Glotz nicht so romantisch

steht auf den Plakaten, mit denen der Zuschauerraum des Deutschen Theaters zu Brechts ‚Trommeln in der Nacht‘ ausgehängt ist. Und in der Tat forciert die Inszenierung der Münchner Kammerspiele „nach“ Brecht auf den ersten Blick die Entwertung der romantischen Erwartungen des Publikums. Denn anders als von Brecht vorgesehen kehrt der von der Liebe enttäuschte und zur Politik übergelaufene, ehemalige Frontsoldat Kragler, nicht zur Geliebten zurück, die während seiner Abwesenheit einen anderen geheiratet hat, sich aber am Ende eines Besseren besinnt und wieder zu ihm zurück will. Nein, er wirft sie zurück und führt den Spartakus-Aufstand, zu dessen Anführer er wurde, zu Ende. Politik statt Liebe, Revolution statt Romantik – das sieht gut aus und passt doch irgendwie zu Brecht.

Aber, noch einmal: So geht das zweite Stück Brechts nicht aus; so vielmehr lassen die Münchner Kammerspiele in der Inszenierung von Christoph Rüping die Hälfte der Aufführungen ausgehen; die andere Hälfte, eben die des Stücks „von“ Brecht, opfert die Politik der Liebe und dem individuellen Glück.

Aber ist das eine kluge Entscheidung? Es wirkt ja so, als hätte man dem frühen Brecht durch den alternativen Schluss die letzten bürgerlichen Rückstände ausgetrieben – oder eine solche Austreibung wenigstens zur Diskussion gestellt. In Wirklichkeit aber hat man die Nüchternheit des frühen, noch asozialen Brecht (‚Baal‘ lag noch nicht lang zurück) durch ein starkes Stück bürgerlicher Phantasterei überhöht. Denn die Revolution ist die wahre Romantik. Das spießige Glück eines Paars, das sich wieder gefunden hat, langweilt uns. Im Theater wollen wir stärkere Räusche als ein Bisschen Liebe, wir brauchen das Blut, den Tod und das Ganze. Jedoch nicht als Mittel zum Zweck einer besseren Gesellschaft, die mit etwas weniger Tod und Blut auskommt, sondern als kollektive Selbsterregung, ein kathartisches Ausschnaufen, nach dem wir wieder an unsere Geschäfte gehen.

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Aufruf zur Revolution 2018 (c) Julian Baumann

Nein, so geht es nicht. Wenn die Revolution als selbstverliebter Katastrophenrausch voller Nebel und hohlem Pathos zum Teil der bürgerlichen Doppelmoral wird, die die Kunst nach dem Motto ‚Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps‘ in die Theater verbannt und sie dort beklatscht, sollte man sie so enttäuschen, wie der junge Brecht es wusste: „Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?“ Der Welt den Spiegel vorzuhalten, ist wichtiger als das Bedürfnis nach ihrer symbolischen Zerschlagung zu befriedigen.

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Ein Gedanke zu „Glotz nicht so romantisch“

  1. „…Der Welt den Spiegel vorzuhalten, ist wichtiger als das Bedürfnis nach ihrer symbolischen Zerschlagung zu befriedigen.“
    Nee. Ist beides wichtig – ungefähr genauso wichtig.
    „Der Traum“/das Theater/das Symbol/die Veranschaulichung „kann nicht anders als einen Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen…“ Theater ist Wunscherfüllung, Erkenntnis- und Lustgewinn. Wenn’s keinen Spaß macht, macht’s keinen Spaß. „…Die psychische Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig.“
    Und worum geht’s? Um den Gebrauchswert!
    Oder mit Brechts „Traum des Polizeipräsidenten“ gesprochen: „Solche Träume haben Folgen.“
    Einschränkung: Muss mir die Inszenierung erst noch ansehen.

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