Inklusives Sprechen

Über die Richtigkeit und Unrichtigkeit, die Vorzüge und Nachteile und die jeweils angesagten Formen der inklusiven Schreibweise ist viel gesagt und natürlich auch viel geschrieben worden. Über die Art und Weise, so zu sprechen, dass beide Geschlechter berücksichtigt werden, hingegen weniger.

Es sind dort zwei Formen zu beobachten. In den Erklärungen von ‚Oben‘, der Bosse, der Politikerinnen usf. hat sich durchgesetzt, dass immer und in jeder Wendung beide Geschlechter berücksichtigt werden. Das verleiht diesen Verlautbarungen manchmal etwas barock Umständliches, sich nach allen Seiten Absicherndes. Es gibt  skurrile Wortballungen und es wird schwieriger, dem Hauptgedanken (sofern vorhanden) zu folgen.

Anders dagegen sieht es aus, wenn junge Leute sprechen. Entweder verwenden sie das Gerundium und reden von Studierenden, Arbeitenden oder Lesenden. Oder sie produzieren eine kleine Pause, einen Vorhalt im Wort, dessen klangliche Erscheinung sich dann der Schreibweise mit Binnen-I, Unterstrich, Sternchen, Doppelpunkt etc. annähert.

Beides zielt weniger auf Inklusion als auf Neutralisierung ab. Ein sprachlicher Ort diesseits der Geschlechtertrennung wird besetzt, bzw. geschaffen. Nicht freilich aus der Lust an den sexuellen Verwicklungen, die sich in dieser Sphäre ergeben können. Angst dirigiert das Verfahren. Man will nichts falsch machen. So wird auf Redeformen progrediert, die konflikt- und spannungslos erscheinen.

Die beiden hauptsächlich verwendeten Praktiken tun das auf konträre Weise. Das Gerundium deckt sie mit der harmonisierenden Lautfolge „-enden“ zu. Hier treten Subjekte sprachlich in Erscheinung, die auf ihre Funktion reduziert sind. Außer ihr sind sie – die Arbeitenden, Studierenden – nichts.

Die Zäsur dagegen trennt die Geschlechter innerhalb des Worts. Die Zäsur unterbricht die Beziehung. Die Geschlechter werden durch ein Nichts, eine Lücke, ein Stocken, als wisse man für einen Moment nicht mehr weiter, voneinander getrennt. Doch in der Stockung stirbt die Spannung, das Verhältnis hört auf.

Beides sind Sprachform des neoliberalen Kapitalismus. Ihm ist das Geschlecht egal ist, wenn die Rendite stimmt. Aus seiner Sicht sind Geschlechterrollen obsolet und ineffizient. Er sieht zunehmend vom Geschlecht ab, weil es sich als wirre Störung vor die sterile Performance des ökonomischen Selbsts drängt. Sie  ist ein mächtiger, vielleicht sogar der mächtigste Motor der Gleichberechtigung, im Schlechten wie im Guten.


 

P.S.: Am sympathischsten war mir immer die ausschließliche (oder mehrheitliche, Dogmatismus ist da sowieso von Übel) Verwendung des generischen Femininums. Es provoziert ohne sprachliche Umständlichkeit. Die Universität Leipzig hat sämtliche offiziellen Dokumente darauf umgestellt. Dennoch scheint mir, findet diese Option weder im geschriebenen noch im gesprochenen Wort besonderen Anklang.

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5 Kommentare zu „Inklusives Sprechen“

  1. Anders gesagt: Wenn man ihn lässt, kann der Neoliberalismus auch umschalten von der Produktion neutralisierenden Einschlusses von Diversität in geschlechtersensibler Sprache auf so kunterbunte Produkte wie die Machwerke von Birgit Kelle, Rassentheorie in unideologischem Gewand à la Thilo Sarrazin und den neusten evangelikalen Prediger, ganz individuell gestaltbar, warum für Frauen KKK am Ende rauskommt.

    1. Hierauf bezog es sich:
      Danke für die Morgenlektüre!

      Beim Fazit wäre ich weniger optimistisch als Du: „Ihm ist das Geschlecht egal ist, wenn die Rendite stimmt. Aus seiner Sicht sind Geschlechterrollen obsolet und ineffizient.“ – Dass man auf diese Rationalisierungstendenz im Guten wie im Schlechten vertrauen kann – wie es das kommunistische Manifest noch tut –, hat sich weitgehend erledigt. Dem Kapitalismus ist natürlich das Geschlecht als Geschlecht egal, doch er schafft es, noch die atavistischsten, irrationalsten, an ständische Gewalt anmutenden Differenzen selbst in seine Verwertung hineinzuziehen und dabei aufrechtzuerhalten, ohne dass sie dabei irgendwie gestört zu werden scheinen, auch wenn sie dabei eben auch neu durcheinandergemischt werden und neue Funktionen annehmen. Es gibt da Potentiale für Gleichberechtigung, aber keinen Automatismus. Nur zu oft verewigt er das Obsolete – seien es reaktionäre Geschlechterbilder, nationalistische Abschottung oder ein ineffizientes Transportwesen –, versetzt seine einstmals (und zuweilen auch heute) geschichtsmächtige Rationalisierungstendenz in Leerlauf.

      Dass die Glottisschläge, Sternchen und Unterstriche „die Beziehung“ unterbrechen, kann man ihnen denke ich nicht zum Vorwurf machen, es ist ja gerade beabsichtigt, sie sollen ja gerade die Selbstverständlichkeit der Wechselbeziehung „der [zwei] Geschlechter“ stören, eine Störung bilden, die weder einfach Inklusion noch Neutralisierung ist. Ob das gelingt und die Lücke nicht zum „unter ferner liefen“ wird, andere Frage.

      Und ja, generisches Femininum ist oft sehr gut. In englischen akademischen Texten ist es ja sogar erstaunlich Mainstream geworden (wobei es sich da freilich eher auf das “she” reduziert).

  2. Lieber Wolfram, auch wenn es von vornherein gegeben und sicherlich von allen Mitlesenden verstanden ist, dass du hier deine persönlichen Wahrnehmungen und Wertungen aufschreibst, störe ich mich doch ein wenig daran, dass hier Pauschalisierungen und Spekulationen über die Motive anderer im Ton von Tatsachenbehauptungen verbreitet werden. Deshalb lass mich kurz ein Gegenbeispiel skizzieren – deinen Freund aus Kindergartenzeiten, der also in deinem Alter ist und sich sehr darüber freut, mit dir immer noch im Austausch zu sein: mich. Es wäre eigentlich meine Hoffnung, dass du das folgende an mir schon wahrgenommen hast. Ich verwende in mündlicher Rede gern viele der von dir angesprochenen Varianten: Manchmal beide Geschlechtsformen, manchmal ganz andere Formulierungen, um das Problem zu umschiffen, manchmal werfe ich zur Abwechslung ein generisches Feminimum in meine mündliche Rede ein, manchmal spreche ich einen Verschlusslaut, um je nach Geschmack ein Binnen-I oder einen Gender Gap zu verdeutlichen. Dabei finde ich mich in überraschend großer Übereinstimmung mit Texten zu dem Thema, die ich nicht selbst geschrieben habe: Mit dem „Leitfaden für eine gendergerechte Sprache“¹ des Vereins Digitalcourage aus unserer gemeinsamen Heimatstadt, bei dem ich seit Jahrzehnten engagiert bin und seit knapp zwei Jahren in Teilzeit arbeite, und speziell für die Aussprache mit Verschlusslaut fand ich vor kurzem auch eine Quelle² im „Sprachlog“ des bei diesem Thema sehr populären Anatol Stefanowitsch. Was sind meine Motive? Auf keinen Fall Angst, etwas falsch zu machen. Ich verwende tatsächlich viele Gedanken darauf, es sprachlich möglichst richtig zu machen (wie du selbst wohl auch), weil ich das für erstrebenswert halte. Das, würde ich sagen, ist ein ganz anderes Motiv als Angst. Ich finde seit Jahrzehnten, dass an diesem Punkt die deutsche Sprache, die ich generell so gerne möglichst nahe an wahrgenommen Standards verwenden möchte, problematisch ist und weiterentwickelt werden sollte. An diesen Weiterentwicklungen möchte mich versuchen, ich erlebe dabei eine Experimentierfreude, durchaus eine Lust, auch wenn die dabei erlebten Verwicklungen so gut wie nie sexueller Art sind. Meine Hoffnung ist es, damit für Inklusion zu wirken, also etwas Gutes zu tun – ich formuliere das bewusst so, um einen Raum für Kritik an meinen Motiven zuzugestehen –, es ist für mich auf jeden Fall das Gegenteil von Zäsur. Ich kenne die von dir wiedergegebene Kritik am Gerundium, aber ich teile sie nicht. Ob ich nun Arbeiter und Student sage oder Arbeitende und Studierende: in jedem Fall weist die Wortbedeutung auf die Funktion hin, nicht auf die ganzen Menschen (hast du den Plural hier bemerkt?). Dass ich ein entschiedener Gegner des neoliberalen Kapitalismus bin, muss ich hier ja nur für diejenigen erwähnen, die mich weniger gut kennen als du. Wie du merkst, sehe ich, dein dich sehr schätzender Kindergartenfreund, das Thema eigentlich in allen von dir angebrachten Punkten anders als du, und ich hielt es für angebracht, diese Position hier hinzuzufügen. Ich hoffe, du weißt das zu schätzen. 🙂

    ¹ https://digitalcourage.de/themen/feminismus/leitfaden-fuer-eine-gendergerechte-sprache

    ² http://www.sprachlog.de/2018/06/09/gendergap-und-gendersternchen-in-der-gesprochenen-sprache/

  3. Was für schöne Kommentare! Ich möchte erst mal nur ein paar kleinere Bemerkungen machen, Weiteres folgt hoffentlich später.
    ● Das, was ich hier festgehalten habe, ist primär eine Beschreibung – ein Beschreibungsversuch, wenn ihr wollt, KEINE BEWERTUNG. Ich versuche zu verstehen, was für gesellschaftliche Mechanismen im Alltagshandeln wirken, Freud variierend, könnte man sagen, es ginge mir (mit meinen Kräften, meinen Möglichkeiten) um eine Gesellschaftspathologie des Alltagslebens. Natürlich steckt in „Pathologie“ drin, was ich von der Gesellschaft halte – und damit auch von den Symptomen, in denen sich die gegenwärtige Wirtschaftsform als eine vn Grund auf kranke äußert. Das ist aber himmelweit verschieden von irgendeinem Urteil, dass ich über Einzelpersonen oder Gruppen von Einzelpersonen fällen würde. Kein Verstehen ohne Empathie, keine Empathie ohne ein Minimum an Sympathie. Es ist mir vollkommen egal, für welche Schreib- und Redeweise sich jemand entscheidet. ich habe nicht das Gefühl, mir stünde da ein Werturteil zu (auch eine Lehre, die man ziehen kann, wenn man in Ostdeutschland lebt, wo es von manchen Frauen noch immer als Diskriminierung empfunden wird, wenn sie z.b. als „Kauffrau“ bezeichnet oder überhaupt sprachlich besonders berücksichtigt werden). Aber ich kann versuchen, es zu analysieren, Gründe für sprachliche Reflexe, Vorlieben, Eigenheiten zu finden.
    ● Du, lieber Sebastian, wirfst mir vor, dass ich subjektive und vielleicht idiosynkratische Beobachtungen spekulierend verallgemeinere. Das stimmt. Für mich ist dies der Kern einer ESSAYISTISCHEN Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Ich bin davon überzeugt, dass man, wenn man nur das gelten lassen würde, was sich positiv wissenschaftlich belegen und beweisen lässt, nur armselige Stümpfe der Realität begreifen würde. In diesem Sinne glaube ich an den gesunden Menschenverstand, an die Intuition und an all die komplizierten Apparaturen, mit denen unser Unbewusstes (dessen Tätigkeit und Leistungsfähigkeit die des Bewusstseins weit übersteigt), sich mit Welt auseinandersetzt. Das betrifft vor allem die Sphäre der Motive. In dieses Reich dringen wir eigentlich immer nur spekulierend und durch Analogieschlüsse vor. Wenn jemand eine, sagen wir, israelfeindliche Äußerung macht, dann kann das aus einer Fülle von Motiven heraus geschehen, von dem ihm oder ihr manche vielleicht selbst nicht deutlich sind, derer er/sie sich schämt etc. Das kann man nur im Einzelfall herausbekommen. Und selbst da wird es ein irreduzibles Moment der ‚Divination‘ geben (das Friedrich Schleiermacher mit gutem Grund an den Anfang jedes Verstehensprozesses setzt), ein Erraten und Analogisieren, das sich nicht restlos transparent machen und durchreflektieren lässt. Darüber kann man sich dann natürlich streiten, ja, das muss man sogar, weil es sich letztlich nur intersubjektiv einholen und vielleicht haltbar machen lässt.
    ● Überaus wichtig, Jonathan, finde ich das Argument, dass der neoliberale Kapitalismus ältere Denk- und Verhaltensformen mitschleift. Warum tut er das? Als dialektischen „Gegenschwung“? Als Krisenreserve? Ich weiss es nicht genau. Aber es scheint mir festzustehen, dass jenseits unserer Diskussionen über das Thema geradezu archaische Rollenklischees renoviert worden sind. Denkt an die Rapperszene, an die großen kommerziellen Actionfilme, an die Faszination, die der brutale Machomann jetzt wieder geniesst, der sich nimmt, was er will (insbesondere Frauen), denkt an die massenweise ideologische Verklärung von Gewalt, Hass, Konsequenz und Rücksichtslosigkeit. Faktisch und in der Breite haben wir es im Vergleich zu den 1970er und 80er Jahren mit einem massiven Rollback zu tun. Das habe ich zugegebenermaßen in meinem Beitrag überhaupt nicht berücksichtigt (vor ein paar Tagen habe ich im Deutschlandfunk einen Essay über die aktuelle „Pornifizierung“ der Politik gehört, der diese Tendenz auf eine sehr kluge Weise analysierte).
    ● Ich habe den Eindruck, Sebastian, dass der experimentierende Umgang mit sprachlichen Wendungen, der an der ein oder anderen Stelle ein wenig Luft ans Bewusstsein lässt, Sand ins Getriebe streut, und dir offensichtlich Spaß macht, psychologisch mit dem von mir beschriebenen Phänomen (vor allem bei 20-30-jährigen; sehr grob) nicht übereinkommt. Ich kann diese Lust dort nicht ’spüren‘ – wieder so ein verdächtig unwissenschaftlicher Ausdruck -, aber vielleicht irre ich mich auch. Die zugrundeliegende Generationserfahrung ist eine andere. Wir, Sebastian, sind in den 70er Jahren (SPD-Regierung; das Vollbeschäftigungsjahrzehnt; das Durchsickern von 68 in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Alltagskulturellen Ebenen) mit einem Welturvertrauen geimpft worden, das uns wie eine zweite Haut umgibt und für manche von uns das Erwachen im 21. Jahrhundert zu einer mühseligen Lebensaufgabe macht. Das, so scheint mir, ist jetzt anders. Platt formuliert: man kann nicht mehr für eine Utopie kämpfen, sondern nur noch gegen die Katastrophe (siehe ‚fridays for future‘ ……..). Was jetzt regiert, ist die Angst. Deswegen kann das, was dem einen Spaß macht, für die andre Zwang bedeuten.

  4. Deine Unterscheidung von Inklusion versus Neutralisierung finde ich sehr erhellend. Ich weiß zwar nicht, ob ich sie nun in Deinem Sinne verstanden habe, aber dennoch ist diese Differenz m.E. der entscheidende Punkt: Neutralisierung ist ignorant/verdrängend/wahrheitsabgewandt. Inkludierendes Verhalten wirkt auf der Grundlage von Differenzen/Grenzen/dem Interesse am Anderssein – als NeuGIER dem Fremden gegenüber, welche die Voraussetzung für Vertrauensbildung ist. Nur als jeweils Andere/Anderer kann man/frau aufeinander zugehen, sich VERstehen – ja, dabei muss mensch sich schon füreinander interessieren. Gleichschaltung ist nicht inkludierend, sondern – dem Anderen gegenüber – respektlos (weil das Andere nicht gesehen werden will/darf), Neutralisierung ist, leider nur allzu oft aus einem vorteilszugewandten Beweggrund, wahrheitsabgewandt, aber vor allem gefährlich.

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