In Staub mit allen Feinden Brandenburgs

Schön war das ja nie hier, eher skurril und eigentümlich. Ruinen und Reste, die unzähligen Brücken, die über die Straße hinweg fuhren, das Dämmerlicht unter ihnen, Schmierereien, Graffitis und Konzertplakate, die eine dicke Patina über den Backsteinen bilden, die ehemalige »Bahnhofsquelle« (dann »Zum Umsteiger«) am Eingang zur U7, Gemütlichkeit inmitten einer Trümmerwüste, alles vergessen und verwahrlost, ein Transitort, der abends Angst macht, wer hier hängen bleibt, wartet auf den Krankenwagen.

Gerade das reizt aber die Gier der Investoren. Hier gibt es noch das Echte, das noch nicht vom Kapital verschlungen und gleichgeschaltet wurde, es braucht ja das, was es nicht ist, um es selbst sein zu können. Ein Park zwischen den Gleistrassen ist angelegt worden, ein gewaltiges Neubaugebiet zieht sich zwischen S1 und S2 entlang, die Kneipe ist entleert und schon ausgeweidet, der Bauschutt reicht bis auf die Straße, hier wird sichs bald gut wohnen.

Ich mag den Ausdruck Gentrifizierung nicht. Es sind immer die anderen: Wer ihn im Mund führt, gehört oft zu denen, die dafür mitverantwortlich sind, weil sie die Mieten zahlen können, die jetzt hier abgerufen werden, oder sich das neu auf den Markt geworfene Wohneigentum leisten können. Habt ihr schon mal einen Arbeitslosen davon reden hören? Die wirklich an den Rand Gedrängten, die Alten, die Arbeiterfamilien, die Arbeits- und Erfolglosen kennen den Begriff gar nicht. Sie benennen die Fakten: teure Mieten, die Schließung der Eckkneipe, in der man Gulasch für 4,50 essen konnte, Ersetzung des ALDI durch eine Bio-Supermarktkette und so fort. Es geht um Vertreibung, um Ghettoisierung und soziale Homogenisierung.

Die Stadt wird also immer provinzieller, wenn Urbanität bedeutet, dass Unvereinbares nebeneinander bestehen kann. Es ist ein Geflecht komplizierter Verhaltensweisen, eine Mischung aus Empathie und Ignoranz, praktischer Zusammenarbeit und Durcheinanderhindurchsehen, ein gleitendes Zusammenspiel aus Gemeinschaft und Einsamkeit, die ständig ineinander übergehen. Jetzt sortiert sich das alles auseinander, verschiedene Städte wachsen aus dem Boden, die die alte ersetzen, ohne dass eine Spur von ihr bleibt. In ihnen leben verschiedene Menschen mit verschiedenen Berufen und verschiedenen Bedürfnissen, sie haben nichts miteinander zu tun, ihre Kinder gehen auf unterschiedliche Schulen und ziehen sich unterschiedlich an. Was sie vielleicht noch verbindet, ist die Angst vor der Zukunft, aber selbst die Art und Weise, sie zu verdrängen, ist nicht dieselbe. Die eine Mauer ist gefallen, jetzt sind die Viertel dieser Stadt umgürtet von unsichtbaren Mauern, es lebe die Klassengesellschaft. Keine gute Ordnung, aber eine Ordnung immerhin, errichtet gegen die drohende Auflösung.

Es ist ja Treibsand unter Berlin, unterschätzt bloß nicht Brandenburg, bald wird nicht einmal mehr ein Loch sein, wo die Stadt sich befand, und Kommunisten sind wir dann im Tode.


(Der Text ergänzt das Gedicht „Kleine Reise“ um eine vertikale Bewegung; mahlende Selbstzerstörung, die von innen kommt.)

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6 Kommentare zu „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“

  1. Was hat die stolze Selbstbehauptung des Prinzen von Homburg mit Deiner melancholischen Perspektive auf die zukünftige Brache eines untergegangenen Berlin – wenn wir alle tot sind – zu tun?
    A propos märkischer Sand: Zwei Ecken weiter von dem Ort, auf den Du Dich beziehst, an der Dennewitzstraße, wo die Reichen und die Schönen es vor gar nicht so langer Zeit im 90° krachen ließen, ist von dem Sehnsuchtsort, der nach dem Brand 2006 noch wiederaufgebaut worden war, keine Spur mehr zu sehen, nur noch staubige Brache. Aber auch dies ist nicht der Vorbote des von Dir antizipierten Endes, die Pläne für eine neue Bebauung des Platzes dürften längst fertig sein.
    Wer sind heute die „Feinde Brandenburgs“? Vielleicht die internationalen Venture Kapitalisten, die durch spekulative Investitionen die Immobilienpreise in Berlin in Höhen treiben, die für die meisten Ansässigen nicht mehr erschwinglich sind. Aber sind dies die Bauherren des „gewaltigen Neubauprojekt“, das Dich so erschreckt hat? Ich bin vielleicht nicht mehr ganz up to date, doch soweit ich weiß, steht da neben dem Neubau eines Baumarkts jetzt v.a. ein genossenschaftliches Projekt am neuen Möckernkiez – und dabei handelt es sich eher um einen Versuch der Verteidigung des mehr oder weniger lokalen Kleinbürgertums gegen die Raubzüge der Immobilienspekulanten. Keine Frage: Mir gefiel die Yorckstraße vor 30 Jahren auch besser, als Ruine einer Urbanität des frühen 20. Jahrhunderts, bespielt durch Westberliner Post-Punk-Künstler. Aber hätte man sie unter Denkmalschutz stellen und weiter vor sich hin rotten lassen sollen? Wer soll das bezahlen? Mit welchem Recht wollten wir die Lebensbedürfnisse der nächsten Generation, die aus diesem Raum etwas für sich zu machen sucht, aussperren aus diesem zentralen innerstädtischen Gebiet? Und wenn Berlin weiter Tausende und Hunderttausende aus dem In- und Ausland anzieht, Habenichtse, Flüchtlinge, Arbeitsmigranten, Studierwillige, Künstler, Glücksritter, Gangster, Karrieristen, Lobbyisten, Rentner – irgendwo müssen die eine Unterkunft finden, sonst wird es bald in einem Maße unerträglich und gefährlich, das niemand wünschen kann.

      1. Anselm Kiefer hat so ein Bild schon 1982 gemalt:

        Auf dieser apokalyptischen Landkarte eines Brandenburgs, das von Berlin nichts mehr weiß, erscheinen die in beflissener Schreibschrift beschworenen und in den Sand geklebten Namen der märkischen Orte und einstigen Schlachtfelder wie nur mehr vom Hörensagen bekannt; unvorstellbar, daß eine lebendige Erfahrung ihrer Gegenwart oder gar eine Vorstellung von einer möglicherweise dort sich ereignenden Zukunft in diesem Bild artikuliert werden könnte.

      2. Hab vielen Dank. Das Bild ist ungeheuer eindrucksvoll. Nur die Ortsschilder sind übrig geblieben (das von Berlin nicht, aber ist die Stadt nicht nur eine solche Ansammlung brandenburgischer Dörfer, nachlebend noch immer im „Kiez“?), keine Erinnerung, eher das Zeichen, das hier etwas zu erinnern wäre. Der märkische Sand als Vorbote Sibiriens, die pulsierende Partystadt eine Sekunde der Erdgeschichte. 
        Wenn du magst, lies doch einmal das etwas längere Textkonglomerat, das oben auf der Seite unter dem Titel “ Schwarze Linke“ versammelt ist. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass Du damit einverstanden bist, die darin sich artikulierende Stimmung bestimmt mich aber seit langem, ohne dass ich es wusste. Im November ist sie dann durchgebrochen.

  2. Ich benutze den Begriff der Gentrifizierung nur in der Verbindung: GENTRIFIZIERUNG VON INNEN. Gehöre ich damit zu den Einen oder den Anderen?

    Das Falsche im Falschen ist falsch.
    Was Richtiges machen!

    1. Ich denke seit gestern darüber nach, was Du mit „Gentrifizierung von Innen“ meinst. Aus dem Inneren des Bezirks? Oder eine Art Gentrifizierung der Seele – wenn man älter wird, sich etabliert, einen Platz findet, den man auch verteidigen möchte -, der an dem Ort stattfindet, den Kluge und Negt das „innere Gemeinwesen“ nennen? Was mit den Städten passiert, wäre nur das äußere Nachbild davon.

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