Auf dem Sprung

Immer weniger Restaurants haben noch Garderoben. Auch in den guten Lokalen, sofern sie nicht sehr traditionsbewusst daherkommen, sieht man sie seltener und die Gäste ziehen es vor, ihre Mäntel über die Lehne zu hängen. Man drückt sich lieber den Kragen ins Kreuz und sitzt neue Knautschfalten hinein. Im Kern hat dieses unkomfortable Verhalten etwas mit Angst zu tun. Man lässt die Jacke ungern allein, jeder der anderen Restaurantbesucher könnte ein Dieb sein, man kann nie wissen, die reichen Menschen sind ja nicht die guten Menschen, eher im Gegenteil. Und es könnte jederzeit sein, dass man fort muss. Und dann hat man alles gleich bei sich.

In U- und S-Bahn eine ähnliche Entwicklung. Zumindest tagsüber. Früher stritt man um die Sitzplätze, jetzt drängt sich alles unruhig um die Ausgangstüren und manche Sitze bleiben frei. Sitzen ist was für die Harten, die echt Abgebrühten oder Abgestumpfte; die müden Pendler, die weit raus nach Freimann oder Lichtenrade fahren. Der Rest ist munter und hysterisch auf dem Sprung und bevorzugt kurze Fluchtwege.

Die Gesellschaft ist unwohnlich geworden, und ob das alles so hält und trägt, mag bezweifelt werden. Es sind kleine Gesten, aus denen sich die Großregression unseres Zeitalters zusammensetzt: zurück in Herde und Horde, mit ihren klaren Definitionen von denen die dazugehören und denen die draußen bleiben müssen. Gut und Böse war gestern, Loyalität ist die Tugend des Augenblicks. Unter fremden Menschen, im Zug oder im Restaurant, kann man nie wissen, wer da dabei ist. Die Blase ist kein Luxus, sondern ein Prinzip. So ist man immer bereit zum Aufbruch und zur Flucht. Vielleicht werden die Migrantinnen, die zu uns kommen, ja auch deswegen angefeindet. Sie zeigen uns, wie unsicher und prekär unser eigenes Leben schon ist.

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