Corona 3: Auszeit

Natürlich hat alles zwei Seiten. Während die einen Sonderschichten fahren, bleiben die anderen verordnetermaßen zuhaus. In jedem Fall bekommt das Leben einen anderen Rhythmus. Familien sind im Guten wie Schlechten auf sich zurückgeworfen. Spannungen und Gewalt können ebenso zunehmen wie die glückliche Erfahrung weniger durchgetakteter Tagesabläufe. Wir lernen, man es ohne die Attraktionen des Konsums miteinander aushält. Wer alleine ist, hat überraschend viel Zeit. Womit sie füllen? Mit einem guten Buch oder einer Serie, die ich schon lange mal ohne lästige Unterbrechungen durchschauen wollte? Noch mehr als vorher verlagert sich unsere Kommunikation aufs Internet und die digitalen Kanäle, Nah- und Fernbeziehungen werden neu sortiert. Wir überlegen: was ist wichtig, worauf kommt es an? Klar, Essen Trinken, medizinische Versorgung. Aber wir beginnen uns endlich einmal vorzustellen, was alles nötig ist, um selbst das auf dem Niveau, an das wir uns gewöhnt haben, aufrechtzuerhalten. Wieviele Menschen, Maschinen, Energie, wieviel Arbeit und Arbeitskraft steht hinter einem einzigen Supermarktregal! Wir begreifen, dass unsere Kultur alles Mögliche ist, aber nicht robust. Ein barockes Gefühl: All das, was so festgemauert vor uns steht, bedarf unablässiger menschlicher Arbeit zu seiner Aufrechterhaltung. Aus den sichtbar gewordenen Lücken einer Welt, die wir unwillkürlich für vollautomatisierbar halten, blickt das müde Antlitz aller arbeitenden Menschen. Was, wenn es fortfällt? Dann sinkt alles leise in sich zusammen, wie die Welt in Eichs Termitentraum. Wir bekommen Achtung vor all denen, die immer weiter arbeiten und die auch so noch komplizierte Notgesellschaft in Bewegung halten: den Transport und die Verteilung von Lebensmitteln, die Netze von Strom, Wasser und den Daten, aus denen unsere Welt besteht. Nichts davon ist mehr selbstverständlich. Und das ist erst einmal gut so. Was ist wichtig, was ist überflüssig? Das fragen wir uns jeden Tag. Fast will es scheinen, als gewönnen wir für Momente den Blick zurück, auf den es gattungsgeschichtlich und völlig unabhängig von dieser Epidemie vor allem anderen ankommt: den Blick über den Tellerrand unserer Konsumgesellschaft, die nichts sieht als sie selbst und Anderes sich vorzustellen nicht mehr in der Lage zu sein scheint. Aber ja doch, das geht.

Aber der Preis ist hoch. Auch das stellen wir fest. Wir bewegen uns durch einen täglich dichter werdenden Wald von Notverordnungen. All das wird uns gegen unseren Willen von denen aufgezwungen, die die Vertretung des Gemeinwohls für sich beanspruchen. Die Demokratie wird ausgesetzt. Kultur? Quantité négligeable. Auch das hat zwei Seiten. Wir lernen: es gibt nicht bloß die Freiheit unbegrenzter Bedürfnisbefriedigung, sondern eine zweite, die durch Unterdrückung schmerzhaft sichtbar wird, eine Freiheit der Freiräume, die uns nicht oder nur schwer wegzunehmen sind. Diese Freiräume haben wir vergessen, wir haben sie inmitten der blendenden Warenwelt, die unserer Bedürfnisbefriedigung dient, aus den Blick verloren. Ich will keinem existenzialistischen Begriff der Freiheit das Wort reden, die noch unter der Folter und vielleicht erst recht unter ihr existiert. Freiheit, die nur als innere aufgefasst wird, ist Ideologie und Propaganda all diejenigen, die schon immer an der Abschaffung der wirklicher Freiheit interessiert waren. Daraus abzuleiten, dass die innere Freiheit überhaupt nicht existiert, ist freilich ebenso falsch. Es gibt diesem Vorbehalt, diese Reserve, die gerade unter der Bedrückung fühlbar wird: Freiheit zum Selbst diesseits der Bedürfnisse.

Bleiben wir ruhig, und lassen das Experiment auf uns wirken. Seien wir misstrauisch all denen gegenüber, denen an der Wirtschaft alles, an der Freiheit nichts gelegen ist! Achten wir auf die autoritären Bedürfnisse, denen die Pandemie als Mittel willkommen ist, um durchzugreifen und den Ausnahmezustand zu proben! Seien wir aufmerksam auf die Rhetorik des nackten Lebens, wo sie nicht am Platz ist! Sie könnte ein schlechtes Mittel zu schlechten Zweck sein. Achten wir auf die Witze! Sie war schon immer Gesten innerer Freiheit, die auf die äußere Anspruch erhob und ihre Verweigerung zum Gespött macht. Genießen wir die Schönheit des Moments in dem Bewusstsein, dass er jederzeit zu Ende sein kann! Auch das ist die Freiheit, die uns in der Auszeit zuwächst. Ein wenig Musik, staubiger Dunst über dem Waldrand, die Stimme meines fernen Freundes, ein einsames Auto im allgemeinen Stillstand …

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