Historische Anamnesis

Beschreibungsversuch mit offenem Ausgang

In den rechten Demonstrationen der letzten Tage gibt es eine Konstante. Das ist der brutale Hass auf die Medien. Die werden in keiner Weise als eigenständige Kraft wahrgenommen, sondern einzig und allein als propagandistisches Mundstück einer Politik, die sich von den Bürgern entfremdet hat. Das erinnert an die mittleren und späten 1980er Jahre in der DDR, die sich hier in einer Art historischer Anamnesis über die Wahrnehmung der Gegenwart schieben, in der man den Medien (nach meiner Einschätzung) zwar systembedingte Strategien des Realitätsverlust vorwerfen kann, nicht aber Propaganda im eigentlichen Sinn. Genau das aber war damals der Fall und bestimmt die Wahrnehmung heute. Für die Demonstrierenden bei AfD, Pro Chemnitz und Co. sind Presse-, Rundfunk- und Fernsehteams die unmittelbaren Vollzugsorgane einer Politik, von der sie sich verachtet fühlen, und die ihnen oft genug dazu Anlass gegeben hat. Deswegen die massiven verbalen und körperlichen Angriffe, deswegen die Zerstörung von Kameras, deswegen das Überschreien der Berichterstattung in jeder Form.

Adam Soboczynski hat schon im Februar 2016 darauf hingewiesen, dass sich die Zeiten und Epochen in Ostdeutschland auf eine seltsame Weise überlagern, dass zwischen der SED-Parteispitze, die vom nächsten Fünfjahresplan und der internationalen Solidarität faselte und deren einzige Aufgabe darin bestand, eine zerfallende Gesellschaft schönzureden, und den Berliner Politikern, die mit ihren abstrakten Losungen einer offenen und demokratischen Gesellschaft den gefühlten oder realen Niedergang ebenfalls schönreden, in der Wahrnehmung kaum noch ein Unterschied gemacht wird.[1] Nur durch diese Verwechselung ist es zu erklären, dass sich die neue Rechte im Osten von Anfang an als Wiederkehr von 1989 inszenierte („Wir sind das Volk!“; „Wir haben 1989 Revolution gemacht, und das machen wir jetzt wieder!“[2]) und dass sie, zweitens, im Moment hier noch deutlich mehr Durchschlagskraft hat als im Westen. Kollektive Erinnerungen spülen an die Oberfläche und treiben das ganze voran, die Agonie der DDR liefert das Vorbild für den gegenwärtigen Zustand.

Der Grund für diese unkontrollierte Wiederkehr ist zunächst leicht zu benennen. Es wurde zu wenig gesprochen, zu wenig ernst genommen, zu wenig zugehört und zu wenig erzählt; und wenn man das tat, dann blieb man unter sich. Es klingt banal und selber schönrednerisch, aber nur, wenn man die Vergangenheit genau erfasst und in einem öffentlichen Klima, dass es begünstigt hätte, beschrieben hätte, könnte man sie jetzt von der Gegenwart unterscheiden.

Die Konzentration auf rein ökonomische Prosperität auf der einen Seite, das umfassende Desinteresse des Westens an allem, was den Osten betrifft, auf der anderen Seite, haben das verhindert. Das sächsische Wirtschaftswunder nach 1989 entspricht den westdeutschen Wirtschaftswunder nach 1945. Dieselbe Fixierung auf Ökonomie, dasselbe Weiterleben alter Verwaltungsstrukturen und -mentalitäten, dieselbe staatlich geförderte Verdrängung der Vergangenheit, dasselbe Misstrauen gegen Formen demokratischer Kultur von unten (für ja im Westen auch erst 68 den Durchbruch brachte). Der Unterschied ist, dass es hier nicht so gut gelaufen ist, weil es mit dem Abbau des Sozialstaats historisch zusammentraf und die Prosperität, die man sich erarbeitet hat, wenig gesichert scheint. Wenn sich das wiederum mit jahrzehntelangen Erfahrungen der Entwertung verbindet, dem Gefühl also, von einem Teil der westdeutschen Bevölkerung gemieden zu werden, kulturell und wissenschaftlich unterversorgt zu sein (man vergleiche die Universitätssdichte in West und Ost, betrachte die Zusammensetzung ihrer Führungsriege; bis heute gibt es kein psychoanalytisches Ausbildungsinstitut auf dem Gebiet der ehemaligen DDR; man betrachte die Infrastruktur, Ärzte- und Krankenhausdichte etc.), dann kehrt das Verdrängte irgendwann wieder und sprengt die Gegenwart weg.

Dieser Analyse greift übrigens, wenn ich richtig sehe, nicht für die strategische orientierte Führungsriege der AfD und der ihr nahestehenden Bewegungen. Sie arbeiten damit als einem Druckmittel, um an die Macht zu kommen. Und auch das ist kein kurz gedachter Prozess. Das nächste Ziel ist es, in den drei Landtagswahlen des nächsten Jahres zur stärksten Fraktion zu werden. In Sachsen stehen die Chancen relativ gut, dass es so kommen wird. Wenn das aber passiert, ist es für die Partei eine Win-Win-Situation. Wenn sie die Regierung übernimmt, sowieso. Wenn ihr der Griff nach der Macht durch welche abstruse Koalition auch immer verweigert wird, wird es die Wähler noch wütender machen. Auch hier wieder eine historische Anamnesis mit fatalen Konsequenzen: Egal was man wählt, am Ende regieren immer dieselben. Dem Endziel einer Machtübernahme kommt man damit jedenfalls ein gutes Stück näher.

Nachweise:
[1] https://www.zeit.de/2016/10/osten-sozialismus-fluechtlinge-rechte-gewalt
[2] Beginn der Dresdner Inszenierung von „Graf Öderland“ von Max Frisch – unter dem Titel: „Graf Öderland – Wir sind das Volk“. Anfangschor, zusammenmontiert aus Dresdner Pegida-Texten.

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2 Kommentare zu „Historische Anamnesis“

  1. Die klügste Analyse der Situation, die ich bis jetzt gelesen habe. Warum schaffen das die Politiker von CDU/SPD/Die Grünen nicht?
    Ingrid

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