Unzugehörig

den schnellen karrieremachern
die nicht an die ewigkeit denken die
sich dem markt restlos verschrieben
haben und am abend irgendeines
wochentags mit ihrem freund oder
ihrer freundin gut essen gehen weil
an ein wochenende offline ohnehin
nicht zu denken ist Denen also
die fuer ihr alter stets gut aussehen
auch wenn ihre augen so einiges verraten
truebe im faltenbett Denen die man
im wald trifft den sie gefiedert
durchqueren auf der suche nach
der schoenheit die ihren preis hat
und die preise bestimmen Denen
die guten sex haben weil das zu
ihrem leben einfach dazugehoert
die nur von der einen angst getrieben
werden Nicht dazuzugehoeren

doch ebenso denen die
im familienbett liegen und sich
am wochenende endlich um
den garten kuemmern die dem sohn
dessen schulische leistungen uns
doch etwas sorgen machen
ES GEHT UNS NICHT UM SEINE NOTEN
SONDERN UM SEINE ZUKUNFT
tag fuer tag bei den hausaufgaben helfen
Denen die am abend so unendlich muede
von der verantwortung zerrieben
vom kleinkrieg aller gegen alle in
ihren pyjama kriechen und einfach nur
hoffen dass es dem partner genauso
geht und sie nicht in die eheliche
pflicht genommen werden
Denen die mutter stirbt waehrend
der bruder im suff versinkt und sie
das netz der VERDAMMT NOCH MAL
verantwortung immer dichter
und dichter knuepfen waehrend der tumor
in ihnen seinen grossen auftritt vorbereitet

denen die nichts tun weil sie das nicht
gelernt haben die ihre kinder in die welt
setzen wie junge hunde und irgendwie
klarkommen Denen die rauchend in der
kueche oder auf dem spielplatz sitzen und
sich aus heiterem himmel anbruellen FICK
DICH ARSCHLOCH ICH WILL NICHT
waehrend die kinder wegsehen und zahnlos
aufeinander aufpassen oder mit dem hund
spazierengehen Denen die am koerper altern
dicker und dicker oder duenner und duenner
werden weil die unterschicht
sich bekanntlich schlecht ernaehrt
oder saeuft Denen die verzweifelt gegen die zeit
laufen die immer gewinnt und nur
in den kurzen momenten in denen die
koerper sich aneinander fuegen in einem
kurzen japsen von sich erloest zu sein scheint

fuehle ich mich
zugehoerig

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2 Kommentare zu „Unzugehörig“

  1. Lieber Wolfram,

    wie schön! Oben, Mitte, unten – und eigentlich geht es allen nicht gut – und warum – ja, warum – es ist eben so … Und auf die eine oder andere Weise steckt das in unser aller Leben. Ich finde die Krux auch da: mangelnde Zugehörigkeit. Und Du wendest sie durch Deine empathische Beschreibung in eine Zugehörigkeit, zumindest einen Beginn davon. Ich glaube, sie würde wachsen, würden wir solche Erlebnisse und Erfahrungen in dieser und ähnlicher Weise miteinander teilen – in geschützten Räumen, die zugleich gesellschaftlich wären. Wusstest Du, dass Willi Maurers Buch „Der erste Augenblick des Lebens“ erst so hieß: ‚Zugehörigkeit‘? Der Verleger fand’s nicht zugkräftig – dabei scheint es mir eins der Schlüsselwörter für unsere Gegenwart und noch mehr für die Zukunft zu sein.

    Ganz herzlich Carl

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