Miszelle zur deutschen Universität

„In Deutschland bildete sich die aufstrebende, mittelständische Intelligenzschicht des 18. Jahrhunderts, geschult an den fachwissenschaftlich spezialisierten Universitäten, in Künsten und Wissenschaften ihren eigenen Ausdruck, ihre spezifische Kultur heran. (…) Die deutsche, mittelständische Intelligenz, politisch völlig ohnmächtig, aber radikal im Geistigen, bildete die Prägestätte einer eigenen, rein bürgerlichen Tradition, die von der höfisch-aristokratischen Tradition und ihren Modellen weitgehend verschieden war“.

Norbert Elias, Der Prozeß der Zivilisation, Band 1, 45, 62.

Elias arbeitet heraus, dass sich das Erwachen des deutschen Bürgertums zum Selbstbewusstsein wesentlich über die Universität vollzogen hat. Das heißt auch: abgeschnitten von politischer Einflussnahme. In den romanischen Ländern, ebenso in England wurden die Grenzen zwischen der niedergehenden, wenngleich immer noch symbolisch wichtigen Aristokratie und dem mächtiger werdenden Bürgertum mit der Zeit durchlässig. In dem Maße, in dem die bürgerlichen Schichten gesellschaftlichen Einfluss gewannen, eigneten sie sich höfisches Benehmen an – inklusive all der Abgrenzungsrituale gegen die nachdrängenden, meist kleinbürgerlichen Aufsteiger. Vereinfacht gesagt, wurde das Großbürgertum, das an den wirtschaftlichen Schaltstellen saß, zur neuen Aristokratie, in der sich Macht und symbolisches Kapital vereinigten.

Dieser Prozess hat in Deutschland so nicht stattgefunden. Es gab die Fürstentümer, aber es gab im Grunde keine Höfe; es gab kein absolutistisches Zentrum mit einer dieses Zentrum umgebenden Aristokratie, die die symbolischen Standards setzte. Das aufsteigende Bürgertum operierte in Deutschland politisch und symbolisch im leeren Raum. Daher die Konzentration auf die Universität, auf die rein geistige Unabhängigkeit.

An dieser Stelle setzt aber nun ein Prozess an, der von Elias so nicht thematisiert wird: Die deutsche Universität selbst nämlich – und, soweit ich es beurteilen kann, NUR sie – wandelt sich, anstatt den Ort eines bürgerlichen und damit doch auch irgendwie demokratischen Selbstbewusstseins zu bilden, in einen Hof zweiten Grades, in ein pseudoaristokratisches System aus zweiter Hand. Hier werden nun die kulturellen Standards der gesellschaftlichen Elite gesetzt. Es findet also eine ganz und gar unwirkliche und phantasmatische Rearistokratisierung der Universität statt – eine symbolische Investitur, die in keiner Weise von der Arbeitsrealität an dieser Institution noch gedeckt wäre. Deswegen nehmen die aufstrebenden Akademiker die sagenhaften Demütigungsrituale hin, die für die deutsche Universität typisch geworden sind; deswegen hofieren sie einem System, das sowohl, was die Nachwuchsförderung als auch, was den Umgang mit seinen Mitarbeitern angeht, mittlerweile die meisten Unternehmen pragmatisch und moralisch unterbietet; deswegen nehmen sie Verträge hin, die andernorts nicht akzeptabel wären – auch nicht an den Universitäten anderer Länder. In keinem anderen Land ist eine Universitätskarriere so wenig berechenbar wie in Deutschland; nirgendwo ist der Abstand zwischen dem Nimbus, der sie umgibt und der Arbeitswirklichkeit, die sie anbietet, so groß; nirgends, so scheint es, ist das System libidinös derart aufgeladen und produziert so viel irrationale Bindungen. Eine Professur, ja selbst eine Mitarbeiterstelle ist nicht einfach ein Job; es ist die Insignie eines gesellschaftlichen Aufstiegs, der sich nicht am Geld und nicht einmal an der bürgerlichen Sicherheit misst. Die deutsche Universität ist der Ort einer symbolischen Aristokratie.

Dass die Praktiken dieser Aristokratie durchaus mafios sind, verschlägt dabei nichts. Das Clanwesen, unbedingte Unterordnung als Bedingung für den Aufstieg, triuwe und Loyalität sind die archaischen Organisationsformen, die sich innerhalb der ökonomischen Rationalität der bürgerlichen Gesellschaft behaupten. Und in dem Maße, in dem diese Rationalität selber fadenscheinig wird, treten auch jene älteren Formen gesellschaftlicher Vermittlung unverstellt hervor. Ein Artikel von Alexandre Afonso vergleicht das System der Universität mit einem Drogenkartell, in dem die Abhängigen, wenn sie sich bewähren, über den Straßenverkauf allmählich aufsteigen – von den schäbigen Ecken, die ihnen zugewiesen werdem, über Häuserblöcke und Straßenzüge dorthin, wo es das richtig große Geld gibt und die Abhängigkeit endet. [1] Selbstkritik ist in diesem System praktisch ausgeschlossen; wer den quasi naturwüchsigen Gang der Dinge anzweifelt, fliegt raus.

Ich will damit nicht sagen, dass sich diese Phänomene auf Deutschland beschränken. Sie scheinen mir hier nur besonders drastisch ausgeprägt zu sein. In der deutschen Universität hat sich ein bürgerlicher Typus entwickelt, dessen Verhältnis zur Aristokratie, unabgestützt durch einen realhistorischen Konfliktprozess, vor allem projektiver Natur ist. Die Feindseligkeit der deutschen Intelligenz gegen alles ‚Höfische‘; der intellektuelle Fundamentalismus, der sich vor politischer Pragmatik scheut; die Tendenz, die akademische Welt zu einer Lebensform sui generis zu verklären – es ist die Kehrseite einer Sehnsucht, dazuzugehören. Und von hier aus wiederum ist es kein weiter Weg bis zur allmählichen Umwidmung der bürgerlichen und der Idee nach demokratisch verfassten scientific community zu einer höfischen Gesellschaft neuen Typs, in dem überdies das alte Clanwesen Auferstehung feiert und die vorgebliche Selbstgenügsamkeit des Geistes in rücksichtslose Pragmatik umspringt. [2]

Anmerkungen:

[1] Vgl. http://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2013/12/11/how-academia-resembles-a-drug-gang/ – Außerdem: https://academicirregularities.wordpress.com/2016/05/01/are-we-seeing-the-rise-of-the-trump-academic/ – Diese Hinweise verdanke ich Alexander Friedrich. Beide Artikel betonen die Unterschiede zwischen dem deutschen und beispielsweise dem amerikanischen Universitätssystem nicht so stark wie ich, auch wenn der zuerst genannte von der „hourglass structure“ spricht, durch die sich der „academic market“ in Deutschland von dem anderer Länder unterscheide. Sie ist nach meiner Überzeugung aber nur der Niederschlag von historischen Mechanismen, die sich nicht über den Markt begründen lassen.

[2] Heiner Müller hat diesen Positionswechsel der deutschen Intelligenz immer wieder beleuchtet – meist in der Figur Hamlets. „Deutschland ist Hamlet“ hatte Ferdinand Freiligrath 1844 geschrieben. „Sein bestes Tun ist eben Denken“. Aber im Intellektuellen, der kein Blut sehen kann, steckt einer, der es saufen will; Hamlet, der nicht weiß, wer er ist, aber nicht sein Vater sein will, kriecht am Ende in den väterlichen Panzer, läuft über zur Macht, die er verabscheute und doch insgeheim ersehnte. (Vgl. Heiner Müller, Brief an den Regisseur, in: Werke 8, Frankfurt am Main 2005, 263; Die Hamletmaschine, in: Müller Material. Texte und Kommentare, Leipzig 1989, 48.)

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s