Bildbeschreibung eines Lebens

Ich gehe langsam durch das Bild, in dem ich mich seit Jahren aufhalte. Eigentlich hat es nie etwas Anderes gegeben als dieses Bild, dessen Himmel aus Glas ist und dessen Blumen aus bemaltem Papier. Mein Bewegungsspielraum ist begrenzt, ich schaffe es immer nur vom Vordergrund des Bildes, wo mein Haus mit dem Schilfdach steht, bis in den Mittelgrund, wo der Garten sich verliert und ein Pfad ins Schilf führt, das vielleicht einen nicht allzufernen See umgibt. Es ist nicht warm und nicht kalt hier, aber ich habe immer Durst. Durst begleitet mich jeden Tag, ich vermute, dass ich ihn stillen könnte, wenn ich den unsichtbaren See erreichen würde. Er ist zwar auch nur gemalt, aber sehr groß.

Wie bin ich in dieses Bild geraten? Und woher weiß ich, dass ich in einem Bild lebe? Die Antwort auf die zweite Frage ist einfach. Ich sehe ja die Leute, die das Bild und mich in dem Bild betrachten, mit ihren Vollbärten und modischen Hornbrillen. Schwach, aber unerkennbar, dringen ihre Gerüche zu mir ins Bild. Das beschränkt sich auf den Vordergrund: meine Welt ist eigentlich geruchlos. Mit den Jahren habe ich, so ungern ich mich dort aufhalte, wo ich beobachtet werden kann, die Gerüche ein wenig zu unterscheiden gelernt. Männer- und Frauenparfüm, alte Pisse und den Geruch frischgewaschener Haare, die Cremeschleier frisch gewickelter Säuglinge, die blicklos in meine Richtung sehen, der Wildgeruch des Erfolgs und die vergorenen Früchte unerfüllter Liebe. Dies alles sendet Grüße ins Bild, gut zu erkennen, wenn sich nicht mehr als zwei/drei Besucher davor aufhalten, doch manchmal auch in verwirrender Fülle, wenn sie sich vor dem Bild so sehr zusammendrängen, dass ich befürchten muss, der ein oder andere fiele hinein. Das wäre wahrscheinlich mein Ende.

Eine Antwort auf die erste Frage kann ich nicht geben. Gelebt habe ich hier, seit ich denken kann, im Schilfhäuschen unter dem Glashimmel, durstig in einer weitgehend geruchlosen Welt. Was davor gewesen sein könnte, ist verschwommen. Wenn ich mich sehr konzentriere, durchqueren mich blasse Erinnerungsfragmente: weiches Fleisch, das Wellen schlägt und unter dem Griff meiner Hand nachgibt; Dinge, die rasch auf mich zukommen und sich wieder entfernen; eine lange Haarsträhne, die quer über mein Sichtfeld läuft, grüne wässerige Augen und wieder Fleisch, das sich vor mir aufbaut wie ein Wall. Aber nichts setzt sich aus diesen Reminiszenzen zusammen, sie führen zu nichts und nichts führt von ihnen weg. Zudem denke ich nicht einmal gern an diese Dinge, die vielleicht in die Zeit vor dem Bild gehören, vielleicht aber auch bloße Einbildung sind, Launen des Gehirns, das mit spontan erzeugten Trümmern wahllos um sich wirft. Nein, Ekel erfasst mich bei dem Gedanken an sie, Ekel, Angst, schwarze Wut. Ich möchte alles zerreißen und auf den unsichtbaren Wänden des mir unbekannten Zimmers verteilen, dicht an dicht die Abziehbilder einer eingebildeten Kindheit. Nein, mein Leben im Bild mag etwas langweilig und von einer faden Traurigkeit begleitet sein, aber verglichen mit dem, was vorher gewesen sein könnte, bin ich zufrieden sein.

Das Haus, in dem ich lebe, ist klein. Es besteht aus einer Küche, dem Arbeitszimmer und einer kleinen Schlafstube. Neben der üblichen Hausarbeit (ich mache sie nicht gern, schiebe sie aber nicht allzulange vor mir her; Organisation ist alles) gehe ich meiner Hauptbeschäftigung nach. Ich bin nämlich Abschreiber. Mein Arbeitszimmer ist sicher nicht größer als zwölf Quadratmeter, aber es ist bis an die Decke vollgestellt mit Büchern und allen möglichen Periodika. Eine Ordnung lässt sich darin nicht erkennen, und wenn es eine gibt, so folge ich ihr ohnehin nicht, denn ich ziehe, wenn ich ein Buch oder einen Artikel abgeschrieben habe, wahlos etwas anderes aus den baufälligen Regalen und setze meine Tätigkeit fort. Mitunter unterbreche ich das Abschreiben auch mitten im Text, markiere die Stelle mit einem Lesezeichen und beginne mit etwas anderem. Ich nehme mir jedesmal vor, zu besserer Gelegenheit das Liegengelassene wieder aufzunehmen, aber selbst wenn ich es nicht irgendwann vergesse (ich fürchte, das ist die Regel), so finde ich doch den unterbrochenen Text nur ausnahmsweise wieder. Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass ich mich in manchen Fällen daran zu erinnern glaube, die Abschrift des unterbrochenen Texts fortgesetzt zu haben, möglicherweise aber nicht daran gedacht habe, das Lesezeichen wieder zu entfernen. Wenn das stimmt, liefe es darauf hinaus, dass ich denselben Text zwei Mal abschreiben würde – eine unerfreuliche Aussicht.

Meine Arbeitstage verlaufen im großen und ganzen gleich. Vier Stunden vormittags und nachmittags. Den Nachmittag handhabe ich etwas flexibler, je nach Wetter und Jahreszeit. Nicht dass es hier große Unterschiede geben würde. In einem Bild spielen sich die Dinge ja etwas gedämpfter ab als draußen, aber ich bilde mir doch ein, welche zu bemerken und richte meinen Tagesablauf danach ein. Dann mache ich einen kleinen Spaziergang, wie ich es vorhin beschrieben habe, über Papierblumen unter dem Himmel aus Glas, bis zum Ende des Gartens, wo der gemalte Weg beginnt, der ins Schilf führt und, wie ich hoffe, auf einem Landungssteg mit glitschigen Brettern endet, an einem großen See, der zum Schwimmen einlädt und in dem ich meinen Durst stillen könnte.

In meinen Schreibtisch sind drei kleine Tafeln eingelassen, die ich immer im Blick habe. Auf der ersten steht MAJUSKELN, auf der zweiten KEINE SATZZEICHEN, auf der dritten KEINE ABSÄTZE. Ich halte mich daran und übersetze die ohnehin schon zweifelhafte Ordnung der Texte, die mein Arbeitzimmer bevölkern, in einen einzigen wirren Fließtext ohne Punkt und Komma, der jeden Versuch, etwas in ihm wiederzufinden, zur Lächerlichkeit verurteilt. Ich habe gewaltige Papierreserven, der Platz unter meinem Bett ist vollständig von dicken, im Packpapier eingeschlagenen 2000er-Stapeln ausgefüllt, die vermutlich aus einer Büroauflösung stammen; und wenn das Arbeitszimmer auch klein ist, so enthält es doch sehr viel mehr Bücher als ich schaffen werde. Es ist also dafür gesorgt, dass ich mich nicht langweile.

Die vollgeschriebenen Blätter werden abgeheftet in große Leitz-Ordner, die früher wohl einmal für Belege und Rechnungen benutzt wurden. Sie tragen jedenfalls fünfstellige Laufnummern. Ich stapele sie in einer Ecke des Zimmers. Drei Ordner sind voll, mit dem vierten habe ich vor einigen Tagen/Wochen/Monaten begonnen. Im Gegensatz zu den Papierreserven, die mir unerschöpflich vorkommen, erscheint mir die Zahl der noch leeren Ordner begrenzt. Also spare ich, wo ich kann und beschreibe meine Blätter eng, beidseitig und ohne Rand. Was geschehen wird, wenn der letzte Ordner so dicht gefüllt ist, dass er sich nicht mehr schließen lässt, weiß ich nicht. Vielleicht geht dann auch mein Leben zu Ende.

Schwach, wie gesagt, dringen von draußen Gerüche ins Bild. Sie tanzen wie dünne Schleier durch den Vordergrund, die kleine Straße mit dem schwarzen Wassergraben, der winzige, von einem niedrigen Jägerzaun begrenzte Vorgarten. Ich halte mich nicht gern dort auf, zum Teil, weil mich die Gerüche mit bleierner Stumpfheit erfüllen, zum Teil, weil ich mich nicht daran gewöhnen kann, beobachtet zu werden. Im Grunde könnte es mir egal sein. Es gibt keinen Kontakt zwischen meiner Welt und ihrer Welt. Eine akustische Schranke hält sie getrennt, kein einziger Ton überquert den Bildrand oder den schwarzen Wassergraben; ich sehe die betroffenen und amüsierten Gesichter in einiger Entfernung zu mir herüberstarren; ich registriere wie sie miteinander tuscheln und lachen; ich nehme wahr, wie eine Mutter ihr Kind auf ein mir unbekanntes Detail des Bildes aufmerksam macht (vielleicht eine feine blaue Wasserlinie am Horizont); aber die Gesichter sind leere Grimassen, die Münder bilden zunehmend abstrakter werdende Schlängellinien, die Falten unlesbare Runen, die Haare ein verwirrendes Gestrichel und der Tag ist vielleicht nicht fern, in dem sich das alles in ein Ensemble wogender und sich gegeneinander verschiebender Formen verwandeln wird, wenn das Fleisch zur farbigen Schrift und unlesbaren Schraffur wird, und all das, was mich stört und bedrängt, was mir unheimlich ist, zu dem Bild wird, das ich selbst bin. Vielleicht ändert sich dann auch die Art meiner Arbeit, vielleicht tritt an die Stelle des unaufhörlichen Abschreibens dann doch einmal etwas anderes, vielleicht habe ich dann etwas anderes verdient, vielleicht ist der Durst dann gestillt.

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