Brombeeren

für Lutz Graner

Giersch ist ganz gut. Aber am Ende doch auch nur ein Wort. Die Klanglandschaften, die Jan Wagner in seinem mittlerweile berühmten Gedicht gleichen Namens aufführte, ließen seine Leser, wenn sie denn diese Pflanze überhaupt jemals wahrgenommen hatten, ihre Gewöhnlichkeit vergessen.

Man muss mächtig übertreiben, um dem Giersch lyrische Dignität zu verleihen. Und immerhin, das kann Wagner wie kein zweiter –:

»giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch
geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt …«

Das klingt schon prima; das krabbelt, das gischtet und schäumt, dass der zivilisierte Westeuropäer geradezu Hautjucken bekommt. Aber im Ernst: so wild wuchernd, so ›aorgisch‹ das von Menschen Gemachte und Gebaute überflutend ist der Giersch gar nicht. Er ist ein einigermaßen harmloses, übrigens essbares Unkraut (schmeckt ein wenig wie Spinat und man kann es sich auf die Pizza legen), das meist im Wald wächst und vor dessen Vermehrungsfähigkeit der Gärtner sich nicht übermäßig zu fürchten braucht.

Nein, schlecht ist er nicht, der Giersch. Aber er hält nicht, was Wagner in seiner lyrischen Suite in rauschenden Assonanzen verspricht. So bleibt das bekannteste Gedicht des deutschen Buchpreisträgers von 2015 eine kunsthandwerkliche Meisterleistung, nicht mehr und nicht weniger: brilliant, kühl und selbstverliebt; ein verspieltes und bis an die Grenzen des Fassbarkeit gehendes Ornament; zu schön, um wahr zu sein, sitzt es genau an der Stelle, an der Süße in Zahnschmerzen übergeht.

Aber dennoch: etwas trifft dieses Gedicht doch. Es formuliert eine GUTE IDEE – und nachdem einmal klar geworden ist, dass die Pflanze, die dem Gedicht ihren Namen geliehen hat, sie nicht erfüllt, muss man nach der Idee Ausschau halten, die es tut und den von Wagner veranstalteten Klangbudenzauber doch nicht ganz müßig erscheinen lässt.

Ich meine: es ist die Brombeere.

Die Brombeere ist wild, wächst aber gerne in der Nähe von Siedlungen. Sie ist ein Gestrüpp des Stadtrands, das sich mit aller Macht in die Städte frisst. Wo man nicht Acht gibt oder wo man es sich leisten kann, etabliert sie Vorposten wuchernder Natur.

Sie ist widrig und kostbar. Undurchdringlich ihr Gestrüpp, die dichten Dornen halten den, der eine Haut hat, auf Abstand. So kennt man die typischen Brombeerpflücker: den Bauch eingezogen und den Körper zum Bogen gespannt, tasten sie vorgereckt nach den zunächst liegenden Früchten. Oder sie versuchen, sich zwischen zwei ausladenden Trieben durchzuwinden, um an die dahinterliegenden Früchte zu kommen. Ein, zwei falsche Bewegungen, es tut weh und die Kleidung ist im Arsch. Hineinzufallen und zu wissen, dass jede Regung wehtun wird, und dass man, wenn man sich verhakt hat, nicht durch Vorsicht heil davonkommt, sondern oft nur mit einem Gewaltakt –: das ist das Unbehagen, das man noch schmeckt, wenn die Frucht sich auf der Zunge löst.

Hat sich die Brombeere erst einmal festgesetzt, ist sie nur mit Maschinen zu entfernen. Überall sieht man sie, an Gleisrändern und Zäunen, die die Fabrikgelände umgeben, stachlig, ziemlich unschön, aber von einer Vitalität, der am Ende nichts widersteht, der grüne Sarg der verlassenen Häuser in der Provinz. Es scheint klar: Am Ende werden wir gegen die Brombeere verlieren. Dort, wo unsere Städte standen, werden sich riesige, rasch nach allen Seiten auswuchernde grün-silbrige Hügel mit rot-schwarzen Tupfen erstrecken. Denn ihre Blätter haben zwei Farben. Die Außenseite ist vom sattdunklen Grün des Sommers, die Rückseite silbrig-hell, so als würde das Licht sie nur selten erreichen. Wenn der Wind durchs Gesträuch fährt, pulsiert es wie ein ausgesetztes, bloßliegendes Organ.

Und wie wertvoll sind die Früchte der Brombeere! Vor allem aufgrund ihrer Farbe. Schwarz sind die außergewöhnlichen Früchte – selten, ausgesucht und auf schwer verständliche Weise verboten. Bekamen wir Weingummis, drehte unser Streit sich vor allem darum, wie sich die schwarzen Früchte (Brombeere, schwarze Johannisbeere … mit Einschränkungen, Heidelbeere) gerecht aufteilen ließen. Der Geschmack spielte nur eine untergeordnete Rolle. Was zählte, war Erlesenheit.

Die Brombeere hat ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Nur einen kurzen Moment der Reife sind die Früchte genießbar. Davor sind sie schmerzhaft sauer, danach geht die Süße schon ins Faulige und leicht Übelkeit Erregende über. Auf 10 Früchte kommen acht saure und eine überreife. Und es zählt nicht nur die Farbe. Ob die Frucht genießbar ist, hängt davon ab, wie weich sie ist. Das lässt sich nur ertasten. Die richtigen fallen mit leichtem Druck ab und landen in der Hand. Immer nur einzelne Beeren erreichen diesen Grad der Vollkommenheit. Der Schatten eines einzigen Blattes reicht aus, um die Früchte in unmittelbarer Nachbarschaft noch lange grün sein zu lassen. Immer und immer wieder muss man wiederkommen, um die Brombeeren abzuernten, deren Zenit erreicht ist. So stehen die Brombeeren für den Moment, den flüchtigen Kairos und für das lange Ende des Sommers – bis weit in den Herbst, wenn von allem nur die vertrockneten Blütenstände übrig geblieben sind.

Die besten sind sowieso nicht zu erreichen. Hochauf liegen sie in der Mitte der gewaltigen Gesträuche, unzugänglich auch für die meisten Vögel. Sie locken verführerisch von der anderen Seite des Bahndamms, es ist verboten, ihn zu überqueren und der Bahnsteig ist voller Menschen. Dort aber ist alles schwarz mit der fetten, fleischigen Frucht und man hofft darauf, nicht nur einzelne Beeren zu ernten, sondern sich den Mund übervoll zu stopfen, bis der schwarze Saft vorn herausläuft.

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4 Kommentare zu „Brombeeren“

  1. Der nächste Beitrag wird dann das implizit versprochene bzw. angedrohte Brombeergedicht, dürfen wir hoffen? Bis dahin suche ich Rezepte mit Giersch und Brombeeren, aber im ersten Versuch fand ich überhaupt nur ein gemeinsames Vorkommen innerhalb eines Satzes: „Ansonsten wagen Giersch oder Brombeere immer gerne einen Versuch, wieder aufzuwachsen.“ Vielleicht hatte Wagner doch nicht ganz so unrecht. Ansonsten glaube ich mich zu erinnern, dass die roten Weingummis die attraktivsten waren. Da muss ich wohl noch tiefer graben bis zu irgendeiner konkreten Verteilungssituation mit dir …

  2. Vor einiger Zeit habe ich einmal in einem Radiobeitrag gehört, dass die – für Darwin so inspirierenden – Galapagosinsel an Brombeeren ersticken drohen:

    „In den Hügeln über der Hafenstadt Puerto Ayora gehen Ranger des Nationalparks mit ihren Macheten gegen einen der zähesten ‚Invasoren‘ der Galapagos-Inseln vor. Die Brombeere. Mit Touristen und Siedlern kam sie auf die Insel. Jetzt breitet sie sich immer weiter aus und bedroht die einmaligen Scalesia-Wälder auf Galapagos. Die Scalesiapflanzen bilden die Lebensgrundlage in dieser Inselhöhe und gehören zur Familie der Gänseblümchengewächse. Auf Galapagos wachsen ihre dünnen und brüchigen Stämme bis zu sechs Meter hoch. Der dichte Brombeerteppich erstickt nun großflächig die Pflanzen und verhindert die Regeneration des Waldes nach den regelmäßig auftretenden Winterstürmen. ‚Deswegen hat man heute angefangen diese Wälder von der Brombeere wieder zu befreien und versucht sie mit Herbiziden auszurotten oder auch mit mechanischen Mitteln, also der Machete. Aber das ist ein ziemlicher Kampf und eigentlich kann man botanisch besser davon sprechen, dass man die Pflanze nicht mehr ausrotten kann, sondern nur kontrollieren kann. Also wenn man die Pflanze kontrollieren könnte, wäre damit sehr viel gewonnen.'“ https://www.deutschlandfunk.de/kampf-um-galapagos.676.de.html?dram:article_id=26485

    Erst Galapagos, dann die Menschheit? Die dystopische Endzeit wird vielleicht keine der Zombies, sondern eine der Brombeere sein. Wenigstens würden wir dann mit übervollen Mündern verenden, bis der schwarze Saft vorn herausläuft.

    Dennoch, ich gebe zu, ein Brombeerfan zu sein. Nichts verkörpert für mich besser das, was Deleuze das Rhizom nennt. Denn sie können ihre Zweige als Ausläufer in den Boden absenken und als Sprossachsen neu wurzeln. So verbreiten sie sich sowohl ober- als auch unterirdisch. Wenn sie auf der einen Seite absterben oder vernichtet werden, breiten sie sich auf der anderen aus. Auf diese Weise bewegen, laufen Brombeersträucher gleichsam durch die Botanik. Zudem sind sie Spreizklimmer und kommen überall hoch und durch. In unserem Garten pflegen wir ein instabiles Gleichgewicht, sie sind überall. Dann und wann schneiden wir etwas weg. Woanders kommt es nach. Manchmal sehr weit weg vom Hauptgeflecht. Erstaunlich wie weite Strecken eine Sprossachse zunächst unterirdisch weglegt, bevor sie sich wieder an die Oberfläche bohrt. Das hat auch etwas maulwurf- oder wühlmausartiges. Und doch findet man ein Auskommen mit dem Gestrüpp wegen der süßen Beeren, die vom ersten Moment an überzeugen. Die Kinder lieben sie von der ersten Beere an, die sie essen. Danach können sie nie mehr genug bekommen. Nur die Stacheln versperren Schlaraffia.

    1. Ja. Die Brombeere ein Teil der „dunklen Seite“, wie es in ‚Stranger Things‘ genannt wird – des Unbewussten, des Totenreiches und der Vorgeschichte. Kafkas Räume, rhizomatisch sich organisierend, sind Unterwelten. Ich versuche mir vorzustellen, was Du beschrieben hast: die im Dunklen dahinschießenden Wurzelkanäle, sich mit einer Raschheit verzweigend und vermehrend, die ihrem oberweltlichen Wachstum ebenbürtig ist. Noch in der leicht bitteren Süße der Früchte, die man den Zuchtsorten mit den Stacheln ausgetrieben hat, schmeckt man das.

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