Corona 4: [Naphta} Münchener Impressionen vor der Pest

Sebastian Schuller, ehemaliger Student aus München, der gerade seine Diss über »Literatur als Arbeit« abgeschlossen hat, hat am selben Tag wie ich einen Blog zu Corona eröffnet. Wir haben beschlossen, Texte auszutauschen.

Sein Blog findet sich auf der Seite https://decamerone2020.blogspot.com/

Und hier der erste Text:


Am Montag den 16. 3. hatte ich unaufschiebbare Besorgungen in der Stadt in aller Frühe zu erledigen. Mit mulmigem Gefühl und gegen meine Überzeugungen – ich unterstütze #staythefuckhome – ging ich also in aller Frühe los, durch eine Stadt im Frühling und am Rande der Katastrophe.
Dies sind ungeordnete Impressionen dieses Erlebnisses vom Montag, kurz bevor die Pest ausbricht.

Ich ging zuerst in eine kleine Bäckerei in dem kleinbürgerlichen Viertel, in dem ich wohne. Draußen huschen Gestalten in Jack Wolfskin Jacke und Atemmaske vorbei. Innen läuft Bayern 1. Ich bin der einzige Gast. An der Theke steht ein muskulöser, junger Mann und schaut versonnen ins Nichts.
Nach einiger Zeit – ich trinke Kaffee und esse meine Breze- setzt sich der Kerl zu mir, unvermittelt.
„Störts Sie“
„Passt schon“
„Geh, stellns eana vor: Bin I gestern im Stripclub gwen.“
„Ach was.“
„Ja. Und da war I da oanzige. Und dann hat de Stripperin as Danzn aufgheard und se zu mia ghockt. Und mia vo ihre Familie erzählt. Und dass Angst hod. So was is ma a no nia pasiert.“
„Ach was“
„Ja. Und etz gfrei I mi auf de Pressekonferenz vom Söder. Weil hoffentlich kann I dann zusperren. I mog nämlich ned arbeiten. Wissens, eigentlich soid ma etz alle aufhearn zum arbeiten. Streik. Des brauchat ma.“
„Ach was“
„Ja, schon, gell. Na, zammhoitn mias ma. Scheiß Politiker.“

Mein Weg führte mich weiter, Richtung und durch Schwabing. Ein Optiker führte in seinem ausladenden Schaufenster ein Schaufensterpuppe mit Sombrero und Corona-Bier in der Hand. Vermutlich eine gute Strategie, Uni-Hipster anzulocken, vor der Seuche Brillen zu kaufen. Indes: Wer kauft denn vor der Seuche noch Brillen? Und wer ist so geschmacklos, solche ironischen Ausfälle gut zu finden?
Der Laden ist menschenleer.

Die Cafés indes sind es nicht.
Ein munteres Völkchen tummelt sich hier. Nassehi, ein Professor der Uni, nannte diese Menschen einige Tage später Beispiele des autoritären Charakters. Im Wissen, dass die Seuche da ist, dass sie sie verbreiten, dass sie alte und Kranke gefährden, verändern sie ihr Verhalten nicht, denn sie reagieren nur auf Anweisung.Auf  Schließung und Quarantäne.
Einige Tage später lese ich von Coronaparties. Junge Leute, die bewusst feiern gehen, weil sie das Virus ja nicht beträfe, denen jede Maßnahme nur als Einschränkung ihres Genusses erscheint.
Dabei kommt mir das Bild jenes Morgens im Café wieder in den Sinn.
Nur: Was bei den Partygängern in Berlin noch den Ruch einer Transgression hat, ist hier bloße Trotzreaktion. Reiner Todestrieb.
Mir gegenüber hockt eine vierer Gruppe. Mittelalte Leute, so gekleidet, dass es gerade noch schick erscheinen könnte, aber trotzdem stillos bleibt. Mies geschnittene Jacketts vom H&M, Bijoou Brigitte Armband aus Kunstharz, Schuhe zum Schnäppchenpreis bei Zalando.
Kleinbürger durch und durch.
Grinsend trinken sie ihren Kaffee, und scherzen aggressiv über Corona.
Worte fallen, wie man sie erwarten kann. „Chinesische Fledermausseuche“ „Italienier sind ja eh unfähig“ „Wir sind nur hysterisch.“ Aber mit den Deutschen kann man es ja machen.“
Ein Mann beugt sich zu einer rothaarigen Frau herab: „Warst du nicht in Tirol, beim Skifahren?“
„Dann steck mich bloß nicht an! Ich hab Asthma“
Unerklärlicherweise brechen alle in berstendes Lachen aus.
Ist das hier noch Verleugnung der Gefahr? Oder schon Todestrieb?

Mir fällt auf, als ich meine Besorgung erledigt habe, dass es fast nur deutlich erkennbare Kleinbürger sind, Studenten, Unipersonal, kleine Angestellte, die durch die Straßen laufen. Die scherzen und lachen. In den Gesichtern der VerkäuferInnen und der wenigen Arbeiter -Bauarbeiter vor allem- die man in Schwabing sieht, steht Angst und Sorge.

Dieses Gefühl teile ich. Ein letztes Mal für Monate vielleicht treffe ich Freunde. Wir wünschen uns Glück und versprechen, dass wir uns gegenseitig beistehen werden.
Ein beklemmendes Gefühl.
Die Pest ist in München.

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