Berliner Wörterbuch – Buchstabe S

STADTBAHN / STRASSENBAHN

Was mich an Berlin am meisten fasziniert, ist nicht die touristisch verödete Mitte, sind nicht die Freßmeilen und Partyviertel. Es ist der Stoffwechsel mit dem Umland, es sind die S-Bahnen, die ununterbrochen die Stadt durchqueren, von Bernau bis Teltow, von Strausberg bis Wannsee. Sie legen Tag für Tag riesige Entfernungen zurück, niemand fährt die gesamte Strecke außer den Zugführern, vor deren Blick sich die Stadt in regelmäßigen Abständen aufbaut und wieder abbaut. Für sie ist Berlin nicht groß, es ist bloß ein diffuses Ensemble schwer unterscheidbarer Stationen auf ihrem Weg durch die Mark Brandenburg. Die Stadt war immer ein Ensemble von Dörfern, jetzt sind sie schlecht und recht zusammengewachsen, aber für sie hat sich so viel nicht geändert.

Hinzu kommt, dass die Trassen der Stadtbahn meist selbst verwilderte Grünstreifen sind. Junges Birkenholz säumt die Geleise; noch immer verfallene Bauten, an denen selbst die Graffitis nachgedunkelt sind. Brombeeren und Brennnesseln bilden das Füllmaterial, das den grünen Adern Stabilität verleiht. Die S-Bahnen, durch die die Stadt sich modernisiserte, schleppen das Grün nach Berlin, unbeachtet und ungepflegt. An manchen Stellen blickt man aus dem Fenster des lautstark dahinratternden Zuges und fühlt sich ländlich.

Anders dagegen ist es, wenn man eine der Straßenbahnen besteigt, die bis kurz vor die Brandenburgische Grenze fahren. Daran erkennt man noch immer Ostberlin. Ganz langsam löst sich die Stadt auf. Jenseits des S- und U-Bahn-Netzes ist sie sowieso eine andere, man könnte sagen, gewöhnlichere. Die Provinz hält hier Einzug in die Metropole. Ein griechisches Restaurant heißt »Dionysos«, eine italienisches »Bella Italia«. Weit dehnen sich die Kleingartenkolonien, durch Gewohnheitsrecht und ein Stück Verbissenheit ausgebaut zu veritablen Stadtrandsiedlungen ohne asphaltierte Straßen. Ihr Bewohner: Berliner ohne Glanz, aber mit Land. Ununterbrochen karrt die Straßenbahn sie ins Zentrum und wieder zurück. Das scheint sie nur wenig zu berühren. Ohnehin haben die meisten ein Auto.

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