Die drei Brüder

»Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und weiter nichts im Vermögen als das Haus, worin er wohnte.«

Der Ausgangspunkt ist, wie in so vielen Märchen, eine (auf die männlichen Bewohner zusammengeschrumpfte) kleinbäuerliche Wirtschaft, die zu klein geworden ist, um die in ihr Lebenden noch zu ernähren. Tatsächlich handelt es sich um ein Haus ohne Land, es steht dort merkwürdig isoliert in einer leeren, weißgrauen Landschaft, eine neutralisierte Zone ohne Vergangenheit und Zukunft. Obwohl die Gründe, die dazu geführt haben, dass diesem Hof die Grundlage all seines Wirtschaftens entzogen wurden, im Märchen nicht genannt werden, darf man annehmen, dass es sich nicht um eine ›freundliche Übernahme‹ gehandelt haben wird. Vielleicht stehen massenhafte, vom Staat gesteuerte Enteignungsvorgänge dahinter, wie Marx sie für das England der frühen Neuzeit beschreibt; vielleicht haben die Verheerungen des dreißigjährigen Krieges zu demselben Ergebnis geführt. Das Märchen erwähnt mit keiner Silbe, dass der Mann sein »Vermögen« – doch wohl das umliegende Land, das zum Haus gehört – einmal nicht besessen habe; gleichwohl kann man es sich auf keine andere Weise vorstellen.

Das Haus also, das nicht mehr Bestandteil einer Ökonomie bildet und nichts weiter als den Gegenwert des für ihn zu zahlenden Geldes darstellt, wird – weil es gleichzeitig unverkäuflich, mithin unteilbar ist – zum Gegenstand der um das Erbe konkurrierenden Brüder. »Da fiel ihm endlich ein Rat ein, und er sprach zu seinen Söhnen ›geht in die Welt und versucht euch, und lerne jeder sein Handwerk, wenn ihr dann wiederkommt, wer das beste Meisterstück macht, der soll das Haus haben.‹«

Der Einfall des Vaters ist angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage, in der sich seine Familie befindet, schlüssig: er läuft ja darauf hinaus, dass derjenige mit den besten finanziellen Aussichten das Haus erben wird – nicht so sehr, um ihn noch zusätzlich zu beschenken, sondern eher, weil die Chancen, das Haus wenigstens zu halten, auf diese Weise am größten sind. Wie fernes Donnergrollen wirkt die offenbar dauerhaft unsichere ökonomische Lage in den Geschichte hinein; der Vater, der offenbar schon viel verloren hat, möchte das wenige, das ihm noch geblieben ist, retten. Deswegen – und nicht aus subjektiver Bevorzugung – soll das Haus dem der drei Söhne übertragen werden, der ihm nach seiner Lehrzeit »das beste Meisterstück« liefert.

Dabei drängt sich sofort eine Frage auf. Die zwei älteren Söhne erlernen das Handwerk des Barbiers und des Schmieds; der dritte widmet sich dem »Fechthandwerk.« Barbier und Schmied – das sind ohne Zweifel alte und zünftige Handwerksberufe. Aber wie verhält es sich mit dem Fechten? Kann man hier von einem Handwerk reden? Es wird ja nichts hergestellt; es wird hier kein Werk produziert, sondern eine Kunstfertigkeit (die im Resultat bloß dazu führen kann, dass man einen Menschen tötet).

Sozial weist vor allem das Fechten hinaus aus der Welt der kleinen Bauern und Handwerker, in der das Märchen angesiedelt ist. Es gehört als eine eher dem Sport als einer Arbeit nahestehende Tätigkeit in die Welt des Hofes und der Aristokratie. So ist es also erst einmal gar nicht verwunderlich, dass der dritte Sohn, der zu fechten gelernt hat, im Wettkampf um das beste Meisterstück den Sieg davonträgt.

Auf den zweiten Blick jedoch klingt es weit weniger selbstverständlich. Denn der gesellschaftliche Aufstieg wird vor allem von den zwei älteren Brüdern berichtet: »Der Schmied mußte des Königs Pferde beschlagen und dachte ›nun kann dirs nicht fehlen, du kriegst das Haus.‹ Der Barbier rasierte lauter vornehme Herren und meinte auch, das Haus wäre schon sein.« Von einer derartigen Karriere ist im Fall des dritten Sohnes nicht die Rede. Er muss sich durchbeißen: »Der Fechtmeister kriegte manchen Hieb, biß aber die Zähne zusammen und ließ sichs nicht verdrießen, denn er dachte bei sich ›fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst du das Haus nimmermehr.‹« Und im Unterschied zu seinen Brüdern ist er sich nicht sicher, ob er das Haus bekommt; vielmehr steht er seine Lehrzeit in dem Bewusstsein durch, dass er es sich verdienen muss. Obgleich das Fechten einer Kunst weit ähnlicher sieht als einem Handwerk, und obwohl es in erster Linie Vorstellungen aristokratischen Müßiggangs erregt, gleicht es in unserem Märchen weit mehr einer Arbeit, bei der man sich quälen und schinden muss. Wie lässt sich dieser soziale Chiasmus verstehen?

Der Wettkampf der drei arbeitenden Brüder kennt im Grunde nur einen einzigen Parameter: Geschwindigkeit. Auch wenn sie, wie es heißt, alle ein Handwerk gelernt haben –: Sie bewerben sich beim Vater nicht mit etwas. Sie stellen vielmehr ihre Fertigkeiten in Situationen unter Beweis, in denen kein Werk, kein erkennbarer Gebrauchswert produziert wird. 

Zunächst ergibt sich für den Barbier die Gelegenheit: »Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld dahergelaufen. ›Ei,‹ sagte der Barbier, ›der kommt wie gerufen,‹ nahm Becken und Seife, schäumte so lange, bis der Hase in die Nähe kam, dann seifte er ihn in vollem Laufe ein, und rasierte ihm auch in vollem Laufe ein Stutzbärtchen, und dabei schnitt er ihn nicht und tat ihm an keinem Haare weh.« Sein Vater ist voller Bewunderung und kurz davor, ihm das Haus vorab zu versprechen. Aber wem nützt ein im vollen Lauf rasierter Hase?
Dann bekommt der Schmied seine Chance: »Es währte nicht lang, so kam ein Herr in einem Wagen dahergerannt in vollem Jagen ›Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann,‹ sprach der Hufschmied, sprang dem Wagen nach, riß dem Pferd, das in einem fortjagte, die vier Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an.« Und auch hier fragt sich: Wozu ist ein beschlagenes Pferd gut, das hinter dem Horizont verschwindet?

Offenbar geht es hier nicht um Gebrauchswerte, nicht um Waren und Werke, die nach ihrer Fertigstellung veräußert werden können. Zur Schau gestellt wird vielmehr allein das Tempo, in dem man einerbestimmten, ihrem Inhalt nach aber fast schon gleichgültig gewordenen Tätigkeit nachzugehen imstande ist. Es wird gezeigt: Geschwindigkeit ist keine Hexerei, man kann sie lernen und auf diesem Wege zu sagenhaften Resultaten gelangen.

Und schließlich ergibt sich auch für den Fechter eine Gelegenheit, sein Können zu beweisen. »Da sprach der dritte ›Vater, laßt mich auch einmal gewähren,‹ und weil es anfing zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über seinen Kopf, daß kein Tropfen auf ihn fiel: und als der Regen stärker ward, und endlich so stark, als ob man mit Mulden vom Himmel gösse, schwang er den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säß er unter Dach und Fach.« Er, das ist klar, muss den Wettkampf gewinnen, und zwar aus einem doppelten Grund. Zum einen, weil er wirklich der Schnellste ist; zum anderen aber, weil seine Tätigkeit von vornherein nicht auf ein Werk ausgerichtet ist, sondern in sich selbst reiner Prozess ist. In diesem Prozess wird nichts ›gemacht‹, es wird nichts produziert, sondern es wird bloß reagiert. Das Fechten ist der Inbegriff eines rein reflektorischen Handelns, seine Qualität bemisst sich an der Qualität eines Endergebnisses, sondern allein daran, wie schnell und präzise man zu reagieren imstande ist. Zugleich ist diese reflektorische Qualität nun auch der Maßstab, an dem die traditionellen Handwerksberufe gemessen werden – und dabei unterliegen.

Das ist der historische Umbruch, den das Märchen wiedergibt. Die bäuerliche Arbeit, die im Zusammenspiel mit der Natur Früchte tragen soll, ist passé. Aber auch die werkhafte Arbeit, die auf einer weiter fortgeschrittenen Stufe der Arbeitsteilung produziert, ist den ökonomischen Anforderungen der Gegenwart nicht mehr adäquat. Das Arbeitsmodell, dem die Zukunft gehört, wird vom Fechter verkörpert, man könnte sagen: der reinen, idealisierten Arbeitskraft als solcher. Die aristokratische Fasson seines Tuns ist bloß Oberfläche; das Fechten ist vielmehr Bild für ein grundlegend neues Verständnis von Prozessualität [1], die sich von jedem greifbaren Ergebnis losgelöst hat: Effizienz als solche, eine maximale Zahl von Verrichtungen pro Zeiteinheit. 

Ist es abwegig, dass darin die Grundform der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft sich ankündigt?

Natürlich hat es den Industriekapitalismus in der Zeit, aus der das Märchen stammt, noch nicht gegeben. Nicht einmal in der Zeit, zu er es erzählt und von den Grimms aufgeschrieben wurde, kann davon im Ernst die Rede sein. Auch wenn wir das Fechten als Bild der neuen Arbeitsform auf sein Telos der tayloristisch organisierten Fließbandarbeit hin interpretieren können – es handelt sich dabei zweifellos um einen Anachronismus. Gleichwohl sind die Anzeichen dafür schon sehr viel früher zu erkennen, nämlich im Manufakturwesen des 17. und 18. Jahrhunderts. Marx berichtet im Kapitel über den ›relativen Mehrwert‹ – also den Techniken der Produktivitätssteigerung innerhalb einer vorgegebenen Arbeitszeit – davon, welche Veränderungen in der englischen Uhrenindustrie ausprobiert und durchgesetzt wurden: immer kleinschrittiger angelegte Arbeitsabläufe; Verkürzung der Wege und Transportzeiten; Entwicklung von Spezialwerkzeugen, die die einzelnen Arbeitsschritte beschleunigen – all dies lange, bevor die Manufaktur durch den Einsatz einer zentralen Maschinerie zur Fabrik wurde, also lange vor der Erfindung der Dampfmaschine. [2] Das Verlegerwesen in Deutschland arbeitete in eine ähnliche Richtung, indem es die textilen Heimarbeiterinnen unter zeitlichen Druck setzte, um ihre Produktivität in die Höhe zu treiben.

Das heißt: auch wenn die Techniken der Produktion noch für eine Weile mehr oder weniger die alten blieben: Der Faktor Zeit begann in der Arbeitswirklichkeit eine neue und bedrängende Rolle zu spielen. [3] Es entstand ein Beschleunigungsdruck, dem die Einzelnen sich nicht entziehen konnten.

Was geschieht in unserem Märchen? Die drei Brüder sind am Ende fortschrittlicher als der Vater. Nachdem dieser dem jüngsten Sohn den Sieg zugesprochen hat, heißt es: »Die beiden andern Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt hatten, und weil sie sich einander so lieb hatten, blieben sie alle drei zusammen im Haus und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld.« Sie verzichten auf eine an die Person gebundene Erbfolge, schließen sich zu einer einzigen Person zusammen und verkaufen ihre Arbeitskraft. Es ist gar nicht die Frage, ob und wieweit ihre Tätigkeiten zusammenpassen; das, was ihnen gemeinsam ist, und worin sie es zu so hoher Meisterschaft gebracht haben, sichert ihnen den Erfolg.

Gleichzeitig äußert sich darin auch ein Moment des Widerstands. Denn ob er es nun will oder nicht: Objektiv macht der Vater seine drei Söhne zu Konkurrenten. Er lässt sie im Akkord arbeiten, und entgegen den Regeln der natürlichen Erbfolge darf nur derjenige sein Vermögen erben, der am meisten leistet. Damit finden sie sich aber nicht ab. Offenbar liegt gerade in der Entfremdung, gerade in der von Marx so scharf kritisierten Trennung der Tätigkeit vom Produkt, gerade also in der Abstraktion, die alle Arbeiten miteinander vergleichbar, also im Prinzip gleich macht, auch die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der zünftig voneinander getrennten Gewerke. Das, was alle Arbeiten aneinander angleicht – die Reduzierung auf Zeit und Effizienz –, macht auch die Träger der Arbeitskraft zu Gleichen, die sich miteinander solidarisieren können. Es konnte kein Proletariat geben ohne diese brutale Vereinheitlichung.

In unserem Märchen reicht dieser Solidarzusammenhang zwischen den Brüdern über das Grab hinaus: »als der eine krank ward und starb, grämten sich die zwei andern so sehr darüber, daß sie auch krank wurden und bald starben. Da wurden sie, weil sie so geschickt gewesen waren und sich so lieb gehabt hatten, alle drei zusammen in ein Grab gelegt.« Im Zeichen der abstrakten Arbeiten sind sie zu einem Körper geworden, einem einzigen proletarischen Organismus, der seit langem unsichtbar geworden ist – im Grab liegt –, aber vielleicht doch in der Lage ist, uns ein Zeichen zu geben, uns an ihn zu erinnern.


Anmerkungen

1. – wie übrigens auch am Ende des »Hamlet«, wo der Fechtkampf als Zentralmetapher eines Schicksals erscheint, das sich von allen Vorstellungen einer lenkenden Hand der Vorsehung gelöst hat und zum rasenden Systemprozess einer in alle Richtungen explodierenden Kontingenz geworden ist.

2. Karl Marx / Friedrich Engels, Das Kapital, Band 1 (MEW 23), Berlin (Ost) 1968, 362 f.

3. Ebd., 358: »Die Ursprungsweise der Manufaktur, ihre Herausbildung aus dem Handwerk ist also zwieschlächtig. Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbständiger Handwerke aus, die bis zu dem Punkt verunselbständigt und vereinseitigt werden, wo sie nur noch einander ergänzende Teiloperationen im Produktionsprozeß einer und derselben Ware bilden. Andrerseits geht sie von der Kooperation gleichartiger Handwerker aus, zersetzt dasselbe individuelle Handwerk in seine verschiednen besondren Operationen und isoliert und verselbständigt diese bis zu dem Punkt, wo jede derselben zur ausschließlichen Funktion eines besondren Arbeiters wird. Einerseits führt daher die Manufaktur Teilung der Arbeit in einen Produktionsprozeß ein oder entwickelt sie weiter, andrerseits kombiniert sie früher geschiedne Handwerke. Welches aber immer ihr besondrer Ausgangspunkt, ihre Schlußgestalt ist dieselbe – ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind.« Etwas später heißt es, »daß ein Arbeiter, der lebenslang eine und dieselbe einfache Operation verrichtet, seinen ganzen Körper in ihr automatisch einseitiges Organ verwandelt und daher weniger Zeit dazu verbraucht als der Handwerker, der eine ganze Reihe von Operationen abwechselnd ausführt. Der kombinierte Gesamtarbeiter, der den lebendigen Mechanismus der Manufaktur bildet, besteht aber aus lauter solchen einseitigen Teilarbeitern. Im Vergleich zum selbständigen Handwerk wird daher mehr in weniger Zeit produziert oder die Produktivkraft der Arbeiter gesteigert« (ebd., 359).

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