Berlin wird 30 Jahre alt

was mich nach zehn jahren berlin und nach zwanzig jahren nichtberlin an berlin interessiert, sind die übergänge: wenn in der stadt die stadt zum land wird und das land zur stadt; wenn neben den geschmackvollen eigenbauten des alternativen mittelstands bärtige halbpaläolithische figuren sich um die feuer einer eiszeit geschart haben, die noch immer anhält, müde in die spree pissen und auf die komischen kulturhäuser des neuen jahrtausends blicken; wenn man immer wieder die stadt durchquert und immer wieder nichts geschieht und die arbeit der lebenden an ihrer biografie stillsteht für einen moment.

nach 30 jahren ist aus der grenze, die die stadt teilte, ein wirres fraktal geworden, eine mehrfach eingeschlagene fensterscheibe im moment des zerfalls. überall übergangszonen: kein zaun, kein kippschalter, keine linie, kein chaplineskes gummitwist zwischen hüben und drüben, sondern ein system verwahrloster geschenke der älteren natur, die die ehemaligen todesstreifen gedankenlos dem leben überschreibt.

jede stadt hat die wunden, die ich liebe. dort blühen – zwischen den steinen, auf den brachen und in den verwahrlosten höfen – brennessel, löwenzahn, johanniskraut. aus den fensterbögen aufgelassener fabriken bricht siegreich die birke, die giftige erde frisst. und an den ufern stinkender kanäle wächst das gras jahr um jahr über den wegrand. all das sind grüße, schwache zeichen der vergessenen toten: all derer, die keinen namen mehr haben, die aber vielleicht die fabriken bauten und die straßen pflasterten. der treibsand der geschichte hat sie verschluckt. merkwürdig: berlin, die coolste aller metropolen, ist zugleich ein zeichensystem derer, die die geschichte verloren haben.

die reichen amerikaner, die durch kreuzberg eilen, auf der suche nach der ultimativen party in der zone zwischen wasser und land, west und ost, leben und tod – sie sind mir nicht geheuer, aber ich glaube, dass sie mit großer sehnsucht auf den zusammenhang von natur und geschichte, verfall und erinnerung reagieren, der hier hervorgetreten ist, stärker als in anderen deutschen großstädten, und schon schwächer als in den ehemaligen sozialistischen metropolen, die an der schwelle zu dem spezifischen amalgam aus chic und dekadenz, 21. jahrhundert und vorgeschichte, der ausuferung des urbanen raums als aktionsfeld der naturgeschichte stehen, dank derer sie berlin irgendwann den rang ablaufen werden.

hat dieses konglomerat, dieses nebeneinander des unverträglichen in der provinz eine chance? ich bin skeptisch; zumindest handelt es sich nicht um etwas gewolltes. den oberen einer stadt geht es um ordnung, kontrolle, sauberkeit, um gegenwart ohne geschichte, um orte ohne natur, um einen keim- und störungsfreien raum. von unwahrscheinlichen glücksfällen abgesehen erwacht eine stadt nur dann zum leben, wenn sie außer kontrolle gerät und wenn die regierenden es akzeptieren. dann organisiert sie sich selbst und. da heißt: sie ARBEITET.

durch flüssige luft mit dem rad in die vorstädte. natürlich ist es sommer. wo hört die stadt auf, wo fängt sie an? manchmal unterbricht sie sich selbst, fällt sich ins wort: bauernhöfe an der s-bahn; schmale flussläufe, die sich gedankenverloren durch verwahrloste waldstücke schlängeln, die den anwohnern als wilde mülldeponie dienen; felder, auf denen das brot für die stadtbewohner zu wachsen scheint (was ich nicht glauben kann). dann die tieferen schatten der vororte: neubauten und junge familien, das zweite auto im carport, vielleicht doch ein alter stadtkern, edeka im ehemals veb – der einzige arbeitgeber – und die stille, die nur den schwalben gehört. kinder spielen nur selten auf der straße, aber man sieht sie hin und wieder, sogar ohne eltern.

es gibt faule züge und fleißige züge. die faulen fahren ganz weiß und leise von münchen nach berlin. vielleicht sogar wieder zurück. es ist kühl in ihnen, sie stehen und die landschaft fährt vorbei wie in den filmen, die ihre passagiere auf den rechnern haben. die fleißigen züge verkehren ungezählte male von morgens um vier bis nachts um eins zwischen strausberg und spandau, potsdam und oranienburg. sie sind es, die die strecke besser als jeder andre kennen: ihre augen übermalt von den durch sie durchfliehenden geleisen; die stadt nur ein schatten, ein zucken im augenwinkel, europa ein nervöser witz, irgendwo auf der strecke erzählt zwischen baikal- und eriesee, von kontinent zu kontinent. wir haben die pointe verpasst und ihr lachen können wir nicht hören. berlins gott ist die zeit, es ist schwach, rapide, un-ewig in jeder nur denkbaren hinsicht. nach dreißig jahren überholt es manchmal sogar die geschichte.

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Ein Gedanke zu „Berlin wird 30 Jahre alt“

  1. Berlin eine riesige atmende Leinwand. Was endlos scheint ist vielleicht nur in sich geschlossenes Panorama. Ein Panorama ohne Griesgram und Hund? – ein schönes Panorama.

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