Beobachtungen in Venedig

1

So lange steht diese Stadt nun schon, zerbrechlich und auf flüssigen Fundamenten. Alles wirkt so, als könnte es jeden Augenblick hingwegespült werden, ein Traum, ein luftiges Gebilde menschlicher Hybris. Aber die Menschen, die das bauten, waren keine Träumer, sondern praktisch gesonnene Kaufleute, Politiker und Machtmenschen; Menschen, bei denen man, wenn man sie mit den heutigen Exemplaren dieses Typs vergleicht, sich fragt: Ist ihnen die Schönheit einfach passiert? Wie kann Geld so schön sein? Die am Canale Grande gelegenen Häuser scheinen zu schweben; etwas Unirdisches umgibt sie, jeden Moment könnte es zu Ende sein; eine Frau gießt die Blumen ihres Balkons, der sich nur einen Meter über der Wasseroberfläche befindet, grün und voller getrockneter Algen ist sein Fuß und beim nächsten Hochwasser wird nichts von alledem mehr zu sehen sein. Das Wasser, das sonst beim Hausbau gescheut und um jeden Preis gemieden wird – hier ist es, nolens volens, Bundesgenossin; wer so lebt, denke ich mir, muss weniger Angst vor Schmutz, Fäulnis, grenzüberschreitender Verunreinigung haben; das Naturverhältnis des Lebens ist ein anderes. Aber wahrscheinlich ist das nicht richtig; die Menschen wirken nicht so.

2

Stadt der Kinder. Hier, auf der isola, wo alle zu Fuß gehen, sind die Kinder im Vorteil. Zumindest wenn sie streunen dürften, kennen sie die Stadt wie kein Erwachsener: Schleichwege, Abkürzungen; Wege übers Dach, von Haus zu Haus über schmale Gassen, die sich überspringen lassen; modrige, seit Jahrzehnten unbenutzte und der Aufmerksamkeit der Erwachsenen entschwundene Kellerräume; Verfolgungsjagden über Stock und Stein, durchs Wasser und durch die Luft; Verstecke und verborgene Winkel, die niemand kennt außer uns. Die Luft summt von erzählten und unerzählten Geschichten; weniges davon ist real ( – obwohl: Casanova …), aber die Phantasie, das, was sein oder gewesen sein könnte, hat einen eben so großen Anteil an der Wirklichkeit dieser Stadt wie das, was sich mit Händen greifen lässt.

3

Der Verfall ist allgegenwärtig. Von vielen Häusern sind nur die oberen Stockwerke bewohnt; die Feuchtigkeit hat den Putz bis zur zweiten Etage zerstört; darunter erscheinen bleiche und rissige Ziegel, lose wirken sie aufeinander gesetzt und man wartet darauf, dass das alles geräuschlos in sich zusammensinkt, wie eine Sandburg von der kommenden Flut mit zwei, drei Wellenstößen dem Erdboden gleichgemacht wird. Alles, was hier renoviert werden kann, hält sich im hoffnungslos Provisorischen; der an der Hauswand aufgebrachte Putz blättert an der entgegengesetzten Seite schon wieder ab; überall hängen Kabel heraus, flüchtig und pragmatisch miteinander verbunden; selbst die repräsentativsten Häuser wirken bei näherem Hinsehen heruntergekommen, und wenn man neben und hinter die Fassaden schaut, wird es noch schlimmer. Niemand kommt hinterher; großes Gerät kann bei den Renovierungen nicht eingesetzt werden, die Arbeit der wenigen Hände ist dem Zugriff des Verfalls nicht gewachsen. So ist die Stadt seit Jahrhunderten ein einziges memento mori – Kehrseite der Neuzeit, die den Fortschritt erfand und den Kapitalismus als mächtigstes Mittel seiner Durchsetzung. Während der Rest Europas zu neuen Ufern aufbrach und von der Zukunft träumte, versank Venedig in den Dornröschenschlaf fortschreitenden Verfalls.

Jetzt macht es mit diesem kühlen Reiz seine letzten Geschäfte. Für die Touristen bündelt Venedig die Untergangsphantasien, die unsere Kultur begleiten; man kann auf sie, als isolierte Allegorie, mit dem Finger zeigen, sich damit identifizieren, oder beides; eine Stadt, die alles enthält, was wir sind; wie eine Schneekugel, die, so glaubt man, das Geheimnis unseres Lebens enthielte.

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