Klassengesellschaft 3

In vieler Hinsicht ist A. eine gewöhnliche ostdeutsche Kleinstadt. Es hat eine schöne Bausubstanz; an einigen Stellen ist sie grell überputzt, an anderen modert sie still vor sich hin. Auf den Straßen Arbeitslose, Prolls, Tätowierte mit lauten Stimmen und mehr als einem Kinderwagen. Das, was von der Arbeiterklasse übriggeblieben ist, heruntergekommene, am Nasenring herumgeführte Existenzen, die wenig zu verlieren haben und nichts zu gewinnen. Sie hängen am Smartphone, das ist glatt und sauber wie nichts sonst in ihrem Leben voller Alkohol und schlechter Zähne.

Darüber hat sich eine zweite, quasi bürgerliche Schicht etabliert, die wirkt, als sei sie aus dem Westen importiert. Ist sie aber nicht, zumal es den Westen, aus dem man sie hätte importieren können, schon lange nicht mehr gibt. In Freiburg vielleicht, in Charlottenburg … ich weiß es nicht. Insgesamt aber ist dieser Typus der halbwegs zu Geld gekommenen Ex-Hippies und Alternativbürgerlichen so ziemlich aus der Mode gekommen.

Hier aber geben sie sich ein phantastisches Stelldichein: Bunt gefärbte Jeans, Wickelröcke und graue Locken, die sich melancholisch hinter dem späten Haaransatz auftürmen; Nickelbrillen vor schmalen, lächelnden Gesichtern mit sehr gepflegten Zähnen; schmale Leiber ohne ein Gramm Fett zuviel; jedoch auch Frauen, die ihre Korpulenz mit Anmut tragen; Kinder mit und ohne Helm auf Holzlaufrädern; gute Menschen, die Fahrrad fahren, sich vegetarisch ernähren oder auch nicht (man ist sehr tolerant in dieser Stadt), Tango tanzen und ein subtiles System von Ersatzbefriedigungen ausgebildet haben, das sie über ihre wahrscheinlich sehr glückliche Existenz hinwegtröstet. Man spricht Dialekt, aber nicht zu sehr: der zarte Singsang statt Zement und Bier im Mund. Leute, die es geschafft haben und die es sich leisten können, Fünfe grade sein zu lassen. Auch wenn sie es nur selten tun.

Diese Schichten stehen zueinander in einem Verhältnis, das durch Unwirklichkeit bestimmt ist. Sie nehmen sich nicht wahr; es ist, als würden sie füreinander nicht existieren – als würden sie durcheinander diffundieren wie zwei Wolken, ohne dass es zu einer Berührung, einem Kontakt, einem Konflikt käme. Der Konsens, der sie einigt, ist der Beschluss, aneinander vorbeizusehen.

Während eines sommerlichen Stadtfests trifft man sich zum Picknick im Park. An langen Tischen die selbsternannte Haute Volée, in Leinenhosen, leichten Sommerkleidern und zu gutem Essen. Es gibt Quiche, Walnussbrot, französischen Käse und einen gut gekühlten Wein aus der Region. Auf mitgebrachten Picknickdecken sitzen die Anderen. Zwischen sich eine Kiste Meisterbräu, sie reden laut und übergewichtig und die Kinder verziehen sich mit ihren großen Cola-Flaschen an den Rand der Wiese.

Es sind zwei Wirklichkeiten, die nichts miteinander zu tun haben. Eine befriedete Klassengesellschaft. Nur dass ein gutes Viertel der Bevölkerung zu AfD-Wählern geworden ist.

Sind diese Leute Rassisten – einfach so? Sind sie der Überzeugung, dass ein Mensch dunkler Hautfarbe per se weniger wert sei als sie? Bei einigen ist das gewiss der Fall. Bei einem nicht unbeträchtlichen Teil aber dürfte es sich so verhalten, dass der schwelende Klassenkonflikt auf die geflohenen Neubürger projiziert wird. Ein Halbdutzend von ihnen sitzt mit an den Tischen der Oberen, bunte Kleckse im sommerlichen Pastell. Warum sie und nicht wir? mag mancher sich fragen, oder, wenn er sich das nicht fragt, sich am Wahltag für die Partei entscheiden, die diese Frage stellt. Die Wut richtet sich im Kern nicht gegen die Geflohenen, sondern gegen die da oben, die sich ihrer annehmen und sich auch noch mit internationalem Flair und ein bisschen Gemeinsinn umgibt. Das Engagement für die Flüchtlinge ist auch ein soziales Distinktionsmerkmal. Der Neoexotismus ist ein Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht. Das zieht den Klassenhass auf sich, der sich nicht dort ausleben kann, wo er müsste. So vergreift man sich an den Spiegelbildern ihres Sozialnarzißmus.


 

Dieser Text ist nun auch erschienen in: streem. art & culture streetmagazine. Berlin, August 2017.

Ein Gedanke zu „Klassengesellschaft 3“

  1. „Das Engagement für die Flüchtlinge ist auch ein soziales Distinktionsmerkmal. Der Neoexotismus ist ein Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht.“ Ganz genau!

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