Klassengesellschaft 5

Zunehmend war ihm anzumerken, wie sehr er sich quälte, wie sehr ihm seine eigene Fremdheit gegenüber den anderen aufstieß. Wieder und wieder geschah das, ohne dass er sich im Geringsten in der Lage sah, daran etwas zu verändern, weil alle Versuche, die er in dieser Richtung unternahm, notwendig darauf hinausliefen, seine Andersartigkeit zu bestätigen. Es war nun einmal so, dass er aus anderen Verhältnissen kam als die überwiegende Zahl seiner Kommilitonen, seine Eltern waren Bauern wie ihre Eltern es gewesen waren. Ihre Bullenzucht bedeutete Wohlstand, der es ihnen leicht machte, den Unterhalt ihres begabten und aufstrebenden Sohnes in der teuren Metropole zu bestreiten. Ihm gab es ein Gefühl von Solidität und Unverrückbarkeit, die er als Vorzug empfand gegenüber den Spätlingen, mit denen er das Studium teilte. Als Adam grub und Eva spann, so sagte er sich manchmal, wenn er im Regionalzug von zuhause in die nahe gelegenen Universitätsstadt saß, er selbst steckte noch mit einem Teil seines Daseins im Ältesten, in der Erde, die von der Menschheit seit vielen tausend Jahren umgegraben und beackert wurde, immer auf dieselbe Weise. Was waren dagegen ein Chemiker oder ein Architekt? Figuren, die womöglich bald wieder aus der Geschichte verschwunden sein würden.

Sein Marxismus war von dieser Art, bodenständig, dreist und provozierend, mit der Selbstsicherheit desjenigen, der ebensowenig zur Klasse der unter Anpassungszwang stehende Arbeiter gehört wie die Bürgerkinder, mit denen er die gemeinsamen Interessen bei fehlender Biegsamkeit teilte, weil der Erfahrungsbereich, in dem er wurzelte, größere Zeitabschnitte der Menschenerfahrung absorbiert hatte als es die enteigneten, letztlich immer der Arbeit hinterher ziehenden Arbeiterinnen und Arbeiter jemals konnten, denen freilich das akademische Prekariat immer mehr glich, wenn die A-Karriere fehlschlug. Darum beneidete ihn die anderen manchmal. Seine politische Überzeugungen schienen unerschütterlich, sein Arbeitsethos unverbrauchbar, sein Lektürepensum gewaltig und in den Seminardiskussionen war er ebenso unermüdlich wie auf den Konferenzen und Tagungen, die er besuchte.

Und doch war er nicht glücklich, der Abstand zwischen ihm und den anderen schienen unüberbrückbar. Dass er so vieles besser konnte, war ein Makel, den er nicht los wurde. Sein Leben befand sich in einem unaufhörlichen Widerspruch. So, wie er auf der einen Seite ja auf all dem beharrte, was ihn von den anderen habituell trennte, litt er doch unter diesem Wildgeruch, der sich nicht ablegen ließ, ja durch alle Versuche, ihn loszuwerden, stärker zu werden schien. Er sah ein, dass nicht jedes Alleinstellungsmerkmal zum Erfolg führte, auch wenn das von der Ideologie des Marktes unablässig vorgebetet wurde, sondern dass es Tabus und Ausschließungsmechanismen gab, deren Existenz ihm fast körperlich fühlbar war, die aber im Einzelnen nur von denen verstanden wurde, die sie verhängten und praktizierten.

So handelte er ins Blaue hinein. Er zivilisierte sich sichtlich, wurde zum Kaffee- und Weinkenner, ging gerne gut essen, sein zu Beginn des Studiums grobes und herablassendes Verhalten legte er ab und verhielt sich gegenüber den Kommilitonen und Dozenten ausgesucht höflich, er war subtil und machte Komplimente, wo es ging. Aber es blieb die Arbeit eines Aufsteigers in eine Klasse, die sich selber als bedroht empfand und ihm deswegen den Zutritt verwehren würde. Aus den verhaltenen Reaktionen der Anderen wurde ihm deutlich, dass sie sein Prinzip durchschauten, und sich wohl darüber im klaren waren, dass er eine Taktik der Assimilation praktizierte, die nicht von Überzeugung getragen war. Er war nicht mehr so unverschämt wie zu Beginn seines Studiums, das aber war schon alles.

Mit aller Kraft strebte er einer akademischen Karriere zu. Das schien ihm wie auch ihnen, wenngleich aus anderen Motiven, einen Ort darzustellen, der klassenmäßig unbestimmt war und wo man all der innerlichen und äußerlichen Schwierigkeiten, die einem die eigene Herkunft in den Weg legte, ledig werden könnte. Nur die individuelle Leistung schien hier zu zählen, und obwohl er wusste, dass das eine Lüge war, überredete er sich immer wieder, ihr Glauben zu schenken. Es war ein Selbstbetrug, denn bürgerlich war diese Sphäre in jedem Fall, nicht bloß in der Art, wie gedacht wurde und der Bereich der Kultur mit der politischen Wirklichkeit nicht in Zusammenhang gebracht wurde, sondern in einem ganz handfesten Sinne, weil hier die letzten Verteilungskämpfe einer niedergehenden Schicht ausgefochten wurden und nur diejenigen Zutritt erlangten, die einen bestimmten Verhaltenskodex mit einer Schwerlosigkeit zu beherrschen schienen, die er, schwer und plump in seinem ganzen Auftreten, nie würde erlangen können. Die Kunst bestand darin, die Regeln im rechten Moment zu brechen. Dafür hatte er kein Gefühl.[1]

So drehte er sich im Kreis. Alle Versuche, sich anzupassen, ließen seine Nichtintegrierbarkeit nur um so deutlicher hervortreten, nicht zuletzt weil er das mit einem Teil seines Wesens ja auch wollte, weil der Klassenkampf ja nicht aufgehört hatte, sondern bloß mit anderen, partisanenhaften Mitteln weitergeführt werden sollte. Das ahnten die anderen und er selbst ahnte, dass sie es ahnten, und so trieb er sich immer tiefer hinein in den Zirkel aus Unterwerfung und dann doch nur schwer zu verbergenden Arroganz, durch den der sich erst recht vom akademischen Betrieb ausschloss.


Anmerkung
[1] Das Prinzip der Zuckerzange. Man legte sie in den gut situierten Häusern des 19. Jahrhunderts zum Würfelzucker, aber wehe denen, die sie benutzten. Unweigerlich waren sie als kleinbürgerliche Aufsteiger entlarvt.

4 Kommentare zu „Klassengesellschaft 5“

  1. Man müsste das differenzieren. Die gezeichnete Figur ist zu nebulös. In welchen Fachbereich will denn der junge Mann? Ein Teil der Fakultäten ist durchaus offen für Aufsteiger aus „bildungsfernen“ Schichten. Dazu gehören auf jeden Fall die Philosophischen Fakultäten. In den Bereichen von Rechtswissenschaften und Medizin scheint mir der Aufstieg schwieriger, jedoch auch nicht unmöglich ( eine ganze Reihe Gegenbeispiele sind mir bekannt). Das sind die Bereiche, wo über Aufsichtsratsposten, Gutachtertätigkeit oder eigene Institute sehr viel Geld gemacht wird.
    Klassengesellschaft ? Da müsste man doch erst einmal genau definieren, welche Merkmale die Klasse unter den heutigen Bedingungen und in welchem Land hat. Sonst bleibt die Aussage des Textes ohne Lanzenspitze.

    1. danke für den hinweis. es ist natürlich keine bestimmte figur, sondern eher eine zusammenschau von erfahrungen, die ich in den letzten 20 jahren gemacht habe. schauplatz sind diverse philosophische fakultäten. mein eindruck ist, dass sich die korrelation zwischen sozialer herkunft und akademischem erfolg in den letzten jahren verfestigt hat.

      1. NACHTRAG ZUM BEGRIFF DER KLASSE
        Vielleicht wäre die aktuell herrschende Klasse durch zwei Kriterien zu definieren.
        1. Es gibt etwas zu VERERBEN, das heißt: der Wohlstand einer Generation kann in der folgenden fortgesetzt und vermehrt werden.
        2. Der Bildungs- und Aktionsradius ist international.
        Damit jemand zur herrschenden Klasse gehört, müssen BEIDE Kriterien erfüllt sein.

  2. Ja, das geht in die richtige Richtung – KLASSENGESELLSCHAFT RELOADED. Nur schade, dass der identitäts- und sinnstiftende Begriff des LINKS-SEINS in Deinem Text nicht vorkommt: in dem habituellen Referenzfeld, das Du aufmachst, ließe sich das Gegensatzpaar: KLASSENSTANDPUNKT-LINKS vs. LINKS(neo)LIBERAL gut konturieren lassen, das Bewusstsein für seinen inneren Widerspruch schärfen.
    Trotzdem: danke! danke! danke! für diesen Ansatz – weiter so.

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