Klassengesellschaft 2

Ist das, was im Moment als Satire in Fernsehmagazinen wie der „Heute-Show“ oder „extra 3“ lanciert wird, nicht auch eine Form des Rassismus? Die kulturelle Arroganz, die aus den Schlagerparodien auf Trump, Erdogan oder Pegida spricht, hat ihr genaues Gegenstück im Hass und in der Rache der von ihnen Verlachten. Man ist auf der sicheren Seite, wenn man lacht anstatt zu schießen. Aber bedenkt niemand, dass systematische Demütigung auf Dauer schlimmer ist als eine Kugel und dass die Scham tiefer ins Fleisch schneidet als ein Messer?

Was gerade in weiten Teilen der Welt passiert, ist – sowenig uns das gefällt – ein Aufstand der „Erniedrigten, der Geknechteten, der Verlassenen, der Verächtlichen“, der nicht bloß ökonomisch, sondern kulturell Abgehängten und Ausgelachten. Sie alle suchen sich ihre Stimme, und dass es sich dabei nicht um die Stimme der Demokratie, sondern um die autoritäre Stimme der Rache handelt, sollte uns nicht verwundern. Wir haben unser Konto seit langem überzogen. In Wahrheit haben wir es nie so gemeint, wie wir es uns dachten. Wollten wir wirklich globale Gerechtigkeit? Wollten wir wirklich auf unsere Privilegien verzichten? Die bürgerliche Humanität ist über weite Strecken nicht viel mehr als eine institutionalisierte Heuchelei, so als wollte jemand den Kommunismus unter Beibehaltung des Klassengegensatzes herbeiführen. Wie mögen einem Bewohner Malawis, ja bereits einem Griechen oder Spanier die Diskussionen über ein, sagen wir, schweizer Grundeinkommen erscheinen? Als ein zynischer Witz. Keep us happy, fuck the rest – alles gut bei uns, solange die Kennziffern beim Export stimmen!

Wir leben in einer Klassengesellschaft und unsere Ideologien – die Ideologien der Herrschenden – unterscheiden sich nur darin voneinander, dass die einen gut damit leben können und die anderen Ausweichbewegungen vollführen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Es kommt hinzu, dass sie nur selten den Menschen zweiter und dritter Klasse in meiner Stadt zugute kommen. Die bürgerliche Linke hatte immer einen Hang zur Fernstenliebe. Fairer gehandelt – wir sind dafür! Aber für all das Unschöne, das uns umgibt, sollen Drogendezernenten, Hauptschullehrer und Sozialarbeiter aufkommen, denen wir gleichzeitig die Gelder unterm Arsch wegkürzen, so dass es bei ihnen zu mehr als der korrekt verwalteten Aufrechterhaltung des Elends nicht langt. Zur Herablassung gegenüber den Untermenschen von Pegida und dem Mob, der für Erdogan demonstriert, gesellt sich der positive Rassismus von Willkommenskultur und internationaler Solidarität, der die Probleme anderswo lösen will, um sich mit denen zuhause nicht beschäftigen zu müssen. Wir mögen es exotisch, die Fremden sind schön, allein schon weil sie aus wärmeren Ländern kommen und wir verbinden mit ihnen alle möglichen Heilungs- und Erlösungsphantasien. Schon deswegen lassen wir uns unsere Fernreise nicht nehmen. All das dagegen, was zuhause vor sich hin sifft und stinkt, halten wir auf Distanz. Den verschwitzten, übergewichtigen Hartz-IV-Empfängern gehen wir aus dem Weg, beim Anblick eines Cracksüchtigen wechseln wir die Straßenseite, und Förderschulen sind für die anderen da.

Die Zustände sind entsetzlich, unhaltbar, ganz langsam werden sich die Getretenen bewusst, wie sehr sie uns hassen, ganz langsam organisieren sie ihren Hass. Das ist kein Klassenkampf, keine ‚Revolution‘. Sie ballern um sich, sprengen sich in die Luft, oder wählen einfach nur einen der aufsprießenden antibürgerlichen Populisten, die ihnen den Eindruck vermitteln, über kurz oder lang würden sie Leute wie uns hinwegfegen.

Die Satire, von der ich rede, ist also bloß die Spitze eines Eisbergs. Sie ist nur ein greller Ausschnitt der kulturellen Arroganz, die schon immer den Bodensatz der bürgerlichen Moral bildete. Diese Satire hilft mit, die Verhältnisse zu produzieren, die sie aufs Korn nimmt. Das heißt, um es noch einmal zu sagen: Sie produziert gedemütigte Menschen. Und nichts, so scheint es mir, ist momentan gefährlicher.

Anmerkung
Vgl. Elisabeth Raether, Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz:
http://www.zeit.de/2016/33/demokratie-klassenduenkel-rassismus-populismus
Außerdem: Celia Rothe, trump: https://celiarothe.wordpress.com/2016/09/07/trump/

 

Diese Text ist jetzt auch gedruckt erschienen, in: odramag #1, Chemnitz 2017, S. 38-40. Kontakt: odradek – lesecafé im kompott <odradeksnest@posteo.de>

 

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Ein Gedanke zu „Klassengesellschaft 2“

  1. in der Analyse zutreffend: Volltreffer, sehe ich genauso; im Verhältnis zwischen Angriff und Angebot aber ebenso unvollständig wie die Angegriffenen

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