Made in Germany

für Anne Peiter, in Erinnerung an ihren Vortrag überden Sauberkeitswahn in den Märchenfilmen der DDR

Der deutsche Saubermann geht auf den Dreißigjährigen Krieg zurück: die stumme Wunde der deutschen Geschichte. Er rumort unter der Bühne des deutschen Barocktrauerspiels. Aber die Stücke sind vergessen; Lessing Verdikt über das Böse (in Gestalt Richards III.), das sich dem bürgerlichen Nützlichkeitskonsens entzieht, gilt bis heute. Aktualisiert wird das Trauma in den folgenden Kriegen. Schiller verfasste nach dem siebenjährigen Krieg seine zunehmend brüchiger werdenden Gottesbeweise gegen die Geschichte. Das wirkliche Grauen des 17. Jahrhunderts hat sie vorab zur Makulatur gemacht. Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben eine emotionale Totenlandschaft hinterlassen: das Gefühl einer kollektiven Beschmutzung, aus der bis heute der hysterische Widerstand gegen die Kollektivschuld sich speist. die Verdrängung des Bösen durch die Hygiene ist das Rezept deutscher Dichtkunst, seine Wiederkehr die Jauchegrube seiner Politik. die Fadheit der deutschen Nachkriegsliteratur (West), die moralische Feigheit, von der der deutschen Film sich langsam befreit, die law-and-order-Mentalität des deutschen Fernsehkrimis, die gespreizte Sterilität junger Autoren aus bürgerlichem Haus, die sich die die Finger nicht schmutzig machen und allenfalls die Treppe der elterlichen Villa herunterfallen – all das steht noch im Bann eines alten ästhetischen Urteils, das den guten, allenfalls vom rechten Weg abgekommenen Menschen zum Hauptgegenstand der Literatur macht. Aber das Böse ist kein defizientes Gutes. Es ist eine eigene Macht, die man anerkennen muss, um sie halbwegs in Schach zu halten. Mehr ist sowieso nicht drin. Das 17. Jahrhundert steht am Anfang dieser Entwicklung, die MADE IN GERMANY tendenziell zu einen Programm ästhetischer Asepsis gemacht hat.

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