Schockstarre

Jetzt, nach der Wahl, sind viele in „Schockstarre“. So steht es in vielen Mails, die ich erhalten habe. Ihr Absender sind fassungslos darüber, dass die Amerikaner einen Mann gewählt haben, von dem sich seit Monaten abzeichnete, dass er den Unmut, das Ressentiment, teilweile aber auch die berechtigten Wünsche der zu kurz Gekommenen, der Verlierer im Krisenkapitalismus, der ökonomisch oder kulturell Ausgegrenzten kanalisieren würde – Menschen, von denen ebenfalls zu erwarten war, dass sie sich weder von einer Niederlage im Fernsehduell überzeugen lassen würde (es hat vielleicht im Gegenteil den Hass auf das von Clinton verkörperte politische Establishement verstärkt), noch dass sie bereit sein würden, den Meinungsforschungsinstituten seriöse Auskünfte zu geben.

Aber was bedeutet das, zu sagen, man sei in „Schockstarre“? Setzt es nicht wohlfeile moralische Empörung an die Stelle von Selbstkritik? einer Selbstkritik, die begreifen müsste, dass die Zeiten, in denen man sich politischen Optimismus leisten kann, vorbei sind, diese bequeme Lösung also nicht mehr zur Verfügung steht? Ist die „Schockstarre“ nicht ein rhetorischer Kanal, auf dem man sich kathartisch entlädt, um sich dann wieder auf die hoffnungsvolle Naivität einzupegeln, die schon in den den zwanziger und frühen dreißiger Jahren den Faschisten den Weg geebnet haben? Ersetzt sie nicht das Handeln und Analyse durch emotionale Erregtheit? In diesem Zustand kann man sich nicht dauerhaft halten, also schiebt man sie am Ende beiseite und geht zur Tagesordnung über.

Pessimismus: äußerster Pessimismus, der die Welt, wie wir sie kennen, als eine untergehende betrachtet – es ist keine Option mehr, sondern ein Gebot des Realismus. Es bedeutet nichts weiter, als die Augen vor der Wirklichkeit nicht zu verschließen und sich zu überlegen, auf welche Weise noch etwas zu retten ist; das eigene Leben, die Freiheit, Freundschaft und Solidarität. Das Prinzip Hoffnung ist zu einer gefährlichen Angelegenheit geworden.

So schreibt Josef Joffe in der unmittelbar nach der Wahl erschienenen Ausgabe der ZEIT: 

Es bleibt der Welt nichts an­de­res übrig, als fest daran zu glau­ben, dass die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung auch diese Krise über­steht. (…) Noch nie muss­ten sich Ame­ri­ka und die Welt so sehr an die For­mel klam­mern, die jede Prä­si­den­ten­re­de be­en­det: »God bless Ame­ri­ca.«

Das nennt man wohl schönreden. Wenn uns angesichts der Verhältnisse nichts anderes übrig bleibt, als ganz doll als das Gute zu glauben, kann es damit nicht weit her sein. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt, können wir uns nicht leisten. 

Ein Gedanke zu „Schockstarre“

  1. Ja, richtig so! Bin ganz Deiner Meinung. Auch gut, daß der Begriff des REALISMUS wieder produktiv gebraucht (rehabilitiert) wird. Aber eine Frage bleibt offen – das FRAGEN ist ja vielleicht die Alternative zur Schockstarre, da es auf eine Antwort abzielt, da es eine Antwort immanent hat -; also meine Frage lautet: Wie VERHÄLT man sich realistisch?

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