Eislaufen

Es ist die Zeit des Eislaufens, vom Dreijährigen, der in seinem leuchtend roten Schneeanzug aussieht wie eine Wattewurst und der bei jedem Schritt auf dem Eis liegt, bis zum überkrassen 17-Jährigen, der in rasender Geschwindigkeit, die Beine in einer unablässigen fließenden Bewegung spindelnd in raschen Slaloms zwischen den anderen hindurchschießt, sind alle hier in einem großen Rundtanz vereint. Die Musik ist furchtbar, der kleinste gemeinsame Nenner, Helene Fischer und Co., Deutschpop aus den Achtzigern plus ein paar extra beats per minute, aber sie dringt doch in die Körper, teilt sich den Bewegungen mit, bestimmt den Schwung, mit dem man vom einen aufs andre Bein wechselt. Wir sind seit Stunden unterwegs, immer wieder hingefallen aufs nasse Eis, dann halbwegs getrocknet, Schweiß und Wasser haben sich zu einer zweiten Haut, einer merkwürdigen stinkenden Masse, verbunden. Ich bin schon müde und es fällt mir nicht mehr ganz leicht, meinen Schwerpunkt exakt über den Kufen zu halten, durchzuschwingen von rechts nach links nach rechts nach links nach, in den Kurven die Frequenz zu erhöhen und überzutreten, manchmal finde ich wieder in den Rhythmus, die Musik hilft mir dabei, meistens aber bin ich durch schwankende Eigenbewegungen irritiert, gegen die ich nichts machen kann, aber dann, ganz plötzlich und meistens auf der hinteren Geraden, gelingt es wieder, und es kommt noch etwas anderes dazu. Ich richte mich ein wenig auf und versuche mit meinem Blick die Bahnen zu umfassen, die die anderen Eisläufer in meiner Umgebung ziehen und in den nächsten Sekunden ziehen werden. In einer Keuner-Geschichte heißt es, ein guter, das heißt kommunistischer Autofahrer fahre in drei Autos gleichzeitig, neben seinem eigenen müsse er auch in dem vor ihm und in dem hinter ihm sitzen und steuern. Das Dreikörper-Problem, aber das ist geradezu eine Kleinigkeit verglichen mit dem, was hier los ist, eigentlich müsste es verboten werden, es sind ja ständig 10-12 Leute gleichzeitig vor, neben und hinter mir, unterschiedlich groß, unterschiedlich schnell, unterschiedlich gut, ein superkomplexes System, das man bewusst gar nicht erfassen kann, dem man vielmehr allein in einer eher erstaunten Haltung begegnen kann, indem man den ganzen Körper in ein einziges Wahrnehmungsorgan verwandelt, ein drittes und viertes Auge, eine Datenverarbeitungsmaschine, die alles gleichzeitig aufnimmt, sammelt und verarbeitet, die systemische Gesamtprognose der nächsten Sekunden ausspuckt und das gesamte motorische System darauf ausrichtet. Mit einem letzten Rest Speicherplatz spüre ich, dass sich von hinten links eine Gestalt nähert, sehr schnell, ihr noch leicht ruckartiger Bewegungsablauf ist mir gestalthaft vertraut, bevor ich einen Namen nennen kann, es ist meine Tochter, die aufschließt und mich schon wieder überrunden will, ich beschleunige noch etwas und schere selbst nach links aus, spüre die Anspannung, die meine Berechnungen an ihre Leistungsgrenze fährt, gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich das System kühl halten muss, kühl und entspannt, nichts darf gewollt sein, sonst liege ich gleich auf dem nassen Eis. Einen Moment lang durchfährt mich ein Blitz, es ist der erlösende Stromschlag, der mich mit dem gesamten System, mit der Herde, der Gattung, dem Schwarm, der Maschine verbindet, die sich hier gebildet hat, für einen Moment ist alles eines, ich verliere mich in etwas, das mehr ist als ich. Dann fällt das sanft von mir ab, ich bewege mich in die Richtung der Innenbahn, auf der weniger los ist, jetzt sind meine Tochter und ich auf einer Höhe, fahren parallel und gleich schnell, sie nimmt einen Augenblick meine Hand, wir finden einen gemeinsamen Rhythmus, schwingen in gemeinsamen leichten Bögen hin und her, die in der Mitte der Bahn sich drehende Discokugel wirft rasch ein paar grüne und rote Lichtpunkte über unsere Gesichter, dann nickt sie mir kurz zu, löst sich und verschwindet mit zwei drei jetzt mühelosen Bewegungen, die mich glauben lassen, dass ich stehe, in der sich rasch hinter ihr schließenden Menge.

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