Corona 9: Parallelwelten

Krisen sind Beschleunigungmaschinen. Sie setzen mit explosionsartiger Geschwindigkeit Parallelwelten frei. Man sollte die erst einmal nebeneinander stehen lassen. Es ist richtig, dass der Ausnahmezustand, der sich mehr und mehr anbahnt, dazu genutzt werden könnte, Szenarien für ernstere Ernstfälle durchzuspielen und den Abbau demokratischer Rechte zu erproben. Aber handelt es sich deswegen um eine Verschwörung, einen Plan von wem auch immer? Ganz offenbar ist das System gerade Subjekt geworden und steuert das Handeln der Menschen, dirigiert ihren Affekt- und Vernunfthaushalt. Und da treten kollektive Selbstzerstörungsbedürfnisse ebenso zutage wie robuste Strukturen, die wir fast schon vergessen hatten und die dem widerstehen. Von beidem bleibt niemand verschont, alles geht durch uns durch. Einerseits Abbau demokratischer Rechte im Namen einer Epidemie, deren Verlauf schwer abzuschätzen ist. Andererseits Verzicht auf vielleicht liebgewordene, aber rotzüberflüssige Konsumgewohnheiten und ein Sozialverhalten, das auf den Müllberg der Geschichte gehört. Hamsterkäufe und Kampf um den Platz bei dm; zugleich neue Formen selbstorganisierter Fernsten- und Nächstenliebe, die nun ausprobiert werden und von denen man hofft, dass sie sich auch in der Zeit nach der Krise, vor der nächsten, bewähren. Es hat diese zwei Seiten, mindestens. Der Klimawandel ist gerade vom Tisch. Diese quälend langwierige Gattungskatastrophe, in der wir uns bewegen, ist für den Moment aus dem Gesichtskreis der Öffentlichkeit verschwunden und hat der fasslicheren und insgesamt handhabbar erscheinenden Epidemie Platz gemacht, angesichts derer die Politiker demonstrieren können, dass sie, after all, doch zu was nutze sind. Wie praktisch! Andererseits bietet genau das auch eine Chance, das so dringend notwendige Gattungsbewusstsein zu erlernen. Wo überschneiden sich individueller Körper und Gesellschaft breiter und wirksamer als während einer Epidemie? Biopolitik ist nicht nur eine Verfügung von oben, sie kann auch von unten kommen. Einerseits werden wir Zeugen einer egoistischen und zugleich selbstzerstörerischen Unvernunft, die als nackter Wesenskern der gegenwärtigen Gesellschaftsform vor Augen tritt. Andererseits tun so viele Menschen genau das Gegenteil. Manchmal denke ich, dass nun der brutale Klassencharakter genau dieser Gesellschaft heraus getrieben wird – vieles wird auf dem Rücken der einkommensschwachen Bevölkerungsteile ausgetragen, die die für selbstverständlich gehaltene Grundversorgung aufrechterhalten. Dann aber sehe ich sie in ihren Kleingärten sitzen wie eh und je, und denke: nein, gerade sie können auf solidere Lebensverhältnisse zurückgreifen als so manche, die in gut bezahlten Homeoffice allmählich den Lagerkoller kriegen. Vor oder hinter die Klassenverhältnisse schiebt sich das Verhältnis von Stadt und Land, Ost und West, Nord und Süd. Sie alle verlangen nach neuer Bewertung. Ist das, worüber man sich als Untertanengeist der Deutschen gerne lustig machte, jetzt nicht vielleicht das Richtige, das eine landesweite Ausgangssperre verhindern könnte? Vernunft und Widersinn, praktische Klugheit und blinder Irrationalismus liegen dicht beieinander und sind nicht voneinander zu unterscheiden. Kultur fällt gerade aus. Heißt das, dass sie insgesamt in schweren Zeiten entbehrlich ist oder lehrt es uns, etwas an ihr zu schätzen, das uns aufrechterhält auch und gerade dann, wenn es ums Leben geht? Balkonsingen, Hausmusik? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, aber es scheint mir wichtig, sie zu stellen. Krisen sind Beschleunigungsmaschinen, die uns als souveräne Subjekte entmächtigen. Aus dem heißen, rasend rotierenden Zentrum fliegen Brocken heraus: neue Formen der Kollektivität, böse und gute; Möglichkeiten jedenfalls, die uns versperrt schienen. Für sie den Sinn zu schärfen, ist im Moment die wichtigste Aufgabe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s