Odysseus am Strand

für Bernhard Metz

Odysseus sitzt heulend am Ufer. Hinter ihm, schmal und bedrohlich, ein dunkel sich wölbendes Inneres: die Nymphe, die sich die letzte Ewigkeit gelangweilt hat und ihn für die nächste zum Spielgefährten haben will. Dafür verspricht sie ihm ewige Jugend, ewig unversehrtes Dasein auf der kleinen Insel. Für das, was sie mit ihm vorhat, wird er sie brauchen, die ewige Jugend. So sitzt er da, vor sich das glatte Meer, und sehnt sich zurück in die Endlichkeit des Menschenlebens, nach Penelope und den Schweinen Ithakas. Von seiner Frau hat er kein klares Bild mehr vor Augen. Ob es der Krieg, die Abenteuer der Heimreise oder das zähe Glück in den Armen Calypsos getilgt haben, ist nicht zu sagen. Der Realität würde es nach 20 Jahren sowieso nicht entsprechen. Sie ist eine alte Frau geworden, er ein alter Mann im Grunde, auch wenn manchmal die seltsame Göttin, seine Freundin Athene, in ihm Platz nimmt und ihm den Anschein der Verjüngung gibt. Aber er weiß, was er ist. Er weiß, welche Überspannung Calypsos Unsterblichkeit mit sich bringen würde. Die Hülle bliebe intakt, darunter, aeonenlang, die Schwärze fortschreitender Fäulnis.

Um das verschwommene und unzutreffende Bild seiner Frau herum sah er sie tätig: er spürte gestikulierende Hände, scharfe Befehle, die umtriebige Rede der Diplomatie, auf die sie sich so gut verstand wie er; nein, eigentlich besser. Er sah den Hof, die Wirtschaftsgebäude, die vielleicht renoviert werden mussten; er ermaß die Handelsfahrten im Frühjahr und Herbst, die seine kleine Insel mit ihren Nachbarinnen verband; er erinnerte sich an den den staubigen, von einer hüfthohen Feldsteinmauer umgebenen Friedhof, auf dem die Angehörigen des Hauses begraben waren (Laertes nun auch?); er sah sich essen und trinken und in immer neuen Abwandlungen, die von Penelope mit ironischer Nachsicht, von seinen Zuhörern mit kennerhaftem Behagen aufgenommen wurden, seine Geschichten erzählen. Und er sah seinen Sohn, das heißt, er nahm an, dass er ihn, der nun 20 war, sehen würde.

Sein Entschluss stand fest. Das Leben besteht aus Kompromissen, Butter auf beiden Seiten vom Brot gibt es nicht. Er würde jetzt, nach diesen Jahren, alles versuchen, um Calypso und Ogygia (Namen, in denen das verschlingende Insichkreisen des Lebens erklang, das ihn erwarten würde) zu entkommen und nach Hause zu gelangen.

Was Odysseus nicht wusste: Hätte die Nymphe ihren Willen bekommen, wäre er der Betrogene gewesen. Zweifellos hätte sie ihn mit ewiger Virilität gesegnet. Aber er wäre auf jenem Eiland in seiner für sie tätigen Rastlosigkeit von allen vergessen worden. Unsterblich würde nur der werden, der der Unsterblichkeit abschwor und sich zu Alter und Tod bekannte. Nur der würde, knapp überlebend, von den Phäaken aufgenommen werden, an deren Hof sich der kriegsblinde Krüppel befand, der vorhatte, Dichter zu werden. Nur der würde von der Gemeinschaft der Menschen aufgenommen werden, die verbunden durch Arbeit, Streit, Liebe und Rede, das einzige Gefäß irdischer Unsterblichkeit darstellt. Die Götter wussten es selbst nicht. Es war Athenes List, mit der sie ihren Liebling vor der falschen Unsterblichkeit retten wollte, von der ihr klar war, dass sie selbst sie nicht überleben würde.

3 Kommentare zu „Odysseus am Strand“

  1. Du verwischst die beiden Begriffe der Unsterblichkeit: selbst am Leben bleiben und für immer erinnert werden. Nur das erste darf von rechtswegen unsterblich heißen. Das Zweite ist betrügerische Metapher – ein Denkmal, dem die Tauben auf den Kopf scheißen, „aere perennius“. Aber auch das Erste ist Betrug, nämlich die Langeweile. Langweilt sich Kalypso? Langweilt sich Odysseus? Das wären interessante Fragen.

    1. Was „von rechtswegen“ Unsterblichkeit heißen kann, legen die fest, die darüber schreiben. Wir hatten einmal ein ähnliches Gespräch über den Schluss der ‚Metamorphosen‘ und waren auch da nicht einer Meinung. Auch hier geht es um die tote Unsterblichkeit der Götter und des vergöttlichten Kaisers, die von der lebendigen Unsterblichkeit des Dichters übertroffen wird. VIVAM, „ich werde leben“ ist das letzte Wort des Epos.

  2. Gerade gab es eine Art Minihörspiel, eine fiktive Gerichtsverhandlung: der romantischen Dichter Welzel wollte Revision der Verurteilung zur Unsterblichkeit des Rums erreichen. Die Unsterblichkeit durch Erinnerung wurde wie eine Gefangenschaft dargestellt und das Leid bestand in unendlicher Langeweile. Das ließ mich an den heulenden Odysseus denken. Langeweile also bei beiden Varianten der Unsterblichkeit?
    Hinter „Langeweile“ stecken wohl die Unterschiedslosigkeit und Widerstandslosigkeit, die mit der Abwesenheit von Menschen, Dingen und Zeit einhergeht, die Sehnsucht nach Realität (klar, dass Mensch nicht weiß, worin sie besteht, trotzdem), nach Materialität, nach der Bezogenheit. Sonst würde man nicht heulen.
    Aber ich frage mich, ob diese Gegenüberstellung der drei Weisen, mit Endlichkeit und Alltäglichkeit (den zweierlei Weisen ihr zu entfliehen und der Akzeptanz (oder dreierlei? – es gab ja noch das Meer)) umzugehen, überhaupt so als Alternativen funktionieren.

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