Berliner Wörterbuch – Buchstabe B

DÖRFER

An den Rändern von Berlin sieht man sie noch, die alten Dorfkirchen, bullig, mit kleinen Fenstern und einem stumpfen Turm. Um sie herum die letzten Reste der Dörfer, die bis in die fünfziger Jahre durch Pferdewege verbunden waren. Schnurgerade führen sie durch die Marken, unter dem weiten Himmel, der für Brandenburg so typisch ist.

Das Stadtgebiet Berlins war für sehr lange Zeit verblüffend ländlich, und noch heute spürt man unter der Oberfläche der hektischen Urbanität des 21. Jahrhunderts die alten Dorfstrukturen. Der „Kiez“ (ursprünglich die alten, wendischen Fischerdörfer, durchs Wasser voneinander isoliert) ist ein Überlebsel der damit einhergehenden Sozialstruktur. Man fühlt sich nicht als Berliner, sondern als Neuköllner, Charlottenburger oder Mariendorfer. Den anderen Dörfern bezeigt man Gleichgültigkeit oder Verachtung. So war es ja schon immer auf dem Land.

Es gibt kein besonderes Interesse, den Kiez zu verlassen, ein Charlottenburger, der rein aus Neugier schon mal in Siemensstadt gewesen ist, ein Hellersdorfer, den es freiwillig nach Zehlendorf verschlägt: es kommt nicht, oder nur sehr selten vor. Auch baulich zerfällt die Stadt in unendlich viele Einzelteile, die nicht miteinander harmonieren. Abgesehen von der kurzen Periode der – gescheiterten – Schinckelschen Stadtplanungsprojekte, hat man immer irgendwie vor sich hin gemacht, egoistisch und rücksichtslos.

Man denke an die drei großen Plätze der Stadt: Alexanderplatz, Breitscheidplatz, Potsdamer Platz. Sie sind konturlos, man weiß nicht, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Was sie dirigiert, ist die Angst vor der freien Fläche. Gefüllt wird sie durch Kaufhäuser und hochpreisige Architektur. Alles ist zusammengestückelt, Bruchkanten überall, der Zerfall setzt sich im Einzelnen immer weiter fort und man verliert die Orientierung, die doch vielleicht die oberste Funktion eines Platzes sie sein sollte.

Die dörfliche Vergangenheit Berlins, die noch gar nicht lang zurückliegt, wird seit 1989 mit aller Macht verdrängt. Berlin hat sich vorgenommen, die Weltstadt zu werden, die es nicht ist, und so giftet es aus allen Rohren gegen die Außenbezirke, die immer noch verschlafen wirken und dem ganzen Trubel distanziert gegenüberstehen. Gleichzeitig kehrt, wie das Beispiel der Plätze lehrt, das Verdrängte im Herzen der brandenburgischen Metropole wieder. Auch im Zentrum bildet sie Haufen, unorganisierte Agglomerate. Selbst der Weg vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz wirkt (nicht zuletzt wegen der nicht endenden Baustellen, die mittlerweile zum Inventar gehören) zugestellt und voller Gerümpel.

Die diesem Stadtbild entsprechende psychische Disposition ist die des mürrischen Provinzlers, der mit dem Rest der Welt nichts zu tun haben will. Schon Berlin ist ihm zuviel, von dem, was draußen ist, gar nicht zu reden. Die natürliche Sprechweise ist das Meckern. Er belfert vor sich hin, weicht nicht aus und kommt sich besser vor als andere. Gemeinschaften sind, wenn überhaupt, mafioser Natur. Man schließt sich zusammen um des wechselseitigen Vorteils willen. Wenn man dabei noch jemanden übers Ohr hauen kann, umso besser.

Auf den ersten Blick scheint sich dies in den Innenstadtbezirken anders zu verhalten. Hier regieren Kreativität, Toleranz, Kosmopolitismus, hier finden sich Enklavenstaaten und alternative Sozialstrukturen. Aber wie wirklich ist das? Sind es nicht die Erkennungszeichen einer bestimmten Schicht, die sich darüber ihre Zugehörigkeit wechselseitig bestätigt? Tolerant sind wir unter uns, in Zentralberlin und den entsprechenden Kneipen, auf den Festivals als erweiterten Familientreffen der Coolen. Es ist eine Kulturaristokratie. Sie ist weitgehend immun gegen die gesellschaftlichen Erfahrungen, die das Leben der meisten bestimmen, ein globales Dorf, das über den alten brandenburgischen Dörfern thront. Die Coolness, die hier herrscht, ist die verklärte Piefigkeit derer, die kein Interesse an der Welt haben. Gerade in seiner Glitzerspitze ist Berlin das, was zu sein es am meisten fürchtet: Provinz.

3 Kommentare zu „Berliner Wörterbuch – Buchstabe B“

  1. Lieber Wolfram, mach mit Deinem Berlin-Lexikon auf alle Fälle weiter! Du bist da an was dran, und die Lexikonform ist genau das, was Du brauchst, um die vielen disparaten Eindrücke unter die (Schein-)Ordnung des Alphabets zu versammeln – wie Roland Barthes mit seinen Fragmenten der Sprache der Liebe. Die Liebe ist so chaotisch wie Berlin. Kennst Du die Definition von „Weltstadt“ im Wörterbuch des Teufels? „Hochburg des Provinzialismus“. Ich bin gespannt, wie es mit Deinem Projekt weitergeht!
    Burkhard

  2. Lieber Wolfram, finde diesen Text sehr treffend, vor allem auch, was die großen Plätze angeht. Einen herzlichen Gruß aus einem Triest, wo die Stadtplaner leider auch die Gestaltung von Plätzen verlernt haben. Carl >

  3. „Die Coolness, die hier herrscht, ist die verklärte Piefigkeit derer, die kein Interesse an der Welt haben. “
    YES. Sehe ich genauso! Toleranz als verdeckter Klassismus. Ist oftmals in ihren Auswirkungen verheerender als Kompromisslosigkeit – in den Formen antiklassistischen Aufeinander-bezogen-Seins.

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