Berliner Wörterbuch – Buchstabe G

GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT: bloß für die da, die es sich leisten können. Wer morgens um sechs auf der Baustelle zu stehen hat, ist darauf angewiesen, dass die Partnerin, der Partner sich um den Haushalt und die Kinder kümmert. Die Arbeitsteilung in den Familien hat immer schon ökonomische Gründe gehabt; sie kamen besser über die Runden, wenn die Zuständigkeiten eindeutig geregelt waren und die Arbeitsbereiche sich nicht allzusehr überschnitten; dass die Kinder mitzuhelfen und sich in der Regel um sich selber zu kümmern hatten, ist kein Extrem, sondern der Normalfall in vielen Haushalten, früher und jetzt an vielen Orten auf der Welt. Es wäre ideal, wenn es auch mit gleicher Anerkennung der Arbeitsbereiche einherginge. Aber das war wohl nur selten so; und jetzt kann weniger denn je davon die Rede sein. Haushalts- und Familienarbeit ist bäh, es gibt dafür im Prinzip keine gesellschaftliche Anerkennung und so lagert man sie, wenns geht, auf Niedriglohnkräfte aus. Wenn man sich das nicht leisten kann, wird es schon schwieriger mit der Rollengerechtigkeit. Wer ist für das ungeliebte und deklassierte Naturverhältnis verantwortlich? Viele sind schlicht nicht frei, sich zu entscheiden; sie richten sich mehr oder weniger undogmatisch danach aus, wie sich der beste Schnitt machen lässt. Es sind die Ungerechtigkeiten der alten und neuen Klassengesellschaft. Wenn man verhindern will, dass G. als Luxusproblem einer relativ gut abgesicherten Klasse erscheint, wäre wohl hier anzusetzen.


GENTRIFIZIERUNG: immer die anderen. Eine Entlastungsvokabel des arrivierten Bürgertums, die sozialen Umschichtungsprozesse, die es selbst mit zu verantworten hat, den anderen in die Schuhe zu schieben. Die »gentry« ist der alte englische Landadel: Die Ironie der Geschichte will, dass wieder einmal die alten, längst obsolet gewordenen, antiaristokratischen Ressentiments bedient werden. Wieder steht das Establishement auf der richtigen Seite, es hat eine Ideologie geschaffen, die Täter und Opfer systematisch miteinander vertauscht.

Die wirklich an den Rand Gedrängten, die Alten, die Arbeiterfamilien, die Arbeits- und Erfolglosen reden nicht von Gentrifizierung. Sie benennen die Fakten: teure Mieten, die Schließung der Eckkneipe, in der man Gulasch für 4,50 essen konnte, Ersetzung des ALDI durch eine Bio-Supermarktkette und so fort.

Man sollte also nicht von Gentrifizierung, sondern von Verbürgerlichung reden. Nicht, dass die ›Bürger‹, die jungen, gut ausgebildeten Familien, Startup-Unternehmen und hippen Kneipen die einzig Schuldigen wären. Sie, die zahlen können, haben es mit Großunternehmen zu tun, die am sozialen Umbau der Stadt interessiert sind. Die nehmen was sie kriegen können, die anderen zahlen was sie sich leisten können. Es ist ein Schuldzusammenhang.

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Ein Gedanke zu „Berliner Wörterbuch – Buchstabe G“

  1. Lieber Wolfram,
    „Berliner Wörterbuch“, das klingt nach einem systematischen Vorhaben. Ist es das wirklich? Ich fände es eine sehr gute Idee! Welche Richtung es nehmen würde, deutet sich ja in den wenigen bisherigen Beiträgen schon an. Und es wäre ein Projekt, an dem eine ganze Anzahl von Leuten teilnehmen und über das sie diskutieren könnten.
    Am Montag ist unsere letzte Veranstaltung. Vielleicht sollten wir zum Ausklang ein Bier trinken gehen, was meinst Du?
    Viele Grüße
    Burkhard

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