1. Mai in Chemnitz

›Der III. Weg‹ und die Gegenveranstaltungen

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Chemnitz-Sonnenberg, 1. Mai 2018

Schön sieht das aus und ich habe mich sehr über die Stimmung in der Stadt und den großen Zulauf bei den diversen Gegenveranstaltungen gefreut. Aber es war nicht zu übersehen, dass sich die Linke – im weitesten Sinne; es handelte sich um ein breites Bündnis sehr unterschiedlicher Akteure – trotz zahlenmäßiger Überlegenheit in der Defensive befindet. Die antikapitalistische Systemkritik kommt von rechts, wir reagieren darauf durch ›Gegen‹-Initiativen und werden dadurch, ob wir es nun wollen oder nicht, zu Verteidigern des Bestehenden. »Das System ist am Ende / Wir sind die Wende« (»die Hände« hatte ich zunächst verstanden) wurde diszipliniert vom III. Weg skandiert. Das klingt, Entschuldigung, doch etwas anders als das ewige »Bürger, lasst das Glotzen sein / Kommt herunter, reiht euch ein« – also die ewige Parusieverzögerung, mit der die Linke (nach meinem Gefühl bis ins radikale Lager hinein) die Zukunft vor sich hertreibt, die sie vielleicht gar nicht mehr will, weil das Bestehende doch irgendwie o.k. ist. Das verlieh den Gegenveranstaltungen, bunt, laut und fröhlich, wie sie waren, dann doch auch etwas drückend-Gelähmtes, wenn man es mit dem national-sozialistischen Stoßtrupp in spe vergleicht, der sich im festen (und vermutlich zutreffenden) Vertrauen darauf, an der Spitze einer stetig wachsenden Bewegung zu stehen, seinen Weg durch die Stadt bahnte.

Der rechte Zug war so aufgebaut, dass eine lose uniformierte – mit roten T-Shirts und (in der ersten Reihe) Landsknechtstrommeln ausgestattete – Elite den Anfang bildete; junge Männer zumeist, auf den T-Shirts waren „Kämpfe“, dazu Begriff wie »Heimat«, »Familie« und „Tradition“ zu sehen. Dahinter das Fußvolk – eine Mischung, die mich eher aufgrund ihrer repräsentativen Normalität erschreckt hat. Glatzen habe ich nicht gesehen, überhaupt fehlte die gesamte militante Klientel [1]; nein, es waren ›Bürger‹ bis zur alternativ angehauchten Kleinfamilie und dem langhaarigen Silberrücken, dem bloß der Joint fehlte. Und es waren die, von denen die Linke seit Jahrzehnten träumt, denen sie aber offenbar nichts zu bieten hat: Arbeiter, kleine Angestellte, Arbeitslose – viele, die aufgegeben wurden oder sich aufgegeben fühlen und nun die Chance angeboten bekommen, Teil einer ›Bewegung‹ zu sein, die alles zu verändern verspricht und ein System, das sie aussortiert hat und mit ihnen nicht mehr rechnete, in Bälde wegzufegen behauptet. Ich weiß nicht, wie die Stimmung Anfang der 1930er Jahre war, als Arbeiter massenweise aus der SPD und KPD austraten und in die NSDAP eintraten, aber ich stelle sie mir ähnlich vor.

Und eben diese Diffusion, diese schleichende Völkerwanderung von Links nach Rechts [2] zeigt sich auch auf der ideologischen Ebene: »Arbeiterkampftag« nennt ›Der III. Weg‹ den 1. Mai; und in den Verlautbarungen, die vom Lautsprecherwagen tönten, war davon die Rede, dass es der Kapitalismus sei, der eben die Länder verheert, aus denen die Menschen zu uns fliehen – die klassische linke Imperialismuskritik. Diese Offenheit nach links – die Überläufer werden gefeiert, man bedient sich freizügig im Arsenal linker Theorie –, dieses Missionarisch-Integrative, das so tut, als könne es auf die Abgrenzungsrituale der Linken verzichten, ist das Beunruhigendste an dem, was da wächst.

Wenn ich darüber nachdenke, worin denn nun der Unterschied zwischen ›Links‹ und ›Rechts‹ im Kern bestehen könnte, fällt mir der Satz ein, den Heiner Müller in »Germania III« Hitler in den Mund legt. »Gegen die Lebenslüge des Kommunismus KEINER ODER ALLE die einfache und volkstümliche Wahrheit FÜR ALLE REICHT ES NICHT.« Auf seiner Internetseite übersetzt das ›Der III.Weg‹ in die Formel: »Erst wir. Und dann die anderen.« Deswegen Sozialismus, aber eben ein nationaler, der in der allgemeinen Krise rettet, was zu retten ist, auf den Trümmern Europas die Diktatur des richtigen Lebens errichtet und auf den Rest der Welt scheißt.

Was lässt sich dem noch entgegensetzen? Vielleicht sollten wir tatsächlich darüber nachdenken, uns einer Lebenslüge zu entledigen, die alle Lager von der Mitte bis nach Linksaußen eint: dass wir, die Menschengattung, noch gemeinsam vom Fortschritt getragen werden; dass es uns, mit anderen Worten, gelingen wird, mit vereinten Kräften auf dieser Welt vernünftige Verhältnisse herzustellen – Wohlstand für alle oder die klassenlose Gesellschaft, je nachdem. Diese Lebenslüge eint die Glaubenslehren des Kapitalismus und des Kommunismus; es sieht aber immer weniger danach aus, dass ihr ein Realäquivalent entspricht. Die Zeichen der Krise sind unübersehbar – ökologisch, politisch, militärisch schießen Bedrohungsszenarien aus dem Boden, die abzuwenden kaum mehr die Zeit und die Kraft bleibt. Dieses Gefühl bildet das überaus robuste Fundament der neuen Rechten, und es wäre eben hier anzusetzen, wenn man der Bewegung eine andere Richtung geben will.

Vielleicht – ein sehr großes »vielleicht« – kann Solidarität, die den Mutterboden eines Satzes wie »Keiner oder alle« bildet, nur noch funktionieren, wenn wir uns mit dem folgenden Gedanken vertraut machen: dass wir ein evolutionärer Rohrkrepierer sein könnten, eine zum Tod verurteilte Gattung, eine aussterbende Spezies, die sich, da sie nun einmal Bewusstsein entwickelt hat, fragen sollte, wie sie mit der ihr noch bleibenden Zeit sinnvoll umgeht. Sterbende sind (jedenfalls in vielen Fällen) irgendwie nett zu der Welt, die sie verlassen. Sie wollen sich versöhnen mit ihrer Familie, mit Freunden und Feinden, in Frieden Abschied nehmen. Sollte es möglich sein, dies auf die Gattung zu übertragen? Vielleicht liegt darin die einzige Möglichkeit, der Rechten nicht bloß begrifflich, sondern affektiv etwas entgegenzusetzen. Es würde freilich bedeuten, dass wir uns von Vorstellungen verabschieden, die für viele eine Art intellektuelles Rückrat ihrer Existenz bilden. »Pack die Sachen, die dir wert sind, / sag Adieu zu deinen Leuten. / Diese himbeerrote Reise ist jetzt auch vorbei« sang Franz-Joseph Degenhardt schon 1972. Ja, vielleicht ist das so.

 

Anmerkungen

[1] Auf dem unter https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1608958642507072&id=100001788547451 abrufbaren Video sieht das allerdings etwas anders aus. Sie halten still, aber sie sind alle da. Mir scheint jedoch, dass das Video die Normalität der Anhänger tendenziell ausblendet und sich zu sehr auf die üblichen Verdächtigen konzentriert. Hier ein Screenshot:

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(c) JFDA – Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

[2] Was Intellektuelle, ›Dichter und Denker‹ betrifft, hat sie der Deutschlandfunk in zwei hörenswerten Features dokumentiert: http://www.deutschlandfunk.de/herd-heimat-hass-ueber-die-verlockungen-rechten-denkens-2-4.1247.de.html?dram:article_id=412433 und http://www.deutschlandfunk.de/herd-heimat-hass-ueber-die-verlockungen-rechten-denkens-4-4.1247.de.html?dram:article_id=412525 Was in auffälliger Weise in diesen Features ausgespart wird, ist der Zug zur rechten, antikapitalistischen Systemkritik.

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2 Kommentare zu „1. Mai in Chemnitz“

  1. Der Vorschlag einer allumfassenden, gattungsbezogenen TRAUERARBEIT ist ein schöner, solidarisierender, heilsamer Gedanke. Wenn wir ihn im Hinterkopf behalten, kann er wirkungsvolle inkludierende Effekte und Vorgänge hervorrufen. Die Tugend der Bescheidung und die Fähigkeit zu leiden sind durch die Formen und Geschwindigkeiten der alle Klassen und Gruppen betreffenden Kapitalbewegungen sowie durch deren globale Wirkungen anästhesiert – daher das blinde Exkludieren an allen Fronten und im gesamten politischen Spektrum. Durch eine alle Grenzen der Menschen untereinander überschreitende Ausrichtung der Verlusterfahrung und eine gemeinsame Trauer – durch ein allumfassendes INTER… – ist diese Arbeit am Menschen m. E. überaus anerkennenswert und vor allem genuin links.
    Aber: Etwas oder jemanden aufgeben, hat auch immer eine resignative Einfärbung; und dieses Sich-vom-MENSCHEN-Verabschieden – als biologische Gattung, als gesellschafts- und kulturevolutionäres Projekt, als wirtschaftspolitisches und psychosoziales Wesen, als WIR – ist ein Schwergewicht: es erschwert, belastet bzw. verunmöglicht tatkräftigen Widerstand. Der subversive Stachel wird stumpf. Um hier auch mal einen ideologischen Begriff zu gebrauchen: das Sich-Abfinden mit einem Vorbei des Menschen ist genuin konterrevolutionär.
    Links + konterrevolutionär?
    Was wir dringend benötigen, ist eine Dialektik aus: Einsicht in das Unausweichliche, Leidenssensitivität, Trauerarbeit… UND eine revolutionär-vitalisierende Haltung eines Trotzdem.
    Gibt es nicht ein Wort, das genau diese Dialektik in sich birgt? LEIDENSCHAFT.

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