Der Joker

Nachschrift zu ‚Das eigensinnige Kind‘ 

So eindrucksvoll das Psychogramm des aktuellen Films ist, das davon erzählt, wie einer, der immer getreten, verachtet, verlacht und wieder getreten wurde, zum Mörder wird und sich rettet, indem er alle Moral zum Teufel jagt –: auf den zweiten Blick fällt es vielleicht doch ab im Vergleich mit dem Virtuosen der eigenen Beschädigungen, als welcher der Joker im Batman-Film ‚The Dark Knight‘ ein Trauma nach dem anderen ausspielt. Dieser Ironiker der postmodernen Traumatophilie, die auf der Suche nach einer Ursprungserzählung im Raum der unbegrenzten Möglichkeiten von Therapie zur Therapie eilt, wirkt nicht nur dämonischer als die alles in allem bemitleidenswerte Jammergestalt im neuen Film; sie wirkt auch zeitgemäßer.

Mir scheint jedoch, dass sich die Filme und die in ihnen angelegten Figuren eher ergänzen, als dass sie zueinander in Konkurrenz stünden. ‚Joker‘- und ‚Batman‘-Film verhalten sich zueinander wie Tragödie und Komödie. Die tragische Maske von Joaquin Phoenix wird zur lustigen von Heather Ledger.

Schon immer war die Komödie das reflektiertere, im Brechtschen Sinn epischere Medium. Tatsächlich lassen sich viele von Brechts Anweisungen für die Schauspieler, durch welche Techniken das tragische Geschehen zu episieren sei, als Techniken komischer Verfremdung lesen und verstehen. Die Komödie sagt: Es gibt immer einen Ausweg, das Geschehen ist nie alternativlos, weil man sich ‚herausreflektieren‘ und es je und je anders machen kann. Hegel sagt: „so ist es in der Komödie die Subjektivität, welche in ihrer unendlichen Sicherheit die Oberhand behält.“ Der komische Held, der Clown, der Joker des ‚Batman‘-Films: Sie haben aufgehört, Opfer ihres Schicksals zu sein, weil sie sich nicht mehr als Opfer begreifen.

Denn nichts anderes macht der Joker mit seiner eigenen Geschichte. Er macht sie auswechselbar. Damit wird er seinem Namen gerecht – der Joker ist der Passepartout, der in jede Kartenreihe passt, der Generalist, der alles kann und selbst nichts ist, bunte Schminke auf leerem Grund, eine Maske, die verbirgt, dass unter ihr nichts ist, der Todesbote, über den das Leben nicht mehr verfügt. Er ist ein grotesker Überlebender niedergeschlagenen Eigensinns.

Es kann schon sein, dass sich die Geschichte des Jokers so zugetragen hat, wie es jetzt zu sehen ist. Vielleicht erfahren wir aus der Fortsetzung, wie der Traumatisierte endgültig zum bösen Clown wird, der sich vor allem über sich selbst und die Ursprungssehnsucht der psychologisch durchtrainierten Subjekte unserer Zeit lustig macht, die alles verstehen und erklären wollen. Vielleicht wird uns auch ein alternatives Trauma angeboten, ein anderes Narrativ, das das erste neutralisiert. Am Ende steht jedenfalls immer: der Clown als der LUSTIGE ZOMBIE, für den die Vergangenheit kein Ursprung mehr ist, weil er schon einmal gestorben ist und deswegen souverän über sie verfügt.

Wann erreicht die Politik diesen Punkt? Am Ende des aktuellen ‚Joker‘-Films macht die arme Bevölkerung von Gotham City einen Aufstand. Inspiriert durch den tragischen Helden, haben sie sich Clownsmasken aufgesetzt und machen kaputt, was sie kaputt macht. Der Joker hat daran nur wenig Teil. Fast besinnungslos irrt er durch die ihn feiernde Menge. Ich bin gespannt, wann sich die Todesboten von Extinction Rebellion Clownsmasken aufsetzen, weil die Tragödie der technischen Zivilisation nicht mehr anders als in Form destruktiver Komik zu ertragen ist. Es würde mich jedenfalls nicht wundern.


Ich danke Pia Lobodzinski für das Gespräch, das diese Überlegungen ausgelöst hat.


Dieser Text ist zuerst auf der Homepage des Büchner-Verlags erschienen, in dem das Buch über Grimms Märchen vom eigensinnigen Kind herausgekommen ist. https://www.buechner-verlag.de/nachschrift-zu-das-eigensinnige-kind/ Gegenüber dieser ersten Fassung habe ich kleine Veränderungen vorgenommen.

2 Kommentare zu „Der Joker“

  1. Ja schön, dass in Deinem Schreiben jetzt immer öfter „die Komödie“ auftaucht. Das war ja auch mein (eigennütziger) Einwand gegen Dein Tragödienbuch, dass ich das eigentlich nicht brauche, weil Komödie aktuell ist. Aufgemaltes Lachen und „richtiges“. In der Tragödie darfst du sterben, in der Komödie sollst du heiraten.
    „Weil wir aber Endliche sind …“, heißt es bei Brecht.
    Interessant ist auch in diesem Zusammenhang die „Antigone“ von Slavoj Zizek. Es geht mir lange schon durch den Kopf, ob die Heroisierung dieser Figur (Antigone) nicht eine Verkennung der historischen Autorenabsicht – Warnung vor der schrecklichen Frau – ist: Warnung vor der Wiederkehr des/der Besiegten (Matriarchat versus Patriarchat) als „die Kaputte“. Es gibt so eine Stelle bei Aristoteles [???] über die Rückkehr des Für-tot-Eklärten. Also eines Protagonisten wie in Brechts „Trommeln in der Nacht“ …
    Was den „Joker“ betrifft, interessiert er mich vor allem als unzuverlässiger Erzähler. Als Erfinder von Vergangenheiten, weil die „Ursachen“ eh tot (durch das Trauma ausgelöscht) sind. Wobei man ja nicht weiß, ob das Trauma „echt“ oder nur eine gern übernommene Fiktion ist. Es entstammt – möglicherweise gezinkten – Krankenakten. Wo ist der Ursprung vom Hirnriss/Weltriss/Filmriss?
    Ja, schön jedenfalls, Dein Text.
    HB

    1. Dürrenmatt:, „Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden. Alles wird mitgerissen und bleibt in irgendeinem Rechen hängen. Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld: Schuld gibt es nur noch als persönliche Leistung, als religiöse Tat. Uns kommt nur noch die Komödie bei.“

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