Das Elend der Philosophie

In Claudio Monteverdis letzter Oper, LA INCORONAZIONE DI POPPEA, tritt der Philosoph Seneca auf. Er war der Erzieher des in die Straßenprostituierte Poppea verliebten Nero. Mit allen Kräften (autoritäre, tief hinabreichende Bassstimme), versucht er den jungen Kaiser (jubilierender, hochbeweglicher Altus) davon zu überzeugen, seiner Leidenschaft zu entsagen. Den von AMOR Getriebenen ficht das nicht an. Kurz nachdem sich der stolze Philosoph beleidigt auf sein Landgut zurückgezogen hat und sich seiner Einsamkeit erfreut (das Scheitern seiner Ethik will er nicht mit ansehen), lässt Nero ihm den Befehl zur Selbsttötung zustellen; er kann den philosophischen Tugendbold nicht mehr ertragen.

Die Philosophie scheitert in dieser Oper noch ein zweites Mal. Der Gesang ratifiziert ästhetisch den Sieg Amors über Virtus. Was ist schöner als die beweglichen Koloraturen der Lebenden, die sich in gleicher Stimmlage umschnäbeln, dicht umeinander und einander zum Verwechseln ähnlich! IHR WERDET SEIN EIN LEIB: das machen die großen Duette dieser Oper vor. Dem hat die sonore Starrheit des Philosophen nichts entgegenzusetzen.

Anders als in Wirklichkeit stirbt Seneca nicht nach Jahren des Rückzugs wegen seiner angeblichen Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung, sondern besiegt von Eros, während ihm anders als in der wahrscheinlich legendenhaften Überlieferung in der Staatsoper Berlin ein dicker Blutstrahl aus der Schlagader schießt.

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