Zwei Romantiker im 20. Jahrhundert

I Theodor W. Adorno

Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.“ (Minima Moralia)

Was für ein Text! Adorno, der Himmel und Hölle zusammentrommelt, „gar“ Französisch schreibt und nicht einmal davor zurückschreckt, den Anfang der Hegelschen Seinslogik zu zitieren, hätte bloß das machen müssen, was jedes Jahr Millionen von Touristen an der Adria und anderswo tun: Badehose an, sich eine Luftmatratze kaufen, und sich ein Weilchen auf den Wellen schaukeln lassen; den Himmel über sich, Wölkchen wie hingeschrieben, Kindergeschrei, das in dem Grade zurücktritt, in dem man eindämmert und der Zusammenhang der Gedanken loser und traumartiger wird, im Auf und Ab der Wellen als unwiderstehliche Verlockung das Verhältnis von Innen und Außen sich leise verschiebt. Ab und zu zieht man los, holt sich Pommes, die Kinder dürfen Eis bekommen, und seltsam schmeckt alles auf den ständig salzigen Lippen.
¶ Manches von dem gab es noch nicht, als Adorno die Minima Moralia schrieb. Aber ist das ein Einwand? Das zugrunde liegende Problem bleibt davon ganz unberührt: dass nämlich die Utopie, die der große Philosoph am Ende seines Durchgangs durch die Erfahrungen der Moderne entwirft, etwas vom kleinen Glück der Sommerferien hat, dass dieses empirische Fundament aber systematisch ausgeblendet wird.
¶ Deswegen produziert der Text schlechte Romantik. Er projiziert in ein Jenseits der Geschichte, was sogar an den Wochenenden einer Durchschnittsfamilie ständig passiert: Man geht in den Kleingarten, wirft den Grill an, brät in der Sonne, der Kasten Bier ist nicht weit und man lässt sich die gerade geernteten Stachelbeeren schmecken. Man fährt an den Badesee, schaut in den Himmel und lässt sich mit dem Schlauchboot treiben.
¶ Es sind die proletarischen Erfahrungen, die in sich auch den Keim der Utopie tragen, die Adorno erst der vollständig befreiten Gesellschaft zugesteht. Aber den ‚Knechten‘, die sowieso von der bürgerlichen Betriebsamkeit nur wenig wissen wollen, wird ihr Glück fortgenommen und, losgelöst von diesem Ursprung, ans Ende des Gesellschaftsprozesses gestellt. Vorher hat man es sich noch nicht verdient. Die bürgerliche Askese, der Produktionszwang und der schlichte Neid auf das Glück derer, deren Ausbeutung es dem Intellektuellen erlaubt, von aller materiellen Not einigermaßen frei zu sein, schlägt in diesem Vorgang durch, der im Grunde einer der symbolischen Enteignung ist.


II Gilles Deleuze

Eigentlich ist der französische Philosoph ein Romantiker. Das unendliche Geflecht von Differenz und Wiederholung, das er aus Nietzsche, Leibniz und Spinoza extrahiert und als die Wunschmaschinen der Psyche gegen die Verdrängungsschranken der rationalistischen, auf Identität und Gegensatz fixierten Philosophie zu rehabilitieren versucht, geht letztlich auf die Erfahrung der Natur diesseits und jenseits aller teleologischen und ästhetischen Urteilskraft zurück, die das, worauf es ankommt, bereits ordnen und systematisieren.
¶ Es ist so einfach, wird einem aber in dieser Philosophie unendlich schwer gemacht -: Ich gehe über ein von Herbstblättern bedeckten Waldweg – ich sehe unendliche Wiederholung, aber keine Gleichheit, keine Symmetrie. Die letzten Beeren hängen an den Büschen und produzieren ein unregelmäßiges Tapetenmuster. Selbst an dem Industrieweizen, der beim letzten Spaziergang noch stand und eine schräge Ebene bis zum Horizont bildete, finden sich nicht zwei gleiche Ähren. Ich stehe am Rand der Isar, sehe den Wellen zu, die sich an einem herausragenden Felsen brechen und vergesse die Zeit, weil alles ähnlich ist und verschieden -: Das Gleiche nochmal anders …
¶ Was uns an der Natur fasziniert, ist nicht so sehr die alle Menschenvernunft übersteigende Ordnung, es ist eine mit sich zusammenstimmende Unordnung, unendliche Vielfalt, unaufgelöste Ähnlichkeiten, die das Einzelne als Einzelnes bewahren und zugleich verschwimmen lassen. Es ist diese Unordnung der Natur, die Deleuze gegen den Rationalismus der europäischen Philosophie wendet. Aber er nennt das Kind nicht beim Namen. Er kann die Gegenmacht nur aus der Kultur selbst, durch den Rekurs auf Kunst oder apokryphe Traditionen innerhalb der Philosophie zur Geltung bringen. Nicht, dass er darin Unrecht hätte. Aber er verkennt, dass jene innerkulturellen Impulse Sachwalter des gesellschaftlichen Naturverhältnisses sind: Stellvertreter des Bildes, das eine Gesellschaft von ihrem Anderen, ihrer Außen oder Innenseite, entwirft. Verkennt Adorno das historische Moment, das seiner Utopie zugrunde liegt, so Deleuze, das natürliche, das in den Gegenkräften sich bekundet. Beides ist eine Form der Romantik, weil es am falschen Ort verklärt.

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