»Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen«. Zum Tod von Hella Tiedemann



1
Ein Mallarmé-Seminar, das mit den Worten anfing: »Wenn ihr am Ende dieses Semesters behaupten werdet, ihr hättet Mallarmé verstanden, dann habe ich etwas falsch gemacht«. Das – artikulierte – Nichtverstehen war ihr kein Ausdruck des Unvermögens, sondern Triebmoment und Bewegungsform der Form von Wissenschaft, auf die es ihr ankam, fast schon ein Kriterium der Wahrheit. Vielleicht liebte sie deswegen diesen dunklen Autor, der einem nichts leichter macht als das Nichtverstehen

2

Miszellen zur Kritischen Theorie als Lebensform:

  • Während des ersten Semesters bei Adorno habe sie seiner Vorlesung kaum folgen können; über weite Strecken sei ihr ganz dunkel geblieben, wovon der große Mann geredet habe. Aber ein Antrag blieb zurück: Irgendwie war es wichtig und der Mühe wert, sich weiter damit zu beschäftigen.
  • Horkheimer (in dessen Gesammelten Werken sich später ihr Scheckbuch befand – er war ihrer Meinung nach der einzige Kritische Theoretiker, dem man sein Geld anvertrauen konnte) wurde bei einer Abendveranstaltung auf sie aufmerksam und fragte hinterher herum, wer diese intelligente junge Frau denn gewesen sei. Sie erzählte aber, dass sie den ganzen Abend über kein Wort gesagt habe. »Ich war viel zu verschüchtert. Horkheimer fand mich attraktiv. Er hat das verwechselt.«
  • Ihre Peguy-Arbeit war von einem Mitglied der Berliner Kommission überaus kritisch beurteilt worden. Sie schrieb einen langen und zornigen Brief, in dem sie begründete, dass sie seine Einschätzung für Unsinn halte. Nach einer Weile kam die einsichtsvolle Antwort, dass man sich den Argumenten der zukünftigen Kollegin beuge.
  • Ein letztes Gespräch in Strausberg. Es ging um das Verhältnis von Wissenschaft und Erfahrung. Nach einer Weile brach es aus ihr heraus: »Ihr redet immerzu von Erfahrung! Was soll das denn eigentlich sein? Was ist denn Erfahrung«. Wir waren unter uns, aber ich empfand mich bloßgestellt, die Frage am Rand der Peinlichkeit. Was stellte sie hier in Frage? Hatten wir den Anspruch der Erfahrungswissenschaft nicht ihr zu verdanken? Wir reagierten unschlüssig und wenig souverän. Später habe ich mich gefragt, ob die Reflexion der zur Selbstverständlichkeit geronnen Grundlagen nicht eine gewisse Taktlosigkeit voraussetzt.

3

Meine Disputatio begann mit ihrer Frage: »was ich mit meiner Arbeit überhaupt gewollt habe«. Es ist ein zentrales Bewegungsmoment der Kritischen Theorie. Wissenschaft ist nicht selbstgegeben; das Privileg, sie zu treiben, muss man sich verdienen. Dahinter steht eine sehr dezidierte Unterscheidung von ›richtiger‹ und ›falscher Wissenschaft‹: eine, die den Menschen dient als Wegbegleiterin auf ihrem sperrigen Weg durch die Wirklichkeit; und das Insichgeschäft eines verselbständigten Betriebs, der sich vor allem mit sich selbst befasst und hoch arbeitsteilig und unter steigendem Druck Waren für einen kulturellen Binnenmarkt produziert. ›Kritische Wissenschaft‹ prozessiert vor allem anderen im Modus ihrer Selbstkritik. So ging es, auf eine altmodische Weise formuliert, Hella Tiedemann um den Gebrauchswert der Theorie – in einer Situation, in der er begann, von ihrem Tauschwert an den Rand gedrängt zu werden.

4

„Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen“ – lange nach ihrer Pensionierung hörte ich diesen Satz, der mich seitdem beschäftigt und zu der Frage geführt hat, ob sie nicht eine sokratisch-platonische Instanz im Universitätsbetrieb gewesen ist: skeptisch gegenüber dem geschriebenen Wort, teilweise aber auch aus Ehrfurcht vor dem Geschriebenen, das sie für »verbindlich« hielt und das in lebendige Rede aufzulösen sie als ihre Aufgabe betrachtete. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihrer Seminare – später dann der Gesprächskreise in Strausberg – waren Personen mit Namen und Biografien wie in einem guten platonischen Dialog. Nicht, dass diese Gespräche das Niveau platonischer Dialoge gehabt hätten – keineswegs. Worauf es mir ankommt, ist, dass wir uns nicht als Funktionäre eines verselbständigten Diskurses fühlen, sondern als Individuen, deren Eigentümlichkeiten, Stärken, Schwächen, Launen und Macken Hella rasch wahrnahm und für das Gespräch produktiv machte. Das, was zwischen uns sich zutrug, war ›die Sache‹ – kein Ding, kein finales Objekt, sondern ein Effekt sprachlicher Äußerungen, die sich nur selten argumentativ stringent aufeinander bezogen, sondern schräg und eigensinnig zueinander standen – Konstellationen, aus denen mitunter geistige Erfahrungen hervorgingen, die lange nachwirkten, ohne sich festhalten zu lassen: kein »Sein«, sondern »Ereignis«.
So war es nach einer fünfstündigen Diskussion über die Erkenntniskritische Vorrede in Benjamins Trauerspielbuch. Kurz nach Hellas Tod schrieb mir Elisabeth von Thadden, sie werde diesen Tag nie vergessen. Wir hatten alles verstanden und wussten nicht, was. Was blieb, war – wiederum – der Antrag, die Aufforderung, Texte so zu entfalten, dass dieses Gefühl wiederkehrt. In ihm, so vermute ich, lag für sie das größte Glück des Berufs, den sie ergriffen hatte – auch dies ein Gebrauchswert von Wissenschaft.

5

»Die Phänomenologie des Geistes habe ich nie verstanden und auch nie ganz gelesen«. Bis heute weiß ich nicht, ob ich das glauben soll. War es pädagogische Tiefstapelei, die uns anspornen sollte? Oder sollte es uns gegen die Bluffs, das Gerede und akademische Salongeschwätz impfen, das leere Tickets tauscht und sich die formelhaften Überreste von vor langer Zeit – und womöglich nicht ganz – Gelesenem an den Kopf wirft? Erziehung zur Bescheidenheit? Zum Misstrauen gegenüber den Bescheidwissern? oder zum Ehrgeiz, dann doch besser sein zu wollen als die Lehrerin – in Erfüllung des Sprichworts, dass ein Lehrer nichts tauge, dessen Schüler ihn nicht überflügeln? Ehrlichkeit oder rhetorische Selbstverkleinerung?

6

Das Bürgerliche an ihr – für mich das Beste, was das Bürgertum zu bieten hat(te): der Punkt, an dem der Klassenstandpunkt, die Abgrenzung nach unten durch Wohnort, Sprache, Bildung, sich übersteigt auf den Gedanken einer Humanität, die sich, wenn nicht allen, so doch sehr vielen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens (zu denen der von Selbstbehauptungskrämpfen begleitete Zerfall der bürgerlichen Kultur dazugehört), zu öffnen imstande ist. Kaffee gab es aus dem Mokkaservice von Gretel Adorno und sie verabscheute die WG-Gepflogenheit, nach dem Essen gemeinsam abzuwaschen. Aber all das könnte auch anders sein.

7

Das Rätsel des Todes. Sie habe keine Angst davor, sagte sie vor Jahren, so viele hätten es vor ihr geschafft, man trete eben in die Gattung zurück. Ich habe nie genau verstanden, was das bedeutet: das Eingehen in den Naturprozess, die universelle Metamorphose, Verwandlung von allem in alles? Ovids Werk hat sie in den letzten Jahren sehr beschäftigt, ganze Partien lernte sie auswendig auf Latein – ich habe nie gefragt, warum eigentlich.
Ja: der Gedanke ist tröstlich. Aber ist das alles? Ich denke, es kommt noch etwas anderes hinzu: der Name, der fortlebt; die Arbeit, die sich mit ihm verbindet und die wir fortsetzen sollten – jeder auf seine / ihre Weise, und nur so –; die ›Gemeinde‹ in einem säkularen Sinn, wenn es ihn ohne theologische Restsüße überhaupt geben kann.
Der Tod ist eine Arbeit, hat Heiner Müller geschrieben. Schwerlich nur für die Toten. Auch wir sind gemeint. Sie besteht darin, die Lücke, die Hella Tiedemanns Tod gerissen hat, durch unsere Arbeit offenzuhalten.

8

Nun bewahren sie die Tote schon eine ganze Weile auf, in einem leeren Raum, in dem nichts geschieht, außer dass Erinnerungen nacheinander aufsteigen. Wahrscheinlich in einem Kühlraum, so wie man das aus den Fernsehkrimis kennt; für eine Weile geschützt vor dem Verfall, der sie bald mit desto unnachgiebigerer Macht erfassen wird. Aber Worte und Gesprächfetzen lösen sich ab von ihr in dieser Nicht-Zeit und verbinden sich mit uns, der kleinen Gemeinde, der sie nie gestattet hätte, sich so zu nennen. Sie bilden einen zweiten, diffus über Berlin und einige wenige andere Orte verteilten Körper – keine Seele, die ja den organischen Körper zusammenhält, sondern ein Zwischenwesen wie dahintreibende und mit einem Mal wie gemalt erscheinende Wolken, oder wie nasses Blätterwerk im Frühherbst, marmoriert und kurz vor dem Beginn des Zerfalls, das sich träg im Wind bewegt.

9

Sie ist neben ihrem Sohn begraben. Der Platz, den sie für ihn ausgesucht hat vor vielen Jahren, war von Beginn an ihrer, tief im Wald, dessen gleichgültiges Zeitgebreite mich mit einem Ruck überfiel, als ich zum ersten Mal seine Grenze überschritt. Es ist ein Friedhof, auf dem viele junge Soldaten ohne Namen liegen, gefallen 1945 kurz vor Kriegsende, »Material« des Krieges, dann der Natur. Außerdem Selbstmörder; Ertrunkene, die aus der Havel gezogen wurden. Solidarität mit den Verlierern, den Unglücklichen und Unbekannten. Als wollte sie ihnen gleichen im Tod, dann schnell vergessen und ins zweite Leben eingespeist werden, das unter dem ersten, das wir für unser einziges halten, fern dahinrauscht und am Ende zu einem Tosen anschwillt, das die meisten anderen Geräusche verschluckt.
Vielleicht hat sie das schon seit langem gehört; so wie jeder, dessen Kind vor ihm stirbt, widernatürlich und vor der Zeit. Ihre Heiterkeit, ihr Eigensinn, ihre Unanfechtbarkeit – es waren die Charakterzüge von jemandem, der schon einmal gestorben ist und ins Leben zurückkehrt, wohl mit dem festen Vorsatz, sich nicht leicht daraus vertreiben zu lassen. Die Liebe zu ihrem Sohn verteilte sie auf die Lebenden. Als feiner Stoff ist auch er gegenwärtig.
An bestimmten Punkten hatte sie dem Leben abgeschworen. Deswegen war sie so lebendig. Unser Schritt, den wolkenhaft zerstreuten Gedanken ein bisschen Form und Zusammenhalt zu geben, kann daher kein großer sein.

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