Das verfluchte Jahrzehnt

Zu Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

„Ich fuhr weiter durch den Landkreis, führte Gespräche, füllte täglich meine Seite mit Berichten über Seniorennachmittage, Feuerwehreinsätze, Schulsportfeste. Gorillas gab es überall, bis in den letzten Winkel. Die Ähnlichkeit der Physiognomien und der Ereignisse, der nächtliche Terror, hingen mir wie Senkblei an den Gliedern. Ich beobachtete die alten Bauern, wie sie, konfrontiert mit der professionellen Euphorie westdeutscher Investoren, sprachlos in muffigen Sälen hockten. Dahinter die Enkel, maulfaul und feindselig, die sich eine Zukunft als Koch, Bademeister, Stallbursche oder Balljunge nicht vorzustellen vermochten. Sie teilten die Unbeholfenheit der Väter, die sich auch in neuen Kleidern nicht verbergen ließ. Alle spürten, dass sie nicht hineinpassen würden, selbst, wenn einer der großen Pläne für Windkraftanlagen, Luxushotels oder Golfplätze realisiert werden sollte. Die Blicke der Frauen waren flehend, ihre Stimmen kraftlos. Einzig sie könnten als Dienstpersonal taugen … Ihre Erfahrungen waren nutzlos geworden. Wenn ich trotzdem danach fragte, belächelten sie mich.“

Dieser Roman ist eigenartig. Er ist nicht eigentlich gut geschrieben, die Vor- und Nachwendezeit in den havelländischen Provinz, die er erinnert, bleiben seltsam blass und lebensleer wie die Bilder und flüchtigen Ansichten, die an einem vorüberziehen, wenn man aus dem Fenster eines fahrenden Zuges blickt. Was sie beschreibt, hat keine räumliche Tiefe, das, wovon sie erzählt, ist nicht miteinander verstrebt und verklammert, es wird aneinandergereiht. Es sind unverbundene Standbilder, aus denen keine Geschichte entsteht. Dieser Roman ist kein Roman, sondern ein Bericht, ja im Grunde eine Chronik.

Dennoch – gerade aufgrund dessen, was man womöglich als literarische Schwäche auffassen könnte, strahlt das Buch eine eigene und eigentümliche Faszination aus. Die Frage ist ja, ob das hier Beanstandete seinen Grund im schriftstellerischen Unvermögen hat oder ob es als Auswirkung eines Jahrzehnts beschrieben werden sollte, dessen traumatische Substanz noch lange nicht abgearbeitet ist.

Präkel hat einmal gesagt, es falle schwer, sich überhaupt an die neunziger Jahre zu erinnern. Dazu passt der verzweifelt nüchterne Berichtston des Buches. Er greift nach etwas, das sich entzieht. Ja, diese schreckliche Zeit des Zusammenbruchs, in der eine Gesellschaft jeglichen Halt in sich verlor und auch beim ehemaligen Klassenfeind, an den sie sich angeschlossen hatte, keinen fand, sondern sah, was wir im Westen noch nie gesehen hatten: das wahre Gesicht des Raubtierkapitalismus, der sich unersättlich durch eine neue Konsumkolonie fraß; diese Zeit einer stammesgesellschaftlichen Regression ganzer Kollektive; als Nazi-Clans ganze Kleinstädte in der Hand hatten und die Gewalt als permanente Drohung in der Luft lag; diese Zeit der Verödung von Landstrichen, in denen 80% arbeitslos wurden, und eine ganze Generation verloren ging; — diese Zeit kann vielleicht nicht erinnert werden. Es war zu viel, die Abwehrschranken liegen zu hoch, der Zugang ist verbaut, oder war es für lange Jahrzehnte, und erst jetzt kommt sie krampfhaft und bröckchenweise wieder hoch. Die einen begegnen ihr, begegnen sich selbst wieder, und die anderen erfahren vielleicht zum ersten Mal von diesem Albtraum, der stockend und ungefüge den Tag erreicht.

So ist Präkels Buch vielleicht nicht gut, aber authentisch. Es dokumentiert die Schwierigkeiten, die der Aufarbeitung dieser Zeit im Weg stehen – sogar bei denen, die sie erlebt haben. Es stellt nicht nur dar, was geschah, sondern zugleich die Prozesse, die es abwehrten und abwehren mussten, damit man überhaupt mit halbwegs heiler Haut dieses verfluchte Jahrzehnt überstehen konnte. Es macht klar, wie viel noch zu sagen wäre, um die Blockaden zu durchschlagen und das Leben nach der Wende von der umfassenden Sprachlosigkeit zu befreien, die es durchzieht wie ein Schimmelpilz und schließlich zum Verstummen gebracht hat. Irgendwie, so glaube ich, waren ja alle froh, dass es vorbei war. Man hatte verstanden, die blühenden Landschaften würden nicht kommen, aber den Müllbergen und Abraumhalden der neunziger Jahre war man entkommen, warum noch darüber reden?

Nun, weil es doch nicht vorbei ist. Die, die konnten, gingen nach Berlin oder Leipzig. Sie konnten vielleicht vergessen. Die anderen blieben da und schwiegen. Aber die Kränkungen, die Beleidigungen, die Verschrottung biografischer Substanz, die Erfahrung der Austauschbarkeit und Bedeutungslosigkeit der einzelnen und des Zusammenbruchs der sozialen Ordnung sind bloß tiefer gesackt sind, überwachsen vom Narbengewebe eines kleinen Wohlstands, das aufbricht, wo immer die Menschen das Gefühl haben, es gehe wieder schlechter und der nächste Oktroi eines neuen Systems stehe vor der Tür. Was nicht erinnert werden kann, wird wiederholt.

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