Schicksal im Trauerspiel


Das Trauerspiel schildert die gottverlassene Welt. Aber diese ist weit entfernt von einer, in der die Menschen sich verwirklichen. Sie versklavt sie im Gegenteil im Namen eines Schicksalsbegriffs, der in genau dem Maße gewaltsamer und totalitärer als der antike ist, in dem er allen Anthropomorphismus abgestreift hat. Das antike Schicksal ist ein Plan, sein Vollzug eine Handlung. Im Trauerspiel dagegen fällt das Schicksal der Idee nach mit Wirklichkeit selbst zusammen. Ihre Übermacht und Unberechenbarkeit tritt dem Menschen als eine Instanz gegenüber, mit der sich nicht verhandeln lässt. Die Kontingenz zerquetscht ihn wie ein Insekt. Der Anthropomorphismus der klassisch-antiken Schicksalsvorstellung macht sie den Menschen zugänglich, man kann mit ihr hadern, die Götter beschwören, die man für verantwortlich hält, und sich insgesamt in der zweideutigen Verbindung von Rebellion und Unterwerfung dazu verhalten, die für die klassische Zeit chakteristisch ist. Die Fortuna der langen nachklassischen Zeit ist davon die leere Hülle, ein Pseudoanthropomorphismus, dessen Sachgehalt mit dem, was einem ›zustößt‹, zusammenfällt. Im Trauerspiel schrumpft er nochmals zusammen.

Hinter all dem steht die Zeit als dämonischer Quellgrund der Realität. Die Obsession des Trauerspiels mit der Verzögerung des dramatischen Geschehens, durch die das Unheil seinen Lauf nimmt, hat hierin seinen Grund. Den Anfang und das Ende dieser Obsession bilden ›Hamlet‹ und ›Wallenstein‹. In diesen Dramen begegnet der Held, der den richtigen Moment vergeblich abwartet – im Falle Wallensteins sogar zu berechnen versucht –, der Zeit als letztem fassbaren Ursprung einer Wirklichkeit, der der Mensch ausgesetzt ist und die sich am Ende in einer explodierenden Serie kontingenter Ereignisse entlädt.

Freilich ist Shakespeares Stück darin noch konsequenter, weil es dem Publikum die – ironische? – Rektifizierung des Schicksals vorenthält, wie es im ›Wallenstein‹ dadurch der Fall ist, dass sein Horoskop zwar nicht auf Wallenstein, aber auf den am selben Tage geborenen Oktavio zutrifft. Es ist eine schöne Pointe, aber eine, die sich letztlich konzeptioneller Mutlosigkeit verdankt. Auch der ›Hamlet‹ versucht in einem letzten Krampf, Faktizität und Vorsehung miteinander zu versöhnen, aber der Rekurs auf die »special providence« (Hamlet V.2) verliert seinen Sinn, wenn diese mit allem, was bloß geschieht, zusammenfällt. Wenn sie keine sinnstrukturierende Instanz mehr ist, sondern bloß dem, was ist, die Weihe höherer Beglaubigung verleiht, kann man auf sie verzichten. Kürzt man die Tautologie heraus, bleibt die Wirklichkeit selbst als rätselvoll und unverfügbar übrig. The rest is silence.


 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s