Henryk meets Broder, nee: AfD

Henryk M. Broder hat am 29. Januar eine Rede vor der AfD-Fraktion gehalten. Sie ist hier nachzulesen.

Die Frage, welcher politischen Überzeugung Henryk M. Broder denn nun genau sei; wie nah er der AfD stehe; wie nah er als Jude der AfD stehen könne; wieweit die AfD für ihn eine geeignete Plattform darstellt, seine Kritik nicht nur am politischen Islam, sondern am Islam überhaupt zu Gehör zu bringen; wieweit er und die AfD in der Kritik an der Political Correctness übereinstimmen und bis zu welchem Punkt Sie dabei möglicherweise im Recht sein könnten –: all das kann man rauf und runter analysieren und sich ausführlich darüber streiten. Zu einem einigermaßen haltbaren Ergebnis wird man dabei sowieso nicht kommen, da es zu Broders intellektuellen Habitus gehört, sich nicht festnageln zu lassen immer wieder durch allerlei clowneske Ausweichbewegungen zu verblüffen und im Zweifel argumentative Konsistenz einer guten Pointe zu opfern.

Aber all das ist auch gar nicht so wichtig. Die Rede dokumentiert ja vor allem, was die meisten schon wussten: Broders unfassbare Eitelkeit. In diesem Fall steigert sie sich zu einer Selbstüberschätzung, die jedes Maß verliert. Er scheint nämlich zu glauben, er könne die AfD erziehen. Dass er Alexander Gaulands Vogelschiss-Rede mit dem schlechten Benehmen von Kindern vergleicht, mag man zutreffend oder nicht zutreffend, politisch bedenklich oder nicht bedenklich finden.

Es geht auch um etwas, das unsere PC-mäßig unverdorbenen Eltern in die Worte „Das tut man nicht“ fassten. Man legt die Füße nicht auf den Tisch, man rülpst nicht beim Essen, und man nennt die zwölf schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte nicht einen „Vogelschiss“.

Der Kern des Vergleichs ist die pädagogische Haltung, die Broder gegenüber der Partei einnimmt. Er scheint tatsächlich dem alten und seit je phantastischen Wunschtraum des Philosophen, vulgo Publizisten, als Volkserzieher nachzuhängen. Deswegen kommt es auch zu der fast schon wahnhaften Gleichsetzung in in Sachen Instrumentalisierung:

Als ich vor ein paar Tagen einem alten Freund sagte, dass ich heute bei Ihnen auftreten würde, machte er ein Gesicht, als hätte ich ihm gebeichtet, dass ich vom Handel mit Drogen lebe. „Du wirst doch nur instrumentalisiert“, sagte er, „weißt du es nicht?“ Natürlich weiß ich es. Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht. Heutzutage instrumentalisiert jeder jeden. Die „Bild“ Helene Fischer, Helene Fischer Florian Silbereisen, Florian Silbereisen seine depperten Fans, die ihm nachreisen. Und ich, ich werde jeden Tag instrumentalisiert. Als Beweis dafür, dass es wieder ein jüdisches Leben in Deutschland gibt, jüdische Gemeinden, jüdische Literatur- und Musiktage und immer mehr jüdische Cafés und Restaurants, da kommt es auf eine Instrumentalisierung mehr oder weniger nicht an. Sie instrumentalisieren mich, und ich instrumentalisiere Sie. Ich probiere aus, wie weit ich gehen kann. Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.

Er scheint zu glauben, er, Henryk M. Broder, könne eine Partei, deren Hauptziel es ist, sich als parlamentarischer Arm der Neuen Rechten zu etablieren, in dem Grade instrumentalisieren wie sie ihn. Er scheint zu glauben, das, was er, Henryk M. Broder, als Individuum so tut oder lässt, sei auch nur im allerentferntesten so wichtig und folgenreich wie das, was die AfD tut. Deswegen ist die Rede auch keine »intellektuelle mission impossible«, als welche Norbert Bolz sie gefeiert hat [1], sondern vor allem das Dokument einer infantilen Haltung zur Welt. Von der von ihm geschmähten Greta Thunberg ist Broder deswegen gar nicht weit entfernt, nur dass er offensichtlich kein Asperger hat, das ja mit einem starken Hang zu logischem Denken einhergeht.

So kann also kein Zweifel daran bestehen, wer hier wen instrumentalisiert. Die AfD hat Broder an der Stelle gekriegt, an der man ihn immer kriegt, indem sie ihm eine Gelegenheit verschafft hat, seine eigene Stimme in einer Öffentlichkeit zu hören, die nicht seiner Meinung ist. »Wenn es keinen Shitstorm gibt, ist es gut, wenn es einen gibt, ist es noch besser.« Man mag das komisch finden. Aber es gibt diese Kinder, die Aufmerksamkeit um jeden Preis wollen – und wo wäre sie höher als in dem Falle, dass man zusammengeschissen wird.

Für den ideologischen Feldzug, den die Partei führt, sind das übrigens nur psychologische Quisquilien. Sie gehören der Sphäre der Mittel zu, für die sich nach kurzem sowieso niemand mehr interessiert.

[1] https://twitter.com/NorbertBolz/status/1090652610036752384

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