Messianismus aus dem Pleistozän

Walter Benjamin und Alexander Kluge

»Es gibt starke Kräfte im Menschen …, die sich hermetisch auswirken. Sie lassen keine umfassenden Assoziationen zu. Für Revolutionierung sind sie ungeeignet. Ihnen stehen schwächere und schwache Kräfte gegenüber … Sie lassen sich rasch vereinigen und bewirken langfristig die gesellschaftliche Veränderung. Auch die Evolution der Modernität geht auf solche schwachen Kräfte zurück … In der Evolution bringen ausschließlich schwache Kräfte schwache Veränderungen hervor, die sich zu den großen Entwicklungsschüben addieren. Die schwache messianische Kraft (Walter Benjamin), also Rückbindung als Wurzeln in der Geschichte, ist überhaupt der einzige Brunnen von Hoffnung.« (Kluge 2012, 200)

Alexander Kluges erzählerisches und theoretisches Werk ist so sehr die Entfaltung von Implikationen, die sich aus dem Entwurf von Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen ergeben wie sein filmisches Werk in der Fluchtbahn des Aufsatzes über das ›Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduziertbarkeit‹ zu verorten ist. Die Aufsprengung des geschichtlichen Kontinuums und das Bemühen, potentiell jeden historischen Augenblick als ein in sich widerspruchsvoll »Geschichtetes« erkennbar werden zu lassen, aus dem sich grundsätzlich mehr als ein Verlaufsmodell extrapolieren lässt, sind Prinzipien des Klugeschen Erzählens, die sich zu den Geschichtsphilosophischen Thesen als in alle Richtungen wuchernde Anwendungsfälle in Beziehung setzen lassen. Von ihrer Vorgabe weicht Kluge nur insofern ab, als er die in den Bau der Thesen tief eingelassene theologische Intention Benjamins materialistisch umwendet. Die bei Benjamin in Begriffen der Theologie gedachte geschichtstranszendente Kraft erscheint bei Kluge als Kraft der Vergangenheit. »Wir leben ›eingerollt‹ im AUGENBLICK und zugleich im ZEITSTROM VON MILLIONEN JAHREN. Im selben Körper und Geist existieren kurze und lange Zeiten« (Kluge 2006, 9). Was weniger in die Geschichte einbricht als – von unten – in ihr durchbricht, ist die Prähistorie, die jeder Mensch mit sich führt und ihn aus der Logik der geschichtlichen Kausalität immer wieder ausbrechen lassen könnte.

Diese Fortführung Benjaminscher Intentionen lässt sich nicht bloß in der erzählenden Praxis, sondern auch auf der Ebene der theoretischen Auseinandersetzung erweisen. Die zusammen mit Oskar Negt verfasste geschichtsphilosophische Collage ›Geschichte und Eigensinn‹ stellt den Versuch dar, aus dem Spannungsverhältnis der beiden titelgebenden Begriffe – die systemlogisch nach den von Marx analysierten Prinzipien prozessierende Geschichte auf der einen Seite, dem systemlogisch nicht fassbaren Eigensinn der Menschen auf der anderen Seite – einen Begriff wirklicher Geschichte und wirklich verändernder Praxis zu entwickeln. Das zeigen sie zu Beginn des Buchs an einer zentralen Leerstelle des Marxschen Systems, aufgrund deren sein Geschichtsbegriff sich ins Irreale zu verflüchtigen droht. Marx’ Werk enthält ja, so erstaunlich es klingen mag, keine Theorie der menschlichen Arbeit (in Sinne einer »geschichtlichen Organisation der Arbeitsvermögen«, in dem Sinne also, in dem Marx eine Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung des Werts und des Privateigentums formuliert hat). Hier setzen Kluge und Negt an und lösen an einem zentralen theoretischen Konzept Benjamins Forderung nach der Aufsprengung des historischen Kontinuums ein. Denn es ist ja einerseits richtig, dass der Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft auf den homo oeconomicus reduziert und also solcher sich Marx’ Systemanforderungen entsprechend verhält. Andererseits aber bildet er eben ständig, »Millionen von Jahre« Vorgeschichte mit sich führend und darauf als Widerstandspotenzial zurückgreifend, Reaktionsweisen aus, die ihn dem Systemzwang unterlaufen und Ansätze unentfremdeter Arbeit ausbilden lassen. Ist eine Geschichtsphilosophie ohne Automatismus möglich? Wie könnten Prinzipien des geschichtlichen Verlaufs beschaffen sein, die den Menschen nicht zum Objekt entmündigen, sondern ihm in seiner alltäglichen Lebenspraxis diesseits aller revolutionären oder quasi-revolutionären Höhepunkte Mut machen? Das sind Benjamins Fragen, die von Alexander Kluge weitergeführt wurden. Sein Werk hat sich in gewisser Hinsicht nichts anderes vorgenommen, als das geniale Particell von Benjamins letztem Text in eine Orchesterpartitur auszusetzen.

Nachweise:
Kluge 2012: Alexander Kluge, Das fünfte Buch, Berlin 2012.
Kluge 2006: Alexander Kluge, Die Lücke, die der Teufel läßt, Frankfurt am Main 2006

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