»Deutschland«

Ein sehr lesenswerter Artikel darüber findet sich hier:
https://www.zeit.de/kultur/musik/2019-03/rammstein-video-deutschland-provokation-holocaust-sexualitaet/komplettansicht 
Dazu hier einige Ergänzungen:


 

Überall dort, wo Zerstörung und Selbstzerstörung blutige Feste feiern, wo Täter und Opfer ineinander umschlagen, wo sich durch Gewalt und Gegengewalt libidinös zusammengehaltene Männerbünde bilden, ist, so Rammstein, »Deutschland« in seinem Element. Es kann in diesem Land keine ›normale Heimatliebe‹, keinen ›vernünftigen Patriotismus‹ geben kann. Alles ist geschwängert mit Gewalt und Barbarei, die sich selbst für den Urgrund aller Kultur halten – bis zur Varusschlacht und zurück in die Zukunft, wenn der Exportweltmeister in weißen Raumanzügen die Erde verlässt, um den blutigen Schäferhund im Schneewittchensarg ins All zu fahren.

Dabei geht es um Sex. Das heilige Deutschland: das ist die schwarze Hure, der Sehnsucht, Gier und Angst der Patrioten gelten. Hinter der deutschen Frau, der weißen Schwester mit dem Mutterkreuz, der Nonne mit der Haube steckt die Große Jägerin, die ewige Jungfrau, die Bienenkönigin und Gottesanbeterin, die alle lachend verzehrt, die sich ihr voller Hingabe unterwerfen und von allen verzehrt wird, ohne Schaden zu leiden. Die deutsche Form, sich mit ihr, ja überhaupt mit einem anderen Körper zu vereinigen, sind Kannibalismus, Gewalt und Tod. »Ich will dich lieben / und muss dich hassen.« Hass ist die einzige Form der Liebe. Wenn alle anderen Formen der Liebe, der Liebe zu lebendigen aktiven Körpern, ausgeschlossen sind, bleibt nur dieses Eine als Ziel aller Verschmelzungssehnsüchte übrig.

Es ist die erotische Bejahung der Katastrophe. »Wer hoch steigt, der wird tief fallen / Deutschland, Deutschland über allen« –: vielleicht keine Kritik am deutschen Wesen, aber immerhin Analyse einer Befindlichkeit, die kein herzerhebenderes Wort kannte als ›tragisch‹. Es ist auch die alte Geschichte von den Nibelungen, die ebenfalls auf eine schwüle Weise von untergründiger Erotik dirigiert ist. Das von Hagen artikulierte Bedürfnis nach bis zum Letzten konsequenter Selbstzerstörung hat etwas mit der Beziehung zwischen ihm und Kriemhild zu tun, auch sie am Ende die schwarze Hure, die über den Untergang von allem lacht: sie und Hagen das Traumpaar des Abends, so wie es zuvor Brünnhilde und Siegfried gewesen wären. Untergang als Orgasmus, das ist die große Linie dieses Videos.

Nach dem »Patriotenporno«, schreibt mir Georg Spindler, folgt »die Zigarette danach«; will sagen: der sehr eigentümliche, Rammstein-untypische Nachspann des Films, der fast ein Drittel des gesamten Videos einnimmt. Nur ein Klavier, das vor sich hinklimpert, in Akkordfolgen, die entfernt an den Song erinnern, aber in einem ganz anderen Ton gehalten sind, wie ein verträumt vor sich hin improvisierender Konstantin Wecker. Derweil läuft der Film weiter, in kaleidoskopartigen Sequenzen, die dasselbe immer wieder neu mischen und zusammensetzen. Keine Entwicklung, das war bloß die Friedensphase, danach geht’s wieder los.

Der Text des Liedes besteht aus vordeklamierten Kippbildern, die jede Deutlichkeit verwischen. »Man kann dich lieben / Und will dich hassen.« Soll das heißen: Man könnte (sollte) dich lieben, will Dich aber eigentlich hassen? Geht das gegen die Antideutschen? Bei dem, der singt, sieht es anders aus, läuft aber auf dasselbe hinaus: »Ich will dich lieben / und muss dich hassen.« Das Klischee der Hassliebe zu Deutschland? des schiefgewachsenen deutschen Patriotismus, das im Vers »Ich will dich lieben und verdammen« dann recht eigentlich zum Ausdruck kommt? Wie aber das und der etwas isoliert durch die Medien geisternde Vers »meine Liebe / kann ich dir nicht geben« sich zueinander verhält, bleibt unklar. Es ist systematisch konfus. Das Verhältnis zu Deutschland ist so neurotisch, dass es sich nur über mehr oder weniger beliebige Ausrufezeichen Luft machen kann, in denen der Inhalt nicht so wichtig ist. Hauptsache laut und pathetisch. 

Naja: solche sprachlichen philologischen Differenzen werden im Zweifel von den schweren Gitarren und dem eisern im Takt marschierenden Schlagzeug beseitigt. Denn darum geht es vor allem, vor den Bildern und vor dem Text: um den stählernen Körper, der sich aus dem Ursprungsgewusel des Anfangs heraus bildet; ein phallischer Körper, dauererigiert und hart, wie Klaus Theweleit es in den Männerphantasien beschrieben hat, ein gepanzerter Körper, der nie weich werden darf außer im Tod, der gleichzeitig ersehnt wird; durchdrungen von einer Maschinenstimme jenseits des Menschen.

Was ist mit den Opfern? Es gibt diese skandalisierenden Bilder von den KZ-Häftlingen, die ebenso von den Mitgliedern der Band gespielt werden wie die Täter. Und es sind diese zur Hinrichtung freigegebenen Opfer, die selbst in den fatalen Refrain »Deutschland, Deutschland über allen« einstimmen, der klarmacht, dass ein nationales Überlegenheitsgefühl keine abstrakte Idee eines höheren Daseins ist, sondern töten will. Rammstein identifiziert sich weder nur mit den Opfern noch nur mit den Tätern. Es ist  ein Akt der Identifikation, der zwischen beiden hin und her springt: Opfer, die zu Tätern werden, Täter, die sich als Opfer fühlen und daraus die Berechtigung ableiten, wieder und wieder zu Tätern zu werden. Sie töten sich gegenseitig und sind darin vereint. Die eigentlichen Opfer werden damit freilich zum Verschwinden gebracht. Aber liegt das an Rammstein? Oder an Deutschland?

Es stellt sich die Frage nach der Aufgabe der Kunst. Kann diese Aufgabe moralisch bestimmt werden? Ich denke, höchstens in einer komplizierten Form, die Regelverstöße nicht bloß einschließt, sondern geradezu voraussetzt. Kriterium künstlerischen Gelingens ist es zunächst, ob die Beschreibungen von ›Welt‹ stimmen; ob sie genau und differenziert sind – – und: ob sie mutig sind, das heißt, nicht vor den Verdrängungsschranken zurückweichen, von denen die gesellschaftlich tabuisierten Erfahrungsbereiche umgeben sind. Gegenstand des Deutschlandvideos von Rammstein ist nicht Deutschland, jedenfalls nicht an oberster Stelle; es ist das Verhältnis zu ihm, die Faszination durch die Superlative des Schreckens, des Horrors und der Barbarei. Es gibt einen deutschen Narzissmus der Negativität und es sollte erlaubt sein, die Frage zu stellen, ob er überwunden ist, sondern weiter an den neuen Nationalismen klebt. Ob Rammstein diesen nationalen Narzissmus teilt; ob die Band ihn gar promotet: es ist keine zu beantwortende, nicht einmal eine besonders interessante Frage. Die interessante Frage ist, ob sie damit etwas trifft.

Ein Gedanke zu „»Deutschland«“

  1. LEIDER HAT THEWELEIT NIEMALS LAIBACH VERSTANDEN. (LJUBLJANA, DIE CHEMNITZER PARTNERSTADT). – POP WIRD NICHT NUR VON HERMENEUTIKERN „GELESEN“, SONDERN HAUPT-
    SÄCHLICH VON AFFICIONADOS GENOSSEN. KUNST IST EBEN DEN MEISTEN KEINE NUSS ZUM
    KNACKEN, SONDERN EINE KAPSEL ZUM EINSTEIGEN UND ALLEINE-SEIN, ZU-SICH-KOMMEN. LÄSST SICH EIN KÖRPERPANZER GENIESSEN? WENN MAN RAUS UND REIN KANN, SCHON. ODER MUSS DER WILLE
    ZUR DAUER-ERSCHLAFFUNG ARRETIERT WERDEN? DURCH KASTRATION? AUCH DIE MASSE IST NICHT
    AN SICH BÖSE. AUCH DIE MACHT NICHT. UND DIE GEFÜHLE IN GUTE UND SCHLECHTE EINZUTEILEN
    BRINGT AUCH NICHTS GUTES. WOHIN DANN DAMIT? – NEULICH TREFFE ICH EINEN, DER TRÄGT
    EIN T-SHIRT MIT DER AUFSCHRIFT „DEUTSCHLAND“ UND BLITZT MICH BÖSE AN, WEIL ER GE-
    MERKT HAT, DASS ICH DAS GELESEN HABE. SEINE FREUDNDIN GUCKT UNS BEIDE BÖSE AN, WEIL
    ER SENDET UND ICH EMPFANGE. DOLL! STARKE GEFÜHLE. UND NUN ZUM ABBAU! RAMMSTEIN
    HAT MAL GESUNGEN: MANCHE FÜHREN, MANCHE FOLGEN! ICH SAGE DAZU: UND MANCHE MÜSSEN
    EBEN EBEN RAMMSTEIN HÖREN.

    DESWEGEN IST MAN DOCH NOCH LANGE KEIN FASCHIST!
    NOCH LANGE? WIE LANGE? UND DANN?

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