Ein dialektisches Bild

Wenn man im Berliner Hauptbahnhof von Süden oder Norden aus ankommt und auf einem der Gleise der untersten Ebene eingefahren ist, hat man das Gefühl, sich auf dem Grund eines Trichters zu befinden. Für Bruchteile von Sekunden sitzt man in der Falle und reagiert darauf durch eine unmerkliche Panikattacke. Dann steigt man auf, es wird lichter und geräumiger und der Strom der Ankömmlinge verteilt sich in alle Richtungen über die Stadt.Nachts ist das anders. Dann wirkt die gläserne Haut, die uns verdeutlicht, dass wir uns ins Offene bewegen, wie das Dach einer gewaltigen Höhle. Tief scheinen wir wieder unter die Erde gesunken zu sein, in den riesigen Bauch der Breitbrüstigen.

Walter Benjamin nennt dies den Moment der Urgeschichte in der Moderne. Die Pariser Passagen, an deren Erforschung er die letzten Jahre seines Lebens wandte, galten ihm als Inbegriff eines solchen »dialektischen Bildes«. Die Moderne, so könnte man sagen, gewinnt Halt dadurch, dass sie sich an Ursprünge klammert, die weit vor dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen liegen. Ohne ein prä-neolithisches Fundament »höbe sie ab«, das heißt sie flöge und wäre schnell verweht. Der Hauptbahnhof, der sich auf einer jahrzehntelangen Brache erhebt und sich erfolgreich in Himmel und Erde hineingefressen hat, ist ein Nachfolger der Pariser Passagen. Vielleicht kein sehr gelungener, aber doch ohne Zweifel ein GESCHICHTSPHILOSOPHISCHES AUGE, das sich öffnet und schließt im Wechsel der Tage und Epochen

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s