Richard III. oder Über die natürliche Ungleichkeit der Menschen


Shakespeares „Richard III.“ ist ein Stück über die Ungerechtigkeit der Natur. Sie stattet den einen mit allen Vorzügen aus, über die sie verfügt; den anderen aber stempelt sie zum Auswurf, hässlich und widerwärtig. Das Böse, mit dessen unendlicher Faszination das Drama experimentiert, ist das Ergebnis solcher Ungleichkeit unter den Menschen; kontingent und sinnlos, und doch so tief wie nur denkbar in den Lauf der Welt eingesenkt.

Es geht nicht darum, Richards Taten zu rechtfertigen. Aber vor der erbarmungslosen Analytik des Bösen, die Shakespeare hier vorlegt, erscheinen alle moralischen Urteile wohlfeil und zu kurz gegriffen. Ihr Kern ist die dynamische Gleichung von Hässlichkeit und Bosheit. Wer durch seine äußerliche Erscheinung den Ekel der Menschheit auf sich zieht, wird an ihr sich rächen wollen; und wehe allen, wenn ihm die Mittel dazu in die Hand gegeben sind. So lautet das Gesetz einer Welt, die nicht von Heiligen bewohnt wird – also der unsrigen; und man mag sich mit Recht fragen, wie es um das Böse in einer Situation bestellt sein mag, in der der normierende Kult der Schönheit zum hysterischen Überschwang neigt. Sie produziert das Gegenbild des Hässlichen, ja sie ist darauf angewiesen; und sie erzeugt es gegenwärtig in solchem Umfang, dass sie von ihm hinweggefegt werden würde, wenn es könnte, wie es wollte.

Aber so ist es nicht; und auch über diese Wahrheit belehrt Shakespeares Drama. Am Ende verliert der Krüppel, ein sabbernder, von Angst und (als Salz in der Suppe) Gewissenbissen zerfressener Hanswurst, der verlacht, ein wimmernder Bettnässer, der gedemütigt, ein schlechter Verlierer, der vom schönen und vernünftigen Gewinner vom Platz gestellt wird, in dessen Welt Kreaturen wie er ausgemerzt werden.

Das Gute siegt, aber man mag die rechte Genugtuung darüber nicht empfinden. Shakespeare hat allen nur möglichen Reaktionen auf den Tod des Unholds den Weg verlegt; moralische Befriedigung, Mitleid und Gelächter blockieren sich gegenseitig. Was bleibt, ist ein eigenartig stumpfes Empfinden, vergleichbar demjenigen, mit dem man Schreckensnachrichten aufnimmt, die das subjektive Fassungsvermögen übersteigen. Vielleicht ist es das einzige authentische Gefühl, mit dem man einer Welt begegnen kann, die, weil sie Ungleichheit produziert, im Innersten verkehrt eingerichtet ist.

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