Corona 100: Die Tampons

I

Auf dem Anticoronademonstrationen werden sie gelegentlich gesichtet: Menschen, die eine aus miteinander verbundenen Tampons bestehende Maske tragen. Es scheint eine Möglichkeit zu sein, größtmöglichen Abscheu gegenüber dem Ding auszudrücken, durch das COVID, das Unsichtbare, für uns sichtbar geworden ist.

Aber warum Tampons? Ein antifeministischer Reflex? Dass sich auch Frauen dieses sonderbare Gebilde vorgebunden haben, ist kein Argument dagegen. Trotzdem erscheint mir die Annahme nicht besonders wahrscheinlich. Indem der Mund von den gepressten Wattekorken umgeben wird, die den Blutfluss während der Menstruation aufhalten, findet doch eher eine eigenartige Vertauschung der Körperöffnungen statt – eine Vertauschung, die ihr Pendant in den Panikklopapierkäufen der frühen Coronaphase hatte.

Es sind überzeugende und weniger überzeugende Gründe für diese Marotte angeführt worden. Man muss aber auch dann, wenn man ihnen glaubt, immer wieder an den Anfang zurückgehen und das Sich-darüber-wundern wiederholen, dass eine Erkrankung der Atemwege Ängste freisetzte, denen man durch das Zusammenhamstern von Klopapier zu begegnen versuchte. Der Mund ist der Anus; sie sind in einer Situation der Bedrohung zumindest ineinander konvertibel. Einer Infektion, die über die Mundschleimhäute in die Lunge eintritt und zu schwersten Störungen in dem elementaren Austausch von Innen und Außen führen kann, den wir Atmen nennen, entsprechen auf der Ebene symbolischer Vertretungen Kot, Schmutz und Gestank, die über die entgegengesetzten Körperausgang ausgeschieden werden und von denen verhindert werden muss, dass sie zurückkehren und am Körper haften bleiben.

Und nun also die dritte Körperöffnung, die der Frauen, auch sie assoziiert mit Schleim, Blut, Unreinheit und einem aufdringlichen Geruch. Hier gibt es nicht nur Schleimhäute, hier werden die Schleimhäute selbst ausgestoßen, in einem Vorgang, der kulturell noch stärker tabuisiert ist als die Verdauung und das Ausscheiden der Exkremente. Um ihre Verachtung gegenüber der Corona-Politik Ausdruck zu verleihen, wird die Maske mit den Tampons gleichgesetzt.

Was will man damit erreichen? Keine Maske: keine Tampons? Sollen Blut und Schleim fließen? Sollen die Frauen sich so von den Tampons befreien, wie wir von der Maske? Oder geht es einfach nur darum, den Ekel zu verstärken, den die Maske, ob nun tatsächlich oder behauptetermaßen, bei den Anti-Corona-Demonstrierenden auslöst. In diesem Sinne spricht Hildmann von den Masken als Damenbinden. Warum aber Ekel? Wovor der Ekel? Das etwas, das rechtens unseren Körper verlassen musst, nun dazu gezwungen wird, in ihm zu verbleiben, der Atem und all das, was er mit sich führt, auf der einen, Menstruationsblut und -schleim auf der anderen Seite? Ist die Maske, die uns sichtbar des Rechts beraubt, die anderen zu beschmutzen und mit unserem Körperinneren zu infizieren, in etwa vergleichbar der Anweisung, die eigene Spucke zu trinken, was bei den meisten Menschen Widerwillen auslöst? Ist es vergleichbar der Qual, den Kot zurückzuhalten – zum Beispiel wenn man kein Klopapier hat –, oder, sich des Menstruationsblutes nicht entledigen zu können? Wird sie imaginiert als fundamentale Störung des Stoffwechsels von innen und außen, der generellen Verstopfung aller Körperöffnungen, durch die der Mensch aus sich an sich selbst eingehen, sich aufblähen und elend verrecken würde?

Egal wie man’s nimmt und versteht: der skurrile Einfall zeigt einmal wieder, dass alle Argumente, die in dieser Sache für und wider ausgetauscht werden, nicht zählen, dass sie nichts sind als schlecht ausgeführte Kulisse vor elementaren Triebkräften, Sehnsüchten und Ängsten; dass hier grundlegende Kulturationsfiguren des Körpers in Rede und in Frage stehen; dass die überaus prekäre Balance von Innen und Außen auf dem Spiel steht; dass sich, ausgehend von Corona, die Angst verbreitet: Können wir an uns selbst ersticken?

So beweist die wunderliche Tampons-Maske doch zumindest das eine: dass ihr Träger oder ihre Trägerin an Corona glauben; dass sie vor dem, was sie leugnen, Angst haben; dass sie es verleugnen, weil sie daran glauben und Angst davor haben; dass sie weiter davor Angst haben werden, weil sie es leugnen und es leugnen, weil sie Angst haben und es leugnen …

Wolfram Ette

II

Das Foto zeigt einen Mann mit Brille, schwarzem Hut und schwarzem T-Shirt, auf dem ein fünfzackiger, gelber Stern, versehen mit der zweimaligen Aufschrift »ungeimpft, ungeimpft«, befestigt ist. Kein sechszackiger, aber man weiß aber eh gleich, was gemeint ist: »Ach, ein Jude!«. Auf der Brust, gleich neben dem Stern, ist noch ein weißer Kreis zu sehen, in dessen Mitte sich ein Punkt befindet, ein bisschen wie ein Fadenkreuz, durch das man den Mann leichter töten könnte. Denn als das setzt er sich in Szene: als Opfer.

Die karnevaleske Gestaltung des eigenen Körpers wäre nicht besonders bemerkenswert, wäre da nicht noch etwas, etwas, was auf Anti-Corona-Demos meines Wissens bisher nicht üblich war: Statt einer Gesichtsmaske trägt der Mann ein weiches Drahtgeflecht, das er mit einem Band oder Gummi hinter den Ohren befestigt hat, und an diesem Geflecht hängen vor Nase und Mund lauter weiße, zerfaserte Tampons. Menstruationszeug also. Am Draht.

Ich denke, dass da nicht allein etwas Phobisches, Anti-Feministisches zu Tage tritt, sondern dass auch – zusätzlich! – eine antisemitische Rhetorik hineinspielt. Sich als Jude zu zeigen, bedeutet, die Erkennbarkeit dieser Rolle zu sichern. Die Tampons sind Attribute von Verweiblichung und perverser Sexualität, die ihrem Träger im Wortsinn ins Gesicht geschrieben sind, sie sind der Beweis dafür, dass im Moment der Beschneidung eine Kastration stattgefunden hat, die allen jüdischen Männern – und so auch diesem hier – ihre gesunde Potenz raubt auf Lebenszeit. Sie sind außerdem aber, weil zahlreich vor dem Mund hängend, Ausweis der sexuellen Lüsternheit und Perversität, die gleichfalls untrennbar zu antisemitischen Phantasmen gehören: Beschnitten, ja; beschnitten, aber gerade darum gefährlich. Wie lauter kleine Mini-Penisse hängen sie dem Mann ins Gesicht, als hätte er die Gegner kastriert, nachdem und weil’s ihm selbst so auferlegt worden ist. Tampons als Verulkung des Bundes zwischen Gott und dem auserwählten Volk, so sieht das Ganze aus.

Und dann auch noch das Gitter. Es kann gut sein, dass dem Demonstranten dazu gar nichts Besonderes einfallen würde, wenn man ihn fragte, warum gerade ein Gitter. Es kam einfach so. Er wollte eine Maske tragen, die keine ist, darum waren besonders große Löcher – eine Löchermaske – das, was seiner Protesthaltung am ehesten entsprach. Aber auf mich wirkt es, als hingen da lauter kokonartige Leichen auf- und erhängt im Stacheldraht. Ein KZ-Zaun ist das, was der Mann sich vor’s Gesicht gebunden hat, ein undurchdringlicher KZ-Zaun in Miniatur, mit Miniatur-Leichen, zu denen er sich irgendwie auch selbst zählt.

Zugleich sind die Leichen eine weiße, unschuldige Spielart des Bartes, mit denen man sich orthodoxe Juden vorzustellen liebt. Ein bisschen ist etwas von den Schläfenlocken in sie hineingerutscht, auch das nicht voll durchdrungen, nicht sehr präzise, eher aus einer brodelnden Wut heraus, in der alles sich mit allem mischt: Opfer-Lust und Täterphantasien, das Blut christlicher Frauen, die, »vom Juden« vergewaltigt, zu bluten beginnen, oder ihre männlichen Kinder, die zum Opfer von Ritualmorden erkoren sind. Eine gewaltige Blutmystik auf jeden Fall, wie sie sich erst durch den Anti-Judaismus, dann durch ihre modernisierte Fassung, den Antisemitismus, als rote Spur durch die europäische Kultur zog, bis hin zum Genozid.

Die Haarfarbe von Juden wird diesen Stereotypen nach eher als dunkel gedacht. Tampons sind weiß, aber auch das ist nicht weiter wild, denn dann sind es eben die Haare eines alten Mannes, die den Mund verhängen oder in ihn hineinhängen, auch da will man’s mit den Unterschieden nicht so genau nehmen. Es reicht, dass das Menschenfresserische, dieses Lechzen nach Christenblut in der Selbstgestaltung dieses Demonstranten enthalten ist, und damit auch der Ekel, den das erregen soll.

In Auschwitz sprachen diejenigen, die nicht mehr konnten, von dem einzigen »Ausweg«, den es noch gab, die letzte, schreckliche Freiheit: »in den Zaun gehen«. Ruth Klüger erzählt, dass ihre Mutter ihr, einmal dort angekommen, schon binnen kürzester Frist diesen Vorschlag gemacht habe. Wie im Vorbeigehen: Aufforderung an das Kind, da reinzugehen, gemeinsam, im Strom zu zucken, als etwas gar nicht einmal Absonderliches, weil es so viel leichter und weniger quälend war als das, was bevorstand.

Jetzt haben wir die Pervertierung dieses Erbes vor uns. Tampons und Gitter, Frauen- und Kinderschändung, lange Bärte und Schläfenlocken, Opfer und Täter, Erhängte und gelber Stern, Impfung und Gesundheit, Blut und noch mehr Blut (von Frauen, von Kindern, von realen Ermordeten ebenso wie von imaginierten) treffen alle alle zusammen in dieser einen lustigen Gesichtsmaske, die uns davon überzeugen will, wir befänden uns historisch auf einer ebenso abschüssigen wie gefährlichen Bahn. Ja: abschüssig und gefährlich, das glaube ich auch.

Anne Peiter


Die Bilder finden sich unter:

https://taz.de/Coronademo-mit-Judenstern/!5709789/

https://www.suedkurier.de/baden-wuerttemberg/corona-querdenkerin-johanna-welschen-fiel-in-berlin-mit-einer-tampon-maske-auf-mit-uns-sprach-sie-darueber-was-sie-antreibt;art417930,10607917?fbclid=IwAR2dPJhFsYyX_PZJDcssPD2N-Rro-XsbSikxkJB5zGVmJxrpCAjLYEHUgXU

Corona 99: Müssen können statt können müssen

Macron versichert, es dürften die alten Leute nicht wieder so von sozialen Kontakten ausgeschlossen werden wie im Frühjahr. Recht hat er. Die Regierung findet auch, dass die Wirtschaft jetzt wieder normal in Gang kommen sollte. Das ist in der Tat notwendig. Die Restaurants litten keine weiteren Einschränkungen mehr. Stimmt: Sie hatten lange genug Probleme. Reibungs- und unterbrechungsloser Schulunterricht sei jetzt eine der grossen Prioritäten. Wer wollte dem widersprechen. Und wer wollte auch etwas dagegen sagen, dass man’s genießt, wenn man wieder normal in Konzerte, ins Kino oder ins Theater gehen kann, zu Sportereignissen oder Hochzeiten, zu Freunden oder in den Urlaub. Urlaub! Urlaub von all den Zumutungen! Urlaub von allen Maßnahmen, die überall den Alltag umgeworfen haben!

Nur: Die offensichtliche Tatsache, dass die Regierung recht hat, ist zugleich das, was offensichtlich nicht geht. Oder vielleicht ist Letzteres auch nicht so offensichtlich, denn sonst würde der Umstand, dass Normalität das Gebot der Stunde ist, nicht so leicht als konsensfähig erscheinen. Konsens ist, dass man seine alten Eltern in den Altersheimen besuchen können muss. Und dass man wieder normal arbeiten gehen können muss, während die Kinder normal in der Schule sind. Usw. usf. Das heisst: »Können müssen« gilt als Synonym für »können können« oder »können dürfen«. In Wirklichkeit bestimmt aber das Müssen die Rückkehr zur Normalität, auch wenn die Gesamtgesellschaft eher das »Muss« in den Vordergrund stellt, unter dem man das ganze Frühjahr über gelitten hatte. Wir können, weil wir müssen.

Ich frage mich aber, ob man mit der Verwechslung von »können müssen« und »können können« nicht kollektiv die Chancen verschenkt, die im einstigen »Muss« verborgen sind. Will heissen: Das »Muss« in seinen verschiedenen Facetten kehrt offensichtlich zurück. Es kommt, ob wir’s wollen oder nicht. Also müsste man sich die Frage stellen, wie man das Müssen gestalten kann, statt umgekehrt zu behaupten, man könne so leben, als gebe es kein Müssen mehr. Müssen können statt können müssen, das wäre Zeichen von Vorstellungs- und damit Gestaltungskraft. Nicht einfach sagen: »Das ist doch aber notwendig!« (zum Beispiel: die alten Eltern besuchen), wenn dieser starken, unhinterfragbaren Notwendigkeit eine andere Notwendigkeit entgegensteht, die nicht weniger notwendig ist als die erste (hier etwa: die Gesundheit der alten Leute schützen und damit indirekt auch das Gesundheitssystem, in dem eben auch andere Krankheiten behandelt werden können sollten, Krankheiten, die auch jüngere Erwachsene oder Kinder betreffen, uns alle also).

Wieder bezogen auf die Regierungspolitik fühle ich mich durch ein Wunschdenken bedroht, das den Widerspruch zwischen oben (will heißen: zentralistischen Höhen) und unten (den Realitäten, die durch die Ansteckung entstehen) nicht wahrhaben will. Oben, da gibt es diese hübschen Erklärungen zur Offensichtlichkeit unhinterfragter, da scheinbar unhinterfragbarer Notwendigkeiten. Von unten wachsen zugleich und im diametralen Gegensatz zu den ersten die anderen, unangenehmen Notwendigkeiten hervor. Das Eine findet nicht zum Anderen. Die Regierung spricht und verspricht, und unten – d.h. lokal – handelt man, so gut man kann, ohne große Worte. Nicht immer gut, aber man muss ja etwas tun. Und man tut’s, weil klar ist, dass man nicht anders kann. Aber oft kann man auch nicht oder kann’s mehr schlecht als recht, weil von oben her dann doch vielfältige Anweisungen erfolgt, die alle darauf hinauslaufen, man müsse aber normal leben können.

Und das wird wiederholt und wiederholt, obwohl sich abzeichnet, dass man das Müssen können müsste und dafür ein entsprechender, gekonnter Rahmen erforderlich ist. Der aber fehlt. Das Wunschdenken versucht, die Wirklichkeiten zu überwältigen. Oder vielleicht noch nicht einmal das: Es scheint, dass gar keine Gewalt nötig ist, schlicht weil als nötig und richtig erscheint, zur Normalität zurückzukehren. Auf diese Weise aber wird man selbst zum Opfer dessen, was dann doch – leider jedoch ohne alle Vorbereitung – über einen hereinbricht. Die Wirklichkeit setzt sich selbst. Sie ist, was sie ist, ganz ohne Mühe. Doch dass dem so ist, das hat allein damit zu tun, dass die Wirklichkeit offene Wege findet, nicht auf Barrieren stößt, weitgehend ungehindert wieder in den Alltag hineinfluten kann.

Wenn wir in der Lage wären, Wirklichkeiten anzuerkennen, würden wir sie mindern können. Die Wirklichkeit des Virus ist nur in Teilen die, die er – nämlich der Virus – hervorbringt. In vieler Hinsicht ist er von uns abhängig. »Müssen können«, das wäre das Gebot der Stunde. Aber es gelingt nicht. Es herrscht eine Kultur des Wunsches, eine Kultur der Gewohnheit, in dem man sich stets und immer alles erfüllen konnte, was man sich wünschte. Schlimmer noch: Unsere Gesellschaft ist eine, die glaubt, es sei nicht nur erforderlich, dass man sich Wünsche erfüllen kann, sondern dass der Wunsch sich werde erfüllen lassen müssen. Dieses Müssen ist unser Hauptproblem, nicht das andere, vom Virus bewirkte. Wir sind gewohnt an Erfüllung und an das Muss, das »must«, des Bekommens und Habens.

Der Virus stellt uns vor Fragen von großer Grundsätzlichkeit. Was jetzt passiert, nimmt vorweg, dass unser Können bezüglich des Müssens weiterhin (und zunehmend) gefragt sein wird. Notwendigkeiten neu definieren, Wünsche anders sehen, einen Wunsch nur als Wunsch erleben und nicht als etwas, was sich notwendig erfüllen muss (eben weil mitunter Situationen entstehen, in denen man’s weder kann, noch wollen kann) – das wäre ein Schritt, der es erlauben würde, auch in Zukunft gegen Krisen von weit größeren Dimensionen einzuschreiten. Einen geschmeidigen Schritt müssten wir uns zulegen, einen, der aus- oder zurückweicht, wenn’s nötig ist, einen, der nicht stur gewohnten Bahnen folgt.

Doch offen gestanden habe ich wenig Hoffnung. Die Dialektik zwischen Können und Müssen fehlt. Es fehlt der Sinn für die Chancen, die in der variablen, gestaltbaren Beziehung zwischen beiden stecken. Es fehlt an allem, was unsere Freiheit ausmachen könnte. Indem man am Gewohnten festhält, gibt man sie auf. Und so muss es kommen, wie es kommt: Die Freiheiten sind bedroht, weil wir allein unser Haben-können-Müssen für bedroht halten und nicht ahnen, dass wir die Fähigkeit haben, anderen, gefährlichen Notwendigkeiten neue Freiheiten abzuringen.

Das ist eigentlich etwas Theologisches: das Notwendige wollen, sich in dieses schicken, doch so, dass es als eine Wahl, ja sogar: als Wunsch erscheint. Das eigene Geschick annehmen, sich Zwängen beugen, doch Kraft darin finden, um den Kopf wieder zu heben und zu sagen: »So ist es gut.«

Anne Peiter

Kommentar

Ich fand Hegels „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“ immer verdächtig und tendenziell ideologisch. Was für eine Freiheit soll bitteschön darin liegen, sich ins Unvermeidliche zu schicken, den Kampf aufzugeben und sich vielleicht mit einer Art neostoischer Unberührbarkeit der Seelensubstanz zu begnügen!

Aber wir leben in einer Krise, und in einer Krise passieren ständig Unvermeidlichkeiten! Und diese Krise lehrt uns auch, achtzugeben darauf, dass wir uns in unserer Freiheit vielleicht überschätzt haben und dass die Unvermeidlichkeiten, unter denen wir jetzt leiden, nur ein Vorgeschmack aufkommender Unvermeidlichkeiten sein könnten, die viel grundsätzlicher und einschneidender sind, als die, mit denen wir im Moment leben müssen.

Horkheimer und Adorno verlegen in der „Dialektik der Aufklärung“ den Beginn der Aufklärung als Naturbeherrschung zurück in die vorgeschichtlichen Anfänge der menschlichen Kultur. Schon Odysseus ist ein Aufklärer, ja ein „Bürger“. Das ist viel kritisiert worden und ich will das hier nicht wiederholen. Es scheint mir aber trotzdem von Nutzen zu sein, die Perspektive zu verschieben. Wenn Odysseus schon ein Aufklärer war, dann war es Hegel, der den Satz von der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit geprägt hat, gewiss erst recht. Aber gleichzeitig gehörten er und seine Zeitgenossen doch eine Epoche an, in der das Ausgeliefertsein der Menschen an die Natur selbstverständliche Realität war. Kinder starben im Wochenbett, Mütter unter der Geburt, es gab Missernten und Epidemien, und wenn man von A nach B wollte, reiche ein Wolkenbruch aus, es zu verhindern. Die Städte waren zwar gewachsen, aber der Durchbruch der Industrialisierung stand noch aus und die Errungenschaften eines Kapitalismus in weiter Ferne, der Freiheit in Konsum umsetzt und die so definiert, dass wir uns alles kaufen können, was wir uns wünschen, vorausgesetzt, wir haben genügend Geld. Das Leben war diktiert von Zwängen, Einschränkungen, Notwendigkeiten, mit denen man sich zu arrangieren und die man zu bearbeiten hatte.

Ist da ein Freiheitsbegriff überhaupt denkbar, der keinen Kompromiss darstellt und tief in der Wolle gefärbt ist vom „müssen können“? Ist Freiheit nicht Arbeit statt Konsum? Wenn ich ein Werkstück anzufertigen habe, sollte ich mir ansehen, ob der Stoff, mit dem ich arbeite, Holz oder Metall ist; davon hängt ab, was ich tun kann, welche Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen und wofür sich das Werkstück am Ende sinnvoll einsetzen lässt. Der praktischen Freiheit, also den Handeln, geht die Einsicht in die Notwendigkeit voraus. Nur wenn ich die Wirklichkeit in ihrer gezackten Härte annehme, lassen sich die Freiräume finden, die die empirische Vorbedingung wirklicher Freiheit sind.

In gewisser Hinsicht sollten wir Corona dankbar sein. Was passiert, ist schlimm, aber wenn nicht alles täuscht, könnte uns diese Epidemie vorbereiten auf die Wirklichkeiten und Unvermeidlichkeite kommender Tage. Sie wäre eine Anfängerlektion in Sachen „Müssen können“, ein noch halbwegs verkraftbares Propädeuticum des großen Lehrstücks, den wir zuschauen und an dem wir teilnehmen: wie wir nämlich alle mit dem außer Kontrolle geratenen Selbstzerstörungspotenzial umgehen, das wir durch unsere Lebensweise des universalisierten „Können müssens“ freigesetzt haben.

Wolfram Ette

Corona 98: Schwindender Unterhaltungswert

Am Donnerstag letzter Woche erfährt die Schule, dass die Mutter eines Schülers aus der neunten Klasse an Corona erkrankt ist. Der Junge geht in Quarantäne und die Familie bemüht sich, dass er so schnell wie möglich getestet wird. Am besten wäre es gleich Donnerstag, aber obwohl es sich um einen Landkreis handelt, in dem die Infektionszahlen im Augenblick noch niedrig sind, geschieht bis Montag nichts. Man würde nun denken, dass das nicht so schlimm sei, die Schule könne ja mit dieser Zeit der Ungewissheit (die allerdings fast schon eine Gewissheit ist, weil es einigermaßen wahrscheinlich ist, das der Junge sich bei seiner Mutter angesteckt hat, bzw. irgendwie und auf andere Weise beunruhigend wäre, falls er sich nicht bei ihr angesteckt hätte) so umgehen, dass wiederum die Maskenpflicht für alle verordnet werden würde, um das Risiko einer Weiterinfektion zu verhindern.

Aber das geschieht nicht bis zum Dienstag, bis zu dem Tag nach dem aus unerfindlichen Gründen bis Montag herausgeschobenen Test, bis zu dem Tag also, an dem der Schüler und seine Mutter das Testergebnis erfahren hätten und klar gewesen wäre, ob die Klasse und ihre Lehrer in Quarantäne geschickt werden müssen.

Die Begründung für die Verspätung lautet, es sei schwierig gewesen, „die Maskenpflicht gegenüber den Eltern durchzusetzen“. Ich verstehe nicht. Denn mir will mir nicht so recht in den Kopf, was Eltern dagegen haben könnten. Der mitteldeutsche Landkreis, in dem sich das zuträgt, ist überdies bei solchen Sachen eher robust; von irgendwelchen Vorstellungen, dass das permanente Maskentragen schädlich sei, habe ich noch nichts gehört; und auch die Zahl derjenigen, die etwas gegen die Masken haben, weil sie Corona rundheraus leugnen, ist gering – zumindest machen sie in der Öffentlichkeit nicht groß auf sich aufmerksam.

Und überhaupt: Was heißt denn überhaupt „durchsetzen“? Muss man hier argumentieren? Gibt es keine Regeln, wie eine Schule sich verhält, wenn einer ihrer Schülerinnen oder ein Lehrer auf ein Testergebnis wartet? Ich weiß das nicht, aber ich nehme doch an, dass es so ist. Oder gibt es wirkliche keine Regelung für solche kollektiven Wartezeiten, und die Schule hat einfach nur Angst, etwas falsch zu machen? Angst vor dem Gesetz, auf das sich Eltern, wenn etwas nicht ideal läuft, gerne berufen?

In gewisser Weise hat die Schule übrigens doch Recht behalten, als sie absurderweise zu dem Zeitpunkt, an dem das Testergebnis herauskam, die Pflicht, eine Maske zu tragen, ausgab. An diesem Dienstag kam, anders als erwartet, kein Testergebnis. Es kam erst am Mittwoch Nachmittag, und es war negativ. Die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer hätten also zwar keine Maske tragen müssen, aber immerhin wurde der Zeit der Ungewissheit formaliter Rechnung getragen. So hat es zu geschehen und so ist’s dann auch geschehen.

Wenn es der Schule überdies gelungen wäre, die Eltern davon zu „überzeugen“, zumindest am Freitag der vorangegangenen Woche ihren Kindern eine Maske mitzugeben, wäre dies noch rationaler – wenn auch, wie sich in der nächsten Woche herausstellte, unnötig – gewesen, denn ansteckend ist man ja, wie wir mittlerweile wissen, wenn man das Testergebnis bekommt, in er Regel nur noch für wenige Tage.

All das sind harmlose Schwierigkeiten, mit denen diejenigen, die sich damit beschäftigen können, ein wenig herumspielen können; es macht meiner Tochter Spaß, davon zu erzählen, und mir macht es Spaß, zuzuhören, und während ich zuhöre, beginnen sich die Paradoxien in meinem Kopf langsam zuzuspitzen. Aber es findet, wie gesagt, in einem Landkreis mit niedriger Bevölkerungsdichte statt. Die Nachrichten, die uns aus den großen Städten erreichen, sind beunruhigend: die Lage in Madrid ist katastrophal; in Paris wird die Situation immer schwieriger; und in Berlin wird es wohl nur deswegen keine strengen Ausgangsbeschränkungen geben, weil die Stadt als ganze gerechnet wird und der Unterschied im Sozialverhalten zwischen den innerhalb des Innenstadtrings gelegen Vierteln und der stilleren B-Zone so groß ist. Doch auch in der Provinz können sich die Dinge verändern und der Unterhaltungswert, der sich aus dem Widerspiel von Sorglosigkeit und bürokratischen Fahrlässigkeiten ergibt, wird wohl schwinden.

Wolfram Ette

Corona 97: »Übersterblichkeit«

I

Ich kann mir nicht helfen, aber dieses Wort hat’s mir angetan: Übersterblichkeit. (Ja, angetan, auch das ein Wort, das einem etwas antut.) Aber jetzt hat’s mir erst mal nur das eine Wort angetan, das genannte. Mir. Und anderen. Also nicht nur mir. Das, was mitunter auch als »Exzess-Mortalität« bezeichnet wird, wirkt, als würde es eine Steigerung von Tod geben. Und das ist ja in der Tat gemeint: Die Sterberate ist erhöht. Aber wenn man’s nicht demographisch nimmt, sondern das Wort auf sich selbst, die eigene Person, bezieht, ist’s, als gebe es einen Unterschied zwischen einem normalen und einem exzessiven Tod. Als ob der normale Tod nicht an sich schon der Exzess schlechthin wäre, das Unüberbiet-, das Gar-nicht-mehr-Steigerbare, der Gegenpol zum Leben selbst! Denn wenn man tot ist, ist man doch tot? Kann es Schlimmeres geben? Gibt es Toteres als einen selbst, wenn man einst gestorben sein wird? Ist die Normalität des eigenen Todes nicht immer schon etwas, das, weil schwer vorstellbar, als Maßloses, als etwas aus der Wahrnehmung von sich selbst Heraustretendes ins eigene Leben treten wird? Der Tod tritt ein, doch indem er eintritt, wird das Ex-zessive, das, was auf unvergleichliche Weise unsere Masse verschiebt, erfahren?

Die Statistiker belehren uns, das Wort beziehe seinen Sinn allein aus dem Vergleich. Der Vergleich könne erfolgen zur Empirie oder zu Erwartungswerten. Das heißt, dass man unterschiedliche Zeiten oder Bevölkerungsgruppen miteinander vergleicht. Es zeichnet sich dabei die Tendenz ab, Vergleiche vor allen Dingen dann zu ziehen, wenn ein Exzess vermutet wird. Wenn dieser ausbleibt und die Mortalität gar besonders niedrig ausfällt, müsste das Antonym des Wortes »Übersterblichkeit« verwendet und von »Untersterblichkeit« gesprochen werden.

»Ich bin untersterblich«, das sagt niemand gern von sich, denn es würde bedeuten, dass die eigene Lebensdauer als exzessiv betrachtet werden und man sich selbst sagen muss, man sei dabei, auf unerwartete, ja unverdiente Weise alt zu werden. »Immer noch nicht tot! Immer noch am Leben! Was für eine Untersterblichkeit!« Fast ist es, als müsse man sich dafür schämen, nicht der Statistik zu folgen und weiterhin am Leben zu sein. Das Leben als Schuld, als das Unwahrscheinliche, der Tod hingegen als das, was längst hätte erfolgen müssen, wenn’s denn ordentlich zuginge – das ist kein angenehmer Gedanke.

Und selbst wenn’s einem gelingt, von sich selbst abzusehen und, den Statistikern folgend, wieder in vorgeschriebener Kühle von der Untersterblichkeit bestimmter Zeiten oder Bevölkerungsgruppen zu sprechen – Kollektive bedenkend, nicht sich selbst –, fühlt man, obwohl doch die Unter- so viel besser ist als die Übersterblichkeit, ein Unbehagen. Es erfolgt in der einen wie in der anderen Richtung eine Enteignung: Der Tod, den man, gemeinsam mit anderen, aufgrund bestimmter Entwicklungen erleiden könnte, muss in Abhängigkeit von diesen Entwicklungen gedacht werden. Und gleichzeitig weiß man, dass, wenn man sich diese Entwicklungen nicht klarmacht, nichts unternommen wird, um Unter oder Über, das Drunter und Drüber, das die Wahrnehmung unserer eigenen Gefährdung und Verletzlichkeit ergriffen hat, zu beeinflussen. Die Schlussfolgerung lautet, dass das Konzept der Übersterblichkeit notwendig ist, notwendig, um ihr Eintreten zu verhindern.

Oder anders noch: Man möchte das Über gern in ein Unter verwandeln, möchte, dass das Über gegenüber dem Unter weder Über-, noch Oberhand gewinnt, sondern sich das Unten langsam über das Über erhebt, fast schon von der »Untersterblichkeit« hin zur so viel schöneren »Unsterblichkeit«. »Untersterblichkeit« als Weg weg von der »Über-«, hin zur »Unsterblichkeit«, das wäre ein echter Sieg der Präfixe! Ein Sieg der Sprache und ihrer Lebendigkeit!

Wir wissen’s ja: Präfixe sind Worterweiterungen, die hier einer Erweiterung des Wertes Leben, weg von statistischen Erwartungswerten ermöglichen. »Praefigere«, etwas vor etwas befestigen, das ist wie eine Art Lebensversicherung: Man befestigt die Vorsilbe »Unter«, oder besser noch »Un« vor der Sterblichkeit, und schon ist man geschützt vor allen Übertreibungen des Todes. Was für herrliche Worte! Sie haben es mir angetan, im neuen, leuchtend-aufatmenden Sinn.

Man hat das Leben nicht so leicht über, darum schätzt man alles, was mit »Un« beginnt. »Un«, das beginnt und hört gleich wieder auf: Es ist der kürzesten Präfixe eines. »Unter«, das ist schon länger, ist nicht so sicher, nicht so absolut. Aber immerhin. Man lässt sich vom »Über« nicht so gleich unterkriegen. Darum geht es: Wenn schon das »Un« vergangenen, dem Göttlichen verschriebenen Zeiten zugehört und ihnen allein, dann wollen wir uns doch wenigstens das »Un-ter« zu eigen machen. Es liegt nahe. Ihm (dem Göttlichen, das vergangen ist). Und uns (den Ungläubigen). Es ist die Schmalform des »Un«, seine säkulare Schwundstufe, die Umformung der einstigen Überzeugung, man werde zum ewigen Leben zu finden, einer Überzeugung, die jetzt einzig und allein noch von der statistischen Erfassung des Lebens ausgeht.

II

Man kann in die Dämonie solcher Wortbildungen nicht tief genug eindringen. Hier einige weitere Beobachtungen:

›Sterblichkeit‹ ist prima vista ein qualitativer Begriff. Menschen sind sterblich, die Götter sind es nicht; immer werden sie, wenn der altgriechischen Literatur zum Beispiel, als »die Unsterblichen« bezeichnet. ›Übersterblichkeit‹ aber ist, ebenso wie das neu gebildete, interessanterweise aber nicht kurrent ›Untersterblichkeit‹, ein statistischer Begriff. Er bezeichnet, wir erfahren es aus den Medien, eine überdurchschnittlich hohe Todesrate; und noch genauer: er bezeichnet die Zahl derer, die unerwarteterweise, weil über dem Durchschnitt liegend, verstorben sind. Dass eine solche quantitative Festlegung (ein Mehr oder Weniger) mit einem qualitativen Grundbegriff (man ist entweder sterblich oder man ist es nicht) – verkoppelt wird, irritiert mich seit dem Beginn der Krise, die die Übersterblichkeit publik machte.

›Über‹ klingt außerdem irgendwie gut, ›unter‹ irgendwie schlecht. Wir können nichts dagegen machen, diese ungleichberechtigte Verteilung von Oben und Unten ist kulturell so fixiert, dass wir den allerersten Wohlfühlreflex, der sich einstellt, wenn wir das Wort hören, schwerlich vermeiden können. Man strebt ›nach oben‹, ›empor‹ zum Licht, die im Dunkeln dagegen, die ›unten in der Tiefe‹ wohnen, sieht man nicht, und möchte man nicht sehen; man ›über‹-trifft andere oder ›unter‹-liegt ihnen; Platons Ideen, die Wahrheit, Dantes Paradies – sie alle sind irgendwie ›über‹ uns, es sind Schattierungen der Metaphysik, die eben auch von ›Über‹-sinnlichen handelt; ›da unten‹ in der Tiefe dagegen ist die Hölle, da wohnen die Proletarier im Dunkeln, Schmutz und Gestank mit ihren ›niedrigen‹ Bildungsstand.

Nun ist wohl niemand, der das Wort Übersterblichkeit verwendet, gesonnen, dieser Asymmetrie unseres räumlichen, vermutlich im Neolithikum ausgebildeten Koordinatensystems kritisch entgegenzutreten. Die seltsame Vertauschung des Positiven und des Negativen, produziert mithin Ideologie. Vermutlich nicht mit Absicht. Aber unbewusst und objektiv. Wenn Christian Drosten, das ja auch von mir bewunderte Sonnenscheinchen wissenschaftliche Rationalität, dieses Wort, wie immer wohlartikuliert, in den Mund nimmt, klingt es gut, ich fühle mich dabei gut, auch wenn der zweite – aber immer erst der zweite! – Gedanke besagt, dass das ja gar nicht stimmt, dass es bedeutet, dass Menschen gestorben sind, die sonst nicht hätten sterben sollen.

Und noch mehr: ›über‹ klingt nicht nur irgendwie besser; es ist in unserer Tradition aufgeladen mit metaphysischen Reminiszenzen. Das will sagen: ein ganz kleines bisschen und nur für einen winzigen Moment klingt ›Übersterblichkeit‹ wie Unsterblichkeit. Wer übersterblich ist, der ist doch irgendwie ›mehr‹ als sterblich, oder wie?

Wir haben also zwei Säkularformen der Unsterblichkeit, die die griechischen Götter besaßen und die das Christentum der menschlichen Einzelseele zuschrieb.

Nummer 1: Untersterblichkeit. An dieser »Schmalform des Un« müssen wir festhalten, auch wenn sie sich nicht so cool anhört wie ›Übersterblichkeit‹. Wenn wir den Tod schon nicht abschaffen können, dann lasst uns, verdammt nochmal, um jedes einzelne Menschenleben kämpfen, mit allen Mitteln, denn niemand verdient es zu stärken. Dieser Kampf, ein medizinischer, ökonomischer und politischer Kampf, versucht, die Versprechungen der Metaphysik auf dieser Welt einzulösen. »Es gibt ein Leben vor dem Tod« sang Biermann. Richtig so. Und man muss sich dafür einsetzen, dass so viele Menschen wie möglich in den Genuss dieses Lebens kommen, und dass es dabei gerecht zugeht.

Und Nummer 2: die Übersterblichkeit, faulig und stinkend, durchsetzt von den Gärstoffen der verwesenden Metaphysik, schillernd wie das Aas, das Baudelaire beschrieb und dessen unerhörten Glanz er in seinen Gedichten geltend zu machen versuchte. Die Übersterblichkeit macht eben das, was die Metaphysik immer getan hat. Die zweite Hand nimmt weg, was die erste ausgeteilt hat. Sie ist ein gebrochenes Versprechen, das gesprochene Versprechen per sie; das Versprechen, das so schön klingt, dass es über seine notorische Nichterfüllung hinweggleitet und hinweggeleitet. Wer wollte, in Zeiten der Krise zumal, nicht übersterblich sein!

I / Anne Peiter – II / Wolfram Ette

Corona 96: Anthropomorphismen

Désormais

»Désormais, le virus circule activement.»– Das ist jetzt die gängige Formel, derer sich sämtliche französischen Zeitungen zu bedienen pflegen: Der Virus »zirkuliere»inzwischen aktiv, »gehe»aktiv »um«, bewege sich, ungefähr so. Aber auf jeden Fall nicht mehr so wie vorher. Nicht so passiv. Die neue Phase, die der starken und mitunter sogar exponentiellen Ausbreitung, wird beschrieben mit »aktiv«. Und der neue, zeitliche Index steckt im »Inzwischen«. Es ist anders als zuvor. Inzwischen ist es anders. Anders geworden. Der Virus ist zur Aktivität übergegangen, zum Angriff gleichsam – voilà die jetzige Realität.

Eine Anthropomorphisierung unter vielen anderen ist zu beobachten. Von besonderem Interesse erscheint sie mir darum zu sein, weil noch in der Warnung Entlastung steckt. Es ist der Virus, der aktiv ist, nicht wir, die wir ihn durch unser Verhalten aktiviert haben. Seien wir noch genauer: Aktivieren können wir ihn nicht, denn wir sind ja er. Oder er wir, ganz egal.

Wichtig nur: Der Virus ist passiv, d.h. von uns abhängig. Er kommt nur so weit, wie wir selbst kommen. Ohne uns ist er nicht denkbar. Also kommt es einer Verharmlosung gleich, ihn für aktiv zu erklären. Nein, er hat sich nicht im geringsten geändert! Er ist noch immer der Gute, Alte, der gute Alte. Der von vorhin. Kein »Inzwischen« ist nötig, um ihn zu erklären. Der Hinweis auf seine »Aktivität » ist nur Ausdruck des Wunsches der menschlichen Entscheidungsträger, sich selbst als Angegriffene darzustellen, nicht als diejenigen also, deren Passivität im intellektuellen Umgang mit der Krankheit so immens war, dass man einfach wieder in sie hineinschritt, aufrechten Hauptes, gestärkt durch die Ferien, die keine waren und die »inzwischen« vorbei sind, weil jetzt andere Kräfte und Aktivitäten auf uns eindringen. Unsere eigenen. Aber so, als wären sie nicht von uns selbst. Ungefähr so.

Das Unsichtbare und das Sichtbare

Es ist nicht bloß ein Problem, das Unsichtbare darzustellen. Die Menschen haben sich noch nie mit den Sichtbaren zufrieden gegeben, und dies mit gutem Grund. Sie erkannten dahinter die unsichtbaren Mächte, die alles steuern und machten sich ein Bildnis davon – wahrscheinlich auch dann, wenn sie behaupteten, dass die allerhöchsten der unsichtbaren Mächte es ihnen verboten hatte. Aber auch die antiken Materialisten, die alles auf den Fall winzig kleiner, unsichtbarer Atome reduzierten, verfuhren ebenso; wie die Naturwissenschaftler der frühen Neuzeit, die sich mit Staunen dem Phänomen mathematisch formulierter – und höchst unsichtbarer – Naturgesetze näherten, die den Ablauf aller Erscheinungen regelten. Wir selbst sind einige Jahrhunderte später, an dem Punkt angelangt, dass wir selbst mit den ausgefeiltesten Messinstrumenten nicht sehen können, was im Inneren eines Atoms vor sich geht, sondern nichts weiter festzustellen haben als »Aufenthaltswahrscheinlichkeiten« unserer Elementarteilchen. So gesehen ist alles, jedenfalls alles Entscheidende unsichtbar und wir leben nach wie vor im Zeitalter der Metaphysik, mit dem einzigen Unterschied, dass es materielle Prinzipien sind, die an die Stelle der Götter und Ideen gesetzt wurden: Atome oder Atomteilchen, Mikroben und / oder Viren, Säure-Base-Sequenzen, die sich zu bestimmten Eiweißen verbinden, oder eben die an anderer Stelle ansetzende Abstraktion der Zahlen und der mathematisch formulierten Naturgesetze.

Aber es gibt doch einen Unterschied und er ist entscheidend. Wissenschaftlicher Fortschritt ist der Prozess, der vom einen zum anderen führt, und d.h. auch: von einem handhabbaren zu einem nicht so gut handhabbaren Unsichtbaren. Handhabbar aber meint: anthropomorphisierbar. Wissenschaftlicher Fortschritt ist der Weg der Entmenschlichung der Welt. Wir verstehen allmählich und in kleinen Schritten, dass die Welt, oder jedenfalls große Teile von ihr, nicht so funktionieren, wie wir uns das denken; und dass vor allen Dingen die Vorstellung eines Zweckes, die wir aus unserem eigenen Handeln mehr oder weniger bewusstlos auf die Naturphänomene übertragen, nichts weiter ist als eine Projektion, durch die wir das, was wir nicht sehen oder zu sehen glauben, nach unserem Bilde formen, wie jener Gott, dem es einst unterstellten. Wir haben uns davon entfernt, zumindest ein bisschen, und begriffen, dass das, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht im entferntesten so ist wie wir, und dass wir selbst, mit all unserem Bewusstsein und Forscherdrang, nicht viel mehr sind als ein mattes Aufglänzen der Oberfläche dieser Welt, die vor allem aus unsichtbarer Tiefe besteht.

Wenn wir aber in eine Krise kommen, fangen wir wieder an zu anthropomorphisierbaren: wie verrückt, wir können fast nicht anders, weil der Reflex, das uns in einer Bedrohungssituation Begegnende menschenähnlich – und damit irgendwie bekannt und vielleicht sogar beherrschbar – vorzustellen, robust und überaus tief in uns verwurzelt ist. Wir beginnen zu lieben, zu hassen, zu beten, zu opfern, was auch immer -: weil die Übermacht der Natur uns auf diese Weise verständlich wird. Sie, die uns uns gleich, nur unendlich viel mächtiger ist, hoffen wird auf diese Weise zu unseren Gunsten umstimmen zu können.

Ein solcher Krisenzustand droht umso mehr, wenn es sich tatsächlich um etwas handelt, dass wir nicht sehen können und für dessen Verhalten es keine sinnliche Evidenz gibt und kein anthropomorphes Handlungsprofil. Es ist ja nicht einmal möglich, den Weg eines einzelnen Virus vom Überträger zum Empfänger zu verfolgen, – und es ist, schlimmer noch, nicht einmal sinnvoll, weil das, worauf’s ankommt, allein die »Viruslast« ist, die der Speichel des Überträgers (oder der Überträgerin) enthält. Und die zählt nach Milliarden. In dieser unsichtbaren Welt gibt es, das fällt uns schwer zu begreifen, keine Individuen, alles läuft über Zahlen und Masse in unvorstellbaren Dimensionen.

Und dennoch ist diese Welt, auf eine überraschende und etwas perverse Weise, anthropomorph: viel menschenähnlicher jedenfalls als die der Atome und der Naturgesetze. Ein Virus lebt nicht, oder nur potenziell. Er ist die Extremform eines Parasiten, denn zum Leben erwacht er erst durch diejenigen, die es tragen und in deren Organismus es sich eingenistet hat. Es agiert nicht, es reagiert nur auf das, was wir tun – mit unheimlicher Effizienz. Aber es reagiert auch nicht auf das, was wir als Individuen mit all unseren Zielen, Handlungsmaximen, Zwecken und Vorsätzen tun. Das ist ihm, um selbst einmal zu anthropomorphisieren, »egal«. Was zählt, ist unser Massenverhalten, also all das, was dem Individuationisprinzip widerstreitet und uns dazu veranlasst, uns zusammenzuballen: das dionysische Prinzip, der Massen- oder Herdentrieb, unser Unbewusstes, das sich nach Vereinigung mit einer Menge sehnt, in der ich aufhöre, ich zu sein, oder jedenfalls die Grenzen, die mich vom anderen trennen, eine Zeit lang niedergehalten werden können. Darauf reagiert das Virus, dieses Unsichtbare setzt es in Tätigkeit. In diesem Sinne ist es anthropomorph. Aber nicht nach dem Maß unseres Bewusstseins. Ansteckung ist eine Art Triebgeschehen, wird durch eines ausgelöst und ist ihm vergleichbar.

Désormais: Anne Peiter – Das Unsichtbare …: Wolfram Ette

Corona 95: Eins, Zwei oder Drei

In den französischen Grundschulen sind keine Masken vorgeschrieben. Man folgt der Doktrin, dass jungen Kindern das Tragen einer Maske nicht zuzumuten sei und selbst 10- oder fast 11jährige unter der Maske leiden würden. Der Schutz wird also allein durch das Kindsein erwartet: Der Verlauf der Krankheit sei in diesem Alter normalerweise undramatisch, wird argumentiert.

Dennoch war es bisher so, dass die KlassenkameradInnen, in deren Klasse ein anderes Kind als Covid-krank gemeldet wurde, erst vierzehn, dann – nach Lockerungen der Regeln – sieben Tage Zuhause bleiben mussten, weil sie als »Kontaktperson« dieses Kindes galten. Auch das Lehrpersonal war von dieser Regel betroffen: Vierzehn, später dann sieben Tage, das war der Schutzmechanismus, der verhindern sollte, dass die Ansteckung in einer Klasse weiter um sich griff.

Ab heute, Dienstag, den 22. September, ändern sich die Regeln erneut. Der Minister hat’s bekannt gegeben: Kinder, die mit anderen KlassenkameradInnen in täglichem Kontakt stehen – eben darum, weil sie in dieselbe Klasse gehen, in der gleichen Kantine essen, gemeinsam Sport machen, sich im Pausenhof vergnügen und im Bad das Schwimmen erlernen –, sind plötzlich keine Kontaktpersonen mehr, und der Lehrer oder die Lehrerin, die in einer Klasse mit Covid-Fällen unterrichten, auch nicht. Das Protokoll zur Identifizierung von Kontaktpersonen, ihre eventuelle Isolierung, die mögliche Schließung von Klassen oder gar der ganzen Schule werde jedoch umgesetzt, wenn es in derselben Klasse wenigstens drei Fälle aus unterschiedlichen Familien gebe, fuhr der Minister fort. (Drillinge aus einer Familie, die alle in die gleiche Klasse gehen, zählen – man kann’s sich selbst aus der neuen Regel ableiten – nicht.) Kinder trügen zur Ansteckung ohnehin nur wenig bei, hatte Olivier Véran schon in der letzten Woche bezüglich der letzten Entwicklungen festgestellt. Das erklärte Ziel besteht darin, die Zahl der in Quarantäne befindlichen Klassen – LehrerInnen wie SchülerInnenschaft – zu senken.

Diese Begründung steht ganz am Ende der Argumentation. Das Ministerium gibt vor, von sanitären Überlegungen auszugehen und aus ihnen die Möglichkeit abzuleiten, die Zahl der geschlossenen Klassen zu senken. Ich kann aber nicht anders, als die Bekanntmachung in umgekehrter argumentatorischer Folge zu lesen: Man will die Zahl der geschlossenen Klassen senken, darum erklärt man, Klassenkameraden dürften nicht länger als Kontaktpersonen gelten und die LehrerInnen dieser Klasse auch nicht. Die Kausalität verzaubert sich in Teleologie, aus Ursache und Wirkung wird die Prägung des Gesamtverlaufs »vom Ziel her«, der Fluss fließt bergauf. Erst wenn mindestens drei Kinder (oder zwei Kinder und der Lehrer oder die Lehrerin?) krank sind, d.h. die ehrwürdige Zahl »Drei« erreicht ist, findet das Ministerium, dass es in der Klasse zu Kontakten gekommen ist. Das heißt, dass erst eine Evidenz im Übermaß eingetreten sein muss – nämlich die gleich drei- oder vier- oder n-malige Erkrankung –, damit die bestehenden Kontakte als Kontakte auch wirklich Anerkennung finden.

Der Vorteil des neuen Reglements ist klar erkennbar. Solange sich die Zahl der Kranken pro Klasse nur auf ein oder zwei SchülerInnen beschränkt, muss die Gesundheitsbehörde nicht einschreiten, muss sie nicht die Frage klären, ob die Kranken mit ihren KlassenkameradInnen und dem Lehrpersonal in Kontakt gewesen sind. Es ist von vornherein festgelegt, dass Kontakte nicht bestehen. Sobald dann aber drei (oder mehr) Kranke festgestellt werden, ist durch die bloße Zahl – die heilige Drei – erwiesen, dass es Kontakte gegeben hat. Aber auch jetzt muss nicht erst zu Befragungen und Untersuchungen geschritten werden, denn die Drei spricht ja für sich selbst und ermöglicht das, wofür keine Gesundheitsbehörde mehr verantwortlich wird zeichnen müssen: Ab drei Kranken wird die Klasse geschlossen. Sie schließt sich gleichsam selbst, selbst läufig der Zahl Drei folgend.

Das heißt, dass man sich auch hier viel Arbeit erspart: Bei unter drei muss man sich keine Fragen mehr stellen und bei über drei auch nicht, denn dann ist eben qua Krankheit erwiesen, dass es, obwohl Kranke in Grundschulen per definitionem keine Kontakte gehabt haben, doch zu Kontakten gekommen ist.

Wenn es denn ein Beispiel gibt für den Umschlag hin zur neuen Doktrin, die jetzt in sämtlichen Bereichen andere, alte Doktrinen aus den Angeln hebt, dann liegt es hier vor: Kinder haben, weil sie Kinder sind, keine Kontakte. An ihnen kann sich die Rückkehr zur Normalität, die allüberall in Frankreich gepredigt wird, erweisen. Oder anders: Kinder haben sehr wohl Kontakte, doch nie gefährliche, risikoreiche, denn ihnen kann ja nicht zugemutet werden, als Kinder schon mit Gefahren oder mit belastenden Maßnahmen zum Schutz vor diesen konfrontiert zu werden. Dafür sind sie eben Kinder! Und die müssen um jeden Preis zur Schule gehen!

Jetzt bleibt jedoch eine Frage offen, und die geht über die Klassengesellschaft, die sich hier, der Abwechslung halber, mal über’s Alter definiert, hinaus: Wenn Kinder auch keine Kontakte in der Schule haben, so haben sie doch aber sehr wohl Kontakte außerhalb der Schule, z.B. aufgrund ihres Lebens mit ihren Familien, oder? Und am Schulanfang hatte die Expertenkommission, die in Frankreich stets so ergeben der Regierung nach dem Munde redet, in dem der Wunsch nach Alltag in wässriger Ungenauigkeit Speichelfäden zieht, die Öffentlichkeit stets vor dem Missverständnis gewarnt, man solle bloß nicht glauben, dass der generell undramatische Verlauf von Krankheiten bei Kindern bedeute, dass sie selbst Erwachsene (oder jugendliche Geschwister?) nicht anzustecken vermögen. Sie seien sehr wohl ansteckend, das Risiko bestehe, Illusionen in Bezug auf diese Fragen seien zu bekämpfen.

Doch davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Das Schulministerium ist das Schulministerium, mit den Lebensrealitäten über die Schulen hinaus will es nichts zu tun haben. Also ist es nix mit der Familie und den Verwandten der betroffenen Kinder. (Für sie – also die Familie – gibt es ja ein eigenes, ministeriales Ressort, der Schulminister kann sich nicht um alles kümmern.) Das heißt also, dass der Begriff des »Risikokontakts« gleich zweifach durchschlagen wird. Man kappt nicht nur den Bestandteil »Risiko« vom Grundwort des Kompositums (d.h. vom »Kontakt«), sondern man eliminiert vorsichtshalber gleich auch das Grundwort »Kontakt« gleich mit (das durch das »Risiko« nur eine nähere Bestimmung erfuhr). Das heisst, es bleibt wirklich nichts mehr übrig von den einstigen Regeln: weder Risiko, noch Kontakt, dafür aber eine Lehrerschaft, die es sich jetzt nicht mehr beim ersten Alarmruf Zuhause gemütlich machen darf.

So stellt sich nur die Frage, ob die Eltern sich einverstanden damit erklären werden, dass Kontakte, zu denen es vor einigen Tagen gekommen ist, aufgrund von Erkrankungen zum Nicht-Kontakt erklärt werden, nur damit die Zahl der Klassen, die bei mindestens drei Kranken nach Hause zu schicken wären, sinkt. Doch inzwischen habe ich schon Realismus gelernt. Da die Gesundheitsbehörden gar nicht mehr überprüfen werden müssen, ob es Kontakte gab oder nicht, werden die Autoritäten nicht über die Kranken Auskunft geben, d.h. man wird gar nicht erst wissen, dass ein oder zwei Kinder (oder LehrerInnen?) krank sind oder waren, weil ja jeder mal krank sein kann und das ärztliche Geheimnis auf jeden Fall zu wahren ist. Das heißt, die fehlende Transparenz wird so groß sein, dass man der Situation erst inne wird, wenn das eigene Kind schon nach Hause geschickt worden sein wird: dann also, wenn kraft Erkrankung eine Art Transsubstantiation stattfindet, die den dekretierten Nicht-Kontakt zwischen den Kindern in einen Kontakt verwandelt.

Die Wesenseinheit der Trinität kehrt zurück. Dies ist das Blute von meinem Blute, das für Euch vergossen wurde. So spricht Christus. Und Gott und der Heilige Geist nicken zustimmend, denn ab der Zahl Drei kann sogar das französische Schulministerium nicht mehr anders als zuzugeben, da müsse es doch irgendwie eine Einheit geben.

Denn ab der Zahl Drei beginnt eine neue Definition, und die kennen wir jetzt zu genüge. Sie heißt: Cluster. Cluster ist, wenn’s nicht nur um ’ne Familiengeschichte oder Drillingsgeburten geht. Cluster, das ist was Ernstes. Gott, Gottessohn und Heiliger Geist sind ein Cluster, daran kommt keiner vorbei. Ab drei wird’s kritisch. Denn wie schon Gott, darin dem Virus gleich, sagte: »Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen«.

Anne Peiter


 

P.S.: Ich hatt’s nicht begriffen! Es vergessen! Klar, die neuen Regeln für die Schule haben gar nichts mit der Schule zu tun, sondern schlicht damit, dass Eltern, die wegen kranker Kinder zuhause bleiben müssen, weiterhin bezahlt werden sollen. Das ist teuer. Je mehr die Kinder – egal nun ob mit oder ohne kranke Klassenkameraden – in die Schule gehen, desto besser für die Wirtschaft und desto kostengünstiger für den Staat. Blanquer, der Erziehungsminister, hat denn auch gleich froh verkündet, die Zahl der geschlossenen Klassen und Schulen werde sich in den nächsten Tagen sicher als rückläufig erweisen. Ja, das ist sicher. Es ist das Sicherste von dem, was die Sicherheitsmaßnahmen für die Schulen überhaupt enthalten. Sicherheitsmaßnahmen für die Schulen sind Sicherheitsmaßnahmen für ganz Anderes.

Corona 94: Zwischen Krieg und Alltag

Komisch, wie Macron von einem Extrem zum anderen übergegangen ist. Von reimend-martialischer Kriegsrhetorik – „Nous sommes en guerre, en guerre sanitaire !“ – hin zu „Il faut apprendre à vivre avec le virus“, d.h.: Rückkehr zum Alltag. Der Präsident fürchtet um seine Wiederwahl, er will nichts Unpopuläres entscheiden, also entscheidet er gar nichts, sondern überträgt, obwohl einem stark zentralistischen Staat vorstehend, alle Verantwortung auf die Präfekturen und Entscheidungsträger vor Ort. Die wissen nicht, wie ihnen geschieht, haben wenig Erfahrung mit so viel Verantwortung, und fallen so gleichfalls von einem Extrem ins andere: Erst hatten sie alle fiebernd darauf gewartet, dass die Regierung aus den Ferien zurückkehren möge und hatten nichts zu entscheiden gewagt. Jetzt stehen sie plötzlich allein da, ohne Anweisung, und dürfen alles.

Und ein bisschen frage ich mich, ob so etwas nicht auch mit echten Kriegen passiert, ich will sagen, mit dieser Rückkehr von Normalität. Man wird des Krieges so leicht müde, wenn die ersten Begeisterung über’s Heroische der eigenen Person vorbei ist, und wenn man, weil oben stehend, dieser Müdigkeit nachgeben, um seinen eigenen Alltag ein Gehege ziehen und zum Privileg der Normalisierung zurückkehren kann, dann erklärt man eben allgemein, man solle sich vom Krieg doch bitte nicht zu stark beeindrucken lassen.

Wer hätte das gedacht! Ich, die ich Macrons Rhetorik vom Anfang nicht ohne Schaudern hören konnte und in ihm den kleinen Jungen sah, der sich gross machen wollte mit Hilfe einer Bedrohung, auf die er würde reagieren müssen, wünsche jetzt fast die guten alten Zeiten zurück, in denen der Normalitätsaspekt bescheiden in die Ecke trat und nicht wagte, sich lautstark bemerkbar zu machen. Jetzt aber sind wir da. Der Virus ist nicht besiegt, der „Krieg“, den Macron ausgerufen hatte, tritt in seine zweite Phase. Aber wir sollen normal leben, normal leben, normal leben.

Und vielen gelingt das in der Tat recht gut. Ich hingegen komme gedanklich und emotional mal wieder nicht mit. Dass Kriege sich nur darum ins Unabsehbare verlängern, weil die Durchhaltementalität in Verbindung tritt zur Banalisierung dessen, was geschieht – das kennen wir ja aus vielerlei historischen Erfahrungen. Es ist die Erfahrungslosigkeit noch inmitten der Katastrophe, die ihre – der Katastrophe – Veralltäglichung möglich macht. Kriege also werden geführt, wenn man männliche Stärke beweisen will. Kriege werden aber auch dann geführt, wenn man ihre Dramatik einfach aus dem eigenen Blickfeld ausschaltet. Und wer beides kann, der hat’s eh gut, denn nie wird diesen Mensch auch nur der Hauch der Ahnung streifen, dass gerade etwas passiert. Absorbiert wird alles in der Rhetorik selbst. Und deren Konsequenzen, die zeigen sich dann ganz woanders.

Anne Peiter

Corona 93: Wie Misstrauen entsteht

Über die Presse erfährt man, dass es in der Schule erneut einen Covid-Fall gegeben hat. Weder auf der Internetseite der Schule, noch in deren Mails, noch auf der Seite des Schulamtes findet sich auch nur ein einziger Hinweis zu Hintergründen, Massnahmen oder betroffener Jahrgangsstufe. Die Elternvertreter schreiben an die Schulleitung, bitte um mehr Transparenz, verweisen darauf, dass das kranke Kind offenbar in der Schulkantine gegessen habe und sich daher bei vielen Eltern Unruhe ausbreite.

Die Schulleiterin schreibt zurück, sie sei von keinem der Eltern kontaktiert worden. (Dass die Mail der Elternvertreter eine Kontaktaufnahme nicht nur von Elternvertretern ist, sondern diese, weil sie als Elternvertreter Eltern vertreten, nicht allein für sich selbst sprechen, sondern eben auch für Eltern, die sie – die Elternvertreter – gleichzeitig selbst sind, fällt unter den Tisch, der wahrscheinlich der Tisch der Kantine ist.)

In ihrer Antwort breitet die Schulleiterin weiter aus: »Comme vous avez pu le lire dans la presse, les élèves et personnels du collège Juliette Dodu n’ont jamais eu besoin d’être isolés, parce que les élèves concernés ont été déclarés cas COVID+ alors qu’ils étaient déjà en isolement depuis plusieurs jours.« (»Wie Sie in der Presse haben lesen können, ist es nicht nötig gewesen, die Schüler oder das Personal des Collège Juliette Dodu zu isolieren, denn die Schüler, die als Covid-Fall klassifiziert worden sind, waren bereits seit mehreren Tagen in Isolation.«)

Ach, denkt man da, es gibt also nicht nur einen Fall, sondern gleich mehrere? Gleichzeitig? Und isoliert werden musste nicht, weil die Isolation schon eingetreten war? Ein »Sowieso« im Sinne von »Es war sowieso schon alles unter Kontrolle«?

Doch wie kann man vom Umstand der Isolation darauf schließen, dass die anderen Eltern wissen, dass die Isolation schon eingetreten war? Warum sieht die Schulleitung nicht, dass eine Sache die erfolgte Isolation ist und eine andere Sache die Information bezüglich dieser Isolation? Und wie kann Vertrauen entstehen, wenn eine Schulleitung impliziert, es habe sowieso in der Presse gestanden und die betreffenden Schüler seien sowieso schon isoliert gewesen, so dass sowieso schon alles gemacht war, was, wenn’s nicht gemacht worden wäre, schnell hätte gemacht werden müssen?

Die Multiplizierung der Sowiesos mit sich selbst, ihre wechselseitige Verstärkung sind etwas, dem man immer mehr entgegnen zu müssen meint: »Man sagt uns ja sowieso nichts.« Ein Kern von Verschwörungstheorie bildet sich aus, wenn die Institution die Behauptung des Sowieso von Transparenz als Antwort auf die Klage ausgibt, es müsse mehr Transparenz hergestellt werden. Die unten stellen fest, dass es keine Transparenz gibt, die oben antworten, sie herrsche eh. Die Folge ist, dass unten der Eindruck entsteht, es müsse irgendeinen Grund dafür geben, dass dauernd vom Sowieso die Rede ist, obwohl die Realität das Gegenteil zeigt. Misstrauen entsteht. Eines, das dann seine eigenen Sowiesos herauszubilden beginnt.

In Wirklichkeit ist es aber wahrscheinlich einfach nur eine fehlende Abstimmung zwischen den Institutionen oder Personalmangel oder nicht-funktionierende bürokratische Abläufe, bei denen niemand mehr weiß, wem denn jetzt die Aufgabe zukommen soll, bestimmte Informationen zu kommunizieren. So einfach und so kompliziert ist das – anonym in jedem Fall, ohne eigentliche Absicht, aber die Absichtlichkeit wird dann von denjenigen hergestellt, die sich mitsamt ihrer Forderung nach Transparenz hintergangen fühlen, und jetzt gar nicht mehr anders können, als finstere Absichten hinter dem zu vermuten, was nicht kommuniziert worden ist.

»La procédure académique nous demande de faire un signalement, chaque fois qu’un cas COVID + est diagnostiqué mais jusqu’à présent, les enfants n’étaient déjà plus présents dans l’établissement, nous devions tout de même faire les signalement. », setzt die Schulleiterin noch hinzu.« (»Die Prozedur der Schulbehörde verlangt von uns, dass wir immer dann, wenn ein Covidfall auftritt, auf den Fall hinweisen. Doch bisher waren die Kinder schon nicht mehr in der Schule. Wir mussten aber trotzdem den Hinweis weiterleiten.«)

Ich versuche zu verstehen: Die Schulleitung musste nix mehr machen, denn das mit der Isolation war ebenso ausgemacht wie gemacht: Die Kinder waren schon seit Tagen nicht mehr da. Es ist also ärgerlich, dass das Protokoll vorsieht, dass man etwas, was schon kein Fall mehr ist, weil der Fall nicht mehr in den Bereich der Schule fällt, trotzdem weitergeleitet werden muss, denn dadurch wird er überhaupt erst zum Fall, der von der Presse aufgenommen und allein dort kommuniziert werden kann. Ein gewisser Überdruss zeigt sich, sich mit Fällen, die schon isoliert worden sind, überhaupt noch auseinandersetzen zu müssen, denn verflixt noch mal! isoliert sind sie doch schon! Und fast klingt auch schon mit, dass man, wenn die Isolation erfolgreich eingeleitet ist, man das nächste Mal überhaupt keinen Piep mehr dazu sagt, noch nicht mal zur Schulbehörde, denn nachher hat man nix als Scherereien.

Und aus der Sicht der Schulleitung kann man das auch fast verstehen: Das Problem ist weg, sobald das Kind weg ist. Man kann eh nicht mehr machen, die anderen Eltern regen sich auf über etwas, was sowieso schon gemacht ist. So viel Zusatzarbeit für nix und wieder nix! Die Schulleiterin bedauert sich, und subjektiv hat sie gar nicht ganz unrecht. Man hat ihr nicht gesagt, was sonst noch zu machen wäre. Zwar hat sie – wenn auch nicht gleich – nach dem ersten Covid-Fall noch einen hübschen Schrieb auf die Internetseite gestellt, in dem sie mitteilte, von der Presse erfahren zu haben, was in ihrer Schule vorging, aber das war der erste Fall, und jetzt sind wir ja schon bei zwei oder sogar mehr Fällen, und es wäre wirklich zu viel verlangt, dass sie sich da jedesmal wieder auf der Internetseite äußern muss.

Und weil es vielleicht sogar stimmt, was sie gleich anfangs monierte – nämlich: dass es gar nicht so viele Eltern gibt, die sich überhaupt dafür interessieren, was passiert oder nicht passiert –, entstehen zwei getrennte Biotope: das Biotop derjenigen, die finden, alles sei zu kompliziert und man müsse jetzt einfach machen, ohne groß zu fragen oder nach links und rechts zu gucken; und das Biotop der Nörgler, die ihre Beobachterposition verteidigen und beim ersten Fehler (oder, stärker noch, beim zweiten, dritten und allen weiteren) die Flinte ihres Misstrauen in Anschlag bringen, ohne jedoch irgendetwas zu bewirken. Denn nicht nur die kranken Schüler sind isoliert, sondern auch die Beobachter der Lage, die genauso wenig durchblicken wie die Schulleitung selbst.

Anne Peiter

Corona 92: Wie man sterben kann

I

Ich lese, dass sich die Überzeugung verbreitet hat, nur sechs Prozent der Coronakranken seien wirklich an Corona gestorben. Die anderen Krankheiten, die oft hinzukommen und das Risiko, zu sterben, erhöhen, werden also genutzt, um emotional die Gefährlichkeit von Corona zu senken. Nun ist es aber in den meisten Fällen so, dass die Leute, die „sowieso“ schon krank waren, zwar krank waren, jedoch nicht gestorben wären, wenn nicht auch noch Corona hinzugekommen wäre. So ist also Corona nicht der alleinige Grund für den Tod bestimmter Patienten, aber ein Zusatz- und häufig eben auch der entscheidende Grund.

Insofern verhält es sich bei den Hinweisen auf andere Krankheiten nicht so sehr um eine medizinische Definition der Bedeutung, die die jeweiligen Krankheiten bezüglich der Verursachung des Todes eines Patienten gehabt haben. Vielmehr spiegelt sich in den Medien, die die frohe Botschaft der sechs Prozent verbreiten helfen, das Bedürfnis, sich nicht mit der Wirklichkeit von Corona auseinandersetzen zu müssen. Dieses Bedürfnis geht wiederum Hand in Hand mit dem Bedürfnis, auch mit den anderen Krankheiten, die zum Tod von Coronakranken beitragen, nichts zu tun zu haben, auch wenn es so scheint, als wolle man in Erinnerung rufen, wie wichtig sie sind.

Aber in Wirklichkeit wird nur das Eine gegen das Andere ausgespielt, und das Andere wieder gegen das Eine, so dass zum Schluss nur herauskommt, dass man vor Corona und auch sonst nix Angst haben will, besonders dann nicht, wenn man das Glück hat, weder Corona, noch sonst eine potentiell das Risiko erhöhende Krankheit in sich zu tragen.

II

Die Gesundheitsbehörde von La Réunion gibt bei den jetzt fast täglich anfallenden Toten stets ihr aufrichtiges Beileid bekannt. Doch dem Beileid pflegen Hinweise vorauszugehen, in denen gesagt wird, dass der Tote Vorerkrankungen hatte. Er ist also kein „reiner“ Corona-Toter, sondern eine Mischform, bei der sich die Öffentlichkeit jeweils aussuchen kann, ob sie sich lieber einen Toten vorstellen mag, der an Corona gestorben ist, oder einen, der einer anderen Vorerkrankung erlag.

Man sieht, dass auch die Gesundheitsbehörde nicht gern in Mischungen denkt, auch wenn sie natürlich, indem sie die Klassifizierung „Corona-Toter“ offiziell anerkennt, Corona nicht wirklich leugnet. Aber das Beileid hat etwas auffallend Temperiertes, weil Corona eben nicht immer allein auftritt und so Beileidsbekundungen an die jeweiligen Familien möglich werden, in der die Erleichterung, dass es glücklicherweise auch noch andere Krankheiten gibt, spürbar wird.

Und wie sollte es auch anders sein: Durch nichts ist die Gesundheitsbehörde zur Zeit so gefordert, wie durch Corona. Die anderen Krankheiten sind also in der Kommunikation mit der Bevölkerung eine große Hilfe. Aber mitunter gibt es Familien, die – wie gerade passiert bei einem Siebenzwanzigjährigen, der auf La Réunion an Corona starb – der Gesundheitsbehörde jeden Hinweis auf Vorerkrankungen untersagen. Vielleicht hatte dieser junge Mann keine. Vielleicht hatte er welche. Wir wissen es nicht. Wir können es uns aussuchen. Oder wir akzeptieren, erstaunt und plötzlich von Vorstellungen neuer, zudringlicher Art übermannt, dass dieser Kranke in so jungem Alter einfach an Corona gestorben ist.

Dann erscheint das Beileid, das die Gesundheitsbehörde auch hier auszudrücken nicht unterlassen konnte, als bloße Beigabe, die die betroffene Familie, wenn sie gekonnt hätte, vielleicht ebenso gern untersagt hätte, wie sie die Weitergabe von Informationen über die Gründe, die zum Tod des jungen Mannes geführt haben, untersagt hat. Doch Beileidsbekundungen fallen nicht in das Recht auf Schutz persönlicher Daten, und so hat die Familie, zusätzlich zum Tod, leider auch noch erfahren müssen, der Gesundheitsbehörde tue es aufrichtig leid, dass es zu diesem Tod gekommen sei.

III

Soweit ich es überblicke, haben sich in Deutschland verschiedene Sprachregelungen eingebürgert. Man kan „an oder mit Corona“ sterben, was die Formel, es gelte, mit dem Virus leben zu lernen, realistisch ausbalanciert, wenn es sich eben um ein Virus handelt, „mit“ dem man sterben kann. Häufig stößt man auch auf die Wendung, soundsoviele Menschen seien „in Zusammenhang mit Corona“ gestorben – was eine sehr vage Formulierung ist, weil es impliziert, dass man zum Beispiel sterben kann, weil kein Intensivbett zur Verfügung stand oder Klinikpersonal aus anderen Bereichen, die nicht im Zusammenhang mit Corona stehen, in den letzten Monaten entlassen wurde. Das verbale Pendant dazu sind Menschen, „deren Tod mit Corona in Verbindung gebracht wird“ – noch praktischer, weil man das nicht mal selber tut, sondern anonymen Instanzen überlässt, die sich irren könne. Es geht hier immer um große Zahlen, um Tote in statistischen Größenordnungen. Je kleiner die Zahlen werden, desto einfacher ist es hierzulande, nicht zu differenzieren und schlicht von „Corona-Toten“ zu sprechen. Davon, dass sich ein Gesundheitsamt zu Beileidsbekundungen verpflichtet fühlen würde, habe ich noch nichts gehört.


I, II: Anne Peiter – III: Wolfram Ette

Corona 91: Trümmer aus Moria

Jetzt ist Moria abgebrannt, das Lager, dessen Name an den Gott erinnert, der ein Menschenopfer verlangt und dann erlassen hatte; an den Ort, an dem sich zivilisatorischer Fortschritt an der Grenze des äußersten Rückschritts vollzog; ein Ort der Wahrheit jedenfalls, an dem die Furchtlosen erkennen, wie es ist. Corona war wieder mal der Auslöser der Wahrheit: dass nämlich die Zustände in dem Lager, in dem die Menschen, die nach Europa fliehen wollen, davon abgehalten werden, nach Europa zu fliehen, so unmenschlich sind, dass man anfangen sollte, sich über die Menschlichkeit von Menschenrechten Gedanken zu machen, die wir auf unsere Fahnen schreiben, um sie dann in den Staub zu treten.

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Ein Fotojournalist, der „vor Ort“ ist und vom Deutschlandfunk interviewt wurde, über den Abend des Brandes: „Es war sehr intensiv, dieses große Feuer zu sehen.“ – „Alles, was geschieht, geschieht für die, die es beschreiben, und für die, die es nicht erleben.“ (Karl Kraus)

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Nichts ist dazu zu sagen, alles ist gesagt und mehrfach wiederholt. Wenn Menschen aus Verzweiflung ihr eigenes Haus anzünden, in dem sie ausharren sollen, bis der Tod durch Hunger – es war den Insassen von Moria nach dem Bekanntwerden der Corona-Fälle untersagt worden, einkaufen zu gehen – oder durch Krankheit sie ereilen würde, gibt es nichts zu sagen. Wir haben genug mit unseren eigenen Problemen zu tun. Die Wirtschaft, Sie wissen schon. Das schlechte Vorbild, das aus dem guten entstünde. Wir schaffen das! Das war ja schon mal sowas von verkehrt. Und dann werden andre, die durch Ausbeutung und Krieg – schlicht dadurch, dass es in dem System, in dem wir leben, nicht bloß Reiche und Arme gibt, sondern der Reichtum der verdammte Grund der Armut ist – Heimat und Frieden und Lebensmöglichkeit verloren haben, angelockt. Dann wäre kein Halten mehr und Europa wird trotz aller Anstrengungen, es zur Festung auszubauen, irgendwann fallen.

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Der griechische Premier hat gesagt, Moria sei ein Problem, das Europa lösen müssen. Deswegen dürfe niemand die Insel verlassen. Recht hat er. Statt dass nun aber in Stundenfrist ein Plan geschmiedet worden wäre, wie diese 13.000 entwürdigten und entrechteten Kreaturen auf eine Reihe von Ländern verteilt werden kann, in denen zusammen 800 Millionen Menschen leben, geschieht: nichts. So bleibt der griechische Premier allein mit dem Problem und erscheint als der Unmensch, der er wohl nicht sein wollte.

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Wenn man Tränengas sprüht, um Menschen, die aus einem brennenden Lager flüchten, daran zu hindern, aus einem brennenden Lager zu flüchten, muss das Tränengas jedenfalls schlimmer sein als der Rauch, der die Menschen aus dem Lager treibt. Also, es muss die Schleimhäute und Atemwege um so viel mehr angreifen als die Verbrennungsdämpfe des Holzes, der Plastikplanen, der Ölkanister und all dem anderen Zeug, mit dem man sich in einem Lager behelfen muss, dass es die Menschen in sie zurücktreibt, dorthin, wo sie nicht allein ersticken, sondern auch verbrennen können. Schleimhäute, Atemwege. Ich rede nur von „gesunden“, das heißt im Rahmen des Üblichen, durch ein Lagerleben mit vierfacher Überbelegung extrem geschwächten und vor sich hinvegetierenden Menschen. Ich rede nicht von den Corona-Kranken, von denen einige, wie es heißt, zum Glück (oder zum Unglück, weil man sie nicht erkennen kann) „asymptomatische Verläufe“ aufweisen, so dass es ihnen wenigstens nicht schlechter geht als den anderen, die schreiend, hustend und verzweifelt vom Tränengas ins brennende Lager zurückgeschickt wurden.


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Warum höre ich in all den Kommentaren und Berichten zur Lage nie den einen Satz, auf den ich warte und warte, der wieder und wieder wiederholt werden müsste, bis sich die Sensationsgier der Journalisten daran gebrochen und erschöpft hat: Dass es nicht richtig, aber VOLLKOMMEN VERSTÄNDLICH ist, Feuer ans eigene Lager zu legen?

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Aus dem radikalen Lockdown, der über das Lager verhängt worden war, in das Corona eingedrungen war, wird nun der Lockdown einer ganzen Insel, die sehen kann, wo sie bleibt, bis der Europäischen Union eine Lösung eingefallen ist. Zuerst das Lager, dann die Insel, die zum Lager wird. Das Lager ist eben doch der Traum der Epidemiologen, die Isolierung der Aussätzigen liegt nicht hinter uns, sondern tritt an den Grenzen der reichen Länder zutage. Dieser Traum lässt sich in einer hochvernetzten Gesellschaft voller Individualisten nicht austräumen, und das, was man Demokratie nennt, mahnt auch zur Vorsicht gegenüber Menschen, von deren Stimmen man abhängt. So kommt es, der Demokratie sei Dank, zur gesundheitspolitischen Feinarbeit der letzten Monate, die in Deutschland sehr respektabel ausgefallen ist. Aber wehe, wenn es sich um Menschen ohne Stimme handelt!

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Aus einem Radiogespräch mit Katrin Göring-Eckardt: „Wie wollen Sie verhindern, dass aus dieser Brandstiftung ein – ich sag das jetzt mal inAnführungszeichen – Geschäftsmodell wird.“ Aha. Sonst wohl nicht. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist nicht, dass der von Berlin aus operierende Journalist, der aus der Distanz über die politischen Folgen des Mitleid besser Bescheid weiß als die Politikerin, deren Blick durch zu große Nähe getrübt ist, die falsche Meinung hat, möglicherweise. Das Problem ist, dass er gar keine Meinung hat; dass er eigentlich seine ganze Existenz „in Anführungszeichen“ setzt und die Rolle des zynischen Aufrührers spielt, der die Göring-Eckardt mal so richtig in Wallung bringen möchte. Sie war zum Zeitpunkt des Interviews gerade in Lesbos. Statt dankbar zu sein für diese Augenzeugenschaft und sie in der Hoffnung reden zu lassen, etwas an und in ihrer Rede möge die Durchschlagskraft der Bilder erreichen, über die das Radio nicht verfügt, kreiert er einen zweiten Konflikt, der den ersten substituiert und dessen Ohrenzeugen wir nun werden sollen: den zwischen einem politisch versierten Journalisten, der immer einen kühlen Kopf behält, und der durch die Realität verwirrten Politikerin – sie ist halt eine Grüne, die vor Betroffenheit das Denken verlernt hat. Noch einmal: ob der interviewende Journalist wirklich der Meinung ist, dass nun auch andere Lager in der erpresserischen Absicht angezündet werden, die europäischen Staaten zur Aufnahme von Flüchtlingen zu zwingen, die aufzunehmen sie sich, der von allen Staaten der Europäischen Union unterschriebenen Genfer Flüchtlingskonvention zum Trotz, seit Jahren weigert, weiß ich nicht. Es ist Rollenprosa. Ist sie der einen Meinung, bin ich der anderen. Es muss was passieren, sonst wird es langweilig.

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„Brandstiftung kann sich lohnen“ sagt eine Kommentatorin, und sie wirkt, anders als der interviewende Journalist, der seine Meinung in Anführungszeichen setzte, überzeugt von dem was sie sagt. Gemeinsam ist der echten und der gespielten Überzeugung die Sprache der Ökonomie. Wer das Lager anzündet, in dem die Lebensverhältnisse so unerträglich geworden sind, dass die Gefährdung nahestehender Menschen, Obdachlosigkeit, die Zerschlagung des Familienverbands weniger wiegen als der Verbleib im Lager, macht also ein Geschäft, einen Gewinn. – Ja, den höchsten: den des eigenen Lebens. Hätte man die humanitäre Verwahrlosung in Moria nicht bis zu diesem Punkt getrieben, und über diesen Punkt hinaus, indem nach dem Bekanntwerden der Corona-Fälle das Lager abgeriegelt wurde, hätte könnte derlei geschäftemacherisches Treiben wohl unterbleiben.

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Im letzten Koalitionsvertrag wurde eine „Obergrenze“ für die Aufnahme von Flüchtlingen von jährlich „180.000 bis 220.000“ vereinbart. Sie ist 2018 knapp, seither nicht mehr erreicht worden. Es ist auch nicht die Rede von Menschen, die wirklich und auf Dauer aufgenommen würden, die vom BAMF herausgegebenen Zahlen meinen diejenigen, die es so weit gebracht haben, hier einen Asylantrag stellen zu können. Die Abschirmung Europas an seinen Außengrenzen klappt jetzt so gut, dass wir uns den moralischen Skandal, den das Wort „Obergrenze“ bedeutet, bisher erspart haben; das Problem wurde anderswo für uns erledigt. Wie wäre es also, wenn man jetzt, ohne viel Aufhebens davon zu machen, den Koalitionsvertrag erfüllen würde?

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Warum muss alles auf nationaler Ebene besprochen werden? Wenn Kommunen zu erkennen geben, dass sie Flüchtlinge aufnehmen können, fühlen sie sich dazu in der Lage. Sie würden sich schon melden, wenn es nicht mehr geht. Und dann wird man weitersehen. Dass sich Hilfsbereitschaft im nationalen und internationalen Maßstab als schlechtes Vorbild erweisen könnte, heißt doch nur, dass dieser Maßstab nicht stimmt.

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Die Frage: Was hätten Sie gemacht? Was hätte ich gemacht? unterbleibt systematisch, als sei Empathie ein schmutziges Geschäft. Deswegen erkläre ich hiermit, dass ich nicht weiß, was ich getan hätte, dass ich aber als ökonomisch unbegabter Mensch und elender Feigling überdies, trotzdem nicht ausschließen würde, Feuer an mein Lager gelegt zu haben.

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Meine Tochter erzählt, unter denen aus Moria Geflüchteten kursiere die Ansicht, Corona sei nur ein Fake, das die europäischen Regierungen sich ausgedacht hätten, um die Flüchtlinge endgültig zu kasernieren und sterben zu lassen. Ihr Kommentar: Die haben wenigstens einen Grund dafür, sich Verschwörungstheorien auszudenken. Bei uns dagegen wittere man böse Machenschaften und den Anschlag auf Grundrechte, wann man eine Maske tragen muss und Konzerte ausfallen.

Wolfram Ette

Corona 90: Mit dem Virus leben lernen

I

Das ist der Satz, den man jetzt, nach den Ferien, aus aller Munde hört. Ich finde, er ist falsch. Man muss endlich lernen, gegen den Virus zu leben – darin läge die Herausforderung. Denn mit dem Virus leben, das heißt doch eigentlich nur, dass man weitermachen soll wie bisher, resignativ. Dabei tut der Satz natürlich so, als bestehe die Aufgabe in Wahrheit darin, überhaupt erst einmal wahrzunehmen, dass wir mit einem Virus leben. Das heißt, der Satz impliziert eine Auseinandersetzung mit der Realität dieser Präsenz.

Doch in Wirklichkeit ist die Forderung, man möge sich mit ihr – nämlich der Realität – auseinandersetzen, nur Teil einer Politik, die die reichen Nationen quer über den Globus in die Ferien geschickt, die Existenz des Virus gerade nicht wahrgenommen und sich, zum Ausgleich gleichsam, nach Ablauf der Ferien eine erhabene Stellung auf dem Hügel des Wissens erobert hat, um den Massen zu predigen, die Ferien seien jetzt wirklich vorbei und man müsse von nun an mit dem Virus leben lernen. Dabei hatte die Politik ja selbst nichts gelernt, auch nichts lernen wollen. So ist erst die Situation entstanden, in der behauptet werden muss, man müsse mit dem Virus leben lernen. Und eigentlich heißt das: Man muss damit leben, dass man nichts lernen kann. Man darf nicht darüber nachdenken, was hätte getan werden müssen oder jetzt endlich getan werden muss, damit wir nicht dauernd Komplizen des Virus bleiben – ferienverliebte Komplizen vor allen Dingen –, sondern seine Gegner. Mir scheint, es gibt nicht genug Leute, die Corona-Gegner sind!

Aber das meine ich natürlich nicht im Sinne der Berliner Demonstrationen. Ich meine es vielmehr grundsätzlich, in dem Sinne, dass man lernen muss, so zu leben, dass man dem Virus Widerstand leisten kann. So aber ist schon klar, was kommen wird. Die französische Regierung überlegt, in den Schulen spezielle Horte einzurichten, damit infizierte Kinder ihre Eltern nicht daran hindern, zur Arbeit zu gehen. Nachdem während des Lockdowns erst alles an die Bewahrung der Gesundheit gesetzt wurde, steht jetzt ganz das Wirtschaftliche im Vordergrund. »Mit dem Virus leben lernen«, heißt, sich um den Virus nicht zu scheren, sich selbst ausschließlich als Produktivfaktor in die ökonomischen Prozesse einzubringen und die Lektion hinzunehmen, dass man in Bälde vielleicht noch nicht einmal sein Covid-krankes Kind Zuhause behalten darf.

Der Satz, den jetzt alle nachsprechen, ist also ein Satz, in dem sich politischer Zynismus in Reinform verdichtet. Und noch dazu ein Zynismus, der verrät, dass man jede Hoffnung auf kollektive Lernprozesse fahren lassen muss. Die Aufforderung, zu lernen, entspricht in Wirklichkeit dem Verbot, etwas zu lernen. Das Lerngebot ist ein Denkverbot. Es wird nicht nach hinten geschaut, in diese fatale Ferienzeit, aus der man jetzt vielleicht doch so einiges lernen könnte, und es wird auch nicht nach vorn geschaut, in die ebenso fatale Zukunft. Man blickt nur stumpf vor sich hin, in dieses Jetzt, in dem man etwas lernen soll, was niemand lernen wollen kann, obwohl alle wiederholen, es müsse jetzt gelernt werden, so, als wolle man es, weil die Regierung sagt, man müsse es. Und man lässt sich dumm machen, weil ja Hinweise auf die Lernbereitschaft immer als Zeichen von Intelligenz gelten und man also zu den Dummen gehören würde, wenn man plötzlich aufstünde und sagte, man wolle nicht lernen, mit dem Virus zu leben.

Und so erkläre ich hiermit öffentlich, dass ich weiterhin auf meinem Recht bestehe, dumm zu sein, die geforderte Lektion nicht zu lernen, obwohl ich zugleich durch alles Scheitern, das ich mir durch mein Nicht-Lernen-Wollen zugezogen habe, an die Grenze meiner Kraft gelangt bin und sehr wohl weiß, dass auch ich, wenn ich nicht krank werden will, wenigstens in Ansätzen werde lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

Anne Peiter

II

Man kann es fast tabellarisch schematisieren. Die Wendung ›mit dem Virus leben lernen‹ polarisiert sich nach denselben zwei Haltungen wie ihr Gegenteil, das von Anne Peiter ins Spiel gebrachte ›gegen den Virus leben lernen‹. Sie können, je nachdem, wer es sagt und die Maxime proklamiert, bedeuten, dass man versuchen will, diese uns bedrohende, nicht menschlichen Naturmacht anzuerkennen, sie in sein Leben eintreten zu lassen und zu begreifen, dass sie dieses Leben verändert; nicht nur für den unbestimmten Zeitraum X, bis wir das Virus besiegt haben werden; sondern grundsätzlich in der Einsicht, dass dies eine der vielen Krisen gewesen sein wird, die uns erwarten; Krisen, die die Menschheit als Ganze betreffen und, wie uns erst langsam, in von Krise zu Krise vielleicht steigender Bewusstheit, aufdämmert, nur in gemeinschaftlicher globaler Anstrengung, zu lösen sind; Anerkennung der Tatsache, dass wir uns dies nicht ausgesucht haben, dass es unser Leben aber bestimmen wird.

Oder es kann bedeuten, was Anne Peiter wieder und wieder beschreibt: das bloß rhetorische Zugeständnis, das Verleugnung und Abwehr verhüllt. Dann heißt ›mit dem Virus leben lernen‹ eben nichts anderes als dass wir all unsere Gewohnheiten beibehalten, dass wir lernen, mit ihm umzugehen wie mit schlechtem Wetter oder all den anderen Schicksalsgewalten, in die wir uns finden, ohne über sie nachzudenken; genauer: damit wir nicht über sie nachdenken müssen. Das Unvermeidliche lässt sich ertragen, wenn wir seine Unvermeidlichkeit betonen; oder genauer: weil wir sie betonen und bekräftigen (selbst wenn es mit ihr nicht so weit her ist): Hungersnöte, Verkehrsopfer, das Sterben alter Menschen, die vielleicht in ein paar Jahren ohnehin nicht mehr am Leben wären.

Aber ›gegen den / das Virus leben‹ kann genau dasselbe Zweierlei bedeuten: auf der einen Seite einen Lernprozess, der sich nicht in ein angeblich Unvermeidliches schickt, sondern Selbstveränderung annimmt, so schwer sie fällt; und eben genauso auch seine systematische Blockade, die das Wort ›gegen‹ zum Ausdruck bringt. ›Gegen‹ den Virus leben kann bedeuten, dass ich endlich die immer wieder verschobene Party nachhole, dass ich meine Maske abnehmen und Gesicht zeige oder eine Demonstration besuche, auf der sich der ›gegen‹ das Virus gerichtete Wille versammelt. Es kann bedeuten, dass ich das Virus als eine Art Gegner betrachte, der so ähnlich denkt wie ich und sich durch mein Verhalten einschüchtern lässt. Es kann bedeuten, dass ich mich mit aller Macht gegen die Erkenntnis sperre, dass ein Infektiongseschehen keine Handlung ist und nicht so, wie wir Menschen denken, auf Handlungen reagiert. Es ist nicht im geringsten eingeschüchtert. Wollte man weiter anthropomorphisieren, so könnte man sagen, es genießt diese Massierung eines gegen es gerichteten Willens und zieht seinen Nutzen daraus.

Was diese Formeln uns verraten, ist, dass es immer nur beides, und zwar in sehr unterschiedlichen Mischungsverhältnissen gibt. Man kann nicht nur gegen den oder das Virus leben lernen, und mit ihm auch nicht. Der Wirbel, der entsteht, wenn wir auf die Formulierungen starren, lehrt uns, dass wir vor allem lernen sollten, diese unterschiedlichen Mischungen so genau wie möglich zu beschreiben. Jede/r lebt mit dem und gegen den Virus, beides zugleich und keins von beidem rein. Die wirklichen Verhältnisse stecken im Zwischenraum von ›mit‹ und ›gegen‹; es müssten sich andere, weniger kurze Worte finden lassen, die von ihm erzählen.

Wolfram Ette

Corona 89: Gegen Informiertheit

Ich weiß ihren Namen nicht, doch ich weiß, sie ist Krankenschwester im Krankenhaus von Bellepierre und alleinerziehende Mutter einer entzückenden, kleinen Tochter, deren körperliche Gewandheit alle Vorstellungen übersteigt: eine Bäumekletterin, ein Kind der Lüfte, ein graziles Wesen, das keine Erdenschwere kennt. Und die Mutter, die arbeitet also, wie sie mir erzählt, in der Lungenabteilung – einer der Orte gefährlichster. Sie informiere sich nicht mehr, sie lese keine Zahlen, es sei nicht gut, sich damit auseinanderzusetzen. Sie habe alte Eltern, die seien schwer gefährdet, ihre Tochter brauche sie auch, es sei nicht gut, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen.

Hätte das jemand anderes gesagt, so hätte ich das inakzeptabel gefunden. Aber hier wird mir vorgeführt, was auch ich lernen muss: Es ist vollkommen unerheblich, was jeweils gerade passiert, wenn man nur einmal verstanden hat, dass es passiert. Diese Frau arbeitet da, wo die Covid-Patienten eintreffen können, sie weiß genau, was auf dem Spiel steht, sie muss sich bewahren. Es reicht, dass sie die Schutzmaßnahmen trifft, von deren Bedeutung sie weiß, es reicht, dass sie sich auf dieses Wissen beschränkt, denn alles weitere Wissen würde nur ihre Kraft schmälern, das allgemeine, von täglichen Zahlen ungetrübte Wissen für ihre Arbeit einzusetzen. Sie bewahrt sich, ihre Eltern, ihre Tochter indem sie sich nicht zu genau informiert. Sie verweigert die Informiertheit aus gutem Grunde und hat darum Chancen, durch ihre Arbeit nicht zu Grunde zu gehen.

So müsste man leben können.

Anne Peiter

Corona 88: Subkutane Einwanderung

»Corona is a piece of shit.« Das sagte mir im Urlaub ein, wie sich im Gespräch herausstellte, ziemlich rassistisch und nationalistisch eingestellter Prager. Seitdem denke ich über die Wahlverwandtschaft von rechter Gesinnung und Corona-Leugner nach, die mir zumindest in einer Richtung frappant erscheint: Die Mehrzahl der Rassisten und Nationalisten scheint Corona für »a piece of shit« zu halten – sei es das Virus selbst oder die Gefahren, die von ihm ausgehen. Das ist mehr als bloße Ideologie oder das strategische Kalkül eines willkommenen Anlasses, um gegen Regierung und Staat zu Felde zu ziehen. Es geht nicht nur ums Finden neuer Bündnisgenossen. Das zeigt sich nicht zuletzt an denen, die schon an der Macht sind: Johnson, Bolsonaro, Trump – sie woll(t)en durch Ignoranz zum Verschwinden bringen, was nicht sein darf: unkontrollierbare Grenzüberschreitung, subkutane Einwanderung, das Fremde in mir. Corona, das unsichtbare, sichtbare Zeichen der Globalisierung, überwindet spielend die Grenzen, die eben erst wieder leidlich gesichert schienen. Wenn Trump notorisch vom »chinese virus« sprach, versuchte er zumindest rhetorisch die Grenze zu sichern, die das Virus längst als nicht existent erscheinen ließ.

Unter diesem Offensichtlichen steckt aber noch eine tiefere Schicht. Klaus Theweleit hat in seinen Männerphantasien gezeigt, dass der Faschismus wesentlich ein Körperverhältnis ist. Das schwache Ich panzert sich durch Uniform und gestählten Körper, durch Massenorganisationen und Parteidisziplin. Es ersetzt den inneren Halt, der ihm fehlt, durch ein Exoskelett. Alles, was chaotisch fließt, schwappt und schwabbert, brodelt und sprudelt, eindringt, sich einschleicht, sich vermischt, unterwandert, wird zur ultimativen Quelle der Angst. Es bedroht das nur durch den Panzer stabilisierte Ich mit Verunreinigung, Verschmelzung und Auflösung. Körpersäfte, Schmutz, Matsch usw. erscheinen in der von Theweleit analysierten faschistischen Prosa als mit aller Aggression zu bekämpfende Trigger dieser Ängste.

»Corona is a piece of shit« – ist es Zufall, dass mein tschechischer Gesprächspartner das Virus zur Fäkalie macht? Den »Strom« der Flüchtlinge, der 2015 die nationalen Grenzen aufzulösen drohte, konnte man nicht verleugnen, aber man konnte gegen ihn die Grenzen verstärken, aufrüsten, Zäune und Mauern bauen. Gegen das subkutan einwandernde Virus helfen keine Grenzzäune, aber man kann es verleugnen, es kleinmachen, für nichtig erklären, und so – getreu dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf – gegen das, was jeden Panzer durchdringt, die Unbezwingbarkeit der Panzerung behaupten. Nicht zufällig hat Bolsonaro, selbst am »Grippchen« erkrankt, immer wieder auf seine athletische Konstitution und seine soldatische Vergangenheit verwiesen. Es gibt kein Virus, überdies ist es nur ein Grippchen, mein Panzer hält stand – fast prototypisch lassen sich hier die Festungswälle wider den ungreifbaren Eindringling ablesen.

Jan Friedrich

Corona 87: Nachlese zu Berlin

»Sturm«, »Reichstag«

Ein langes Gespräch mit einem Freund hat mir geholfen, in dem etwas weiterzukommen, dessen komplette Absenz ich als quälende Begleiterscheinung der Bilder vom Wochenende empfinde. Vielleicht wäre es strategisch klug, all das nicht so zu pushen, es nicht zu verschweigen, wie ein autoritäres Regime das zweifellos täte, aber trotzdem erst einmal zu warten, bis die Gemüter sich ein wenig beruhigt haben. Das aber geht in einer Gesellschaftsordnung nicht, in der Aufmerksamkeit eine Kapitalie ist und kein Mittel verschmäht werden darf, an sie heranzukommen. Es geht auch nicht in einer politischen Situation, in der man sich diskreditiert, ob nun Kanzlerkandidat oder nicht, wenn man sich dazu nicht äußert. Und so kommt es eben zu diesen abscheulichen Phrasen von Frank Walter Steinmeier über Claudia Roth bis zu Olaf Scholz. Jeder will der Erste oder die Erste sein. Jeder sagt dasselbe wie die anderen: Wie »unsäglich«, »widerwärtig«, »niederschmetternd«, »abstoßend«, »beschämend«, diese Bilder vor dem Reichstag gewesen sind! Mehr Analyse und weniger Moral, bitteschön! Wenn man sich schon äußern muss – und ich sehe ja ein, dass man sich irgendwie äußern muss und diese Sache nicht totschweigen kann –, dann sollte man die Bilder analysieren, deren Erzeugung ein Ziel, vielleicht sogar ein Hauptziel der daran beteiligten faschistischen Gruppierungen gewesen ist. Die Moralphrasen aber, mit denen die Politikerinnen und Politiker sich in den letzten zwei Tagen überboten haben, in denen nicht zählt, was jemand meint, sondern was die anderen denken, dass sie oder er meint, sind lächerlich, weil sie nicht zufassen, sondern abwehren. Man packt den Gegner nicht am Kragen, um ihm den Garaus zu machen, sondern begnügt sich mit defensiven Deklarationen seiner Minderwertigkeit. Das wissen die Rechten und das spüren viele Menschen; letztlich spielt das der ganzen Sache in die Hände.

Mein Eindruck am Sonntag war, dass eine »chaotisch flutende Menge«, die sich in einer Art dionysischen Erregungszustand befunden habe, das Aktionszentrum derjenigen bildete, die sich auf den Stufen des Bun­destagsgebäudes vordrängen. Mittlerweile, nachdem ich mir mehr Material angesehen habe, vor allem aber nach dem gestrigen Gespräch, bin ich nicht mehr sicher. Natürlich wissen die Faschisten, dass man mit einem solchen Haufen praktisch nicht an die Macht kommt. Aber sie sind strategisch genug, um zu erkennen, dass es einen notwendigen Schritt auf diesem Weg darstellen kann. Wir besprachen es ausführlich und ich ließ mich davon überzeugen, dass die ganze Sache mit hoher Wahrscheinlichkeit geplant gewesen ist. Es sind zu viele Reichsfahnen auf den Bildern zu sehen, als dass es sich um einen Zufall handeln könnte. Dass es nur ein paar hundert Leute sind, die sich vor dem Reichstag versammelt haben und das von diesem paar Hundert allenfalls Dreißig den Durchbruch aktiv versuchten, macht nichts. Dieses Mal kommt es nicht auf Zahlen an, und schon gar nicht auf Mehrheiten. Was zählt, sind die Bilder, die wehenden Fahnen des Reichs vor dem Gebäude, das diesen Namen fatalerweise noch immer trägt, für die einen vielleicht als Erbe, dem gegenüber man sich zu verantworten habe, für die anderen aber jedenfalls als eine Verheißung, die es nun und in den folgenden Jahren endlich einzulösen gilt. Ich kann es nur wiederholen: die Unbefangenheit, mit der in den letzten Tagen und gerade in den letzten Tagen von Journalisten, Politikern und anderen wohlmeinenden Stellen vom Reichstagsgebäude die Rede ist, ist mir hochgradig unheimlich. Es signalisiert eine historische Kontinuität im Unbewußten, die die Sache der Rechten vorantreibt, weil es sich von den im Wind flatternden Reichsfahnen nicht allzu sehr unterscheidet.

Denn was bedeuten sie? Auch dieser Punkt wurde mir gestern Abend mit großer Deutlichkeit klargemacht. Sie bedeuten: Dies ist die Tradition, in der wir Deutschland sehen; daran muss man anknüpfen; nicht nur das Dritte Reich, sondern das ganze 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen ist eigentlich nur – wie war das noch? – ein Vogelschiss. Und dies ist wirklich zum Fürchten: Die Kategorie der Reichsbürger, die zuvor eine obskure Sekte gewesen ist, von deren Existenz und poli­ti­schen Forderungen viele Menschen nur wenig gewusst haben, hat nun eine politische und mediale Bühne, wie sie größer nicht sein könnte. Es ist im Ernst davon die Rede, das noch ein Friedensvertrag mit Deutschland ausgehandelt werden müsse, weil es sowas 1945 nicht gegeben habe. Und wenn es stimmt, dass das Gerücht, Donald Trump sei im Anflug, um mit Putin über die Bedingungen zu einem solchen Friedensvertrag zu reden, die Demonstrierenden dazu veranlasst habe, auf das Bundestagsgebäude loszugehen, so passt das zu einer hysterisch überreizten Stimmung, in der sich ein bislang eher skurriles Konventikel eine Bühne verschafft und Dinge zum Bild und teilweise auch zum Wort werden, die man zuvor schlicht als lächerlich empfunden hatte. Wenn einem dabei das Lachen vergeht, dann ist es wirklich ernst.

Mit Rhetorik und Moral kann man dagegen nichts ausrichten. Was ein Stückweit helfen könnte, ist Aufklärung: Aufklärung, über die Bilder, Aufklärung über die Phrasen allerorten. Was bedeutet die Reichsflagge? Was wollen die Reichsbürger? Was für Leute sind auf diesen Bildern und in diesen Videosequenzen zu sehen? Wie lässt sich die Stimmung beschreiben, und das heißt vor allem: differenzieren? Was ist daran politisch, was ist daran, wie ich schrieb, nicht viel mehr als die infantile Freude über eine Grenzübertretung? Inwieweit lässt das eine sich für das andere instrumentalisieren? Und was kann man dagegen tun? So ging ein Vorschlag meines Freundes dahin, man könne die Bilder durch Gegenbilder kontern, beispielsweise aus der Luft, die distanzierend wirken, und zeigen, wie groß der krakeelende Haufen wirklich war. Oder Bilder, die die Auflösung zeigen, die Aufnahme der Personalien; die ganze Nüchternheit der nun wieder einsetzenden Strafverfolgungsbürokratie. Denn Bilder werden gemacht; darüber ist nichts zu entscheiden, es ist eine Tatsache. Es wäre Zeit, dass dieser Tatsache in den politischen Auseinandersetzungen Rechnungen getragen wird. Der Kampf der Bilder wird nicht – nicht nur oder gar nicht – durch Worte entscheiden.

Dennoch auch die Philologie hat hier eine Aufgabe? Wie geht man mit der Wendung »Sturm auf den Reichstag« analysierend um? Denn so, wie es sich bei dem Gebäude eben nicht um den Reichstag handelte, sondern allenfalls um das Bauwerk, in dem in alter, nicht unbedingt rühmlicher Zeit der Reichstag saß, kann im Ernst, ob nun geplant oder spontan, von einem Sturm nicht die Rede sein. Es sind drängelnde, herumkrakeelende Menschen, die es nicht mal schafften, sich über die drei Polizisten hinwegzusetzen, auf die sich in sagenhafter Fahrlässigkeit das Wachpersonal in diesem Moment reduzierte. Hundert gegen drei; es geschieht nichts: das ist in gewisser Weise albern. Auch dies muss mal gesagt werden. Die ganze Szene erschließt sich allein einer doppelten Optik. Sie ist strategisch und spontan, alarmierend und lächerlich. Nur eines ist sie, für sich betrachtet nicht: ein Sturm auf den Reichstag.

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Sich abgrenzen

»Wer auf den Straßen den Schulterschluss mit Rechtsextremisten sucht, aber auch wer gleichgültig neben Neonazis, Fremdenfeinden und Antisemiten herläuft, wer sich nicht eindeutig und aktiv abgrenzt, macht sich mit ihnen gemein.« (Frank Walter Steinmeier: Bundespräsident).

Alles gut, aber was würde es denn konkret bedeuten, sich von Rechtsradikalen ›eindeutig und aktiv abzugrenzen‹, mit denen ich mich mit einem Mal auf derselben Demonstration befinde? Ich möchte es bloß mal wissen! Soll ich mich von ihnen entfernen? Ja, aber wie weit? Zehn Meter dürften nicht ausreichen. Zehn Kilometer vielleicht, aber dann hätte ich gar nicht hinzugehen brauchen. Soll ich eine eigene Demonstration aufmachen? Das haben die Veranstalter versucht, das Ergebnis war erbärmlich. Oder soll ich gleich nach Hause gehen? Aber ich bin ja hier, um für meine Überzeugung zu demonstrieren, und ich bin daran interessiert, dass so viele Menschen wie möglich auf dieser Demonstration anwesend sind. Da möchte ich nicht weggehen. Und überhaupt: Wenn es gar keine überzeugende Form der Abgrenzung gibt, und diejenigen, gegen die ich hier demonstriere, sowieso der Überzeugung sind, dass es nicht möglich ist, sich von Nazis zu distanzieren, wenn man sich in gleich welcher Nähe, also überhaupt in einer Beziehung zu ihnen befindet, dann ist eh nichts mehr zu retten und alles wurscht. Soll ich mit den Nazis diskutieren? Mich mit ihnen prügeln? Eine Straßenschlacht anfangen? Vor dem zweiten habe ich Angst, vor dem ersten auch ein bisschen. Und es nützt wohl auch nicht viel, weil man sich mit denen, mit denen man diskutiert, anstatt sich von ihnen abzugrenzen, ja ›gemein macht‹. Es ist vielleicht nicht genau das, was der Bundespräsident meint, aber das Hate-Speech in den sozialen Medien läuft darauf hinaus, und er sagt zumindest nicht das Gegenteil. Nein, ich sympathisiere nicht mit den Zielen dieser Demonstration. Nicht mit denen der Coronaleugner, -verweigerer oder -rebellen; und schon gar nicht mit den Zielen der Faschisten, die sie benutzen. Aber man möge mir bitte erklären, auf welche Weise ich mich ganz praktisch von dem faschistischen Parasiten befreien kann, der sich an ›meine‹ Demonstration geheftet hat. Und einmal davon abgesehen, ist das Demonstrieren eine schöne Sache. Ich lebe auf, ich bekomme endlich mal wieder einen Zipfel des Lebens zu fassen, das mir untersagt wurde. Verdammt! Was für ein Durcheinander!

Aber auch andersherum wird ein Schuh daraus. Wenn der Initiator der »Querdenken«-Demonstration im Deutschlandfunk-Interview feststellt, dass es gar nicht nötig gewesen sei, sich zu distanzieren, weil es sich ja bei den Vorfällen vor dem Bundestag und der russischen Botschaft um ganz andere Veranstaltungen gehandelt hätte, die, wenn man’s zu Ende denkt, nur zufällig am selben Tag und in räumlicher Nähe zu ›seiner‹ Demo stattgefunden hätten, so spricht daraus ein ähnlicher Gestus aggressiver Realitätsverweigerung wie beim Bundespräsidenten; derselbe Unwille, sich auf die Realien der Situation einzustellen und Lösungen zu finden, die ihr entsprechen. Stattdessen setzt man sich proklamatorisch über die Wirklichkeit hinweg und schreiben vor, wie sie gewesen zu sein habe.

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Kaltes Lächeln, Mindestabstand, Grenzlinie

Holger Stark schreibt in »ZEIT-Online« zu den Demonstrationen am Wochenende in Berlin: »Den politischen Mindestabstand zu Reichsbürgern und Nazi-Schlägern haben sie allesamt kalt lächelnd unterschritten.«

Ich hätte gerne auch nur ein einziges Bild gesehen, auf das sich die Wahrnehmung des Journalisten, die Demonstrierenden hätten sich »kalt lächelnd« den Rechten angenähert, stützen könnte. Die waren alles mögliche: naiv, fröhlich, berauscht, wütend. Und es mag ja wirkliche ideologische Gemeinsamkeiten zwischen bürgerlichen Impfgegnern und gewaltbereiten Faschisten geben. Aber »kalt lächelnd«? Mit ›knallhartem Killer-Kalkül‹ (Pigor)? Und ich wüsste ja so gerne, wie groß der »Mindestabstand« zu Nazis ist und, was ein »politischer« Mindestabstand in diesem Fall genau bedeutet. All das ist konfus und wuchert metaphorisch so vor sich hin. Es entspringt keiner Auseinandersetzung mit der Realität. Es ist journalistische écriture automatique, deren absolutes Subjekt die Phrase ist.

Etwas später heißt es in denselben Artikel: »Auf der anderen Seite stehen jene, die Schulter an Schulter mit Reichsbürgern und Rechtsextremisten laufen, die antisemitische Verschwörungsmythen verbreiten und keine Probleme mit der Symbolik der Flagge des Deutschen Reichs haben. Sie haben nur eines verdient: dass man zu ihnen eine unübersehbare Grenzlinie zieht, die niemand übertritt.« In welche Richtung?

Wolfram Ette

Corona 86: Fünfzig ist nicht Fünfzig

Fünfzig Ansteckungen auf 100.000 Einwohner – das ist die Grenze, die international festgesetzt wurde, um zu definieren, welches Department als »orange« gilt und welches als »rot«. Man geht von einer Einheitlichkeit aus: Ein Department ist ein Department.

Doch Frankreich hat eine lange, koloniale Vergangenheit, und die bewirkt, dass ein Überseedepartment wie La Réunion, anders etwa als das Department Bouche-du-Rhône, nicht vor den gleichen Problemen steht, wenn die Grenze hin zum Roten überschritten wird. Denn viele Überseedepartments sind Inseln und haben keine Nachbarn. Oder wenn sie Nachbarn haben, dann sind es oft Nachbarn, die im Falle von Schwierigkeiten ihrerseits in Schwierigkeiten sind und keine »Nachbarschaftshilfe« gewähren können.

Evakuierungen weg von La Réunion sind nicht möglich. Nahezu 10.000 Kilometer bis zur Metropole wären zu überwinden. Welcher Kranke hält das aus? Wer ist bereit, die Kosten für eine so aufwendige Aktion zu bezahlen?

Die Zahl Fünfzig ist also eine höchst problematische Zahl, denn sie oktroyiert den Inseln Standards auf, die im Gesundheitssystem nicht eingehalten werden. Man geht also davon aus, Fünfzig sei Fünfzig, Ansteckung Ansteckung, obwohl Gesundheitssystem nicht Gesundheitssystem ist.

Gerade scheinen wir bei 39 Ansteckungen auf 100.000 Einwohner zu sein. Die Zahl wird nicht groß verlautbart, denn sie ist innerhalb kürzester Zeit erreicht worden, und das ist politisch nicht eben rühmlich. Die Gesundheitsbehörde feiert lieber den Umstand, dass es in anderen Departments – etwa Paris – sehr viel schlimmer aussieht als bei uns. In der Tat: Paris ist inzwischen rot, und international werden vermehrt Reisewarnungen für die Hauptstadt ausgesprochen.

Andererseits ist Paris Paris, ob nun rot oder nicht. Es ist nicht Übersee, es bemisst seine Kapazitäten auf 100.000 nicht nach der räumlichen Distanz, die die Stadt Paris von La Réunion trennt, sondern geht selbstverständlich davon aus, dass allein das Übersee-Department La Réunion seine räumliche Distanz an Paris ausrichte: 9.000 km, aufgerundet 10.000! Es ist dieser Blickwechsel – von Paris nach La Réunion und nicht von La Réunion nach Paris –, der nicht vollzogen wird. Die Regierung sitzt in Paris. Sie hat schon Erfahrung damit, dass Kranke zwischen den Festland-Departments hin- und hergeschoben werden. Aber sie macht sich nicht klar, was die Zahl Fünfzig für La Réunion bedeutet.

Wir Inselbewohner haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Kranken von Mayotte erst unbehandelt starben und dann, als man merkte, dass es in irgendwie noch erreichbarer Distanz die Insel La Réunion gab, in die Krankenhäuser von La Réunion gebracht wurden. Evakuierung, nennt man das. Die Krankenhäuser von La Réunion versorgen also nicht allein La Réunion, sondern auch Mayotte. Und die Situation auf Mayotte war eine der dramatischsten von ganz Frankreich.

Es ist also so, dass La Réunion nicht nur nicht evakuieren kann, wenn es selbst in Schwierigkeiten gerät, sondern dass es überdies Evakuierungen von Mayotte mit zu verkraften hat, wenn die Situation dort erneut außer Kontrolle gerät. Anders gesagt: Die vollkommen unzureichende Gesundheitsversorgung auf Mayotte wäre einzubeziehen in die Zahl der Ansteckungen, die auf La Réunion pro 100.000 Einwohner zu verzeichnen ist. Mayotte ist La Réunion.

Wir liegen bei 39 Ansteckungen pro 100.000 Einwohner. Es ist selbst für den Laien abzusehen, dass innerhalb kürzester Zeit die Zahl Fünfzig erreicht sein wird. Aber unsere Fünfzig wird keineswegs die Fünfzig von Paris sein und auch nicht die Fünfzig vom Department Bouche-du-Rhône. Sie wird viel dramatischer sein. Sie wird Mayotte mit betreffen. Sie wird eine Réunionäser Fünfzig sein, und keine Pariser.

Und was erschwerend hinzukommt, ist, dass zwar die gesamte Grande Nation dem Schulstart am 1. September entgegenblickt, dass aber wir, weil eben kolonial, viel früher begonnen haben und so als Test für das Festland dienen. Alles, was hier gerade falsch gemacht wird, wird an Erfahrung dem Festland zugute kommen. Uns aber kommt umgekehrt nichts zugute. Die Regierung war noch in den Ferien, als hier die Ferien längst vorbei waren. Die Regierung kommt in Gang zu einem Zeitpunkt, als bei uns die Epidemie schon sehr ernste Formen angenommen hat und alle sich fragen, was wohl mit den Schulen werde. Die Regierung freut sich, dass es dennoch in Übersee-Departments wie La Réunion noch nicht ganz so schlimm ist wie in Paris. Doch sie vergisst, dass Fünfzig nicht Fünfzig bedeutet, dass wir, die Insulaner, die Fünfzig bald erreicht haben werden, dass zu unserer Fünfzig immer noch die Zahlen von Mayotte hinzukommen und viele Menschen hier mit dem Gefühl leben, als Testpersonen für das Festland gedient zu haben.

So entstehen Verschwörungstheorien: Der Regierung werden wilde, egoistische Interessen zugeschrieben. Man will den Impfstoff an die Leute bringen! Man will uns ausrotten! Zum ersten Mal kann ich die Wut ihrer Vertreter verstehen. Erstmals sage ich mir: Die Verschwörungstheorien könne so etwas wie eine Grundlage haben. Die Grundlage ist der Umgang mit der Fünfzig. Die Grundlage ist die unaufgearbeitete koloniale Vergangenheit des Landes.

Fünfzig ist nicht Fünfzig.

Anne Peiter

Corona 85: Wie es gestern zuging

Bemerkungen zu den Berliner Demonstrationen

»Ich rede nicht mit Reichsbürgern!« Geschenkt. Aber nicht jeder, der sich in der Nähe eines Reichsbürgers aufhält, ist auch ein Reichsbürger. Man könnte zumindest versuchen, es herauszubekommen. Aber es scheint ein Bedürfnis danach zu geben, alle, die sich in der Nähe von Reichsbürgern aufhalten, zu Reichsbürgern zu machen. Es gibt die Sehnsucht nach einem großen, kompakten Gegner, von dem im selben oder im nächsten Atemzug freilich behauptet werden muss, dass er denn doch nur eine winzige Minderheit darstellt. Man möchte Held sein und gleichzeitig die stärkeren Bataillone auf seiner Seite wissen.

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Was »wir« auf Facebook und Twitter aufführen, resultiert aus der Angst vor Berührung. »Mit diesen Idioten lohnt es sich nicht zu reden!« Wie schwach muss das eigene Ich sein, wenn es sich der elementaren Fremderfahrung, mit jemandem zu reden, der anderer Meinung ist als ich, nicht aussetzen möchte! Wie groß die Angst vor Kontamination! Es ist eine ganz archaische Denkweise, die gut zur Regression des Politischen auf das Schema von Freund und Feind passt. Eine Art Magie: Der böse Geist, von dem xy besessen ist, springt auf mich über, wenn ich sie / ihn ansehe oder berühren. Unser Verhalten ist in den letzten Jahren auf diese archaischen Grundlagen regrediert. Was uns bewegt und unser Verhalten steuert, ist die Angst vor dem Unreinen, der Vermischung, der fehlenden Grenze.

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Leute, die sich als links verstehen und nach der geballten Staatsmacht mit Schlagstöcken und Wasserwerfern rufen, sind ein merkwürdiges Phänomen. »Polizei – SA – SS« hieß es mal. Die sollen uns jetzt beschützen.

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Es bräuchte strategische Intelligenz, die kühle Überlegung, dass weder alle Teilnehmenden an den Berliner Demonstrationen rechtsradikal sind, noch, dass sie auf die Schnelle durch die Demonstration zu Rechtsradikalen wurden. »Teile und herrsche« lautet die Strategie wie eh und je. Wie kann man diesen losen Verbund, in dem die einen diejenigen dulden, die sie als Mittel ihrer erträumten Machtergreifung benutzen, aufsprengen? Wie kann man die Faschisten auf das aushaltbare Mindestmaß zurückisolieren, in dem sie die Geschichte der beiden deutschen Staaten ziemlich konstant begleiten?

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Angesichts der vielen Flaggen, die auf die Zeit vor 33, ja vor dem ersten Weltkrieg verweisen, fragt man sich schon, ob der Wiederaufbau des Berliner Schlosses so eine gute Idee war.

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Georg Seeßlen hat nicht ganz unrecht, auch wenn sein autoritärer Duktus mich mittlerweile nervt. Die Demonstrationen demonstrieren die Bündnisfähigkeit von Faschismus und hedonistischem Kapitalismus. Ich gehe nicht soweit zu sagen, dass es dasselbe sei. Aber sie schließen einander nicht aus.

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Alles ist für alles benutzbar, alles kann alles bedeuten. Selbstverständlich kann man die Freiheit in ihrem Namen abschaffen. Eine Fahne, wie bunt sie auch sei, kann für jeden Scheißdreck dienen, was zu der Frage führt, ob das Fahnenschwenken als solches das Problem sei. Und wenn das Hochhalten des Grundgesetzes es möglich macht, der Macht näher zu kommen, dann ist das überhaupt kein Problem.

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Canettis zwei große Worte reichen aus, um das Ziel dieser Demonstrationen zu beschreiben: Masse und Macht. Den Unterschied macht, wie sie in jeder/m Einzelnen gewichtet sind. Viele begnügen sich mit der Masse, mit der Erfahrung von Glück – und auch Macht – , die sie ermöglicht. Andere dagegen wollen an die Macht. Für sie ist die Masse kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Macht.

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Es ist immer zu von der Erstürmung des Reichstags die Rede, nicht von der des Bundestags. Wie verhalten sich diese beiden Begriffe eigentlich zueinander? Der Reichstag, so könnte man sagen, ist das Gebäude, der Bundestag die darin ansässige Institution. Die materielle Substanz ist also der Reichstag. Der Bundestag dagegen ist eine Art Mieter, dem gekündigt werden kann, wenn der Mietvertrag ausgelaufen ist. Die vom eigenen Machtgefühl Berauschten, die gestern versuchten, in den Reichstag zu gelangen und unter denen, soweit ich weiß, nur ein ausgewiesener Faschist gesichtet wurde, waren offenbar dieser Meinung. Der historische Bezugspunkt des Gebäudes ist das Reich, nicht die Bundesrepublik Deutschland. Ob die eigentümliche Doppelbenennung nun Absicht, Zufall oder das Ergebnis des Berliner Sprachgebrauchs war, die Preußen mangels Alternative hochhalten: Sie entspricht dem, was die Reichsbürger schon immer dachten. Ist es verwunderlich, dass sie den Reichstag stürmen lassen, um sich seines Interimsbewohners zu entledigen, der es auch im Sprachgebrauch nicht besonders weit gebracht hat? Sie fühlen sich dazu berufen, den Reichstag wieder zu dem zu machen, was sein Name besagt.

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Aber ja – nein: von einem »Sturm« auf den Reichstag konnte ja keine Rede sein, und die Neonazis scheinen dabei keine so große Rolle gespielt zu haben. Auf den Videos, die ich kenne, ist eine chaotisch flutende Menschenmenge zu sehen, berauscht von der Illusion der Macht, die sie für einen Moment in den Händen zu halten glaubte, berauscht von sich selbst – davon, dass sie so weit vorgedrungen und sich das getraut hatten und dass die Bilder ihres Heldenmuts gleich um die ganze Welt gehen würden. »Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn!« heißt es immerfort auf dem einen Video. Mir erscheint das nicht besonders politisch. Revolutionäre sehen anders aus, irgendwie nüchterner. Die Freude besteht in der öffentlichen Übertretung von Verboten wie den Abstandsregelungen und der Aufforderung, eine Maske zu tragen. Der Jubel bricht beim Durchbrechen und Überspringen von Grenzen wie den Absperrgittern aus, die den Eingang zum Reichstag absperren. Dass keine harten Faschisten bei dem Unternehmen zu sehen waren, ist deswegen wohl kein Zufall und nicht verwunderlich. Sie mögen wissen, dass man die Masse zum Sturm auf den Reichstag anstiften kann, und dass das ein schönes Zeichen setzt, dass man aber so gewiss nicht an die Macht kommt.

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In den sozialen Medien kursiert, meist nicht gegendert, der Begriff des Mitläufers. Und es stimmt ja wortwörtlich: wer zusammen mit anderen Menschen läuft, ist ein Mitläufer. Aber es ist doch ein sehr deutsches Wort und entfaltet seine ganze Wucht erst, wenn diejenigen, mit denen man mitläuft, eine faschistische Überzeugung demonstrieren. So schwingt das ganze Unheil der Situation nach 1945 mit, in der der Begriff von den Entnazifizierungsbehörden geschaffen wurde, um die nicht justiziable Schuld eines großen Teils der deutschen Bevölkerung zu bezeichnen. In den Westzonen endeten, Wikipedia zufolge, 54% der Entnazifizierungsprozesse mit diesem Urteil. Das schwelt, bricht auf und die Zeiten beginnen sich sachte zu überlagern. Wo und wann leben wir wirklich? Wollen diejenigen, die die anderen als Mitläufer bezeichnet, damit bedeuten, sie wären damals nicht mitgelaufen? Die Glücklichen!

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»Ich bin Presse!« schreit der Urheber des Videos wieder und wieder, so wie er vorher »Wahnsinn! Wahnsinn!« schrie. Wie denkwürdig ist die Formulierung, mit der er seiner welthistorischen Rolle gerecht wird: Ich bin Presse! Er sagt nur ein einziges Mal: »Ich bin Journalist«, ich gehöre zu einem zwar schlecht beleumundeten, aber privilegierten Berufsstand, dem Unantastbarkeit garantiert ist. Er sagte damit immerhin: Ich bin ein Mensch. Aber immer und immer wieder: Ich bin Presse! Der Satz: »Ich gehöre zur Presse« fällt nicht. Er machte eine Differenz zwischen Person und Institution, in der die Verantwortlichkeit einer beruflichen Entscheidung Platz haben könnte. Erst wenn ich gegen etwas sein und es kritisieren kann, kann ich auch in einer Weise dafür sein, die mehr wäre als blinde Loyalität. Identifikation, die etwas anderes ist als Unterwerfung oder Anmaßung, geht aus der Spannung von Allgemeinem und Einzelnen hervor, die wieder und wieder weggearbeitet werden muss. »Ich bin Presse«, das sich angesichts der welthistorischen Dramatik der Situation auch noch den Artikel spart, vernichtet psychologisch und sprachlich diese Dialektik. Ich denke an Bushidos »Wir sind die Organisation« (›Panamera Flow‹) – das neue Subjekt, das nicht mehr durch Teilhabe, sondern durch bruchlose Identität bestimmt ist. Der Mann ist Presse, er ist die Institution, die er vielleicht sonst verachtet. Egal. Als ihr Aug‘ und Ohr macht er das Video des Tages. »Presse« ist’s, die sich näher als alle anderen an die Polizisten herandrängen darf, die den Eingang des Reichstagsgebäudes verteidigen; mit der Begründung aller Kriegsberichterstatter seit je: »Ich möchte die Perspektive«.

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In einer kurzen Sequenz des Videos steht ein Mann mit Glatze und wallendem Vollbart vor den Polizisten. Man kann ihn gut sehen, denn zum Glück ist der Mann, der Presse ist, kraft der Unberührbarbarkeit dieser Institution, noch näher dran. Er weint fast. »Für die Freiheit unserer Kinder« schluchzt er die Polizisten an. Ein paar Minuten später ist er, wenn auch nur undeutlich (der Mann, der Presse ist, macht seine Arbeit nicht gut, aber auch die Presse ist halt nur ein Mensch und die Situation ist, wie gesagt, dramatisch), zu sehen, wie er eine Reichsfahne entfaltet und damit auf die Polizisten zugeht. Dann ist er zu Boden gegangen, aber es wirkt so, als hätte er sich, ebenso wie sein Nebenmann, zu Boden geworfen. Beides Szenen für: Presse, die in artikelloser Majestät Kamera geworden ist und die Wirklichkeit abbildet, die sie selber hervorbringt.

Wolfram Ette

Corona 84: Wo die Metaphysik beginnt

„Nichts ist ohne Grund“ heißt es bei Leibniz, Wirkungen ohne Ursache gibt es nicht. Was aber, wenn die Ursache ‚untersichtig‘ ist, wie im Falle einer Epidemie – oder vielleicht auch ‚übersichtig‘, wie im Fall des Klimawandels? Unsere Wahrnehmungsorgane sind an das zu große und an das zu kleine nicht angepasst. Aristoteles forderte von der Tragödie, sie solle so groß sein, dass sie mit einem Blick gut zu überschauen sei. Wenn dass so ist, können wir sie verstehen, und darauf kommt es ja an. Die antike Atomistik – also die Lehre des Demokrit und des Epikur – ist, weil sie die Ursache der erscheinenden Dingen in ein unwahrnehmbares, qualitätsloses Kleines setzt – etwas, das abgesehen von der Schwere, noch viel weniger Eigenschaften hat als etwa ein Virus –, keine Physik, sondern eine Metaphysik von enormer Abstraktionsgewalt. Aber die Vermittlung zwischen Ursprung und sinnlicher Erscheinung bleibt selbst abstrakt; Epikur, so schreibt Hegel, „treibt sich“, was das betrifft, „in Unbestimmheiten herum“. Genau da beginnt die Metaphysik samt all ihrer Zerfallsprodukte. Auf reine Wirkungen verwiesen, lässt sich über die Ursachen trefflich spekulieren. So können wir das, was wir nicht sehen, hören oder riechen können, dann auch anderen in die Schuhe schieben, eben jenen, die voller böser Pläne sind und sich gegen die Welt, und das heißt gegen uns verschworen haben. Verschwörungstheorien sind das Aas der materialistischen Metaphysik. Die Masterminds, auf die die Verschwörungstheoretiker verweisen, sind weniger die Nachfahren der Götter als die Phantasmagorien, die sich aus den Schwärmen der rastlos sich bewegenden, aneinander stoßenden und ihren Wirt verändernden Viren zu wüsten Anthropomorphismen zusammengeschlossen haben, die wir sehen können. Zum Glück. Denn auch, wenn Wissenschaft und Medien sich viel Mühe gegeben haben, uns ein Bild des Virus zu geben und das Unsinnliche zu versinnlichen – die stachlig-aggressive Variante der ruhelosen Atome ist von ihnen nicht weit entfernt.

Wolfram Ette

Corona 83: Aus Geschichte lernen

Gerade zerreißt es uns. Gestern sollte der Schulminister (der für die Entwicklungen hier wenig Interesse zeigt und ganz auf den Schulbeginn in der Metropole am 1. September konzentriert ist) endlich die neuen sanitären Maßnahmen vorstellen. Wir hatten gehofft, dass es zumindest in Bezug auf Kantine, Sport und Maskentragen in Grundschulen zu Korrekturen kommen würde. Damit ist es nichts. Das Einzige, was verkündet wurde, ist, dass die Erwachsenen in den Schulen jetzt überall und immer eine Maske zu tragen haben.

Dabei warnt das Krankenhaus, zu tun sei jetzt nur noch wenig, es müsse aber gelingen, die Kurve abzuflachen, weil sonst die Intensivstation in absehbarer Zeit überfüllt sein wird. Der Präfekt tut nichts. Die Schuldirektoren wagen nicht, aktiv zu werden. Die Schließung von Klassen mehrt sich. Nichts geschieht. Das Konservatorium will die Chöre ein wenig kleiner machen, hat aber auch noch keine Anweisung bezüglich der Frage, wie man in Räumen ohne zu öffnende Fenster Ansteckung vermeiden kann.

Vor zwei Tagen traf ich ein franko-madegassisches Arzt-Ehepaar, das ich durch das Konservatorium kenne. Es sind Leute, die hier in zwei verschiedenen Krankenhäusern arbeiten und also Einblick in die Vorbereitungen auf das inzwischen Unvermeidliche haben. Beide meinten, dass im März, als man sich auf die erste Welle vorbereitete, die Stimmung zwischen den KollegInnen sehr schlecht gewesen sei. Es habe an allem gefehlt, die Nervosität sei sehr groß gewesen. Jetzt fühle man sich hingegen besser ausgestattet, das Wissen habe zugenommen, die Atmosphäre sei besser. Aber man beginne, die Ärzte aus den Ferien zurückzurufen und Abteilungen umzustrukturieren, um reagieren zu können. Was allen Angst mache, sei der Umstand, dass wir keine Nachbarn haben, die uns helfen können. Sie erinnerten daran, dass wir Mayotte mitversorgen. Die Situation dort hat sich zwar leicht verbessert, doch das Problem ist nicht wirklich verschwunden. Beide glauben, dass die Situation weiter an Dramatik gewinnen wird.

Sie erzählen auch, dass in der Privatschule ihrer beiden Töchter ein gestaffelter Empfang eingeführt worden sei, damit des morgens nicht alle Kinder und Eltern zugleich vor dem Tor stehen. Das Mittagessen werde an einem Tag draußen, picknick-artig, mit einem belegten Brot organisiert und am Folgetag mit einem warmen Essen. Auf diese Weise sei der Zudrang zur Kantine um die Hälfte reduziert worden.

Ich höre das und denke, dass wieder einmal nur die Privatschulen auf die Eltern hören. Die öffentlichen Schulen hingegen – die also, in die meine Kinder gehen – warten ergeben auf das, was das Ministerium entscheiden wird, ohne jede eigene Initiative. Weil jetzt aber auch der Minister keine Initiative ergriffen hat, befinden wir uns mit unseren eigenen Entscheidungen in größter Bedrängnis. Nichts ist bekannt gemacht worden über den Sport-Unterricht, nichts über den Ort, an dem dieser stattfinden wird, nichts über die Art des Sports, die unterrichtet werden wird, nichts, wie viele Gruppen sich zusammen in der Turnhalle befinden werden. Alle Sporteinrichtungen der Insel sind inzwischen geschlossen. Sogar die Pétanque-Spieler, die sich stets draußen treffen und wahrhaftig keine körperliche Anstrengung vollbringen, wenn sie ihre Metallkugeln in Richtung chochonet werfen, sind mit einem Verbot belegt worden, sich zu treffen. Die Widersprüche liegen also offen zutage, und die Passivität in einer Situation, die sich täglich verschlimmert, auch. In der Schule wird ungehindert Sport betrieben und zweitausend Kinder essen gemeinsam auf engstem Raum. Aber draußen ist alles anders. Und wir sind eine Insel! Eine Insel!

Ich merke, wie ich von diesem Gedanken nicht mehr loskommen, obsessiv geradezu. Und das führt zu Spannungen innerhalb der Familie. Wir sind Kompromisse eingegangen: Irene geht, ausgestattet mit einer teuren Maske: FFP2. Sie hat die ersten Tage gefehlt, doch jetzt geht sie, und wir halten aus, dass in der Schule rein gar nichts unter Kontrolle ist. Nur einen Kompromiss verlangen wir ihr ab: Vom Sportunterricht bleibt sie vorerst fern, denn die eigentliche Sportlehrerin ist eh nicht da, der Ersatzlehrer hat nichts bekannt gegeben über sein Vorgehen, und das Ganze ist also mehr als abenteuerlich. Doch Irene will gehen. Wir erklären ihr, warum wir nicht einverstanden sind und sie nun umgekehrt diesen einen, kleinen Kompromiss einzugehen hat: zwei Stunden Sportunterricht verpassen. Es ist nicht einfach. Sie geht nicht, doch ein ganzes Lügengebäude ist zu errichten, damit die Schule akzeptiert, was sie selbst verschuldet hat: ein täglich wachsendes Misstrauen mancher Eltern. Nicht aller, doch mancher. Und ich fühle mich als Exponent einer radikalen Form von Misstrauen, denn ich komme aus anderen Zeiten her, von anderen Lektüren, von Gedanken über die Unfähigkeit von Gesellschaften, Krisen in den Griff zu bekommen bzw., schlimmer noch: sie überhaupt wahrzunehmen.

Aber ich merke, wie ich solche Gedanken eigentlich nur für mich allein haben darf, dass sie in der Familie nicht anwendbar sind, dass sie, sobald in Praxis umgesetzt, zu Konflikten führen, die den eigenen Alltag verdüstern, dass also, wenn man so will dasjenige, was ich – naiv vielleicht – als „Lernen aus Geschichte“ wahrnehme, zu nichts nutze ist, denn meine Lektüren und mein Nachdenken sind meine, und es erscheint als Zumutung, wenn ich sie zu einer Art familiärem Gemeingut mache. Mein Mann hält meine Kritik nicht aus. Auch er schickt Irene nicht in den Sportunterricht, doch er will mich stark und ausgeruht. Das aber schaffe ich nicht, denn mein Erleben besteht eben darin, dass sich Jahrzehnte des Nachdenkens über die kollektive Nicht-Wahrnehmung von Problemen in diesen ersten, wie mir scheint vollkommen unsicheren Schultagen verdichten. Und die Zukunft spielt auch hinein: Die Politik schließt die Augen. Das Problem ist relativ gering, es gäbe Möglichkeiten, es zu lösen. Aber schon hier versagen die Institutionen. Wie wird es sein bei sehr viel größeren, langfristigeren Problemen? Was passiert dann?

Anne Peiter

Corona 82: Der Test

Ich stehe vor dem Eingang der tropenmedizinischen Abteilung des Chemnitzer Krankenhauses am Küchwald und warte darauf, dass ich getestet werde. Die Schlange ist ziemlich lang, und der Abstand, den wir instinktiv oder aus dem Gefühl heraus, uns in der Nähe der Obrigkeit zu befinden, voneinander einhalten, macht sie noch länger. Eine stille, schweigende, inaggressive Stimmung.

Die Wartenden sind eine gemischte Gruppe. Familien, Jugendliche, Pärchen, Menschen, die alleine gekommen sind. Wenig alte Leute. Sie sind wohl am ehesten den Reiseempfehlungen gefolgt, entweder in Deutschland oder gleich zu Hause geblieben.

Ich selbst hatte mit dem Problem zu tun, dass ich wie immer unsere Ferien zu spät geplant hatte und mich von vollen Campingplätzen in Deutschland abgeschreckt fühlte. Deswegen hatte es mich dort hingezogen, wo mutmaßlich nicht zu viel los sein würde. Und das stimmte auch: abgesehen von Dubrovnik war in Kroatien im Vergleich zum Normalbetrieb tatsächlich nicht viel los. Das heißt: auch in Dubrovnik war ‚nicht viel los‘, aber eben nur vergleichsweise: es war eben doch ‚ziemlich viel los‘, und wie es in anderen Jahren aussieht, mag ich mir gar nicht vorstellen. Es war ein gutes Reisejahr für all diejenigen, die die beliebten Plätze besuchen wollen, für den Massentourismus aber nichts übrig hat.

Die Zeit vergeht schneller als ich dachte, die Leute unterhalten sich leise oder sind, wie ich, mit ihren Smartphones beschäftigt, die Schlange rückt schubweise voran. Ich selbst bin unter den Letzten, die ins Klinikgebäude gelassen werden. Dort herrscht ruhiger Betrieb. Wegen einer Großfamilie von acht Personen vor mir, die en bloc abgefertigt wird, staut es sich noch ein wenig, dann bin ich dran.

Zunächst die Registrierung. Die Dokumente aus Kroatien, die ich mitgebracht habe, um meinen Aufenthalt zu belegen, werden nicht geprüft; meine Sorge, ich würde abgewiesen oder müsse den Test selbst bezahlen, weil die Abreise von unserem letzten Campingplatz wegen des dazwischenliegenden Wochenendes mehr als 72 Stunden zurückliegt, ist unbegründet. Vielleicht hat die Station das Wochenende einkalkuliert, oder sie hat entschieden, sich einfach mit dem guten Willen der Wartenden zu begnügen. Fast scheint es mir so, aber ich frage nicht nach, weil ich etwas, das offenbar und richtigerweise kein Problem darstellt, gar nicht erst zum Thema machen möchte.

Beim Test fordert mich der Arzt auf, tief einzuatmen, während er den Rachenabstrich macht. Damit habe ich nicht gerechnet. Teils deswegen, teils wegen des sofort aufsteigenden Brechreizes beginne ich zu husten. Ich denke sofort, ich könne den Arzt trotz seiner Klinikmaske anstecken und entschuldige mich mehrfach dafür. Der Arzt lächelt – nein, das kann ich ja gar nicht sehen, stelle es mir aber vor und sagt freundlich und ohne jede Angst: „Kein Problem, das geht allen so“; und mir schießt durch den Kopf, dass ich heute vielleicht zum ersten Mal in eine Situation gekommen bin, in der ich wirklich jemanden anstecken könnte, mit Corona oder etwas anderen. So habe ich jedenfalls seit dem Beginn der Epidemie nicht gehustet. Dann lasse ich mir noch erklären, wie und wann ich das Testergebnis abfragen kann und verlasse die Klinik durch einen anderen Ausgang.

Ich bin beruhigt und fühle mich wohl. Diese Krankheit, die sich für mich immer an der Grenze des Fassbaren bewegt, ist dadurch, dass ihr hier eine anschauliche Praxis entspricht, ein klein wenig fassbarer geworden. Das Verhalten des Klinikpersonal und der Wartenden greift reibungslos ineinander. Niemanden scheint das Warten besonders gestört zu haben. Auf dem Gang die letzten Nachzügler. Das kleine Kind, das die meiste Zeit geweint hatte, ist still geworden. Es ist überhaupt sehr still hier.

Wolfram Ette

Corona 81: Mitteilung

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

die Corona-Texte, die Anne Peiter und ich bis Ende Juli, also während der ersten Phase der Pandemie geschrieben und hier veröffentlicht haben, werden, neu angeordnet, redigiert und ergänzt um bislang unveröffentlichte Texte, gegen Ende dieses Jahres im Büchner-Verlag als Buch herauskommen. Arbeitstitel: Der Ausnahmezustand ist wie der Normalzustand, nur wahrer. Texte zu Corona. Die entsprechenden Blogeinträge (bis Corona 60) werden peu à peu gelöscht.

W.E. / A.P.

Corona 80: Die Katze oder Alles ist relativ

Nathalie schreibt mir : »D’ après ce que je comprends, ce sont les rassemblements de famille qui sont en majorité la cause de la propagation, mariages créoles à plus de 200 personnes, anniversaires etc….et non les voyageurs de retour dans l’ île.« (»So weit ich das verstehe, sind die Familienzusammenkünfte der Hauptgrund für die Ansteckung, kreolische Hochzeiten mit mehr als 200 Personen, Geburtstage usw…. und nicht die Urlauber, die zurück auf die Insel kommen.«) Und weiter: »1075 cas de covid, à ce jour 2 décès … 15 600 cas de Dengue recensés vendredi dernier … je crois qu’on meurt plus de la Dengue à La Réunion que du Covid….je crois qu’il faut vraiment relativiser.« (»1075 Covid-Fälle, und bis heute zwei Todesfälle… dagegen 15600 Dingo-Fälle, die bis letzten Freitag festgestellt wurden … Ich glaube, man stirbt auf La Réunion mehr an Dingo als am Covid … Ich glaube, man muss wirklich relativieren.«)

Es ist der Fettdruck in dieser Mail, der meine Neugier weckt. 15600 Fälle. Hervorgehoben. In Fettdruck. Man müsse die Zahl zu lesen versuchen. Ich lese. Mit Interesse. Es stimmt: Wir haben ein großes Problem mit dem Dingofieber, und dieses Problem hat sich durch den Coronavirus verstärkt. Die Gesundheitsbehörde war beschäftigt mit der Bekämpfung des letzteren und hatte daher kaum Kapazitäten, um die Krankheit zu bekämpfen, deren Bekämpfung vermutlich wichtiger gewesen wäre, nämlich das Dingofieber. Es ist auch wahr, dass auf La Réunion bisher mehr Menschen an diesem Fieber gestorben sind als am Coronavirus.

Und doch ist der Umstand, dass mehr Menschen am Dingofieber gestorben sind, ein Argument dafür, den Coronavirus ernst zu nehmen. Da wir nämlich ohnehin schon ein Problem mit dem Dingofieber haben, können wir es uns noch weniger leisten, dann zusätzlich auch ein Problem mit dem Coronavirus zu haben. Die Zahl der Betten auf der Intensivstation ist extrem begrenzt. Welcher Patient wegen welcher Krankheit kommt, ist völlig zweitrangig. Die geringe Bettenzahl ist ein Faktum, das sich um die jeweilige Krankheit nicht schert.

Außerdem versorgen wir eine zweite Insel mit. Schwerkranke aus Mayotte werden auf La Réunion behandelt, und Schwerkranke aus Mayotte sind auch auf der Intensivstation von La Réunion verstorben. Doch diese Toten nennt Nathalie nicht. Sie beschränkt sich auf die Fälle, die »lokal« sind, obwohl die Kapazitäten von La Réunion mit der Entwicklung auf Mayotte und deren Toten, die es in unserem Krankenhaus gegeben hat, direkt zusammenhängen.

Hinzu kommt, dass Dingo und Corona von ihren Symptomen her sehr ähnlich sind. Die Präsenz von Dingo erschwert die Erkennung von Corona. Mehr noch: Die Erkrankung an Dingo erschwert die Gesundung im Fall einer zusätzlichen Coronaerkrankung. Das Problem  potenziert sich also statt sich zu  relativieren.

Und doch besteht Nathalie darauf, man müsse relativieren. Sie sagt, die Prioritäten würden falsch gesetzt und Dingo zeige, dass man Corona zu relativieren habe. Es ist, als bestünde eine Alternative zu Corona. Die anderen mögen Corona haben, wir aber haben vor allen Dingen Dingo.

Leider sind wir aber, weil hochmobil und eng mit dem Festland verbunden, durchaus keine Insel und müssen uns daher sagen, dass Corona auch uns angeht und dass auch Corona uns angeht. Und dass Mayotte uns angeht. Denn wenn das örtliche Krankenhaus von La Réunion zu viele Coronafälle wird behandeln müssen, kann es die ohnehin häufigen Dingofälle nicht mehr behandeln. Corona und Dingo bilden eine Einheit, sind nicht etwas Getrenntes. Und Mayotte und La Réunion gehören gleichfalls zusammen. Nathalie hingegen besteht darauf, dass Dingo und die geringe Zahl der Toten von La Réunion im Vordergrund zu stehen hätten.

Unter bestimmten Voraussetzungen wäre ich sogar einverstanden mit ihr, dann nämlich, wenn es ihr wirklich um die Bekämpfung von Dingo ginge. Weil aber der Aufruf zum Relativieren von Corona gleich auf den Aufruf zur Bekämpfung von Dingo folgt, gewinne ich den Eindruck, dass sie Dingo mit Corona bekämpfen will, statt Dingo und Corona. Mir scheint, sie erzählt mir etwas, das psychologisch mit Corona zu tun hat, und nicht ihre echte Sorge bezüglich der Dingo-Bekämpfung.
Denn irgendwie  hätte Nathalie gern, dass es Möglichkeiten zur Relativierung gibt, und so kommt ihr Dingo voll zupass. Sie ist also nicht besorgt wegen der starken Verbreitung von Dingo, sondern vielmehr  erleichtert über sie. Dingo, das ist der Schutzschild, der es ihr erlaubt, sich nicht damit auseinanderzusetzen, dass Corona die Kapazitäten des insularen Gesundheitssystems sehr schnell überfordern könnte, zumal, wenn massiv das Dingofieber hinzutritt. Oder anders: Sie stellt sich nicht wirklich vor, dass Dingo die Kapazitäten überfordern könnte, wenn massiv Corona hinzuträte. (Beides läuft auf’s Gleiche hinaus.)

Sie hält mir ihre Besorgnis vor, als stünde sie im Kontrast zu meiner eigenen Besorgnis, doch in Wirklichkeit würde ich mit ihrer Besorgnis ganz konform gehen, wenn sie – die Besorgnis – denn wirklich eine wäre. Ich glaube aber, zu wissen, dass Nathalie so besorgt nicht ist, denn dass es im Gymnasium ihrer Tochter gerade einen kranken Schüler gab, versetzt sie keineswegs in Sorge. Vielmehr bedauert sie den Schüler: »Il y a un cas de covid positif au lycée Leconte de Lisle, pauvre malheureux élève qui va susciter un tsunami malgré lui, elle….«.

Ich habe keine Ahnung, woher der Schüler Corona hat, doch es würde mich nicht wundern, wenn er ihn von einer Reise mitgebracht hätte und nicht von einer dieser kreolischen Hochzeiten, die Nathalie mit Blick auf Corona für das Grundübel hält. Die Hochzeiten sind der Beweis dafür, dass die Menschen sich naiv von den Reisenden getrennt glaubten. Doch die Reisenden haben die Feiernden eingeholt, und jetzt stehen sie am Pranger. Nathalie hält im Gegensatz dazu für festhaltenswert, dass es der  Schüler sei, der einen »Tsunami« auf sich ziehen werde. Sie hält ihn vor allen Dingen wegen des vorhersehbaren, sozialen Auschlusses für bedauernswert, weniger darum, weil nun erwiesen ist, dass er Corona hat. Das  heißt : Sie redet auch hier Corona klein, um Dingo groß reden zu können. Alix, ihre Tocher, sei, obwohl in dieselbe Schule gehend, nicht mit dem Jungen in Kontakt gewesen. »Alix ira donc au lycée jusqu’à nouvel ordre. Je refuse de participer à cette psychose générale.« («Alix wird bis auf Weiteres ins Gymnasium gehen. Ich weigere mich, an dieser allgemeinen Psychose teilzunehmen.«)

Hier ist es: Sie hält die anderen für Teilhaber an einer kollektiven Psychose. Sie will, dass die Gefahr nicht bestehe, also legt sie sich alles so zurecht, dass sie, abgeklärt und klar analysierend, den Psychotikern entgegentreten kann: »J’essaye de relativiser car beaucoup de gens n’y arrivent plus et je crois qu’il faut faire appel à sa raison.« («Ich versuche, zu relativieren, denn vielen Menschen gelingt das nicht mehr, und ich glaube, man muss an seine Vernunft appellieren.«)

Als Grund, zu relativieren, führt sie im Weiteren die vielen, anderen Katastrophen an, die es, über Corona hinaus, gebe: »J’ai bien conscience que nous aurons encore d’autres virus à venir, peut être celui là encore d’autres fois, mais il y a aussi le réchauffement climatique, la montée des extrémismes, le terrorisme religieux, la crise économique magistrale qui s’annonce, le cancer qui tue plus que jamais … tellement de raisons d’être terrorisés….si je rajoute mes peurs personnelles … ouille, ouille ouille !!!!!« (»Ich weiss sehr gut, dass wir in der Zukunft noch weitere Viren vor uns haben, vielleicht denselben weitere Male, aber es gibt auch die Klimaerwärmung, die Zunahme des Extremismus, den religiösen Terrorismus, die riesige ökonomische Krise, die sich andeutet, der Krebs, der mehr denn je zuvor tötet…….. so viele Gründe, um vor Angst zu vergehen … wenn ich dem noch meine persönlichen Ängste hinzufüge … ohje, ohje, ohje!!!!!«)

Wer wollte ihr widersprechen? Sie sagt, was Wirklichkeit ist: Die Probleme sind komplex und beängstigend, und sie gehen weit über Corona hinaus. Nichts könnte wahrer sein. Nur was die Konsequenzen anbelangt, die man aus dem Ganzen zieht, mag ich mich nicht  anschließen : »Alors là, on ne fait plus rien du tout et autant mourir tout de suite … je vais donc de ce pas lire un bon livre avec un verre de très bon vin et observer mon chat qui s’étire de tout son long sur mon lit … bonheur suprême! Belle source d’inspiration!)« (»Dann macht man überhaupt nichts mehr und man könnte eigentlich sofort sterben … Ich werde darum ein gutes Buch lesen, dabei einen sehr guten Wein trinken und meine Katze beobachten, die sich auf meinem Bett räkelt … Höchste Glückseligkeit! Schöne Quelle für Inspirationen!«)

Wenn es noch eines Beweises für Nathalies besorgte Sorglosigkeit und sorglose Besorgtheit bedarf – hier ist er. Sie bietet mir als Alternative zwei im Gegensatz zueinander stehende Bilder: den Selbstmord aus Verzweiflung über den Zustand der Welt im Allgemeinen, d.h. die Erkenntnis von der Unheilbarkeit der Welt auf der einen – und das gute Buch, das man, einen exquisiten Wein trinkend, zur Hand nimmt, während sich die Katze auf dem eigenen Bett behaglich räkelt, auf der anderen Seite. Es ist aber genau diese Behaglichkeit, die mir äußersten Widerwillen einflößt. Geboten wird, was wir alle gern hätten, nämlich ein gutes Buch, tollen Wein und eine schnurrende Katze statt Corona, Dingo, die Klimakatastrophe, Krebs und was es sonst so an unschönen Dingen in der Welt gibt. Doch dass es all diese Dinge gibt, hat doch gerade damit zu tun, dass wir auf ein gutes Buch, den Wein und die Katze nicht verzichten können! Dass wir nicht mehr relativieren dürfen, kommt doch daher, dass wir dauernd alles relativieren!

Ich finde, mit der Katze lässt Nathalie die Katze aus dem Sack. Sie mag ihre Katze nicht lassen, mag auf ihr Schnurren und ihr Sich-Räkeln nicht verzichten, hält den Wein in der einen und das gute Buch in der anderen Hand, und damit ist ihre ganze Besorgnis für die Katz’. Das Problem, das dem Umgang mit Corona oder Dingo, der Klimakatastrophe oder Krebs zugrunde liegt, liegt in der Katze, die aufs Bett springt, sich räkelt und schnurrend niederlegt. Die Katze sind wir. Die Katze, die ist unser Hauptproblem. Corona muss in der Tat relativiert werden. Aber Dingo auch! Und selbst die Klimakatastrophe! Das alles ist gar nicht wichtig, Nathalie hat recht! Das Problem ist, ich wiederhole es, die Katze und dass es so viele von ihnen gibt, schnurrend und sich räkelnd. Die Katze, die müsste zu unserer aller Inspirationsquelle zu werden.

Anne Peiter

Kommentar

Man kann Corona benutzen, um von der Klimaerwärmung abzulenken. Man kann die Klimaerwärmung benutzen, um von Corona abzulenken. Jedenfalls sagt man B, um nicht A zu sagen. B ist der Nebenschauplatz, der uns entlastet. Und es gibt Fälle, in denen die Schamlosigkeit soweit geht, den Hauptschauplatz als Nebenschauplatz zu benutzen, weil man ja gegen das Hauptproblem – sagen wir: die Klimaerwärmung – sowieso nichts machen kann und es deswegen nicht nur wohlfeil, sondern praktisch umsonst ist, sie zu beschwören, um nichts gegen etwas tun zu müssen, gegen das man im Augenblick noch etwas tun könnte. Es ist eine Rhetorik, deren einziges Ziel in der Passivität, dem Nichtstun, der Aufrechterhaltung des gewohnten Zustands ist. Alles ist mit allem vertauschbar, die Klimakrise mit dem Terrorismus, das Dingofieber mit Malaria, der Hunger in Afrika mit dem schmelzenden Packeis, und alles schließlich mit dem Coronavirus. Alles bedeutet alles, alles ist sinnlos und bestätigt uns unsere Todgeweihtheit. Es ist ein höchstes Glück, wenn einem dann noch der Wein, wenn einem dann noch der Wein schmeckt und das gute Buch gefällt. Natascha, die sich durch reines Nichtstun für für die richtige Sache engagiert zu haben, ist zu beneiden! Ouille, ouille ouille !!!!

Wolfram Ette

Stadt als Körper

Notiz zur Kunstausstellung „Gegenwarten | Presences“

Bazillenröhe rosalila

© Lavinia Chianello

Die Bazillenröhre, die immer so etwas wie der Darm von Chemnitz gewesen ist, schmutzig, nach Pisse stinkend, voller Abfall und immer betagter Graffitis, hat sich in einen Geburtskanal verwandelt. Beleuchtung und Wandfarbe sind eine Mischung zwischen Sauna, Bordell und ein klein bisschen Club, also zu einem der uterinen Ursprungsorte gehörig, auf die wir als erwachsener Städtebewohner angewiesen sind. Es ist ein weiblicher Ort geworden, aber die Farbe des Feminismus, die offenbar von der Künstlerin beabsichtigt war, hat sich mir nicht aufgedrängt. Der Darm selbst liegt nun im Park des deutschen Dichters, dem immer mal wieder Kopflastigkeit vorgeworfen wurde. Der Schillerpark selbst lässt wenig davon erkennen. Was dort, auf dem Weg zwischen Bazillenröhre und Kunstsammlungen liegt und manche Leute ärgert, ist nicht nur der Darm von Marx, ein Gegenentwurf zum Kopfmassiv in der Brunnenstraße, sondern auch eine Exkorporation dessen, was die Bazillenröhre einmal war und was es, da die neue Unterführung nun endlich fertig ist, nie mehr geben wird. Man ahnt ein wenig, was eine Stadt als körperlicher Zusammenhang bedeutet.

Corona 79: Jetzt sind Ferien

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Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem auf der Insel sichtbar war, was meiner Meinung nach entscheidend ist: dass die Zahl der Ansteckungen in die Höhe schnellte, als die Leute aus den Ferien wiederkamen. Tagelang hatten wir keinen einzigen Fall. Dann kamen die Rückkehrer, und jetzt ist die Kurve bereits exponentiell. Das Bild hat sich gegenüber der Ferienzeit mit einem Schlage geändert. Doch nun übersteigt die Zahl der Ansteckungen vor Ort die Zahl der »eingeschleppten« Ansteckungen bei weitem. Dadurch verschwimmt das Verhältnis von Ursache und Wirkung so, dass gar nichts mehr zu erkennen ist. Es ist, als sei die Insel ansteckend (und sie ist es auch, und zwar in steigendem Masse), doch in Wirklichkeit ging dieser Ansteckung die Ansteckung »von außen« voraus. Von dieser zeitlichen Abfolge weiß aber schon niemand mehr, und so stellt sich heraus, dass Normalität voll aufrechterhalten bleiben kann: Die Ferien sind die Ferien. Der Arbeitsalltag ist der Arbeitsalltag. Die Trennung funktioniert, wie gehabt. Dabei hat die Ferienrealität die neue, vom Virus überschattete Arbeitsrealität überhaupt erst hervorgebracht.

Nirgends kann man das so klar erkennen wie auf einer Insel. Woanders weiß man nicht so recht, wer wann wo ist. Man ahnt, dass da gerade Leute zurückkommen, doch da der Raum zerdehnt ist, ist nicht recht fassbar, was von »woanders« kommt. Und so lob ich mir die Insel, weil sie mir dieses konzentrierte Anschauungsmaterial liefert. Wir waren bei null Fällen lange Zeit. Jetzt sind wir bei der exponentiellen Explosion der Ferienstimmung, die alle für die düstere Stimmung der zurückkehrenden Arbeit halten. Nein! Wir sind erst jetzt voll in den Ferien, das ist der entscheidende Punkt! Die Ferien beginnen jetzt, gerade jetzt, im Glanze ihrer Unausweichlichkeit!

Der Vorschlag des heutigen Tages, man solle doch alle Touristen und Heimkehrer durchgehend einer Quarantäne und dem Test unterwerfen, ist absurd: Gerade sind alle zurückgekommen – Quarantäne und Test sind schon erfolgreich vermieden worden. Die Idee kommt zu spät. Sie kommt, weil’s jetzt dramatisch ist. Aber dass es dramatisch ist, das erklärt sich daraus, dass alle Ferien machten und glaubten, Ferien seien Ferien. Die Ferien sind jetzt. Ich wiederhole es: Die Ferien liegen nicht hinter, sie liegen vor uns.

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Was meint das: die Ferien fangen gerade an? Zurückgekehrt aus einem Urlaub, in dem ich mir immer mehr zum eigenen Beobachtungs- und Versuchsobjekt wurde, weil das Land, in das zu fahren wir beschlossen hatten, sich in vorauszusehender Weise zu einem Infektionsherd zu entwickeln begann, taste ich mich an den mir vertrauten Alltag heran. Aber der ist gar nicht mehr so vertraut, es scheint ein winziger Abstand zwischen ihm und mir zu bestehen, der bisher so nicht da war.

Aber ist dies nicht nach allen Ferien so gewesen – diese heilsame Verfremdung des Gewohnten durch das Ungewohnte der Ferienwochen? Diese Freude an Kleinigkeiten, daran zum Beispiel, dass Dinge auf ihrem Platz stehen, wenn auch ein klein wenig verrückt, weil es mir heute zum ersten Mal auffällt? Habe ich das nicht auch als Kind so empfunden, wenn wir aus den Ferien zurück kamen und ich zum ersten Mal wieder in mein Zimmer trat und mein Spielzeug begutachtete, das unverändert an seinem Platz stand – aber halt! War nicht doch etwas anders? Gerade dass es so unbeweglich geblieben war, still und vielleicht ein wenig staubig im Sonnenlicht, ließ es fremd erscheinen.

Das mag alles sein und es gehört mit zu dem Zauber, den die Ferien noch für kurze Zeit auf das Übliche ausstrahlen. Diesmal aber verhält es sich ein klein wenig anders, dadurch, dass ich bis auf weiteres nicht mehr mit Ferien rechne. Das waren erstmal die letzten. Ich habe mich an der Grenze dessen, was zu verantworten ist, bewegt, damit muss es sein Genügen haben. Die Reiselust, die mich immer am Ende eines Urlaubs überkommt, muss bis auf weiteres unterdrückt werden. Die Lage verschlimmert sich täglich; und da es keinerlei Bereitschaft mehr gibt, sich einem zweiten Lockdown zu unterziehen – keinerlei Bereitschaft, keine Kraft, keine finanziellen Reserven mehr –, wird es kein steiles Abfallen der Ansteckungsrate mehr geben. Wir werden ausharren, auf einen Impfstoff hoffen (auch wenn wir zunehmend weniger davon überzeugt sind, dass dies die Wunderwaffe sein wird), die Regeln gelegentlich übertreten und uns an die Opfer der Epidemie gewöhnen.

Was könnte es angesichts dessen bedeuten, mit den Ferien zu beginnen, indem wir aufhören Ferien zu machen? So sehr es unseren Alltag für eine kurze Zeit verfremdet, wenn wir in die Ferien fahren – es bestätigt ihn doch auch. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Wir erholen uns, tanken Kraft; stellen, wie die Marxisten sagen, unsere Reproduktionsfähigkeit wieder her. Wir geben viel Geld aus, lassen es uns gutgehen; umgekehrt sind wir in der Lage, uns im normalen Leben zusammenzureißen, zu verzichten, damit wir uns später verausgaben können. Den Rhythmus von Werktag und Sonntag, Arbeitswoche und Wochenende wiederholen die Ferien noch auf einer höheren, stärker individualisierten und in gewisser Hinsicht pompöseren Ebene. Wird sie uns genommen, müssen wir nach einer vergleichbaren Befriedigung im Alltag suchen. Wir müssen uns im Alltag vom Alltag befreien.

Darauf will ich hinaus. Wir könnten den Impuls dieser letzten Ferien aufnehmen und dafür sorgen, dass er dieses Mal länger vorhält. Wir sollten in die Lücken des Alltags schlüpfen und uns dort ausruhen. Wir könnten versuchen, jeden Tag, ja jeden Moment in die Ferien zu fahren und mit wachsender Befremdung auf die Wirklichkeit starren, von der wir umgeben sind. Und gerade im Moment gibt es viel Anlass dazu.

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Ich frage mich, was es bedeutet, im Alltag Ferien zu machen. Ist es genau das, was mir nicht gelingt, eben weil ich nicht in die Ferien gefahren bin, sondern, gebannt auf die Rückkehr der Urlauber und das Ansteigen der Infektionsrate starrend, die Wut über die Unfähigkeit der Urlauber, auszutreten aus dem Alltag, zum Zentrum meiner Gefühle mache. Aber es tut mir nicht gut, ich bin nah daran, krank zu werden, ich spür’s. Ich muss also, gemeinsam mit meiner Familie, die Rückkehr des Augenblicks wiederfinden, nicht diese Konzentration auf die Regenerationsprozesse, die die anderen dazu bewegt haben, in die Ferien zu fahren. Ich muss mich erholen, obwohl die Ferien der anderen mir keine Erholung gewähren, ich muss mir sagen, dass in meinem Zuhause-geblieben-Sein versteckt eine andere Form von Erholung steckte, von der die Urlauber nichts wussten und auch jetzt noch nicht wissen wollen. Sie haben sich ja erholt, und ich nicht. Meine Erholung war allein beschränkt auf die Zeit, wo sie nicht da waren und sich erholten. Jetzt sind sie wieder da, und das Schlimmste an ihnen ist, dass sie erzählen, wie gut sie sich erholt hätten. Meine einzige Chance besteht also darin, dass ich mir nicht mehr erzählen lasse, wie gut sie sich erholt hätten, dass ich neu blicke auf mich selbst, mich abkapselnd gegenüber der Selbstgerechtigkeit, die eben doch nicht nur auf meiner Seite ist, sondern auch und vor allen Dingen auf Seiten derjenigen, die erzählen, wie gut sie sich erholt hätten.

1, 3: Anne Peiter; 2: Wolfram Ette

Corona 78: Kassandra und Jona

»Zum ersten Mal entdecke ich, wie sich Kassandra gefühlt haben muss. Würde ich sie darstellen müssen, würde ich sie schlaflos zeigen und dem Wahnsinn nahe. Nicht weil sie betroffen wäre. Sondern weil sie nicht ertragen kann, dass die Betroffenen sich nicht betroffen fühlen.« (A.P.)

Hoffnung ist kontrafaktisch – auch wenn man genau weiß, wie es ausgehen wird, lehnt sich an innerer Impuls dagegen auf. Man weiß, dass Kassandra recht hat, und man wünscht sich, dass sie nicht recht haben möge. Deswegen ist die Wut auf diejenigen, die ihr nicht glauben und eben dadurch das prophezeite Unglück herbeiführen, aber auch die Wut auf die Seherin, die sich anmaßt, einem die Hoffnung zu nehmen, so groß. Man muss das in dieser tragischen Schärfe sehen. Kassandra behält recht, weil ihr niemand glaubt. Würde ihr jemand glauben, könnte es sein, dass sie nicht recht behielte. Heißt das, dass sie insgeheim will, dass ihr niemand glaubt, weil sie ja nicht Unrecht haben und ihre Position als Seherin nicht aufgeben will? Aber der Untergang einer Stadt, Krankheit und Tod, zudem, im Extremfall auch der eigene gehören könnte, sind keine Kleinigkeit. Kassandra, wie sie bei Aischylos dargestellt wird, ist eine Verzweifelte, sie kämpft um ihr Leben und sie zerbricht Seherstab und Binde, so als würde sie ahnen, dass das ganze Orakelwesen, all das Voraussagen dessen, was kommen wird, der falsche Weg sei, an die Zukunft heranzukommen und sie in die eigene Hand zu nehmen.

Gibt es andere Möglichkeiten? Ich meine ja: Die alttestamentarische Prophetie stellt eine solche andere Möglichkeit dar. Propheten sind keine Seher. Denn sagt der Seher (oder die Seherin) voraus, was passieren wird, so dass eigentlich jeder Versuch, sich dagegen aufzulehnen, scheitern muss, weil er die göttliche Autorität infrage stellt, geht die Prophetie, wie sie wieder und wieder im Alten Testament verlautbart wird, von einer Wenn-dann-Beziehung aus: Wenn ihr Menschen weiter sündigt, wird Gott diese Stadt vernichten. Untrennbar gehört dazu ein zweites Bedingungsgefüge: wenn ihr es nicht tut und von euren Sünden ablasst, so soll diese Stadt verschont werden. Das Buch Jona erzählt die Geschichte dieses doppelten Zukunftsbezugs, der es in die Hand der Menschen legt, sich für eine bestimmte Zukunft zu entscheiden. Die Aufgabe des Propheten würde darin bestehen, die Menschen über die Folgen ihres Handelns aufzuklären– um sie zu einer Entscheidung zu ermutigen. Es gibt hier ein Richtig und Falsch, nicht das tragische double bind zwischen eigenem Unglück und Auflehnung gegen das vorherbestimmte Schicksal.

Was also wäre zu tun, was also wäre zu wünschen? Weniger Kassandra und mehr Jona, mehr von dem lustigen kleinen Propheten, der seine Rolle zunächst nicht will, weil er sie (nämlich sich als Seher) missversteht; dann aber, nachdem ihn Gott durch den Bauch des Walfisch getrieben hatte, seine Rolle annahm, sie aber weiter missverstand und im Winkel schmollte, als die Menschen sich bekehrten und die Stadt Ninive von Gottes Zorn verschont wurde. Wenn er schon ein Prophet sein musste, dann wollte er wenigstens ein richtiger, also griechischer sein, der eigentlich ein Metaphysiker ist, weil die Zukunft nur eine letztlich wesenlose Schattierung des Immerseienden darstellt. Und so war Jona enttäuscht und verbittert. Er wollte es den Bewohnern von Ninive nicht sagen, dass ihre Stadt brennen wird; als er es aber sagen musste, wollte er wenigstens recht behalten und sie brennen sehen.

Am Ende seines Erkenntniswege steht freilich die ganz andere Ansicht, dass Menschen nicht brennen sollen. Demgegenüber fallen die Launen eines Propheten wenig ins Gewicht. Ein guter Prophet wäre wohl einer, der den Menschen Handlungsalternativen vorführt, verschiedene Wege, die in die Zukunft führen, der nicht eitel und launisch ist und es besser findet, wenn Menschen nicht brennen.

Wolfram Ette

Corona 77: Die Schule fängt wieder an

Spätrückkehrertum

Als Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit ihren Familien in die Ferien aufbrachen, schieden sich zwei Kategorien: Die einen kauften Flugtickets für eine Rückkehr, die die Einhaltung der Quarantäne von sieben Tagen erlaubten. Das waren die Reisenden, die eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft sahen. Die anderen nutzten ihren ganzen Urlaub und kauften Tickets für die Zeit unmittelbar vor Schulbeginn. Das waren diejenigen, die Gegenwart und Zukunft – Urlaub und Arbeit – voneinander trennten.

Diese zweite Kategorie splitterte sich ihrerseits in zwei Unterkategorien auf. Die erste ließ sich von der Erwägung leiten, niemand habe ihnen die Pflicht auferlegt, den Urlaub so zu planen, dass die Quarantäne noch in die Ferienzeit fiel. Das waren diejenigen, die einfach Ferien machen und, pünktlich zu Schulbeginn, wieder mit der Arbeit beginnen wollten. Von der Gegenwart der Ferien wollte man vorschriftsgemäß in die unvermeidliche Zukunft des erneuten Beginns der Arbeit übergehen. Vorschriftsgemäß, aber ohne jeden Gedanken an die möglichen Folgen. Man betrachtete die Arbeit als etwas, in das man hineinkippte, nicht als etwas, für das man irgendwie Verantwortung würde übernehmen müssen.

Die zweite Kategorie handelte ganz wie die erste, doch ihre Motive waren anders: Auch diese Reisenden wollten die ganzen Ferien ausnutzen, spekulierten aber zusätzlich darauf, dass das Ministerium kurz vor Schulbeginn die katastrophale Situation sehen würde, die dann entstanden sein würde. Man würde als Lehrerin oder Lehrer direkt vor Schulbeginn der Quarantäne unterworfen werden, so lautete das Kalkül, gewann also eine zusätzliche Ferienwoche, dieses Mal zwar zuhause, aber immerhin, denn gereist war man ja schon und bezahlt werden musste man auch, wenn man nicht zur Schule ging.

Jetzt hat das Ministerium diesen Spät-Rückkehrern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Lehrerschaft wurde bekannt gegeben, dass die pünktliche Wiederaufnahme der Arbeit verpflichtend sein werde, auch wenn keine Quarantäne und kein Test absolviert werden können. In einer sich dramatisch zuspitzenden Situation werden also Beamte vor ihre jeweiligen Klassen gestellt, ungeachtet der Tatsache, dass ein bestimmter Prozentsatz den Virus in sich trägt.

Zugleich wird jedoch per Erlass der Schulbehörde den Schülerinnen und Schülern mitgeteilt, dass sie, anders als die Spätrückkehrer unter der Lehrerschaft, nicht das Recht hätten, zur Schule zu kommen, wenn sie nicht zuvor die Quarantäne und den Test absolviert hätten. Die Schülerschaft, die endlich wieder an’s Lernen herangeführt werden soll, darf also nur lernen, wenn sie kein Sicherheitsrisiko darstellt, doch den Lehrerinnen und Lehrer, die das Lernen anführen, wird erklärt, dass sie, weil sie verpflichtend eine Maske tragen würden, kein Sicherheitsrisiko darstellen, denn dafür sind sie nun einmal Beamte, die sich die Länge ihres Urlaubs nicht nach Belieben aussuchen dürfen.

Man wohnt also vom Ton her zunehmend streng gebenden Bekanntmachungen an die Schülerschaft bei, die im totalen Kontrast zu den sich zunehmend streng gebenden Bekanntmachungen an die Lehrerschaft steht. Der Schülerschaft wird eingeschärft, sie dürften die anderen nicht gefährden, der Lehrerschaft, sie dürften nicht nicht unterrichten, gern aber gefährden. Ein bestimmter Prozentsatz der Schülerschaft wird also nicht unterrichtet werden, da sie zu spät aus den Ferien zurückgekommen ist, doch die Spätrückkehrer in der Lehrerschaft werden auf die übrige Schülerschaft losgelassen, damit unterrichtet werden könne. Oder auch so: Die Schülerinnen und Schüler, die etwas lernen sollen, werden als untragbar ausgeschlossen. Die Lehrerinnen und Lehrer, die sich in exakt derselben Situation befinden wie diese aus der Schule verbannten Schülerinnen und Schüler, werden hingegen gerade nicht aus der Schule verbannt, sondern im Gegenteil in aller Entschiedenheit auf Präsenz und Pflicht eingeschworen.

Für die Kinder, die gar nicht gereist sind und daher auch kein vom Reisen herrührendes Sicherheitsrisiko darstellen, öffnet der eklatante Widerspruch jedoch eine hübsche Lücke: Wer es für unverantwortlich hält, dass potenziell infizierte Lehrerinnen und Lehrer die eigenen Kinder unterrichten, bis die Krankheit dann wirklich ausbricht und sich in der Klasse verbreitet hat, behauptet einfach, das eigene Kind, das nicht gereist ist, sei gereist, denn dann müssen die Eltern nicht weiter rechtfertigen, warum sie der Schulpflicht nicht nachkommen, sondern ihr Kind Zuhause behalten. Die nicht eingehaltene Quarantäne der Lehrerschaft wird also zum möglichen, administrativen Schutzschild für diejenigen, die während der ganzen Ferienzeit keinen Schritt von der Insel weg getan haben.

Leicht irritierend daran ist an der ganzen Geschichte nur, dass die Kinder, die nicht gereist sind, gern mit den anderen etwas lernen würden, und zwar von denjenigen, die gereist sind und etwas beizubringen haben. Da aber diese Lehrerinnen und Lehrer nur beibringen können, dass sie selbst nichts gelernt haben und genau aufgrund dieses ihres Nicht-lernen-Wollens von Seiten des Ministeriums unter Androhung von Strafen zum Unterrichten verpflichtet werden, kann man sich als Eltern vielleicht sagen, dass das Wichtigste für die eigenen Kinder zur Zeit ist, zu lernen, dass das Nicht-lernen-Können eine wichtige, politische Erkenntnis enthält: Dass sich in den Augen des Ministeriums zumindest auf Seiten der Lehrerschaft der Begriff „Lernen“ unabhängig vom Lernenwollen definiert, dass aber das Lernenwollen der Schüler, die nicht verreist sind, ungescheut dem Nicht-Lernenwollen von Ministerialbürokratie und bestimmten Lehrerinnen und Lehrern unterworfen wird.

Denn das ist die Hauptaussage der Schulbehörde von La Réunion in diesen letzten Tagen: dass die Kinder in der Schule in Sicherheit seien. Andere, verreiste Kinder kommen nicht gleich. Und dass das Spätrückkehrertum der Lehrerschaft ein verbreitetes Phänomen ist, teilt man lieber nur der Lehrerschaft mit, nicht aber der Öffentlichkeit, weil die ja sonst meinen könnte, es könnten dann bitteschön auch die gerade zurückgekehrten Kinder gleich wieder in die Schule gehen.

Schulschließung

Die Rektorin der Schulbehörde versichert öffentlich und über alle Kanäle, in der Schule seien die Kinder in Sicherheit. Ich schicke mein Kind nicht. Mich verunsichert die Sicherheit, mit der Sicherheit behauptet wird. Am Nachmittag des ersten Schultags habe ich einen Termin bei der Schulleiterin. Ich soll die Unterlagen vorbeibringen, die für die Einschreibung meines Sohnes erforderlich sind, der aus gesundheitlichen Gründen ein Jahr lang nicht zur Schule gehen konnte. Mein Sohn begleitet mich nicht. Offiziell ist er krank.

Vor der Schule warten die Eltern darauf, dass sich das Tor öffnet und sie ihre Kinder in Empfang nehmen können. Alle tragen, wie seit kurzem um alle Schulen herum vorgeschrieben, Masken. Die Kinder in der Schule sind ohne Masken, denn sie gelten als zu jung, um eine zu tragen. Ich halte mich abseits, obwohl ich, gewarnt durch die Apothekerin, die kommenden sieben Tage seien besonders gefährlich, mit einer FFP2-Maske aufgebrochen bin. Die ist teuer, doch ich mag mich nicht im Schulgebäude aufhalten und ein Vertrauen zeigen, vor dem ich meine eigenen Kinder warne.

Eine indo-muslimische Mutter, die ich gut kenne, ruft mir von der anderen Strassenseite etwas zu, beunruhigt wirkt sie unter ihrer schwarzen Maske. Vorbeifahrende Autos und die Masken verhindern jedes Gespräch. So kommt sie zur mir herüber, ihren sechsjähigen Sohn, der heute seinen ersten richtigen Schultag hatte, fest an der Hand. Ob ich’s schon wüsste? Die Schule schließe, gleich nach diesem ersten Tag. Da ist es also, das Erwartete. So früh schon. Gleich am ersten Tag. Ich will wissen, warum. Doch bisher sind’s nur Gerüchte, die sich die Eltern gegenseitig weitersagen und die nun sie mir weitersagt: Ein Schüler oder eine Schülerin, die gerade von einer Reise zurück gekommen ist, soll in der Schule gewesen sein. Gesund? Krank? Sie weiß es nicht.

Ich erzähle ihr, dass Schülerinnen und Schüler nicht in die Schule kommen dürfen, wenn sie gerade auf La Réunion eingetroffen und noch ungetestet sind. „Die Lehrerinnen und Lehrer hingegen… „, setze ich an, und sie, meinen Satz mitdenkend und fortsetzend: „… dürfen kommen!“ „Nein !“, rufe ich, jetzt plötzlich ganz aufgeregt : „Anders! Sie dürfen nicht kommen, sondern sie müssen kommen!“ Das wusste sie nicht, und meine Empörung teilt sich ihr mit.

Während die ersten Eltern schon mit ihren Kindern an uns vorüberziehen, zu ihren Autos, die Masken wieder abnehmend, erzählt sie mir, dass sie kürzlich in einem Restaurant gewesen sei, Touristen neben sich, die ihre Koffer dabei hatten. Sie habe gefragt, ob sie direkt vom Flughäfen kämen und doch maskenlos seien? Man solle nicht an unangenehme Themen rühren, habe man ihr geantwortet, es schmecke doch gerade so gut. Da sei sie böse geworden und habe geantwortet, sie rühre darum an dieses Thema, weil’s so unangenehm sei.

Und dann reden wir uns gegenseitig in Rage, beide gleichermaßen zornig darüber, dass man diese Insel so leicht hätte schützen können mit ein paar elementaren Regeln und dass man’s nicht getan hat. Und obwohl diese Frau eine der reichsten der ganzen Stadt ist – sie bewohnt die schönste, kreolische Villa, die sich denken lässt, aus hellgrün gestrichenem Holz, von eleganter Einfachheit, riesig, umgeben von wunderbaren Bäumen, die Jahrhunderte alt sein mögen, und abgeschirmt von der Außenwelt durch eine hohe weiße Mauer, hinter der man beim Vorbeigehen nur ahnen kann, dass auch drinnen alles von exquisitestem Geschmack ist, wie es sich für einen international tätigen Banker, wie ihr Mann einer ist, eben gehört –, obwohl, sage ich, diese Frau privilegierter ist als die Privilegiertesten, ist sie doch ganz von hier, ganz verankert in dem Gedanken an das Wohl der Insel und daher nicht weniger wütend als ich auf den Übersee-Minister, der maskenlos den Applaudierenden die Hand reicht, ohne die Quarantäne oder einen Test absolviert zu haben, und gleichzeitig doch die Bevölkerung beschuldigt, nicht diszipliniert genug gewesen zu sein. Hier, auf diesem Bürgersteig sehen wir beide das Resultat seiner Politik, und es weht ein Hauch von sozialer Revolte an der sich leerenden Schule vorbei, einer Revolte gegen die Reisenden und ihre Selbstverständlichkeiten.

Und um den kleinen Jungen einzubeziehen, der noch immer in seiner entzückenden Schönheit an der Hand seiner Mutter wartet und uns zuhört, sage ich tröstend, dass er sicher bald wieder in die Schule darf. „Ja, zuhause“, sagt er, zu mir aufblickend, und scheint mit seinen sechs Jahren gar nicht erstaunt zu sein, dass Schule und Zuhause identisch sind, denn seine Mutter fand, dass die Schulpflicht, die unter Macron für Kinder ab drei Jahren eingeführt wurde – Ausnahmen wurden plötzlich nicht mehr geduldet, obwohl es eh nur ein kleiner Prozentsatz von Familien war, der die Kinder nicht schon mit drei Jahren schickte –, ein großer Blödsinn sei und hat Wege und Mittel gefunden, um ihr Kind nicht zu schicken, sondern es bis zum sechsten Lebensjahr zuhause bleiben zu lassen. Wir beiden also werden klar kommen: Wir wissen, wie.

Aber drüben, am Zaun, wo immer neue Klassen von ihren Lehrerinnen und Lehrern zum Tor geführt werden, herrscht eine Stimmung, wo man sich des „Wie“ nicht so sicher ist. Die Lehrerinnen und Lehrer sind jetzt alle da, abgetrennt durch ein Eisengitter von den noch diskutierenden Eltern. Ich überreiche der Direktorin meine Unterlagen, drücke mein Bedauern über die Schulschließung aus, versuche, die Stimmung herauszufühlen. So viel Vorbereitung und Arbeit umsonst! sage ich mitfühlend. Hinter ihrer Maske wirkt sie verzweifelt. Ich ermutige sie, danke ihr mit immer neuen Worten für ihre Arbeit. Sie werde noch nicht einmal die Eltern kontaktieren können, klagt sie, denn die Schulbehörde habe vor drei Tagen sämtliche Adressen gelöscht. „Sehr vorausschauend“, sage ich, und merke, dass die Ironie über dieses Chaos in mir immer stärker durchbricht. Alles, was ich mir vorher dachte, trifft ein, alles, was mir voraussagbar erschien, wird jetzt gesagt. „In der Schule sind die Kinder in Sicherheit.“ Die Rektorin hat gesprochen.

Emma, alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Söhnen, hat nur eine geringe Schulbildung, doch auch sie ist da mit ihrer ganzen praktischen Klugheit, mit all ihrer Phantasie und Wut, begleitet von ihren Kindern, die, nachdem wir uns am Abend zuvor abgesprochen hatten, nicht zur Schule gegangen sind, sondern Krankheit vorgeschützt haben wie mein eigenes Kind. Jetzt will sie wenigstens die Lehrer sehen und irgendwie an die Schulbücher herankommen. Sie weiss nicht im geringsten, wie sie allein den Unterricht schaffen soll, denn sie hat kein Geld für einen funktionierenden Internetanschluss. So unterschiedlich wir beide auch sind – sie ist, neben der Frau des Bankers, meine zweite Bündnispartnerin. Ich schlage ihr vor, dass ich ihr Unterrichtsmaterialien vorbeibringe, die mein Sohn im letzten Jahr benutzt hat. Ich versuche, mir auszudenken, wie ich mich nützlich machen könnte. Ihr jüngerer Sohn kann, obwohl schon in der zweiten Klasse, noch immer nicht lesen.

Plötzlich steht der Lehrer meines eigenen Sohnes hinter’m Zaun, der sagt, dass auch er nichts Genaues wisse und, entgegen meinen Hoffnungen, keine Schulbücher zu verteilen habe. Die ganze Zeit kann er nicht aufhören, mit dem Kopf zu schütteln. Wir beiden wissen gut, dass die Projekte, die wir uns vorgenommen haben, um den Deutschunterricht an der Schule zu stärken, immer unwahrscheinlicher werden. Und obwohl er erst behauptet hat, er wisse nichts, weiss er dann doch etwas, doch er sagt es mir heimlich und in rudimentärem Deutsch, damit niemand anderes merkt, dass er’s weiss : „Eine Lehrerin ist krank.“ Ich verstehe ihn nicht gut, bin nicht sicher, ob das jetzt als verlässliche Information zu werten ist, aber immerhin weiss ich: Es passiert, was passieren musste.

Und dann trennen wir uns, und ich gehe wieder nach Hause, die FFP2-Maske immer noch vor’m Gesicht, erstaunt darüber, dass es sich unter ihr so viel besser atmen lässt als unter den dicken Stoffmasken, die ich gekauft oder selbst genäht habe. Das sollen also die Masken sein, unter denen es nur die Profis aushalten?

Zuhause angekommen, berichte ich meiner Familie, was ich erfahren habe. Mein Sohn stösst einen Erleichterungsschrei aus. Er versteht sofort, dass er potenziell eine Gefahr für seine Schulkameraden besteht, dass er selbst aber raus und spazieren gehen kann, wann immer er will, denn er muss nicht mehr den Kranken spielen.

Am nächsten Tag erfahre ich durch die Zeitung, dass eine Lehrerin vor drei Tagen an den Vorbereitungstreffen der Lehrerschaft teilgenommen, mit allen KollegInnen zu Mittag gespeist, und an diesem Montag, wie von der Unterrichtsbehörde gefordert, ihre Klasse unterrichtet hat. Es ist nicht zu erfahren, wann an diesem ersten Schultag die Nachricht eintraf, dass ihr Test positiv ausgefallen war, aber sicher ist, dass er positiv ist, dass sie mit ihren KollegInnen zusammen gegessen und ihre Arbeit gemacht hat. Dass sie mit ihren KollegInnen zu Mittag speiste, war natürlich nicht verlangt worden, doch die Kollegialität ist verteidigenswert, und wer fordert, dass die Lehrerschaft, egal ob gereist oder nicht, gemeinsam den ersten Unterrichtstag vorbereiten solle, muss eben auch damit rechnen, dass die Lehrerschaft gemeinsam zu Mittag speist. Und da man nur zu Mittag speisen kann, indem man die Maske abnimmt, ist die beruhigende Botschaft, die die Zeitungen verbreiten und die besagt, die infizierte Lehrerin habe während ihres Unterrichts eine Maske getragen, wenn sie den vorgeschriebenen Abstand von einem Meter nicht wahren konnte, zwar in den Augen der Autoritäten beruhigend, die behaupten, in der Schule seien die Kinder in Sicherheit, nicht aber in den Augen des Kollegiums, das mit der maskenlosen Lehrerin zu Mittag gespeist hat, jenseits der Vorstellung, dass jemand, der gerade von einer Reise zurückkam, besser mit einer Maske gespeist hätte.  

Ich hab‘ alles verstanden

Ein Schüler eines Gymnasiums in Bras Panon wird am Freitag vor Schulbeginn positiv getestet, doch weder er noch seine Eltern verstehen, was das Ergebnis bedeutet. Der Schüler geht also am Montag, weil die Schule wieder beginnt, zur Schule. Als bekannt wird, dass der Schüler nicht da hätte sein dürfen, wo er ist, wird er nach Hause geschickt. Die anderen Schüler befragt man, ob sie die Regeln respektiert hätten. Alle bestätigen, dass sie die Regeln verstanden und eingehalten haben. Die Klasse also bleibt offen. Die Schulbehörde gibt bekannt, es bestehe keine Gefahr. Die Regeln sind ja respektiert worden.

Jetzt bleibt bloß zu hoffen, dass der Schüler, der weder das Testergebnis noch die Regeln verstanden hatte, der einzige ist, der die Regeln nicht verstanden hat. Denn wenn auch die anderen Schüler nur sagen, sie hätten die Regeln verstanden, obwohl sie sie in Wirklichkeit nicht verstanden haben, hätte die Schulbehörde nicht verstanden, dass es in sozialen Brennpunkten mit geringem Bildungsgrad, wie er hier vorliegt, nicht immer so einfach ist, zu sagen, was Verstehen bedeutet und was nicht.

Festhaltenswert bleibt darüber hinaus, dass die Chefin der Schulbehörde öffentlich erklärt, es sei gut, dass der Fall gleich am ersten Tag aufgetreten sei und nicht später, weil nämlich dann sämtliche Klassen wieder Einzug ins Gymnasium gehalten hätten und viel mehr Schülerinnen und Schüler anwesend gewesen wären. Das versteh‘ ich nun wieder nicht. Wenn keine Gefahr besteht, weil alle alles verstanden haben, ist’s doch schnurz, ob nur zwanzig Schülerinnen und Schüler betroffen sind wie jetzt oder mehr, oder etwa nicht?

Wollen und Können

Eine Kollegin und Freundin, der ich schreibe, damit sie als Elternvertreterin auf eine Veränderung in der Organisation der Kantine dringe – 2000 Kinder essen dort – antwortet mir: „Anne je ne comprends pas tes enfants ne vont pas à l’école et pas à la cantine…. pourquoi tu t’énerves. […] Tout le monde ne peut pas comme vous garder ses enfants à la maison c’est mettre en grande difficulté des familles que de tout fermer.“ („Anne, ich verstehe nicht, deine Kinder gehen doch nicht in die Schule, und auch nicht in die Kantine… warum regst du dich auf… Nicht alle können wie ihr ihre Kinder zu Hause behalten. Alles zu schließen bedeutet, Familien in große Schwierigkeiten zu bringen.“)

Das Problem liegt im Wort „können“. Wir können unsere Kinder nicht Zuhause behalten und wir wollen es auch nicht, denn besser wär’s für sie, sie könnten gehen. Wir arbeiten alle beide, also ist es nicht möglich, sie nicht zur Schule zu schicken. Und doch schicken wir sie nicht, denn wir wollen, dass wir können, was wir nicht können und was niemand will, auch wir nicht. Und wir wissen, dass andere Eltern – die, die ihre Kinder nicht allein unterrichten können, weil sie weder eine Internetverbindung noch die entsprechende Bildung haben – ihre Kinder auch nicht schicken, schlicht weil sie Angst haben. Die Überzeugung, wir seien ohne soziale Sensibilität, erscheint mir als Verteidigung einer Position der Privilegierten, die nur darum behaupten, an die Armen zu denken, weil sie dann selbst nicht daran denken müssen, wie eine allgemeine Schulschliessung, die auch die Armen beträfe, vermieden werden kann. Denn das ist das Ziel meines Protestes: dass niemand wollen muss, was er nicht wollen kann. Dass alle tun können, was sie wollen, nämlich: die Kinder zur Schule zu schicken, ohne Unterschiede.

Absehen

Isabelle hat ihre Arbeit als Richterin aufgenommen, als sie den Test gemacht, das Ergebnis jedoch noch nicht erhalten hatte. Sie fühlte sich sicher.

Am Montag – dem ersten Schultag – schließt die Grundschule ihrer Tochter nach dem Bekanntwerden eines Covid-Falls in der Lehrerschaft. Und sie, die sie ihre Tochter geschickt hat, äußert in einer Mail an die Freunde im Inbrunst der Empörung, sie habe es klar kommen sehen.

Zwei Tage später, dieses Mal in der Schule ihres Sohnes, hat sie es dann aber wiederum nicht kommen sehen, obwohl das Haus des Collège weit grösser ist als das der schon geschlossenen Grundschule, die nur ein paar Meter entfernt liegt. Sie hat also, wie schon am Montag ihre Tochter, auch ihren Sohn geschickt, dieses Mal aber gewissermaßen nicht unvorbereitet, sondern vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Grundschule ihrer Tochter schon geschlossen ist. Aber noch immer glaubt sie, dass nur die Grundschule geschlossen ist und nicht auch das Collège, das noch nicht geschlossen ist. Und trotzdem hätte man natürlich aus dem bloßen Umstand, dass in der Grundschule die Gefahr abzusehen war, schließen können, dass für das Collège die Gefahr ebenso abzusehen war.

Wie immer habe ich nichts gegen Eltern, die die Gefahren nicht absehen (zumindest dann nicht, wenn sie nicht gereist sind), aber Eltern, die behaupten, sie hätten die Gefahren abgesehen und ihre Kinder weiter in die Schule schicken und sich zu keinem Protest veranlasst sehen, die verängstigen mich. Die Eltern, die stets behaupten, dass alles abzusehen war, gleichzeitig das Verb „absehen“ aber nur in der Hinsicht brauchen, dass sie absehen von dem, was längst eingetreten ist, so dass das, was danach weiter abgesehen werden muss, nicht gesehen wird, sondern immer weiter und weiter geht – diese Eltern also, sage ich, lernen nichts, und insofern sehe ich traurig von der Möglichkeit ab, irgendetwas von ihnen zu erwarten.

Optimismus

Sonntag abend: Dominique, Geographielehrer, Vater eines älteren Sohnes und jüngerer Zwillingstöchter, von denen eine schwer asthmakrank ist, gibt sich am Telefon optimistisch. Er denke nicht, dass das Ansteckungs-Risiko besonders hoch sei, er schicke seine Kinder auf jeden Fall. Seine Töchter, 9 Jahre alt, hielten das Maskentragen nicht aus. Er findet, dass Masken so jungen Kindern nicht zuzumuten sind. Wie die Schule die Kantine organisiert, weiß er nicht. Er hat sich nicht erkundigt.

Montag nachmittag: Die Grundschule, in der die beiden Zwillinge gehen, schließt, nachdem sich herausgestellt hat, dass – siehe oben – eine der Lehrerinnen krank ist und mit einem Teil des Kollegiums zusammen gegessen hat. Die Schule hat einen Tag gedauert. Dominique ist nicht mehr optimistisch. Aber irgendwie ist er’s doch. Er zuckt die Achseln, meint, damit werde man wohl jetzt dauernd leben müssen. Über die Organisation der Kantine weiß er noch immer nichts.

Mittwoch nachmittag: Es wird bekannt, dass auch das Collège von nebenan eine Kranke aufweist. Dieses Mal handelt es sich um eine Schülerin. Ich schlage per Mail eine kollektive Aktion vor, um darauf hinzuweisen, dass das Zusammentreffen von 2000 Schülerinnen in der Kantine die idealen Bedingungen für den nächsten Hotspot abgibt. Ich bekomme keine Antwort. Dominique und seine Frau schweigen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ihr Sohn schon im Gymnasium und nicht mehr im Collège ist. Doch auch die Grundschule hat eine Kantine, und auch für die ist nichts geregelt. Sich nicht für’s Collège zu interessieren, weil man kein Kind hat, das dorthin geht, spricht erneut für Dominiques Optimismus.

Die Hartnäckigkeit dieser Haltung hat etwas Erstaunliches an sich. Sie macht mich rasend, obwohl meine Kinder nicht asthmakrank sind, obwohl ich meine Kinder nicht zur Schule schicke, obwohl sie auf keinen Fall in der Kantine essen werden und sowieso noch nie gegessen haben. Und doch weiß ich genau, dass wir alle mit in dieser Kantine essen, auch die, die nicht dort essen. Die Kantine ist unserer aller Treffpunkt. Warum versteht Dominique das nicht? Wie vermag er sich diese Mischung aus Optimismus und Fatalismus zu bewahren?

Zum ersten Mal entdecke ich, wie sich Kassandra gefühlt haben muss. Würde ich sie darstellen müssen, würde ich sie schlaflos zeigen und dem Wahnsinn nahe. Nicht weil sie betroffen wäre. Sondern weil sie nicht ertragen kann, dass die Betroffenen sich nicht betroffen fühlen.


Anne Peiter

Corona 76: Verantwortung

Der Übersee-Minister, Sébastien Lecornu, stattet der Insel La Réunion einen viertägigen Besuch ab, als da die Ansteckungszahlen gerade in die Höhe schnellen und die Ärztekammer wortstark daran zu erinnern beginnt, man habe auf der Intensivstation nur 150 Betten zur Verfügung, und die seien eigentlich für schwere Verläufe bei anderen Krankheiten reserviert.

Der Minister wirkt etwas überrumpelt davon, dass jetzt nicht nur über Wirtschaft und Ökologie zu sprechen ist, wie lange geplant, sondern auch über Gesundheit und den Virus. Er nimmt also die Tatsache eines neuen Clusters, der während einer Hochzeitsfeier entstanden ist, zum Anlass, um die Forderung abzuwehren, dass Reisende nicht ohne siebentägige Quarantäne und anschliessenden Test ihren Alltag beginnen dürfen. Und er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bevölkerung, die nicht diszipliniert genug sei, um zu erkennen, dass jeder einzelne ganz persönlich mitverantwortlich für die weitere Entwicklung sei.

Faszinierend und historisch erinnernswert ist ein Foto, das auf der Titelseite der Lokalzeitung prangt. Man sieht da den frisch eingereisten Minister zu Beginn seiner Vier-Tages-Tournee. Er ist maskenlos. Er ist umgeben von einer Gruppe von Menschen, und er schüttelt einer Frau herzlich die Hand, wie es sich bei einem Besuch eines Ministers so schickt. Nur dass dies eben nicht nur ein Besuch zu Fragen von Ökonomie und Ökologie ist, sondern auch ein Besuch, vor dessen Beginn man den Minister gern sieben Tage in einem Quarantäne-Hotel gewusst hätte. Und nach dem Test hätte er dann seinen Besuch beginnen können.

Da man aber – und das lässt sich verstehen – von einem Minister solchen Zeitverlust nicht verlangen kann, achte ich mit besonderer Aufmerksamkeit darauf, wie er, der frisch eingereist ist und weder Quarantäne noch Test absolviert hat, sich insgesamt verhält. Und ich erfahre, dass er mit der Disziplin der Inselbewohner und ihrem ganz unerwarteten Ansteckungsgeschehen unzufrieden ist. Und illustriert wird der Tag vor seinen öffentlichen Anprangerung und seine Rede bezüglich seiner Unzufriedenheit durch ein Foto, wo er maskenlos lächelnd und sehr zufrieden genau das macht, was am Folgetag seine Unzufriedenheit mit den Inselbewohnern begründen wird: dass sie die Bedeutung der Maske und des Verzichts auf’s Händeschütteln nicht verstehen.

Doch es ist gar nicht so sehr der Umstand, dass er das eine fordert und das andere macht, dass er mit den anderen sehr unzufrieden ist und mit sich selbst umso zufriedener, dass er die Einhaltung der Quarantäne anmahnt und selbst keine macht, was mir historisch bedeutsam zu sein scheint. Damit muss man bei Ministern rechnen. Das liegt in gewisser Weise in der Ordnung der Dinge.

Wichtig finde ich hingegen, dass er’s nicht nur macht, sondern auch noch akzeptiert, ja vielleicht sogar fordert, dass seine Inkohärenz fotografiert wird. Nicht was das Foto zeigt, ist interessant (man konnte es sich denken), sondern dass es dieses Foto überhaupt gibt. Diese Unschuld, die sich in der blossen Existenz der Abbildung von Wirklichkeit verdichtet, ist im Kontext des Virus atemberaubend. Man fürchtet sich nicht, die anderen zu kritisieren, man fürchtet sich nicht, das Kritikwürdige selbst zu tun, man sorgt im Gegenteil bewusst dafür, dass Journalisten und Fotografen das Kritikwürdige sehen und verbreiten. Doch die sehen es eben auch nicht, denn sie schießen, drucken und verbreiten das Foto nur, nehmen es selbst aber gar nicht in Augenschein.

Denn kein Kommentar ist dem Foto angehängt, es steht ganz allein da, in reiner Selbstverständlichkeit: Der Minister schüttelt, freundlich lächelnd, einer Frau die Hand und trägt dabei keine Maske. Und die Frau, die ihm die Hand reicht, lächelt auch und lässt sich dabei abbilden, und bildet sich vermutlich viel darauf ein, dass sie dem Herrn Minister die Hand gereicht hat und dabei von einem Fotografen verewigt worden ist. Die Unschuld im Zustandekommen des Fotos, die Unschuld derjenigen, die es zu seinem Zustandekommen haben kommen lassen, die Unschuld derer, die’s als Zeitungsleser sehen und allein erkennen, dass da der Herr Minister maskenlos einer ebenso maskenlosen Frau die Hand geschüttelt hat – das ist das, was für ewig festzuhalten sich lohnt.

Aber man muss gar nicht eigens dafür sorgen! Der Minister selbst hat dafür gesorgt, indem er sich sorglos fotografieren liess, bevor er seiner tiefen Sorge über die sanitären Situation Ausdruck verlieh. Und als er in einer Schule in Le Port dem ersten Schultag beiwohnte und leutselig die Klasse fragte, ob sie unter ihren Masken gut atmen könne, bekam er zur Antwort „Nein!“ Und die Schüler fragten ihn, wie lange sie wohl die Maske würden tragen müssen. Da hat der Minister das geantwortet, was jeder an seiner Stelle geantwortet hätte, nämlich dass er das nicht sagen könne. Jetzt trug er die Maske. Und er trug den Schülerinnen und Schülern auf, sie zu tragen. Denn er trug sie ja auch. Und dass er sie bei dem anderen Fototermin nicht getragen hatte, das hatte er schon vergessen, und die Journalisten auch und die Zeitungsleser mit ihnen.

Und so wird es wichtig, zu notieren und mit Worten festzuhalten, was jeder gesehen und doch nicht gesehen hat: dass der Minister masken, quarantäne- und testlos Hände schüttelte. Vielleicht, so hoffe ich noch in meiner Naivität, springt etwas vom Festhalten durch Worte auf das eh schon im Foto Festgehaltene über, so dass erinnerungsfähig wird, was der Minister selbst zwar getan, aber noch nicht einmal erlebt und schon gar nicht erinnert hat: dass Fotos der Beweis reinster Unschuld sind. Das ist nicht ironisch gemeint. Es ist immer so, wenn die Erinnerung keinen einzigen Tag zurückreicht: Unschuld entsteht, und mit ihr die Aura der Unangreifbarkeit. Und mit ihr der Optimismus, den zu verströmen ja die Aufgabe der Politik darstellt. Das ist das Fundament auch dessen, was er den Jugendlichen in diesem armen Viertel von Le Port gesagt hat: dass er nicht weiss, wie lange sie die Maske noch werden tragen müssen.  

Anne Peiter

Corona 75: Cluster

I

In der Notenschrift sieht ein Cluster so ähnlich aus wie eine Weinrebe: Die runden Notenköpfe liegen nah beieinander. Oder es erfolgt eine vereinfachende Notierung, in der Töne, die mitgemeint sind, durchVerbindungslinien zwischen den beiden Tönen an den Extremitäten angedeutetwerden, selbst aber nicht als eigene Köpfe in Erscheinung treten. Das Klanggebilde, das entsteht, wenn diese Traube musikalisch geerntet wird, besteht zwar aus mehreren, gemeinsam erklingenden Tönen, doch es gibt Komponisten, die darauf bestehen, dass Cluster Einzeltönen ähnelten und gerade keine Akkorde darstellten.

Ich finde, dass das angesichts der aktuellen Situation ein sehr bemerkenswerter Gedanke ist. In den musikalischen Clustern kann man den Einzelton oft nicht mehr wahrnehmen. Er geht auf und ein in den Cluster. Und je größer dieser ist, desto weniger spielt der Einzelton noch eine Rolle. Umso unwichtiger ist es auch, ob es der eine Ton ist, der getroffen worden ist, oder ein anderer. Wichtig ist dann nur, dass er dem ersten eng benachbart, d.h. fast identisch mit ihm ist. Die Art, wie die jeweiligen Instrumente zwecks Herstellung von Clustern zu handhaben sind, ändert sich mitunter radikal. Musiker und Instrument treten auch physisch in ein Verhältnis, das aus Bekanntem ausschert. Cluster auf dem Klavier können zum Beispiel mit der gespreizten Hand oder dem Unterarm hergestellt werden. Oder gespielt wird mit den Saiten im Inneren des Instruments, sozusagen in seinen Innereien. Bei Henry Cowell sieht die Notation der Cluster auf der Partitur dann plötzlich so aus wie ein Mensch mit einem Kopf und vielen, kurzen, sich zur Seite streckenden Armen. Die aber sind zu kurz, als dass sie selbst spielen könnten. Auch haben sie keine Hände. Nur Stummel. Cluster sind ein Phänomen der Haufen, denen mitgespielt wird. So ist das also mit der Ernte, die gerade eingefahren wird.

II

Eine weitere Mathilde-Episode, erneut mit hoppelndem Kaninchen im Stadtpark. Sie ist auf dem Weg zum Klo, wir begrüssen uns. Ob die Kurse mit ihren Querflötenschülern schon begonnen hätten?, frage ich. „Nein, noch nicht“, antwortet sie. Und fügt, weil mein Sohn und ich maskenlos gehen, noch hinzu, ob wir jetzt endlich daran glaubten, dass es den Virus nicht gebe? „Doch“, antworte ich und weise auf unsere Masken, die am Lenker des Tretrollers hängen. Und sie: Sie glaube das mehr denn je, denn diejenigen, die’s glaubten, würde immer zahlreicher. Und dann noch, mit dieser sanften, gänzlich unagressiven, doch etwas brüchigen Stimme: „Dann schläfst Du sicher auch mit der Maske, oder?“

Hier bricht der Wunsch nach Polemik, ja Angriff durch. Der kleine Seitenhieb gegen meine vermeintliche Übertreibung zeigt eine andere Seite der Sanftheit. Ich bemerke noch kurz, ob die Existenz mehrerer Cluster in der Stadt sie nicht beunruhige? Sie erklärt, das sei alles Angstmache. Cluster seien für sie ein Begriff aus der Musik, ein Akkord.

Gerade gestern habe ich Henry Cowell und seine Cluster gehört, nicht zufällig, denn auch mich interessiert die Verwendung des Wortes in der Musik und in der Medizin. Aber seit gestern schon treibt mich der Gedanke um, dass für Cowell ein Cluster kein Akkord ist, sondern so etwas wie ein Einzelton. Und das sage ich ihr auch. Sie scheint Cowell nicht zu kennen, und eigentlich ist es auch ganz überflüssig, dass wir uns jetzt in Bezug auf unsere musikgeschichtlichen Kenntnisse messen. Denn das wäre nur die Verschiebung der Auseinandersetzung auf ein anderes Themenfeld, das doch stets dasselbe ist.
Und so zeigt Mathilde mit einer entschuldigenden Geste auf’s Toilettenhäuschen und geht Pipi machen.

Und mein Sohn sagt noch, als wir uns, weitergehend, über die Begegnung unterhalten, eigentlich seien Cluster, als er noch Akkordeon spielte, immer etwas gewesen, wo man machen konnte, was man wollte.

III

Ob ein Cluster ein Einzelton ist oder ein Gesamtklang, in dem sich die Einzeltöne nicht mehr voneinander trennen lassen, so dass die Individualität aufgehoben wäre und eine Art musikalisches Herdenwesen zu hören ist – er ist jedenfalls kein Akkord. Das heißt, er bricht ein in den musikalischen Verlauf, ist weder aus dem, was ihm vorhergeht, abzuleiten, noch lässt aus ihm sich ersehen, wie es danach weitergeht. Er hat keine Vergangenheit, keine Zukunft, behauptet absolute Gegenwart. Aber er verändert alles.

Als erster Cluster in der Musikgeschichte gilt, soweit ich weiß, der Lulu-Akkord, jener Aufschrei des gesamten Orchesters, der Lulus Ermordung durch Jack the Ripper darstellt. Der Klang wendet das Innere des sterbenden Körpers nach außen. Die gesamte Oper läuft auf diesen Punkt zu, dennoch ist er kein Ergebnis, sondern Ereignis, das den Verlauf sprengt und auflöst. Die in ihm aufgetürmten Akkorde löschen sich durch ihre Massierung gegenseitig aus, hören auf, Material zu sein und werden absolut. Der Cluster ist das Ereignis.

Überträgt man dies auf den Infektionskontext, in dem der Begriff gerade Konjunktur hat, so drängen sich Bedenken auf. Sicherlich ist er erst einmal phänomenologisch gemeint: eine diffuse, dichte, ungeordnete und regellose Ansammlung von Menschen, aus der sich eine ebensolche Verbreitung des Corona-Virus ergibt, ist ein Cluster. Man könnte weitergehen und sagen: durch die Intensität und Regellosigkeit der zwischen den Menschen zirkulierenden Infektionsbeziehungen hören sie auf, Individuen zu sein; es findet sozusagen eine Transformation des Subjekts statt, das Virus übernimmt die Herrschaft und macht den Cluster zu einem Kollektivlebenwesen.

Aber Phänomenologie ist nicht alles. Der Begriff schleppt Geschichte und Tradition mit sich: kann man sie bedenkenlos übergehen? Ich meine nicht. Wenn der Cluster im musikalischen Sinne das Ereignis ist, dann ist er im politischen Sinne ein Schicksal. Was hier passiert, passiert einfach und keine Regierung der Welt kann etwas dagegen tun. Das jedenfalls ist die Ideologie, die durch die Übertragung aus der Musik auf gesellschaftliche Phänomene entsteht. Ach, die Menschen. Sie sind einfach nicht zu kontrollieren sind, weder durch Einsicht noch durch Befehle; sie versammeln sich, einfach so, reden miteinander, feiern einen Gottesdienst oder fahren in den Strandurlaub. Und dann passierts.

Indem von Clustern geredet wird, dankt die Politik ab. Was in der Musik ein kalkuliertes Verfahren ist, um mit Hörgewohnheiten zu brechen und uns mit dem Phänomen reiner unbezogener Klänge zu konfrontieren, die sich zeitlich nicht verbinden und synthetisieren lassen, wird in der gesellschaftlichen Situation, in der wir gerade leben, zur Ideologie eines reinen, unbeeinflussbar ablaufenden Geschehens: Etwas geschieht -: und etwas anderes und etwas anderes, und wieder etwas und etwas. Das UND triumphiert. „Gesund und tot“, wie es an früherer Stelle in diesem Blog einmal hieß.

I + II: Anne Peiter, III: Wolfram Ette

 

Vgl. Corona 57: Das Kaninchen, Corona 46: Leben und Tod I

Corona 74: Die Kaffeetassen


Meine Mutter entsetzt sich über die Geschichte mit den Baseballschlägern, vermutet, dass ich sie mir ausgedacht habe. Wenn ich sie mir ausgedacht hätte, hätte sie sich jedoch über meine Phantasien entsetzen müssen, und nicht über die Geschichte, die dann eben wirklich nur eine Geschichte – die Meine – gewesen wäre. So aber geht es um anderes: Sie kann nicht zugeben, was sie längst weiss, nämlich: dass der Überfall mit den Baseballschlägern natürlich passiert ist.

Und hier die Gründe für die Natürlichkeit ihrer Reaktion: Meine Mutter hält seit bald vier Jahrzehnten wöchentlich ein Kaffeekränzchen mit der Elite des Dorfes, zu der sie sich als Pastorenfrau zugehörig fühlen durfte. Umschichtig besuchte man sich, jede Woche bei einer anderen Freundin. Mit dabei die Witwe eines Architekten, der im Eutiner Denkmalschutz tätig gewesen war, und die Frau eines Geschichtsdozenten der Universität Kiel, der sich gern als Professor bezeichnet. Dieser Professor pflegte seine Frau, wenn er des Nachts, nach harter Arbeit, zurück nach Zuhause, in sein Dorf in der Holsteinischen Schweiz, kam, ganz in seine Arbeit einzuspannen: Sie nähte bis in die Nacht hinein Barock-Kostüme mit starken Schnürungen, die in angemessenem Rahmen, nämlich auf Gütern rund um Kiel, von seinen Studentinnen zwecks historischem Nachspiel des Barock getragen wurden. Diese »Barock-Spiele« waren seine Form von wissenschaftlicher Untersuchung der Epoche bzw. der wissenschaftlich besonders interessierten und promotionsfreudigen Studentinnen. Festessen und Kerzenlicht inklusive.

Meine Eltern liebten das, waren jedes Jahr mit geladen. Die Stoffe waren wirklich sehr schön, und sie hielten das Ganze für historisch interessant. Im hohen Alter verließ der Professor zum allgemeinen Entsetzen und Ergötzen seine Frau mit ihren von Nadeln zerstochenen Fingern und ihrem Pferdegebiss, löste alle Einschnürungen, um mit seiner Geliebten, einer zwanzig Jahre jüngeren Friseuse, endlich glücklich zu sein. Er wunderte sich, als seine Frau das nicht verstehen konnte. Die sah sich plötzlich ohne Unterstützung in Bezug auf die Hasstiraden gegen Flüchtlinge, Ausländer und Juden, für die ihr Mann bis dahin das passende historische Fundament geliefert hatte.

An den Grenzen solle man Wachposten aufstellen, damit auf jeden Flüchtling gleich geschossen werden könne, pflegte die Frau, über den Rand ihrer Gold geränderten Kaffeetasse hinweg, ihren christlichen Freundinnen zu erklären, lange bevor die Flüchtlinge dann wirklich kamen. Jetzt ist sie gegen die Maske, hält den Coronavirus für eine Erfindung und das Ganze für einen von Gates geplanten Völkermord. Sie geht regelmäßig zur Kirche.

Ihr einer Sohn hatte als Jugendlicher einen Metalldetektor. Mit dem fand er Stahlhelme und Archeologisches in den Wäldern der Holsteinischen Schweiz, als die noch den
Alliierten des Zweiten Weltkriegs Widerstand leistete. Die Tochter ist Ärztin in München, hat sich schon Jahre, bevor ihr Vater Hand in Hand mit seiner Friseuse sein Rentnerleben zu genießen begann, von ihrem Mann getrennt. Der Aufruhr der Eltern über diese Schmach war gar nicht zu beschreiben.

Historisch und moralisch sekundiert wird der Professorenfrau von der anderen Rentnerin, die in Tanzania ihre Kindheit verbrachte, Jahre davon, wie sie betont, in einem Internierungslager während des Zweiten Weltkriegs. Sie durfte nichts lernen, war die Älteste von sieben Geschwistern. Die Konzentrationslagerhaft sei furchtbar langweilig gewesen. Später ist ihr erster Mann vor ihren Augen von Schwarzen umgebracht worden. Bei einer Autofahrt. Das hat die Rückkehr nach Deutschland, begleitet von ihrem noch ganz jungen Sohn, beschleunigt. Schwarze kann sie seitdem noch weniger ausstehen als zuvor, aber auf dem Dorf gibt es Gott sei Dank keine. So trinkt sie also seit bald vier Jahrzehnten einmal wöchentlich mit meiner Mutter und den anderen Frauen Kaffee, engagiert sich im Naturschutz und ist als einstige Yoga-Lehrerin, die ihre Kurse in den Räumlichkeiten der Freiwilligen Feuerwehr abzuhalten pflegte, allgemein geschätzt. Juden gibt es im Dorf Gott sei Dank keine. Im Gesprächskreis, den mein Vater als Pastor leitete, galt sie als heller Kopf. Einer ihrer Söhne aus zweiter Ehe ist Pferdeschmied bei der Bundeswehr. Auch sie ist jetzt strikt gegen das Maskentragen.

Meine Mutter ist dafür. Sie entsetzt sich schon seit Jahrzehnten über die Ansichten der Freundinnen. Die seien nur so wahnsinnig belesen! Es sei ganz schwer gegen sie anzukommen!

Die Vierte im Bunde, die Frau eines Physiklehrers, Hausfrau wie sie alle, entsetzt sich mit meiner Mutter. Auch ihre beiden Töchter haben sich scheiden lassen. Sie versteht das Unglück der Freundin. Sorgen bereitet der Lehrersfrau aber vor allen Dingen der Sohn, denn der habe jahrelang sein Informatikstudium nicht abschliessen wollen, habe nur so rumgejobt und als »Alternativer«, gemeinsam mit seiner Frau, seine drei Kinder in einem zusammenbrechenden, unbeheizbaren, schlossartigen Bau in der Nähe von Berlin aufgezogen. Wie man so leben könne! Geschieden ist er allerdings nicht.

All dieses Unglück – Scheidungen, alternative Söhne, die Bedrohung Deutschlands durch Schwarze und Juden – sind durch vier Jahrzehnte hindurch allwöchentlich diskutiert worden. Jetzt ist es nicht so einfach, über dem aufkommenden Maskenstreit plötzlich die Kaffeetasse abzusetzen. Man kennt sich. Man hat sich aneinander gewöhnt.
Und so schliesst sich der Kreis und erklärt sich, dass meine Mutter meint, die Geschichte mit den Baseballschlägern sei als Erfindung wirklich entsetzlich. Und ich
entsetze mich umgekehrt darüber, dass sie sich über die Erfindung entsetzt und dass ich selbst als Jugendliche im Gesprächskreis der Gemeinde meines Vaters mitdiskutiert und höflich die Kaffeetassen herumgereicht habe.

Anne Peiter

Corona 73: Ferien

Kroatien, wo wir uns gerade aufhalten, ist bei den Deutschen beliebt. Die Campingplätze sind nicht voll, aber mindestens die Hälfte der Autos hat ein deutsches Kennzeichen. Sie werden jetzt weniger, weil das Land ab morgen in Österreich und Slowenien zum Risikogebiet erklärt werden wird. Es ist wahrscheinlich, dass Deutschland in einigen Tagen nachzieht. Oder vielleicht auch nicht, weil die Reisenden aus Deutschland einen so robusten Anteil aller Touristen in diesem Land bilden? So, als gäbe es eine moralische Pflicht für uns als Verursacher dafür, dass sich die Lage in Kroatien verschlechtert, das Land nicht mit dem Stigma des Risikogebiets zu versehen?

Es war ja immer schon so, dass Ferien für uns bedeuteten: Ferien vom Deutschsein. Die mediterrane Welt, die wir lieben, ist uns Flucht in die Unverantwortlichkeit; vorsichtiger gesagt: in ein anderes, weniger dichtes, minder belastendes Verhältnis von Staat und Individuum. Wir finden die von Skepsis grundierte Gleichgültigkeit faszinierend, mit der viele Menschen z.B. in Italien (es scheint sich in Kroatien ähnlich zu verhalten) dem Staat gegenüberstehen. In Zweifel kommt nichts Gutes aus dieser Richtung, er ist lästig und hinderlich, man muss sich von seinem Zugriff so unabhängig wie möglich machen, um seine Interessen zu wahren. Obrigkeitssinn und Untertanengeist spielen offenkundig eine geringere Rolle als bei uns, (ebenso wie ihr dialektischer Gegensatz, die Rebellion um der Rebellion willen, die von dem abhängig bleibt, gegen das sie wütet). Beides ist ein Ausdruck von Nahbeziehungen. Solche Nahbeziehungen sind bei uns – unter anderem – ein Ergebnis zweier totalitärer Systeme samt ihrer Nachgeschichte: des „Wiederaufbaus“, durch den große Teile der Gesellschaft sich einem gemeinsamen Ziel unterwarfen.

In Kroatien ist das nicht so. Freilich gab es auch hier, wie in Italien und Spanien (ein weiteres beliebtes Reiseziel von uns Deutschen) eine Diktatur. Aber die gesellschaftlichen Nachwirkungen sind offensichtlich andere. Zieht uns genau das daran an?

Jedenfalls spürt man hier fast physisch die Ferne und Abwesenheit des Staates, das heißt man spürt sie nicht, oder eine Art Hohlraum, ein Unterdruck, der für uns Deutsche die Gestalt einer ständig mitlaufenden Frage hat: wo bin denn ich, wo sind die anderen, wo ist das, was uns zusammenhält?

Am Verhalten im Verkehr lässt es sich ebenso erkennen wie jetzt im Umgang mit der Maskenpflicht. Er ist ziemlich lässig. Gestern beobachteten wir eine Messe im Freien. Vor der Kirche hatten sich sicherlich 1000 bis 1500 Menschen zusammengedrängelt. Soweit ich sehen konnte, trug keiner eine Maske. Masken sind nur in geschlossenen Räumen vorgeschrieben, aber der gesunde Menschenverstand sollte einen ja sagen, wie riskant eine solche Versammlung im Freien ist, auf einem von Mauern umschlossenen, windlosen Platz überdies. Auf einem anderen Platz eine Hochzeitsfeier, viele schöne, aufregend gut gekleidete Menschen waren dort versammelt, plauderten und lachten miteinander. Niemand von ihnen trug eine Maske, von der sie sich vielleicht entstellt fühlten. Was für ein fröhliches Treiben! Die Menschen genossen, wie wir, nur in andrer Form, eine illusionäre Auszeit vom Normalzustand der Epidemie.

Natürlich sind überall Hinweisschilder angebracht, die zum Tragen der Maske in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln, in Museen und beim Betreten von Restaurants auffordern. Unterhalb dessen beginnt aber das Gewusel der individuellen Handlungen, die damit wenig zu tun zu haben scheinen. Und niemanden scheint es groß zu bekümmern, was seine/ihre Nebenmenschen tun. Es wäre ganz undenkbar, dass man in einem Geschäft angesprochen wird, weil man vergessen hat, sich eine Maske umzutun. Nicht vorstellbar, dass es ein Gegenstand von Diskussionen sein könnte. Umgekehrt gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens, der eventuell zu missbilligenden Blicken führen würde, wenn man die Maske um hätte. Es ist einfach egal. Jede/r macht, wie er/sie will, das geht niemanden was an und niemand mischt sich ein.

Das ist unglaublich angenehm. Aber es ist in den Zeiten einer Epidemie, in der ist ja etwas gibt, dass uns unablässig, realkörperlich, zu einem großen kollektiven Gesamtlebewesen verbindet, ein Problem. Wir gehen einander etwas an. Ob wir uns kennen oder nicht, ob wir miteinander verwandt oder befreundet sind, ist ganz egal. Wir gehen einander etwas an, das, was wir tun,  beeinflusst das  Leben derer, von denen wir physisch umgeben sind  und damit potentiell auch das der Gesellschaften, in denen wir leben.

Aber gerade davon wollen wir nichts wissen. Schon gar nicht in den Ferien.  Davon wollen wir uns ja erholen, und da ist Kroatien, wie es scheint, kein schlechter Ort. Dieses Leben und Lebenlassen. Gerade für uns Deutsche ist es wohltuend, wenn wir darunter leiden, wenn ein Landsmann oder eine Landsfrau sich wieder mal zur Vertreterin des Allgemeinen aufschwingt und als verkörperte Gesetzeshüter einen anbrüllt, wenn man mit dem Fahrrad auf dem Gehweg fährt oder mit dem Auto auf dem Fahrradweg parkt. Aber wir können uns das jetzt eigentlich nicht leisten.

In den Mittelmeerländern Ferien zu machen, bedeutet nicht bloß, dorthin zu fahren, wo es so warm ist, das alle Aktivität herabgesetzt wird, und das Leben auf den einfachen Zyklus zwischen Erhitzung und Abkühlung zurückgeführt wird, sondern es bedeutet auch, Kulturkreise aufzusuchen, in denen das Verhältnis zwischen den Einzelnen und dem Staat ein anderes ist. Es bedeutet, dass wir aus den Alltagsroutinen ausbrechen, deren wichtigste ist, dass wir uns Gedanken über die Bedeutung unseres Tuns machen. Man muss sich damit mal nicht belasten. Anderswo scheinen die Probleme nicht so groß zu sein, weil man sie nicht in diesem Umfang zum Problem macht. Oder?

Ich selbst  kann mich von diesen Sehnsüchten nicht ausnehmen. Sonst wäre ich ja nicht hier. Aber ich beginne langsam zu begreifen, dass Corona, von dem ich nicht glaube, dass es so bald verschwinden wird, uns auch zu lehren haben wird, in welcher Form wir in Zukunft Ferien machen.

Wolfram Ette

Corona 72: Die Baseballschläger


In einem Waschsalon ist ein Vater zweier kleiner Söhne, fünf und sieben Jahre alt, von vier Männern mit Schlägen traktiert worden, nachdem er, als seine Maschine fertig war und er mit dem Zusammenlegen seiner Kleidung begonnen hatte, einen Mann, der maskenlos hereingekommen war, zum Aufsetzen der Maske aufgefordert hatte. Der war weggegangen, gleich darauf aber in Begleitung von drei Freunden zurückgekommen. Zwei hatten Baseballschläger dabei, mit denen sie auf den Maskenbefürworter eindrangen, ihn schlugen, bis er, stark blutend und mit Gehirnerschütterung, zu Boden ging. Und auch da gingen die Schläge gegen den ganz Wehrlosen weiter. Und weiter. Und immer weiter. Tot geschlagen haben sie ihn nicht. Aber die Kinder konnten nach dem Ereignis nicht einschlafen. Sie haben den Vater in seinem Blut gesehen. Und was der Vater nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus zu sagen hatte, betraf sie, weniger sich: dass nämlich die kleinen Söhne danach nicht hatten einschlafen können.

Behauptet wird von Seiten der Maskengegner, man tue ihnen Gewalt an. Es ist mir jedoch bisher kein Fall bekannt, in dem ein Maskenträger einen Maskenlosen angegriffen hätte, weil er maskenlos war. Auch das kann noch kommen. Oder es ist schon gekommen. Vielleicht ist es mir entgangen. Gewalt wegen einer Lappalie, hin und her, mit wechselnden Fronten?

In dieser Geschichte ist jedenfalls zu beobachten, dass man seine eigene Maskenlosigkeit zum Anlass nimmt, um eine Hetzmasse zu bilden. Zur Verteidigung der Maskenlosigkeit, wird impliziert. Als Zeichen der Entschlossenheit, sich nichts sagen zu lassen, von der Polizei nicht, und von der Zivilgesellschaft schon gar nicht. Und noch weniger von einem Mann, der von den Wehrlosesten, nämlich ganz jungen Kindern, begleitet wird! Man genießt genau diese Wehrlosigkeit. Man wendet sich nicht gegen die Kinder (das kann noch kommen), doch gegen das Verantwortungsbewusstsein, dass der Vater diesen gegenüber empfunden haben mag. Also genau gegen das, was einem stinkt: verantwortlich zu sein.

Die Überwachungskameras des Waschsalons haben zugeschaut und aufgezeichnet, was passierte. Ihr Auge hat die Täter nicht davon abgehalten, auf den Kopf ihres Opfers zu zielen. Dieses war die lang erwartete, die sich bietende Gelegenheit. Unmaskiert. Erkennbar schlagen in und hindurch zur eigenen Identität, direkt unter dem Auge der Kamera.

Erleichternd kam hinzu, dass der Mann selbst sich dargeboten hatte. Hätte er nur die Maske getragen und nichts gesagt, hätte man ihn vielleicht in Ruhe gelassen, und je
der hätte, maskenlos oder maskiert, chacun à sa façon, seine Wäsche gewaschen oder zusammengelegt, bald wieder aufbrechend, um die saubere Wäsche zuhause in den Schrank zu tun. So aber hat er – der Vater – die Maske fallen lassen und sich als ihr wirklicher und überzeugter Befürworter geoutet. Mit einem kleinen Satz. Sein Verhängnis. Seine Schuld. Er war nicht etwa ein Maskenträger, der macht, was man ihm aufzwingt, sondern einer, der zu allem Überfluss auch noch überzeugt ist davon, dass er, der Kinder hatte, verantwortlich sei für diese und über diese hinaus.

Das Erschreckende ist die Zeit, die vergangen ist zwischen dem Satz und den Baseballschlägern und ihren Schlägen. Der Maskenlose hatte Zeit, zu überdenken, was er tat oder tun wollte. Er hat nicht spontan gehandelt, allein, aus einer plötzlichen Wut heraus. Vielmehr hat er sich organisiert, sich extra auf den Weg gemacht, Verstärkung geholt, genossen, dass es endlich los gehen konnte: Das Opfer war da. Die Baseballschläger lagen bereit. Den Freunden musste er nichts erklären. Die Herrlichkeit der Maske! Sie bezeichnet jetzt denjenigen, mit dem man nicht einverstanden ist. Oder den, der nicht mit einem einverstanden ist. Dieses Letzere als das Erste, als der Auslöser von Allem.

Es gibt plötzlich alltäglichste Situationen, in denen hervortritt, dass fehlendes Einverständnis herrscht. Der verborgene Jubel darüber, dass man deswegen den anderen bis auf’s Blut prüfen kann, gemeinsam, weil man nun endlich weiß, dass er einen, gemeinsam mit einem Fünf- und einem Siebenjährigen, angegriffen hat, ist gross. Unmaskiert gegen die weiße Wäsche. Blut, das nicht zu trocknen ist im Trockner gleich neben den Waschtrommeln. Die weiße Weste derjenigen, die nur aus Notwehr zuschlugen. Zu viert. Die Kinder wissen ihrerseits bis in die Verästelungen ihrer neuen Schlaflosigkeit hinein, was das ist: die unmaskierte, sehende Gewalt. Nichts Blindes. Die Arme, die die Schläger hielten, zielten genau.

Anne Peiter

Corona 71: Gegenseitigkeit

Die Briten erlegen den Franzosen, wenn sie ins Land einreisen wollen, eine Quarantäne von vierzehn Tagen auf, begründen dies mit dem dramatischen Anstieg der Zahl der Ansteckungen im Nachbarland. Die Franzosen zeigen sich irritiert, kündigen an, sie würden ihrerseits dem Prinzip der Gegenseitigkeit folgen und den Briten, wenn sie ins Land einreisen wollen, eine Quarantäne von vierzehn Tagen auferlegen. Von den Zahlen in Grossbritannien ist nicht die Rede, denn diese sind gerade mal ein wenig besser als in Frankreich.

Frankreich fühlt sich pikiert, so als ginge es um einen militärischen Angriff und nicht um Zahlen. Der nationale Stolz scheint verletzt, weil die erhöhte Verletzlichkeit durch den Virus Tatsache ist. Aber es ist, als würde die Tatsache erst dadurch Tatsache, dass jemand anderes sie zur Grundlage für Entscheidungen nimmt. Man sagt zwar selbst, dass in der letzten Zeit die Verletzlichkeit durch den Virus stark zugenommen habe und entsprechende Entscheidungen gefällt werden müssen, doch was man selbst sagt und weiss, lässt man sich darum noch lange nicht von anderen sagen.

Die Anwendung des Prinzips der Gegenseitigkeit entspricht einer Logik der Rückschau und nicht der Vor-Sicht. Es ist noch gar nicht lange her, da war die Situation in Grossbritannien katastrophal, und Frankreich durfte sich sagen, Herr der Lage und also auch der Definition des Verhältnisses zu den Briten zu sein. Jetzt dreht sich der Spieß um, und man sagt nicht mehr gern, dass das, was vor gar nicht so langer Zeit die Probleme der Briten ausmachten, in allernächster Zukunft die eigenen sein könnten. Man konzentriert sich also auf die einstigen Probleme einer fremden Nation, um sich nicht auf die eigenen Problemen hier und jetzt konzentrieren zu müssen.

Dabei ist die Anwendung des Prinzips der Gegenseitigkeit natürlich der schlagende Beweis dafür, wie sehr man bereits vor dem Hier und Jetzt zittert, und vor der Zukunft erst recht. Die Gegenseitigkeit ist nur Ausdruck der Idee, das Recht auf Vorsicht habe nur man selbst, nicht aber die anderen. Und das obwohl, als es den Briten so richtig schlecht ging, man selbst entschieden der Überzeugung war, man müsse wirklich vorsichtig im Umgang mit ihnen sein. Und jetzt wird man also vorsichtig mit sich selbst sein müssen.

Anne Peiter

Corona 70: Sputnik

Die Rückkehr des Kalten Krieges in der Jagd nach dem Impfstoff, die Benutzung des Sputnik als schon existierende Umlaufbahn, in die man sich, zurück zur Gesundheit, katapultiert zu haben glaubt, ist unheimlich, weil es immer noch oder schon wieder darum geht, der Erste zu sein. »Die Amerikaner waren damals überrascht, als sie Sputnik haben piepen hören«, meint Kirill Dmitriew, Chef des russischen Staatsfonds und Mitverantwortlicher für die russischen Impfstoff-Forschung, die jetzt stolz ihren Durchbruch verkündet. [1]

Wie die Metapher doch zwischen Verheissung und Bedrohung schillert! Technisch sind Sputnik wie Impfstoff Beweis eines neidvoll beäugten Knowhows. Politisch aber sind sie Werkzeuge zur Angsterzeugung. Man behauptet, bei der Bekämpfung der Epidemie den entscheidenden Schritt getan zu haben. Die Angst sei vorüber. Die Rettung sei da. Doch indem man den Vergleich zum einstigen Rüstungs-Wettlauf zieht, verfällt Putin zugleich in eine Drohgeste, die quer zur Erleichterung über das behauptete Ende der Epidemie steht.

Sputnik 1 beruhte auf einer modifizierten Interkontinentalrakete. Sie schickte, bevor sie verglühte, Signale, die auf der ganzen Welt empfangen werden konnten. Die Interpretation des Piepens erfolgte mit unzweideutiger Promptheit: Die USA fühlten sich beim Wettlauf ins All überflügelt und daher atomar noch stärker bedroht als in den Jahren zuvor.

Jetzt ist man eigentlich nicht bedroht, denn der Impfstoff ist ja keine Waffe. Und doch macht die russische Propaganda ihn dazu. Man redet sich groß und mit sich das Gegeneinander in diesem neuen Wettlauf. Man behauptet, ihn gewonnen zu haben, und bedenkt nicht, wie neben die Überblendung von Makroskopischem – wie sie sich im Bild von der Umlaufbahn des Sputnik um die Erdkugel herum verdichtet – und Mikroskopischem – wie sie in der gleichfalls erdhaften Kugelgestalt des Coronavirus mitsamt ihrer antennenartigen Auswüchsen unsere Vorstellung besiedelt – tausend Ansatzpunkte für weitere Parallelen und Assoziationen bieten. Denn Laika, die in der zweiten Sputnik-Kapsel untergebrachte Testhündin, ist an Hitze und Stress vermutlich weit früher gestorben, als man mit Hilfe des ihr zugedachten, portionsweise zu verabreichenden Giftes erwartet hatte. Es lässt sich also genug Bild- und Erzählmaterial finden, um die »große Tat« wieder klein zu reden. Putin will Angst verbreiten und beeindrucken, doch die Angstflüsse, die vom Wort »Sputnik« ausgehen, könnten ganz unkontrolliert verlaufen. Sind diejenigen, die jetzt in Russland, freiwillig, als erste geimpft werden, die neuen Hunde? Sind sie dem scheinbaren Fortschritt zu opfernde Wesen?

Auf der einen Seite haben wir Trump, der darauf hofft, sein eigener Impfstoff möge pünktlich vor dem Wahlkampf da sein und, als Angstbeseitiger, seine Wiederwahl sicherstellen. Und auf der anderen Seite haben wir Putin, der die Angst schon ganz beseitigt zu haben glaubt. Ob sich die Männer über der je eigenen Benutzung der Angst dann plötzlich Hand und Impfstoff reichen? Als mulmig stimmendes Ende eines weiteren Kalten Krieges, den wir aber auf diese Weise, bei dieser Allianz, gar nicht wünschen können?

Eingekeilt zwischen Ängsten vor dem Virus und Ängsten vor der Art seiner Beseitigung, zwischen Ängsten von Impfgegnern und dem verhaltenen Optimismus von Impfbefürwortern, zwischen dem einen Block und dem anderen, dem russischen Großsprecher und dem US-amerikanischen – das ist unsere hermeneutische Position. Der Eiserne Vorhang ist da und doch nicht da, man will uns Angst machen und zugleich locken, Laika ist an Hitze zugrunde gegangen und wir leiden unter Kälte. Es ist ein wildes, quirlendes Gemisch, das in der Konkurrenz um die schnelle, gar zu schnelle Impfstoffentwicklung entsteht, und wohin diese Konkurrenz massenpsychologisch und angstgeschichtlich führen wird, ist noch gar nicht abzusehen.

Laika, die beschäftigt mich. Sie war, so lese ich, nicht die einzige Hündin, die für die Weltraumfahrt ausgesucht worden war. Gleich drei Tiere hatte man trainiert, und zwar, indem man sie für immer längere Zeiträume in immer kleinere Käfige sperrte, um sie an die enge Weltraumkabine zu gewöhnen. Lockdown als sportorientierte Weltraumpädagogik. Die Enge führte dazu, dass die Tiere keine Fäkalien mehr ausschieden, unruhig wurden und gesundheitlich zu leiden begannen. Zentrifugen, für die aus Übungszwecken eigens mit Apparaten für die kommenden Vibrationen und den Lärm der Rakete ausgestattet worden waren, sollten an die Beschleunigung, die der bevorstehende Flug voraussetzte, gewöhnen. Als Nahrung bekam Laika Gel von hohem Nährwert, um im All durchzuhalten.

Es fehlt nichts: Die Enge der Raumfahrtkabine, die zwecks Vermeidung gefährlich tiefer Temperaturen durch einen Schlauch mit einer Klimaanlage verbunden worden war, das Gel, das Laika zu fressen bekam, weil man ihr die Pfoten nicht desinfizieren konnte, die fiebrige Hitze, die sich ihr nach dem Start über den Raumflugkörper mitteilte und zu ihrem Tod beitrug, Schläuche, Atmungsstörungen, Fieber, Desinfektion, Verdauungsprobleme, einkalkulierter Tod, Eingesperrtsein in einer Kapsel, Zwang, sich an dieses Eingesperrtsein zu gewöhnen. Es steht ausser Frage: Das Gehetze im run nach dem Impfstoff äussert sich auch in der Gehetztheit des wuchernden Vorstellungsmaterials, das uns alle zu überfordern droht.

Und dann explodiert, parallel zu den Erinnerungsfeierlichkeiten in Hiroshima, auch noch die Hauptstadt des Libanon. Man erfährt, dass die Stärke dieser Explosion etwa einem Zehntel der Stärke der Bombe von Hiroshima entsprochen habe. Sputnik und der neue, unbestimmte Krieg. Der Libanon und Hiroshima. Heute und damals. Alles ist wieder da, doch unverständlich miteinander durchmischt. Die Zeitungslektüre fühlt sich an wie eine Begegnung mit einer Masse von Geistern aus der Zeit des Kalten Krieges, die ihren Standort wechseln, je auf ihre Weise ihre Version zur Pandemie herausröcheln oder -schreien, in beängstigender Vertrautheit miteinander, sich verbündend und wieder entzweiend.

Anne Peiter

[1] https://www.nordkurier.de/aus-aller-welt/hat-russland-schon-einen-corona-impfstoff-0540245308.html

Corona 69: Die Grillen

Auf dem Campingplatz, auf dem wir die diesen und nächsten Tage verbringen, ja überhaupt auf der ganzen Insel Korcula, hören wir Grillen. Es ist ohrenbetäubend. Nachts geben sie Ruhe, doch mit dem frühen Morgen beginnen die sägenden, tschilpenden, rhythmisch sich wiederholenden und doch nie ganz miteinander identischen Geräusche und begleiten uns den ganzen Tag. Eigentlich ist es unerträglich, aber man gewöhnt sich daran und nimmt es irgendwann nicht mehr wahr. Es gehört dazu.

Es ist nicht einfach, eine Grille zu sehen. Wir blicken wieder und wieder in die Bäume, aus denen es tönt, aber wir können sie nicht finden. Natürlich wissen wir aus Lexikonartikeln, wie eine Grille aussieht, es gibt sie ja wirklich, aber sie sind so gut getarnt, dass wir jetzt und hier, schon müde von der schnell greller werdenden Sonne, nicht nach ihnen suchen können. Aber der Lärm ist da, ist faszinierend laut und lässt Rückschlüsse auf ein Riesenlebewesen zu. Es besteht aus Millionen unsichtbarer Kleintiere, die jede ein individuelles, von den anderen unterschiedenes Geräusch hervorbringen. Weil wir sie aber nicht identifizieren können, verbinden sich alles zu einer Symphonie, die keinen Ursprung hat.

Und das Geräusch lässt nicht gut beschreiben. Es ist ein Scharren, Schnarren, Reiben, fast wie ein Zähneknirschen. Dann versucht man es mit einem Wechsel der Einstellung und sie klingen wie Vogelstimmen – was bloß heißt, dass wir uns etwas wie Vögel vorstellen, die in den Bäumen sitzen. Aber dafür sind sie dann auch zu regelmäßig. Es könnten synthetisch erzeugte Geräusche sein, entsprungen dem Hirn eines Elektronikbastlers. Eine druckvolle Bassline, eine Melodie darüber und es ließe sich danach tanzen. Es ist irgendwo zwischen natürlich und künstlich, lebendig und tot – so wie für mich Insekten überhaupt zu diesem Zwischenreich teilhaben. Man denke an Heuschrecken. Stundenlang können sie vollkommen bewegungslos verharren, wie tot: dann, eine Regung, eine Beute, eine Gefahr, und im Augenblick sind sie woanders, so schnell, dass man der Bewegung nicht folgen kann und sie aus dem Auge verliert. Das macht das Bedrohliche an ihnen aus. Dieser Raum zwischen Leben – dem sehr beschränkten Begriff des Lebens, von dem ich ausgehe – und Tod – ist meine Vorstellung davon auch beschränkt? – ist jedenfalls kein transitorischer, so dass der Ausdruck »Zwischenreich« nicht recht passt. Es ist vielmehr eine Art Kipp-Raum, wie eine optische Täuschung, in der die Perspektive hin- und herspringt. Es sieht mal so aus, nmal so; tote Materie, materielles Leben, Phantasie eines genialen Tüftlers oder eine Erscheinungsweise des Lebendigen, das die Myriaden von Kleinlebewesen vielleicht viel lieber hat als uns uns Großtiere.

Und vergessen wir nicht: es ist eine der am weitesten verbreiteten Lebensformen auf unserem kleinen Planeten – wenigstens zu Lande. Noch immer gibt es Millionen Arten, die nicht erfasst wurden. Es ist unaufhörliches Leben, ein permanenter evolutionärer Ausstoß, ein Grundrauschen, das DEM LEBEN als überindividuellem, alles in alles verwandelndem Prozess viel näher steht als wir, die wir als schwanke Frucht auf einer der feinsten Verästelungen dieses Gebildes zu sehen sind, hochkompliziert und überreif und schrecklich beschränkt aus all diesen Gründen.

Eine Oktave tiefer. Wir liegen auf dem steinigen Strand. Das Getön der Grillen, das Rauschen des Wassers, die fragmentierten Rufe und Schreie der Badenden. Ich irgendwo dazwischen. Ich löse mich langsam auf, diffundiere in die eine oder in die andere Richtung. Alles zersetzt sich zu Teilen und es muss sich zu Teilen zersetzen, um wieder ein größeres Ganzes zu bilden: eine kommunizierende Einheit von uns Körpern, aber doch noch mehr als bloß von uns Körpern; auch das Unbelebte, die Felsen und das Wasser, die Steine oder das nicht mehr lebendig wirkende, wenngleich untentwegtes Leben verratende ununterbrochene Geräusch, noch mal und noch mal, mit einem anderen Wort, der Zikaden: all das verbindet sich zu einem Gesamtzusammenhang, von dem ich den Rand zu fassen bekommen.

Vielleicht verhalten sie sie, die Zikaden, die Grillen, zum Virus wie wir zu ihnen. Immerhin kann man die Grillen hören. Das ist eine Hilfe, uns fällt jedenfalls überhaupt etwas dazu ein. Aber es bleibt fremd, man kann ihnen nicht zuhören, man kann sich nur daran gewöhnen, sich einlullen lassen, sie vergessen. So begegne ich dem Virus wieder, vor dem ich in die Ferienwelt geflüchtet bin, und den wir, wie es Anne Peiter beschrieben hat, vielleicht aus der Ferienwelt mit nach Hause bringen. Durch die Ferien machen wir uns vor, dass Normalität herrscht: dadurch, dass wir ihre Durchbrechung selbst organisieren und kontrollieren. Dadurch könnte es sehr gut sein, dass, wie Anne Peiter es beschrieben hat, die »erste Welle« zur »zweiten wird«. Aber eigentlich war es von Anfang an klar, also von dem Moment an, in dem die »Kurve« zur »Welle« metaphorisch weiterentwickelt wurde. Wellen bilden einen Zusammenhang, sie sind durch ein Wellental voneinander getrennt und verbunden, darunter das Meer, eine in sich ruhende Bewegung, die ich nun auch jeden Tag wahrnehme, eine einzelne Welle gibt es gar nicht. Wer A sagt, muss B sagen, und wer »erste Welle« sagt, muss auch »zweite Welle« sagen – nein, sie / er hat es eigentlich schon gesagt, die zweite und möglicherweise auch die dritte und vierte Welle sind so sehr mit der Vorstellung der ersten Welle verbunden, dass man, sitzend am Strand und zerstreut dem Lauf der Wellen folgend, die Zeit fast vergisst und man geneigt ist, mit Anne Peiter zu sagen, dass die zweite Welle die erste sei, im Ohr das Rauschen des Wassers und das stete Gebrüll der Grillen.

Wolfram Ette

Corona 68: Die zweite Welle

Es ist nicht ganz sicher, aber die Forschung scheint zur Zeit davon auszugehen, dass der Virus nicht von jahreszeitlichen Faktoren, etwa der herrschenden Temperatur, abhängig ist. Es wird diese Feststellung als Problem gewertet, denn sie stellt den Virus auf Kontinuität. Die anfängliche Hoffnung, der Virus werde eine Pause machen, muss aufgegeben werden, und wir sind schon voll dabei, ihn aufzugeben. Doch wenn Frühling, Sommer, Herbst und Winter keine entscheidende Rolle spielen, dann verstehe ich nicht, warum sich die Wellen-Metaphorik hält. Wäre es nicht logischer, davon auszugehen, dass das gesamte Geschehen ein einziges, zusammengehörendes ist? Nicht eine erste Geschichte und jetzt, sich langsam Bahn brechend, eine zweite, von der ersten getrennte, sondern vielmehr schlicht die Welle, die wir schon kennen? Eine, die gar nicht erst zurückgespült ist?

Man mag dem entgegenhalten, sie  sei  doch aber zurückgespült, denn die Zahlen seien ja tatsächlich zurückgegangen. Ja, würde ich erwidern, das sind sie, doch wegen der  Maßnahmen, die gegen den Virus getroffen worden sind. Und jetzt, wo sie zumindest in Europa zum Großteil wieder aufgehoben worden sind, merkt man gleich, dass es eben keineswegs vorbei ist. Und doch hält sich der Gedanke, da komme sie leider, die zweite Welle. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die zweite Welle, obwohl zunehmend beunruhigend, etwas psychologisch extrem Entlastendes an sich hat. Würde man sie nicht haben, dann müsste man sich sagen, dass die erneut sich verstärkende Ausbreitung des Virus nicht eine Eigenschaft oder Bosheit oder Entwicklung des Virus selbst ist, sondern die Konsequenz der Ferien, die wir von ihm zu machen können hofften. Diese Ferienidee wäre der  eigentliche  Grund dafür, dass er sich nicht weiter zurückgezogen hat – sagen wir einmal: zum Wandern in den frischen Lüften der Berge oder an die von Sonne überfluteten Strände, aber allein, ohne uns.

Wenn wir ehrlich wären, dann müssten wir zugeben, dass der Virus sich gefreut hat, dass  wir  so gern Ferien machen, in die Berge fahren oder ans Meer, denn dadurch konnte er, immer noch als erste Welle, weiter rollen, quasi ohne Unterbrechung. Er konnte uns folgen in die Ferien, mitwandern in den Bergen und mitschwimmen im Meer, teilhabend an unserem Stoßseufzer der Erleichterung, endlich seien die Ferien da, nach all dem Stress der letzten Monate.

Und vielleicht ist es sogar noch perverser: Wir sagen uns, dass wir  jetzt Ferien machen müssen, weil alle Prognosen darauf deuten, dass es im Herbst und Winter wieder dicke kommt und man dann auf keinen Fall verreisen kann. Und in Antizipation dieser Zukunft verreisen wir also jetzt und
stellen, weil wir uns beeilen, das, was wir nicht wieder haben wollen, überhaupt erst her. Die Schnelligkeit, mit der der Virus wieder auf uns zurückt, ist unsere eigene. Wir sind er. Ferien, das ist nicht eine Erholung von ihm, sondern eine Methode, ihn heranzulocken.

Wenn das stimmte, dann wären unsere Ferien das, was den Rückzug des Virus von uns unmöglich macht, und also, obwohl wir uns in den Ferien glauben, das  Gegenteil  von Ferien. Ferien, das sind die Ferien, die sich selbst auslöschen, die sich den Haufen Arbeit, der uns nicht etwa nur danach – wie üblich – erwartet, sondern schon jetzt, noch mitten  in  den Ferien, immer mehr Menschen erfasst: die Arbeit, sich aus der Krankheit, vom Tode weg, wieder ins Leben zu retten. Die Arbeit, Neuerkrankte dabei zu unterstützen.

Es wirkt auf mich wie ein kollektiver Wahnsinn, dieses Bedürfnis, Ferien zu machen. Der Tourismus sollte wieder angekurbelt werden, möglichst im eigenen Land, das als neu zu entdeckendes Ferienland allenthalben gepriesen wurde. Die Regierungen sind nicht mehr als die Sachverwalter unserer (und ihrer) Unfähigkeit, realistisch zu sein. Unserer (und ihrer) Unfähigkeit, das vielgepriesene, utopische Potential praktisch werden zu lassen. Man verreist, als wäre nix gewesen. Man freut sich der gesunkenen Zahlen, erbost noch über die vielen Einschränkungen, die man hat erdulden müssen, und stellt sich nicht vor, dass das, was künftig – und zwar in baldigster Künftigkeit – zu erdulden sein wird, von uns selbst bewirkt worden sein wird, quasi  unabhängig  vom Virus. Wir begeben uns zurück in die Abhängigkeit von ihm, wir unterwerfen uns ihm, weil wir, kaum dass die gewohnten Reisetermine da sind,  wirklich  reisen, und zwar von den Regierungen unterstützt, von billigen Preisen gelockt und eingefleischt in Gewohnheiten, die jenseits jeder Reflexion und Körpererfahrung stehen.

Oder, schlimmer noch: Wir stellen uns sehr wohl vor, was kommen wird, und reisen gerade darum. Die letzte Gelegenheit nicht verpassen. Seinen Teil vom Glück noch abkriegen.
Und die Rhetorik der französischen Regierung spiegelt den Grundwiderspruch: dass Ferien leider Gottes in kürzester Frist das Gegenteil ihrer selbst sein werden. Es wird wiederholt gemahnt, man solle doch trotz der Ferien bitte nicht vergessen, dass der Virus keine Ferien kenne. Und gleichzeitig wird das neue Schul-, Studien- und Arbeitsjahr vorbereitet, als hätte man mit den Ferien an Meer und in den Bergen wirklich eine Rückkehr verdient, die, wie jedes Jahr, zumindest für ein paar Monate auf den Glanz der Auszeit bauen und von ihm zehren kann. Solange, bis man wieder anfängt, müde zu werden.

Ich befürchte, dass das Gegenteil eintreten wird. Mitten aus der Sommerfrische heraus oder wenigstens kurz davor, nämlich am 9. Juli, schrieb das französische Schulministerium ein Protokoll mit den zu treffenden Massnahmen zuende, das, unter Vermeidung jeder Öffentlichkeit, am 20. Juli allein an die Schulbehörden der verschiedenen Regionen weitergeleitet wurde. Das Protokoll besagte: Es werde alles wieder ganz normal zugehen, Abstände müssten nicht länger gewahrt bleiben, die Kantinenversorgung werde wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen können, Unterrichtsmaterial könne problemlos geteilt werden und der Betrieb auf dem Schulhof in die üblichen Bahnen zurückkehren. Zwar empfahl man noch, möglichst grosse Abstände zu wahren und im Fall, dass das unmöglich sei, Masken aufzusetzen (aber nur für Kinder über 11 Jahre), aber das war auch schon alles. Am 9. Juli also, kurz vor Beginn der Ferien, glaubte man bereits sagen zu können, der Schulbeginn werde einer Fortsetzung der Ferienzeit gleichkommen.

Besorgt sind nur die SchuldirektorInnen, und auch die nicht immer. Sie sind diejenigen, die umsetzen müssen, was von Seiten des Ministeriums an Vorschriften ergeht. Zur Zeit wissen sie also: Es gibt nichts vorzubereiten, was nicht auch sonst vorbereitet werden müsste. Ein fast normales Jahr steht bevor. Die Massnahmen sind nichts Grossartiges. Die Ferienstimmung schwappt vom Ministerium hinein in die Lehrerschaft und die jeweiligen Schulleitungen.

Doch die Intelligentesten unter den SchuldirektorInnen erleben die letzten, verbleibenden Tage ihrer eigenen Ferien schon in dem Bewusstsein, dass es in letzter Minute doch noch anders kommen wird. Der Text vom 9. Juli war als endgültig bezeichnet worden, doch „unten“ sagt man sich schon jetzt, dass, sobald die Ferien wirklich vorbei sein werden, das das Erstaunen darüber einsetzen wird, dass die Ferien nun wirklich vorbei sind und Virus und Arbeit in voller Stärke „wieder“ da. Aber genau dieses „Wieder“ ist ein Irrtum! Der Kardinalfehler! Der 9. Juli, das ist ein Datum aus der Frühgeschichte, ein Datum der Vorferienzeit, ein Symbol für die Erleichterung darüber, dass man jetzt, Virus hin, Virus her, in die Ferien fahren konnte. Und weil also dieses Dokument des Ministeriums ganz Reflex dieser Stimmung ist, scheint es mir so traurig einfach zu sein, vorauszusagen, dass die eigentliche Arbeit  mit den Ferien  begann,  wegen der Ferien  an Schwere zunahm.

Wir erholen uns hin zu einer nicht nur individuellen, sondern vielmehr gesamtgesellschaftlichen Erschöpfung. Wir stellen diese Erschöpfung selbst her. Unsere Vorstellungskraft erschöpft sich im Wunschdenken, und der beste Beweis für dieses ist der Begriff der „zweiten Welle“. Diese wird nichts anderes sein, als Ausdruck der Zurückweisung unserer kollektiven Verantwortung dafür, zu dumm dafür zu sein, uns  wirklich  Ferien zu verschaffen: Ferien durch Verzicht auf das Übliche, Ferien durch eine Ausgelassenheit gegenüber und in der Zukunft, die wir schon jetzt verdunkeln, weil wir jetzt, mitten in den Ferien, nicht zu sehen vermögen, dass diese das Gegenteil ihrer selbst sind.

Und ich glaube noch nicht einmal, dass, sozusagen aus pädagogischen Gründen, die jeweiligen Ministerien auf eine schonende Weise die Realitäten zu kommunizieren versuchten. Im Gegenteil scheint es mir so zu sein, dass man, eben weil Ferienbeginn war, kollektiv wirklich und ehrlich davon überzeugt war, es sei Ferienbeginn. Also gar nichts Böses, nicht einmal etwas Inkompetentes, vielmehr: Der Ferienbeginn war da. Und in den Ferien macht man Ferien. Und wenn dann nach diesen Ferien doch plötzlich der Virus wieder da ist, dann hat einen eben leider Gottes die „zweite Welle“ ergriffen, die sozusagen, getrennt von uns, auch Ferien gemacht hat und, pünktlich zu Schulbeginn, wieder mit ihrer Arbeit beginnt. Und die Illusion wird darin bestehen, dass der Virus und wir gemeinsam in die Ferien gefahren sein werden und dass also gerade die Lust des Virus, Ferien zu machen, das eigentliche, von uns nicht einmal in Ansätzen erkannte Problem darstellte.

Es zeigt sich mithin, dass wir immer noch nicht die Einheit zwischen ihm und uns zu begreifen gelernt haben, dass unsere Ferien die Seinen sind, und die Rede von der „zweiten Welle“ nur dann als akzeptabel gelten darf, wenn wir’s nicht mehr metaphorisch meinen, sondern konkret: Die „zweite Welle“, das ist die Welle, in die wir uns jauchzend warfen, nachdem die lange Zugfahrt hinter uns lag, wir die Matte ausgerollt, den Badeanzug angezogen und die Sonnencreme aufgetragen hatten. Die „zweite Welle“ ist die „Ferienwelle „.

Mein Plädoyer: Nehmen wir die Sprache ernst. Sie sagt, wenn wir sie wörtlich nehmen, was wir wirklich sind. Wir sind Realisten der Metapher, die wir als Beschreibung unserer selbst nicht wahrhaben wollen. Wir glauben, den Virus zu beschreiben, und beschreiben doch uns selbst. Wir meinen es uneigentlich und sind es selbst recht eigentlich. Wir glauben, die Sprache zu sprechen, doch sie spricht durch unsere Körper hindurch. Die „zweite Welle“ ist diejenige, die uns Frische mitteilte, in der wir uns getragen fühlten, erleichtert und glücklich über die Möglichkeit zur Erholung.

Die „zweite Welle“ ist die erste. Das eigentliche Problem, das wir haben, ist eines mit dem Zählen. Eins, zwei, drei, das scheint nicht so schwierig zu sein. Doch wie schön wäre es gewesen, wir könnten gar nicht zählen und wären steckengeblieben schon bei der Eins.

Anne Peiter

Corona 67: Sich überblendende Bilder

Auf dem Jahrmarkt kugeln die Kinder sich in einem mit Strippengeflecht zusammengehaltenen, käfigartigen Behältnis, der voller bunter Plastik-Bälle ist. Man taucht ein in dieses Meer von Farbe und Rundheit, fast wie in ein Meer künstlicher Riesentropfen. Es jauchzt, es schreit, es klettert. Und ich kann die Masse dieser freudigen Schar nicht ansehen, ohne Entsetzen darüber zu empfinden, dass diese Bälle wie die Schemata des Virus aussehen, die seit Monaten von der Presse mit dem Ziel verbreitet werden, uns eine Anschauung davon zu geben, welche Gestalt der Virus hat. Bilder helfen nichts. Die Eltern haben ihren Kindern eigens ein Eintrittsticket gekauft für dieses gemeinsame Bad, in dessen Zentrum die sichtbaren Riesentropfen stehen und die unsichtbaren Tropfen des geteilten, sich auf den Riesentropfen verteilenden Atems gemeinsamen Glücks.

Anne Peiter

Corona 66: Wider die Unverletztlichkeit

4. August 2020. Die Törtchen stehen schon auf dem Tisch. Nathalie, Hausfrau und Mutter zweier theaterbegeisterter Töchter, hat sie besorgt für unseren Besuch, den wir kurzfristig angekündigt haben. Riesige Bäumen in einem fast schon als Park zu bezeichnenden Garten, der das Haus umgibt, spenden Schatten. Nathalies Mann, Stéphane, promovierter Studienrat im Fach Philosophie in einer »classe préparatoire«, ist strikt gegen Masken. Er sieht in ihnen eine skandalöse Einbuße an Freiheit. Der Zwang, Mund und Nase abzudecken, sei nicht gerechtfertigt. Seit Ende des Lockdowns (den er für falsch hält) befänden wir uns in keiner Pandemie mehr, die geringe Zahl der Toten beweise das. Die Isolierung, die vor allen Dingen alte Menschen in den Altersheimen betroffen habe, sei so furchtbar gewesen, dass vorzuziehen sei, man lasse sie sterben. Kinder und junge Leute hätten fast nichts zu fürchten, ihr statistischer Anteil an den tödlichen Fällen sei extrem gering. Man solle sie feiern lassen, das sei ihr volles Recht. Die Politiker hätten die Ausgangssperren nur verhängt, weil sie, die mehrheitlich zur Gruppe alternder Männer gehörten, sich selbst potentiell als gefährdet angesehen hätten. Wären die meisten Kranken junge Mädchen von zwanzig Jahren gewesen, hätte man sich um den Virus gar nicht geschert. Und dann setzt er noch hinzu, jetzt wieder bezüglich der alten Leute, er wisse, wovon er spreche. Seine Mutter ist im Januar gestorben, nachdem sie zwei Jahre, von ihrem Mann getrennt, der sein Haus und seinen Alltag nicht verlassen wollte, in einem Altersheim untergebracht gewesen war. Der Mann also war fit, mochte daher mit seiner Frau das Leben in einem Altersheim nicht teilen. Die beiden Söhne, weit weg, hatten keine andere Lösung, als die Mutter durch Fremde versorgen zu lassen. Was soll man also sagen, wenn da jemand noch in Trauer ist und die private Erkenntnis – wie gut es sei, dass es für die Mutter vorbei sei – und die allgemeinen Interessen alter Leute durchmischt? Es steht mir über seinen Umgang mit seinen Eltern kein Urteil zu, denn ich selbst stehe vor demselben Dilemma. Doch ich wage doch, zu bezweifeln, dass die Zahl der aktuellen Toten als gering zu bezeichnen ist. Gering ist die Zahl nur, wenn man nicht über den eigenen, kleinsten Kreis hinaussieht, dann also, wenn man »Welt« ausblendet. Ich werfe auch ein, dass das Maskentragen doch ein Klacks sei und dass ich diese ganzen Emotionen bezüglich einer Maßnahme, die ihren Nutzen zu beweisen scheine, nicht verstehen kann. Jetzt mischt sich Nathalie ein. Sie findet, dass es einen erheblichen Aufwand darstellt, die Masken, die man nur vier Stunden tragen dürfe, bei 60 Grad zu waschen und ihre Trocknung so zu organisieren, dass man am nächsten Tag wieder versorgt sei. Es sei da wie mit den Unterhosen, die müsse man auch waschen. Auch seien Masken gar nicht billig. Ich sage nichts zum Aspekt der Kosten, doch ich denke an die Reise, die Nathalie in diesem Juni nach Kolmar, in ihre Heimatstadt, führte, weil sie dort noch schnell, bevor ihr 51. Geburtstag stattfand, mit dem Notar eine steuergünstige Überschreibung ihrer Immobilien an ihre Töchter organisieren wollte, Immobilien, aus denen sie hohe Mieteinnahmen und ein äußerst bequemes Leben bezieht. Also sage ich nur, dass sie ja, wenn das Waschen von Unterhosen ebenso lästig sei wie das von Masken, auf das Tragen der Ersteren ganz verzichten könne, darin eben in Übereinstimmung zum Verzicht auf’s Maskentragen. Aber dann wird es schlüpfrig, denn ich sehe uns schon nackt, oben und unten, und es ist besser, das Ganze abzubrechen und noch einen Schluck Goyaviersaft zu nehmen. (Der kommt aus Martinique, obwohl Goyaviers auf La Réunion wachsen wie die Pest. Doch es gibt keinen Betrieb, der Saft daraus gewinnen würde, und so trinkt man eben den von einer anderen Insel, aus einem anderen Ozean.) Mehr und mehr stellt sich bei mir nach dieser Unterhosengeschichte der Eindruck ein, dass Stéphane, der ein absolut unheroischer Typ ist, eher ein Familienvater, den, erfüllt von seiner eigenen sozialen Stellung, nichts so umtreibt wie die Sorge um eine hochrangige Ausbildung seiner Töchter, einmal wieder einmal einer dieser Männer ist (sind es meistens Männer?), die sich nicht vorstellen können, selbst zu sterben. Denn ist so sicher, dass vor allen Dingen die alten Leute sterben? Und wer gibt ihm das Recht, zu sagen, lange Wochen der Isolation seien furchtbarer »als ein schneller Tod innerhalb von zwei Tagen«? Weiß er, was die Intubation mit einem alten oder einem jungen Menschen anstellt? Was es heißt, zu ersticken? Vielleicht mag eine Neunzigjährige noch zehn Jahre lang leben oder mehr, halte ich ihm entgegen. Euthanasie – auch das so ein riesiges und vermintes Thema. Aber es wird eigentlich nur angerissen, und sterben tun nur die, die eh über kurz oder lang gestorben wären. Und so sind sie eben über kurz gestorben. Und die eigenen Töchter hält er für unverletzlich. Und sich selbst auch. Nathalie war acht Wochen bei ihrer Tochter, die in Paris eine Ausbildung zur Schauspielerin macht, in einer Einraumwohnung von 16 Quadratmetern eingeschlossen, weil es keine Flüge mehr nach La Réunion zurück gab. Der kurze Besuch sah sich also unvorhergesehen verlängert, und sie fand das sehr hart. Bei ihrer Rückkehr wurde ihr eine vierzehntägige Quarantäne in einem Bungalow in Strandnähe auferlegt. Aber mit Terrasse. Nach dem ersten Tag und der ersten Nacht wurden die Bestimmungen geändert, und sie durfte die verbleibenden Tage der Isolation Zuhause verbringen. Sie habe dann aber doch ihre jüngere Tochter umarmt, das sei ja klar gewesen nach so langer Trennung. Der Präfekt habe vorher noch alle besucht, die sich da auf dem Hotelgelände befunden hätten. Gekommen sei er ohne Maske, und nett sei er gewesen, wie er allen die Hand schüttelte.

Anne Peiter

Corona 65: Mutmaßungen

1

Vielleicht kommt bei den Berliner Demonstrationen noch etwas hinzu, das ich bislang nicht berücksichtigt habe. Wenn Leute sich unvernünftig verhalten – man muss es, wie gesagt, nicht als »Dummheit« beschimpfen, aber unvernünftig ist es irgendwie schon, in einer Situation, in der die Infektionszahlen wieder steigen und ein weiterer Lockdown mit sehr viel gravierenderen Folgen als der erste nicht mehr ausgeschlossen werden kann, ein solches Super-Spreader-Event zu organisieren –, dann fragt man sich schon, ob nicht bloß oppositionelle Regungen, sondern ein positives zu bestimmendes Motiv dorthin drängt: ein Bedürfnis nach Zerstörung und Selbstzerstörung angesichts des unterlaufenden Gefühls, dass eigentlich die Messen sowieso schon gelesen und das Spiel verloren sei.

Es ist sehr schwierig, dergleichen zu beweisen. Den Rechten, die sich dort eingefunden haben, kann man es gut und gerne unterstellen. Ein Bedürfnis nach Selbstzerstörung gehört sozusagen in die nationalsozialistische Genetik. Aber wie ist es mit den anderen, den Bunten, den Esoterikerinnen, den Radikal-Linken, die ja auch zu sehen waren und über die sich die Journalistin Dunya Hayali so verwirrt zeigt? Die wünschen sich doch, so meint man, eine gute Welt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht mehr, jedenfalls nicht so eindeutig. Vielleicht sind auch sie von einer Art Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität erfasst. Vielleicht geht es auch ihnen darum, den Augenblick zu genießen, weil schlechterdings nicht zu sagen ist, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht wollen sie sogar, dass alles schlimmer wird, weil ihre Konventikel dann nur um so glänzender hervortreten würden. Vielleicht ist es der Reiz, mit der Gefahr zu spielen, weil man glaubt, sie könne einem nichts anhaben, wenn man nur mutig genug auftreten würde. Oder sie verhalten sich wie Roulettespieler, die ahnen, dass sie an diesem Abend alles verlieren werden, und es eben deswegen jetzt, in dieser letzten Runde, in der es um alles geht, setzen.

Aber in diesem Fall – das ist anders als beim Roulette –, sind nicht nur sie es, die etwas zu verlieren haben. Wenn es schlecht läuft, könnte die ganze Gesellschaft Schaden davon nehmen. Und vielleicht ist es zuletzt auch auch dieses Gefühl der Macht, dass sie dazu veranlasst hat, sich mit wütendem Frohsinn zu versammeln.

2

Vergleiche ich das, was ich und meine Freundin Anne, die mit ihrer Familie im französischen Überseedepartement La Réunion lebt, so mitbekommen, was wir darüber schreiben, welche Gedanken wir in Worte zu fassen versuchen, dann springt mir ein Unterschied vor allen anderen ins Auge: Ihre Texte haben fast immer einen anschaulichen Ausgangspunkt. Nicht in allen, aber doch in sehr vielen Fällen beginnt sie mit etwas, was ihr, einem Mitglied ihrer Familie oder ihnen allen zusammen zugestoßen ist. Daraus wird dann in einer Art symptomatisierender, zum Teil weit ausgreifender Lektüre etwas entwickelt, von dem wir beide hoffen, dass es von exemplarischer Bedeutung ist, also über den ephemeren Anlass hinaus etwas zu sagen hat.

Bei mir ist das nicht so. Meine Texte sind meistens abstrakter, weniger anschaulich. Das ist eine Frage des Naturells, und auch eine Folge des Umstands, dass ich die meiste Zeit alleine lebe, sie aber gemeinsam mit ihrer Familie diese Krise seit Monaten zu meistern hat.

Aber vielleicht kommt doch noch ein Drittes hinzu, ein Unterschied nämlich zwischen der deutschen und der französischen Wahrnehmung des Phänomens. Vorgestern war ich auf dem Geburtstag meiner Tochter in Naumburg an der Saale. Einige Freundinnen von ihr waren da, ansonsten Freunde und Verwandtschaft, ihr Patenonkel stellte sich auch ein, es war eine schöne und lustige Runde. Ich kann mich nicht erinnern, dass während dieser Gesamtzeit von sieben Stunden, die ich dort gewesen bin, Corona auch nur ein einziges Mal Thema gewesen sei. Alles wirkte wie immer, eigentlich so, wie es vorher war. Jeder einzelne der Texte, die ich von meiner Freundin aus Übersee zugeschickt bekomme, spricht aber eine andere Sprache. Dort, in Réunion, ist Corona noch immer ein den Alltag beherrschendes Thema.

Warum das bei uns, zumindest aber in den gewiss nicht unpolitischen Kreisen, in denen ich meine Familie sich bewegen, nicht so ist, weiß ich nicht genau zu sagen. Aber es beunruhigt mich. Die Ansteckungszahlen in Deutschland und in Frankreich nähern sich gerade einander wieder so sehr an – sie liegen um die 1.000 Neuinfektionen pro Tag -, dass sie, bzw. das, was sie ›objektiv‹ über unsere Situation aussagen, den Unterschied nicht machen können. Findet eine Art Verdrängung bei uns statt? Und wenn das so ist: Machen wir uns, die wir feiern und quatschen, gemeinsam spielen und leckeren Kuchen essen und über alles Mögliche reden außer über Corona, uns indirekt vielleicht doch auch zu Mitbeteiligten der Berliner Demonstration vom Wochenende, deren Teilnehmer/innenzahl, wenn man so rechnen würde und die berühmten Stillen im Lande, zu denen auf einmal auch ich meine Familie zählen, mitrechnen würde, sich dem von den Veranstaltern angegebenen Fantasiewert doch ein wenig annäherte? Ich bin mal wieder irritiert und weiß nicht genau, wo ich stehe.

Wolfram Ette

Corona 64: Tag der Freiheit

Als Leni Riefenstahl 1935 den Nürnberger Parteitag ins Kameraauge schloss und so den Propagandafilm ›Triumph des Willens‹ vom Vorjahr um Bilder zur Wehrmacht komplettierte, blieb neben dem Blick auf vorbeirollende Panzer, Gefechtsübungen und natürlich auf Hitlers Rede kein Wort und kein Bild übrig, nichts, was auf die Rassegesetze eben dieser Septembertage hätte verweisen können. Verkündet aber worden war nach einer hektischen, da überaus kurzfristigen Ausarbeitung der entsprechenden Paragraphen, dass zwecks »Schutz des deutschen Blutes« , intime Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden von nun an strafbar seien. »Arische« Haushälterinnen unter fünfundvierzig Jahren mussten zudem die Arbeit in jüdischen Familien aufgeben. Die Rassengesetze implizierten, dass die Schwängerung dieser Frauen durch ihre jüdischen Arbeitgeber zu befürchten stehe, wenn die »Arierin« noch nicht die Menopause erreicht hatte. Sexuelle Phantasmen boten den Untergrund, aus dem sich die für Genozide so entscheidende, »schrittmachende« Frage nach der Definition, wer überhaupt zu verfolgen sei, herauskristallisierte.

»Tag der Freiheit« , das war nicht nur eine Glorifizierung des kommenden Krieges, der dazu führen würde, dass der Große Krieg den Beinamen »Der Erste« bekommen würde, weil es dann bald eben auch diesen noch furchtbareren und tödlicheren »Zweiten« geben würde. Vielmehr war »Tag der Freiheit« auch ein Dokument dafür, wie man als »unpolitische Künstlerin« absehen konnte von dem, was langsam, schrittweise und dann auch – eben mit diesem und wegen dieses Kriegs – immer besser abzusehen war: dass mit den Rassegesetzen, weit über Deutschland hinaus, entschieden wurde, wer umgebracht werden würde und wer nicht. Wer es nicht wagte, das Stigma des Judensterns von der eigenen Kleidung zu lösen, die eigenen Papiere zu vernichten und, den angedrohten Strafen zum Trotz, seine Identität zu verbergen, war verloren. Die Mehrheit der Minderheit also, und das quer durch ganz Europa.

Definitionen von der Art der Nürnberger Gesetze haben nicht unbedingt sofortige und direkte Folgen, doch sie lösen Folgeschritte aus und sind daher in ihrer Bedeutung ein gar nicht zu überschätzender Faktor für den Aufbau von Vernichtungsmaschinen. Nürnberg und seine Freiheiten sind also als historische Zäsur ersten Ranges zu werten. Man könnte meinen, dass die sich an die eigentlichen Rassegesetze anschließenden Bestimmungen zum Hissen von Flaggen vergleichsweise unwichtig waren – wenigstens ging es nicht um Fragen des »Blutes« –, doch was heute geschieht, lässt einen umdenken.

»Tag der Freiheit« , das ist jetzt der Demonstrationszug der Gegner der Corona-Massnahmen, und die zeigen, was seit dem September 1935 nur noch die »Arier« zeigen durften, nämlich: die Reichsflagge. Jetzt sind es die Reichsbürger, die diese vor sich hertragen. Und sie sind es auch, die sich zugleich als verfolgte Juden in Szene setzen, getreu dem Motto, die Maske sei der neue Judenstern, die neue Markierung der Verfolgten.

Doch nein! Haltet inne! Gucken wir genauer hin auf das, was da historisch so inspirierend wirkt. Wer mit seinem heutigen Protest konsequent sein will, müsste das Reichsbürgergesetz von 1935 ernst nehmen. »§ 4 (1) Juden ist das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben verboten. (2) Dagegen ist ihnen das Zeigen der jüdischen Farben gestattet. Die Ausübung dieser Befugnis steht unter staatlichem Schutz.« Zeigen wir, die neuen Reichsbürger, also die »jüdischen Farben« (wie immer man die dann wieder definieren will)! Auf jeden Fall gerade nicht die Reichsfahne, nicht das Schwarz-Weiss-Rot, das ja eben der unterdrückenden Mehrheit vorbehalten blieb, und nicht den Verfolgten. Wer den Zynismus des »Schutzes« am eigenen Leibe erfahren will, der muss eine andere Farbpalette wählen. Am besten mit Stern.

Doch natürlich ist es ganz müßig, sich über diese irritierend unlogische, historisch uninformierte Benutzung des rassistisch-nationalistischen Strandguts, das die deutsche Geschichte mit der »zweiten Welle« in die Gegenwart schwemmt, zu wundern und mit Hinweis auf Nürnberg mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Protestsymbole anzumahnen. Die Widersprüche haben System, und dieses ist in sich auf ganz und gar eigene Weise logisch. Die Maskenpflicht ist heute, nach Graden, Ländern und jeweiligen Kontexten leichte Variationen aufweisend, stets eine, die allen, ausnahmslos also, zur Pflicht gemacht wird. Nicht eine Minderheit wird markiert wie damals mit dem Davidstern, sondern alle. Es entfällt jede Distinktion. Wenn alle die Maske als neuen Davidstern tragen, ist nicht auszumachen, wer weiteren Verfolgungen ausgesetzt werden soll. Die Vergleichbarkeit zum Davidstern existiert nicht. Oder sie hinkt wegen falscher Gewichtung. Heute sei es, so die Interpretation, eine Minderheit – die Regierung –, die die Mehrheit – nämlich die Bevölkerung – unter ihr Joch zwinge. Damals war es jedoch eine Mehrheit, die mit Hilfe der Einführung des Sterns die Minderheit ihrer Erkennbarkeit zuführen wollte und so, 1935 noch nicht im Detail absehbar, doch wegen Dachau und anderen Lagern als Möglichkeit durchaus schon aufscheinend, die Konzentrationsmaßnahmen verstärkte, die nach Kriegsbeginn dann ihrerseits auf so ungeheuerlich effiziente Weise den Deportationen (und damit Erschießungen und Vergasungen) vorausgingen.

Nichts von alledem heute. Die Mehrheit ist die Mehrheit, keiner wird ausgeschlossen, wenn er die Maske trägt. Die Veranstalter der Berliner Demonstration hätten also, wenn sie konsequent gewesen wären, die fehlende Maske als Stigma kennzeichnen müssen, ihre Abwesenheit, und nicht ihre Benutzung. Doch symbolisch ist es schwierig, etwas, was nicht da ist, zum Stigma zu erheben. Bildlich fassbar werden kann nur, was man sieht. Und weil man die Maske sieht, wird eben sie zum neuen Davidstern erklärt.

Doch das ist noch nicht alles. Die Berliner Demonstration läuft auf eine retroaktive Pädagogik, gerichtet an die Juden, hinaus. Man zeigt, wie sies besser hätten machen können. Das Ziel der Demonstration: sich kollektiv des Stigmas entledigen, es ablösen, eintauchen in die Masse. So wird Verfolgung unmöglich gemacht, und wichtiger noch: so hätte sie unmöglich gemacht werden können, wenn die Verfolgten damals nur ein weniger cleverer gewesen wären.

Es verschwindet also aus dem Blickfeld, dass sie – jetzt wieder damals – als Verfolgte eine verschwindend kleine Minderheit waren – zwischen 1 und 1,5 Prozent der Bevölkerung, wenn man das Beispiel der jüdischen Bevölkerung Deutschlands heranzieht – und nicht Teil des Gesamtkollektivs, in dem alle die Maske tragen müssen und gerade durch die Maske keiner herausfällt. Es verschwindet auch, dass, wer in Berlin demonstrieren ging, keinerlei Unterdrückung unterlag, es sei denn, er arbeitete der eigenen Stigmatisierung zu, und das bedeutete eben: man musste die Maske, den angeblichen Judenstern, abnehmen, weil erst dessen Fehlen einen zum Teil der Minderheit machte.

Erneut: Die Verfolgung ist etwas ganz und gar Fiktives, doch in dem Moment, in dem die Polizei die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Aufsetzen der Maske – also des »Sterns« , um im Bild zu bleiben – aufforderte, tat sie genau das, was sich die Demonstranten, ohne es zugeben zu wollen, gewünscht hatten, nämlich: sich bestätigt zu sehen in ihrem Opferdiskurs, den sie durchmischten mit der vielsagenden Idee, eigentlich sei »das ganze Volk« – will heissen: alle, wirklich alle Maskenträger – unterdrückt und verfolgt. Mit anderen Worten: Man will Minderheit sein, aber man beruft sich auf die eigene Zugehörigkeit zu dieser erdrückenden, da erdrückten Mehrheit. Man will der Einzelne, ungerecht Behandelte sein und doch zugleich Teil einer neuen »Volksgemeinschaft«.

Der »Tag der Freiheit« ist ein Karneval, in dem man sich mit konzentrationärem Zebraanzug oder Davidstern zugleich das Recht auf alle Widersprüche und Inkohärenzen zugesteht: individueller Unwillen gegen die autoritären »Zwänge« des Staates und Wunsch nach orgiastischer Zugehörigkeit zur Masse. Ruf auch nach der Masse, denn mit dem Abnehmen der Maske sagt man: »Entdeckt Euch als Undifferenziertes, Undifferenzierbares, als Massenmensch, der keine Unterscheidungen mehr zu fürchten hat, als Teil dieses ›Volkskörpers‹, der, sich als Welle bezeichnend, durch die Strassen wogt! 1,3 Millionen Menschen auf einmal!«

Wen sollte es noch wunder nehmen, dass die wirklichen Nazis, nämlich die neuen, Kritiker der Demonstration als Nazis beschimpften. Während sie – die Neonazis – wirklich die Nazis waren. Genauso wenig verwunderlich ist, dass Kreise, für die Autoritarismus und der Ruf nach dem »starken Mann« im Zentrum der ideologischen Konzeptionen stehen, den Staat des Autoritarismus zeihen. Es ist der »Tag der Freiheit«, vor allen Dingen bezüglich der Benutzung von allem und jedem, von Symbolen aller Art, geradezu eine neue, faschistische Pop-Kultur, bei der man sich fragen mag, ob es nicht besser wäre, den Geschichtsunterricht in Schulen komplett abzuschaffen. Vergessen werden müssten diese vielen Versatzstücke, die da bunt durcheinander wirbeln. Geschichtsbewusstsein ist eine Schimäre. Vergessen wir alles. Ich weiß sonst keinen anderen Rat.

Anne Peiter

Corona 63: Demonstrationen in Berlin

Davor

Deutscher Protest

So. Jetzt bereiten sie sich also vor auf den Marsch durch Berlin vor, 500.000 sollen es werden, haben die Veranstalter zu verstehen gegeben –: sie, die (zum Teil mit Grund), gegen die falsche Macht der Zahlen rebellieren, bedienen sich dieser Macht ungescheut, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Und auch hier gilt, was im Augenblick immer gilt: die Zahlen stimmen nicht; so viele werden es wohl nicht werden; aber es werden in jedem Fall viele sein, ziemlich viele. Es ist nicht auszuschließen, dass es eine der größten Kundgebungen der letzten Jahrzehnte werden wird. Dieses Mal sind auch Menschen darunter, die ich kenne, die ich mag und schätze. Ein alter Schulfreund bricht morgen auf nach Berlin, er will unbedingt mitdemonstrieren gegen die Abwicklung der Demokratie durch. Es tut mir weh, aber ich kann es nicht ändern.

Dieses Mal sind auch Menschen darunter, die ich kenne, die ich mag und schätze. Ein alter Schulfreund bricht morgen auf nach Berlin, er will unbedingt mitdemonstrieren gegen die Abwicklung der Demokratie durch. Es tut mir weh, aber ich kann es nicht ändern.
Zwei Fragen ergeben sich für mich vorweg daraus. Erstens: warum nimmt der Protest ausgerechnet in Deutschland gerade so eine massive Form an – in Deutschland, das in den letzten Monaten ja eher als Vorbild herumgereicht wurde, an dem die anderen Länder sich ein Beispiel nehmen könnten? In den romanischen Ländern, in denen die Einschränkungen gravierender waren und möglicherweise auch die ökonomische Rezession schwerer ausfallen wird als bei uns, scheint der Widerstand nicht in diese Richtung zu laufen – auch wenn nicht auszuschließen ist, dass sich Vergleichbares auch dort noch abspielen wird. Aber selbst, wenn es so sein sollte, bleibt die Frage, ob es in dem, was sich anbahnt, etwas gibt, das man ›spezifisch deutsch‹ nennen könnte.

Es ist ein heikler Punkt und ich bin mir auch nicht ganz sicher, aber: Ja. Ich meine, es ist ein die deutsche Geschichte und Kultur der letzten Jahrhunderte prägendes Moment, das nun zutage tritt. Ich meine, es ist ein Rest totalitärer Prägung, der jetzt nach oben drängt und Faulkners Satz belegt, dass das Vergangene „nicht tot, ja nicht einmal vergangen“ sei. Rechte Gruppierungen habe ich dabei zunächst nicht im Blick. Es geht um das Gesamtphänomen: eine Mischung von Untertanengeist und unterdrückter Aggression, die ich als recht deutsch empfinde. Solange sie unter staatliche Kuratel genommen ist, herrscht sozialer Frieden – ein sozialer Frieden, der im Vergleich mit anderen Ländern auffällig leise und geräuschlos ist. Erodiert dieser, kann sie sich auch gegen den Staat richten.

So ähnlich hat es sich in den letzten Wochen und Monaten zugetragen. Zuerst kam der Untertanengeist zu Wort, das reelle Bedürfnis, in all der Unsicherheit von entschlossener Hand regiert zu werden und die Zerstreuung der eigenen Angst denen da oben zu überlassen. Dann, in dem Maße, in dem man sich daran gewöhnte: das Unbehagen, das Zurücktreten der ohnehin nur oberflächlichen Einsicht in die eigene Verantwortung; das Schwinden der Fähigkeit, sich in die bedrohte Existenz des anderen einzufühlen; Wut- und Ohnmachts-Gefühle, die in dem Grade Boden gewinnen, in dem die Angst, sich anzustecken, von ökonomischen Existenzängsten überlagert wird, von der Frage also, ob es je wieder möglich sein wird, Fuß zu fassen und den eigenen Besitz wenigstens zu wahren.

Es ist ein Zusammenprallen von starkem Gemeinschaftsgefühl und einem aggressiv explodierenden Individualismus, der sich Bahn bricht, wenn jenes erodiert; von Über- und Untersozialisierung, so dass als soziale Resultante am Ende nur die flutende, wüst feiernde Masse der Egoitäten bleibt, die alle politischen Differenzen tilgt und im Extrem Partypeople, Reichsbürger und Esoterikerinnen eint.

Diese Ruptur, diese harte Folge von Gegensätzen hat die jüngere deutsche Geschichte zweimal gesehen. 1945 und 1989. In beiden Fällen der Zusammenbruch eines autoritären Systems, das nicht nur durch direkte Unterdrückung herrschte, sondern dadurch, dass es die Individuen auf Gemeinschaft verpflichtete: das, was sie eigentlich und in Wahrheit ausmachen sollte. In der DDR war es die Fortsetzung des NS-Modells in einer politisch anderen und harmloseren Form; in der alten BRD die Freisetzung eines schuldgetriebenen und wütenden Individualismus, der solange gesellschaftlich balanciert werden konnte, solange die freigesetzte Aggression sich ökonomisch produktiv, und mit den entsprechenden Konsumprämien versehen, austoben konnte. In Ostdeutschland nach 1989 dann das brutale – und vor allem: erfolglose – Nachholen dieses Prozesses.

Jetzt sieht es nach einer Wirtschaftsdämmerung aus. Mit der ökonomischen Bindung der Energie verschwindet aber auch die gesellschaftliche. Dann ist kein Halten mehr, und es sieht so aus, dass wir im Moment mit einem solchen Freisetzung unterdrückter Aggressionen konfrontiert sind, die durch die Corona-Proteste bloß kanalisiert werden.

Erfahrungsdifferenzen

Die zweite Frage lautet: Was tun? Wie damit umgehen? Wie miteinander reden? Denn wir müssen dies tun, um den antidemokratischen Konsens zu umgehen, der in allen politischen Lagern um sich greift. Also: wie können wir es vermeiden, die Kommunikation zu all denen abzubrechen, die anders sind als wir?

Vielleicht wäre es gut, wenn wir lernen würden, die Verschiedenheit von Ansichten erst einmal als etwas zu Bejahendes zu empfinden; und zwar auch und gerade dann, wenn ich die Meinung eines / einer Andersdenkenden eigentlich unsäglich finde. Das, was Dewey »Demokratie als Lebensform« nannte, hat in dieser grundsätzlichen Bejahung des Verschiedenen seine Grundlage. Das heißt, wenn ich erfahre, dass mein Vereinskollege in Tischtennisclub zu den Coronaleugnern gehört und die Mutter der besten Freundin meiner Tochter die Straße zum Flüchtlingsheim blockiert und AfD wählt, dann sollte mich, so schwer es mir fällt, das weniger abschrecken, sondern erst einmal interessieren und neugierig machen.

Zur Voraussetzung hat das freilich, dass ich von der Idee Abschied nehme, sie oder ihn überzeugen zu wollen. Wie denn auch? Die meisten Überzeugungen sind doch gar nicht rational begründet; wie sollte man sie mit rationalen Mitteln ändern können? Das heißt nicht, dass man die Kultur rationaler Argumentation nicht pflegen sollte. Es heißt nur, dass man sie nicht überschätzen und sich nicht darüber wundern sollte, wenn sie in All­tags­auseinandersetzungen ständig an ihre Grenzen stößt, bzw. gar nicht relevant zu sein scheint.

Es geht also nicht darum, zu überzeugen und jemanden anderes zu meiner Meinung zu bekehren. Es geht um die selbstverständliche Annahme der Möglichkeit, dass eine halbwegs gelingende Kommunikation zwischen Verschiedenen der demokratischen Kultur insgesamt einen größeren Dienst leistet als die erfolgreiche Überzeugung eines Anderen von meinen – natürlich richtigen – Ansichten. Demokratie ist halt nur ein modus operandi, nicht die Herrschaft der Wahrheit.

Durch diesen Verzicht, diese pragmatische epochē, diese Urteilsenthaltung könnte es zugleich möglich sein, unsere Aufmerksamkeit doch auf etwas Gemeinsames, uns Verbindendes zu lenken. Es sind die Erfahrungen, die unseren Ansichten zugrundeliegen, die Gefühle, die von ihnen zurückbleiben. Sie sind nie identisch, jedoch nur sehr selten in einem Gegensatz, der ausschließend wäre und eine Kommunikation darüber unmöglich machte. Was ich und mein alter Schulfreund, der morgen zur Anti-Corona-Demo nach Berlin aufbrechen wird, empfinden, ist nicht identisch. Aber es ähnelt sich doch in vieler Hinsicht und kann miteinander kommunizieren.

Ich selbst habe in den letzten Monaten Phasen schlimmer Einsamkeit gehabt, Enttäuschungen erfahren und war manchmal voller Wut darüber, dass mir die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen das bisschen Sozialität versauen, auf das ich Anspruch zu haben glaube. Mein alter Schulfreund wiederum ist seit einigen Jahren allein. Er hat viel Zeit an den Wochenenden und in den Ferien in Berlin verbracht, um dort Tango zu tanzen; er kann das wunderbar und hat diesen gemeinsamen Rhythmus vieler Körper und die hochstilisierte Kultur einer bestimmten erotischen Kommunikation in den letzten Jahren unendlich genossen. All das ist nun vorbei, womöglich für sehr lange Zeit, viele Tangoclubs werden eingehen, er ist wütend darüber und im Grunde verzweifelt.

Ich denke, wir können uns darüber unterhalten. Unsere Erfahrungen überschneiden sich in einigen Punkten; damit müssen wir arbeiten, indem für uns der Rationalisierungen unseres Gefühls erst mal enthalten. Sie bringen nichts und geben uns, wenn wir miteinander telefonieren, immer das Gefühl, in einer Art Öffentlichkeit zu kommunizieren – einer Halb-Öffentlichkeit, von der wir uns beobachtet fühlen, die von uns den Austausch von Argumenten fordert, und dann am Ende darüber entscheidet, wer gewonnen hat. Natürlich: Rationalität ist ein öffentliches Gut; Dinge lassen sich durch sie mit dem Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit formulieren. Aber sie ist nicht das einzige. Und sie tendiert dahin, andere Formen mit ähnlichem Verbindlichkeitsanspruch wegzudrängen, die nicht am Gegensatz von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ orientiert sind.

Deswegen sollten wir diese Schicht erst mal abtragen. Darunter hören wir nicht auf, gesellschaftliche Wesen zu sein. Dort aber sind nicht Identität und Gegensatz, Kampf und Sieg die entscheidenden Beziehungsbegriffe, sondern Differenz und Wiederholung, Ähnlichkeit und Varianz, die uns voneinander trennen, indem sie uns verbinden, und uns miteinander verbinden, indem sie uns trennen. Denn so sind die Erfahrungen, die Gefühle und erst, wenn wir uns dazu entschließen, sie möglichst genau zu beschreiben und auch dafür eine Art Öffentlichkeit zu finden, haben wir keine Angst mehr voreinander, keine Angst mehr vor der Vermischung und den fließenden Grenzen, die uns über die Gefühle verbinden und die Beziehungen der Menschen zueinander organisieren, auch dann, wenn ihre Meinungen sich total widersprechen.

*

Danach

Zahlen

Das an dieser Demonstration Auffälligste sind die Zahlen. Die Polizei spricht nun von 20.000, die Organisatoren von 1,3 Millionen. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Angaben der Veranstalter und der staatlichen Organe jemals soweit auseinandergelegen hätten – so, als hätten nun, nach ein paar Monaten mit Corona, in denen das Vorlesen von Zahlenkolonnen unser täglich Brot wurde, alle kapiert, was sich damit anstellen lässt. Die blendende, niederschmetternde, magisch-metaphysische Macht von Zahlen ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist nicht neu; der von Robert Musil hellsichtig beschriebene Wechsel des Wirklichkeitsparadigmas von der Erzählung zur Statistik ist ein Kind des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Aber schlimmer geht’s immer, und es ist gut möglich, dass uns Corona dazu verholfen hat, innerhalb dieses Paradigmas noch einen Sprung zu tun.

Das Fesselnde an diesen Verlautbarungen ist, dass beide Seiten an einer Verifikation nicht sonderlich interessiert zu sein scheinen. Es gibt ja Luftbilder – ein paar davon kursieren im Netz, die die Situation aus der Luft beobachtende Polizei dürfte über mehr Material verfügen. Es gibt Algorithmen, mit denen man aus ihnen zu realistischen Schätzungen gelangt. Aber wenn die Bilder, die wir haben, nicht gefälscht sind, wäre die von der Polizei ausgegebene Zahl eher zu niedrig. Eine sechsstellige Teilnehmerzahl ist schon möglich, und zwar nicht bloß von dem her, was ich da sehe, sondern auch auf der Basis dessen, was ich im Vorfeld erwartet habe.

Allerdings nehme ich an, dass sich die Angaben der Polizei zumindest sehr viel näher an den wirklichen Zahlen befinden als die der Veranstalter. Nicht weil ich der Polizei besonders trauen würde, sondern weil ich den Veranstaltern besonders misstraue. Einen politischen Willen, der in verschiedenen Abstufungen und Schattierungen die Leugnung der Wirklichkeit auf die Tagesordnung gesetzt hat, traue ich den überschwänglichen Umgang mit der selbst geschaffenen Wirklichkeit mehr zu als der Polizei den unterschwänglichen. Es will mir scheinen, dass auf der einen Seite mehr pathologisches Potenzial zu finden ist als auf der anderen – selbst wenn man die Polizei hier nicht isoliert betrachtet, sondern im Verbund mit der Politik und ihren Entscheidungsträgern. Auch hier gibt es Interessen: die Zahlen herunterrechnen; alles nicht so wild; und der Kritik an den Berliner Behörden, wie sie denn in Gottes Namen die Demonstrationen überhaupt genehmigen konnten, ist etwas von ihrer Schärfe genommen. Aber die Interessen scheinen mir weniger ins Gewicht zu fallen als der Irrsinn. Die Wahrheit läge also wieder mal in der Mitte, jedoch scharf asymmetrisch; sie ist vermutlich viel niedriger als das arithmetische Mittel von 20.000 und 1.300.000.

Das Interessante ist dabei aber die Bedeutung, die den Zahlen grundsätzlich beigemessen wird. Wer die meisten Menschen auf seine Seite bringen kann, hat recht. Das ist demokratische Tradition. Aber gerade im Blick auf die deutsche Geschichte sollte man sich bewusst sein, dass Schillers mürrisch-elitäres »Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen« angesichts einer in weiten Teilen willigen Selbstpreisgabe der Massen an den Totalitarismus auch ein gewisses Gewicht hat. Nicht in jedem Fall hat die Mehrheit recht, jedenfalls nicht, weil sie die Mehrheit ist, und wenn ich ihr mit Gründen widersprechen zu müssen glaube, so sollte ich das tun. Auch das ist Demokratie, und die Demonstranten reklamieren es für sich. Sie sind ja die Minderheit, die sich gegen die von Politik, Wissenschaft und Medien dumm gemachte Mehrheit empört. Eigentlich aber, das läuft unterschlägig mit, repräsentieren sie trotzdem die Mehrheit, die schweigende Mehrheit nämlich, die sich nicht traut, aufzubegehren, eine Millionen, vielleicht Milliarden zählende unsichtbare Masse, die hinter all denen stehen soll, die sich in Berlin versammelt haben. Deswegen die unerhörte Zahl von 1,3 Millionen: sie ist vor allem eine phantasmatische Zahl; eine Zahl, die einen Seelenzustand ausdrückt, in den sich Wunsch und reale Größenphantasie miteinander verbunden haben.

Auf der libidinösen Ebene hat vielleicht auch der Fotovergleich mit den im Netz zirkulierenden Luftbildern von der Loveparade 1999 und 2001, auf die ich gestern Nacht immer wieder stieß, seinen Platz. Der Wunsch, der hinter der fantastisch aufgebauschten Zahl steht, könnte kein anderer als der nach einer erotischen Massenvereinigung sein, für die die Parade jahrelang stand. Es ist unter anderem die systematische Unterdrückung einer libidinös grundierten Gemeinschaftserfahrung, die die Menschen auf die Straße bringt. Wie immer geht es um Sex: irgendwie, in massenhaft verdünnter und gesellschaftlich halbwegs erlaubter Form. Wir alle sind Massenwesen, in unterschiedlicher Weise und mit sehr unterschiedlicher Akzentsetzung. Und das, was uns als Massenwesen, als Massenkörper, zusammenhält, hat eine erotische Komponente. Die kommt nun zu ihrem Recht, wenn sich 20.000 bis 1,3 Millionen Menschen versammeln, um gegen eine Krankheit zu protestieren, die leider genau dies zum Problem macht.

Dummheit

So lautet der Vorwurf, den ich gestern in unzähligen Twitternachrichten und Facebookposts gelesen habe –: von ›unserer Seite‹, der Seite der Vernunft also, die wiederum von den Anderen als verirrtes Untertanenstimmvieh eines sich etablierenden Totalitarismus bezeichnet wird. Aber dieses ganze »Herr, lass Hirn vom Himmel regnen« hat, tut mir leid, was Beschwörendes, ja Kindisches. Es ist der Wunschtraum eines intellektuellen Menschenbildes, dass die Klugen, weil sie klug sind, sich automatisch auf der richtigen Seite befinden. Aber so ist es ja nicht und so war es nicht. Zu viele Intellektuelle haben immer wieder die Beine breit gemacht, wenn sich ihnen die politische Autorität nahte; das lehrt nicht nur die jüngere deutsche Geschichte. Und wer in den Widerstand ging? Das waren und sind nach meinem Eindruck eher Menschen, die, wie man sagt, das Herz auf dem rechten Fleck haben, die Unrecht nicht oder nur schwer dulden können, die nicht so zum Selbstbetrug neigen und mit, warum auch immer, Mut ausgestattet sind. Das klingt sehr schlicht, genügt aber für das, was ich sagen will: dass es nämlich eher eine bestimmte psychische Disposition, eher ein bestimmtes Realitätsverhältnis ist, das jemanden im Ernstfall dazu befähigt, sich auf die richtige Seite zu stellen – also auf die Seite der Gerechtigkeit und der Empathie. Es ist keine Frage des Intelligenzquotienten.

Was also wird in dieser beschwörenden Weise vom Tisch gewischt? Was wird abgewehrt, wenn man die Gegner als dumm bezeichnet und ihr Verhalten aus Dummheit erklärt? Ich meine wieder, es soll verdecken, wie fein die Unterschiede sind. Ich habe vorgestern von meinem Schulfreund erzählt (von dem ich seither nichts gehört habe); und das, was hier gilt, gilt irgendwie auch allgemein. Meine Bedürfnisse sind nicht soviel anders als die meiner Gegner; aus einer Reihe von Gründen, unter denen der Verstand als intellektuelles Vermögen nur eine geringe Rolle spielt, stehe ich auf der einen, sie stehen auf der anderen Seite.

Die Angst, ich könnte irgendwann einmal, überwältigt von den Wünschen und Sehnsüchten, die uns miteinander verbinden, dahin kommen, die Seiten zu wechseln, treibt mich an; die Dummheit, die ich meinen Gegnern zuschreibe, ist eine Selbstbehauptungsformel, die mich davor schützen soll, so zu werden wie sie. Es ist das Wachs, das ich mir vor ihren Sirenengesängen in die Ohren stopfe. Liest man die Zeugnisse von ehemaligen Linken, die zur nationalen Rechten konvertiert sind, so ist ein Gemeinsames die verblüffte Erleichterung darüber, das bloße Vernünfteln, das abstrakt rationalistische Weltbild all derjenigen, denen man sich früher zugehörig fühlte, abgeschüttelt zu haben und nun eins geworden zu sein mit den eigenen, vorgeblich natürlichen Bedürfnissen, etwa nach Heimat und nationalkultureller Identität.

Ich denke ja auch: das ist der einfachere, gangbarere Weg, das komplizierte Gattungsbewusstsein, dass diese unendlich diverse, von zahllosen Konflikten geäderte Menschheit zur Grundlage hat, abzuschütteln und sich auf homogenere Formen der Gemeinschaft zu stützen. Wenn man die anspruchsvolle Solidarität mit der ganzen Menschheit will, ohne dass es zur reinen Luftnummer wird, ist es nötig, sich der Bedürfnisse zu vergewissern, die dem in einem selbst entgegenstehen und zur Homogenisierung der eigenen Lebenswelt drängen. Denn die, seid gewiss, gibt es auch auf ‚unserer‘ Seite. Es ist ja gerade das, was uns von ‚denen‘ immer wieder vorgehalten wird: Einschluss in der Blase einer bestimmten Klasse, eine Schicht, eines Soziotops und ihrer Wertvorstellungen. Es ist nicht verkehrt, sich das von ‚denen‘ sagen zu lassen. Auch sie sind ja Menschheit.

Nazis raus

»Nazis raus!« schreien die einen. Die anderen auch. Man sollte keiner Seite vorab das Recht absprechen, dies aus ehrlichem Empfinden heraus getan zu haben. ›Wir‹ blicken auf die rechten Gruppierungen und Netzwerke, die zur Demo aufgerufen und sich daran beteiligt haben: NPD, Compact, QAnon. Gesichtet wurden schwarz-rot-weiße Flaggen und antisemitische T-Shirts. ›Sie‹ werfen uns vor, den monatelangem Durchmarsch der Exekutive einfach hinzunehmen und die Einschränkung demokratischer Freiheiten aus nichtigem Anlass zu akzeptieren. Die meisten Demonstrationsteilnehmer/innen betrachten das, was sie tun, als demokratischen Widerstand gegen einen neu aufkeimenden Totalitarismus, als dessen Urheber sie dann, wenn sie einen Urheber suchen, Merkel, Bill Gates oder eine jüdische Weltverschwörung ausmachen. Denen den autoritären Nationalstaat entgegen zu setzen, heißt sicherlich, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Dass die Lösung verkehrt ist, muss jedoch nicht heißen, dass die Diagnose es ist. Das heißt, sie ist – nach meiner Meinung – weitgehend verkehrt, aber nicht ganz. Was haben Merkel, Bill Gates und die Juden gemeinsam? Sie sind oder gelten als Verkörperung des Kapitals – der weitgehend unsichtbaren Kapitalmacht, die die Welt beherrscht und wahrscheinlich über kurz oder lang die Menschheit samt einer sehr großen Zahl von Mitlebewesen in den evolutionären Abgrund reißen wird. Diese unsichtbare Macht ist der wahre Feind; und da wir alle tagtäglich in die verstrickt sind, als Nutznießer und / oder Geschädigte, können wir uns ihr nicht einfach entgegenstellen; ihre Kontraktion in einem identifizierbaren Gegner ist deswegen psychodynamisch plausibel.

Es ist letztlich ein Sündenbockschema. Dass die Schuldigen aber tendenziell bei ›denen da oben‹ gesucht werden, finde ich geringfügig sympathischer als in dem Fall der vergangenen Jahre, in denen es sich über den armen Schweinen entladen hat, die ohnehin schon als Opfer eines globalen Unrechtssystems zu uns kamen: den Geflüchteten. Nein: Bill Gates ist kein Urheber des Unheils, aber Proponent und Nutznießer einer Verwertungslogik, du die sich um Gerechtigkeit und Menschenleben nicht schert und in den kommenden Jahren das Feld der Biopolitik noch einmal neu für sich entdecken und bespielen könnte.

Ich mag den rechten Antikapitalismus wirklich nicht. Aber ich zolle ihm eine gewisse Anerkennung. Die Systemfrage wird hier gestellt; angesichts dessen flüchtet sich die Linke entweder in esoterische Konventikelbildung oder in die Verteidigung des Bestehenden. Es gibt keinen linken Antikapitalismus mehr, der eine dem rechten vergleichbare Massenbasis aufzuweisen hätte. Der Hauptgrund dafür scheint mir zu sein, dass die Idee eines Menschheitsfortschritts so dramatisch an Boden verloren hat, dass kaum noch jemand so recht dran glaubt. Nationale oder regionale Alternativen zum kapitalistischen Gesellschaftssystem empfehlen sich darum.

Wie man’s macht, macht man’s also verkehrt, und auf allen Seiten ist das Richtige und das Falsche kunterbunt gemischt. Der Schlachtruf »Nazis raus«, der zur kleinen Münze der politischer Rhetorik geworden ist, trifft nicht. Oder anders: er trifft nur ein winziges Stückchen der Wirklichkeit. Aber immerhin: er trifft all das in mir, in uns, die wir auf beiden Seiten stehen: Mitläufertum, Autoritätshörigkeit, die Sehnsucht, sich abzugrenzen, in homogene Gruppen zu flüchten und vielleicht sogar zu einer ›Bewegung‹ zu gehören, die uns überflutet und mit sich reißt. Sie sind in uns, die wir auf beiden Seiten stehen, asymmetrisch und ungleich verteilt, aber dennoch. »Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber«, schreibt Heiner Müller. Er hat mal wieder recht.

Wolfram Ette

Corona 62: Alles auf einmal

I

Gespräch über den Virus mit einem kreolischen Bauarbeiter, der wissen will, woher wir kommen. „Meine Frau ist Deutsche“, sagt Duccio. Und dann will er noch etwas sagen über sich, den Italiener, und über den Coronavirus in Deutschland und die Art dort, mit ihm umzugehen. Doch der Mann unterbricht: „Aus Deutschland? Dann ist sie also aus Paris?“ „Nein“, antwortet Duccio, „die Hauptstadt von Deutschland heißt Berlin.“ „Ah, Berlin, ich dachte, es wäre Paris.“ Dann geht das Gespräch noch ein wenig weiter, über den Virus hier und den Virus da, aber Duccio berichtet mir, er sei ganz gefangen und abgelenkt gewesen von der Frage, wie man den Virus IN DER WELT wohl wahrnimmt, wenn man als Franzose nicht weiß, dass Paris die Hauptstadt des eigenen Landes ist. Aber der Bauarbeiter weiß vielleicht ganz gut, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, nur fiel ihm, um herauszubekommen, was denn wohl dieses Deutschland sei, nur ein einziger Städtename ein, um das Fremde zu kennzeichnen, und das war nun einmal die Stadt Paris. Das heißt, wenn es denn stimmt, was man, hilflos gemacht, vermutet, dass für ihn Paris ein sehr umfassender Begriff ist, etwas, was ganz viel in sich verdichtet, nämlich das Unbekannte an sich. Oder er weiß wirklich nicht, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, und das würde bedeuten, dass er zwar sein eigenes Lebensumfeld und seine eigene Arbeit sehr wohl und sehr konkret kennt, „WELT“ über die kleine Insel hinaus aber etwas ganz und gar Unbestimmtes, Konturloses bleibt. Das würde wiederum bedeuten, dass Anweisungen, die aus dem fernen Paris zur Bekämpfung der Pandemie bis in seinen Alltag dringen, auch als etwas ganz Fernes erscheinen müssen. Müssen? Alles ist Spekulation. Und eigentlich legt das kurze Gespräch über den Virus, das ich noch nicht einmal selbst geführt, sondern nur, als Kuriosum, aus zweiter Hand erfahren habe, nur eines frei: dass es nämlich, wenn man weiß, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich und Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist, schier unmöglich ist, sich vorzustellen, wie WELT sich ausnimmt, wenn man dies nicht weiß. Und auch der Gedanke, dass der Bauarbeiter vielleicht – vielleicht – nur das Gespräch in Gang hatte halten wollen, höflich und mit freundlicher Neugier auf uns – in Gang halten, sage ich, indem er die Stadt Paris ins Spiel brachte, bewegt mich. Ist es so, dass er Interesse für uns, die Fremden, demonstrieren wollte, indem er den Namen nannte, der ihm vertraut UND fremd ist – eben Paris? Duccio indes ist betrübt darüber, mir berichtet zu haben, was er soeben erlebt hat. Es ist dieses Gespräch von so abgrundtiefer Fremdheit und gleichzeitig von so anrührender Nähe, dass man eigentlich gar nichts erklären wollen dürfte. Es ist, als würde man das Welt-Bild entwerten, indem man davon spricht und es analysiert. Es ist, wie es ist. „Aus Deutschland? Dann ist sie also aus Paris?“

II

Beim Orthopisten. Masken auf beiden Seiten, denn man ist sich körperlich nah, notgedrungen. Er fürchte die obligatorische Impfung, sagt der Mann. Es sei doch bekannt, wie schnell der Virus mutiere. Kaum habe man den Impfstoff für die eine Form von Corona, sei schon die nächste da. Man müsse eben lernen, mit der Krankheit zu leben. Und dann, weil offenbar auf meiner Seite eine gewisse Skepsis seiner Interpretation gegenüber zu spüren ist – eine Skepsis aber, die, wie ich ihm, verborgen hinter meiner Maske und aus ihr heraustretend, gern sagen würde, ganz unsicher ist, denn in Wirklichkeit weiß ich gar nichts über die Schnelligkeit, mit der der Virus mutiert –, fügt er noch hinzu, man unterscheide ja einen französischen Coronavirus vom deutschen vom italienischen usw. Wenn ich zunächst auch unsicher war, jetzt erinnere ich mich wieder: Ich bin Deutsche, er ist Franzose, mein Mann Italiener, meine Kinder alles auf einmal, und gewiss will er nicht sagen, dass ich, dadurch dass ich Deutsche bin, jetzt einen anderen Virus einzuschleppen drohe, den Meinen eben, der mit seinem – dem französischen – nicht vergleichbar sei. Das will er nicht sagen, und ich muss ihm also nicht widersprechen. Aber es verwirrt mich doch, dass ich auch hier so gar nicht Bescheid weiß. Es mag sein, dass sich der Virus auf den verschiedenen Kontinenten auf unterschiedliche Weise entwickelt. Auch hier müsste man die Epidemiologen befragen. Aber eines ist bei allen offenen Fragen klar: Meine Kinder, die ‚alles auf einmal‘ sind, geben das Muster ab für das, was wir alle sind. Wir sind alle alles auf einmal und darin gleich, keine Grenze kann gezogen werden, die Zuweisung nationalstaatlicher Begriffe geht am eigentlichen Charakter des Virus vorbei und damit man selbst an sich selbst. Der kreolische Bauarbeiter, der meinte, ich, als Deutsche, käme aus einem Land, dessen Hauptstadt Paris ist, hatte recht: Die Konfusion seiner privaten Geographie trifft die Realität. Berlin ist Paris und umgekehrt, als Deutsche muss ich mich als Französin und Italienerin und überhaupt Weltbürgerin verstehen, denn die Pandemie zwingt mich dazu. Oder eröffnet sie mir diese Chance? Auch hier kann man Zweifel haben. Die Länder reagieren, jedes für sich allein, jedes mit Hilfe der Institutionen, die es zur Verfügung hat. Und so tritt in den Hintergrund, dass die Maßnahmen zwar national sein mögen, der Virus aber nicht. Man fürchtet den Anderen, den Reisenden, den Weltbürger, der sich über die Grenzen hinweg begibt. Und man hat nicht Unrecht mit dieser Angst. Aber der Virus ist – darin wie wir, sich angleichend an uns – „alles auf einmal“, ist das Grenzenlos-Unbestimmte und darin zugleich das, was unser aller Bestimmung ist, wenn wir uns alle nicht als „alles auf einmal“ zu sehen vermögen.

Anne Peiter, Réunion

 

Corona 56: Händewaschen / Logik der Ansteckung

Alexander Kluge, Triptychon Händewaschen

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
© Alexander Kluge, Kairos Film


Unterhalb der sauberen Ordnung der Begriffe, die jedem Ding seinen Platz in der Ordnung des Seins zuweist, unterhalb der klassifikatorische Rationalität, die die Welt vor sich aufreiht wie eine Militärschwadron, gibt es eine zweite Art und Weise, in der die Dinge miteinander zusammenhängen. Es ist eine Logik der physischen Berührung, eine Logik der Ansteckung. Eine poetische Logik, eine Logik des Unbewussten und des Triebs. In den Künsten war sie seit je zuhause. Die freie Assoziation in der psychoanalytischen Therapie war ihre erste wissenschaftliche Bühne: ein ›Irrationales‹, das der Aufklärer Freud in die Vernunft integrieren wollte. Dann das Denken der französischen Postmoderne: es kreist um diese Logik. Deleuzes und Guattaris Wunschmaschinen, das Rhizom, die Jacques Derridas différance als Produktionsprinzip von Differenzen – es sind Formen des Zusammenhangs, die das identifizierende Denken, den begrifflichen Zusammenhang der Phänomene unterwandern und sich von ihm nicht oder nur sehr schwer beherrschen lassen.

Platons Verbannung der Kunst aus seinem Idealstaat hat den Grund, dass sich ihre Wirkung mimetisch und kontagiös verbreitet. Die Affekte, die vor allem durch die Tragödien aufgerührt werden, folgen einer anderen Logik der Weitergabe als Begriffe und Ideen. Aus der Sicht eines Philosophen, der einen rationalen, von oben kommandierten Staat zu entwerfen wünscht, stellt das eine gefährliche Gegenmacht dar.

Als Gegenmacht zur gesellschaftlichen Rationalität sind Epidemien bei Michael Foucault Schlüsselphänomene, an denen das zumeist Unsichtbare zutage tritt. Er nennt das episteme. Das ist die Basisformatierung, man könnte sagen, die Programmiersprache, durch die in bestimmten Epochen Welt geschrieben wird. An ihr lassen sich die Grundprinzipien ablesen, nach denen in einer Gesellschaft Herrschaft ausgeübt wird. Foucault unterscheidet Lepra, Pest und Pocken als drei Stationen solcher Herrschaft. Die Herrschafts-Worte, die sie aufrufen, lauten: Ausschluss, Disziplinierung und Messung. Die Leprakranken wurden ausgeschlossen, vor die Tore der Kommune verbannt; die Pestkranken wurden durch Einschluss diszipliniert; die an Pocken Erkrankten wurden auch isoliert, vor allem aber statistisch erfasst. In dem Prozess geht es nicht um ein Mehr oder Weniger von Kontrolle – das sind geschichtsphilosophische Wertungen, von denen sich der deskriptiv verfahrende Historiker frei halten möchte –, sondern um ihre Verschiebung, die Verlagerung ihres Interesses und ihrer Mittel.

Am Ziel der Kontrolle aber ändert sich nichts. Auch jetzt nicht. Es mag schon sein, dass die Politiker, wenn sie davon geredet haben, dass der Schutz des Menschenlebens an oberster Stelle steht, selbst daran geglaubt haben. Aber es stimmt nicht. Man mag es den Repräsentanten, die ja nicht nur Charaktermasken sind, abnehmen, aber sicher nicht einem Staat, der jeden Monat 250 Verkehrstote in Kauf nimmt und keinerlei Anstrengungen unternimmt, die Zahl von über 30.000 Menschen zu senken, die jedes Jahr in Deutschland an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. Die Maßnahmen, die in den letzten Wochen getroffen wurden, hatten zum Ziel, eine Situation unter Kontrolle zur behalten, die außer Kontrolle zu geraten drohte. Inbegriff dieses Kontrollverlusts war die ›exponentielle‹ Kurve, die anzeigt, dass da was wild vor sich hin wächst und sich der Planung von oben entzieht.

Alexander Kluges Triptychon zum Händewaschen dreht den Spieß um. Umfassende Hygiene soll die Ansteckung, den so gefährlichen Kontakt zwischen Körper und Körper, das mimetische Wuchern zweiten Lebens unterhalb des von oben verordneten Lebens, verhindern. Das bekommen wir in den drei Teilfilmen zu sehen. Aber Kluge übertreibt es. Das Händewaschen, das auf dem Sockelfilm des Triptychons zu sehen ist, dauert um einiges zu lang. Die Bewegung der Hände verselbständigt sich, löst sich ab vom Gedanken der Hygiene, wird zu einem Tanz unter laufendem Wasser. Man verfolgt das Spiel der sich ineinander schiebenden, sich stumpf miteinander verwebenden Finger, der abknickenden Handgelenke. Es wird fremd und damit schön. Auf dem linken Teil des Triptychons sieht man Hände im UV-Licht. Gezeigt werden unterschiedliche Grade von Sauberkeit. Der Schmutz erscheint hell, das Saubere dunkel: auch dies eine Verfremdung, die unseren Sinn dem Schönen zukehrt. Männer in Schutzanzügen desinfizieren Flächen wie in einem SF-Film, sie kappen die Verbindungen, die Wege der Ansteckung. Die poetische Ansteckung, die von diesen Bildern ausgeht, können sie nicht hindern.

Wolfram Ette

Corona 44: Das Diktat

Ein Film von Lavinia Chianello und Tom Creus über Lesen, Schreiben, Disziplin, Traum und Film.

Was für ein bemerkenswerter Film in den Zeiten der digitalen Lehre und des Lernens zuhause! Zeiten, in denen man sich fast schon nach Disziplin und Unterdrückung zurücksehnt, weil sie wenigstens mit körperlicher Präsenz verbunden waren. Jetzt sind – das ist meine Erfahrung der letzten Wochen – praktisch alle Formen einer nicht schriftbasierten Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern blockiert: es gibt keine Telefonsprechstunde, praktisch keine Videokonferenzen, keine Messenger-Kontakte zwischen Schülerinnen und Lehrerinnen. Das wird nicht nur einen Teil der Schüler aus diesem Schuljahr rauskegeln, sondern ihnen das letzte Bisschen Spaß an der Schule, den sie hatten, verderben. Träumer haben jedenfalls keine Chance. Doch wie war es früher?

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Wir sehen ein Klassenzimmer, wie es auch die älteren unter uns nicht mehr kennen. Ordentlich aufgereiht, in Uniform, sitzen die Schüler an ihren Pulten und nehmen ein Diktat auf. Es geht um den Frosch. Die Lehrerin hat einen Frosch an die Tafel gemalt, mit Pfeilen, die seine Verwandlungsstufen bezeichnen, daneben wohl die dazugehörigen Fachbegriffe. Alles atmet Strenge, Schweigen, Disziplin.

Doch einer der Schüler träumt. Er blickt immer wieder den Frosch an der Tafel an. Die Kamera geht zwischen seinen Augen und den gezeichneten Augen des Froschs hin und her. Eine Beziehung entsteht, die beiden – der eine eine Puppe aus Holz, Knete und Farbe, der andere eine hingeworfene Tafelskizze – blicken einander an.

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Verwandlung. Der Junge sitzt noch immer an seinem Pult. Aber es ist dunkel und wir hören das Quaken von Fröschen. Der Frosch ist lebendig geworden, das Grün der Tafel ist nun sein Grün geworden, das satte Grün seiner feuchten Haut. Wieder gehen die Blicke zwischen ihm und dem Jungen hin und her. Dann eine Schlange, eine Klapperschlange, die auf den ängstlich werdenden Jungen zukriecht –

– und ihr Klappern geht über das Schrillen der Schulglocke. Wieder das Klassenzimmer. Die Lehrerin wandert bedrohlich von Pult zu Pult. In der letzten Reihe bleibt sie stehen und mustert das Aufgeschriebene eines Schülers, der ängstlich zu ihr aufblickt. Unerbittlich ihr »Nein«, das langsame und unwiderrufliche Kopfschütteln, mit dem sie ihm signalisiert, dass das nicht genüge.

Da bekommt es der Junge, der vorher träumte, erst recht mit der Angst zu tun. Es ist die Angst vor der Klapperschlange, nun Teil seines wirklichen Lebens als Schüler. Er greift zu den Blättern seines Nachbarn, in der Hoffnung, dort das richtige Diktat zu finden. Aber auch hier – dasselbe wie bei ihm; oder jedenfalls etwas Ähnliches: All die Blätter, die er ängstlich zu sich herüberholt, zeigen Zeichnungen. Es sind der Frosch, die Lehrerin, ein Zauberer – sie alle in lustiger Entstellung. Es sind die naiven Karikaturen, die die Schülerinnen und Schüler aller Epochen in ihre Hefte malen, um die Langeweile zu vertreiben und dem Ärger über die Lehrer, vielleicht über andere Schüler oder über die gesamte Unterrichts-Situation eine Form zu geben.

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Das letzte Blatt enthält das Diktat. Es ist eine exakte Kopie seines eigenen, das am Ende der ersten Zeile mit einem langen Tintenstrich nach unten abriss. Der andere, so erfährt er in diesem Moment, ist wie er selbst; und man fragt sich in diesem Moment, ob es in diesem Klassenzimmer unter diesen so brav wirkenden Schülern viele gab, die dem dem Diktat folgen konnten.

Aber es trifft nur einen einzigen. Diesen einzigen In der nächsten Einstellung sehen wir einen leeren Stuhl. Der Junge ist jetzt hinter der Tafel – das ist wohl der Strafplatz – er hat die übergroßen, wie ein Kardinalshut aussehenden Eselsohren auf dem Kopf, durch den damals die Schüler, die nicht gehorchten, gezeichnet wurde. Es sieht lächerlich aus; und doch erhöht es ihn auf eine wunderliche Weise.

Mit verdrossenem Gesicht malt die Lehrerin ein weiteres Tafelbild. Es zeigt einen Jungen mit Eselsmütze – es ist eben der Junge, der hinter der Tafel kauert und das nicht sieht: sein allgemeines Bild, sein Symbol –, dann eine zweite Person, die einen Mann mit vielfach geflicktem Rock zeigt. Beide verbindet ein Pfeil und die Botschaft ist klar: wer in der Schule nicht aufpasst, wird fallen bis auf den Grund, er wird Bettler werden und sein Rock wird Flicken tragen.

Dann das nächste Tafelbild: es zeigt den guten Schüler, aus dem ein wohl situierter Bürger wird, dessen obrigkeitsstaatliche Gesinnung sich an der grüßend erhobenen – militärisch grüßenden – Hand zeigt. Ja. Das ist die Erfolgsgeschichte, deren Notwendigkeit die Lehrerin ihren Schülern einhämmern möchte.

Das wiederum ist nicht vergangen. Was machen Lehrer/innen heute, deren Möglichkeit zur Bestrafung ihrer Schüler eingeschränkt wurden? Sie drohen ihnen, dass, wenn sie die Schule – diesen Schultyp – nicht schaffen, ihnen der Weg nach oben versperrt sei. Aus die Maus; sie würden zwar nicht geradewegs zum Bettler werden, aber der Weg dorthin, wo sichs einträglich leben lässt, der sei dann versperrt; und möglicherweise drohten dann doch Arbeitslosigkeit und Armut. Auf dieser Klaviatur wird gespielt, weil es praktisch die einzige ist. Auf der Klaviatur der Angst – die vielleicht jetzt, wenn so manche Schülerin und so mancher Schüler vor dem Gebirge unerledigter Aufgaben verzagt, die sich auf dem Handy angesammelt haben, wieder schriller in den Ohren tönt.

Zurück zum Film von Chianello / Creus: Die Blicke der Schüler gehen zur Wand. Drei Bilder hängen dort. Das erste zeigt einen Militär, das zweite einen reichen Bürger – beide vom alten Schlage und derselben fernen Epoche entstammend wie das Klassenzimmer, die Schüler und die Lehrerin. Es sind die Erfolgstypen, die Schutzpatrone dieser Schule und dieses Schulsystems. – Das dritte Bild …

Doch bevor wir uns dem dritten Bild zuwenden, müssen wir eine Zwischenfrage stellen. Warum findet all das stumm statt? Warum redet die Lehrerin nicht mit den Schülern und schärft ihnen ein, was aus solchem Betragen wie dem gerade gezeigten einmal werden könnte? Die nächstliegende Antwort wäre, dass einem bei einem Stummfilm – und überdies einem Stummfilm mit Puppen, denen die Sprache der Mimik nicht zur Verfügung steht – wohl kaum etwas anderes übrig bleibe als die Strafpredigt, die die Lehrerin den anderen Schülern hält, zu visualisieren.

Trotzdem gibt es so etwas wie einen Rest, der in dieser Antwort nicht aufgeht. Es scheint eine besondere Gemeinheit darin zu liegen, dass der hinter die Tafel versetzte Schüler die Botschaft nicht hört. Dies ist nicht einfach eine Stummfilm-Szene, die mit allerlei Tricks und Hilfsmitteln eine Szene mit Ton nachstellt. Nein, es ist eine Szene, die stumm sein muss, eine stumme Stummfilmszene.

Und das heißt: Der Schüler hört die Botschaft der Lehrerin nicht, weil er sie nicht hören soll und weil er sie nicht mehr zu hören braucht. Für ihn ist alles zu spät, er hat seine Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg verscherzt und für ihn bleibt einzig und allein der Abstieg übrig. Er sitzt da mit seinen Eselsohren und kann dort für immer sitzen bleiben. Er wurde aufgegeben.

Das ist um so bemerkenswerter, weil dieser Film – ein Stummfilm – ja mit einem besonderen Akzent auf dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort einsetzte – eben dem Diktat, dem er seinen Namen verdankt. Es ist die Aufgabe der Lehrerin, den Schülern Lesen und Schreiben beizubringen, die Kulturtechniken also, die notwendig sind, um zu kommunizieren, wenn man sich nicht sieht – die Kulturtechniken, auf die wir im Moment bis zum quälenden Überdruss angewiesen sind. Vielleicht will sie nicht bloß den hinter der Tafel sitzenden Schüler ausschließen. Vielleicht ahnt sie, dass das gesprochene und vielleicht auch hier per Diktat niedergeschriebene Wort die Schüler nicht erreicht. Vielleicht ahnt sie, dass sie auf ältere, robustere Formen der Darstellung zugrückgreifen muss, um nicht noch mehr Schüler zu verlieren. Und damit hat sie ganz recht, denn zumindest wir wissen ja, dass der bestrafte Schüler nicht der einzige war, der dem Diktat nicht folgen konnte und dass sich seinem Banknachbarn – wie ihm – das Diktat in Bilder übersetzte.

Der Blick der Schüler fällt nun auf das dritte, an der Wand hängende Bild.

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Es zeigt einen alten Mann – lange weiße Haare, langer weißer Bart. Er hat die Eselsmütze auf und macht das Victory-Zeichen. Die nächstliegende Assoziation, die sich dabei einstellt, ist die an Gottvater, die an den Höchsten also, den es gibt, jenen, der weit über den irdischen Mächten von Staat und Militär steht. Er selbst also ist ein Bestrafter, doch einer, der nun triumphiert. Die Letzten, so erfahren wir, werden die Ersten sein.

Es ist offensichtlich die Einbildungskraft der Schüler, die ihnen hier einen Streich spielt. Aber es zeigt an, dass das subversive Vermögen – hier: das Träumen von Filmbildern – nicht das Werk eines Einzelnen ist, der von der Gesellschaft ausgeschlossen ist und dass es selbst nicht dadurch ausgeschlossen werden kann, dass man Einzelne, die auffällig geworden sind, ausschließt.

Deswegen, so glaube ich, ist der bestrafte Schüler in der nächsten Sequenz nicht mehr allein. Ihm sitzt ein zweiter, ebenfalls hoch Bemützter, gegenüber, der sein Spiegelbild sein könnte. Ein anderer? Er selbst noch einmal? Doch, es könnte er selbst sein, nur älter geworden, grau, das Gesicht nicht so rosig, eine Spur eingefallener als das seines kindlichen Gegenübers. Nie, so begreift der Junge jetzt, wird er diesen Platz hinter der Tafel verlassen; er und sein älteres Alter Ego repräsentieren sein ganzes Leben im Gefängnis, ausgeschlossen von den anderen. Er, der er den Worten der Lehrerin nicht folgen konnte, der sich der Sprache verweigerte und das Lehrbild als Film träumte, kommt nicht wieder rein, er ist ein für allemal ein Gezeichneter.

Dann kommt die Sehnsucht. Eine ganze Weile sehen wir abwechselnd das Gesicht des Jungen und den Himmel durchs Fenster, weit und offen, das Bild grenzenloser Freiheit – wie in der Struwwelpeter-Geschichte vom Fliegenden Robert, in der auf dem letzten Bild Robert entschlossen den Bilderrahmen zu durchstoßen scheint, der in dieser Geschichte jedes einzelne Bild rahmt. Es ist das Bild eines Durchbruchs zur Freiheit, durch den sich nicht einfach ein Zustand ändert, sondern seine Systemgrundlagen verlassen werden. Und obwohl sich das Gesicht unseres Jungen stets gleichbleibt – es ist ja eine Puppe –, bilden wir uns ein, es verändere sich mit jedem Gegenschnitt, mit dem Bild der Befreiung, das wieder und wieder über es hinwegzieht.

Einen Moment lang ist der Bildschirm dunkel. Dann wieder das Fenster, diesmal vergittert. Wir sind in einem Gefängnis. Zwei Personen, aber die Szenerie hat sich verändert. Der Junge ist noch da, aber es scheint Zeit vergangen zu sein, Zeit, die ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hat. Einschnitten um die Augen finden sich dort, tiefe Narben, die die Farboberfläche durchdringen. Er ist älter geworden. Aber er ist auch ein anderer geworden – ein Zauberer nämlich, und er trägt das nachtblaue Kleid mit Sonne, Mond und Sterne, wie wir es als Kinder zu Fasching anzogen. Auf seinem Kopf der bekannte spitze Hut, der in den Himmel reicht und von dort die Zauberkraft bezieht – ja, das waren einmal die Eselsohren, das Zeichen der Bestrafung und der Depravierung, die nun zum Zeichen seiner Größe geworden sind.

Aber sein Gegenüber ist tot. Eine bleiche Leiche mit Totenschädel. Wer ist dieses Gegenüber? Ist es das bestrafte Kind, das er nun hinter sich lässt? Ist es der traurige, resignierte Erwachsene, der ihm hinter der Tafel gegenübersaß und jede Hoffnung, ja sogar die Sehnsucht verloren zu haben schien?

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Ein letztes Mal versucht der Zauberer, den Türknauf des Gefängnisses zu drehen, die Tür zu öffnen. Dann hebt er den Stab und verschwindet. Er verschwindet für uns, er lässt den Toten und das Gefängnis hinter sich und er verschwindet vielleicht sogar für sich selbst. Dem Jungen, der nicht anders konnte, als einen Film zu machen, ist endlich die Flucht gelungen – dorthin hoffentlich, wo das Leben ist und wo sich Filme drehen lassen, für die man nicht bestraft wird.

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Wolfram Ette

Karfreitag 2020 etc.

es sind die tage warmen biers
auf ungemähter wiese, vielleicht
des grauburgunders. von ferne
das weichbild der stadt, dazu
ein hartgekochtes ei in leeren
straßen, des ddr-gefühls.
so eine bekannte, jahrgang 70,
auf dem werkhof am feuer, vom
dürren sohn geschürt,
wo es immer steckte und im
löwenzahn zwischen diesen
pflastersteinen. ja –

oder sonntags in der kleinen
stadt. meine kindheit. wozu jetzt
alles wieder wird. nichts los.
herbst und frühling ein moment.
die stimmen haben einen hall.
von den wänden sieht man
den putz rieseln, kocht zuhause.
kein wind. kühle von häusern, nicht
von wohnungen. kinderlärmen in
zeitlupe. man ist, wenns geht,
im garten, kommt voran. die schule
grad so wichtig, wie sie soll:
nicht so. es stimmt nicht, aber ja –

ferien vom kapital, augenblick
der lyrik, der leeren züge und
verrammelten fressmeilen. der frage,
was brauchen wir nicht.
die luft weiß nicht was sie will,
schwankt zwischen überklar und
diesig. wolkenschiffe und graffitis
bleichen schneller und die fenster
stehen offen. bunte wäsche auf
der gartenleine, mehrgenerationen-
klammern, farben wie bei der defa.
es wird mehr gevögelt, gezeugt,
geschieden. und abends gegrillt. ja –

im wald drei fünfzehnjährige
käseköpfe mit rucksack und
bier. männertag für alle. nur
stiller. der schöne junge vater baut ein
boot, die kinder jubeln, ohne dass
das nervt. man grüßt sich häufiger,
und sogar die fette töle meines nachbars,
die es sonst nicht bis zur ecke
schafft, ist da, rund keuchend,
corona auf vier beinen. ja –

was man verbietet, wird gemacht.
sogar das gute. am bahnhof
jemand mit staubmantel,
stetson, schwarzem mundschutz.
passt so. once upon a time.
man kleidet sich. was man hört,
ist melodie, was man sieht,
fotografie. verluste sind fern. so
gegenüber ist alles im diesseits
dieser tage. worte haben einen
alten klang. staub schmeckt salzig.
ich trinke eiskaffee, den kopf voller
katzen. faules wasser in der tonne.

Wolfram Ette

Corona 27: An Orbán

Als Reaktion auf den Reichstagsbrand wurde am 23. März 1933 ein Beschluss im Reichstag verabschiedet, der den Reichskanzler Hitler dazu ermächtigte, unabhängig vom Reichstag und dem Präsidenten zu agieren. Artikel 48 der Weimarer Verfassung machte dies möglich. 87 Jahre später, am 23. März 2020, wurde das sogenannte Ermächtigungsgesetz dem ungarischen Parlament vorgelegt, das Viktor Orbán ähnliche Befugnisse verleiht wie Hitler. Am 30. März 2020 wurde dieses Gesetz verabschiedet. Anders als das nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz, dass alle vier Jahre erneuert werden musste, gilt das ungarische unbefristet und kann vom Parlament nicht aufgehoben werden.

Die folgenden Auszüge stammen aus der Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden Otto Wels vor dem Deutschen Reichstag:

Meine Damen und Herren! […] Nach den Verfolgungen, die die sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird niemand billigerweise von ihr verlangen und erwarten können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht. Damit ist die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht. Kritik ist heilsam und notwendig. Niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie das jetzt geschieht, und wie das durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muß sich um so schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt. Meine Damen und Herren! Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben geschildert. […] Solchen Übertreibungen entgegenzutreten, wäre leichter, wenn im Inland eine Berichterstattung möglich wäre, die Wahres von Falschem scheidet. Noch besser wäre es, wenn wir mit gutem Gewissen bezeugen könnten, daß die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei. Diese Möglichkeit zu geben, das, meine Herren, liegt bei Ihnen. […] Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren. Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. […] Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten.

Corona 25: Glossen

Die Krise als Förster

»Die Kunst- und Kulturszene in Deutschland ist nach Auffassung von Kulturstaatsministerin Grütters durch die Corona-Krise nicht grundsätzlich in ihrer Existenz bedroht. Es werde zwar Verluste geben, sagte die CDU-Politikerin der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Einen Kahlschlag sehe sie aber nicht. Kultur gehöre zum Wesenskern der Gesellschaft und werde sehr schnell wieder eine starke Nachfrage erleben. Zugleich verwies Grütters darauf, dass Künstler von den Hilfsprogrammen der Bunderegierung profitieren und etwa Zuschüsse beantragen könnten.« (Deutschlandfunk, Nachrichten, 1.4.2020, 6:09 ff.)

Man nennt das Gesundschrumpfen. Wie jede Krise bringt auch diese die Wahrheit an den Tag. Es werde Verluste geben, diese aber werden nur die Künstler betreffen, deren Produktion nicht zum Wesenskern der Gesellschaft gehört, die also nach der Krise nicht auf eine Nachfrage treffen werden, die man sich wohl nicht nur als eine starke, sondern auch als eine gesunde vorzustellen habe. Die anderen, denen es besser geht, die also nicht zu den Verlusten gehören, die es geben werde, können bis dahin von den Hilfsprogrammen der Bundesregierung profitieren, also doch ihren Schnitt machen und etwa Zuschüsse zum laufenden Geschäft beantragen. Der Wald der Kultur, dessen Kahlschlag nicht zu befürchten steht, kann ausgelichtet werden. Eine echt forstliche Arbeit. Die Gewächse, die es wert sind, behindern sich nicht mehr gegenseitig, das Wild verschwindet aus dem Unterholz. Es wird eine Lust sein, sich darin zu ergehen.

Wolfram Ette      

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Mafia

In Süditalien sind viele Familien jetzt so stark unter die Armutsgrenze gesunken, dass sie nichts mehr zu essen haben. Kleine Unternehmer stehen massenhaft vor dem Aus. Da streckt die Mafia ihre rettende Hand aus. Sie verleiht Geld zu moderatesten Zinsen und schlägt auf diese Weise Banken und private Wucherer aus dem Feld. Was wiederum bedeutet, dass die allgemeine Verarmung der Mafia einen enormen Auftrieb und dem Staat, der ohnehin enorme Probleme zu lösen hat und haben wird, weitere, noch enormere Probleme verschafft. Die Frage des Geldes. Und die Treue, die es schafft.

Anne Peiter     

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Zahlen

Die Gesundheitssysteme der verschiedensten Länder konstatieren, dass die Zahl der Virus-Kranken exponentiell wächst. Die steigenden Zahlen werden als äußerst beunruhigend gewertet.

Die Polizei konstatiert, dass Anzeigen wegen häuslicher Gewalt stark abgenommen haben. Die sinkenden Zahlen werden als äußerst beunruhigend gewertet.

Paradoxien der Wahrnehmbarkeit.

Anne Peiter    

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Systemrelevanz

Immer wieder wird jetzt die bessere Bezahlung von Menschen gefordert, die im Gesundheitssystem tätig sind. Das ist besser, aber nicht gut. Bezahlung folgt bloß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage in Zeiten gestiegener Nachfrage. Kann man sie nicht verbeamten? Das wäre der direkte Ausdruck ihrer „Systemrelevanz“. Warum sollen bloß Lehrerinnen und Polizisten Beamte werden können? Warum nicht auch Pfleger und Krankenschwestern? Warum eigentlich nicht?

Wolfram Ette    

Corona 24: Home Schooling

Flüstern

Erster Online-Unterricht. Man kann nicht mit dem Banknachbarn flüstern, ohne dass das Flüstern der Lehrerin über’s Mikro in die Ohren schallt. Außerdem gibt es keinen Banknachbarn und keine Bank, nur den eigenen Stuhl, Zuhause. Und damit dann eben kein Flüstern mehr und auch keinen Grund, zu flüstern. Oder vielleicht doch wohl einen Grund, aber keine Gelegenheit mehr dazu. Die räumliche Trennung, die für die Schülerinnen und Schüler zunächst einen enormen Zuwachs an Freiheit und Unkontrollierbarkeit mit sich zu bringen schien, hat sich gleich beim ersten Mal als gesteigerte Kontrolle von Seiten der Lehrerin erwiesen. Auch das ist eine Erfahrung mit dem Virus und seinen Konsequenzen: Ernüchterung im Kontext von Macht, Kontrolle, Ausgangssperre.

Aber dann der Umschlag: Die Klasse hat ihrerseits sofort entdeckt, dass die Lehrerin die Funktionsweise des Chat nicht verstanden hat. Man konnte sich also tippend etwas in den Bildschirm flüstern: die richtige Antwort. Hilfe für den Kameraden, der seine Lektion nicht gelernt hatte.

Es steht nur zu befürchten, dass die Lehrerin beim ersten Mal nur so getan hat, als habe sie den Chat nicht verstanden. Und wenn sie ihn wirklich nicht verstanden haben sollte, wird sie wohl nicht lange brauchen, bis sie ihn verstanden hat. Dann tritt die Frage, wie man einander dennoch etwas zuflüstern kann, wieder zu Tage. Aber Lösungen wird es geben. Wieder neue.

Dialektik von Macht und Erfindungsgabe.

Anne Peiter

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Gegenschnitte

Mein Kind wird mit Aufgaben bombardiert. Als wären die Lehrer froh, die Schüler physisch los zu sein. Aus ihren Reihen erhob sich Widerwille. Er ist in den Gesichtern zu lesen, drückt sich in der Körperhaltung aus, stand steif im Raum. Die Gegenwart dieser 13- bis 14-jährigen Körper war schon belastend. Man konnte nicht so wie man wollte, fühlte sich dieser kompakten Masse quertreibenden Eigensinns gegenüber zu etwas verpflichtet. Jetzt drehen die Lehrer frei. Wenn sie sich erstmal in die digitalen Plattformen reingefuchst haben, könnte es so weitergehen. Nun ist aus dem Weg geräunmt, was den Lehrerberuf in den letzten Jahrzehnten zu einer veritablen Belastung mit hoher Burnout-Gefährdung hat werden lassen. Die pädagogischen Motivationsspielchen kann man sich wieder sparen. Die Lehrer werden auf das reduziert, was sie mal waren und womit sie über Jahrhunderte gut fuhren: Aufgaben verteilen und benoten, die Guten belohnen, die Schlechten bestrafen. Das ganze „Wie“ kann man an die Schüler und gegebenenfalls die Eltern delegieren, die sich in den letzten Jahrzehnten ohnehin aus der Pflicht genommen haben und gar noch die Lehrer belangen wollten, wenn irgendwas nicht richtig lief. Es ist das Paradies. Man kann die Latte so hoch hängen wie man es immer wollte und wird nicht mal in traurige Gesichter blicken. Man drückt nur auf „Senden“ oder „Upload“. Wir kennen diese Verwahrlosung. Sie ist eine Begleiterscheinung der Digitalisierung. Durch die Entsinnlichung des Verhältnisses fallen Schranken der Höflichkeit und Rücksichtnahme dahin. Zwischen Erwachsenen mag das sein, wie es wolle. Die Schule aber verwandelt sich der Struktur nach in eine digitale Kaserne.

Gegenschnitt 1: Das Kind sitzt also da, einigermaßen verzweifelt über den Wust an Aufgaben in den verschiedensten Formaten und Übermittlungmodi. Manches kommt per E-Mail, manches erreicht sie über den Gruppenchat der WhatsApp-Klassengruppe, manches läuft über die digitale Plattform. Es ist der reinste Wildwuchs. Ein Lehrer hat sogar sein E-Mail Konto an der Schule gesperrt. Seit ein paar Stunden arbeiten wir uns durch dieses Durcheinander. So langsam wird es heller und die Panik legt sich. Es stellt sich heraus: nimmt man alles zusammen, ist es überschaubar. Zwei bis drei Stunden konzentrierte Arbeit am Tag und das Ding ist vom Tisch. Man könnte es immer so machen. Mein Kind hätte mehr Freizeit. Und ich, als Trennungs-Papa in einem anderen Bundesland, finde es großartig, sie mal unter der Woche bei mir zu haben und den Schulkram ortsungebunden im Home Office zu erledigen. Die Quarantäne ist eine echte Lockerung der Zwänge, denen mein Leben sonst unterliegt: eine, wie sagt man, Win-Win-Situation. Warum dann also doch Schule? „Um Leute zu treffen.“

Gegenschnitt 2. Meine Tochter, nachdem sie sich durchgekämpft hat: „Eigentlich darf das gar nicht funktionieren. Denn wenn es funktionieren würde, wäre ja klar, dass die Lehrer absolut überflüssig sind.“

Wolfram Ette

Corona 23: Begegnungen südlich und nördlich des Äquators

Dankbarkeit

Kleiner Spaziergang im engsten Umkreis des eigenen Viertels, jeden Tag von Neuem, oft unterbrochen von Begegnungen mit den immer gleichen Menschen, die wie wir einem bestimmten Rhythmus folgen, mit Arbeit und Essen, Schule und Spazierengehen zu festen Tageszeiten.

Doch heute eine neue Begegnung. Ein Mann mit einer Riesenmaske. Man sieht nur die Augen, das übrigen Gesicht ist bis weit hinauf zu den Ohren abgedeckt. Wir grüßen, auch darin einem Ritual folgend, in dessen Zentrum der Wunsch steht, Solidarität zu zeigen, ohne Unterschiede zu machen: Man bleibt zwar körperlich in Distanz, stellt verbal aber die Nähe her, die früher zwischen den Körpern normal war.

Doch heute mit diesem Maskenmann ist etwas anders. Man grüßt und hat schon das Gefühl, nicht zu ihm durchdringen zu können. Er aber, wider Erwarten fast, grüßt dann doch zurück, hält inne, geht nicht weiter, spricht: Von einer Straßenseite zur anderen, über den Abgrund dieser Trennung hinweg, bietet er uns eine Maske an. „Zwanzig Euro pro Stück.“

Ich lehne dankend ab, gehe weiter. Die Kinder empört über mich: Wie ich ihm habe danken können! Ob ich nicht gesehen habe, dass er einen ganzen Sack dabei hatte, voll mit Masken?! Stimmt. Warum habe ich gedankt? Weil er, obwohl ein Schwein, unter Umständen ein armes Schwein sein könnte, das so wenig Geld hat, dass er im Kontext der Not, die in den Krankenhäusern herrscht, seinen armseligen Profit zu machen versucht? Klar war: Er geht nicht spazieren. Er ist auf Kundensuche. Die Maske trägt er, um für sein Produkt zu werben, nicht um sich zu schützen.

Vielleicht lag darin der Grund, dass ich ihm dankte: Er war mir unheimlich. Andere Menschen, die eine Maske tragen und mir auf der Straße begegnen, bleiben, obwohl man auch bei ihnen das Gesicht nur halb sieht, zugänglich. Es mögen Krankenschwestern sein, die von der Arbeit kommen. Oder Menschen, die aus Zufall ein paar Masken vorrätig hatten. Alles keine Verkäufer, die mit einem Sack voller Masken dem Profit nachgehen. Mehr Leute, die Angst vor der möglichen Ansteckung haben. Menschen, die grüßen, ohne mit ihrer Freundlichkeit ein ökonomisches Ziel zu verfolgen.

Dieser Mann dagegen, der hatte keine Angst. Es geht ihm gut, weil er nicht nur die Riesenmaske im Gesicht trägt, sondern einen ganzen Sack unter’m Arm. Ich danke ihm, damit er weggeht, fürchte mich, weil die Ansteckungsgefahr, die medizinische, ganz gering ist, die Ansteckung, die von seinem Verhalten ausgehen könnte, hingegen sehr groß. Vielleicht ist sein Profit gering. Aber es gibt Leute (und Schweine) wie ihn sicher auch im ganz, ganz Großen. Organisatoren von Riesenschweinereien. Dankt man denen auch? Es ist wahrscheinlich.

Anne Peiter     

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Stallwärme, ferne

Begegnen sich Menschen jetzt auf der Straße, grüßen sie sich. Nicht immer, aber häufiger als vorher. Es ist ein Gruß von Verschworenen. Man macht zwar nicht etwas Verbotenes, wenn man spazieren geht oder den Hund ausführt, aber etwas diffus Unerwünschtes, dass über kurz oder lang weiter eingeschränkt werden könnte.

Es ist paradox, auf eine Bedrohung dadurch zu reagieren, dass man sich voneinander entfernt. In den meisten Fällen suchen die Menschen Stallwärme. Sie müssen den betonten Verzicht auf sie ausgleichen, durch diese zaghaften Gesten der Überbrückung Wärme herstellen, die heute – es ist wieder kalt geworden und es weht ein schneidender Wind über die Saale – rasch verwehen.

Wolfram Ette    

Corona 22: Grundbedürfnisse

Unser täglich Brot gib uns heute. Gib auch ein Zuhause. Und vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren Schuldigern.

So kann man heute nicht mehr sprechen, obwohl die Bitten weiterhin stimmen. Denn man müsste jetzt schreiben: Gib, dass die Produktions-, Transport- und Vertriebsketten für’s täglich Brot trotz des Virus nicht abreißen. Gib, dass die Gewerkschaftsvertretungen der Kassiererinnen in den Supermärkten nicht deren Streik initiieren (sie hätten allen Grund, in ihn einzutreten). Gib, dass die Spekulationsgeschäfte zurückgehen und angesichts der bevorstehenden Rezension die Politik nicht gerade Maßnahmen zugunsten der Immobilienbesitzer beschließt.

Die Grundbedürfnisse! Wo sind die hin? Keine Wiederentdeckung des Einfachsten, sondern konkrete Bestätigung des Komplexen, das Voraussetzung des sehr wohl Einfachen ist (unser täglich Brot), das aber zugleich eben durchaus nicht einfach ist.

Und dann auch noch die Schuld! Und Vergebung! Da gilt leider Gottes genau das Gleiche. Man weiß sich integriert in komplexeste Rückkopplungsstrukturen, in denen so etwas wie Schuld kaum noch greifbar wird (höchstens monetär, da bezifferbar, siehe oben, Stichpunkt Mietpreise). Aber das Vaterunser hatte ja keine Mietpreisdeckelung, hat auch nicht die Regelung von Ladenöffnungszeiten in Krisenzeiten oder die Festlegung neuer Zahlungsfristen bei momentaner Insolvenz gemeint. Bei Gott! Das nicht!

Demnach gilt, dass die hochgradige Ausdifferenzierung beruflicher Kompetenzen und die Arbeitsteilung ungehemmt vollkommene Unschuld schaffen. Niemand ist als Schuldiger greifbar. Zwar sind Entscheidungen getroffen worden (und viele falsche), aber diese auf einen oder wenige Schuldige zurückführen zu wollen, würde aus dem Vaterunser eine Verschwörungstheorie machen.

Insofern bleibt eigentlich nur noch die Frage nach einem selbst übrig. Aber auch die ist nicht mehr recht greifbar. Schuld? Vergebung? Von was? Was habe ich denn getan?

So entspricht das Vaterunser heute zwar irgendwie einem Ruf nach Aufrechterhaltung der sozialen und ökonomischen Strukturen, die Voraussetzung für die Deckung unserer Grundbedürfnisse sind, zugleich aber auch – als Ausdruck eines »geistigen Hungers«, wenn man’s mal so schön altmodisch sagen will – der Bitte um eine neue Einfachheit und Durchschaubarkeit. Also um etwas Unrealistisches. Es sei denn, man sieht in den »Märkten der Nähe«, auf dem der Bauer von nebenan seine Produkte feilhält, einen ersten Schritt hin zum althergebrachten Kontakt zum »täglich Brot«.

Bleibt aber über das Brot hinaus so vieles, bei dem Einfachheit nicht zu erreichen ist. Woraus notwendig folgt, dass das Beten zwar gut und gern dieses vielleicht gar nicht einmal neue Grundbedürfnis anzeigen mag – nämlich das nach Vereinfachung –, dass aber die Hoffnung auf seine Deckung reine Sentimentalität bleibt. Daraus folgt wiederum, dass man das Beten gleich wieder sein lassen kann. Der Supermarkt öffnet heute schon um 7 Uhr 30.

Anne Peiter       

Corona 21: Steigender Verdruss

Fragen

So vieles verstehe ich nicht. Das jetzt der Erhalt von Menschenleben oberste Priorität haben soll, klingt ja gut. Aber bisher war das System nicht zimperlich. An den Kapitalismus mit menschlichem Antlitz glaube ich nicht. Handelt es sich um eine kollektive Angstreaktion vor einem Prozess, der sich nicht kontrollieren lassen könnte? Vollzieht sich der Wechsel von der Wirtschaft zur Wissenschaft als leitendem Paradigma politischer Prozesse aus Not und Hilflosigkeit? Gleichwohl laufen die wirtschaftlichen Prozesse weiter und es kann gut sein, dass wir in eine neue Stufe der Monopolisierung eintreten. Die kleinen Unternehmen werden sterben wie die Fliegen. Die Umwelt wird gleichwohl eine Zeit lang aufatmen. Auf welchem Tag in diesem Jahr wird wohl der Earth overshoot day fallen? Wie lange werden wir brauchen, um das wieder aufzuholen? Klar ist ja: wenn diese Krise überstanden ist, wird nur noch eines zählen: Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft. Fuck climate! Fuck Nachhaltigkeit! Wir haben größere Sorgen und die Klimanörgler sind erst einmal abgeräumt.

 

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Über Zynismus

»Bundesminister Scholz betonte im ARD-Fernsehen, es gehe darum, Leben zu retten. Der SPD Politiker nannte es zynisch, dass gesundheitliche hinter wirtschaftlichen Fragen zurücktreten sollten« (Deutschlandfunk, 9 Uhr Nachrichten, 30. März 2020). – Ohne Zweifel. Es ist zynisch, dass in Deutschland jeden Monat 250 Menschenleben der Autoindustrie vorgeworfen werden und das statistische Bundesamt darauf hinweist, dies sei der niedrigste Wert seit Jahren. Es ist zynisch, Kriege als Beutezüge, also wegen wirtschaftlicher Fragen zu führen und noch aus dem ökonomischen Wiederaufbau der zerbombten Länder Profit zu schlagen. Es ist zynisch, Kinder in Minen und Textilfabriken verrecken zu lassen, rumänische Arbeiter in der Fleischindustrie mit 8 Euro am Tag zu entlohnen und Zimmermädchen immerhin mit 2,45 die Stunde. Es ist zynisch, den Planeten, auf dem wir leben, wegen wirtschaftlicher Fragen so zu verwüsten, dass er zu einer Frage der Gesundheit wird. Es ist zynisch, wenn solche Sätze von dem Minister einer Weltgesellschaft geäußert werden, die den Reichtum der einen mit der Armut der anderen erkauft und sich um die Gesundheit der industriellen Reservearmee nur insoweit zu sorgen hat, als das Angebot nicht geringer werden darf als die Nachfrage. All das ist aber harmlos. Wir kennen das und haben uns schon lange daran gewöhnt. Aber so zu tun, als sei dies eine allgemeine Maxime, die schon immer gegolten habe, und die Lebensrettung der Normalzustand einer Gesellschaftsform, die das menschliche Leben dem Profit unterjocht und wenig andere Freiheit kennt als die Freiheit der Rendite, schreit zum Himmel. Dieser Himmel war bislang mit ökonomischen Kennziffern verhängt. Jetzt, in dieser großen Zeit, lacht die Sonne der Menschlichkeit und im Wind flattern humanistische Spruchbänder. Jetzt können wir wieder Vertrauen fassen in eine Politik, der wir es fälschlich entzogen hatte. Nur scheinbar unterwarf sie uns in den letzten Jahrhunderten dem Diktat wirtschaftlicher Fragen. Seit je standen, so verstehen wir jetzt, gesundheitliche Fragen im Vordergrund, immer schon verfolgte sie kein anderes Ziel als das, Leben zu retten. Wie haben wir uns geirrt. Die brutale Durchökonomisierung des Gesundheitssektors, die das Retten von Leben zum Kollateralnutzen des Mehrwerts abwertete, war ein falscher Eindruck, eine perspektivische Verzerrung; allenfalls ein systemirrelevanter Irrläufer, der über das Wesen dieser besten aller Welten nichts besagt. Jetzt, in der Krise, kommt die wahrhaft menschliche Fratze der Welt, in der wir leben, zum Vorschein.

 

Wolfram Ette        

Corona 20: Wie es zugeht

Erklärungsnot

Ein Mann, der der Polizei gegenüber rechtfertigen können will, warum er sein Haus verlässt und wirklich gar nicht anders kann, als rauszugehen, schreibt sich sein eigenes Formular, mit dem eidesstattlichen Hinweis: »Muss Drogen holen«.

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In Ketten

In Italien sind Chinesen angegriffen worden, weil sie die Krankheit ins Land getragen hätten. Und manchmal waren es auch keine Chinesen, aber gesagt wurde, sie hätten wie Chinesen ausgesehen. In Burkina Faso sind Italiener angegriffen worden, weil sie die Krankheit ins Land getragen hätten. Und manchmal waren es auch keine Italiener, aber da sie weiß waren, wurde gesagt, sie hätten wie Italiener ausgesehen.

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Die Katzen

In einer dieser Nächte, in die das Eingeschlossensein mir in die Träume dringt, beginnen draußen zwei Katzen zu schreien. In Liebesbrunst, kämpferischem Gegeneinander oder beidem ist nicht klar. Aber ich höre, dass sie so schreien wie immer und sich um die Nachtruhe der Menschen einen Dreck scheren. Denn sie sind Katzen und schreien wie Katzen, egal wie die Situation, die Liebesbrunst, der Gegen- und Miteinander der Menschen gerade aussehen. Das ist nicht einmal Gleichgültigkeit. Es ist nichts. Unschuld. Nur das Schreien zweier Katzen, die der Bedeutung ihres Lebens folgen, während ich in meinem Eingeschlossensein den Schreien Bedeutung beimesse, gerade weil ich weiß, dass sie keine haben.
Darin aber eben liegt Bedeutung: Die Katzen wissen nichts, zumindest das nicht. Umgekehrt weiß aber auch ich nichts von ihnen und könnte noch nicht einmal sagen, was nicht. Darin bin ich ihnen gleich. Und die Gleichgültigkeit, die das Hören auf sie begleitet, wird nur dann durchbrochen, wenn die Schreie nicht allein meine Nachtruhe stören, sondern auch die neue Unruhe, die doch irgendwie nach Teilnahme verlangt.
Dann sind die Katzenschreie plötzlich wie aus einer Welt, in der man sich keine Sorgen machen muss: nicht um die Nachtruhe anderer Wesen, die zu schlafen versuchen, nicht um sich selbst. Und daraus ergibt sich, dass die Katzenschreie, obwohl sie meine versuchte Nachtruhe stören, doch entschieden beruhigend wirken: Die Katzen schreien weiterhin, wie Katzen schreien.

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Im Wald

Im Wald ist es voller als sonst an Wochentagen. Es sind zumeist Familien. Nicht nur sie wirken harmonisch. Die gesamte Vorfrühlingsstimmung ist auf zarte Weise feierlich. Väter, die wochentags auf Arbeit sind, spielen nun mit ihren Kindern. Manchmal erscheint es etwas aufgesetzt, das Rufen und Toben ist ein wenig zu laut, manchmal blickt Paps zur Mama oder gar zu mir, um Beifall für sein Engagement zu bekommen. Aber das ist ok. Sie sind guten Willens. Wenig ningelnde Kinder, es kann ein Zufall sein. Aber auch das Umgekehrte passiert heute nicht. Keine Begegnungen mit Eltern im Stresstest, immer kurz vorm Explodieren. Viele scheinen einfach froh darüber zu sein, dass man raus kann, dass es diesen Stadtwald gibt, in dem wirklich Platz genug ist für alle.
Eine andere Gruppe: drei bleiche Jugendliche, Kellerkinder, die nach dem Winter wie Engerlinge aussehen sich nun mühsam ans Licht strecken. Ein Typus, den ich hier eigentlich nie sehe. Aus ihren Kifferhöhlen und Zockerbunkern gekrochen, die Pickel leuchtend in der Frühlingssonne. Sie ›wandern‹, jawoll, mit Rucksäcken. Sie wirken wacklig auf den Beinen. Zuhause ist es offenbar langweilig. Das Chillen und Rumhängen auf Parkplätzen kommt gerade nicht so gut. Da gehn wir mal los, Bier im Rucksack, und machen das, was wir sonst auch machen, im Grünen.

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Samstag nachmittag

Im Supermarkt ist es ziemlich voll; ich bilde mir ein, es ist voller als sonst. Was sollen die Leute auch anderes machen? Was ihnen an Socializing noch erlaubt ist, beschränkt sich aufs Einkaufen, auf die Arbeit und eventuelle Besuche beim Arzt. Nur aufs Wesentliche, das heißt »Systemrelevante«. In der Krise werden wir auf die Funktionen reduziert, die für den Kapitalprozess essenziell sind: Produzieren, Konsumieren, Erhalt unserer Arbeitskraft. Mit der Freiheit in Ketten ist es so eine Sache; wir werden sehen, was dabei herauskommt. Einmal mehr und einmal deutlicher werden wir zu Anhängsel eines Systems degradiert, das seiner eigenen Reproduktion alles Überflüssige opfert.


»Erklärungsnot«, »In Ketten«, »Die Katzen«: Anne Peiter
»Im Wald«, »Samstag nachmittag«: Wolfram Ette

Corona 19: Frontberichterstattung

Wolfram Ette      

27. März 2020. – Jetzt gucken die Leute wieder mehr Tagesschau. „Wenn wir jetzt nur die 20-Uhr-Tagesschau angucken, da hatten wir normalerweise einen Wert von rund 10 Millionen, am letzten Sonntag [22.3.] lagen wir bei 17, gestern lagen wir bei 14 Millionen“ (Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-Aktuell). Die Verunsicherung muss gewaltig sein, wenn man sich wieder den kaum noch gewohnten Formaten der Mainstream-Medien anvertraut. Über die Isolation alle gegen alle findet auch eine Zwangsvergemeinschaftung statt, eine Rückkehr in die goldenen Zeiten, in denen wir über einige wenige Informationsangebote mit der Politik verbunden waren. Das Fernsehen wirkt im Moment so archaisch, bis zur Kleidung der Tagesschausprecherinnen. Gestern war es altrosa. Ich warte darauf, dass die Krawatten wieder breiter werden. Der NDR-Podcast mit Christoph Drosten von der Charité, der sich in diesen Tagen als Idealbild des aufgeklärten und aufklärenden Wissenschaftlers empfiehlt, ist von der ARD übernommen worden. Gezeigt wird das Rundfunkstudio, die Wissenschaftsjournalistin des Tages sitzt, Kopfhörer über den Ohren, vor dem Mikrofon und spricht über App mit dem Professor. Irre. Frontberichterstattung.

 


Weblinks

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Mit-Corona-schlaegt-die-Stunde-der-Qualitaetsmedien,coronavirus620.html?fbclid=IwAR1hQ-5Org7F8AMIw_cJpa0SDQEIHfPPRxGS4iYx6bOcg_qDPotIoCk2mGI

https://www.dwdl.de/zahlenzentrale/76844/188_mio_sehen_tagesschau_fast_elf_mio_den_tatort/?fbclid=IwAR0QeHTZEmy7f__ONG5wHI_LsA0Qk3bRPVPiHyiHB9-KxkT-Wl0zbG56xqY

Dank an Knutz Dietz und Philipp Kohl für die Hinweise

Corona 18: Absolute Wissenschaft

Wolfram Ette      

Jetzt vertrauen sich alle der Wissenschaft an und erklären sie zum Leitstern der Politik. Moment mal, hatten wir das nicht vor kurzem? Da war doch dieses komische schwedische Mädchen, das über Monate nichts anderes in die ihr vorgehaltenen Mikrofone plärrte, ernst und verbissen, als eben: Die Politik solle der Wissenschaft folgen? Wie nervig war das!

Ich will Corona nicht verharmlosen. Verglichen aber mit dem, was uns erwartet, wenn die Prognose der Wissenschaftler, auf die sich das schwedische Mädchen beruft, auch nur halbwegs eintreffen, ist das hier kalter Kaffee. Was geschieht hier genau? Wird die kleinere Katastrophe aufgebläht, um die größere zu verdecken? Oder „kontrahiert“ sich die große Katastrophe, die wir nicht zu greifen bekommen, weil sie zu groß ist und zugleich noch immer zu langwierig, in die kleinere, die gewissermaßen als ihr Stellvertreter fungiert?

Für beide Fälle halte ich eine planende Hand, die hinter all dem steht, für nicht wahrscheinlich. Corona als Ideologie oder als Prophezeiung – was auch immer, es ist passiert. Das Faszinierende an der gegenwärtigen Entwicklung ist, dass das System endgültig zum Subjekt mutiert bist, das gleichsam automatisch prozessiert. In diesem Transformationsprozess spielen die Medien die Hauptrolle. (Ich weiß, neu ist das nicht, aber ich bin Spätzünder, kann Dinge nur anschaulich begreifen.) Sie bilden das System über allen Systemen, ein System, das alle Teilsysteme auf sich selbst und alle anderen bezieht und das Gesamt dieser Beziehungen auf sich selbst rückoppelt. Es ist das absolute Wissen als absolute Selbstvermittlung, von dem Hegel am Ende der ‚Phänomenologie des Geistes‘ spricht: als Alptraum einer Welt, die losgelassen in den Abgrund rast.

Und die Wissenschaft? Sie soll den Alptraum vergessen machen.

Corona 17: Ruhe vor dem Sturm

Wolfram Ette      

26. März 2020. – Widersprüchlichstes aus Regierungskreisen: Auf der einen Seite wird uns suggeriert, dass, laut Professor Drosten, die Wirkungen des Kontaktverbots langsam zu greifen beginnen. Auf der anderen werden wir gewarnt davor, dass in den nächsten Tagen die Zahl der deutschen Coronatoten noch einmal rapide ansteigen werden; es herrsche, so Gesundheitsminister Jens Spahn, Staatsmann der Stunde, der sich gerade die Sporen für die Kanzlerkandidatur verdient, „Ruhe vor dem Sturm“. Dennoch wolle man, unser Wohlverhalten vorausgesetzt, die Fesseln der Ausgangsbeschränkungen ab Ostern wieder lockern, „um den Menschen eine Perspektive zu geben“. Das ist ein derartiges Durcheinander von Ansagen, dass am Ende der Eindruck bleibt, diese Regierung wissen selbst nicht im geringsten, was sie wolle und man dürfe im Zweifelsfall alles von ihr erwarten, ohne das Recht zu haben, sich darüber zu beschweren. Es ist kein autoritärer Regierungsstil, aber einer, der jederzeit in einen solchen umschlagen kann. Dies freilich kaum gezielt und geplant, sondern aus einer Verwirrung heraus, die der von überforderten Eltern analog ist, die zwischen Strenge und Zugeständnissen hin und her pendeln, um dann urplötzlich loszubrüllen.

Corona 16: Was ist das?

Egmont Elschner

Obszön? Beschämend? Herzlos? Auf jeden Fall schrecklich!

Bundesregierung und Parlament stampfen Milliarden aus dem Boden, damit viele Deutsche nicht arbeitslos werden und Firmen überleben.

Ja, dafür bin ich.

Nur hätte ich gern diese kollektive Anstrengung nicht anlässlich einer drohenden Pest, sondern schon anlässlich der selbstverständlichen Pandemien unserer Zeit erlebt.

Krieg führen und Krieg zulassen ist verwerflich und sollte strafbewehrt sein.

Die Not von Menschen, die fliehen müssen, nicht zu lindern, sollte strafbewehrt sein.

Menschen verhungern zu lassen, sollte strafbewehrt sein.

Dies zu schreibende Strafgesetzbuch wird umfangreich.

Aber das Alles war nie „den Schweiß der Edlen wert“.

Wir erleben, wir können, wenn wir wollen.

Und es gibt Genügendes, das wir nicht können, weil wir nicht wollen.

Corona 15: 27.436

Wolfram Ette

„Die Zahl der bestätigten Coronainfizierten ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts innerhalb eines Tages um 4.764 Fälle gestiegen. Demnach haben sich inzwischen 27.436 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Toten stieg um 86 auf 114. Laut der amerikanischen Johns Hopkins Universität gibt es rund 29.000 Infizierte in der Bundesrepublik, 123 seien an der Lungenkrankheit gestorben. Die unterschiedlichen Zahlen seien unter anderem darauf zurückzuführen, dass verschiedene Daten als Grundlage verwendet werden.“ (Deutschlandfunk, 24. März 2020, 8-Uhr-Nachrichten)

So geht das seit Tagen. Man hat sich daran schon gewöhnt. Das Robert-Koch-Institut, so kommt das an, liefert die exakten Zahlen mit deutscher Gründlichkeit, während die ansonsten ja renommierte Johns Hopkins University nur ungefähre Werte anzubieten hat. Aber wie könnte sie, weitab vom Geschehen und, mit welchem Recht auch immer, andere Daten als wir verwendend, zu einer besseren Einschätzung der Lage gelangen als unser Robert-Koch-Institut (dessen Name an eine Zeit erinnert, in der die deutsche Medizin weltweit führend war und sich den Ruhm nicht mit einer amerikanischen Universität teilen musste)? Ist das fast schon nicht eine Einmischung in innere Angelegenheiten? Die deutschen Zahl beruhigt. Aber was für eine Anmaßung steckt dahinter, zu behaupten 27.436 Menschen seien zur Stunde mit dem Virus infiziert. Denn wenn eines feststeht, dann wohl, das in dem Moment, in dem das Robert-Koch-Institut diese Meldung herausgegeben hat, nicht 27.436 Menschen mit dem Coronavirus infiziert waren, sondern natürlich viel mehr. Die Zahl gibt ja bloß die getesteten, die „bestätigten“ Infizierten wieder. Die Zahl der nicht registrierten, ja nicht einmal auffällig gewordenen Infizierten, wie etwa der vielen Kinder, die die Krankheit praktisch symptomfrei überstehen, ist nicht erfasst und kann es auch gar nicht sein. Es ist so, als würde die nachgeschobene Zahl der von der Johns Hopkins University erfassten Fälle – die auf anderen Daten, aber demselben Prinzip beruht –, das schlechte Gewissen darüber zum Ausdruck bringen, dass es mit der so genau und gründlich wirkenden Angabe des Robert Koch Instituts keine Richtigkeit haben kann. Einmal, weil sie selbst ungenau ist. Es ist die Rede von „rund 29.000 Infizierten“ in der Bundesrepublik. Zum anderen, weil sie höher ist. Denn egal, wie ungenau die genaue Zahl des Robert-Koch-Instituts ist: Sie ist zu niedrig. Und daran erinnert die höhere, wenn auch ebenfalls zu niedrige Zahl der Johns Hopkins University.

Seit Tagen höre ich die Nachrichten des Deutschlandfunks, zumeist morgens und abends. Häufig kommt dort der Hinweis auf die unterschiedliche Datenbasis des Robert-Koch-Instituts und der Johns Hopkins University. Erklärt hat es mir niemand. Ist es so schwer zu verstehen? Auf einer erklärenden Seite des Deutschlandfunks heißt es: „Das Robert Koch-Institut bezieht sich auf offizielle Meldungen der Gesundheitsämter und der zuständigen Ministerien der Bundesländer. Die Meldungen laufen beim RKI etwas verzögert ein. Die von der Johns Hopkins Universität veröffentlichten Daten stammen von der Weltgesundheitsorganisation sowie von nationalen Einrichtungen. Zudem wertet die Universität auch Berichte von lokalen Medien aus.“ Wie hat Karl Kraus gesagt? „Je länger man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.“ So geht es mir mit diesen Sätzen. Worin besteht genau der Unterschied? Wohl schwerlich darin, dass die amerikanische Universität sich nicht auf „offizielle Meldungen“ bezieht. Es wird allerdings suggeriert. Die Johns Hopkins Universität arbeite, so hören wir mit, auf der Basis von inoffiziellen, das heißt unseriösen Zahlen. Das ist freilich nicht so gesagt und nicht so gemeint. Der Unterschied, so scheint mir, wird an einer anderen Stelle gemacht: Die Gesundheitsämter sind in Deutschland den Kommunen, die Gesundheitsministerien, wie es ja auch da steht, den Ländern zugeordnet. Demgegenüber bezieht sich die Johns Hopkins University auf nationale und internationale Einrichtungen wie die Weltgesundheitsorganisation. Was aber hat die WHO an dieser Stelle zu suchen, wo es um die Zahlen für Deutschland geht? Und auf welchen Daten basieren die Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation? Und was für „nationale Einrichtungen“ könnten gemeint sein? In Deutschland kommt ja nur das Robert-Koch-Institut in Frage, das im Fall von Epidemien den deutschlandweiten Ansprechpartner darstellt.

So komme ich mir vor wie ein Kind, dem bedeutet wird, es könne das nicht verstehen und sei noch zu klein für derlei Erwachsenenangelegenheiten. Gleichzeitig wie ein Kind, das von seinen Eltern belogen wird. Die denken sich irgendwelche Zahlen aus, um mich zu beeindrucken. An die Stelle falscher Zahlen setzen sie andere falsche Zahlen. Das Ganze ist ein System, das alles Nachfragen, alle weitere Erkenntnis blockieren soll. Ich fühle mich entmündigt.

Corona 14: Voraussicht der Hände

zu Händen von François Salachas

von Anne Peiter, Réunion        

Mehr und mehr stellt sich heraus, dass die Politik kein Verhältnis zur Zukunft unterhalten hat. Die Verbreitung des Virus in China war nicht zu übersehen, doch die Idee, dass in einer globalisierten Welt keine Grenzen existieren, kam nicht auf. Die Zeit wurde nicht genutzt. Man machte weiter. Wochen vergingen, Monate. Keine Vorsorge. Keine Maßnahmen, um vorbereitet zu sein auf den Fall, dass die Krankheit weiterwandern würde. Noch nicht einmal die Maskenproduktion wurde angekurbelt. Man schien einem Witz zu gehorchen, den man sich anfänglich in Frankreich – doch wie sehr ist das jetzt schon Vergangenheit! wie wenig kann man jetzt noch darüber lachen! – zu erzählen pflegte: »›Warum wird der Coronavirus nicht lange dauern?‹ – ›Ganz einfach. Made in China.‹«

Aber es sind nicht nur diese China-Stereotypen, die zur Unterschätzung der Gefahr beigetragen haben. Vielmehr scheint eine derartige Gewöhnung an die eigene Sicherheit, das eigene Wohlleben, ja eine Form von Unantastbarkeit, wenn nicht Unsterblichkeit existiert zu haben, dass die Zukunft gleichfalls als etwas Beherrschbares erschien: Es würde eben so weitergehen. Die Chinesen starben, man selbst würde leben, und gut. Dies trotz der gravierenden Einsparungen im Gesundheitswesen, das die französischen Krankenhäusern schon lange vor dem Virus in eine strukturelle Krise gestürzt hatte. Proteste, Demonstrationen, monatelange Streiks, schließlich der Rücktritt von Ärzten von ihren administrativen Funktionen änderten nichts an der Überzeugung der Regierung, dass die Privatisierung vorangetrieben werden könne, ohne die Gesundheit der Bevölkerung auf’s Spiel zu setzen.

Und jetzt das: ein zusammenbrechendes System. Zahnärzte, die ihre Patienten nicht mehr behandeln können, weil man ihnen keine Masken zur Verfügung stellt, überfüllte Krankenhäuser, die nicht genug Tests haben, um zu sehen, wer krank ist und wer nicht, das Fehlen minimaler Schutzmaßnamen, die garantieren würden, dass jetzt nicht auch noch die Ärzte wegsterben. Aber an diesem Punkt sind wir bereits. Die Ärzte sind in Gefahr. Sie auch.

Ein Bild von der beginnenden Bewusstwerdung kehrt zurück, unvergesslich: Macron beim Besuch in der Pitié-Salpêtrière, als erste Reaktion auf die langsam zunehmenden Kranken in Frankreich. Ein Besuch für die Presse. Und so beginnt dieser auch. Beginnt, um dann etwas ganz anderes zu werden. Der Chefarzt, umgeben von seinen Kollegen – Krankenschwestern, Pflegerinnen, weiteren Ärzten –, reicht dem Staatschef die Hand (so wie es zu erwarten war), beginnt dann aber, die enorme Erschöpfung, die Überforderung zu skizzieren, die beim Personal der Krankenhäuser herrsche. Er spricht und spricht (mehr als zu erwarten war – lange!), und währenddessen ruht Macrons Hand in der Seinen. Nein, ruht nicht: muss ruhen, kann sich nicht zurückziehen, steckt im Schraubstock der rechten Hand dieses einen Arztes.

Der Staatschef ist plötzlich kein Chef mehr. Hier, im Krankenhaus der Pitié-Salpêtrière, ist es der Arzt, der das Sagen hat. Nicht etwa, weil er seine Funktion als Chef dieser Abteilung über die Funktion des Staatschefs stellen würde. Vielmehr hat er das Sagen, weil er etwas zu sagen hat. Und darin steht er im krassen Gegensatz zu Macron. Macron steht da, zum kleinen Jungen geworden, der nicht weiß, was er sagen soll. Die Mikrophone der Journalisten und Kameraleute, die das Ganze aufzeichnen, strecken sich ihm entgegen, als Aufforderung quasi, sich doch bitte zu äußern (Macron spricht gern viel und deutlich), doch was zu hören ist, ist nicht mehr als ein schwaches, unverständliches Murmeln. Etwas, was versickert. Die Mikrophone verstärken nur dieses Verstummen. Nichts. Der Präsident ein Nichts.

Der Arzt hingegen spricht mit der Deutlichkeit einer Authentizität, die nicht nur die seine ist, sondern ihm aus dem Kreis, in dem er steht, zuströmt. Er spricht nicht für sich. Er spricht im Namen der Hände, mit denen seine Kolleginnen und Kollegen täglich arbeiten, um Menschen am Leben zu halten. Nicht er spricht, sondern die Hände neben ihm. Es sind Hände, die nicht mehr können: »On est au bout.« »Wir sind am Ende.« »Wir können nicht mehr.« Und darin steckt: »Wir werden bald die Hände sinken lassen.« »Mehr ist nicht möglich.« Immer wieder: »On est au bout.«

Und das ist so dramatisch echt, so ungekünstelt, dass das Verhältnis zwischen Hand und Stimme plötzlich auf vollkommen neue Weise in einen dringt. Warum murmelt Macron, statt vernehmlich zu sprechen? Die Antwort muss lauten: Macron ist nicht zu vernehmen, weil er sich vernommen fühlt, eine Vernehmung erlebt, auf die er nicht vorbereitet war. Und auch weil der Arzt nicht nur seine – des Staatschefs – Hand in der Hand hat, sondern auch mit dieser seiner einen Hand den Druck zum Ausdruck bringt, unter dem er und das ganze Personal stehen. Bald werden sie nicht mehr können. Bald wird der Versuch, gesundmachend zu wirken, unmöglich werden und das Ganze ihren Händen entgleiten.

Was ja in der Tat schon dabei ist, zu passieren. Die Dramatik des Unvorbereitetseins nimmt Konturen an. Und mit der Stimmlosigkeit Macrons hat das zu tun, weil der Besuch des Staatspräsidenten diesem berühmten Krankenhaus (das das Mitleid – la pitié – im Namen führt) endlich die Gelegenheit gegeben hat, die Präsenz der Presse, die mögliche Vermehrung der Stimmen über den Zustand der französischen Krankenhäuser, zu nutzen und die Bevölkerung wissen zu lassen, dass nichts mehr geht, dass die Sparmaßnamen eine stumme Verzweiflung hervorgebracht haben, die sich jetzt erneut, ein x-tes Mal, Gehör zu verschaffen versucht. Die Hand also als Ausdruck des Drucks in der Realität des medizinischen Personals. Und die Stimme des Arztes als Verlängerung der Hand und Hände. Und der Präsident, so die Hoffnung, als weitere Verlängerung der Stimmen und Hände, weil die Journalisten über Macron mehr zu berichten pflegen als über diejenigen, die kranke Menschen pflegen.

Im Normalfall ist vorgesehen, dass man sich bei solcherart Besuchen begrüßt, einige Worte wechselt und sonst, im Sinne einer protokollarischen Bilder- und Wortproduktion zugunsten der Regierung, der Besuch den vorgeschriebenen Etappen folgt. Doch der Arzt folgt nicht. Er hat die Fähigkeit der Verlangsamung entdeckt. Solange Macrons Hand in der Seinen steckt, zwingt er den stärksten Mann des Landes, ihm Gehör zu schenken. Er kann eine Rede halten, die weit länger ist, als das Besuchsprotokoll je geplant hat, weil Macron ja mit dem Anspruch gekommen ist, sich zu informieren und die Realitäten in Augenschein zu nehmen, die sich allgemein (und mit dem ausbreitenden Virus noch mehr) in den französischen Krankenhäusern ausbreiten. Er kann also nicht einfach gewaltsam seine Hand aus der Hand des Arztes ziehen, sie nicht wegreißen, kann auch nicht mit seiner Linken auf die des Arztes schlagen, um eine Freigabe zu erwirken. Das würde nicht gut wirken. Schon ein Zerren an der eigenen Hand würde den Eindruck zum Skandal machen, der sich von Anfang an eingestellt hat: dass Macron die Kontrolle über sich, seine Hand, die Krankenhäuser und sein politisches Programm verloren hat. Oder verlieren müsste. Wenn er denn wirklich zuhören würde. Und wenn er verstünde. Doch versteht er? Vernimmt er das so deutlich Vernehmbare?

Vorerst ist es so, als wirke die bürgerliche Konvention weiter, die auf der Hoffnung fußt, dass der Arzt irgendwann auf- und die eigene Hand wieder freigeben wird, auf dass er, Macron, mit dem Zuhören aufhören könne. Doch bis zum Moment der Freilassung strömt die Zukunft durch die Körper der beiden Männer. Der Arzt spricht, noch immer. Beherrscht, höflich, aus einer stillen Verzweiflung heraus, die ihm die notwendige Kraft gibt, aus seinen gegenwärtigen Erfahrung die kommende (und schon eintretende) Zukunft abzuleiten. »On est au bout.« Die nächste Zeit wird dramatisch werden. Aber nicht etwa wegen der Dinge, die die Zukunft bringen wird. Vielmehr weil die Situation schon seit langem dramatisch ist. Er bittet den Staatschef, einzuschreiten. Der murmelt etwas von den Fehlern seiner Vorgänger, davon auch, er habe »parfois le sentiment de payer l’addition de beaucoup de comptes qui sont restés non soldés« (»…mitunter das Gefühl, die vielen Rechnungen zu bezahlen, die unbezahlt geblieben sind.«) Anders gesagt: Macron versucht, sich rauszureden. Und rauszureden, indem man Ausreden erfindet, heißt: versuchen, die Hand raus-zu-reden. Sie mit Hilfe der Worte (und dem Hinweis auf finanzielle Zwänge) endlich rauszuwinden, mit windigem Hinweis auf die Vergangenheit zwar, doch beherrscht eben von dem Gefühl, der Arzt des Krankenhauses Pitié-Salpêtrière (das das Mitleid im Namen führt) müsse und werde Mitleid mit ihm haben und seiner Hand die Handlungsfähigkeit zurückgeben.

Doch Mitleid ist die Sache des Arztes nicht. Er weiß etwas von Gefühlen und ihrer windigen, schnell verwehten, wenig handgreiflichen Benutzung. Nicht weit von einem der ältesten Krankenhäuser der Stadt Paris – dem Hôtel Dieu – liegt die Kirche Notre-Dame, die jetzt in Teilen eine Ruine ist. Das ist eine Tatsache. Der Arzt: »Quand il a fallu la sauver, il y avait beaucoup de monde pour être ému. L’hôpital public est en train de flamber à la même vitesse à laquelle Notre-Dame a failli flamber.« (»Als man sie hat retten müssen, waren viele gerührt. Die öffentlichen Krankenhäuser sind dabei, mit der gleichen Geschwindigkeit in Flammen aufzugehen, mit der Notre-Dame fast in Flammen aufgegangen wäre.«) Nationales Pathos, Bilder einer Zerstörung, die zurückführt zum Mit-Leid, das von den sachlichen Gegebenheiten her argumentiert.

Aber vor allen Dingen geht es um letztere: »Le moment opportun d’agir pour un président de la République, même pour une situation dont il n’est pas responsable, c’est maintenant. […] Prenez la main et donnez les moyens au ministre de la Santé, à Martin Hirsch […], pour les nous donner les moyens de soigner nos patients.« (»Der richtige Moment für den Präsidenten der Republik, um zu handeln, auch wenn es sich um eine Situation handelt, für die er nicht selbst verantwortlich ist, ist jetzt. Ergreifen Sie die Hand und geben Sie dem Gesundheitsministerium, geben Sie Martin Hirsch die Mittel, um uns die Mittel zu geben, unsere Patienten gesund zu machen.«) Eine ganze Reihe von Händen wird evoziert, eine Kette, die funktionieren muss, damit man sich weiterreicht, was nötig ist, um den Patienten – das letzte Glied der Kette, das fast vergessene – zu heilen.

Die Hand des Präsidenten müsste wieder Kontakt finden zu den vielen, kleinen Händen, die gerade leer dastehen, leer vor ihren Patienten. Und darum steckt jetzt und hier Macrons Hand immer noch in der des Arztes. Sie steckt und steckt. Und des Präsidenten Rede stockt, denn verstockt ist er schon jetzt. (Oder ist das eine Eigenschaft, schon immer?)

Doch dann glaubt Macron endlich, nach dieser für ihn ganz ungewohnte Erfahrung, nicht zu Wort zu kommen, darin erneut ganz der kleine neoliberale Buchhalter, der er ist und der alles nur vom Aspekt der Finanzen her zu sehen vermag, jetzt doch wieder – endlich – das Wort ergreifen zu zu können. Es zu ergreifen, weil ihn der Arzt zu ergreifen versucht, von der Hand, aber auch vom Herzen her. (Das Krankenhaus trägt die »pitié« in ihrem Namen) An den Arzt gewendet, sagt er (nämlich Macron): »Je compte sur vous.« (»Ich zähle auf Sie.« / »Ich rechne mit Ihnen.«) Der Arzt bestätigt, nachdenklich, lächelnd auch, auf ihn – den Arzt – werde man zählen, mit seinem Engagement zugunsten der Kranken rechnen können. »Vous pouvez compter sur moi.« (»Sie können auf mich zählen.«) Und dann doch wieder, als letzte, symbolische Rückgewinnung der Hand, die er jetzt endlich hat fahren lassen: »L’inverse reste à prouver.« (»Ob das auch umgekehrt gilt [nämlich für Macron], muss sich noch erweisen.«)

Inzwischen hat es sich erwiesen: Macron kommt zu spät. Die Zukunft ist da. Handgreiflich und brutal. Mit einem Gesundheitssystem, das nicht mitkommt. Aber sogar schon am selben Abend, direkt nach der Erfahrung mit einer Hand, die zum Schraubstock geworden war, hatte es sich erwiesen, dass Macron nicht lernfähig ist. Bei einem Staatstreffen in Neapel, am gleichen Tag noch, äußerte er mit Blick auf den Pariser Arzt: »C’est un médecin qui représentait la coordination, l’intersyndicale, lequel est neurologue – il n’a rien à avoir avec le coronavirus – qui a tenu ces propos. Il n’a rien à avoir avec la crise que nous sommes en train de vivre.« (»Das ist ein Arzt, der sich um die gewerkschaftsübergreifende Koordination kümmert, ein Neurologe – er hat mit dem Coronavirus gar nichts zu tun – und der hat sich geäußert. Er hat gar nichts zu tun mit der Krise, die wir gerade erleben.«)

Inzwischen ist es so, dass man die Ärzte – zum Beispiel Neurologen – in die Abteilungen ruft, mit denen sie ursprünglich »gar nichts zu tun« haben, schlicht, weil es dort nicht etwa nichts, sondern viel zu viel zu tun gibt – zu viel, als dass die Ärzte, die legitimierweise »damit zu tun« haben (und also keine Neurologen sind), es allein schaffen könnten. Doch dass jemand dem anderen die Hand reicht, einfach, weil es sein muss und die Situation eine Zusammenarbeit jenseits von Spezialisierungen erheischt, das kann Macron natürlich nicht begreifen.

Aber dass es ihn doch wurmt, im Moment der Begegnung ein kleines, nichtssagendes Würmchen gewesen zu sein, erdrückt von einer Hand, die Hand in Hand mit anderen arbeiten wollte (und vor allem: arbeiten können wollte!), das zeigt sich darin, dass er von selbst auf das Thema zurückkommt, in Neapel dieses Mal. Er verunglimpft den Arzt, spricht im die Berechtigung ab, sich zum Coronavirus zu äußern. Und er selbst äußerst sich jetzt wieder in altbekannter Eloquenz. Die Sprachlosigkeit ist überwunden. Sie war nichts als eine kurze, aber denkwürdige Episode.

In Neapel wohnt man psychologischen Prozessen bei, mit deren Hilfe Macron die narzisstische Kränkung, die er erlitten hat, zu beseitigen versucht. Die Kränkung rangiert so stark vor der neuen Krankheit – dem Virus –, so stark auch vor den Krankenhäusern und ihrem desolaten Zustand, dass er taub wird für die Wahrheiten, die er wenige Stunden zuvor zu hören bekommen hat. Und so spricht er wieder, wortmächtig, erinnerungs- und zukunftslos, ohne jede Vorstellungskraft, als Mann, der nie etwas wird lernen können.

Dabei hätte er sich vielleicht wenigstens das Körpergedächtnis und damit eine andere Art von Lernen bewahren können: In dem Moment, in dem er die Hand des Arztes ergriffen hatte, um sie zu schütteln und wieder loszulassen, war er ja einer Konvention gefolgt, die für ihn offenbar noch ganz unhinterfragt dastand: Man schüttelt eben die Hand des anderen, wenn man diesem einen – noch dazu offiziellen – Besuch abstattet. Aber der andere war aufgrund seines Berufs schon vorbereitet auf die Infragestellung der Konvention des Händeschüttelns. Er wusste, dass das Ineinandergreifen von Händen dabei war, jede Unschuld zu verlieren, und dass auch Macron würde lernen müssen, dass man in Situationen wie der gegebenen dem anderen eigentlich nicht mehr die Hand schütteln dürfte.

Und trotzdem schüttelte Macron dem Arzt die Hand, überzeugt also davon, dass es normal sei, dem anderen die Hand zu schütteln. Und der Arzt, der darauf einging und jetzt seinerseits Macron die Hand zu schütteln begann, schüttelte und schüttelte, ließ nicht mehr los und machte dadurch aus dem Händeschütteln noch in einer anderen Hinsicht etwas Subversives: Er bezog aus dem Festhalten nicht nur die körperliche Entfaltung einer Macht, die zuvor institutionell und finanziell ganz und gar auf Macrons Seiten gestanden hatte, sondern er schüttelte auch, als wolle er das potentiell Krankmachende dieser Geste durch deren Verlängerung für Macron sichtbar machen. Und wenn schon nicht für Macron, dann zumindest für die umstehenden Presseleute. Und wenn schon nicht für die Presseleute, dann vielleicht wenigstens für die Menschen, die sich das Video der Presseleute von diesem Besuch ansehen würden. Denn in Wirklichkeit legte der Arzt Hand an Macron. Er wurde handgreiflich im besten und konkretesten Sinne des Wortes: Das Händeschütteln wurde zu einem Angriff auf den Präsidenten.

Doch juristisch erwächst dem Arzt daraus keine Verantwortung. Es war ja umgekehrt Macron gewesen, der als erster auf ihn zugegangen und begonnen hatte, ihm die Hand zu schütteln. Macron war es gewesen, der sich durch sein bloßes, von Konventionen gesättigtes Denken und Hände-Schütteln zum Handlanger einer verantwortungslosen Gesundheitspolitik gemacht hatte. Und Handlanger zu sein – das weiß man ja schon lange – bedeutet stets, Gewalt zu unterstützen, ohne auch nur einen Gedanken daran verschwenden zu müssen, dass man sich zumindest mitschuldig macht.

Der Arzt hingegen schritt auf Macron zu, schritt zur Verlangsamung einer Geste bis hin zu ihrer Erstarrung und schuf durch die Erstarrung plötzlich so etwas wie Erkenntnis: Wer einem Präsidenten die Hand zu schütteln beginnt, der noch nicht einmal in Ansätzen über das gefährlich Konventionelle dieser Geste nachzudenken begonnen hat, muss schütteln und schütteln und schütteln, damit sich die Geste des Schüttelns der Hand körperlich fortpflanzt und nach oben steigt, nämlich hin zum Kopf, den man eben auch zu schütteln hat angesichts eines solchen Präsidenten, der zwar gern mit seiner Hand die Hand von anderen schüttelt, niemals aber seinen eigenen Kopf. Und nun schon gar nicht gar den Kopf über sich selbst!

Das aber hat der Arzt ihm vorgemacht: Er hat Macron die Hand geschüttelt, weil er als gewerkschaftlich organisierter Beobachter von Realitäten eigentlich schon seit mehr als einem Jahr den Kopf über diesen zu schütteln begonnen hatte. Aber dieses sein Kopfschütteln hatte Macron (obwohl es ein massenweises, vom gesamten französischen Gesundheitssystem getragenes gewesen war) natürlich nicht wahrnehmen wollen. Er wollte einfach nur die Hand schütteln!

Die Hand hat den Vorteil, dass man mit der eigenen dem anderen die Seine schütteln kann: Man bewegt die eigene Hand in rascher Folge nach oben und unten und bewegt, weil die Hand des anderen in ihr ruht, diese andere Hand gleich mit. Leider ist es aber nicht möglich, durch das Schütteln des eigenen Kopfes auch den Kopf des anderen mitzuschütteln, denn Köpfe greifen nur selten ineinander. Darum sind Köpfe der Erfahrung des Schüttelns und Erschütterns, die der andere gemacht hat, kaum zugänglich. Einen Arzt mag es erschüttern, dass er seinen Patienten nicht mehr die Pflege zuteil werden lassen kann, derer sie bedürfen. Aber wenn er über eine Politik den Kopf zu schütteln beginnt, die erklärt, warum ihm Patienten ganz unnötig wegsterben, dann bleibt das leider Gottes eine ganz private Geste, ja fast schon – aus Macrons Sicht gesehen – eine Art Tick, den Gewerkschafter eben so an sich haben: Sie schütteln zu allem und jedem den Kopf, sind niemals zufrieden mit dem, was man ihnen bietet. Und weil der Arzt das wusste, hat er darauf verzichtet, den Kopf zu schütteln und hat es dieses Mal mit der Hand versucht. Darum also schüttelte er dem Präsidenten die Hand.

Und noch einmal: Es war angesichts des Virus bereits absurd, einander die Hände zu schütteln, doch im Kontakt mit einem Präsidenten, der nicht einmal versteht, was handgreiflich vor ihm liegt – das Krankenhaus, das den Namen des Mitleids im Namen trägt, das Krankenhaus mit seiner Not –, kann ein Arzt eigentlich nur noch das Schütteln anhalten, die Bewegung der Hände erstarren lassen, hin zu einem Bild, in dem das Schütteln der Hände als Selbstverständlichkeit aufhört.

Selbstverständlichkeiten haben, wie gesagt, die Eigenschaft, nicht sichtbar zu sein. Mitunter reicht aber eine Winzigkeit – hier zum Beispiel die Verlängerung des Schüttelns –, um die Konvention zu sprengen, sie sicht- und erkennbar, d.h. dem Kopfschütteln zugänglich zu machen. Die Herstellung des Ungewohnten hilft, Selbstverständlichkeiten abzuschütteln, die Köpfe zusammenzustecken – und mit dem Denken zu beginnen. Mit dem Denken der Hände, die man schüttelt und schüttelt und schüttelt, so wie es einen schüttelt beim Anblick eines Präsidenten, der in der anvisierten Kürze des Besuchs auch schon die Kürze des Händeschüttelns festlegen zu dürfen meinte.

Zumindest daran hat ihn der Arzt gehindert. Der Besuch hat nicht lang gedauert, das Händeschütteln aber wohl. Und das ist eine wohltuend ermutigend Tat. Jemand ist handgreiflich geworden. Jemand hat die Bedeutung, die den pflegenden, lindernden, heilenden Händen zukommt, begreiflich gemacht. Bis hinauf in den Kopf.

Und wir? Wir sind die potentiellen Patienten, diejenigen, die mehr brauchen als das Mitleid, das das Krankenhaus im Namen führt, und wir können angesichts der Dummheit, die sich in Macrons Verzicht auf’s Kopfschütteln ausspricht, nur Karl Kraus zitieren, sprachlos zu seiner Zeit auch er. Und doch sprach er in dem Bewusstsein »Jetzt war Krieg«. »Wir, die ein kurzes Gedächtnis langer Leiden tauglich macht, sie wieder zu erleben, möchten vergessen, was jene getan haben.«

Corona 13: Die Klugheit der Frauen

Zu Boccaccios ‚Decamerone‘

Der Boden, auf dem die größtenteils heitere, aus den vielversponnenen Molekularbewegungen des Eros zusammengesetzte Geschichtensammlung des ‚Decamerone‘ errichtet wird, ist klaffend, düster, ja eigentlich bodenlos. Es ist die Pest, die Florenz überfällt und verheert. Nicht allein, dass sie nach Schätzung des Erzählers fast die gesamte Einwohnerschaft der Stadt, etwa 100.000 Menschen, zu Tode bringt. Mit ihr zerfallen alle Werte und Ordnungen zu Staub. Es ist nicht einmal so, dass noch gezeigt werden könnte, wie das Gebäude der heiligen apostolischen Kirche geschleift wird; es ist als hätte es nie existiert oder doch zumindest, als läge seine Demontage in unvordenklicher Vorzeit. Die Kirchen sind seit langem Ruinen, die Priester Marionetten in dem Augenblick, in dem der Vorhang sich öffnet; und dass in den Novellen selbst Geistliche praktisch nur noch als notgeile oder geldgierige Karikaturen in Erscheinung treten, zieht daraus die Konsequenz: es sind die invertierten Restbestände eines Standes, von dem nichts weiter geblieben ist als lächerliche Körperreflexe.

Auf diesem Zerfall wird eine neue Ordnung errichtet. Der Hergang ist wahrscheinlich bekannt: Sieben junge Frauen fassen den Entschluss, dem allgemeinen Sterben zu entrinnen und sich auf ein Landgut zurückzuziehen, das ihnen mehr Sicherheit verspricht als die verwüstete Metropole. Das bleibt notierenswert. So wie es bei uns im Augenblick überwiegend die Frauen sind, die dafür sorgen, dass die Gesellschaft überhaupt noch funktioniert, weil sie auf dem meist schlechtbezahlten Feld der materiellen Selbstreproduktion tätig sind, sind sie es immerhin, von denen bei B. der erste und entscheidende Anstoß ausgeht, die sich selbst verschlingende Gesellschaft des Mittelalters zu verlassen, sich zu retten und etwas Neues zu versuchen, das gerade nicht auf den wer weiß wie stark nachwirkenden Trümmern der Vorgeschichte errichtet wäre. Richtig ist, dass sie sich dafür drei junge Männer als Begleiter ausersehen. Sie sollen sie schützen, bleiben aber mit Bedacht in der Minderzahl. Sie machen die Säkularzahl 10 komplett und stehen nur insofern nicht in der zweiten Reihe, als es Boccaccio im weiteren daran gelegen ist, den Geschlechtsunterschied zu verwischen. Wenn erzählt wird, ist es nicht mehr so wichtig, wer die Einzelnen sind und welchem Geschlecht sie zugehören. Ganz im Unterschied zu den Geschichten, die uns von ihnen erzählt werden, leben die zehn jungen Menschen selbst in einer überraschend keuschen Gemeinschaft. So delikat vielleicht die Fantasien gewesen sein mochten, die B. bei seinen Leserinnen und Lesern durch die Kombination von 7 Frauen und 3 Männern auslöste: de facto läuft nichts. Alle erotische Energie, die in diesen lebenslustigen Menschen zirkuliert, wird offenbar in ihre Geschichten verschoben. Die gehen mit ihr dafür umso freimütiger um. Vor uns baut sich eine monumentale Sublimationsleistung auf. Ihre Besonderheit ist, das B. ihre erotische Grundlage keineswegs verschweigt und die Interpreten nicht gezwungen sind, sie sich bruchstückweise zusammenzuanalysieren und von Symptomen auf ihre angenommene Ursache zurückzuschließen. Er zeigt nicht bloß das Endprodukt eines psychischen Vorgangs, nenne man ihn nun Sublimation oder Verdrängung: er zeigt den Vorgang selbst und bringt damit auch die Gestehungskosten des durch ihn begründeten Erzählens in die Erscheinung. Das ist so großartig, wie man es sich nur denken kann. Denn es enthält die Möglichkeit einer Kultur, die ihr Verdrängungsfundament infrage stellt.

Die zehn jungen Leute fliehen also aus der Stadt (und Boccaccio steht nicht an, diesen Vorgang einige Seiten vorher als „grausam“ zu bezeichnen). Sie versammeln sich in einem hortus conclusus kultivierter Natur – wie bei Ovid [Ars Am. III, 127] ein Gegenbegriff zu der Kultur, die auf Unterdrückung der Natur basiert. Sie geben ihrem Tagesablauf Regeln, die ihnen reihum wechselnde Aufgaben zuweisen (ähnlich wie in einer WG, die Arbeitsteilung, aber keine Hierarchie kennt). Und sie erzählen einander Geschichten, die zum Teil unter ein bestimmtes Motto gestellt werden, zum Teil ad libitum erzählt werden können, Regel und Regellosigkeit also selbst in einer Regel verknüpfen. Aus diesen Regeln, die man sich selbst gibt, vor allem aber auf dem Unmaß der diskontinuierlich miteinander verflochtenen Geschichten, die meistenteils vom ‚Triebgrund‘ und aus ihm heraus erzählen, formt sich der Umriss einer säkularen Kultur, die sich auf ihn stellt, weil aller spirituelle Überbau zerschlagen wurde. Das ist nicht das Ende, sagt Boccaccio, es ist nur ein Ende und trotz der furchtbaren Gräuel, die zu Beginn geschildert wurden; trotz des leisen Zynismus, mit dem sich die junge Feudalaristokratie so darüber hinwegsetzt (wie sich vielleicht auch jetzt die vermögende Intelligenzia auf ihre Landhäuser zurückziehen kann); trotz all der moralischen Bedenklichkeit, die diesen Epochenriss begleitet, ist dieses Ende in Boccaccios Augen zu begrüßen, weil es zu einem neuen Anfang hinüberführt. Den macht sich die Elite selbst. Aber muss er deswegen per se schlecht sein? Noch einmal ist Gewicht auf das zu legen, was zählt und was die Menschen in solchen Zeiten miteinander verbindet und zu neuen sozialen Mustern fügt: Gleichheit und gemeinsame Arbeitsteilung statt ihrer hierarchischen Verordnung; Sprache und Erzählung als materieller Geist, der aus den Körpern kommt statt sie zu unterwerfen. Und zu achten bleibt wohl auch darauf, dass die Initiative zu solch säkularer Selbstbegründung von den Frauen ausgeht. Das müssen in Zeiten des sozialen Geschlechts keine Frauen im biologischen Sinne sein: wozu auch? Gemeint ist ein bestimmter Typus von Klugheit, der Natur und Geist in ein anderes Verhältnis fügt als dies von der herrschenden, üblicherweise der männlichen Kultur getan wird.

Corona 12: Im Supermarkt II

von Anne Peiter, Réunion

An einer Kasse im Supermarkt: Die Kassiererin bittet um die Einhaltung des vorgeschriebenen Abstands. Die Frau vor ihr, die Kundin, dürfte nicht da sein, wo sie ist: Sie ist zu nah herangerückt an die Kasse. Sie verhält sich, als wäre das Stehen an der Kasse weiterhin etwas Normales. Aber normal ist jetzt nichts mehr. Die Kundin dürfte zudem gar nicht sein, wo sie ist – nicht nah an der Kasse und selbst nicht die vorgeschriebenen Schritte entfernt von ihr –, denn sie wartet auf das Ergebnis des Tests, der in wenigen Stunden erweisen wird, ob sie den Virus hat oder nicht. Trotzdem ist sie da. Da und zu nah. Nicht zuhause, nicht in fernster Ferne, sondern in allernächster, so dass die Kassiererin Angst bekommt.

Diese weiß aber gar nicht, dass sie allen Grund hat, vor dieser Kundin Angst zu haben. Sie weiß nicht, dass diese auf das Ergebnis des Tests wartet. Aber sie weiß, dass der Abstand in jedem Fall zu gering ist. Und sie sagt, dass die Welt jetzt alles ist, was der Fall ist: der Zufall nämlich, der heraufbeschworen werden könnte, wenn die Frau (die sie für normal hält, d.h. für gefährdet und gefährlich wie wir alle, doch nicht für besonders gefährlich, nicht für eine, die auf das Ergebnis ihres Tests wartet), wenn die Frau krank wäre. Die Kassiererin besteht also auf der Einhaltung des Abstands. Die Kundin ihrerseits weiß, dass der Zufall, der gerade die Welt geworden ist, in ihrem Fall besonders naheliegt: Das Ergebnis des Tests wird in wenigen Stunden eintreffen. Und trotzdem ist sie da. Und will einkaufen. Vielleicht weil in wenigen Stunden der Test eintreffen wird? Und weil sie vorher etwas zu essen nach Hause bringen will? Gegen alle Vorschriften? Aber sie muss es für den Fall, dass der Test positiv ausfällt?

In jedem Fall bringt der Hinweis der Kassiererin, sie stehe zu nah an der Kasse, sie in Rage. Mit einem schnellen Schritt nähert sie sich noch mehr, verringert den Abstand bis zum Äußersten – – und hustet aus nächster Nähe der Kassiererin mitten ins Gesicht.

Jetzt ist der Fall der Fälle, für den der Abstand vorgeschrieben worden war, ein wirklicher Fall geworden: ein Kriminal- und vielleicht sogar (das wird sich in wenigen Tagen zeigen) ein Mordfall. Die Kundin hat der Kassiererin ins Gesicht gehustet. Die Kundin, die auf das Ergebnis ihres Tests wartet, d.h. weiß, dass ihr Körper vielleicht schon seit Tagen eine biologische Waffe ist, nutzt diese Waffe und richtet sie (d.h. sich) gegen den Körper der Kassiererin. Die Bitte um Abstand wird als Provokation wahrgenommen, gerade weil so wahrscheinlich ist, dass der Abstand – doch das kann die Kassiererin gar nicht wissen – in diesem Fall wirklich im höchsten Maße geboten wäre.

Und weil die Kassiererin, ohne es zu wissen, die Wahrheit trifft (die Wahrheit in all ihrer dramatischen Wahrscheinlichkeit), versucht umgekehrt die Kundin, die Kassiererin mit dieser ihrer (der Kassiererin) Wahrheit (die sie, die Kundin, selbst noch nicht recht anerkennen mag) zu treffen. Es ist, als wäre die Kassiererin (ohne es zu wissen) der Kundin an Wissen voraus gewesen und als hielte es die Kundin nicht aus, dass die Kassiererin (die nur für den Fall der Fälle auf der Einhaltung des Abstands zu bestehen versuchte) unwissentlich die Wahrheit gesprochen hat. Die Kundin bestraft also die Kassiererin für eine Wahrheit, von der diese gar nicht wusste. Und doch wusste die Kundin die Wahrheit, weil das Wissen sich in der gegebenen Situation stets auf deren Möglichkeit bezieht – die Möglichkeit von Wahrheiten, die man nicht gern verkörpern möchte: die Möglichkeit von Krankheit und Tod. Die Kassierin anzuhusten, bedeutet demnach, die Wahrheit auf sie abwälzen zu wollen, und wenn das Abwälzen nicht gelingt (denn irgendwie weiß ja auch die Kundin, dass ihr Krankheit und Tod bevorstehen könnten), dann soll die Wahrheit zumindest zu einer geteilten werden. Wenn man schon selbst krank wird, soll auch der andere, der ungewollt daran erinnert hat, dass man selbst krank werden könnte (und zwar vielleicht schon in Kürze), krank werden und sterben. Man nutzt, was man in sich trägt. Man genießt im Moment der Rage, dass man keine Waffe braucht. Man ist die Waffe. Doch zugleich behauptet man durch den Angriff – die Hustenattacke im neuen, schrecklichen Wortsinn –, man selbst sei angegriffen worden, nämlich durch die bloße Aufforderung, sich friedlich zu ver- und seine Wahrheiten für sich zu behalten.

Die Kundin aber weiß als einzige, unbezweifelbare Wahrheit, dass ihr eine Macht zugewachsen ist, die sie nie zuvor besessen hat. Nie hätte sie sich in normalen Zeiten mit einer Pistole oder einem Messer auf eine Kassiererin gestürzt. Nie wäre sie zu einer Mörderin geworden. Oder anders: Nie hätte sie zu einer Mörderin werden können. Höchstens zu einer Kundin, die, aus einer plötzlichen Rage heraus, jemanden (z.B. eine Kassiererin) anspuckt.Aber vielleicht auch das nicht, denn jemanden anspucken, ist im Normalfall eine zwar symbolisch hochgradig verwerfliche – nicht aber tödliche – Gewalt.

Oder doch? Ist vielleicht in jedem Anspucken schon der Wunsch, den anderen zu töten, enthalten? Und zur wirklichen Tötung wird das Verspritzen der eigenen Körpersäfte dann, wenn ansteckende Krankheiten den Radius dessen, was als Waffe zu definieren wäre, erweitert haben? Hat die Kundin im Kopf, dass das, was das Militär für den Kriegsfall als Waffe nutzen könnte – bewusst hergestellte und sodann mehr oder weniger gezielt verbreitete Krankheiten –, nun auch ihr zur Verfügung steht? Bricht an den Kassen der Supermärkte ein Krieg im Kleinen aus? Ein Krieg, der sich im Großen wiederholen könnte?

Man spuckt dem Gegner ins Gesicht. Man spuckt ihn mit seiner Zukunft an, als Antizipation des Todes, der dann sozusagen von allein kommen wird, ohne weitere Beihilfe des Täters. Die Krankheit macht an seiner Stelle die Arbeit. Man behauptet die Natürlichkeit des Todes des anderen und genießt doch zugleich das Bewusstsein, dass man das Natürliche zur Waffe – also zum Ergebnis der eigenen Kunstfertigkeit – zu machen vermochte. Und das ohne jeden Aufwand! Einfach, weil die Krankheit da und in einem war. In einem ist. Einfach, weil man für die Krankheit, die einen selbst ergriffen haben mochte, stets einen Schuldigen brauchte. Und weil man die Krankheit selbst nicht angreifen, sondern sie nur behandeln kann – als Erfahrung einer Form von Hilflosigkeit, ja Demut –, muss man die Krankheit künstlich aus sich ausstoßen und den Schuldigen, den es nicht gibt, durch sie treffen.

Ein solches Verhalten aber ist nur denkbar, wenn der Gedanke, für Krankheit gebe es immer einen Schuldigen, ganz tief verwurzelt ist. Die falsche Projektion wird zum Projektionsstrahl der eigenen, infizierten Spucke. Die Möglichkeit, mit großer Leichtigkeit andere zu töten, wird nicht als Aktion gesehen, sondern als Reaktion. Man greift nicht an, sondern fühlt sich in erster Linie umgekehrt angegriffen. Die Kasse des Supermarkts wird zur Frontlinie eines neuen Krieges. Opfer der Krankheit geworden zu sein, die sich in Form des ausstehenden, schon in Bearbeitung befindlichen Tests bereits in einem ausbreitet, ruft die Gewissheit hervor, es müsse jemanden gegeben haben, der einen hatte krank machen oder einem gar den Krieg erklären wollen. A la guerre comme à la guerre: Man handelt, dieser Logik entsprechend. Man spuckt. Spuckt zurück. Man hat das Projektil im Mund.

Entscheidend darin ist die Vermischung aller Zeitebenen. Als auf Seiten der Kundin die Ansteckung erfolgte, war die Kassiererin vermutlich weder da noch gar verantwortlich. Aber schlicht dadurch, dass sie auf die Kundin trifft, als diese auf das Eintreffen einer möglicherweise dramatischen Nachricht wartet, wird sie zur Verursacherin von etwas erklärt, was Tage zuvor stattgefunden haben muss: die Ansteckung. Sie – die Kassiererin – wird, ohne es zu wollen, zur Botin, die die Botschaft bringt. Und wie so häufig in der Geschichte ist das Leben von Boten extrem gefährdet. Der sagt, was ist, hat bewirkt, was ist. Schlimmer noch: Er ist, was ist. Die Kassiererin wird zur Trägerin der Krankheit erklärt, obwohl sie – wahrscheinlich – noch gar nicht krank ist. Dadurch aber, dass ihr ins Gesicht gehustet wird, bestätigt die Tat, was – vielleicht – noch gar nicht tatsächlich war: In wenigen Tagen wird die Kassiererin ihrerseits krank werden. Und sobald das eingetroffen sein wird, ist nicht mehr wichtig, dass sie in dem Moment, in dem sie die Botschaft überbrachte, noch gar nicht krank gewesen ist und folglich auch die Kundin nicht hat krank machen können. Es reicht, dass sie krank werden wird (und also geworden sein wird), um sagen zu können, sie sei tatsächlich krank und habe demnach krankmachend auf die Kundin eingewirkt.

Hier haben wir ihn wieder, den Mechanismus der »verfolgenden Unschuld«. Wie im Krieg. Weil man angegriffen hat, ist man angegriffen worden. Weil die eigene Rage einen überwältigt hat, muss man den anderen überwältigen. Das ist keine Redundanz, sondern wird als legitimer Grund erlebt: Man hustet.

Doch der Husten kommt, ohne dass die herkömmlichen juristischen Kategorien griffen. Was in großen, historischen Katastrophen zu geschehen pflegt, kündigt sich auch in der Banalität eines Streits an der Kasse eines Supermarktes an: Die Kundin wird schwerlich wegen versuchten Totschlags (oder vielleicht sogar Mords) verurteilt werden können. Jemanden anzuhusten, ist kein Straftatbestand, mit dem wir (und die Richter) uns auskennen würden. Und doch handelt es sich »natürlich« (d.h. kunstvoll) um einen Mordversuch. Und jetzt die Konsequenz und Nähe (die allzu große) zu den historischen Katastrophen: So wie nach diesen die subjektive Unschuld, die aus der Umkehrung des Verhältnisses von Opfer und Täter resultiert, lärmend von sich zu reden versteht, versichernd, man habe überhaupt nichts getan, habe schlicht auf eine Bedrohung reagiert, die auf einen eindrang, so wird auch hier, beim juristischen Nachspiel des Angriffs an der Kasse, die Kundin von sich sagen können, dass sie das Unglück gehabt habe, krank zu sein und darum gehustet zu haben. Die Täterin wird sich als Opfer der Krankheit darstellen und als Opfer die Unmöglichkeit erklären, zugleich auch Täterin gewesen zu sein. Denn beides scheint nicht miteinander vereinbar zu sein: Täterin kann man nur sein, wenn man nicht Opfer war. Wenn Krankheit Opfer-Sein bedeutet, ist man von vornherein aus allen Schuldzusammenhängen und polizeilichen Verhören herausgenommen. Man hat nichts getan. Man war krank.

Diese Argumentation, die auf einer perversen Art von Selbstmitleid beruht, ist nichts Neues. Sie ist antizipierbar als Resultat des verwirrten Umgangs mit Zeit. Denn ein weiteres Argument, um sich zu verteidigen, wird darin bestehen, die Zukunft vor der Gegenwart rangieren, sie letzterer vorangehen zu lassen: Hätte man die Kassiererin nicht angehustet, hätte diese einen angehustet. Denn der andere ist, da potentiell krank, immer schon der Feind, den es auszulöschen gilt. Dass die Kassiererin gar nicht gehustet, sondern im Gegenteil darauf bestanden hat, man dürfe sich gegenseitig nicht zu nahe kommen, war von der Kundin an der Kasse als Zudringlichkeit – also gar zu große (wenn auch nur verbale) Nähe – empfunden und darum als Wirklichkeit definiert worden, die, weil die Kassiererin hätte husten können – zum Beispiel um ihrer Forderung Gehör zu verschaffen –, wirklich gehustet habe. Und die Behauptung, sie hätte husten können, wenn man’s selbst nicht getan hatte, ist semantisch eigentlich nicht mehr unterscheidbar von dem Satz, sie – die Kassiererin – habe gehustet und darum habe man – erneut der Logik von Aktion und Reaktion folgend – selbst husten müssen. Die mögliche Reaktion der Kassiererin, die auf die Tatsache des Hustens der Kundin hätte folgen können – ein zukünftiges Ereignis also –, wird zu einem tatsächlichen, jetzt schon vergangenen erklärt (sie hat gehustet) und damit die Tatsächlichkeit der eigenen Tat herabgedrückt: Man hat’s ja nur getan, weil sie’s getan hat oder getan hätte oder hätte tun können oder es hätte tun wollen. Man selbst wollte es nicht. Man selbst musste es nur: Der Husten stieg in einem hoch (nicht die Rage). Man war krank. Und der Krankheit ausgeliefert. Und die Auslieferung war, weil man sich in ihr noch schnell etwas zum Essen besorgen musste, eine Sorge, für die es zu allem Überfluss auch noch einen Verursacher geben musste.

Zum Beispiel die Kassiererin, weil die nicht nur zum Fürsprecher der Anweisungen der staatlichen Autoritäten geworden war (sie hatte die Einhaltung des Abstands eingefordert), sondern zu allem Überfluss auch noch Geld für das nahm, um das man sich Sorgen machte. (Was würde man essen, wenn das Ergebnis des ausstehenden Tests wirklich positiv sein würde und man wegen der Überfüllung der Krankenhäuser allein zuhause klarzukommen hätte?) Die Parole von der geteilten Sorge konnte durch das Anhusten zu einer handgreiflichen Realität werden (genauer: gemacht werden): Auch die Kassiererin würde Zuhause bleiben müssen, ganz wie man selbst. (In der Tat hat sie sich nach dem Angriff, obwohl noch gar nicht krank, krank schreiben lassen und wartet jetzt, ganz wie die Kundin, auf das Ergebnis eines Tests, der in jeder Hinsicht vom Ergebnis des Tests abhängen wird, über den das Labor die Angreiferin informieren wird. Ist das Ergebnis der Täterin positiv, so mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch das des Opfers.)

Für die Kassiererin ist das Unterworfensein unter eine Krankheit, die der Täterin zustoßen wird, furchtbar. Noch in dem Moment, in dem sie Zuhause, krank geschrieben, auf die Nachricht wartet, ob sie krank werden wird oder nicht, weiß sie, dass das Schicksal der Täterin und ihr eigenes ein pervers geteiltes sein werden. Es ist in Ansätzen wie bei den mit AIDS-infizierten Tätern, die im Genozid an den Tutsi die Frauen, derer sie habhaft werden konnten, zu einem langsamen Tode verurteilten: Sie unterwarfen sie der Gewalt im Hier und Jetzt, doch zu allem Überfluss gaben sie selbst den Frauen den Tod mit auf den Weg, die der Zufall überleben ließ. Auch wenn sie dem Tod entronnen waren, wussten sie sich doch dem Tode geweiht. Die Vergewaltigung folgte ihnen über den Moment der Befreiung und der Gewissheit des Überlebt-Habens hinaus: als Ausbruch der Krankheit.

Das weitere Leben der Kassiererin wird nicht durch die gleichen Zeiträume definiert sein wie im Fall der Überlebenden in Ruanda. Die Entscheidung über Leben und Tod wird innerhalb kürzester Zeit fallen. Die Hoffnung besteht, den zweiten Teil der Mordattacke, die auf die Attacke durch die Hustenattacke folgen wird – nämlich den Ausbruch der Krankheit selbst –, vielleicht doch zu überleben. Der Virus ist kein absolutes Todesurteil und darin von AIDS unterschieden. Und doch kann die Krankheit zum Tode führen. Und wenn sie es kann, kann es geschehen.

Je nach dem, was die Krankheit entscheidet – ob sie nun töten wird oder nicht –, wird sich entscheiden, ob die Hustenattacke nur versuchter Totschlag oder aber Mord war. Und auch dieser Umstand wirkt sich zugunsten der Täterin aus. Wenn diese gar nicht sicher sein konnte, ob die Angegriffene krank werden würde, wenn sie beim Husten nur die Phantasie haben musste, dass die Krankheit im Bereich der Möglichkeiten lag, dann kann sie sich immer auf die Entschuldigung zurückziehen, dass genauso gut die Möglichkeit bestand, dass die Angehustete nicht krank werden und nicht sterben würde. Und vielleicht wird sie wirklich nicht sterben. Vielleicht werden die Ärzte ihr helfen können. Vielleicht. Sollte es aber so weit kommen, dass die Ärzte ihr helfen müssen (und es vielleicht auch können), bleibt doch die Tatsache bestehen, dass es auch anders hätte kommen können. Die neue Devise hätte darum zu lauten: Im Zweifel immer gegen den Angeklagten. Denn ohne dieses Insistieren auf der Notwendigkeit, dass man sich vorstellen können muss, was man herstellen kann – hier die Krankheit des anderen –, ist ein Zusammenleben schlicht nicht möglich. Ohne Phantasie verkommt der Husten zum Krieg und die Krankheit zur Freude, die Waffe jederzeit mit sich zu führen.

Nicht als etwas, was man einem aus der Hand schlagen kann, sondern als etwas, was mit einem verwachsen ist, also gar nicht bekämpft werden kann. In dieser Hinsicht wäre der Husten die Superwaffe schlechthin. Niemand kann sich ihrer bemächtigen. Der potentiell Kranke hat, solange er noch nicht krank ist, die ganze Verfügungsgewalt über sie. Und wenn er krank ist, in gewisser Weise auch noch. Sogar im Moment äußerster Schwäche kann er aus dieser noch die Stärke ziehen, die Hustenattacke zu steuern, über ihre Stoß- und Flugrichtung zu bestimmen, d.h. sich als handlungs- und tötungsfähig zu erleben. Also zu leben. Denn es gibt diese Art von Leben bei Menschen, die nur in dem Moment an die Wirklichkeit ihrer selbst zu glauben verstehen, in dem sie das »Weltvertrauen«, das uns zu einer menschlichen Gemeinschaft macht, täuschen.

Furchtbar daran ist, dass das Ganze sich in der reinen Banalität abspielt. Ein Supermarkt ist ja kein Schlachtfeld, und die Rechnung, die einem die Kassiererin reicht, im Normalfall keine Entscheidung über Leben und Tod. Dass aber gerade eine Schlange vor einer Supermarktkasse zur Bühne einer solchen Gewalt hat werden können, zeigt, wie die derzeitigen Beschleunigungsprozesse uns zu überrumpeln drohen. Es gibt keinen Übergang mehr zwischen einem »normalen« Streit an der Kasse und einem Streit, der zum Abschuss eines tödlichen Spucke-Projektils führt. Beides liegt mit einem Male so furchtbar nah zusammen. Die Krise ist da, plötzlich, man muss ihrer Eskalation gewärtig sein, und doch widerstrebt es einem, anzuerkennen, dass der Atem der Gewalt uns schon früher ins Gesicht wehte. So etwas wie ein zivilisatorisches Grund- oder Weltvertrauen ist noch da, grundlos auch dieses. Denn zum Leben in und mit der Welt gehört, dass man, wie Améry wusste, darauf vertrauen können muss, dass der andere nicht über die eigene Hautgrenze in einen einzudringen versucht.

Hier aber ist das Eindringen so perfide, weil es selbst nicht einmal wehtut und doch ein Akt höchster Gewalt ist. Man gibt sich als Hustender harmlos und produziert doch »harm« (im Sinne der englischen Sprache verstanden). So beginnt es. So hat es schon in anderen Situation begonnen. Und der nächste Schritt ist dann stets, dass man die Rage nicht nur als Rage auslebt und -hustet, sondern sie systematisiert und zur Verbreitung der Krankheit im großen Stil macht. Es hustet sich so gut gemeinsam.

Von der spanischen Grippe 1918 ist darum so viel die Rede, weil sie nicht getrennt vom Krieg gedacht werden kann. Die damalige Krankheit war die Fortsetzung der Produktion von Tod, wie der Krieg ihn sich zur Aufgabe einer hochspezialisierten, hochindustrialisierten Apparatur gemacht hatte. Das Credo: Krieg laufe darauf hinaus, so viele Gegner wie möglich zu töten, und wenn man genug von ihnen getötet habe, hörten sie auf zu kämpfen. In dieser Hinsicht war die Krankheit ein wertvoller Verbündeter. Zumindest so lange, wie sie nicht (wie dies im beginnenden Gaskrieg der Fall gewesen war) die Richtung änderte und gegen einen selbst zurückschlug. Die Krankheit musste gerichtet bleiben, ausgerichtet, gradlinig, auch darin dem Projektil ähnlich. Jeder Umweg, jede Richtungsänderung bedeutete, selbst gerichtet werden zu können: durch die Krankheit oder, später, durch Kriegsgerichte. Aber auch die Gerichte sind reine Theorie geblieben, darin vielleicht der nur scheinbar banalen Kassenszene vergleichbar. Man machte sich die scheinbare Fatalität und Natürlichkeit der Grippe zu nutze. Niemand hatte sie gewollt, und doch war sie da. Zu einer Verurteilung ist es nie gekommen. Die Krankheit war nur eine »Begleiterscheinung«.

Wenn der Gaskrieg eine Erfindung darstellte, die der Luft, die wir alle atmen – diese letzte »Allmende«, wie Elias Canetti sie genannt hat – zu einer Waffe gemacht hat, dann haben wir mit dem gezielten, nämlich auf’s prospektive Opfer zielenden Husten einen gleichsam »privaten«, in kleineren – banalen? – Dimensionen operierenden Angriff vor uns. Also letztlich doch etwas Militärisches. Einen Terror der Luft. Man nimmt dem Feind – wenn auch in zeitlicher Versetzung – die Luft zum Atmen. Man erstickt ihn, denn man weiß sehr wohl: Gerade stehen nicht genug Atemgeräte zur Verfügung, um alle Patienten zu retten. Also ist der eigene Husten immer schon der Husten des anderen. Und wichtig daran ist: nicht nur der Husten eines einzelnen. In dem Moment, in dem man die Luft mit Gewalt schwängert, um die eigene Macht über die eigenen Körpergrenzen hinaus zu erweitern, hinein in den anderen, sieht sich auch die Idee von Gemeinschaft aufgekündigt. Die Allmende eben, etwas, was alle gemeinsam (und ohne eigens dafür zahlen zu müssen) nutzen. Als eine der – so scheint es auf den ersten Blick – letzten Selbstverständlichkeiten, denn schon ist ja auch das Wasser weitgehend privatisiert und also auch da die Idee des Gemeinschaftlichen zerstört worden.

Haben wir nur noch die Luft? Marktfrei? Oder die jetzt auch nicht mehr? Eigentlich haben wir mit der Luft schon lange, lange Erfahrungen. Den anderen ersticken, ihm die Luft zum Atmen nehmen, und dies in riesigen Größenordnungen (man erstickt die Vielen), das ist das Zeichen für die Benutzung der Umwelt – hier der Luft – als Waffe. Man wirkt nicht direkt auf den gegnerischen Körper ein, sondern – vermeintlich – über einen Umweg. Aber einen gewollten, ausgeklügelten. Der Gaskrieg hatte es vorgemacht. Aber er hatte den Nachteil, dass auf die Umwelt als Verbündeten nicht recht Verlass war. Die Umwelt musste klar umrissen und beherrschbar sein, um mit hinreichender Sicherheit Tod verbreitend zu wirken. Schon der Atem des Windes konnte alles durcheinander bringen.

Auch in dieser Hinsicht hat die Kundin den Ort ihrer Hustenattacke gut ausgewählt: Supermärkte sind geschlossene Räume, in denen sich der Husten nicht zu verflüchtigen droht. Die Aussichten, dass der Virus in hinreichender Konzentration bleibt und wirkt, stehen hier gut. Schließlich sind Masken das Emblem des Versuchs, winzige, private Räume herzustellen: Räume vor dem Mund jedes Einzelnen. Doch da nicht genug Masken zur Verfügung stehen und nur Pflegepersonal und als krank Erkannte in ihren Genuss kommen, ist die einzige Maske, die die Normalbürger tragen können, eine unsichtbare: die eines Atems, der den Atem anhält. Zumindest so weit das möglich ist. Wir halten den Atem an, weil wir nicht wissen, was kommt. Oder weil wir wissen, was kommen könnte. (Das ist das Gleiche.) Wir tun, was wir können, nämlich: uns so sehr wie möglich zurückzuhalten. Vor allen Dingen aber: unseren Atem zurückzuhalten.

Wenn nun eine Person wie die Kundin glaubt, sie sei Kundin und damit Königin und ihr sei folglich alles erlaubt – auch dieses: ein ungehemmtes, wildes, aggressives Sich-Ausatmen –, dann kündigt sie den Pakt der Selbstbescheidung auf, den die Mehrheit der Bevölkerung zumindest einzuhalten versucht. Dann setzt sie ihren Atem absolut.

In gewisser Weise ist das eine typische Konsumhaltung. Die Kundin konsumiert die Luft, so wie es ihr gefällt. Sie zieht sie ein, ungefiltert, und, wichtiger noch: sie stößt den Atem auch wieder aus, unbeschadet von einem Nachdenken über die Frage, ob sie nicht auch sich selbst Einschränkungen und Schranken auferlegen sollte. Aber sie hält den Atem nicht an. Sie verweist darauf, dass das Atemanhalten nur wenige Sekunden andauern kann. Dabei könnte das Atemanhalten zu einer gesamten, neuen Lebenshaltung werden. Nichts wegschleudern (und zwar weil man die anderen mit betreffen könnte). Zeitgleich eine Form radikaler Selbstbescheidung. Selbst die Luft ist kostbar geworden. Selbst durch die Luft sind wir mit den anderen Menschen verbunden, einen einzigen, großen Körper bildend, der nur so lange harm-los (hier im Sinne von »unbeschadet«) zu bleiben vermag, wie der Sinn des Wortes »Harmlosigkeit« – »unberührt von kummer, mit innerem frieden, ruhig, heiter« (Grimm’sches Wörterbuch) – von allen respektiert wird. Als eine Utopie. Aber Konsum ist anti-utopisch. Und Luftkonsum, der die eigenen Abfälle – das Produkt kranken und krankmachenden Ausatmens – den anderen zumutet, ein Angriff auf’s Leben.

Die Gefahr, dass auf die Verharmlosung, gegen die ich hier anzuerzählen versuchte, der »Harm« im großen Stil folgen wird, existiert. Schon jetzt hat man – weil Atem unsichtbar, mithin schwer fassbar ist – Angst vor der allzu großen Nähe des anderen. Aber diese Angst ist ja auch eine Form, den anderen zu respektieren. Sie kann in zwei Richtungen wirken: Man will selbst nicht krank werden. Und man will auch den anderen nicht krank machen. Man versucht zumindest, sich als möglicher »Täter« zu sehen – um es nicht zu werden. Man versucht, die eigenen Verhaltensweisen den Intentionen anzupassen, ihnen das Maß zu nehmen: Man atmet so selbstbezogen wie möglich, doch nicht als Zeichen von Egoismus, sondern im Gegenteil, so das Paradox, als Rücksichtnahme auf den anderen. Erneut: neue Formen der »Entselbstverständlichung« als kleiner Versuch, sich selbst und mit ihr die Welt verständlich zu halten.

Die Hustenattacke im Supermarkt hingegen ist das Gegenteil: Sie ist eine Form unerfüllter Todessehnsucht, in die man den anderen, der einen bedient – die Kassiererin – hineinzieht. Die untergeordnete Position der Frau, die da an der Kasse saß, mag zur Angriffslust beigetragen haben. Die Kassiererin war eh nicht viel wert. Das ließ sich ja schon aus dem hohen Grad an Gefährdung ablesen, der sie vor der eigentlichen Attacke ausgesetzt gewesen war, nämlich: ausgesetzt sitzend vor ihrer Kundschaft. Dass jemand, der Kunden bedient, aber sich selbst nicht einfach bedienen darf oder gar bedienen lassen darf, plötzlich die Kunde (d.h. Botschaft) verbreitet, sie selbst habe Rechte – hier auf atembare Luft –, erschien der Kundin als nicht tolerierbar. Einen Polizisten hätte sie vermutlich nicht angegriffen. Der wäre zu stark gewesen. Doch die Kassiererin schien kein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft zu sein und hatte folglich kein Anrecht auf die Allmende. Insofern ist in ihrer Person die Luft aller angegriffen worden, und ist sie ein Teil der Gemeinschaft, die wir verteidigen sollten. »Harmlosigkeit« bedeutet: »unberührt von kummer, mit innerem frieden, ruhig, heiter«. Auch und gerade in Zeiten größter Unruhe.

(Zur Vermeidung von Missverständnissen:
Die Szene hat sich wirklich abgespielt.)

Corona 11: Zuschrift aus Leipzig

von F.H.

20.03.
Heute ist Hölderlins Geburtstag. B. schickte ein Gedicht, via E-Mail (alles andere wäre auch fast unvorstellbar).
Beim Lesen merke ich erneut, wie sehr ich den Bildschirm verabscheue und zugleich doch darauf angewiesen bin. Das ultimative Bereitschaftsgerät ist nun wirklich die Lebenszelle, mit der die Verbindung zur Welt gehalten wird, auch wenn diese Verbindung eine Illusion ist: Mittel der Zwangsintegration aller in den unabänderlichen Lauf der Dinge. Das digitale Interface ist das Instrument, unter dessen opaker Oberfläche sich die Abgründe auftun, das Vielzuviele, das mich in Beschlag nimmt. Nichts gibt mir so sehr das Gefühl von Knechtschaft wie diese Maschine, Realsymbol dafür, daß die Maschinerie weiterlaufen muß (und die mich zur Entschädigung mit Bildern versorgt von Dingen, die nicht da sind).

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

Den 24. März 1671
Mit Untertänigkeit
Scardanelli.


 

Auszeit – eher Aus ohne Zeit. Die üblichen Taktungen, die atemlos gefangen hielten, sind weggebrochen. Dafür werden andere nötig, vor allem, wenn auch noch Kinder zu betreuen sind, deren Schulaufgaben administriert und kontrolliert werden müssen (Überwachen als Strafe) und außerdem die eigene Arbeit (oder was man dafür hält) unerbittlich weiter zur Arbeit ruft: der Betrieb muß ja, so gut es nur geht, am Laufen gehalten werden, selbst dann, wenn es objektiv Leerlauf ist. So fest hat uns der Zwang im Griff, daß nichts zu tun in einer Zeit, da nun einmal tatsächlich Zeit dafür sein könnte, um so mehr als unverzeihliche Sünde erscheint.

Corona 10: Notizen aus München, März 2020

von Jenny Willner

Vor knapp zwei Wochen
Damals betrat ich noch öffentliche Verkehrsmittel

In der S-Bahn erklärt ein junger uniformierter Bundeswehrsoldat mit kindlichem Gesicht seiner Freundin, dass diese ganze Panikmache auf Lügen beruhe. Wie mir erst später klar werden sollte, fasst er die Behauptungen des verschwörungstheoretischen Lungenarztes Dr. Wolfgang Wodarg zusammen. Er lächelt überlegen, während er sich kopfschüttelnd auf „die Politik“ und deren wahre Interessen bezieht.


Vor drei Tagen
In der ersten Woche mit home schooling und home office

Um 6:30 früh stellen wir fest, dass das Abflussventil des Küchenspülbeckens während der Nacht bei laufender Spülmaschine abgebrochen ist. Dreckswasser überall, der Futterplatz der Katzen ist auch betroffen und sie haben ihre Verwirrung oder Verzweiflung darüber gegen eine größere Zimmerpflanze im Nebenraum ausagiert: den Keramiktopf umgekippt, die Wurzeln zerrissen und die gesamte Erde rausgebuddelt und meterweit verteilt. In der überschwemmten Küche rempeln sich die beiden Erwachsenen gegenseitig bei ihren Schadensminimierungsbemühungen an, der Tonfall wird immer gereizter. Das Kind beschimpft die Katzen und verlangt lauthals, man möge sich noch vor dem ersten Kaffee um die „arme Pflanze“ kümmern. Um das Wasser vom Küchenboden aufzusaugen, brauchen wir mehr Zeitungen, wir müssen sie aus der Papiermülltonne draußen holen. Im Nachbarhaus befindet sich ein Vertriebenenverband. Um 6:30 ist der Küchenboden von einer Mischung aus Abwasser und Sudetendeutscher Zeitung bedeckt.


Am gleichen Tag gegen Mittag
Damals verbrachten wir noch Zeit mit den Nachbarn nebenan

Unser Kind, das Nachbarskind und ich gehen ans Flussufer. Zehn Meter Abstand zu anderen Kleinstgruppen. Keine Corona-Parties. Dafür geht eine ältere obdachlose Frau ca. drei Meter von uns entfernt ans Wasser. Sie ist verwahrlost, riecht über mehrere Meter scharf nach Urin. Die Sonne scheint, die beiden Kinder haben eine tote Krähe gefunden und betrauert, jetzt klettern sie auf einem Baum. Die Frau steht mit dem Rücken zu mir und zieht sich nach und nach die wärmeren Kleidungsstücke aus. Die Schuhe, die Winterhose, den Mantel. Ich denke an die Lage der Obdachlosenunterkünfte, an die eingeschränkten Möglichkeiten, an sanitäre Anlagen heranzukommen. Sie kauert am Fluss, die Haarspitzen berühren das Wasser, sie wäscht ihr Gesicht. Danach fängt sie an, sich mit Kot zu beschmieren, holt sich immer wieder eine Handvoll aus der Hose, bewundert die Masse, hält ganze Klumpen hoch, schmiert ihr Gesicht damit ein, mischt es ins Flusswasser, taucht die Hände in die Mischung ein, das Gesicht, die Haare, schaut in die Sonne, aufs glitzernde Wasser. Sie ist ganz bei sich, lebt irgendeine abgründige Wonne aus. Den Geruch vergesse ich später schnell, der Schock legt sich, aber das Bild werde ich nicht los.


Am Nachmittag des gleichen Tages

Wir kehren vom Ausflug zurück, es gibt gute Nachrichten: Der Klempner ist da. Er hat das kaputte Abflussrohr in der Küche ersetzt und kümmert sich auch noch um einen tropfenden Hahn im Badezimmer. Er wirkt unglaublich sympathisch, wir sind ihm so dankbar und plaudern eine Weile. Gleich vorm Abschied verrät er uns aber seine Theorie über die Corona-Krise: Hier werde alles lahmgelegt, nur damit „die Politiker“ jetzt heimlich, bei leeren Flughäfen „ganze Rosinenbomber voller Asylanten, so richtig von der schlimmsten Sorte“, hierher verfrachten können. Davon wüsste die Bekannte einer Bekannten zu berichten, die am Flughafen arbeitet.


Am Abend des gleichen Tages

Es kursieren Videoaufnahmen aus Bergamo. Die Krematorien dort sind überfüllt, ein Konvoi von rund 30 Militärfahrzeugen fährt spät abends durch das Stadtzentrum, Totentransporte. Innerhalb von gut zwei Wochen sei hier eine ganze Generation gestorben, wird später der Präsident des größten Bestattungsunternehmens der Region zitiert. Scrolle durch mein Newsfeed. Jemand hat ein Video gepostet, von Anthony Hopkins aus seiner Selbstisolation hochgeladen. Er spielt seiner Katze eine Moll-Sonate auf dem Klavier vor, ganz langsam, gestisch, wie im Takt des Atems. Ich wusste nicht, dass er schon so alt ist. Das Lächeln, das er der Katze auf seinem Schoß schenkt, wenn sie zu ihm schaut.


Heute, der 21. März 2020

Um Mitternacht traten die Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Ich räume den Balkon auf. Ob da wohl das Kinderzelt hinpassen würde. Polizeiwagen fahren mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen. Es regnet.

Corona 9: Parallelwelten

Krisen sind Beschleunigungmaschinen. Sie setzen mit explosionsartiger Geschwindigkeit Parallelwelten frei. Man sollte die erst einmal nebeneinander stehen lassen. Es ist richtig, dass der Ausnahmezustand, der sich mehr und mehr anbahnt, dazu genutzt werden könnte, Szenarien für ernstere Ernstfälle durchzuspielen und den Abbau demokratischer Rechte zu erproben. Aber handelt es sich deswegen um eine Verschwörung, einen Plan von wem auch immer? Ganz offenbar ist das System gerade Subjekt geworden und steuert das Handeln der Menschen, dirigiert ihren Affekt- und Vernunfthaushalt. Und da treten kollektive Selbstzerstörungsbedürfnisse ebenso zutage wie robuste Strukturen, die wir fast schon vergessen hatten und die dem widerstehen. Von beidem bleibt niemand verschont, alles geht durch uns durch. Einerseits Abbau demokratischer Rechte im Namen einer Epidemie, deren Verlauf schwer abzuschätzen ist. Andererseits Verzicht auf vielleicht liebgewordene, aber rotzüberflüssige Konsumgewohnheiten und ein Sozialverhalten, das auf den Müllberg der Geschichte gehört. Hamsterkäufe und Kampf um den Platz bei dm; zugleich neue Formen selbstorganisierter Fernsten- und Nächstenliebe, die nun ausprobiert werden und von denen man hofft, dass sie sich auch in der Zeit nach der Krise, vor der nächsten, bewähren. Es hat diese zwei Seiten, mindestens. Der Klimawandel ist gerade vom Tisch. Diese quälend langwierige Gattungskatastrophe, in der wir uns bewegen, ist für den Moment aus dem Gesichtskreis der Öffentlichkeit verschwunden und hat der fasslicheren und insgesamt handhabbar erscheinenden Epidemie Platz gemacht, angesichts derer die Politiker demonstrieren können, dass sie, after all, doch zu was nutze sind. Wie praktisch! Andererseits bietet genau das auch eine Chance, das so dringend notwendige Gattungsbewusstsein zu erlernen. Wo überschneiden sich individueller Körper und Gesellschaft breiter und wirksamer als während einer Epidemie? Biopolitik ist nicht nur eine Verfügung von oben, sie kann auch von unten kommen. Einerseits werden wir Zeugen einer egoistischen und zugleich selbstzerstörerischen Unvernunft, die als nackter Wesenskern der gegenwärtigen Gesellschaftsform vor Augen tritt. Andererseits tun so viele Menschen genau das Gegenteil. Manchmal denke ich, dass nun der brutale Klassencharakter genau dieser Gesellschaft heraus getrieben wird – vieles wird auf dem Rücken der einkommensschwachen Bevölkerungsteile ausgetragen, die die für selbstverständlich gehaltene Grundversorgung aufrechterhalten. Dann aber sehe ich sie in ihren Kleingärten sitzen wie eh und je, und denke: nein, gerade sie können auf solidere Lebensverhältnisse zurückgreifen als so manche, die in gut bezahlten Homeoffice allmählich den Lagerkoller kriegen. Vor oder hinter die Klassenverhältnisse schiebt sich das Verhältnis von Stadt und Land, Ost und West, Nord und Süd. Sie alle verlangen nach neuer Bewertung. Ist das, worüber man sich als Untertanengeist der Deutschen gerne lustig machte, jetzt nicht vielleicht das Richtige, das eine landesweite Ausgangssperre verhindern könnte? Vernunft und Widersinn, praktische Klugheit und blinder Irrationalismus liegen dicht beieinander und sind nicht voneinander zu unterscheiden. Kultur fällt gerade aus. Heißt das, dass sie insgesamt in schweren Zeiten entbehrlich ist oder lehrt es uns, etwas an ihr zu schätzen, das uns aufrechterhält auch und gerade dann, wenn es ums Leben geht? Balkonsingen, Hausmusik? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, aber es scheint mir wichtig, sie zu stellen. Krisen sind Beschleunigungsmaschinen, die uns als souveräne Subjekte entmächtigen. Aus dem heißen, rasend rotierenden Zentrum fliegen Brocken heraus: neue Formen der Kollektivität, böse und gute; Möglichkeiten jedenfalls, die uns versperrt schienen. Für sie den Sinn zu schärfen, ist im Moment die wichtigste Aufgabe.

Corona 8: Im Supermarkt

von Anne Peiter, Réunion

Wenn ich denn in den Supermarkt ginge (doch ich gehe nicht in den Supermarkt), würde ich die Kassiererinnen beobachten. Die Kassiererinnen nämlich gehen in den Supermarkt, weil sie Kassiererinnen des Supermarkts sind und nicht die Wahl haben, nicht in den Supermarkt zu gehen. Wenn sie nicht in den Supermarkt gingen und damit meinem Beispiel folgten, würde der Supermarkt nicht öffnen können und würde sich meine Entscheidung, nicht in den Supermarkt zu gehen, von Grund auf ändern.

Denn es ist natürlich so, dass ich nur vorerst nicht in den Supermarkt gehe, es über kurz oder lang aber doch tun werde, weil ich sonst nichts mehr zu essen haben würde. Ich gehe also davon aus, dass die Kassiererinnen des Supermarktes keine Wahl haben und tagtäglich in den Supermarkt gehen werden, damit ich, wenn ich in Zukunft nicht mehr die Wahl habe und in den Supermarkt werde gehen müssen – gehen müssen, doch beileibe nicht täglich oder gar tagtäglich! – offene Türen und genug Nahrung vorfinde, um in der darauffolgenden Zeit erneut nicht mehr in den Supermarkt zu gehen (ich hätte wieder genug zu essen, um vorerst nicht mehr in den Supermarkt zu gehen).

Gesetzt nun aber den Fall, dass wirklich wird, was bisher nur in Konjunktiven in Erscheinung tritt – nämlich dass sich die Kassiererinnen weigern, weiterhin in den Supermarkt zu gehen –, dann wäre plötzlich die ganze Sicherheit, von der meine Entscheidung abhängt, vorerst nicht in den Supermarkt zu gehen, futsch, und ich würde teilhaben an der Unsicherheit, die die Kassiererinnen des Supermarktes schon jetzt empfinden. Die Angst wäre eine doppelte: Ich würde Supermärkte weiterhin vermeiden wollen, weil sie potentiell Orte der Ansteckung sind, aber ich würde plötzlich auch Angst davor haben, dass es diese Orte der Ansteckung nicht mehr gibt, weil das Problem, dass es nichts mehr zu essen gibt, sich in den Vordergrund und damit gar vor die Angst vor einer möglichen Ansteckung im Supermarkt schieben würde.

Damit ist aber beileibe nicht gesagt, dass diese meine dann vorherrschende Angst auch auf Seiten der Kassiererinnen die vorherrschende wäre. Vielleicht wäre (und ist) bei ihnen die Angst vor einer möglichen Ansteckung im Supermarkt schon jetzt die vorherrschende, nur dass sie sich dem kollektiven Vorherrschen der anderen Angst – nämlich nichts mehr zu essen zu haben – bisher unterordnen, d.h. ihre eigene Angst hinter der der anderen rangieren lassen.

Dieses Sich-selbst-Zurückstellen ist kein Altruismus, ist kein Heroismus. Sie ist eine Notwendigkeit. Denn wenn die Kassiererinnen meinem Beispiel folgten und nicht mehr in den Supermarkt gingen, würden sie nicht mehr bezahlt werden und hätten sie Schwierigkeiten, in den Supermarkt zu gehen, um sich etwas zum Essen zu kaufen. So sitzen sie also tagaus, tagein an der Kasse und sehen das Essen derjenigen an sich vorbeiziehen, die wie ich zwar in den Supermarkt gehen müssen, um etwas zum Essen zu haben, nicht aber im Supermarkt bleiben müssen, tagaus und tagein, um etwas zum Essen zu haben.

Notwendigkeiten treten auseinander. Zwar sind wir als Menschen alle durch die Notwendigkeit miteinander verbunden, etwas essen zu müssen (und zwar tagtäglich), doch die Notwendigkeit der Kassiererinnen, zum Supermarkt zu gehen, rührt eigentlich nur von den Notwendigkeiten her, die die Meinen (und die der Meinen) sind. Noch ist es so, dass meine und der Meinen Notwendigkeiten die Notwendigkeit auf Seiten der Kassiererinnen erzwingen, in den Supermarkt zu gehen (und dort zu bleiben). Doch über kurz oder lang ist es nicht undenkbar, dass die Angst der Kassiererinnen vor mir und den Meinen und den Vielen, die ihre Ansteckungsgefahr wie auf dem Laufband der Kasse erhöhen, umkippt in ihre Entscheidung, neue Notwendigkeiten zu setzen und mich und die Meinen und die Vielen vor eine Situation zu stellen, in der wir die Notwendigkeit, etwas zum Essen zu haben, ganz neu anblicken müssen.

Denn wenn wir ehrlich sein wollen, wirklich ehrlich vor der Wirklichkeit, der noch potentiellen und doch schon vorhandenen, dann müssen wir zugeben, dass wir noch nie die Notwendigkeit haben Wirklichkeit werden sehen, dass man etwas zum Essen haben muss. Die Notwendigkeit war immer hinter der Wirklichkeit verborgen, dass wir etwas zu essen hatten und nichts zum Essen zu brauchen schienen, weil die Supermärkte ohnehin offen waren und tagtäglich den Einkauf ermöglichten. Die Gefahr der Ansteckung öffnet den Blick für die Möglichkeit, dass die Tore der Supermärkte nicht immer offen stehen werden und wir, die wir keine Kassiererinnen sind, nicht genug zum Essen haben könnten, darin ihnen plötzlich gleichend. Das Laufband stünde still, der Gedanke an Möglichkeiten käme in Gang. Stille als Bewegung, Hunger als Entdeckung des Essens, der Supermarkt als Zentrum des Marktes der Ängste, die mit der Notwendigkeit, zu essen, spekuliert.

Corona 7: „Keep your distance!“

Artur Schopenhauer: Die Stachelschweine

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: Keep your distance! (Wahren Sie den Abstand!) – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.“

Es folgt dann noch der typische, sicher auf Schopenhauer selbst bezogene Schluss-Satz, der die Sache verdirbt: „Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“ Naja. Ob das ein Ergebnis großer innerer Wärme ist, oder ob diese nicht umgekehrt behauptet wird, um sich für die Zwangskälte, in die man geraten ist, zu entschädigen? Kein Thema hier.

Zu überlegen wäre, ob die Corona-Parties bei aller trotzigen Unverantwortlichkeit nicht auch durch ein regressives Wärmebedürfnis, einen Herdentrieb ausgelöst werden, die in der Krise akut sind. Wenn sie Angst haben, versammeln sich Menschen. Und eher vielleicht noch diejenigen, deren Stacheln kurz sind. Die, zu deren Selbstbild es gehört, herauszustellen, wie individuell sie seien, sind es vielleicht gar nicht so sehr. Sie sind auf die Herde angewiesen, die es ihnen permanent bestätigt, oft, in hoher Frequenz. So ist das bei Jugendlichen, die ein Recht darauf haben, auch wenn das, was sie tun, falsch ist. Die Erwachsenen, die an ihm festhalten und sich in ängstlichem Trotz, gespielter Sorglosigkeit und aggressiver Coolness zusammenscharen, haben es nicht.

für den Hinweis auf die Parabel:
Danke an Bernhard Metz

Corona 6: „Seit“

„Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“.

Nicht seit der deutschen Einheit, und schon gar nicht seit dem zweiten Weltkrieg, aber immerhin, seitdem Frau Merkel dieses Satz in ihrer Fernsehansprache vom 18.3.2020 geäußert hat, grüble ich nach über die Bedeutung dieser Präposition. Es ist klar, sie meint den Zeitraum, der sich von einem bestimmten Zeitpunkt an bis zur Gegenwart erstreckt. Aber gehört jener Zeitpunkt noch dazu? Handelt es sich um eine inklusive oder eine exklusive Bestimmung? In der Mathematik schreibt man „>“ oder „≥“, „größer“ oder „größer-gleich“. Das sind zwei verschiedene Mengenbestimmungen. Die Sprache, denn auch das Grimmsche Wörterbuch versteht sich hier nicht zu einer eindeutigen Auskunft, ja scheint von der Fragestellung nicht einmal zu wissen, ist da weniger genau.

Proportional zu dieser präpositionalen Verschwommenheit wächst die historische. Denn es geht ja um nichts Geringeres als das historische Koordinatensystem, in das Merkel uns durch ihren Appell eintragen möchte. War der „zweite Weltkrieg“ die letzte vergleichbare „Herausforderung, bei der es so sehr auf unser solidarisches Handeln“ wie nun in der Corona-Krise ankam? Oder meinte die Kanzlerin damit die Nachkriegszeit, will uns also schon einmal auf eine Zeit des Wiederaufbaus einschwören will, des ökonomischen Heulens und Zähneklapperns und der Entbehrungen, die freilich auch zum Prüfstein für eine neue nationale Solidarität werden können sollen?

Hilft uns vielleicht die eigenartig inszenierte rhetorisch Stufung dieses Satzes bei der Entscheidung weiter? „Seit der Deutschen Einheit“, sagt sie, verbessert sich aber dann und fährt fort, unsere Situation mit den Weltkrieg, oder eben der Zeit des Aufbaus nach ihm, zu vergleichen. Was aber meint sie mit der deutschen Einheit? Der 3. Oktober 1990, der für sich genommen keine solidarische Anstrengung darstellte, sondern angeordnet wurde? Schwerlich. Sie meint den Prozess als ganzen, in dem die Bevölkerung gefordert war, sich solidarisch zu verhalten. Durch Bezahlung eines „Solidaritäts­zuschlags“, der de facto ein Solidaritätsabschlag war? Er wurde jedenfalls von allen bezahlt, was ja ein wichtiges Kriterium für die gesamtnationale Solidarität wäre, die Frau Merkel jetzt vorschwebt. Aber der Westen zahlte für den Osten, der Osten für sich selbst. Also irgendwie eine schiefe Sache. Was meint sie? Die Abwicklung oder Übernahme ostdeutscher Betriebe, je nachdem, wie es besser ins ökonomische Konzept der in den wilden Osten expandierenden Marktwirtschaft passte? Angesichts solcher Solidaritätsverlautbarungen ließ es der Osten, wie bekannt, an der rechten Dankbarkeit fehlen, was umgekehrt die Bereitschaft zu solidarischem Handeln jenseits des fiskalischen Datums auf dem Lohnzettel nicht gerade erhöhte.

Die deutsche Einheit ein Musterbeispiel für Solidarität? Aber das sagt sie ja gar nicht! Die Einheit, so sagt sie vielmehr, ist ein Musterbeispiel für die „Herausforderung“ einer Solidarität, nicht für die Lösung, sondern die Aufgabe. Und dies ja um so dringlicher, weil diese Solidarität vielerorts ausgeblieben ist. Ah ja. Schwamm drüber. So genau möchte sie uns vielleicht auch nicht daran erinnern.

Also ist die deutsche Einheit nur ein rhetorisches Sprungbrett zum nächsten und entscheidenden historischen Datum. Sie ist die mit bescheidenem Pathos in Szene gesetzte persönliche Reminiszenz der ostdeutschen Kanzlerin, die ihr in einem Zug Glaubwürdigkeit verleiht und zu verstehen gibt, dass man in dieser nationalen Ausnahmesituationen kein Ost und West mehr kennen sollte, „sondern nur noch Deutsche“. Der historische Horizont erweitert sich und in erbärmlicher Riesengröße wird hinter der Kanzlerin der Schattenriss nicht bloß des zweiten Weltkriegs sondern des zweiten Wilhelm sichtbar. Denn auch dies wird durch das flüssige Antippen und Verlassen der deutschen Einheit als ungenügend erfüllte Solidaritätsforderung sichtbar: dass diese Konflikte nun wenigstens im Zeichen höherer Krisen, die uns in anderer Weise einen, zu schweigen haben und als erledigt zu betrachten sind.

Die höchste Krise aber ist der Krieg. Obwohl sie so anders ist als die Macrons und Trumps, ja obwohl ich ihr Auftreten an vielen anderen Stellen dieser Rede sogar sympathisch fand: Letztlich reiht sich auch Angela Merkel in die Kriegsrhetorik ein, die von den Autoritären ertönt, um uns den Abbau demokratischer Rechte wenn nicht schmackhaft, so doch plausibel zu machen. Nur eben auf ihre Weise: sanfter, undeutlicher, ja sogar ein wenig zu Herzen gehend, appellierend an die in Deutschland besonders prächtig entwickelte seelische Zone, in der sich vernünftiger Einklang mit dem Gesellschaftsganzen und Untertanengeist nicht so recht auseinanderhalten lassen.

Ein historisches Datum freilich fehlt, das nämlich, mit dem sie es vor einigen Jahren zu notorischer Berühmtheit in Sachen Solidarität gebracht hat: die Flüchtlingskrise. „Wir schaffen das!“ Bloß nicht! Ihr letzter großer Appell an Solidarität auf Deutsch war auf die Länge der Zeit ein Rohrkrepierer. Da muss man schon weiter zurückgehen, tiefer in den nationalen Hausschatz greifen, um sein Ziel zu erreichen. Und da haben wir ja einiges. Dass das „seit“ so unscharf adressiert, ist dabei eine Hilfe. Denn im Zweifel hat mans nicht so gemeint.

Corona 5: Die Apokalypse und du

Filme für den inneren Ausnahmezustand – Lektüre für die Zeit nach dem Stromausfall

von Dominic Angeloch

Eine Freundin schickte mir eine Liste mit Filmen zur Pandemie und verwandten Thematiken, Seuchen- und Katastrophenfilme bis hin zu Postapokalypse-Szenarien, die man während Quarantäne und Ausgangssperre bingen könne:

https://www.vulture.com/2020/03/best-pandemic-movies-on-netflix-hulu-prime-and-more.html

Abgesehen davon, daß Filmen, die das zeigen, was sich in einer ähnlichen Form vor den eigenen Fenstern abspielt, in Krisenzeiten vielleicht nicht der größte Unterhaltungswert zukommt, fällt auf, daß einer der besten Filme der letzten zehn Jahre, zum Thema und überhaupt, fehlt:

https://www.rottentomatoes.com/m/take_shelter

Daß er fehlt, ist kein Wunder. Take Shelter nämlich läßt uns in das mind set eines sich innerlich längst in Quarantäne Befindlichen gleiten. Der Film tut das, ohne den Protagonisten – in allen Ambivalenzen und unsichtbaren Konflikten meisterhaft gegeben von Michael Shannon – als Hysteriker oder geradewegs Verrückten bloßzustellen. Und zugleich entwickelt der Film subtil eine Perspektive zur Kritik des dargestellten mind sets.

So zumindest ein Verständnis unter vielen anderen möglichen – man kann den Film, zumal eingedenk des Endes, auch ganz anders auslegen; sicherstes Kennzeichen eines Kunstwerks ist seine Interpretationsoffenheit.

Ein klassischer Katastrophenfilm oder die Updatevariante mit über die Boulevards hetzenden Infizierten aller Art hingegen bietet selten Aufklärung, weder über äußere noch über innere Dinge. Aufklärung liegt einfach nicht in der Genetik dieses Erzählens: Ob der Held schließlich den grünen oder den blauen Draht durchschneidet, hat für den Suspense viel Bedeutung, im Alltag gar keine.

Das eigentliche Problem jener Filmliste aber liegt woanders. Die Ersteller scheinen Wert darauf gelegt zu haben, Filme auszusuchen, die die jetzt zum Ausbruch kommende Angst in der einen oder anderen Form vorweggenommen haben, bestätigen und / oder verdoppeln. Die Filme, die derlei Panik kritisch zu verhandeln und / oder, explizit oder implizit, durch ihre Erzählform, in Frage zu stellen helfen, sind, soweit überhaupt vorhanden, in der Minderzahl.

Wir leben ohnedies in einem Dickicht von Metaphern, von denen wir vergessen haben oder nie herausbekommen haben, worauf sie eigentlich gehen; statt für Metaphern halten wir sie für natürliche Gegenstände. Die allergrößte Angst der meisten geht auf die Unübersichtlichkeit und Unkontrollierbarkeit und das Fremde der Welt. Was in solchen Zeiten und mit einem solchen mind set floriert, sind identitäre Konzepte, ob sie nun einen „rechten“ oder einen „linksprogressiven“ Gedankenwarenmarker tragen. Der permanente Ausnahmezustand ist immer erst ein innerer.

Und jetzt trägt diese Angst mit einem medizinischen Begriff plötzlich einen – scheinbar – sehr konkreten Namen. Der Feind ist zwar immer noch unsichtbar. Aber die Virologen können ihn unter dem Mikroskop ausmachen, alle anderen können ihn dem Vernehmen nach wegschrubben, vorausgesetzt freilich, man ist nicht zu alt oder zu krank, zu arm oder zu uninformiert, um noch eine Flasche Desinfektionsmittel ergattert zu haben.

Bei alldem scheinen viele wie nebenbei erst jetzt zu entdecken, daß wir alle in einem gesellschaftlichen Zusammenhang leben, aus dem man sich auch mit noch so viel Geld, Verleugnungen, Ignoranz oder Aggressivität nicht ausklinken kann. Man kann sich nicht außerhalb von etwas stellen, wovon man Teil ist.

Genau darauf aber schien die ganz normale Lebenspraxis der meisten zu zielen: Sie bewegten sich, als gäbe es niemanden um sie herum, und in den Urlaub in die thailändische oder phillipinische Gated Community flog man, um zu erfahren, daß es zuhause eben doch am schönsten ist.

Dort, in den Reihenhauskellern, lagern jetzt Klopapiermaxipackungen und Serbischer Bohneneintopf für die nächsten zwei Jahre. So gepreppert, verrammelt man sich und lugt mit verkniffenen Gesichtern hinter den Gardinen auf die Straße, nach „da draußen“, wo dem Gefühl nach ohnehin irgendwie schon jeden Tag so etwas wie eine Zombie-Apokalypse zu erwarten stand. Der beispiellose staatliche Einzug der individuellen Freiheiten und der Shutdown des gesamten öffentlichen Lebens wird hingenommen, als handelte es sich um das Allerselbstverständlichste. Wozu sich als verbunden begreifen, warum sich verbinden, wenn der Nächste einen eh nur infiziert?

Doch in der Enge zuhause ist vielleicht etwas zu entdecken, das noch vor wenigen Wochen auf kaum einer Agenda stand und von dem die Metaphern, die die Endzeitfilme entwickeln, meist nur verdeckt, kryptisch erzählen: Irgendwie befindet sich das Reihenhaus doch auf der Welt. Irgendwie gehört man doch der Menschengattung an. Und wenn das Gemeinwesen fast restlos das öffentliche und das individuelle Leben bestimmt, kommt unweigerlich die Frage nach der vernünftigen Einrichtung dieses Gemeinwesens auf.

Wie bei der Atomangst in den 1980ern setzt jetzt der Virus das Undenkbare auf die Tagesordnung. Man kann es, wie die Filme auf der eingangs zitierten Liste, als Tod und Verderben in allen Variationen ausmalen. Doch nach den ersten Schrecken wird die totale Vernichtung öde. Und der wirkliche Reiz der Zombiefilme besteht nicht darin, dem Tod ins Gesicht zu schauen, sondern sich auszumalen, was man mit der vormals enteigneten Welt, all den Waren, die in der Katastrophe plötzlich wieder zu Dingen werden, anfangen mag.

Um das denken zu helfen, seien folgende Büchlein zur Lektüre empfohlen:

    • Christoph Martin Wieland: Koxkox und Kikequetzel. Eine mexikanische Geschichte, Nördlingen 1985 (1770).

    • Christoph Martin Wieland: Geschichte der Abderiten, Stuttgart 2003 (1780).

    • Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk, Frankfurt/M. 1968 (1778).

    • Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784). In: Werkausgabe in 12 Bänden, Bd. XI/1: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik, Frankfurt/M. 2000.

    • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Stuttgart 2006 (1789).

    • Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Stuttgart 2008 (1795).

Die Bücher sind allesamt in günstigen Ausgaben erhältlich. Im World Wide Web sind sie, bis zum Stromausfall, gratis abzurufen.

Dominic Angeloch, Frankfurt am Main (18.3.2020)

 

Corona 4: [Naphta} Münchener Impressionen vor der Pest

Sebastian Schuller, ehemaliger Student aus München, der gerade seine Diss über »Literatur als Arbeit« abgeschlossen hat, hat am selben Tag wie ich einen Blog zu Corona eröffnet. Wir haben beschlossen, Texte auszutauschen.

Sein Blog findet sich auf der Seite https://decamerone2020.blogspot.com/

Und hier der erste Text:


Am Montag den 16. 3. hatte ich unaufschiebbare Besorgungen in der Stadt in aller Frühe zu erledigen. Mit mulmigem Gefühl und gegen meine Überzeugungen – ich unterstütze #staythefuckhome – ging ich also in aller Frühe los, durch eine Stadt im Frühling und am Rande der Katastrophe.
Dies sind ungeordnete Impressionen dieses Erlebnisses vom Montag, kurz bevor die Pest ausbricht.

Ich ging zuerst in eine kleine Bäckerei in dem kleinbürgerlichen Viertel, in dem ich wohne. Draußen huschen Gestalten in Jack Wolfskin Jacke und Atemmaske vorbei. Innen läuft Bayern 1. Ich bin der einzige Gast. An der Theke steht ein muskulöser, junger Mann und schaut versonnen ins Nichts.
Nach einiger Zeit – ich trinke Kaffee und esse meine Breze- setzt sich der Kerl zu mir, unvermittelt.
„Störts Sie“
„Passt schon“
„Geh, stellns eana vor: Bin I gestern im Stripclub gwen.“
„Ach was.“
„Ja. Und da war I da oanzige. Und dann hat de Stripperin as Danzn aufgheard und se zu mia ghockt. Und mia vo ihre Familie erzählt. Und dass Angst hod. So was is ma a no nia pasiert.“
„Ach was“
„Ja. Und etz gfrei I mi auf de Pressekonferenz vom Söder. Weil hoffentlich kann I dann zusperren. I mog nämlich ned arbeiten. Wissens, eigentlich soid ma etz alle aufhearn zum arbeiten. Streik. Des brauchat ma.“
„Ach was“
„Ja, schon, gell. Na, zammhoitn mias ma. Scheiß Politiker.“

Mein Weg führte mich weiter, Richtung und durch Schwabing. Ein Optiker führte in seinem ausladenden Schaufenster ein Schaufensterpuppe mit Sombrero und Corona-Bier in der Hand. Vermutlich eine gute Strategie, Uni-Hipster anzulocken, vor der Seuche Brillen zu kaufen. Indes: Wer kauft denn vor der Seuche noch Brillen? Und wer ist so geschmacklos, solche ironischen Ausfälle gut zu finden?
Der Laden ist menschenleer.

Die Cafés indes sind es nicht.
Ein munteres Völkchen tummelt sich hier. Nassehi, ein Professor der Uni, nannte diese Menschen einige Tage später Beispiele des autoritären Charakters. Im Wissen, dass die Seuche da ist, dass sie sie verbreiten, dass sie alte und Kranke gefährden, verändern sie ihr Verhalten nicht, denn sie reagieren nur auf Anweisung.Auf  Schließung und Quarantäne.
Einige Tage später lese ich von Coronaparties. Junge Leute, die bewusst feiern gehen, weil sie das Virus ja nicht beträfe, denen jede Maßnahme nur als Einschränkung ihres Genusses erscheint.
Dabei kommt mir das Bild jenes Morgens im Café wieder in den Sinn.
Nur: Was bei den Partygängern in Berlin noch den Ruch einer Transgression hat, ist hier bloße Trotzreaktion. Reiner Todestrieb.
Mir gegenüber hockt eine vierer Gruppe. Mittelalte Leute, so gekleidet, dass es gerade noch schick erscheinen könnte, aber trotzdem stillos bleibt. Mies geschnittene Jacketts vom H&M, Bijoou Brigitte Armband aus Kunstharz, Schuhe zum Schnäppchenpreis bei Zalando.
Kleinbürger durch und durch.
Grinsend trinken sie ihren Kaffee, und scherzen aggressiv über Corona.
Worte fallen, wie man sie erwarten kann. „Chinesische Fledermausseuche“ „Italienier sind ja eh unfähig“ „Wir sind nur hysterisch.“ Aber mit den Deutschen kann man es ja machen.“
Ein Mann beugt sich zu einer rothaarigen Frau herab: „Warst du nicht in Tirol, beim Skifahren?“
„Dann steck mich bloß nicht an! Ich hab Asthma“
Unerklärlicherweise brechen alle in berstendes Lachen aus.
Ist das hier noch Verleugnung der Gefahr? Oder schon Todestrieb?

Mir fällt auf, als ich meine Besorgung erledigt habe, dass es fast nur deutlich erkennbare Kleinbürger sind, Studenten, Unipersonal, kleine Angestellte, die durch die Straßen laufen. Die scherzen und lachen. In den Gesichtern der VerkäuferInnen und der wenigen Arbeiter -Bauarbeiter vor allem- die man in Schwabing sieht, steht Angst und Sorge.

Dieses Gefühl teile ich. Ein letztes Mal für Monate vielleicht treffe ich Freunde. Wir wünschen uns Glück und versprechen, dass wir uns gegenseitig beistehen werden.
Ein beklemmendes Gefühl.
Die Pest ist in München.

Corona 3: Auszeit

Natürlich hat alles zwei Seiten. Während die einen Sonderschichten fahren, bleiben die anderen verordnetermaßen zuhaus. In jedem Fall bekommt das Leben einen anderen Rhythmus. Familien sind im Guten wie Schlechten auf sich zurückgeworfen. Spannungen und Gewalt können ebenso zunehmen wie die glückliche Erfahrung weniger durchgetakteter Tagesabläufe. Wir lernen, man es ohne die Attraktionen des Konsums miteinander aushält. Wer alleine ist, hat überraschend viel Zeit. Womit sie füllen? Mit einem guten Buch oder einer Serie, die ich schon lange mal ohne lästige Unterbrechungen durchschauen wollte? Noch mehr als vorher verlagert sich unsere Kommunikation aufs Internet und die digitalen Kanäle, Nah- und Fernbeziehungen werden neu sortiert. Wir überlegen: was ist wichtig, worauf kommt es an? Klar, Essen Trinken, medizinische Versorgung. Aber wir beginnen uns endlich einmal vorzustellen, was alles nötig ist, um selbst das auf dem Niveau, an das wir uns gewöhnt haben, aufrechtzuerhalten. Wieviele Menschen, Maschinen, Energie, wieviel Arbeit und Arbeitskraft steht hinter einem einzigen Supermarktregal! Wir begreifen, dass unsere Kultur alles Mögliche ist, aber nicht robust. Ein barockes Gefühl: All das, was so festgemauert vor uns steht, bedarf unablässiger menschlicher Arbeit zu seiner Aufrechterhaltung. Aus den sichtbar gewordenen Lücken einer Welt, die wir unwillkürlich für vollautomatisierbar halten, blickt das müde Antlitz aller arbeitenden Menschen. Was, wenn es fortfällt? Dann sinkt alles leise in sich zusammen, wie die Welt in Eichs Termitentraum. Wir bekommen Achtung vor all denen, die immer weiter arbeiten und die auch so noch komplizierte Notgesellschaft in Bewegung halten: den Transport und die Verteilung von Lebensmitteln, die Netze von Strom, Wasser und den Daten, aus denen unsere Welt besteht. Nichts davon ist mehr selbstverständlich. Und das ist erst einmal gut so. Was ist wichtig, was ist überflüssig? Das fragen wir uns jeden Tag. Fast will es scheinen, als gewönnen wir für Momente den Blick zurück, auf den es gattungsgeschichtlich und völlig unabhängig von dieser Epidemie vor allem anderen ankommt: den Blick über den Tellerrand unserer Konsumgesellschaft, die nichts sieht als sie selbst und Anderes sich vorzustellen nicht mehr in der Lage zu sein scheint. Aber ja doch, das geht.

Aber der Preis ist hoch. Auch das stellen wir fest. Wir bewegen uns durch einen täglich dichter werdenden Wald von Notverordnungen. All das wird uns gegen unseren Willen von denen aufgezwungen, die die Vertretung des Gemeinwohls für sich beanspruchen. Die Demokratie wird ausgesetzt. Kultur? Quantité négligeable. Auch das hat zwei Seiten. Wir lernen: es gibt nicht bloß die Freiheit unbegrenzter Bedürfnisbefriedigung, sondern eine zweite, die durch Unterdrückung schmerzhaft sichtbar wird, eine Freiheit der Freiräume, die uns nicht oder nur schwer wegzunehmen sind. Diese Freiräume haben wir vergessen, wir haben sie inmitten der blendenden Warenwelt, die unserer Bedürfnisbefriedigung dient, aus den Blick verloren. Ich will keinem existenzialistischen Begriff der Freiheit das Wort reden, die noch unter der Folter und vielleicht erst recht unter ihr existiert. Freiheit, die nur als innere aufgefasst wird, ist Ideologie und Propaganda all diejenigen, die schon immer an der Abschaffung der wirklicher Freiheit interessiert waren. Daraus abzuleiten, dass die innere Freiheit überhaupt nicht existiert, ist freilich ebenso falsch. Es gibt diesem Vorbehalt, diese Reserve, die gerade unter der Bedrückung fühlbar wird: Freiheit zum Selbst diesseits der Bedürfnisse.

Bleiben wir ruhig, und lassen das Experiment auf uns wirken. Seien wir misstrauisch all denen gegenüber, denen an der Wirtschaft alles, an der Freiheit nichts gelegen ist! Achten wir auf die autoritären Bedürfnisse, denen die Pandemie als Mittel willkommen ist, um durchzugreifen und den Ausnahmezustand zu proben! Seien wir aufmerksam auf die Rhetorik des nackten Lebens, wo sie nicht am Platz ist! Sie könnte ein schlechtes Mittel zu schlechten Zweck sein. Achten wir auf die Witze! Sie war schon immer Gesten innerer Freiheit, die auf die äußere Anspruch erhob und ihre Verweigerung zum Gespött macht. Genießen wir die Schönheit des Moments in dem Bewusstsein, dass er jederzeit zu Ende sein kann! Auch das ist die Freiheit, die uns in der Auszeit zuwächst. Ein wenig Musik, staubiger Dunst über dem Waldrand, die Stimme meines fernen Freundes, ein einsames Auto im allgemeinen Stillstand …

Corona 1: Aufruf

Nachdem dieser Blog eine ganze Zeit, hauptsächlich aus privaten Gründen, geruht hat, soll er nun wieder seine Arbeit aufnehmen; und zwar mit Kommentaren zur Corona-Krise. Diese Kommentare werden nur zum Teil von mir stammen. Ich nehme auf, worüber ich stolpere und was mir wert scheint, es gebündelt festzuhalten. Darauf kommt es an. Das Problem von Facebook liegt in seiner Stärke: die Mischung von allem mit allen. Deswegen hier und im folgenden ein Alternativangebot.
¶ Dass aus ihm die letzte Wahrheit über das Virus und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ihm zu erfahren sein wird, ist auszuschließen. Es gibt diese letzte Wahrheit nicht. Die Fakten ändern sich stündlich und mit ihnen nicht selten meine Meinung über sie. Die hier folgenden Glossen sind Momentaufnahmen, idiosynkratisch und in vielen Fällen unverhältnismäßig. Aber nur die Übertreibung, besser: die Übertreibungen und Verzeichnungen können das in einem bestimmten historischen Augenblick liegende Potenzial erfahrbar machen. Sie sind Verkörperungen des Möglichkeitsinns, der sich strahlenförmig aus jeder einzelnen Gegenwart heraus ausbreitet. Wie Anne Peiter, von der der erste Beitrag stammt, es mit Günther Anders formuliert hat, sind sie »Entstellungen in Richtung Wahrheit«1.
¶ Diese Entstellungen, Übertreibungen und Verzeichnungen: sie können, ich sagte es, nur im Plural auftreten. Kein Plenum der einverstandenen, sondern der hocherregten, einander ins Wort fallenden Stimmen. Ein Konsens ist nicht abzusehen, weil sich die Diskussionsbasis ständig ändert. Einen Konsens habe ich ja nicht mal mit mir selbst. Alle, die sich daran beteiligen müssen, sind willkommen, auch wenn ich mir die letzte redaktionelle Entscheidung über die Veröffentlichung vorbehalte. Wer also etwas beisteuern möchte, Literarisches, Essayistisches, ein Bild oder ein Video, kann das zunächst einfach per Mail an mich (wolframette@gmx.net) tun. Ich kümmere mich um das Weitere.
¶ Corona ist auch ein gewaltiges soziales Experiment. Darauf in Form eines journalistischen Experiments (wenn man diese Form des »Extrablatts« so nennen will; für mich ist es jedenfalls ein Experiment) zu reagieren, scheint mir einen Versuch wert.
¶ Auf unsere Zusammenarbeit, die ja zumindest das Gefühl der Quarantäne etwas lindern könnte!

W.E.


Anmerkung

1 Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, München 2009, Bd. 1, 86; zitiert bei Anne Peiter, Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismäßigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien. Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg, Bielefeld 2019, 13.

Der Joker

Nachschrift zu ‚Das eigensinnige Kind‘ 

So eindrucksvoll das Psychogramm des aktuellen Films ist, das davon erzählt, wie einer, der immer getreten, verachtet, verlacht und wieder getreten wurde, zum Mörder wird und sich rettet, indem er alle Moral zum Teufel jagt –: auf den zweiten Blick fällt es vielleicht doch ab im Vergleich mit dem Virtuosen der eigenen Beschädigungen, als welcher der Joker im Batman-Film ‚The Dark Knight‘ ein Trauma nach dem anderen ausspielt. Dieser Ironiker der postmodernen Traumatophilie, die auf der Suche nach einer Ursprungserzählung im Raum der unbegrenzten Möglichkeiten von Therapie zur Therapie eilt, wirkt nicht nur dämonischer als die alles in allem bemitleidenswerte Jammergestalt im neuen Film; sie wirkt auch zeitgemäßer.

Mir scheint jedoch, dass sich die Filme und die in ihnen angelegten Figuren eher ergänzen, als dass sie zueinander in Konkurrenz stünden. ‚Joker‘- und ‚Batman‘-Film verhalten sich zueinander wie Tragödie und Komödie. Die tragische Maske von Joaquin Phoenix wird zur lustigen von Heather Ledger.

Schon immer war die Komödie das reflektiertere, im Brechtschen Sinn epischere Medium. Tatsächlich lassen sich viele von Brechts Anweisungen für die Schauspieler, durch welche Techniken das tragische Geschehen zu episieren sei, als Techniken komischer Verfremdung lesen und verstehen. Die Komödie sagt: Es gibt immer einen Ausweg, das Geschehen ist nie alternativlos, weil man sich ‚herausreflektieren‘ und es je und je anders machen kann. Hegel sagt: „so ist es in der Komödie die Subjektivität, welche in ihrer unendlichen Sicherheit die Oberhand behält.“ Der komische Held, der Clown, der Joker des ‚Batman‘-Films: Sie haben aufgehört, Opfer ihres Schicksals zu sein, weil sie sich nicht mehr als Opfer begreifen.

Denn nichts anderes macht der Joker mit seiner eigenen Geschichte. Er macht sie auswechselbar. Damit wird er seinem Namen gerecht – der Joker ist der Passepartout, der in jede Kartenreihe passt, der Generalist, der alles kann und selbst nichts ist, bunte Schminke auf leerem Grund, eine Maske, die verbirgt, dass unter ihr nichts ist, der Todesbote, über den das Leben nicht mehr verfügt. Er ist ein grotesker Überlebender niedergeschlagenen Eigensinns.

Es kann schon sein, dass sich die Geschichte des Jokers so zugetragen hat, wie es jetzt zu sehen ist. Vielleicht erfahren wir aus der Fortsetzung, wie der Traumatisierte endgültig zum bösen Clown wird, der sich vor allem über sich selbst und die Ursprungssehnsucht der psychologisch durchtrainierten Subjekte unserer Zeit lustig macht, die alles verstehen und erklären wollen. Vielleicht wird uns auch ein alternatives Trauma angeboten, ein anderes Narrativ, das das erste neutralisiert. Am Ende steht jedenfalls immer: der Clown als der LUSTIGE ZOMBIE, für den die Vergangenheit kein Ursprung mehr ist, weil er schon einmal gestorben ist und deswegen souverän über sie verfügt.

Wann erreicht die Politik diesen Punkt? Am Ende des aktuellen ‚Joker‘-Films macht die arme Bevölkerung von Gotham City einen Aufstand. Inspiriert durch den tragischen Helden, haben sie sich Clownsmasken aufgesetzt und machen kaputt, was sie kaputt macht. Der Joker hat daran nur wenig Teil. Fast besinnungslos irrt er durch die ihn feiernde Menge. Ich bin gespannt, wann sich die Todesboten von Extinction Rebellion Clownsmasken aufsetzen, weil die Tragödie der technischen Zivilisation nicht mehr anders als in Form destruktiver Komik zu ertragen ist. Es würde mich jedenfalls nicht wundern.


Ich danke Pia Lobodzinski für das Gespräch, das diese Überlegungen ausgelöst hat.


Dieser Text ist zuerst auf der Homepage des Büchner-Verlags erschienen, in dem das Buch über Grimms Märchen vom eigensinnigen Kind herausgekommen ist. https://www.buechner-verlag.de/nachschrift-zu-das-eigensinnige-kind/ Gegenüber dieser ersten Fassung habe ich kleine Veränderungen vorgenommen.

Katastrophen finden mehrmals statt

Wolfram Ette
KATASTROPHEN FINDEN MEHRMALS STATT
Texte im Echoraum der Wende.

Lesung am 28.9.2019 in der Galerie Druckstock in Chemnitz

1 – Deutschland kaputt. Zu einigen Bildern von Jochen Geilen (1992)

2 – Kraftwerk Geschichte. Chemnitz 2018

3 – La rivoluzione siete stati voi, This is the end (Falk Haberkorn)

4- After the Goldrush. Zu einer Fotoserie von Falk Haberkorn.

Nach der Ausstrahlung bei Radio T hier nun ein stabiler Link zum Nachhören:

https://www.freie-radios.net/97930

Thunberg

Dass Thunberg*) Asperger hat, finde ich vollkommen einleuchtend. Ihre Behinderung ist das Gegenstück zur Behinderung des Systems, es ist die einzige noch mögliche Antwort auf den pathologischen Aberwitz unserer, der kapitalistischen Weltgesellschaft.

Asperger: das heisst Konzentration, extreme Fokussierung, Ausblenden alles Beiläufigen. Ergo ist unser Problem: Dekonzentration, Dissoziation, Verlust des Blick für das Wesentliche, des Vermögens, Wichtig und Unwichtig, Zentrum und Peripherie zu unterscheiden. Wir sind abgelenkt, dies schon seit langem und bei den einfachsten Verrichtungen. Die Chronik Ihres und meines Browsers wird bestätigen, was ich meine. Jeder Vergleich zwischen Einkaufszettel (wenn man sowas überhaupt noch schreibt) und dem von mir tatsächlich getätigten Einkauf beweist es. Und manchmal vergessen wir darüber sogar das, um dessentwillen wir ursprünglich losgegangen sind und was wir in diesem Internet eigentlich wollten.

Das ganze System hat sich in eine Ablenkungsmaschine verwandelt – und zwar auf allen Seiten. Jedes Kind kann verstehen, dass die Erschließung neuer Märkte wie etwa der E-Mobilität nicht zum Verzicht führen kann. Jeder, der nur einen Millimeter von der alltäglichen Verrücktheit zurücktritt, begreift, dass Wachstum nicht zu weniger Ressourcenverbrauch führt, sondern – na logisch! – zu mehr. Jede kann es begreifen. Wie sehr Verblendung und falsches Bewusstsein sich in den Verästelungen unserer Psyche eingenistet haben und wie total die Gehirnwäsche ist, der wir seit einigen hundert Jahren, verschärft seit ein paar Dezennien unterzogen werden, lässt sich daran erkennen, dass es ein behindertes Kind ist, das uns den Spiegel vorhält. Die Welt hat ADHS, Thunberg hat Asperger.

Ein bisschen ist es natürlich immer schon so gewesen. Jesus sprach von den Kindern, denen das Himmelreich gehöre. Durch die Weltgeschichte ziehen die Narren, die wirren Propheten und Poeten, die die Verworfenheit ihrer Zeitläufte anprangern. Dass damals der Untergang des Menschengeschlechts wissenschaftlich nicht bewiesen war, verschlägt nichts. Jede Zeit hat ihre Wissenschaft, ihre mehr oder weniger gut belegten Glaubensartikel und ihre dagegen aufgebotenen Verdrängungsmechanismen.

So wäre Thunberg also einfach eine weitere Heilige im Kalender der Weltgeschichte? Nichts Neues unter der Sonne? Wird dies auch einmal vorübergehen wie frühere Weltuntergänge samt ihren schrillen und eigensinnigen Propheten? Haben die Erwachsenen, die weise ihre Häupter schütteln über die Sturheit der Klimaaktivistin, am Ende recht?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht sicher. Es zeichnet sich ein Konflikt ab, der mir härter und unversöhnlicher vorkommt als die Konflikte früherer Zeiten. Es ist ein Generationskonflikt von noch nicht dagewesener Schärfe. Die Schuld der Eltern hat keine symbolische, sie hat praktische: vitale / letale Folgen für die Kinder und Kindeskinder.

Thunberg ist 16 Jahre alt. Ich sehe ihr Gesicht und sehe Gudrun Ensslin, die irgendwann nicht mehr diskutiert, sondern geschossen hat. Ich sehe Ulrike Meinhof, die irgendwann nicht mehr schrieb und in einer Praxis der Gewalt die einzige überhaupt noch denkbare Lösung sah. Etwas davon liegt wieder in der Luft, und ich kann es verstehen.


*) Ich weigere mich, Thunberg nur mit ihrem Vornamen anzureden. Das haben die Männer immer gemacht – und manchmal machen es auch Frauen. Man vergleiche den Erzählstil von Biografien, je nachdem ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, von deren Leben berichtet wird. Bei Thunberg kommt zu der geschlechtsbedingten Herablassung noch die des familiarisierenden M/Paternalismus dazu, mit dem man einer Minderjährigen begegnet, die sich mit der Zeit schon noch beruhigen werde und der Jugend wohlwollend das Recht zugesteht, ein bisschen extrem sein zu dürfen.

‚Das eigensinnige Kind‘

Im Büchner-Verlag ist nun mein Buch Das eigensinnige Kind erschienen, ein Essayband, der versucht, Wege niedergeschlagenen Eigensinns im Dreieck von Kind, Familie und Gesellschaft zu verfolgen. Der Text mischt die Formen: literarische und wissenschaftliche Annäherungsversuche stehen gleichberechtigt nebeneinander. 

Hier geht es zur Verlagsseite mit weiteren Informationen. 

Weblinks: 

  • Leseprobe
  • Interview mit Catherine Mundt vom Hessischen Rundfunk
  • Interview mit Katharina Schmitz vom „Freitag“
  • Rezension in der „Leipziger Volkszeitung“ 
  • Lesung in der Buchhandlung „Lessing und Companie“ in Chemnitz. Die Lesung wurde von Radio T aufgezeichnet. 
  • Eine kritische, aber lesenswerte Rezension im „Neuen Deutschland“ (Paywall)
  • Rezension in der „Süddeutschen Zeitung“
  • Eine Youtube-Rezension von „Bücherliebe“. 

Für den WDR wurde von Annett Schudeja und Georg Spindler ein Video produziert, das dann doch nicht gesendet werden konnte. Die mir vorgelegte Frage lautet: 

Warum haben Sie sich ausgerechnet das schrecklichste aller Grimm’schen Märchen ausgesucht?

 

Produziert von indexhttp://www.binario-stern.de

 

 

 

Gegen die Wand 12

Die Klimaserie
Folge 12: Dialektik

Die Debatte darüber, ob und zu welchen Anteilen der Klimawandel ‚menschengemacht‘ sei, ist ein kollektivpsychologisches Lehrstück darüber, dass man zugleich mehr und weniger meint als man sagt.

Zunächst einmal ist es ja gar nicht wichtig, ob die Erderhitzung eine unmittelbare Folge der technischen Zivilisation ist oder ob sie ‚einfach so‘ stattfindet. Genug, DASS sie stattfindet, und zwar mit besorgniserregende Geschwindigkeit. Die Daten liegen auf dem Tisch und es ist so viel klar, dass das Leben der Menschen und viele andere Lebensformen auf diesem Planeten bedroht ist, wenn diese Entwicklung sich fortsetzt.

Eigentlich stecken hinter dem Streit um die Verantwortlichkeit unterschiedliche Haltungen zu der Frage, wie man damit umgeht. Denn sind die Menschen für den Klimawandel verantwortlich, so könnten sie doch auch dafür sorgen, dass er aufhört. Es lag und liegt bei ihnen, also bei ‚uns‘. Noch das reuige Eingeständnis, dass wir die Erde kaputt machen, ist grundiert von der Anmaßung, die diese Situation erzeugt hat: das nämlich wir es sind, die als Verursacher der ganzen Misere diese abstellen und, wie die unsägliche Formulierung lautet, die Welt retten können. Das schlechte Gewissen ist die Maske der fortgesetzten Allmachtsphantasie der Aufklärung.

Umgekehrt könnte – wohlgemerkt: KÖNNTE – die Annahme, dass wir es hier mit einem natürlichen Phänomen zu tun haben, von eben der Demut der Natur gegenüber zeugen, die dringend notwendig wäre, um uns zur Ordnung zu rufen und uns zu dem Verhalten zu zwingen, das für unser Überleben notwendig wäre.

Tut es freilich nicht. Es lädt vielmehr ein zur Scheißegal-da-kann-man-sowieso-nichts-machen-Haltung ein, die sich, bevor die Städte brennen und die Meere sterben, die letzte Urlaubsreise gönnt, die nächstgrößere Karre zieht und ansonsten die Grenzen befestigt, um die eigenen Privilegien so lange wie möglich zu verteidigen.

Es ist halt dialektisch. Was aber im Hin und Her von „Befürwortern“ und „Leugnern“ hintenrüber fällt, ist die dazwischenliegende und insgesamt ja doch recht wahrscheinliche Einsicht: dass wir die ökologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu großen Teilen verantworten, UND dass dieser Prozess schlicht und ergreifend außer Kontrolle geraten ist.

Gegen die Wand 11

Die Klimaserie
Folge 11: Das „Überleben des Planeten“

In einer Radiorezension des Manifests Denkt endlich an die Enkel von Wolf Schneider [1] entgegnete der Journalist auf die Frage nach dem appellativen Stil des Manifests: Nein, die vielen Ausrufezeichen würden ihn nicht stören, es ginge ja schließlich um DAS ÜBERLEBEN DES PLANETEN.

Wie viel verbohrte Selbstgefälligkeit, wie viel Verblendung spricht aus dieser gut gemeinten Wendung. Wenn die Erde einige Grade wärmer wird, hat sie keineswegs um ihr „Überleben“ zu kämpfen. Das ist schon öfters passiert. Ein evolutionärer Zyklus geht zu Ende. Irgendwann fängt ein neuer an, das Dasein des Planeten bleibt davon vollkommen unberührt. Die Gleichsetzung der Menschheit mit „dem Planeten“ ist eine Anmaßung und gehört zum Problem, das zu lösen es vorgibt. Im erdgeschichtlichen Maßstab sind wir nur ein evolutionäres Augenzwinkern, das Vorüberhuschen einer gestörten Hochbegabung. Ob angesichts dessen nicht wir, sondern eigentlich die Viren das Optimum der Evolution darstellen – Heiner Müller erwähnt es mal in einem Gespräch; die Menschen, so setzt er fort, sind vielleicht nur Hilfsmittel, Versorger „Kneipe“ der Viren –, sollten wir angesichts des sich vor uns aufbauenden Szenarios offen halten.


[1] https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=766767


Die ersten 10 Folgen von ‚Gegen die Wand‘ sind als Posts bei Facebook erschienen

„Der Große Austausch“

„Alle Metapolitik ist ganz wesentlich eine Arbeit mit Begriffen und Bildern, ihr Ziel ist es, die kulturelle Hegemonie, welche die Grundüberzeugungen und Grundstimmungen in der Gesellschaft formt, zu beeinflussen, Das bedeutet vor allem, neue Begriffe und Bilder zu »injizieren«… Der Begriff des Großen Austauschs begleitet uns in jeder Presseaussendung, jeder Ansprache, jeder Debatte und jeder Schulung. Er ist das Erklärungsmuster, der ‚Plot‘, in dem wir alle akuten Symptome und Probleme kontextualisieren.“ (Martin Sellner)

Die Perfidie dieser Metapher liegt darin, dass sie verschiedene Assoziationsfelder suggestiv miteinander verklammert, ohne auch nur ein einziges zu nennen. Erstens wird dem demographischen Wandel die Vorstellung der Rassenmischung, der Blutschande untergeschoben. Dass sich die Zusammensetzung einer multiethnischen Bevölkerung durch unterschiedliche Geburtenraten ändert, ist das eine. Aber „Austausch“ klingt anders; es klingt nach dem Austausch von Säften und Liebe in dunklen Schlafzimmern, in denen, horribile dictu, die Hautfarbe sich nicht unterscheiden lässt. Die Angst gilt nicht einfach der feindlichen Übernahme per Quantität, sondern der libidinösen Vermischung, der Rassenschande im Bett. Der damit verbundene Sexualneid, der bei den meisten Rassismen eine tragende Rolle spielt, umgibt den Begriff mit verklemmter erotischer Erregung. Auch wenn man nur zulässt, dass die Anderen sich ungehindert vermehren, ist es eigentlich schon Rassenschande. Diese resultiert schließlich in den schleichenden demografischen Veränderungen, die man erst dann bemerkt, wenn es zu spät ist. So geschehen im Westen, in dem die Übernahme sich bereits vollzogen haben soll und für den jede Hilfe zu spät kommt.

Zweitens: Das Beiwort „groß“ unterstellt dem Ganzen einen Plan, eine Absicht. Gut möglich, dass der Austausch der Säfte in vielen Fällen einfach so passiert: weil sich zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft kennen und lieben gelernt haben. Das Gesamtszenario ergibt in seiner Größe und ganzen politischen Dimension aber nur Sinn, wenn es gesteuert wird. Die Urheber dieser Übernahme bleiben dabei im Dunkeln. Keine jüdische Weltverschwörung wie früher, sondern eher ein diffuses Integral aller gegen ‚die deutsche Kultur‘ gerichteten Kräfte. Der Islam kann das ebenso sein wie der globale Kapitalismus, für den Geschlecht, Religion, Nation, Kultur vor der Allgewalt des Profits gleichgültig sind, und dessen Menschenbild die Mehrwert produzierende Ameise ist; — oder eben Angela Merkel, die Verräterin: mal die Hure des internationalen Kapitals, mal die Agentin einer neuen sozialistische Diktatur.

Na, und großgeschrieben ist das kleine Adjektiv, um das ganze als stehende und seit langem bekannte Formel zu etablieren, eine Wendung wie das Dritte Reich oder die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung. Es soll abkürzbar sein, und wenn der GA sich erst mal durchgesetzt hat, ist der komplexe, nur durch Nachdenken auflösbare Zusammenhang auf das Bakterienformat geschrumpft, das ihm erlauben würde, endemisch zu werden.


(Martin Sellner ist Leiter der Identitären Bewegung Österreichs. Das Zitat stammt aus dem Nachwort zur deutschen Ausgabe von ‚Revolte gegen den großen Austausch‘ von Götz Kubitschek)

„Der Schmerz ist ein Hund.“ (Nietzsche)

Was für ein merkwürdiger Satz! Aber je länger man ihn auf sich wirken lässt, desto mehr beginnt er zu strahlen; – in einem bösen und unfreundlichen Licht. Der Schmerz ein Hund! Man sieht das Tier vor sich: flach an den Boden gedrückt, stumm jeden deiner Schritte aus übergroßen Augen verfolgend, zäh und freudlos dir nachschleichend und seine Rechte fordernd – bis du das leidende Tier für seine Unschuld zu hassen beginnst; ganz ebenso wie du deinen Schmerz hasst, der nichts dafür kannst, dass du ihn nicht erträgst, – dann eben, wenn du dich nicht mehr an ihm festhalten und die Intensität des verkehrten Lebens aus ihm saugen magst. Dann möchtest du deinen Hund nehmen und forttreten – so sehr, bis er sich hilflos heulend zwischen den Feldern verliert und nie mehr zu dir zurückkehrt.

Odysseus am Strand

für Bernhard Metz

Odysseus sitzt heulend am Ufer. Hinter ihm, schmal und bedrohlich, ein dunkel sich wölbendes Inneres: die Nymphe, die sich die letzte Ewigkeit gelangweilt hat und ihn für die nächste zum Spielgefährten haben will. Dafür verspricht sie ihm ewige Jugend, ewig unversehrtes Dasein auf der kleinen Insel. Für das, was sie mit ihm vorhat, wird er sie brauchen, die ewige Jugend. So sitzt er da, vor sich das glatte Meer, und sehnt sich zurück in die Endlichkeit des Menschenlebens, nach Penelope und den Schweinen Ithakas. Von seiner Frau hat er kein klares Bild mehr vor Augen. Ob es der Krieg, die Abenteuer der Heimreise oder das zähe Glück in den Armen Calypsos getilgt haben, ist nicht zu sagen. Der Realität würde es nach 20 Jahren sowieso nicht entsprechen. Sie ist eine alte Frau geworden, er ein alter Mann im Grunde, auch wenn manchmal die seltsame Göttin, seine Freundin Athene, in ihm Platz nimmt und ihm den Anschein der Verjüngung gibt. Aber er weiß, was er ist. Er weiß, welche Überspannung Calypsos Unsterblichkeit mit sich bringen würde. Die Hülle bliebe intakt, darunter, aeonenlang, die Schwärze fortschreitender Fäulnis.

Um das verschwommene und unzutreffende Bild seiner Frau herum sah er sie tätig: er spürte gestikulierende Hände, scharfe Befehle, die umtriebige Rede der Diplomatie, auf die sie sich so gut verstand wie er; nein, eigentlich besser. Er sah den Hof, die Wirtschaftsgebäude, die vielleicht renoviert werden mussten; er ermaß die Handelsfahrten im Frühjahr und Herbst, die seine kleine Insel mit ihren Nachbarinnen verband; er erinnerte sich an den den staubigen, von einer hüfthohen Feldsteinmauer umgebenen Friedhof, auf dem die Angehörigen des Hauses begraben waren (Laertes nun auch?); er sah sich essen und trinken und in immer neuen Abwandlungen, die von Penelope mit ironischer Nachsicht, von seinen Zuhörern mit kennerhaftem Behagen aufgenommen wurden, seine Geschichten erzählen. Und er sah seinen Sohn, das heißt, er nahm an, dass er ihn, der nun 20 war, sehen würde.

Sein Entschluss stand fest. Das Leben besteht aus Kompromissen, Butter auf beiden Seiten vom Brot gibt es nicht. Er würde jetzt, nach diesen Jahren, alles versuchen, um Calypso und Ogygia (Namen, in denen das verschlingende Insichkreisen des Lebens erklang, das ihn erwarten würde) zu entkommen und nach Hause zu gelangen.

Was Odysseus nicht wusste: Hätte die Nymphe ihren Willen bekommen, wäre er der Betrogene gewesen. Zweifellos hätte sie ihn mit ewiger Virilität gesegnet. Aber er wäre auf jenem Eiland in seiner für sie tätigen Rastlosigkeit von allen vergessen worden. Unsterblich würde nur der werden, der der Unsterblichkeit abschwor und sich zu Alter und Tod bekannte. Nur der würde, knapp überlebend, von den Phäaken aufgenommen werden, an deren Hof sich der kriegsblinde Krüppel befand, der vorhatte, Dichter zu werden. Nur der würde von der Gemeinschaft der Menschen aufgenommen werden, die verbunden durch Arbeit, Streit, Liebe und Rede, das einzige Gefäß irdischer Unsterblichkeit darstellt. Die Götter wussten es selbst nicht. Es war Athenes List, mit der sie ihren Liebling vor der falschen Unsterblichkeit retten wollte, von der ihr klar war, dass sie selbst sie nicht überleben würde.

»Deutschland«

Ein sehr lesenswerter Artikel darüber findet sich hier:
https://www.zeit.de/kultur/musik/2019-03/rammstein-video-deutschland-provokation-holocaust-sexualitaet/komplettansicht 
Dazu hier einige Ergänzungen:


 

Überall dort, wo Zerstörung und Selbstzerstörung blutige Feste feiern, wo Täter und Opfer ineinander umschlagen, wo sich durch Gewalt und Gegengewalt libidinös zusammengehaltene Männerbünde bilden, ist, so Rammstein, »Deutschland« in seinem Element. Es kann in diesem Land keine ›normale Heimatliebe‹, keinen ›vernünftigen Patriotismus‹ geben kann. Alles ist geschwängert mit Gewalt und Barbarei, die sich selbst für den Urgrund aller Kultur halten – bis zur Varusschlacht und zurück in die Zukunft, wenn der Exportweltmeister in weißen Raumanzügen die Erde verlässt, um den blutigen Schäferhund im Schneewittchensarg ins All zu fahren.

Dabei geht es um Sex. Das heilige Deutschland: das ist die schwarze Hure, der Sehnsucht, Gier und Angst der Patrioten gelten. Hinter der deutschen Frau, der weißen Schwester mit dem Mutterkreuz, der Nonne mit der Haube steckt die Große Jägerin, die ewige Jungfrau, die Bienenkönigin und Gottesanbeterin, die alle lachend verzehrt, die sich ihr voller Hingabe unterwerfen und von allen verzehrt wird, ohne Schaden zu leiden. Die deutsche Form, sich mit ihr, ja überhaupt mit einem anderen Körper zu vereinigen, sind Kannibalismus, Gewalt und Tod. »Ich will dich lieben / und muss dich hassen.« Hass ist die einzige Form der Liebe. Wenn alle anderen Formen der Liebe, der Liebe zu lebendigen aktiven Körpern, ausgeschlossen sind, bleibt nur dieses Eine als Ziel aller Verschmelzungssehnsüchte übrig.

Es ist die erotische Bejahung der Katastrophe. »Wer hoch steigt, der wird tief fallen / Deutschland, Deutschland über allen« –: vielleicht keine Kritik am deutschen Wesen, aber immerhin Analyse einer Befindlichkeit, die kein herzerhebenderes Wort kannte als ›tragisch‹. Es ist auch die alte Geschichte von den Nibelungen, die ebenfalls auf eine schwüle Weise von untergründiger Erotik dirigiert ist. Das von Hagen artikulierte Bedürfnis nach bis zum Letzten konsequenter Selbstzerstörung hat etwas mit der Beziehung zwischen ihm und Kriemhild zu tun, auch sie am Ende die schwarze Hure, die über den Untergang von allem lacht: sie und Hagen das Traumpaar des Abends, so wie es zuvor Brünnhilde und Siegfried gewesen wären. Untergang als Orgasmus, das ist die große Linie dieses Videos.

Nach dem »Patriotenporno«, schreibt mir Georg Spindler, folgt »die Zigarette danach«; will sagen: der sehr eigentümliche, Rammstein-untypische Nachspann des Films, der fast ein Drittel des gesamten Videos einnimmt. Nur ein Klavier, das vor sich hinklimpert, in Akkordfolgen, die entfernt an den Song erinnern, aber in einem ganz anderen Ton gehalten sind, wie ein verträumt vor sich hin improvisierender Konstantin Wecker. Derweil läuft der Film weiter, in kaleidoskopartigen Sequenzen, die dasselbe immer wieder neu mischen und zusammensetzen. Keine Entwicklung, das war bloß die Friedensphase, danach geht’s wieder los.

Der Text des Liedes besteht aus vordeklamierten Kippbildern, die jede Deutlichkeit verwischen. »Man kann dich lieben / Und will dich hassen.« Soll das heißen: Man könnte (sollte) dich lieben, will Dich aber eigentlich hassen? Geht das gegen die Antideutschen? Bei dem, der singt, sieht es anders aus, läuft aber auf dasselbe hinaus: »Ich will dich lieben / und muss dich hassen.« Das Klischee der Hassliebe zu Deutschland? des schiefgewachsenen deutschen Patriotismus, das im Vers »Ich will dich lieben und verdammen« dann recht eigentlich zum Ausdruck kommt? Wie aber das und der etwas isoliert durch die Medien geisternde Vers »meine Liebe / kann ich dir nicht geben« sich zueinander verhält, bleibt unklar. Es ist systematisch konfus. Das Verhältnis zu Deutschland ist so neurotisch, dass es sich nur über mehr oder weniger beliebige Ausrufezeichen Luft machen kann, in denen der Inhalt nicht so wichtig ist. Hauptsache laut und pathetisch. 

Naja: solche sprachlichen philologischen Differenzen werden im Zweifel von den schweren Gitarren und dem eisern im Takt marschierenden Schlagzeug beseitigt. Denn darum geht es vor allem, vor den Bildern und vor dem Text: um den stählernen Körper, der sich aus dem Ursprungsgewusel des Anfangs heraus bildet; ein phallischer Körper, dauererigiert und hart, wie Klaus Theweleit es in den Männerphantasien beschrieben hat, ein gepanzerter Körper, der nie weich werden darf außer im Tod, der gleichzeitig ersehnt wird; durchdrungen von einer Maschinenstimme jenseits des Menschen.

Was ist mit den Opfern? Es gibt diese skandalisierenden Bilder von den KZ-Häftlingen, die ebenso von den Mitgliedern der Band gespielt werden wie die Täter. Und es sind diese zur Hinrichtung freigegebenen Opfer, die selbst in den fatalen Refrain »Deutschland, Deutschland über allen« einstimmen, der klarmacht, dass ein nationales Überlegenheitsgefühl keine abstrakte Idee eines höheren Daseins ist, sondern töten will. Rammstein identifiziert sich weder nur mit den Opfern noch nur mit den Tätern. Es ist  ein Akt der Identifikation, der zwischen beiden hin und her springt: Opfer, die zu Tätern werden, Täter, die sich als Opfer fühlen und daraus die Berechtigung ableiten, wieder und wieder zu Tätern zu werden. Sie töten sich gegenseitig und sind darin vereint. Die eigentlichen Opfer werden damit freilich zum Verschwinden gebracht. Aber liegt das an Rammstein? Oder an Deutschland?

Es stellt sich die Frage nach der Aufgabe der Kunst. Kann diese Aufgabe moralisch bestimmt werden? Ich denke, höchstens in einer komplizierten Form, die Regelverstöße nicht bloß einschließt, sondern geradezu voraussetzt. Kriterium künstlerischen Gelingens ist es zunächst, ob die Beschreibungen von ›Welt‹ stimmen; ob sie genau und differenziert sind – – und: ob sie mutig sind, das heißt, nicht vor den Verdrängungsschranken zurückweichen, von denen die gesellschaftlich tabuisierten Erfahrungsbereiche umgeben sind. Gegenstand des Deutschlandvideos von Rammstein ist nicht Deutschland, jedenfalls nicht an oberster Stelle; es ist das Verhältnis zu ihm, die Faszination durch die Superlative des Schreckens, des Horrors und der Barbarei. Es gibt einen deutschen Narzissmus der Negativität und es sollte erlaubt sein, die Frage zu stellen, ob er überwunden ist, sondern weiter an den neuen Nationalismen klebt. Ob Rammstein diesen nationalen Narzissmus teilt; ob die Band ihn gar promotet: es ist keine zu beantwortende, nicht einmal eine besonders interessante Frage. Die interessante Frage ist, ob sie damit etwas trifft.

Auf dem Sprung

Immer weniger Restaurants haben noch Garderoben. Auch in den guten Lokalen, sofern sie nicht sehr traditionsbewusst daherkommen, sieht man sie seltener und die Gäste ziehen es vor, ihre Mäntel über die Lehne zu hängen. Man drückt sich lieber den Kragen ins Kreuz und sitzt neue Knautschfalten hinein. Im Kern hat dieses unkomfortable Verhalten etwas mit Angst zu tun. Man lässt die Jacke ungern allein, jeder der anderen Restaurantbesucher könnte ein Dieb sein, man kann nie wissen, die reichen Menschen sind ja nicht die guten Menschen, eher im Gegenteil. Und es könnte jederzeit sein, dass man fort muss. Und dann hat man alles gleich bei sich.

In U- und S-Bahn eine ähnliche Entwicklung. Zumindest tagsüber. Früher stritt man um die Sitzplätze, jetzt drängt sich alles unruhig um die Ausgangstüren und manche Sitze bleiben frei. Sitzen ist was für die Harten, die echt Abgebrühten oder Abgestumpfte; die müden Pendler, die weit raus nach Freimann oder Lichtenrade fahren. Der Rest ist munter und hysterisch auf dem Sprung und bevorzugt kurze Fluchtwege.

Die Gesellschaft ist unwohnlich geworden, und ob das alles so hält und trägt, mag bezweifelt werden. Es sind kleine Gesten, aus denen sich die Großregression unseres Zeitalters zusammensetzt: zurück in Herde und Horde, mit ihren klaren Definitionen von denen die dazugehören und denen die draußen bleiben müssen. Gut und Böse war gestern, Loyalität ist die Tugend des Augenblicks. Unter fremden Menschen, im Zug oder im Restaurant, kann man nie wissen, wer da dabei ist. Die Blase ist kein Luxus, sondern ein Prinzip. So ist man immer bereit zum Aufbruch und zur Flucht. Vielleicht werden die Migrantinnen, die zu uns kommen, ja auch deswegen angefeindet. Sie zeigen uns, wie unsicher und prekär unser eigenes Leben schon ist.

Leichenfledderei

Vor allem anderen befriedigt Heinrich Breloers Zweiteiler über Bertolt Brecht das bürgerliche Bedürfnis, anderswo seine schmutzige Wäsche zu waschen und dafür das Ressentiment, dass er bei aller vorgeschobenen Bewunderung für den großen Künstler empfindet, zu kanalisieren. Er, der Bürger, ist selbst das Raubtier, an dessen Anblick er sich weidet – mindestens in seinen Träumen und Wunschfantasien. Es geht nicht um Brechts Werk, nicht darum, ob die Wirklichkeit richtig oder falsch dargestellt wird und ob man sie heute auch noch so darstellen kann. Es geht allein um die Skandälchen des großen Mannes, um seine Rücksichtslosigkeit und seinen Egoismus, von dem man so gerne etwas hätte. Und es geht vor allem um Sex. Das waren noch Zeiten, in denen die Frauen dienstfertig ihr Leben inklusive ihrer Körperöffnungen in den Dienst des großen Mannes stellten und sich der Einsicht unterwarfen, dass er nur schreiben kann, wenn er vögeln kann. Die vor dem Fernseher versammelten Männer trauern dem ebenso nach wie eine Menge Frauen, die mit den mickrigen Männchen, das sie geheiratet haben und nun beherrschen, auf Dauer doch nicht zufrieden sind. Der Film spielt offen mit diesen regressiven Sehnsüchten. Er gießt seit langem Bekanntes zum soundsovielten Mal auf und freut sich am stinkenden Feuer einer untergegangenen Epoche, in der nichts gut, aber alles klar war. Der Faschismus war böse, der Kommunismus gut, die Frau die Dienerin des Mannes und ein Genie ist ein Genie. Der seis moralisierende, seis schalkhafte Hinweis darauf, dass Brecht ja ein Schlimmer war, verdeckt dieses Bedürfnis. Es ist aber schlicht nicht interessant. Bei einem Lokomotivenbauer will ich auch nichts über seine Affären wissen. Ich will wissen, ob seine verdammten Lokomotiven funktionieren. Breloers politikfreier Film (der überdies die politisch wichtigste Epoche Brechts, nämlich die Konversion zum Marxismus und seinen Kampf gegen den Faschismus, einfach umgeht) schlägt Kapital aus dem Voyeurismus seiner bürgerlichen Zuschauer, und er entsorgt das Werk, das nicht einmal mehr kritisiert wird. Es erstarrt, zerfällt, verschwindet. Das Denkmal ist die schlimmste Leichenfledderei.

»History is what’s happening«

In demselben Gefühl erhob sich später die Plebs gegen die Patrizier …, bis die Gleichheit der Privatpersonen im ganzen römischen Gebiet hergestellt … und durch einfachen Despotismus zusammengehalten wurde. (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte).

Immer wieder dasselbe Schauspiel: Die Könige halten es mit den Massen. Sie, die Ahnherren aller Populisten, werden vom Volk, das der Herrschaft einer aristokratischen Elite überdrüssig geworden war, nach oben gespült. So ging im antiken Griechenland die Tyrannis der Demokratie voraus und bildet ihre logische Voraussetzung. Sie bildet auch ihren Nachläufer, nachdem die demokratischen Stadtstaaten durch eine neo-aristokratische Klientelwirtschaft verfielen. Demokratie ist ein fragiles Gebilde, ein subtiles Gleichgewicht der Kräfte, das einen historischen Glücksfall und Ausnahmezustand darstellt. Der Normalfall ist der Wechsel zwischen Monarchie und Aristokratie, wobei es vollkommen gleichgültig ist, ob diese Aristokratie durch Blut, Geld oder Loyalität zusammengehalten wird, oder ob, auf der anderen Seite der Monarch ein König, Kaiser, Tyrann, Diktator oder populistischer Volkstribun ist. Natürlich kann und sollte man das alles staatrechtlich differenzieren, aber aus einem gewissen Abstand heraus betrachtet bleiben diese zwei Grundideen mit der Demokratie als schillernden und flüchtigem Interregnum übrig. Wie es scheint, ist dieses Interregnum in den modernen westlichen Gesellschaften zu Ende gegangen. Das, was wir momentan beobachten, ist ein erneuter Wechsel einer Aristokratie, die unter dem Namen der liberalen Elite angeprangert wird, zu einer zeitgemäßen Form von Monarchie.


"History is what's happening" ist ein Album der hollandischen Band The Ex (1982)

Henryk meets Broder, nee: AfD

Henryk M. Broder hat am 29. Januar eine Rede vor der AfD-Fraktion gehalten. Sie ist hier nachzulesen.

Die Frage, welcher politischen Überzeugung Henryk M. Broder denn nun genau sei; wie nah er der AfD stehe; wie nah er als Jude der AfD stehen könne; wieweit die AfD für ihn eine geeignete Plattform darstellt, seine Kritik nicht nur am politischen Islam, sondern am Islam überhaupt zu Gehör zu bringen; wieweit er und die AfD in der Kritik an der Political Correctness übereinstimmen und bis zu welchem Punkt Sie dabei möglicherweise im Recht sein könnten –: all das kann man rauf und runter analysieren und sich ausführlich darüber streiten. Zu einem einigermaßen haltbaren Ergebnis wird man dabei sowieso nicht kommen, da es zu Broders intellektuellen Habitus gehört, sich nicht festnageln zu lassen immer wieder durch allerlei clowneske Ausweichbewegungen zu verblüffen und im Zweifel argumentative Konsistenz einer guten Pointe zu opfern.

Aber all das ist auch gar nicht so wichtig. Die Rede dokumentiert ja vor allem, was die meisten schon wussten: Broders unfassbare Eitelkeit. In diesem Fall steigert sie sich zu einer Selbstüberschätzung, die jedes Maß verliert. Er scheint nämlich zu glauben, er könne die AfD erziehen. Dass er Alexander Gaulands Vogelschiss-Rede mit dem schlechten Benehmen von Kindern vergleicht, mag man zutreffend oder nicht zutreffend, politisch bedenklich oder nicht bedenklich finden.

Es geht auch um etwas, das unsere PC-mäßig unverdorbenen Eltern in die Worte „Das tut man nicht“ fassten. Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen „Vogelschiss“.

Der Kern des Vergleichs ist die pädagogische Haltung, die Broder gegenüber der Partei einnimmt. Er scheint tatsächlich dem alten und seit je phantastischen Wunschtraum des Philosophen, vulgo Publizisten, als Volkserzieher nachzuhängen. Deswegen kommt es auch zu der fast schon wahnhaften Gleichsetzung in in Sachen Instrumentalisierung:

Als ich vor ein paar Tagen einem alten Freund sagte, dass ich heute bei Ihnen auftreten würde, machte er ein Gesicht, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich vom Handel mit Drogen lebe. „Du wirst doch nur instrumentalisiert“, sagte er, „weißt du es nicht?“ Natürlich weiß ich es. Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht. Heutzutage instrumentalisiert jeder jeden. Die „Bild“ Helene Fischer, Helene Fischer Florian Silbereisen, Florian Silbereisen seine depperten Fans, die ihm nachreisen. Und ich, ich werde jeden Tag instrumentalisiert. Als Beweis dafür, dass es wieder ein jüdisches Leben in Deutschland gibt, jüdische Gemeinden, jüdische Literatur- und Musiktage und immer mehr jüdische Cafés und Restaurants, da kommt es auf eine Instrumentalisierung mehr oder weniger nicht an. Sie instrumentalisieren mich, und ich instrumentalisiere Sie. Ich probiere aus, wie weit ich gehen kann. Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.

Er scheint zu glauben, er, Henryk M. Broder, könne eine Partei, deren Hauptziel es ist, sich als parlamentarischer Arm der Neuen Rechten zu etablieren, in dem Grade instrumentalisieren wie sie ihn. Er scheint zu glauben, das, was er, Henryk M. Broder, als Individuum so tut oder lässt, sei auch nur im allerentferntesten so wichtig und folgenreich wie das, was die AfD tut. Deswegen ist die Rede auch keine »intellektuelle mission impossible«, als welche Norbert Bolz sie gefeiert hat [1], sondern vor allem das Dokument einer infantilen Haltung zur Welt. Von der von ihm geschmähten Greta Thunberg ist Broder deswegen gar nicht weit entfernt, nur dass er offensichtlich kein Asperger hat, das ja mit einem starken Hang zu logischem Denken einhergeht.

So kann also kein Zweifel daran bestehen, wer hier wen instrumentalisiert. Die AfD hat Broder an der Stelle gekriegt, an der man ihn immer kriegt, indem sie ihm eine Gelegenheit verschafft hat, seine eigene Stimme in einer Öffentlichkeit zu hören, die nicht seiner Meinung ist. »Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.« Man mag das komisch finden. Aber es gibt diese Kinder, die Aufmerksamkeit um jeden Preis wollen – und wo wäre sie höher als in dem Falle, dass man zusammengeschissen wird.

Für den ideologischen Feldzug, den die Partei führt, sind das übrigens nur psychologische Quisquilien. Sie gehören der Sphäre der Mittel zu, für die sich nach kurzem sowieso niemand mehr interessiert.

[1] https://twitter.com/NorbertBolz/status/1090652610036752384

Weniger ist Mehr

Wie viele andere Discounter, setzt Lidl jetzt auf gesunde Ernährung. Man will sich die Kunden so lange wie möglich erhalten. Jetzt steht da

lidl zucker salz

Etwas ist eigenartig an dieser Formulierung, irritiert, lässt mich immer wieder hinkucken. Es ist die verquere Doppelung. Man könnte ja einfach sagen: WENIGER ZUCKER UND SALZ KONSUMIEREN – wie hier verbunden mit den entsprechenden Angeboten aus dem Supermarkt. Aber das würde zu sachbezogen klingen, wie Werbung aus den Sechzigern: »Herzhaft im Geschmack und ungewöhnlich leicht – deshalb ist KRONE so beliebt!« Rhetorisch betrachtet, würde der fehlende Parallelismus die Effizienz zugunsten des Informationswertes schwächen. Gleichzeitig bliebe als Rahmenbotschaft der Satz WENIGER KONSUMIEREN übrig. Wenn man sich das nur nicht merkt! Gar nicht gut.

Warum dann aber nicht umgekehrt: ZUCKER UND SALZ REDUZIEREN? Da könnte man – horribile dictu – sogar das »Mehr« »reduzieren«. Aber, Entschuldigung, ein Satz, der mit dem Wort REDUZIEREN endet, kann einem Unternehmen nicht gefallen.

So kommt es zu der eigentümlichen Doppelbindung, die für den Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase charakteristisch ist. Das Mantra dieser Doppelbindung lautet: WENIGER IST MEHR, und zwar im wörtlichsten Verstande. Wir reduzieren unseren Verbrauch, glauben dies jedenfalls zu tun, und lassen uns das was kosten. Das schlechte Gewissen ist in den reichen Ländern eine der wertvollsten Ressourcen, auf die das Kapital zurückgreifen kann. Egal, ob es sich um das schlechte Gewissen darüber handelt, das wir zu viel, zu süß oder zu salzig essen; dass wir die falschen Autos fahren, dass wir uns zu wenig bewegen; dass wir zu wenig für die Gemeinschaft tun – es läuft immer darauf hinaus, dass uns neue Produkte angeboten werden, die es, also unser schlechtes Gewissen, beruhigen. Ihre Gestehungskosten werden nach Möglichkeit verschleiert. So ist es auch hier. WENIGER IST MEHR. Wir glauben zu verzichten, wenn man die Sätze aber rückwärts liest, so wie man es früher mit den Sätzen des Teufels tun musste, um ihren wahren Sinn zu entziffern, kommt als Geheimbotschaft heraus: MEHR KONSUMIEREN. Von dieser Wahrheit können wir nicht lassen, kein gesellschaftlicher Konflikt, der uns das nicht zu Bewusstsein führen würde.

Inklusives Sprechen

Über die Richtigkeit und Unrichtigkeit, die Vorzüge und Nachteile und die jeweils angesagten Formen der inklusiven Schreibweise ist viel gesagt und natürlich auch viel geschrieben worden. Über die Art und Weise, so zu sprechen, dass beide Geschlechter berücksichtigt werden, hingegen weniger.

Es sind dort zwei Formen zu beobachten. In den Erklärungen von ‚Oben‘, der Bosse, der Politikerinnen usf. hat sich durchgesetzt, dass immer und in jeder Wendung beide Geschlechter berücksichtigt werden. Das verleiht diesen Verlautbarungen manchmal etwas barock Umständliches, sich nach allen Seiten Absicherndes. Es gibt  skurrile Wortballungen und es wird schwieriger, dem Hauptgedanken (sofern vorhanden) zu folgen.

Anders dagegen sieht es aus, wenn junge Leute sprechen. Entweder verwenden sie das Gerundium und reden von Studierenden, Arbeitenden oder Lesenden. Oder sie produzieren eine kleine Pause, einen Vorhalt im Wort, dessen klangliche Erscheinung sich dann der Schreibweise mit Binnen-I, Unterstrich, Sternchen, Doppelpunkt etc. annähert.

Beides zielt weniger auf Inklusion als auf Neutralisierung ab. Ein sprachlicher Ort diesseits der Geschlechtertrennung wird besetzt, bzw. geschaffen. Nicht freilich aus der Lust an den sexuellen Verwicklungen, die sich in dieser Sphäre ergeben können. Angst dirigiert das Verfahren. Man will nichts falsch machen. So wird auf Redeformen progrediert, die konflikt- und spannungslos erscheinen.

Die beiden hauptsächlich verwendeten Praktiken tun das auf konträre Weise. Das Gerundium deckt sie mit der harmonisierenden Lautfolge „-enden“ zu. Hier treten Subjekte sprachlich in Erscheinung, die auf ihre Funktion reduziert sind. Außer ihr sind sie – die Arbeitenden, Studierenden – nichts.

Die Zäsur dagegen trennt die Geschlechter innerhalb des Worts. Die Zäsur unterbricht die Beziehung. Die Geschlechter werden durch ein Nichts, eine Lücke, ein Stocken, als wisse man für einen Moment nicht mehr weiter, voneinander getrennt. Doch in der Stockung stirbt die Spannung, das Verhältnis hört auf.

Beides sind Sprachform des neoliberalen Kapitalismus. Ihm ist das Geschlecht egal ist, wenn die Rendite stimmt. Aus seiner Sicht sind Geschlechterrollen obsolet und ineffizient. Er sieht zunehmend vom Geschlecht ab, weil es sich als wirre Störung vor die sterile Performance des ökonomischen Selbsts drängt. Sie  ist ein mächtiger, vielleicht sogar der mächtigste Motor der Gleichberechtigung, im Schlechten wie im Guten.


 

P.S.: Am sympathischsten war mir immer die ausschließliche (oder mehrheitliche, Dogmatismus ist da sowieso von Übel) Verwendung des generischen Femininums. Es provoziert ohne sprachliche Umständlichkeit. Die Universität Leipzig hat sämtliche offiziellen Dokumente darauf umgestellt. Dennoch scheint mir, findet diese Option weder im geschriebenen noch im gesprochenen Wort besonderen Anklang.

Das verfluchte Jahrzehnt

Zu Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

„Ich fuhr weiter durch den Landkreis, führte Gespräche, füllte täglich meine Seite mit Berichten über Seniorennachmittage, Feuerwehreinsätze, Schulsportfeste. Gorillas gab es überall, bis in den letzten Winkel. Die Ähnlichkeit der Physiognomien und der Ereignisse, der nächtliche Terror, hingen mir wie Senkblei an den Gliedern. Ich beobachtete die alten Bauern, wie sie, konfrontiert mit der professionellen Euphorie westdeutscher Investoren, sprachlos in muffigen Sälen hockten. Dahinter die Enkel, maulfaul und feindselig, die sich eine Zukunft als Koch, Bademeister, Stallbursche oder Balljunge nicht vorzustellen vermochten. Sie teilten die Unbeholfenheit der Väter, die sich auch in neuen Kleidern nicht verbergen ließ. Alle spürten, dass sie nicht hineinpassen würden, selbst, wenn einer der großen Pläne für Windkraftanlagen, Luxushotels oder Golfplätze realisiert werden sollte. Die Blicke der Frauen waren flehend, ihre Stimmen kraftlos. Einzig sie könnten als Dienstpersonal taugen … Ihre Erfahrungen waren nutzlos geworden. Wenn ich trotzdem danach fragte, belächelten sie mich.“

Dieser Roman ist eigenartig. Er ist nicht eigentlich gut geschrieben, die Vor- und Nachwendezeit in den havelländischen Provinz, die er erinnert, bleiben seltsam blass und lebensleer wie die Bilder und flüchtigen Ansichten, die an einem vorüberziehen, wenn man aus dem Fenster eines fahrenden Zuges blickt. Was sie beschreibt, hat keine räumliche Tiefe, das, wovon sie erzählt, ist nicht miteinander verstrebt und verklammert, es wird aneinandergereiht. Es sind unverbundene Standbilder, aus denen keine Geschichte entsteht. Dieser Roman ist kein Roman, sondern ein Bericht, ja im Grunde eine Chronik.

Dennoch – gerade aufgrund dessen, was man womöglich als literarische Schwäche auffassen könnte, strahlt das Buch eine eigene und eigentümliche Faszination aus. Die Frage ist ja, ob das hier Beanstandete seinen Grund im schriftstellerischen Unvermögen hat oder ob es als Auswirkung eines Jahrzehnts beschrieben werden sollte, dessen traumatische Substanz noch lange nicht abgearbeitet ist.

Präkel hat einmal gesagt, es falle schwer, sich überhaupt an die neunziger Jahre zu erinnern. Dazu passt der verzweifelt nüchterne Berichtston des Buches. Er greift nach etwas, das sich entzieht. Ja, diese schreckliche Zeit des Zusammenbruchs, in der eine Gesellschaft jeglichen Halt in sich verlor und auch beim ehemaligen Klassenfeind, an den sie sich angeschlossen hatte, keinen fand, sondern sah, was wir im Westen noch nie gesehen hatten: das wahre Gesicht des Raubtierkapitalismus, der sich unersättlich durch eine neue Konsumkolonie fraß; diese Zeit einer stammesgesellschaftlichen Regression ganzer Kollektive; als Nazi-Clans ganze Kleinstädte in der Hand hatten und die Gewalt als permanente Drohung in der Luft lag; diese Zeit der Verödung von Landstrichen, in denen 80% arbeitslos wurden, und eine ganze Generation verloren ging; — diese Zeit kann vielleicht nicht erinnert werden. Es war zu viel, die Abwehrschranken liegen zu hoch, der Zugang ist verbaut, oder war es für lange Jahrzehnte, und erst jetzt kommt sie krampfhaft und bröckchenweise wieder hoch. Die einen begegnen ihr, begegnen sich selbst wieder, und die anderen erfahren vielleicht zum ersten Mal von diesem Albtraum, der stockend und ungefüge den Tag erreicht.

So ist Präkels Buch vielleicht nicht gut, aber authentisch. Es dokumentiert die Schwierigkeiten, die der Aufarbeitung dieser Zeit im Weg stehen – sogar bei denen, die sie erlebt haben. Es stellt nicht nur dar, was geschah, sondern zugleich die Prozesse, die es abwehrten und abwehren mussten, damit man überhaupt mit halbwegs heiler Haut dieses verfluchte Jahrzehnt überstehen konnte. Es macht klar, wie viel noch zu sagen wäre, um die Blockaden zu durchschlagen und das Leben nach der Wende von der umfassenden Sprachlosigkeit zu befreien, die es durchzieht wie ein Schimmelpilz und schließlich zum Verstummen gebracht hat. Irgendwie, so glaube ich, waren ja alle froh, dass es vorbei war. Man hatte verstanden, die blühenden Landschaften würden nicht kommen, aber den Müllbergen und Abraumhalden der neunziger Jahre war man entkommen, warum noch darüber reden?

Nun, weil es doch nicht vorbei ist. Die, die konnten, gingen nach Berlin oder Leipzig. Sie konnten vielleicht vergessen. Die anderen blieben da und schwiegen. Aber die Kränkungen, die Beleidigungen, die Verschrottung biografischer Substanz, die Erfahrung der Austauschbarkeit und Bedeutungslosigkeit der einzelnen und des Zusammenbruchs der sozialen Ordnung sind bloß tiefer gesackt sind, überwachsen vom Narbengewebe eines kleinen Wohlstands, das aufbricht, wo immer die Menschen das Gefühl haben, es gehe wieder schlechter und der nächste Oktroi eines neuen Systems stehe vor der Tür. Was nicht erinnert werden kann, wird wiederholt.

Klassengesellschaft 5

Zunehmend war ihm anzumerken, wie sehr er sich quälte, wie sehr ihm seine eigene Fremdheit gegenüber den anderen aufstieß. Wieder und wieder geschah das, ohne dass er sich im Geringsten in der Lage sah, daran etwas zu verändern, weil alle Versuche, die er in dieser Richtung unternahm, notwendig darauf hinausliefen, seine Andersartigkeit zu bestätigen. Es war nun einmal so, dass er aus anderen Verhältnissen kam als die überwiegende Zahl seiner Kommilitonen, seine Eltern waren Bauern wie ihre Eltern es gewesen waren. Ihre Bullenzucht bedeutete Wohlstand, der es ihnen leicht machte, den Unterhalt ihres begabten und aufstrebenden Sohnes in der teuren Metropole zu bestreiten. Ihm gab es ein Gefühl von Solidität und Unverrückbarkeit, die er als Vorzug empfand gegenüber den Spätlingen, mit denen er das Studium teilte. Als Adam grub und Eva spann, so sagte er sich manchmal, wenn er im Regionalzug von zuhause in die nahe gelegenen Universitätsstadt saß, er selbst steckte noch mit einem Teil seines Daseins im Ältesten, in der Erde, die von der Menschheit seit vielen tausend Jahren umgegraben und beackert wurde, immer auf dieselbe Weise. Was waren dagegen ein Chemiker oder ein Architekt? Figuren, die womöglich bald wieder aus der Geschichte verschwunden sein würden.

Sein Marxismus war von dieser Art, bodenständig, dreist und provozierend, mit der Selbstsicherheit desjenigen, der ebensowenig zur Klasse der unter Anpassungszwang stehende Arbeiter gehört wie die Bürgerkinder, mit denen er die gemeinsamen Interessen bei fehlender Biegsamkeit teilte, weil der Erfahrungsbereich, in dem er wurzelte, größere Zeitabschnitte der Menschenerfahrung absorbiert hatte als es die enteigneten, letztlich immer der Arbeit hinterher ziehenden Arbeiterinnen und Arbeiter jemals konnten, denen freilich das akademische Prekariat immer mehr glich, wenn die A-Karriere fehlschlug. Darum beneidete ihn die anderen manchmal. Seine politische Überzeugungen schienen unerschütterlich, sein Arbeitsethos unverbrauchbar, sein Lektürepensum gewaltig und in den Seminardiskussionen war er ebenso unermüdlich wie auf den Konferenzen und Tagungen, die er besuchte.

Und doch war er nicht glücklich, der Abstand zwischen ihm und den anderen schienen unüberbrückbar. Dass er so vieles besser konnte, war ein Makel, den er nicht los wurde. Sein Leben befand sich in einem unaufhörlichen Widerspruch. So, wie er auf der einen Seite ja auf all dem beharrte, was ihn von den anderen habituell trennte, litt er doch unter diesem Wildgeruch, der sich nicht ablegen ließ, ja durch alle Versuche, ihn loszuwerden, stärker zu werden schien. Er sah ein, dass nicht jedes Alleinstellungsmerkmal zum Erfolg führte, auch wenn das von der Ideologie des Marktes unablässig vorgebetet wurde, sondern dass es Tabus und Ausschließungsmechanismen gab, deren Existenz ihm fast körperlich fühlbar war, die aber im Einzelnen nur von denen verstanden wurde, die sie verhängten und praktizierten.

So handelte er ins Blaue hinein. Er zivilisierte sich sichtlich, wurde zum Kaffee- und Weinkenner, ging gerne gut essen, sein zu Beginn des Studiums grobes und herablassendes Verhalten legte er ab und verhielt sich gegenüber den Kommilitonen und Dozenten ausgesucht höflich, er war subtil und machte Komplimente, wo es ging. Aber es blieb die Arbeit eines Aufsteigers in eine Klasse, die sich selber als bedroht empfand und ihm deswegen den Zutritt verwehren würde. Aus den verhaltenen Reaktionen der Anderen wurde ihm deutlich, dass sie sein Prinzip durchschauten, und sich wohl darüber im klaren waren, dass er eine Taktik der Assimilation praktizierte, die nicht von Überzeugung getragen war. Er war nicht mehr so unverschämt wie zu Beginn seines Studiums, das aber war schon alles.

Mit aller Kraft strebte er einer akademischen Karriere zu. Das schien ihm wie auch ihnen, wenngleich aus anderen Motiven, einen Ort darzustellen, der klassenmäßig unbestimmt war und wo man all der innerlichen und äußerlichen Schwierigkeiten, die einem die eigene Herkunft in den Weg legte, ledig werden könnte. Nur die individuelle Leistung schien hier zu zählen, und obwohl er wusste, dass das eine Lüge war, überredete er sich immer wieder, ihr Glauben zu schenken. Es war ein Selbstbetrug, denn bürgerlich war diese Sphäre in jedem Fall, nicht bloß in der Art, wie gedacht wurde und der Bereich der Kultur mit der politischen Wirklichkeit nicht in Zusammenhang gebracht wurde, sondern in einem ganz handfesten Sinne, weil hier die letzten Verteilungskämpfe einer niedergehenden Schicht ausgefochten wurden und nur diejenigen Zutritt erlangten, die einen bestimmten Verhaltenskodex mit einer Schwerlosigkeit zu beherrschen schienen, die er, schwer und plump in seinem ganzen Auftreten, nie würde erlangen können. Die Kunst bestand darin, die Regeln im rechten Moment zu brechen. Dafür hatte er kein Gefühl.[1]

So drehte er sich im Kreis. Alle Versuche, sich anzupassen, ließen seine Nichtintegrierbarkeit nur um so deutlicher hervortreten, nicht zuletzt weil er das mit einem Teil seines Wesens ja auch wollte, weil der Klassenkampf ja nicht aufgehört hatte, sondern bloß mit anderen, partisanenhaften Mitteln weitergeführt werden sollte. Das ahnten die anderen und er selbst ahnte, dass sie es ahnten, und so trieb er sich immer tiefer hinein in den Zirkel aus Unterwerfung und dann doch nur schwer zu verbergenden Arroganz, durch den der sich erst recht vom akademischen Betrieb ausschloss.


Anmerkung
[1] Das Prinzip der Zuckerzange. Man legte sie in den gut situierten Häusern des 19. Jahrhunderts zum Würfelzucker, aber wehe denen, die sie benutzten. Unweigerlich waren sie als kleinbürgerliche Aufsteiger entlarvt.

Warum »nationaler Sozialismus«?

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Wenn der Ost-West-Konflikt, wie nun immer deutlicher wird, die treibende Kraft in der neuen rechten Bewegung ist, die im Osten immer mehr Boden gewinnt [1]: Warum – naive Frage! – richtet sich die Sehnsucht nicht auf die verlorene DDR? Warum steht im Zentrum der rechtsradikalen Forderungen ein Begriff, der langsam aber sicher seine Anrüchigkeit verliert und aus extremen Gruppierungen wie dem (hier zu sehenden) III-Weg in breitere Bevölkerungsschichten diffundiert: »nationaler Sozialismus«? Man muss feststellen: Die Forderung nach einem nationalen Sozialismus ist ein geringeres Tabu als die Forderung nach einer Wiederkehr der DDR. Im Grunde ist das erstaunlich, denn wenn man Verbrechen und  und Verdienst des NS und der DDR miteinander vergleicht, sieht es für die DDR unbedingt besser aus. Warum also der Rückgriff aufs tabuisierte Vorgestern?

Es scheinen zwei Gründe dafür ausschlaggebend zu sein: sehr verschiedene Gründe, die sich jedoch wechselseitig ergänzen.

Erstens war die DDR eine Gesellschaft, in der Ausbeutung im internationalen Maßstab nur eine geringe Rolle spielte. Verglichen mit dem Kolonialismus von früher, verglichen aber auch mit dem Ausmaß, in dem heute die Siegerstaaten des global agierenden Kapitalismus alle anderen Länder niederhalten, ausbeuten und ökonomisch über den Tisch ziehen, war die DDR harmlos.

Es glauben aber jetzt immer weniger Menschen daran, dass eine solidarische Welt ohne Ausbeutung, in der es gerecht zugeht und in der die Menschen vom gemeinsamen Reichtum etwas abbekommen, überhaupt noch möglich ist. Sie fragen sich: Ist es vielleicht nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf? Ist ein Fortschritt der menschlichen Gattung wirklich noch zu erwarten? Wahrscheinlicher wirken im Moment: Niedergang, mafioser Zerfall und eine unaufhaltsam auf uns zurollende ökologische Katastrophe. Dieses Grundempfinden haben die beeindruckenden, aber untergründig hysterischen Proteste im Hambacher Wald und die neue rechte Bewegung nach meinem Eindruck miteinander gemeinsam.

Wenn das aber so wahrgenommen wird: ja – dann können wir unser Heil nur in der weiter fortgesetzten, ja radikalisierten Ausbeutung finden; genau wie der historische Nationalsozialismus, der es durch die Rassenlehre von Herren- und Sklavenvölkern untersetzte. Dann müssen wir uns abschotten, eine europäische gated community der (noch) Privilegierten bilden und die anderen für uns arbeiten lassen. Wie rassistisch im strengen Sinne die neue Rechte, wenn man von den harten Kadern absieht, wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Aber am Kern einer rücksichtslosen Ausbeutung plus nationalen Protektionismus führt aber nichts vorbei. Denn es ist die einzige Möglichkeit, in einer Welt, in der nicht genug für alle da ist und mit der es scheinbar bergab geht, das, was man noch hat, zu sichern. Und genau in dieser Hinsicht erscheint der NS vielen Menschen illusionsloser als der untergegangene sozialistische deutsche Staat.

Zweitens: Der Nationalsozialismus ist böse, die DDR lächerlich. Überspitzt gesagt: Nicht mal als als »Unrechtsstaat« hat es die DDR besonders weit gebracht. Sie ist – trotz Bautzen, trotz der allmächtigen Staatssicherheit, trotz der Toten und ruinierten Existenzen – in der Wahrnehmung des Westens irgendwie kleinbürgerlich und kleingärtnerisch geblieben. Damit verglichen ist der NS von dämonischer Größe. Er hat das Format des großen Verbrechers, mit dem man sich leichter identifiziert als mit dem Kleinkriminellen. Auf diesem lastet eher das Gefühl der Scham. Scham aber ist gattungsgeschichtlich sowohl als auch in der Entwicklung des Einzelnen viel älter, stärker und robuster als das Konzept der Schuld. Es liegt tiefer und die von ihm errichteten Verhaltenshürden sind sehr viel schwerer zu nehmen

Für mich war es immer sehr eigenartig, dass die DDR nach der Wende zum Gegenstand des Spottes wurde. Man kennt das: die Mode, das Piefige, die im Westen als exotisch wahrgenommenen Begriffe, die ebenfalls irgendwie kleinkariert und provinziell wirkten, der Dialekt, bzw. die Dialekte, die Marken und Markennamen: all das verfiel der Lächerlichkeit. Jana Hensel beschreibt diese komplett neurotische Situation für die neunziger Jahre sehr klar: »so lief die Bildmaschine in meinem Kopf ständig, scannte alles um mich herum und registrierte die Gesten, Begrüßungsfloskeln, Redewendungen, Sprüche, Frisuren und Klamotten meiner westdeutschen Mitmenschen.« Die Sache mit der Kleidung hat sich im Großen und Ganzen wohl erledigt. Aber vieles andere ist geblieben, worin es zu kultureller Gleichberechtigung nicht einmal im Ansatz gekommen ist.

Es gibt dafür mehrere Gründe. Einmal ist der Spott über den Klassenfeind von gestern, der zum Verlierer der Geschichte wurde, eine vielleicht nicht natürliche, aber nachvollziehbare Regung. Das scheint mir aber nur die überaus dünne Oberfläche eines vielfältig geschichteten Psycho-Komplexes zu sein. Denn mit dem Spott über die DDR entsorgt die BRD auch ihre eigene Vergangenheit: all den sozialstaatlichen Muff, die Enge, die es dort mit einem Zeitversatz von 15 Jahren eben auch gab. Auch bei uns im Westen war das Staunen groß, als die ersten Südfrüchte in den Supermarktregalen auftauchten.

Aber noch mehr: In der spöttischen Herablassung drückt sich ein ambivalentes Verhältnis zu der von der DDR verkörperten Vergangenheit aus. Der Witz, so schreibt Freud, erlaubt es, das Verdrängte bewusst zu machen – um den Preis, dass man darüber lacht und es verunglimpft. Das Verdrängte aber sind die verbotenen Wünsche. Es sind also die eigenen regressiven Sehnsüchte, die eigenen Rückkehrwünsche in die geschlossene Welt vor dem Durchbruch des Neoliberalismus, die sich im Spott über die DDR und die Ostdeutschen entlädt. So lacht man über das, wohin man partout nicht zurück kann.

Aber Herablassung erzeugt Trotz. Dieser Trotz geht nicht so weit, das Verlachte selbst zurückzufordern. Also richtet er sich zähneknirschend auf das überwunden geglaubte Böse – auf das Verdrängte von vorgestern statt auf das von gestern.

Anmerkung: 

[1] Neben dem Gesprächsband von Jana Hensel und Wolfgang Engler, den ich in der letzten Zeit häufiger erwähnt habe, vertritt auch die gerade erschienene Streitschrift „Integriert erst mal uns!“ der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping diese Ansicht – mit m.E. unwiderleglichen Argumenten.

Essen wegwerfen

Ein Artikel in der »Zeit« beschäftigt sich damit, dass in den Industrienationen Lebensmittel in erheblichem Maßstab weggeworfen werden. [1] Das hat viele Gründe, die sich über die gesamte Produktionskette bis hin zum Endverbraucher verteilen. Eine große Rolle spielt aber dabei der Umstand, dass zu viel eingekauft wird. Ein großer Teil der Lebensmittel, die in den Müll wandern, werden in unseren Kühlschränken schlecht. [2]
¶ Was ist der Grund für dieses Verhalten? Es scheint mit einer Struktur zu tun zu haben, die erst der späte Kapitalismus den Konsumentinnen und Konsumenten aufgenötigt hat. Man will sich nicht entscheiden. Das, was aus dem Supermarkt nach Hause transportiert wird, entspricht nur zum Teil dem, was man voraussichtlich braucht. Es handelt sich vielmehr um einen Import des Supermarkt-Regals selbst. Auch vor dem Kühlschrank, auch vor dem Regal in der Speisekammer möchte ich die volle Auswahl haben. Die Entscheidung darüber, was man isst, wird in letzter Sekunde und spontan gefällt. Jede Planung, jede vorgezogene Entscheidung hat ja zur Folge, dass man sich des Möglichkeitsspielraums beraubt, dessen Expansion einer der libidinösen Zentralaspekte dieser Phase des Kapitalismus darstellt. Deswegen muss systematisch zu viel eingekauft werden. Deswegen nehmen wir Tag für Tag, Woche für Woche in Kauf, Lebensmittel wegzuwerfen. Irgendwie sind wir doch reich, wir können uns das leisten. Wer isst seinen Kühlschrank wirklich leer, bevor sie/er wieder einkauft?
¶ Dieses Konsumverhalten scheint aber noch auf einem weiteren dynamischen Fundament zu stehen. Speziell vor den Feiertagen, selbst dann, wenn es sich nur um ein verlängertes Wochenende handelt, nimmt das Einkaufsverhalten fast hysterische Züge an. Die ohnehin schon riesigen Einkaufswagen sind randvoll, man hat das Gefühl, dass ein echter Versorgungsengpass bevorsteht. Dahinter steht nicht nur das Bedürfnis nach freier Wahl. Sondern auch eine Angst: der Kapitalismus mit seinen ungeheuren Serviceleistungen beginnt langsam unglaubwürdig zu werden. Irgendwie ist das alles gar nicht wahr, es wirkt nicht real. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan. Die Fundamente erodieren, Günter Eichs Termiten arbeiten sich durch unser Gesellschaftsgebäude. Jederzeit könnte es zusammenbrechen, jederzeit könnte sich alles als eine riesiger Irrtum herausstellen und wir vor leeren Regalen stehen. Vor den Feiertagen treten die Katastrophenahnungen verstohlen an die Oberfläche.
¶ Diese Angst, die allem Reichtum zum Trotz in den letzten Jahren zugenommen zu haben scheint, hat etwas damit zu tun, dass die reale, d.h. die produktive Wertschöpfung für den Reichtum einer Gesellschaft eine immer geringere Rolle spielt. Es wird sehr viel Geld auf dem Spekulationsmarkt verdient, es gibt sehr viele gut bezahlte Jobs, bei denen nicht mehr ersichtlich ist, was durch sie produziert wird und wem sie eigentlich nutzen, und die offensichtlich wichtige Arbeit wird tendenziell zu schlecht bezahlt. Die Welt ist voll von unnützen Waren, deren Vervielfältigung ihre Nutzlosigkeit nur ganz oberflächlich zum Verschwinden bringt. Auf allen Gebieten sind Tausch- und Gebrauchswert weiter denn je auseinandergetreten. Das ganze System wirkt mittlerweile wie die sprichwörtliche Blase, die beim leisesten Druck von außen zerplatzen könnte.
¶ Dabei geht es nicht darum, ob dies ein realistisches Szenario ist. Das ist es natürlich nicht: der Kapitalismus wird nicht einfach zerplatzen, er befindet sich eher in einem Zustand lang anhaltender Agonie, eines gleitenden und allmählichen Zerfall. Das Bild der zerplatzenden Blase ist ein Mythos. Aber Gefühle leben von solchen Mythen, von drastischen und greifbaren Bildern, aus denen sich überschaubare Geschichten entwickeln lassen. Und für das Verhalten der Menschen sind nicht die Dinge, wie sie wirklich sind, sondern wie sie empfunden werden, verantwortlich. Und es ist eben diese Empfindung, die dahin drängt, diese ganze, von uns geschaffene Welt als eine Phantasmagorie zu empfinden, als etwas hochgradig Irreales. Davor versucht man sich in Acht zu nehmen. Angesichts dessen betreibt man eine Vorratshaltung des Augenblicks, die freilich, weil sie im Übermaß verderbliche Lebensmittel aufhäuft, keine wirkliche Vorratshaltung ist.
¶ Gerade das führt auf ein drittes Motiv. Vielleicht gibt es sogar ein Bedürfnis, Werte zu vernichten. Vielleicht ist die Selbstzerstörungsmaschine, zu der sich der Kapitalismus entwickelt hat, so sehr zum Bestandteil unserer Psyche geworden, dass wir gar nicht mehr anders können als mitzumachen. Die einzige Form, mit dieser Dynamik der Selbstzerstörung seinen oder ihren Frieden zu machen, besteht darin, sich in sie einzuklinken: mitzumachen, sie zynisch zu überbieten, sich falsch zu verhalten, obwohl ich weiß, dass ich es eigentlich nicht tun sollte. Aus dieser Perspektive besteht kein großer Unterschied zwischen dem Erwerb eines SUV, dem vernunftwidrigen Einkauf einer zu großen Menge von Lebensmitteln, und der lustvollen Anhäufung unverantwortlich großer Mengen von Plastikmüll. Man könnte es eine Feuerwerks- oder Jetzt-erst-recht-Mentalität nennen. Man könnte auch sagen, es sei ein dekadentes Verhalten. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles dem Untergang geweiht ist (und von diesem Grundgefühl sind alle Epochen bestimmt gewesen, die in der Kunst und Literaturgeschichte dann später als dekadent klassifiziert wurden), was bleibt mir dann anderes übrig, als die Zukunft ganz in den Wind zu schlagen, wie Gegenwart zu genießen, und mich mit der Dynamik des ganzen widerstandslos zu identifizieren?

Nachweise
[1] Die Zeit 40/2018, S. 23-35. https://www.zeit.de/2018/40/lebensmittelverschwendung-mindesthaltbarkeit-verbraucher-einzelhandel-industrie (Paywall)
[2] Ebd.: „Eine Studie der Universität Stuttgart, in Auftrag gegeben von der damaligen Agrarministerin Ilse Aigner, kam 2012 zu dem Ergebnis, dass 61 Prozent der Lebensmittelverschwendung privaten Verbrauchern zuzuschreiben seien. (…) Das Problem fängt damit an, dass die meisten Deutschen zu viel einkaufen. (…) Gegessen wird längst nicht alles. Von allen Lebensmitteln, die der Deutsche in die Tonne wirft, entfallen allein 44 Prozent auf Obst und Gemüse und 15 Prozent auf Brot, wie die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berechnete. In sechs von zehn Fällen sei die Vergeudung leicht zu vermeiden: Verbraucher lagern die Waren falsch oder denken beim Einkaufen nicht richtig nach. Viele Produkte würden spontan gekauft, angebrochen im Kühlschrank vergessen und erst entdeckt, wenn sich bereits ein Schimmelrand gebildet hat. Einkaufszettel benutzen die Deutschen nur noch selten. Dafür fallen sie auf Sonderangebote herein.“

Historische Anamnesis II

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Markt in Plauen, Vogtland

Am 18.9. stand in der Chemnitzer Morgenpost, bzw. in tag24, dass Plauen die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in ganz Deutschland Plauen sei. [1] Dasselbe Plauen, in dem „Der III. Weg“ am Abend der Chemnitzer Demonstrationen vom 1.9. 800 Bürger rekrutierte, die gegen „Überfremdung“ und „Umvolkung“ auf die Straße gingen? [2]

Es geht, selbst wenn man ein gewisses Misstrauen in solche Erhebungen einrechnet, den Plauenern offensichtlich nicht schlecht. Das legt den Schluss nahe, dass sie und die vielen anderen, die in den letzten Jahren gegen die Flüchtlinge auf die Straße gingen, vor allem davor Angst haben, dass sich daran etwas ändert. Hinter den Migranten steht eine andere Welt, die Menschen haben eigentlich nicht vor ihnen Angst, sondern vor etwas, wofür sie stehen, etwas, das sie bloß chiffrieren. Sie sind ein Sündenbock, auf den Konflikte projiziert werden, für die er selbst gar nicht oder nur zu einem ganz geringen Teil verantwortlich ist.

Was aber steht dahinter? In dem von Jana Hensel und Wolfgang Engler verfassten Gesprächsband „Wer wir sind: Über die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ vertritt Jana Hensel die Ansicht, dass der „Brandherd“ des Volkzorns, die verborgene Triebkraft hinter den populären Ausläufern der neuen Rechten der Ost-West-Konflikt sei. [4] All das, was in der Nachwendezeit schief gegangen ist, habe diesen Konflikt immer weiter geschürt, der sich nun nach 30 Jahren voller Angst und Hass entlade. Das meint: Sie schlagen die Flüchtlinge und meinen den Westen.

Mit knapper Not ist man aus der großen „Überfremdungs“-Erfahrung der Nachwendezeit herausgekommen, begleitet von zahllosen Demütigungen, die bis heute nachwirken: ungerechtfertigte Betriebsschließungen, Desinteresse, Herablassung, Ausbeutung und Entwertung des „Bürgers“ zum „Transferempfänger“. [4] Jetzt folgt der nächste Streich, die nicht bloß ökonomische, sondern kulturelle Anpassung an den „Westen“.

Nicht allen, die sich Pegida angeschlossen haben und mit Pro Chemnitz demonstrieren, werden davon angetrieben sein. Vor allem, was die rechtsradikalen Kader betrifft, die diese Volksbewegung nutzen, liegt der Fall wohl anders. Sie scheinen tatsächlich von faschistischen Grundüberzeugungen angetrieben zu sein. Aber für viele, die sich ihnen angeschlossen haben, gleichzeitig aber mit höchster Empörung (aus der zuletzt noch die antifaschistische DDR-Sozialisation spricht), zurückweisen, als „Nazi“ bezeichnet zu werden, sitzt das Ressentiment gegenüber dem Westen sehr tief. Die mit den Flüchtlingen hauptsächlich verbundene Angst besteht darin, so zu werden wie der Westen.

Im »Sachsengespräch« am 17.9., in dem die Sicherheit in Chemnitz im Mittelpunkt stand, sagte jemand (wie ich aus dem Westen kommend, aber schon lange in Chemnitz lebend), dass er die Leere als das eigentliche Problem der Chemnitzer Innenstadt empfinden würde. Ab 20:00 Uhr könne man froh sein, wenn man überhaupt jemandem begegne. Darüber hinaus wäre die Innenstadt natürlich auch sicherer, wenn außer den Gruppen von ausländischen Jugendlichen überhaupt noch jemand anders auf der Straße sei. Daraufhin erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der in den Satz gipfelte: „Wir müssen arbeiten!“

Die Diskussion brach dann ab. Sie setzte sich aber in meinem Kopf so fort, dass das natürlich auch für die Einwohner von Karlsruhe und Bielefeld gilt, die ja nicht per se auf der faulen Haut liegen, wo der Tourismus sich in Grenzen hält und trotzdem die Innenstädte nicht in diesem Grade verödet sind. Wenn ich das aber gesagt hätte – so setzte meine Fantasie sich fort (die Diskussion selber war schon wieder an einem anderen Punkt angekommen) -, hätte es die Stimmung mutmaßlich noch mehr vergiftet. Denn darum ging es ja gerade: Wir wollen nicht sein wie Karlsruhe oder Bielefeld; wir wollen nicht werden wie der Westen; nach Jahrzehnten der Entfremdung wollen wir unter uns bleiben, es soll hier nicht aussehen und zugehen wie in den westdeutschen Großstädten, in denen das, was wir gerade zu verhindern versuchen, an der Tagesordnung zu sein scheint. Der polemische Sammelbegriff für all das ist „linksgrünversifft“: irgendwie anrüchig, tendenziell faul, queer, offen, multikulturell, unberechenbar und in verdächtiger Weise „kreativ“. Und wenn gefordert wird, die Grenzen dichtzumachen, oder Sachsen von der Bundesrepublik abzutrennen und an die Visegrad-Staaten anzuschließen [5] -: kehrt da nicht auch, vermittelt über viele Ecken und psychohistorische Seitenwege, das Bild des „antikapitalistischen Schutzwalls“ wieder, den man sich im Grunde zurückwünscht, ohne es deutlich aussprechen zu können?

Die Angst vor dem ‚da drüben‘, der Hass auf die dort vermutete Dekadenz sind jedenfalls groß. Als bei demselben Sachsengespräch am letzten Montag Innenminister Wöller erklärte, dass die personelle Aufstockung bei der Polizei erst ab dem Beginn des nächsten Jahres greifen würde – bis dahin habe man sich zunächst mit einem Überhang an Pensionierungen – herumzuschlagen, brach es aus jemandem heraus: „Wie lange wollt ihr denn noch warten – das sind Monate, da geht hier alles unter!“ Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, und vereinzelt wurde im Publikum auch darüber gelacht. Aber aus dem, was er rief, sprach reale, im Grunde an Panik grenzende Angst.

Ich finde es richtig, politische Forderungen zu erheben, die eine sozialere, rationalere und verständlichere Politik in den Mittelpunkt stellen. Es scheint mir kurzfristig auch die einzige Möglichkeit zu sein, den nächsten anstehenden GAU zu verhindern, nämlich einen Durchmarsch der AFD bei der nächsten Landtagswahl. Das im weitesten Sinne kollektivpsychologische Moment aber, das mir, je länger ich darüber nachdenke, für die Entwicklung hier eine schlechterdings zentrale Rolle zu spielen scheint, ist damit im Grunde  noch gar nicht berührt. Und ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht so recht, wie man es anfassen kann.


Nachweise:

[1] https://www.tag24.de/nachrichten/plauen-sachsen-vogtland-diese-region-hat-die-hoechste-lebensqualitaet-deutschlands-786234

[2] https://www.endstation-rechts.de/news/starker-zulauf-fuer-neonazi-demo-in-plauen.html

[3] Jana Hensel / Wolfgang Engler, Wer wir sind: Über die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Kindle-Ausgabe, Pos. 1154 {Hensel].

[4] Ebd., Pos. 1195 [Engler].

[5] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/pro-chemnitz-gruender-mit-ungarn-mehr-gemein-als-mit-den-wessis-15764146.html

Sprache und Wirklichkeit

Die Form, in der sich der Ministerpräsident des Landes Sachsen, Michael Kretschmer, und der Verfassungsschutzpräsident des Bundes, Hans-Georg Maaßen, der Wirklichkeit stellen, ist die reine, fürsichstehende Negation.

„Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd, keine Pogrome“,

sagte Kretschmer in seiner Regierungserklärung vom 6.9.2018. Und Maaßen ließ gegenüber der Bildzeitung verlauten:

„Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt“. „Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben.“

Ja geschenkt, über Begriffe kann man sich bekanntlich streiten. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass sich die politische Kaste darauf beschränkt, zu sagen, was es nicht war, aber gänzlich auf eine Beschreibung dessen verzichtet, was es denn nun war.
Torsten Kleditzsch, der Chefredakteur der Chemnitzer Freien Presse, hat genau das versucht, mit dem bekannten Ergebnis, dass er den Begriff Hetzjagd für unangemessen hält:

„Es gab aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten. So wurde Menschen über kurze Distanz nachgestellt. Insofern wäre der Begriff ‚Jagdszene‘ noch gerechtfertigt. Eine ‚Hetzjagd‘, in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben, haben wir aber nicht beobachtet.“

Man muss nicht zu diesem Ergebnis gelangen, aber die Erklärung, die er am 30.8.2018 in seiner Zeitung veröffentlichen ließ, ist redlich in dem Sinne, dass sie sich um eine Beschreibung des von ihr bezeugten Sachverhaltes bemüht – eine Beschreibung, die mehr ist als ein Wort, die aus Sätzen und Satzzusammenhängen besteht, die letztlich die Basis bestimmter Begriffe bilden. Wenn sich die Politiker in ihren offiziellen Verlautbarungen diese Mühe nicht machen und vor einer aneignenden Darstellung der Wirklichkeit kapitulieren, hat das mehrererlei zur Folge:

  • Es eröffnet für das, was war, einen unkontrollierten Deutungsraum, trägt zur Polarisierung bei und überlässt im konkreten Fall das Feld all denen, die daran interessiert sind, die Ereignisse zu verharmlosen. Dann war also gar nichts? Oder war, wie Maaßen insinuiert, das im Internet kursierende Video (welches?) eine „gezielte Falschinformationen“. Das setzt sich freilich darüber hinweg, dass sich Kleditzsch in erster Linie auf Augenzeugenberichte beruft und die Videos lediglich als zweite Quelle heranzieht: „Wir kennen auch kein Video, das eine solche Szene dokumentiert.“
  • Es verstärkt den allgemeinen Eindruck, dass die Politiker sich vor der Wirklichkeit drücken; dass sie sich nicht mit ihr konfrontieren, geschweige denn sie durch politisches Handeln ändern wollen, sondern dass ihre Autorität sich auf Beschönigung oder zumindest Beschwichtigung beschränkt.

Einer der immer wiederkehrenden Vorwürfe an die sogenannte liberale Elite lautet bekanntlich, dass Sie ihr politisches Handeln auf Sprachregelungen beschränkt. Inklusive Schreibweise statt Kampf für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen; Losungen der multikulturellen Gesellschaft, die sich um die Probleme vor Ort nicht schert; studentische Initiativen (die schnell auch zur Elite geschlagen werden), die angeblich rassistische Texte aus dem Kanon nehmen möchten, aber gedankenlos darüber hinwegsehen, dass in der Mensa zu 90% Menschen südosteuropäischer oder afrikanischer Herkunft eingestellt sind.

Im Zentrum dieser Vorwürfe steht die Verwechselung von Sprache und Wirklichkeit. Man glaubt wirklich, man habe etwas verändert, wenn man auf die richtige Weise darüber redet. Und so wird als Intention hinter den bloß negierenden Sprachverhalten der Politik zu den Vorfällen in Chemnitz ein apotropäischer Gestus erkennbar. Man will einfach nicht, dass es ist, man will es weg haben, man will es sprachlich verhindern und dadurch, dass man nur sagt, was es nicht war, in toto aus den Köpfen löschen.

 

 

Historische Anamnesis

Beschreibungsversuch mit offenem Ausgang

In den rechten Demonstrationen der letzten Tage gibt es eine Konstante. Das ist der brutale Hass auf die Medien. Die werden in keiner Weise als eigenständige Kraft wahrgenommen, sondern einzig und allein als propagandistisches Mundstück einer Politik, die sich von den Bürgern entfremdet hat. Das erinnert an die mittleren und späten 1980er Jahre in der DDR, die sich hier in einer Art historischer Anamnesis über die Wahrnehmung der Gegenwart schieben, in der man den Medien (nach meiner Einschätzung) zwar systembedingte Strategien des Realitätsverlust vorwerfen kann, nicht aber Propaganda im eigentlichen Sinn. Genau das aber war damals der Fall und bestimmt die Wahrnehmung heute. Für die Demonstrierenden bei AfD, Pro Chemnitz und Co. sind Presse-, Rundfunk- und Fernsehteams die unmittelbaren Vollzugsorgane einer Politik, von der sie sich verachtet fühlen, und die ihnen oft genug dazu Anlass gegeben hat. Deswegen die massiven verbalen und körperlichen Angriffe, deswegen die Zerstörung von Kameras, deswegen das Überschreien der Berichterstattung in jeder Form.

Adam Soboczynski hat schon im Februar 2016 darauf hingewiesen, dass sich die Zeiten und Epochen in Ostdeutschland auf eine seltsame Weise überlagern, dass zwischen der SED-Parteispitze, die vom nächsten Fünfjahresplan und der internationalen Solidarität faselte und deren einzige Aufgabe darin bestand, eine zerfallende Gesellschaft schönzureden, und den Berliner Politikern, die mit ihren abstrakten Losungen einer offenen und demokratischen Gesellschaft den gefühlten oder realen Niedergang ebenfalls schönreden, in der Wahrnehmung kaum noch ein Unterschied gemacht wird.[1] Nur durch diese Verwechselung ist es zu erklären, dass sich die neue Rechte im Osten von Anfang an als Wiederkehr von 1989 inszenierte („Wir sind das Volk!“; „Wir haben 1989 Revolution gemacht, und das machen wir jetzt wieder!“[2]) und dass sie, zweitens, im Moment hier noch deutlich mehr Durchschlagskraft hat als im Westen. Kollektive Erinnerungen spülen an die Oberfläche und treiben das ganze voran, die Agonie der DDR liefert das Vorbild für den gegenwärtigen Zustand.

Der Grund für diese unkontrollierte Wiederkehr ist zunächst leicht zu benennen. Es wurde zu wenig gesprochen, zu wenig ernst genommen, zu wenig zugehört und zu wenig erzählt; und wenn man das tat, dann blieb man unter sich. Es klingt banal und selber schönrednerisch, aber nur, wenn man die Vergangenheit genau erfasst und in einem öffentlichen Klima, dass es begünstigt hätte, beschrieben hätte, könnte man sie jetzt von der Gegenwart unterscheiden.

Die Konzentration auf rein ökonomische Prosperität auf der einen Seite, das umfassende Desinteresse des Westens an allem, was den Osten betrifft, auf der anderen Seite, haben das verhindert. Das sächsische Wirtschaftswunder nach 1989 entspricht den westdeutschen Wirtschaftswunder nach 1945. Dieselbe Fixierung auf Ökonomie, dasselbe Weiterleben alter Verwaltungsstrukturen und -mentalitäten, dieselbe staatlich geförderte Verdrängung der Vergangenheit, dasselbe Misstrauen gegen Formen demokratischer Kultur von unten (für ja im Westen auch erst 68 den Durchbruch brachte). Der Unterschied ist, dass es hier nicht so gut gelaufen ist, weil es mit dem Abbau des Sozialstaats historisch zusammentraf und die Prosperität, die man sich erarbeitet hat, wenig gesichert scheint. Wenn sich das wiederum mit jahrzehntelangen Erfahrungen der Entwertung verbindet, dem Gefühl also, von einem Teil der westdeutschen Bevölkerung gemieden zu werden, kulturell und wissenschaftlich unterversorgt zu sein (man vergleiche die Universitätssdichte in West und Ost, betrachte die Zusammensetzung ihrer Führungsriege; bis heute gibt es kein psychoanalytisches Ausbildungsinstitut auf dem Gebiet der ehemaligen DDR; man betrachte die Infrastruktur, Ärzte- und Krankenhausdichte etc.), dann kehrt das Verdrängte irgendwann wieder und sprengt die Gegenwart weg.

Dieser Analyse greift übrigens, wenn ich richtig sehe, nicht für die strategische orientierte Führungsriege der AfD und der ihr nahestehenden Bewegungen. Sie arbeiten damit als einem Druckmittel, um an die Macht zu kommen. Und auch das ist kein kurz gedachter Prozess. Das nächste Ziel ist es, in den drei Landtagswahlen des nächsten Jahres zur stärksten Fraktion zu werden. In Sachsen stehen die Chancen relativ gut, dass es so kommen wird. Wenn das aber passiert, ist es für die Partei eine Win-Win-Situation. Wenn sie die Regierung übernimmt, sowieso. Wenn ihr der Griff nach der Macht durch welche abstruse Koalition auch immer verweigert wird, wird es die Wähler noch wütender machen. Auch hier wieder eine historische Anamnesis mit fatalen Konsequenzen: Egal was man wählt, am Ende regieren immer dieselben. Dem Endziel einer Machtübernahme kommt man damit jedenfalls ein gutes Stück näher.

Nachweise:
[1] https://www.zeit.de/2016/10/osten-sozialismus-fluechtlinge-rechte-gewalt
[2] Beginn der Dresdner Inszenierung von „Graf Öderland“ von Max Frisch – unter dem Titel: „Graf Öderland – Wir sind das Volk“. Anfangschor, zusammenmontiert aus Dresdner Pegida-Texten.

Chemnitz, 27.8.2018

Was hat sich da im Zeichen von Karl Marx versammelt, wer schwenkt die nationalen Banner unter dem Schriftzug „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“? Eine düstere, disziplinierte Masse, 2-3000 Menschen (es gibt auch Schätzungen, die sehr viel höher liegen), fast regungslos über Stunden, bis sie sich dann plötzlich in Bewegung setzten.

Und wir? Naja, wies halt so ist: ein bunter Haufen von Individualisten, ein weng verspielt, träge, im Zweifel ängstlich, auf dem Döner herumkauend, wartend und schwatzend mit alten Bekannten. Es war vollkommen klar. Wenn die kompakte Truppe da drüben einmal Luft holt und gemeinsam losrennt, dann sind wir alle platt und von den Wannen dazwischen wird nichts übrig sein. Die Kräfteverhältnisse waren eindeutig. Die nationale, antikapitalistische Rechte, die sich hier aufgebaut hat, ist die kommende Kraft und sie weiß das ganz genau. Ich hatte schon im Mai vor der Selbstzufriedenheit all derer gewarnt, die glaubten, dem III. Weg und seinen Anhänger*innen eine Niederlage beigebracht zu haben. Gestern kam das Illusionäre, letztlich Wahnhafte dieser Vorstellung an den Tag.

Kurze Zeit sah es ja so aus, als würden meine Phantasien wahr werden und die Rechten den Stadthallenpark stürmen (und wenn sie gestern nicht getan haben, so werden sie es übermorgen tun). Menschen rannten herum und schrien, die altgediente Chemnitzer Antifa wirkte überfordert, nur die autonomen Grüppchen zogen sich langsam und kontrolliert zusammen, sammelten sich und begannen sich zu vermummen. Bei ihnen habe ich mich sicherer gefühlt. Und glaubt mir, ich mag sie eigentlich nicht besonders.

Die Polizei steht im Fokus der Kritik. Zu Recht: Sie war naiv und miserabel vorbereitet. Nach den Ereignissen am Tag zuvor, an dem die Rechten nur wenige Stunden gebraucht hatten, um knapp 1.000 Leute auf die Straße zu bringen, hätte man ja anfangen können, zu rechnen – also hochzurechnen, nicht runterzurechnen …

Viel entscheidender finde ich allerdings etwas anderes: Die vollkommene restlose Abwesenheit der Stadtpolitik bei der Gegenveranstaltung, insbesondere der Oberbürgermeisterin. Wie kann diese Frau am Tag zuvor verlauten lassen, die Ereignisse der vergangenen Nacht, in denen nazistische Stoßtrupps durch die Innenstadt zogen und vermeintlich Nichtdeutsche jagten, seien „ENTSETZLICH“ gewesen und sich dann nicht blicken lassen? Keine Rede, kein Grußwort, kein Zeichen der Solidarität mit der hastig und provisorisch zusammengetrommelten Gegenveranstaltung; nichts, das ihr Kraft und ein wenig Zuspruch von oben gegeben hätte. Nichts außer einem weiteren Rücktrittsgrund dieser Katastrophe in Person. (Natürlich waren einige Kommunal und Landespolitiker anwesend, aber als Privatpersonen. Dass die Politik sich für diesen fast schon verzweifelten Versuch, einer rechten Übermacht standzuhalten, überhaupt interessiert, war für den unbefangenen Betrachter nicht erkennbar.)

Zu den vielen Posts und Tweets, in denen sich für „meine Stadt“ geschämt wird: Klar, es ist ärgerlich, dass es gerade hier passiert ist. Aber wenn es nicht hier passiert wäre, wäre es anderswo passiert. Und da man Chemnitz, bzw. Sachsen nicht en bloc abschieben kann, wie in einigen linksreaktionären Tweets gefordert wurde, sollte man sich eher mit der unbequemen Wahrheit anfreunden, dass sich hier eine Situation auskristallisiert hat, die insgesamt ein vorfaschistisches Potenzial enthält. Vielleicht ist die Mischung aus Verlustängsten und Nichtabgebenwollen, die mir die affektive Grundlage der neurechten Gesinnung zu sein und in der wir das historische Ergebnis des neoliberalen Paradigmenwechsels vor uns haben, hier am brisantesten; vielleicht ist sie durch die ja schon sprichwörtliche sächsische Blindheit gegen Rechts besonders kultiviert worden; vielleicht – ich weiß nicht. Fest steht jedenfalls, dass das Ding verallgemeinerungsfähig ist, und dass die Neurechten alles tun werden, um eine fette nationale ‚Bewegung‘ daraus zu schmieden.

„Wehret den Anfängen“ hieß es früher immer. Es sind keine Anfänge mehr.

Erdenglück und Himmelreich

Der Kleingarten gilt als Inbegriff deutscher Spießigkeit. Man kultiviert die eigene Borniertheit, grillt den ganzen Sommer über, zieht die Deutschlandfahne hoch und wählt rechts. Dem rigiden Regelwerk der Sparte (ein Überbleibsel der alten germanischen Gemeindeordnung) unterwirft man sich, weil es zutiefst befriedigend ist, wenn man auch die anderen damit plagen kann.

Aber geschieht diese Diskriminierung mit Recht? Und ist sie noch zeitgemäß? Der Kleingarten entstand, ausgehend von Leipzig, als Gegenbewegung zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Sie wollte die Natur in die zunehmend unbewohnbar werdenden Städte zurückholen, dem Proletariat nicht nur Schönheit und Erholung, sondern auch die Möglichkeit zur Selbstversorgung gewähren. Gut möglich, dass der Kleingartenboom, der sich seit einiger Zeit in den Großstädten abzeichnet – in Berlin liegen die Wartezeiten mittlerweile bei 5-6 Jahren, die Pachten zwischen 2000 und 10000 Euro im Jahr [1] -, auf ähnlichen Gründen beruht und eine Gegenbewegung zur aktuellen Welle der freiwilligen Zwangsverstädterung darstellt.

Deswegen ist der Kleingarten nicht einfach eine Rückkehr zur Vormoderne, sondern ihre Integration in die Moderne, die „freie Scholle“ stellt die Erdverbundenheit der Städtebewohner wieder her, jedoch ohne Zwang und Leibeigenschaft. [2] Diese Utopie einer friedlichen Koexistenz von Stadt und Land, Moderne und Vormoderne – letztlich von Gesellschaft und Natur – hat sich in den verheißungsvollen Namen niedergeschlagen, die viele Kleingartenkolonien tragen: ›Himmelreich‹, ›Frühauf‹, ›Waldesruh‹ ›Erdenglück‹, ›Vereinte Kraft‹.

Jetzt aber hat diese friedliche Koexistenz von Mensch und Natur noch einen anderen Akzent bekommen. Der Kleingarten wird zu einer der wenigen Möglichkeiten eines richtigen (vielleicht besser: richtigeren) Lebens. Jeder Gartenbesitzer, der den Sommer in seiner Sparte verbringt, sein Bier trinkt und seine Blumen gießt hat einen besseren ökologischen Fußabdruck als all diejenigen, die sich lautstark für den Umweltschutz einsetzen und dafür von Termin zu Termin fliegen. Sie mögen reaktionär sein. Aber sie sind frei von der Doppelmoral der Bürgerlichen. So sind die Widersprüche des Systems: Die einen tun, wovon die anderen reden. Zum Dank dafür werden sie von der kulturell tonangebenden Kaste belächelt.

Und mehr noch: Könnte der Kleingarten nicht der zeitweilige Rettungsanker für Städtebewohner werden, wenn die Krise erst richtig losgeht, wenn also das geschieht, was nun immer unausweichlicher erscheint: dass die Erde nicht nur für die meisten anderen Lebewesen, sondern für uns selbst allmählich unbewohnbar werden wird? Realistisch gesehen, bestehen immer weniger Aussichten, den ökologischen Kollaps des Systems abzuwenden – von den politisch-militärischen Krisen ganz zu schweigen, die im Zuge der kraftlos in sich zusammensinkenden Demokratie, die auf die auftrebenden Diktatoren mit kaum verhohlender Sympathie blickt, auch noch drin sind.

Die Populärkultur weiß schon lange, dass die Tage des Forschritts gezählt sind. Die Welt ist voll mit (post)apokalyptischen Filme, Fernsehserien wie „The Walking Dead“ und „The 100“, Computerspielen wie GTA, in denen die Gesellschaftsordnung aufs reine Überleben reduziert ist und der Killer zum anthropologischen Normaltyp geworden ist, der sich schlagend, schießend, sprengend durch die verwahrlosten Städte der Zukunft den Weg bahnt.

Der Kleingarten ist ein anspruchsloses Gegenbild dazu, gleichweit entfernt von rechten und linken Revolutionsphantasien. Il faut cultiver notre jardin, heißt es am Ende von Voltaires ‚Candide‘ -: wir müssen unseren Garten bestellen, kleine Zonen schaffen, in denen halbwegs Frieden herrscht. Das ist bei Voltaire die einzige Möglichkeit, es in einer Welt auszuhalten, die von einer Katastrophe in die nächste schlittert. Was dort aber ironisch gegen Leibnizens Behauptung, dass diese Welt die beste aller denkbaren Welten sei, überspitzt wurde, ist nun zu einer realen Möglichkeit geworden. Der Kleingarten könnte eine Option der Menschlichkeit in einer Situation sein, in der es die Menschlichkeit schwer haben wird.


Anmerkungen:
[1] Vgl die Radiosendung „Kleingarten-Hype: Ab ins Grüne“:
https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=634428
[2] Ein Gedanke von Klaus Heinrich. Vgl.: Der Utopie eine Stadt geben. Ein Gespräch zwischen Wolfram Ette und Klaus Heinrich, in: RISS, Dezember 2018 (in Vorbereitung)


Dieser Text ist Teil eines Antrags gewesen, mit dem Michael Chlebusch und ich uns an den ‚Begehungen‘ 2018 beteiligen wollten. Die Begehungen sind ein Chemnitzer Kunstprojekt, das seit 2003 an wechselnden Orten innerhalb des Stadtgebiets stattfindet (http://begehungen-chemnitz.de/). Die Resonanz aus dem In- und Ausland ist groß; so sind 2017 etwa 400 Bewerbungen eingegangen. In diesem Jahr findet die Ausstellung vom 16.-19. August in der Kleingartensparte „Vereinte Kraft“ in Chemnitz-Gablenz statt. Es war unsere Idee, den folgenden Plan, auf dem die Chemnitzer Kleingärten in Rosa eingezeichnet sind,

in 16 qm Sperrholz fräsen zu lassen, die Platten dann auf den Rasen eines der Kleingärten des Ausstellunggeländes auszubringen, so dass mit der Zeit an den frei gebliebenen Stellen das Gras durchwächst. Das Projekt wurde abgelehnt, womöglich, weil die Anschaulichkeit und sinnliche Durchschlagskraft den Organisatoren zu gering erschien. Das Konzept erscheint uns jedoch interessant genug, um es hier zu veröffentlichen.


Nachtrag zu den Vereinsnamen:

empor zum licht

Beobachtungen in Venedig

1

So lange steht diese Stadt nun schon, zerbrechlich und auf flüssigen Fundamenten. Alles wirkt so, als könnte es jeden Augenblick hingwegespült werden, ein Traum, ein luftiges Gebilde menschlicher Hybris. Aber die Menschen, die das bauten, waren keine Träumer, sondern praktisch gesonnene Kaufleute, Politiker und Machtmenschen; Menschen, bei denen man, wenn man sie mit den heutigen Exemplaren dieses Typs vergleicht, sich fragt: Ist ihnen die Schönheit einfach passiert? Wie kann Geld so schön sein? Die am Canale Grande gelegenen Häuser scheinen zu schweben; etwas Unirdisches umgibt sie, jeden Moment könnte es zu Ende sein; eine Frau gießt die Blumen ihres Balkons, der sich nur einen Meter über der Wasseroberfläche befindet, grün und voller getrockneter Algen ist sein Fuß und beim nächsten Hochwasser wird nichts von alledem mehr zu sehen sein. Das Wasser, das sonst beim Hausbau gescheut und um jeden Preis gemieden wird – hier ist es, nolens volens, Bundesgenossin; wer so lebt, denke ich mir, muss weniger Angst vor Schmutz, Fäulnis, grenzüberschreitender Verunreinigung haben; das Naturverhältnis des Lebens ist ein anderes. Aber wahrscheinlich ist das nicht richtig; die Menschen wirken nicht so.

2

Stadt der Kinder. Hier, auf der isola, wo alle zu Fuß gehen, sind die Kinder im Vorteil. Zumindest wenn sie streunen dürften, kennen sie die Stadt wie kein Erwachsener: Schleichwege, Abkürzungen; Wege übers Dach, von Haus zu Haus über schmale Gassen, die sich überspringen lassen; modrige, seit Jahrzehnten unbenutzte und der Aufmerksamkeit der Erwachsenen entschwundene Kellerräume; Verfolgungsjagden über Stock und Stein, durchs Wasser und durch die Luft; Verstecke und verborgene Winkel, die niemand kennt außer uns. Die Luft summt von erzählten und unerzählten Geschichten; weniges davon ist real ( – obwohl: Casanova …), aber die Phantasie, das, was sein oder gewesen sein könnte, hat einen eben so großen Anteil an der Wirklichkeit dieser Stadt wie das, was sich mit Händen greifen lässt.

3

Der Verfall ist allgegenwärtig. Von vielen Häusern sind nur die oberen Stockwerke bewohnt; die Feuchtigkeit hat den Putz bis zur zweiten Etage zerstört; darunter erscheinen bleiche und rissige Ziegel, lose wirken sie aufeinander gesetzt und man wartet darauf, dass das alles geräuschlos in sich zusammensinkt, wie eine Sandburg von der kommenden Flut mit zwei, drei Wellenstößen dem Erdboden gleichgemacht wird. Alles, was hier renoviert werden kann, hält sich im hoffnungslos Provisorischen; der an der Hauswand aufgebrachte Putz blättert an der entgegengesetzten Seite schon wieder ab; überall hängen Kabel heraus, flüchtig und pragmatisch miteinander verbunden; selbst die repräsentativsten Häuser wirken bei näherem Hinsehen heruntergekommen, und wenn man neben und hinter die Fassaden schaut, wird es noch schlimmer. Niemand kommt hinterher; großes Gerät kann bei den Renovierungen nicht eingesetzt werden, die Arbeit der wenigen Hände ist dem Zugriff des Verfalls nicht gewachsen. So ist die Stadt seit Jahrhunderten ein einziges memento mori – Kehrseite der Neuzeit, die den Fortschritt erfand und den Kapitalismus als mächtigstes Mittel seiner Durchsetzung. Während der Rest Europas zu neuen Ufern aufbrach und von der Zukunft träumte, versank Venedig in den Dornröschenschlaf fortschreitenden Verfalls.

Jetzt macht es mit diesem kühlen Reiz seine letzten Geschäfte. Für die Touristen bündelt Venedig die Untergangsphantasien, die unsere Kultur begleiten; man kann auf sie, als isolierte Allegorie, mit dem Finger zeigen, sich damit identifizieren, oder beides; eine Stadt, die alles enthält, was wir sind; wie eine Schneekugel, die, so glaubt man, das Geheimnis unseres Lebens enthielte.

Brombeeren

für Lutz Graner

Giersch ist ganz gut. Aber am Ende doch auch nur ein Wort. Die Klanglandschaften, die Jan Wagner in seinem mittlerweile berühmten Gedicht gleichen Namens aufführte, ließen seine Leser, wenn sie denn diese Pflanze überhaupt jemals wahrgenommen hatten, ihre Gewöhnlichkeit vergessen.

Man muss mächtig übertreiben, um dem Giersch lyrische Dignität zu verleihen. Und immerhin, das kann Wagner wie kein zweiter –:

»giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch
geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt …«

Das klingt schon prima; das krabbelt, das gischtet und schäumt, dass der zivilisierte Westeuropäer geradezu Hautjucken bekommt. Aber im Ernst: so wild wuchernd, so ›aorgisch‹ das von Menschen Gemachte und Gebaute überflutend ist der Giersch gar nicht. Er ist ein einigermaßen harmloses, übrigens essbares Unkraut (schmeckt ein wenig wie Spinat und man kann es sich auf die Pizza legen), das meist im Wald wächst und vor dessen Vermehrungsfähigkeit der Gärtner sich nicht übermäßig zu fürchten braucht.

Nein, schlecht ist er nicht, der Giersch. Aber er hält nicht, was Wagner in seiner lyrischen Suite in rauschenden Assonanzen verspricht. So bleibt das bekannteste Gedicht des deutschen Buchpreisträgers von 2015 eine kunsthandwerkliche Meisterleistung, nicht mehr und nicht weniger: brilliant, kühl und selbstverliebt; ein verspieltes und bis an die Grenzen des Fassbarkeit gehendes Ornament; zu schön, um wahr zu sein, sitzt es genau an der Stelle, an der Süße in Zahnschmerzen übergeht.

Aber dennoch: etwas trifft dieses Gedicht doch. Es formuliert eine GUTE IDEE – und nachdem einmal klar geworden ist, dass die Pflanze, die dem Gedicht ihren Namen geliehen hat, sie nicht erfüllt, muss man nach der Idee Ausschau halten, die es tut und den von Wagner veranstalteten Klangbudenzauber doch nicht ganz müßig erscheinen lässt.

Ich meine: es ist die Brombeere.

Die Brombeere ist wild, wächst aber gerne in der Nähe von Siedlungen. Sie ist ein Gestrüpp des Stadtrands, das sich mit aller Macht in die Städte frisst. Wo man nicht Acht gibt oder wo man es sich leisten kann, etabliert sie Vorposten wuchernder Natur.

Sie ist widrig und kostbar. Undurchdringlich ihr Gestrüpp, die dichten Dornen halten den, der eine Haut hat, auf Abstand. So kennt man die typischen Brombeerpflücker: den Bauch eingezogen und den Körper zum Bogen gespannt, tasten sie vorgereckt nach den zunächst liegenden Früchten. Oder sie versuchen, sich zwischen zwei ausladenden Trieben durchzuwinden, um an die dahinterliegenden Früchte zu kommen. Ein, zwei falsche Bewegungen, es tut weh und die Kleidung ist im Arsch. Hineinzufallen und zu wissen, dass jede Regung wehtun wird, und dass man, wenn man sich verhakt hat, nicht durch Vorsicht heil davonkommt, sondern oft nur mit einem Gewaltakt –: das ist das Unbehagen, das man noch schmeckt, wenn die Frucht sich auf der Zunge löst.

Hat sich die Brombeere erst einmal festgesetzt, ist sie nur mit Maschinen zu entfernen. Überall sieht man sie, an Gleisrändern und Zäunen, die die Fabrikgelände umgeben, stachlig, ziemlich unschön, aber von einer Vitalität, der am Ende nichts widersteht, der grüne Sarg der verlassenen Häuser in der Provinz. Es scheint klar: Am Ende werden wir gegen die Brombeere verlieren. Dort, wo unsere Städte standen, werden sich riesige, rasch nach allen Seiten auswuchernde grün-silbrige Hügel mit rot-schwarzen Tupfen erstrecken. Denn ihre Blätter haben zwei Farben. Die Außenseite ist vom sattdunklen Grün des Sommers, die Rückseite silbrig-hell, so als würde das Licht sie nur selten erreichen. Wenn der Wind durchs Gesträuch fährt, pulsiert es wie ein ausgesetztes, bloßliegendes Organ.

Und wie wertvoll sind die Früchte der Brombeere! Vor allem aufgrund ihrer Farbe. Schwarz sind die außergewöhnlichen Früchte – selten, ausgesucht und auf schwer verständliche Weise verboten. Bekamen wir Weingummis, drehte unser Streit sich vor allem darum, wie sich die schwarzen Früchte (Brombeere, schwarze Johannisbeere … mit Einschränkungen, Heidelbeere) gerecht aufteilen ließen. Der Geschmack spielte nur eine untergeordnete Rolle. Was zählte, war Erlesenheit.

Die Brombeere hat ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Nur einen kurzen Moment der Reife sind die Früchte genießbar. Davor sind sie schmerzhaft sauer, danach geht die Süße schon ins Faulige und leicht Übelkeit Erregende über. Auf 10 Früchte kommen acht saure und eine überreife. Und es zählt nicht nur die Farbe. Ob die Frucht genießbar ist, hängt davon ab, wie weich sie ist. Das lässt sich nur ertasten. Die richtigen fallen mit leichtem Druck ab und landen in der Hand. Immer nur einzelne Beeren erreichen diesen Grad der Vollkommenheit. Der Schatten eines einzigen Blattes reicht aus, um die Früchte in unmittelbarer Nachbarschaft noch lange grün sein zu lassen. Immer und immer wieder muss man wiederkommen, um die Brombeeren abzuernten, deren Zenit erreicht ist. So stehen die Brombeeren für den Moment, den flüchtigen Kairos und für das lange Ende des Sommers – bis weit in den Herbst, wenn von allem nur die vertrockneten Blütenstände übrig geblieben sind.

Die besten sind sowieso nicht zu erreichen. Hochauf liegen sie in der Mitte der gewaltigen Gesträuche, unzugänglich auch für die meisten Vögel. Sie locken verführerisch von der anderen Seite des Bahndamms, es ist verboten, ihn zu überqueren und der Bahnsteig ist voller Menschen. Dort aber ist alles schwarz mit der fetten, fleischigen Frucht und man hofft darauf, nicht nur einzelne Beeren zu ernten, sondern sich den Mund übervoll zu stopfen, bis der schwarze Saft vorn herausläuft.

Zwei Romantiker im 20. Jahrhundert

I Theodor W. Adorno

Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.“ (Minima Moralia)

Was für ein Text! Adorno, der Himmel und Hölle zusammentrommelt, „gar“ Französisch schreibt und nicht einmal davor zurückschreckt, den Anfang der Hegelschen Seinslogik zu zitieren, hätte bloß das machen müssen, was jedes Jahr Millionen von Touristen an der Adria und anderswo tun: Badehose an, sich eine Luftmatratze kaufen, und sich ein Weilchen auf den Wellen schaukeln lassen; den Himmel über sich, Wölkchen wie hingeschrieben, Kindergeschrei, das in dem Grade zurücktritt, in dem man eindämmert und der Zusammenhang der Gedanken loser und traumartiger wird, im Auf und Ab der Wellen als unwiderstehliche Verlockung das Verhältnis von Innen und Außen sich leise verschiebt. Ab und zu zieht man los, holt sich Pommes, die Kinder dürfen Eis bekommen, und seltsam schmeckt alles auf den ständig salzigen Lippen.
¶ Manches von dem gab es noch nicht, als Adorno die Minima Moralia schrieb. Aber ist das ein Einwand? Das zugrunde liegende Problem bleibt davon ganz unberührt: dass nämlich die Utopie, die der große Philosoph am Ende seines Durchgangs durch die Erfahrungen der Moderne entwirft, etwas vom kleinen Glück der Sommerferien hat, dass dieses empirische Fundament aber systematisch ausgeblendet wird.
¶ Deswegen produziert der Text schlechte Romantik. Er projiziert in ein Jenseits der Geschichte, was sogar an den Wochenenden einer Durchschnittsfamilie ständig passiert: Man geht in den Kleingarten, wirft den Grill an, brät in der Sonne, der Kasten Bier ist nicht weit und man lässt sich die gerade geernteten Stachelbeeren schmecken. Man fährt an den Badesee, schaut in den Himmel und lässt sich mit dem Schlauchboot treiben.
¶ Es sind die proletarischen Erfahrungen, die in sich auch den Keim der Utopie tragen, die Adorno erst der vollständig befreiten Gesellschaft zugesteht. Aber den ‚Knechten‘, die sowieso von der bürgerlichen Betriebsamkeit nur wenig wissen wollen, wird ihr Glück fortgenommen und, losgelöst von diesem Ursprung, ans Ende des Gesellschaftsprozesses gestellt. Vorher hat man es sich noch nicht verdient. Die bürgerliche Askese, der Produktionszwang und der schlichte Neid auf das Glück derer, deren Ausbeutung es dem Intellektuellen erlaubt, von aller materiellen Not einigermaßen frei zu sein, schlägt in diesem Vorgang durch, der im Grunde einer der symbolischen Enteignung ist.


II Gilles Deleuze

Eigentlich ist der französische Philosoph ein Romantiker. Das unendliche Geflecht von Differenz und Wiederholung, das er aus Nietzsche, Leibniz und Spinoza extrahiert und als die Wunschmaschinen der Psyche gegen die Verdrängungsschranken der rationalistischen, auf Identität und Gegensatz fixierten Philosophie zu rehabilitieren versucht, geht letztlich auf die Erfahrung der Natur diesseits und jenseits aller teleologischen und ästhetischen Urteilskraft zurück, die das, worauf es ankommt, bereits ordnen und systematisieren.
¶ Es ist so einfach, wird einem aber in dieser Philosophie unendlich schwer gemacht -: Ich gehe über ein von Herbstblättern bedeckten Waldweg – ich sehe unendliche Wiederholung, aber keine Gleichheit, keine Symmetrie. Die letzten Beeren hängen an den Büschen und produzieren ein unregelmäßiges Tapetenmuster. Selbst an dem Industrieweizen, der beim letzten Spaziergang noch stand und eine schräge Ebene bis zum Horizont bildete, finden sich nicht zwei gleiche Ähren. Ich stehe am Rand der Isar, sehe den Wellen zu, die sich an einem herausragenden Felsen brechen und vergesse die Zeit, weil alles ähnlich ist und verschieden -: Das Gleiche nochmal anders …
¶ Was uns an der Natur fasziniert, ist nicht so sehr die alle Menschenvernunft übersteigende Ordnung, es ist eine mit sich zusammenstimmende Unordnung, unendliche Vielfalt, unaufgelöste Ähnlichkeiten, die das Einzelne als Einzelnes bewahren und zugleich verschwimmen lassen. Es ist diese Unordnung der Natur, die Deleuze gegen den Rationalismus der europäischen Philosophie wendet. Aber er nennt das Kind nicht beim Namen. Er kann die Gegenmacht nur aus der Kultur selbst, durch den Rekurs auf Kunst oder apokryphe Traditionen innerhalb der Philosophie zur Geltung bringen. Nicht, dass er darin Unrecht hätte. Aber er verkennt, dass jene innerkulturellen Impulse Sachwalter des gesellschaftlichen Naturverhältnisses sind: Stellvertreter des Bildes, das eine Gesellschaft von ihrem Anderen, ihrer Außen oder Innenseite, entwirft. Verkennt Adorno das historische Moment, das seiner Utopie zugrunde liegt, so Deleuze, das natürliche, das in den Gegenkräften sich bekundet. Beides ist eine Form der Romantik, weil es am falschen Ort verklärt.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe P

Punktsymmetrie.

Funktioniert nur selten, erlaubt aber interessante Vergleiche zwischen West und Ost. Aufeinander zu beziehen wären dann etwa die Zone von der Rummelsburger Bucht bis zum Müggelsee und das Gebiet zwischen Tegel und Spandau, von der sich weitenden Havel bis zum Tegeler See. Zwei Aggregatzustände des Kapitalismus, wie sie verschiedener nicht sein könnten:

Auf der einen Seite die Apotheose des Privateigentums, Neureiche, die auf abgesperrten Stegen vor ihre Jachten sitzen und gekühlten Weißwein trinken; nichts davon ist schön, bis auf den einen, einzigen Umstand, dass ich etwas habe, was die anderen nicht haben; Boot an Boot reiht sich und einig ist man sich durch den Ausschluss all derjenigen, die nicht ans Wasser dürfen. Über Kilometer geht das so und die wenigen freigebliebenen Stellen sind von einer Gastronomie appropiiert, die auf Coolness setzt -: zur Wahl stehen dabei das schiere Geld auf der einen Seite, teure Gerichte & glatte Möbel aus Metall; oder, auf der anderen Seite, die nicht weniger teuer zu bezahlende Aura, die den Berliner Slogan „Arm aber Sexy“ umgibt: weggeworfene Bierflaschen im Sand, ramponierte Liegestühle, aufwendige Cocktails.

Im Westen dagegen: „altes Geld“, das es noch nicht nötig hat, sich von den Aufsteigern und Empokömmlingen abzugrenzen; seiner selbst sicher, gewährt es der Öffentlichkeit Zutritt zum See; es gibt viele Badestellen und Anlegestellen; dicht und verwachsen sind die Gärten, die sich von den Villen zum Wasser ziehen und der Sozialstaat sitzt ihren Besitzern noch unter der Haut. Neben den Villen wurden Hochhäuser errichtet; weit geht der Blick von hier übers Wasser und die zu beneidenden Altmieter zahlen wahrscheinlich sogar eine noch vertretbare Miete.

Die Aufeinanderfolge von staatssozialistischer Parteidiktatur und einem Turbokapitalismus, der im Moment seines Siegs in die Krise geriet, die die Menschen auf die brutalen Reflexe von Selbsterhaltung und Distinktion um jeden Preis herunterbringt -: es hat der Osten krank gemacht. Der Westen wird nachziehen, kein Zweifel; im Verlauf von einer Generation wird das „innere Gemeinwesen“ rund um den Tegeler See zerstört sein und es wird wenig mehr bleiben als der Klassenkampf von oben, den man von Rummelsburg bis Köpenick beobachten kann und der immer weitere Teile der Gesellschaft erfasst.

Die Erfindung der Zeitlupe

geschah nach einigen steckengebliebenen Versuchen im antiken Theater auf der Opernbühne des 17. Jahrhunderts. Warum diese Langsamkeit, warum das endlose Aussingen einzelner Verse, warum die Wiederholungen und das sich Auflösen im Schwindel der Koloratur? Ein durchschnittliches Libretto liest sich in einer knappen Stunde; Gesang und Orchester treten das, was gesagt und getan wird, breit auf drei Stunden. Ist zeitliche Ökonomie nicht auch ein Gesetz guter Kunst?

Antike Dramen sind Handlungsanalysen; in einem zuvor nicht einmal erahnbaren Grad legen sie den Bauplan von Geschehenisse frei, die für Einzelne oder ein Kollektiv böse enden; dass dabei Handlungsalternativen, möglicherweise sogar die Aussicht auf ein gutes Ende erkennbar wird, liegt in der Natur der Sache.

Die Oper dagegen, die sich als wiedergekehrte Tragödie verstand, analysiert Gefühle. Die Musik als Sprache des Herzens löst sich nicht mehr von ihm und steigt im Sang der Gemeinde nicht mehr auf zu Gott; beharrlich bleibt sie unter den Menschen, zirkuliert unter ihnen, vereinigt, entzweit sich mit Anderen, kehrt zum Einzelnen wieder zurück.

Die neuzeitliche Oper verdankt sich zwei Entdeckungen. Die Musik ist, erstens, die weltliche Sprache der Gefühle; und zweitens: die Eigenzeit der Gefühle ist langsamer als die zeitlichen Anforderungen der Handlung.

Auf diese Seite stellt sich, im Mittel der Musik, die Oper. Das langsame Aussingen der Gefühle, bis hin zu der strahlenden Apathie, die die Koloraturen verbreiten, bis hin zur Auflösung des Gefühls ins Ornament, verfolgt die Liebe, den Hass, das Mitleid, die Hoffnung, Begehren und Verzweiflung in alle Richtungen; in immer neu ansetzenden Wiederholungen und Abwandlungen erkundet sie die Kraterlandschaft, die der Einschlag des Affekts hinterlassen hat; immer auf der Suche nach einem Ausweg, der zum guten Ausgang führen könnte oder die Wucht jenes Einschlags zumindest neutralisiert.

Das Elend der Philosophie

In Claudio Monteverdis letzter Oper, LA INCORONAZIONE DI POPPEA, tritt der Philosoph Seneca auf. Er war der Erzieher des in die Straßenprostituierte Poppea verliebten Nero. Mit allen Kräften (autoritäre, tief hinabreichende Bassstimme), versucht er den jungen Kaiser (jubilierender, hochbeweglicher Altus) davon zu überzeugen, seiner Leidenschaft zu entsagen. Den von AMOR Getriebenen ficht das nicht an. Kurz nachdem sich der stolze Philosoph beleidigt auf sein Landgut zurückgezogen hat und sich seiner Einsamkeit erfreut (das Scheitern seiner Ethik will er nicht mit ansehen), lässt Nero ihm den Befehl zur Selbsttötung zustellen; er kann den philosophischen Tugendbold nicht mehr ertragen.

Die Philosophie scheitert in dieser Oper noch ein zweites Mal. Der Gesang ratifiziert ästhetisch den Sieg Amors über Virtus. Was ist schöner als die beweglichen Koloraturen der Lebenden, die sich in gleicher Stimmlage umschnäbeln, dicht umeinander und einander zum Verwechseln ähnlich! IHR WERDET SEIN EIN LEIB: das machen die großen Duette dieser Oper vor. Dem hat die sonore Starrheit des Philosophen nichts entgegenzusetzen.

Anders als in Wirklichkeit stirbt Seneca nicht nach Jahren des Rückzugs wegen seiner angeblichen Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung, sondern besiegt von Eros, während ihm anders als in der wahrscheinlich legendenhaften Überlieferung in der Staatsoper Berlin ein dicker Blutstrahl aus der Schlagader schießt.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe B

DÖRFER

An den Rändern von Berlin sieht man sie noch, die alten Dorfkirchen, bullig, mit kleinen Fenstern und einem stumpfen Turm. Um sie herum die letzten Reste der Dörfer, die bis in die fünfziger Jahre durch Pferdewege verbunden waren. Schnurgerade führen sie durch die Marken, unter dem weiten Himmel, der für Brandenburg so typisch ist.

Das Stadtgebiet Berlins war für sehr lange Zeit verblüffend ländlich, und noch heute spürt man unter der Oberfläche der hektischen Urbanität des 21. Jahrhunderts die alten Dorfstrukturen. Der „Kiez“ (ursprünglich die alten, wendischen Fischerdörfer, durchs Wasser voneinander isoliert) ist ein Überlebsel der damit einhergehenden Sozialstruktur. Man fühlt sich nicht als Berliner, sondern als Neuköllner, Charlottenburger oder Mariendorfer. Den anderen Dörfern bezeigt man Gleichgültigkeit oder Verachtung. So war es ja schon immer auf dem Land.

Es gibt kein besonderes Interesse, den Kiez zu verlassen, ein Charlottenburger, der rein aus Neugier schon mal in Siemensstadt gewesen ist, ein Hellersdorfer, den es freiwillig nach Zehlendorf verschlägt: es kommt nicht, oder nur sehr selten vor. Auch baulich zerfällt die Stadt in unendlich viele Einzelteile, die nicht miteinander harmonieren. Abgesehen von der kurzen Periode der – gescheiterten – Schinckelschen Stadtplanungsprojekte, hat man immer irgendwie vor sich hin gemacht, egoistisch und rücksichtslos.

Man denke an die drei großen Plätze der Stadt: Alexanderplatz, Breitscheidplatz, Potsdamer Platz. Sie sind konturlos, man weiß nicht, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Was sie dirigiert, ist die Angst vor der freien Fläche. Gefüllt wird sie durch Kaufhäuser und hochpreisige Architektur. Alles ist zusammengestückelt, Bruchkanten überall, der Zerfall setzt sich im Einzelnen immer weiter fort und man verliert die Orientierung, die doch vielleicht die oberste Funktion eines Platzes sie sein sollte.

Die dörfliche Vergangenheit Berlins, die noch gar nicht lang zurückliegt, wird seit 1989 mit aller Macht verdrängt. Berlin hat sich vorgenommen, die Weltstadt zu werden, die es nicht ist, und so giftet es aus allen Rohren gegen die Außenbezirke, die immer noch verschlafen wirken und dem ganzen Trubel distanziert gegenüberstehen. Gleichzeitig kehrt, wie das Beispiel der Plätze lehrt, das Verdrängte im Herzen der brandenburgischen Metropole wieder. Auch im Zentrum bildet sie Haufen, unorganisierte Agglomerate. Selbst der Weg vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz wirkt (nicht zuletzt wegen der nicht endenden Baustellen, die mittlerweile zum Inventar gehören) zugestellt und voller Gerümpel.

Die diesem Stadtbild entsprechende psychische Disposition ist die des mürrischen Provinzlers, der mit dem Rest der Welt nichts zu tun haben will. Schon Berlin ist ihm zuviel, von dem, was draußen ist, gar nicht zu reden. Die natürliche Sprechweise ist das Meckern. Er belfert vor sich hin, weicht nicht aus und kommt sich besser vor als andere. Gemeinschaften sind, wenn überhaupt, mafioser Natur. Man schließt sich zusammen um des wechselseitigen Vorteils willen. Wenn man dabei noch jemanden übers Ohr hauen kann, umso besser.

Auf den ersten Blick scheint sich dies in den Innenstadtbezirken anders zu verhalten. Hier regieren Kreativität, Toleranz, Kosmopolitismus, hier finden sich Enklavenstaaten und alternative Sozialstrukturen. Aber wie wirklich ist das? Sind es nicht die Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht, die sich darüber ihre Zugehörigkeit wechselseitig bestätigt? Tolerant sind wir unter uns, in Zentralberlin und den entsprechenden Kneipen, auf den Festivals als erweiterten Familientreffen der Coolen. Es ist eine Kulturaristokratie. Sie ist weitgehend immun gegen die gesellschaftlichen Erfahrungen, die das Leben der meisten bestimmen, ein globales Dorf, das über den alten brandenburgischen Dörfern thront. Die Coolness, die hier herrscht, ist die verklärte Piefigkeit derer, die kein Interesse an der Welt haben. Gerade in seiner Glitzerspitze ist Berlin das, was zu sein es am meisten fürchtet: Provinz.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe S

STADTBAHN / STRASSENBAHN

Was mich an Berlin am meisten fasziniert, ist nicht die touristisch verödete Mitte, sind nicht die Freßmeilen und Partyviertel. Es ist der Stoffwechsel mit dem Umland, es sind die S-Bahnen, die ununterbrochen die Stadt durchqueren, von Bernau bis Teltow, von Strausberg bis Wannsee. Sie legen Tag für Tag riesige Entfernungen zurück, niemand fährt die gesamte Strecke außer den Zugführern, vor deren Blick sich die Stadt in regelmäßigen Abständen aufbaut und wieder abbaut. Für sie ist Berlin nicht groß, es ist bloß ein diffuses Ensemble schwer unterscheidbarer Stationen auf ihrem Weg durch die Mark Brandenburg. Die Stadt war immer ein Ensemble von Dörfern, jetzt sind sie schlecht und recht zusammengewachsen, aber für sie hat sich so viel nicht geändert.

Hinzu kommt, dass die Trassen der Stadtbahn meist selbst verwilderte Grünstreifen sind. Junges Birkenholz säumt die Geleise; noch immer verfallene Bauten, an denen selbst die Graffitis nachgedunkelt sind. Brombeeren und Brennnesseln bilden das Füllmaterial, das den grünen Adern Stabilität verleiht. Die S-Bahnen, durch die die Stadt sich modernisiserte, schleppen das Grün nach Berlin, unbeachtet und ungepflegt. An manchen Stellen blickt man aus dem Fenster des lautstark dahinratternden Zuges und fühlt sich ländlich.

Anders dagegen ist es, wenn man eine der Straßenbahnen besteigt, die bis kurz vor die Brandenburgische Grenze fahren. Daran erkennt man noch immer Ostberlin. Ganz langsam löst sich die Stadt auf. Jenseits des S- und U-Bahn-Netzes ist sie sowieso eine andere, man könnte sagen, gewöhnlichere. Die Provinz hält hier Einzug in die Metropole. Ein griechisches Restaurant heißt »Dionysos«, eine italienisches »Bella Italia«. Weit dehnen sich die Kleingartenkolonien, durch Gewohnheitsrecht und ein Stück Verbissenheit ausgebaut zu veritablen Stadtrandsiedlungen ohne asphaltierte Straßen. Ihr Bewohner: Berliner ohne Glanz, aber mit Land. Ununterbrochen karrt die Straßenbahn sie ins Zentrum und wieder zurück. Das scheint sie nur wenig zu berühren. Ohnehin haben die meisten ein Auto.

Berliner Wörterbuch – Buchstabe G

GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT: bloß für die da, die es sich leisten können. Wer morgens um sechs auf der Baustelle zu stehen hat, ist darauf angewiesen, dass die Partnerin, der Partner sich um den Haushalt und die Kinder kümmert. Die Arbeitsteilung in den Familien hat immer schon ökonomische Gründe gehabt; sie kamen besser über die Runden, wenn die Zuständigkeiten eindeutig geregelt waren und die Arbeitsbereiche sich nicht allzusehr überschnitten; dass die Kinder mitzuhelfen und sich in der Regel um sich selber zu kümmern hatten, ist kein Extrem, sondern der Normalfall in vielen Haushalten, früher und jetzt an vielen Orten auf der Welt. Es wäre ideal, wenn es auch mit gleicher Anerkennung der Arbeitsbereiche einherginge. Aber das war wohl nur selten so; und jetzt kann weniger denn je davon die Rede sein. Haushalts- und Familienarbeit ist bäh, es gibt dafür im Prinzip keine gesellschaftliche Anerkennung und so lagert man sie, wenns geht, auf Niedriglohnkräfte aus. Wenn man sich das nicht leisten kann, wird es schon schwieriger mit der Rollengerechtigkeit. Wer ist für das ungeliebte und deklassierte Naturverhältnis verantwortlich? Viele sind schlicht nicht frei, sich zu entscheiden; sie richten sich mehr oder weniger undogmatisch danach aus, wie sich der beste Schnitt machen lässt. Es sind die Ungerechtigkeiten der alten und neuen Klassengesellschaft. Wenn man verhindern will, dass G. als Luxusproblem einer relativ gut abgesicherten Klasse erscheint, wäre wohl hier anzusetzen.


GENTRIFIZIERUNG: immer die anderen. Eine Entlastungsvokabel des arrivierten Bürgertums, die sozialen Umschichtungsprozesse, die es selbst mit zu verantworten hat, den anderen in die Schuhe zu schieben. Die »gentry« ist der alte englische Landadel: Die Ironie der Geschichte will, dass wieder einmal die alten, längst obsolet gewordenen, antiaristokratischen Ressentiments bedient werden. Wieder steht das Establishement auf der richtigen Seite, es hat eine Ideologie geschaffen, die Täter und Opfer systematisch miteinander vertauscht.

Die wirklich an den Rand Gedrängten, die Alten, die Arbeiterfamilien, die Arbeits- und Erfolglosen reden nicht von Gentrifizierung. Sie benennen die Fakten: teure Mieten, die Schließung der Eckkneipe, in der man Gulasch für 4,50 essen konnte, Ersetzung des ALDI durch eine Bio-Supermarktkette und so fort.

Man sollte also nicht von Gentrifizierung, sondern von Verbürgerlichung reden. Nicht, dass die ›Bürger‹, die jungen, gut ausgebildeten Familien, Startup-Unternehmen und hippen Kneipen die einzig Schuldigen wären. Sie, die zahlen können, haben es mit Großunternehmen zu tun, die am sozialen Umbau der Stadt interessiert sind. Die nehmen was sie kriegen können, die anderen zahlen was sie sich leisten können. Es ist ein Schuldzusammenhang.

Fassaden, die sich brüsten

Wie verschieden die Gesichter der Häuser sind! Ich spaziere mit meinem Sohn die Kastanienallee entlang. Sachliche Fassaden, schmucklos und in dunklen Farben gehalten, wechseln sich ab mit solchen, »die sich brüsten«. So formuliert es Klaus Heinrich in einer Architekturvorlesung der siebziger Jahre mit dem Bezug auf die barocke Baukunst. Auch diese Häuser zeigen ihre Rundungen, sie wölben und bauchen sich aus. Sie nehmen mehr Platz und Oberfläche ein als ihre Nachbarn, mehr eigentlich als ihnen zusteht.

Sie sind noch immer das liebste Heim der schmalen akademischen Mittelschicht, der auch ich schlecht und recht angehöre. Der Kult der Oberfläche setzt sich im Inneren nicht fort. Hier dominieren klare Formen.

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu diesen Fassaden. Nie habe ich selbst so gewohnt und ich komme der Wahrheit zumindest nahe, wenn ich sage, dass ich es auch nie wollte. Dennoch saugen sich meine Blicke an den Bewohnern fest, die ich hinter den meist gardinenlosen Fenstern erspähe. Oder sie wandern die aufgetürmten Büchermassen entlang.

Mein Sohn hat dafür keinen Sinn. Er findet diese Häuser »irgendwie komisch«, zumal dann, wenn sie sich auch farblich aus ihrem Umfeld herausheben. Neubauten rufen bei ihm keinen Widerwillen hervor; sie fallen ihm nicht einmal besonders auf. Statt Parkett bevorzugt er Teppichboden. Zweifellos hat er ein Problem weniger als ich.

Mangelnde Synchronisation von Eigenzeiten

Die Kindergartengruppe ist in den Wald gegangen. Wie früher sieht das aus: nur mit Unterhosen und Gummistiefeln bekleidet, plantschen die Mädchen und Jungen durch das des langen Sommers wegen ganz niedrigen Bachbetts, spielen Fangen und errichten, kauernd im groben Sand, aus Ast- und Rindenstückchen, kleine Gebäude. Lachend läuft ein Junge auf einen zweiten zu; er haut ihm auf den Kopf. Ein Moment der Stille, eines nach Fassung suchenden Schweigens. Der, der geschlagen hat, sieht ein, dass das kein Spiel mehr ist. Er hat, was er nicht wusste, dem anderen tatsächlich weh getan. Langsam bewegt er sich auf ihn zu, die Hand halb bittend, halb tröstend ausgestreckt. Immer noch Stille. In dem Moment aber, in dem der Täter sein das Opfer erreicht und zur Versöhnung ansetzt, beginnt das Opfer hysterisch zu schreien und auf den Täter einzuprügeln. Der läuft fort, kehrt dann aber um. Der Schlagabtausch, aus dem sich leicht ein Krieg entwickeln könnte, und der sich der mangelnden Synchronisation von Eigenzeiten verdankt, kann beginnen.

Glotz nicht so romantisch

steht auf den Plakaten, mit denen der Zuschauerraum des Deutschen Theaters zu Brechts ‚Trommeln in der Nacht‘ ausgehängt ist. Und in der Tat forciert die Inszenierung der Münchner Kammerspiele „nach“ Brecht auf den ersten Blick die Entwertung der romantischen Erwartungen des Publikums. Denn anders als von Brecht vorgesehen kehrt der von der Liebe enttäuschte und zur Politik übergelaufene, ehemalige Frontsoldat Kragler, nicht zur Geliebten zurück, die während seiner Abwesenheit einen anderen geheiratet hat, sich aber am Ende eines Besseren besinnt und wieder zu ihm zurück will. Nein, er wirft sie zurück und führt den Spartakus-Aufstand, zu dessen Anführer er wurde, zu Ende. Politik statt Liebe, Revolution statt Romantik – das sieht gut aus und passt doch irgendwie zu Brecht.

Aber, noch einmal: So geht das zweite Stück Brechts nicht aus; so vielmehr lassen die Münchner Kammerspiele in der Inszenierung von Christoph Rüping die Hälfte der Aufführungen ausgehen; die andere Hälfte, eben die des Stücks „von“ Brecht, opfert die Politik der Liebe und dem individuellen Glück.

Aber ist das eine kluge Entscheidung? Es wirkt ja so, als hätte man dem frühen Brecht durch den alternativen Schluss die letzten bürgerlichen Rückstände ausgetrieben – oder eine solche Austreibung wenigstens zur Diskussion gestellt. In Wirklichkeit aber hat man die Nüchternheit des frühen, noch asozialen Brecht (‚Baal‘ lag noch nicht lang zurück) durch ein starkes Stück bürgerlicher Phantasterei überhöht. Denn die Revolution ist die wahre Romantik. Das spießige Glück eines Paars, das sich wieder gefunden hat, langweilt uns. Im Theater wollen wir stärkere Räusche als ein Bisschen Liebe, wir brauchen das Blut, den Tod und das Ganze. Jedoch nicht als Mittel zum Zweck einer besseren Gesellschaft, die mit etwas weniger Tod und Blut auskommt, sondern als kollektive Selbsterregung, ein kathartisches Ausschnaufen, nach dem wir wieder an unsere Geschäfte gehen.

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Aufruf zur Revolution 2018 (c) Julian Baumann

Nein, so geht es nicht. Wenn die Revolution als selbstverliebter Katastrophenrausch voller Nebel und hohlem Pathos zum Teil der bürgerlichen Doppelmoral wird, die die Kunst nach dem Motto ‚Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps‘ in die Theater verbannt und sie dort beklatscht, sollte man sie so enttäuschen, wie der junge Brecht es wusste: „Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?“ Der Welt den Spiegel vorzuhalten, ist wichtiger als das Bedürfnis nach ihrer symbolischen Zerschlagung zu befriedigen.

After the Gold Rush / Nach der Katastrophe

Diese Serie von Bildern und Texten ist dem Fotoband After the Gold Rush. Journey to Eastern Germany, Fall 2004 (Spector Books: 2018) von Falk Haberkorn entnommen. Der Leipziger Fotograf reiste vom 7. Oktober bis zum 9. November 2004, also bis zum 15. Jahrestag des Mauerfalls, quer durch Ostdeutschland. Alle Bilder, die auf dieser Reise entstanden, wurden aus dem Auto heraus aufgenommen. Die dauerhafte Veröffentlichung noch einmal 14 Jahre später verdankt sich der Einsicht, dass das auf den Bildern Gezeigte seine Aktualität nicht so schnell verlieren wird.
Gegenüber dem Fotoband wurde der Zusammenhang von Texten und Bildern modifiziert. Der von mir beigesteuerte Text findet sich dort en bloc am Ende des Buchs; er ist, wie alles sonst, auf Englisch. Demgegenüber wird hier auf die direkte Interaktion einzelner Bilder und Textabschnitte Wert gelegt.
Ich danke Falk Haberkorn – für die anregende Zusammenarbeit und für die Erlaubnis, seine Bilder für diese Zusammenstellung verwenden zu dürfen.

© aller Bilder: Falk Haberkorn
© aller Texte: Wolfram Ette


Die Zone

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Kein Versprechen, das nicht über dieses Land verhängt wurde. Was von den Verheißungen des Sozialismus / Kapitalismus übriggeblieben ist, sind in der Leere herumstehende Katastrophenmale, die keinen Zusammenhang bilden und aus denen das Leben entwichen ist. Es ist eine apokalyptische Szenerie: die verstrahlte Welt nach dem zweiten -dritten -vierten Weltkrieg. Die ›Wende‹ war auch nichts anderes als ein neuer, schleichender Krieg gegen Mensch und Natur, gegen das Volk, das sie herbeiführte, um sich von den Versprechen zu befreien, die sich in einen Zwangsapparat verwandelt hatten, nur um neuen, scheinbar besseren Versprechen zu erliegen. Es ist Geschichte, die zu Natur wird, ohne Natur sein zu können. Diese Wahrheit ist keine über die DDR, sie ist keine über den Niedergang des sozialistischen Imperiums oder überhaupt bestimmter Staaten. Sie betrifft uns alle.


Filmstills

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Bruchstücke eines verlorenen Roadmovies –: Tarkowskijs »Stalker« oder Pasolinis »Große Vögel, kleine Vögel«, die es bereits aus geringer historischer Distanz gleichgültig erscheinen lassen, wes Geistes Kind die Ismen gewesen sind, die Kultur und Menschlichkeit unter sich begruben und nichts hinterließen als Ruinen in entleerten Landschaften. Die mit vollendeter Gleichgültigkeit aufgestellten Hochhäuser, in denen – im Falle des Films von Pasolini – die heimatlos gemachte Landbevölkerung untergebracht wurde, erscheinen selbst als Rudimente einer vergangenen, unverständlich gewordenen Zivilisation. Der Aufbau ist schon unterhöhlt vom Zerfall, der auf seine Stunde wartet. Der Moment, in dem die Natur sich das, was ihr die Geschichte fortgenommen hat, zurückholen wird, steht unmittelbar bevor. Ihr sterbendes Gesicht liegt uns vor Augen und straft die Verheißungen des Fortschritts Lügen, dass es uns (bald, einmal, irgendwann) besser gehen wird als jetzt. Noch die Annahme, dass sie ein Nullsummenspiel sein könnte, in dem Aufstieg und Verfall in großen sphärischen Zyklen ineinander übergehen, wirkt optimistisch und gilt wohl nur im allergrößten naturgeschichtlichen Maßstab.


Aus dem Auto

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Das Auto ist unsere zweite Haut, ein historisches Apriori unserer Weltwahrnehmung, einer der Screens, die uns mit der Welt verbinden, indem sie uns von ihr trennen. Das, was außerhalb der Städte, außerhalb des engsten Bezirkes von Arbeit, Wohnung und Freizeit liegt – wann sehen wir es überhaupt, ohne dass uns das bewegte Ensemble von Windschutz- und Seitenscheibe, Rückspiegel, A- und B- Säule dazu in Beziehung setzt? Der Blick, der sich, sei’s fahrend oder stehend, durch diese konstruktive Voraussetzung des fremden Raums nach draußen richtet, hält die Wirklichkeit nicht aus, er kann nicht verweilen, er kann und will die zerbrochenen, vielfach durchschnittenen Einzelmomente nicht zusammenfügen. Er will nur, dass es vorüber ist, dass man bald sein Zuhause erreicht oder den Geschäftstermin, zu dem man verabredet ist. Es ist der Blick von Menschen, die dem Land feind geworden sind: ob es sich nun um die handelt, denen die Flucht ins abgeschottet Private und / oder ein hysterisch überdrehter Patriotismus als Ausweg aus einer epochalen Entfremdung dienen; oder um solche, die guten Willens sind und sich einfach nur auf dem Weg zwischen Stadt und Wochenendhäuschen befinden; Menschen jedenfalls, die ein Ziel vor Augen haben, weil der Weg schwer zu ertragen ist.


Maschinenparks

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Die wenigen Menschen, die diese Zone bewohnen, sind einsam: fixiert, erstarrt und weit voneinander entfernt, tot wie alles Übrige, Exponate im Museum der Geschichte. Nur eine einzige Form der Bewegung ist auf diesem Stillleben einer Gesellschaft übriggeblieben. Es ist die Bewegung der Maschinen. Hier wird gefahren, hier wird gearbeitet, hier wird gebaut und geerntet, hier gibt es die Arbeiter- und Bauernstaaten noch, wenngleich ohne Arbeiter und Bauern, hier erfüllt sich endlich die grausige Utopie vollendeter Rationalisierung. Dieser Maschinenstaat kommt ohne die Menschen aus (selbst in ihrer Hauptfunktion, als Konsumenten, spielen sie eine allenfalls angedeutete Rolle), selbstgenügsam produziert er vor sich hin, reine Tätigkeit ohne Ziel, Prozess ohne Produkt. Und das, noch einmal, ist kein Problem eines einzelnen Landes. Vielmehr bestimmt es nun fast alle Arbeitsverhältnisse. Durch die gewaltsame – und gescheiterte; gewaltsam gescheiterte – Kapitalisierung des Ostens ist die Wahrheit über den Westen zutage getreten, nackt und ohne Beißhemmung. Die neuen Länder sind nicht zurückgeblieben, sondern Avantgarde. Sie eröffnen die Aussicht auf das, was uns erwartet – jedenfalls jenseits der bürgerlichen Viertel, die die chosen ones im stählernen Gehäuse ihrer Panzerfahrzeuge verlassen.


»Die Wahrheit des Raumes ist die Zeit«

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Mit diesem Satz meinte Hegel, dass der Raum als reines »Außereinander« von sich aus zu einer Synthese nicht fähig sei. Erst das Subjekt, das ihn im Wortsinn er-fährt, schafft Zusammenhang. Es bahnt Wege; Orte treten durch sie in eine zeitliche Beziehung, die durch die Dauer der zwischen ihnen liegenden Wegstrecke bestimmt wird. Das, was hinter mir liegt, ist die Vergangenheit, das vor mir ist die Zukunft. Die Zeit ist meine Zeit, und sie humanisiert den Raum. Sie unterwirft ihn den Erfahrungsbedingungen des Menschen.
Im Licht der Erfahrungen der letzten Jahre / Jahrzehnte / Jahrhunderte gilt das Gegenteil: Die Wahrheit der Zeit ist der Raum. In ihm werden keine Geschichten mehr erzählt, an denen ein Subjekt sich bilden könnte. Alles ist ausgeschnitten aus der Zeit. Das Auto ist selbst zu einem Teil der erstarrten Totenlandschaft geworden. Fast immer dieselbe Tageszeit, fast immer dasselbe Licht, fast immer steht ein weißgrauer, leicht gekörnter Himmel über der Provinz. Das Gesetz der Serie, »das Gleiche noch mal anders«, ist das Gesetz dieses – Beckettschen – Raums. Der Raum ohne Geschichten ist zugleich der geschichtslose Raum, der Raum nach und jenseits der Geschichte, oder besser: die Abraumhalde, die von einer der Ware, dem Mehrwert und dem Fortschritt verfallenen Geschichte unablässig produziert wird.


»This land was made for you and me«

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singt Woody Guthrie, und man hört den Stolz des mittellosen Hobos auf sein riesiges Land, die fast religiöse Inbrunst, die den Gedanken der amerikanischen Nation und ihres pursuit of happiness begleitet. Selbst er, der Wanderer, der nirgends zu Hause ist, keine Familie hat und sich von Job zu Job hangelt, gehört zu dieser Gemeinschaft. Als Bob Dylan Anfang der 1960er Jahre diesen Song in sein Programm aufnimmt, klingt das schon anders. Er zitiert; mit einer gebrechlichen Stimme, deren Sprünge und Risse direkt unter der Oberfläche verlaufen, singt er das Requiem des amerikanischen Traums. Ein Land wird beschworen, das es in Wirklichkeit schon nicht mehr gibt – das es in Wirklichkeit vielleicht auch nur in den Fantasien und Hoffnungen der Menschen gab; jetzt, so scheint es, haben die Menschen aufgehört zu existieren, die solche Hoffnungen hatten. Zurück bleibt ein Vakuum, durch das ziellos die Narren, Heiligen und Verrückten irren, die in Dylans Lyrik eine so große Rolle spielen. Dieses Land – nenne man es, wie man wolle – gehört niemandem mehr, und es lässt vergessen, dass es einmal anders zu sein schien.


Schilder und Zeichen

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Land der gebrochenen Versprechen: Aufgestellt allerorten sind Hinweise auf die Billigparadiese des Konsums. Zu Netto geht es rechts, zu Kaufland links, zum Reifengroßhandel im Gewerbegebiet in Fahrtrichtung, zum Parkhotel, ebenfalls im Gewerbegebiet in der entgegengesetzten, und am Ende führen alle Wege zu OBI, Hellweg oder Bauhaus. Immer jedoch weisen die Zeichen woandershin, auf etwas, das weit außerhalb des Gesichtsfeldes liegt. Das, worauf sie hinweisen, gibt es hier nicht. Oder es wurde geschlossen und liegt im Verfall. Abblätternde Plakate, die Veranstaltungen von vor 3 Jahren bewerben; verzweifelte Gesten, Versicherungen, dass es anderswo, früher oder in der Zukunft besser ist als hier; dass es dort ETWAS ZU HOLEN gibt, dass dort die FÜLLE herrscht und nicht die Leere; dass man dort STARK ist und nicht schwach: dass dort der ganze Sinn, der einen erfüllt und schließlich überwältigt, konzentriert wäre.


Grenze und Lager

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Grenzen, Mauern, Zäune. Meistens bleibt unklar, was sie voneinander absperren, was sie schützen oder verteidigen wollen. Worauf es ankommt, ist die Grenze AN SICH, das nackte Faktum, dass der Raum zerteilt wird, ohne dass im Geringsten erkennbar würde, warum. Von ›natürlichen Grenzen‹ wie Küsten und Höhenzügen kann nicht die Rede sein. Es handelt sich ausnahmslos um Setzungen, deren Ursprung so unklar bleibt wie ihr Ziel. Sie stehen einfach herum und geben vor, die Landschaft zu strukturieren, die sich gleichmütig durch sie hindurchbewegt und sie passiert, ohne von ihnen Notiz zu nehmen.
Nein, in einer Welt ohne Grenzen sind wir nicht angekommen. Im Gegenteil scheint das Prinzip der Grenze universell geworden zu sein – das Prinzip ›Einschluss durch Ausschluss – Ausschluss durch Einschluss‹ verläuft kreuz und quer durch unsere Seelen und Länder. Es trennt das Drinnen vom Draußen – und umgekehrt –, unterscheidet die Zugehörigen von den Unzugehörigen, erzeugt markierten und unmarkierten Raum; es schafft die Gesellschaft als LAGER.

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Die Lagergesellschaft ist die zerfallene Gesellschaft, die Gesellschaft nach der Gesellschaft. Zerfall in die Einen und in die Anderen, in diejenigen, die es geschafft haben und in die Zurückgebliebenen und Verlorenen. Zerfall in Stadt und Land, Metropole und Provinz, West und Ost, Nord und Süd. Zerfall in Arm und Reich; in die im Licht und die im Dunkeln; in die, die auf der richtigen und die, die auf der falschen Seite des Tresens stehen; in die, die zahlen und die, die bedienen; diejenigen, die es kapieren und diejenigen, die es nie kapieren werden. Zerfall in die Wissensgesellschaft und ihre ausgelagerten Zulieferer, in eine arrogante und mafios organisierte Elite und in die Übergangenen und Gedemütigten, von deren erniedrigter Existenz niemand Notiz nimmt. Am Ende stehen aber keine ›Klassen‹, sondern es geht immer weiter: Zerfall des Zerfallenen in atomisierte Einzelexistenzen, die sich, von Konkurrenz und Überlebensangst getrieben, nicht im Namen eines gemeinsamen Interesses versammeln können.
Das Lager ist das Gegenteil des öffentlichen Raums, an dem jeder teilhaben kann. Das müssen keine großen Arenen sein, in denen über Politik und Gemeinwohl gestritten wird. Einige Parkbänke, die tagsüber als Treffpunkt der Rentner dienen und in der Nacht den Obdachlosen der Stadt eine Schlafmöglichkeit bieten, sind schon ein Anfang.
Die Lagergesellschaft ist unterteilt in parzellierte Bereiche, die man nicht verlassen darf. Denn das ist das Gesetz des Lagers, egal ob es aus Wellblechhütten, Baracken oder Villen besteht; gleichgültig, ob hinter den Zäunen, den Mauern oder den verglasten Fronten Sklaven auf Zeit arbeiten oder der Dax reguliert wird; ob es sich um die 4 – 5 Straßenzüge handelt, in denen ich mein Kind, dessen Klassenerhalt ich zu sichern habe, ungefährdet spielen lassen kann, oder um das Containerdorf am Rand der Stadt, das die Elenden, die wir durch staatlich garantierte Barmherzigkeit dort kaserniert haben, nicht verlassen dürfen. All das sind Lager, und der anschaulichste Ausdruck dieses Aggregatzustandes, in den die Gesellschaft eingetreten ist, ist die Grenze.


Vorschlag zur Güte

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Dieses entleerte Land, diese halb oder ganz geräumten Hochhäuser, an die die Natur sich heranfrisst, um sie irgendwann zu verschlucken, diese ausgeweideten Felder, verlassenen Geschäfte und Kathedralen der großen Industrie, diese ländergroßen Aggregate TOTER ARBEIT: Sollten wir nicht all diejenigen, die keine Grenzen respektieren und die sich auf Dauer ohnehin nicht zurückhalten lassen; diejenigen, auf deren Andersheit wir angewiesen sind, um uns das fühlen zu lassen, woran wir nicht mehr so recht glauben – wer wir sind; diejenigen, die wir einschließen müssen, um sie ausschließen zu können: sollten wir sie nicht dort ansiedeln und mit ihrer Hilfe das verlorene Land neu beleben? Viele verlassene Gebäude unterscheiden sich nur wenig von den Unterkünften, die wir schon eingerichtet haben. Sie, die alles riskiert haben, um zu uns zu kommen, bringen genug Demut mit, um sich das gefallen zu lassen. Dieses Land war schon einmal ein Lager, ein Lager im größten Stil, das seinen Insassen einige Freiheiten bot, aber dennoch ein Lager. Warum nicht daran anknüpfen?, warum nicht nach fast 30 Jahren den Aufbau noch einmal in die Hand nehmen?, warum nicht durch eine Winwin-Entscheidung, in der sich Menschlichkeit und Mehrwert aufs Schönste miteinander paaren, die leeren Landschaften wieder neu bevölkern?
Die Voraussetzung wäre natürlich, dass diese Menschen das LAGER DER FREIHEIT nicht verlassen dürften. Aber sie haben, im Ernst, doch wohl Schlimmeres gesehen.

1. Mai in Chemnitz

›Der III. Weg‹ und die Gegenveranstaltungen

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Chemnitz-Sonnenberg, 1. Mai 2018

Schön sieht das aus und ich habe mich sehr über die Stimmung in der Stadt und den großen Zulauf bei den diversen Gegenveranstaltungen gefreut. Aber es war nicht zu übersehen, dass sich die Linke – im weitesten Sinne; es handelte sich um ein breites Bündnis sehr unterschiedlicher Akteure – trotz zahlenmäßiger Überlegenheit in der Defensive befindet. Die antikapitalistische Systemkritik kommt von rechts, wir reagieren darauf durch ›Gegen‹-Initiativen und werden dadurch, ob wir es nun wollen oder nicht, zu Verteidigern des Bestehenden. »Das System ist am Ende / Wir sind die Wende« (»die Hände« hatte ich zunächst verstanden) wurde diszipliniert vom III. Weg skandiert. Das klingt, Entschuldigung, doch etwas anders als das ewige »Bürger, lasst das Glotzen sein / Kommt herunter, reiht euch ein« – also die ewige Parusieverzögerung, mit der die Linke (nach meinem Gefühl bis ins radikale Lager hinein) die Zukunft vor sich hertreibt, die sie vielleicht gar nicht mehr will, weil das Bestehende doch irgendwie o.k. ist. Das verlieh den Gegenveranstaltungen, bunt, laut und fröhlich, wie sie waren, dann doch auch etwas drückend-Gelähmtes, wenn man es mit dem national-sozialistischen Stoßtrupp in spe vergleicht, der sich im festen (und vermutlich zutreffenden) Vertrauen darauf, an der Spitze einer stetig wachsenden Bewegung zu stehen, seinen Weg durch die Stadt bahnte.

Der rechte Zug war so aufgebaut, dass eine lose uniformierte – mit roten T-Shirts und (in der ersten Reihe) Landsknechtstrommeln ausgestattete – Elite den Anfang bildete; junge Männer zumeist, auf den T-Shirts waren „Kämpfe“, dazu Begriff wie »Heimat«, »Familie« und „Tradition“ zu sehen. Dahinter das Fußvolk – eine Mischung, die mich eher aufgrund ihrer repräsentativen Normalität erschreckt hat. Glatzen habe ich nicht gesehen, überhaupt fehlte die gesamte militante Klientel [1]; nein, es waren ›Bürger‹ bis zur alternativ angehauchten Kleinfamilie und dem langhaarigen Silberrücken, dem bloß der Joint fehlte. Und es waren die, von denen die Linke seit Jahrzehnten träumt, denen sie aber offenbar nichts zu bieten hat: Arbeiter, kleine Angestellte, Arbeitslose – viele, die aufgegeben wurden oder sich aufgegeben fühlen und nun die Chance angeboten bekommen, Teil einer ›Bewegung‹ zu sein, die alles zu verändern verspricht und ein System, das sie aussortiert hat und mit ihnen nicht mehr rechnete, in Bälde wegzufegen behauptet. Ich weiß nicht, wie die Stimmung Anfang der 1930er Jahre war, als Arbeiter massenweise aus der SPD und KPD austraten und in die NSDAP eintraten, aber ich stelle sie mir ähnlich vor.

Und eben diese Diffusion, diese schleichende Völkerwanderung von Links nach Rechts [2] zeigt sich auch auf der ideologischen Ebene: »Arbeiterkampftag« nennt ›Der III. Weg‹ den 1. Mai; und in den Verlautbarungen, die vom Lautsprecherwagen tönten, war davon die Rede, dass es der Kapitalismus sei, der eben die Länder verheert, aus denen die Menschen zu uns fliehen – die klassische linke Imperialismuskritik. Diese Offenheit nach links – die Überläufer werden gefeiert, man bedient sich freizügig im Arsenal linker Theorie –, dieses Missionarisch-Integrative, das so tut, als könne es auf die Abgrenzungsrituale der Linken verzichten, ist das Beunruhigendste an dem, was da wächst.

Wenn ich darüber nachdenke, worin denn nun der Unterschied zwischen ›Links‹ und ›Rechts‹ im Kern bestehen könnte, fällt mir der Satz ein, den Heiner Müller in »Germania III« Hitler in den Mund legt. »Gegen die Lebenslüge des Kommunismus KEINER ODER ALLE die einfache und volkstümliche Wahrheit FÜR ALLE REICHT ES NICHT.« Auf seiner Internetseite übersetzt das ›Der III.Weg‹ in die Formel: »Erst wir. Und dann die anderen.« Deswegen Sozialismus, aber eben ein nationaler, der in der allgemeinen Krise rettet, was zu retten ist, auf den Trümmern Europas die Diktatur des richtigen Lebens errichtet und auf den Rest der Welt scheißt.

Was lässt sich dem noch entgegensetzen? Vielleicht sollten wir tatsächlich darüber nachdenken, uns einer Lebenslüge zu entledigen, die alle Lager von der Mitte bis nach Linksaußen eint: dass wir, die Menschengattung, noch gemeinsam vom Fortschritt getragen werden; dass es uns, mit anderen Worten, gelingen wird, mit vereinten Kräften auf dieser Welt vernünftige Verhältnisse herzustellen – Wohlstand für alle oder die klassenlose Gesellschaft, je nachdem. Diese Lebenslüge eint die Glaubenslehren des Kapitalismus und des Kommunismus; es sieht aber immer weniger danach aus, dass ihr ein Realäquivalent entspricht. Die Zeichen der Krise sind unübersehbar – ökologisch, politisch, militärisch schießen Bedrohungsszenarien aus dem Boden, die abzuwenden kaum mehr die Zeit und die Kraft bleibt. Dieses Gefühl bildet das überaus robuste Fundament der neuen Rechten, und es wäre eben hier anzusetzen, wenn man der Bewegung eine andere Richtung geben will.

Vielleicht – ein sehr großes »vielleicht« – kann Solidarität, die den Mutterboden eines Satzes wie »Keiner oder alle« bildet, nur noch funktionieren, wenn wir uns mit dem folgenden Gedanken vertraut machen: dass wir ein evolutionärer Rohrkrepierer sein könnten, eine zum Tod verurteilte Gattung, eine aussterbende Spezies, die sich, da sie nun einmal Bewusstsein entwickelt hat, fragen sollte, wie sie mit der ihr noch bleibenden Zeit sinnvoll umgeht. Sterbende sind (jedenfalls in vielen Fällen) irgendwie nett zu der Welt, die sie verlassen. Sie wollen sich versöhnen mit ihrer Familie, mit Freunden und Feinden, in Frieden Abschied nehmen. Sollte es möglich sein, dies auf die Gattung zu übertragen? Vielleicht liegt darin die einzige Möglichkeit, der Rechten nicht bloß begrifflich, sondern affektiv etwas entgegenzusetzen. Es würde freilich bedeuten, dass wir uns von Vorstellungen verabschieden, die für viele eine Art intellektuelles Rückrat ihrer Existenz bilden. »Pack die Sachen, die dir wert sind, / sag Adieu zu deinen Leuten. / Diese himbeerrote Reise ist jetzt auch vorbei« sang Franz-Joseph Degenhardt schon 1972. Ja, vielleicht ist das so.

 

Anmerkungen

[1] Auf dem unter https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1608958642507072&id=100001788547451 abrufbaren Video sieht das allerdings etwas anders aus. Sie halten still, aber sie sind alle da. Mir scheint jedoch, dass das Video die Normalität der Anhänger tendenziell ausblendet und sich zu sehr auf die üblichen Verdächtigen konzentriert. Hier ein Screenshot:

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(c) JFDA – Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

[2] Was Intellektuelle, ›Dichter und Denker‹ betrifft, hat sie der Deutschlandfunk in zwei hörenswerten Features dokumentiert: http://www.deutschlandfunk.de/herd-heimat-hass-ueber-die-verlockungen-rechten-denkens-2-4.1247.de.html?dram:article_id=412433 und http://www.deutschlandfunk.de/herd-heimat-hass-ueber-die-verlockungen-rechten-denkens-4-4.1247.de.html?dram:article_id=412525 Was in auffälliger Weise in diesen Features ausgespart wird, ist der Zug zur rechten, antikapitalistischen Systemkritik.

Klassengesellschaft 4

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So heißt es von einer Provinzadligen in Balzacs ‚Verlorenen Illusionen‘. Angst vor Befleckung und Beschmutzung: So führt sich jetzt die Elite auf, wenn sie mit dem Pöbel in Kontakt kommt, der von ihrer Bildung, ihrer Beweglichkeit, ihrem Kosmopolitismus von morgen nichts wissen will und sich nach den engen sozialen Zusammenhängen von gestern zurückseht. Eine Klassengesellschaft neuen Typs hat sich herausgebildet, deren Antagonismus weniger ökonomisch bestimmt ist als durch Lebensstil und Bildung. Auf der einen Seite: eine blasierte internationale Aristokratie, die unter sich bleiben will; vorläufige Globalisierungsgewinner oder solche, die es werden wollen. Auf der anderen: die Unberührbaren, rot und/oder braun beschmutzt, denen es Spaß macht, die ideologische Quarantäne, in der sie sich zu befinden glauben, zu durchbrechen und den Gegner zu infizieren.

Uwe Tellkamps und Durs Grünbeins Diskussion am 8.3. im Kulturpalast Dresden machte das auf beklemmende Weise deutlich. Auf der einen Seite: der in die Landeshauptstadt zurückgekehrte Bürgerssohn, der sich neuerdings als Vox Populi begreift und sein Gegenüber lustvoll mit Namen, Zahlen und Fakten bombardiert, von denen er glaubt, dass sie für sich selber sprächen, von denen er aber mit Sicherheit annimmt, dass sie dem Anderen nicht angenehm sind. Sein Argumentationsschema ist das der Rechten seit eh und je. Es ist das der konformistischen Rebellion: die Mehrheit tut so, als sei sie die von einem überwältigenden Verbund aus Medien und Politik unterdrückte Minderheit. Ihren Mut, ihr Vergnügen daran, sich mit dem Gegner zu messen und ihn in den Schmutz der eigenen Ressentiments zu ziehen, verdankt sich freilich dem Wissen darum, dass sie eigentlich für die Mehrheit spricht.

Auf der anderen Seite: der kosmopolitische Intellektuelle, der mit Zitaten und abstrakten Konsensphrasen aufwartet, die an den guten Willen appellieren, aber analytisch genauso wertlos sind wie Tellkamps Faktenhuberei. Die Zitate von Arendt, mit denen er um sich warf, die Berufung auf Heidegger, Jünger, Céline etc. pp., die an Ort und Stelle nicht viel verloren hatten; die kosmopolitische Aura mit der er kokettierte (»Neulich war ich in Paris beim Veleger Gallimard …«); der unverständliche Sarkasmus (»Wer gegen das System ist, kann ja FDP wählen!«); Verweise wie der, dass es das alles ja schon gegeben habe (dass er also die konservativen Schriftsteller, die nun neu verlegt würden, doch schon zusammen mit Heiner Müller gelesen habe) –: all das drückte aus: Ihr nervt mich, ihr seid mir unangenehm, all das beschmutzt mich, mit Leuten wie euch will ich nicht viel zu tun haben und ich möchte bitte zurück nach Berlin, wo solche Konflikte weit weg sind. Sie finden nämlich in Rudow oder Schöneweide statt.

Der Versteher

Anlässlich einer facebook-Polemik gegen den „AfD-Versteher“ Hans Joachim Maaz.

Der Niedergang, den das Verstehen in den letzten Jahren erfahren hat, ist bezeichnend für die Bewusstseinssituation, in der wir uns gerade befinden. Symptomatisch dafür sind Begriffe wie Russlandversteher oder AfD-Versteher.

Dass Verstehen erst einmal so viel wie Analyse bedeutete – eine Analyse freilich, die ohne das Moment der Empathie und der Einfühlung gar nicht auskommt (auch dann nicht wenn sie selbst kritisch ist) wird hier zum Kampfbegriff, der eigentlich so viel bedeutet wie Parteinahme. Das, was an Nähe zur Sache erforderlich ist, um sie zu erfassen, und analytisch zu durchdringen – in diesem Fall die autoritären Tendenzen, denen eine Gesellschaft oder ein Teil einer Gesellschaft huldigt -, wird gleichgesetzt mit Einverständnis. Es ist ein Symptom dafür, dass die Gesellschaft sich in zwei Lager aufgespalten hat, die voneinander nichts wissen wollen und deren Verhältnis zueinander nurmehr ein polemisches ist.

Man kann aber doch mindestens soviel aus der Psychoanalyse (also von Leuten wie Maaz) lernen, das solche Formen der Abkapselung gegeneinander erstens auf Verdrängung beruhen. Wer also den anderen einen „Versteher“ schimpft, hat Angst vor dem, was ihn oder sie insgeheim vielleicht doch mit der anderen Seite verbindet, die aufgrund von moralischen, meist aber nur sozialen Verboten nicht zugelassen werden kann.

Man kann zweitens aus der Psychoanalyse lernen, dass sich diese Form der Verdrängung immer rächt. Das Verdrängte kehrt wieder. Das auf diese Weise Abgewertete wird durch die Abwehr eigentlich stärker. Wenn man sich keine Mühe gibt, die Gegenseite zu verstehen und damit die Nähe zu ihr mit in Kauf zu nehmen, stärkt man sie. Das haben die Wahlergebnisse des letzten Jahres gezeigt, und wenn es so weitergeht, werden es auch die kommenden Wahlergebnisse weiter zeigen.

In diesem Sinne hat der polemische Kampfbegriff der anderen Seite – also der Rechten -, der Begriff nämlich der Elite sein Recht. Die Elite, die hiermit angesprochen ist, ist eben eine, die sich vom Rest der Gesellschaft abgekapselt: die von ihr nicht nur nichts weiß, sondern auch nichts wissen will; die diese Menschen in keiner Weise als gleich oder gleichberechtigt betrachtet und mit ihnen auf Augenhöhe verhandeln möchte. Das ist die Demütigung, die empfunden wird, und die hinter diesem Begriff der Elite steht.

Die Lösung kann also einzig darin bestehen, aufeinander zuzugehen, wenigstens in der Diskussion den seit langem verlorenen sozialen Zusammenhang wiederherzustellen: zu verstehen was die andere Seite sagt, auch wenn das bedeutet, festzustellen, dass man selbst vielleicht auch nicht ganz frei von den Ressentiments ist, die man der Gegenseite unterstellt. Etwas platt und plakativ formuliert: Für die Elite, diese sogenannte Elite, spielt der Mob, der Pöbel und die Plebs, die es aufbaut, genau dieselbe Rolle des Feindbildes, wie für die Gegenseite: die Flüchtlinge, die Eliten, das internationale Kapital und so weiter.

Was in Wahrheit hier einander gegenübersteht, sind die Gewinner und Verlierer der neuen Stufe der Vergesellschaftung, in die der globale Kapitalismus eingetreten ist. In einem einzigen Land existieren mindestens zwei Parallelgesellschaften, die vermutlich dank der neuen Medien einander nicht mehr ignorieren können und nun aufeinander losgehen.

In Staub mit allen Feinden Brandenburgs

Schön war das ja nie hier, eher skurril und eigentümlich. Ruinen und Reste, die unzähligen Brücken, die über die Straße hinweg fuhren, das Dämmerlicht unter ihnen, Schmierereien, Graffitis und Konzertplakate, die eine dicke Patina über den Backsteinen bilden, die ehemalige »Bahnhofsquelle« (dann »Zum Umsteiger«) am Eingang zur U7, Gemütlichkeit inmitten einer Trümmerwüste, alles vergessen und verwahrlost, ein Transitort, der abends Angst macht, wer hier hängen bleibt, wartet auf den Krankenwagen.

Gerade das reizt aber die Gier der Investoren. Hier gibt es noch das Echte, das noch nicht vom Kapital verschlungen und gleichgeschaltet wurde, es braucht ja das, was es nicht ist, um es selbst sein zu können. Ein Park zwischen den Gleistrassen ist angelegt worden, ein gewaltiges Neubaugebiet zieht sich zwischen S1 und S2 entlang, die Kneipe ist entleert und schon ausgeweidet, der Bauschutt reicht bis auf die Straße, hier wird sichs bald gut wohnen.

Ich mag den Ausdruck Gentrifizierung nicht. Es sind immer die anderen: Wer ihn im Mund führt, gehört oft zu denen, die dafür mitverantwortlich sind, weil sie die Mieten zahlen können, die jetzt hier abgerufen werden, oder sich das neu auf den Markt geworfene Wohneigentum leisten können. Habt ihr schon mal einen Arbeitslosen davon reden hören? Die wirklich an den Rand Gedrängten, die Alten, die Arbeiterfamilien, die Arbeits- und Erfolglosen kennen den Begriff gar nicht. Sie benennen die Fakten: teure Mieten, die Schließung der Eckkneipe, in der man Gulasch für 4,50 essen konnte, Ersetzung des ALDI durch eine Bio-Supermarktkette und so fort. Es geht um Vertreibung, um Ghettoisierung und soziale Homogenisierung.

Die Stadt wird also immer provinzieller, wenn Urbanität bedeutet, dass Unvereinbares nebeneinander bestehen kann. Es ist ein Geflecht komplizierter Verhaltensweisen, eine Mischung aus Empathie und Ignoranz, praktischer Zusammenarbeit und Durcheinanderhindurchsehen, ein gleitendes Zusammenspiel aus Gemeinschaft und Einsamkeit, die ständig ineinander übergehen. Jetzt sortiert sich das alles auseinander, verschiedene Städte wachsen aus dem Boden, die die alte ersetzen, ohne dass eine Spur von ihr bleibt. In ihnen leben verschiedene Menschen mit verschiedenen Berufen und verschiedenen Bedürfnissen, sie haben nichts miteinander zu tun, ihre Kinder gehen auf unterschiedliche Schulen und ziehen sich unterschiedlich an. Was sie vielleicht noch verbindet, ist die Angst vor der Zukunft, aber selbst die Art und Weise, sie zu verdrängen, ist nicht dieselbe. Die eine Mauer ist gefallen, jetzt sind die Viertel dieser Stadt umgürtet von unsichtbaren Mauern, es lebe die Klassengesellschaft. Keine gute Ordnung, aber eine Ordnung immerhin, errichtet gegen die drohende Auflösung.

Es ist ja Treibsand unter Berlin, unterschätzt bloß nicht Brandenburg, bald wird nicht einmal mehr ein Loch sein, wo die Stadt sich befand, und Kommunisten sind wir dann im Tode.


(Der Text ergänzt das Gedicht „Kleine Reise“ um eine vertikale Bewegung; mahlende Selbstzerstörung, die von innen kommt.)

Eislaufen

Es ist die Zeit des Eislaufens, vom Dreijährigen, der in seinem leuchtend roten Schneeanzug aussieht wie eine Wattewurst und der bei jedem Schritt auf dem Eis liegt, bis zum überkrassen 17-Jährigen, der in rasender Geschwindigkeit, die Beine in einer unablässigen fließenden Bewegung spindelnd in raschen Slaloms zwischen den anderen hindurchschießt, sind alle hier in einem großen Rundtanz vereint. Die Musik ist furchtbar, der kleinste gemeinsame Nenner, Helene Fischer und Co., Deutschpop aus den Achtzigern plus ein paar extra beats per minute, aber sie dringt doch in die Körper, teilt sich den Bewegungen mit, bestimmt den Schwung, mit dem man vom einen aufs andre Bein wechselt. Wir sind seit Stunden unterwegs, immer wieder hingefallen aufs nasse Eis, dann halbwegs getrocknet, Schweiß und Wasser haben sich zu einer zweiten Haut, einer merkwürdigen stinkenden Masse, verbunden. Ich bin schon müde und es fällt mir nicht mehr ganz leicht, meinen Schwerpunkt exakt über den Kufen zu halten, durchzuschwingen von rechts nach links nach rechts nach links nach, in den Kurven die Frequenz zu erhöhen und überzutreten, manchmal finde ich wieder in den Rhythmus, die Musik hilft mir dabei, meistens aber bin ich durch schwankende Eigenbewegungen irritiert, gegen die ich nichts machen kann, aber dann, ganz plötzlich und meistens auf der hinteren Geraden, gelingt es wieder, und es kommt noch etwas anderes dazu. Ich richte mich ein wenig auf und versuche mit meinem Blick die Bahnen zu umfassen, die die anderen Eisläufer in meiner Umgebung ziehen und in den nächsten Sekunden ziehen werden. In einer Keuner-Geschichte heißt es, ein guter, das heißt kommunistischer Autofahrer fahre in drei Autos gleichzeitig, neben seinem eigenen müsse er auch in dem vor ihm und in dem hinter ihm sitzen und steuern. Das Dreikörper-Problem, aber das ist geradezu eine Kleinigkeit verglichen mit dem, was hier los ist, eigentlich müsste es verboten werden, es sind ja ständig 10-12 Leute gleichzeitig vor, neben und hinter mir, unterschiedlich groß, unterschiedlich schnell, unterschiedlich gut, ein superkomplexes System, das man bewusst gar nicht erfassen kann, dem man vielmehr allein in einer eher erstaunten Haltung begegnen kann, indem man den ganzen Körper in ein einziges Wahrnehmungsorgan verwandelt, ein drittes und viertes Auge, eine Datenverarbeitungsmaschine, die alles gleichzeitig aufnimmt, sammelt und verarbeitet, die systemische Gesamtprognose der nächsten Sekunden ausspuckt und das gesamte motorische System darauf ausrichtet. Mit einem letzten Rest Speicherplatz spüre ich, dass sich von hinten links eine Gestalt nähert, sehr schnell, ihr noch leicht ruckartiger Bewegungsablauf ist mir gestalthaft vertraut, bevor ich einen Namen nennen kann, es ist meine Tochter, die aufschließt und mich schon wieder überrunden will, ich beschleunige noch etwas und schere selbst nach links aus, spüre die Anspannung, die meine Berechnungen an ihre Leistungsgrenze fährt, gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich das System kühl halten muss, kühl und entspannt, nichts darf gewollt sein, sonst liege ich gleich auf dem nassen Eis. Einen Moment lang durchfährt mich ein Blitz, es ist der erlösende Stromschlag, der mich mit dem gesamten System, mit der Herde, der Gattung, dem Schwarm, der Maschine verbindet, die sich hier gebildet hat, für einen Moment ist alles eines, ich verliere mich in etwas, das mehr ist als ich. Dann fällt das sanft von mir ab, ich bewege mich in die Richtung der Innenbahn, auf der weniger los ist, jetzt sind meine Tochter und ich auf einer Höhe, fahren parallel und gleich schnell, sie nimmt einen Augenblick meine Hand, wir finden einen gemeinsamen Rhythmus, schwingen in gemeinsamen leichten Bögen hin und her, die in der Mitte der Bahn sich drehende Discokugel wirft rasch ein paar grüne und rote Lichtpunkte über unsere Gesichter, dann nickt sie mir kurz zu, löst sich und verschwindet mit zwei drei jetzt mühelosen Bewegungen, die mich glauben lassen, dass ich stehe, in der sich rasch hinter ihr schließenden Menge.

Dialektik des Fortschritts

Bachs letzte Werke sind ein Gottesbeweis, ein letzter Versuch, sinnfällig zu machen, dass der geschaffene Kosmos einem Wort, einer Geschichte, oder hier: einem THEMA folgt, und dass die mannigfaltigen Erscheinungen, die uns überwältigen, Variationen dieses einen Themas sind, wieder und wieder durchgespielt bis ans Ende der Zeiten. Es gibt keine Geschichte, nichts Neues ereignet sich unter der Sonne, sondern allein Wiederholung und Abwandlung, Entfernung, Rückkehr zum Zentrum, neuer Gang durch die Welt der Erscheinung.

Man muss sich vorstellen, dass dies um 1750 geschah. Die ersten programmatischen Formulierungen menschheitlichen Fortschritts bei Bacon lagen 150 Jahre zurück, 1752 erschien der erste Band der ‚Encyclopédie‘, 1755 postulierte Rousseau, dass er Mensch sich vom Tier durch unendliche PERFEKTIBILITÄT, also durch die ins Offene voranschreitende Gattungsgeschichte unterscheide. Wir befinden uns im Zeitalter der Hochaufklärung. Das, was Bach in der ‚Kunst der Fuge‘ und im ‚Musikalischen Opfer‘ unternimmt, wirkt seiner Gesinnung nach wie ein zutiefst mittelalterlicher Einschluss.

Gleichzeitig gehören diese Werke zu den technisch avanciertesten der Zeit. Die Dichte der motivischen Verflechtung und die Souveränität der Verfügung über den gesamten chromatischen Tonraum, sind beispiellos und werden erst von Beethoven und seinen Nachfolgern wieder erreicht, die damit ein Erbe antreten, das ihnen von der Sakralmusik übermacht worden war. Die Homophonie der Wiener Klassik kam aus dem Volk; sie war der Versuch, seine Lieder und seine Stimme in der großen Musik zu verankern: eine Art popkulturelle Gegenbewegung ihrer Zeit. Das, was unter dem Titel der Durchführung immer größeren Raum einnahm, die eigentliche Anverwandlung und Umschmelzung des Materials, greift auf ältere Techniken zurück, die von der musikalischen Entwicklung verworfen worden waren.

Ein dialektisches Bild

Wenn man im Berliner Hauptbahnhof von Süden oder Norden aus ankommt und auf einem der Gleise der untersten Ebene eingefahren ist, hat man das Gefühl, sich auf dem Grund eines Trichters zu befinden. Für Bruchteile von Sekunden sitzt man in der Falle und reagiert darauf durch eine unmerkliche Panikattacke. Dann steigt man auf, es wird lichter und geräumiger und der Strom der Ankömmlinge verteilt sich in alle Richtungen über die Stadt.Nachts ist das anders. Dann wirkt die gläserne Haut, die uns verdeutlicht, dass wir uns ins Offene bewegen, wie das Dach einer gewaltigen Höhle. Tief scheinen wir wieder unter die Erde gesunken zu sein, in den riesigen Bauch der Breitbrüstigen.

Walter Benjamin nennt dies den Moment der Urgeschichte in der Moderne. Die Pariser Passagen, an deren Erforschung er die letzten Jahre seines Lebens wandte, galten ihm als Inbegriff eines solchen »dialektischen Bildes«. Die Moderne, so könnte man sagen, gewinnt Halt dadurch, dass sie sich an Ursprünge klammert, die weit vor dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen liegen. Ohne ein prä-neolithisches Fundament »höbe sie ab«, das heißt sie flöge und wäre schnell verweht. Der Hauptbahnhof, der sich auf einer jahrzehntelangen Brache erhebt und sich erfolgreich in Himmel und Erde hineingefressen hat, ist ein Nachfolger der Pariser Passagen. Vielleicht kein sehr gelungener, aber doch ohne Zweifel ein GESCHICHTSPHILOSOPHISCHES AUGE, das sich öffnet und schließt im Wechsel der Tage und Epochen

Ein sehr kleiner Mann

Der Mann war unvorstellbar klein. Wie ein Kind stapfte er, weißhaarig und gebrechlich, zur Kasse und legte seine Sachen aufs Band. Das waren: ein Pfandbon, eine Brötchentüte und eine Flasche Bier. Alles summierte und subtrahierte sich auf 63 Cent.

Der Mann war arm. Die Mütze hatte er tief über den Kopf gezogen. Er trug eine verschossene Jeans, die in einer für sein Alter ganz untypischen Weise nach unten weiter wurde. Cordjacke, Kunstlederschuhe. Er hielt der Kassiererin sein Portemonnaie hin, damit sie die fälligen Betrag entnehmen könne. Langsam legte er die wenigen Dinge seines täglichen Bedarfs in den mitgebrachten Stoffbeutel.

Er braucht ja nicht viel, weil er so klein ist, dachte ich. Oder ist es umgekehrt: dass manche Armen aus ökonomischer Vorsicht beschließen, nicht weiter zu wachsen? Haben sie zu wenig Essen bekommen oder wissen sie, dass es für sie nicht reichen wird? Für Kleinwüchsigkeit gibt es vermutlich eine Reihe von Gründen. Aber das könnte einer von ihnen sein

Klassengesellschaft 3

In vieler Hinsicht ist A. eine gewöhnliche ostdeutsche Kleinstadt. Es hat eine schöne Bausubstanz; an einigen Stellen ist sie grell überputzt, an anderen modert sie still vor sich hin. Auf den Straßen Arbeitslose, Prolls, Tätowierte mit lauten Stimmen und mehr als einem Kinderwagen. Das, was von der Arbeiterklasse übriggeblieben ist, heruntergekommene, am Nasenring herumgeführte Existenzen, die wenig zu verlieren haben und nichts zu gewinnen. Sie hängen am Smartphone, das ist glatt und sauber wie nichts sonst in ihrem Leben voller Alkohol und schlechter Zähne.

Darüber hat sich eine zweite, quasi bürgerliche Schicht etabliert, die wirkt, als sei sie aus dem Westen importiert. Ist sie aber nicht, zumal es den Westen, aus dem man sie hätte importieren können, schon lange nicht mehr gibt. In Freiburg vielleicht, in Charlottenburg … ich weiß es nicht. Insgesamt aber ist dieser Typus der halbwegs zu Geld gekommenen Ex-Hippies und Alternativbürgerlichen so ziemlich aus der Mode gekommen.

Hier aber geben sie sich ein phantastisches Stelldichein: Bunt gefärbte Jeans, Wickelröcke und graue Locken, die sich melancholisch hinter dem späten Haaransatz auftürmen; Nickelbrillen vor schmalen, lächelnden Gesichtern mit sehr gepflegten Zähnen; schmale Leiber ohne ein Gramm Fett zuviel; jedoch auch Frauen, die ihre Korpulenz mit Anmut tragen; Kinder mit und ohne Helm auf Holzlaufrädern; gute Menschen, die Fahrrad fahren, sich vegetarisch ernähren oder auch nicht (man ist sehr tolerant in dieser Stadt), Tango tanzen und ein subtiles System von Ersatzbefriedigungen ausgebildet haben, das sie über ihre wahrscheinlich sehr glückliche Existenz hinwegtröstet. Man spricht Dialekt, aber nicht zu sehr: der zarte Singsang statt Zement und Bier im Mund. Leute, die es geschafft haben und die es sich leisten können, Fünfe grade sein zu lassen. Auch wenn sie es nur selten tun.

Diese Schichten stehen zueinander in einem Verhältnis, das durch Unwirklichkeit bestimmt ist. Sie nehmen sich nicht wahr; es ist, als würden sie füreinander nicht existieren – als würden sie durcheinander diffundieren wie zwei Wolken, ohne dass es zu einer Berührung, einem Kontakt, einem Konflikt käme. Der Konsens, der sie einigt, ist der Beschluss, aneinander vorbeizusehen.

Während eines sommerlichen Stadtfests trifft man sich zum Picknick im Park. An langen Tischen die selbsternannte Haute Volée, in Leinenhosen, leichten Sommerkleidern und zu gutem Essen. Es gibt Quiche, Walnussbrot, französischen Käse und einen gut gekühlten Wein aus der Region. Auf mitgebrachten Picknickdecken sitzen die Anderen. Zwischen sich eine Kiste Meisterbräu, sie reden laut und übergewichtig und die Kinder verziehen sich mit ihren großen Cola-Flaschen an den Rand der Wiese.

Es sind zwei Wirklichkeiten, die nichts miteinander zu tun haben. Eine befriedete Klassengesellschaft. Nur dass ein gutes Viertel der Bevölkerung zu AfD-Wählern geworden ist.

Sind diese Leute Rassisten – einfach so? Sind sie der Überzeugung, dass ein Mensch dunkler Hautfarbe per se weniger wert sei als sie? Bei einigen ist das gewiss der Fall. Bei einem nicht unbeträchtlichen Teil aber dürfte es sich so verhalten, dass der schwelende Klassenkonflikt auf die geflohenen Neubürger projiziert wird. Ein Halbdutzend von ihnen sitzt mit an den Tischen der Oberen, bunte Kleckse im sommerlichen Pastell. Warum sie und nicht wir? mag mancher sich fragen, oder, wenn er sich das nicht fragt, sich am Wahltag für die Partei entscheiden, die diese Frage stellt. Die Wut richtet sich im Kern nicht gegen die Geflohenen, sondern gegen die da oben, die sich ihrer annehmen und sich auch noch mit internationalem Flair und ein bisschen Gemeinsinn umgibt. Das Engagement für die Flüchtlinge ist auch ein soziales Distinktionsmerkmal. Der Neoexotismus ist ein Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht. Das zieht den Klassenhass auf sich, der sich nicht dort ausleben kann, wo er müsste. So vergreift man sich an den Spiegelbildern ihres Sozialnarzißmus.


 

Dieser Text ist nun auch erschienen in: streem. art & culture streetmagazine. Berlin, August 2017.

Schockstarre

Jetzt, nach der Wahl, sind viele in „Schockstarre“. So steht es in vielen Mails, die ich erhalten habe. Ihr Absender sind fassungslos darüber, dass die Amerikaner einen Mann gewählt haben, von dem sich seit Monaten abzeichnete, dass er den Unmut, das Ressentiment, teilweile aber auch die berechtigten Wünsche der zu kurz Gekommenen, der Verlierer im Krisenkapitalismus, der ökonomisch oder kulturell Ausgegrenzten kanalisieren würde – Menschen, von denen ebenfalls zu erwarten war, dass sie sich weder von einer Niederlage im Fernsehduell überzeugen lassen würde (es hat vielleicht im Gegenteil den Hass auf das von Clinton verkörperte politische Establishement verstärkt), noch dass sie bereit sein würden, den Meinungsforschungsinstituten seriöse Auskünfte zu geben.

Aber was bedeutet das, zu sagen, man sei in „Schockstarre“? Setzt es nicht wohlfeile moralische Empörung an die Stelle von Selbstkritik? einer Selbstkritik, die begreifen müsste, dass die Zeiten, in denen man sich politischen Optimismus leisten kann, vorbei sind, diese bequeme Lösung also nicht mehr zur Verfügung steht? Ist die „Schockstarre“ nicht ein rhetorischer Kanal, auf dem man sich kathartisch entlädt, um sich dann wieder auf die hoffnungsvolle Naivität einzupegeln, die schon in den den zwanziger und frühen dreißiger Jahren den Faschisten den Weg geebnet haben? Ersetzt sie nicht das Handeln und Analyse durch emotionale Erregtheit? In diesem Zustand kann man sich nicht dauerhaft halten, also schiebt man sie am Ende beiseite und geht zur Tagesordnung über.

Pessimismus: äußerster Pessimismus, der die Welt, wie wir sie kennen, als eine untergehende betrachtet – es ist keine Option mehr, sondern ein Gebot des Realismus. Es bedeutet nichts weiter, als die Augen vor der Wirklichkeit nicht zu verschließen und sich zu überlegen, auf welche Weise noch etwas zu retten ist; das eigene Leben, die Freiheit, Freundschaft und Solidarität. Das Prinzip Hoffnung ist zu einer gefährlichen Angelegenheit geworden.

So schreibt Josef Joffe in der unmittelbar nach der Wahl erschienenen Ausgabe der ZEIT: 

Es bleibt der Welt nichts an­de­res übrig, als fest daran zu glau­ben, dass die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung auch diese Krise über­steht. (…) Noch nie muss­ten sich Ame­ri­ka und die Welt so sehr an die For­mel klam­mern, die jede Prä­si­den­ten­re­de be­en­det: »God bless Ame­ri­ca.«

Das nennt man wohl schönreden. Wenn uns angesichts der Verhältnisse nichts anderes übrig bleibt, als ganz doll als das Gute zu glauben, kann es damit nicht weit her sein. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt, können wir uns nicht leisten. 

Die Uferböschung

Die Uferböschung ist kein Ort.
Man kommt nicht ran. Wo beginnt
der, wo hört der auf. Äste hängen
schräg ins Wasser. Alles hohl.
Größere Stämme treiben vorbei
glitschig und kalt. Seerosenteppiche
drohen mit tiefem Ersticken.
Die Haut wellt sich in Mückenschwärmen.
Und gehst du tiefer, dort, wo
die Hand hinwill, ists immer
weich und feucht, die klamme Scham
im Wurzelwerk. Land will zum Wasser

»Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen«. Zum Tod von Hella Tiedemann



1
Ein Mallarmé-Seminar, das mit den Worten anfing: »Wenn ihr am Ende dieses Semesters behaupten werdet, ihr hättet Mallarmé verstanden, dann habe ich etwas falsch gemacht«. Das – artikulierte – Nichtverstehen war ihr kein Ausdruck des Unvermögens, sondern Triebmoment und Bewegungsform der Form von Wissenschaft, auf die es ihr ankam, fast schon ein Kriterium der Wahrheit. Vielleicht liebte sie deswegen diesen dunklen Autor, der einem nichts leichter macht als das Nichtverstehen

2

Miszellen zur Kritischen Theorie als Lebensform:

  • Während des ersten Semesters bei Adorno habe sie seiner Vorlesung kaum folgen können; über weite Strecken sei ihr ganz dunkel geblieben, wovon der große Mann geredet habe. Aber ein Antrag blieb zurück: Irgendwie war es wichtig und der Mühe wert, sich weiter damit zu beschäftigen.
  • Horkheimer (in dessen Gesammelten Werken sich später ihr Scheckbuch befand – er war ihrer Meinung nach der einzige Kritische Theoretiker, dem man sein Geld anvertrauen konnte) wurde bei einer Abendveranstaltung auf sie aufmerksam und fragte hinterher herum, wer diese intelligente junge Frau denn gewesen sei. Sie erzählte aber, dass sie den ganzen Abend über kein Wort gesagt habe. »Ich war viel zu verschüchtert. Horkheimer fand mich attraktiv. Er hat das verwechselt.«
  • Ihre Peguy-Arbeit war von einem Mitglied der Berliner Kommission überaus kritisch beurteilt worden. Sie schrieb einen langen und zornigen Brief, in dem sie begründete, dass sie seine Einschätzung für Unsinn halte. Nach einer Weile kam die einsichtsvolle Antwort, dass man sich den Argumenten der zukünftigen Kollegin beuge.
  • Ein letztes Gespräch in Strausberg. Es ging um das Verhältnis von Wissenschaft und Erfahrung. Nach einer Weile brach es aus ihr heraus: »Ihr redet immerzu von Erfahrung! Was soll das denn eigentlich sein? Was ist denn Erfahrung«. Wir waren unter uns, aber ich empfand mich bloßgestellt, die Frage am Rand der Peinlichkeit. Was stellte sie hier in Frage? Hatten wir den Anspruch der Erfahrungswissenschaft nicht ihr zu verdanken? Wir reagierten unschlüssig und wenig souverän. Später habe ich mich gefragt, ob die Reflexion der zur Selbstverständlichkeit geronnen Grundlagen nicht eine gewisse Taktlosigkeit voraussetzt.

3

Meine Disputatio begann mit ihrer Frage: »was ich mit meiner Arbeit überhaupt gewollt habe«. Es ist ein zentrales Bewegungsmoment der Kritischen Theorie. Wissenschaft ist nicht selbstgegeben; das Privileg, sie zu treiben, muss man sich verdienen. Dahinter steht eine sehr dezidierte Unterscheidung von ›richtiger‹ und ›falscher Wissenschaft‹: eine, die den Menschen dient als Wegbegleiterin auf ihrem sperrigen Weg durch die Wirklichkeit; und das Insichgeschäft eines verselbständigten Betriebs, der sich vor allem mit sich selbst befasst und hoch arbeitsteilig und unter steigendem Druck Waren für einen kulturellen Binnenmarkt produziert. ›Kritische Wissenschaft‹ prozessiert vor allem anderen im Modus ihrer Selbstkritik. So ging es, auf eine altmodische Weise formuliert, Hella Tiedemann um den Gebrauchswert der Theorie – in einer Situation, in der er begann, von ihrem Tauschwert an den Rand gedrängt zu werden.

4

„Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen“ – lange nach ihrer Pensionierung hörte ich diesen Satz, der mich seitdem beschäftigt und zu der Frage geführt hat, ob sie nicht eine sokratisch-platonische Instanz im Universitätsbetrieb gewesen ist: skeptisch gegenüber dem geschriebenen Wort, teilweise aber auch aus Ehrfurcht vor dem Geschriebenen, das sie für »verbindlich« hielt und das in lebendige Rede aufzulösen sie als ihre Aufgabe betrachtete. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihrer Seminare – später dann der Gesprächskreise in Strausberg – waren Personen mit Namen und Biografien wie in einem guten platonischen Dialog. Nicht, dass diese Gespräche das Niveau platonischer Dialoge gehabt hätten – keineswegs. Worauf es mir ankommt, ist, dass wir uns nicht als Funktionäre eines verselbständigten Diskurses fühlen, sondern als Individuen, deren Eigentümlichkeiten, Stärken, Schwächen, Launen und Macken Hella rasch wahrnahm und für das Gespräch produktiv machte. Das, was zwischen uns sich zutrug, war ›die Sache‹ – kein Ding, kein finales Objekt, sondern ein Effekt sprachlicher Äußerungen, die sich nur selten argumentativ stringent aufeinander bezogen, sondern schräg und eigensinnig zueinander standen – Konstellationen, aus denen mitunter geistige Erfahrungen hervorgingen, die lange nachwirkten, ohne sich festhalten zu lassen: kein »Sein«, sondern »Ereignis«.
So war es nach einer fünfstündigen Diskussion über die Erkenntniskritische Vorrede in Benjamins Trauerspielbuch. Kurz nach Hellas Tod schrieb mir Elisabeth von Thadden, sie werde diesen Tag nie vergessen. Wir hatten alles verstanden und wussten nicht, was. Was blieb, war – wiederum – der Antrag, die Aufforderung, Texte so zu entfalten, dass dieses Gefühl wiederkehrt. In ihm, so vermute ich, lag für sie das größte Glück des Berufs, den sie ergriffen hatte – auch dies ein Gebrauchswert von Wissenschaft.

5

»Die Phänomenologie des Geistes habe ich nie verstanden und auch nie ganz gelesen«. Bis heute weiß ich nicht, ob ich das glauben soll. War es pädagogische Tiefstapelei, die uns anspornen sollte? Oder sollte es uns gegen die Bluffs, das Gerede und akademische Salongeschwätz impfen, das leere Tickets tauscht und sich die formelhaften Überreste von vor langer Zeit – und womöglich nicht ganz – Gelesenem an den Kopf wirft? Erziehung zur Bescheidenheit? Zum Misstrauen gegenüber den Bescheidwissern? oder zum Ehrgeiz, dann doch besser sein zu wollen als die Lehrerin – in Erfüllung des Sprichworts, dass ein Lehrer nichts tauge, dessen Schüler ihn nicht überflügeln? Ehrlichkeit oder rhetorische Selbstverkleinerung?

6

Das Bürgerliche an ihr – für mich das Beste, was das Bürgertum zu bieten hat(te): der Punkt, an dem der Klassenstandpunkt, die Abgrenzung nach unten durch Wohnort, Sprache, Bildung, sich übersteigt auf den Gedanken einer Humanität, die sich, wenn nicht allen, so doch sehr vielen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens (zu denen der von Selbstbehauptungskrämpfen begleitete Zerfall der bürgerlichen Kultur dazugehört), zu öffnen imstande ist. Kaffee gab es aus dem Mokkaservice von Gretel Adorno und sie verabscheute die WG-Gepflogenheit, nach dem Essen gemeinsam abzuwaschen. Aber all das könnte auch anders sein.

7

Das Rätsel des Todes. Sie habe keine Angst davor, sagte sie vor Jahren, so viele hätten es vor ihr geschafft, man trete eben in die Gattung zurück. Ich habe nie genau verstanden, was das bedeutet: das Eingehen in den Naturprozess, die universelle Metamorphose, Verwandlung von allem in alles? Ovids Werk hat sie in den letzten Jahren sehr beschäftigt, ganze Partien lernte sie auswendig auf Latein – ich habe nie gefragt, warum eigentlich.
Ja: der Gedanke ist tröstlich. Aber ist das alles? Ich denke, es kommt noch etwas anderes hinzu: der Name, der fortlebt; die Arbeit, die sich mit ihm verbindet und die wir fortsetzen sollten – jeder auf seine / ihre Weise, und nur so –; die ›Gemeinde‹ in einem säkularen Sinn, wenn es ihn ohne theologische Restsüße überhaupt geben kann.
Der Tod ist eine Arbeit, hat Heiner Müller geschrieben. Schwerlich nur für die Toten. Auch wir sind gemeint. Sie besteht darin, die Lücke, die Hella Tiedemanns Tod gerissen hat, durch unsere Arbeit offenzuhalten.

8

Nun bewahren sie die Tote schon eine ganze Weile auf, in einem leeren Raum, in dem nichts geschieht, außer dass Erinnerungen nacheinander aufsteigen. Wahrscheinlich in einem Kühlraum, so wie man das aus den Fernsehkrimis kennt; für eine Weile geschützt vor dem Verfall, der sie bald mit desto unnachgiebigerer Macht erfassen wird. Aber Worte und Gesprächfetzen lösen sich ab von ihr in dieser Nicht-Zeit und verbinden sich mit uns, der kleinen Gemeinde, der sie nie gestattet hätte, sich so zu nennen. Sie bilden einen zweiten, diffus über Berlin und einige wenige andere Orte verteilten Körper – keine Seele, die ja den organischen Körper zusammenhält, sondern ein Zwischenwesen wie dahintreibende und mit einem Mal wie gemalt erscheinende Wolken, oder wie nasses Blätterwerk im Frühherbst, marmoriert und kurz vor dem Beginn des Zerfalls, das sich träg im Wind bewegt.

9

Sie ist neben ihrem Sohn begraben. Der Platz, den sie für ihn ausgesucht hat vor vielen Jahren, war von Beginn an ihrer, tief im Wald, dessen gleichgültiges Zeitgebreite mich mit einem Ruck überfiel, als ich zum ersten Mal seine Grenze überschritt. Es ist ein Friedhof, auf dem viele junge Soldaten ohne Namen liegen, gefallen 1945 kurz vor Kriegsende, »Material« des Krieges, dann der Natur. Außerdem Selbstmörder; Ertrunkene, die aus der Havel gezogen wurden. Solidarität mit den Verlierern, den Unglücklichen und Unbekannten. Als wollte sie ihnen gleichen im Tod, dann schnell vergessen und ins zweite Leben eingespeist werden, das unter dem ersten, das wir für unser einziges halten, fern dahinrauscht und am Ende zu einem Tosen anschwillt, das die meisten anderen Geräusche verschluckt.
Vielleicht hat sie das schon seit langem gehört; so wie jeder, dessen Kind vor ihm stirbt, widernatürlich und vor der Zeit. Ihre Heiterkeit, ihr Eigensinn, ihre Unanfechtbarkeit – es waren die Charakterzüge von jemandem, der schon einmal gestorben ist und ins Leben zurückkehrt, wohl mit dem festen Vorsatz, sich nicht leicht daraus vertreiben zu lassen. Die Liebe zu ihrem Sohn verteilte sie auf die Lebenden. Als feiner Stoff ist auch er gegenwärtig.
An bestimmten Punkten hatte sie dem Leben abgeschworen. Deswegen war sie so lebendig. Unser Schritt, den wolkenhaft zerstreuten Gedanken ein bisschen Form und Zusammenhalt zu geben, kann daher kein großer sein.

Klassengesellschaft 1

Wir wohnen in leeren betrieben voll
dreck ruß rost und voller malereien
Man schlägt dem himmel ins gesicht
Der wind bringt nachricht von den anderen
Zu fett zu mager, zu wenig geredet und
zu viel gebrüllt, zu wenig hand und zu viel
faust Zwischen uns die schwarzen hunde und
die schultern sind aus stahl Die kiefern
ein wildschweingebrech, das CUBE oversized
wie eine wütende hornisse unter uns

Die erste bundesliga gab es nur im westen
Jetzt, nach 25 jahren sind wir angekommen
im schwarzrotbraunen osten Ich sag nur
RED BULL LEIPZIG Den dialekt den
wälzen wir im mund wie kiesel und zement
Sächsisch wird als grund zur flucht nicht
anerkannt Die polizei? Da glauben wir
nicht dran, wärn aber gerne polizist
Krank sind wir alle, die kinder sind
wie schatten und der tod ist relativ egal

Wir schießen allen, die nicht sind wie wir
ins gesicht, das irgendwie von drüben
spöttisch rübernickt Von dort, wo geld wohnt
und die sicherheit und der gute wille
und die aufklärung und blühende landschaften
Arbeit bis zur rente und all das, was richtig
richtig klingt und menschlich, vernunft und
toleranz, die grossen zeitungen mit der kleinen
schrift, bescheidenheit und bildung und
ein bisschen religion sogar

Wie ist es, wenn du am boden liegst
und jemand auf dich spuckt und sagt
SELBST SCHULD WARUM WARST DU KEIN HELD
IM UNRECHTSSTAAT BRAUNER PÖBEL
WAS DIR FEHLT IST LEBENSART Wie ist das
wenn angst und gelächter in dir und über
dir in dem moment zusammenfallenin dem
dir klar wird, dass niemand niemals
dachte, ein versprechen, das er gab
zu halten Dann ist verrat das letzte
was du hast

Klassengesellschaft 2

Ist das, was im Moment als Satire in Fernsehmagazinen wie der „Heute-Show“ oder „extra 3“ lanciert wird, nicht auch eine Form des Rassismus? Die kulturelle Arroganz, die aus den Schlagerparodien auf Trump, Erdogan oder Pegida spricht, hat ihr genaues Gegenstück im Hass und in der Rache der von ihnen Verlachten. Man ist auf der sicheren Seite, wenn man lacht anstatt zu schießen. Aber bedenkt niemand, dass systematische Demütigung auf Dauer schlimmer ist als eine Kugel und dass die Scham tiefer ins Fleisch schneidet als ein Messer?

Was gerade in weiten Teilen der Welt passiert, ist – sowenig uns das gefällt – ein Aufstand der „Erniedrigten, der Geknechteten, der Verlassenen, der Verächtlichen“, der nicht bloß ökonomisch, sondern kulturell Abgehängten und Ausgelachten. Sie alle suchen sich ihre Stimme, und dass es sich dabei nicht um die Stimme der Demokratie, sondern um die autoritäre Stimme der Rache handelt, sollte uns nicht verwundern. Wir haben unser Konto seit langem überzogen. In Wahrheit haben wir es nie so gemeint, wie wir es uns dachten. Wollten wir wirklich globale Gerechtigkeit? Wollten wir wirklich auf unsere Privilegien verzichten? Die bürgerliche Humanität ist über weite Strecken nicht viel mehr als eine institutionalisierte Heuchelei, so als wollte jemand den Kommunismus unter Beibehaltung des Klassengegensatzes herbeiführen. Wie mögen einem Bewohner Malawis, ja bereits einem Griechen oder Spanier die Diskussionen über ein, sagen wir, schweizer Grundeinkommen erscheinen? Als ein zynischer Witz. Keep us happy, fuck the rest – alles gut bei uns, solange die Kennziffern beim Export stimmen!

Wir leben in einer Klassengesellschaft und unsere Ideologien – die Ideologien der Herrschenden – unterscheiden sich nur darin voneinander, dass die einen gut damit leben können und die anderen Ausweichbewegungen vollführen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Es kommt hinzu, dass sie nur selten den Menschen zweiter und dritter Klasse in meiner Stadt zugute kommen. Die bürgerliche Linke hatte immer einen Hang zur Fernstenliebe. Fairer gehandelt – wir sind dafür! Aber für all das Unschöne, das uns umgibt, sollen Drogendezernenten, Hauptschullehrer und Sozialarbeiter aufkommen, denen wir gleichzeitig die Gelder unterm Arsch wegkürzen, so dass es bei ihnen zu mehr als der korrekt verwalteten Aufrechterhaltung des Elends nicht langt. Zur Herablassung gegenüber den Untermenschen von Pegida und dem Mob, der für Erdogan demonstriert, gesellt sich der positive Rassismus von Willkommenskultur und internationaler Solidarität, der die Probleme anderswo lösen will, um sich mit denen zuhause nicht beschäftigen zu müssen. Wir mögen es exotisch, die Fremden sind schön, allein schon weil sie aus wärmeren Ländern kommen und wir verbinden mit ihnen alle möglichen Heilungs- und Erlösungsphantasien. Schon deswegen lassen wir uns unsere Fernreise nicht nehmen. All das dagegen, was zuhause vor sich hin sifft und stinkt, halten wir auf Distanz. Den verschwitzten, übergewichtigen Hartz-IV-Empfängern gehen wir aus dem Weg, beim Anblick eines Cracksüchtigen wechseln wir die Straßenseite, und Förderschulen sind für die anderen da.

Die Zustände sind entsetzlich, unhaltbar, ganz langsam werden sich die Getretenen bewusst, wie sehr sie uns hassen, ganz langsam organisieren sie ihren Hass. Das ist kein Klassenkampf, keine ‚Revolution‘. Sie ballern um sich, sprengen sich in die Luft, oder wählen einfach nur einen der aufsprießenden antibürgerlichen Populisten, die ihnen den Eindruck vermitteln, über kurz oder lang würden sie Leute wie uns hinwegfegen.

Die Satire, von der ich rede, ist also bloß die Spitze eines Eisbergs. Sie ist nur ein greller Ausschnitt der kulturellen Arroganz, die schon immer den Bodensatz der bürgerlichen Moral bildete. Diese Satire hilft mit, die Verhältnisse zu produzieren, die sie aufs Korn nimmt. Das heißt, um es noch einmal zu sagen: Sie produziert gedemütigte Menschen. Und nichts, so scheint es mir, ist momentan gefährlicher.

Anmerkung
Vgl. Elisabeth Raether, Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz:
http://www.zeit.de/2016/33/demokratie-klassenduenkel-rassismus-populismus
Außerdem: Celia Rothe, trump: https://celiarothe.wordpress.com/2016/09/07/trump/

 

Diese Text ist jetzt auch gedruckt erschienen, in: odramag #1, Chemnitz 2017, S. 38-40. Kontakt: odradek – lesecafé im kompott <odradeksnest@posteo.de>

 

Kriege, die man nicht gewinnen kann

den gegen john rambo den islamischen
staat und das atom den tsunami und
den klimawandel Den gegen den reichtum
und den gegen die armut gegen den
tod und gegen die zeit Den gegen die
kinder und den gegen die eltern gegen
die frau und gegen den mann Gegen
den terror das kapital und vor allem
den gegen john rambo den islamischen

Die drei Brüder

»Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und weiter nichts im Vermögen als das Haus, worin er wohnte.«

Der Ausgangspunkt ist, wie in so vielen Märchen, eine (auf die männlichen Bewohner zusammengeschrumpfte) kleinbäuerliche Wirtschaft, die zu klein geworden ist, um die in ihr Lebenden noch zu ernähren. Tatsächlich handelt es sich um ein Haus ohne Land, es steht dort merkwürdig isoliert in einer leeren, weißgrauen Landschaft, eine neutralisierte Zone ohne Vergangenheit und Zukunft. Obwohl die Gründe, die dazu geführt haben, dass diesem Hof die Grundlage all seines Wirtschaftens entzogen wurden, im Märchen nicht genannt werden, darf man annehmen, dass es sich nicht um eine ›freundliche Übernahme‹ gehandelt haben wird. Vielleicht stehen massenhafte, vom Staat gesteuerte Enteignungsvorgänge dahinter, wie Marx sie für das England der frühen Neuzeit beschreibt; vielleicht haben die Verheerungen des dreißigjährigen Krieges zu demselben Ergebnis geführt. Das Märchen erwähnt mit keiner Silbe, dass der Mann sein »Vermögen« – doch wohl das umliegende Land, das zum Haus gehört – einmal nicht besessen habe; gleichwohl kann man es sich auf keine andere Weise vorstellen.

Das Haus also, das nicht mehr Bestandteil einer Ökonomie bildet und nichts weiter als den Gegenwert des für ihn zu zahlenden Geldes darstellt, wird – weil es gleichzeitig unverkäuflich, mithin unteilbar ist – zum Gegenstand der um das Erbe konkurrierenden Brüder. »Da fiel ihm endlich ein Rat ein, und er sprach zu seinen Söhnen ›geht in die Welt und versucht euch, und lerne jeder sein Handwerk, wenn ihr dann wiederkommt, wer das beste Meisterstück macht, der soll das Haus haben.‹«

Der Einfall des Vaters ist angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage, in der sich seine Familie befindet, schlüssig: er läuft ja darauf hinaus, dass derjenige mit den besten finanziellen Aussichten das Haus erben wird – nicht so sehr, um ihn noch zusätzlich zu beschenken, sondern eher, weil die Chancen, das Haus wenigstens zu halten, auf diese Weise am größten sind. Wie fernes Donnergrollen wirkt die offenbar dauerhaft unsichere ökonomische Lage in den Geschichte hinein; der Vater, der offenbar schon viel verloren hat, möchte das wenige, das ihm noch geblieben ist, retten. Deswegen – und nicht aus subjektiver Bevorzugung – soll das Haus dem der drei Söhne übertragen werden, der ihm nach seiner Lehrzeit »das beste Meisterstück« liefert.

Dabei drängt sich sofort eine Frage auf. Die zwei älteren Söhne erlernen das Handwerk des Barbiers und des Schmieds; der dritte widmet sich dem »Fechthandwerk.« Barbier und Schmied – das sind ohne Zweifel alte und zünftige Handwerksberufe. Aber wie verhält es sich mit dem Fechten? Kann man hier von einem Handwerk reden? Es wird ja nichts hergestellt; es wird hier kein Werk produziert, sondern eine Kunstfertigkeit (die im Resultat bloß dazu führen kann, dass man einen Menschen tötet).

Sozial weist vor allem das Fechten hinaus aus der Welt der kleinen Bauern und Handwerker, in der das Märchen angesiedelt ist. Es gehört als eine eher dem Sport als einer Arbeit nahestehende Tätigkeit in die Welt des Hofes und der Aristokratie. So ist es also erst einmal gar nicht verwunderlich, dass der dritte Sohn, der zu fechten gelernt hat, im Wettkampf um das beste Meisterstück den Sieg davonträgt.

Auf den zweiten Blick jedoch klingt es weit weniger selbstverständlich. Denn der gesellschaftliche Aufstieg wird vor allem von den zwei älteren Brüdern berichtet: »Der Schmied mußte des Königs Pferde beschlagen und dachte ›nun kann dirs nicht fehlen, du kriegst das Haus.‹ Der Barbier rasierte lauter vornehme Herren und meinte auch, das Haus wäre schon sein.« Von einer derartigen Karriere ist im Fall des dritten Sohnes nicht die Rede. Er muss sich durchbeißen: »Der Fechtmeister kriegte manchen Hieb, biß aber die Zähne zusammen und ließ sichs nicht verdrießen, denn er dachte bei sich ›fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus nimmermehr.‹« Und im Unterschied zu seinen Brüdern ist er sich nicht sicher, ob er das Haus bekommt; vielmehr steht er seine Lehrzeit in dem Bewusstsein durch, dass er es sich verdienen muss. Obgleich das Fechten einer Kunst weit ähnlicher sieht als einem Handwerk, und obwohl es in erster Linie Vorstellungen aristokratischen Müßiggangs erregt, gleicht es in unserem Märchen weit mehr einer Arbeit, bei der man sich quälen und schinden muss. Wie lässt sich dieser soziale Chiasmus verstehen?

Der Wettkampf der drei arbeitenden Brüder kennt im Grunde nur einen einzigen Parameter: Geschwindigkeit. Auch wenn sie, wie es heißt, alle ein Handwerk gelernt haben –: Sie bewerben sich beim Vater nicht mit etwas. Sie stellen vielmehr ihre Fertigkeiten in Situationen unter Beweis, in denen kein Werk, kein erkennbarer Gebrauchswert produziert wird. 

Zunächst ergibt sich für den Barbier die Gelegenheit: »Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld dahergelaufen. ›Ei,‹ sagte der Barbier, ›der kommt wie gerufen,‹ nahm Becken und Seife, schäumte so lange, bis der Hase in die Nähe kam, dann seifte er ihn in vollem Laufe ein, und rasierte ihm auch in vollem Laufe ein Stutzbärtchen, und dabei schnitt er ihn nicht und tat ihm an keinem Haare weh.« Sein Vater ist voller Bewunderung und kurz davor, ihm das Haus vorab zu versprechen. Aber wem nützt ein im vollen Lauf rasierter Hase?
Dann bekommt der Schmied seine Chance: »Es währte nicht lang, so kam ein Herr in einem Wagen dahergerannt in vollem Jagen ›Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann,‹ sprach der Hufschmied, sprang dem Wagen nach, riß dem Pferd, das in einem fortjagte, die vier Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an.« Und auch hier fragt sich: Wozu ist ein beschlagenes Pferd gut, das hinter dem Horizont verschwindet?

Offenbar geht es hier nicht um Gebrauchswerte, nicht um Waren und Werke, die nach ihrer Fertigstellung veräußert werden können. Zur Schau gestellt wird vielmehr allein das Tempo, in dem man einerbestimmten, ihrem Inhalt nach aber fast schon gleichgültig gewordenen Tätigkeit nachzugehen imstande ist. Es wird gezeigt: Geschwindigkeit ist keine Hexerei, man kann sie lernen und auf diesem Wege zu sagenhaften Resultaten gelangen.

Und schließlich ergibt sich auch für den Fechter eine Gelegenheit, sein Können zu beweisen. »Da sprach der dritte ›Vater, laßt mich auch einmal gewähren,‹ und weil es anfing zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über seinen Kopf, daß kein Tropfen auf ihn fiel: und als der Regen stärker ward, und endlich so stark, als ob man mit Mulden vom Himmel gösse, schwang er den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säß er unter Dach und Fach.« Er, das ist klar, muss den Wettkampf gewinnen, und zwar aus einem doppelten Grund. Zum einen, weil er wirklich der Schnellste ist; zum anderen aber, weil seine Tätigkeit von vornherein nicht auf ein Werk ausgerichtet ist, sondern in sich selbst reiner Prozess ist. In diesem Prozess wird nichts ›gemacht‹, es wird nichts produziert, sondern es wird bloß reagiert. Das Fechten ist der Inbegriff eines rein reflektorischen Handelns, seine Qualität bemisst sich an der Qualität eines Endergebnisses, sondern allein daran, wie schnell und präzise man zu reagieren imstande ist. Zugleich ist diese reflektorische Qualität nun auch der Maßstab, an dem die traditionellen Handwerksberufe gemessen werden – und dabei unterliegen.

Das ist der historische Umbruch, den das Märchen wiedergibt. Die bäuerliche Arbeit, die im Zusammenspiel mit der Natur Früchte tragen soll, ist passé. Aber auch die werkhafte Arbeit, die auf einer weiter fortgeschrittenen Stufe der Arbeitsteilung produziert, ist den ökonomischen Anforderungen der Gegenwart nicht mehr adäquat. Das Arbeitsmodell, dem die Zukunft gehört, wird vom Fechter verkörpert, man könnte sagen: der reinen, idealisierten Arbeitskraft als solcher. Die aristokratische Fasson seines Tuns ist bloß Oberfläche; das Fechten ist vielmehr Bild für ein grundlegend neues Verständnis von Prozessualität [1], die sich von jedem greifbaren Ergebnis losgelöst hat: Effizienz als solche, eine maximale Zahl von Verrichtungen pro Zeiteinheit. 

Ist es abwegig, dass darin die Grundform der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft sich ankündigt?

Natürlich hat es den Industriekapitalismus in der Zeit, aus der das Märchen stammt, noch nicht gegeben. Nicht einmal in der Zeit, zu er es erzählt und von den Grimms aufgeschrieben wurde, kann davon im Ernst die Rede sein. Auch wenn wir das Fechten als Bild der neuen Arbeitsform auf sein Telos der tayloristisch organisierten Fließbandarbeit hin interpretieren können – es handelt sich dabei zweifellos um einen Anachronismus. Gleichwohl sind die Anzeichen dafür schon sehr viel früher zu erkennen, nämlich im Manufakturwesen des 17. und 18. Jahrhunderts. Marx berichtet im Kapitel über den ›relativen Mehrwert‹ – also den Techniken der Produktivitätssteigerung innerhalb einer vorgegebenen Arbeitszeit – davon, welche Veränderungen in der englischen Uhrenindustrie ausprobiert und durchgesetzt wurden: immer kleinschrittiger angelegte Arbeitsabläufe; Verkürzung der Wege und Transportzeiten; Entwicklung von Spezialwerkzeugen, die die einzelnen Arbeitsschritte beschleunigen – all dies lange, bevor die Manufaktur durch den Einsatz einer zentralen Maschinerie zur Fabrik wurde, also lange vor der Erfindung der Dampfmaschine. [2] Das Verlegerwesen in Deutschland arbeitete in eine ähnliche Richtung, indem es die textilen Heimarbeiterinnen unter zeitlichen Druck setzte, um ihre Produktivität in die Höhe zu treiben.

Das heißt: auch wenn die Techniken der Produktion noch für eine Weile mehr oder weniger die alten blieben: Der Faktor Zeit begann in der Arbeitswirklichkeit eine neue und bedrängende Rolle zu spielen. [3] Es entstand ein Beschleunigungsdruck, dem die Einzelnen sich nicht entziehen konnten.

Was geschieht in unserem Märchen? Die drei Brüder sind am Ende fortschrittlicher als der Vater. Nachdem dieser dem jüngsten Sohn den Sieg zugesprochen hat, heißt es: »Die beiden andern Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten, und weil sie sich einander so lieb hatten, blieben sie alle drei zusammen im Haus und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld.« Sie verzichten auf eine an die Person gebundene Erbfolge, schließen sich zu einer einzigen Person zusammen und verkaufen ihre Arbeitskraft. Es ist gar nicht die Frage, ob und wieweit ihre Tätigkeiten zusammenpassen; das, was ihnen gemeinsam ist, und worin sie es zu so hoher Meisterschaft gebracht haben, sichert ihnen den Erfolg.

Gleichzeitig äußert sich darin auch ein Moment des Widerstands. Denn ob er es nun will oder nicht: Objektiv macht der Vater seine drei Söhne zu Konkurrenten. Er lässt sie im Akkord arbeiten, und entgegen den Regeln der natürlichen Erbfolge darf nur derjenige sein Vermögen erben, der am meisten leistet. Damit finden sie sich aber nicht ab. Offenbar liegt gerade in der Entfremdung, gerade in der von Marx so scharf kritisierten Trennung der Tätigkeit vom Produkt, gerade also in der Abstraktion, die alle Arbeiten miteinander vergleichbar, also im Prinzip gleich macht, auch die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der zünftig voneinander getrennten Gewerke. Das, was alle Arbeiten aneinander angleicht – die Reduzierung auf Zeit und Effizienz –, macht auch die Träger der Arbeitskraft zu Gleichen, die sich miteinander solidarisieren können. Es konnte kein Proletariat geben ohne diese brutale Vereinheitlichung.

In unserem Märchen reicht dieser Solidarzusammenhang zwischen den Brüdern über das Grab hinaus: »als der eine krank ward und starb, grämten sich die zwei andern so sehr darüber, daß sie auch krank wurden und bald starben. Da wurden sie, weil sie so geschickt gewesen waren und sich so lieb gehabt hatten, alle drei zusammen in ein Grab gelegt.« Im Zeichen der abstrakten Arbeiten sind sie zu einem Körper geworden, einem einzigen proletarischen Organismus, der seit langem unsichtbar geworden ist – im Grab liegt –, aber vielleicht doch in der Lage ist, uns ein Zeichen zu geben, uns an ihn zu erinnern.


Anmerkungen

1. – wie übrigens auch am Ende des »Hamlet«, wo der Fechtkampf als Zentralmetapher eines Schicksals erscheint, das sich von allen Vorstellungen einer lenkenden Hand der Vorsehung gelöst hat und zum rasenden Systemprozess einer in alle Richtungen explodierenden Kontingenz geworden ist.

2. Karl Marx / Friedrich Engels, Das Kapital, Band 1 (MEW 23), Berlin (Ost) 1968, 362 f.

3. Ebd., 358: »Die Ursprungsweise der Manufaktur, ihre Herausbildung aus dem Handwerk ist also zwieschlächtig. Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbständiger Handwerke aus, die bis zu dem Punkt verunselbständigt und vereinseitigt werden, wo sie nur noch einander ergänzende Teiloperationen im Produktionsprozeß einer und derselben Ware bilden. Andrerseits geht sie von der Kooperation gleichartiger Handwerker aus, zersetzt dasselbe individuelle Handwerk in seine verschiednen besondren Operationen und isoliert und verselbständigt diese bis zu dem Punkt, wo jede derselben zur ausschließlichen Funktion eines besondren Arbeiters wird. Einerseits führt daher die Manufaktur Teilung der Arbeit in einen Produktionsprozeß ein oder entwickelt sie weiter, andrerseits kombiniert sie früher geschiedne Handwerke. Welches aber immer ihr besondrer Ausgangspunkt, ihre Schlußgestalt ist dieselbe – ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind.« Etwas später heißt es, »daß ein Arbeiter, der lebenslang eine und dieselbe einfache Operation verrichtet, seinen ganzen Körper in ihr automatisch einseitiges Organ verwandelt und daher weniger Zeit dazu verbraucht als der Handwerker, der eine ganze Reihe von Operationen abwechselnd ausführt. Der kombinierte Gesamtarbeiter, der den lebendigen Mechanismus der Manufaktur bildet, besteht aber aus lauter solchen einseitigen Teilarbeitern. Im Vergleich zum selbständigen Handwerk wird daher mehr in weniger Zeit produziert oder die Produktivkraft der Arbeiter gesteigert« (ebd., 359).

Frau Holle

Das Märchen von Frau Holle handelt nicht von »einer guten und einer bösen Schwester.«[1] Der Geschwisterkonflikt, der so viele Märchen dominiert, spielt hier keine Rolle. Und der Konflikt zwischen dem einem Kind und seiner Stiefmutter ist ebenfalls eine Fassade, die dem Geschehen einen Anschein von Plausibilität verleihen soll – wenigstens am Anfang. Die Familienkonflikte, über die viele Märchen mit unheimlichem Realismus Auskunft geben, sind nicht wichtig. Die Psychologie ist eine irreführende Kulisse.

Im Kern ist das Märchen eine Fantasie über Arbeit. Es handelt von Faulheit und Fleiß, richtigem und falschem Arbeiten, vom Verhältnis zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit. Es geht um Arbeit in dem Sinne, in dem Marx sie definierte: als »Stoffwechsel mit der Natur«[2]; es geht mithin um etwas, das man das Naturverhältnis der Arbeit nennen könnte. Die Pflege dieses Naturverhältnisses nennt das Märchen Fleiß; und sein Lohn sind Reichtum und Glück.

1

»Frau Holle« ist ein Märchen ohne Männer; es ist mithin erst einmal zu vermuten, dass es ihm um ein spezifisch weibliches Moment der Arbeit zu tun ist. Was damit genau gemeint ist, ob es sich darauf einschränken lässt, ob es nicht auch etwas Grundsätzliches zur menschlichen Arbeit zu sagen hat, ist damit nicht gesagt.

Zunächst freilich deutet einiges in die Richtung, dass es die weibliche Arbeit ist, die hier in Rede steht. Eingeführt wird das fleißige Mädchen als Spinnerin[3] –: eine exklusiv weibliche Tätigkeit; in der Mythologie häufig verbunden mit der Verfügung über das Schicksal der individuellen Existenz. In der griechischen Mythologie sind es die Spinnerinnen Klotho, Lachesis und Atropos, die über das Leben des Einzelnen bestimmen. Im Märchen freilich erscheint es kontextlos, wie nackt; herausgerissen nicht nur aus dem mythologisch-kultischen, sondern auch aus dem empirischen Lebenszusammenhang des bäuerlichen Lebens. Das Spinnen der Frauen ist keine Hauptbeschäftigung, es findet Abends oder im Winter statt. Es wird gemeinsam ausgeübt und man erzählt sich dabei Geschichten. Der Faden, zu dem der Rocken gesponnen wird und der Faden der Geschichte, die aus den Lebenswirrnissen gebildet wird, ähneln sich und greifen in einander wie Wort und Geste.[4]

Das fleißige Mädchen dagegen wird ausgebeutet. Ihr Spinnen ist nicht Teil eines umfassenden Arbeitszusammenhangs. Es ist eine hochspezialisierte Tätigkeit, darauf angelegt, Überschuss zu produzieren. Das fleißige Mädchen geht auf in seiner Funktion – bis zur Selbstzerstörung, wenn sie sich in den Finger sticht und gezwungen wird, dem verlorengegangenen Produktionsmittel in den Tod nachzuspringen. Sie ist nicht viel mehr als die Maschine, die sie im 19. Jahrhundert ersetzen wird.

Es ist, mit anderen Worten, entfremdete Arbeit. Entfremdete Arbeit bedeutet vor allem Trennung. Das Mädchen arbeitet getrennt vom Produkt seiner Arbeit, getrennt von den Produktionsmitteln und vom Produktionsprozess im Ganzen (der Herstellung von Kleidung). Außerdem arbeitet sie allein, getrennt von den ›Kollegen‹: dem Produktionsverbund der Familie.[5] »Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint (…) als Entwirklichung des Arbeiters.«[6]

Ihre Flucht aus dieser Welt, die sie zum Anhängsel der Maschine degradiert, ist nicht freiwillig. An keiner Stelle begehrt sie gegen das System auf –: wenn man das Fallenlassen der Spindel nicht als unbewusste Rebellion deuten will, der freilich die demütige Unterwerfung auf dem Fuß folgt. Das Mädchen kann und darf sich nicht von der Maschine trennen, sie muss ihr nach: »Weinend lief es zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück, sie schalt es aber heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: ›hast du die Spuhle hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf!‹ Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte und sprang in seiner Angst in den Brunnen hinein.« Erst dadurch, dass sie den Tod in Kauf nimmt; dass sie stirbt und neugeboren wird, wird sie frei.

2

An die Stelle der entfremdeten Arbeit tritt eine andere Arbeitswelt – ein unterirdisches Reich, in dem anders gearbeitet wird als ›oben‹ – die Unterwelt als Gegenentwurf zur entfremdeten Arbeitswirklichkeit, die bis dahin ihr Leben bestimmt hat.

Das beginnt damit, dass sie alle Arbeiten freiwillig verrichtet. Ofen und Apfelbaum bitten sie, etwas ›für sie‹ zu tun; sie ist dazu bereit, hätte aber auch, wie ihre Stiefschwester, darauf verzichten können. Mit Frau Holle schließt sie einen Vertrag, der auf Gegenseitigkeit beruht und obwohl ihre großen Zähne ihr Angst einflößen.[7] »Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »fürcht dich nicht, liebes Kind, bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn: nur mußt du Acht geben, daß du mein Bett gut machst, und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.« Weil die Alte so gut ihm zusprach, willigte das Mädchen ein und begab sich in ihren Dienst.« Sie hätte ihrer Angst folgen können, überwindet sich aber selbst. Der Arbeitsvertrag mit Frau Holle ist auch ein Arrangement mit ihrer eigenen Angst. Nicht Befehl und Gehorsam, sondern Frage und Antwort, Bitte und Gefälligkeit bestimmen das Arbeitsverhältnis.

Dieses Arbeitsverhältnis ist keines von Arbeitgeber und Arbeiter. Es sind ja die ›Sachen selbst‹, die hier nach Arbeit verlangen. Auch Frau Holle, die Große Göttin des Ersterbens (und damit auch der Neugeburt) der Natur im Jahreskreislauf (insgesamt wohl eine Überlebende der großen Vegetationsgottheiten der Stammesgesellschaften) steht in diesem Sinne nicht außerhalb der Sache, sondern vertritt sie als Person. Die Sache selbst wird anthropomorphisiert wie in aller Mythologie, ohne aufzuhören, sie selbst zu sein. Frau Holle ist der Winter, nicht als abstraktes Gegenüber, sondern als Instanz, mit der sich reden und verhandeln lässt.

Von hier aus erschließt sich auch der – auf den ersten Blick – eigentümliche Umstand, dass ein Phänomen wie der Winter, der kommt und geht, ohne dass wir darüber etwas vermögen, durch menschliche Arbeit hervorgebracht wird. Die Natur, so sieht es hier aus, ist nicht einfach das Bleibende und Immerwährende, sie ist nicht das unverrückbare Fundament, auf dem wir stehen, sondern Gegenstand von Mühe und Pflege. Es ist nicht selbstverständlich, dass diese Maschine einfach funktioniert, und dass der Jahreskreislauf, durch den die Natur sich erneuert und der den Rhythmus unseres Lebens (zumal des bäuerlichen Lebens) bestimmt, immer weiterläuft, wenn sich die Menschen darum nicht kümmern und sorgen (eine angesichts der globalen Klimaveränderungen ziemlich aktuelle Perspektive).

In der Welt der Frau Holle ist Arbeit kein Zwang, der auf die Natur, auf die anderen Menschen und ihre Natur bis zur (Selbst-)Zerstörung ausgeübt wird (die Fleißige sticht sich in den Finger), sondern als Antrag der Natur an den Menschen. Damit ändert sich auch der Charakter der Arbeit. Aus dem ewigen, anfangs- und endelosen Einerlei des Spinnens wird die Arbeit als Vollendung von etwas bereits Angefangenem. Die Natur macht schon die halbe Arbeit; sie lässt das Korn wachsen und die Äpfel; das Brot ist schon fertig, die Äpfel sind reif, und das Mädchen muss nur abnehmen, was von sich aus fast fertig ist. Das Bild des sich selbst backenden Brotes ist gewiss überspitzt; gerade das aber bringt die Struktur des Arbeitsbegriffs heraus, den das Märchen entwirft: dass Arbeit und Natur keine Gegensätze sind. Das was der Mensch tut, liegt in der langen Linie von Vorgängen, die in der Natur angelegt sind und auf den Menschen als denjenigen warten der sie zum Austrag und zur Reife bringt.

Und dies gilt sogar für den Winter. Im Licht der ihm vorausgehenden Arbeiten erscheint er – Inbegriff reiner Natur und all dessen, was sich von selbst macht – als Ergebnis menschlicher Mühwaltung. Natürlich sollen wir nicht glauben, dass das Mädchen den Winter ›macht‹. Abzunehmen ist dem Mythos aber die Vorstellung, dass es durchs Aufschütteln der Betten die ›Arbeit der Natur‹ anerkennt und ratifiziert.

Arbeit als Vollendung von etwas in der Natur schon Angelegten – das ist vor allem eine Frage des richtigen Zeitpunktes. Im unterweltlichen Reich der Frau Holle steht gar nicht in Rede, dass die Fleißige etwas ›machen‹ soll, dass sie den Stoff der Form unterwirft etc. Es kommt vielmehr allein darauf an, dass sie im richtigen Moment reagiert. Das Brot muss aus dem Ofen gezogen werden, weil es sonst verbrennt; die Äpfel müssen vom Baum geschüttelt und zusammengelesen werden, weil sie sonst am Boden verfaulen würden; und der Winter ist ohnehin die Zeit, von der der bäuerliche Kalender ausgeht. Vor der Geschichte, also in dem Zustand, der in den Mythologien der Völker das ›goldene Zeitalter‹ genannt wird, herrscht ewiger Frühling[8]; Zeit ist inexistent aufgrund ihrer humanen Insignifikanz. Weil es den Winter gibt, kann man nicht von der Hand in den Mund leben wie im goldenen Zeitalter; man muss Vorräte anlegen; der Arbeitsrhythmus des gesamten Jahres hat sich diesem Zwang zu fügen. Die ›lebendige‹ Arbeit im Untergrund hat einen starken, die ›tote‹ Arbeit in der Oberwelt hat gar keinen Zeitbezug.

3

»Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig in seinem Herzen und ob es hier gleich viel tausendmal besser war, als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin; endlich sagte es zu ihr: ›ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht länger bleiben.‹ Die Frau Holle sagte: ›du hast Recht und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.‹« Warum möchte das Mädchen zurück in die Oberwelt? Warum hat es Heimweh? Und warum begrüßt Frau Holle ihren Wunsch, in eine Welt zurückzukehren, in der sie wenig mehr als Lieblosigkeit und neuerliche Ausbeutung erwarten?

Man kann, wie ich meine, diese Fragen nur auf eine Weise beantworten: Die unterweltliche Sphäre repräsentiert nicht die Arbeit als Ganze, sondern nur einen ihrer Aspekte. Sie ist der Grund, der die belohnt, die sich um ihn müht, und die bestraft, die ihn vernachlässigt in der Überzeugung, all das mache sich doch von alleine. Aber in ihm zu verharren, wäre regressiv. Das Leben der Gattung Mensch besteht nicht nur aus reproduktiver Arbeit – sie wird von der Unterwelt repräsentiert –, sondern auch aus produktiver Arbeit, die dem Fortschritt dient. Beides sind die zusammengehörigen Hälften der ganzen Arbeit. Und so, wie das ewige Spinnen, der monotone Gleichlauf einer spezialisierten Überschussproduktion und die damit einhergehende Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit seit der neolithischen Revolution den Naturgrund der Arbeit nicht versäumen darf, darf dieser sich nicht in sich selbst verschließen und auf sich selbst als der ganzen Arbeit beharren. Beide aber sind notwendig und notwendig aufeinander verwiesen.

Mit anderen Worten: produktive und reproduktive, ›männliche‹ und ›weibliche‹ Arbeiten (so haben es jahrtausendealte kulturelle Gewohnheiten uns gelehrt) gehören zusammen. Dringlich ist dieser Appell, weil die reproduktiv-weibliche Sphäre abgesunken ist zur Unterwelt, unsichtbar geworden und zur Selbstverständlichkeit verkümmert. Der Manager, der nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt und erwartet, dass er sich ins gemachte Nest setzt; die Managerin, die dasselbe von ihrem Kindermädchen verlangt[9] –; all diejenigen, deren Leben durch die gesellschaftliche Anerkennung allein der produktiven, tendenziell naturvergessenen Arbeit bestimmt ist, sind aus der Sicht des Märchens faul, ruhen sich aus im Bett der Natur, anstatt es aufzuschütteln und sich um seine Erhaltung zu kümmern.

Wer das Naturverhältnis der Arbeit, das Naturverhältnis in der Arbeit vergisst und versäumt, wird bestraft und verachtet; das Unglück umgibt sie wie Pech, das nicht mehr abzulösen ist vom Körper. Sie waren immer schon »hässlich« (mit der Gleichsetzung von Faulheit und Hässlichkeit setzt das Märchen ein); jetzt aber tritt diese Hässlichkeit nach außen, sie kann nicht mehr von der Liebe der Mutter überdeckt werden, sondern kommt für alle sichtbar zum Vorschein.

Wer es dagegen ehrt; wer die Arbeit zugleich als »cultus« der Natur begreift, als Pflege statt Vernachlässigung, Kultivierung statt Unterdrückung; wer also seiner/ihrer Arbeit auch als fortdauernder Arbeit am Naturverhältnis nachgeht[10]; wer, wie das fleißige Mädchen, anerkennt, dass es Phasen und Zeiten geben mag, in denen die reproduktive Arbeit im Vordergrund steht (in der Familie, in der Beziehung, beim Putzen und bei der Gartenarbeit); wem es also gelingt, für sein / ihr Leben einen Rhythmus der entgegengesetzten, aber zueinandergehörigen Arbeitssphären zu finden, der wird belohnt durch einen Reichtum, der vom Glück selbst nicht zu trennen ist. Es sind ja keine gemünzten Taler, die auf das fleißige Mädchen herunterregnen; es ist ein Goldregen, der sie in ein schimmerndes, der Liebe und Anerkennung wertes Wesen verwandelt. Auch hier tritt das, was im Inneren verborgen war, nach außen und wird Oberfläche, gesellschaftliches Sein. Keine geradlinige Karriere, für die man ohne Pause spinnt und spinnt, könnte dieses Glück herbeiführen; man muss dafür »in den Brunnen springen«, den Gesellschaftstod sterben, sich mit der verdrängten Seite der menschlichen Arbeitsverhältnisse vereinigen. Wenn man von dort zurückkehrt, macht sogar das Spinnen wieder Spaß.


Anmerkungen

1. So formulieren es Johannes Bolte und Jiri Polivka in den »Anmerkungen zu den »Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm« (Band 1, Leipzig 1913, 226).

2. Karl Marx, Das Kapital. Krtik der politischen Ökonomie, Band 1 (MEW, Bd. 23), Ostberlin 1968, 192.

3. – übrigens nur in der späteren Fassung des Textes, in der ersten Ausgabe der »Kinder- und Hausmärchen« von 1812 ist nur davon die Rede, dass sie beim Wasserholen in den Brunnen gefallen sei.

4. »Geschichten erzählen ist ja immer die Kunst sie weiter zu erzählen, und die verliert sich, wenn die Geschichten nicht mehr behalte werden. Sie verliert sich, weil nicht mehr gewebt und gesponnen wid, während man ihnen lauscht. Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, dass ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selber zufällt« (Walter Benjamin, Er Erzähler, in: Gesammelte Schriften, Band II/2, Frankfurt am Main 1977, 446 f.).

5. Vgl. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Band 40, Berlin, 510—517. Auf den Begriff der Trennung bringen – mit etwas anderer Bewertung – Alexander Kluge und Oskar Negt das Phänomen (Geschichte und Eigensinn. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden, Band 2, Frankfurt am Main 2001, Kap. 1: »Die Entstehung der Arbeitsvermögen aus der Trennung«).

6. Marx, l.c., 511.

7. In den europäischen Parallelversionen des Märchens, die Bolte und Polivka zusammengetragen haben (l.c., 207 ff.), wird das beunruhigende, Todesgöttinnenhafte der Unterweltsmacht mal mehr, mals weniger betont, sei es, dass sie als »Nixe mit furchtbaren Haaren, die gewiß in einem Jahr nicht gekämmt waren« (209) erscheint, sei es, dass das Mädchen am Ende vor ihr fliehen muss und nur dank der Hilfe des Brunnens, des Apfelbaumes und des Backofens entkommt (die niederösterreichische Version: 211 f.). Die großen Zähne in unserem Märchen deuten auf die Angst des Verschlungenwerdens, der Nimmerwiederkehr hin.

8. Vgl. Hesiod, Werke und Tage, Vers 105 ff.; Ovid, Metamorphosen I 107: »da war ewiger Lenz …«

9. In der Keynote zum Studierendenkongress der Komparatistik 2016 in München erwähnte Paula-Irene Villa, dass man in Befragungen häufig auf die Überzeugung stoße, dass sich Angestellte aus dem Ostblock besser für die Versorgung der Kinder eignen würden: »ich finde die Russinnen ja viel mütterlicher als die Deutschen«.

10. Für ein Naturverhältnis, das eine Alternative zur Naturbeherrschung darstellen würde, ohne ins entgegengesetzte Extrem einer romantischen Naturverklärung zu fallen, finden sich viele Spuren, von Ovids Lob des »cultus« als Gegensatz zur zerstörerischen Herrschaft über die de Natur (Ars amatoria III, 127) bis zu Alexander Kluges »Abschied vom Zirkus« (Tür an Tür mit einem andere Leben, Frankfurt am Man 2006, 449 ff.), in dem die Zähmung der wilden Tiere als Gegenmodell zur unilinearen Herrschaft über die Natur dargestellt wird.

Hamlet heute

Hamlet heute

Die unter diesem Titel versammelten Fragmente sind aus der Arbeit am Grimmschen Märchen vom Eigensinnigen Kind hervorgegangen. Sie stellen sich die Frage, ob sich ein Zuviel an Lässlichkeit und Eigensinn nicht ähnlich destruktiv auswirken kann wie die brutale Unterdrückung, von der das Märchen berichtet. Eine Antwort können sie nicht geben.

Bisher habe ich folgende Texte zusammengestellt:

  1. Hamlet Das Kind
  2. Überwachen und Strafen
  3. Das Netz
  4. Über Traumatophilie

Die Materialsammlung wird fortgesetzt.

 

Dornröschen

Sie ist alt geworden Aber die lippen
sind noch immer rot die blutige
bluete vor der mir angst war und das
messerwerk in das ich stuerzen
wollte Darum ein rankenspiel
von unglueck hass und duenn
gewordener haut Sie ist dornroeschen
und die boese fee Sie hat sich selbst
den langen schlaf gegeben die
lange wartezeit die niemals aufhoert
Was ihr davon noch bleibt sind
die naechte Die sind entsetzlich und
die lachen klaffend Sie ist das tippen
auf der tastatur plus kopfschmerz
Arbeit ist leben und der wein ist rot
Einen himmel hatte sie schon lang
nicht mehr Die erde hat sich ihr
verschlossen Aber talent zum glueck
hatte sie nicht Verbeamtet ist sie
zum glueck Man sieht wie gut
sie ausgesehen hat Und noch immer
waere nicht das unglueck dem
sie es verdankt Wenn sie
nicht  trinken wuerde Aber wie
soll man sonst schlafen Der mann
ist ihr unertraeglich Sie ihm auch
Sie liebten sich Sie liebten sich Sie
schwimmt so gern in kalten seen
Dann weiss sie wer sie ist

Wie man sich schuetzt

vor dem kontrollverlust Den koffer nicht ins
gepaecknetz heben sondern mit ihm
im gang den weg versperren Die softshell
jacke lass ich lieber an bei 20 grad und
kruemme mich zusammen vor dem
actionfilm im ipad Man traegt heut
wieder bart damit man diesen weichen
zug nicht sieht Ich habe einen knopf im ohr
und die welt misst sich in zoll In der
s-bahn einen sitzplatz zu bekommen ist
ja kein problem mehr Gedraenge an der
tuer Man haelt die fluchtwege kurz Der
koerper ist der feind macht was er will
sagte die 26jaehrige Doch es gibt mittel
Dreischichtensystem beim muskelaufbau
west und ost Schritte schritte schritte
und das telefon zaehlt mit Jetzt ist es zeit
fuer ritalin ER HAT KEINEN KREBS ABER
DAS WEISS ER NICHT Ein neues leben
bahnt sich an Wenn nur die eltern nicht
waeren Wenn nur die kinder nicht waeren
und der verdammte kaffeefleck
auf meiner hose Ich muss doch heut
nach duesseldorf Nein alkohol trinke ich
schon lange nicht mehr Ich ich wuerde