Corona 7: „Keep your distance!“

Artur Schopenhauer: Die Stachelschweine

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: Keep your distance! (Wahren Sie den Abstand!) – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.“

Es folgt dann noch der typische, sicher auf Schopenhauer selbst bezogene Schluss-Satz, der die Sache verdirbt: „Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“ Naja. Ob das ein Ergebnis großer innerer Wärme ist, oder ob diese nicht umgekehrt behauptet wird, um sich für die Zwangskälte, in die man geraten ist, zu entschädigen? Kein Thema hier.

Zu überlegen wäre, ob die Corona-Parties bei aller trotzigen Unverantwortlichkeit nicht auch durch ein regressives Wärmebedürfnis, einen Herdentrieb ausgelöst werden, die in der Krise akut sind. Wenn sie Angst haben, versammeln sich Menschen. Und eher vielleicht noch diejenigen, deren Stacheln kurz sind. Die, zu deren Selbstbild es gehört, herauszustellen, wie individuell sie seien, sind es vielleicht gar nicht so sehr. Sie sind auf die Herde angewiesen, die es ihnen permanent bestätigt, oft, in hoher Frequenz. So ist das bei Jugendlichen, die ein Recht darauf haben, auch wenn das, was sie tun, falsch ist. Die Erwachsenen, die an ihm festhalten und sich in ängstlichem Trotz, gespielter Sorglosigkeit und aggressiver Coolness zusammenscharen, haben es nicht.

für den Hinweis auf die Parabel:
Danke an Bernhard Metz

Ein Gedanke zu „Corona 7: „Keep your distance!““

  1. In der kommunikativen Umgebung dieser Tage wachsen die Stacheln unserer Mit-Stachelschweine in erstaunlichem Tempo. Daß im Supermarkt eine Plexiglasscheibe eingebaut wurde, um die Kassiererin vor den Ausdünstungen der an ihr vorbeischleichenden Kunden zu schützen, und daß in die Bäckerei nur noch zwei Kunden gleichzeitig herein gelassen werden, die anderen in lockerer Reihe auf der Straße warten, ist nachvollziehbar. Auf dem Markt aber wird es absurd, wenn die Leute, um möglichst zwei Meter Abstand von dem Stand, an dem sie etwas kaufen wollen, und von den anderen Kaufinteressenten, die am selben Stand etwas kaufen wollen, zu halten, großräumig sich erstreckende lockere Aufstellungen bilden, die bei den räumlichen Gegebenheiten unvermeidlich in die unmittelbare Nähe anderer Stände und weiterer solcher, auf andere Stände bezogener Aufstellungen geraten. Wer nicht in alle Richtungen einen Umkreis von zwei Metern frei von Mit-Stachelschweinen weiß, fühlt sich bedroht, bedrängt und wird leicht böse.
    Auch der zunehmend laut werdende Wunsch, möglichst allen anderen den Zugang zum öffentlichen Raum zu verbieten, geht über verständliche Sicherheitsvorkehrungen längst hinaus und wird wohl zu einem nicht unerheblichen Maß von Aggressionen gespeist. Die Leute sind sauer, weil ihnen der Frühling genommen wird, und verlangen nach Gewalt gegen alle, die sich noch an die Sonne wagen.

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