Zwei Texte zu HAMLETMASCHINE

1

DIE HAMLETMASCHINE ist ein Oratorium. Der Text verläuft nicht in Zeit und Raum, er ist seine Zeit, in der der Urvatermord und die postrevolutionären Aufstände zusammentreten, er ist der Raum, in dem, wie in einem Bachschen Oratorium, die verschiedenen Zeitebenen aneinander stoßen und/oder aufeinander aufbauen wie die Wände und Säulen einer Kathedrale. so bilden die Texte, aus denen DIE HAMLETMASCHINE montiert ist, die zerbrochenen Elemente des heilsgeschichtlichen Raumes der kommunistischen Verheißung und der toten Hoffnung, die Intellektuellen hätten darin eine Rolle zu spielen. Müllers Drama nach dem Drama ist die Inversion eines heiligen Textes. Seine Verheißung ist der Realismus der Verzweiflung. Der Kirchenraum, in dessen „waldigem Inneren“ (wie Walter Benjamin es nennt) die Choräle zum Himmel steigen und in den tief verschatteten Baumwipfeln den Kinderchören begegnen, die aus der Höhe herabsteigen, ist zerfallen. Durch die ruinen weht ein Wind von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist so kalt wie die Erde einmal war und wie sie bald wieder sein wird.

Aufzuführen wäre DIE HAMLETMASCHINE also als oratorium, in einer Kirche, zusammen mit einer der großen Passionen.

Was bleibt, ist das kleine Herdfeuer der verglühten Ewigkeit: Spiel, Verwandlung, Theater. die dämonischen Scherze und der heiße Krebs. Interimsaugenblicke der Sinnlosigkeit, die in der Welt des erstorbenen Sinns noch nach Leben schmecken. Der Rausch und der Selbstverlust. Der Tanz, der sich auf der Stelle dreht, so lang und so schnell, bis die Zeit endlich aus den Fugen ist, und der Schaum ins Weltall schießt,

das, genossen, SEHR DUNKEL ist.

 

2

es ist immer dasselbe Wer rebelliert
gibt auf Die soehne werden zu vaetern
die toechter zu muettern und zwar um so mehr
je weniger sie es wollten Das ist die dialektik
der revolution Wer gegen alles ist
macht mit Wer im besitz der wahrheit ist
auch Vielleicht kommen wahrheit und widerstand
nie zusammen Sowenig wie reflex und reflexion

hamlet weiss das Deswegen lautet sein programm
RADIKALE SELBSTKRITIK / ICH BIN NICHT HAMLET
ICH SPIELE KEINE ROLLE MEHR Aber wer das sagt
ist hamlet Hamlet ist das kollektiv derer die
nicht hamlet sein wollen Hamlet ist seine verneinung
Hamlet ist der hass auf hamlet Hamlet
is(s)t ophelia DER INTELLEKTUELLE
DER KEIN BLUT SEHEN KANN ABER ES SAUFEN WILL
regisseur seines selbsthasses
zynisch und intelligent zum niederknien
unser aller grosskritiker der sich nicht aus-
nimmt von seiner kritik NEIN
denn er weiss wie wir
ES GIBT KEIN RICHTIGES LEBEN
IM FALSCHEN
Hamlet der in die ruestung kriecht
sein unaufhaltsamer aufstieg
in der ministerialbuerokratie
und sich ophelia im keller haelt
die ratte im kaefig

DIE KUNST
naturschutzpark oder agitation
laissez faire oder indoktrination
bewegungen eines irren in seiner gummizelle
blutig geschlagene glieder an den mauern des kerkers
der kerker selbst / in stuck
Die geschichte der kunst ist
die geschichte eines scheiterns

Der text ist der raum DIE
HAMLETMASCHINE das sind die truemmer
der kathedrale des scheiterns
In der mitte eine buehne
Aufgeschlagen unter rissigem himmel
LUST- UND SCHRECKENSKAMMER DER VERWANDLUNG
frau ist mann ist frau ist krank ist gesund ist krank ist
DAS WAS ES NICHT GIBT
WAS KEINEN SINN MEHR HAT
und der tanz ist das sein
und die zeit ist das da

 

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