Historische Anamnesis II

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Markt in Plauen, Vogtland

Am 18.9. stand in der Chemnitzer Morgenpost, bzw. in tag24, dass Plauen die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in ganz Deutschland Plauen sei. [1] Dasselbe Plauen, in dem „Der III. Weg“ am Abend der Chemnitzer Demonstrationen vom 1.9. 800 Bürger rekrutierte, die gegen „Überfremdung“ und „Umvolkung“ auf die Straße gingen? [2]

Es geht, selbst wenn man ein gewisses Misstrauen in solche Erhebungen einrechnet, den Plauenern offensichtlich nicht schlecht. Das legt den Schluss nahe, dass sie und die vielen anderen, die in den letzten Jahren gegen die Flüchtlinge auf die Straße gingen, vor allem davor Angst haben, dass sich daran etwas ändert. Hinter den Migranten steht eine andere Welt, die Menschen haben eigentlich nicht vor ihnen Angst, sondern vor etwas, wofür sie stehen, etwas, das sie bloß chiffrieren. Sie sind ein Sündenbock, auf den Konflikte projiziert werden, für die er selbst gar nicht oder nur zu einem ganz geringen Teil verantwortlich ist.

Was aber steht dahinter? In dem von Jana Hensel und Wolfgang Engler verfassten Gesprächsband „Wer wir sind: Über die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ vertritt Jana Hensel die Ansicht, dass der „Brandherd“ des Volkzorns, die verborgene Triebkraft hinter den populären Ausläufern der neuen Rechten der Ost-West-Konflikt sei. [4] All das, was in der Nachwendezeit schief gegangen ist, habe diesen Konflikt immer weiter geschürt, der sich nun nach 30 Jahren voller Angst und Hass entlade. Das meint: Sie schlagen die Flüchtlinge und meinen den Westen.

Mit knapper Not ist man aus der großen „Überfremdungs“-Erfahrung der Nachwendezeit herausgekommen, begleitet von zahllosen Demütigungen, die bis heute nachwirken: ungerechtfertigte Betriebsschließungen, Desinteresse, Herablassung, Ausbeutung und Entwertung des „Bürgers“ zum „Transferempfänger“. [4] Jetzt folgt der nächste Streich, die nicht bloß ökonomische, sondern kulturelle Anpassung an den „Westen“.

Nicht allen, die sich Pegida angeschlossen haben und mit Pro Chemnitz demonstrieren, werden davon angetrieben sein. Vor allem, was die rechtsradikalen Kader betrifft, die diese Volksbewegung nutzen, liegt der Fall wohl anders. Sie scheinen tatsächlich von faschistischen Grundüberzeugungen angetrieben zu sein. Aber für viele, die sich ihnen angeschlossen haben, gleichzeitig aber mit höchster Empörung (aus der zuletzt noch die antifaschistische DDR-Sozialisation spricht), zurückweisen, als „Nazi“ bezeichnet zu werden, sitzt das Ressentiment gegenüber dem Westen sehr tief. Die mit den Flüchtlingen hauptsächlich verbundene Angst besteht darin, so zu werden wie der Westen.

Im »Sachsengespräch« am 17.9., in dem die Sicherheit in Chemnitz im Mittelpunkt stand, sagte jemand (wie ich aus dem Westen kommend, aber schon lange in Chemnitz lebend), dass er die Leere als das eigentliche Problem der Chemnitzer Innenstadt empfinden würde. Ab 20:00 Uhr könne man froh sein, wenn man überhaupt jemandem begegne. Darüber hinaus wäre die Innenstadt natürlich auch sicherer, wenn außer den Gruppen von ausländischen Jugendlichen überhaupt noch jemand anders auf der Straße sei. Daraufhin erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der in den Satz gipfelte: „Wir müssen arbeiten!“

Die Diskussion brach dann ab. Sie setzte sich aber in meinem Kopf so fort, dass das natürlich auch für die Einwohner von Karlsruhe und Bielefeld gilt, die ja nicht per se auf der faulen Haut liegen, wo der Tourismus sich in Grenzen hält und trotzdem die Innenstädte nicht in diesem Grade verödet sind. Wenn ich das aber gesagt hätte – so setzte meine Fantasie sich fort (die Diskussion selber war schon wieder an einem anderen Punkt angekommen) -, hätte es die Stimmung mutmaßlich noch mehr vergiftet. Denn darum ging es ja gerade: Wir wollen nicht sein wie Karlsruhe oder Bielefeld; wir wollen nicht werden wie der Westen; nach Jahrzehnten der Entfremdung wollen wir unter uns bleiben, es soll hier nicht aussehen und zugehen wie in den westdeutschen Großstädten, in denen das, was wir gerade zu verhindern versuchen, an der Tagesordnung zu sein scheint. Der polemische Sammelbegriff für all das ist „linksgrünversifft“: irgendwie anrüchig, tendenziell faul, queer, offen, multikulturell, unberechenbar und in verdächtiger Weise „kreativ“. Und wenn gefordert wird, die Grenzen dichtzumachen, oder Sachsen von der Bundesrepublik abzutrennen und an die Visegrad-Staaten anzuschließen [5] -: kehrt da nicht auch, vermittelt über viele Ecken und psychohistorische Seitenwege, das Bild des „antikapitalistischen Schutzwalls“ wieder, den man sich im Grunde zurückwünscht, ohne es deutlich aussprechen zu können?

Die Angst vor dem ‚da drüben‘, der Hass auf die dort vermutete Dekadenz sind jedenfalls groß. Als bei demselben Sachsengespräch am letzten Montag Innenminister Wöller erklärte, dass die personelle Aufstockung bei der Polizei erst ab dem Beginn des nächsten Jahres greifen würde – bis dahin habe man sich zunächst mit einem Überhang an Pensionierungen – herumzuschlagen, brach es aus jemandem heraus: „Wie lange wollt ihr denn noch warten – das sind Monate, da geht hier alles unter!“ Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, und vereinzelt wurde im Publikum auch darüber gelacht. Aber aus dem, was er rief, sprach reale, im Grunde an Panik grenzende Angst.

Ich finde es richtig, politische Forderungen zu erheben, die eine sozialere, rationalere und verständlichere Politik in den Mittelpunkt stellen. Es scheint mir kurzfristig auch die einzige Möglichkeit zu sein, den nächsten anstehenden GAU zu verhindern, nämlich einen Durchmarsch der AFD bei der nächsten Landtagswahl. Das im weitesten Sinne kollektivpsychologische Moment aber, das mir, je länger ich darüber nachdenke, für die Entwicklung hier eine schlechterdings zentrale Rolle zu spielen scheint, ist damit im Grunde  noch gar nicht berührt. Und ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht so recht, wie man es anfassen kann.


Nachweise:

[1] https://www.tag24.de/nachrichten/plauen-sachsen-vogtland-diese-region-hat-die-hoechste-lebensqualitaet-deutschlands-786234

[2] https://www.endstation-rechts.de/news/starker-zulauf-fuer-neonazi-demo-in-plauen.html

[3] Jana Hensel / Wolfgang Engler, Wer wir sind: Über die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Kindle-Ausgabe, Pos. 1154 {Hensel].

[4] Ebd., Pos. 1195 [Engler].

[5] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/pro-chemnitz-gruender-mit-ungarn-mehr-gemein-als-mit-den-wessis-15764146.html

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Ein Gedanke zu „Historische Anamnesis II“

  1. Das ist eine Nachricht aus Bielefeld, der Stadt, die -so im Blog angegeben – nächtens nicht so verödet ist wie Chemnitz. Vielleicht nicht überall so verödet, aber sicher auch nicht, wie ich es gerade bei einem abendlichen Besuch bei Freunden erleben musste. Ein Polizeibeamter sagte mir privat, dass rund um den Bielefelder Kesselbrink no-go- areas sind, in die auch ein Ordnungshüter sich nur mehr im Polizeifahrzeug wagt. Wie weit die Migranten der letzten Jahre an diesen Zuständen des Kontrollverlusts des Staates ursächlich beteiligt sind, kann ich nicht unter Heranziehung irgendwelcher Statistiken sagen. Aber es ist auch nicht nur ein „Gefühl“, welches immer wieder angeführt wird, um von den tatsächlichen Gewalttaten abzulenken. Es wäre schön, wenn die Hauptstrommedien mal ihrer Informationspflicht nachkommen würden und nicht derart tendenziös beschönigen, wenn wieder ein Messerangriff tödlich endet. Das politische und mediale Affentheater , das um einen Kommentar zu einem verwackelten 11-Sekunden Video aufgeführt wurde, sollte wohl von der Tatsache des Verbrechens und des Versagens der Behörden bei der Abschiebung eines abgelehnten Asylbewerbers ablenken, oder?

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