Sprache und Wirklichkeit

Die Form, in der sich der Ministerpräsident des Landes Sachsen, Michael Kretschmer, und der Verfassungsschutzpräsident des Bundes, Hans-Georg Maaßen, der Wirklichkeit stellen, ist die reine, fürsichstehende Negation.

„Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd, keine Pogrome“,

sagte Kretschmer in seiner Regierungserklärung vom 6.9.2018. Und Maaßen ließ gegenüber der Bildzeitung verlauten:

„Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt“. „Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben.“

Ja geschenkt, über Begriffe kann man sich bekanntlich streiten. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass sich die politische Kaste darauf beschränkt, zu sagen, was es nicht war, aber gänzlich auf eine Beschreibung dessen verzichtet, was es denn nun war.
Torsten Kleditzsch, der Chefredakteur der Chemnitzer Freien Presse, hat genau das versucht, mit dem bekannten Ergebnis, dass er den Begriff Hetzjagd für unangemessen hält:

„Es gab aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten. So wurde Menschen über kurze Distanz nachgestellt. Insofern wäre der Begriff ‚Jagdszene‘ noch gerechtfertigt. Eine ‚Hetzjagd‘, in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben, haben wir aber nicht beobachtet.“

Man muss nicht zu diesem Ergebnis gelangen, aber die Erklärung, die er am 30.8.2018 in seiner Zeitung veröffentlichen ließ, ist redlich in dem Sinne, dass sie sich um eine Beschreibung des von ihr bezeugten Sachverhaltes bemüht – eine Beschreibung, die mehr ist als ein Wort, die aus Sätzen und Satzzusammenhängen besteht, die letztlich die Basis bestimmter Begriffe bilden. Wenn sich die Politiker in ihren offiziellen Verlautbarungen diese Mühe nicht machen und vor einer aneignenden Darstellung der Wirklichkeit kapitulieren, hat das mehrererlei zur Folge:

  • Es eröffnet für das, was war, einen unkontrollierten Deutungsraum, trägt zur Polarisierung bei und überlässt im konkreten Fall das Feld all denen, die daran interessiert sind, die Ereignisse zu verharmlosen. Dann war also gar nichts? Oder war, wie Maaßen insinuiert, das im Internet kursierende Video (welches?) eine „gezielte Falschinformationen“. Das setzt sich freilich darüber hinweg, dass sich Kleditzsch in erster Linie auf Augenzeugenberichte beruft und die Videos lediglich als zweite Quelle heranzieht: „Wir kennen auch kein Video, das eine solche Szene dokumentiert.“
  • Es verstärkt den allgemeinen Eindruck, dass die Politiker sich vor der Wirklichkeit drücken; dass sie sich nicht mit ihr konfrontieren, geschweige denn sie durch politisches Handeln ändern wollen, sondern dass ihre Autorität sich auf Beschönigung oder zumindest Beschwichtigung beschränkt.

Einer der immer wiederkehrenden Vorwürfe an die sogenannte liberale Elite lautet bekanntlich, dass Sie ihr politisches Handeln auf Sprachregelungen beschränkt. Inklusive Schreibweise statt Kampf für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen; Losungen der multikulturellen Gesellschaft, die sich um die Probleme vor Ort nicht schert; studentische Initiativen (die schnell auch zur Elite geschlagen werden), die angeblich rassistische Texte aus dem Kanon nehmen möchten, aber gedankenlos darüber hinwegsehen, dass in der Mensa zu 90% Menschen südosteuropäischer oder afrikanischer Herkunft eingestellt sind.

Im Zentrum dieser Vorwürfe steht die Verwechselung von Sprache und Wirklichkeit. Man glaubt wirklich, man habe etwas verändert, wenn man auf die richtige Weise darüber redet. Und so wird als Intention hinter den bloß negierenden Sprachverhalten der Politik zu den Vorfällen in Chemnitz ein apotropäischer Gestus erkennbar. Man will einfach nicht, dass es ist, man will es weg haben, man will es sprachlich verhindern und dadurch, dass man nur sagt, was es nicht war, in toto aus den Köpfen löschen.

 

 

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „Sprache und Wirklichkeit“

  1. Das Falsche im Falschen ist falsch.
    Was Richtiges beginnen!

    „Ja“ sagen.
    Die Dinge benennen, kenntlich machen, ergebnisoffen: ergebnisORIENTIERT vor Augen führen und auf dieser Grundlage verhandeln: TÖDLICH DEM MENSCHEN IST DAS UNKENNTLICHE.
    Wenn die Augen weh tun, wenn sie sehen, was sie sehen, hat man nicht das Recht wegzuschauen, sondern den Auftrag, was zu machen, dass es ihnen wieder gut geht.

    DIALEKTISCHE Verneinung ist eine Funktion im Dienste der Bejahung. Diese gilt es, nicht aus den Augen zu verlieren; sie will – ganz so wie der schmerzhafte Blick – gewagt sein: YES.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s