Fragment über den späten Beethoven

Das, was Adorno in seinem berühmten Aufsatz über Beethovens Spätwerk die Konvention nennt, muss genau, das heißt, musikalisch und gesellschaftlich, im doppelten Sinne des Wortes also verstanden werden. Erst wenn man es in beide Richtungen ohne Vorbehalte aussschöpft, erschließt sich über das, was Adorno sagt, hinaus, der volle Sinn des von ihm Intendierten.

Was bedeutet »Konvention«? Der musikalische Verlauf wirft die Illusion selbstmächtiger und sozusgen authentischer Individualität ab; die Vorstellung, das Subjekt bestehe rein aus sich selbst, es sei autonom und verdanke Art und Dasein allein der Arbeit und dem freien Entschluß ›Werde, was Du bist‹, wird zuletzt als bürgerliches Phantasma entlarvt. Darin besteht der Sinn des Beethovenschen Verfahrens: dass es die Ideologie des UNTERNEHMERISCHEN SELBST, das ex nihilo Werte akkumuliert, desavouiert. Was in der Kritik steht, ist die bürgerliche Subjektivität im Ganzen. Wenn Beethoven unter dieser Oberfläche die Konvention sicht-, bzw. hörbar werden lässt, geläufiges musikalisches Material also, das für sich, wie unbehandelter Rohstoff dasteht, so macht er deutlich, dass es objektive gesellschaftliche Zwänge sind, die das bürgerliche Selbst begründen, desssen Autonomie Effekt ihrer Verschleierung ist. Das autonome Subjekt ist ein Habitus, eine Resultante gesellschaftlicher Kräfte, über die es selbst nicht verfügt: eine Ich-AG, könnte man neudeutsch sagen.

Indem aber die Konvention als verdecktes gesellschaftliches Fundament dieser Form der Subjektivität freigelegt trägt sich mit ihr etwas Wunderbares zu, das man wohl als den humanen Kern des Beethovenschen Spätwerks anzusprechen hat. Denn die Konvention wird humanisiert – humanisisert durch den Freiraum, den Beethoven innerhalb ihrer eröffnet. Immer bleibt sie, was sie ist; sie wird nicht unkenntlich als Treibstoff vorgeblich individueller Formung. Aber sie wird erkennbar als Bezugsrahmen souverän abweichenden Verhaltens, als Verbindlichkeit statt als als Zwang. Es herrscht hier eine eigene Dialektik. Konvention ist Zwang und wird zu Zwang nicht zuletzt dort, wo man sie zwanghaft abschütteln will und sie letztlich doch nicht loswerden kann. Aber wo man sich ihr zuneigt, ohne ihr zu verfallen; wo man seiner selbst so gewiss ist, dass man sich ihr überlassen kann, ohne sich an sie zu verlieren; wo man mit einem Wort, in ironischem Einverständnis, das ein gewisses melancholisches Fundament zu leugnen nicht für nötig befindet, mit der Konvention spielt, anstatt sie zu verleugnen (was, recht besehen, eben nur die Kehrseite der konventionalistischen Selbstunterwerfung ist), da entsteht eine Freiheit, die es zuvor nicht gab, eine Freiheit diesseits revolutionärer Himmelstürmerei, die die gesellschaftlichtlichen Verbindlichkeiten nicht beiseitefegt, sondern durch sie erst ermöglicht wird. In der ›Dialektik der Aufklärung‹ nannten Horkheimer und Adorno das das »Eingedenken der Natur im Subjekt« –: nur dass es sich hier nicht um die erste Natur handelt, sondern, schwer von ihr zu sondern, um die zweite der gesellschaftlichen Konvention.

Der späte Beethoven geht also den schwierigen Schritt hinter das Paradigma der revolutionären Neubegründung des Menschen zurück. Daher rührt wie beim späten Goethe sein lässliches Verhältnis zu überlieferten und überständigen Formen, die er bloßlegt und in ihrer Kahlheit zu musikalischen Gebilden von großer subversiver Kraft anordnet. Es ist ja beileibe nicht so, dass er sich in der Missa, der neunten Symphonie und im zweiten Satz von op. 111 mit der Konvention ›versöhne‹. Sie wird vielmehr zur Chiffre einer befreiten Gesellschaft. Dass dies geschehen kann, ohne dass die Konvention zerbricht, ist das Wunder von Beethovens Spätwerk. Es gibt uns zu verstehen, dass die Freiheit des Einzelnen, an der dem mittleren Beethoven so viel gelegen war, von der Freiheit des Ganzen abhängt, in dem er sich bewegt.

 

P.S.: Diesen  älteren Text habe ich aus aktuellem Anlass hervorgeholt – er ist in eine andere Parallelwelt hinübergewechselt und wird als Austellungstext im Rahmen des um op. 131 zentrierten Musikfests der Alten Oper Frankfurt zu sehen sein.

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