Leichenfledderei

Vor allem anderen befriedigt Heinrich Breloers Zweiteiler über Bertolt Brecht das bürgerliche Bedürfnis, anderswo seine schmutzige Wäsche zu waschen und dafür das Ressentiment, dass er bei aller vorgeschobenen Bewunderung für den großen Künstler empfindet, zu kanalisieren. Er, der Bürger, ist selbst das Raubtier, an dessen Anblick er sich weidet – mindestens in seinen Träumen und Wunschfantasien. Es geht nicht um Brechts Werk, nicht darum, ob die Wirklichkeit richtig oder falsch dargestellt wird und ob man sie heute auch noch so darstellen kann. Es geht allein um die Skandälchen des großen Mannes, um seine Rücksichtslosigkeit und seinen Egoismus, von dem man so gerne etwas hätte. Und es geht vor allem um Sex. Das waren noch Zeiten, in denen die Frauen dienstfertig ihr Leben inklusive ihrer Körperöffnungen in den Dienst des großen Mannes stellten und sich der Einsicht unterwarfen, dass er nur schreiben kann, wenn er vögeln kann. Die vor dem Fernseher versammelten Männer trauern dem ebenso nach wie eine Menge Frauen, die mit den mickrigen Männchen, das sie geheiratet haben und nun beherrschen, auf Dauer doch nicht zufrieden sind. Der Film spielt offen mit diesen regressiven Sehnsüchten. Er gießt seit langem Bekanntes zum soundsovielten Mal auf und freut sich am stinkenden Feuer einer untergegangenen Epoche, in der nichts gut, aber alles klar war. Der Faschismus war böse, der Kommunismus gut, die Frau die Dienerin des Mannes und ein Genie ist ein Genie. Der seis moralisierende, seis schalkhafte Hinweis darauf, dass Brecht ja ein Schlimmer war, verdeckt dieses Bedürfnis. Es ist aber schlicht nicht interessant. Bei einem Lokomotivenbauer will ich auch nichts über seine Affären wissen. Ich will wissen, ob seine verdammten Lokomotiven funktionieren. Breloers politikfreier Film (der überdies die politisch wichtigste Epoche Brechts, nämlich die Konversion zum Marxismus und seinen Kampf gegen den Faschismus, einfach umgeht) schlägt Kapital aus dem Voyeurismus seiner bürgerlichen Zuschauer, und er entsorgt das Werk, das nicht einmal mehr kritisiert wird. Es erstarrt, zerfällt, verschwindet. Das Denkmal ist die schlimmste Leichenfledderei.

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