Zwei Punkte zu Lutz Seilers „Kruso“

1

Der Titel von Lutz Seilers erstem Roman ruft Robinson Crusoe und die Tradition der Robinsonaden auf: eine literarische Gattung, die eine Gegenwelt entwirft, darin aber gleichzeitig beansprucht, die existierende Gesellschaft in ihrer Elementarform dazustellen. Defoes Roman entwickelt im Labor der einsamen Insel die ökonomischen und sozialen Grundprinzipien der beginnenden bürgerlichen Gesellschaft.

Wenn man einen Roman Kruso nennt, rastet dieses Schema ein, ob man will oder nicht. Und letztlich muss er sich daran messen lassen.

So ist Kruso – vielleicht ohne es zu wollen, ohne es aber jedenfalls vermeiden zu können –, ein Roman über die DDR als Ganze. Hiddensee, die verschwindend kleine Insel am äußersten Rande der sozialistischen Republik, die in absehbarer Zeit vom Meer verschlungen sein wird; dieser sandig-schlammige Ursprungsort zwischen Land und Wasser, Tod und Leben, auf dem Seiler eine Gemeinschaft wunderlicher Halb-Künstler und geprügelter Heiliger ansiedelt, die dort gestrandet sind und sich bis zum Zusammenbruch des Systems im namen einer mystischen Freiheitsidee zusammengefunden haben; dieser flüchtige Nicht-Ort (allenfalls Nicht-Nicht-Ort), von dem aus man, wenn man es sich intensiv genug einbildet, Dänemark sehen kann, – das alles ist also nicht bloß eine Exklave der Diktatur, die den Gescheiterten Asyl gewährt, sondern die Deutsche Demokratische Republik selbst.

Aber kann das wahr sein?

„Freiheit gedeiht auf dem Boden der Unfreiheit“ heißt es gegen Ende des Buchs. Von politischer Freiheit ist freilich nicht die Rede, sondern von Kunst. Aber welche Unfreiheit ist gemeint? Die der Lager, Folterkeller und Gefängnisse? Oder bloß die eines lästigen Überwachungsstaates, den man sich vom Leib halten konnte, wenn man sich nicht auffällig verhielt? Die Einsicht, dass jemand unter großem äußerem Druck lernt, die Wirklichkeit zu verleugnen und zur Kunst als Rettungsanker greift, ist ja ebensowenig falsch wie originell. Aber sie wird zum moralischen Problem, wenn man sie als Quintessenz einer politischen Gemeinschaft ausgibt.

Nichts anderes tut Kruso: sein lyrisches Worpswede ist der letzte Strahl, den die untergehende DDR über das Land sendet; so etwas wie ihr Vermächtnis im Moment des Verlöschens.

2

Lyrik stellt eine bestimmte Form literarischen Narzissmus dar: Man redet vor allem über sich (und natürlich auch dann, wenn man nicht ausdrücklich von sich redet). Von diesem Narzissmus ist der gesamte Roman infiziert. Keine einzige der Figuren hat Eigengewicht; sie erwachen nur dann zum Leben, wenn es ihnen mit großem sprachlichem Aufwand injiziert wird; danach fallen sie wieder zurück in ihr natürliches Koma.

Was dafür nicht zuletzt verantwortlich ist, ist ein permanenter Zwang zur Originalität. Nichts kann am Rand der Republik, wo die Elemente sich vermählen und die Wirklichkeit verschwimmt, normal sein, alles tritt mit dem Aplomb eines innerdeutschen Exotismus auf, der beim besten Willen nicht über 500 Seiten durchzuhalten ist. Eine lyrische Zirkusnummer reiht sich an die andere; und dabei stehen nicht die Figuren, sondern der Autor im Vordergrund. Man spürt ihn ständig; er zupft einen am Rockzipfel und macht darauf aufmerksam, dass und wie hier gute Literatur am laufenden Meter produziert wird.

Die ermüdende Nötigung, immerzu Bravo zu schreien, verhindert die autonome Entfaltung der Handlung, zu der wohl der Rhythmus von Spannung und Entspannung, Dehnung und Kontraktion in irgend einer Form dazugehört. „It is the tale, not he who tells it“, heißt es bei Stephen King. Ich kenne wenig Bücher, die dem ferner stehen als Kruso.

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