Warum »nationaler Sozialismus«?

III. weg 1 mai chemnitz-5

Wenn der Ost-West-Konflikt, wie nun immer deutlicher wird, die treibende Kraft in der neuen rechten Bewegung ist, die im Osten immer mehr Boden gewinnt [1]: Warum – naive Frage! – richtet sich die Sehnsucht nicht auf die verlorene DDR? Warum steht im Zentrum der rechtsradikalen Forderungen ein Begriff, der langsam aber sicher seine Anrüchigkeit verliert und aus extremen Gruppierungen wie dem (hier zu sehenden) III-Weg in breitere Bevölkerungsschichten diffundiert: »nationaler Sozialismus«? Man muss feststellen: Die Forderung nach einem nationalen Sozialismus ist ein geringeres Tabu als die Forderung nach einer Wiederkehr der DDR. Im Grunde ist das erstaunlich, denn wenn man Verbrechen und  und Verdienst des NS und der DDR miteinander vergleicht, sieht es für die DDR unbedingt besser aus. Warum also der Rückgriff aufs tabuisierte Vorgestern?

Es scheinen zwei Gründe dafür ausschlaggebend zu sein: sehr verschiedene Gründe, die sich jedoch wechselseitig ergänzen.

Erstens war die DDR eine Gesellschaft, in der Ausbeutung im internationalen Maßstab nur eine geringe Rolle spielte. Verglichen mit dem Kolonialismus von früher, verglichen aber auch mit dem Ausmaß, in dem heute die Siegerstaaten des global agierenden Kapitalismus alle anderen Länder niederhalten, ausbeuten und ökonomisch über den Tisch ziehen, war die DDR harmlos.

Es glauben aber jetzt immer weniger Menschen daran, dass eine solidarische Welt ohne Ausbeutung, in der es gerecht zugeht und in der die Menschen vom gemeinsamen Reichtum etwas abbekommen, überhaupt noch möglich ist. Sie fragen sich: Ist es vielleicht nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf? Ist ein Fortschritt der menschlichen Gattung wirklich noch zu erwarten? Wahrscheinlicher wirken im Moment: Niedergang, mafioser Zerfall und eine unaufhaltsam auf uns zurollende ökologische Katastrophe. Dieses Grundempfinden haben die beeindruckenden, aber untergründig hysterischen Proteste im Hambacher Wald und die neue rechte Bewegung nach meinem Eindruck miteinander gemeinsam.

Wenn das aber so wahrgenommen wird: ja – dann können wir unser Heil nur in der weiter fortgesetzten, ja radikalisierten Ausbeutung finden; genau wie der historische Nationalsozialismus, der es durch die Rassenlehre von Herren- und Sklavenvölkern untersetzte. Dann müssen wir uns abschotten, eine europäische gated community der (noch) Privilegierten bilden und die anderen für uns arbeiten lassen. Wie rassistisch im strengen Sinne die neue Rechte, wenn man von den harten Kadern absieht, wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Aber am Kern einer rücksichtslosen Ausbeutung plus nationalen Protektionismus führt aber nichts vorbei. Denn es ist die einzige Möglichkeit, in einer Welt, in der nicht genug für alle da ist und mit der es scheinbar bergab geht, das, was man noch hat, zu sichern. Und genau in dieser Hinsicht erscheint der NS vielen Menschen illusionsloser als der untergegangene sozialistische deutsche Staat.

Zweitens: Der Nationalsozialismus ist böse, die DDR lächerlich. Überspitzt gesagt: Nicht mal als als »Unrechtsstaat« hat es die DDR besonders weit gebracht. Sie ist – trotz Bautzen, trotz der allmächtigen Staatssicherheit, trotz der Toten und ruinierten Existenzen – in der Wahrnehmung des Westens irgendwie kleinbürgerlich und kleingärtnerisch geblieben. Damit verglichen ist der NS von dämonischer Größe. Er hat das Format des großen Verbrechers, mit dem man sich leichter identifiziert als mit dem Kleinkriminellen. Auf diesem lastet eher das Gefühl der Scham. Scham aber ist gattungsgeschichtlich sowohl als auch in der Entwicklung des Einzelnen viel älter, stärker und robuster als das Konzept der Schuld. Es liegt tiefer und die von ihm errichteten Verhaltenshürden sind sehr viel schwerer zu nehmen

Für mich war es immer sehr eigenartig, dass die DDR nach der Wende zum Gegenstand des Spottes wurde. Man kennt das: die Mode, das Piefige, die im Westen als exotisch wahrgenommenen Begriffe, die ebenfalls irgendwie kleinkariert und provinziell wirkten, der Dialekt, bzw. die Dialekte, die Marken und Markennamen: all das verfiel der Lächerlichkeit. Jana Hensel beschreibt diese komplett neurotische Situation für die neunziger Jahre sehr klar: »so lief die Bildmaschine in meinem Kopf ständig, scannte alles um mich herum und registrierte die Gesten, Begrüßungsfloskeln, Redewendungen, Sprüche, Frisuren und Klamotten meiner westdeutschen Mitmenschen.« Die Sache mit der Kleidung hat sich im Großen und Ganzen wohl erledigt. Aber vieles andere ist geblieben, worin es zu kultureller Gleichberechtigung nicht einmal im Ansatz gekommen ist.

Es gibt dafür mehrere Gründe. Einmal ist der Spott über den Klassenfeind von gestern, der zum Verlierer der Geschichte wurde, eine vielleicht nicht natürliche, aber nachvollziehbare Regung. Das scheint mir aber nur die überaus dünne Oberfläche eines vielfältig geschichteten Psycho-Komplexes zu sein. Denn mit dem Spott über die DDR entsorgt die BRD auch ihre eigene Vergangenheit: all den sozialstaatlichen Muff, die Enge, die es dort mit einem Zeitversatz von 15 Jahren eben auch gab. Auch bei uns im Westen war das Staunen groß, als die ersten Südfrüchte in den Supermarktregalen auftauchten.

Aber noch mehr: In der spöttischen Herablassung drückt sich ein ambivalentes Verhältnis zu der von der DDR verkörperten Vergangenheit aus. Der Witz, so schreibt Freud, erlaubt es, das Verdrängte bewusst zu machen – um den Preis, dass man darüber lacht und es verunglimpft. Das Verdrängte aber sind die verbotenen Wünsche. Es sind also die eigenen regressiven Sehnsüchte, die eigenen Rückkehrwünsche in die geschlossene Welt vor dem Durchbruch des Neoliberalismus, die sich im Spott über die DDR und die Ostdeutschen entlädt. So lacht man über das, wohin man partout nicht zurück kann.

Aber Herablassung erzeugt Trotz. Dieser Trotz geht nicht so weit, das Verlachte selbst zurückzufordern. Also richtet er sich zähneknirschend auf das überwunden geglaubte Böse – auf das Verdrängte von vorgestern statt auf das von gestern.

Anmerkung: 

[1] Neben dem Gesprächsband von Jana Hensel und Wolfgang Engler, den ich in der letzten Zeit häufiger erwähnt habe, vertritt auch die gerade erschienene Streitschrift „Integriert erst mal uns!“ der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping diese Ansicht – mit m.E. unwiderleglichen Argumenten.

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