Corona 10: Notizen aus München, März 2020

von Jenny Willner

Vor knapp zwei Wochen
Damals betrat ich noch öffentliche Verkehrsmittel

In der S-Bahn erklärt ein junger uniformierter Bundeswehrsoldat mit kindlichem Gesicht seiner Freundin, dass diese ganze Panikmache auf Lügen beruhe. Wie mir erst später klar werden sollte, fasst er die Behauptungen des verschwörungstheoretischen Lungenarztes Dr. Wolfgang Wodarg zusammen. Er lächelt überlegen, während er sich kopfschüttelnd auf „die Politik“ und deren wahre Interessen bezieht.


Vor drei Tagen
In der ersten Woche mit home schooling und home office

Um 6:30 früh stellen wir fest, dass das Abflussventil des Küchenspülbeckens während der Nacht bei laufender Spülmaschine abgebrochen ist. Dreckswasser überall, der Futterplatz der Katzen ist auch betroffen und sie haben ihre Verwirrung oder Verzweiflung darüber gegen eine größere Zimmerpflanze im Nebenraum ausagiert: den Keramiktopf umgekippt, die Wurzeln zerrissen und die gesamte Erde rausgebuddelt und meterweit verteilt. In der überschwemmten Küche rempeln sich die beiden Erwachsenen gegenseitig bei ihren Schadensminimierungsbemühungen an, der Tonfall wird immer gereizter. Das Kind beschimpft die Katzen und verlangt lauthals, man möge sich noch vor dem ersten Kaffee um die „arme Pflanze“ kümmern. Um das Wasser vom Küchenboden aufzusaugen, brauchen wir mehr Zeitungen, wir müssen sie aus der Papiermülltonne draußen holen. Im Nachbarhaus befindet sich ein Vertriebenenverband. Um 6:30 ist der Küchenboden von einer Mischung aus Abwasser und Sudetendeutscher Zeitung bedeckt.


Am gleichen Tag gegen Mittag
Damals verbrachten wir noch Zeit mit den Nachbarn nebenan

Unser Kind, das Nachbarskind und ich gehen ans Flussufer. Zehn Meter Abstand zu anderen Kleinstgruppen. Keine Corona-Parties. Dafür geht eine ältere obdachlose Frau ca. drei Meter von uns entfernt ans Wasser. Sie ist verwahrlost, riecht über mehrere Meter scharf nach Urin. Die Sonne scheint, die beiden Kinder haben eine tote Krähe gefunden und betrauert, jetzt klettern sie auf einem Baum. Die Frau steht mit dem Rücken zu mir und zieht sich nach und nach die wärmeren Kleidungsstücke aus. Die Schuhe, die Winterhose, den Mantel. Ich denke an die Lage der Obdachlosenunterkünfte, an die eingeschränkten Möglichkeiten, an sanitäre Anlagen heranzukommen. Sie kauert am Fluss, die Haarspitzen berühren das Wasser, sie wäscht ihr Gesicht. Danach fängt sie an, sich mit Kot zu beschmieren, holt sich immer wieder eine Handvoll aus der Hose, bewundert die Masse, hält ganze Klumpen hoch, schmiert ihr Gesicht damit ein, mischt es ins Flusswasser, taucht die Hände in die Mischung ein, das Gesicht, die Haare, schaut in die Sonne, aufs glitzernde Wasser. Sie ist ganz bei sich, lebt irgendeine abgründige Wonne aus. Den Geruch vergesse ich später schnell, der Schock legt sich, aber das Bild werde ich nicht los.


Am Nachmittag des gleichen Tages

Wir kehren vom Ausflug zurück, es gibt gute Nachrichten: Der Klempner ist da. Er hat das kaputte Abflussrohr in der Küche ersetzt und kümmert sich auch noch um einen tropfenden Hahn im Badezimmer. Er wirkt unglaublich sympathisch, wir sind ihm so dankbar und plaudern eine Weile. Gleich vorm Abschied verrät er uns aber seine Theorie über die Corona-Krise: Hier werde alles lahmgelegt, nur damit „die Politiker“ jetzt heimlich, bei leeren Flughäfen „ganze Rosinenbomber voller Asylanten, so richtig von der schlimmsten Sorte“, hierher verfrachten können. Davon wüsste die Bekannte einer Bekannten zu berichten, die am Flughafen arbeitet.


Am Abend des gleichen Tages

Es kursieren Videoaufnahmen aus Bergamo. Die Krematorien dort sind überfüllt, ein Konvoi von rund 30 Militärfahrzeugen fährt spät abends durch das Stadtzentrum, Totentransporte. Innerhalb von gut zwei Wochen sei hier eine ganze Generation gestorben, wird später der Präsident des größten Bestattungsunternehmens der Region zitiert. Scrolle durch mein Newsfeed. Jemand hat ein Video gepostet, von Anthony Hopkins aus seiner Selbstisolation hochgeladen. Er spielt seiner Katze eine Moll-Sonate auf dem Klavier vor, ganz langsam, gestisch, wie im Takt des Atems. Ich wusste nicht, dass er schon so alt ist. Das Lächeln, das er der Katze auf seinem Schoß schenkt, wenn sie zu ihm schaut.


Heute, der 21. März 2020

Um Mitternacht traten die Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Ich räume den Balkon auf. Ob da wohl das Kinderzelt hinpassen würde. Polizeiwagen fahren mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen. Es regnet.

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