Berliner Wörterbuch – Buchstabe P

Punktsymmetrie.

Funktioniert nur selten, erlaubt aber interessante Vergleiche zwischen West und Ost. Aufeinander zu beziehen wären dann etwa die Zone von der Rummelsburger Bucht bis zum Müggelsee und das Gebiet zwischen Tegel und Spandau, von der sich weitenden Havel bis zum Tegeler See. Zwei Aggregatzustände des Kapitalismus, wie sie verschiedener nicht sein könnten:

Auf der einen Seite die Apotheose des Privateigentums, Neureiche, die auf abgesperrten Stegen vor ihre Jachten sitzen und gekühlten Weißwein trinken; nichts davon ist schön, bis auf den einen, einzigen Umstand, dass ich etwas habe, was die anderen nicht haben; Boot an Boot reiht sich und einig ist man sich durch den Ausschluss all derjenigen, die nicht ans Wasser dürfen. Über Kilometer geht das so und die wenigen freigebliebenen Stellen sind von einer Gastronomie appropiiert, die auf Coolness setzt -: zur Wahl stehen dabei das schiere Geld auf der einen Seite, teure Gerichte & glatte Möbel aus Metall; oder, auf der anderen Seite, die nicht weniger teuer zu bezahlende Aura, die den Berliner Slogan „Arm aber Sexy“ umgibt: weggeworfene Bierflaschen im Sand, ramponierte Liegestühle, aufwendige Cocktails.

Im Westen dagegen: „altes Geld“, das es noch nicht nötig hat, sich von den Aufsteigern und Empokömmlingen abzugrenzen; seiner selbst sicher, gewährt es der Öffentlichkeit Zutritt zum See; es gibt viele Badestellen und Anlegestellen; dicht und verwachsen sind die Gärten, die sich von den Villen zum Wasser ziehen und der Sozialstaat sitzt ihren Besitzern noch unter der Haut. Neben den Villen wurden Hochhäuser errichtet; weit geht der Blick von hier übers Wasser und die zu beneidenden Altmieter zahlen wahrscheinlich sogar eine noch vertretbare Miete.

Die Aufeinanderfolge von staatssozialistischer Parteidiktatur und einem Turbokapitalismus, der im Moment seines Siegs in die Krise geriet, die die Menschen auf die brutalen Reflexe von Selbsterhaltung und Distinktion um jeden Preis herunterbringt -: es hat der Osten krank gemacht. Der Westen wird nachziehen, kein Zweifel; im Verlauf von einer Generation wird das „innere Gemeinwesen“ rund um den Tegeler See zerstört sein und es wird wenig mehr bleiben als der Klassenkampf von oben, den man von Rummelsburg bis Köpenick beobachten kann und der immer weitere Teile der Gesellschaft erfasst.

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2 Kommentare zu „Berliner Wörterbuch – Buchstabe P“

  1. Etwas mehr Differenzierung wäre schön. Ich fahre frühmorgens mit der S-Bahn von Mitte zum Schlachtensee. Dort ist ein reines Badeparadies ohne jeden Eintritt. Rundherum ist wunderschöner Wald.
    Auch am Weißensee im ehemaligen Osten kann man frei baden.
    Muss man denn alles und jedes geradezu zwanghaft auf den Kapitalismus beziehen?
    Mit Grüßen aus einer Großstadt innerhalb einer herrlichen Seenlandschaft!.
    Ingrid Hudabiunigg

    1. Ich weiß nicht genau, was Du meinst. Ich habe keine Badeseen miteinander verglichen, sondern Gewässer, wo sich die Bebauung bis zum Ufer zieht und Boote im Wasser liegen. Was Du forderst, ist nicht Differenzierung, sondern ein anderer Text. Und was den Kapitalismus anlangt, so beziehe ich weder „alles“ auf ihn noch geschieht es „zwanghaft“. Vgl. den Text über EISLAUFEN. Aber Ehre wem Ehre gebührt: Du hast doch lang genug in Chemnitz gelegt; der Systemwechsel war eben nicht nur eine Befreiung, sondern auch ein pathogenes Trauma, auf das, weil es tabusiert wurde, nun der rollback folgt. Und beschädigt sind nicht nur die Verlierer, sondern ebenso die Gewinner.

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