Über Schicksal

Das Problem des Schicksals beschäftigt mich seit langer Zeit. Wie konnte etwas, das so unwahrscheinlich ist, eine so beeindruckende kulturelle Konstanz entfalten? Worin besteht die Attraktivität einer Denkfigur, die den Menschen die Autonomie des Handelns und Entscheidens abspricht? Und warum erfreut sich sich, diffundiert in Okkultismus und Esoterik, einer unverminderten Beliebtheit – wo wir doch längst, wie es scheint, die Herren unseres Schicksals geworden sind?

In dem Buch »Kritik der Tragödie« habe ich versucht zu zeigen, dass die poetische Gattung, die man vor allen anderen mit dem Schicksal und seinen Vollzügen zu identifizieren tendiert, sich bei genauerem Hinsehen gegen diese Identifikation sperrt. Die Tragödie – dahin zielte die These dieses Versuchs – ist darstellende Kritik des Schicksals: Kritik als Darstellung, Darstellung als Kritik – eine Kritik also, die nicht abstrakt über dem Kritisierten schwebt, sondern sich deutend und analysierend so sehr in es vertieft, dass seine inneren Widersprüche herausgetrieben werden. Ihre Identifikation mit dem Prozess eines Schicksals, das sich über die Köpfe der Menschen hinweg vollzieht, verdankt sich der Implikation des römischen und christlichen Vorsehungsbegriffs in Gebilde, die den Menschen in Bezug auf das, was ihr Leben bestimmt, deutlich mehr zutrauen.

Michael Theunissen unterscheidet zwischen einem Schicksal »von oben« und einem »von unten« (Theunissen 2006, 16), einem Schicksal also, das sich als blinder Automatismus durch die Menschen hindurch vollzieht; und einem, das aus ihrem Handeln erst hervorgeht. Die Geschichte der Tragödientheorie ist die Geschichte der Überformung des Schicksals von unten durch das Schicksal von oben. Mit anderen Worten: der Überformung der Dialektik von Freiheit und Zwang durch den Zwang einer Vorsehung, die nicht nach dem Menschen fragt. Die folgenden Texte verstehen sich als Versuch, diese Überformung zu relativieren. Wie schon die hier veröffentlichen Texte über Schicksal im Trauerspiel und über Corneilles »Ödipus« sind es Paralipomena zur »Kritik der Tragödie«. Ein gewisser Akzent liegt dabei auf der frühen Neuzeit, in der der Begriff des Schicksals noch einmal entscheidend umbesetzt wird. Für die Theorie der Tragödie ist das aber weitgehend folgenlos geblieben.

Zitierte Literatur:
Michael Theunissen, Schicksal in Antike und Moderne, München 2006.

 

Der Blick auf die Sterne

Die Astrologie ist aus der Mode gekommen. Zwar gibt es noch immer Gelehrte und Quacksalber, die aus Tag und Stunde der Geburt eine Charakteristik ihres Klienten erstellen – um von den Kurzvorhersagen auf der vorletzten Seite der Regenbogenzeitungen zu schweigen. Aber die Kulturtechnik, die Jahrtausende lang den Menschen das Gefühl gabe, dass ihr Leben in einer höheren Ordnung aufgehoben sei und dass all das, was ihnen selbst schmerzhaft und widersinnig vorkommen mochte, von höherer Warte sich als vorgesehen enthüllen würde, ist offensichtlich im Verfall begriffen. Entweder hat das den Grund, dass das Bedürfnis, auf das die Astrologie Antwort gab, geschwunden ist, oder, dass es jetzt adere Wege gehen kann. Entweder gibt es in unserem Leben viel weniger Kontingenz, so dass wir auf die Verheißung ihrer Verminderung weniger angewiesen sind; oder es verhält sich eben so, dass die astrologische Verheißung von zeitgemäßeren Konkurrenten aus dem Feld geschlagen worden wäre – das Bedürfnis nach Ordnung, bzw. die ihm zugrunde liegende Not sind sind nicht geringer geworden, bloß der Markt, auf dem es sich befriedigen lässt, hat sich erweitert und modernisiert.

Aber wie dem auch sein möge – die Frage ist doch, was der Astrologie für so lange Zeit ihre Bedeutung sichern konnte – auch während der unbefragten Herrschaft des Christentums, die zur Astrologie ein schwieriges Verhältnis unterhielt – weil sie letztlich die höchstgöttliche Willkür in Zweifel zog und ein Schicksal statuierte, das sich in der ein oder anderen Form durch Menschenwitz berechnen ließ. Die Astrologie ist – wie die Mantik und wie das antike Orakelwesen – eine Technik der Naturbeherrschung; dagegen sperrte sich ein Glaube, der alle menschlichen Geschicke in die Hände eines Gottes legte, der über allem Schicksal steht. An der Praxis der Horoskope hat das freilich wenig geändert.

Aber warum die Sterne? Dass von ihnen her das Leben beeinflusst werde, ist auf den ersten Blick gar nicht einleuchtend. Dazu sind sie zu fern; die Wirkung liegt jenseits aller Wahrnehmungsmöglichkeiten. Worin besteht die spezifische Faszination der Sterne, die die Menschen dazu brachte, auf die extrem unwahrscheinliche Annahme einer Kausalbeziehung zwischen Sternenstand und Daseinskontingenz zu kommen?

Der Blick auf die Sterne ist beruhigend. Blickt man nur kurz auf sie, so stehen sie still. Das Getriebe der Welt erscheint angesichts dieser starren Weite bedeutungslos. Fern und unrührbar leuchten sie in einem Licht, das nur ihnen gehört. Die schwachen Signale, die wir von ihnen empfangen, helfen uns, uns von uns selbst zu distanzieren. Alles ist nicht so wichtig. – Betrachtet man sie dagegen über einen längeren Zeitraum, bewegen sie sich. Aber, wie man schnell feststellt, sie ändern ihre relative Position zueinander nicht. Und im Verlauf eines Tages kehren sie zur selben Himmelsstelle zurück. Noch ausgedehntere Beobachtungen zeigen, dass dies zwar nicht genau stimmt, dass aber jede Abweichung von einem größeren Zyklus, einer größeren Ordnung aufgefangen wird. Der Kosmos, das sind Kreise in Kreisen, Kreise aus Kreisen; ineinander verschränkt sind die jeweils unvollständigen Zyklen von Tag, Jahr und ›Großem Jahr‹; in neuerer Zeit sind noch die Rotation des Sonnensystems um das Zentrum der Milchstraße und die der Galaxien um einen gemeinsamen Punkt im All dazugekommen. Der Kosmos bietet nicht bloß den Anblick von Ordnung, sonderneine austarierte Vermittlung von Ordnung und Unordnung durch dynamisierte Komplexität. Auf den ersten Blick sieht der Himmel chaotisch aus. Auf den zweiten und dritten rechtfertigt sich das Chaos durch seine periodische Beständigkeit.

Das qualifiziert den Himmel zum Sehnsuchtsort der Existenz. Er lockt durch Ferne, zeitlich wie räumlich, als Inbegriff existenzieller Selbsttranszendenz. Durch sie sollen die großen und kleinen Querelen des Menschenwesens in Dimensionen jenseits der Erfahrung sich projizieren lassen, die sie ertragbar machen. Es ist eines, dass über den Verlauf eines menschlichen Lebens andernorts beschlossen wurde, so dass man sich nur mit dem Unglück und nicht auch noch mit der Verantwortung herumzuschlagen hat. Ein anderes ist, dass das Leid auf anonyme Instanzen zurückgeführt wird, die man nicht verklagen kann und die es in einen Zusammenhang mit dem schönen Ganzen der Natur bringen. Es wird desinfiziert und mit seiner Annahme ist man ein anerkannter Teil des Ganzen.

Anmerkung: Das sogenannte große oder Platonische Jahr bezeichnet den Präzessionszyklus. Die Erde bewegt sich wie ein Kreisel, der langsam um die Idealachse seiner Rotationsbewegung herumschwingt. ›Langsam‹ heißt in diesem Fall: knapp 26.000 Jahre.

 

Fatum und Fortuna

Auf den ersten Blick scheint es leicht zu sein, die beiden Begriffe auseinanderzuhalten. Das römische Empfinden unterschied sie als Vorsehung und Zufall. Reinlich könnte das aber nur in der theoretischen Abstraktion bestehen. Für die lebendige Existenz ist die Unterscheidung ohne Bedeutung. Sie nämlich muss sich gegen den Anfall der Kontingenz behaupten; und da kommt alles darauf an, alles Unvorhergesehene so weit als möglich in eine höhere Ordnung zu überführen, die Idee der speziellen Providenz also so weit auszudehnen, dass zuguterletzt jedes noch so widersinnige Lebenswiderfahrnis in ihr und durch sie aufgehoben werden kann. Fortuna selbst, die seit dem späten Mittelalter mit einem gewissen Alleinvertretungsanspruch für das Schicksal auftrat, ist im Grunde ein Notbehelf, der sich der Schwächung des christlichen Vorsehungsgedankens verdankt. Den Zufall selbst zur Göttin zu machen, launisch und unrührbar, formuliert bloß ein abstraktes Ausgleichsprinzip. Theologisch ist es unergiebig, solange sich mit der Idee Gottes die Vorstellung eines vernünftigen, und das heißt: planenden Wesens verbindet. So ist die Fortuna nie mehr gewesen als der starr lächelnde Inbegriff dessen, was ist, die generelle Bestätigung der sinnentleerten Welt von ganz oben und als ganze.

Letztlich muss aber das Verhältnis von Fatum und Fortuna auch für die theologische Spekulation instabil bleiben. Die Lücken im Lauf der Vorsehung, als welche Fortuna immer wieder endete worden ist, stellen die göttliche Allmacht in Frage. Sie muss letztlich auf den Zufall ubergreifen; dieser muss in einen Schein sich überführen lassen, der dicht genug ist, um die Menschen das ihm entspringende Glück oder Unglück rückhaltlos empfinden zu lassen. Vor dem Auge Gottes aber löst er sich auf ohne Rest. Vergil, der in der »Æneis« nicht wenige christliche Dogmen vorbereitet hat, hat dafür die ingeniöse Lösung gefunden, dass die mit den Machinationen Junos in Zusammenhang gebrachte Fortuna das Fatum, also die dem Æneas prophezeite Neugründung Trojas ins Italien nur verzögern, aber nicht aufhalten kann. Juno baut Dämme und schafft Umleitungen; – und sie treibt den body count, der zur Erreichung des Zieles notwendig ist, in die Höhe. Daraus entsteht letztlich die wirkliche Welt, Geschichte als Aufschub des vorherbestimmten Zieles.

Dergleichen erschließt sich freilich nur der heilsgeschichtlichen Großperspektive. Für die einzelnen in ihrem Lebenshorizont befangene Existenz ist sie fast nutzlos. Hier rastet eher das Schema ein, dass der Zufall sich im Nachhinein als Mittel zu höheren Zwecken herausstellen könnte. ›Wer weiß, wozu es gut war‹. Damit tröstet man sich und nicht zu Unrecht. Denn das lebendige System vermag sich anzupassen und neue, dem unvorhergesehehen Stand der Dinge entsprechende Zwecke auszubilden. Darin ist es klüger als seine theoretische Selbstwahrnehmung. Praktisch prozessiert es autopoietisch, passt also seine Zeithorizonte dem an, was ist. Diesen Vorgang kann es in der Vorstellung, die es von sich selbst entwickelt, nicht einlösen. Es ist sich in gewisser Weise hinterher, indem es seine Systemlogik in ein teleologisches Narrativ verwandelt. Damit wird die Stelle der Kontingenzverarbeitung aus dem prozessierenden System heraus in eine Vor- oder Überwelt verschoben.

In Wahrheit kann weder von Fatum noch von Fortuna im Ernst die Rede sein. Sie polarisieren vielmehr die Logik des prozessierenden Systems in zwei Extreme, die sie verschleiern. Offenbar ist die Welt, die sich zu jederzeit wechselnden Anteilen aus geplanten und zufälligen Faktoren zusammensetzt, nicht zu ertragen. Es ist aber unsere Welt, in der wir schlicht nicht wissen, über was und wieviel wir verfügen und in der sich die systemlogische Einhegung der Kontingenz weitgehend unvermerkt vollzieht. Fatum und Fortuna sind – vielleicht lebensnotwendige – Denkerleichterungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s