originalwortlaut folgend: „un petit assouplissement“. Wie sagt man das? „Eine kleine Abschwächung“? Ein „kleines“ Absehen von der Regel? Eine „kleine“ Umgehung dessen, was vorgeschrieben ist? Es ist egal, wie das Substantiv genau lautet. Interessant ist das Wort „klein“. Man macht sich vor, man sei nur ein klein bisschen nachgiebig, nicht in den wesentlichen Dingen.

So argumentiert eine Erziehung, die total den Bach heruntergehen wird, von jeher. Die maulende Jugend erzieht sich die Eltern nach dem Bild ihrer Wünsche und Bequemlichkeiten. Wenn das mit dem Impfen nur gut geht!

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/vaccination-anti-covid-un-plan-pour-l%C3%A9t%C3%A9-d%C3%A9voil%C3%A9-ces-prochains-jours/ar-AAKtjXY

Corona 264: Neuigkeiten vom Impfmarkt

Geht es wirklich um die Kinder? Wir hören, „dass sich Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren mit dem Ende der Impriorisierung — derzeit für den 7. Juni vorgesehen — auch um Impftermine bemühen können.“ Also, das ist wirklich total nett, dass es nun auch den Kindern, bzw ihren Eltern erlaubt sein wird, sich in die Hotline zu hängen oder das ‚Welcher-Server-stürzt-jetzt-ab‘-Spiel bei der Anmeldung auszuprobieren; es wird einen durchschlagenden Erfolg haben; das System Schule wird ganz sicher ganz sicher werden.

Wir haben hier immer wieder gegen eine Hermeneutik des Verdachts argumentiert, wie sie für Verschwörungsreligionen typisch ist. Aber wie heißt es bei Terry Pratchett: „Aus der Tatsache, dass ich paranoid bin, folgt nicht, dass sie nicht hinter mir her wären.“ So sei denn also einmal das Gedankenexperiment durchgespielt, dass es wirklich nicht um die Kinder geht, um die man sich in den letzten 15 Monaten eigentlich überhaupt nicht geschert hat — von salbungsvollen Worten einmal abgesehen.

Am 7. Juni wird die Impfpriorisierung aufgehoben; und zur Gruppe derer, die sich nun impfen lassen können oder die, wie es im Regierungssprech untentwegt heißt, „ein Impfangebot bekommen“, gesellt sich nun noch die Gruppe der ab-12-Jährigen hinzu. Das könnte zwei Gründe haben. Einmal mag für den Schwenk in der Impfpolitik durchaus die Sorge ausschlaggebend sein, man werde auf dem Weg einer staatliche verordneten Priorisierung nicht zu einer genügend großen Durchimpfung der Bevölkerung gelangen. Beispiele dafür geben die USA und auch England ab, wo die Impfkampagne jetzt an dem Punkt schwächelt, an dem die Unwilligen erreicht – bzw. nicht erreicht – werden. Ob sie sich, wie in den USA, durch das Versprechen eines täglichen Donut oder ein hohes Preisgeld werden ködern lassen? Das ist noch offen. Es ist also möglich, dass der Markt jetzt zu einem Zeitpunkt geöffnet wurde, an dem die Nachfrage bei den Impfberechtigten sinkt. Man erklärt alle zu Berechtigten und für eine Weile ist die Nachfrage wieder in Ordnung. Und durch die Hinzunahme der Jugendlichen ab 12 wurde der Kundenkreis noch etwas vergrößert.

Es könnte aber durchaus noch etwas Spezifisches hinzukommen. Kinder und Jugendliche ab 12 sind eine heikle Gruppe — vielleicht die allerheikelste, was das home schooling betrifft, geladen mit Sorgen, Hormonen und familiären Problemen, voller sozialer Sehnsüchte, Schulverdruss und Fluchtphantasien gegenüber der Familie, in der sie aufwachsen: ein Alter, in dem Wut, Traurigkeit und Konzentrationsschwäche zum biologischen Programm gehören. Aus dieser Gruppe sind die meisten Schüler in eine Anonymität abgewandert, aus der sie vielleicht nie wieder zurückfinden; an ihr hat sich die Missachtung des Schulwesens in der Pandemie am katastrophalsten gezeigt.

Weiterhin sind es, wenn überhaupt, die Eltern ebendieser Kohorte, die wohl am meisten von der Sorge umgetrieben werden, was wohl aus ihren Kindern, die sich dem Schulbetrieb entfremdet haben, einmal werden wird. Sie werden sich also bemühen, sie werden Druck machen, was die Impfung dieser Kinder betrifft, damit sie spätestens ab dem Spätsommer wieder regelmäßig in die Schule gehen können.

Und es sind Eltern, die selbst mit gutem Gewissen wieder zur Arbeit gehen wollen — in dem Gefühl also, dass für ihre Kinder gesorgt sei, dass sie selbst nun endlich wieder aus der Bildungsverantwortung für sie entlassen seien und ihre Arbeitskraft also unreduziert veräußern könnten. Es ist wieder und wieder gesagt worden: aus ökonomischer Perspektive behindern die Schulschließungen vor allem die Eltern bei der Erwirtschaftung des Bruttosozialprodukts; dass diese Kinder einmal die ‚künftigen Leistungsträger‘ sein werden, die auch weiterhin zu seiner Steigerung beitragen werden, sind schöne Worte, aber durchaus nicht so gemeint, dass daraus Taten folgen: So weit im Voraus kann das kapitalistische System in seinem gegenwärtigen Aggregatzustand nicht denken; es kann von dieser Zukunft reden, sich aber nicht praktisch auf sie beziehen.

Darin deutet sich schon an: Dass bei alledem von Seiten der Politik die Sorge um das Wohl der Kinder im Vordergrund steht, ist nicht wahrscheinlich. Wenn das so wäre, würden sie sie ja priorisieren — und die Eltern gleich mit dazu. Es spielt anscheinend ein marktwirtschaftlicher Faktor hinein, der erstaunlich wenig zur Sprache kommt. Die Verträge sind ja geschlossen, und zwar nur mit den Pharmafirmen, die die Impfstoffe in der bestellten Menge liefern sollen, sondern auch mit den Impfzentren und überhaupt einem gewaltigen Distributionssystem, das in den letzten Monaten geschaffen wurde. Gerade angesichts der Tatsache, dass andere Wirtschaftsbereiche im Moment noch etwas schwächeln, sollte man hier die Ansprüche der Vertragspartner befriedigen und die Ware zum Kunden durchreichen. Man muss flexibel sein; die Pandemie hat wirtschaftlichen Schaden angerichtet; dennoch hat sich eine Coronaindustrie etabliert, die kräftig verdient und genährt sein will.

Aus dieser Sicht — von der ich nicht behaupte, dass sie zwingend wahr, aber doch wenigstens, dass sie möglich und sogar plausibel ist —, ergibt die Öffnung des Impfmarktes für die Jugendlichen ab 12 einen guten Sinn. Man vergrößert ihn und macht die Nachfrage durch die Hinzunahme einer bestimmten Gruppe aggressiver. Zumal dann, wenn das Angebot gleich bleibt: Weder gibt es zusätzliche Impfstoffe, noch ist aus dem Bestand der bereits gelieferten und weiterhin zu liefernden eine Umverteilung vorgesehen, der jene Altersgruppe besonders berücksichtigt. Wer weiß, vielleicht kann man in der nächsten Runde damit anfangen, den Kundinnen und Kunden — denn mehr sind wir, die Bürgerinnen und Bürger, eben nicht — dafür Geld abzuknöpfen.

Wolfram Ette

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-bund-und-laender-oeffnen-impfkampagne-fuer-kinder-ab-12-a-8e74f9ca-faa5-466d-b61e-7584eb5a7f98

Corona 263: Immer früher weniger

Erst gab’s zu wenige Impf-Möglichkeiten. Dann gab’s viele, und die Leute, die schon lange gewollt hatten, kamen in Scharen und wurden auch peu à peu bedient. Langsam kündigt sich nun die dritte Phase an: Man kann impfen, wer immer kommt. Nur kommen schon weniger, als man gedacht hätte. Schlimmer: Es kommen nicht nur weniger, sondern es kommen nur wenige früher (d.h. früher weniger), als man gedacht hätte. Also wird man früher als gedacht absehen können, ob es Sinn hatte, dass all die anderen sich haben impfen lassen. Der Sinn der Impfung liegt nicht nur im Anfang. Er liegt auch im Ende: Dann, wenn keiner mehr kommt, stellt sich heraus, ob noch mehr hätten kommen müssen, damit das Ganze funktioniert. Für die, die früh gekommen sind, funktioniert’s früh, aber ob das Frühe auch noch funktioniert, wenn’s schon später ist, hängt gar nicht mehr von ihnen ab, sondern von denjenigen, die jetzt noch sagen, sie wollten erst mal abwarten, sie machten’s vielleicht später. Vielleicht ist es aber später zu spät, und dann werden diejenigen, die sagen, mal sollte es nicht zu früh machen, sicher noch hinzufügen, die, die’s früh gemacht haben, hätten verfrüht gehandelt, man sehe es doch: Es funktioniere ja nicht, das sei doch schon früh abzusehen gewesen.

Anne Peiter

Corona 262: Begriffe ohne Anschauung sind nicht leer

Eine der wichtigsten Ergebnisse der »Studien über den autoritären Charakter«, die Theodor W. Adorno zusammen mit anderen Immigranten in den USA anfertigte, bestand darin, dass der Antisemitismus als eine typische Erscheinungsweise des autoritären Charakters proportional zur fehlenden Kenntnis von Jüdinnen und Juden wächst. Das ist auch logisch: Je weniger Anschauung, desto mehr Projektion; je weniger Möglichkeit dazu besteht, dass die Realität meine Anschauungen korrigiert, desto mehr bin ich den seelischen Mechanismen überantwortet, aus denen sie sich bedingen. Das ist ein alter Hut in der Psychologie und seitdem auch der Soziologie wohl vertraut .

Dennnoch berührt es mich in einer Mischung von Qual und Verwunderung, wenn ich lese, das in Neuseeland, wo die Corona Bekämpfung vorbildlich gewesen ist, und wo nun wieder Massenveranstaltungen ohne alle Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, Verschwörungstheorien eine Urständ feiern, die in diesem Fall keine fröhliche ist, und man in weiten Kreisen statt von der »Pandemie« von der »Plandemie« spricht, die ganze Sache also für abgekartet hält .

Muss man die Menschen zur Anschauung zwingen? Muss man schlechte Corona-Politik betreiben, um für gute Corona-Politik Anerkennung zu bekommen, die dann freilich nicht mehr möglich ist? Bedeutet gute Corona-Politik, dass man die Menschen ihren Ängsten und Aggressionen überlässt, von denen sie auch in Neuseeland geplagt zu sein scheinen? Adorno und seine Mitstreiter hätten genau dies prognostiziert.

https://taz.de/Kampf-gegen-Coronamythen/!5767432/

Wolfram Ette

Corona 261: Die Verpflichtung

Erst hieß es, man werde die Impfungen auf keinen Fall obligatorisch machen. Jetzt heißt es, nur so werde man der Pandemie Herr werden können.

Der Schuldirektor eines in einem sehr armen Viertel liegenden Collèges erzählte mir kürzlich, er werde warten mit dem Sich-impfen-Lassen. Das Impfen werde vielleicht ohnehin bald obligatorisch.

Was soll das heißen? Dass er vorzieht, sich zwingen zu lassen? Will er mit dazu beitragen, dass die bisherige, auf Freiwilligkeit beruhende Strategie scheitert (denn sie wird scheitern, wenn zu viele Leute nicht mitmachen)? Und dann kommt die Verpflichtung, es wird spät sein, man wird schon wieder Probleme haben mit dem Virus, aber der Einzelne wird sich endlich sagen können, dass er ja gar nicht gewollt habe, dass er aber musste? Und das wird schon jetzt antizipiert? Aber als Argument dafür, sich nicht impfen zu lassen?

Es steckt ein Beamtengeist in dieser Art zu denken: ‚Ich mache brav alles, was man von mir verlangt. Aber nur, wenn man es von mir verlangt. Ich kann meine Überzeugungen problemlos über den Haufen werfen. Doch solange ich das als Beamter nicht muss, darf ich im Bereich des Erlaubten hemmungslos privatisieren, das heiß warten und warten und warten, bis der Befehl wirklich eintrifft.‘

Und dann trifft der natürlich wirklich ein, löst eine Riesenkrise aus, weil der Regierung brutal-autoritäre Verfügungsgewalt über den Körper des Einzelnen vorgeworfen wird, ohne dass der Schaden, der durch die verspätete Fortsetzung der Impfkampagne in sanitärer Hinsicht schon angerichtet hat, so leicht wieder zu beseitigen wäre.

Wir sagen jetzt immer, dass wir uns gern impfen lassen, solange es uns niemand befiehlt, und dass wir uns weigern würden, wenn man’s uns befiehlt. Es geht dabei gar nicht mehr um die Impfung, sondern um das, was man grundsätzlich vom Befehl hält. Da der sich aber von der Wirksamkeit her hält, ist schon abzusehen, dass man bald die allgemeine Empörung wird beobachten können, die mit der Einführung des Impfzwangs einhergehen wird. Ich aber werde mir sagen, dass die Empörung in Wirklichkeit einer enormen Erleichterung darüber entsprechen wird, nicht selbst für sich entscheiden zu müssen, frei.

Rendre la vaccination contre le Covid-19 obligatoire, est-ce vraiment possible en France ? (msn.com)
Quelles professions pourraient être concernées par la vaccination obligatoire ? (msn.com)

Anne Peiter

Corona 260: Von der Verfertigung von Ideologie

»Ich hoffe natürlich, dass auch Sie ein richtig schönes Pfingstwochenende hatten, draußen umgeben, von echten Menschen, sitzend an Restauranttischen und in Biergarten! Ahh! Wie unglaublich befreiend das wirkte, oder zumindest hier in Berlin«.

»Ich war gestern – negativ getestet selbstverständlich – auf einer kleinen Familienfeier, und da hab ich jemandem so richtig oldschool die Hand geschüttelt; zum ersten Mal seit Monaten, und ich muss sagen, das hat sich irgendwie schräg angefühlt.«

»Man umarmt sich natürlich auf alle Fälle nicht mehr, es ist eher dann mal mit dem Ellenbogen anstoßen.«

»Was ich mitbekommen habe immer, ist, dass allen Leuten das Du angeboten wurde auf einmal, weil, die Leute bemühen sich mehr, dem anderen näher zu sein, um eben diesen sozialen Kontakt, den man nicht mehr hat, so ein bisschen zu ersetzen«.

»Ich versuch vor allem, wenn ich ältere Leute sehe, immer noch mal extra Abstand zu halten, und einfach zu symbolisieren: Ich möchte nicht, dass falls ich irgendwas haben sollte, dass ich euch irgendwie anstecke. Das ist ja normal jetzt, für die meisten, also die meisten meiner Freunde machen das auch so«.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=927891https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=928002

Es ist verblüffend, wie schnell die Menschen verallgemeinern und ihre eigene, partikulare Erfahrung für das ausgeben, was überhaupt der Fall ist. Nein, Berlin ist nicht das Ganze; nein, nicht alle haben sich an die Corona Regeln gehalten und sind selbstverständlich negativ getestet, wenn sich sich auf ein Familienfest begeben; nein, nicht alle begrüßen sich mit dem Ellenbogen, sondern liegen sich in den Armen wie eh und je; nein, »die Leute« sind nicht in der Breite zum Du übergegangen; und ob der Extraabstand zu den Betagten wirklich normal jetzt ist, bezweifle ich sehr. So läuft es nicht. Das Deskriptive und das Normative, das Individuelle und das Allgemeine vermischen sich trübe. Im „man“ gehen sie, wörtlich oder sinngemäß, eine Verbindung ein, dessen Konjunktur Indiz totalitärer Denkmuster ist. ‚Man tut dieses oder jenes …‘, ‚man machte damals …‘, ‚man wusste ja nicht …‘ etc. Was darin sich ausdrückt, ist weder individuell noch allgemein, es ist Anmaßung des Individuellen, das den engen Horizont seiner Erfahrung als verbindlich behauptet, zugleich aber ein feiges Verstecken hinter der blassen Allgemeinheit einer nur unscharf zu erkennenden Kollektivität. Die Wirklichkeit geht darüber verloren. Das nennt man Ideologie. Wenn die neue Rechte von »Lügenpresse« spricht, verfehlt sie das Problem, weil davon, dass bewusst und gezielt gelogen werden würde, ebenso wenig die Rede sein kann wie von einer staatlichen Gleichschaltung des Medienverbunds. Wie bei Verschwörungstheorien wird ein strukturelle, weitgehend unbewusster Habitus als geplante Handlung interpretiert.

Ich bezweifle ernstlich, dass diejeniogen, die sich hier äußern, es während der vergangenen 15 Monate selbst immer so gehalten haben wie sie behaupten. Sie entwerfen ein künstliches Bild von sich, ein gesolltes Leben. Weil man ihnen das, was sie berichten, nicht abnimmt, klingt es wie eine moralische Vorschrift. Mich stört das sehr. Ich kann nicht beweisen, dass mein Unbehagen begründet ist, aber ich kann die Unaufrichtigkeit ihrer Stimmen nicht überhören, und ich vermute, dass es vielen Menschen ähnlich geht. In diese Kerbe schlägt dann der Populismus, der die Menschen mit der Wahrheit ködert, um sie dann mit der Lüge zu überziehen. Sein Recht hat er bedauerlicherweise darin, dass er auf den Widersprüchen beharrt, die uns als wirkliche Menschen umtreiben. Wir sind nicht die Abziehbilder moralischer Integrität und Konformität, als welche sich sich diejenigen, die sich hier im Radio äußern, zusammensetzen. Wir sind ja aus allem Möglichen zusammengesetzt, gemischte Wesen, die sich so durchwursteln.

Wolfram Ette

Corona 259: Gestern, heute, morgen

Bei einer Pariser Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen, die ein „Viertes Reich“ heraufziehen ließen, argumentierte eine Demonstrantin gegen die Masken:

„C’est un dispositif médical, et je ne vois pas pourquoi je le porterai si je ne suis pas malade, c’est quoi ces conneries? Faut arrêter les conneries là“. („Das ist eine medizinische Maßnahme, und ich sehe gar nicht ein, warum ich das tragen sollte, wenn ich nicht krank bin, was ist das bloß für eine bescheuerte Idee? Man muss mit diesen bescheuerten Ideen aufhören!“)

Erstaunlich. Fast lustig. Da wird diskutiert über Masken seit bald eineinhalb Jahren. Und da gibt es trotzdem noch Leute, die von ihrem Gesundsein heute darauf schliessen, sie würden gesund sein auch morgen. Das ist sicher auch der Fall, vor allen Dingen, wenn sie eine Maske tragen, aber dieser eine kleine Schritt bis dahin erweist sich als zu gross. So weit kann man nicht denken. Man konstatiert, dass man grad gesund ist, und damit hat es sich. Es ist, als gebe es nicht das geringste Gefühl für Zukunft, als wäre man wie ein Kleinkind ganz im Jetzt festgezurrt.

Wie kann man hoffen, dass die Gesellschaft an ein weiter als das Morgen entfernte Zukunft zu denken vermag, wenn das Phänomen, dass man noch nicht mal bis Morgen denken kann, ganz wenig ausgeprägt ist, fast so wenig wie das Bedürfnis, sich selbst zu schützen? Wie soll das gehen mit unserer gemeinsamen Zukunft? Ist da noch irgendwas zu hoffen?

Denn eine Kollegin aus dem Geographie-Department – eine Universitätsprofessorin – argumentiert ganz ähnlich. Sie glaubt, sie habe immer alles richtig gemacht, weil sie nicht krank geworden ist. Sie setzt an die Stelle des Morgen das erfolgreiche Gestern und schützt sich so vor den Herausforderungen des Erstgenannten – also des Morgen.

Anne Peiter

Comparaison avec le IIIe Reich, étoile jaune… Une manif anti-pass sanitaire suscite la polémique (msn.com)

Corona 258: Wie die Grippe

Auf den Corona-Newsblog der »Süddeutschen Zeitung« standen am Pfingssonntag folgende Dinge nebeneinander: Großbritannien wurde zum »Virusvariantengebiet« erklärt. Das heißt: Man darf nicht einreisen, und wenn man es doch tut, muss man sich, egal ob geimpft oder nicht, einer 14-tägigen Quarantäne unterziehen. Dies sei notwendig, gab das RKI zur Begründung an, um zu verhindern, dass die englische Variante vor dem Erfolg der deutschen Impfkampagne unser Land erreicht. Derweil verbreitet sich das Virus, also das indische Virus in England immer weiter, obwohl die englische Bevölkerung zu sehr viel erheblicheren Anteilen gegen Corona geimpft werden konnte als die deutsche. In einer weiteren Meldung lese ich, dass die Impfstoffe von Biontech und Pfizer sowie der von AstraZeneca einen »sehr hohen«, das heißt 88-prozentigen Schutz gegen die indische Variante bieten.

Für ein einfaches Gemüt wie das meinige passt das alles nicht so recht zusammen. Entweder es gibt diesem hohen Impfschutz, oder es gibt ihn nicht. Wenn es ihn gibt: warum sollten dann die Briten in Quarantäne gehen müssen? Nur, um auf Nummer sicher zu gehen? Falls der Impfschutz aber doch nicht so großartig ist, wie behauptet wird, sind natürlich auch die Hoffnungen darauf, dass das Einreiseverbot nur bis zu dem Zeitpunkt gelten würde, an dem die deutsche Herdenimmunität hergestellt ist, ganz und gar vergeblich.

Vermutlich gibt es eine Erklärung, die diese Puzzle-Teilchen korrekt zusammensetzt. Ich bin dazu nicht in der Lage und ärgere mich nur darüber, dass im Newsblog der SZ diese Dinge so hintereinander weg gebracht werden, ohne dass jemand sich für die Widersprüche verantwortlich fühlt.

Aber der Eindruck, der zurückbleibt – so etwas wie ein grober gemeinsamer Nenner, auf den diese Ungereimheiten sich beziehen lassen –, ist alle Mal, dass das Konzept der Herdenimmunität ein Phantasma ist. Es gehört beerdigt. Es gibt sie nicht, und es wird sie nicht geben. Corona ist wie die Grippe, haben die Querdenker immer wiederholt. Wohl wahr und immerhin! Wie eine Grippe! Hat man jemals davon gehört, dass sich gegen die Grippe Herdenimmunität entwickelt hätte?

Wolfram Ette

Corona 257: Goldene Utopien

Die Lockerung der Maßnahmen wird begleitet von einer Berichterstattung über Menschen, die die Lockerungen ablehnen, sich gar von ihnen bedroht fühlen. Man nennt das »syndrome de la cabane ou de l’escargot« (»Hütten- oder Schnecken(haus)syndrom«). Das ist zwar kein psychiatrischer Ausdruck, doch ein Psychiater, der befragt wurde, nimmt’s ernst genug. Er gibt an, historisch habe das mit den Goldsuchern zu tun, die in langer Isolation lebten und in dem Moment Ängste zu entwickeln begannen, in dem es darum ging, zur Zivilisation zurückzukehren, das gefundene Gold im Sack auf der Schulter, das Gesicht voller Bart.

Gehen wir versuchshalber einmal davon aus, dass der Wunsch, der Lockdown möge ewig andauern, es werde nie wieder nötig sein, zur Welt in Kontakt zu treten, weise Parallelen zu den Goldsuchern auf. Dann müsste man doch eigentlich schliessen, dass uns, wenn wir uns wieder in die Kontakte werfen, etwas genommen werden könnte? So nämlich, wie den Goldgräbern etwas genommen zu werden drohte? Führen auch wir, die erst zwangsweise, dann freiwillig Gelock-Downten, einen schwer erworbenen Goldklumpen mit uns, den wir uns nicht stehlen lassen wollen? Ist ein Wissen bedroht, das nur im Lockdown zu bewahren ist? Eine Ruhe? Eine andere Kostbarkeit? Irgendetwas, wovon man glaubt, es könne nur in der isolierten Hütte, im Schneckenhaus seinen Glanz entfalten?

Beim Gold muss es so gewesen sein: Man kam wohlgemut zurück, wusste sich reich, wollte der Isolation den Sausundbraus entgegensetzen, der durch die stückweise Nutzung des Klumpens möglich werden würde. Aber man wusste auch, dass der Traum, um dessen willen man, seufzend und unter tausend Schwierigkeiten, die Isolation auf sich genommen hatte, ausgeträumt sein würde, wenn ein Dieb kam und einem mit dem Gold alles nahm. Das heisst: Der potenzielle Verlust des Goldes war der Verlust eines Traums, machte die Mühe zunichte, die man gar nicht gern gehabt hatte.

Auf der anderen Seite war klar, dass Gold in der Isolation überhaupt keinen Wert hatte. Den Klumpen in der Hütte vor sich zu legen, ihn anzusehen, machte nur Sinn, wenn man dieser Kontemplation die Zukunft als möglich gedacht wurde.

Aber vielleicht besteht in einer Haltung, die den Goldklumpen ohne seinen Nutzen, ihn pur will, ohne Realisierung der Möglichkeiten, die in ihm stecken, sobald die Isolation durchbrochen ist, die eigentliche Utopie? Und ist es das, was uns, wenn wir das Hüttensyndrom haben, zustößt? Ist es das, wofür wir uns entscheiden? Uns die Utopie nicht kaputt schlagen lassen wollen, so wie man den Goldklumpen nicht in die kleine Münze des Alltags umsetzen wollte, obwohl man wusste, dass, wenn man vom Gold nicht nur den Klumpen haben wollte, sondern einen tatsächlichen Nutzen, das Kaputtschlagen unumgänglich war? Also kein Eintausch des Klumpens gegen das Kleingeld? Oder, bezogen wieder auf uns: Keine Billigträume, die verhuschen, statt des grossen Traums, den wir, gefangen in den eigenen vier Wänden, träumten?

Wir müssen hinaus. Wir müssen den Klumpen intakt halten. Es zwingt uns ja niemanden, den Tausch zu vollziehen. Außerdem besteht, anders als beim Gold, überhaupt keine Gefahr, dass ein Dieb kommen könnte. Diebe interessieren sich für das, was wir mitbringen, garantiert nicht.

Anne Peiter

Corona 256: Glückliche Tage

Wenn Macron von den »glücklichen Tagen« spricht, die man jetzt, auf den Kaffeehausterrassen sitzend, verlebe, so muss ich nicht bloß an den gleichsam barocken Gestus denken, mit dem die Gegenwart als eine sich darstellt, auf die in dem Moment, in dem man sie erlebt, schon zurückgeblickt wird. »Jetzt war Glück« könnte man seufzend und zum wiederholten Male formulieren.

Gegenläufig dazu fällt mir auch ein Stück von Samuel Beckett ein, das den gleichen Titel trägt – also »Happy Days / Glückliche Tage«, und das dieselbe Sache etwas anders akzentuiert: Die Tage, die glücklichen, waren gar nicht glücklich; denn sie waren nicht anders beschaffen als die Tage, die wir jetzt erleben. Als glückliche Tage erscheinen sie einzig und allein in der Rückschau. Sie werden also zu glücklichen Tagen dadurch, dass sie vergangen sind, dass sie nicht Gegenwart sind. Sonst gibt es keinen Unterschied. Also: etwas verschafft einer/m die Erfahrung von Glück, weil es vorbei ist; und etwas macht unglücklich, weil es gegenwärtig existiert. Weil sich das Glück und das Unglück sonsthin aber nicht voneinander unterscheiden als eben durch diese zeitliche Markierung, sind sie fast miteinander identisch, denn was soeben noch Unglück war, verwandelt sich im Nu ins Glück der Rückschau und des Rückblicks.

Wir meinen nun: es ist dieses und kein anderes Glück, das der französische Premier im Sinn gehabt haben muss, als er inmitten einer Epidemie, in der die Menschen scharenweise sterben, das Gesundheitssystem sich am Burnout entlang handelt; einer Situation, in der nicht nur »an«, sondern »im Zusammenhang mit« Corona viel gelitten wird; einer Krise, von der niemand so genau weiß, wie sie, im Verbund zumal mit all den anderen Krisen, die uns erschüttern, gelöst werden könnte: wenn er also, umtost von diesem Sturm von Unglück: ruinierten Existenzen, Familien in Trauer, zerbrochenen Hoffnungen, Angstzuständen, Atemnöten und überhaupt den ganzen Unmöglichkeiten der gegenwärtigen Situation auf der Kaffeehausterrasse sitzt, seinen Kaffee schlürft und von den »glücklichen Tagen« redet.

Vgl. Corona 256: »Anlässlich der Rückkehr des Glücks«

Wolfram Ette

Corona 255: Super Sommer

leitartikel in der sueddeutschen.
sein tenor: der sommer wird
super. alle reissen sich
jetzt noch mal richtig zusammen.
die LETZTEN RESERVEN
VOR DEM ENDSPURT werden
mobilisiert, die menschen
wollen sich nicht noch
AUF DEN LETZTEN
METERN INFIZIEREN.

der erste heisse tag im mai.
drueckend die luft in einem
hauptbahnhof. 2 ausgefallene zuege.
zum murren ist man zu mued,
wie seit monaten schon. die
maske haengt schief, oder gar nicht,
man traegt sie wie orden
eines untergegangenen landes.
muss ja. von ferne gebell:
MAULKORB UFF!

Wolfram Ette

Corona 254: Wie es war, Sommer 2021

Carpe diem

„Vivre ensemble le temps présent“ („Gemeinsam den Augenblick erleben“), empfahl der Präsident seinen Landsleuten, als man erstmals wieder auf der Terrasse eines Kaffeehauses sitzen durfte.

Das klingt ja grausig defätistisch! „Carpe diem“, pandemisch verstanden, heißt doch, dass wir jetzt auf einer Kaffeehausterrasse sitzen, dass es schön ist, da zu sitzen, dass wir’s genießen sollen, zu sitzen, kaffeehausmässig – so genießen, mit solcher Intensität, dass man durchströmt wird nicht nur vom Kaffee, sondern auch, und mit dem Kaffee, von dem Bewusstsein der ganzen Kostbarkeit, ja Ewigkeit dieses einen Moments des Sitzens auf einer Kaffeehausterrasse. Es schwingt da aber mit, dass wir jetzt sitzen, dass den Moment der Hauch der Ewigkeit umweht, eben weil er nicht ewig währen wird, sondern härtere, dem Carpe diem feindliche Winde sich schon zusammenbrauen. Will heißen: JETZT genießen zu sollen, heißt, die Kaffeehausterrasse morgen schon nicht mehr genießen zu können. Darum mein Eindruck, es gehe geradezu regierungskritisch zu, wenn Macron seinen ersten Kaffee schlürft: Er scheint nicht recht damit zu rechnen, dass das Ganze ewig dauern wird. Oder ewig eben nur in dieser paradoxen Form, einem gewissermaßen barocken Lebensgefühl folgend.

Anne Peiter

Schule nach Corona

Ich denke nicht, dass ich krampfhaft die Nähe zur Reformpädagogik suche. Der gewaltige Unsinn, den der Bildungsforscher Olaf Köller in der Radiosendung dieses Titel von sich gibt, treibt mich allerdings in ihre Arme. Im Weltbild dieses Professors sind die Schülerinnen und Schüler reine Lernapparate; der Gedanke, dass man, wenn überhaupt, gerne in die Schule geht, um die anderen zu sehen und nicht, um zu lernen, scheint ihm wirklich noch nie durch den Kopf geganmgen zu sein. „70-75 % aller Eltern kommen sehr gut klar mit dem Homeschooling“ – klar, auf jeden Fall. Wenn man sich so anhört, was er sagt, hat man den Eindruck, es gibt nur Gymnastinnen und Gymnasiasten, der Rest spielt keine Rolle, eben weil er nur der Rest ist, um den man sich nicht weiter zu kümmern hat. Und schließlich: alle Entscheidungen darüber, wie stark die Rolle ist, die das digitale Lernen in Zukunft bei den einzelnen spielen soll : All diese Entscheidungen werden, wie es scheint, von seinem Schreibtisch aus getroffen; auf die Idee, dass vielleicht mal die Betroffenen zu fragen wären, wie sie sich die Schule der Zukunft wünschen, kommt er gar nicht.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=926312

Wolfram Ette

Anlässlich der Rückkehr des Glücks

Man spricht von den „berühmten ‚glücklichen Tagen'“, die Macron nach dem Ende des ersten Lockdowns beschworen hat. Jetzt sind sie da, aber man nimmt sie in dem ganzen Eifer des erneuten Öffnens noch nicht recht als etwas Natürliches wahr, sondern, wie gesagt, nur als die „berühmten“ glücklichen Tage, die mithin mehr berühmt sind, als wirklich zu unserer Erfahrungswelt gehörend. Die Politik scheint sich des Glücks bemächtigt zu haben, und man rächt sich dafür, dass man die Worte Macrons als „berühmt“ bezeichnet, obwohl man „berüchtigt“ meint.

Déconfinement : Avec leur café matinal, « Emmanuel Macron et Jean Castex ont voulu symboliser une nouvelle étape » (msn.com)

Anne Peiter

Massnahmen gegen die Verspätung

Das neueste Dekret sieht vor, dass nur die Personen im Café oder Restaurant gemeinsam an einem Tisch sitzen dürfen, die zusammengehören. Die Zusammengehörigkeit soll nachgewiesen werden durch das Gemeinsam-eingetroffen-Sein. Wie toll! Keine Freunde mehr, die verspätet angehetzt kommen, weil sie doch noch was Wichtiges zu erledigen hatten vorher.

Déconfinement. Un décret précise les modalités de la réouverture (msn.com)

Anne Peiter

Rückkehr in die Katastrophe

Es ist schon irre. Jetzt beginnen die anderen Nachrichten wieder in den Vordergrund zu treten, der Konflikt zwischen Israel und Palästina beispielsweise, das Klima Urteil des Bundesverfassungsgerichtes und seine Konsequenzen für die Gesetzgebung, Antisemitismus in Deutschland –: Das alles ist beängstigend, ja Katastrophe; und man ist doch erleichtert, weil man es kennt und hat das Gefühl, endlich zur Normalität zurückkehren zu dürfen. Ein Satz von Walter Benjamin fällt mir ein: „Dass es immer so weitergeht, das ist die Katastrophe.“

Wolfram Ette

Pro domo

Liebe Freundinnen / Freunde,

am Pfingstsamstag, den 22.5., um 18 Uhr stellen Anne Peiter und ich unser im März erschienenes Corona-Buch: „Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer“ vor: halbdigital, da Anne Peiter in Réunion lebt, gestreamt aus dem Komplex-Theater in Chemnitz. Es soll ein Mix aus Lesung, Podioumsdiskussion und offenem Gespräch mit Euch und Ihnen werden.
Moderiert wird die Veranstaltung von der Journalistin Karin Nungeßer aus Brandenburg / Berlin.

Direktlink zum Stream: https://youtu.be/AV26ODWqbV8

Wolfram Ette / Anne Peiter

Corona 253: per aspera ad astra

nach langen muehen,
verwirrungen, staub fressen
in der ebene, chaos in der jukebox
hin und her, her und hin,
per aspera ad astra
ja astra hat seine bestimmung
gefunden, kein zweifel. der weg in
die ferien, der volksimpfstoff,
jeder, der will und kann,
jede, die will und kann. mails
schreiben, in hotlines haengen,
arztpraxen in den wahnsinn treiben.
obs hilft, scheiss drauf. neben
wirkungen, scheiss drauf. abstand
zwischen erster und und zweiter
dosis, scheiss drauf. es ist die
urlaubsspritze. haltet euch ran,
bald sind sommerferien. der
run geht jetzt los. sollen die
alten den edelstoff kriegen,
scheiss drauf, ich spritz
mich frei.

W. Ette

Corona 252: Von Bären und Fliegen

Es gibt einen liberalen think tank, der sich „GénérationLibre“ („FreieGeneration“) nennt, der die Politik der Einschränkung seit jeher für problematisch hält und jetzt mit einer Berechnung an die Öffentlichkeit getreten ist, die all denjenigen recht geben wird, die schon immer fanden, dass man dem Virus viel zu viel Gewicht beigemessen habe.

Die Denker, die hier zu denken beginnen, haben versucht, zu berechnen, wie viele Jahre Menschenleben durch die sanitären Maßnahmen insgesamt haben gerettet werden können. Sie gehen davon aus, dass durch die Einschränkungen 100.000 Tote hätten vermieden werden können, dass jeder, der am Covid starb, durchschnittlich noch fünf Jahre zu leben gehabt hätte, so dass sich also die Gesamtbilanz der geretteten Jahre auf 500.000 belaufe.

Dagegen stünden nun die Jahre, die durch die Pauperisierung weiter Bevölkerungsschichten eingebüßt würden. Ausgehend von dem Zusammenhang, der zwischen Gehaltsniveau und Lebenserwartung besteht – je mehr man verdient, desto länger lebt man im Schnitt –, hat die Gruppe ihrer Arbeit die zusätzliche Hypothese zugrunde gelegt, dass es fünf Jahre dauern werde, bis eine Normalisierung der ökonomischen Situation und damit des Gehaltsniveaus erreicht ist.

Man komme so, all die ökonomischen Probleme weiter Kreise der Bevölkerung einbeziehend, zu einem Verlust von 1,2 Millionen Lebensjahren. Das ist, wie jeder leicht sehen kann, weit mehr als das, was die Gesundheitspolitik durch die gut gemeinten Versuche gerettet hat, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.

Le Figaro lässt es sich nicht nehmen, in diesem Kontext auf die Fabel „L’ours et l’amateur des jardins“ von Jean de La Fontaines zu verweisen. In dieser wird – ich hab’s gleich nachgelesen, denn ich bin von jeher bestrebt, im Rückgriff auf journalistische Anregungen mein literarisches Bildungsniveau zu heben – die Geschichte eines einsamen Bären erzählt, der, als er endlich einen Freund und Gesprächspartner gefunden hat, auf dessen Nase eine Fliege sitzen sieht. Und um dem Schlafenden einen Gefallen zu tun, unternimmt er’s, die Fliege zu vertreiben, schlägt aber derart kräftig zu, dass der andere mit zerschmettertem Schädel und verspritztem Hirn vor ihm liegt. (Die Fliege stirbt auch, so darf man annehmen, aber eben nicht nur sie allein.) Die Moral der G’schicht‘ lautet dann, nichts sei so gefährlich wie ein dummer Freund („rien n’est si dangereux qu’un ignorant ami“).

Das dürfen wir dann, wiederum Le Figaro folgend, als Botschaft an uns selbst interpretieren. Das, was als Hilfe intendiert ist, bewirkt mitunter mehr Schaden, als wenn man die Hilfsaktion von vornherein unterlassen hätte. Übersetzt in die Aktualität: Hätte man nicht versucht, 500.000 Jahre Menschenleben zu retten, hätte man zwar weder diese 500.000 Jahre noch die Ruhe der Nase des Bärenfreundes gerettet, dafür aber die 1,2 Millionen Jahre, die, zum Ausgleich für die lebende Fliege auf der Nase, nicht vernichtet worden wären. Die Bilanz hätte dann sehr viel positiver ausgesehen, als angenommen: Eine störende Fliege wäre zwar noch als summender Plagegeist in der Höhle herumgesaust, aber 700.000 gerettete Jahre Menschenleben hätten wir auf dem gemeinsamen Menschenlebensjahrekonto abbuchen können. Oder, jetzt wieder umgekehrt formuliert: Ruhe vor der Fliege, die dann tot auf der Nase des toten Freundes geklebt hätte, hätte 500.000 geretteten Jahren Menschenleben entsprochen – nicht eben viel, wenn man die andere Zahl bedenkt.

Einen Augenblick dachte ich erst, dass der think tank, als er das ungewollt Schädliche des gut Gemeinten in den Vordergrund stellte, wenig dynamisch dachte, denn einbezogen wurde nicht, dass Fliegen, wenn sie auf einer Nase eine getötete Kumpanin in ihrem Blute hingestreckt sehen, die Tendenz haben könnten, sich, ihrem Selbsterhaltungsinstinkt folgend, schleunigst zu verziehen, um bloss nicht selbst von der Bärenpranke zerdetscht zu werden. In die Aktualität übersetzt: Die weitgehend ungehinderte Verbreitung des Virus hätte nicht nur zur Verbreitung desselben, sondern auch – wie gerade zu sehen ist – zur Ausbildung von noch mehr Varianten führen können, was wiederum Zweifel an der These als angezeigt erscheinen lässt, die Zukunft, zu der es ohne Maßnahmen gekommen wäre, sei rückblickend etwas klar Voraussagbares. Ich dachte auch daran, dass die Patient:innen in dieser letzten Welle sehr viel jünger sind als in der ersten, dass die Überzeugung, jeder Tote habe nur fünf Jahre eingebüßt, also gleichfalls einem dynamischen Denken weichen müsste.

Der think tank gibt nun aber zu bedenken, er habe alle möglichen Parameter so interpretiert, dass die positive Bilanz, die das Endergebnis bereithält, nicht als übertrieben angeprangert werden könne. Man habe – um nur ein Beispiel zu nennen – nicht die ökonomischen Folgen der fehlenden Schulbildung mit einbezogen, die dieses verflixte Pandemiejahr verursacht habe. Auch die psychischen Krankheiten habe man nicht mit abgebucht, obwohl das eigentlich als dringend nötig erscheine.

Dem könnte man nun wiederum entgegenhalten, dass die Berechnungen geflissentlich an allen möglichen anderen Dingen vorbeisehen, zum Beispiel an der Tatsache, dass ja nicht nur Leute am Covid sterben, sondern auch, bedingt durch massenhaft abgesagte Operationen, an Krebs und anderen unschönen Krankheiten, die schlicht nicht mehr behandelt und Folgen noch in mehreren Jahren zeitigen werden. Von den ökonomischen Folgen des Long Covid und ihrem Einfluss auf das Leben und die psychische Verfasstheit ganzer Familien ist auch nicht die Rede, und auch nicht davon, dass man in Schweden genau der Strategie zu folgen versuchte, die GénérationLibre hier mit grosser Wärme und viel Herzblut empfiehlt. Dass das schwedische Modell kläglich gescheitert ist, wird nirgends erwähnt, und völlig illusorisch wäre es natürlich, zu hoffen, ein think tank, der ganz von Zahlen lebt, könne einmal einen Seitenweg einschlagen und sich die Frage stellen, in welcher Situation sich Ärzt:innen befunden hätten, wenn sie nicht nur die 107.000 Menschen hätten sterben sehen, die in den französischen Krankenhäusern bisher wirklich gestorben sind, sondern noch die zusätzlichen 100.000, zu denen es nach den Berechnungen von GénérationLibre ohne Massnahmen gekommen wäre. Kurz: Von Fragen der Ethik ist man bei der Erstellung von Gesamtbilanzen, die ohne Bärentatzen auszukommen versucht hätten, in keiner Weise angekränkelt.

Man könnte die Beispiele mehren – so wie umgekehrt auch der think tank sicher seinerseits einiges an Gegenargumenten ins Feld führen würde. Darum geht es aber letztlich gar nicht. Um festzustellen, wer hier wem einen Bären aufbindet, muss man grundsätzlicher verfahren. Es geht nicht um die Berechnung von diesem und jenem, sondern es geht um die Berechenbarkeit von Zukunft selbst. Das ist das Thema. Beziehungsweise: Das müsste es sein. Was mich erschreckt, ist nicht so sehr diese Aufrechnungslogik, durch die die ideologische Grundposition der Autoren um jeden Preis gestärkt werden soll: In neoliberalen Ökonomien muss man den wirtschaftlichen Akteuren nun mal Freiheit lassen, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Das wusste die Gruppe auch vorher schon. Doch das ist es nicht. Was einschlägt wie eine Bombe, ist vielmehr der hohe Grad an Selbstgewissheit, mit der überhaupt mit Zahlen umgegangen und Berechen- und Planbarkeit angenommen wird. Man gewinnt den Eindruck, dass die Krise gar nicht wahrgenommen worden ist, und zwar in dem Sinne, dass sie methodisch, gedanklich aus dem Gesichtsfeld verscheucht wird, als sei sie die oben genannte, störende Fliege, doch jetzt gesteigert ins Riesenhafte.

Man kann Zahlenvergleiche wie diese „500.000 gegen 1,2 Millionen“ nicht ernst nehmen, weil, von der Position des Heute aus gesprochen, die Zukunft, wie sie hätte sein können, als klar benennbar erscheint. Man schaut bei GénérationLibre nach hinten. Man versetzt sich in eine nicht sehr weit zurückliegende Vergangenheit zurück und sagt, wie man damals die Zukunft hätte gestalten können, wenn man nur gründlicher La Fontaine gelesen hätte. Man behauptet damit, dass die Entwicklung auf die Zukunft zu bei anderen Maßnahmen zwingend so und so verlaufen wäre, d.h. dass man zumindest jetzt wieder ganz dem Gefühl der Beherrschbarkeit leben kann.

Unheimlich ist diese Selbstgewissheit, die aus dem sicher noch nicht einmal besonders bedeutenden Dokument mit seinen eindrucksvollen 1,2 Millionen Menschenlebensjahren, die uns leider durch den Lappen gegangen sind, spricht. Unheimlich ist, dass keine Verunsicherung herrscht, sondern, vorwärts und zurück, hin und her, mit den Zeiten jongliert wird, als könne man ihre verschiedenen Stufen jeweils genau mit bestimmten Zahlen korrelieren lassen.

Dass Beispiele von Ökonomien, die recht gut durch die Krise gekommen sind, weil sie entschieden gegen den Virus zu leben versuchten, gar nicht vorkommen – weder Australien wird erwähnt, noch Neuseeland, weder Südkorea, noch ein diktatorisch regiertes Land wie China –, ist natürlich kein Zufall, doch dieses Argument wiegt sehr leicht gegenüber dem grundsätzlichen Einwand, dass im Denken von GénérationLibre die Krise fehlt – und damit das Eigentliche. Man behauptet, über die Krise nachzudenken, aber wer dieser Behauptung glaubt, lässt sich wahrhaftig einen Bären aufbindet.

Und wenn es noch eines Beweises bedarf, wie bedenklich einen die Verbreitung der hübschen Zahl von 1,2 Millionen Jahren durch ein ja doch recht verbreitetes Blatt wie Le Figaro stimmen kann, dann kommt es hier: Dass ein bestimmtes Verhältnis zwischen Lebenserwartung und Gehaltsniveau existiert, will ich gern und sogar auf’s Wort glauben, aber dass sich dieses Verhältnis nicht durch eine andere Verteilung von Gehalts-Chancen modulieren lässt, das ist mir erneut zu wenig dynamisch, zu wenig krisengeschüttelt gedacht. Der think tank tut so, als könne das, was überhaupt die Berechenbarkeit von Zukunft ermöglicht, auf keinen Fall geändert werden: Gehalt ist halt Gehalt, was will man da tun.

Und das ist, wenn man politisch realistisch sein will, in gewisser Weise auch bitter wahr. Denn diejenigen, die überdurchschnittlich viel an der Krankheit gestorben sind (aber gar nicht so viel, wie man jetzt weiß – nur gestorben in der Höhe des Wertes von 500.000 Menschenlebensjahren) –, sind zugleich sehr häufig diejenigen gewesen, deren Gehaltsniveau erheblich zu wünschen übrig liess. (Es reicht, an die Mortalitätsrate in der Seine-Saint-Denis zu denken. Gestorben sind da massenhaft die Allerallerärmsten.) Sie wären also, wenn man den think tank GénérationLibre nur hätte gewähren lassen, noch in sehr viel höherem Masse gestorben, denn die zusätzlichen 100.000 Toten (mindestens) hätten wir dann leider schon in Kauf nehmen müssen.

Aber dieses « Wir » sind eben nie wir selbst und schon gar nicht dieser think tank. Der hat vermutlich trotz des sehr bescheidenen Denkniveaus, mit dem er sich an die Öffentlichkeit wagt, ein besseres Durchschnittsgehalt als die Leute in der Seine-Saint-Denis, kann also leicht dekretieren, er denke wahnsinnig sozial, weil ja die 1,2 Millionen Menschenjahre vor allen Dingen in diese benachteiligten Viertel geflossen wäre, die nicht richtig vernünftig ihr Leben zu verdienen verstehen. Das wäre schon eine Investition in Langfristigkeit gewesen: Seine-Saint-Denis, ausgestattet mit 1,2 Millionen Jahren – wie will man da noch länger behaupten, wir erlebten eine Krise?

Anne Peiter

Le confinement aurait détruit plus d’années de vie qu’il n’en a sauvé (msn.com)

Corona 251: Privilegien oder nicht

I

Seit Monaten immer und immer wieder dieselbe Leier, dass der Begriff der „Impfprivilegien“ keinen Sinn ergebe, weil es sich ja in Wirklichkeit um Grundrechte handeln würde, die den Menschen aufgrund einer besonderen Notlage vorenthalten wurde und ihnen nun wieder zurückerstattet werden muss.

Schon gut. Vor einigen Monaten war diese Trivialität tatsächlich keine und man musste suchen bis man jemanden fand – meist waren das Jurist:innen –, der oder die klarstellte, dass es sich um eine Phantomdiskussion handeln würde, die vor keinem deutschen Gericht bestehen könnte. Dass aber immer noch so getan wird, als handele es sich bei dieser Trivialität, die tatsächlich zur Trivialität geworden ist, welche die Spatzen von den Dächern pfeifen, um keine, sondern um eine irgendwie abgefahrene Minderheitenmeinung, die gegen den Konsens derer, die angeblich noch immer von Impfprivilegien reden würden, zur Geltung gebracht werden müsste – das ist nicht bloß ein Anachronismus, sondern eine Verzerrung der gesamten Diskussion.

Die Lage hat sich geändert. Ging es vorher noch um Gerechtigkeit, so ist nun ganz klar, dass man die Menschen nur mit der sogenannten Normalität, nur mit den wiederzuerlangenden Freiheiten locken kann, das ganze Elend noch ein Weilchen mitzumachen. Deswegen der Ebenen- und Szenenwechsel in der Debatte. Jetzt muss in einem fort festgestellt werden, dass es sich bei den sogenannten Impfprivilegien nur um eine grundrechtliche Richtigstellung handele.

So wie mir aber schon vor Monaten der Begriff der Impfprivilegien ganz unsinnig erschien [1], bin ich jetzt versucht, wiederum das Gegenteil zu behaupten und zu sagen dass es sich bei den wiedererlangten Freiheiten (vor allem Freiheiten des Konsums, dies sei am Rande bemerkt) eben doch um Privilegien handelt. Das Privileg nämlich ist seine Definition nach ein relationaler Terminus. Er besagt, dass jemand mehr Rechte hat und sich mehr erlauben kann als jemand anderes. Ob diese Differenz daher kommt, das diejenigen, der mehr Rechte besitzen, sie gerechtfertigter- oder ungerechtfertigterweise ausüben, ist irrelevant. Der / die eine hat mehr, der / die andere hat weniger: Das ist der Kern des Privilegs.

Unsere Gesellschaft setzt sich weithin aus Privilegien, oder genauer gesagt, aus Privilegienunterschieden zusammen, die abgesehen von einigen Fundamentalisten kaum jemand beklagt. Wenn ich nur ein geringes Gehalt habe, kann ich manche Restaurants nicht besuchen. Vor vielen Bars stehen (oder besser: standen) Rausschmeißer und Einlasskontrolleure, die dafür sorgten, das nicht jede:r das Etablissement betreten darf. Über die Privilegien, die einer oder einem quasi zufallen, wenn sie aus einer Akademiker:innen-Familien mit hohem Bildungsniveau kommen, wurde im letzten Jahr so oft gesprochen und geschrieben, dass sich eine nähere Ausführung erübrigt. Es gibt diese Unterschiede, sie machen leider unsere Gesellschaft aus und außer den Kommunisten haben sich alle an sie gewöhnt.

Angesichts solcher Unterschiede ist die Frage, ob ich beim Betreten eines Geschäftes oder beim Friseurbesuch einen negativen Corona-Test vorzuzeigen habe oder nicht, geradezu lächerlich. Selbst die, ob ich jetzt oder in einem halben (vielleicht sogar erst in einem ganzen) Jahr meine Reise zu den Kanaren antreten kann, fällt nicht sehr ins Gewicht, wenn man sich die drastischen und im Grunde jeder Vorstellung von Gerechtigkeit ins Gesicht schlagenden Privilegienunterschiede vergegenwärtigt, die es in unserer Gesellschaft gibt.

Es ist einmal wieder eine Ersatzdiskussion. Es wird wieder einmal so getan, als lebten wir in der besten aller Welten, in der es entweder keine Privilegien gibt, oder sie schlechterdings allen Menschen grundrechtlich verbürgt sind.

II

Vielleicht muss man diese immer absurder werdende Debatte einfach umkehren. Hat sich jemand mal klargemacht, was auf den Geimpften eigentlich lastet? Sie müssen uns alle retten. Sie müssen mehrmals in diesem Jahr in den Urlaub fahren, wenn möglich mit dem Flieger, damit die Fluggesellschaften nicht verhungern. Sie müssen mehrere Theater und Kinos gleichzeitig besuchen und die Kultur vor dem Untergang bewahren. Und sie müssen konsumieren, dass die Schwarte kracht. Die Armen, sie tun mir ehrlich leid. Das ruhige Leben ist für sie jedenfalls vorbei.

[1] https://wolframettetexte.wordpress.com/2021/02/05/corona-187-moeglichkeit-und-wirklichkeit/ (Text 2)

Wolfram Ette

III

Ein hoher Prozentsatz der Mittelschichts-Familien ist seit dem letzten Jahr nicht mehr in die Ferien gefahren. Noch nicht einmal ein Wochenende woanders war drin. Bei den Unterschichten ist dieser Prozentsatz noch viel höher. Es hat das durchaus nichts Erstaunliches, das war „früher“ auch nicht anders. Es gehört zur Normalität.

Unnormal ist vielleicht nur, dass jetzt verstärkt über solche Ungleichheiten berichtet wird, dass also diejenigen, die, weil zur Oberschicht gehörend, innerlich schon dabei sind, ihre Koffer für den Sommer zu packen, jedoch ein leise Verwunderung darüber empfinden, dass nicht alle es ihnen nachtun. Normal ist dann aber wiederum, dass man vielleicht ein wenig diese Statistiken lesen und sich auch wundern, dann aber doch den Koffer packen wird, womit die Welt dann wieder ganz normal wäre.

Covid : près de la moitié des Français ne sont pas partis en vacances depuis mars 2020 (msn.com)

Anne Peiter

Corona 250: Mitleid / Kein Mitleid

Mitleid

Letztlich ist es das, was übrig bleibt, nachdem die Schauspieler:innen-Kampagne ins Land gegangen ist und die Gemüter sich etwas beruhigt haben: Mitleid mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, die, Privilegien hin oder her, offensichtlich gar nicht richtig einzuschätzen vermochten, wie das, was sie da gesagt und gespielt haben, eigentlich wirken würde. Mitleid aber deswegen, weil die intuitive Einschätzung der Wirkung eigentlich eine Grundqualifikation einer jeden Schauspielerin und eines jeden Schauspielers sein muss. Ohne das geht es nicht, man darf nicht nur einfach so sein, irgendwie muss man ein Gefühl dafür haben, dass dieses reine Für-sich-Sein, in dem man in der Rolle aufgeht, zugleich doch auch ein Sein-für Andere ist; man muss sich gleichzeitig von innen und von außen sehen können, muss spüren, ohne groß darüber nachzudenken, wie das was man tut, ankommt.

Und keine:r dieser Schauspieler:innen, die dort auftraten, ist bedeutungslos. Einige sind sogar recht berühmt. Sie alle müssen also, wenn stimmt, was ich hier vermute, über diese Fähigkeit verfügen, oder besser: über diese Fähigkeit verfügt haben, denn sie ist ihnen ganz offensichtlich verloren gegangen. Meine These: Das ist ihnen jetzt peinlich, das ist die gemeinschaftliche Zerknirschung, die aus allen Wortmeldungen nach der Kampagne sprach; ganz unabhängig davon, ob sie ihr Video zurückgezogen haben und sich dafür entschuldigen, oder ob sie, in flauer Selbstverteidigung, darauf beharrten.

Wenn es aber soweit ist, dass die Schauspieler, und sogar die gefeierten Schauspieler der Nation, keine Schauspieler mehr sind, weil sie das Gefühl für ihr Publikum verloren haben, dann, zum Teufel, haben wir wirklich eine Krise, dann ist es ernst, und man muss sich Sorgen machen, die über einen ohnehin unwahrscheinlichen Rechtsdrall einzelner Protagonistinnen oder Protagonisten hinausgeht.

Kein Mitleid

Oder ich überschätze sie wieder einmal hemmungslos – so, wie sie sich selbst überschätzen; und es ist doch das Beste, die ohnehin stark erlahmte Debatte mit zwei Videoclips aus ‚Team America‘ abzuschließen, worin die Macher von ‚South Park‘ ihren fiebernden Hass auf jede Art von acting und die Überzeugung, dass jede noch so miserabel animierte Zeichentrickfigur – siehe ‚South Park‘ – ethisch vertretbarer ist als die prämierte Garde selbstverliebter Weltverschlechterer in der folgenden Szene:

Wo gespielt wird in diesem Film, wo Schauspieler auftreten, geht alles schief und die Leichenberge wachsen in den Himmel. Zum Glück geht es aber am Ende gut aus, weil die teuflische, aber dann doch nachlassende Macht der Schauspielkunst durchschaut wird, die zum verlängerten Arm des Bösen geworden ist, das von den Guten immer wieder und zum großen Glück für uns alle aus der Welt gebombt wird. „I could have sworn that she was telling the truth. – That’s why they call it acting …“

Wolfram Ette

Corona 249: Normalité!

Rückkehr zur Normalität

Wenn man die Ungeduld ermessen will, mit der die Rückkehr der Normalität erhofft wird, muss man nur zwei Details erzählen: Die britischen Friseure hatten, weil die Lockdown-Regeln zurzeit schrittweise aufgehoben werden, mitunter schon um Mitternacht ihre Geschäfte geöffnet, weil der Andrang haarschneidewilliger Kunden so immens war. Und in der Oxford Street warteten Kunden schon zwei Stunden vor Wiedereröffnung der zuvor als „nicht-essenziell“ klassifizierten Geschäfte, obwohl schneidende Kälte herrschte.

Das ist, was man sich zurückwünscht: sich die Haare schneiden lassen, shoppen gehen. Nicht heute am Nachmittag, nicht morgen, erst recht nicht übermorgen, sondern jetzt gleich, um Mitternacht, in der Minute selbst, in der das Verbot aufgehoben ist.

Nouveau succès pour la campagne de vaccination britannique, les Anglais trinquent en terrasse (msn.com)

Abstufungen

„Nous agissons pour que dans un mois, les conditions sanitaires nous permettent de reprendre une vie davantage normale“ („Wir organisieren unser Vorgehen, damit in einem Monat die sanitären Bedingungen so geartet sind, dass wir ein normaleres Leben wiederaufnehmen können.“)

Man höre und staune! Ein „normaleres Leben“ tritt an die Stelle des Versprechens, das normale Leben stehe vor der Tür. Man gibt zu, dass es nicht ganz klappen wird, aber am Begriff der Normalität hält man fest. Am Terminkalender auch. Aber damit das Ganze nicht zu einer riesigen, kollektiven Enttäuschung werde, streut man erste Einschränkungen ein, und die liegen eben im Wort „davantage“. „L’avantage“ bedeutet im Französischen übrigens „der Vorteil“. So nah liegen die beiden Begriffe zusammen. Es ist politisch ein wirklicher Vorteil.

Covid-19: Véran prévient qu’il y aura „des annonces dans les semaines qui viennent“ (msn.com)

Raum und Zeit

Wann genau der Monat Mai anfängt, wie und wo er Anwendung findet, um die herrschenden, sanitären Maßnahmen wieder aufzuheben, weiß kein Mensch, auch die Regierung nicht. Anfänglich wurde selbstgewiss mitgeteilt, Mitte Mai ziehe die Normalität wieder ein, doch jetzt wird deutlich, was man ja eh schon wissen konnte, wenn man nur gewollt hätte, es zu wissen, nämlich: dass sich die Regierung wieder aus der Affäre ziehen muss, die sie sich selbst geschaffen, in die sie sich selbst hineinbugsiert hat.

Es zeichnet sich ab, dass die versprochene Normalität regional differenziert daherkommen wird: Die Gegenden, in denen es weniger dramatisch ist, finden als Erste zum Alltag zurück. Man wird vermutlich auf die wenigen Ausnahmen verweisen und triumphal den Zeigefinger ausstrecken: Man sehe es doch, der Terminkalender sei eingehalten, das Versprechen umgesetzt worden! Ja, wird man dann zugeben müssen, wie schön, dass es für die Bretonen klappt. (Die Bretonen sind hier ein plausibler Platzhalter, denn bei denen läuft ja seit jeher alles bestens.)

Doch werden all diejenigen, die nicht der Platzhalter sind, sondern vielmehr einem ungewissen Terminkalender ungeworfen bleiben, mit dieser regionalen Ausdifferenzierung, die eigentlich einer zeitlichen entspricht, leben wollen? Wird man das Versprechen als eingelöst betrachten, wenn es nur für die je anderen eingelöst worden ist? Wird sich nicht im Gegenteil das Gefühl verstärken, zeitlich abgeschlagen hinter den anderen zu liegen, wieder einmal ausgeschlossen zu sein von dem, was man erhoffte? Neben den Impfneid tritt der Kalenderneid, neben diesen der Alltagsneid, neben diesen die Wut auf die Politik?

Levée des restrictions „début mai“ ou „mi-mai“ : le flou sur l’agenda du déconfinement (msn.com)

Die Gefahren der Hoffnung

Man möchte zu gern an die Lockerung der Maßnahmen gehen, zur Normalität zurückfinden, die Früchte dieses dritten Lockdowns ernten, indem man erst gemütlich in einem Restaurant speist und im Anschluss daran ins Theater geht, am besten maskenlos und mit einer großen, freudigen Freundesschar.

Doch die Epidemolog:innen betätigen sich als Historiker:innen. Sie blicken zurück auf das, was war. Sie erinnern daran, was man bei der „zweiten Welle“ einst als besorgniserregend betrachtet hat. Es wird verglichen – das Heute mit dem Damals:

„Avec 33.000 nouveaux cas quotidiens et 6.000 personnes en réa, on est quasiment au niveau d’entrée dans le deuxième confinement“ („Mit 33.000 neuen Fällen pro Tag und 6.000 Personen auf den Intensivstationen sind wir quasi auf dem Niveau, das wir zu Beginn des zweiten Lockdowns hatten“).

Das heißt übersetzt, dass jetzt allgemein über baldige Lockerungen nachgedacht wird, obwohl damals in einer vergleichbaren Situation die Notwendigkeit eines Lockdowns umgesetzt worden ist. Man findet heute, die Situation verbessere sich, während man damals bei vergleichbaren Zahlen fand, die Situation sei so dramatisch, dass man unbedingt reagieren müsse. Man findet, die Beherrschbarkeit sei so stark gestiegen, dass man das Risiko der Öffnung eingehen könne. Damals fand man, die Beherrschbarkeit sei angesichts der täglichen Ansteckungen so gering, dass der Lockdown, in den man gerade eintrat, unumgänglich sei.

Ein Spezialist gibt zusätzlich zu bedenken, dass wir im jetzigen Kontext die Gefahr der Varianten einzubeziehen haben:

„Si on ne prend pas le temps de baisser drastiquement le nombre de cas, on laisse l’opportunité aux variants d’avancer masqués, comme en ce début d’année. Or ils représentent un risque réel dont il faut se prémunir.“ („Wenn wir uns nicht genug Zeit nehmen, um die Zahl der Fälle drastisch zu senken, geben wir den Varianten die Gelegenheit, maskiert voranzuschreiten, ganz so wie zu Beginn dieses Jahres. Es muss daran erinnert werden, dass sie ein wirkliches Risiko darstellen, gegen das wir uns schützen sollten.“)

Es ist abzusehen, dass nichts so gravierende Folgen haben wird wie unbedacht abgegebene Versprechungen. Indem der Präsident partout Hoffnung verbreiten und diese Hoffnung an einem Terminkalender aufhängen wollte, hat er sich selbst in eine Zwickmühle gebracht. Die allmähliche Verbesserung der Situation geht so langsam vor sich, dass er die Kontrolle bis zum angegebenen Termin nicht zurückgewonnen haben wird. Wenn er dieser Realität Rechnung trägt, schafft er Unzufriedenheit. Wenn er aber die Realität ignoriert und der Hoffnung freien Lauf lässt, lässt er auch der Pandemie wieder freien Lauf, und damit den Varianten.

Es zeichnet sich also ab, dass all das, was durch kollektive Anstrengungen und ökonomische Opfer erreicht worden ist, durch die allzu frühe Hoffnung wieder zunichte gemacht werden könnte. Es ist nicht auszuschließen, dass, einfach dadurch, dass man Normalität dekretiert, die Normalität ein xtes Mal wieder zunichte gemacht wird. Das politisch Gefährliche besteht darin, dass in dem Maße, in dem die Bevölkerung Opfer erbringt, ohne dass diese auf Dauer etwas fruchten, die Bereitschaft, weiter Opfer zu erbringen, sinkt und sinkt.

Hätte Macron den dritten Lockdown früher verhängt, hätte dieser kürzer ausfallen können. Er hat ihn aber erst verhängt, als es wirklich nicht mehr anders ging, und so zeigt sich, dass er jetzt einem Zeitindex folgen muss, der ihm von allen Spezialist:innen vorausgesagt worden war: Wenn das Niveau der Ansteckungen sehr hoch ist, dauert es lange, bis es wieder sinkt. Der gedankliche Fehler besteht also darin, dass man sich von den Optionen, die zur Verfügung stehen, stets das aussucht, was am bequemsten ist: Vom späten Lockdown die Tatsache, dass er spät kommt und man ihn der Bevölkerung nicht gleich zumuten muss, vom frühen Lockdown, dass man früher lockern kann.

Nur ist es aber leider so, dass das eine mit dem anderen nicht kombinierbar ist. Hat man sich für die eine Vorgehensweise entschieden und damit die andere ausgeschlossen, muss man mit dem leben, was aus der Wahl folgt. Ursache und Wirkung sind nicht nach Gutdünken kombinierbar, sondern bilden eine feste Einheit. Politisch passiert jedoch genau das Gegenteil, und ich glaube, es ist eine Mischung aus Angst (nämlich vor den Reaktionen der Bevölkerung) und voluntaristischen Optimismus (einer regelrechten Lebenshaltung), aus der sich mögliche, kommende Entscheidungen speisen werden.

„En relâchant les mesures trop tôt, le risque c’est que la descente ralentisse ou même s’interrompe et que tous ces efforts aient été faits inutilement. […] S’agissant du coût humain, ce n’est juste pas tenable de parier sur un nouveau plateau haut.“ („Wenn man die Maßnahmen zu frühzeitig fahren lässt, besteht das Risiko, dass der Rückgang sich verlangsamt oder sogar völlig unterbrochen wird und dass alle Anstrengungen umsonst unternommen worden sind. […] Was die Kosten an Menschenleben betrifft, so ist es einfach nicht vertretbar, eine Wette auf einem so hohen Ansteckungsniveau abzuschließen.“)

Mit diesen Worten kritisiert ein Arzt, das, was vielleicht entschieden werden wird, antizipierend.

Immer mehr zeigt sich in meinen Augen, dass es sehr viel besser gewesen wäre, die Gesundheitspolitik auf Dauer zu stellen. ZeroCovid hieß die Initiative, doch sie ist von den Wirklichkeiten überrollt worden. Und traurig scheint mir zu sein, dass jetzt wirklich nicht mehr die Kraft besteht, es jetzt doch noch zu versuchen. Man zieht es vor, von einer Krise in die nächste zu taumeln, statt aus einer Form der Hoffnungslosigkeit heraus zu analysieren, was man bei ihrer Bekämpfung bisher falsch gemacht hat. Man sieht: Es hat nicht funktioniert. Doch je häufiger es nicht funktioniert hat, desto mehr macht man mit der alten Politik weiter. Oder schlimmer gar: Man wird noch ungeduldiger, hebt die Maßnahmen noch früher auf als damals, macht alles nur noch schlimmer.

Hoffnungslosigkeit wäre dagegen die Voraussetzung für eine wirkliche Zäsur. Aber die Hoffnung ist nicht abzutöten, und darum bleibt alles so hoffnungslos wie zuvor. Man hat die Möglichkeiten, die in der Hoffnungslosigkeit beschlossen liegen, nicht zu begreifen gelernt, und darum bleibt man ihr ausgeliefert, ohne die Früchte erreichen zu können, die sich ausbilden würde, wenn man sie nur ließe.

Covid : l’épidémie sur un plateau, le gouvernement dans l’embarras (msn.com)
Covid-19 : la tentation du relâchement (msn.com)

Die Voraussetzungen denken

50.000 Zuschauer:innen haben in Auckland maskenlos, Körper an Körper an einem Konzert teilgenommen. Die neuseeländische Abschottung hat’s möglich gemacht. Jetzt wird dieses Ereignis als das größte Konzert weltweit gefeiert: das grösste, bezogen auf die bisherige Geschichte der Pandemie. In Frankreich wird mit offenem Neid von dieser Normalität berichtet. Ich kann mir gut vorstellen, dass man diese Bilder der eigenen Regierung noch vorhalten wird. „Warum so was nicht bei uns?“ Nun, wenn man so was haben will, muss man auch das auf sich nehmen, was es möglich macht, so was zu haben. Ich vermute aber, dass man, da ja an’s Auswählen gewöhnt, immer nur das neuseeländische Konzert auswählen wird, und nicht auch das, was seine Voraussetzung war. Das war schon so, als Schweden in aller Munde war: keine Maske, so viel Freiheit! Ja, aber es gab auch Dinge, die ein Gegengewicht darstellten. Man will aber nie das Gegengewicht, sondern immer nur die Leichtigkeit, so, als existiere diese von allein.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/culture/ces-images-nous-font-tous-rêver-50-000-personnes-sans-masque-ni-distanciation-lors-d-un-concert-en-nouvelle-zélande/ar-BB1g4aZe?ocid=msedgntp

Apokalyptische Aussichten

Das kalifornische Disneyland hat wieder öffnen können, jedoch nur für ein Viertel der sonst üblichen Besucher. Die Plätze waren sofort ausgebucht. 20.000 Menschen seien gekommen, lese ich.

Das ist in der Tat nicht ganz normal, obwohl diese Zahl recht ganz ordentlich aussieht. Aber richtig Normalität herrscht erst, wenn wieder alle, die wollen, kommen dürfen. Erst wenn Mickey und die Maßen wieder glücklich vereint sind in einer Selbstverständlichkeit, wie wir sie vor der Pandemie kannten, wird man sagen können, dass die großen Zahlen, die uns in der ganzen letzten Zeit begleitet haben, werden ad acta gelegt werden können.

An die Stelle der Zahl der Toten werden die normalisierten Zahlen der strömenden Besucher treten, und es wird so sein, als wäre nie was anderes gewesen. Vor nichts graut mir so sehr wie vor dieser Aussicht der Normalität.

Der Blankoscheck

Die 18 bis 25jährigen Französinnen und Franzosen sollen mit einem Reisescheck von bis zu 200 Euro in die Ferien geschickt werden:

„Trois univers sont proposés: la montagne, le soleil et la ville.“ („Drei Universen stehen im Angebot: die Berge, die Sonne und die Stadt.“)

Es besteht gar kein Zweifel daran, dass die jungen Leute schwer unter der Krise gelitten haben und viele gerade jetzt nicht das Geld aufbringen, um ein bisschen Urlaub zu machen. Ich spreche also gar nicht gegen die jungen Leute, wenn ich erkläre, dass mir die staatliche Urlaubsförderung im höchsten Maße suspekt ist. Es geht allein um den Urlaub selbst, nicht darum, wer dann genau fährt.

Im Frühjahr 2020 erklärten die europäischen Regierungen der verschiedenen Ländern ihren jeweiligen Bevölkerungen, jetzt, nach Beendigung des Lockdowns, werde alles wieder gut. Und man ließ die Leute fahren. Man hielt’s ökonomisch für extrem wichtig, dass sie fuhren. Jetzt, ein Jahr später, lässt man sie nicht nur fahren, sondern finanziert sogar, dass sie fahren, denn gefahren werden muss. Vor einem Jahr gab es vielleicht noch den Einen oder Anderen, der Zweifel hegte, ob es gut sei, den Maßentourismus wieder voll in Gang zu setzen. Heute, wo man Zeit genug gehabt hat, um zu ermessen, was Urlaub und Mobilität in Pandemiezeiten bedeuten, was sie anrichten, was sie, gesamtgesellschaftlich betrachtet, kosten, hat man gar keinen Zweifel mehr: Man stellt Urlaubsschecks aus.

Deren Höhe beläuft sich nun aber – entgegen der Version, die offiziell verbreitet wird – keineswegs auf 200 Euro pro Person. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Blankoscheck. Um einen Blankoscheck auf die Zukunft. Man tut so, als könne man dieser vertrauen, als werde sie – nämlich die Zukunft – schon die richtige Summe einsetzen, als werde das, was auf die Unbedachtheit dieser total überstürzten Normalisierung folgen könnte, das kollektive Konto der Nation nicht leeren. 200 Euro – das ist doch ein Klacks! Das ist doch nicht mehr als eine symbolische Geste gegenüber einer Jugend, die in tiefer Traurigkeit steckt!

Eben drum, eben drum. Man verkündet Normalität zu einem Spottpreis von 200 Euro. Man verscherbelt die Zukunft zu einem Preis von 200 Euro. Man lernt nichts, man bedenkt nichts, man beobachtet nichts. Man macht einfach das, was man schon vor einem Jahr gemacht hat, noch einmal. Nur schlimmer. Und das nennt sich dann Normalität. Auch wahr. Nur hat das mit der Förderung der Zukunft zugunsten der Jugend nichts zu tun.

Vacances : Une aide de 200 euros accordée aux jeunes de 18 à 25 ans (msn.com)

Genug gelitten

Der für den Tourismus zuständige Staatssekretär der Regierung Macron versichert:

„Il n’y aura pas d’interdiction… Au contraire, les gens ont suffisamment souffert des derniers mois. Il est important qu’ils puissent s’oxygéner, où ils le souhaitent.“ („Es wird keine Verbote geben… Im Gegenteil, die Menschen haben in den letzten Monaten genug gelitten. Es ist wichtig, dass sie Luft holen können, wo immer sie wollen.“)

„Genug gelitten“. Wer sagt das? Das sagt der Staatssekretär, doch nicht nur er. Alle sagen das. Und ich finde und sage das auch. Nur ist völlig unerheblich, was der Staatssekretär sagt, und noch weit unerheblicher ist, was ich selbst sage. Erheblich ist nur, dass es ein Maß für’s Leiden nicht gibt. Zwar ist offensichtlich, dass es jetzt „genug“ ist, doch wenn der Virus Lust hat, und er reist mit, sobald wir unsere Koffer gepackt haben werden, wird sich zeigen, dass es zwar schon zuvor „genug“ war, dass der Virus aber trotzdem weiter macht.

Es ist absolut kindisch zu glauben, wir könnten uns mit einem bestimmten Maß an Leid das Recht zum Reisen „erkauft“, es „verdient“ haben. Natürlich haben wir das! Aber das spielt nicht die geringste Rolle! Wenn wir finden, es sei jetzt genug, wir bräuchten mal eine Auszeit, bei der wir tief durchatmen, Luft schöpfen und uns besinnen können – „auftanken“ nennt man das auch gern –, ebnen wir dem nächsten Schub an Leid schon den Weg. Oder die Autobahn. Mit jedem „Jetzt aber genug!“ stellen wir das Leid selbst her, mit jedem „Ich will nicht mehr!“ zwingt man sich selbst, dennoch weiter wollen zu müssen. Jedes Auftanken macht den kollektiven Tank leerer, jeder vorschnelle Schritt in die Normalität zerstört diese, jede Versicherung, man könne fahren, „wohin man wolle“, bedeutet, dass der Virus dahin kann, wohin er will.

Das Verständnisinnige, das die Rhetorik eines Staatssekretärs kennzeichnet, der behauptet, sich mit Fragen des Tourismus auszukennen, zeigt, dass Oben und Unten, Regierende und Regierte, in der Unfähigkeit aufeinander bezogen bleiben, Shakespeare zu lesen:

„Gott, wer darf sagen: Schlimmer kann’s nicht werden?
’s ist schlimmer nun als je. […]
Und kann noch schlimmer gehn; ’s ist nicht das Schlimmste,
Solang‘ man sagen kann: ‚Dies ist das Schlimmste.'“

Übersetzt in die Idee „Genug gelitten“:

Gott, wer darf sagen: Wir haben genug gelitten?
’s wird mehr gelitten werden noch als je. […]
Und zu mehr Leid kann’s noch gehen. Es ist nicht genug Leid,
Solang‘ man sagen kann: „Jetzt ist genug gelitten.“

Man stelle sich das mal vor: Jesus hängt am Kreuz, soll das Leid der Welt auf sich nehmen und schreit dann, weil er die Nägel im Fleisch, den Dornenkreuz auf dem Kopf und die blutende Wunde an der Seite nicht mehr aushält: „Jetzt aber genug!“ Das würde bedeuten: „Für’s ewige Heil der Menschheit reicht’s jetzt aber!“ Auf Golgatha ist’s hingegen so, wie Shakespeares Figur es sagt: Es ist erst genug, als Jesus gar nichts mehr sagen kann, als er gar nicht mehr in der Lage ist, zu sagen, jetzt habe er genug gelitten. Genug gelitten hat er erst, als er gänzlich durch den Tod hindurchgegangen ist. Erst das Unmaß an Leid, seine ganze Unermesslichkeit bringt das Heil.

Wir haben das Glück, das Maß selbst in der Hand zu haben. Wir sind gar nicht gezwungen, Leid auf uns zu nehmen. Wir können es selbst regulieren. Das Besorgniserregende besteht also in den Worten, die der Staatssekretär auf die Versicherung folgen lässt, es werde keine Verbote geben: „Im Gegenteil…“. Was soll wiederum das heißen? Dass es keinerlei Einschränkungen geben wird? Dass nicht nur alles erlaubt sein wird, sondern sogar mehr als das Erlaubte, nämlich auch das, was zuvor – bevor das Leid kam – nie und nimmer erlaubt worden wäre, weil man vorher eben noch nicht in diesem Ausmaß gelitten hatte?

Wenn der Staatssekretär das sagen wollte, würde das bedeuten, dass wir nicht nur in die uns bekannte Normalität „der Welt zuvor“ zurückkehren, sondern dass wir diese Welt in Hochpotenz, das heißt: in einer Version totaler Übersteigerung haben wollen. Es gab vorher wenig Verbote. Jetzt werden auch noch die letzten Schranken fallen, jetzt lassen wir mehr noch denn je die totale Sau raus: die Feriensau.

„Im Gegenteil…“. Genau. Man will das genaue Gegenteil. Erst waren Leid und durch sie bedingte Verbote. Jetzt will man Freude und totale Schrankenlosigkeit. Und man glaubt, man habe ein Anrecht darauf erworben. Das ist das, was gegenüber Shakespeare neu ist: Shakespeare beobachtet die Auseinandersetzung mit dem Schlimmen als dem Schlimmen, kritisiert, dass man die Steigerung des Schlimmen nicht zu denken vermag. Wir sind weit schlimmer als seine Figuren. Wir sind nicht nur unfähig, das mögliche Schlimmerwerden des Schlimmen zu denken, sondern wir erkennen noch nicht einmal das schon existierende Schlimme an. Ja, wir gehen sogar noch drüber hinaus: Aus dem Schlimmen leiten wir das Recht ab, so zu handeln, dass das Schlimmerwerden zu einer Gewissheit werden müsste, wenn man denn überhaupt wahrgenommen hätte, woher das Schlimme überhaupt kommt. Nämlich: Die Quelle des Schlimmen ist, dass uns der Atem nicht mehr stockt, wenn wir ihm begegnen. Dass wir „durchatmen“, „auftanken“ wollen wie eh und je. Dass der Zusammenhang von „Auftanken“ und Luftabschnüren nicht deutlich geworden ist, obwohl dieser kausale Nexus jetzt schon länger als ein Jahr dauert und die letzten Sommerferien eigentlich genau bewiesen haben, was wir gerade vorbereiten. Nicht „was sich vorbereitet“, nein: „Was wir vorbereiten.“ Wir – das agierende Subjekt. Wir – das sich selbst leidend machende Überdrüssige.

Vacances d’été : “Les Français pourront voyager à l‘étranger”, assure le secrétaire d’Etat au Tourisme Jean-Baptiste Lemoyne (msn.com)

Anne Peiter

Corona 248: Riechen und Nichtriechen

Normal riechen

Patient:innen, denen der Geruchssinn abhanden gekommen ist, stellen sich, wie zu lesen ist, mitunter zehnmal täglich unter die Dusche, weil sie nicht sicher sind, ob sie wirklich gut riechen. Es tut mir leid, aber ich würde behaupten, dass sich das Exzessive des Duschens auch aus einem Exzess von Sauberkeit schon vor der Covid-Erkrankung ableiten lässt und nicht nur aus der Erkrankung selbst. Die vor-pandemische Normalität war mit dem, was sie für einen „normalen“ Geruch hielt, vielleicht auch schon nicht so normal gewesen, wie sie glaubte.

Die Gefährdung der Zivilisation

Geruchsforscher:innen halten es für ein großes Problem, dass Covid-Patient:innen nach überstandener Krankheit oft lange Monate keinen Geruchssinn mehr haben und daher auf der Straße in einen Haufen Hundescheiße treten können, ohne es zu merken.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Es stimmt. Die Scheißhaufen, in die man tritt, ohne es zu merken, sind sicher das dringlichste zivilisatorische Problem, mit dem wir zur Zeit konfrontiert sind. Es gibt kein Problem, das über diesem stünde.

Die Madeleine

Es kommt, wie abzusehen war: Sobald französiche Forscher:innen zum Thema „Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns“ befragt werden, müssen sie ihre Belesenheit zeigen, und bedauern die Kranken, weil diese, so ihr Argument, nicht mehr, wie noch der selige Proust, auf die mémoire involontaire zählen können, die sich in ganz Frankreich immer dann zu melden pflege, wenn man auch nur ein winziges Stückchen einer Madeleine abbeiße.

Ich bin wirklich sehr für die Förderung des nationalen Erinnerungsvermögens, halte dieses in Pandemiezeiten sogar für absolut überlebenswichtig, doch vielleicht könnte man die Erinnerung ja inhaltlich mehr auf rezentere Themen polen und nicht bloß auf diesen verfestigten Bildungsschrott? Denn Schrott wird alles, was sich mit zu großer, ja geradezu unwillkürlicher Automatik einstellt.

Es riecht, wie es riecht

Eine Reihe von Psycholog:innen, Anthropolog:innen und Duftforscher:innen erklärt, warum der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinnes einer erheblichen Einschränkung gleichkommt und Quelle von Depressionen werden kann. Es ist alles sehr einleuchtend, doch ich frage mich, warum Le Figaro diesen Artikel eigentlich in der Rubrik „Madame Figaro“ veröffentlichen musste. Leiden denn die Männer, die von diesen Symptomen befallen sind, nicht unter ihnen? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass „Madame Figaro“ doch sehr eigene, sehr altbackene, sehr diskussionswürdige Ideen von dem Verhältnis zwischen Geruchsinn und Genderfragen hat. Ich riech’s förmlich, denn mir stinken diese Klischees schon seit langem.

Eine Welt voller Phantome

Diejenigen, deren Nasen nicht mehr funktionieren, scheinen mitunter Phantomgerüche zu riechen, ähnlich wie man bei einer Fatamorgana etwas sieht, das es nicht gibt, oder bei einem Bein, das man nicht mehr hat und das doch zu schmerzen beginnt.

Ehrlich gesagt, würde mich brennend interessieren, einen Geruch zu riechen, den es nicht gibt, denn ich stelle mir gern auch Welten vor, die es nicht gibt, weil es sie nicht gibt, oder entwickle Hoffnungen, die es nicht gibt, weil man sie nicht hat, oder sehe Lösungsmöglichkeiten, die es nicht gibt, weil es zu anstrengend wäre, sie herbeizuführen, kurz: ich kann nicht ganz glauben, dass diese Phantomgerüche ausschließlich krankhaft und gespenstisch sein sollen.

Anne Peiter

https://madame.lefigaro.fr/bien-etre/limpact-psychologique-de-la-perte-du-gout-et-dodorat-091120-183342

Corona 247: Ergo …

Eine Zeitlang war ich ja auch für die Aufhebung der Impriorisierung, so à la Söder und Müller, aber zwei Radiosendungen haben mich davon abgebracht, und zwar sehr gründlich, wirklich sehr gründlich:

In der ersten geht es um die Zustände in den Berliner Hausarztpraxen nach der Aufhebung der Prioritätsreihenfolge für den Impfstoff von AstraZeneca. Es scheint ein Run auf sie eingesetzt zu haben; die email-Postfächer sind mit mehreren hundert Mails am Tag voll, ständig klingelt das Telefon und es gibt nur ein einziges Thema: die Impfung. Diejenigen, die anrufen und mailen, sind nicht in der Patient:innenkartei; und vermutlich ist die geplagte Praxis auch nicht die einzige, bei der sie sich melden. Der angestaute Frust der Jüngeren, die sich von vielem, was ihr Leben ausgemacht hatte, ausgeschlossen fühlen, bricht durch; die ordentliche, deutsche Schlange vor den Impfzentren bricht auseinander; jetzt zählt die Kraft der Ellenbogen und es gilt das Recht der Stärkeren und Geschickteren. Diejenigen, die genügend Sammelmails verfassen, und über ausreichend Zeit und Kraft verfügen, sich stundenlang, wieder und wieder, ans Telefon zu hängen, haben die besten Chancen, sich durchzusetzen; und vielleicht sind es auch diejenigen, die am energischsten darauf pochen werden, ihre Rechte wieder wahrzunehmen — von den älteren Menschen, die bislang geimpft wurde, stand das ja nicht zu erwarten, es war ein praktischer Nebeneffekt ihrer Priorisierung.

Die zweite Sendung war ein Interview mit dem Theologen und ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. Seine Forderung war, dass nun die Schülerinnen und Schüler, bei denen es möglich ist, alle Lehrer:innen und die Eltern schulpflichtiger Kinder zu impfen seien. [1] Seit einem Jahr hören wir die Leier, dass die Bildung unserer Kinder ja so wichtig sei; dass die bestehenden Ungleichheiten sich durchs Home Schooling verschärft hätten, dass ganze Schülerkohorten, wenn sie nicht schon verloren sind, verlorenzugehen drohen. Jetzt sei es an der Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen und diejenigen zu unterstützen, die „unsere Zukunft“ seien und mit am härtesten von den Pandemie betroffen seien.

Auch wenn die Phrase von der Zukunft, die unsere Kinder seien, bei mir mittlerweile Beißreflexe auslöst, weil wir, die Abgehörigen einer Elterngeneration, seit dreißig Jahren nichts anderes tun, als diese Zukunft und damit unsere Kinder systematisch zu missbrauchen: Er hat Recht, und man darf diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, die systemisch gewordene Doppelmoral in Bezug auf „unsere“ Zukunft wenigstens dies eine Mal in Moral zurückzuverwandeln.

Und ich möchte noch ein Argument nachschieben, das seine Forderung unterstützt. Es hat ja verschiedene Sprachregelungen gegeben, was die Coronatoten anbelangt. Es hieß dann, jemand sei „an“, „mit“, „durch“ oder „im Zusammenhang mit“ Corona gestorben — letzteres dann, wenn es eine Vorerkrankung gab, die bereits bedrohlich war und die Coronainfektion dazu führte, dass die Vorerkrankten schließlich verstarben.

Parallel dazu halte ich es für legitim, von Erkrankungen zu sprechen, die „im Zusammenhang mit“ Corona aufgetreten seien, die also ohne Corona nicht oder nicht in dieser Form aufgetreten seien. Die psychischen Erkrankungen von Schülerinnen und Schülern, der Burnout von Eltern und Lehrer:innen, aber auch der Verlust einer jeglichen Beziehung zur Schule, Lebensläufe, die nurmehr im Horizont dieser verlorengegangenen Beziehung stattfinden können — all das sind Pathologien der Pandemie, die sich ein Stück weit nicht vermeiden lassen, gegen die aber nun vorgegangen werden müsste.

Die Impfreihenfolge, so wie sie jetzt vorgesehen ist, ist auch eine Reihenfolge der Wissenschaften, die bei einer Pandemie zuständig sind. Dies ist zuerst die V i r o l o g i e ; sie kümmert sich, vereinfacht gesagt, um das, was ein Virus in einem Körper anrichtet, wie es funktioniert, welche Immunantworten er gibt, warum manche Menschen anfälliger dafür sind, schwer zu erkranken und zu versterben etc.. Die gesamte Kategorie 1 war davon bestimmt; und nachdem klar geworden war, dass neben bestimmten Vorerkrankungen es vor allem das Alter es ist, das das Risiko erhöht, schwer an Corona zu erkranken, hat man die Alten als die verwundbarste Gruppe an die erste Stelle der zu Impfenden gesetzt.

Es folgt dann die E p i d e m i o l o g i e , die Wissenschaft von der Verbreitung des Virus in einer Gesellschaft. Im Fokus der Epidemiologen steht nicht die Vulnerabilität der Einzelnen, sondern ihr Beitrag zum Infektionsgeschehen. Die Epidemiologie befasst sich mit dem sozialen Aspekt einer Krankheit, also mit den Fragen: Wer steckt wen unter welchen Bedingungen an? Aus einer strikt epidemiologischen Sicht wären zum Beispiel nicht die sehr alten Menschen zuerst zu impfen, sondern — beispielsweise — die Pfleger:innen als diejenigen, die die Krankheit ins Pflegeheim tragen und die Patient:innen infizieren können. Oder überhaupt Menschen mit berufsbedingt vielen Sozialkontakten, wie zum Beispiel die Kassierer:innen in den Supermärkten oder den Drogerien. Oder Ärzte, die häufig Kontakt zu Coronapatient:innen haben, sich anstecken und die Krankheit damit weitergeben können.

Teilweise, aber eben nur teilweise, ist die epidemiologische Prioritätensetzung in die zweite Impfkategorie eingewandert — dadurch, dass nun Angehörige von Medizinberufen an die Reihe kamen. Andere, wie zum Beispiel das nichtmedizinische Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, war nicht berücksichtigt; das Reinigungspersonal konnte warten. Auch die Mitarbeiter:innen in Supermärkten und den „systemrelevanten“ Bereichen, die für’s Überleben notwendig sind, wurden als weniger gefährdete Personen heruntergestuft; die epidemiologische Perspektive, dass sie, obgleich selbst vielleicht weniger gefährdet, andere, sehr gefährdete Personen anzustecken in der Lage sind, fand — anders als in vielen anderen Ländern — bei uns keine Berücksichtigung.

Es scheint mir nun wichtige, zwei weitere Perspektiven, und mit ihnen einen nichtmedizinischen Wissenschaftskomplex hinzuzufügen. Es sind P s y c h o l o g i e und S o z i o l o g i e . Sie verhalten sich zueinander eben so wie die Virologie und die Epidemiologie – so wie umgekehrt die Epidemiologie ja eine Art medizinische Soziologie ist. In der Psychologie rückt das durch das Virus verursachte Leiden der Einzelnen, in der Soziologie rückt das Corona-Leiden der Gesellschaft in den Blick. Und auch hier könnte man so vorgehen, dass zunächst das Leiden der Einzelnen beim Impfen berücksichtigt wird; also: Es sind die psychischen Erkrankungen Einzelner, und zwar der „Vulnerabelsten“, denen durch eine Impfung insofern Erleichterung geschaffen werden kann, als sie aus ihrer Isolation herauskommen können und sich wieder, so es überhaupt möglich ist, ‚normal‘ fühlen dürfen. Sie können nicht mehr angesteckt werden, also zumindest nicht mehr schwer erkranken; und sie können nach Lage der Dinge die anderen nicht mehr anstecken. Es geht hier erst einmal nicht um ‚Impfprivilegien‘, sondern schlicht um die Möglichkeit, die sozialen Kontakte, auf die wir angewiesen sind und von denen wir in gewisser Weise leben, nicht als vergiftet und gefährlich zu empfinden.

Danach dann müsste man versuchen, die sozialen Pathologien zu beheben, die mittlerweile entstanden sind. An erster Stelle steht dabei, dass unsere Gesellschaft kein sozialer Zusammenhang mehr ist; dass es kaum noch Begegnungen gibt, dass wir als Individuen relativ isoliert leben, dass alle Arten des geneinschaftlichen Vergnügens, Feste, das Fußballspiel am Wochenende, das Großfamilientreffen, der Kneipenabend, verschwunden sind. Das, so scheint mir, ist die zentrale soziale Pathologie, unter der wir leiden. Jede Form gesellschaftlicher Organisation setzt die Einzelnen unter einen Kulturalisierungsdruck; sie wird durch Disziplin, Triebverzicht und Triebverschiebung erkauft; Freud hat das in seiner Schrift über „Das Unbehagen in der Kultur“ auf eine Weise beschrieben, Norbert Elias im „Prozess der Zivilisation“ auf eine andere. Um das aushaltbar zu machen, gibt es die Ventile, durch die gelegentlich Dampf abgelassen werden kann: die dionysischen Umzüge der Vorzeit, Rauschzustände überhaupt, Fest und Ferien, der Karneval – all das, was uns in einem gesellschaftlch vorgegebenen Rahmen ermöglicht, die Anforderungen unseres Alltagslebens für eine Weile zu vergessen.

Dieser gesamte Bereich befindet sich im Lockdown. Seit einem Jahr. Und es besteht für mich überhaupt kein Zweifel daran, dass deswegen die gesamte Gesellschaft „im Zusammenhang mit“ Corona erkrankt ist. Und natürlich bedeutet das, dass die Einzelnen sich deswegen auch krank fühlen: weniger lebendig, mürbe, depressiv, hohl und von einer Disziplin angetrieben, die sich von Woche zu Woche weiter totläuft. Der Run auf die Berliner Arztpraxen, von dem ich zu Beginn berichtete, zeigt an: Die Sehnsucht, das wiederzubekommen, sich als gesellschaftliches Wesen wieder lebendig zu fühlen, ist bei vielen so groß, dass die Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs, vor dem sich die älteren Berlinerinnen und Berliner offenbar fürchteten, damit verglichen bedeutungslos erscheinen.

Ich finde das gravierend: Trotzdem sollte man die sozialen Pathologien, was das Impfen angeht, den individuellen Pathologien nachordnen. Und mir scheint, dass die individuellen Pathologien, also „Corona-Erkrankungen“ ohne Corona in der Schule systematisch am weitesten verbreitet sind. Der Prozess des Erwachsenwerdens ist einer der Abstraktion, eine Bewegung, die von rein körperlichen Beziehungen ausgeht und Techniken erlernt, sie, mit einem altmodischen Wort, zu „vergeistigen“, also in Distanz aufrecht zu erhalten – zum Beispiel nicht in Todesangst zu verfallen, wenn Mutter oder Vater fort sind, weil man sich daran erinnert, dass sie in vergleichbaren Situationen wiederkamen. Von der Fähigkeit, Freundschaften über Jahre hinweg aufrecht zu erhalten, obwohl man sich nicht sieht, bis hin zu derjenigen, etwas für real zu halten, das ich in der Zeitung lese oder im Fernsehen sehe -: Vergeistigung ist die Fähigkeit, räumliche Distanz zu überbrücken, damit aber auch meinen Horizont zu erweitern, das Ferne nah zu rücken, mich aber dadurch auch in die Ferne zu versetzen. Ein schmerzhafter, häufig misslingender, jedenfalls individuell extrem unterschiedlich ausfallender Prozess.

Die Schülerinnen und Schüler stehen mitten in diesem Prozess, der mutmaßlich am bestern verarbeitet und erlernt wird, wenn er sich graduell vollzieht. Daher der Rat von Pädagog:innen, die Kinder nicht plötzlich, sondern allmählich, in sachter Steigerung an die Medien heranzuführen. Sie alle überbrücken, „vermitteln“ Distanz, machen etwas präsent (zum Beispiel auf dem Bildschirm), das „nicht da“ ist.

Sie stehen also inmitten dieses Prozesses, wurden aber urplötzlich aus ihm herausgeworfen, mit einer vorher unbekannten Form von Einsamkeit konfrontiert, mit sozialer Verarmung und Verödung und mit einem digitalen Overkill, der nicht bloß wegen der technischen Anforderungen, sondern an sich, als Distanzmedium überhaupt sie überforderte und für die Pathologien mitverantwortlich ist, an denen sie zunehmend leiden. Und wie bei allen Entwicklungsprozessen lassen sich bestimmte Schritte auch nicht zu beliebig anderer Zeit nachholen; was passiert ist, ist passiert, die Milch ist vergossen; bestimmte Erkrankungen lassen sich nicht mehr oder nur noch in sehr langwieriger Weise heilen.

Deswegen, am Ende dieses Arguments, das ein wenig länger geworden ist als ich mir eigentlich vorgenommen hatte, haben sie, also die Schüler:innen jetzt Vorrang vor allen anderen. Die Empfehlung meiner persönlichen, in mir tagenden Ständigen Impfkommission lautet: dass sie jetzt dran sind, dass also das gesamte System (die Schüler:innen ab 16, wie es momentan erlaubt ist, Lehrer:innen, Eltern) jetzt durchzuimpfen ist, um Schlimmeres zu verhüten und ein weiteres Versprechen zu brechen, dass wir unseren Kindern gegeben haben, indem wir sie, verdammt noch mal auf die Welt gebracht haben.

Wolfram Ette

Anmerkung

[1] Der eigentliche Knüller des mit Dabrock geführten Interviews – die Priorisierung des gesamten Bildungsbereichs – erscheint weder in der Anzeige und Zusammenfassung der Deutschlandfunks, noch erfährt man darüber etwas, wenn man die Suchmaschinen anwirft. Als Quintessenz des Radiobeitrages erscheint „Man verwaltet das Nichtstun“, also die Kritik am Impfgipfel, die im Augenblick relativ billig zu haben ist. Nur wenn man nachliest oder nachhört (Link unten), erfährt man, worum es eigentlich ging, worin der eigentliche Zündstoff besteht. Dabrock hat offensichtlich ein Tabu angesprochen.

Postscripta

1. – Ach ja, worüber ich gar nicht gesprochen habe – die Wissenschaft der Ö k o n o m i e . Verflixt. Sollte man sie nicht auch berücksichtigen? Aber ich kriege sie einfach nicht unter …

2. – Ich weiß nicht, ob meine Mutter für irgendetwas repräsentativ ist. Aber ich fände es in diesem Fall gut. Sie ist über 80 und wartet auf einen Impftermin bei ihrer Hausärztin. Als ich ihr von den Radiosendungen erzählte, den Gedanken auch, die sich an sie anschlossen, wischte sie meine langwierige Argumentation vom Tisch: „Ach was, wir Alten haben unser Leben gelebt; ob wir ein halbes Jahr früher oder später sterben, ist egal; jetzt muss alle Kraft, die wir haben, in die Kinder gesteckt werden, bei denen grad alles kaputtgeht.“ Dass Jüngere so über Ältere sprechen, geht nicht; ergreifen sie selbst das Wort in dieser Weise, hat es, wie ich finde, etwas Bezwingendes und eine Würde, der man sich nicht entziehen sollte.

3. – Nächster Schritt: Die Studierenden – auch so ein Bereich, bei dem mir übel wird, wenn ich daran denke. Seit einem Jahr haben die Universitäten durchgehend geschlossen; soweit ich weiß, ging das nicht mal den Bordellen so. Dementsprechend gering dürfte Wertschätzung dieses Bereichs anzusetzen sein; dementsprechend schwach aber auch seine Fähigkeit, sich zu organisieren und für seine Interessen zu kämpfen. Viele frisch Immatrikulierte wissen bis heute nicht, was das ist: Studieren als Lebensform, etwas, das nicht bloß durch den Kopf, sondern durch den Körper geht, der sich in neue soziale Zusammenhänge begibt. Die Verödung eins Bildungsbereichs, der sich irgendwann einmal die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit zum Ziel gesetzt hat, hat ein neues Niveau erreicht. Das, was daran unverschuldet ist, hat das Verschuldete grell und drastisch zu Tage gefördert – ja, Corona ein Brennglas auch hier. Dass selbst Dabrock die Studierenden nicht einmal erwähnt, zeigt an, für wie irrelevant die Hochschulbildung mittlerweie gehalten wird.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=920833
https://www.deutschlandfunk.de/kritik-am-impfgipfel-theologe-man-verwaltet-das-nichtstun.694.de.html?dram:article_id=496334

Corona 246: Die Schülerinnen und die Schüler

Der Ersatz

Das Schulministerium hat versprochen, im Fall, dass Lehrer:innen krank würden, werde Ersatzpersonal zur Verfügung stehen. Man begann auch gleich mit den Ausschreibungen, doch das Ergebnis war, dass sich kein Ersatzpersonal meldete. Es wusste schon, warum.

Meine Tochter berichtet sehr zufrieden: „Ich habe in Sport den Ersatzlehrer einer Ersatzlehrerin eines Ersatzlehrers, das heißt, die Lehrerin, die den Ersatzlehrer ersetzen sollte, habe ich noch nie gesehen, und den Ersatzlehrer selbst auch nicht. Aber immerhin kenne ich den Ersatzlehrer der Ersatzlehrerin.“ Und das ist jetzt als Riesenglücksfall zu betrachten, denn, wie gesagt, meistens besteht der Ersatz für den Ersatz, der nie eintrifft, nur darin, dass man verspricht, man sei dabei, nach ihm zu suchen.

Rentrée : les profs face au même danger (msn.com)

Anne Peiter

Kein Ersatz

Und in Deutschland, wo die Kultur der leeren Versprechungen mittlerweile auch schwindeleerregende Höhen erklommen hat, und man wieder und wieder versichert, der Bildungsbereich habe „oberste Priorität“, in Deutschland also, genauer, in der Schule, die meine Tochter besucht, doch auch in vielen anderen, bei denen ich rumgefragt habe, gibts keinen Ersatz, woher denn auch? Der Unterricht fällt ersatzlos aus, vermutlich aus der Einsicht, dass der Unterschied zwischen dem Digitalunterricht, auf den’s jetzt flächendeckend wieder hinausgelaufen ist, und dem Gar- keinen-Unterricht nicht so bedeutend ist, dass es ich lohnte, dafür einen Ersatz zu beschaffen.

Wolfram Ette

Lilli

Eine Kleinfamilie, bestehend aus drei Frauen: Die Mutter ist alleinerziehend, eine Tochter aus der ersten, eine Tochter aus der zweiten längeren Beziehung. Sie selbst arbeitet in der Tierfutterindustrie; ein riskanter Job im Moment; sie hat panische Angst, sich mit dem Virus zu infizieren. Deswegen schickt sie ihre Kinder seit Monaten nicht mehr in die Schule, und zwar auch dann nicht, als es möglich war. Auch die Kleingruppen von 6-10 Schülerinnen und Schülern sind ihr zu gefährlich. Wahrscheinlich steckt mehr dahinter; etwas Pathologisches, sehr alte ungeklärte Ängste. Ein Gefühl der Risikoabwägung scheint sie nicht zu haben; was sie ereilt, ereilt sie total, mit der Wucht eines Ereignisses, vor dem man sich nur noch verbarrikadieren und in die eigene Wohnung zurückziehen kann.

Nun sind die Kinder an dem Punkt, an dem die Schulangst alles andere überwiegt. Bei der 16-jährigem geht es noch; sie geht auch taktisch damit um, instrumentalisiert die Angst ein Stück weit, um sich einer lästigen Pflicht zu entziehen, und das zu tun, was ihr mehr Spaß macht: Musikhören, Malen, Chillen. Aber die jetzt 8-jährige Lilli gibt Anlass zur Sorge. Das erste Schuljahr in der Grundschule hatte sie mit Bravour bestanden. Nun sitzt sie vor dem Tablet, spielt den ganzen Tag oder guckt Filme; die Vorstellung, sich mit anderen Schülerinnen und Schülern in einem Raum zu befinden, macht ihr nur noch Angst. Wohin es mit der Schule einmal gehen wird, ist ungewiss.

Auf der einen Seite denke ich: Naja, man gewöhnt sich sich alles, selbst irgendwann einmal wieder an die Normalität. Vielleicht geht es Lilli, wenn sie wieder in die Schule gehen kann, nach einer Weile wieder so vorher. Auf der anderen sind frühe Störungen immer tiefgreifend und schwer zu beheben. Und was den Schulstoff angeht, der ihr „früher“, also vor Corona offenbar viel Freude gemacht hat: sie ist da raus, hat vollkommen den Anschluss verloren; jetzt helfen nur noch Flucht und Verdrängung, die Hürde, da wieder einzusteigen, ist nun in jeder Hinsicht zu hoch. Die Mutter erfüllt das mit großer Sorge, aber aus der selbsterzeugten Klausur, aus der nur sie während der sie mit Angst erfüllenden Arbeitszeiten ausbricht, weiß sie auch keinen Ausweg.

Vielleicht ist es bei allem Leid dieser einzelnen, individuellen Personen aber auch bedeutungsvoll; ein Phänomen, das zu verfolgen sich lohnt und zum Nachdenken Anlass gibt. Eine Generation wächst jetzt heran, für die die Schule eine nur untergeordnete Rolle spielen wird. Es hat sie immer gegeben, diese Menschen, und ich habe sie immer gemocht, die Eigensinnigen, Schulschwänzer und Schulabbrecher. Für all das, was in ihrem Leben wichtig wurde, war die Schule bedeutungslos. Aber hier entstehen ganze Kohorten, für die dieser Abschnitt in ihrer Bildungslaufbahn gestrichen wurde – nicht durch ihre eigene Entscheidung, nicht freiwillig; es war eben einfach so während der Pandemie, und es lässt sich auch nicht mehr zurückholen.

Aber mir scheint, es wäre falsch, sich an dieses Verlorene mühsam zu klammern. Das, was ansteht, ist das folgende: Wir müssen unseren Kindern (auch dann, wenn es nicht unsere sind, in einer übergreifenden generationellen Verantwortung) ins Leben helfen, auch ohne Schule; sie müssen sich darin zurechtfinden, ohne viel zu wissen, ohne die basale Orientierung, die die Schule alles in allem vielleicht doch vermittelt. Dafür sind wir jetzt zuständig. Wir können Erziehung nicht mehr an die anderen delegieren, an Institutionen, Vereine, Lehrerinnen und Lehrer, die das für uns zu übernehmen haben; nein wir müssen es selbst tun, und mit dem wenigen, das wir gelernt haben, mit dem bisschen Erfahrung, das wir gesammelt haben, den Kindern ohne Stützräder ins Leben helfen.

Ich habe keine Lust mehr, mich auf andere zu verlassen; auch das hat mich Corona gelehrt. Denn vieles von dem, worauf man sich verließ (und vielleicht auch nur deswegen verließ, um es sich bequem zu machen), gibt es nicht mehr; es ist in einer Weise zusammengebrochen, dass es eine unschuldige Normalität, in der nicht bloß die Verhältnisse sind wie vorher, sondern in der wir die Krise vergessen haben und im Bewusstsein sich wieder der status quo ante eingenistet hat, nicht mehr geben wird.

Wenn es also einen Rat gibt, den ich Lillis Mutter mit ihren Ängsten – und trotz ihrer anstrengenden 40-Stunden-Woche geben würde; trotz der Befürchtung, es handle sich dabei um eine Anmaßung –, so wäre es der Rat, dass es ok, ja vielleicht in einem gewissen Sinne sogar zukunftsweisend ist, wenn man die Schule seiner Kinder streicht; dass aber damit auch eine gewisse Verantwortung einhergeht – eine Bildungsverantwortung, die sich nicht auf den Schulstoff bezieht, sondern auf das ganze Leben, dass man mit ihnen teilt, das man ihnen vor- und in einigen Stücken sogar nachlebt. Now it’s on you würde ich ihr sagen; jetzt, gerade jetzt, kannst du es nicht laufen lassen; Du musst im Rahmen dessen, was unter den gegenwärtigen, eingeschränkten Lebensbedingungen möglich ist, die Schule Deiner Kinder sein, keine Schul-Schule, sondern eine Lebens-Schule, in der Mischung aus Liebe, Konsequenz, Neugier und Zuverlässigkeit, auf die jetzt alles ankommt und die vielleicht das einzige ist, das wir Kindern wie Lilli in den Rucksack packen können, mit dem sie irgendwann ohne uns lostiefeln müssen – mit nichts anderem als mit dem, was sie haben.

Wolfram Ette

Yannis

Und dann ist da dieser andere Junge, klug — „smart“, wie sie wiederholt betont —, aber aus Verhältnissen, die es ihm jetzt unmöglich machen, in der Schule mitzukommen. Er ist überdies schüchtern, introvertiert, nimmt sich nicht, worauf er einen Anspruch hat. Aus „einfachen Verhältnissen“; sie vermutet, dass seine Eltern ein Alkoholproblem haben; und überall in der Wohnung stünden leere Großpackungen mit Stopftabak herum. Andererseits, so macht es jedenfalls gerade die Runde in der kleinen Stadt, habe der Vater gerade seine Trans-Identität entdeckt; er sei eigentlich eine Frau, sagt er und möchte auch nur noch mit dem Namen Marion angesprochen werden. Das ist für alle verwirrend. Yannis wird es, so beschließt sie ihre Erzählung, auf dem Gymnasium nicht schaffen, er wird abgehen. Aber für das, was es an den Mittelschulen gibt, ist er auch nicht gemacht; zu zart, zu fein, am Theaterspielen interessiert, ein wenig sogar noch am Cello. Er gerät zwischen die Räder zweier Schulsysteme, die beide nicht auf ihn passen.

Wolfram Ette

Johann

Eigentlich trägt er, wenn er rausgeht, jetzt immer die Maske. Im Winter galt noch die Ausrede, dass sie das Gesicht wärmt. Aber jetzt, im Frühling, der spät kommt, aber nun doch unaufhaltsam zu sein scheint, setzt er es fort. Er fühle sich mittlerweile nackt ohne sie, habe keine Lust, den anderen sein Gesicht zu zeigen und er habe auch keine Lust, viel mehr als die Augen der Menschen zu sehen. Gefragt, ob die Schönheit (oder meinetwegen auch die Hässlichkeit) der Passanten, der Frauen, zufälliger Begegnungen hier und dort, nicht etwas sei, das den Alltag aufwerte oder ihn zumindest belebe, zuckt er mit den Schultern. Sexuell ist er spät dran und eher verschlossen; ich weiß nicht, was er sucht. Die Maske schützt jedenfalls vor allem allzu Expliziten; und ich beginne ein wenig Toleranz für die Kulturen, in denen nicht nur die Frauen, sondern generell mehr verhüllt wird als bei uns, zu ahnen. Es ist vielleicht keine Katastrophe, von der er da berichtet, keine Traumatisierung, kein Rückfall und keine Beschädigung. Vielleicht ist es einfach nur eine Veränderung, die für den Moment etwas traurig macht.

Wolfram Ette

Perfekte Transparenz

Es wurde mal für die Beschulung der Allerjüngsten (in Frankreich beginnt die Schulpflicht mit spätens drei Jahren, mitunter gehen aber auch schon zweieinhalbjährige Kinder zur Schule, damit der Ernst des Lebens nicht zu spät einsetze) die Bereitstellung transparenter Masken versprochen, damit die zu Beschulenden in den Gesichtern und auf den Lippen ihrer Lehrer:innen lesen können. Diese Masken sind aber unsichtbar geblieben, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass die vom Schulministerium gelieferte Transparenz einfach zu perfekt ist, um überhaupt wahrgenommen werden zu können. Das hat diese Art von Maske mit allen Versprechungen gemein, die vom Ministerium schon geliefert worden sind.

Rentrée : les profs face au même danger (msn.com)

Anne Peiter

Concordia discordiae

Weil ja, obwohl drei Wochen Zeit war, um den Cyberattacken, die aus dem Ausland die Internetseiten für das home-schooling durcheinandergebracht haben sollten, auf die Spur zu kommen, oder, wenn es von diesen Attacken keine Spur gab, zumindest die technischen Probleme zu beheben, auf die spürbar alles zurückzuführen war, nichts geschehen ist, beginnt das home-schooling in Frankreich jetzt wieder mit all den Problemen, die man schon tausend mal beklagt und zu beheben versprochen hat.

Doch dieses Mal gibt es eine kleine, neue Wendung, die sich an die in den Schulen tätige Beamtenschaft richtet. Aus lauter Verzweiflung darüber, schon wieder Märchen über Attacken aus dem Ausland lesen zu müssen, statt mit den eigenen Klassen vernünftig Unterricht zu machen, haben viele Lehrerinnen und Lehrer begonnen, private Online-Dienste zwecks home-schooling zu benutzen, unter ihnen ein Dienst mit dem sehr verheißungsvollen Namen „Discord“.

Der Schulminister ist jetzt aber sehr streng eingeschritten und hat die Lehrer:innen daran erinnert, sie seien verpflichtet, die vom Schulministerium bereitgestellten Internetseiten zu nutzen und nicht diese Seiten von Privatfirmen, denn diese böten überhaupt keine Sicherheit und Verlass sei allein auf das, was das Ministerium in dem Moment bereit stelle, in dem dann irgendwann alles bereit sein wird.

Es kann schon sein, dass man bereit sein wird, wenn das home-schooling schon nicht mehr nötig ist, denn vorgesehen ist ja nur diese eine einzige, als Übergang hin zum normalen Unterricht gedachte Woche. Aber dafür kann der Minister wirklich nichts. Im Gegenteil besteht sein Verdienst darin, die Zeit des reinen home-schoolings so kurz wie nur irgend möglich gemacht zu haben, man sollte ihm also dankbar dafür sein, dass ein funktionierendes home-schooling, sobald es existieren wird, gar nicht mehr ausprobiert werden kann, denn das ist ja in pädagogischer Hinsicht ohnehin das Allerbeste.

C’est la rentrée, et l’école à distance est encore victime de pannes (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

Ja, man kann die Lehrer verstehen. Aber Discord ist ein Gamer-Tool; ein Freund schrieb mir dazu, mehrere Internetquellen zusammenfassend: „Aus datenschutzrechtlicher Sicht ist aber vor allem die unreflektierte Nutzung von Discord bedenklich. Dies liegt daran, dass die ‚Datenschutzbestimmungen‘ von Discord in keiner Weise den hiesigen Datenschutzanforderungen – insbesondere der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – entsprechen. Das Unternehmen und seine Server befinden sich in den USA, bei der Nutzung wird also eingewilligt, dass die eigenen Daten dort verarbeitet und weitergegeben werden. Die Nachrichten, die über Discord verschickt werden, sind außerdem nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt, was mittlerweile selbst bei den meisten gängigen Messengerdiensten (z.B. WhatsApp) gewährleistet ist. Das bedeutet, dass Nachrichten dem Unternehmen offenliegen und nicht zusätzlich vor Angriffen von außen geschützt sind. Welche Daten gesammelt, verarbeitet und weitergegeben werden, hat Discord recht übersichtlich und in verständlicher Sprache zusammengefasst: https://discordapp.com/privacy
(= alle personenbezogenen Daten bzw. jeder Inhalt in jeder Form wird gesammelt). Besonders betont werden muss, dass sich Discord durch die Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen ausdrücklich das Recht einräumt, die Informationen aus Direktnachrichten oder versandten Bildern und Sprachchats mitzuverfolgen und abzuspeichern.“ Nun gut, das Ministerium muss ja auch einmal recht haben. Oder anders; Recht und Unrecht sind wie immer wirr verteilt. Die Initiative der Lehrerinnen und Lehrer ist ja überaus begrüßenswert; aber die nachtwandlerische Sicherheit, mit der man sich unter den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (und es sind wirklich nicht wenige) die allerschlechteste ausgesucht hat, ist faszinierend.

Wolfram Ette

Sie ist jetzt gegen Schulschließungen

Manchmal liege sie stundenlang auf dem Boden, ohne irgendetwas zu tun. Selbst zum Weinen fühle sie sich zu schwach. Der Horizont habe sich auf die vier Wände ihres Zimmers verengt. Als die Schule wieder losgegangen sei, habe sie sich mehr gefreut als sich es sich jemals hätte vorstellen können. Sogar Lehrer:innen, die sie gehasst hätte, seien ihr nun als rettende Engel erschienen; Stoff, für den sie sich nie interessiert hätte, war fesselnd. All dies durch das nicht gerade üppige Bad in der Menge von sechs maskierten Mitschülern und Mitschülerinnen -: so groß war die Teilgruppe, in der der Präsenzunterricht stattfand. Sie glaube nicht, dass von ihrer Schule eine Gefahr ausgeht; in den letzten Monaten hat es nur vereinzelt Fälle gegeben. Deswegen ist sie gegen die Schulschließungen ab nächster Woche – intellektuell vielleicht noch ein bisschen dafür, ansonsten aber todtraurig. Und sie hat Angst vor der Depression, die sie wieder auf sich zukommen spürt. Um keine Querdenkerin zu werden, hat sie beschlossen, nicht mehr nachzudenken, nichts zu hinterfragen, alles hinzunehmen, wie es ist. Also eigentlich: sich wieder auf den Boden zu legen, ohne irgendetwas zu tun.

Wolfram Ette

Corona 245: Philologica

Trauriger Rekord

Das ist jetzt die Standardformel, die immer gut passt, wenn man über ein Land berichten will, das sich gerade in grösster Not befindet. Angewendet auf die Zahlen der Toten, sagen wir mal: in Indien, wird niemand, der vom „traurigen Rekord“ liest, dem Schreibenden seine Zustimmung versagen.

Ich versage sie aber doch, denn erstens könnte man endlich mal versuchen, sich Situationen vorzustellen, ohne zugleich der unterschwelligen Bewunderung für den „Rekord“ verhaftet zu bleiben, der bis in die feinsten Äderchen unseres gesellschaftlichen Lebens gedrungen ist. Und zweitens bietet die Sprache ziemlich viele Möglichkeiten, Dinge zu sagen. Formeln wie diese hier sind zu vermeiden, weil sich mit ihrer Verfestigung auch die Vorstellungen verfestigen, zu deren Herstellung sie angetreten zu sein behaupten.

L’Inde victime de la plus forte vague épidémique de Covid-19 (msn.com)

Auf Sand gebaut

Le Monde berichtet über die Schweiz, die dortige Situation „semble plutôt sable“. Gemeint war: Die Situation „semble plutôt stable“ („… scheint verhältnismässig stabil zu sein“). Der kleine Tippfehler, der aus „stable“ (= „stabil“) den „sable“ (= „Sand“) macht, geht mir unter die Haut, denn im gleichen Atemzug wird gesagt, man habe gestern in der Schweiz den ersten Fall eines durch die „indische“ Variante infizierten Patienten entdeckt.

Die Stabilität: auf Sand gebaut. Der Setzer der Zeitung wusste es, als er vergaß, das „t“ einzusetzen.

Au Royaume-Uni et en Suisse, des milliers de manifestants contre les restrictions anti-Covid (lemonde.fr)

Gegen die geographischen Adjektive

Ein Artikel über die Ansteckungswelle, die Indien ergriffen hat, endet mit der Frage, ob die neue Variante wohl in anderen Ländern als nur in Indien um sich greifen werde? Es kommt die schiere Möglichkeit, anzunehmen, es könne so sein, einer Aufhebung all dessen gleich, was vorher an furchtbaren Szenen beschrieben worden war: All die Kranken, die, ohne ein richtiges Bett zu haben, in den Fluren der Krankenhäuser von Delhi verröcheln, sind mit einem Schlage verschwunden. Wie kann man nur glauben, eine „indische“ Variante könne auf das Land beschränkt bleiben, das seinen Namen hergegeben hat? Nur weil sein Name eine bestimmte, geographische Verortung impliziert?

Eigentlich sprechen wir alle wie Trump, der ja auch mit Vorliebe den „China-Virus“ beschwor, weil er dadurch eine geographische Auslagerung der Gefahr und eine Schuldzuweisung zugleich kommunizieren konnte. Damals fand man das, wenn man als „politisch korrekt“ gelten wollte, haarsträubend. Inzwischen haben die Virus-Varianten Sprach-Varianten hervorgebracht, die eigentlich gar keine Varianten sind, sondern unhinterfragt das übernehmen, „was man eben so sagt“: ein weiteres trump l’oeil. Und dann kommt es eben zu solch absurden Ideen wie der genannten, die besagt, es sei nicht ausgeschlossen, dass die indische Variante eine indische bleiben werde. Natürlich ist das ausgeschlossen. Natürlich ist diese Hoffnung falsch.

Nur: Wie sagt man’s richtig, wenn alle von der „indischen“, „britischen“, „südafrikanischen“ oder „brasilianischen“ Variante sprechen und man also das Risiko eingeht, gar nicht verstanden zu werden, wenn man’s anders sagt? Ich vermute, dass man längere Nebensätze ins Denken einschieben muss und dass dies für die Antizipation der Anti-Corona-Politik des eigenen Landes ziemlich entscheidend ist, denn wenn man weiterhin eine Sprache zulässt, in der „Indisches“ indisch ist, folgt die Sache der Sprache gleich nach und breitet sich das „Indische“ in dem Masse aus, in dem sich das geographische Stereotyp zu einem abergläubisch-optimistischen Abwehrzauber verfestigt.

L’Inde victime de la plus forte vague épidémique de Covid-19 (msn.com)

Anne Peiter

Corona 244: Nachträge zu „53 x Ironie“

I

Es gibt noch eine weitere Konvergenz zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern und der rechten Szene. Das Ironische, bloß Andeutende, uns die Deutungsarbeit Überlassende – es sind Mittel und Methoden der rechten Influencer und vieler, die uns verschwörungsreligiös motivieren wollen. Da wird so gut wie nie eine fix und fertige Lehre hingestellt. Vielmehr werden Hinweise gegeben und so sprechend aufgestellt, dass sich jeder vernünftige Mensch, jede/r mit etwas Verstand im Kopf schon ihren oder seinen Reim drauf machen kann. – Ich will damit nicht sagen, all diese 53 Schauspieler und Schauspielerinnen seien rechts. Das erscheint mir wenig wahrscheinlich; es würde mich auch nach nur einem Jahr Spielverbot überraschen. Dass sie aber rechte Techniken der Meinungsbildung übernommen haben, ist evident; und Grund genug zur Sorge gibt das allemal.

II

Ulrich Tukur … die erste wirklich große Rolle, in der ich ihn erlebt habe, war die des strahlend intelligenten, jazzbegeisterten SS-Mannes in Joshua Sobouls Stück ‚Ghetto‘. Er war großartig. Da musste ich jetzt dran denken, als er virtuos und mit Shakesspearschem Pathos das Ende der Menschheit beschwor, durch das man dem Virus ganz sicher ein Ende bereiten würde – zumindest soweit es uns betrifft. Die Lust an Zerstörung und Selbstzerstörung, diese Bejahung des Lebensverneinenden und das faule Pathos des Untergangs – sie kennzeichnen, von hier aus gesehen, alle Beiträge. Derjenige Tukurs konzentriert sie und treibt sie als den üblen Bodensatz der Ironie nach oben, der auch dann zurückbleibt, wenn man die die uneingentliche Rede der Schauspielerinnen und Schauspieler in das zurückzuverwandeln versucht, was sie denn „eigentlich“ sagen wollten. Und weil ich nicht bloß andeuten will, was ich zu sagen habe, möchte ich sagen: Ja, ich identifiziere diese Haltung als irgendwie „rechts“. Nicht in Form irgendeiner politisch konturierten Verbindung, sondern eher als Unterstrom, der die rechten Bewegungen heute wie damals trägt.

III

Gefragt, warum Till Schweiger ihrer Meinung nach nicht dabei ist (immerhin ist er Tatort-Kommissar, und die Rate ist hoch), sagte meine Tochter: Da ist die Sache mit der Ironie. Konnte man ihm wahrscheinlich nicht klarmachen.

IV

Ich bin nicht sicher, ob von diesem „realen Leid“ tatsächlich hätte gesprochen werden können, ohne einen massiven Shitstorm zu produzieren. Dagegen standen und stehen eben die Privilegien der Video-Teilnehmer:innen (die ja größtenteils weiterhin drehen) und die Tatsache, dass in diesem Land in solchen Fällen materielles Leid emotionales „sticht“. Die Beteiligten hätten, schlicht gesagt, öffentlich massiv verbal auf die Fresse bekommen, mit Verweis auf die „wirklich armen“ Schauspieler:innen, die den Beruf jetzt aufgeben und Regale einräumen müssen, sowie auf das „wirkliche Leid“ derer, die an den Beatmungsmaschinen um ihr Leben kämpfen.
So bleibt dieses Leid, das sie ja trotz ihrer Privilegien empfinden, ungezeigt und ungesehen, wie emotionale Verwerfungen im Zusammenhang mit Corona (und zwar, wenn ich das richtig beobachte, öffentlich wie privat) fast gar nicht thematisiert werden, mit wenigen Ausnahmen wie der Trauer der Angehörigen Verstorbener, insbesondere wenn diese sie vor dem Sterben nicht noch einmal sehen konnten.
Ohnehin scheint mir die Trauer über das „Nicht Treffen“ viel präsenter als die vielfältig ambivalenten Emotionen, die derzeit mit dem Kontakt verbunden sind. Hier fehlen so viele Details, so viel Feinarbeit. Wie geht’s der Erzieherin, die bei jedem weinenden Kind ihrer Gruppe, das sie auf den Schoß nimmt, fürchten muss, sich anzustecken? Und wie fühlt es sich an, so in den Arm genommen zu werden und in den Arm zu nehmen? Was macht es mit den Eltern feiernder Teenager, wenn die durchaus davon ausgehen können müssten, dass die eigenen Kinder ihnen die Seuche ins Haus schleppen – und ihnen gleichzeitig das Feiern weder verbieten wollen noch können? Was ist mit dem Neid, dem Misstrauen, dem Ärger über die Freundin, die bereits geimpft ist, obwohl sie einem vor wenigen Monaten noch erzählt hat, dass sie im Job keine Maske trägt, weil sie mit den Patient:innen keinen Kontakt hat und nur im Hintergrund für die Abrechnung zuständig ist, die aber genau mit dem Argument, sie arbeite mit besonders verletzlichen Patient:innen, vor sechs Wochen bei der Impfung priorisiert wurde, jetzt „durchgeimpft“ ist – und damit jetzt erst einmal in den Urlaub fliegt? Wohin damit? Und ist diese Nörgelstimmung vielleicht auch der Versuch, genau diese Geschichten nicht zu erzählen, weil wir auch da hoffen, dass es in nicht allzu langer Zeit ein „Danach“ geben wird, in dem diese Verwerfungen einfach keine Rolle mehr spielen werden?

I-III: Wolfram Ette
IV: Karin Nungeßer

Corona 243: 53 x Ironie

I

Als ich diese Videos zum ersten Mal sah, bin ich in die Knie gegangen. So viel Intelligenz, Charme, Professionalität im Dienst der falschen Sache? So viel kluges Kalkül? Es ist nicht besonders schwer, sich über Aluhüte und Esoteriker:innen lustig zu machen; sie sind ja bisweilen nicht die Hellsten und viele Videos, die von ihnen im Umfeld der letzten Monate zu sehen waren, waren zwar besorgniserregend, aber doch auch lächerlich. Hier ist das anders. Es sind gute, kühle, professionell gemachte Videos von guten, kühlen, professionellen Menschen, die wissen, wie man vor einer Kamera agiert, wie man wirkt und überredet, wie man sich fern von den Zuschauern und vor einer Apparatur sitzend in ihre Nähe bringen und in sie einfühlen kann.

Und auch das Spektrum ist beeindruckend. Die Kreativität, der Einfallsreichtum dieser Regierungskritik ist beachtlich; sie ist witzig und hebt sich von der direkten Kritik aus dem rechten Lager, die ihre Monotonie durch Variationen emotionaler Erregung zwischen individueller Betroffenheit und patriotischer Idiotie zu kompensieren versucht, auf das Wohltuenste ab. Ich mag das, finde es faszinierend. Und trotzdem ist es mir unheimlich, was für eine Fronde sich da aufgebaut hat, mit welcher Verve und Intelligenz sie für eine Sache eintritt, die ich für falsch halte.

II

Aber tut sie das denn überhaupt? Setzt sich ein einziges dieser Videos für irgendetwas ein? Ist irgendeine Position zu erkennen, zu der die Beiträgerinnen und Beiträger auffordern, der man sich anschließen soll oder kann? Schließen sie sich selber irgendeiner Position an? Nein, das alles ist nicht der Fall und es gehört zur Raffinesse der Kampagne, das sie sich inhaltlich nicht festnageln lässt. Denn sie ist ironisch, alles an ihr geht auf die Allmacht der Ironie zurück; und auch hier muss man voller Bewunderung erst einmal festhalten, mit welcher Konsequenz, Originalität und Vielseitigkeit das Prinzip durchgehalten wird.

Die Ironie, so hat Kierkegaard in seiner Magisterarbeit über Sokrates festgestellt, ist die vollendete Negativität; sie ist das nur-Negative, die Negativität an sich, die sich in Sokrates zu einem universellen pädagogisch-philosophischen Prinzip verdichtet und verkörpert hat. Der Ironiker stellt keine Thesen oder Gegenthesen auf; er macht nichts anderes, als der gegnerischen Meinung zuzustimmen -: aber ihr so zuzustimmen, dass sie brüchig wird und in sich zerfällt. Der Ironiker lebt und diskursiviert den berühmten Satz von Melvilles Bartleby: „I would prefer no to“, aber so, dass er den Satz „I would prefer to“ auf eine bestimmte Weise formuliert und ausspricht, so nämlich, dass jeder merkt: So ist es nicht gemeint. Wie es aber anders gemeint ist, will der Ironiker nicht preisgeben.

Alle diese Videos enden mit der mehr oder weniger beschwörenden Aufforderung, die Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung zu unterstützen. Und alle bereiten sie in einer Weise vor, die es unmöglich macht, die Schutzmaßnahmen der Regierung noch weiter zu unterstützen. Ob es die Bitte ist, uns wieder mehr Angst zu machen, da sie sich langsam durch die Gewöhnung an die Pandemie verflüchtige; ob es die Familie ist, die sich und die gemeinsame Wohnung rigide aufteilt, damit die Infektionsgemeinschaft nicht zu groß ist; ob es die besorgte Bitte um einen neuen Grund für einen Lockdown ist, wenn der aktuelle sich erledigt habe, weil man ja anders nicht mehr leben könne; ob es die Aufforderung ist, alles, aber wirklich auch alles zu schließen, weil man des Virus allein durch den kollektiven Suizid der Menschengattung Herr werde, und dann erst auf Erden wieder „Ruhe und Gerechtigkeit“ herrschen werden; ob es die Prügelstrafen sind, auf die ein Vater verfällt, um seine eingeschlossenen Kinder unter Kontrolle zu halten; ob es der selbstzufriedene Selbsteinschluss in der prächtigen Altbauwohnung ist, von deren Dachterasse man empört über die Angestellten der Lieferdienste und der Müllabfuhr twittert, die sich am Wochenende im Park vergnügen; ob es das Durchstechen des Stufenplans in der Familie ist, mit der Konsequenz, dass es ab einer Inzidenz von 150 kein Abendessen mehr gibt, und ab einer von 200 das erste Kind zur Adoption freigegeben wird; ob es die Bitte an die Medien ist, doch auch im weiteren ganz genau so zu berichten, wie sie es bisher getan haben und nicht zuzulassen, dass überholte Formen kritischen Journalismus wieder nach vorne drängen; oder ob es der Entschluss sei, dass es nicht nur jetzt, sondern in aller Zukunft einfach zu gefährlich sei, jemals wieder ein Theater zu besuchen -: es ist ein einziger Grundgedanke, der mit großer Konsequenz und zugleich mit überraschender und unterhaltsamer Vielfalt immer wieder aus- und durchgeführt wird: den Lockdown zu Ende denken, ihn totalisieren, ihn bis in die letzte Konsequenz auszuentwickeln; und am Ende einer Sache zustimmen, der niemand im Ernst mehr zustimmen kann. Das ist die sokratische Methode, es ist die Methode des Ironikers Sokrates, die hier wieder und wieder bemüht wird, um – – – ja, um was eigentlich?

III

Und niemand könnte sich dazu wohl besser eignen als Schauspieler:innen. Jeder Clip beginnt mit den Worten (so ungefähr jedenfalls): „Ich bin xy und ich bin Schauspieler“ – oder Schauspielerin, je nachdem. Das heißt aber auch: Ich spreche hier als Schauspieler, ich spiele eine Rolle; und auch, wenn ich hier in meinem Namen spreche, spiele ich eine Rolle. Ich spiele mich, wie ich mich selbst spiele; ich spiele mich, der ich mich selbst spiele. Die Position der Schauspielerin und des Schauspielers ist nicht identisch mit der des Ironikers, aber sie kommt ihr doch nahe: Behaftbar sind die Schauspieler:innen nicht für das, was sie spielen; ebensowenig wie der Ironiker, der die Rollenprosa einer von ihm scheinbar bejahten, in Wahrheit aber abgelehnten Position übernimmt.

Auch darin kann man die konzeptionelle Konsequenz der Kampagne nur bewundern. Man hätte ja alle möglichen Prominenten bitten können, sich daran zu beteiligen, und es hätten sich auch einige gefunden, des es mit genügend schauspielerischem Talent verkörpert hätten. Allein der Beruf des Schauspielers und der Schauspielerin entlastet per se und per definitionem von dem, was man macht und sagt. Sie sind nichts anderes als die Rollen, die sie spielen, und doch sind sie die Rollen nicht: man muss ihnen zugestehen, dass es noch etwas hinter der Rolle gibt, auch wenn es niemanden gibt, der mit Sicherheit sagen kann, was das wäre und wann der Moment gekommen ist, an dem wir ihr wahres Ich besichtigen. Schauspielerinnen und Schauspieler sind die vollendete Verkörperung der Ironie und ihrer totalen Negativität; deswegen noch einmal: Chapeau für diese kluge, strategische Entscheidung, nur die Angehörigen dieses Berufsstandes um einen Beitrag zu bitten.

Genau deswegen aber nützt es nicht das Geringste, wenn Einzelne nun davon zurücktreten, sich entschuldigen und die Videos löschen. Die Sachen sind nun einmal in der Welt, nicht nur physisch. Das Werk ist bekanntlich autonom gegenüber den Absichten des Künstlers und der Künstlerin. Es ist vollkommen uninteressant, was Jan-Josef Liefers, Heike Makatsch und Richy Müller als Privatpersonen für eine Meinung zu den Videos haben, die da über den Äther gegangen sind; und wer weiß: bleiben sie nicht letztlich Schauspieler, die sich selbst als Privatpersonen spielen? Sind sie jetzt nur in eine Rolle gefallen, in die Rolle der Nichtironiker:innen, die aber, als Rolle, ironisch bleibt? Aus diesem Spiegelkabinett ist kein Herauskommen. Und es ist stark anzunehmen, dass die meisten von ihnen das auch wissen.

IV

Es ist damit aber ein neuer Ton in die Debatte gekommen, ein gemeiner und hinterhältiger Ton, eben der ironische Ton, den (jetzt nicht Kierkegaard, sondern) Nietzsche an Sokrates so unerträglich fand, den er als Dämon der Negativität hasste, weil er zu nichts anderem in der Lage war, als zu zerstören. Dass rechte Gruppierungen und Parteien darauf zustimmend reagiert haben, war abzusehen; ich finde es aber nicht so dramatisch. Ich bin der Ansicht Enzensbergers, dass eine Kritik, die sich den Mund verbietet, weil sie einen in Zusammenhang mit den falschen Leuten bringen könnte, ihren Namen nicht verdient, sondern ein Erscheinungsbild totalitären Denkens ist. Enzensberger bezog dies allerdings auf Standpunkte, die positiv, das heißt in der Form: „Ich bin der Ansicht, dass …“ , also jenem „I would prefer to“ vorgetragen werden. Die Ironie, für die das „I would prefer to“ bloß die Verhüllung des „I would prefer not to“ darstellt, wird davon nicht erfasst.

Gleichwohl gibt es eine gewisse formale Konvergenz zwischen der Rechten und dieser Kampagne. Denn auch die Rechten tun sich schwer damit, positive Forderungen zu erheben. 2015 ff. war es leichter, sich gegen die deutsche Flüchtlingspolitik zu erheben als genau zu sagen, wie eine rechte Flüchtlingspolitik jenseits der Parolen, die auf der Straße gebrüllt wurden, auszusehen hätte; Forderungen wie die nach dem Schießbefehl an den europäischen Außengrenzen wurden auch in den eigenen Reihen tendenziell als Entgleisung gedeutet. Jetzt ist es nicht anders; das „So geht es nicht“ ist die populistische Forderung der Querdenker:innen, der sich die AfD nach einigem Zögern im letzten Jahr angeschlossen hat. Wie zum Beispiel das Gesundheitswesen zu organisieren wäre, wenn man die Infektion hätte laufen lassen, ist nicht zu erfahren; oder wie ein Lockdown hätte aussehen müssen, der weniger stark in die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger eingreift, auch nicht. Also: auch hier dominiert das Negative; und das verbindet sich bestens mit der ironischen Negativität der #allesdichtmachen-#lockdownfuerimmer-Kampagne. Auf der einen Seite steht dies Protestbewegungen zu, und auch eine parlamentarische Opposition hat, wie ihr Begriff ja besagt, ein gutes Recht, sich auf das Negative zu konzentrieren und anzuprangern, was ihrer Meinung nach so nicht geht. Aber nur dies ist auf Dauer zu wenig. Und es erfährt jetzt durch die Kampagne eine unerhörte Verstärkung.

Und gemein ist es noch aus einem anderen Grund. Es ist etwas anderes, mit der geballten Kraft der Negativität gegen eine saturierte Regierungspolitik anzugehen, die selbstgefällig und visionslos vor sich hindümpelt: So macht es die Satire, so hat es die Titanic lange Zeit mit großem Erfolg und mit großer Verve betrieben. Je größer die Löcher sind, die dann in den politischen Betrieb gerissen werden, desto besser. Aber so scheint es ja im Moment nicht zu sein. Die Regierung, beziehungsweise die Regierungen, die sich in unserem föderalen System miteinander auseinandersetzten, wirken eher hilflos, überfordert, entscheidungsschwach, unfähig, mit früheren Fehleinschätzungen und falschen Entscheidungen umzugehen. Was viele Menschen irritiert, ist kein autoritäres Lockdown-Regiment, sondern dieses indifferente Flimmern auf hohem Infektionsniveau, die Unfähigkeit, auf die Bremse zu treten und die Produktionskreisläufe zu unterbrechen, ihre Willfährigkeit der Großindustrie gegenüber, die gleichzeitig Kurzarbeitergeld bezieht und hohe Dividenden ausschüttet, und die offensichtliche Schwäche, diejenigen die Zeche zahlen zu lassen, die nicht viel zu sagen haben, und nicht genug Einfluss auf die Politik ausüben können. Schwäche, Unentschiedenheit, Indifferenz, Nachgiebigkeit – das scheint das Problem zu sein; und die Frage muss gestellt werden, ob Ironie das richtige Mittel ist, es zu beheben.

V

Wenn sie es aber nicht ist, was bleibt dann? In einer ersten Reaktion rät die ZEIT davon ab, die Kampagne auf die Eitelkeit von Privilegierten zurückzuführen. Sie scheint mir aber das einzige Motiv zu sein, das sich durchhält und dass auch in der Lage gewesen sein könnte, eine Kampagne von derartiger Geschlossenheit und Kraft zu initiieren. Es sind ja alles Schauspielerinnen und Schauspieler; Menschen, für die der Beifall, sei’s auf der Bühne, sei’s in der Form von Öffentlichkeit, in der sie sich als Prominente regelmäßig bewegen, wichtig ist. Er ist eine Außenhaut, ein Teil ihrer Daseinsverfassung, ein Teil ihres Körpers. Ich sage dies vollkommen kritiklos; es gehört zu diesem Berufsbild dazu, ist sozusagen eine (unter sehr vielen) Qualifikationsbedingungen; ohne dies gäb’s keine Schauspieler:innen. Wenn das aber so ist, dann ist das Leiden groß, dann ist es elementar, dann ist es durchaus existenziell – so zufriedenstellend, ja luxuriös die Lebensverhältnisse materiell sein mögen. (Denn soweit ich’s überblicke, kamen ja arme Schauspieler:innen, die am Rand des Kulturbetriebs vor sich hin vegetieren, und deren materielle Existenz bedroht ist, nicht zu Wort.) Es ist nicht rhetorisch, und nicht ironisch: ich glaube das wirklich; und es gab auch einige wenige Momente, in denen das zugrundeliegende Leid zutage trat.

Ich denke bloß: Darüber hätten sie sprechen sollen. Die ironische Negativität ist nicht bloß ein politisches Problem, sie kleistert vielmehr zu, was diese Schauspielerinnen und Schauspieler wirklich bewegt. Vielleicht haben sie keine Position, was die Corona-Politik angeht und finden es nur irgendwie scheiße, was gerade passiert. Und vielleicht müssen sie sie auch nicht haben, warum auch? Aber sie haben, wie wir alle, ihr Leid, ihre Kränkung, ihre Gefühlsverwirrung, ihre Depressionen – was auch immer. Und als Menschen, deren Beruf es ist, Privates zu veröffentlichen, indem sie es spielen, hätten sie genau dies zeigen und veröffentlichen können. Und da es kluge, berühmte und begabte Menschen sind, wäre es ihnen auch gelungen, es ohne Sentimentalität, Kitsch und ohne das falsche Pathos zu vermitteln, das auf den Querdenker-Demonstrationen immer wieder medienwirksam durchbricht. Ist das zu viel verlangt? Ich finde nicht: nicht von diesen Leuten.

Denn letztlich ist es ja im Augenblick vor allem dies: das Leid, das uns miteinander verbindet; das Leid in unendlich vielen individuellen Ausdifferenzierungen. Hätten sie es zum Ausdruck gebracht, hätte es sicherlich noch immer Rechte gegeben, die sich darüber gefreut hätten. Aber eben nicht nur und nicht notwendig. Anders als die Ironie entzieht sich das Leid nicht. Es ist kein negativ Negatives, es ist ein positiv Negatives. Und als solches will es ernstgenommen werden. Im Fall der Ironie ist das nicht so, zumal dann, wenn ihr gekränkte Eitelkeit zugrundeliegt, die sich direkt nicht aussprechen möchte, gerade deswegen aber allgegenwärtig ist. Das ist das einzige Leid, das man immer spürt. Und das ist dann doch etwas dürftig.

Wolfram Ette


 
https://www.youtube.com/watch?v=0WHnxeS3Fi0     
https://www.youtube.com/watch?v=Bx2F0uawHZY
https://www.youtube.com/watch?v=8RBii0kgJEE

Corona 242: Von der Schule

Vom Elend der Statistik

Drei Stunden Lernzeit fehlen jeder Schülerin und jedem Schüler seit dem Beginn der Pandemie. Jeden Tag. So wurde es gestern vom Ifo-Institut bekannt gegeben.

Das ganze Elend der statistischen Welterfassung, das zu besingen auch ein Robert Musil nicht fertig wurde, steckt in dieser Feststellung. Der normale, durchschnittliche Schultag einer Schülerin oder eines Schülers dauere sieben Stunden, der Corona-Schultag nur vier. Und sieben minus vier ist drei. In der Differenz steckt die Bildungskatastrophe, die vom Ifo-Institut angeprangert wurde.

Aber halt! Hörten wir nicht wieder und wieder in den letzten Monaten, dass das home schooling vor allem die Ungleichheiten zwischen den Schüler:innen verstärke? Manche schaffen es gut, andere verschwinden vollständig aus dem Schulsystem und tauchen möglicherweise nie wieder auf. So jedenfalls hört man es immer wieder, insbesondere aus den Mittel-, Real- und Hauptschulen. Dort ist der Schwund katastrophal; da reden wir nicht von ein paar Stunden, die fehlen, sondern vom Totalverlust ganzer Kohorten. Das statistische Mittel, das uns in anklagendem Ton vorgehalten wird, ist in Wahrheit eine Beschönigung, es macht alle gleich und verschleiert damit die wahre Katastrophe der gesellschaftlichen Ungleichheit. Nicht die drei Stunden sind schlimm, sondern ihre Verteilung.

Im wahrsten Sinne des Wortes ist diese Zahl nur eine Zahl. Wenn ich drei Äpfel vor mir sehe und mitteile, dass ich drei Äpfel vor mir sehe, bestehen zwischen der Zahl und der Wirklichkeit Übereinstimmung. Wenn ich dagegen sage, dass ich fünf Apfel vor mir habe, ist meine Aussage falsch. Statistische Zahlen haben aber eine ganz andere Bedeutung und einen ganz anderen Daseinsgehalt. In gewisser Weise stimmen sie nämlich nie oder nur in irrelevanten Ausnahmefällen. Von den drei Stunden, die jedem einzelnen Schüler / jede einzelne Schülerin fehlen, kann man nur so viel sagen, dass es vielleicht niemanden gibt, die oder der exakt 3,0 Stunden fehlen. Auf alle Einzelfälle bezogen, ist die Zahl falsch; sie stimmt nur aufs Ganze bezogen, und auch da steht sie eben, wie wir gerade sahen, nicht.

Wir sind mit dem Elend der Statistik aber noch nicht am Ende. Es ist ja nicht bloß der Mittelwert, der sich als ideologischer Schleier für die Wirklichkeit liegt und eine Gleichheit suggeriert, deren Abbau gerade das eigentliche Bildungsversagen ist. Die Eckwerte selbst sind ja Mittelwerte; die sieben Stunden vor Corona und die vier Stunden in Corona. Sieben Stunden! Hallo? Mit oder ohne Ferien, Schulpausen, Pornos unter der Bank, dem träumerischen Aus-dem-Fenster-sehen, oder der entsetzliche Müdigkeit, wenn man die halbe Nacht durchgezockt hat? Ohne oder mit den Gedanken, die schweifen, weil man verliebt ist, Stress mit der Freundin hat? – all dem Privaten eben, das auszusitzen und auszuhalten auch eine Funktion der Schule ist, und das mit den Freunden und Freundinnen zu teilen eben eine ihrer Aufgaben darstellt. Oder es wird jemand gemobbt – ist im Ernst zu glauben, dass diese sieben Stunden für sie oder ihn voll zählen?

Die Vorstellung, dass die Schülerinnen jeden Tag sieben Stunden durcharbeiten, ohne Punkt und Komma, ohne Pause und Ablenkung, nach Maßgabe eines tayloristischen Zeitmanagements, ist absurd und widerspricht jeder pädagogischen Erfahrung und Erkenntnis, dass Lernen immer auch ein Kollateralnutzen schöner Erfahrungen ist, die man, wenn es gut läuft, in der Schule machen kann.

Dass diese Erfahrungen im home schooling nichts zu suchen haben, das de facto ein home office ist, in denen den zukünftigen Arbeitnehmer:innen schon jetzt die durchfunktionalisierte Zeit abverlangt wird, die nichts mit Bildung, aber viel mit Kapitalismus zu tun hat, ist klar. Es sind ja überwiegend soziale Erfahrungen, die man in der Schule macht und von denen der Bildungsprozess weniger umgeben als durchdrungen ist wie der Teig von der Hefe. Die sieben Stunden Arbeitszeit verdanken sich also der fiktiven Rückübertragung der Bedingungen, unter denen das home schooling idealerweise stattfindet, auf die Schulzeit. Und von dieser fiktiven Zeit wird dann ihrerseits die Zeit, die die jungen Menschen, unsere Kinder, an deren Bildung und so viel liegt, mit der Erledigung von Hausaufgaben verbringen, zu denen die Schule weitgehend zusammengeschmolzen ist, fiktiverweise abgeleitet. Aus der Differenz zweier fiktiver Zeiten ergeben sich dann die fiktiven Fehlstunden, diese apokalyptischen drei Stunden pro Person und Tag.

Denn noch einmal und genauer: Auch die zweite Zeit, die von der ersten subtrahiert wird, ist fiktiv. Wir alle wissen, dass Zeit die man vor dem Rechner verbringt, dekonzentriert ist. Es gibt starke individuelle Unterschiede, aber es liegt auf der Hand, dass ein Werkzeug, dass verschiedene Beschäftigungsangebote zur gleichen Zeit macht, insbesondere dann, wenn es mit den unendlichen Möglichkeiten des Internets verbunden ist, ablenkender ist als ein Buch, ein Füllfederhalter und ein Blatt Papier. Wir müssen uns stärker fokussieren, um bei der Sache zu bleiben. Dasselbe gilt vom Unterschied zwischen Schulgebäude/Klassenzimmer und der Wohnung zu Hause, in der man alles mögliche macht und eben nicht nur Schule. Es sind, horribile dictu, vielleicht viel weniger als vier Stunden, die die Kinder für die Schule arbeiten, auch wenn sie nicht so sehr durch ihre Mitschülerinnen und Mitschüler abgelenkt sind.

Kein Zweifel, wenn man es schafft, sich zu konzentrieren, kann das Arbeiten zu Hause unter Umständen sogar effektiver sein als in der Schule. Da könnten vier Stunden am Tag sogar ausreichen. Aber das muss man erst mal schaffen. Die Frage ist aber nicht bloß, ob es möglich, sondern auch, ob es eigentlich wünschenswert ist, dass sich unsere Kinder in Arbeitsmaschinen verwandeln, die den Schulstoff wie am Band runterrocken, so dass man am Ende sagen kann: Yes, Sie haben jetzt vier Stunden gearbeitet, wenigstens im Durchschnitt. Aber Pech gehabt, denn das ist eigentlich bei weitem nicht genug, wir müssen diese Arbeitsleistung fast verdoppeln, um auf vorpandemisches Niveau zu kommen.

Um dieses vorpandemische Niveau hat man sich freilich nie gekümmert. Es wird bloß aus dem Mangel, den man jetzt zu diagnostizieren glaubt, extrapoliert. Kein Mensch weiß, wie viel Stunden reine Arbeitszeit unsere Kinder zuvor in der Schule verbracht haben. Sie gingen hin und sie kamen wieder. Es hat auch niemanden interessiert, weil es mehr darauf ankam, was sie lernen als darauf, wie viel Zeit sie dafür aufwenden. Jetzt aber, wo die reine, abstrakte Arbeitszeit, eben die gespenstische Form, das das kapitalistische Dasein fundiert, auch in der Schule zu Maßstab für alles und eben auch für die Bildung der Kinder geworden ist, tut man so, als wüsste man’s und beklagt die Bildungskatastrophe, die in Wahrheit eine Katastrophe der Arbeitszeit ist, die mit der Bildung gleichgesetzt wird. Vielleicht war es doch nicht so gut, was die Bundesregierung vor einigen Monaten propagierte: dass wir bitteschön „faul wie die Waschbären“ sein sollten. Wir schon, aber bitte nicht unsere Kinder!

So ist es also um die Statistik bestellt, die ein Elend ist, weil sie nicht bloß falsche Zahlen liefert, sondern eine falsche Vorstellung von der Sache als einer liefert, die zahlenmäßig zu erfassen wären.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=919223

Wolfram Ette

Die Verbindung

Als vor kurzem beschlossen wurde, die Schule kurz vor den Ferien eine Woche lang im Modus des Fernunterrichts abzuhalten, war zugesichert worden, es sei alles von langer Hand vorbereitet worden, die Schule gehe weiter, die Eltern sollten sich keine Sorgen machen. Dann funktionierte nichts, doch glücklicherweise kamen ja die Ferien, die das Ministerium der leidigen Frage enthoben, ob man wirklich so gut vorbereitet gewesen sei (oder nicht). Jetzt sind wiederum die Ferien fast vorbei, und es stellt sich demnach die Frage, ob man im Ministerium in die Ferien gefahren ist oder doch lieber dieselben genutzt hat, um etwas vorzubereiten, solange für die Schülerschaft keine Schule, sondern Ferien waren?

Ich wage eine Prognose, und die lautet, dass die Erleichterung darüber, dass das Schlamassel der nicht funktionierenden Internetseiten und Internetverbindungen, die man auf „Attacken aus dem Ausland“ zurückführte, durch die Ferien glücklicherweise gleich wieder aufgehoben worden war, angedauert hat, man also erst mal Ferien machen musste nach dem großen Schreck über die Hunderttausende von Kindern, die, entgegen allen Versprechungen, keinen Unterricht bekommen hatten. Und ich wage auch, hinzuzufügen, dass die Begründung, die vor den Ferien für den Ausfall des Unterrichts geliefert wurde, meine Prognose einigermaßen plausibel macht.

Da ging es nämlich argumentativ zu, wie folgt: Nachdem ihm all die vielen, vielen Probleme gemeldet worden waren, betonte der Schulminister, die Inhalte auf den Seiten des Ministeriums seien sämtlich perfekt vorbereitet worden, sie hätten jedoch nicht übertragen und genutzt werden können, weil dummerweise die Regionen, die für die Internetverbindungen zuständig seien, ihre Arbeit nicht getan hätten. (Es kam also doch nicht alles aus dem bösen Ausland.) Man erfuhr, dass das Ministerium sehr gut gearbeitet habe, sehr viele, interessante Dinge zu lernen und entdecken gewesen wären, dass aber leider der Zugriff nicht funktioniert hatte.

Nun ist es aber so, dass Inhalte, auf die man keinen Zugriff hat, in gewissem Masse ihre Eigenschaft verlieren, Inhalt zu sein, denn inhaltlich interessant werden Inhalte ja nur dann, wenn jemand sie als Inhalte wahrnehmen kann. Die Inhalte sind demnach nicht etwas Abgekoppeltes von der Verbindung zu denjenigen, denen sie zugute kommen sollen – hier der Schülerschaft –, sondern sind die Verbindung selbst. Umgekehrt gilt das auch: Eine Verbindung, die ohne Inhalte funktioniert, kann ebenfalls nicht funktionieren, denn auch die Verbindung ist kein Selbstzweck, sondern muss sich mit Inhalten verbinden, um eine gewisse Verbindlichkeit für die Schülerschaft beanspruchen zu können. Inhalte bekommen also Verbindlichkeit durch die Verbindung, und die Verbindung bekommt Gehalt durch den Inhalt dessen, was sie übermittelt. Oder auch so: Wäre die Verbindung nur Verbindung, wäre sie nichts. Wäre der Inhalt nur Inhalt (und sonst nichts), wäre sie halt, aber ohne, dass jemand in ihn hineinschauen kann.

Die Entschuldigung, das Ministerium sei selbst gar nicht schuld, sondern die Regionen, die für funktionierende Verbindungen hätten sorgen müssen, ist, wie aus dem Vorgesagten folgt, ein bisschen merkwürdig, denn offenbar hat Herr Blanquer nicht verstanden, dass es, um nebst den Inhalten auch die Verbindung zwischen den Schüler:innen und diesen – nämlich den Inhalten – herzustellen, zunächst einmal einer anderen Verbindung bedarf, und das ist die Verbindung zwischen Ministerium und den Regionen. Sich für die Verbindungen zwischen den Inhalten und der Schülerschaft nicht zu interessieren, sondern die Schuld allein den Regionen in die Schuhe zu schieben, mag angehen, wenn im Vorfeld alles versucht wurde, eine Verbindung zu diesen herzustellen, die es ihrerseits erlauben würde, den Regionen die verbindliche Aufgabe zu stellen, funktionierende Internetverbindungen für die französischen Schulen herzustellen. Nur wenn man sich wirklich um diese Verbindungen zwischen Ministerium und Regionen bemüht hätte, hätte man danach klagen dürfen, die Verbindung, hin zu den Schulen, habe leider nicht geklappt.

Doch da sie garantiert geklappt hätte, wenn das Ministerium verstanden hätte, dass man Distanzunterricht nicht nur durch eine inhaltliche Vorbereitung vorbereitet, sondern auch durch die Vorbereitung ihrer Übermittlung, hätte sich wohl gezeigt, dass eine Verbindung zwischen Ministerium und Regionen garantiert auch eine Verbindung zwischen Ministerium und den auf Unterricht wartenden Schüler:innen hervorgebracht hätte, was wiederum bedeutet, dass das Schulministerium sich generell viel zu viel Sorgen um die möglichen, zu übermittelnden Inhalte des Unterrichts macht, viel zu wenig Sorgen aber um das, was ihre eigentliche Aufgabe ist, nämlich Verbindungen zugunsten der Verbindungen und damit der Verbindlichkeit des Versprechens herzustellen, es werde schon alles klappen.

Aber das ist offenbar, weil merkwürdig redundant klingend, dem Schulministerium, der ja eh lieber alles offen gelassen und die Schüler:innen am liebsten gar nicht nach Hause geschickt hätte, zu hoch. Was soll das schon heißen: Arbeiten an der Verbindung zugunsten der Verbindung? Oder: Verbindungen verbinden? Oder: Inhalte sichern, dadurch, dass man diese ganz in Abhängigkeit von der Möglichkeit denkt, dass sie in etwas, was von einem zu einem anderen Ort geschickt werden kann, enthalten sein müssen? Oder, noch allgemeiner: Was ist der Inhalt ohne seine Form? Was kann er sein, wenn er nicht verpackt und adressiert werden kann?

Es ergibt sich ein merkwürdiger Widerspruch zur Gestaltung der Ausbildung der französischen Lehrer:innen. (Und hier spreche ich jetzt im Vollbewusstsein meines Wissens, denn ich bin beteiligt an ihrer Ausbildung und weiß also, welchen Rahmen man derselben abgesteckt hat.) Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass die Lehrer:innen in spe zwar sehr viel ein- und auspacken müssen, sehr viel befasst sind mit dem „Wie“ der Übermittlung, dass das Ganze aber völlig inhaltsleer ist, weil man der fachlichen Ausbildung gegenüber der didaktischen (die sich mit Übermittlungsfragen befasst) überhaupt keine Bedeutung mehr beimisst. Man wird also Lehrer:in für ein bestimmtes Fach, doch man beherrscht statt des Faches nur noch die Einpack- und Übermittlungsmethoden für dasselbe. Das Einpacken dessen, was man vermitteln, d.h. losschicken will in Richtung Adressat, läuft auf Gesten heraus, in deren Mitte die reine Leere steht. Man stellt Verbindungen her zur Schülerschaft, man wird getrimmt auf viel Raffinesse bezüglich der verschiedensten Übermittlungsmodi, doch das Ganze zielt darauf, dass man’s losschickt: Das „Es“ ist das Nichts.

Man schickt’s los und schickt doch nichts los, denn schick ist nur, dass man weiß, wie das mit dem Losschicken geht, nicht aber, warum man dann zu allem Überfluss auch noch etwas losschicken soll. Das „Etwas“ ist das gewisse „Etwas“, von dem niemand weiß, das niemand gelernt hat, etwas also, was man nur lehrt, ohne es jedoch selbst zuvor gelernt zu haben.

Ich weiss nicht recht, wie die Lehrer:innen das machen, aber sie sind durch die Bank bewundernswert, denn es scheint recht gut zu funktionieren. Immerhin sitzen ja die Schülerinnen und Schüler von früh bis spät in ihren Klassenzimmern und empfangen das Nichts, das an sie adressiert wird, damit sie sich der Adressierung erfreuen.

Aber auspacken dürfen sie eigentlich nie etwas, denn Schule ist verkommen zu einer Veranstaltung des Einpackens und Wegschickens, und damit Schluss. Und man soll bloß nicht glauben, dass eine Schule einpacken muss, bloß weil die Schüler:innen nichts mehr auspacken können! Eine solche Idee entspricht überhaupt nicht dem Zeitgeist! Es ist nun einmal so, dass das Auspacken eh nur die totale Nichtigkeit zum Vorschein bringen würde, darum kann man das Eingepackte eigentlich auch gleich eingepackt lassen. Und weil also Lehrer- wie Schülerschaft von früh bis spät einpacken, ist trefflich der Beweis erbracht, dass man mehr als so einpacken eigentlich nicht mehr einpacken kann. Die Schule hat schon eingepackt, sie tut es tagtäglich, und das einzige Skandalon besteht vielleicht nur darin, dass sie mit dem Einpacken noch immer nicht recht ausgepackt hat. Vielleicht hat niemand ihr je abgefordert, jetzt solle sie aber bitte mal auspacken bezüglich dessen, was an den Schulen eigentlich los sei, und darum konnte sie ihr Einpacken immer weiter und weiter betreiben, bis die Verbindung ohne verbindlichen Inhalte sich wie ein Berg Pakete in den Klassenzimmern stapelte.

Die Pandemie kommt insofern einem großen Experiment rund um die Schule gleich, weil jetzt plötzlich ein Umschlag erfolgt ist, mit dem auf den ersten Blick niemand gerechnet hätte: Der Minister stellte die Inhalte ganz ins Zentrum und stellte sich selbst bezüglich der Fragen des Internets und der Verbindung als unzuständig dar. Man erfuhr (wie oben ausführlich erklärt), dass das Ministerium besonders gern an Inhalten arbeitet, die äußerliche Geschichte mit den Verbindungen jedoch den Regionen überlässt. Man hätte aber, wenn man von der Lehrer:innenausbildung ausgeht, das schiere Gegenteil erwarten können, doch man hat sich getäuscht: Obwohl Lehrer:innen nur Meister im Verpacken sind, mit Inhalten jedoch nie im Leben zu tun haben, werden sie dialektisch zu Meistern der Inhalte und, dem Vorbild ihres Chefs folgend, bezüglich der Vermittlungsmodi für unzuständig erklärt.

Was ist aber, wenn man beide Dinge doch wieder als Einheit betrachten und monieren wollte, die ganzen, fehlgeschlagenen Verbindungen seien in Wirklichkeit nur eine Methode, damit die Eltern, die Zuhause ihren Kindern über die Schulter und in den Bildschirm hineinschauen, nicht der Tatsache inne werden können, dass Inhalte gar nicht existieren? Hat man nur darum nichts geschickt, weil man jetzt, wo eine Situation der Überprüfung zu befürchten war, bemerkt hat, dass die Inhalte fehlten? Hat man sich also in Wirklichkeit sehr erleichtert gefühlt darüber, dass die Regionen bezüglich der Internetverbindungen nichts vorbereitet hatten? Bot das die Chance, nicht zeigen zu müssen, dass nicht darum nichts hatte verschickt werden können, weil das Verschicken nicht klappte, sondern weil es in Wirklichkeit nichts zu verschicken gab? Ist also das Verschicken nicht am Mangel funktionierender Verbindungen gescheitert, sondern daran, dass man befürchtete, auf das übliche Einpacken des Nichts werde Zuhause das familiäre Auspacken erfolgen? Und dieses Auspacken wäre dann der Drohung gleichgekommen, dass das Ministerium schon lange hätte einpacken müssen?

Wenn stimmt, was ich als eine Person, deren Beruf darin besteht, Lehrer:innen das gewisse Etwas mit auf den Weg zu geben, das es erlaubt, wirklich etwas zum Einpacken zu haben, erfahren zu haben glaube, dann würde ich von einem festen und sehr gut funktionierenden Bündnis zwischen Ministerium und Regionen ausgehen. Entgegen allem Anschein lieben sich die beiden herzinnigst: Erstere stellt unter dem Label „Inhalt“ ein Nichts zur Verfügung, damit es verschickt werde; die Regionen sehen das Nichts, nehmen es als solches wahr und verschicken es nicht. Das Ministerium beschwert sich in lautem Eifer, die Regionen hätten nichts verschickt, und die Regionen antworten, das hätten sie sehr wohl, aber es sei eben ein Nichts gewesen und habe sich darum der Wahrnehmbarkeit entzogen. Das Ministerium ereifert sich seinerseits und gibt zu bedenken, man hätte doch aber besser das Nichts verschicken sollen, statt den Eltern, die Zuhause ihren Kindern über die Schulter blicken, den Eindruck zu vermitteln, es komme nichts, doch die Regionen, darin vermutlich den Inhalten, die keine sind, stärker verbunden als das Ministerium, das sich allein für diese zuständig fühlt, halten dagegen, nichts sei dem Ruf des Ministeriums so sehr zustatten gekommen wie die Tatsache, dass man gleich am ersten Tag des Fernunterrichts die Verbindung zur Schülerschaft zu kappen wagte. Das nehmen die Regionen auf ihre Kappe, und damit beweisen sie, dass sie bereit und willens sind, ihre große Liebe zum Ministerium, von dem sie ihre Weisungen erhalten, dadurch unter Beweis zu stellen, dass sie sich vor es stellen.

Anne Peiter

Corona 241: Die indische Variante

Die Besorgnis

Ich lese, dass man alles Mögliche über die „indische Variante“ noch nicht wisse. Zum Beispiel sei noch nicht sicher, dass auch Kinder verstärkt angesteckt würden. Man plädiert dafür, die Besorgnis nicht zu groß werden zu lassen. Man wisse ja noch nichts.

Ja, sage ich mir, genau darin liegt ja die Besorgnis! Will man denn immer erst auf das Wissen warten? Mit dem Wissen ist das Problem meist schon da, und in einem letzten (stets verspätet ankommenden) Schritt folgt dann auch die Besorgnis nach.

Covid-19: le «variant indien» suscite de vives inquiétudes (msn.com)

Zur Aktualität der Kolonialgeschichte

In Indien scheint es zu Reinfektionen zu kommen, was bedeuten könnte, dass die neue Variante vom Immunsystem eines Körpers, der den Covid schon mal hatte, nicht wiedererkannt und „eingelassen“ wird. In Europa aber macht man sich nicht sonderlich Sorgen, denn man weiss ja, wie es in Indien zugeht, und mit einem selbst hat das alles nichts zu tun :

„[L]es experts invitent à ne pas superposer la situation des pays européens aux autres. Tout comme les variants brésilien et sud-africain, le variant indien vient d’un pays où la situation sanitaire est moins bien gérée, rendant difficile l’interprétation de la gravité de celui-ci. ‚L’Inde est un pays avec des conditions d’hygiène et d’accès au soin différentes [de celles que nous connaissons en Europe], avec une grande densité de population, et un pays réputé pour être un réservoir de maladies infectieuses‘, erklärt ein Arzt („[D]ie Experten laden dazu ein, die Situation in den europäischen Ländern nicht durch die in anderen zu überblenden. Ganz wie die brasilianische oder südafrikanische Variante kommt die indischen Variante aus einem Land, in dem die sanitäre Situation weniger gut im Griff ist, was dazu führt, dass es schwer ist, etwas darüber auszusagen, wie gravierend die Situation dort gerade ist. ‚Indien ist ein Land mit hygienischen Bedingungen und einer anderen Zugang zur ärztlichen Versorgung [als die, die wir in Europa kennen], auch mit einer großen Bevölkerungsdichte, ein Land, das im Ruf steht, ein Reservoir für Infektionskrankheiten zu sein'“).

Wenn ich richtig begreife, sollen wir optimistisch sein, weil wir über die Variante sehr wenig wissen, dafür aber umso Genaueres über die schlechten hygienischen Bedingungen in Indien, über die mangelhafte gesundheitliche Versorgung, kurz: über das Zurückgebliebene des Landes, das zwar einen Grossteil aller in der Welt verimpften Impfstoffe produziert, im Übrigen aber das Land bleibt, das wir aus den Schulbüchern des kolonialen wie des postkolonialen Zeitalters stets im gleichen Gewand kennen: ein Dritte-Welt-Land, ein Land also, das mit uns auf keinen Fall mithalten kann.

Man erfreut sich seiner Überlegenheit, man sagt sich, die Variante könne nicht zu uns kommen, denn dafür ist unser Gesundheitssystem viel zu stark und viel zu gut. Mir scheint nun aber, dass man diesen Satz auch genau umdrehen könnte, und dann müsste man die Frage genau andersherum stellen: Wie kann es sein, dass wir, die wir so ausgezeichnete hygienische Bedingungen, ein so toll ausgestattetes Gesundheitswesen und überhaupt so ein reiches, komfortables Leben, die Krise in derartiger Wucht über uns haben hereinbrechen sehen? Warum konnten wir uns so schlecht wehren? Warum ist es so schlecht gekommen, obwohl doch zu erwarten gewesen wäre, dass es weit besser und glimpflicher hätte verlaufen können?

Der Arzt, der uns den Umstand der Rückschrittlichkeit Indiens in klassischer Deutlichkeit in Erinnerung zurückgerufen hat, scheint die Antwort auf meine Fragen gegeben zu haben, ohne es zu wissen oder auch nur zu ahnen: Wir haben’s nicht im Griff, weil wir an unserer Überlegenheit kranken. Wir sind krank, weil wir glauben, nur die anderen könnten’s werden, wir sterben, weil wir den Tod als etwas betrachten, das ganz und gar ausgelagert worden ist in die Dritte Welt.

Coronavirus : Le variant indien doit être „surveillé“, mais ne doit pas être une source d’angoisse (msn.com)

Anne Peiter

Corona 240: Vom Umgang mit der Erinnerung II

1

Ich finde es schwer, zu der Gedenkveranstaltung, die vor gestern in Berlin begangen wurde, eine Meinung zu entwickeln. Es bleibt irgendwie merkwürdig: Mitten in eine Katastrophe hinein, inmitten von steigenden und immer weiter steigenden Opferzahlen der Toten zu gedenken, so als wäre die Sache schon vorbei. Aber die Sache ist nicht vorbei, das Ende der Pandemie ist keineswegs in Sicht – und ich spreche hier nur von denen, die an oder im Zusammenhang mit Corona gestorben sind, die sterben und gestorben werden, nicht von den umfangreichen Kollateral- und Folgeschäden, die es auch noch gibt, und von denen wir nicht sagen können, ob oder wann sie jemals vorbei sein werden. Das vorweggenommene Gedenken wirft dabei die Frage auf, wie es denn um die Toten bestellt sein wird, die von jetzt an bis zum Ende der Pandemie – noch einmal: wenn es denn jemals ein Ende geben wird und wir uns in einer, wenn nicht unendlichen, dann noch außerordentlich langwierigen und zählen Zeitschleife befinden wie die Figuren in Becketts ›Endspiel‹ – versterben werden. Kriegen die auch noch eine Gedenkveranstaltung? Wird es eine Gedenkveranstaltung sein, die an diejenigen erinnert, die zwischen dem 17. April und dem Zeitpunkt, an dem das Ende der Pandemien dekretiert werden wird, verstorben sein werden? Oder soll es eine Gesamtgedenkveranstaltung werden, durch die dann freilich all diejenigen, die vor dem 17. April 2021 gestorben sind, doppelt bedacht werden würden? Oder ist es unanständig, in diesen Dingen überhaupt zu rechnen und zu vergleichen?

2

Auch dann, wenn ich die Worte, die Steinmeier fand, für gut und angemessen gehalten habe: Ein wenig Kalkül mag bei alledem durchaus nicht gefehlt haben. Es ist ziemlich klar, dass es ohne einen strengen Lockdown von 4-5 Wochen nicht gehen wird. Die Vorstellung die steigenden Zahlen wegzuimpfen und wegzutesten, war von vornherein eine Illusion. Das tritt nun zu Tage. Da liegt es nahe, dass wir durch die Erinnerung an all diejenigen, die verstorben sind, durch die Erinnerung an das 80.000fache Leid, das Corona bisher über die deutsche Bevölkerung gebracht hat, darauf eingestimmt werden sollen, dass wir aus unserer Lockdownmüdigkeit geweckt und dazu gebracht werden sollen, uns noch einmal zusammenzureißen. Ich finde das durchsichtig, aber auch nicht so verwerflich. Letztlich zählt die Pragmatik. Irgendwie müssen alle dazu gebracht werden, mitzuspielen und noch mal für einige Wochen in den Lockdown zu gehen. Niemand hat darauf Lust. Da ist es schon legitim, an das Leid zu erinnern, das die Seuche so viele Menschen zugefügt hat.

3

Und doch haben auch diejenigen Recht, die voller Wut Kerzen und Teelichter vor den Rathäusern deponieren. Wie weiland für die armen Brüdern und Schwestern in der DDR hatten die Ministerpräsidenten dazu aufgefordert, eine Kerze zum Gedenken in die Fenster zu stellen –: dieselben Ministerpräsidenten – Gesundheit ist Ländersache: wir haben das in den vergangenen Monaten bis zum quälenden Erbrechen vorgeführt bekommen –, die für den Tod vieler sehr vieler Menschen verantwortlich sind: dadurch, dass sie zu früh gelockert haben; dadurch, dass sie nachgiebig gegenüber den Interessen der Wirtschaft gewesen sind; dadurch, dass sie den Kotau vor dem Wahlvolk gemacht haben, das sie nicht verprellen wollten: Nein, die Täter haben kein Recht, um die Opfer zu trauern. Sie mit ins schwarz beflaggte Klageboot zu nehmen, grenzt schon an Zynismus. Viel besser, viel ehrlicher, aber natürlich auch viel kritischer wäre die Veranstaltung ausgefallen, wenn Steinmeier sie zu einer rein bundespräsidialen Angelegenheit gemacht hätte, und dem Föderalismus, über den in den letzten Monaten so viel gestritten worden ist, hier auch die Stirn geboten hätte. So aber wird man den Eindruck nicht ganz los, es gehe hier auch um ein Freisprechen der Länderchefs von ganz oben, um ein Zudecken ihrer Verantwortung durch ein großes Wehgeschrei, in das alle mit einstimmen dürfen.

Wolfram Ette

Corona 239: Vom Umgang mit der Erinnerung

Deutschland hat um 80.000 Tote zu trauern, Frankreich um mehr als 100.000. Die Deutschen organisieren eine Gedenkveranstaltung für die Toten, die Franzosen finden, es sei noch zu früh. Die Deutschen bereiten sich auf neue Einschränkungen vor, das Gedenken verfolgt einen praktischen Zweck: Man will sich in Erinnerung zurückrufen, dass man was tun muss, wenn die Zahlen nicht in althergebrachter Dramatik weiter und immer weiter steigern sollen. Die Franzosen sind schon voll in den Einschränkungen drin, sie dringen auf Optimismus: Es sinke doch bereits! Nicht sehr stark, nicht sehr deutlich, doch man erhofft sich, dass in den nächsten Tagen langsam weniger Tote anfallen. Die Deutschen haben spät begonnen, die „dritte Welle“ ernst zu nehmen. Die Franzosen sind ihnen zuvor gekommen. Doch das hatte Gründe, die darin lagen, dass es in Frankreich weit früher weit schlimmer war als im Nachbarland. Es blieb der Regierung gar nichts anderes übrig, als endlich einzugreifen.

Es bleibt verstörend, dass man in Frankreich mit dem Erinnern erst beginnen zu wollen scheint, wenn alles „vorbei“ ist. Die Deutschen als die „Erinnerungsweltmeister“ erinnern hingegen schon, wenn man noch mitten dabei ist. Sie werden weitere Veranstaltungen dieser ersten, der 80.000er-Grenze gewidmete hinterherschicken müssen. Die Franzosen werden sich, wie’s aussieht, mit einer einzigen, nationalen Großveranstaltung begnügen. Mit einem Schlussstrich, in dem die Gesamtzahl der Toten feststehen wird. Was die 100.000 Toten, die’s schon gibt, anbelangt, so sagt man sich, dass einfach noch sehr viel mehr Tote hinzukommen werden.

Bleibt nur die Frage offen, ob man es je schaffen wird, zu so etwas wie einer endgültigen Zählung zu kommen. Sogar das erscheint als Zeichen eines Optimismus, der erklären helfen kann, warum man jetzt schon mehr als 100.000 Tote zu beklagen hat.

Letztlich ist es aber vielleicht so, dass die Unterschiede zwischen beiden Ländern in Wirklichkeit nicht mehr als Schattierungen ein- und derselben Sache. Vielleicht wollen die Deutschen den Franzosen auch einfach nur vormachen, dass sie schon bei 80.000 Toten anfangen, traurig zu sein, während die Franzosen sogar bei 100.000 Toten keine Miene verziehen. Man macht’s quasi besser. Aber nachbessern wird man die Zahlen genauso wie die Franzosen. Und die haben vielleicht einfach keine Lust, sich eine Erinnerung vorschreiben zu lassen, die sozusagen noch in der Trauer vom Rekorddenken geprägt ist: 80.000 Tote – das ist doch ein Klacks, zumal wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung Deutschlands um einiges größer ist als die von Frankreich!

Anne Peiter

DIRECT. Covid-19 : l’Allemagne rend hommage à ses morts lors d’une cérémonie nationale (msn.com)

https://www.lemonde.fr/international/article/2021/04/18/en-allemagne-une-ceremonie-nationale-en-memoire-des-morts-du-covid-19_6077196_3210.html

Corona 238: Schlaglichter

Ein bisschen Zynismus

Mit einem gewissen Stolz verkündet mir meine Tochter, dass der Landkreis, in dem sie zu Hause ist, wohl bald die 400er-Marke „knacken“ wird. Ihr Zynismus ist unschuldig, vollkommen plausibel und nachvollziehbar. Was soll man denn machen, wenn alle sich anstrengen und es trotzdem nichts nützt! Sich noch mehr anstrengen? Ja, bittesehr, was würde das konkret bedeuten?

Für sie persönlich gar nichts. Gefühlt geht sie schon so lange nicht mehr zur Schule, dass die Erinnerung an den Unterricht in Präsenz langsam verblasst. Wenn sie ohne Maske unterwegs ist, fühlt sie sich nackt. Sie persönlich tut so ziemlich alles, was man tun kann, um sich weder anzustecken noch jemanden anzustecken, es bringt aber nichts. Genauso ist es eben, wenn eine Situation „außer Kontrolle“ geraten ist. Und was bleibt, wenn man die gute Laune nicht ganz und gar verlieren will, als der grimmige Galgenhumor, demzufolge hohe Zahlen in einer Gesellschaft, die alles quantifiziert, doch in jedem Fall eine GUTE SACHE sein müssen, und dass Rekorde dazu da sind, um gebrochen zu werden, nicht wahr?

Auf der einen Seite hätte es nie dazu kommen dürfen. Nie hätte die Politik es zulassen dürfen, dass den Leuten alles scheißegal wird und sie das Gefühl bekommen, sie selbst könnten mit der Pandemie nur noch ironisch umgehen. Sind sie erst einmal an diesem Punkt angekommen, ist fast nichts mehr zu machen; dann ist die Situation nicht bloß epidemiologisch, sondern auch psychologisch außer Kontrolle. Die Einsicht, dass wir der Pandemie nicht gewachsen sind, ist grundlegend; sie ist das Werk der letzten, verlorenen Monate. Wenn man von ihr durchdrungen ist, kann man es nur noch laufen lassen, zuschauen, feixen und feiern, sich bestenfalls wegducken .

Und vielleicht – dies ist die andere Seite – ist es ja auch wirklich so! Vielleicht ist SARS-CoV-2 einfach zu viel für uns. Vielleicht sind wir diesem Gegner wirklich nicht gewachsen. Vielleicht wäre erst einmal den Mut angezeigt – die grundlegende Einsicht also, die sich meine Tochter auf ihre Weise zu eigen gemacht hat: dass wir diese Krankheit nicht „überwinden“, „besiegen“, ja nicht einmal „unter Kontrolle bekommen“ werden; dass unser Leben sich durch sie dauerhaft verändern wird und dass wir nur dann eine Chance haben, uns ein paar wenige Freiräume zurückzuerobern, wenn wir das akzeptieren. Forever young: der Traum ist aus. Wir sind älter geworden und die ersten Gebrechen stellen sich ein. Das ist der Lauf der Welt. Die Gefahr liegt darin, das wir ihn ignorieren und einfach weiterleben wie bisher. Dann stürzen wir, oder wir kollabieren, außer Atem, mit rasendem Herzen. Man kann in höherem Alter Marathon laufen, aber ja. Aber es zur Norm zu erheben, wäre Hybris. Wir müssen uns unsere eigenen Verfassung anpassen. Vorsicht, Umsicht, die Sorge um sich; oder eben auch Demut; das Bewusstsein, das mit der Natur nicht zu handeln ist: darauf kommt es an. Alles noch mögliche Glück steht auf diesem Fundament. Und ist es einmal gelegt, kann und soll ein bisschen Zynismus, der uns an die Denke einer verflossenen Epoche erinnert, gerne dazu gehören!

Der letzte, tödliche Schlag

Washington habe die Absicht, dem Covid einen letzten, tödlichen Schlag zu versetzen, ist zu lesen. Die Zahlen seien aber besorgniserregend, denn so richtig sicher ist nicht, ob’s gelingen wird, dieses Ziel zu erreichen. („[C]es chiffres sont préoccupants si Washington veut un jour infliger un dernier coup fatal au Covid-19.“)

Die Kriegsrhetorik ist zurück. Oder vielmehr: eine Rhetorik aus der Arena von Gladiatoren. Was für ein merkwürdiger Gedanke, dass es einen allerletzten, alles entscheidenden „Schlag“ geben könnte, wo man doch genau weiss, dass es um die Impfung von Milliarden von Menschen zu gehen hat, der eine, große Schlag (wenn’s denn überhaupt einer ist) sich also aufsplittert in ganz viele, winzige Einzelschläge, oder, besser: Nadelstiche! Man piekt den Virus ein bisschen, man setzt ihm mit kleinsten Stichen zu. Von wegen Schwert, Keule, Beil oder ich weiss nicht was! Von wegen „dernier coup fatal“!

So spricht nur das Patriarchat, das nicht versteht, dass die Arbeit der vielen, vielen (oft weiblichen) Krankenpfleger:innen, die gerade die Impfkampagne tragen, viel feiner, kleiner, geduldiger, systematischer, effizienter und, wenn man will: „tödlicher“ für den Virus ist als dieses ganze, heroisch-kriegerische Brimborium.

Covid-19 : les Américains ont-ils crié victoire trop tôt ? (msn.com)

Schönes Wetter

Das schöne Wetter, auf das man in diesem Jahr nicht bloß hoffte, weil es einfach schön ist, wenn das Wetter es ist, sondern auch, weil man sich sagte, dass der Virus, der ja in jeder Hinsicht unsympathisch ist, genau das nicht mag, was jeder gern hat – nämlich das schöne Wetter und überhaupt alles, was schön ist –, ist von Forscher:innen untersucht worden, weil man sein Verhältnis zum Virus bzw. das Verhältnis des Virus zu ihm – nämlich dem schönen Wetter – besser verstehen wollte. Und es hat sich herausgestellt, was man eigentlich auch schon ohne dieses Forschungsprojekt hätte voraus- und aussagen können, nämlich: dass eine Pandemie eine äußerst komplexe Angelegenheit ist, die von tausenderlei Faktoren abhängt, so dass sich in Bezug auf den Einfluss des schönen Wetters eigentlich nur Annäherungsweises feststellen lässt. „Les effets des mesures prises par les gouvernements se sont avérés quatre fois plus importants pour expliquer les variations du R₀ que les différences en termes d’UV.“ („Die Auswirkungen der von den Regierungen getroffenen Maßnahmen haben sich als viermal wichtiger erwiesen, um Veränderungen des R₀-Wertes zu erklären, als die Unterschiede bezüglich der UV-Strahlung.“) Da, wo dauernd schönes Wetter herrscht, kann, pandemisch gesprochen, trotzdem schlechtes herrschen, wenn die Politik in all dem vielen, schönen Sonnenlicht rein gar nichts unternimmt. Ein sprechendes Beispiel ist Brasilien: Die Sonne scheint, und man stirbt trotzdem, mitten im Sonnenschein.

Was ich nun an der statistischen Aussage, die Regierungspolitik sei viermal wichtiger als die Frage nach dem schönen Wetter, wirklich aufregend finde, ist, dass der französische Präsident ganz offenherzig erklärt hatte, mit dem Frühling werde alles besser werden, denn dann kehre ja das schöne Wetter zurück. Jetzt, wo es in Europa mal graupelt und mal schneit, mal ungewöhnlich warm und frühlingshaft und dann wieder ganz scheußlich winterlich ist, so dass man nie weiß, wie man sich am besten anziehen soll (es hat sogar so stark gefroren, dass die Weinbauern weinen), stellt man fest, dass Macron damals eigentlich seinen Abschied von der Politik verkündet hat. Insgeheim vielleicht doch von dem Gefühl beseelt, dass es gar nicht einfach ist, in Pandemiezeiten Politik zu betreiben, hätte er die ganze Chose gern dem Frühlingswetter überlassen und vielleicht nur hier oder da noch ein wenig nachgebessert bei dem, was die schöne Jahreszeit nicht ganz allein fertig brachte. Das heißt: Eigentlich hätte er gern Schönwetter bei der Bevölkerung gemacht mit dem, was von alleine kam – nämlich genau ihm, dem schönen Wetter. Aber dieses kommt und kommt nicht, der Virus bleibt und bleibt, Macron musste wieder beginnen, Politik zu machen, obwohl er doch schon halb dabei gewesen war, sich aus ihr zurückzuziehen.

Covid-19 : pourquoi le retour des beaux jours ne suffira pas à stopper l’épidémie (msn.com)

Die Klimabewegung ist durch dieselben Ereignisse bedeutungslos geworden, die ihr in jedem einzelnen Punkt Recht geben

Bis in die Formulierung hinein wiederholte die Bundeskanzlerin vorgestern in ihrer leidenschaftlichen und umstrittenen Rede im Deutschen Bundestag all das, was uns durch Thunberg, Neubauer, Lech und Co. schon zu den Ohren raus gekommen war: „Mit der Natur kann man nicht verhandeln.“ Dass sie dann fortsetzte: „Die Natur versteht nur eine Sprache, die der Entschlossenheit“, ist zwar ganz richtig, gleichwohl fehlt aber die Fortsetzung, die sie sich sehr wohl von den Klima Aktivistinnen und -aktivisten hätte abschauen können: „… der Entschlossenheit, sich der Natur zu unterwerfen“ – der Entschlossenheit der Demut mithin, die sich von der Vorstellung verabschiedet, wir seien die Ausnahme und vom natürlichen Schicksal aller nicht betroffen.

Penultima Ratio

Ich weiß nicht, ob die Klagen, die Ausgangssperre als verfassungswidrig verbieten lassen wollen, durchkommen werden. Die Chancen dürften sich aber erhöhen, wenn man sie als ultima ratio der Pandemiebekämpfung mit dem korreliert, was als penultima ratio eben auch möglich wäre: dem Aussetzen der kapitalistischen Produktion, wo sie über den lebensnotwendigen Bedarf hinausgeht.

Die Gegenseitigkeit

Wer geimpft wurde, kann trotzdem krank werden. Und nicht nur das: Er kann auch so krank werden, dass er daran stirbt. Es ist dies in den USA gerade konkret zu beobachten. Der Schutz ist kein hundertprozentiger. Richtig zum Schutz wird er erst dadurch, dass auch die anderen sich impfen lassen. Der nicht hundertprozentige Schutz jedes Einzelnen wird, sobald alle ihn haben, zu einem fast hundertprozentigen, denn man schützt sich gegenseitig: nicht perfekt, jeder nur ganz mangelhaft, aber in der Summe eben doch in diesem wunderbaren, beglückenden Umschlag fast total. Ich befürchte nur, dass man dieses Prinzip schon in Bezug auf das Maskentragen nicht gern verstehen wollte. Warum sollte man’s jetzt bezüglich der Impfungen verstehen wollen?

5.800 personnes vaccinées ont tout de même contracté le Covid-19 aux Etats-Unis (msn.com)


Ein bisschen Zynismus, Klimabewegung, Penultima ratio: Wolfram Ette
Der letzte, tödliche Schlag, Schönes Wetter, Gegenseitigkeit: Anne Peiter

Corona 237: Zeitlose Zeit

Anfang März und Mitte April

Ab und zu empfiehlt es sich, zurückzuschauen, im Terminkalender zu blättern und nachzuprüfen, was gewesen ist. Am 3. März sagte der Pressesprecher der Regierung, eine Normalisierung sei Mitte April zu erwarten.

Heute ist der 15. April und es wird gesagt, dass leider der Höhepunkt der »dritten Welle« noch nicht erreicht sei. Aber der 15. April ist doch Mitte April? »Ja«, muss man da antworten, »das ist schon wahr, doch die Mitte des Monats April, von der man ausging, als noch der Monat März war, war die Mitte April von Anfang März und nicht die Mitte des Monats April von Mitte April.«

Man muss demnach einsehen, dass, wenn man Anfang März von Mitte April spricht, man nicht allein Anfang März spricht (was bedeutet, dass man zu diesem Zeitpunkt spricht und zu keinem anderen), sondern dass noch hinzukommt, dass man Anfang März auch vom Anfang März spricht. Damit ist gemeint, dass man Anfang März Auskunft gibt über das, was Anfang März ist, nämlich: über die Hoffnungen, die die Hoffnungen vom Anfang des Monats März sind.

An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage, warum man dann Anfang März nicht gleich nur von Anfang März gesprochen hat, wenn das Sprechen von dem, was Mitte April sein wird, doch ohnehin nur einem Sprechen vom Anfang März gleichkam? Auch hier ist die Antwort ganz einfach, denn Anfang März nur vom Anfang März zu sprechen, wäre eine sehr traurige Angelegenheit gewesen, weil Anfang März eben nur der Anfang März war und nicht schon Mitte April, der Zeitpunkt also, wo alles besser sein würde.

Jetzt sehe ich schon den Einwand kommen, es sei doch aber Mitte April gar nicht besser, man sehe es doch, denn heute sei der 15. April?! Das ist natürlich wahr, aber an diesem Punkt muss man zwecks richtiger Perspektivierung auf das Vorgesagte zurückkommen. Auch wenn unbestritten ist, dass es jetzt, nämlich Mitte April, nicht besser ist als Anfang März, machte man die Situation Anfang März dadurch besser, dass man verkündete, sie werde schon bald besser sein, als sie‹s gerade war, nämlich damals, Anfang März. Wenn die Situation Mitte April besser sein würde als sie’s Anfang März war, strahlte ein bisschen von dem Besseren von Mitte April auf den Anfang des Monats März hinüber und machte ihn so besser, als er in Wirklichkeit war.

Und das Glück bestand eben darin, dass man Anfang März noch nicht wissen konnte, dass es Mitte April auch nicht besser sein würde, denn es war ja noch nicht Mitte April, sondern erst der Anfang des Monats März. Man lebte also von einer Zukunft – hier der Mitte des Monats April –, weil man Anfang März nichts mehr unter Kontrolle hatte, sich aber damit beruhigen wollte, Mitte April werde man die Kontrolle zurückgewonnen haben. Das heißt, man kontrollierte den Anfang März prospektiv, als wäre die Mitte des Monats April schon längst eingetreten: Anfang März war schon Mitte April.

Die einzige Schwierigkeit, die man bezüglich der insgesamt doch sehr gut nachvollziehbaren und begrüßenswerten Projektion hinein in die Zukunft zugeben muss, besteht darin, dass die Verlegung der Beherrschbarkeit in eine sehr nahe Zukunft – hier hinein in die Mitte des Monats April – zu den Gründen zu gehören scheint, die erklären, dass die Mitte des Monats April genauso wenig unter Kontrolle ist wie der Anfang des Monats März. Der vorherrschende Optimismus tritt in Kontrast zu dem, was derselbe Pressesprecher, der Anfang März sprach, Mitte April verlauten lässt, nämlich: »Nous avons encore devant nous des jours très difficiles« (»Wir haben noch sehr schwierige Tage vor uns«).

Dieser Satz beweise deutlich, könnte man nun sagen, dass man realistischer geworden sei, weil der Pressesprecher, anders als Anfang März, wo er nur den Anfang März für schwierig, die Mitte des Monats April hingegen für weitgehend normal erklärte, jetzt, wo man die Mitte des Monats April erreicht hat, nicht gleich hinzufügt, es werde schlagartig alles besser werden.

Doch es gibt ja nicht nur den Pressesprecher, sondern auch denjenigen, für den er spricht, zum Beispiel den Präsidenten, der mitunter auch selbst spricht. Und der hat also, als man, weil der März so schwierig war, einen neuen Lockdown verkünden musste, gleich ein wenig Hoffnung verbreiten wollen und hat daher der Bevölkerung versprochen, Mitte Mai werde die Normalität zurückgekehrt sein.

Es ist nun dieser Satz, der die Begründung für meine Hypothese liefert, dass sich die Zustände, die Mitte des Monats April – also in unsere Gegenwart, nämlich am besagten 15. – herrschen, vor allen Dingen aus dem Umstand erklären lassen, dass man Anfang März zumindest die Mitte des Monats März kontrollieren zu können meinte, sprachlich nämlich. Und wenn einen jetzt, wo weder der 15. April, noch überhaupt die gesamte Mitte dieses Monats unter Kontrolle ist, erneut der Satz begleitet, Mitte Mai werde aber wirklich alles unter Kontrolle sein, weiß man plötzlich auf sehr präzise Weise, dass man nicht nur in, sondern auch von der Zukunft lebt, was dazu führt, dass das, was in und für die Gegenwart – hier den 15. April und seine Folgetage – zu machen wäre, nicht gemacht wird. Die Projektion von Zukunft hat die Stelle der Beschäftigung mit der Gegenwart eingenommen, und so kommt es, dass die Zukunft unablässig der Gegenwart gleicht. Konkret: Der 3. März ist identisch mit dem 15. April, und so wird wohl auch dieser 15. April wieder identisch sein mit dem 15. Mai, der die Mitte des Monats Mai und seine Normalität markiert.

Ich halte es aufgrund dieser Identität für eine unhaltbare Behauptung, wenn die Leute jetzt dauernd sagen und beklagen, die Pandemie sei eine Zeit, in der Zukunftslosigkeit herrsche, in der die Zeit still stehe, in der man sich nicht zu projizieren wisse in ein Morgen. Ich glaube, das genaue Gegenteil ist der Fall. Am 3. März lebte man schon am 15. April, und daraus folgt, dass wir jetzt, nämlich am 15. April, schon den 15. Mai haben. Die Richtigkeit dieser These ist erwiesen durch die Tatsache, dass der 3. März wirklich schon alles enthielt, was die heutige Realität dieses 15. April ausmacht, so dass sicher ist, dass diese unsere Realität auch die des 15. Mai sein wird. Denn wie gesagt: Der 15. Mai ist heute. Man sollte sich also seiner Normalität ebenso erfreuen wie der Möglichkeit, in der Zukunft und auf ihre Kosten zu leben.

Les Français peuvent s’attendre à des jours encore « très difficiles », avertit Gabriel Attal (msn.com)

Anne Peiter

Der große Stumpfsinn

In sprachlichen Wendungen wie derjenigen, dass sich zum Zeitpunkt x die Situation normalisiert haben werde, überhaupt im Begriff der »Normalisierung« manifestiert sich die irre Hoffnung, dass, wenn alle Hoffnung fehl geht, es die Zeit schon richten werde. Die Beliebigkeit, mit der irgendwelche Projektionen in die Zukunft geworfen werden und man mit Behauptungen um sich schmeißt, an deren Wahrheitsgehalt man vielleicht noch nicht einmal in dem Moment glaubte, in dem man sie aufstellte, deutet darauf hin, dass unser Verhältnis zur Zeit durch die Krise in tiefgreifende Unordnung geraten ist. Mochte es letztes Jahr noch so scheinen, als sei die Krise vor allem eine Beschleunigungsmaschine, die in rasender Geschwindigkeit eine Vielzahl von nicht systematisierbaren Zukunftsoptionen freigesetzte, so ist nun an die Stelle das träge Einerlei einer zeitlichen Indifferenz getreten, für die es tatsächlich ganz gleich ist, ob wir den 3. März, den 15. April oder den 15. Mai schreiben. Denn alles fühlt sich gleich an. Alles ist imprägniert mit derselben Ohnmachtserfahrung, dem Gefühl, dass niemand irgendwas in der Hand hat, dass man Binnenereignissen hinterherläuft und immer zu spät kommt. Dass Deutschland im selben Augenblick Rekorde bei den täglichen Impfungen aufstellt, in dem die Ansteckungszahlen förmlich explodieren, passt genau in dieses Bild. Alle sind müde, alle sind einfach nur erschöpft. Ein großer Stumpfsinn hat sich aller bemächtigt, in dem man schon mal die Tage verwechseln kann. Ist die empörte Nervosität des vorstehenden Textes vielleicht fast schon die Ausnahme? Bilden beide Texte zusammen den Neologismus, von dem ich neulich las: »mütend«?

Was Deutschland betrifft, tut der April ein Übriges. Das Wetter ist ein einziges Auf und Ab – wie es im April eigentlich sein sollte. Das heißt, manchmal sind wir im März und manchmal im Mai. So siecht alles dahin wie ein Belagerungszustand, der einfach nicht enden will, die Projektionen dienen nur der Aufhellung des Bildes. Mit Zeit im eigentlichen Sinne, dem Medium also, in dem Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart durch unser Handeln und durch unser Denken miteinander verbunden werden, hat das alles nichts zu tun.

Wolfram Ette

Corona 235: Über die Klugheit

In der Region Occitanie hat die „dritte“ die „erste“ und „zweite Welle“ übertroffen: mehr Kranke auf den Intensivstationen, und die Prognose lautet auf: „weiter steigend“. Vielleicht hat man Glück, und die Übertreffung seiner selbst weitet sich nicht auf das gesamte Land aus. Doch immerhin fördert dieses regionale Beispiel die Frage zutage, wie das eigene Selbstverständnis, das ja doch auf einer gewissen, universellen Idee von Würde beruht, vereinbar ist mit der Tatsache, dass man immer dümmer und dümmer wird, statt wenigstens ein bisschen klüger? Wie kommt es, dass man zwar sehr gut zurückzuschauen versteht, um festzustellen, dass es damals, als es ganz schlimm war, dennoch weniger schlimm war als jetzt, dass man aber gleichzeitig nie die Schlussfolgerung aus diesem Verhältnis zur Vergangenheit zieht, die ein bisschen mehr Klügerwerden für die Zukunft ermöglicht hätte oder, weil’s ja nicht geschehen ist, wenigstens jetzt noch ermöglichen würde?

Mehr und mehr glaube ich, dass die Erfindung der Impfstoffe, ganz so wie die Verschwörungsreligionen sagen, ein immenser Humbug war. Nicht, als ob sie nicht wirksam wären. Anders als besagte Theoretiker glaube ich das schon. Doch es stellt sich zumindest heraus, dass die viel zu frühzeitige Hoffnung, die man in ihre Wirksamkeit setzte, den Kern der Dummheit der letzten Wochen gebildet hat. Man hatte die Impfstoffe nicht, doch man lebte, als habe man sie schon. Der Kauf war getätigt, und so war’s, als sei die Lieferung schon gegeben. Doch Kauf ist, wenn Rarheit herrscht, eben nicht, wie sonst auf dem Markt üblich, identisch mit kompletter Verfügbarkeit. Und so ist der Hoffnung der Vorwurf zu machen, das bald Verfügbare schon für präsent zu erklären. Man verwechselte Hoffnung und das Eingekaufte und machte so aus der ersteren eine Ware, die gar nicht auf den Markt der Notwendigkeiten passte, die man hätte wahrnehmen und auf die man hätte reagieren müssen.

Anne Peiter

Coronavirus en Occitanie : Il n’y a jamais eu autant de patients en réanimation (msn.com)

Corona 234: Blinde Gegenwart

Die Erleichterung

Chile und die USA machen es vor: Die Impfkampagnen schreiten rasch voran, doch parallel dazu, kommt es zu steigenden Ansteckungen, die nicht allein – wie im Falle Chiles – auf die geringe Wirksamkeit des chinesischen Impfstoffes zurückgeführt werden, sondern auch und nicht zuletzt auf die Erleichterung darüber, dass geimpft wird und man nicht mehr so aufpassen muss.

Aber darin liegt genau der Fehler: Die Erleichterung kommt zu früh, sie kommt zu massiv, sie kommt, weil so massiv geimpft wird und man dies mit berechtigter Freude beobachtet. Woraus wieder einmal folgt, dass doch nichts so viel Anlass gibt, um optimistisch in die Zukunft zu blicken, wie eine gehörige Portion Pessimismus, gemischt mit: warten können, sich selbst historisch sehen, die Vergangenheit im Hinterkopf behalten, nicht nur die sich neu öffnende Zukunft. Denn ohne dies schließt sie sich sofort wieder.

Covid-19: cinq États concentrent la moitié des nouveaux cas aux États-Unis (msn.com)

Anne Peiter

»Sich selbst historisch sehen«

1989, in den Wochen und Tagen der Wende, bewegte sich der Dokumentarfilmer Thomas Heise durch Berlin. Er filmte drauflos, aufs Geratewohl, ohne zu wissen, ob das von ihm festgehaltene von Bedeutung sei. Das Material, von dem ein Teil in seinem gleichnamigen Film über die Wende Eingang fanden, war Zelluloid. Gefragt, warum er diesen Aufwand getrieben habe – die die digitale Filmtechnik war ja, was die magnetische Aufzeichnung betrifft, nicht mehr in den Kinderschuhen – antwortete er, Zelluloid habe, wenn man es sachgemäß lagere, eine Haltbarkeit von 500 Jahren. Die Aufnahmen seien in dem Interesse entstanden, zukünftigen Generationen dieses dokumentarische Geschenk zu machen, ohne zu wissen, ob es das überhaupt wert sei und ob es von ihnen angenommen werden würde.

Das weiß man tatsächlich nicht. Aber ich finde den Gedanken, etwas mit dem antizipierten Blick von Menschen festzuhalten, die in 500 Jahren leben, sehr faszinierend. Auch das ist Säkularisierung. Wir sehen uns nicht mehr mit dem strengen Auge Gottes, sondern mit dem vielleicht nicht weniger strengen diejenigen, die nach uns leben. Die Wirkung der metaphysischen und der historischen Transzendenz ist aber dieselbe: ich distanziere mich von mir selbst, blicke mit fremdem Blick auf eine fremd gewordener Gegenwart, und kann, zumindest in der Vorstellung, vielleicht doch ein wenig von dem antizipieren, was wichtig ist und was nicht.

Nur durch den Schritt zurück oder nach vorn, nur durch den Blick von oben oder aus der Zukunft kann etwas gelernt werden. Nichts anderes meint Reflexion. Umgekehrt wirken die Politikerinnen und Politiker vieler Länder im Augenblick wie eine aufgescheuchte Herde, die panisch fliegt, ohne etwas zu erinnern oder zu antizipieren. Sie taumeln von Augenblick zu Augenblick, oder, wie es bei Hölderlin heißt: »Blindlings von einer | Stunde zur andern, | Wie Wasser von Klippe | Zu Klippe geworfen, | Jahr lang ins Ungewisse hinab.«

Wolfram Ette

Corona 233: Aprilscherze

Man darf sich erleichtert fühlen: Der reiche Antiquitätenhändler, der mit einem Aprilscherz eine Regierungskrise auslöste, weil er behauptet hatte, Minister speisten, gemeinsam mit ihm, im Palais Vivienne in klandestiner Fröhlichkeit, ist, nachdem er zwecks polizeilicher Befragung auf die Wache musste, wieder auf freiem Fuß und kann also Zeugnis geben davon, dass seine Lebensfreude nur noch gestiegen ist:

„Bonne nuit les amis !!! Après cette semaine de folie … j’ai Dîné (sic!) tranquille au Palais Vivienne !!!!!“ („Gute Nacht, liebe Freunde!!! Nach dieser verrückten Woche… habe ich geruhsam im Palais Vivienne zu Abend Gespeist (sic!)!!!!)

Und weiter:

„De Moscou à New York le monde entier connaît à présent le palais Vivienne !!! Alors pourquoi pas vous !!!! Venez le découvrir vous aussi.“ („Von Moskau bis New York kennt jetzt die ganze Welt den Palais Vivienne!!! Warum nicht ihr auch!!!! Kommt und entdeckt auch ihr ihn.“)

Neben flach zusammengelegten Händen und der französischen Flagge, die in großer Fülle als patriotisches emoticons in die Twitter-Nachricht eingefügt sind (der Mann ist ein Bewunderer Napoleons), scheint mir bemerkenswert vor allen Dingen die Interpunktion dieses denkwürdigen Dokuments zu sein – ein Dokument, das von einem komplexen Selbsterkenntnisprozess in Pandemiezeiten zeugt. Da verstärkt ein Aprilscherz (sofern’s denn einer war) das allgemeine Misstrauen gegenüber der Regierung; da entsteht der Eindruck, dass „die da oben“ alles dürfen und niemals dafür belangt werden; da zirkulieren die heißesten Gerüchte zu der Frage, welche Minister wohl mit diesem Buffone ihre Champagner-Gläser gehoben, die Gabeln gekreuzt, sich den Kaviar ins Maul geschmiert und das Gelächter über die Toten angestimmt haben könnten, die an diesem Tag beerdigt werden mussten, aber der Mann, der weiß, was man am 1. April tun darf, macht auch noch am 10. April, gleich nach seiner Freilassung, weitere Scherze, versieht diese großzügig mit Ausrufezeichen, denn er weiß: So eine billige Werbung für seinen Palais kriegt er nie wieder! So viel Kundschaft wie die Polizei hat ihm noch niemand zugetrieben! Er ist einfach so aus dem Häuschen vor Freude darüber, wie viele Leute ihn jetzt lesen werden, dass er die Aufforderungen, doch vorbeizukommen, gleich an die ganze Welt richtet, seine Übereinstimmung mit einer internationalen Elite zu erkennen gebend, die einhellig findet, mit dem Kaviaressen könne man wirklich nicht länger warten (zumindest nicht, wenn so hohe Festtage anstehen wie der 1. April).

Man verschanzt sich also hinter dem Recht auf Humor, man führt seine gute Laune und sein ebenso gutes Gewissen vor, gibt sich als Lebemann, der so heißt, weil er zu leben versteht, man pünktelt die Ausrufe, weil man nur mit erhobener Twitter-Stimme die wachsende Zahl derer erreichen kann, die finden, er habe total recht – und indes liegen die Covid-Kranken auf den Intensivstationen, geht der 1. April vorbei und auch der 10., weil man noch immer nicht weiß, ob sie’s überleben werden.

Und ich gehe jetzt ins Bett und lese Karl Kraus’ Passagen zum „tragischen Karneval“.

Anne Peiter

https://www.voici.fr/news-people/actu-people/photo-pierre-jean-chalencon-a-peine-sorti-de-garde-a-vue-il-nargue-ses-detracteurs-701423

Corona 232: Über Daten, Versprechen, Geschichte

Der Kalender / il calendrier

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Kalendern unterscheiden. Es gibt den Terminkalender, in den einmalige Ereignise eingetragen werden. Und es gibt den „ewigen Kalender“ der im Kern ein Festkalender ist, verankert in der mythischen Zeit. In ihm sind die Geburtstage, die hohen Feiertage, oder eben auch die Mondphasen – letztes Residuum des Bauernkalenders – zu finden.

Der Kalender ist ein mächtiges Instrument der Vergesellschaftung. Als Terminkalender koordiniert er ‚horizontal‘, also auf gleicher Ebene, die Individuen miteinander – zum Zweck der Kooperation. Als ewiger Kalender dagegen koordiniert er die individuelle Zeit nicht mit der Zeit der anderen, sondern ‚vertikal‘ mit der überindividuellen, der mythischen Zeit, die eigentlich keine Zeit ist, weil sie die Zeit in der Wiederholung aufhebt. Denn Festtage wiederholen sich nicht in dem Sinn, dass man sie abzählen könnte. Es ist vielmehr immer ein und dasselbe Ursprungs- und Gründungsereignis, das fortlaufend wiederkehrt und die Zeit je und je von neuen beginnen lässt. 

Davon gibt es im Kalender aber viele. Und diese Ansprüche in der Mehrzahl – hinter jedem Festtag steht ein Heiliger, ein Gott oder eine Göttin, deren Ansprüche befriedigt werden müssen – werden zeitlich miteinander koordiniert. Der Kalender ist ein Instrument der Systematisierung durch Zeit. Die verschiedenen Ursprungsereignisse konkurrieren, aber sie vertragen sich im Kalender auch miteinander und schaffen insgesamt ein blasses Hintergrundrauschen von ’Bedeutsamkeit’. Verschiedenen Ursprünge werden in einem Zusammenhang gebracht, in dem ihre Widersprüche erträglich sind, und ihre Geltungsansprüche relativiert werden.

Ein Taschenkalender oder ein Kalender, wie er im Smartphone sich findet, bringen die individuelle Zeit, die gesellschaftliche Zeit, und die mythische Zeit in einer simultanen Anordnung zusammen. Man kann einzelne Tage, Wochen, Monate und sogar ein ganzes Jahr überschauen. Sie koordinieren uns miteinander, und sie koordinieren das, was über uns hinausgeht und mehr ist als wir. Sie koordinieren Fortschritt und Stillstand, das, was sich verändert und das, was bleibt.

Die Frage ist nun: Was für einen Kalender mag Emmanuel Macron im Sinn gehabt haben, in welchem Sinne sprachen die Journalisten von dem Kalender, der er „verkündet“ habe. Die Formulierung, er, Macron, habe den Kalender „verkündet“ oder „verkündigt“ (annoncé) lässt aufhorchen. Es ist dasselbe Wort, mit dem die Jungfrau Maria von der Geburt ihres Sohnes in Kenntnis gesetzt wird, mit der auch eine neue Zeit, ein neues Evangelium und ein neuer Kalender in die Welt kam, mit dem also eigentlich – wie es denn eigentlich der Anspruch von Religionsgründungen ist – der gesamte Vermittlungszusammenhang von Himmel, Mensch und Erde im Namen einer neuen Zeit.

Ist es dieser Anspruch, mit dem Macron, wie immer versteckt und ermäßigt, hier auftritt? Wenn nichts hilft, hilft ein neuer Kalender, der eine eine neue Zeit verkündet. Seine Verkündigung ist von blassem sakralem Pathos umgeben; das eben soll die Bevölkerung zu der Anstrengung beflügeln, die nötig sein wird, um dem Kalender zu entsprechen. Denn ein Kalender ist mehr als alles andere: gesollte Zeit, also Norm und Vorschrift, der man sich peinlich genau zu fügen hat, wie es in den alten Ritualkalendern vorgeschrieben wird. Und zwar sowohl im Einzelnen wie in der zeitliche Abfolge der verschiedenen Feste. Dann hat das Leben einen Sinn, mit dieser Autorität im Rücken werden wir die Pandemie ‚besiegen‘, ‚Herr über sie werden‘ oder sie ‚meistern‘, je nachdem. 

Wolfram Ette

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D’ici fin avril

Das ist eine ganz merkwürdige Formulierung im Französischen, die Geographisches und Zeitliches zusammenführt: „d’ici fin avril“ heißt wörtlich „von hier bis Ende April“, meint aber schlicht „vor Ende April“ oder, besser noch : „im Laufe des Monats April“.

Man findet ein konkretes Verwendungsbeispiel bezüglich der Impfungen, die der geplagten, französischen Lehrerschaft in Aussicht gestellt werden: „von jetzt bis Ende April“ werde sie sich schützen können. Aber das ist schlecht übersetzt und heißt keineswegs, dass die Impfung für jeden Einzelnen so lange dauert. Vielmehr wird ein grober, zeitlicher Rahmen abgesteckt, und der besagt (wie gesagt), dass es irgendwann im Laufe des Monats April so weit sein wird.

Der Vorteil des Französischen gegenüber dem Deutschen besteht nun darin, dass die Deutschen, sprachbedingt, unwillkürlich an den ganzen Monat April denken, während die Franzosen, wenn sie nur gehörig optimistisch sind, den Akzent auf das Wort „ici“ (= „hier“) legen können, was implizieren würde, dass es „hier und jetzt“ mit dem Impfen losgeht, d.h. sofort, auf der Stelle.

Aber das sagt der Schulminister natürlich gar nicht. Er macht sich das Französische nur zunutze, und die Realität wird darin bestehen, dass es vielleicht – vielleicht! – Ende April losgeht, denn „hier und jetzt“ ist gar nicht daran zu denken. Man beschränkt sich nur darauf, die Leute daran denken zu lassen, in der Hoffnung, dass sie das „Hier“ recht deutlich fühlen und verstehen mögen: „Die Rettung naht in großen Schritten.“ Aber den Schritt bis Ende April muss man wenigstens noch tun, denke ich mir, denn die bisherige Benutzung des Wortes „hier“ ist bisher noch immer Lügen gestraft worden.

Aber das ist natürlich gar nicht die Schuld des Ministers selbst, sondern eine Eigentümlichkeit der französischen Sprache, die mir aus diesem Grunde desto suspekter wird, je mehr ich mit den Realitäten konfrontiert bin, die sie hervorbringt.

Anne Peiter

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Brückenlockdown

Ja, Brücke zu was? Stairway to Heaven – ins gelobte Land, in dem wir alle eine durchgeimpfte Herde sein werden; in der wir produzieren und konsumieren, dass es kracht und das Bruttosozialprodukt kocht? Was ist fällig? Was brauchen wir jetzt und bald? Ein neues Wirtschaftswunder! Der Weg dorthin ist schmal und führt über einen Abgrund, durch Heulen und Zähneklappern. Wir werden Disziplin brauchen, um dort anzukommen.

Wie immer: Die Brücke, die er uns baut, soll die Brücke in ein gelobtes Land sein, in dem die Immunität gegen Corona, das Wirtschaftswunder, und die Rückkehr zur gesellschaftlichen Normalität mit seiner Kanzlerschaft zusammen fallen würden. Aber ergibt diese Verkoppelung einer Gegenwart, in der den Hausarztpraxen für die aktuelle Woche gerade einmal 26 Impfdosen pro Praxis zur Verfügung gestellt werden können, mit einer verheißenen Zukunft, in der wir all diese Mühen lang hinter uns gelassen haben werden, wirklich Sinn? Das, wovon Laschet spricht, wirkt wie eine Brücke, die nur vom einem Ende her, also von der Zukunft in die Gegenwart gebaut werden würde, nicht umgekehrt oder nicht, wie es normalerweise geschieht, von beiden Enden gleichzeitig. Es ist leere Rhetorik, die das verhindert, was sie ankündigt, nämlich eine Brücke zu konstruieren, die aus der Gegenwart in eine Zukunft führt, die dadurch mit der Gegenwart verbunden wäre, dass sie die Lehren nicht ausschlägt, die diese uns aufdrängt.

Die wichtigste dieser Lehren besteht darin, dass es die prosperierende Normalität, von deren Rückkehr wir träumen, nicht geben wird; dass also die Zukunft eine echte Zukunft ist und nicht bloß die wiedergekehrte Vergangenheit; dass also der Kreis der kapitalistischen Selbstreproduktion sich nicht schließt und nicht schließen darf, wenn wir verhindern wollen, dass Vergangenheit und Gegenwart sich unabsehbar in die Zukunft verlängern und unser Leben immer unwirtlicher machen wird. Also, der Brückenlockdown als Unterbrechung, die tatsächlich den Brückenweg in eine andere Zukunft bahnen könnte, eine Zukunft, die keine Wiederkehr des Zustands ist, in dem die Pandemie heraufbeschworen wurde und entstand: das wäre ein Gedanke, mit dem ich mich anfreunden könnte; Das wäre die Wahrheit, die Armin Laschet ausgesprochen hat, ohne sie zu intendieren; das wäre die Wahrheit der von ihm produzierten Ideologie.

Aber das hat er nicht gemeint, und so wirkt die Brücke eher wie die am Kwai: wie die letzte Verteidigungsstellung eines Ist-Zustandes, der in Wahrheit schon verloren ist und nicht wiederkommen wird; nicht als Weg in die Zukunft, sondern als Symbol einer Vergangenheit, die bereits Vergangenheit geworden ist, an deren ewige Wiederkehr mit einer verbissenen Selbstverständlichkeit geglaubt wird, als hätte man vergessen, dass das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem wir leben, gerade einmal 400 Jährchen alt ist (und in vielen seiner Erscheinungsformen nicht älter als 200 Jahre), was zivilisations- und evolutionsgeschichtlich natürlich ein absoluter Witz ist, von dem sich mehr und mehr herausstellt, dass es wirklich ein Witz war; ein Neben- und Seitenweg, der in einer Sackgasse endet; ein Fehler, den wir, so gut es jetzt noch geht, korrigieren müssen.

Wolfram Ette


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Das Versprechen

Ende März hatte der Präsident angekündigt, die Lehrer:innen würden ab Mitte April geimpft werden können. Jetzt verschiebt sich das Ganze nach hinten – vermutlich Richtung Mitte Juni. Dann sind Lockdown und Schulschliessung längst vorbei, und die Forderungen der Lehrerschaft, die auf die dramatischen Ansteckungen in den Schulen verwies, werden wieder einmal nicht erfüllt. Eigentlich war das schon abzusehen gewesen, denn Macrons Formulierung „d’ici fin avril“ war so wunderbar offen und vage gewesen. Doch nicht vage genug, wie man jetzt sieht: Er hätt’s noch anders formulieren müssen. Aber dann hätte es wiederum bei den Lehrer:innen nicht beruhigend gewirkt, und darum musste er trotzdem vom April sprechen.

Anne Peiter

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Rückkehr zur Normalität

Wenn von der „Rückkehr zur Normalität“ gesprochen wird, so als ginge es ums gelobte Land, so frage ich mich, wie man es sich konkret vorstellt. Denn den Tag X, an dem wir sagen werden: „Bis gestern war alles unnormal, ab heute ist es wieder normal“, diese Zäsur also, mit der die Krise für beendet erklärt werden wird – die wird es nicht geben. Rückkehr zur Normalität kann nur Normalisierung heißen. Und das heißt einerseits, dass wir allmählich und in gewissem Umfang in den status quo ante zurückkehren werden, und dass wir uns andererseits an das, was nie wieder so sein wird wie vorher, gewöhnen werden. Normalisierung hat also eine objektive und eine subjektive Seite. So sagen viele, dass sie auch dem „Ende“ der Coronakrise weiterhin eine Maske in der Öffentlichkeit tragen würden. Ich weiß nicht, ob sie’s wirklich tun werden, aber dass sie’s sagen, ist ein bedeutungsvolles Indiz dafür, dass sie ans „Ende“ in einem datierbaren Sinn eigentlich nicht glauben und annehmen, dass unser Leben sich durch Corona in einer nicht zurückzunehmenden Weise verändert hat. „Das neue Normal“, dieser unmögliche Ausdruck, bezeichnet dennoch etwas Richtiges: dass etwas, das nicht normal war, nun normal werden kann, indem wir uns daran gewöhnen und nicht mehr darüber nachdenken. Etwas, das zuvor auffällig war, sinkt nun zum Reflex ab; etwas, das wir mühsam erlernten, wird zum automatisierten Ablauf: das Essen mit Messer und Gabel, eine fremde Sprache, ein Musikstück oder eben das Tragen einer Maske und das Einhalten eines Mindestabstands zwischen zwei Menschen.

Wenn die Politik nun wieder und wieder Termine vorgibt, wenn Armin Laschet nach Tagen des Nachdenkens (viel belacht unter dem Hashtag #laschetdenktnach) mit seinem Brückenlockdown herausrückt, der doch ebenfalls vor der Vorstellung eines jenseitigen Ufers lebt, des festen Landes, das Balken hat, Grund, auf dem wir stehen können, so schlagen sie wieder einmal das, was viele Menschen eigentlich schon wissen, in den Wind: dass nämlich Corona in unser bisherigen Leben in einer grundsätzlichen Weise eingegriffen hat, dass also die „Rückkehr zur Normalität“ einen kontinuierlichen Lernprozess einschließt, demzufolge es keine Rückkehr sein wird; dass wir nur dann das andere Ufer erreichen werden, wenn wir uns klar machen, dass der Boden schwankend bleibt, dass es einen festen Grund wie den, der uns zuvor zu tragen schien, nicht mehr gibt; dass wir also die Brücke erst dann verlassen, wenn wir begriffen haben, dass wir sie so richtig nicht mehr verlassen werden.

Wolfram Ette


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Das Datum

„À quelle date la pandémie prendra-t-elle fin ?“

Es gibt Fragen, die sind so süss, dass man sich regelrecht entwaffnet fühlt: „An welchem Datum endet die Pandemie?“ Das ist der Titel eines Artikels, und fast wagt man, obwohl man sich angesprochen fühlt, nicht die Antwort zu geben, die die einzig mögliche ist, nämlich: dass die Frage an sich schlecht gestellt ist. Sie zeigt einfach zu gut, was die Herzen wirklich bewegt, was das Denken in Terminkalendern anrichtet, was überhaupt von der Krise „hängen geblieben“ ist, nämlich: NICHTS. Die Krise hat begonnen, sie wird auch enden, dann oder dann, an dem Datum oder, wenn’s unbedingt sein muss, auch an einem anderen, späteren. Aber enden muss sie, und auf festlegbare Weise. Und zu befürchten ist, dass sie sich, weil so gefragt wird, verlängern wird.

Anne Peiter


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Zur Macrons ‚calendrier‘: (vgl. https://wolframettetexte.wordpress.com/2021/04/05/corona-227-kalendergeschichten/)

Klaus Heinrich über Hesiods Arbeits- und Festkalender, in: anthropomorphe. Zum Problem des Anthropomorphismus in der Religionsphilosophie (Dahlemer Vorlesungen, Bd. 2), Basel / Frankfurt am Main 1986, 124 ff.

Paul Ricoeur, Zeit und Erzählung, Band 3: Die erzählte Zeit, München 1991, 166 ff. (‚Die kalendarische Zeit‘)

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/face-au-covid-blanquer-d%C3%A9fend-l-ouverture-des-%C3%A9coles-%C3%A0-sa-mani%C3%A8re-et-%C3%A7a-ne-passe-pas/ar-BB1f3E4m?ocid=msedgntp

https://www.liberation.fr/societe/education/la-vaccination-des-enseignants-encore-repoussee-20210407_CHPNBUVFQNFBLHU6E3M6YZ2XRY/

https://www.msn.com/fr-fr/lifestyle/trucs-et-astuces/%C3%A0-quelle-date-la-pand%C3%A9mie-prendra-t-elle-fin/ss-BB1f4ty1?ocid=msedgntp

Corona 231: Verkehrte Welt

Meine Tante ist schätzungsweise die erste, die unser erstes Corona-Buch ganz gelesen hat. Sie findet es stellenweise zu pessimistisch. Aber, so sagt sie, ich bin ja schon 80 und werde bald sterben; ihr seid jung, wie viel mehr Grund habt ihr, pessimistisch in die Zukunft zu blicken!

Bei Hesiod heißt es von den Kindern des letzten, eisernen Zeitalters, in der Schreckensvision einer gottverlassenen Welt, in welcher der gesamte soziale Zusammenhang sich auflöst, dass die Kinder »bei ihrer Geburt schon graue Schläfen bekommen« (Werke und Tage, Vers 180). So steht es bei uns. Die Kinder, angeführt vielleicht von eine jung-Grauhaarigen wie Greta Thunberg, sind die Greise von heute, angefüllt mit düsteren Zukunftsaussichten; sie rufen auf zu dem, wozu normalerweise die alten aufrufen: zu Maß und Verzicht. Und wir, die Alten, sind es, die sich verhalten wie Kinder. Wir ballern die Ressourcen raus, als hätten wir davon unendlich viele, wir verschulden uns unablässig gegenüber der Zukunft, die unseren Kindern, den geborenen und den ungeborenen gehört. Und gerade die Pandemie zeigt, dass wir zu der Klugheit, die unsere Kinder uns abverlangen, nicht befähigt sind. To have the cake and eat it, Fressen und gleichzeitig Abnehmen, Bulimie als gesellschaftlicher Dauerzustand, Lockdown, aber light. Es ist eine verkehrte Welt, in der diejenigen, die Optimisten sein sollten, die Pessimisten sind, und in der umgekehrt sich die Pessimisten auf die Gnade der frühen Geburt berufen, und der Ansicht sind, dass es nach dem Tod schon nicht so schlimm sein wird wie im Leben. Eine verkehrte Welt, in der Erwachsenwerden nicht Mäßigung, nicht Innewerden der eigenen Endlichkeit bedeutet, sondern das Erlernen von Vergeudung und die innerliche Aneignung eines Zustands, in dem die Selbstzerstörung zur systemrelevanten Größe geworden ist. Eine Welt, die noch einmal Hesiod, 700 v. Chr., insgesamt so beschrieben hat:

Dann wird Zeus auch dieses Geschlecht der Menschen vernichten,
wenn sie bei ihrer Geburt schon graue Schläfen bekommen.
Nicht der Vater den Kindern ähnlich, und sie nicht dem Vater.
Nicht wird Gast den Gastwirt, Gefährte nicht den Gefährten,
nicht der leibliche Bruder lieb wie’s früher gewesen …
Faustrecht gilt, da der eine die Städte des andern zertrümmert.
Nicht wird Eidestreue gewürdigt, nicht erntet die Güte,
nicht die Gerechtigkeit Dank, der maßlos frevelnde Täter
steht viel höher in Ehren; denn Fäuste sind Trumpf, und die Ehrfurcht
gibt es nicht mehr. Es schadet der Böse dem besseren Mann,
spricht auf in ein mit krummen Worten und schwört einen Eid drauf.
Neid verfolgt sie alle, die unglückseligen Menschen,
widerlich dröhnend und schadenfroh und finsteren Blickes.
                                                                         … nur trauriges Elend
bleibt den sterblichen Menschen und nirgends ist Abwehr des Unheils.

— und damit einen frühen Entwurf der zahlreichen apokalyptischen und postapokalyptischen Serien geliefert hat, die unsere Gegenwart von unten beleuchten. Glaubt denn ihr, diese Serien seien populär, weil die Menschen per se, durch ihre unveränderliche anthropologischen Verfassung, nach Katastrophen gieren würden? Weil nichts schöner und unterhaltsamer ist als den Zerfall der Gesellschaft in einzelne Horden zu betrachten, die gegeneinander und mit einer auf den Kopf gestellten Natur (z.B. in den Zombie-Serien) ums Überleben kämpfen? Nein, diese Sachen haben Erkennntiswert: Es ist unsere Gesellschaft, unsere Verfassung, die diese Kollektivfantasien süchtig hervorklaubt und gebiert, die der Angst vor der Katastrophe immerhin eine Form zu geben versuchen. Es ist unsere verkehrte Welt, die die Alten jung macht und die Jungen alt, und im allgemeinen Sterben auch die Toten lebendig werden lässt.

Wolfram Ette

Corona 230: Klandestine Diners

Ein Fernsehbericht über geheime Luxusdinner trotz Corona-Pandemie sorgt in Frankreich für Wirbel – und für Ermittlungen der Justiz. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete am Osterwochenende eine Untersuchung ein. „Ziel der Untersuchung ist es, zu überprüfen, ob Partys unter Missachtung der Gesundheitsvorschriften organisiert wurden und zu ermitteln, wer die Organisatoren und Teilnehmer gewesen sein könnten“, hieß es. In dem TV-Bericht des Senders M6 entrüstete besonders eine Aussage. „Ich habe diese Woche in zwei oder drei Restaurants gegessen, die sogenannte illegale Restaurants sind, mit einer Reihe von Ministern“, sagt ein Mann, der als Organisator einer geheimen Party vorgestellt wird. Der Anwalt des Mannes betonte, dass dieser das scherzhaft gemeint habe. Er hätte einen „Sinn für das Absurde“, sagte er der französischen Nachrichtenagentur AFP. In dem Bericht, der am Freitagabend ausgestrahlt wurde, wird ein geheimes edles Restaurant in Paris gezeigt, das trotz der Corona-Maßnahmen geöffnet hat. In Frankreich sind die Restaurants Ende Oktober wegen der Pandemie geschlossen worden. „Menschen, die hierher kommen, nehmen ihre Masken ab“, sagt ein unkenntlich gemachter Mitarbeiter. „Wenn Sie hier einmal durch die Tür sind, gibt es kein Covid“. Der Bericht zeigt außerdem ein Fest in einem edlen Etablissement, bei dem die Menschen ebenfalls keine Masken tragen und keine Abstandsregeln einhalten.

Humor

Der Koch, der im Verdacht steht, illegal großartige Essen organisiert und im exquisiten Rahmen Minister empfangen zu haben, gibt, den Umweg über seinen Anwalt nehmend, an, sein Satz, er erwarte diese Art von Gast, sei nur ein Scherz gewesen. Der Anwalt formuliert’s für ihn, sagt, um ganz genau zu sein, sein Klient habe

„schon immer den Humor geschätzt […]. Wenn er präzisiert, mit Ministern in illegalen Resaurants zu speisen, dann erweist sich, dass er sehr gekonnt mit dem Sinn des Absurden umgeht…“ („… a toujours apprécié faire de l’humour […]. C’est ainsi que quand celui-ci précise qu’il dîne avec des ministres dans des restaurants clandestins, il manie avec brio le sens de l’absurde…“).

Dass der Humor einen Skandal ausgelöst und das eh bestehende Misstrauen gegenüber der Regierung weiter verstärkt hat, steht nicht in Frage. Dass der Humor (wenn’s denn einer war) zur Unzeit kommt, auch nicht. Ungelöst bleibt trotzdem die Frage, in welchem Verhältnis Humor und Ernst in dieser Zeit stehen. Der Koch hält’s für absurd, dass man meinen könnte, er speise mit Ministern oder die Minister mit ihm. Aber so absurd ist das gar nicht, denn immerhin ist man in einer allgemeinen Tristesse angekommen, in der zumindest für möglich gehalten wird, dass solch freudiges Beisammensein auf höchster Ebene nicht ganz auszuschliessen ist.

Insofern liegt die Absurdität mehr bei denjenigen, die nicht den Ernst ermessen, mit dem die Bevölkerung der Regierung auf die Finger schaut. Nur weil man glaubt, es könnten Witze noch als Witze verstanden werden, macht man sie, und nur darum muss man sich dann wundern, dass das, was man für humorig hielt (oder im nachhinein ausgibt), zu sehr ernsten Dementis Anlass gibt, die zeigen, dass der Humor jetzt ganz vom Ernst verdeckt ist. Nichts da von „Humor bewährt sich in der Krise“! Das Gegenteil gilt: Die Krise bewährt sich, weil man noch humorig über sie sprechen zu können glaubt.
Als besondere Zumutung erweist sich dann aber die Beteuerung, der Klient – also der Koch, in dessen Namen der Anwalt spricht – habe nicht nur mit Absurditäten herumgespielt, sondern dies überdies noch mit besonderer „Gekonntheit“ getan. Fast ist’s, als müssten wir ihn dafür besonders bewundern: für seinen „Esprit“, für seinen Einfallsreichtum, für seine Fähigkeit, uns alle zum Lachen zu bringen.

Wenn der Koch im Bereich von Humor und Witz besonders „gekonnt“ vorgeht, stehen wir als diejenigen, die nicht zu lachen vermögen, gleichsam als die ernsten Tröpfe da: Leute, die von den Töpfen, in denen der Witz brodelt, keinen blassen Schimmer haben, Leute, die alles für bahre Münze nehmen (nämlich die Münze, die man mit solchen Dîners verdienen kann), Leute, die so absurd sind, zu glauben, die behaupteten Absurditäten seien’s gar nicht.

Surtout

Der Antiquitätenhändler, der durch seinen Witz über die Beteiligung von Ministern an illegalen Restaurantbesuchen eine Welle der Empörung ausgelöst hat, ist weiterhin bemüht, sich zu verteidigen:

„Bien évidemment, je n’ai jamais organisé aucune soirée clandestine, surtout pas avec des ministres.“(“Natürlich habe ich niemals irgendeine illegale Abendveranstaltung organisiert, vor allen Dingen nicht mit Ministern.“)

Wenn die überarbeitete Polizei es wünscht, kann ich ihr bei dieser Geschichte gern mit einer sprachlichen Expertise zur Hand gehen. Ich würde diese auch gratis liefern, denn der Fall ist in der Tat schnell gelöst: Wenn da ein Antiquitätenhändler, der grösster Fan ist von Napoléon Bonaparte, das Wort „surtout“ benutzt (also „vor allen Dingen), dann weiss man zwar noch nicht wirklich, ob er die Wahrheit spricht, wenn er sagt, mit Ministern habe er nie gespeist, doch dass er auf jeden Fall mit anderen Leuten illegal gespeist hat, das hat er in aller Öffentlichkeit und ohne auch nur mit der Wimper über das unglückselige Wort zu zucken, das ihm da in die Verteidigung gerutscht, zugegeben.

Auf dem Laufenden sein

Der Pressesprecher der Regierung, der erklärt, er habe an illegalen Restaurantbesuchen nicht teilgenommen, musste dennoch zugeben, er habe eine Einladung zu einem solchen bekommen. Jetzt wird diskutiert, warum er diesen Hinweis nicht aufgenommen und für die Untersuchung der Sache gesorgt habe. Dass er’s abgelehnt habe, sei allein nicht ausreichend: Auf dem Laufenden über die Existenz solcher schicken Restaurants und ihrer klandestinen Öffnung scheint er ja gewesen zu sein, das hat zu seinem Leidwesen eine Kollegin der Presse gegenüber durchdringen lassen.
Man hört darum Kommentare wie:

„A minima Gabriel Attal a un peu couvert ce repas clandestin, et moi ça me gêne.J’aurais préféré qu’il aille jusqu’au bout: si vraiment il a été invité, qu’il a décliné l’invitation, en disant on est en période de pandémie c’est interdit, il va jusqu’au bout, il avertit le ministre de l’Intérieur. C’est ça qu’on pourrait reprocher à Gabriel Attal.“ (“Es ist zumindest so, dass Gabriel Attal dieses klandestine Essen bedeckt gehalten hat, und das stört mich. Ich hätte lieber gesehen, dass er konsquent war: Wenn er wirklich eingeladen gewesen ist und die Einladung mit dem Hinweis darauf abgelehnt hat, in Pandemiezeiten sei das verboten, hätte er konsequent sein und den Innenminister informieren müssen. Das ist, was man Gabriel Attal vorwerfen kann.“)

Doch der Pressesprecher, der so in der Presse von sich sprechen lässt, fällt noch immer aus allen Wolken: Er hat’s (wenn’s stimmen sollte) ja abgelehnt, das Verbot zu übertreten, und was daran sein soll, dass andere es übertraten, das ist ihm nicht recht begreiflich zu machen. Das aber verweist darauf, dass er’s so ungewöhnlich denn doch nicht findet, dass man, wenn man hochplatziert ist, etwas übertritt, was verboten ist, denn sagen kann man ja immer noch, man selbst habe beim Übertreten nur zugesehen, was durchaus nicht dasselbe sei wie Mitmachen. Nur muss man ihm entgegenhalten, dass Zusehen, wenn man so hochplatziert ist, eben doch dem Mitmachen gefährlich nahe kommt, zumindest dann, wenn man glaubt, es reiche der Öffentlichkeit aus, wenn man beteuert, man sei ja nur eingeladen gewesen, mehr aber auch nicht. Der Pressesprecher der Regierung scheint sich, so wird deutlich, in Kreisen zu bewegen, in denen es als ganz normal und ungefährlich erscheint, hochplatzierte Leute in ebenso illegale wie qualitativ exquisite Restaurants einzuladen. Allein die Einladung gewährt schon Einblicke in die Normalität einer Welt, die sogar dann nicht normal ist, wenn man sich an die Verbote wirklich gehalten hat. Und das kann ja, trotz allem, sein.

Gerüchte

Der Innenminister beklagt sich, die Gerüchte rund um die mögliche Teilnahme von Ministern an illegalen Mahlzeiten in Luxusrestaurants gefährdeten die Grundlagen der Demokratie. (Er beschwert sich: „la rumeur qui sape les fondements de la démocratie“.)

Gern würde man ihm erwidern, er möge bitte nicht gleich übertreiben. Über ein paar Gerüchten, die Minister gelten, die vornehm zu Tische speisen, ist doch noch keine Demokratie zusammengebrochen! Es sei denn, die Demokratie hat vorher schon so stark gelitten, dass vornehm zu Tische speisende Minister noch nicht mal mehr als Gerücht durch die Welt geistern dürfen, denn da könnte man ja glatt glauben, sie geisterten nicht nur als Gerücht, und auch die Gefährdung der Demokratie gehe weit über das Gerücht hinaus, sie sei ebenso instabil wie die Regeln, die eine Regierung nur darum aufstellt, um sie selbst vornehm zu umgehen.

Anne Peiter

https://www.zeit.de/news/2021-04/05/empoerung-ueber-illegal-geoeffnete-luxus-restaurants-in-paris
Restaurants clandestins : Darmanin met les pieds dans le plat (msn.com)
Dîners clandestins à Paris : Pierre-Jean Chalençon se défend des accusations dont il fait l’objet : “ Je n’ai jamais organisé aucune soirée clandestine “ (actu-mag.fr)
Gabriel Attal accusé d’avoir „couvert“ les dîners clandestins chez les Grandes Gueules (msn.com)

Corona 229: Noch einmal Kinder

Ich lese, was einige, noch ganz junge Kinder zum Virus zu sagen haben, und man sieht, dass man ihnen viel mehr zuhören sollte. Ein Kind gibt bekannt, der Virus sei „imaginär“, weil man ihn nicht sehe („parce qu’il ne se voit pas“). Ein anderes Kind fügt hinzu, der Virus habe kein Zuhause, daher mache er sich Häuser in den Menschen, und sein liebster Ort sei das Nervensystem, der Ort also, an dem man in Wut sei. („Il n’a pas de maison […], donc il se fait des maisons dans les humains et son endroit préféré, c’est le système nerveux, l’endroit où on est en colère“.) Diesen Hinweis auf die Wut finde ich besonders schön, denn es wird da regelrecht etwas über die politische Stimmung im Land gesagt.

Befragt nach der Zeit, die der Virus schon unter uns sei, sagt ein fünfjähriger Junge, der Virus sei ganz so wie sein kleiner Bruder, der habe kein Alter, denn er sei erst ein paar Monate alt („il est comme mon petit frère, il n’a pas d’âge parce qu’il n’a que des mois“).

Ein weiteres Kind will den Virus selbst heilen: „Wenn man ihn sehen könnte, könnte man ein Serum auf ihn schütten, um ihn gesund zu machen, das wäre supersuperleicht“ („si on pouvait le voir, on pourrait verser du sérum sur lui pour le guérir, ce serait trop fastoche“).

Anne Peiter

„Le coronavirus n’a pas de maison, il s’en fait dans les humains“ : paroles d’enfants sur le Covid-19 (msn.com)

Corona 228: Wir Kinder

Immer wieder muss ich in diesen letzten Tagen an das denken, was Werner Sombart am Anfang des 20. Jahrhunderts über den »Bourgeois«, also den bürgerlichen Menschen, das kapitalistische Subjekt schrieb. Soweit wir sehen und zurückblicken können, heißt es da, läuft das Erwachsenwerden in allen Kulturen darauf hinaus, der eigenen Grenzen und der eigenen Endlichkeit inne zu werden. »Die Grenzen des Wachstums«: der Titel dieser berühmten und revolutionären Programmschrift der 1980er Jahre bezeichnet die Quintessenz solchen Erwachsenwerdens. Wir sind endlich; wir müssen mit den Möglichkeiten auskommen, die wir haben; das heißt, wir müssen einerseits einige unserer Träume begraben und, wie man so sagt, kleine Brötchen backen. Andererseits ist es genau dieser Rückzug auf einen Kreis begrenzter Möglichkeiten, in dem alle Vollendung und alle Vollkommenheit liegt, weil wir nur dann überhaupt dahin kommen, die Möglichkeiten, die wir haben, auch wirklich auszuschöpfen.

Kinder, so führt Sombart aus, sind unersättlich. Nie wollen sie – ich extrapoliere ein wenig – aufhören zu spielen, Süßigkeiten zu essen oder Filme zu gucken. Den Bedürfnissen, die sie haben und ausleben wollen, sind keine Grenzen gesetzt. Dies zu tun sei eben die Aufgabe der Erziehung, die dann zu Ende sei, wenn das Kind die äußeren Grenzen verinnerlicht hat und das Bewusstseins der Endlichkeit des eigenen Daseins zu einem Reflex geworden ist, über den nicht mehr nachgedacht wird. Das Pubertätsritual als traumatischer Schnitt, die autoritäre Erziehung von gestern, und die weniger autoritäre von heute: Sie unterscheiden sich nur in der Art ihrer Zeitansätze, nicht hinsichtlich ihres Prinzips und ihrer grundsätzlichen Zielstellung, äußere Grenzen zur inneren Grenzen zu machen, das Bedürfnis immanent zu verendlichen; – in der Sprache Freuds ausgedrückt: Lust- und Realitätsprinzips miteinander zu vermitteln.

Der Kapitalismus ist in dem Sinne eine verkehrte, auf dem Kopf stehende Welt, als es dazu nicht kommt. Wir werden nicht erwachsen. Wir haben Mittel und Wege gefunden, den Reichtum der Gesellschaften, der der Erfüllung unserer Bedürfnisse dient, unabsehbar zu vergrößern. Daher haben wir tendenziell außer Acht gesetzt, dass unsere Existenz endlich geblieben ist. Wir haben die Grenzen verschoben, aber wir haben sie nicht aufgehoben. Wir werden getrieben von der Vorstellung der Allmacht der Wünsche, die Freud den Primitiven zuschrieb. Spätreif sind wir Kinder geworden; oder besser kindische Existenzen, die nicht akzeptieren können, dass die Realität ist, wie sie ist, dass sie uns allen im Moment enge Fesseln anlegt, und dass dies möglicherweise so bleiben wird. Dagegen rebellieren wir nun mit aller Kraft; wir trotzen, wir sehen das nicht ein; wir ignorieren es, setzen uns darüber hinweg, machen es zum Mittel eines bösen Plans, den man nur beseitigen müsse, damit alles ist wie immer. Wir erklären es für inexistent, ein fake also; wir halten es für harmlos oder versuchen »smarte Lösungen« zu finden, um das Realitätsprinzip doch irgendwie auszutricksen. Das sind alles Strategien der infantilen Realitätsverweigerung, die uns über die politischen Unterschiede hinweg verbinden. Aus dieser Sicht ist die Differenz zwischen einem Politiker, der sich an hohen Inzidenzwerten entlanghangelt, um Wahlvolk und Wirtschaft nicht zu vergrämen und denen, die Corona leugnen oder es nur für eine Art Grippe halten, nicht sehr groß. Es ist die Haltung von Kindern, die sich die Augen zuhalten und denken, die Welt, die sie sehen könnte, wäre damit auch verschwunden.

Werner Sombart, Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen (1913), Leipzig 1920: https://archive.org/details/derbourgeoiszurg00sombuoft

Wolfram Ette

Corona 227: Kalendergeschichten

1.

Der Pressesprecher der Regierung erklärt mit Blick auf die Vier-bis-fünf-Wochen-Frist, die noch vor der Bevölkerung liege, bevor die langerwartete Normalisierung einsetzen werde:

»Il y a un calendrier annoncé par le président de la République. Si ce calendrier a été annoncé, c’est parce qu’on sait, on croit, que les efforts de tous vont permettre de le tenir« – »Es gibt einen vom Präsidenten der Republik verkündeten Kalender. Wenn dieser Kalender verkündet wurde, ist die Ankündigung erfolgt, weil wir glauben, dass die Anstrengungen aller seine Einhaltung erlauben werden.«

Wenn man das in die Praxis übersetzen will, heisst’s, dass die Möglichkeit der Einhaltung von der Bereitschaft aller abhängt, sich anzustrengen. Und wenn es, entgegen dem, was der Glaube der Regierung vorgibt, nicht klappen sollte und die Einhaltung scheitert, wird man immer noch sagen können, die Bedingung der Einhaltung sei ja, wie gesagt, die Bereitschaft gewesen, gemeinsam die Voraussetzung für die Einhaltung zu schaffen. Warum habe man sich nur nicht an den Kalender gehalten!

Der Glaube an den Kalender kommt sozusagen einem Glauben an die Bevölkerung gleich, getreu dem Motto, dass derjenige, der Vertrauen schenkt, umgekehrt auch mit Vertrauen beschenkt zu werden hat. Und hier geht der Vorschuss an Vertrauen von der Regierung aus. Das bedeutet, dass die Bevölkerung bereit sein muss, zu glauben, die Regierung glaube nicht nur an den Kalender, sondern könne ihren Glauben auch mit handfesten Daten begründen, d.h. ihm Glaubwürdigkeit verleihen.

Da aber in der Wirklichkeit nicht viel dafür spricht, dass die Ankündigung, in grad einmal fünf Wochen sei die Normalität wieder da, eingehalten werden kann, wirkt’s doch eher so, als werde ein xtes credo quia absurdum verkündet, weil die Regierung es so gern selbst glauben können will.

Für diesen Eindruck spricht die Formulierung selbst. Die beruhigende Geste funktioniert über Redundanz. Man sagt, es bestehe Grund zur Hoffnung, weil man, weil es einen Kalender für diese geben muss, einen Kalender erarbeitet hat. Der Kalender begründet sozusagen den Kalender, und zwar ganz unabhängig von den Inhalten, die man in ihn zu giessen wünscht. Der Kalender ist selbst Teil der gläubigen Verehrung. Er ist ein Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet: Gegenstand einer Verehrung, die so lange andauert, bis der nächste Kalender an seine Stelle tritt, ihn zerstört und der Vergessenheit anheimgibt (denn dafür ist er ja abgelaufen, und abgelaufene Kalender gehören in den Papiermüll).

Es gibt aber nicht nur den Pressesprecher und seine Redundanz, und gerechter wär’s wohl, man würde nach unterschiedlichen Temperamenten, fachlichen Spezialisierungen und überhaupt Ehrlichkeitsgraden unterscheiden, wenn man das Verhältnis zu Terminplanungen zu beschreiben versucht. Der Minister für Wirtschaft und Finanzen zum Beispiel ist kein echter Gläubiger, man hört das gleich:

»C’est la situation sanitaire et le développement de la vaccination qui dicteront le calendrier. Mais je pense qu’il est sain, responsable, comme l’a fait le président de la République, ne serait-ce que d’un point de vue psychologique, de fixer un calendrier pour les Français« – »Es ist die sanitäre Situation und die Entwicklung der Impfkampagne, die über den Kalender bestimmen. Doch ich denke, dass es gesund und verantwortungsvoll ist, was der Präsident der Republik – und sei’s auch nur aus einem psychologischen Standpunkt heraus –, gemacht hat, nämlich einen Kalender für die Franzosen festzulegen«.

Das klingt nun schon sehr anders, als das, was der Pressesprecher verlauten liess. Während Ersterer sich gläubig gibt in Bezug auf das, was die Wirklichkeit bringen wird, eben weil der Kalender selbst der Wirklichkeit höchste ist, gibt der Zweite ganz unumwunden zu, dass man vor allen Dingen glaubt, dass die Bevölkerung psychologische Hilfe – also den Glauben an einen Kalender – brauche, und darum sagt man etwas, wovon man selbst nichts Genaues weiss, denn alles hängt ganz sachlich und unvorhersehbar von den weiteren Entwicklungen, besonders in Sachen Impfung, ab.

Das aber ist eine schlechte Basis für festen Glauben. Oder täusche ich mich und ist das Gegenteil wahr? Zumindest für dieBevölkerung nimmt man ja an, dass die Fortdauer der allgemeinen Unsicherheit die Notwendigkeit, Glaubensgewissheit zu verbreiten, weiter erhöht. Also vermittelt man Glauben, ohne selbst an ihn zu glauben, schlicht aus der Einsicht heraus, die Bevölkerung brauche ihn, um gesund zu bleiben und nicht verrückt zu werden.

Nun bin ich aber selbst Teil dieser Bevölkerung, die man glauben machen will, es tue mir gut, zu glauben, und ich kann nicht anders, als zu erklären, dass ich mich unterschätzt und an der Hand genommen fühle bezüglich der Bewahrung meiner eigenen Gesundheit. Wie ich mit sachlichen Zusammenhängen und Unwägbarkeiten psychologisch umgehen möchte, das geht nur mich selbst an, und Glaubensvorschriften, die so offen im didaktisch-helfenden Gewand daherkommen, bewirken ganz das Gegenteil des Intendierten: Wenn ich glauben soll, weil’s psychisch für mich besser wäre, glaube ich natürlich erst recht nicht, denn sich besser zu fühlen als Motivation für religiöse Zugehörigkeit, das ist als Opium schon lange analysiert und historisch, wie mir scheint, ad acta gelegt worden. Ich glaube also in dem Maße nicht, in dem der Minister glaubt, ich würd’s schon glauben. Und weil er’s ja auch nicht glaubt, sondern nur sagt, es sei gut gewesen, was der Präsident da glaubensmäßig verkündet habe, stehen wir eigentlich ganz unverhofft auf einer Seite, denn der Unglaube verbindet uns inniger als das, was offiziell Sache sein soll. Womit wieder einmal bewiesen ist, dass man die Politikverdrossenheit nicht gar zu weit treiben soll, denn es finden sich immer wieder Ansatzpunkte, die gemeinsame und sehr fruchtbare Diskussionen über die Frage erlauben, warum es so schwierig sei, in religionsfernen Zeiten überhaupt noch an etwas zu glauben.

Réouverture du pays mi-mai: les ministres affichent leur prudence sur le calendrier de Macron (msn.com)
Restrictions anti-Covid : «Il n’est pas prévu qu’elles aillent au-delà des 4 semaines à ce stade», affirme Attal (msn.com)

2.

Michel Durrieu, Generaldirektor der französischen Camping- und Feriendorf-Unternehmen, unterstreicht, die Tourismusbranche bräuche, genauso wie die Tourist:innen selbst, einen Kalender.

»Ils ont besoin de perspectives, ils ont besoin d’espoir.« – »Sie brauchen Perspektiven, sie brauchen Hoffnung.«

Besonders wichtig ist es seiner Einschätzung nach, den Leuten zu sagen, dass sie sich in diesem Sommer werden bewegen können – »…que cet été ils vont pouvoir bouger«.

»Il va y avoir une bouffée d’air, les gens ont envie de sortir, on le voit« – »Es wird ein grosses Durchatmen geben, die Leute haben Lust, wegzufahren, das ist deutlich zu sehen«.

Wer wollte ihm nicht recht geben. Hoffnung! Hoffnungskalender! Reiseplanung! Endlich mal woanders sein! Reservierungen von Tickets, Hotelzimmern, Museumseintritten, vielleicht auch ein Trecking unter Anmietung von Pferden (notfalls Ponys, wenn alles andere ausgebucht ist), viele Treffen mit Freunden als Vorwegnahme des Kommenden, ja, wichtiger noch: als seine Präsens schon in diesem Moment, in dem die Ferien noch gar nicht begonnen haben, und die Normalität natürlich auch nicht, sind das Ziel dessen, was gerade diskutiert wird.

Was ich stets von Neuem faszinierend finde, ist, wie das Bedürfnis gleichgesetzt wird mit der Realität ihrer sich ankündigenden Befriedigung. Ich denke plötzlich, wie die, systembedingte, Gewöhnung daran, dass man seine Bedürfnisse gemeinhin nicht nur befriedigen kann, sondern sie, bitteschön, auch befriedigen soll (als echtes Gebot, ja MUSS), weiterwirkt, als ob gar nichts geschehen wäre. Wenn man in die Ferien fahren will, muss man doch in die Ferien fahren können! Doch dieser Satz ist, obwohl redundant wirkend, keineswegs redundant. Man meint wirklich, dass es einen kausalen Nexus zwischen dem Bedürfnis und seiner Erfüllung gibt: Es hat automatisch zu kommen, denn es kam ja bisher immer so.

Und diese Erwartung wirkt weiter trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich schon oft genug Gelegenheit hatte, um festzustellen, dass man nur darum nicht normal in die Ferien fahren kann, weil man dauernd, nämlich inmitten der Krise, in die Ferien fuhr oder, schlimmer noch: regierungsamtlich in diese geschickt wurde, und schlimmer noch als schlimm: sich wirklich schicken ließ, wider besseren Wissens (man hätte auch nicht fahren können). Dass man seine vitalsten Bedürfnisse durch die Befriedigung von Bedürfnissen zur Unzeit in Gefahr brachte (und mitunter sogar das Leben anderer oder – weniger oft – das eigene, das man ja nur einmal verlieren kann), das ist erstaunlich, aber noch erstaunlicher ist, mit welcher Promptheit die Ankündigung der Regierung, es werde bald wieder Normalität einziehen, die normale Antizipation in Gang setzt, die man bezüglich der Ferien von jeher praktizierte.

Es entsteht ein unauflöslicher Widerspruch zwischen dem Mangel an Antizipation, sobald es um die Pandemie geht, und der voll funktionierenden, sehr erfinderischen und lustvollen Antizipation, sobald Ferien auf dem Programm stehen. Man gewinnt also den Eindruck, dass Antizipation nur im Bereich des Vergnügungen funktioniert, dass unsere Gesellschaften komplett die Fähigkeit verloren haben, sich mit Unvergnüglichem zu beschäftigen, und dies trotz der offen zutage liegenden Tatsache, dass Vergnügliches in Pandemiezeiten nur erlangt werden kann, wenn man sich mit dem Gegenteil des Vergnüglichen eingehend und klug befasst.

Doch das ist nicht das, was passiert. Man hat all die Ferien vor Augen, die nicht haben stattfinden können, wie sie hätten stattfinden müssen, man erinnert sich all der Dinge, die man erduldet hat, und findet, die nächsten Ferien habe man nun aber wirklich verdient. Und ich finde das für mich persönlich auch, denn es werden zwei Jahre ins Land und in die Länder gegangen sein, denen ich mich verbunden fühle, bevor ich meine Eltern und Schwiegereltern, noch älter geworden als nur alt (sterbensalt), wiedersehen werde. Wenn ich sie denn wiedersehe. Wenn wir denn reisen können. Das scheint mir aber so sicher noch nicht zu sein.

Und so ist der persönliche Wunsch, endlich mal wieder zu reisen, in jedem Fall ein Anlass, um zumindest über das Ungetrübte der Sprache nachzudenken, mit der man über die kommenden Ferien spricht. Dass man den Wunsch hat, ist zu verstehen, doch wie man ihn präsentiert, das ist irritierend und beängstigend. Es ist die Erwartung, die Impfung werde alles richten, derart unzweifelhaft, dass man so tut, als könne man diese – als etwas, was ohnehin eintritt – schlicht überspringen: hinein in den Urlaubsgenuss!

Aber über der Ferienplanung scheint man mir die Planung für die Impfung zu vernachlässigen, besonders auf Regierungsseite. Da wird von Normalität mehr gesprochen als von dem, was zu ihr hinführt, mehr von ihrem Eintreffen als von den Bedingungen, die erfüllt werden müssen, bevor das Eintreffen wirklich eintrifft.

Und zu all dieser Abhängigkeit vom Vergnügen, das sich vor allen Dingen sprachlich dokumentiert, gehört nun ein Vorschlag, der gemacht wurde, um die generationelle Ungleichbehandlung wieder gut zu machen, die während der ganzen Krise zuungunsten der Jugend ausgefallen sei. Man solle Gratis-Schecks für Kultur und Freizeitvergnügungen ausgeben, wird gefordert, damit die jungen Leute das aufholen können, worauf sie haben Verzicht leisten müssen.

Obwohl ich nun gar nicht zu dieser Generation gehöre und also aufpassen sollte, mich nicht zu etwas zu äußern, was die Interessen anderer tangiert, finde ich, dass eine Politik, die die Vergnügungen en masse und gratis vergeben soll, eine Verzweiflung zur Schau tragen würde, die ihr gar nicht bewusst sein kann: Eigentlich wäre aus der Pandemie ja der Schluss zu ziehen, dass es mit unserer bisherigen Art, uns zu vergnügen, nicht weitergehen kann. Vor allen Dingen das völlig hektische, mitunter nur in Kategorien des Wochenendes denkende Reisen hat einen wesentlichen Anteil an der Ausbreitung des Virus quer über die Welt gehabt, so dass die Rückkehr zum Vergnügen vielleicht begleitet werden könnte von einem Nachdenken, ob man nicht auch hier Dinge verändern müsste?

Und ich meine das noch nicht einmal vergnügungsfeindlich, gar nicht asketisch! Ich meine nur, dass uns die nächste Askese garantiert bevorsteht, wenn nie erkannt wird, dass das Nachdenken zu den einträglichsten und tiefsten Vergnügen gehört, die das Leben zu bieten hat. Das heißt: Kann man Freizeit, Urlaub, Kultur, Vergnügen, Reisen usw. nicht einmal von Grund auf debattieren? Muss man diese Dinge unbedingt gratis machen wollen? Könnte man der Jugend nicht zutrauen, dass sie Lust und die Fähigkeit hat, für ihr Vergnügen mit ihren Forderungen an die Zukunft zu zahlen? Und diese Forderungen wären an uns, die Erwachsenenwelt, gerichtet? Doch die Fragen, die müssten auch kommen von der Jugend? Und für jede gute Frage kriegt man eine Gratis-Vergnügung? Doch so, dass das Vergnügen die gestellte Frage reflektiert? Klimageschichtlich zum Beispiel?

Ich finde, das wäre ein fairer Preis für das Gratis-Angebot. Und es wäre auch eine gute Übung für die Tourismusbranche, die gerade auf den fahrenden Zug der Regierung aufgesprungen ist, die sich im flotten Tempo auf eine Gratis-Normalität ohne jeden Hintergedanken zu dem, was durchaus noch nicht hinter uns liegt, zuzubewegen meint.

Vacances d’été : »Il faut dire« aux touristes qu‹«ils vont pouvoir bouger« (msn.com)

Anne Peiter

Corona 226: Dialektik von Demonstrationen

In Stuttgart hat die Polizei eine Querdenker-Demonstration, bei der, wie zu erwarten war, die die angekündigte Personenzahl weit übertroffen wurde und kaum ein Teilnehmer eine Masken getragen oder Abstandsregeln anders als einen Witz behandelte, nicht auflösen können, denn es hätte sonst, so wurde gesagt, ein großes Ansteckungsrisiko bestanden. Eine sehr kleine Gegendemonstration, die aus Protest eine Straße blockiert hatte, wurde hingegen aufgelöst, denn da trug man ja Masken, und auch die Abstände waren gegeben, so dass es für die Polizei ganz einfach war, einzugreifen.

Nun ist es zwar so, dass die Polizei ohne Ansehung des jeweiligen Inhalts der Demonstration einfach nur dafür zu sorgen hat, dass diese auf ordnungsgemäße Weise verläuft, doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Einhaltung der Corona-Maßnahmen gestraft wird und der Verstoß gegen sie belohnt. Das nimmt sich ziemlich merkwürdig aus, weil die Gegendemonstration ja keine Demonstration gegen die Polizei war, sondern gewisser Weise eine zugunsten ihrer Arbeit auf der anderen Demonstration. Aber Inhalte spielen, wie gesagt, keine Rolle, und die Frage, wie Ansteckungsherde entstehen, auch nicht wirklich, denn wenn die Mehrheit nicht will, kann man eben nix machen.

https://taz.de/Querdenken-Demo-in-Stuttgart/!5764060/

Anne Peiter

Der erste Reflex, wenn man davon hört, geht dahin, der Polizei politische Parteilichkeit vorzuwerfen. Das sei ja typisch bei uns: Gegen die Rechten (wenn wir die Querdenker einmal darunter subsumieren wollen), wäre nichts unternommen, gegen die Linken, also hier die Gegendemonstranten aber eben doch.

Und es gibt ja leider gibt es viel zu viele parallele Beispiele, die für diese These sprechen, als dass man sie abweisen könnte. Polizei und Militär sind in der Bundesrepublik Deutschland rechts bis sehr weit rechts von der Mitte angesiedelt, bis hin zu radikalen Netzwerken, die auf einen Umsturz sinnen.

Dennoch bin ich nicht ganz sicher, ob diese Lesart hier stimmt. Oder: Ob sie die einzige ist. Die Polizeiführung hat nach dem neuerlichen Demonstrationsdesaster jedenfalls bekannt gegeben, es sei nicht »verhältnismäßig« gewesen, gegen die etwa 8.000 demonstrierenden mit Gewalt vorzugehen. Damit war sicherlich nicht gemeint, dass 8.000 Menschen, die die allgemeine Sicherheit so massiv und das Leben Einiger offenkundig gefährden, nicht Grund genug gewesen wären, einzugreifen, die Demonstration aufzulösen und ein bestehendes Verbot durchzusetzen. Der Polizeipräsident meinte wohl eher, dass wieder mal, wie schon so oft in den letzten Monaten, das Verhältnis zwischen der Zahl der Demonstrierenden und der Zahl der Polizistinnen und Polizisten nicht das richtige gewesen sei.

Deswegen liegt der Schluss nahe, man habe ganz unideologisch auf die andere Versammlung, also die gegen Demonstration zurückgegriffen, weil das zahlenmäßige Verhältnis dort ein besseres gewesen sei. An irgendeiner Stelle sollte man schon demonstrieren, dass die Staatsmacht gegenüber denen, die demonstrieren gehen, nicht ganz ausgespielt hat; dass sie noch etwas zu sagen hat und sich im richtigen Verhältnis befindet zu all denjenigen, die gegen sie auftreten und demonstrieren.

Es ist halt – ein anderes Wort fällt mir auch nicht ein – »merkwürdig«, dass dieses Exempel an denen statuiert wird, die in dieser besonderen Situation staatstragend auftreten und die Beschlüsse der Exekutive, wie die Polizisten selbst, die sie auseinandertreiben, gegen diejenigen verteidigen, die sich gegen sie erhoben haben, und einen Protest an die Öffentlichkeit tragen, gegen den aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht vorgegangen werden kann. Dass das das Ansehen der ohnehin dumpf und traumwandlerisch dahinirrenden Exekutive weiter schwächt, ist ziemlich klar. Aber auch pragmatisch ist es wohl ein Fehler, die geballte Staatsmacht gegen die eigenen Verbündeten zum Einsatz zu bringen, seien diese nun »rechts« oder »links«, um wenigstens irgendwie und irgendwo Stärke zu beweisen. Dieser Einsatz, der nichts ist als Ersatz, ist deswegen nicht nur Demonstration sondern auch Produktion von Schwäche.

Wolfram Ette

Corona 225: Matthäuspassion

Vor einem Kirchenjahr wurde die Johannespassion mit Benedikt Kristiansson in der Thomaskirche Leipzig aufgeführt – in allerkleinster Besetzung, mit Chören, die über die ganze Welt verteilt waren. Die Sonne schien und ich schrieb ein Gedicht über die Schönheiten des Lockdowns. Ein »spekulativer Karfreitag«, wie mir schien, ohne Kreuzigung und das ganze christliche Brimborium; aber doch geeignet, ins Nachdenken zu geraten über die Welt, in der wir leben, und über das, was aus ihr heraus führen könnte.

Jetzt hat sich diese Säkularität zu einer zähen Masse verdichtet, die uns umschließt und nur minimale Bewegungen zulässt. Angesichts einer kurzsichtigen Coronapolitik, die, einer Bemerkung Caroline Emckes zufolge, aussieht wie jemand, der/die verzweifelt versucht, abzunehmen und von erfolgloser Diät zu erfolgloser Diät taumelt, sind wir in einen reinen Durchhaltemodus eingetreten, der uns höchstens bis zum nächsten Tag zu blicken erlaubt. Keine großen Pläne, keine Gestaltung der Zukunft, über die wir wenigstens partiell verfügen; stattdessen immer wieder die Beschwörung des Heils (»Herdenimmunität«, »ein Impfangebot für alle«!), das vor uns herzieht wie ferne Lufballons, seltsam unverbunden mit dem, was gerade geschieht und gemacht wird. Ich höre heute die Matthäuspassion, aber ohne große Teilnahme; als Dekoration eines Feiertages, damit wenigstens irgendwas passiert. Eigentlich sollte ich die Musik ausmachen; diese säuerlich schmeckenden Transzendenzlosigkeit mit ihr zu verbinden, tut ihr, mir, und den ganzen Tag nicht gut.

Ich habe nichts gegen das Durchhalten; im Gegenteil, es kommt jetzt alles darauf an, so lange durchzuhalten, bis es, aus welchen Gründen auch immer, besser wird. Oder auch nicht. Im letzten Jahr gelang es uns, unsere Passivität als Aktivität vorzustellen. Wir taten nichts, dachten, wir gestalteten dadurch die Zukunft. »Faul wie die Waschbären« hieß es im Werbespot der Bundesregierung. Vermutlich war das illusionär. Aber es hat uns bei Laune gehalten und uns miteinander verbunden. Jetzt tun wir nichts und warten darauf, dass eine Zukunft, die anders wäre als die Gegenwart, auf uns zu- und in unserer Gegenwart ankommt. Dazu höre ich Bach.

Aber vielleicht ist es doch nicht ganz verkehrt. Denn auch wenn gerade die Passionen von großen Erlösungsgeschehen handeln, vom Riss in Zeit und Geschichte, durch den das ganz Andere, die Große Hoffnung, dass Licht eines anderen Zustandes in unser Leben eintritt: In der Summe geht es bei Bach doch um wenig Anderes als ums Dulden, Ausharren, ums Aus- und Durchhalten in diesem Jammertal, in der Hoffnung darauf, einmal durch Gottes Gnade erlöst zu werden. Ich teile diese Hoffnung nicht. Darin bin ich ein Kind der Moderne. Aber ich teile auch nicht die Hoffnung, wir würden es an Gottes Stelle richten. Darin bin ich kein Kind der Moderne. Gleichgültig, ob der Glaube an den menschlichen Fortschritt bloß ein Parasit des Erlösungsglaubens oder etwas historisch Neues ist, er hat sich überlebt. Es hat nicht funktioniert und es wird nicht funktionieren. Ich erkläre die Säkularisierungsdebatte hiermit für beendet.

Und so ist denn wohl auch die Matthäuspassion, anders als ich dachte, am richtigen Platz. Eigentlich mag ich die Johannespassion viel lieber. In diesem Jahr aber ist es umgekehrt, ohne Plan und Vorsatz. Es war beim Aufstehen die »große Bassion« nach den Worten des Matthäus, die sich aufdrängte: Nicht »Herr, unser Herrscher«, sondern: »Kommt ihr Töchter, helft mir klagen«; nicht: »so sagete aber die Schrift« – der Gekreuzigte lt. dem Evanglisten Johannes als majestätische Marionette der Prophezeiungen von alters her, die seinen Sieg verkündigten; sondern der Duldende, der Leidende, der Mensch, der spricht, wie wir sprechen könnten: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!«. So dass am Ende nur bleibt, durchzuhalten, weiter und weiter zu klagen: »Wir setzen uns mit Tränen nieder«.

Wolfram Ette

Vgl. Corona 37: Johannespassion
Corona 33: Karfreitag 2020 etc.

Corona 224: Das Schlimmste

Miguel Nicolelis, Koordinator des Wissenschaftsrates im Nordosten Brasiliens, konstatiert, in der Geschichte Brasiliens habe man in 30 Tagen noch nie so viele Menschen sterben sehen wie in dem gerade zuende gegangenen Monat März. Er schließt aber nicht aus, dass der April noch schlimmer werden wird als der Monat März.

Mir scheint: Hier spricht jemand, der Phantasie hat. Meist ist es ja so, dass man annimmt, eine Situation, die ganz schlimm ist, könne nicht schlimmer werden, denn ganz schlimm ist sie ja schon. Das ist auch gar nicht zu bezweifeln – schlimm ist sie wirklich –, doch das Superlativische des Kommenden denkt sich sehr viel schwerer als das Superlativische, das man schon hinter sich hat.

Und so muss man stets von Neuem festhalten, das neue Superlativische werde nur möglich, weil man von den alten Superlativen glaubt, sie seien welche. Will heißen: Weil Superlative definiert werden dadurch, nicht übertroffen werden zu können (denn dafür sind sie ja Superlative), ist die Selbstausschaltung der Superlative durch sich selbst – nämlich durch die Bereitung eines glatten Weges für die neuen – eine schwer zu denkende Sache.

Dabei hat es schon König Lear versucht, zu erklären: „Es ist nicht das Schlimmste, solang man sagen kann: Dies ist das Schlimmste.“ Was ist in diesem Satz alles enthalten! Wenn man sagte, dies sei das Schlimmste, sagt man ja noch, es sei das Schlimmste. Das heisst: Man kann sagen, es sei das Schlimmste. Es ist aber das Sprechen über das Schlimmste durchaus keine Selbstverständlichkeit, denn wenn das Schlimmste noch schlimmer wird, kann man irgendwann noch nicht einmal mehr sagen, dass Schlimmes passiert. Die Sprache verstummt, so wie der Atem derer, die im Monat März in Brasilien starben.

Covid-19 : le pays rouvrira progressivement à la mi-mai, promet Emmanuel Macron (msn.com)

Anne Peiter

Corona 223: Der Körper eines Beschlusses

Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz, so hört man, soll wieder in Präsenz statt finden. Am letzten Montag sei wohl klar geworden wohin reine Zoom-Konferenzen führen könnten. Wie faszinierend! Den Körpern der Politikerinnen und Politiker wird also zugetraut, als rationales Korrektiv einer Diskussion zu fungieren, die sonst, wie geschehen, ins Irrationale trudeln würde. Dem nur sich selbst, also der ihrer Idee nach körperlosen Kraft der Argumente, überlassenen Diskurs scheint die Tendenz zur Unvernunft einzuwohnen. Der von seinem materiellen Wurzeln losgerissene Geist ist kein Geist mehr; Rationalität, die nichts ist als Rationalität, verkehrt sich ins Irrationale und wird zur Farce eines einmütig getroffenen Beschlusses, der wenige Stunden später wieder zurückgenommen werden muss.

Es ist natürlich nicht richtig, zu sagen, dass über Zoom oder ähnliche Formate körperlos kommuniziert werde. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Diskussion, die gelangweilt oder aufgeregt, in jedem Fall aber nicht besonders glücklich in die Bildschirme starren, haben ja einen Körper. Der gibt ihnen Rückmeldungen: dass es zum Beispiel wenig bequem ist auf dem Schreibtischstuhl; dass der Kopf schmerzt; dass man gerne umhergehen möchte oder dass man einer Teilnehmerin / einem Teilnehmer an der Diskussion einmal gerne direkt in die Augen sehen möchte. Selten, so ist anzunehmen, sind die Körper mit dieser Kommunikationssituation zufrieden. Einen gemeinsamen Körper gibt es aber nicht. Oder anders: Wenn es einen gemeinsamen Körper gibt, ist er phantasmatisch. Er ist die Summe des körperlichen Unwohlseins aller einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das wiederum strahlt auf das Unwohlsein der Einzelnen ab und verstärkt es gegebenenfalls.

Dieses gemeinsame Defizit, dieser kollektiv empfundener Mangel, entwickelt eine SOGWIRKUNG. Ein gemeinsamer Beschluss muss her, ganz gleich wie unsinnig er ist. Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit ist so groß, sie muss irgendwie erfüllt werden und sei es durch einen gemeinsamen Irrtum. Der phantasmatische Körper, der dadurch entsteht, fühlt sich etwas besser an, aber Irrtum bleibt Irrtum, und man merkt es am nächsten Tag.

An dieser Stelle wird erkennbar, worin der Zuschuss besteht, der von lebendigen Körpern ausgeht, die sich gemeinsam in einem wirklichen Raum in relativ großer Nähe zueinander aufhalten, – ein Zuschuss, der der Rationalität zugute kommt. Der gemeinsame Körper, der während einer Diskussion in Präsenz entsteht, ist selber flüchtig, selber phantasmatisch. Aber verglichen mit dem digitalen Kollektivkörper der bei einer Zoom-Diskussion sich bildet, ist er robust. Er kann Verschiedenheiten aushalten ohne zu zerfallen. Er ist differenzresistenter als der Zoom-Körper, der wenig mehr ist als die Koodination des gemeinsamen Leidens voneinander Getrennter. Konkret bedeutet das, dass die in einem physischen Raum Versammelten nicht so dringend zu einer sie alle verbindenden identischen Lösung, Proklamation, oder Parole finden müssen. Der sie verbindende Raum ist das Gemeinsame, das durch alle Differenzen hindurch bestehen bleibt; deswegen kann man sich mehr Zeit nehmen, sie durchzuargumentieren. Die physische Präsenz der Körper selbst stiftet eine Befriedigung, die es triebstrukturell weniger notwendig erscheinen lässt, sich unter einer Fahne zu versammeln und kollektiv einem Wegweiser zu folgen, ganz egal in welche Richtung er zeigt. Körper die sich gemeinsam in einem Raum aufhalten und dadurch einen gemeinsamen Körper bilden, sind rationaler als virtuelle Körper, weil Identität und Differenz besser austariert sind. Virtuelle Körper, die sich im Netz begegnen (und das geht über die Ministerpräsidentenkonferenz hinaus), tendieren zu den Extremen: entweder zu sein, was sie sind, nämlich auseinander, oder sich im Shitstorm, in der gemeinsamen Hassrede, oder in einem ministeriellen Beschluss von zweifelhafter Güte und kurzer Haltbarkeit zu vereinigen.

Wolfram Ette

Corona 222: Nichts ist entschieden

»›Rien n’est décidé‹ assure Emmanuel Macron.« (»›Nichts ist entschieden‹, versichert Emmanuel Macron.«) Und er sagt das, um die Bevölkerung zu beruhigen. Er sagt es aber auch, um sich selbst zu beruhigen, denn das Dilemma besteht gerade darin, dass die Notwendigkeit eines dritten Lockdowns zumindest in Erwägung gezogen werden muss. Der Präsident aber hält sich Türen für andere politische Entscheidungen offen, denn die Vermeidung des Lockdowns ist das Kernstück seines Credos. Darauf, dass bisher noch alles offen ist, bezieht sich also der Hinweis, jetzt, nur drei Tage vor einer Krisensitzung, auf der Entscheidungen getroffen werden müssen, sei noch nichts entschieden.

Natürlich ist es so, dass die Entscheidung erst getroffen sein wird, wenn man sich wirklich getroffen und entschieden haben wird, doch die Spannung, in der ein einzelner Mann eine ganze Nation versetzt, wenn er stets von Neuem sagt, noch sei nichts entschieden, vermittelt immer stärker den Eindruck, die Entscheidung, nichts zu entscheiden, sei längst gefallen.

Zugleich ist der Satz vom Nicht-entschieden-Haben jedoch auch ein Satz über die Unentschiedenheit, die die Politik des Präsidenten prägt. Zwei Optionen existieren: Entweder er entscheidet sich, zu entscheiden, und das würde bedeuten, dass er auf den Rat derjenigen hört, die darauf insistieren, irgendeine Entscheidung müsse jetzt fallen. Oder er macht das Gegenteil und hält an der einmal gefassten Entscheidung fest, nichts zu entscheiden.

Man sollte aber nicht glauben, dass die Entscheidung für die Nicht-Entscheidung von einer normalen Form von Unentschiedenheit zeugen würde! Das Vorgesagte ist in gewisser Weise ganz falsch. Das grosse Thema des kleinen, großen Mannes besteht vielmehr darin, dass er, der glaubte, zum Präsidenten gewählt worden zu sein und von nun an nach Herzenslust Entscheidungen treffen zu dürfen, plötzlich nichts mehr zu sagen hatte, weil die Pandemie in einer ersten Phase an seiner Stelle sprach, und in einer zweiten Phase sprachen und entschieden dann die Virolog:innen und Epidemolog:innen, die er als Ratgeber an seine Seite geholt hatte. Die Entscheidung, nicht mehr im Sinne dieses Beraterstabes zu entscheiden, kam mithin dem Versuch gleich, sich wieder auf seine Präsidentenrolle zu besinnen, und das bedeutet: Er wollte endlich einmal wieder erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man Entscheidungen nicht in Zusammenarbeit mit anderen trifft, sondern ganz allein, nämlich so, wie er sich dachte, dass man als Präsident wurde entscheiden können: von der luftigen Höhe eines absoluten Amtes, absoluter Unabhängigkeit herab.

Aus dieser Zurückeroberung der Idee des Präsidentialen resultiert also die Entschiedenheit der Nicht-Entscheidung, was wiederum einem Beweis für die schon genannte These gleichkommt, die besagt, dass es ganz falsch wäre, zu glauben, der Präsident sei unentschieden. Die Unentschiedenheit ist vielmehr das Unterpfand seiner Hoffnung, die Entschiedenheit bezüglich seines Nicht-Entscheidens aufrechterhalten zu können und dadurch zu beweisen, dass er trotz der Pandemie immer noch Präsident ist.

Nur liegt eine weitere Crux aber darin, dass ihm diese Entschiedenheit trotzdem im zunehmenden Masse als Unentschiedenheit ausgelegt wird, denn während er in aller Öffentlichkeit, keine drei Tage vor dem entscheidenden Krisenstab, verkündet, es sei nichts entschieden, kontern die geschmähten Virolog:innen und Epidemolog:innen, er täusche sich gewaltig, denn in Wirklichkeit hätten sich die Dinge schon Ende Januar entschieden, damals also, als Macron sich entschied, nichts zu entscheiden. Und je mehr nun die Wirklichkeit zeigt, dass die Entscheidung wirklich längst gefallen ist und die Krankenhäusern eine Dramatik verzeichnen, die beginnt, die Dramatik der »zweiten Welle« zu übertreffen, und wenn man nicht aufpasst, warum dann nicht auch die Dramatik der »ersten Welle«, die ihrerseits dramatischer gewesen war als die »zweite«, desto deutlicher wird, sage ich, dass das, was Macron einst für einen Beweis seiner Stärke und seiner Rückbesinnung auf’s Präsidentenamt wahrgenommen hatte, von vielen als grenzenlose Schwäche ausgelegt werden wird. Denn erstens hat die Nicht-Entscheidung nicht zu einer Lösung geführt, und zweitens wird die Verlängerung der Nicht-Entscheidung nur die Verlängerung der Massnahmen bewirken, für die man sich über kurz oder lang – vielleicht schon an diesem Mittwoch – trotzdem wird entscheiden müssen.

Der Glaube, durch entschiedene Unentschiedenheit die Chancen auf eine Wiederwahl zum Präsidenten zurückzugewinnen, erweist sich damit als ebenso luftig, ja höhenluftig, wie die Entscheidungen, die ohne die entscheidenden Berater, ja schlimmer noch: in bewusstem Trotz gegen ihren Rat entschieden worden waren – also: die besagte Nicht-Entscheidung. Die Erkenntnis, dass der Präsident vielleicht nur darum entschieden hat, nichts zu entscheiden, weil die Berater ihm schon im Januar gesagt hatten, er müsse unbedingt jetzt und sehr schnell etwas entscheiden, hat nun etwas entschieden Unheimliches, denn aus ihr folgt, dass Entscheidungen gar nicht mehr getroffen werden, um gegen die Pandemie vorzugehen, sondern allein darum, weil der Präsident gern Präsident bliebe.

Und wenn man’s ein bisschen psychoanalytisch sehen will, bezieht sich auch der Satz, es sei nichts entschieden, überhaupt nicht auf die Pandemie, sondern auf die Wiederwahl: Macron spricht sich selbst Mut zu, indem er sich sagt, noch sei nichts entschieden, noch könne es ihm gelingen, sein Mandat zu verlängern. Doch je länger man dem »Nichts ist entschieden« nachlauscht, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass er leise, leise ahnt, dass er es nicht schaffen kann. Oder ich hoffe nur, dass er’s ahnt, denn mir scheint, dass, wenn er’s zu ahnen beginnen würde, er endlich das tun könnte, was seine Aufgabe ist, nämlich: Entscheidungen zu treffen.

Paradoxerweise könnten sich seine Chancen, weiterhin Präsident zu bleiben, dadurch sogar steigen, denn gerade jetzt ist seine ganze Energie augenscheinlich von dem Satz aufgesogen worden, noch sei nichts entschieden – nämlich bezüglich der anstehenden Wahl. Und wenn er davon abließe und sich sagen würde, dass gar nicht entscheidend ist, ob er wiedergewählt werden wird oder nicht, sondern entscheidend nur, dass er im Sinne der Interessen des Landes entscheidet und nicht schlicht gemäß seinen persönlichen Interessen, die mit dem Interesse daran zusammenfallen, Entscheidungen treffen zu können aus luftigsten Höhen herab, dann würde er vielleicht trotzdem noch die richtigen Entscheidungen treffen, und die Wählerschaft würde wieder ein bisschen glauben können, nicht nur Opfer seiner unentschiedenen Entschiedenheit zu sein, sondern der entscheidende Gegenstand der politischen Bemühungen.

Da dies aber nicht eingetroffen ist und auch nicht eintreffen wird – die Unentschiedenheit, die die Entscheidung, Präsident sein zu wollen, ist gar zu starr –, bleibt nur zu konstatieren, dass das ganze Land, und zwar zum xsten Mal in einen Zustand kollektiver Spannung gerät, weil es weiß: Eine Entscheidung breitet sich vor, aber wie immer wird bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese wirklich verkündet werden wird, nicht das Geringste preisgegeben, so dass also dem in der Tat ganz Unentschiedenen auf Seiten des Präsidenten die Entschiedenheit der Spekulationen auf Seiten der Bevölkerung antwortet, die gern hätte, dass sich die Situation auf die eine oder andere Weise endlich entscheide.

Vers un confinement dur? »Rien n’est décidé«, mais… (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

Frankreich hat einen gewissen heuristischen Vorteil. Durch den präsidialen Zentralismus lässt das Problem der politischen Autorität sich mit größerer Prägnanz beobachten als bei uns, wo alles im Zuständigkeitshinundher zwischen Ländern und Bund versinkt. Oft ist ja gar nicht klar, wer was entscheiden darf. In Frankreich ist das meist recht eindeutig; das erleichtert die Analyse. Der Sache nach aber unterscheidet sich das französische Problem in nichts vom deutschen Problem. Was wir beobachten können, ist diesseits und jenseits des Rheins der tragikomische Versuch der Regierenden, durch Unentschiedenheit eine Macht zu performen, die ihnen deswegen über kurz oder lang genommen werden wird.

Wolfram Ette

Corona 221: Offene Schulen

Das zerbrochene Thermometer

Es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, da hat das französische Schulministerium die Maßnahmen gegen die Varianten in den Schulen verschärft. Jetzt wird das meiste wieder zurückgenommen, denn inzwischen hat man feststellen können, dass die Zahl der Klassen, die man schließen musste, in die Höhe geschnellt war. Die Regel hatte besagt, dass Personal und Mitschüler:innen automatisch als Kontaktpersonen galten, wenn auch nur eine Schülerin oder ein Schüler mit einer der Varianten infiziert waren. Die betreffende Klasse musste dann geschlossen werden.

Jetzt findet man plötzlich, dass das alles doch keine gute Idee war, und so belässt man zwar noch die Strenge in Bezug auf die »südafrikanischen« und »brasilianischen« Varianten, doch der »britische« Virus wird schon jetzt wie der »traditionelle« behandelt, nämlich als etwas, worum man kein großes Aufheben machen kann, weil ja sonst viel zu viele Schüler:innen nach Hause geschickt werden müssten. Eine Art Gleichstellung erfolgt: Es müssen schon mindestens drei »britische« Fälle in einer Klasse auftreten, bevor man sich ans Schliessen macht. Es wird also bereits akzeptiert, dass die »britische Kopie« das einstige »Original« ersetzt. Es wird akzeptiert, weil man sonst zugeben müsste, dass die Situation in den Schulen schlechter ist, als man gern hätte.

Die Regeln bezüglich der Schließung von Klassen werden also flugs wieder so gestaltet, dass die Kurve, die die Schließungen anzeigt, unter Kontrolle bleibt. Das hat zwar gar nichts mit der Frage zu tun, ob dann auch die Fälle in den Schulen unter Kontrolle bleiben, doch erreicht wird sein, was das Ziel der Schulbehörden ist: Die Situation gut aussehen lassen.

Als Bürger:in dieses Staates, der seine oder ihre Kinder in diese Schulen schickt, lernt man also, dass sanitäre Maßnahmen nicht dafür da sind, die Schulkinder (und damit indirekt ihre Familien) vor Ansteckung zu schützen. Vielmehr besteht das Ziel unerklärtermaßen darin, die Schulbehörde vor der Einsicht zu schützen, dass die Varianten in den Schulen sehr stark zirkulieren. Maßnahmen werden demnach nicht auf der Grundlage von Einsichten beschlossen, die man in die Funktionsweise der Epidemie gewonnen hat. Vielmehr ist es umgekehrt: Einsichten, die man in die Funktionsweise der Epidemie gewinnt, werden eingesetzt, um die Maßnahmen so zu gestalten, dass man dieser Funktionsweise nicht Rechnung tragen muss. Das heißt: Die Einsicht, was eine Epidemie ausmacht, dient dafür, die Einsicht von sich zu schieben. Man folgt dem Prinzip der Kommunikation, der Selbstdarstellung des Ministeriums, und was dann in den Schulen konkret passiert, ist völlig gleichgültig, denn sagen können will man nur, dass fast keine Klasse, fast keine Schule hat schließen müssen.

Kommunikation, die nichts anderes kennt als sich selbst, hat aber den Nachteil, nur so lange zu funktionieren, wie die Evidenz, dass das nicht funktionieren kann, durch die verhübschte Kurve der Schließungen (die sich bald bessern wird) verdeckt wird. Aber die Verdeckung funktioniert nur eine Weile, weil ja dann das starke Ansteckungsgeschehen in den Schulen auch wieder in die Gesellschaft dringt und dort Konsequenzen zeitigt. Das heißt: Man macht die Situation durch die Verhübschung nur noch schlimmer.
Die französische Lehrergewerkschaft hat es auf den Punkt gebracht : Wenn das Fieber steige, ändere sich auch dann nichts an dieser Tatsache, wenn man das Thermometer, mit dem man das Fieber messe, zerbreche.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/lall%C3%A8gement-du-protocole-sanitaire-dans-les-%C3%A9coles-fait-bondir-les-syndicats/ar-BB1dGLBm
https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/variants-cas-contacts-fermetures-de-classes-lall%C3%A8gement-du-protocole-sanitaire-%C3%A0-l%C3%A9cole-irrite-les-syndicats/ar-BB1dGwsM

Neues aus dem Reiche der Natur

»Une fermeture créerait des difficultés scolaires, sociales, une fracture numérique.« («Eine Schließung [der Schulen ; A.P.] würden schulische und soziale Schwierigkeiten schaffen und fehlende Chancengleichheit beim Zugang zum Internet.«)

Alles hübsch gesagt. Bei der Ungleichheit bezüglich des Zugangs zum Internet ist’s so, dass sie ohnehin besteht. Sie würde nicht erst dadurch zustande kommen, dass man die Schulen schließt – sie würde nur sichtbar. Das ist nicht das Gleiche. Existieren tut das Problem ohnehin, nur kann man, wenn man die Schulen offen hält, so tun, als existiere es nicht. Und so ist es vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass das Ministerium spricht, wie es spricht. Es weiß sehr gut von den ungleichen Chancen bezüglich des Zugangs zum Internet, denn im ersten Lockdown hat man ja genau feststellen können, wie groß die Ungleichheit je nach sozialem Status der Familien war. Also verdankt sich die Sorge, dass sich durch erneute Schulschließungen das Problem fehlender Chancengleichheit ergeben könnte, nur der Tatsache, dass man, obwohl man das Problem kannte, nichts getan hat, um es zu lösen, und darum argumentiert man also weiterhin, Schulschließungen dürfte es nicht geben, weil sonst ein Problem zutage tritt, das schon lange zutage liegt, von dem man dann aber plötzlich zugeben müsste, dass es zutage liegt, weil man so getan hat, es liege nicht zutage, existiere nicht, müsse nicht gelöst werden.

Und in der Hinsicht sind die Schulen wie alles Übrige: Man wundert sich über das Auftauchen von Problemen, von denen man wusste, von denen man aber so angenommen hat, dass sie verschwinden würden, wenn der Virus verschwinde. Da aber der Virus nicht verschwindet, sondern sich im Gegenteil verstärkt, verstärkt sich der Druck, so tun zu müssen, als seien alle Probleme etwas Naturgegebenes, darin dem Virus ähnlich: dass arme Familien weder Computer noch Internet haben und also einem möglichen Distanzunterricht nicht folgen können, ist eine Gegebenheit, ist nichts, was man hätte ändern können.

Da aber wiederum die Behandlung schulischer Fragen ihrerseits Ähnlichkeiten hat mit der Behandlung der sanitären, kann man die ganze Argumentationsrichtung sofort umkehren und die These aufstellen, der Virus werde in dem Maße als eine natürliche Gegebenheit behandelt, gegen die man nichts tun könne, in dem der fehlende Zugang armer Familien zum Internet dem Reich der Natur zugeordnet werden muss.

https://fr.news.yahoo.com/les-parents-deleves-inquiets-face-a-la-menace-des-ecoles-fermees-022120037.html

Der Hort

Die Situation ist in einigen Landesteilen so dramatisch, dass man vorsichtig beginnt, Schulschliessungen – bis dahin ein absolutes Tabu – zu diskutieren. Ein Argument lautet, dass eine Schule, in der es keine oder nicht mehr genug Lehrer:innen mehr gibt, die unterrichten können, zwar weiterhin die Schülerschaft aufnehmen kann, dass das dann aber ohnehin nicht mehr Schule genannt werden kann. Denn Schule bedeute Lernen und Unterricht, und Unterricht gibt es nun einmal nur unter der Voraussetzung, dass genug Lehrer:innen gesund sind, um ihre Arbeit zu tun.

Es ist aber abzusehen, dass das Gerangel um die Schulschliessungen noch eine gute Weile anhalten wird, denn niemand hat bisher auch nur eine Sekunde geglaubt, es könne dem Schulminister allein um das Lernen und den Unterricht gehen. Vielmehr steht im Zentrum, dass die Eltern arbeiten gehen können müssen, und das bleibt auch dann ein Ziel, wenn Schule nicht mehr Schule ist.

Das Dumme ist, dass in dem Moment, in dem keine Ersatzlehrer:innen mehr in die von Krankheit betroffenen Schulen geschickt werden können, die verbleibenden Lehrer:innen gezwungen sind, die Schüler:innen unter den übrig gebliebenen Lehrer:innen aufzuteilen, was konkret bedeutet, dass alle noch enger aufeinandersitzen als ohnehin, so dass das Ansteckungsrisiko noch größer wird als ohnehin, so dass noch wahrscheinlicher wird als ohnehin, dass Lehrer:innen aufgrund von Krankheit ausfallen (und Schüler:innen sowieso, aber das ist ja egal), so dass, weil ja Ersatzlehrer:innen dennoch nicht verfügbar sind, noch mehr Kinder auf noch engerem Raum zusammengepfercht werden müssen, so dass von Schule also wirklich und wahrhaftig nicht mehr gesprochen werden kann, sondern bestensfalls von einem Hort, nämlich einem großartigen Hort der Ansteckung zumindest für diejenigen, die sich bisher noch nicht angesteckt haben.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-%C3%A0-l%C3%A9cole-quand-on-accueille-des-%C3%A9l%C3%A8ves-sans-enseignants-ce-nest-plus-de-l%C3%A9cole-cest-de-la-garderie/ar-BB1eYedo

Der Ausnahmezustand

Schulschließungen dürfen, weil Ausnahmezustand herrscht, nicht mehr von den Bürgermeister:innen in Eigenregie entschieden werden. Der Staat hat dieses Recht an sich gezogen. Glücklicherweise ist der Staat weit, weit weg von den konkreten Realitäten. Er kann sich also sagen, es herrsche noch kein Ausnahmezustand in den Schulen, denn was Ausnahmezustand bedeutet, das entscheidet, weil ja Ausnahmezustand herrscht, immer nur derjenige, der weit, weit weg ist von den konkreten Realitäten und daher unhaltbare Zustände ausnahmslos für normal erklären kann. Dies gilt auch dann noch, wenn der Ausnahmezustand so stark außer Kontrolle gerät, dass er sich generalisiert und also qua Verbreitung eine gewisse Normalität gewinnt. Dann kann die Regierung mit noch mehr Recht sagen, es laufe ja alles normal, d.h.: wie immer.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/fermeture-des-%C3%A9coles-la-question-doit-%C3%Aatre-pos%C3%A9e-estime-baroin/ar-BB1eXZ84

Anne Peiter

Corona 220: Vom Lernen oder auch nicht

Hätte hätte Fahrradkette

Das bekommt man gelegentlich zu hören, wenn es um die Frage geht, auf welche Weise sich das neueste Desaster der Corona Politik wohl hätte verhindern lassen. Dann nämlich zum Beispiel, wenn man spätestens im Spätherbst einen Lockdown verhängt hätte, der sich hätte sehen lassen und seinen Namen verdient hätte – zu einem Zeitpunkt zumal, in dem die Bereitschaft der Bevölkerung, sich auch einschneidenden Maßnahmen zu unterwerfen, größer gewesen wäre als jetzt. Oder, anderes Thema, wenn man mehr impfstoff, und diesen früher bestellt hätte. Oder: wenn man im Sommer, als manche sich mit der stillen Hoffnung trugen, die Sache mit dem Virus sei vielleicht doch schon überstanden, sich systematisch um die Situation an den Schulen gekümmert hätte. Undsoweiter undsofort.

Dann heißt es manchmal: „Hätte hätte Fahrradkette“. Der Spruch erregt Unbehagen bei mir, er hat das immer getan; es verdichtet sich im Augenblick. Offenbar soll die Sinnfreiheit des Reimes die Sinnfreiheit von Überlegungen demonstrieren, die sich im Irrealis bewegen, verpassten Möglichkeiten durchspielen und darüber nachdenken, was denn wohl gewesen wäre, wenn. Der Krug ist zerbrochen, die Milch verschüttet, warum soll man sich über die Vergangenheit denn bloß Gedanken machen, das blockiert uns doch nur, nimmt uns unsere Energie, die wir so dringend für die Bewältigung der anstehenden Probleme benötigen. Also: wozu sich damit beschäftigen?

Weil, Herr und Frau Fahrradkette, die Gegenwart der Vergangenheit in so vielen Dingen zum Verwechseln ähnlich sieht, dass sie zu einem Teil gar nichts anderes ist als diese Vergangenheit. So auch jetzt: Wir haben Corona, die Fallzahlen sind hoch und es liegt im Interesse aller, sie drastisch zu senken. Und nach wie vor gilt, dass ein konsequenter Shutdown über mindestens drei Wochen das einzige Mittel ist, von dem wir bislang sicher wissen, dass es hilft. Gegenwart und Vergangenheit folgen einander nicht wie auf einer Schnur aufgereihte Perlen, sie bilden ein Kontinuum von ineinander verflochtenen Abhängigkeiten und Übergängen. Die ruckartig aufeinanderfolgenden Jetztpunkte, die nichts miteinander zu tun haben, diese kleinen Einzelkämpfer in Reih und Glied – all das, was die stoßweisen drei Worte des Merkverses so schön ausdrücken, ist das Fundament der Ideologie, man könne nichts aus der Vergangenheit lernen, weil sie eben Vergangenheit damit vorbei und abgetan sein.

In Wahrheit jedoch haben wir nichts als die Vergangenheit, um zu lernen. Fehler sind das beste Material der Erfahrung; wer keine macht, hat aus den vergangenen gelernt, die sie oder er in dem Sinne als gegenwärtig begriffen hat, als sie jederzeit wieder gemacht werden können. Lernen heißt einkalkulieren, dass man nicht lernen könne und dass man nichts gelernt habe. Er setzt Misstrauen sich selbst gegenüber voraus: Bedingung der Möglichkeit von Reflexion. Nicht „Hätte hätte, Fahrradkette“, sondern – ich komme ein zweites Mal auf Aischylos zu sprechen – pathei mathos, „Lernen durch Leiden“ ist das Gebot der Stunde. Das heißt: Wieder und wieder ist zu analysieren, was aus welchen Gründen falsch gelaufen ist, und wie man es hätte anders machen können nur dann besteht Aussicht darauf, dass man es dann auch wirklich anders macht. ‚Dass uns „Hätte hätte“ rette‘ oder so.

Die Verzeihung

Die Bundeskanzlerin hat uns um Verzeihung für den Oster-Fauxpas gebeten, der der Ministerpräsidentenkonferenz, zugleich übererregt und übermüdet, Montag nacht kurz vor drei Uhr passiert ist. Gleichzeitig hat sie die alleinige Verantwortung dafür übernommen. Das ist anständig, es ist auch umfassend gewürdigt worden, aber ist es auch ehrlich? Eher hat man den Eindruck, sie decke die Runde, die es als politisches Organ eigentlich nicht gibt und die ihre Existenz nun immer weniger mit ihren Erfolg legitimieren kann.

Wie genau die Diskussions und Entscheidungsprozesse am Montagabend abgelaufen sind, weiß wohl niemand genau, der nicht dabei gewesen ist. Aber es spricht einiges dafür, dass die Diskussionen um den „kontaktarmen Urlaub im eigenen Land“, der von den nördlichen Bundesländern beantragt worden war, um für den Mallorca-Wahnsinn irgendwie entschädigt zu werden, vollkommen verfahren waren. (Man muss sich übrigens fragen, ob dieser Punkt überhaupt so wichtig ist und ob es nicht ein Symptom der Strategielosigkeit im Umgang mit der Pandemie ist, dass darüber so sehr gestritten wurde.) Einer der Teilnehmer sprach davon, wie er 5 Stunden auf einen leeren Bildschirm gestarrt habe, ohne im mindesten zu wissen, wie es denn nun weiter gehen würde.

Angesichts dessen, in diesem zähen Nichts aus Anspannung und Langeweile [1] kam der Vorschlag des strengsten Lockdowns aller Zeiten zu Ostern, der von der Kanzlerin kam, aber wahrscheinlich von Helge Braun lanciert wurde, gelegen wie eine paradoxe Erlösung. Wenn man nicht haben kann, was man sich wünscht, ist es am besten, allen den Spaß zu verderben. Ihr dürft nicht nur nicht in die Ferien fahren – Mallorca natürlich ausgenommen –: ihr sollt, das heißt: wir sollen stattdessen ganz und gar zu Hause bleiben, uns vollständig isolieren und das Osterlamm alleine essen. Es ist die Gerechtigkeit der Eltern, die alle Kinder schlagen, weil sie nicht herausfinden können, wer denn der/die Schuldige war.

Das ist miserable Pädagogik. Wird sie auf Menschen angewandt, die eigentlich ja keine Kinder mehr sind, ist der zu erwartende Verdruss groß. Nach der langen Nacht dürfte beim politischen Katerfrühstück den einen oder anderen aufgegangen sein, dass es keine so gute Idee war, in einem Wahljahr zudem, in dem das Volk sich eine andere Regierung wählen kann. Da Merkel nicht mehr zur Wahl steht, trat sie vor und erklärte sich zur alleinigen Schuldigen eines Systemversagens.

Wenn sie freilich überhaupt in dieser Sache eine Schuld trifft, dann wohl die, den deutschen Föderalismus, der an sich eine gute Sache ist, von seiner widerwärtigsten Seite gezeigt, ja ihn in diese Richtung systematisch verzerrt zu haben: in die eines ewig quengelnden Eigensinns nämlich, der den Bund, der in Gesundheitsfragen nun mal nichts wichtiges zu sagen hat, zeigt, wo er hingehört – „wo der Kuckuck wächst“, wie eine ehemalige Lehrerin von mir immer sagte.

Da liegt das Systemproblem. Merkel hätte dafür um Verzeihung bitten müssen, um Verzeihung gebeten zu haben und eine Ländersache in personam auf den Bund geschoben zu haben. Dass es nun so aussieht, dass die Länder alles richtig machen und der Bund alles falsch, ist nicht bloß falsch. Es verunklart ein weiteres Mal die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, die aus den föderalen System sich ergeben. Und ja, eine Entschuldigung wäre dies wert gewesen.

[1] Alexander Kluge macht diese bleiernde Unausgefülltheit der Zeit, Verwirrung und Langeweile, für eine der katastrophalsten außenpolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte verantwortlich: die einsame Entscheidung Genschers, Kroatien als unabhängigen Staat anzuerkennen. Vgl. A. Kluge: Gefangen im Nirgendwo, H.D. Genscher in der jugoslawischen Provinz, in: Chronik der Gefühle, Band 1: Basisgeschichten, Frankfurt am Main 2000, 227-231.

Noch einmal: Die Verzeihung

Hinter den partei- und wahltaktischen Überlegungen, die die Bundeskanzlerin dazu veranlasst haben könnten, sich zum Opfer anzubieten und als Prellbock der sich zunehmend lächerlich machenden Ministerpräsidentenkonferenz zu fungieren, mögen noch bestimmte kulturelle Gewohnheiten wirksam gewesen sein. Im Moment der Krise dirigierten sie das Verhalten.

Auf der einen Seite: die Mischung aus Preußentum und Protestantismus, der Selbstbezichtigungen eine Lust sind. Das Christentum im allgemeinen, der Protestantismus im besonderen haben ein narzisstisches Verhältnis zur Schuld, Nietzsche hat das wieder und wieder angegriffen und für das Grundübel der europäischen Zivilisation befunden. Aus dieser Mischung ergibt sich eine Art perverse negative Autonomie: Indem ich alle Schuld auf mich nehme, spreche ich anderen im vorhinein das Recht ab, über mich zu urteilen; ich nehme ihnen sozusagen den Wind aus den Segeln. Schuld ist Verantwortung, und Verantwortung ist Macht: so ungefähr ließe sich das selbstverliebte Verhältnis mancher Protestanten und Protestanten zur Schuld und zum Reden über die eigene Schuld beschreiben.

Auf der anderen Seite stehen die sozialistischen Schauprozesse, die öffentlichen Selbstanklagen, Bucharin und Co., die die eigene Person der Sache öffentlich zum Opfer bringen. Man lässt sich erschießen, geht ins Arbeitslager, gesteht ungeheuerliche und künstlich aufgeblähte Verbrechen ein, – und zwar nicht, um davonzukommen (die Chance hatte man meist gar nicht), sondern um wenigstens als verurteiltes Wesen rehabilitiert zu sein, den Namen zu retten und sich als Teil des großen Gesamtkörpers der sozialistischen Gesellschaft zu fühlen. So ähnlich müssen die Märtyrer sich gefühlt haben, die geschunden, gepfühlt und gesteinigt wurden, gerade aber durch den alles Vorstellen übersteigenden Schmerz Teil des Körpers der christlichen Kirche wurden, der sie unsichtbar erfüllte und trug.

Beide sind also ähnlichen Wesens; in beiden Traditionen, wie immer sie miteinander Zusammenhängen, wird ein Narzissmus der Schuld kultiviert, über die der oder die einzelne sich mit dem Allgemeinen verbindet, kurzschließt, und damit in seiner / ihrer Bedeutung erhöht wird.

Schamkultur und Schuldkultur

Sich ständig was Neues ausdenken und immer wieder denselben Fehler zu machen – es sind zwei Seiten derselben Medaille. Diese Medaille ist das Erkennungszeichen der Politik viele Länder, die sich weigern, aus den eigenen Fehlern etwas zu lernen, weil sie befürchtet, beim Wahlvolk würde nur die erste Hälfte dieses Vorgangs hängen bleiben: das nämlich ein Fehler eingeräumt wurde. Vielleicht aber ist das Wahlvolk gar nicht so begriffsstutzig und die schlechte Meinung, die manche Politiker innen von ihm zu haben scheinen, ist selbst nur ein Vorwand und eine Rationalisierung von einen tiefer liegenden Prozess.

Die große Unterscheidung zwischen Schamkultur und Schuldkultur, die Erec Robertson Dodds in seiner Vorlesung über „Die Griechen und das Irrationale“ gemacht hat, bezeichnet nicht einen ein für alle Mal erreichten zivilisatorischen Fortschritt. Es gibt vielmehr viele Anzeichen dafür, dass wir dabei sind, hinter ihn zurückzufallen. Und dies nicht erst seit Corona, sondern seit einigen Jahrzehnten.

Worin unterscheiden sich Scham und Schuld? In einer Gesellschaft, die durch Konzepte von Scham, Ehre, Ansehen etc. zusammen gehalten wird, kann ich zum Beispiel stehlen. Ich darf dabei nur nicht erwischt werden. Ein Unrecht ist nur dann ein Unrecht, wenn es öffentlich wird. Scham und Ehre stehen im Zentrum einer materiellen Ethik – materiell deswegen, weil sie sich im BLICK und im GEREDE der anderen materialisiert. Mein gesellschaftlicher Körper setzt sich aus diesen Blicken und diesen Reden zusammen; ich bin, was sie über mich denken und sagen (könnten).

In einer Schuldgesellschaft dagegen ist es immer falsch, zu stehlen. Ich habe den Wertekodex verinnerlicht, er ist in mich eingedrungen und zu einem Bestandteil meiner selbst geworden, der immer wirksam ist – so ähnlich, wie in der zivilisationsgeschichtlichen Konstruktion, die Freud in ‚Totem und Tabu‘ aufgemacht hat, der die Söhne terrorisierende Vater nach seiner Ermordung zu einem Teil ihrer selbst wurde und sie in Form des schlechten Gewissens nicht mehr verließ – so ähnlich, wie es sich in jedem Erziehungsvorgang aufs Neue abspielt, in dem das System der elterlichen Werte zum dauerhaften Verhaltenskodex der Kinder werden soll.

Das wäre, wenn es nur das wäre, natürlich einfach nur schrecklich. Aber es ist nicht nur das. Die Schuldgesellschaften haben gegenüber den Schamgesellschaften auch einen großen Vorteil. Sie bieten nämlich die Möglichkeit, der Schuld ledig zu werden. Die rituelle Entsühnung, Vergeben und Verzeihen, die göttliche Gnade, oder eben das als Aischyleische DURCH LEIDEN LERNEN sind Varianten dieses Verfahrens.

In einer Schamgesellschaft ist dergleichen nicht möglich. Ist der Name einmal befleckt, ist nicht vorstellbar, den Makel abzuwaschen. Oder eben nur materiell, in dem ich mich oder denjenigen, der den Marke benannt und öffentlich gemacht hat, töte. Oder schließlich – und das katapultiert uns zurück in die Gegenwart –, in dem ich den Makel gar nicht als Marke anerkenne, oder indem ich andere dafür verantwortlich machen, Sündenböcke suche etc.

Das bedauernswerte Schauspiel, dass sich Politikerinnen an ihrem Posten festklammern, weil sie offenbar kein Bewusstsein davon haben (jedenfalls kein öffentliches), für einen Fehler verantwortlich gewesen zu sein und jetzt daraus die Konsequenzen ziehen zu müssen; das Feuern von Subalternen an der Stelle des Rücktritts von Vorgesetzten; die Dreistigkeit, mit der gegen die Realität angelogen und der Sachgehalt von Vorwürfen schlicht geleugnet wird – dieser ganze Phänomenkomplex ist ein erster Aspekt, der den Verdacht nähert, dass wir uns nicht nur gelegentlich, sondern systematisch auf dem Rückweg in eine Schamkultur befinden. Die Rolle der Medien und der Umgang mit Ihnen, die sich zum Auge und zur Stimme der anderen rematerialisiert haben, die den Einzelnen nicht zur Schuld, sondern zur Schande und Lächerlichkeit verurteilen (ein Prozess, der wahrscheinlich durch die digitalen Medien befeuert wurde und von ihnen auf die traditionellen zurückschlug), ist ein zweiter Aspekt. Ein dritter ist die Durchwucherung des demokratischen Gemeinwesens von den Clans und ihrer Mentalität. Dabei denke ich nicht bloß an irgendwelche Familien, die in Neukölln ihr Unwesen treiben. Der mafiose Filz betrifft alle, er ist tief in den gesellschaftlichen Alltag eingedrungen. Das Ärgerliche an der Maskenaffäre ist für die CDU doch nur, dass sie sich haben erwischen lassen; das System, dass eine Hand die andere wäscht, ist so alt wie die Partei selber. Der Clan, der durch Loyalität statt durch Moralität zusammen gehalten wird; die klare Scheidung von Innen und Außen, die sein soziales Prinzip bildet; die Ansicht, dass schmutzige Wäsche grundsätzlich intern, in der Familie gewaschen wird – es bestimmt mittlerweile Politik und Arbeitsleben gleichermaßen.

Vor allem aber die Unfähigkeit, Fehler zu integrieren und dadurch überhaupt etwas zu lernen. Stattdessen: das Sündenbock-Prinzip. Was Angela Merkel am Mittwoch produzierte, war: Schamkultur im Gewand von Schuldkultur. Sie machte sich zum Sündenbock, häufte alles auf sich; dadurch wurde der gute Name des Clans MPK erhalten, die sich nun, NRW und Berlin gehen voran, daran macht, unter dem Schutzschirm eines universellen Schuldeingeständnisses, das keines war, die eigenen Beschlüsse von vorgestern zu unterminieren und damit Fehler zu begehen, die viel gravierender sind als die angeblich persönliche Schuld der Bundeskanzlerin.

Intelligenz lebt unten

Mir wird immer klarer, dass die Coronakrise nur lokal gelöst werden kann. Nur die lokale Selbstorganisation wäre stark und motivierend genug, uns zu schützen. Den Schulleiter:innen, Hausärzt:innen, den Veranstaltern und Veranstalterinnen, Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, den Lehrern und Lehrerinnen – ihnen allen wären Rechte und Mittel zu zugestehen, den Laden, den sie am besten kennen, in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten. Fehler müssen schnell verziehen sein, weil sie in einer Krise normal sind, aber nichts schlimmer ist als wenn daran festgehalten wird, weil man sich außerstande sieht, sie einzugestehen. Dann wäre diese Krise auch eine Chance für eine Gesellschaft, sich, anstatt autoritär zu verdummen, zu einem lernenden System zu entwickeln, das die Intelligenz, die unten lebt, sich zu eigen macht.

Wolfram Ette


Eins, zwei, drei, oder: Vom historischen Wert der Abzählverse

Es gab mal Zeiten, da habe ich kleine, hübsch gekrönte Abzählverse geschrieben, dem Vorbild folgend, das man in Pausenhöfen vor sich hat, bevor die Kinder ihre eigentlichen Spiele beginnen. Die Sprüche waren alle um die Zahl „Sechs“ zentriert und hatten, um’s gleich ehrlich zuzugeben, in dichterischer Hinsicht nur bedingt einen Wert (so ist das nun einmal mit diesem Genre). Gemacht hatte ich die Reime trotzdem, denn mich interessierte die Beschwörung der kleinen (aber nicht gar zu kleinen) Zahl, die man fest in die Hirne hatte einprägen wollen.

Die Tatsache, dass ich damals Reime schmiedete, um von der Eins hinaufzuzählen bis zur Sechs, ist in einer Hinsicht jedoch von wahrem, diagnostischem Interesse: Zumindest weiß ich jetzt noch (weil ich vor ziemlich genau einem Jahr herumreimte), dass es schon damals nötig schien, herumzureimen. Will heißen: Schon damals versuchte die Politik, mit der Zahl „sechs“ die Gefahr zu bannen und eine Art Ausgleich zu finden zwischen der Grösse von Kleinfamilien (Papa, Mama, zwei Kinder) und dem Bedürfnis derselben, sich durch Kontakte nach Außen die Brust zu weiten (vier + zwei macht sechs).

Es nimmt sich dieses Detail aus wie ein Bild für die Gesamtentwicklung: Man variiert die immer gleichen Maßnahmen und wundert sich, warum sie, obwohl sie schon einmal nicht recht geholfen haben, das zweite und dritte Mal auch nicht helfen. Gleichzeitig gilt auch das Gegenteil: Man versucht immer neue Dinge aus, doch immer nur in einem gewissen Rahmen, der abgesteckt wird durch das, was in die Köpfe von Ministerialbeamten generell hineinpasst. Die besten Köpfe haben einen Umfang, der es ihnen erlaubt, bis drei zu zählen – „eins, zwei, drei“ –, und die ganz, ganz hohen, bestbezahlten Kategorien („Kategorie A“ heißen sie im französischen System) schaffen’s sogar, zweimal bis drei zu zählen: „Eins, zwei, drei“, „Eins, zwei, drei“.

Ich bin der rechnerischen Überzeugung, dass wir jetzt die „dritte Welle“ haben, weil die meisten Beamten nicht bis drei zählen können, die besten aber nur, wenn sie sich wiederholen. Die Sechser-Regel, die draußen gelten soll, ist als wahres Wunderwerk ministerialen Erfindungsreichtums einzuschätzen (man hat’s, krisenbedingt, doch hinauf bis zur Sechs geschafft!), auch wenn dies nicht viel an der Tatsache ändern wird, die darin besteht, dass wir gerade voll in die „dritte Welle“ eintauchen, die man natürlich nicht hat kommen sehen, weil man ja nur mit zwei Beinen im Leben steht und geht, und daher bei jedem neuen politischen Schritt immer nur vor sich hinmurmelt: „eins, zwei, eins, zwei, eins, zwei“.

Covid-19: les rassemblements de plus de 6 personnes en extérieur interdits sur tout le territoire (msn.com)

Coronavirus : „L’incitation à se voir dehors ne doit pas être comprise comme une absence totale de risque“, juge une spécialiste des crises sanitaires (msn.com)

Jetzt war Virus oder: Phantasielosigkeit

Man erfährt von einem hohen Vertreter der Pariser Krankenhäuser, es seien seit der ersten Welle noch nie so viele Patienten auf einmal in die Krankenhäuser oder ihre Intensivstationen gebracht worden wie gerade jetzt. Ich selbst setze in Gedanken hinzu – wer wüsste das nicht! –, dass die „britische“ Variante sehr viel ansteckender und gefährlicher ist, so dass diese Tendenz also noch eine ganze Weile so weitergehen wird. Und das ist ja in der Tat das, was mindestens seit Dezember von Epidemolog:innen vorausgesagt wurde. Es sei eine ganz einfache Rechenaufgabe durchzuführen, das Ansteckungsgeschehen sei ohne jeden Zweifel voraussagbar.

Die grosse, kaum fassliche Frage lautet also, wie der Präsident glauben konnte, es werde anders sein? Und wie kann ein ganzes Land folgen, obwohl doch all diejenigen, die sich wirklich mit dem Thema auskennen, einhellig darauf hinwiesen, es werde kommen, wie man sage? Wie kann man blind in etwas hineinlaufen, was die gesamte Gesellschaft in Gefahr bringt: sozial, ökonomisch, psychologisch, von der Stabilität des gesamten, politischen Systems her? Wie konnte es passieren, dass Alternativen, die sich als gangbar und erfolgreich erwiesen hatten, wie selbstverständlich ignoriert, ja noch nicht einmal in Ansätzen diskutiert oder gar ausprobiert wurden?

Es ist nichts Selbstzerstörerisches am Werk. Ich glaube nicht, dass Todessehnsucht wirkt. Ich glaube, es ist im Gegenteil eine Mischung aus dem Gefühl von Unverletzlichkeit und Phantasielosigkeit, die die Politik antreiben. Phantasielosigkeit vor allem. Man steckt so tief im Gewohnten, dass man sogar, wenn man die Gewohnheiten wegen einer Pandemie ändern muss, gleich wieder diese neue Gewohnheiten festzurrt und von diesen nicht mehr wegkommt, obwohl eigentlich eine permanente Selbstkorrektur vonnöten wäre.

So aber geschieht das Gegenteil: Man tut nichts (zumindest nichts Entscheidendes), man wartet, lässt die Gefahr kommen, wundert sich ein bisschen, wenn sie da ist und immer schlimmer wird, doch auch dann wartet man noch, tut nichts, hofft, die Impfstoffe würden was Entscheidendes ändern, auch wenn noch nicht klar ist, wann sie genau eintreffen werden. Aber auf jeden Fall ist die Entscheidung schon mal delegiert, und inzwischen wartet man und sieht zu, wie die Menschen, die nie eine Impfung bekommen werden, weil sie die Krankheit leider vor deren Eintreffen bekommen, an ihr – nämlich der Krankheit, nicht der Impfung – sterben. Und dann wundert man sich erneut, findet es schrecklich, aber sich selbst eigentlich nie, denn das hat man nicht gewollt, es ist nur gekommen, und dass alle Spezialisten sagten, es werde kommen, das begreifen man noch immer nicht. Immer und immer wieder : Der klügste Satz, der vor mehr als hundert Jahren geschrieben wurde und immer weiter anwendbar ist, lautet: „Jetzt war Virus“. Unser Problem betrifft die Unfähigkeit, aus Fehlern – nämlich Vergangenheiten – zu lernen.

Covid-19: comment les hôpitaux gèrent une situation quasi hors de contrôle? (msn.com)

Anne Peiter

Corona 219: Schnickschnack

Bestimmte Worte dürfen von Regierungsmitgliedern nicht länger verwendet werden, der Präsident hat sie strengstens verboten. Es geht besonders um die Vermeidung von Begriffen, die in der Bevölkerung Angst auszulösen oder den allgemeinen Unmut zu verstärken drohen. So ist jetzt tunlichst nach Worten zu suchen, die verhindern, dass bestimmte Segmente des Handels als „nicht-essentiell“ bezeichnet werden. Diejenigen, die diese Art von Geschäften vertreten, fühlten sich nämlich, so wird argumentiert, durch dieses Adjektiv beleidigt.

Man kann’s verstehen: Wer fühlt sich schon gern „nicht-essentiell“? Zumal ja auch das Nicht-Essentielle durchaus essentiell sein kann, um sein Leben zu verdienen! Man kann sogar noch weitergehen und behaupten, es träfe das Nicht-Essentielle auf fast alle Berufskategorien zu. Ist es essentiell, dass ich unterrichte? So sicher ist das nicht, auch wenn ich’s natürlich gern tue – eben um Geld zu verdienen. „Essentiell“ und „Nicht-Essentiell“ sind, so das einzig Sichere, was man in diesem Bereich aussagen kann, stark relative Begriffe, die sich am Ausmaß der jeweiligen Krise bemessen, in die hinein sie ihre Wirklichkeit behaupten.

Auf der anderen Seite scheint mir die um sich greifende Sprachreinigung ein Besorgnis erregendes Anzeichen für die erodierende Bereitschaft zu sein, das Notwendige – also Essentielle – gegen die Pandemie zu tun. Man beginnt, bestimmte Berufskategorien mit sprachlichen Glacé-Handschuhen anzufassen, und der Sprache folgt die Sache automatisch auf dem Fuße: Wenn man ein Geschäft schließen will, das (sagen wir mal ganz vage) nichts als nutzlosen Schnickschnack verkauft, ist das nur durchsetzbar, wenn man bereit ist, die Unterscheidung zwischen Dingen wie zum Beispiel Was-zum-Essen-Haben und Schnickschnack aufrechtzuerhalten. Essen ist notwendig, d.h. essentiell, Schnickschnack hingegen nicht.

Doch wenn man amtlich verordnet, vom Schnickschnack dürfe nicht mehr gesprochen werden, ist damit die Wirkung verbunden, dass der Schnickschnack sich im Lichte einer gewissen Bedeutung sonnen darf. Vielleicht lässt man den Schnickschnack dann doch offen. Doch das ist nicht das eigentliche Skandalon. Entscheidend ist vielmehr, dass das Korrelat zum Schnickschnack das Notwendige ist. In dem Masse, in dem man Schnickschnack nicht mehr Schnickschnack nennt, verliert man den Begriff des Notwendigen aus dem Auge. In dem Masse, in dem man dem Schnickschnack einen gewissen Grad von Notwendigkeit zubilligt, schwächt man das wahrhaft Notwendige, zu dem zum Beispiel Essen und Gesundheit gehören.

Die sprachliche Schulung, die Macron seinen Ministern angedeihen lässt, ist also darum selbst dem Schnickschnack zuzuordnen, weil sehr viel mehr Energie auf die Vermeidung sprachlicher Beleidigungen aufgewendet worden ist als für die Diskussion über Maßnahmen, die den totalen Zusammenbruch des Gesundheitswesens vermeiden helfen könnten. Das heißt: Ich persönlich fühle mich von dem Summs, den man um den Schnickschnack und sein mögliches Gefühl, beleidigt worden zu sein, macht, schwer beleidigt. Mir scheint, dass das Leid derer, die zur Zeit schwerkrank in den Krankenhäusern liegen, in Hubschraubern oder Zügen evakuiert werden müssen oder aber Zuhause auf eine Operation warten, die absolut notwendig wäre, um nicht zu sterben, alle Beleidigungsklagen von Seiten des Schnickschnacks von allein aufhebt.

Es beleidigt mich die sprachliche Prioritätensetzung, die zugleich einer politischen Prioritätensetzung gleichkommt. Warum macht man sich so wenig Sorgen um die richtigen sprachlichen Formen, Notwendigkeiten wieder an’s allgemeine Bewusstsein zu heben? Warum gibt man sich so bereitwillig dem Schnickschnack hin, obwohl der doch gar nichts daran ändern wird, dass die Realitäten, die man gern vermeiden würde, weitergehen? Warum sagt man nicht, Verdienen am Schnickschnack sei kein Schnickschnack, der Schnickschnack selbst aber sei’s doch? Ist das nicht einzusehen? Ich selbst fühle mich sprachlich bedroht. Das ist mehr als: sprachlich beleidigt.

Emmanuel Macron : ces mots qu’il a interdits aux Ministres (msn.com)

Anne Peiter

Kommentar

»Warum sagt man nicht, Verdienen am Schnickschnack sei kein Schnickschnack, der Schnickschnack selbst aber sei’s doch?« Die Unterscheidung zwischen dem Notwendigen und dem Schnickschnack ist dem kapitalistischen Wirtschaftssystem wesensfremd. Ihm geht es ja um Inhalte, nicht um den sogenannten Gebrauchswert der Ware, nicht um ihren Nutzen. Ihm geht es um die Waren als Ware, es geht ihm nur um den Warencharakter der Ware, das heißt, um die Fähigkeit durch ihren Kauf und Verkauf Gewinn zu erwirtschaften. Aus diesem Grund ist der Begriff der Systemrelevanz systemfremd. Systemrelevant ist das, was Profit generiert und Mehrwert produziert. Je mehr dies in die Produktionsweise der Ware eingebaut, desto systemrelevanter ist sie.

Wir leben aber nicht so ganz in einem orthodoxen kapitalistischen System. Das meint, wir bedienen dieses System als Naturwesen mit natürlichen Bedürfnissen nach Kleidung, Nachrung, Obdach, Gesundheit und Geselligkeit. Ohne uns geht’s nicht – leider: Die Träume von einer vollautomatisierten Welt haben sich nicht erfüllt und werden sich wahrscheinlich auch nie erfüllen. So billig wie ein Arbeiter in Eritrea kann eine Maschine gar nicht sein. Der einzelne Arbeiter / die einzelne Arbeiterin – sie sind natürlich entbehrlich; über ihren Tod vergießt das Kapital keine Träne. Insgesamt aber, als Arbeiter:innenschaft, sind sie aber unentbehrlich, weil sie den Mehrwert produzieren. Was der Herstellung ihrer Lebensfähigkeit dient, ist demnach systemrelevant – sekundär systemrelevant.

Das gilt natürlich auch auf der anderen Seite der Skala, für die anderen dramatis personae in diesem perversen Rollenspiel, für die nämlich, die keinen Mehrwert produzieren (oder höchstens sehr vermittelt) sondern dazu da sind, die ungeheure, von diesem System produzierte, Warensammlung zu verzehren und zu vernichten. Die Konsumenten also; wir als Konsumenten. Ohne sie kann es sich auch nicht reproduzieren. Beide sind also notwendig: »systemrelevant«. Sie sind dem Produktionszusammenhang egal. Trotzdem kann er auf sie in ihrer leiblichen Bedürftigkeit nicht verzichten, denn Arbeits- und Kaufkraft müssen erhalten bleiben.

Wolfram Ette

Corona 218: Kalter Entzug

I

Gegenüber Ländern wie China, aber auch Australien und Neuseeland (oder, in letzter Zeit, Portugal), bieten die europäischen Demokratien vor allem das Bild einer suchtförmig bestimmten Gesellschaft. Das heißt also, einer Gesellschaft, die Einschränkungen bis zu einem Punkt – will sagen: einem genügend niedrigen Inzidenzwert – an dem es epidemiologisch vertretbar wäre, sie wieder zu lockern, gar nicht aushält, sondern so schnell wie möglich wieder zurück möchte ins normale Leben.

Auch hier gilt, dass Corona die Wahrheit über unsere gesellschaftliche Befindlichkeit herausbringt. Wir sind unfähig, mit der Gefahr umzugehen, und zu dem Verzicht, der zum Überleben nötig wäre, nicht in der Lage. So gleicht unser Verhalten dem von Süchtigen: dieses ständige Spiel mit dem Feuer, einer geht noch, wir machen jetzt mal ne Ausnahme, einmal ist keinmal etc.pp.; die immer wiederkehrenden Anläufe, ins sogenannte normale Leben zurückzukehren, das ganz ebenso normal ist wie die Flasche Wein pro Tag für einen Alkoholabhängigen. Und dann aber die immer wiederkehrende Enttäuschung, dass das nicht möglich ist, dass es nicht gelingt, dass man schon wieder auf Entzug muss und dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn man sich diese Ausreißer, schnell den Flug nach Malle buchen, solange es erlaubt ist, doch nicht genehmigt hätte.

Übertrage ich dieses Suchtverhalten, von dem es weltweit nur wenige Ausnahmen gibt, auf den Umgang mit der Klimakrise, die in jeder Hinsicht gravierender ist als das, was uns Corona bisher beschert hat, wird mir schwarz vor Augen.

Wolfram Ette

II

Das Offenbarwerden der tiefverankerten Suchtstrukturen der Welt, in der wir leben, ist vielleicht, wie ich jetzt erst bemerke, dasjenige, was mich im Verlauf der letzten Monate am meisten irritiert und erschöpft hat. Zuvor habe ich darüber nie nachgedacht. Einmal nur, vor langen Jahren, hatte ich mich gefragt, weshalb die kapitalistische Gesellschaft mit aller Härte die von ihr nicht sanktionierten Suchtmittel (und die ihnen unterworfenen Menschen) verfemt und bekämpft, und damals bereits kam mir der Verdacht, daß dies zu tun haben müsse mit etwas im Innersten dieser Gesellschaft, das von ihr zutiefst verleugnet wird. Was aber das sein könnte, kam mir nicht in den Sinn, obwohl es doch auf der Hand lag. Bewegt man sich, wie wir alle, stets nur innerhalb jener allumfassenden, alles integrierenden Suchtstrukturen wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser, so kann man es nicht bemerken, naturgemäß. Wie der Fisch aus dem seine Kiemen durchströmenden Element ein anderes extrahiert, von dessen Vorhandensein sein Leben abhängt, so geschieht es auch uns, auf mikroskopischer Ebene und auf makroskopischer. Deren äußerste, sich der körperlichen Erfahrung des einzelnen gänzlich entziehende und daher nur mehr abstrakte Form ist der globale Freihandel, um dessen unumschränkter Durchsetzung willen Gewalt eingesetzt wird immer dort, wo es nötig und möglich ist: durch eben den Krieg, den doch einst die im Vergleich zum offenen Raub friedlichere Form zwischenmenschlichen Austauschs, der Handel, historisch abgelöst, wenn auch nicht im geringsten abgeschafft hatte. Auf mikroskopischer Ebene, den menschlichen Körper wie feines Geäder durchziehend, sind es all jene affektiven Besetzungen, die sich an das Glücksversprechen der Konsumgüter heften, und die kurze, rauschhafte Genugtuung, die sie im Vollzug ihrer Konsumtion bereiten, wobei diese meist schon als Vorlust im bloßen Erwerb sich erschöpft. Beides hat sich so tief in die Triebstrukturen der Seele eingesenkt, daß es gleichsam als ein Transzendentales der Psyche erscheint, das, anders als das Verdrängte, zwar relativ leicht zu benennen und zu analysieren ist, das sich aber im Gegensatz zu jenem in seiner Durcharbeitung psychischer Gestaltwerdung und somit der Möglichkeit, es zu fassen bekommen, notorisch entzieht: Das Konsumgut selbst ist schon die Gestalt in ihrer ganzen Vollendung – so evident wie enigmatisch. Des Rätsels Lösung hieße, wie Büchners Lenz es sich wünschte, auf dem Kopf gehen zu können.

Sucht hat keine Gestalt. Sie deformiert nur die Gestalten, die ihr unterliegen (ihre Subjekte), doch weder bringt sie Objekte hervor, denen man ihr Suchtpotential ansähe, noch heftet sie sich an solche, die es objektiv repräsentierten. Die Gegenstände der Sucht sind stets Partialobjekte (nicht im psychosexuellen Sinn); insofern sind sie phantasmatisch. Sie sind objektiv bloß das Mittel, in dem der geheiligte Zweck unkörperlich verschlossen liegt. Wie die Sucht selbst nur ein Surrogat ist für ein unstillbares Bedürfnis, sind ihre Mittel, die vorübergehende Entlastung verschaffen, ihrerseits Surrogate – das Gewollte, doch nicht das Gemeinte. Im Gegensatz zum Fetisch, der das Gewollte meint und es in Teilen, wenn auch verwandelt, verkörpert, so daß er als Greifbares das Ungreifbare repräsentieren und es vertreten kann, ist der Objektcharakter der Suchtmittel ganz aus ihnen getilgt, selbst dann, wenn sich im Objekt partiell der Gegenstand der Sucht zeigt. Er zeigt sich darin, doch nicht daran, und insofern zeigt er sich nicht real, sondern nur phantasmatisch.

Das Unheimliche der Sucht (wie ihrer Mittel, denn beides läßt sich nicht trennen) ist, daß sie auch wirkt, wenn man nicht daran glaubt. Das gilt in erster Linie für alle Sucht- und Betäubungsmittel im engeren Sinne, also Substanzen, deren chemische Zusammensetzung unmittelbar auf die Körperprozesse einwirkt, genauer gesagt: unsichtbar im Körper wirkt, ohne daß es einen nachvollziehbaren Kausalzusammenhang gäbe, der sich zwar – abstrakt – erkennen und beschreiben, jedoch nicht sinnlich erfahren läßt, weil nur die Wirkung, nicht aber die Ursache Gegenstand der Sinneserfahrung wird. (Daher ist die Erfahrung der Sucht, mehr noch als die der Lust und des Schmerzes, eine unteilbare – die zugleich radikalste und depravierteste Verwirklichung des Individuationsprinzips.)

Es wäre, ein Kategorienfehler, biochemische Wirkungsprozesse im Individualkörper auf die Gesellschaft zu übertragen. Aber so problematisch die biologistische Metapher vom »Gesellschaftskörper« auch sei, so hat sie hier dennoch eine Berechtigung, weil sie mehr als nur eine Metapher ist. Das Coronavirus befällt unterschiedslos alle, die sich mit ihm infizieren, wenn auch keineswegs alle daran erkranken. Insgesamt aber krankt die gesellschaftliche Funktionsfähigkeit am arbiträren Befall anonymer Individuen – es sind, nach Duchamps bösem Bonmot, immer die anderen, die sterben –, deren Gesamtheit eine ‚kritische Masse‘ bildet. Die in dieser abstrakten, nur aus Ziffern bestehenden Masse sich verdichtende und daran lediglich sich objektivierende Krisis bezieht sich dabei nicht auf die tendenzielle Mortalitätsrate ­– die im Verhältnis zu weit gefährlicheren Krankheiten noch relativ moderat ist und für die Funktionsfähigkeit des Ganzen möglicherweise gar zu vernachlässigen wäre – und auch nicht auf die von der Krankheit jeweils konkret betroffenen einzelnen, sondern auf die gesamtgesellschaftlich greifenden psychischen Abwehrreaktionen, die an die Stelle der ausbleibenden körperlichen getreten sind. Die subkutane Panik, die in der Paranoia der Leugner ihr Spiegelbild findet und in ihren aggressiven Ausprägungen deckungsgleich mit ihr ist, wäre dann weniger eine Folge der Angst, selbst befallen zu werden – einer Identifizierung mit den Betroffenen –, sondern vielmehr Symptom einer Überidentifizierung mit etwas, das sich dem einzelnen notwendig entzieht, wovon er sich aber eben darum um so abhängiger weiß: einem ungestalt-Übermächtigen, wie in den frühsten Tagen der Kindheit. Die so erregende wie verstörende Porosität des eigenen Leibes, die der Säugling an der spendenden Mutterbrust sprachlos, offenen Mundes an sich erfuhr (die aber beim unsichtbaren Erreger am eigenen Leibe gar nicht leibhaftig erfahren werden kann, sondern lediglich in ihrer pathogenen Wirkung), wird in einer Art reversibler und gerade deshalb realitätsgerechter pathischer Projektion übertragen auf den »Gesellschaftskörper« als Ganzes. In seiner abstrakten Totalität ist er ungreifbar und daher unheimlich; in seinen konkreten, trostspendenden Produkten jedoch überall zu greifen und vertraut. Die Identifizierung mit dem Ganzen durch sie, die Produkte, geht aufs Ganze und mißlingt, da alle Produkte pars pro toto immer nur Platzhalter des Ganzen sind, das sie nie adäquat repräsentieren können.

Das ist so lange kein Problem, wie die konkreten Güter in ihrer Überfülle, ihrem vollkommenen Zuhandensein, für die Vollkommenheit des sich entziehenden Ganzen abstrakt einstehen; sie verdinglichen (im Wortsinn) jeweils im Besonderen nur das Allgemeine, und so wenig ihnen ihre abstrakte Warenförmigkeit anzusehen ist, so wenig das Suchtpotential, dessen Träger zwar sie sind, doch nicht dessen wirkende Substanz. So lange die Kanäle und Regale gefüllt sind und die drohende Porosität des »Gesellschaftskörpers« dank permanenten Nachschubs an Gütern immer noch aufgeschoben werden kann (so lange also dieser „Körper“ „dicht“ ist), so lange wird auch die des eigenen Leibes nicht wahrgehabt.

Das Virus hat nun – metaphorisch – die Poren geöffnet, im kleinen wie im großen. Die Individualkörper erweisen sich als durchlässig fürs mikroskopisch Kleinste; das unsichtbar Größte, der globale ökonomische Stoffwechsel, ist zwar weit entfernt davon zu kollabieren, gibt aber in der Krise, für einen kurzen Moment, eine Idee davon, was es heißt, wenn alle Räder stillstehen. Erfahren wurde eine erste Vorahnung des Entzugs. Was da aber entzogen wurde, entzieht sich aller phänomenalen Erfahrung wie der in der Droge verschlossene Wirkstoff. Es liegt zwar auf der Hand, doch es läßt sich nicht fassen. Es ist allgegenwärtig und eben darum ungreifbar. An der einzelnen Droge und ihrem „Mißbrauch“ offenbart sich nur – äußerlich – die Besonderung des Allgemeinen im Greifbaren und Konkreten; sie exemplifiziert und akzentuiert, was im Ungreifbaren und Unkonkreten desto gebräuchlicher ist, da es unbedingt, nämlich bedingungslos gebraucht wird wie die sprichwörtliche Luft zum Atmen. Und weil, anders als im Fall greifbarer Drogen, der Entzug selbst noch sich entzieht, da das Entzogene so gestalt- wie begriffslos ist, wird er nur dunkel und ahnungsweise erfahren als tiefes Unbehagen in der Kultur.

Falk Haberkorn

Corona 217a: Zeitlichkeit der dritten Welle

Kassandra-Dialektik (vs. Präventions-Paradox)

Im letzten Jahr war eine Bekannte felsenfest davon überzeugt, dass es keine zweite Welle geben wird. Sie hat sich das gewünscht, das ist klar, und der Wunsch hat sich sachte an die Stelle der Wirklichkeit geschoben. Jetzt sind wir in der dritten Welle. Was kann das verhindern? Was befähigt zum Pessimismus, wie kann man den Verlockungen des Optimismus begegnen? Das ist der Gedanke, den wir zu verbreiten versuchen. Die Optimisten bewirken, dass die Pessimisten Recht behalten, und die Pessimisten bewirken, wenn man ihnen glauben würde, dass der Optimismus zumindest eine bessere Chance darauf eingeräumt bekommt, recht zu behalten. Das ist die Kassandra-Dialektik. Kassandra hat nicht immer Recht. Aber sie bekommt immer Recht, weil ihr niemand glaubt. Würden ihr die Leute glauben, hätte sie nicht recht.

Wolfram Ette

Die Veränderung

„Il faut que ça change, mais sans que rien ne change pour que ça change.“ („Es muss sich ändern, doch ohne dass sich was ändert, damit es sich ändert.“) Dieser Satz, von einem Journalisten der Zeitung „Libération“ geschrieben, wirkt geradezu befreiend. Er bringt auf den Punkt, was im Land nicht geschieht: Ein Lockdown ist beschlossen worden, der keiner ist. Telearbeit wird nahegelegt – empfohlen –, doch nichts getan, damit diese Idee – als das Nächstliegende – auch wirklich umgesetzt werde. Schulen und Universitäten bleiben (mit ganz wenigen Einschränkungen in den Gymnasien) offen. Herumgehen und -fahren darf man, wie man will. Viele Geschäfte schließen, das stimmt, doch selbst die Blumenhändler gelten als Zulieferer für die Befriedigung von „Grundbedürfnissen“, diese sind also sehr weit gefasst. Die einzige wirklich große Neuerung ist die Einschränkung von Reisen zwischen den vom Lockdown betroffenen Gebieten und den anderen, die nicht betroffen sind (noch nicht, aber was nicht ist, kann ja noch kommen).

Es stellt sich also heraus, dass, vom Reisen abgesehen, nichts sich ändert. Aber dargestellt wird’s als grundlegendste Veränderung. Man reagiere, man tue etwas, damit sich an der epidemiologischen Situation was ändere. Und man empfiehlt, an der Telearbeit müsse sich jetzt wirklich was ändern. Da man aber nicht tut, was nötig ist, damit es sich ändert, ändert sich nur der Ton, und der tut so, als sei es etwas grundstürzend Neues, dass man am besten auf Distanz arbeitet. Diese Regelung gilt jedoch schon seit Januar, und sie hat wenig Wirkung gezeigt. Wenn man jetzt also etwas als neu ausgibt, was in Wirklichkeit schon alt ist und seit langen Wochen gilt, ohne dass die Gültigkeit überhaupt wahrgenommen worden wäre, ist sehr leicht vorauszusagen, was weiter passieren wird: Es wird sich die Sprache weiter dauernd ändern müssen, damit die Wirklichkeit so bleiben kann, wie sie ist.

Da aber durch den Virus die Wirklichkeit nicht einfach so bleibt, wie sie ist, sondern sich im Gegenteil sehr stark verändert, wird man sich wundern darüber, dass die Regeln, die nur empfohlen werden, damit niemand vergrätzt sei, nur eine Veränderung zeigen, nämlich eine hin zum Schlimmeren. Und das wird man dann wirklich schlimm finden, in Wirklichkeit aber ganz zufrieden sein damit, dass man’s gewagt hat, als einzige Veränderung einzuführen, dass nichts sich ändert, denn man wird hoffen, dass diejenigen, die gefürchtet hatten, sie würden etwas ändern müssen, sehr zufrieden damit sein werden, dass sie nichts haben ändern müssen, denn sonst wäre ja das Wort „Veränderung“ wirklich mit Wirklichkeiten gefüllt gewesen, und das kann in einer Situation, in der die Wirklichkeit ohnehin so schwer zu ertragen ist, nicht ernsthaft verlangt werden.

Die Schlussfolgerung aus all dem ist ganz eindeutig: Man hat sich politisch entschieden, dass die Veränderungen, die man nicht entscheiden wollte, mit sehr vielen Toten zu bezahlen sind. Der Status Quo hat seinen Preis, auch wenn der Status Quo sehr dynamisch sein wird und die Zahl der Toten steigen und steigen wird, d.h. sich permanent nach oben hin verändert.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/t%C3%A9l%C3%A9travail-le-gouvernement-veut-que-%C3%A7a-change-mais-sans-changer-grand-chose/ar-BB1eKMTT?li=AAaCKnE

Vorerst

„Vorerst“ ist wirklich das Modewort schlechthin. Für die Ile-de-France wird angekündigt, vorerst werde sich am Rhythmus der öffentlichen Verkehrsmittel – Zügen, Bussen, Metros etc. – nichts ändern. Entweder es stimmt – und dann schreibt sich die Verkehrspolitik in die Generallinie der Regierungspolitik ein: „Es ändert sich nichts.“ Oder man ändert nichts, sagt aber vorsichtshalber, es ändere sich nur „vorerst“ nichts. Auch das entspricht ganz dem Geist der Zeit. Denn wenn sich auch nichts ändert, so kann man doch zumindest sagen, das gelte nur vorerst, es könne also durchaus sein, dass sich irgendwann doch noch etwas ändern wird. Nicht gleich, aber es kann kommen: Die Veränderung, die vorerst nicht gilt, der man aber insofern zu ein bisschen antizipierter Wirklichkeit verhilft, indem man sagt, das „Vorerst“ werde irgendwann aufhören können, um dann den Veränderungen, die kein Mensch will, Platz zu machen.

Ich befürchte aber, dass es darauf hinauslaufen wird, dass das Vorerst zwar gewisse Veränderungen mit sich bringt (die Frequenz der Züge wird garantiert abnehmen), die Hauptsache aber doch darin bestehen wird, dass man vor allen Dingen auf dem Beharren beharrt, d.h. in Veränderungen einfach für viel zu viel Veränderung auf einmal sieht.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/reconfinement-en-ile-de-france-p%C3%A9cresse-annonce-que-loffre-de-transports-reste-la-m%C3%Aame-%C3%A0-ce-stade/ar-BB1eMoff

Wenn die Zukunft die Gegenwart bestimmt

Die belgische Regierung verspricht die Wiedereröffnung von Cafés und Restaurant pünktlich zum 1. Mai. Man versucht, Perspektiven zu eröffnen, Zukunft herbeizureden, exakte Daten zu nennen, jetzt, wo die „dritte Welle kommt“ und kein Mensch so richtig weiß (oder wissen will), was das genau bedeutet.

So stellt sich heraus, dass sich die Exaktheit dessen, was man sich vornimmt, stets proportional verhält zu der Tatsache, dass man zur Zeit noch nicht exakt weiß, was man bloß tun soll. Die Exaktheit bezüglich der Zukunft korreliert mit der fehlenden Exaktheit im Hier und Jetzt. Erstere ist also der Trost, den man sich zuspricht angesichts einer Gegenwart, die ohne Zukunft zu sein scheint. Die Zukunft gibt der Gegenwart die Kraft, den Gedanken zu fassen, es werde nicht immer Gegenwart sein.

Doch weil es in politischer Hinsicht sehr viel besser wäre, man wüsste schon, was man jetzt und hier konkret zu tun hat, stehe ich allem Tröstlichen ziemlich skeptisch gegenüber. Die Zukunft hängt ja nun einmal von dem ab, was man in der Gegenwart tut, und nicht umgekehrt. Es wird der chronologische Verlauf aber permanent zu einem anti-chronologischen gemacht, und das ist (ich geb’s gern zu) erzählerisch nicht uninteressant, als Politik, die auf die Gestaltung von Gegenwart zielt, jedoch nicht besonders überzeugend, denn eigentlich müsste man versuchen, die Geschichte, die wir gerade erleben, stringent und möglichst schnell zu ihrem Ende zu bringen, statt zu behaupten, das Ende – nämlich der 1. Mai mit seinen offenen Cafés und Restaurants – sei längst erreicht.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/covid-19-la-belgique-durcit-ses-restrictions-pour-faire-face-%C3%A0-larriv%C3%A9e-dune-3e-vague/ar-BB1eLPsK

Blick auf’s Morgen als Blick auf’s Heute

In die täglichen Statistiken von Sante publique France werden von heute an auch aufgenommen: „le nombre de personnes en soins de suite et de réadaptation (SSR) ou en soins de longue durée (SLD), et le nombre de personnes dans un autre type de service“ („die Anzahl der Personen in der Nachsorge- und Rehabilitationsversorgung oder in der Langzeitpflege, und die Anzahl der Personen in einer anderen Art von Dienstleistung). Es ist das erste Mal, dass mit öffentlich-offiziellen Zahlen anerkannt wird, dass Covid nicht nur ein Problem jetzt und hier ist, sondern auch ein Problem der langen Dauer, mit all den Kranken, die die eigentliche Krankheit zwar überlebt haben – und zum Teil sogar: ohne Probleme –, jetzt aber trotzdem, wegen der langfristigen Folgen, Hilfe brauchen.

Mir scheint, es ist ein festhaltenswertes Faktum: dass man genau in dem Moment, in dem man ganz kurzfristig und in geradezu panischer Eile auf eine Situation zu reagieren versucht, die völlig aus der Kontrolle geraten ist, auch an das Morgen denkt. Unter denjenigen, die gerade jetzt, in diesem Moment, krank werden, werden die Kranken von morgen sein: diejenigen, die das alles überstehen und doch nicht gesund sein werden.

Zugleich führt man dieses Morgen aber nur darum ein, weil das Morgen von Gestern noch auf den Krankenhäusern lastet: Die alten Covid-Kranken müssen eben auch versorgt werden, und das funktioniert umso schlechter, je mehr neue Covid-Kranke eingeliefert werden. Es stellt sich also heraus, dass man in Bezug auf das Verhältnis zum Morgen doch nicht zu optimistisch sein darf. Niemand (und schon gar nicht Santé publique France) hätte daran gedacht, vorauszuweisen auf das, was langfristig mit den ganzen Folgen bevorsteht, wenn die Folgen von Gestern nicht den Versuch behindern würden, in diesem Augenblick nicht gar zu viele Menschen sterben zu lassen.

https://www.ouest-france.fr/sante/virus/coronavirus/covid-19-la-hausse-se-poursuit-avec-35-000-cas-ce-jeudi-le-point-par-departement-7191882

Optimismus

Ein Arzt sagt voraus, dass wir uns, wenn wir Glück haben, in einem Monat, dann also, wenn der jetzt verhängte Lockdown endet, in genau der gleichen Situation befinden könnten, in der wir uns jetzt befinden, also mit restlos ausgelasteten Betten und restlos überlasteten Ärzt:innen. Man solle nicht meinen, diese Aussage sei eine pessimistische. Sie ist vielmehr als realistisch zu bezeichnen, denn ein Lockdown, der kein richtiger ist, wird zwar ein wenig Veränderung bewirken, aber nichts an der Tatsache ändern, dass die Entscheidung für den Lockdown erst in einem Moment gefallen ist, in dem es schon so dramatisch war, dass es nun für eine gute Weile noch immer dramatischer werden wird. (Die Ansteckungen haben ja schon stattgefunden, und das, was sie in den nächsten Tagen bedeuten, kann man nicht mehr rückgängig machen.)

In der Hinsicht ist es sogar plausibel, zu sagen, dass der Arzt recht optimistisch ist, wenn er sagt, in einem Monat, nämlich in dem Moment, in dem der jetzt verhängte Lockdown endet, könnten wir uns in genau der gleichen Situation befinden wie jetzt, nämlich mit restlos ausgelasteten Betten und restlos überlasteten Ärzt:innen.

Die Gegenwärtigkeit der Zukunft

Tant qu’on peut l’éviter, on l’évitera“ („Solange wir ihn vermeiden können, werden wir ihn vermeiden“). „ER“, das ist der Lockdown. Man nennt ihn noch nicht einmal mehr, jeder weiß, wovon die Rede ist. Aber das Interessante ist, dass man das Vermeiden gerade dann ins Futur setzt, wenn sein – nämlich des Futurs – Eintritt unmittelbar bevorsteht und das, was hatte vermieden werden sollen, nicht länger vermieden werden kann. Man macht also die sprachliche Erfahrung, wie die grammatikalischen Formen, die die Ferne des erst noch Kommenden ausdrücken sollen, plötzlich dem Gegenwärtigen fast identisch sind: Man wird IHN vermeiden, man vermeidet IHN, man hat ihn schon vermieden, man vermeidet immer weiter und weiter, obwohl schon klar ist: Die Zukunft ist längst da.

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/covid-19-emmanuel-macron-va-se-prononcer-sur-un-%C3%A9ventuel-confinement-le-week-end-en-ile-de-france/ar-BB1eFjAq

Anne Peiter

Corona 217: Schlachtbeschreibung II

Es klingt ja wirklich vernünftig, dass nun endlich, endlich die Hausarztpraxen als Basis der Impfkampagne anerkannt werden. Es ist auch realistisch, denn die Politiker können das Vertrauen, dass sie in dieser Sache verschanzt haben, aus eigener Kraft nicht mehr zurückerlangen. Möglich ist dies nur vor Ort, durch kompetente Menschen, die nicht im Kunstlicht von irgendwelchen Bildschirmen zu mir herabgestikulieren, sondern durch solche, die ich seit langem kenne, und die mich seit langem kennen; Menschen überdies, mit denen ich mich in demselben Raum befinde. Vertrauen geht nicht einfach so, es hat etwas mit Vertrautheit zu tun.

Ich bin also sehr für die Hausärzte. Und doch beschleicht mich ein Unbehagen – das Gefühl, dass diese Regierung auch das wieder verkacken wird. Anlass für dieses Gefühl war ein einziges Wort: „flächendeckend“. Es heißt, Anfang April werde „flächendeckend“ in allen Hausarztpraxen geimpft werden können. Ob diese sich dabei an die vorgeschriebene Impfreihenfolge zu halten hätten, sei noch offen.

Da haben wir es. Ich meine, damit haben wir den Grund vor Augen, aus dem mit hoher Wahrscheinlichkeit eben nicht „flächendeckend“ über die Hausarztpraxen geimpft werden wird, und aus dem auch dieses „flächendeckend“ (es ist ja nicht das erste Mal, dass dieses Wort fällt, wir haben es in den letzten Monaten wieder und wieder von Seiten der Regierung vernommen) ein leeres Versprechen bleiben wird.

Denn es scheint ja klar: wirklich decken und füllen, wirklich ausmalen können die Fläche nur diejenigen, die in der Fläche sind und in ihr praktizieren, also von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Damit muss man ihnen aber auch das Feld und die Fläche überlassen und ihnen zugestehen, dass sie an Ort und Stelle über das Impfen entscheiden. Es müsste hingenommen werden, dass in der Praxis pragmatisch, nach Reihenfolge und Interesse geimpft werden wird, und es wäre zu akzeptieren, dass man in der so genannten Priorisierung der Hochaltrigen zwar ein gutes Stück vorangekommen sein mag, soweit es die Bewohnerinnen von Altenpflegeeinrichtungen angeht; dass man sie nun aber fallen lassen muss, wenn man „flächendeckend“ impfen will.

Chaos lässt sich nur von unten bekämpfen, durch die Erzeugung eines Gegenchaos, dadurch, das Initiative, Befugnis Organisation weitgehend den Einzelnen überlassen wird, weil ihre versammelte und koordinierte Kraft größer ist als alles, was durch eine Verordnung von oben bewirkt werden kann. Es ist ganz einfach: Jede/r, die/der das will, sollte in der Praxis vor Ort geimpft werden können. Und wenn es Wartelisten gibt, dann sollten Sie sich auf so nachvollziehbare Dinge wie Reihenfolge und Verfügbarkeit des Impfstoffes beziehen. Die Prioritätskategorien sind vor Ort nicht praktikabel; sie gehören über Bord geworfen.

Das heißt freilich, unserer Regierung in mehr als einer Hinsicht zuzumuten, über ihren Schatten zu springen. Zumal es der lange Schatten der Geschichte ist. Wenn sich die deutschen Diktaturen gesamtgesellschaftlich irgendwo fortgesetzt haben, dann in der Bürokratie. Das zwanghafte Bedürfnis, von oben nach unten ‚durchzureichen‘, der Organisations- und Kontrollzwang, basierend auf der Angst vor dem, was die da unten anstellen könnten, sind Überlebsel des autoritären Charakters der Gesellschaft. Was Luhmann immer behauptet hatte: dass System auf Wechselwirkung basierten, und dass sie desto effizienter funktionierten, je weniger der Kommunikationsprozess zwischen oben und unten sowie zwischen den verschiedenen sozialen Subsystemen gestört werde, erscheint im Augenblick als liberale Utopie. In normalen Zeiten vertrug sie sich mit dem endemischen Autoritarismus der deutschen Gesellschaft so gut, dass kaum ein Unterschied zu bemerken war, und es sogar so schien, dieser Soziologe beschreibe den Status quo. Jetzt, in der Krise, klafft das auseinander: Nur durch die Initiative Einzelner kann sie halbwegs effektiv bewältigt werden, nur durch ihre Kraft und ihre Begeisterungfähigkeit. Die Behörden sollten da allenfalls koordinierend eingreifen.

Gerade das ist aber das Schrecknis des tief ins Fleisch eingewachsenen autoritären Charakters der Gesellschaft. Nur was von oben durchorganisiert wird, kann funktionieren: So lautet die unausgesprochene und vielleicht kaum bewusste Ansicht, die das politische Handeln in Deutschland fundiert. Es mag sofort zugestanden sein, dass es vielleicht funktionieren würde, wenn wir noch in einem totalen Staat lebten. Es spricht einiges dafür, dass zum Beispiel die DDR nicht ein so jämmerliches Schauspiel abgegeben hätte wie das, dem wir seit einigen Monaten beiwohnen: siehe China. Aber so ist das halt nicht. Wir leben nicht mehr in einem totalen Staat, oder genauer gesagt: wir leben nur noch mit einem Teil in ihm. Einem Teil freilich, auf den jetzt in der Krise alles regrediert. Gleichzeitig ist dieser Teil auch nicht mehr das, was er mal war. Er ist ausgehöhlt, kaputtgespart, nurmehr ein Schatten seiner selbst, besonders im Gesundheitssystem. Und doch ist dieser Schatten damit beauftragt, durchzuregieren wie zu den Zeiten, da der preußische Verwaltungsstaat blühte und sich in der Diktatur vollendet.

Zwei Dinge blockieren sich gegenseitig: auf der einen Seite die Angst vor allem, was mit Selbstorganisation zu tun hat, auf der anderen die Unfähigkeit, wenn man das denn schon nicht will, durchzugreifen und wenigstens ein gescheites top-down- Management hinzulegen. Ein Autoritarismus, dem die Mittel zu seiner Durchsetzung fehlen – ich will nicht behaupten, dass es schlimmer nicht kommen könnte. Aber es ist schon ziemlich schlimm.

Wolfram Ette

Corona 216: 2x Verblendung, bitte!

Das Löwengleichnis

Man kann förmlich dabei zusehen, wie die Politiker, getrieben vom Druck der anstehenden Wahlen auf das Niveau von Kindern regredieren. Wirklich ist nur das, was man sieht. Jede Form einer zeitlichen Synthese, die über die Gegenwart hinausgreift, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aufeinander bezieht; jeder Lernprozess, der aus bereits gemachten Erfahrungen extrapoliert; jeder produktive Umgang mit Erinnerung und Erwartung, Angst und Hoffnung ist verloren gegangen. Alles schrumpft zusammen aufs Jetzt, an das sich blinde und unsinnige Hoffnungen knüpfen. In winzigen Partialaugenblicken bewegt man sich fort wie eine Ameise. Hinter der Praxis, die Corona-Maßnahmen bei steigenden Ansteckungszahlen plus einer gefährlicheren Variante des Coronavirus zu lockern, steht der Wahnwitz, dass es allen Erfahrungen und allen Modellrechnungen zum Trotz ja doch irgendwie gut ausgehen könnte. Zu der Abstraktion vom unmittelbar Anschaulichen, die eine Voraussetzung jeder Erfahrung (auch der in Modellrechnungen quantifizierten) ist, sind sie nicht in der Lage oder finden sich nicht dazu bereit. Letztlich verklären und rechtfertigen sie damit die Haltung derjenigen, die sagen, das es Corona nicht gebe, weil sie noch keinen einzigen Corona-Kranken gesehen hätten.

Dieser politische Infantilismus findet sich bereits bei Aischylos beschrieben, und zwar im ‚Agamemnon‘: dem Stück, das von der Ermordung des heimkehrenden Kriegshelden nebst seiner Konkubine durch seiner Frau und ihren Liebhaber handelt. Das Stück ist so konstruiert, dass diese Tat, auf die alles zuläuft, von Anfang an abzusehen ist. Von dem Moment an in dem die Nachricht von Agamemnons Rückkehr den Hof in Mykene erreicht, verfällt der Chor statt in Freude in ängstliche Starre. Das Auftreten von Agamemnons Frau Klytaimestra bestärkt ihn in seinen dunklen Vorahnungen. Und schließlich offenbart die Seherin Kassandra in einer Prophezeiung, die keineswegs verrätselt ist wie die Sprüche aus Delphi, sondern an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, Agamemnons und ihren Tod. Alles ist also klar und wäre ohne große Schwierigkeiten zu verhindern. Doch in beschämender und politisch niederschmetternder Weise stellt der Chor sich dumm, wann immer die Rede darauf kommt. Er bietet den Anblick einer bis zur Lächerlichkeit handlungsunfähig gewordenen politischen Instanz.

In diesem gewaltigen dramatischen Mechanismus, der insgesamt um das Politikum einer systematisierten Verleugnung von Zukunft – also einer systematisierten Verleugnung der Realität, die diese Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit bald sein wird – hat Aischylos nun ein Gleichnis eingebaut: das sogenannte Löwengleichnis. In gewisser Weise ist es das Herzstück des gesamten Dramas:

Es zog auf eines Löwen Jun-
gen im Haus ohne Muttermilch
So ein Mann, einen Säugling,
In seiner Lebenszeit Frühling
Zahm noch, gut Freund mit den Kindern,
Selbst für die Greise ergötzlich;
Oftmals ja lag’s in ihrem Arm,
Jüngst erst gebornem Knäblein gleich,
Sah helläugig zur Hand hin, we-
delns mit knurrendem Bäuchlein.

Doch aufwachsend bezeugt’ er die
Art, ererbt von den Eltern; Gunst
Schlimm den Pflegern vergeltend,
Würgt er die Lämmer voll Wut, sein
Mahl ungeheißen sich rüstend.
Blut floß im Haus, es besudelnd,
Heillose Not dem Hausgesind,
Schreckliche Schandtat: Mord auf Mord!
Ließ Gott einen Priester des Unheils
im Hause aufziehen.

Die Mehrheit der Forschung zu diesem Text tendiert dazu, ihn als Zentralstück eines Schicksalsglaubens zu betrachten, dem zufolge, das, was hier, also in diesem Drama geschieht, ebenso unausweichlich feststünde wie die Tatsache, dass aus einem kleinen Löwen irgendwann ein großer, und damit ein gefährliches Tier würde. Dieser Fatalismus, der der Meinung ist, dass alle Zukunft unabänderlich vorgeschrieben und determiniert sei, hat sein komplementäres Gegenstück einer Haltung, die jedes Wissen über die Zukunft als etwas, für das die Menschen nicht zuständig sind von sich weist. Die Menschen kennen diesem pseudoarchaischen Weltbild zufolge (pseudoarchaisch, weil es so nie existiert hat) nur die Gegenwart: nichts als die Gegenwart. Die Götter hingegen verfügen über die ganze Zeit. So liegt die Zukunft, und mit ihr das Schicksal der Menschen in ihren Händen.

Tatsächlich macht das aischyleische Löwengleichnis und mit ihm das gesamte Drama aber nichts anderes, als diese Haltung zu kritisieren. Wovon wird erzählt? Es wird erzählt von einem Vorgang, der gar nichts Geheimnisvolles hat sondern den jede/r kennt. Aus kleinen Tieren werden, dem Gang der Natur entsprechend, große Tiere; und falls es sich bei dem großen Tier um ein Raubtier handeln sollte, wird aus dem kleinen Tier – hier dem Löwenbaby – so niedlich und harmlos es erscheinen mag, irgendwann ein reißender Löwe werden.

Diese Erkenntnis ist einerseits eine Sache des gesunden Menschenverstands. Andererseits haben wir hier so etwas wie eine archaische Modellrechnung vor uns. Es wird ja nichts anderes gesagt, als das mit eben derselben Wahrscheinlichkeit – also eigentlich Sicherheit -, mit der aus dem dem niedlichen und sympathischen Löwenbaby ein gemeingefährliches Raubtier werden wird, sich auch politisches Unheil absehen und prognostizieren lässt – und zwar sowohl das bereits Geschehene (darauf exemplifiziert der Chor zunächst): der Raub der Helena konnte nicht gut ausgehen – als auch das bevorstehende: die Rache der Klytaimestra (der Chor beschränkt sich hier auf dunkle Andeutungen). Das ist sicher; und selbst, wenn es nicht ganz sicher sein sollte, so sollte man sich so so verhalten, als wäre es sicher. Denn sicher ist sicher.

Der ‚Agamemnon‘ des Aischylos ist eine Analyse der politischen und psychologischen Mechanismen, die dazu führen, dass solche Sicherheiten in den Wind geschlagen werden. Er ist eine Analyse des Verblendungszusammenhangs, der gegen die Wirklichkeit selbst errichtet wird. Er ist eine Darstellung der politischen Regression auf eine punktualisierte Gegenwart, die alle Erfahrung in den Wind schlägt, sich jeder Möglichkeit, etwas zu lernen, damit aber auch jeder Möglichkeit etwas zu planen begibt. Er ist die Analyse eines selbst herbeigeführten, selbst verantworteten politischen Selbstzerstörungsprozesses. Deswegen ist dieses 2.500 Jahre alte Stück eine Analyse unserer Gegenwart.

Wolfram Ette

Vgl. W.E., Kritik der Tragödie. Über dramatische Entschleunigung, Weilerswist ²2015, 86-111. – Die Übersetzung des Aischylos-Texte stammt von Oskar Werner; kleine Korrekturen W.E.

Die Form

Nous sommes dans ce qui ressemble à une forme de troisième vague caractérisée par des variants nombreux“ („Wir stecken in etwas, was einer Form von dritten Welle ähnelt, die von zahlreichen Varianten geprägt ist“).

So der französische Premierminister. Ich weiß, ich weiß, man wird mir mal wieder Übertreibung vorwerfen, doch ich bin der festen Überzeugung, dass das Scheitern der französischen Politik in dieser Pandemie auf ein Sprachproblem zurückzuführen ist. Wir haben „eine Form von dritter Welle“? Eine Form? Also keine wirkliche dritte Welle? Nein, keine dritte Welle, denn der Premierminister müht sich sogar noch mehr und fügt zusätzlich hinzu, das, was wir gerade erlebten, „ähnele“ nur einer „Form von dritter Welle“. Wir sind also gleich zweifach von der dritten Welle geschieden: Erstens weil wir nur eine „Form“ von dritter Welle haben (und nicht sie selbst), und zweitens weil die „Form“ von dritter Welle (die keine dritte ist) der dritten Welle nur ähnelt, besser sogar: Man kann nicht ganz ausschließen, dass unsere eigene „Form von dritter Welle“ nur einer anderen „Form von dritter Welle“, niemals, niemals aber der dritten Welle selbst ähnelt. Keine Reinform – denn das wär‘ das Schlimmste.

Jetzt könnte man mir entgegenhalten, ich verstünde nicht zu lesen, denn es sei doch deutlich, dass der Premierminister nur eines hat deutlich machen wollen: Er wollte eine Differenz zwischen der ersten und zweiten Welle auf der einen und der dritten Welle auf der anderen Seite anzeigen, weil die dritte Welle von ihrer Form her eben doch anders ist als die vorhergegangenen – schlicht aus dem Grunde, dass wir jetzt nicht mehr vor dem „guten alten Covid“ stehen, sondern vor seinen Varianten. Eine Welle ist die dritte, jetzige nicht so richtig, weil sie gegenüber den vorherigen Variationen aufweist.

Doch das – so möchte wiederum ich einwenden – gilt schließlich für jede Welle: dass sie ein wenig anders ist als die vorhergehende. Denn warum sollte man sonst überhaupt zu zählen beginnen? Es muss ja auf irgendeine Weise Unterscheidungen geben.

Doch das ist durchaus nicht mein Hauptargument. Vielmehr bestehe ich darauf, dass man den Satz erneut lese, denn da wird syntaktisch wirklich nicht gesagt, das, was wir jetzt zu erleben beginnen, sei darum als eine neue „Form“ zu bezeichnen, weil die Varianten die Form der Welle anders beeinflussten als zuvor. Nein, der Premierminister sagt einzig und allein, wir hätten eine „Form von dritter Welle“, und darin klingt deutlich das Bedürfnis nach Abschwächung derselben mit. So richtig ist die „dritte Welle“ eben noch nicht da, und darum darf man vorerst sagen, es handle sich „nur“ um eine „Form“ von dritter Welle.

Doch das ist’s ja genau, was mich mit Entschiedenheit und viel Trauer sagen lässt, das Scheitern sei stets ein sprachliches: Wellen fangen (darin Hänschen vergleichbar) immer klein an, doch das Größerwerden hin zu Hans geht dann plötzlich ganz schnell. Und wenn man nicht wahrzunehmen bereit ist, dass eine „Form“ von dritter Welle eine sich formende, klar abzeichnende Welle ist, dann weiß ich auch nicht, wie ich als Philologin noch weiter überzeugen und arbeiten soll.

Denn das ist ja das Grundprinzip alles Geformten: dass es, bevor die Formung abgeschlossen ist, einem Prozess der Formung unterworfen worden sein muss. Die Form zeichnet sich also immer erst mit der Zeit ab. Doch wenn man in Pandemien die Form immer erst dann erkennt, wenn sie voll da ist, dann gibt man eben die Möglichkeit auf, selbst noch formend und gestaltend Einfluss zu nehmen. Dann wartet man so lange, bis sich nichts mehr ändern lässt : bis die dritte Welle voll da ist, geformt und entsetzlich, ohne jede Möglichkeit, noch etwas an ihr herumzudeuteln.

Es stellt sich mithin heraus, dass in dem Masse der Politik und ihrer Fähigkeit zur Formung von Wirklichkeit misstraut werden muss, in dem sie die Semantik des Wortes „Form“ mit der geschilderten Einseitigkeit betrachtet. „Eine Form von“, heisst : eine „Abart von“, heisst: nicht das Ding selbst, nicht die Welle selbst.

Man täuscht sich. Wir stecken schon mitten in der dritten Welle, und die Form, die sie weiter annehmen wird, wird schrecklicher und schrecklicher werden. Ein letztes Mal : Sie wird schrecklicher, weil man glaubt, sie sei nur eine „Form von“, eine etwas Anderem „ähnelnde“ „Form von“.

Anne Peiter

https://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/la-france-conna%C3%AEt-%C2%AB-une-forme-de-troisi%C3%A8me-vague-%C2%BB-de-covid-19-reconna%C3%AEt-jean-castex/ar-BB1eEcJ5

Corona 215: Versprecher und Versprechen

Vorsorglich

Irland hat (wie andere Länder vor ihm) die Impfung mit AstraZeneca unterbrochen, nachdem die Frage gefährlicher Nebenwirkungen aufgekommen ist. Es geschehe das vorsorglich, denn man wisse ja noch nichts Genaues. In Frankreich klingt das genau anders herum: Man wisse ja noch nichts Genaues, also könne weitergeimpft werden. Nur: Wenn die anderen vorsorglich verfahren, breitet sich eben doch die Sorge aus, es könne nötig sein, vorsorglich vorzugehen und nicht sorglos. Denn die Sorglosigkeit hat die Tendenz, bei den ohnehin Besorgten die Sorge nur noch zu vergrößern, so dass man also sagen kann, alles, was nach unbedachtem Nicht-wahrhaben-Wollen klingt, vergrößere die ohnehin starke Impfskepsis, verschärfe also das Problem, um das sich die Regierung ohnehin schon viel Sorgen hat machen müssen. Doch wenn sie sich jetzt, wegen der Nebenwirkungen, mehr Sorgen machte, würde sie sich vielleicht um die eigentliche Wirkung – nämlich die Impfung und die Bereitschaft der Bevölkerung, auch wirklich mitzutun – weniger Sorgen machen müssen, denn so ist das nun einmal mit der Sorge: dass man sie (auch wenn man sich sehr hübsch an dieses gewöhnt hat) per Dekret nicht so einfach wegkriegt.

Und auch ich, die ich wirklich für die Impfung bin, empfinde, dass ich Lust bekomme, zu sagen: „Man wird wohl doch noch fragen dürfen, ob die Nebenwirkungen besorgniserregend sind, oder nicht?!“

Vaccination : Les autorités sanitaires irlandaises recommandent de suspendre le vaccin AstraZeneca (msn.com)

Anne Peiter

Die reine Vorsichtsmaßnahme

Das Zurückrufen des AstraZeneca-Impfstoffs sei, so ließ Jens Spahn am Montag verlauten, eine „reine Vorsichtsmaßnahme“. Ja, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handelt, sollte sich wohl verstehen. Bei aller Kritik möchte man dem Bundesgesundheitsminister zugestehen, dass er das nicht tut, um die Impfwilligen zu drangsalieren, zu verschrecken, aus bösem Willen oder, mit dem schönen alten Wort: aus „Jux und Dollerei“. Gleichzeitig lässt das Adjektiv aufhorchen. Was ist eine reine Vorsichtsmaßnahme? Was ist der Mehrwert gegenüber den „normalen“ Vorsichtsmaßnahmen? Spahn meint wohl: es ist nichts als eine Vorsichtsmaßnahme, also außer der Tatsache, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handele, nichts, wirklich rein gar nichts. Und eigentlich gibt es gar keinen Grund dafür, wir sind also übervorsichtig und ergreifen Vorsichtsmaßnahmen auch dann, wenn es eigentlich nichts zu befürchten gibt. Die ‚reine Vorsichtsmaßnahme‘ stellt vor allem zur Schau, wie umsichtig diese Regierung handelt, und wie groß die Verantwortung für ihre Bürgerinnen und Bürger ist, die sie nachts nicht schlafen lässt und sogar dazu führt, ihnen einen Impfstoff vorzuenthalten, den wir eigentlich mehr als alles andere brauchen, um langsam aus dieser Krise herauszukommen.

Eigentlich handelt es sich also um Stellvertretungsrhetorik. Denn als besonders umsichtig hat sich diese Regierung in den letzten Monaten nicht erwiesen – umsichtig im Sinne einer realistischen Vorausschau, die keine falschen Versprechen macht, und das, was zu sagen ist, klar kommuniziert. Spahn und diejenigen, die hinter ihm stehen, wissen das auch; deswegen müssen sie sich nun mit besonderer Vorsicht brüsten – in einer Situation zumal, in der sukzessive alle Vorsichtsmaßnahmen fallen gelassen werden, die „Notbremse“ aus dem Zug ausmontiert wurde und wir sehenden Auges und mit weit geöffneten Toren die dritte Welle erzeugen, die über uns zusammenschlagen wird.

Gerade weil diese Regierung so ein gefährliches Spiel spielt, vor dem die Virologen und Epidemiologen seit Monaten warnen, ist es ihr dienlich, sich als für- und vorsorgliche Landesmutter aufzuführen, die lieber auf Nummer sicher geht; damit aber auch zu suggerieren, dass sie eigentlich nie etwas anderes tut, dass das eigentlich das Markenzeichen der deutschen Corona-Politik ist.

Wolfram Ette

Das Vertrauen

„À ce stade, il faut avoir confiance dans ce vaccin et se faire vacciner, je le dis de la façon la plus solennelle, sinon on aura des retards dans la vaccination, les Françaises et Français seront moins protégés et la crise sanitaire durera longtemps“ („Vorerst muss man Vertrauen zu diesem Impfstoff haben und sich impfen lassen, ich sage das mit größtem Nachdruck, denn sonst werden wir beim Impfen Verspätungen haben, die Französinnen und Franzosen werden weniger geschützt sein, und die Krise wird lange andauern.“)

Die Botschaft ist klar : Das Impfen muss weitergehen. Kein Grund, kein Vertrauen zu haben. Wie gern hätte man’s! Wie leicht wär’s auch gewesen, es zu haben – wären da nur nicht die Argumente gewesen, die erklären, warum man Vertrauen zu haben hat! Man hat’s zu haben – das ist das erste Problem. „Il faut avoir“, „man muss haben“, das ist leider nicht etwas, was im Bereich des Vertrauens besonders gut verfängt. Vertrauen kommt, wenn’s kommt, nicht, wenn man’s empfinden muss.

Und dann sagt der Gesundheitsminister auch noch, zumindest „vorerst“ müsse man Vertrauen haben – also bis das Gegenteil erwiesen ist. Er geht also davon aus, dass sich das Gegenteil nie erweisen wird, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass er recht behalten wird und das Vertrauen wirklich gerechtfertigt ist. Doch das „Vorerst“ sät Zweifel. Vielleicht keine dauerhaften, aber „vorerst“ hat man, bedingt durch das „Vorerst“, das dem Minister rausgerutscht ist, um die Nation zu beruhigen, ein wenig Zweifel und wartet lieber ab, ob der Zweifel wird ausgeräumt werden können oder nicht.

Denn so gern man sich auch als Teil der Nation sieht und gern alles tut, was dem Land aus der Krise hilft, so sehr möchte man doch auf dem Recht bestehen, sich nicht hinzuopfern für ein Vertrauen, das vielleicht doch nur vorläufig ist.

Das letzte Argument für die Widersetzlichkeit gegenüber der Forderung nach Vertrauen bezieht sich auf den drohenden Charakter, die die Schlussworte des Ministers auszeichnen. Er sagt den Noch-nicht-Geimpften, sie mögen bedenken, dass die Krise noch lange andauern werde, wenn man nicht die Gefahren bedenkt, die von den Verspätungen ausgehen. Aber man kann sich als Individuum doch nicht darum beeilen müssen, weil die Impfstoffhersteller bisher nicht richtig klar sehen! Man kann doch nicht mit der eigenen Eile die langsamen Fortschritte bei den klinischen Versuchen und der Zunahme von Kenntnissen über die Nebenwirkungen ausgleichen! Man gewinnt, wenn man dem Minister zuhört, den Eindruck, er wolle da schnell durch mit AstraZeneca – schnell alles verimpfen, was man – endlich! – geliefert bekommen hat, denn sonst stellt man vielleicht fest, dass die Befürchtungen doch berechtigt sind und das Vertrauen eine gefährliche Angelegenheit ist.

Dafür, dass die französische Regierung ihre sehr große Verspätung bei der Organisation der Impfkampagne stets damit zu begründen pflegte, man gehe lieber langsam vor, verdiene aber dadurch das volle Vertrauen der Bevölkerung, ist der rhetorische Wechsel, der sich gerade vollzieht, leicht irritierend. Die Verspätung beim Impfen ist gewaltig. Nichts ist für eine Regierung, die auf Wiederwahl hofft, so schwer zu verdauen, wie etwas Unvorhergesehenes, das zu allem Unvorhergesehenen, das (unverschuldet oder verschuldet) eh schon passiert ist, noch hinzutritt. Aber auch die Möglichkeit von Unvorhergesehenem muss man eben mit in Rechnung stellen, das ist nun einmal so, wenn Impfstoffe in noch nie dagewesener Eile und Schnelligkeit entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Das Werben um Vertrauen, in dem sich der Gesundheitsminister erprobt hat, ist ein deutliches Zeichen für die steigende Verzweiflung: Da glaubte man, es könne bald wirklich losgehen, man werde die Krise durch die Impfungen in den Griff kriegen – und dann kommt das!

Und dann hat man natürlich wirklich das Impfen unterbrechen müssen, denn der Präsident hat’s entschieden und damit seinen eigenen Minister und dessen Vertrauens-Rede in Abrede gestellt. (Das wird, denke ich mir, das gegenseitige Vertrauen der beiden Männer nicht gerade stärken.) Macron also hält darauf, dass Vertrauen geschaffen werden müsse durch Überprüfung dieser Nebenwirkungen. Er vermochte nicht auszuscheren aus dem international aufkommenden Misstrauen. Wie kann man auch weiterimpfen, wenn sogar der Kongo findet, man müsse vorsichtig sein!

Doch der arme Minister, von dem bleiben inzwischen die Worte, die er gesagt hat, damit die Bevölkerung sich das Vertrauen zur Regierung bewahre: „On n’a pas suspendu parce que nous ne disposons pas, au contraire, d’éléments qui nous conduisent en France à suspendre cette vaccination“ („Wir haben’s nicht unterbrochen, denn wir verfügen im Gegenteil nicht über Elemente, die uns in Frankreich dazu bringen würden, die Impfungen zu unterbrechen.“) Das ist nicht sehr klar gesagt, aber ich weiß schon, was er sagen will: In anderen Ländern, da hat es Zweifelsfälle gegeben, nicht aber in Frankreich – warum sollte man also mit dem Impfen aufhören? Doch dummerweise sind die Körper von Französinnen und Franzosen nicht wesentlich anders als zum Beispiel der Körper der österreichischen Krankenschwester, die kurz nach der Impfung verstarb. Es muss also vermutet werden, dass das, was woanders beobachtet wurde, auch die Französinnen und Franzosen angehen könnte. Doch der Minister versucht aus der Notwendigkeit, in Frankreich endlich mit dem Impfen voranzukommen, eine nationale Angelegenheit, um auf diese Weise auch die Frage der Nebenwirkungen für etwas Nationales erklären zu können: Tote französische Krankenschwestern nach Impfungen gibt es eben bisher gar nicht. Aber das „Bisherige“ kehrt zurück. Nicht real, aber zumindest als Zweifel.

Anne Peiter

Corona 214: Lernprozesse März 21

Schlupflöcher

Darum geht’s jetzt. Wir haben alle irgendwie verstanden, dass diese Sache wer weiß wie lange dauern wird, dass wir aus der Nummer, in der sich wirkliche Gefahr und politische Inkompetenz immer unentwirrbarer verbinden, so schnell nicht mehr rauskommen. Man stumpft ab, glaubt nicht mehr daran, dass sich durchs eigene Verhalten irgendwas verändern lassen könnte. Und so sucht man nach Schlupflöchern. Der Deutschen Lieblingsinsel, Mallorca nämlich, ist gerade noch zu haben, weil die Inzidenzwerte dort niedrig sind. Also schnell den Urlaub gebucht, bevor die Regierung einem wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Ansonsten: Kopf einziehen, unter dem Radar bleiben, zusehen, dass es nicht bemerkt wird, wenn man mehr und mehr und immer häufiger gegen die Coronaauflagen verstößt. Eine Regierung, die lockert, obwohl die Inzidenz-Zahlen steigen, ist dafür das Vorbild, tatkräftig unterstützt von Oberbürgermeister und sogar Ministerpräsidenten, die sich an die sogenannte Notbremse nicht halten, sondern nach der Devise verfahren, dass sich einmal durchgesetzte Lockerungen nicht mehr rückgängig machen lassen. Alle verfahren jetzt nach dem Prinzip des Schlupflochs, darüber besteht große Einigkeit, und man kann wirklich sagen, dass wir wie im letzten Jahr alle an einem Strang ziehen.

Die Versprechen

Ich muss noch einmal auf die Serien zu sprechen kommen, die ich regelmäßig gucke und die dem seit einem Jahr währenden Ausnahmezustand den inneren Rhythmus vorgeben. Das, was die Clanchefs, die Mafiabosse (oder eben Jax, der Präsident des Motorradclubs Sons of Anarchy: das war mein Beispiel in Corona 174) am häufigsten von sich geben, wenn die Lage absolut aussichtslos zu werden droht, sind Versprechen. Das ist auch plausibel. Sie müssen verhindern, dass diejenigen, die ihnen – noch – nahe stehen, ihre Loyalität aufkündigen. Denn wenn sie das täten, dann ginge sowieso alles den Bach runter.

Deswegen geben sie ständig Versprechen ab, die eigentlich nicht zu halten sind, bei denen aber, wenn die Anderen ihre Loyalität aufrechterhalten, zumindest die winzige Chance besteht dass sie eingehalten werden könnten.

Nun ist ein Versprechen ein Versprechen. Wie der Eid ist es ein Fundament archaischer sozialer Beziehungen (die sich in den Mafiaserien im weitesten Verstande reflektieren). Denn es macht keine Wahrscheinlichkeitsaussage, sondern gibt eine sichere Zusage, dass das, was versprochen wird, auch in Erfüllung gehen wird.

In den Serien geschieht das aber so gut wie nie. Die Logik, nach der sich ihre Handlung entfaltet, ist zu großen Teilen die Logik der gebrochenen Versprechen. Und die Folgen sind klar: Dadurch, dass die Versprechen nicht eingehalten werden, dass sie wieder und wieder gebrochen werden, bröckelt die Loyalität, und die Versprechen, die daraufhin abgegeben werden, müssen noch leidenschaftlicher, mit noch festerer Stimme, mit einem noch unbedingteren Willen vorgetragen werden, um die Anderen zu überzeugen. Das heißt, sie verwandeln sich sachte und allmählich in das Versprechen, an das derjenige, der es abgibt, selbst nicht mehr glaubt, also in eine kalkuliert eingesetzte Lüge. Die Serien handeln davon, wie aus Versprechen Lügen werden, ein Schritt nach dem anderen, mit einer Unausweichlichkeit, die am Ende in die Selbstzerstörung führt. Es ist also ein Teufelskreis. Die ganze Sache folgt einer Logik der Eskalation, aus der nicht herauszukommen ist.

Wir, also die deutsche Regierung und ich, sind noch nicht in der letzten Staffel angekommen. Wir sind noch mittendrin. Aber wir arbeiten dran und es geht vorwärts.

Vorbilder

In den letzten Wochen sind die Politiker geschrumpft. Aus den Führungsfiguren, die sie zumindest zu sein beanspruchen, wurden einfache Bürgerinnen und Bürger, die genau das machen, was wir jetzt alle machen: sich einen Scheißdreck um die Pandemie scheren, die Wissenschaft links liegen lassen, den schönen Schein wahren, die eigenen und die Interessen der Freunde bedienen – sich durchwursteln und den eigenen Vorteil wahren, wo immer es geht. Politiker und Politikerinnen, die angesichts der zunehmend rascher steigenden Infektionszahlen mit einer gefährlicher gewordenen Krankheit Schulen und Geschäfte öffnen, sind nicht nur nicht besser als diejenigen, die heimlich Partys feiern: Sie sind ihr Vorbild.

Gewöhnung

Was in der ersten Welle alles zusammengehalten hat, war die Angst. Niemand wusste so recht, was passieren wird. Deswegen waren alle sehr vorsichtig. Aber naja, man gewöhnt sich an alles. Und eine Gesellschaft, die durch Angst zusammengehalten wird, ist sowieso nicht gutzuheißen. Denn das gemeinsame Ziel hat einen zu hohen Preis.

Nun, im Prozess der Gewöhnung ist das alles verfallen. Wir wurden weniger ängstlich, was ja eigentlich eine gute Sache ist. Deswegen wurden wir wieder verschieden. In dem Maße, in den Corona zu einer unter den vielen Dingen wurde, die unseren Alltag bestimmen und einschränken, haben wir angefangen uns so zu verhalten, wie wir uns auch den meisten anderen Regeln gegenüber verhalten, indifferent, abwartend, subversiv. Es fängt es an zu wuseln, die Leute stehen in den Startlöchern. Dummerweise bricht diese dritte Welle gerade über uns herein. Aber wir sind besser geworden. Die Angst vor ihr hat nachgelassen. Wir lassen einfach nicht zu, dass sie über uns zusammenschlägt. Stattdessen werden wir auf ihr reiten.


Wolfram Ette

Corona 213: Blasen und Schäume

Die Blase

Singapur und Australien wollen eine Blase öffnen, d.h. Reisen ohne Quarantäne zwischen beiden Staaten möglich machen. Wie die Zusammengehörigkeit von Räumen in Zeiten einer Pandemie neu definieren wird, das wäre eine Frage, mit der ich mich beschäftigen würde, wenn ich Geographin wäre. Es entstehen vollkommen neue Kriterien, die darüber entscheiden, warum sich Menschen aus bestimmten Räumen, sobald sie sich mobil verhalten, als eine Einheit fühlen, das heißt den von ihnen durchquerten Raum als homogen wahrnehmen dürfen.

Ich bin keine Geographin. Aber als Philologin sage ich mir, dass die Metapher der Blasen sehr verwunderlich ist und dass auch sie mit Raumkonzepten zu tun hat. Hier also mein Material, der Geographie zu Füßen gelegt:

Ich denke daran, wie das Stäbchen, das im Inneren des Verschlusses spezieller Fläschchen angebracht zu sein pflegt, in die Seifenlauge taucht, wie man den glänzenden Film im mit Zacken bewehrten Rund an seinem Ende gegen das Licht hält, in möglichst kontinuierlichem Strom auszuatmen, genauer: zu blasen versucht, auf dass die Blasenform entstehe. Möglichst groß soll die Blase sein, möglichst viel Luft soll in sie hineingelangen. Das Blasen ist die Voraussetzung der Blase. Blasen sind eingeschlossener, geschützter, von einer irisierender Haut umgebener Menschenatem, sind mithin: Teil von uns, der Beweis dafür, dass der Atem unterbrechungslos (ohne Husten) zu fließen, sich auszuströmen versteht.

Doch wann die Blase sich löst, wann sie (und mit ihr: der Atem) zu schweben beginnt, das entscheidet sie allein. Es gibt Momente, da scheint sie erst einen Augenblick zu zögern, da bleibt sie, obwohl bereits perfekt in sich geschlossen, am Rande des Lochs haften, durch das zuvor die Luft in sie geströmt war, da ist’s, als wolle sie die neue, gefährliche Freiheit noch nicht recht glauben. Doch irgendwann löst sie sich dann doch, fliegt, schnell sinkend, wenn kein Luftzug weht oder ihr Eigengewicht zu groß ist (das ist die Gefahr des Gelingens großer Blasen), höher hinauf hingegen, wenn die äußeren Bedingungen günstig sind, glänzend in jedem Fall, schön anzusehen in ihrer Kurzlebigkeit.

Denn das ist die Quintessenz von Seifenblasen: ein Vanitas-Symbol (sagen die Kulturwissenschaftler:innen), Form einer „natürlichen Minimalfläche“ (sagen die Mathematiker:innen). Aber beide sagen eigentlich das Gleiche: Die Minimalfläche – zum Beispiel die zwischen Singapur und Australien – existiert nur unter der Voraussetzung, dass die Verdunstung nicht zu schnell vor sich geht. Trockenheit ist ihr eigentlicher Feind. Man kann Seifenblasen in ein Einmachglas einführen und dieses verschließen, um die Lebensdauer der Blase zu erhöhen. Wie macht man aber zwei so weit auseinander liegende Länder zugleich ein? Wie kondensiert man ihren gesunden Atem neben all dem, was sonst noch auf der Welt atmet? Wie kann man der dünnen Membran der eigentlichen Blase eine zweite, harte Umhüllung beigeben? Und weiter: Wie kann man die Schichtdicke der Blasenhaut so lange wie möglich schützen, auf welche Weise Nadelstiche von Aussen, Zusammenstösse mit der trockenen Oberfläche anderer Gegenstände vermeiden? Anders gesagt: Was macht man mit den Ländern, die keine Blase sein mögen?

Es sind dies nicht allein physikalische Fragen. Es geht vielmehr auch um Ästhetik. Denn ich lerne, dass die schillernde Wirkung von Blasen in dem Moment abnimmt, in dem ihr Tod kurz bevorsteht. Erst sind weniger Farben zu sehen, dann wird die Blase dunkel, schließlich stirbt sie – und immer schnell: Sie platzt, der Atem tritt aus der Blase aus und in den allgemeinen Raum ein. Die Schönheit, die in der großen Einzelblase oder den vielen, durcheinander wirbelnden, kleinen Blasen zustande gekommen ist, enthüllt, was diese niemals auch nur in Ansätzen zu verbergen trachten: dass sie hohl sind, dass nichts von Gewicht in ihnen ist, dass ihr Eigengewicht lächerlich klein, ihre Zerstörung also überaus einfach ist.

Doch sie fliegen! Sie machen sich davon! Sie machen den Atem der Menschen transportabel, bringen ihn dahin, wohin er sonst nicht käme. (Von Singapur nach Australien, oder umgekehrt.) So leer ist die Idee der Blase also doch nicht. Vielleicht gilt sogar das Gegenteil. Denn wenn sie sich durch den Raum bewegt, wirken Kräfte auf sie ein, unvermeidliche Kräfte. Nur im Weltraum hätte sie eine perfekte Kugelgestalt, nur jenseits der Schwerkraft und ohne jede Reibung mit der Aussenluft könnte sie sein, was sie eigentlich ist. Solange sie irdisch gebunden ist, macht sie, was sie kann: Ihre Oberfläche ist elastisch, die Blasenmembran wölbt sich ein wenig aus, wenn die Luft von der einen Seite her weht, dann an anderer Stelle, wenn der Druck der Luft sich ändert und plötzlich von anderswo her kommt. Das heisst: Die Blase weiß recht gut, dass sie Teil der Welt ist. Sie reagiert darauf, statt allzu rigide zu sein. Sie weiß, dass die geringe Luftmenge, die sie in sich trägt, von einer sehr viel größeren (unvergleichlich viel grösseren!) Luftmenge umgeben ist, und dass diese andere Luft ihr die Abgeschlossenheit neidet.

Die andere, scheinbar „freie“, in Wirklichkeit aber sich verausgabende Luft tut denn auch alles, um die Seifenblasen als etwas zu diskreditieren, was, wie jeder andere Traum auch, dazu verurteilt sei, zu zerplatzen. Was zugestanden werden muss: Seifenblasen platzen leicht, das ist wahr. Doch gesagt wird nicht, dass es durchaus möglich ist, erst viele kleine Seifenblasen in den Himmel des Vorstellbaren zu schicken und mit Augenmaß und Realismus zu überprüfen, welche hält und welche nicht. Denn Blasen, die sich treffen, stehen in einem Verhältnis des Kräftegleichgewichts zueinander . Das heißt: Sie schmiegen sich aneinander, alle Winkel sind gleich, wenn sie sich zu einem Schaum von kleinen Blasen der gleichen Grösse verbinden. Sie unterstützen sich! Sie geben die Vereinzelung auf, werden (wenn auch nicht länger fliegend) zu einem regelrechten, schaumigen Teppich!

Da habe man es ja, höre ich schon rufen, ich sage es ja selbst: Die Seife platzt, ins Viele hinein übersetzt sind die Träume die Schäume, aus denen keine neue Welt zu bauen ist. Man solle auf dem Teppich bleiben, dem Boden von Tatsachen, in denen für Blasen kein Platz sei.

Ich höre das. Doch ich bin Freudleserin genug, um irisierend die Erinnerung in mir aufsteigen zu fühlen, dass in der Traumdeutung ein Schiffer erwähnt wird, der den Schaum ganz anders interpretiert: Der Schaum auf den Wellenkämmen, in denen verzweifelt die Blasen-Gegner herumrudern (ohne Orientierung, ohne Plan), zeige Gefahr an, Schaum sei also nicht etwas, was man mit einem Handstreich einfach so wegwischen könne. Vielmehr sei der Schaum, wenn er sich zu echter Gischt verdichte, etwas Symptomatisches, etwas, was Bedeutung habe: Eine sehr reale, nicht nur geträumte Warnung gehe von ihm aus. Schaum als Ankündigung des Sturms, der gleich losbrechen wird.

Insofern plädiere ich dafür, dass Geograph:innen sich nicht zu sehr vom Vanitas-Gedanken beeinflussen lassen, sondern vielmehr die Blasenidee als Gegenkonzept zu der Behauptung begreifen sollten, alle Träume seien Schäume. Es ist nicht wahr. Schaum, der aus vielen, kleinen oder größeren Bläschen besteht, ist die Reaktion auf eine reale Gefahr, zeugt von weit mehr Realismus als die Idee, der Schutz eines gesunden Atems von grossen Kollektiven – Singapur, Australien – sei ein Ideal, das sich eh nicht realisieren lasse. Bleibt im Sturm, seht die Wellenkämme steigen und steigen, wenn Euch das lieber ist.

Anne Peiter

Phantasie über Schaum

„brüder im schaume“ -: an diese Wendung von Hans Magnus Enzensberger hat vor langer Zeit, als Enzensberger noch ein „junger deutscher Lyriker“ war, Klaus Heinrich Überlegungen angeschlossen, die auf grundlegende Veränderungen im neuzeitlichen Kategoriensystem dessen, was als Wirklichkeit vorgestellt wird, hindeuten. Heinrich schreibt: „‚Schaum‘ hat vor allem drei Vorzüge, die ihn zur Beschreibung einer heute weit verbreiteten Erfahrung tauglich machen: (1) Er ist ungreifbar: wir fassen zu und halten nichts in Händen. Soviel Gestalten er einnimmt, wir können ihm keine geben, die hält. (2) Er ist minderer Realität, z.B. auf dem Wasser treibend, ist er das Wasser nicht, obschon er dieses ganz bedecken kann. (3) Er kann ersticken, obschon er gut munden kann. Er kann tödlich sein.“

All das also, was sich an Gewohnheiten im Umgang mit der res extensa herausgebildet hat, ihre körperliche Behaftbarkeit, die Kohärenz der über sie getroffenen Aussagen, oder auch der Widerstand, den sie unseren Aussagen über sie entgegensetzt, verschwimmt. Schaum ist und ist nicht, er ist ein Nichts, das doch ist. Er vermag zu fliegen und zu schwimmen. Er indiziert Reinheit (im Badezimmer) und Schmutz (auf Flüssen). Dem Genuss, den er spendet, so etwa in Form des Milchschaums, sind Ekel und Erstickungsangst verschwistert. Wie schön, den Mund mit etwas übervoll zu haben, das fast nichts ist!

Diese besondere Qualität des Schaums, der Umstand also, dass seine räumliche und zeitliche Identifizierung Mühe bereitet – ständig verändert er seine Form, ja er ist eigentlich nichts als die Veränderung selbst, dieses ununterbrochene Platzen, plus gelegentlicher Neubildung der Blasen, aus denen er besteht; die Schwierigkeit auch, ihn als Glied einer Kausalkette zu begreifen – er ist eher Effekt als Wirkung, deswegen nicht recht wirklich – und was wird durch ihn bewirkt? –: all dies macht den Schaum zum Bild dessen, was Wirklichkeit ist, bzw. sein könnte, denn sicher wissen wir das natürlich auch nicht, auch dieser Satz hat, wenn es stimmt, Teil am Schaumcharakter der Wirklichkeit.

Schaum besteht aus Blasen. Blasen sind seine Elementarform. Von der elementaren Qualität der materiellen Welt, wie sie von Descartes geschildert wird, unterscheidet sich die Schaum- und Blasenwelt in mehrerer Hinsicht. Wir lesen bei Descartes, dass die einzig wesentliche Bestimmung der Körper die äußere Form sei, welche sie besitzen. Farbe, Geruch, Oberflächenbeschaffenheit: alles relativ, in Zweifel irrtumsbehaftet. Die Welt, wie sie dem cartesianischen Subjekt vor die denkenden Augen tritt, besteht aus Scherenschnitten: ein primitiver Schwarzweißfilm, der alles auf den Umriss reduziert. Geht man noch einen Schritt weiter und befasst sich mit der Art und Weise, in der die Welt, Descartes und seinen Zeitgenossen zufolge, wissenschaftlich betrachten ist, so wird weiter reduziert. Denn Wissenschaft heißt Naturwissenschaft, genauer: Physik, genauer: klassische Mechanik. Und in der klassischen Mechanik wird sogar davon abgesehen, dass Körper eine Ausdehnung haben. In ihren Berechnungen erscheinen sie nur noch als idealisierte Massenpunkte ohne Ausdehnung. Als solche bilden sie die Bezugsgröße von Raum, Zeit und Kausalität als ‚Formen der Anschauung‘, die in Wahrheit keine Formen der Anschauung, sondern einer Anschauungsabstraktion sind .

Blasen sind offenbar etwas anderes. Sie haben eine Ausdehnung und die ist irreduzibel. Sie beruhen auf der Unterscheidung von außen und innen. In gewisser Weise sind sie nichts anderes als diese Unterscheidung selbst. Das Außen ist das, was das Innen nicht ist; das Innen ist das, was das Außen nicht ist: eine Blase ist materiell das, was dieser Satz bedeutet; und das Häutchen, das Innen und Außen voneinander trennt, diese zarte, nur wenige Moleküle starke Membran wird durchs Semikolon symbolisiert. Die Blasen sind nicht die Bezugsgröße einer Beziehung, sondern selbst eine Beziehung. Sie bleibt aber an den Raum gebunden, ist keine ‚reine‘ Beziehung. Ohne Membran keine Blase und keine Beziehung von Innen und Außen. Deswegen können die Blasen klein, aber nicht unendlich klein sein.

Die naturwissenschaftliche Forschung hat sich seit Descartes Tagen in diese Richtung bewegt. Zelle und Atom sind die Bausteine der organischen und anorganischen Welt. Auch sie sind vor allem die Unterscheidung von Innen und Außen. Es sind Blasen, je kleiner, desto schwerer zu zerstören, aus ihnen setzt sich unsere Wirklichkeit zusammen.

Die Unterscheidung von Außen und Innen ist aber ein Prinzip des Lebendigen. (Das meint nicht, dass Atome leben; es heißt bloß, dass wir sie uns nach dem Prinzip des Lebens vorstellen.) An die Stelle der toten Massenpunkte, die miteinander über die Gesetze der Mechanik kommunizieren, treten die Blasen, die dadurch miteinander verbunden sind, dass sie sich berühren, zu Haufen zusammenfinden und -ballen, dass sie aneinanderstoßen, sich dabei verbinden oder platzen.

Der „Schaum“, die wir selber sind und der uns zu Brüdern macht, ist also nicht bloß existenzbedrohend. Er ist nicht nur Ausdruck der Nichtigkeit dessen was ist. Im Gegenteil: Schaum bedeutet, dass wir leben. Das Leben selbst ist existenzbedrohend und das drückt sich im Bild des Schaums aus. Schaum bedeutet, dass wir ständig innen und außen, Leben und Tod voneinander unterscheiden, und dass diese Unterscheidung uns als veränderliche lebendige Wesen realisiert. Wir sind Schaum, Schaum ist, was wir sind, gemischt aus Entzücken und Angst, Form und Unform, Sein und nicht Sein. Raum, Zeit und Kausalität und die in ihnen gesetzmäßig verknüpften Festkörper: es sind keine Reminiszenzen aus der guten alten Zeit, in der die Realität noch was Reelles war, solide und berechenbar, sondern immer schon Bollwerke gegen den Schaum und die Angst, die sich mit ihm verbindet, der Realität und Nichtrealität miteinander verbindet und der als Unendlichkeit solcher materiell-immateriellen Unterscheidungen-und-Verbindungen sich vor uns dehnt, aufflockt, „zum Himmel spritzt“ oder uns zu verschlingen droht. Wir sollten die Angst davor akzeptieren, die jetzt in uns aufsteigt, wenn in der Wirklichkeit Leben und Tod sich intensiver mischen als sonst.

Wolfram Ette



https://www.msn.com/fr-fr/actualite/monde/coronavirus-l-australie-et-singapour-envisagent-une-bulle-de-voyage-entre-eux/ar-BB1ezdMx

Hans Magnus Enzensberger, landessprache, Frankfurt am Main 1960, 37ff.

Klaus Heinrich, Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Basel und Frankfurt am Main 1985, 71–85; Zitat S. 73.

Corona 212: Der Nocebo-Effekt

Ich lese, dass die Erwartung gravierender Nebenwirkungen dazu führen kann, dass „zufälligen Befindlichkeitsstörungen“ durch starke Selbstbeobachtung über Gebühr Beachtung geschenkt wird. Man stellt also eine kausale Verbindung her, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. Das nennt man den „Nocebo-Effekt“. Doch da Wirklichkeit eben nicht nur das ist, was wissenschaftlich nachgewiesen werden kann – zum Beispiel, dass eine Impfung ungewollte Folgen hat –, sondern auch das, was für Wirklichkeit gehalten wird (und dann ja tatsächlich, also auf irgendeine, wenn auch andere Weise „wirklich“, Folgen hat, zum Beispiel dadurch, dass man sich krank fühlt), ist das ganze journalistische Geplänkel um die Vor- und Nachteile dieses oder jenes Impfstoffes etwas gesundheitspolitisch enorm Wichtiges. AstraZeneca, das, wie es scheint, sowohl wirkliche als auch durch den Nocebo-Effekt bedingte Nebenwirkungen zeigt, wird in dem Maße Schwierigkeiten haben, sich durchzusetzen, indem der Ruf, der ihm vorauseilt, zu einer sich selbst bzw. durch manche Geimpften sich erfüllenden Prophezeiung wird.

Ich zumindest stelle an mir selbst fest, dass der Zweifel zunimmt. Umgeben von einer Variante, die, weil in Europa nicht dominant, sondern randständig, nicht die gleiche forscherische Aufmerksamkeit auf sich zieht wie die „britische“, sinkt meine Lust, mich mit einem Impfstoff impfen zu lassen, der sich mit allem „Südafrikanischen“ nicht recht auskennt. Jede weitere Negativmeldung, die ich zu AstraZeneca lese, erhöht in meinem Körper die Bereitschaft, der Meldung nachzugeben, sie schon im Vorfeld für wahr zu erklären, d.h. die politischen Symptom eines ausgeprägten Misstrauens gegenüber den Verteilungskriterien körperlich abzubilden. Es ist also ganz komisch: Ich, die ich in der Tat (schon um den ganzen Verschwörungsreligionen zu begegnen) ganz und gar für die Impfkampagne bin, beginne, eine zumindest abwartende Haltung zu entwickeln. Ich will auswählen können, will mir nicht einen Impfstoff spritzen lassen, nur weil er da und verfügbar ist, will, dass der spezifische, sozusagen „südafrikanische“ Kontext, in dem ich mich bewege, als meine Wirklichkeit anerkannt wird.

Aber gleichzeitig interessiert mich die Frage nach dem Einfluss von Gerüchten auf Körperreaktionen, als könne ich mich dennoch bald zum Zentrum eines psychologischen Selbstversuchs machen.

In der Literaturwissenschaft spricht man gern vom „Erwartungshorizont“ der Leserschaft, und das ist natürlich genau das, was beim Nocebo-Effekt auch im Zentrum steht. Die Erwartung nimmt vorweg, was sein wird. Literarische Texte können entweder einschmeichelnd vorgehen und genau das schreiben, was sie selbst, ihrerseits die Erwartungen der Leser:innen antizipierend, für erwartbar halten. Oder sie machen’s genau anders herum (doch auch das kann schmeichlerisch sein), und sie unterlaufen die Erwartungen gerade an der Stelle, wo der weitere Lauf der Dinge klar zutage zu liegen schien. Die Banalität des Handlungsverlaufs kann nicht ohne konkreten Blick auf das jeweilige Untersuchungsobjekt definiert werden. Erwartungen voll zu erfüllen, kann banal sein, muss es jedoch nicht. Es kann ja auch eine ironische Bestätigung alles Erwartbaren geben, und dann tritt der Text also doch aus diesem heraus. Oder die Figur ist so banal, dass das Sujet des Textes die Banalität selbst ist. Auch dann muss der Text ein Text der reinen, unablässigen Bestätigung des immer schon Gewussten werden, obwohl darunter auch eine andere Bedeutungsschicht mitläuft. Andersherum kann der permanente Bruch gegenüber den Erwartungen einer gewollten Suche nach Originalität, also etwas Verkrampft-Unplausiblem entsprechen, das seinerseits (wenn auch auf andere Weise als im ersten Beispiel) banal wirkt, effekthascherisch zum Beispiel.

Wenn man von den Textlektüren auf das zurückschaut, was von Impfungen erwartet wird, dann interessiert mich, wie aktiv die Körper am Weiterschreiben der Geschichte des Impfens beteiligt sind. Denn wenn ich zum Beispiel erwarte, durch den Impfstoff krank zu werden, und danach, obwohl dieser wirklich nicht krankmachend ist, trotzdem krank werde, ist mein Körper das Konzentrat der Bedeutung, die die Geschichte hat, doch unabhängig sozusagen von der eigentlichen, intendierten Geschichte. Literaturwissenschaftlich gesprochen mache ich mich einer Fehllektüre schuldig. Ich lese etwas in die Intentionen der Spritze hinein und mache das Gegenteil von ihnen wirklicher als diese selbst.

Aber das ist ja für einen Mann vom Fach, wie ich als Frau einer bin, auch nichts Neues! Wer würde heute noch mit „Autorintentionen“ argumentieren wollen! Hat sich nicht inzwischen herumgesprochen, dass es auch die Leserinnen und Leser gibt und das, was man in trauter Einigkeit als ihre „Beteiligung an der Konstitution des Text-Sinns“ bezeichnet? Fehllektüren gibt es in der Hinsicht gar nicht. Man kann ja mit einem Text machen, was man will! Wer wollte einem verbieten, ihn ganz anders zu lesen, als der oder die Autor:in dachte! Man kann sog