Fassaden, die sich brüsten

Wie verschieden die Gesichter der Häuser sind! Ich spaziere mit meinem Sohn die Kastanienallee entlang. Sachliche Fassaden, schmucklos und in dunklen Farben gehalten, wechseln sich ab mit solchen, »die sich brüsten«. So formuliert es Klaus Heinrich in einer Architekturvorlesung der siebziger Jahre mit dem Bezug auf die barocke Baukunst. Auch diese Häuser zeigen ihre Rundungen, sie wölben und bauchen sich aus. Sie nehmen mehr Platz und Oberfläche ein als ihre Nachbarn, mehr eigentlich als ihnen zusteht.

Sie sind noch immer das liebste Heim der schmalen akademischen Mittelschicht, der auch ich schlecht und recht angehöre. Der Kult der Oberfläche setzt sich im Inneren nicht fort. Hier dominieren klare Formen.

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu diesen Fassaden. Nie habe ich selbst so gewohnt und ich komme der Wahrheit zumindest nahe, wenn ich sage, dass ich es auch nie wollte. Dennoch saugen sich meine Blicke an den Bewohnern fest, die ich hinter den meist gardinenlosen Fenstern erspähe. Oder sie wandern die aufgetürmten Büchermassen entlang.

Mein Sohn hat dafür keinen Sinn. Er findet diese Häuser »irgendwie komisch«, zumal dann, wenn sie sich auch farblich aus ihrem Umfeld herausheben. Neubauten rufen bei ihm keinen Widerwillen hervor; sie fallen ihm nicht einmal besonders auf. Statt Parkett bevorzugt er Teppichboden. Zweifellos hat er ein Problem weniger als ich.

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